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Orientierung in der postmodernen offenen Gesellschaft: Ein kritischer Beitrag zur Wertediskussion aus biblischer Sicht
Orientierung in der postmodernen offenen Gesellschaft: Ein kritischer Beitrag zur Wertediskussion aus biblischer Sicht
Orientierung in der postmodernen offenen Gesellschaft: Ein kritischer Beitrag zur Wertediskussion aus biblischer Sicht
eBook640 Seiten7 Stunden

Orientierung in der postmodernen offenen Gesellschaft: Ein kritischer Beitrag zur Wertediskussion aus biblischer Sicht

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Über dieses E-Book

Themen, die uns umtreiben können: Existenzangst, Fragen zu Sexualität und Familie, Zunahme der Brutalität und Kälte unter den Menschen, Macht des Zeitgeistes, Macht der Evolutionslehre, Selbstbestimmung und Autorität der Bibel, Einsamkeit, die Integrationspolitik, die Religionen (besonders Islam, Judentum, Esoterik), die Macht der Lüge ("Fake News"), Glaubwürdigkeit, Sinn des Lebens etc. Der Autor greift diese und andere brisante Themen unserer Zeit auf, indem er die biblischen Prophetien ernst nimmt und damit selbstkritisch und konsequent der offenen Gesellschaft einen Spiegel vorhält.
Er erkannte, dass der Werteverfall in der Gesellschaft wesentlich bedingt ist durch ein Missverhältnis zwischen der ungebrochenen Aktualität der biblischen Botschaft und einer erschreckenden Unkenntnis großer Teile der Bevölkerung in Fragen eines lebendigen christlichen Glaubens.
Die Ergebnisse seiner jahrelangen Recherchen sind überzeugend und verblüffend aktuell. Sie führen den Leser aus der Unsicherheit der Orientierungslosigkeit und Identitätsfindung heraus, mit stabilisierenden Auswirkungen auf Staat und Gesellschaft.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum30. Juli 2018
ISBN9783746946962
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    Buchvorschau

    Orientierung in der postmodernen offenen Gesellschaft - Manfred Boigs

    1  Zur Problematik der Orientierung

    In der offenen pluralistischen Gesellschaft des westlichen Kulturraums haben wir eine Fülle von guten, freien Entfaltungsmöglichkeiten. Wir haben es zugleich aber auch mit einer ständig expandierenden, schier unüberschaubaren Fülle von Wissen, Meinungen und Gegenmeinungen zu tun, die es uns schwer machen, auf zukunftsentscheidende Fragen eine für uns persönlich befriedigende, tragfähige, auf Wahrheit gegründete Antwort herauszufiltern.

    Wir sprechen von der Last unserer „multioptionalen Gesellschaft", in der uns Alles möglich ist, aber auch Alles infrage steht einschließlich der Kirche, der Bibel und des Glaubens. Ein tiefes Gefühl der Unzulänglichkeit und Unsicherheit kann uns da beschleichen bis hin zu Schuldgefühlen, wenn wir den uns begegnenden Erwartungen oder, noch bedrückender, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden, wenn wir mit den Anderen nicht Schritt halten können oder ganz einfach mit unserer Zeit nichts anzufangen wissen. Wir stehen auch immer wieder vor schwerwiegenden, quälenden Fragen, wenn wir uns den Zustand der Welt mit all dem Bösen (z. B. den brutalen Kriegen, dem entsetzlichen Holocaust, der Not der Flüchtlingsströme weltweit, den teils massiven Christenverfolgungen und der Armut) und die komplexen sozialen Probleme im eigenen Land anschauen. Das gilt auch für das Versagen in unserem persönlichen Leben, einschließlich schicksalhafter gesundheitlicher Attacken.

    All das kann uns Angst machen und uns mit den Grenzen des Menschenmöglichen konfrontieren. Es kann uns – bei aller uns gewährten Freiheit – innerlich höchst unfrei, einsam und ratlos machen oder gar lähmen, wenn es um die Erkenntnis und Entfaltung unserer ganz persönlichen Gaben geht.

    Und der Frage nach dem Sinn des Ganzen, dem Sinn des Lebens entgeht wohl keiner. Wir brauchen verlässliche Maßstäbe, an denen wir uns persönlich, privat und auch in der Gesellschaft, orientieren können, und Werte, die uns den nötigen inneren Halt geben, mit denen sich jeder auch aus tiefem Herzen identifizieren kann und die unser Zusammenleben angenehm machen. Die Erfahrung zeigt, dass allgemein die Menschen ihr Leben auf „Wahrheit gründen wollen, und wir wollen „frei sein. Unser Handeln, unser Reden und die Informationen, mit denen wir konfrontiert werden, sollen „glaubwürdig" sein; das erwarten wir auch von Anderen.

    Die entscheidenden Fragen aber sind z. B.: Wie erkenne ich die Wahrheit? Wie unterscheide ich sie von Vorurteilen und Täuschung? Was ist die Wahrheit? Welche Chancen und welche Gefahren birgt meine Freiheit? Woran messe ich die Glaubwürdigkeit eines Menschen? Diese drei „Grundwerte eines ethisch gesunden Lebens, Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Freiheit, sollen uns im vorliegenden Buch auch als Leitbegriffe für eine Wertediskussion aus biblischer Sicht dienen. Wir nehmen die Bibel als Gegenstand und Maßstab für diese Diskussion, weil es, wie wir sehen werden, keinen effektiveren Lebensbegleiter geben kann als die Bibel, aber auch weil wir im christlichen Kulturraum leben und der christliche Glaube uns am nächsten ist. Kein Geringerer als Jesus selber, der „Sohn Gottes, betet zum Vater: „Dein Wort ist die Wahrheit." (Joh 17,17)

    Die ganze Tragweite der Begriffe „Wahrheit und „Freiheit wird nach ihrem eigenen Anspruch und auch nach meiner persönlichen Erkenntnis unter allen existierenden Büchern am tiefsinnigsten und glaubwürdigsten in der Bibel entfaltet. Sie sind dort Kernbegriffe der Gottes- und der Selbsterkenntnis. Unsere Orientierungslosigkeit kommt meines Erachtens wesentlich dadurch zustande, dass wir zu wenig von dem Wert der Bibel und einem angemessenen und unbefangenen Umgang mit ihr wissen und sie bei zu vielen Menschen im Leben gar nicht (mehr) vorkommt. Wir wissen einfach nicht (mehr), welchen Schatz wir an ihr haben. Deshalb brauchen wir unbedingt eine kritische, breit angelegte Wertediskussion aus biblischer Sicht. Damit würden wir wohl auch Martin Luther, dem großen Bibelübersetzer, dessen Verdienste um die Reformierung (Erneuerung) der Kirche wir 2017 im fünfhundertsten Jahr gewürdigt haben, am ehesten gerecht werden. Die Arbeit der Kirche und auch alle Kritik an ihr – beides muss sich an der Bibel messen lassen.

