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Wie kommt Wien ins Blut?: Ein Neuseeländer studiert Musik in Österreich
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eBook128 Seiten1 Stunde

Wie kommt Wien ins Blut?: Ein Neuseeländer studiert Musik in Österreich

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Über dieses E-Book

Wie kommt Wien ins Blut? ist eine persönliche Sammlung von Anekdoten, Beschreibungen und Informationen, notiert von einem jungen Pianisten aus Neuseeland, der sieben Jahre in Wien lebte.

Marcus McLaren schildert Wien als Stadt von Musik und Tanz und beschreibt die Wohnverhältnisse der 1990er Jahre. Er dokumentiert seine Konzerte mit dem Wiener Kammerorchester, sein Solospiel auf historischen Instrumenten und seine Zeit als Hauspianist in einem Kurort. Erläutert werden seine Studien, interessante Bekanntschaften und Ausflüge in die Umgebung.

Ein Bericht geschrieben für Liebhaber von Österreich, klassischer Musik und Biographien.

130 Seiten, farbig illustriert.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum17. Mai 2016
ISBN9783734528125
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    Buchvorschau

    Wie kommt Wien ins Blut? - Marcus McLaren

    Das Musikleben Wiens

    Wien hat zur Zeit meines Aufenthalts eine Gesamtbevölkerung von 1,5 Millionen Bürgern; viele von ihnen sind begeisterte Fans klassischer Musik. Die Stadt, die nicht nur von Yehudi Menuhin als »Musikhauptstadt der Welt« hoch gelobt wurde, ist außerordentlich musikinteressiert. Daher dürfte es niemanden überraschen, dass die Musikhochschule eine der größten ihrer Art in Europa ist.

    Der Musikliebhaber, der das Glück hat, sich in dieser eleganten Stadt zu befinden, hat es schwer, aus dem umfangreichen Konzertangebot eine Veranstaltung auszuwählen. Nehmen wir zum Beispiel die Zahl der Orchester, die in Wien ihren Sitz haben: Im Veranstaltungsprogramm für den Monat Oktober eines Jahres werden Konzerte von nicht weniger als 30 Wiener Orchestern aufgelistet, von denen einige sogar jeden Tag im Monat spielen. Ein Stadtführer führt sage und schreibe 47 klassische Orchester der Hauptstadt auf, neben etlichen kleineren Kapellen und Ensembles. Diese schließen aber andere österreichische und internationale Orchester nicht ein, die hier auf Gasttournee spielen. Wie wählt man also überhaupt etwas aus? Welches Kriterium legt der Konzertbesucher fest?

    Das hängt vom persönlichen Geschmack und der Kartenverfügbarkeit ab. Will man einfach die besten Musiker hören, ist es empfehlenswert, die Wiener Philharmoniker zu erleben, zweifellos eines der besten Orchester der Welt. Viele weltberühmte Dirigenten, darunter Otto Klemperer, haben dieses Orchester über alle anderen gelobt. Der bedeutende Dirigent Wilhelm Furtwängler hat es einmal relativiert: »Das beste Orchester der Welt sind die Berliner Philharmoniker, das schönste die Wiener Philharmoniker«.¹ Ich bin der Meinung, ihr edler Ton stammt sowohl aus der Wiener Tradition der Spieltechnik als auch aus der Tatsache, dass alle Streichinstrumente vom selben Hersteller verarbeitet werden. Der Gesamtklang ist wunderschön homogen.

    So wunderbar es sein mag, das Orchester ist wegen seiner Geschäftsbedingung, nur männliche Mitglieder aufzunehmen, schon oft ins moralische Kreuzfeuer geraten. Als Antwort auf diese Kritik wäre es sinnvoll, diesen Klangkörper unter die Lupe zu nehmen. Seit der Gründung 1842 verwaltet er sich selbst. Er wählt seine Musiker, unter Verzicht auf das Engagement von Musikerinnen, aus dem größeren Orchester der Wiener Staatsoper, das nur im Opernhaus spielt und auch weibliche Mitglieder hat. Obwohl von zeitgenössischen Moralisten im Zwielicht betrachtet, beweist sich diese Gesellschaft als ein hochgeschätzter »Bruderbund«, ethisch auch nicht anders als andere Männerund Frauenvereine. Es gibt sogar das »Erste Österreichische Frauenorchester«, das sich mit Stolz behauptet. Um es auf den Punkt zu bringen, als privater Verein können sie selbst die Entscheidung treffen, welche Mitglieder sie aufnehmen. Unter dem Druck politischer und besonders feministischer Gruppen aus den USA, entschlossen sich die Wiener Philharmoniker dennoch endlich, Bewerbungen von Frauen zu berücksichtigen, um ihren internationalen Ruf als bestes Orchester Österreichs nicht zu gefährden. Die Harfenistin Anna Lelkes, die im Opernhaus und zeitweise als Gast im Konzert spielt, wurde 1997 als festes Mitglied ins Orchester aufgenommen. Eine feinsinnige Flötistin behauptete mir gegenüber einmal, sie höre tatsächlich den Mangel an Frauen im Orchester. Ich antwortete darauf, ich rieche ihn.