    1.1  Orientierungslosigkeit

    1.1.1  Ein typisches Beispiel

    Welche Odyssee sinnsuchende Menschen durchleben, die in der Orientierungslosigkeit unserer Zeit keinen festen Grund in sich finden, lässt sich mit dem typischen Beispiel eines jungen Mannes veranschaulichen, dessen Geschichte der Wahrheitssuche 2009 in einer kirchlichen Wochenzeitung¹ zu lesen war. Die einzelnen Stationen bzw. Impulse aus einem Teil seines Lebensweges seien hier kurz skizziert:

    •  Nach dem Tod seines Vaters 1970 tritt er, 20jährig, aus der Kirche aus, weil er verärgert darüber ist, dass seine Mutter, die regelmäßig ihre Kirchensteuern gezahlt hat, für das Orgelspiel zur Beerdigung ihres Mannes bezahlen soll.

    •  „Informationen über das Verhalten der meisten evangelischen Christen während des Dritten Reiches, das weit verbreitete Mitläufertum und die Untätigkeit der großen Kirchen bei der Verhinderung der Judenverfolgung hatten ihn schon vorher zutiefst enttäuscht („Kirche war für mich gestorben).

    •  Er sucht und findet Antworten auf seine Fragen in den Büchern von Marx und Lenin.

    •  „Altnazis in der Regierung, Vietnam-Krieg und US-Imperialismus treiben ihn in das „Wahngebäude der „Roten Zellen".

    •  Seine Ausbildung zum Krankenpfleger und die Arbeit in einem psychiatrischen Krankenhaus lehren ihn „neu sehen".

    •  Die Romantrilogie von Manes´ Sperber offenbart ihm den „Verrat der kommunistischen Partei an einer großen Idee, und er beschließt: „Es gibt keine Wahrheit!

    •  Fortan zählen für ihn nur noch das tägliche Leben, Familie, Freunde und die Arbeit; „Respekt vor dem Leben".

    •  Mitte der 90er Jahre gilt sein Interesse der Sterbebegleitung. Der Kontakt mit einem buddhistischen Hospiz weckt sein Interesse am Buddhismus, und zwar an der Richtung des Amidismus, der von manchen Anhängern mit dem christlichen Protestantismus verglichen wird.

    •  Mitte 2007 lässt er sich von Vorträgen des Dalai Lama ² beeindrucken.

    •  Am Tag vor Heiligabend 2007 – inzwischen war sein Freund, Kollege und „buddhistischer" Mentor verstorben – sitzt er im Schleswiger Dom und ist zusammen mit seiner Freundin von der Predigt des Bischofs ergriffen. Die Predigt handelt, in Anlehnung an einen Text des Propheten Jesaja, von Unübersichtlichkeit, Dunkelheit, Klage und Hoffnung.

    •  Wenige Wochen später tritt er wieder in die Kirche ein.

    So weit die Daten zur Odyssee des Sinnsuchers.

    Diese knappe Darstellung spricht für sich. Das Beispiel mag für viele Menschen stehen, deren Leben kein festes Fundament hat und die ohne Orientierungshilfen in der Freiheit einer offenen Gesellschaft sich recht verloren vorkommen.

    Das Beispiel zeigt das ganze Dilemma der psychisch-mentalen Unsicherheit, wie sie heute immer wieder bei jungen Menschen anzutreffen ist. Sie wollen ehrlich durchs Leben gehen, sich engagieren und erwarten Gerechtigkeit, Glaubwürdigkeit und Verlässlichkeit. Sie nutzen ihre Freiheit und wandern von einem Lebensentwurf, Heilsangebot oder „Event" (z. B. Rockkonzert, Fußballspiel, Starauftritt) zum andern, um die Verwirklichung ihrer Idealvorstellungen zu erleben, kommen aber nicht zur Ruhe, sind am Ende vielleicht sogar enttäuscht, weil sie die Oberflächlichkeit in dem Rauschzustand der Spaßgesellschaft, der ihnen nicht reicht, erkennen.

    Das Beispiel lässt aber auch in signifikanter Weise erahnen, in welcher prekären Situation sich die traditionellen Kirchen befinden: Sie sind weitgehend erstarrt in Establishment, Amtshandlungen, Strukturfragen, Verwaltung und den sozialen (diakonischen) Aktivitäten, die in einem Sozialstaat gar nicht mehr als spezifisch christlich erkannt werden, weil ja staatliche Institutionen – zumindest in der Außenwirkung – das Gleiche tun. Viele Menschen werden in ihren Tiefenschichten von der Kirche nicht erreicht, sonst würde ein Mensch nicht gleich seine Kirchenzugehörigkeit wegen eines vermeintlich nicht gerechtfertigten Honorars für eine Orgelbegleitung aufkündigen, wie an dem geschilderten oder ähnlichen Fällen ersichtlich ist. Immer mehr Menschen haben keine innere Beziehung mehr zu Gott und noch weniger zu Jesus Christus, sie bleiben aber in der Kirche und zahlen brav ihre Kirchensteuern weiter, weil sie die guten Werke der Kirche schätzen oder aus der pragmatischen Erkenntnis heraus, dass die Gesellschaft eine moralische Instanz wie die Kirche braucht, vielleicht auch aus Gewohnheit. Jesus Christus will aber in seiner Liebe den ganzen Menschen ansprechen mit Körper, Geist und Seele.

    1.1.2  Hintergründe

    Die Wertmaßstäbe unseres Handelns haben sich im Laufe der letzten Generationen (besonders seit den Studentenunruhen von 1968 und den folgenden Jahren) weitgehend, teilweise total verschoben, weg von vorgegebenen für Alle gültigen festen sozialen Strukturen und Normen hin zur offenen Gesellschaft. Die Formen, in denen sich heute das Leben entfaltet, müssen von jedem Einzelnen selbst gefunden werden. In gängigen Sätzen wie: „Ein jeder muss sich selbst erfinden, „Jeder ist seines Glückes Schmied, „Tue Recht und scheue niemand, „Glaube ist Privatsache oder – in der Abtreibungsfrage – „Mein Leib gehört mir" kommt das subjektive Werteverständnis des postmodernen selbstbestimmten Menschen treffend zum Ausdruck.

    Besonders problematisch wird es, wenn Menschen, die auf ihrer Sinnsuche kapitulieren oder selbst kein ausgeprägtes Wertebewusstsein vermittelt bekommen haben, ihre Kinder erziehen sollen, wenn sie denn welche haben. Es darf uns dann nicht wundern, wenn gerade die nachwachsende Generation angesichts des Wohlstands und der vielen verlockenden Möglichkeiten, die das Leben ihr heute bietet, sich eine materialistische Haltung zueigen macht, die sehr vordergründig ist; da sind dann die Hemmschwellen gegenüber Gewalt und den Exzessen der Spaßgesellschaft relativ niedrig. Es darf uns dann auch nicht wundern, wenn diese Kinder und Jugendlichen auf der Straße, vor dem Fernseher oder Computer den verschiedensten Einflüssen schutzlos ausgeliefert sind, sich leicht einschüchtern lassen oder, umgekehrt, ungehemmt von ihrem Faustrecht und dem Recht des Stärkeren Gebrauch machen oder wenn ihre einzigen Ziele der schnelle Euro, das schnelle Auto, Geltung in der Clique und Sex sind.

    Werte sind die Frucht einer entsprechenden Erziehung, von Bildung und persönlicher Lebenserfahrung. Ihre Qualität sollte bewusst reflektiert werden. Ihre Vermittlung muss im Elternhaus beginnen und im Ausbildungsgang fortgesetzt werden. Je bewusster die Erwachsenen ihre Wertvorstellungen den Kindern und Jugendlichen vorleben, desto bereitwilliger werden sie von ihnen verinnerlicht werden.

    * Nach den langen Zeiträumen der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im christlichen Abendland könnte man von Abnutzungs- und Ermüdungserscheinungen gegenüber den traditionellen Werten reden, verbunden mit einer fahrlässigen oder gar bewussten Abkehr von Gott; denn Gott ist der Inbegriff und die Quelle unserer guten Werte. Wer IHN hat, hat auch die Werte, die unser Leben so lebens- und liebenswert machen, und wir sollen IHM dafür danken. Das Danken gehört mit zu unseren schönsten Werten.

    * Orientierungslosigkeit ist eine Folge der Unkenntnis oder gar der Abwesenheit von vorgegebenen klar definierten und zu verinnerlichenden Werten, aber auch von tragfähigen spirituellen Erfahrungen

    * Wohin die gesellschaftliche Entwicklung am Ende führt, wenn Gott aus unserem Denken ausgeklammert wird, zeigt uns bereits in prophetischer Klarheit der von Jesus autorisierte Apostel Paulus, der in einem Brief an seinen begnadeten jungen Mitarbeiter Timotheus den gottlosen Zustand beschreibt, der am Ende der Zeiten, also aus heutiger Sicht weit über seine eigene Zeit hinaus herrschen wird: „Dies aber wisse, dass in den letzten Tagen schwere Zeiten eintreten werden; denn die Menschen werden selbstsüchtig sein, geldliebend, prahlerisch, hochmütig, Lästerer, den Eltern ungehorsam, undankbar, unheilig, lieblos, unversöhnlich, Verleumder, unenthaltsam, grausam, das Gute nicht liebend, Verräter, unbesonnen, aufgeblasen, mehr das Vergnügen liebend als Gott, die eine Form der Gottseligkeit haben, deren Kraft aber verleugnen." Und er fügt den väterlichen Rat hinzu: „Von diesen wende dich weg!" (2. Tim. 3,1-4).

    * Die Beachtung der im Grundgesetz garantierten Grundrechte ist zwar dazu geeignet, eine freie Entfaltung der Persönlichkeit zu ermöglichen und die äußere Ordnung im Staat aufrechtzuerhalten. Wie der Zustand unserer demokratischen Gesellschaft aber zeigt, sagen die Grundrechte nichts aus über die Inhalte und Prozesse der Persönlichkeitsentwicklung. Die Grundrechte reichen nicht aus, um so wichtige Persönlichkeitswerte wie Nächstenliebe, Demut, Respekt, Verantwortung, Versöhnung und so weiter in den Herzen der Menschen zu verankern.

    Es fällt auf, dass wir es am Ende der Zeiten („in den letzten Tagen) geradezu mit der Umkehrung der guten Werte in ihr Gegenteil zu tun haben. Und wenn wir genauer hinschauen, müssen wir erschrocken feststellen, dass diese schmählichen „Werte von vor knapp 2.000 Jahren für uns Heutige nicht mehr nur ein Bild der prophetischen Sicht des Paulus von einer fernen Endzeit sind, sondern ausnahmslos in unserer gegenwärtigen Gesellschaft bereits Realität sind. Können wir daraus schließen, dass wir bereits in den „letzten Tagen" leben? Wir werden auf diese Frage zurückkommen (vgl. besonders Kap 3.8). In anderen Briefen, z. B. an die Römer oder Galater, erweitert Paulus diesen Negativkatalog noch.

    Aus unserer eigenen Zeit können wir schwerwiegende Entwicklungen noch hinzufügen. So wird das menschheitsgeschichtlich tradierte Familienverständnis immer mehr durchlöchert („Familie ist, wo Kinder sind, wie einmal in einem Parteiprogramm zu lesen war). Es ist bereits Praxis, dass homosexuelle Paare von Pastoren gesegnet und getraut und Kinder von diesen Paaren adoptiert werden dürfen. Die moderne Bewegung des Gender-Mainstreaming wirkt bis hinein in kirchliches Denken. Das bedeutet: An die Stelle des traditionellen Rollenverständnisses von Mann und Frau tritt die ideologiebesetzte Auffassung, dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau weniger eine Frage der weisen Schöpfungsordnung Gottes als vielmehr der kulturellen Prägung durch die Gesellschaft bzw. Erziehung und damit manipulierbar ist. Letzten Endes sei sie Definitionssache, und jeder könne, entsprechend seiner subjektiven Empfindung, seine „sexuelle Identität selber bestimmen. (Vgl. Kap 4.4.)

    Die Kinder sind die Hauptleidtragenden in der Umwälzung des herkömmlichen Familienverständnisses. Zu den Fragen der sexuellen Identität hinzu kommen die vielfältigen Probleme der vollen Berufstätigkeit von Vater und Mutter, Trennung der Eltern, „Ein-Kind-Familien, Kinder ohne Geschwister, Jungen, die nach der Ehescheidung nur von Frauen erzogen werden. Auch in den Kindergärten und in der Grundschule sind fast nur Frauen tätig. Immer mehr Menschen bäumen sich auf gegen die Tötung von Menschen vor ihrer Geburt. Der Geschlechtsverkehr mit wechselnden Partnern (Unzucht) feiert fröhliche Urständ. Die Jugendlichen erfahren kaum noch etwas von dem Wert einer Enthaltsamkeit vor der Ehe. Sie ist „out. Stattdessen wird ihnen im Sexualkundeunterricht im zarten Alter etwa der vierten Klasse anschaulich gezeigt, wie sie mit den Verhütungsmitteln umgehen, um AIDS zu vermeiden. Alle Kinder müssen das dann über sich ergehen lassen, z. T. sogar gegen den Willen der Eltern. Das sei eben der Trend unserer Zeit, heißt es bei kritischen Rückfragen. Eltern und Kinder sind damit häufig überfordert, weil sie wirksame Alternativen nicht kennen bzw. gar nicht erst kennen lernen können.