    Wer nicht gerade ins Ensemble berufen wird, kann wenigstens seine Früchte genießen. Es ist jedoch keine Leichtigkeit, zu einer Eintrittskarte für ein Live-Erlebnis zu gelangen. Nur eine Handvoll Konzerte werden im Jahr veranstaltet, da die Musiker in erster Linie als Wiener Staatsopernorchester fast jeden Abend der Saison von September bis Juni tätig sind, und dazu kommen Tourneen.² Die Konzerte werden aus diesem Grund meist auf Samstag nachmittags oder Sonntag vormittags festgelegt. Ein Abonnement für alle zehn Konzerte, die ausnahmslos ausgebucht sind, ist ein viel gesuchter Luxus – nicht wegen des Preises, der recht akzeptabel ist, sondern wegen der Warteliste von 20 Jahren. Realistisch gesehen ist die beste Methode, ein solches Konzert zu besuchen, ein Sonderabonnement für die Generalproben zu beantragen, auf eine zurückgegebene Restkarte zu hoffen, oder ein Anrecht zum Stehplatz zu erwerben. Letzteres, bei Jung und Alt beliebt, beansprucht einen ziemlich unkonventionellen Prozess.

    Zuerst muss man eine Zählkarte an einem bestimmten Samstag des Jahres ziehen und am folgenden Morgen um sechs Uhr persönlich erscheinen. Dann wartet man in der Schlange bis die Kasse (oder Kassa, wie die Österreicher sagen) um neun Uhr geöffnet wird und, wenn die Zählnummer kleiner ist als die insgesamt 500 vorhandenen Tickets, kauft man ein Abonnement. Die Stehplätze im hinteren Teil des Goldenen Saals im Musikvereinsgebäude sind unwahrscheinlich günstig – billiger als ein Kinobesuch. Ironischerweise steht im Foyer auf einem Schild: »Die Wiener Philharmoniker nehmen Abstand von jeglicher Art von Wartelisten für den Erwerb von Eintrittskarten«. Offiziell wird das Schlangestehen nämlich von einem Interessenverband koordiniert.

    Das Musikvereinsgebäude ist ein hervorragender Ort für Musikaufführungen. Während sich der Brahmssaal für Kammermusik und Recitals eignet, ist der Große Saal ideal für symphonische Konzerte und Choraufführungen und besitzt zudem eine ausgezeichnete Orgel. Die Akustik ist weltberühmt und die optische Präsentation ein Augenschmaus. Der Hauptsaal bietet 1742 Besuchern Platz, er ist mit klassizistischen rosa Marmorsäulen und vergoldeten ionischen Kapitellen und Karyatiden geschmückt. Die Sitze und Balkons sind mit rotem Samt bespannt, dazu kommen verzierte goldene Adler und Lyren, Statuen aus weißem Marmor, Deckenfresken, Fensterarkaden und kunstvolle Kandelaber. Die Kombination von klanglichem Ambiente, visueller Pracht und musikalischer Auszeichnung, die praktisch jeden Tag zu erleben ist, sucht in allen Erdteilen ihresgleichen.

    Der großzügige Stehbereich bietet maximal 250 Personen Platz. Weil der Boden gerade ist, sollte man aber frühzeitig kommen, um sich die Sicht bis auf die Bühne zu sichern. Aus diesem Grund wird die erste Reihe meist von kleinen Besuchern eingenommen, wo sie sich auch an ein Geländer anlehnen dürfen. Andere beliebte Plätze sind an der hinteren Wand, gegen die man sich im Stehen oder Sitzen, ohne etwas sehen zu können, lehnen kann, und die Seitenflügel, die kühler sind und oft mehr Platz anbieten zum Ausstrecken, was einige junge Leute auf dem Boden tun. Ältere dagegen benutzen einen Mini-Klappstuhl, den sie hineinschmuggeln. Auf einem solchen Stuhl zu sitzen – wie auch auf dem Boden – ist strengstens verboten. Ein Sprichwort, das mein Professor einmal zitierte, erklärt, warum es trotzdem gemacht wird: »In England ist verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt ist. In Deutschland ist erlaubt, was nicht verboten ist. Aber in Österreich ist erlaubt, was verboten ist.« Manch ein Wagehals wartet vor dem Konzert am hinteren Eingang zum Parterre. Dann, in letzter Minute, bevor die Musik beginnt, springt er, gutes Benehmen beiseite lassend, auf einen freien Sitzplatz. Die übrigen Zuschauer stehen eng beieinander und die Hitze nimmt zu.

    Viele Jahrzehnte lang hatte das historische Musikvereinsgebäude keine effektive Klimaanlage. Der Saal wurde oft so unerträglich heiß und stickig, dass es immer wieder vorkam, dass Zuhörer während des Konzertes in Ohnmacht fielen, entweder schon auf dem Stehplatz oder beim Versuch, noch lebend die Tür zu erreichen. Uniformierte Mitarbeiter des Roten Kreuzes standen stets dienstbereit, um Bewusstlose wegzutragen. Die Verwaltung bewilligte schließlich die Kosten für die Installation einer Belüftungsmaschine, die aber leider wenig Einfluss auf die Temperatur hatte. Klimaanlagen sind in Österreich eine Seltenheit. Im Sommer wären sie sicher hilfreich, aber öffentliche Gebäude, die in dieser Zeit wenig benutzt werden, (wie Konzertsäle oder Theater, die gewöhnlich für zwei oder drei Monate schließen,) werden diesbezüglich nicht modernisiert.

    In diesem Saal machte ich einmal, während Alfred Brendels meisterhafter Darbietung von Beethovens Klaviersonaten, eine seltsame Beobachtung. Die

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