    Das gesunde Menschenbild der biblischen Schöpfungsordnung gilt ihnen als überholt. Man fragt nicht mehr nach Gottes Geboten, man misst sein Verhalten lieber an dem der Tiere auf der Basis unserer vermeintlichen Urverwandtschaft mit ihnen. Die Evolutionslehre beherrscht den Zeitgeist. Wer Anderes lehrt, läuft Gefahr, sich lächerlich zu machen. Die dort gepredigte Toleranz gilt nur im Horizont ihres eigenen, menschengemachten Dogmas. – Theodor Heuss, der erste und hochverehrte Präsident der neugeschaffenen Bundesrepublik, bezeichnete einst die Institution der Familie wie selbstverständlich als Keimzelle des Staates. Und sie sollte auch unbedingt unter dem besonderen Schutz des Staates stehen. Wer den Verband der Familie aufweicht, ja überhaupt antastet, der muss sich nicht wundern, wenn schließlich auch die ganze Gesellschaft moralisch destabilisiert wird. Die Kinder sind die Zukunft eines jeden Volkes. Wer Alles infrage stellt, verliert am Ende die Orientierung.

    1.2  Die Wertediskussion und der biblische Gott

    Wenn ich das gesellschaftliche, politische und kirchliche Leben in unserer westlichen Welt und seine Darstellung in den Medien kritischselbstkritisch aus biblischer Perspektive betrachte, sehe ich vor allem vier Gründe, warum wir gezielt die Frage nach dem biblischen Gott wieder ganz neu mit Nachdruck und auf breiter Basis in Kirche und Gesellschaft ins Zentrum der Wertediskussion rücken sollten:

    1.2.1  Demontage der Autorität von Kirche, Bibel und Gott

    Die allgemeinen Klagen über den Verfall erprobter traditioneller (primär christlicher) Werte und die tiefsitzende Orientierungslosigkeit in unserer Gesellschaft, zumal unter den Jugendlichen, gehen einher mit einer teils schleichenden, teils offenen Demontage der Autorität „der Kirche" im Allgemeinen und der Bibel und damit auch Gottes im Besonderen.

    Wir dürfen die Augen nicht vor der Wirklichkeit der besorgniserregenden sozialen Entwicklung in der westlichen, so genannten freien Welt verschließen. Wir können schon heute erkennen, dass künftige Generationen uns einmal fragen werden, warum wir die Befreiung aus unserer „selbstverschuldeten Unmündigkeit", die der große Philosoph Immanuel Kant (1724-1804) einst als bedeutsames Kennzeichen der Aufklärung erkannte, so leichtfertig verspielt haben (im wahrsten Sinne des Wortes) und uns in neue Abhängigkeiten und eine neue Unmündigkeit haben treiben lassen³.*

    * Wir erleben heute eine vordergründige, sehr subjektive Freiheit auf Kosten einer allgemein verbindlichen Wahrheit bzw. verbindlicher Werte.

    1.2.2  Die Frage der Wahrheit Gottes

    In der Bibel offenbart Gott sich selbst als Schöpfer des Universums und handelnder Herr der Geschichte, wie das in keiner anderen Religion der Fall ist. Sätze wie das Erste Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott. […] Du sollst keine Götter neben mir haben" (2. Buch Mose, Kapitel 20) und der weithin bekannte Satz Jesu: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater (das heißt zu Gott) außer durch mich" (Joh. 14,6⁴), müssten eigentlich jeden aus dem Schlaf reißen. Man bedenke doch: Der Gott, der sich als Gott der Geschichte zu erkennen gibt, erhebt unmissverständlich sowohl im Alten als auch im Neuen Testament den Anspruch der ausschließlichen Wahrheit in der Welt und über sie! Und die Bibel ist kein Märchenbuch. Wer sind wir denn, wir kleinen Menschen in dem gewaltigen Universum, dass wir die übermächtigen Herausforderungen dieses Gottes ungeprüft ignorieren könnten? Meinen wir wirklich, uns unbesehen über diesen Gott stellen zu können? Der starke Satz: „Hochmut kommt vor dem Fall entstammt dem Alten Testament der Bibel (Spr. 16,18). Selbst bei den alten, heidnischen Griechen war die Selbstüberschätzung gegenüber den Göttern (Hybris) ein wesentliches Motiv der großen tragischen Dichtung. Glauben wir denn allen Ernstes, dass die „Gleich-Gültigkeit und das Beliebigkeitsdenken unserer Zeit der Weisheit letzter Schluss sind? Wir werden uns mit der Frage der Autorität der Bibel und der Selbstoffenbarung Gottes eingehend zu beschäftigen haben. (Siehe Kap 2.)

    1.2.3  An den Grenzen des Machbaren

    Der Horizont unseres Wissens hat in den Jahrtausenden der Kultur- und Zivilisationsgeschichte der Menschheit, und zwar in allen Bereichen von der Philosophie und Theologie über die Naturwissenschaften und die Medizin bis hin zu den Künsten, zur Technologie und der politischen Gestaltung des Zusammenlebens auf unserem kleinen blauen Planeten eine immense Erweiterung erfahren. Auch die Probleme des rasanten Wachstums der Weltbevölkerung, der Globalisierung der Wirtschafts- und Finanzmärkte, die völlige Digitalisierung der Arbeitswelt, die Undurchschaubarkeit und der Missbrauch der virtuellen Welt der digitalen Netzwerke und das fortschreitende Auseinanderklaffen der Schere von Arm und Reich haben ein bisher ungekanntes Ausmaß angenommen. So ist es geradezu ein Gebot der Stunde, einmal innezuhalten, Bilanz zu ziehen und uns ganz neu und unvoreingenommen zu fragen, wo wir denn nun heute ganz konkret stehen, wohin die Reise der Menschheit gehen soll und kann und wie das einmal alles enden wird. Das Zerstörungspotenzial der Atomkernspaltung und das Ende absolut gesetzter atheistischer Ideologien, besiegelt durch die grauenhaften Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus, sollten mitbedacht werden. Die Problematik der Genforschung sowie die Forschungsergebnisse zur Entstehung und Entwicklung des Lebens auf der Erde (Evolutionslehre, Paläontologie), auch die Versuche zur Ergründung der ersten Anfänge des Universums führen uns an die äußersten Grenzen des Erkenn- und Machbaren und ermahnen uns, bescheiden zu sein, uns gründlich zu besinnen, wohin es führt, wenn wir Gott „entmachten" oder selber Gott spielen.

    1.2.4  Das Selbstverständnis des Abendlandes

    Der vierte wichtige Grund, warum wir der Frage nach Gott und seiner Bedeutung für uns heute zuallererst in der Bibel nachgehen sollten, statt vorschnell unseren Vorurteilen zu folgen oder uns den „heiligen" Schriften anderer Religionen zuzuwenden oder uns ungeprüft irgendwelchen esoterischen Angeboten anzuvertrauen, beruht auf der einfachen Tatsache, dass wir im so genannten christlichen Abendland leben. Das heißt:

    * Wir sollten anfangen, unsere Wertmaßstäbe wieder auf einen festen Grund zu stellen, und zwar ohne gleich den Vorwurf eines verstockten Konservativismus oder gar „extremen Fundamentalismus befürchten zu müssen. Man kann immer wieder beobachten, dass neben unseren Vorurteilen auch Emotionen wie Angst und Widerwille schlechte Ratgeber für ein so verstanden progressives Vorgehen sind. Neuorientierung bedeutet nicht, die ganze Vergangenheit über Bord zu werfen, so zu tun, als gäbe es sie nicht; Neuorientierung kann nur heißen, die Fehlentwicklungen unseres christlichen Erbes zu erkennen und wenn nötig zu korrigieren, das Gute aber, das Bewährte, auf jeden Fall festzuhalten. Das ist das feste Fundament, das uns trägt und das wir von innen heraus kennen müssen, um auf ihm solide weiterbauen zu können, sonst würde ja die ganze –„christlich geprägte – Gesellschaft förmlich den Boden unter den Füßen verlieren, und sie müsste sich unter großen Schmerzen und anderen, unkalkulierbaren Risiken neu erfinden. Das betrifft nicht nur spezifisch abendländisch-christliche Werte, sondern unseren gesamten Wertekodex und die Stabilität und Gesundheit des Staates. Gewiss müssen wir in diesem Zusammenhang auch über den Begriff der Toleranz, zumal gegenüber den anderen Religionen im Lande und weltweit, neu nachdenken.

    * Wenn wir uns nicht als geschichtslose Wesen verstehen wollen, sind wir es unserem Selbstverständnis, unserer abendländischen Identität schuldig, über die gewaltige prägende Kraft des biblischen Erbes und damit Gottes für unseren Kontinent und die ganze westliche Welt, ja das Christentum weltweit nachzudenken.

    1.3  Das besondere Anliegen des Buches

    Es ist die besondere Absicht des vorliegenden Buches, die fest gegründete, existenziell unveränderte Bedeutung der Bibel gegen breite liberale Strömungen der letzten Jahrhunderte in Kirche und Gesellschaft und durch den dichten Nebel des Zeitgeistes hindurch aus der Mitte unseres Lebens heraus bewusst zu machen.

    * Wir sollten diesem heiligen Buch unbedingt seine weit reichende Autorität zurückgeben, um uns nicht moralisch zu verhärten oder seelisch zu verdursten, zumal in unserer immer technischer, materialistischer und unübersichtlicher werdenden Zeit. Dazu gehört, im Kern noch wichtiger, dass wir die Einzigartigkeit der Bibel und ihren Geltungsbereich klar erkennbar herausarbeiten, weil sie den Menschen kompromisslos in die persönliche Entscheidung ruft. Die Bibel präsentiert sich als lebendiges Wort Gottes, und das heißt, wir lernen durch sie einen Gott kennen, der in der Menschheitsgeschichte unübersehbar handelt, der sich um jeden Menschen kümmert (kümmern will) und sich mit Nachdruck von allen anderen, vermeintlichen Göttern und jeder Art von menschlichem Eigenwillen souverän abhebt. Es soll in dem vorliegenden Buch deutlich werden, dass die Bibel alle Menschen angeht, nicht nur die Kirche und die in ihr Getauften und Konfirmierten.

    * Die Bibel ist die gar nicht hoch genug einzuschätzende Quelle, der wir die tiefe Begründung so tragender ethischer Werte wie Liebe, Barmherzigkeit, Vergebung, Erlösung, Gerechtigkeit, Friede, Hoffnung, Freude und Vertrauen in unserer leidenden Welt verdanken.

    Es soll weiterhin auch gezeigt werden, dass die Bibel (AT und NT) ein Höchstmaß an Aktualität und Glaubwürdigkeit nicht nur besitzt, sondern auch ausdrücklich beansprucht; denn in ihr stimmen, gipfelnd in Jesus Christus, dem „Fleisch gewordenen Wort Gottes", Prophetie und ihre Erfüllung, Wort und Tat, überein. Heutzutage kontroverse Begriffe wie Schöpfung und Evolution, Sündenfall und Erlösung, Jüngstes Gericht, Auferstehung und Wahrheit werden dann, im Rahmen einer biblischen Gesamtschau, für manch einen in einem neuen Licht erscheinen. Ich sehe keinen geeigneteren Weg, unsere allgemeine Sprachlosigkeit und Verwirrung in Glaubenssachen zu überwinden, als aus der demütigen Innenschau der „Heiligen Schrift" selbst heraus.

    1.4  Methodische Überlegungen

    Um verlässliche Aussagen zur Thematik des vorliegenden Buches machen zu können, habe ich über viele Jahre hin recherchiert. So entstanden unzählige Zettel mit Notizen zu meinen Beobachtungen und Erkenntnissen in der Alltagsrealität unserer Welt sowie in der REALITÄT GOTTES in Geschichte und Gegenwart. Ein großer Teil des erarbeiteten Materials ist die Frucht einer intensiven Auseinandersetzung mit der Bibel und einschlägigen Werken der Sachliteratur. Ich habe – gewissermaßen induktiv – alle möglichen Quellen studiert: Ich habe das Reden und Verhalten meiner Mitmenschen auf allen Ebenen unserer Gesellschaft dokumentiert, von dem einfachen Mann auf der Straße bis zu intellektuellen Akademikern unter Gläubigen, Nicht- und Andersgläubigen und von Tageszeitungen und Wochenzeitschriften bis hin zu Radio, Fernsehen und Internet.

    Mein ganzes Bemühen zielte darauf ab, die dicke Mauer von Vorurteilen, Fehldeutungen, innerer Abneigung, ja Blockaden in der Gesellschaft durchbrechen zu helfen. Interessierten Lesern, ob zweifelnd, kirchenfern oder auch kirchentreu, soll, soweit irgend möglich, ein neuer, solider Zugang zu diesem Schicksalsbuch Bibel eröffnet werden. Sie sollen ermutigt werden, festgefahrene Gewohnheiten und vorschnelle Antworten zu hinterfragen, indem sie die biblische Botschaft neu durchdenken und sich von ihrem Geist bereichern und in einem neuen Freiheitsverständnis verwandeln lassen.

    Dass auch die Verantwortlichen der großen Kirchen angesichts der in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zurückgehenden Mitgliederzahlen und der Unsicherheit in der biblischen Lehre dringend gefordert sind, über ihren geistlichen Weg in die nächste Zukunft hinein selbstkritisch nachzudenken, ist in meinen Gedanken immer präsent gewesen. Ich möchte noch hinzufügen, dass grundsätzlich aber auch für die Kirchen gilt, was auf jeden Einzelnen zutrifft: Sie können vor Gott nur bestehen und auch in der Gesellschaft als „Gemeinschaft der Gläubigen" nur Gehör finden, wenn sie vollmächtig reden, das heißt in ihren Bemühungen den Boden der Heiligen Schrift nicht verlassen, den Heiligen Geist nicht mit dem Zeitgeist und dem eigenen, natürlichen Geist verwechseln, sondern konsequent von Jesus Christus und seiner Kreuzesbotschaft her denken, reden und handeln. Die rapide wachsenden, lebensfrohen christlichen Gemeinden in Afrika, Asien und Südamerika, aber auch neue geistliche Aufbrüche in Europa und den USA zeigen, dass ein solcher treuer Dienst auf der Basis der vollen Glaubwürdigkeit der Bibel gesegnet und offensichtlich ganz im Willen Gottes ist – ganz im Gegensatz zu manchen Gemeinden unserer großen Kirchen.

    Es war von Anfang an mein Bestreben, mich, soweit das überhaupt möglich ist, frei zu machen von allen Vorurteilen gegenüber „der Kirche und allen theologischen Richtungen wie etwa der „liberalen, „evangelikal-konservativen oder „pfingstkirchlichen Haltung, von den Sekten ganz zu schweigen. Ich wollte die Bibel als „Wort Gottes" möglichst unbefangen lesen und auf mich als Kind unserer Zeit wirken lassen. Ich wollte mich einerseits leiten lassen von meinen eigenen existenziellen Bedürfnissen und Erfahrungen, als einer der Bürger dieser Welt, und andererseits von der der Bibel innewohnenden Wahrheit bzw. ihrer eigenen Logik. Unterstützung fand ich in verschiedenen Kommentaren und Sachbüchern, wenn Sachzwänge, der Stand der Forschung oder der größere Zusammenhang es geboten erscheinen ließen (vgl. das Literaturverzeichnis). Es ging mir nicht darum – falls das überhaupt möglich gewesen wäre –, das ganze Feld der neuesten theologischen Forschung zu umreißen, sondern vorrangig darum, das aktuelle Kraftpotenzial der Bibel zu ergründen und somit die ganze Problematik der rechten Orientierung in unserer offenen pluralistischen Gesellschaft aus aktuellem Anlass in den Mittelpunkt unserer Betrachtungen zu stellen. Ich habe in der einschlägigen Literatur kein Werk entdecken können, das die Frage der Orientierung aus biblischer Sicht in dieser Breite behandelt (vgl. das Inhalts- und Literaturverzeichnis).

    Bei meinen Recherchen wurde mir auch immer wieder der große Unterschied deutlich, der zwischen den begrenzten Möglichkeiten unseres wissenschaftlichen Verstandes und der unermesslichen Fülle der geheimnisvollen, unsichtbaren Welt (der REALITÄT) des lebendigen Gottes besteht. Gottes unerschöpfliche Liebe möchte sich in unserer kleinen Welt verströmen, sie möchte im Leben der Menschen konkret (offenbar) werden, kann aber im Kern allein mit unseren wissenschaftlichen Methoden und menschlichen Denkgewohnheiten nicht annähernd erfasst, sondern letzten Endes nur beschrieben und geglaubt werden. Der uns gegebene Verstand dient dazu, die Zusammenhänge von Gottes Selbstoffenbarung in der Welt mit Gottes Hilfe zu erkennen, das von Gott Gewollte (Heilige) und das von Menschen zu Verantwortende scharf voneinander zu trennen und die Frohe Botschaft wahrheitsgemäß und für eine breite Leser- und Zuhörerschaft weitestgehend verständlich zu vermitteln. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Bibel Gottes „Wort" an uns ist. Und es ist nur folgerichtig, dass, wer über sie urteilen will, sie auch angemessen kennen muss. So dürfen wir dann auch davon ausgehen, dass sie mit ihren eigenen und nicht mit unseren Maßstäben gemessen werden will. Gottes Wort ist nun mal in der Welt, mit seinem eigenen hohen Wahrheitsanspruch, und es kann nicht mehr weginterpretiert werden, auch in Teilen nicht.

    1.5  Persönliche Erfahrungen

    1.5.1  Die existenzielle Mitte

    Ich bin bei meinen Entdeckungen aus dem Staunen nicht herausgekommen. Die Zugkraft der biblischen Weisheit, die ebenso seelisch wie auch körperlich heilende und Gemeinschaft stiftende Kraft des biblischen Wortes und die Erlösungsbotschaft des Kreuzes wurden mir so groß und lieb, dass sehr bald die Sache der Bibel zu meiner eigenen wurde, ja zur treibenden Lebensaufgabe seit meinem Ausscheiden aus dem Berufsleben.

    Ein wachsendes Vertrauen in die Weisheit und lebenserneuernde Kraft Jesu, wie ich es rückblickend seitdem bei mir und vielen Anderen als äußerst segensreich beobachtet habe, ist die existenzielle Mitte meines Denkens, Redens und Handelns geworden, aus der heraus auch dieses Buch entstanden ist. Seit der Abiturrede, die ich als Leiter der Oberstufe meines Gymnasiums vor dem Entlassungsjahrgang 1984 hielt und in der ich mir die Frage einer verlässlichen Orientierung in unserer offenen pluralistischen Gesellschaft zum ersten Mal zum Thema gemacht hatte, beschäftigt mich diese Thematik. *

    * Um in unserer Gesellschaft Zugang zu jener persönlich heilsamen geistigen Mitte zu finden, bedarf es ein paar wesentlicher Voraussetzungen.

    Das wären etwa:

    ■ eine kritische Distanz zum eigenen, unbeugsamen, stolzen Ich, dem Ego, zu unserer Neigung zur Selbstgerechtigkeit,

    ■ ein ehrliches Eingeständnis, die Bibel in ihrer Fülle, Tiefe und Einzigartigkeit möglicherweise noch gar nicht oder nicht genug zu kennen,

    Liebe zur Wahrheit, auch über sich selbst, und zwar gerade wenn dabei die eigenen Schwächen und ein eigenes Fluchtverhalten zutage treten, und

    ■ die grundsätzliche Bereitschaft, sich für das Geheimnis der in der Bibel proklamierten „Liebe Gottes" zu öffnen und, wenn es sein muss, auch einmal gegen den breiten Strom („Mainstream") zu schwimmen und gegebenenfalls eine Kurskorrektur des eigenen Denkens, Redens und Handelns zuzulassen.

    1.5.2  Meine Zweifel an Kirche und Bibel

    Obgleich um größtmögliche objektive Sachlichkeit und Ausgewogenheit bemüht, hat das von mir vorgelegte Buch eine bewusst persönliche Färbung. Jedes Reden von Gott und seinem uns gegebenen Wort ist immer zugleich auch ein Ausdruck von dem, was dieser Gott und dieses Wort mit mir als verantwortlichem Subjekt dieser Welt gemacht bzw. nicht gemacht haben. Es betrifft auch Erkenntnisse, die ich einerseits durch Gottes Wirken in meinem Leben (bewusst oder unbewusst) und andererseits durch mein persönliches Wollen erlangen durfte. Insofern ist dieses Buch mein bescheidener Versuch, beispielhaft ein Fenster aufzustoßen, das einen realistischen Blick erlaubt in die wunderbare, uns objektiv gegebene Welt eines großen Gottes. Dieser Blick mag dann auch so etwas wie eine Einladung an die Leser und Leserinnen sein, sich selber dieser geistigen Welt zu öffnen und eigene Erfahrungen und Erkenntnisse in ihr zu sammeln, so wie ein Vogel gerne seinen Käfig verlässt, wenn man ihm die Tür in die Freiheit öffnet.

    Ich war also auch selber auf der Suche nach einer Antwort auf die manches Mal quälenden Fragen, welche der konventionellen Werte, besonders im zwischenmenschlichen Bereich, ich als auch für mich verbindlich anerkennen kann, was wahr ist, mit wem von den Meinungsmachern unserer Zeit oder auch von den Repräsentanten der Geistesgeschichte in Philosophie, Religion, Literatur, Kunst, Psychologie, Naturwissenschaft ich mich innerlich verbinden kann, so dass sie mir Halt geben. Ich war ein tastendes Kind meiner Zeit. Ein Schlüsselsatz Fausts aus dem Prolog des berühmten gleichnamigen Dramas des großen Goethe war mir dabei seit der Schulzeit über viele Jahre hin ein Ansporn zum Weiterfragen: „Dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält."

    Die Antworten auf dieses Fragen wurden auch nicht dadurch leichter, dass ich getauft, konfirmiert und kirchlich getraut, also „Glied einer Kirche (der evangelisch-lutherischen) bin. Im Gegenteil: Als zu widersprüchlich erlebte ich oft das Verhalten einzelner Kirchenmitglieder; einige waren mir zu fromm, die meisten gehörten zwar der Kirche an, ließen aber keinen Unterschied zu den Nicht-Gläubigen erkennen, und „die Kirche ist gespalten in diverse Konfessionen und Gruppen (z. B. katholisch, evangelisch, orthodox und freikirchlich, liberal und konservativ-evangelikal bis charismatisch). Die Bibel war für mich – viel zu lange – eher ein altes Buch, dessen Wahrheitsgehalt vor allem seit der Zeit der Aufklärung stark relativiert worden war, dem man, wie ich meinte, als moderner, aufgeklärter Mensch nicht mehr unbesehen eins zu eins Glauben schenken kann. Sie erschloss sich mir auch nicht in dem gewünschten Maß. Die Grenze zwischen historischer Wahrheit und denkbarem antiken Mythos in der Bibel war für mich völlig verschwommen. Zu Vieles widerstrebte meinem damaligen, unentschiedenen Denken. Das war keine Basis, auf die ich als „freier, „selbstbestimmter, eben „moderner" Mensch mein ganz reales Leben hier und heute mit all seinen Höhen und Tiefen, Sehnsüchten und Enttäuschungen gründen wollte. Aber auf der Höhe der Zeit sein und dazugehören wollte ich schon.

    1.5.3  Die Wende: Ein starkes Schlüsselerlebnis

    Eine entscheidende Wende in dieser Zeit der Ungewissheit und des Suchens ergab sich für mich Anfang der neunziger Jahre. Ich war in eine sich steigernde Verzweiflung hineingeraten, in die mich damals eine mir medizinisch hoffnungslos erscheinende chronische Schmerzerfahrung (Diagnose der hilflosen Ärzte: HWS-Syndrom) hineingetrieben hatte und die schließlich sogar meinen vorzeitigen Ausstieg aus dem Staatsdienst erzwang. Da entstand eine Drucksituation, die auch ein radikales und konsequentes Umdenken bei mir einleitete. Ich wusste weder ein noch aus. Wesentliche Erleichterung in der Verzweiflung, die zu einem ganz neuen Umgang mit den zermürbenden Kopf-, Nacken- und Schulterschmerzen führte, erfuhr ich dann aber durch eine „glückliche Fügung neben inständiger Fürbitte vonseiten vollmächtiger Christen auch aufgrund eines mir angeratenen bedingungslosen Vertrauens in die Zusagen und die heilende Kraft des „Wortes Gottes. Überwältigt von dieser Wende, bekam ich nun auch einen ganz neuen, persönlichen Zugang zu allen nur denkbaren Fragen des christlichen Glaubens. – Ich sah mich jetzt gezwungen, alle meine Vor-Urteile über Kirche und Bibel, über die Welt und mich selbst hinter mir zu lassen, und es begann für mich, unterstützt von authentisch gläubigen Menschen, ein intensives, sehr persönliches Ringen um die Reichweite und Kraft der „alten" Bibel; es begann eine gewissenhafte Prüfung ihres Wahrheitsgehalts in Geschichte und Gegenwart und, vor allem, bei einem Rückblick auf mein eigenes Leben. Diese für mich existenziell entscheidende, sich über Jahre hinziehende Auseinandersetzung mit einschlägigen biblischen Schriften und mit anderen Menschen, deren Leben und deren Gemeinden diese Schriften revolutioniert haben, hat mir die Augen geöffnet für einen lebendigen Glauben, und sie hat zu aufregenden Entdeckungen und Erkenntnissen geführt, die über die Grenzen jeder persönlichen Einschätzung weit hinausreichen und von denen ich glaube, dass ich sie einer breiteren Öffentlichkeit nicht vorenthalten sollte.

    In den letzten Jahren bin ich mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt, dass eine tiefgreifende, selbst-kritische und beharrliche Auseinandersetzung mit den Klagen über den offensichtlichen Werteverfall in unserer Gesellschaft noch gar nicht so richtig begonnen hat. Zu sehr haben wir uns daran gewöhnt, die mit der Aufklärung, der explodierenden wissenschaftlichen Forschung und der Globalisierung gewonnenen Maßstäbe unseres Denkens und Handelns als modern und „angesagt zu akzeptieren und die Frage der uralten biblischen Wahrheit zur Sache allein der theologischen Forschung oder der ganz und gar subjektiven Auslegung des Einzelnen zu erklären („Das ist gut für dich, aber nicht für mich). Die selbstbewusste, kritische Autorität Lessings (1729-1781) und seine viel zitierte, scheinbar großmütig-tolerante Ringparabel zum Absolutheitsanspruch von je Judentum, Christentum und Islam bestimmen noch heute das Denken vieler Leute. Es ist aber nicht zu übersehen, dass der als Errungenschaft der Moderne und Postmoderne ebenso gepriesene wie beklagte Individualismus und Liberalismus in der westlichen Welt doch eher Angst schüren, als dass ihre Antworten auf die alten, aber immer wieder neu aufbrechenden Sinnfragen uns befriedigen könnten. Wer dem aufklärerischen Toleranzverständnis Lessings folgt, läuft immer noch Gefahr, sich von der Aura dieses großen Namens einfangen zu lassen, statt selber eine klare Entscheidung in der Wahrheitsfrage herbeizuführen – aufgrund der Herausforderungen seiner eigenen Zeit und der Möglichkeiten eines neuen Zugangs zu einem lebendigen Glauben an Jesus Christus, der im Zentrum aller biblischen Schriften steht.

    Seit ich erfahren darf, wie machtvoll Gott immer wieder in meine Schmerzattacken eingreift, wenn ich ihn darum bitte oder im Namen Jesu sogar den einzelnen Schmerzen direkt gebiete, zu weichen, seitdem bin ich gewiss, was die Bibel uns sein will, nämlich Gottes Wort und damit die Wahrheit eines lebendigen Gottes über den Gang der Welt. Ich habe seitdem allen Grund, sie – eben als Wort des großen heilenden und tröstenden Gottes –, ernst zu nehmen. Ich empfinde es mittlerweile als überheblich, anzunehmen, die vielen Männer und Frauen, die in den letzten 2000 Jahren aus der Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus gelebt und segensreich und vorbildlich gewirkt haben, darunter Menschen wie der Apostel Paulus, Augustinus, Franz von Assisi, Luther, Wichern, von Bodelschwingh, Bonhoeffer, Graf von Galen, Corrie ten Boom, Martin Luther King, Mutter Teresa und natürlich die weltweit rasant wachsende Christenheit unserer Zeit (sie ist die größte Religionsgemeinschaft der Welt), würden allesamt irren, wie man doch in dem gottfernen Europa heute leicht den Eindruck haben kann. Ich gehe jetzt davon aus, dass wenn wir von Gott bzw. Jesus Christus sprechen, alle unsere menschlichen Maßstäbe vorbei an IHM gar nicht greifen können, ja dass sie durch IHN immer wieder aufs Neue geradezu infrage gestellt werden müssen und dass ER, was immer auch gegen diese Vorstellung vorzubringen sein mag, aufgrund der biblischen Schriften als absolut souverän zu denken ist in seiner Beziehung zur Welt und dass wir dann auch, soweit irgend möglich, gewissenhaft versuchen sollten, Gottes Maßstäbe zu ergründen und uns anzueignen. Erst dann können wir weitersehen, wie wir unsere Verhältnisse hier auf unserer kleinen Erde ordnen bzw. nach den Maßstäben dieses Gottes ordnen dürfen oder sollen.

    1.6  (Innere) Freiheit und die Problematik des Zeitgeistes

    Das Wort „Zeitgeist meint „die ein Zeitalter charakterisierende geistige Haltung (Wahrig, Deutsches Wörterbuch 2008). Darunter verstehen wir heute die verbreitete postmoderne Grundhaltung des Subjektivismus, Relativismus und Liberalismus, des Materialismus und Hedonismus, der Angst vor dem gläsernen Menschen, dem Terrorismus und der globalen Klimaerwärmung mit all ihren Folgen, aber auch die allgemeine Wissenschaftsgläubigkeit und die durch die Medien beflügelte Macht der „political correctness, vielfach verbunden mit einem Hang zur spirituellen Betätigung oder religiösen Sinnsuche. In diesem geistigen Klima bewegt sich unser pluralistisches Denken, und wir meinen dann, was alle machen, kann doch so falsch nicht sein; wir werden von dem allgemeinen geistigen Klima gewissermaßen „gefangen genommen und verlieren unsere innere Freiheit und Gewissheit. Wohl die meisten wissen aber nicht, dass die Autorität Jesu stets größer ist und individuell angemessene und damit ehrlichere und auf lange Sicht bessere Maßstäbe setzt – wie wir noch sehen werden. Die Autorität Jesu macht uns unabhängig von dem persönlichen Druck des Zeitgeistes und dem „Gerede" der Menschen, ohne dass wir dabei Gefahr laufen müssten, dem Leben gegenüber gleichgültig zu werden oder ihm gar zu entsagen. Ganz im Gegenteil, erst die Vollmacht Jesu macht uns wirklich frei und besonders wachsam gegenüber dem Geschehen um uns herum. Auf die Weisungen Jesu ist Verlass, und das nun schon seit 2000 Jahren. Die Irrtümer der Geschichte sind den Menschen anzulasten, nicht Jesus Christus.

    Die Unsicherheit in der Wahl der Ratgeber und der Heilsangebote heute ist verständlicherweise groß. Manch einer merkt erst nach Jahren, dass er den falschen Wegweisern gefolgt ist. Es ist wahr: Wir leben, Gott sei Dank, in einem freien Land, und wir haben die Freiheit der Wahl. Aber wieweit diese Wahlfreiheit auch zu der erhofften Zufriedenheit, dem inneren Frieden, führt, werden wir erfahrungsgemäß erst ermessen können, wenn wir uns auf das Geheimnis Jesu und seines Wortes eingelassen haben; denn erst wenn unser Herz mit der ungeschminkten, unabhängigen Wahrheit und Kraft, die von IHM ausgeht, in Berührung gekommen ist, werden wir wirklich, nämlich auch innerlich frei sein. Wir werden dann erkennen: *

    * Die Stärke des autonomen, gottfernen Menschen in unserer „freien" Gesellschaft erweist sich angesichts der Autorität (der Weisheit, Macht und Stärke) Jesu zugleich als seine größte Schwäche.

    Die Form der Selbstbestimmung, wie sie heute allgemein propagiert wird, liegt ganz im Trend der Zeit. Das starke Ich kann da aber dem selbstbestimmten Menschen den Zugang zu den kostbaren Verheißungen des Evangeliums von Jesus Christus verschließen, zumal wenn der selbstbestimmte Mensch von vornherein noch nicht einmal bereit ist, für sie überhaupt empfänglich zu sein. Zu dieser selbstkritischen, Alles entscheidenden Erkenntnis führt mich mein unstillbares Verlangen nach Wahrheit, innerer Freiheit, Liebe und Glaubwürdigkeit, das durch die Vertiefung in die Heilige Schrift geradezu entflammt wird.

    Welchen Gefahren der Verblendung, ja der Täuschung über das hohe Gut der Freiheit wir in unserer pluralistischen Gesellschaft ständig, meist unmerklich, ausgesetzt sind, das kann uns bewusst werden, wenn wir z. B. einem Menschen begegnen, der, aus völlig anderen Verhältnissen kommend, plötzlich mit der unübersichtlichen Offenheit unserer westlichen Gesellschaft konfrontiert wird.

    So schilderte einmal ein sensibler Psychiater und Psychoanalytiker aus der ehemaligen DDR in einem Rundfunkinterview von NDR Info seine Erfahrung mit der Freiheit des Westens. Er war nach dem Fall der Mauer 1989 aus den Zwängen des DDR-Regimes in unsere freie Gesellschaft gelangt. Dies war für ihn ein radikaler Wechsel; denn er konfrontierte ihn in aller Schärfe mit der Problematik der bisher nur erträumten, viel gepriesenen Freiheit in der alten Bundesrepublik. Er erlebte nun aber, ganz entgegen seiner Erwartung, auch den Westen als „Regime, und zwar als ein „Aufmerksamkeitsregime mit einem „Tsunami an Information", wie er es nannte. Ihm wurde bewusst, dass es ja die innere Freiheit des christlichen Glaubens gewesen sei, die ihm in seiner damaligen Drucksituation vor 1989

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