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Mit dem Taxi zur Hölle - Als mich der Teufel jagte
Mit dem Taxi zur Hölle - Als mich der Teufel jagte
Mit dem Taxi zur Hölle - Als mich der Teufel jagte
eBook361 Seiten3 Stunden

Mit dem Taxi zur Hölle - Als mich der Teufel jagte

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Über dieses E-Book

Wenn jemand seit 30 Jahren als Taxifahrer im Ruhrgebiet arbeitet, dann hat er etwas zu erzählen. Theo tut das und plaudert ungehemmt aus seinem Nähkästchen: ... und zwar in allen Belangen! Wie er Taxifahrer wurde, was er durchlebt hat, wie die Branche funktioniert, wie er persönlich die Wiedervereinigung erlebte und wie sich die Zeiten ändern.

Mit dem Taxi zur Hölle ist ein histo-autobiografischer Roman des 1968 in Dortmund geborenen Theodor Ekaar-Netsroht. Er schildert die Lebensgeschichte des Dortmunder Taxifahrers Theo, von 1988 bis heute.
Theos Lebensmittelpunkte sind Dortmund, Mecklenburg und im geringeren Maße auch Fuerteventura.

Der 1968 in Westdeutschland geborene Theo jobbt in jungen Jahren als Taxifahrer. Aus der Übergangslösung wird dann, wider seiner eigentlichen Vorstellungen, eine Dauerbeschäftigung.
Im Laufe seines Lebens kehrt er immer wieder zur Taxibranche zurück: als nebenberufliche Aushilfe, als hauptberuflicher Fahrer und sogar als selbständiger Unternehmer. Sowohl seine Erlebnisse und Eindrücke rund um dieses Milieu, als auch seine zeitgeschichtlichen und privaten Lebensereignisse fließen in diese Geschichte ein.

Der Roman basiert komplett auf wirkliche Erlebnisse des Autors und bietet eine angenehme Unterhaltung mit teils humorvollen, aber auch ernsten und tragischen Abschnitten.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum27. Nov. 2019
ISBN9783749763078
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    Buchvorschau

    Mit dem Taxi zur Hölle - Als mich der Teufel jagte - Theodor Ekaar-Netsroht

    Bitte rufen Sie einen Arzt, er hat vermutlich einen Schlaganfall!

    Die Stimme erkenne ich sofort. Es ist Maria, meine Allerliebste. Ihre Stimme beruhigt, aber diese Worte lassen nichts Gutes erwarten.

    Eigentlich habe ich kaum Schmerzen, lediglich mein Schädel brummt. Aber ich habe keinerlei Kontrolle über meinen Körper, kann mich nicht bewegen, alles ist ganz schummrig und mir ist übel. Was ist passiert, wo bin ich – und wer ich bin überhaupt? Erstmals in meinem Leben bekomme ich echte Todesangst.

    Bewegungslos liege ich da.

    Nach und nach gibt mein Gedächtnis Datenmengen frei. Zwar habe ich trotzdem nicht die leiseste Ahnung, wo ich bin und was geschehen ist, aber immerhin kommt schon mal das Wissen zurück, wer ich bin.

    Mein Name ist Theodor und ich wurde 1968 geboren. Bin Sohn einer Hausfrau und eines Lokführers, habe eine sechs Jahre ältere Schwester und meine Kindheit und Jugend war behütet. Ich wurde ordentlich erzogen zu einem anständigen, aufrichtigen Menschen. Nach dem Abschluss meiner Realschule wechselte ich auf das Gymnasium, um Abitur zu machen.

    Die Grundeinstellung in meiner Familie war, dass das Universum gütig ist, auf Dauer das Gute immer gewinnt und wir im gerechtesten Land dieses Planeten leben.

    Meine Eltern waren beide Kriegskinder. Geboren 1937 begann deren Alltag sofort im Bombenhagel. Beide Familien hatten mit Ausnahme ihres Lebens nahezu alles verloren. Denn sie wurden mehrmals ausgebombt. Was bedeutet, wenn sie nach dem Bombenalarm aus dem nächsten Bunker wieder nach Hause gehen wollten, gab es dieses Zuhause nicht mehr. Nach dem Krieg wohnte die Familie meines Vaters in einem hölzernen Behelfsheim im Vorort Asseln. Die Familie meiner Mutter residierte in einer winzigen Mietwohnung im Kreuzviertel, nahe der Dortmunder Innenstadt.

    Als Jungvermählte bezogen meine Eltern eine Wohnung im Vorort Lanstrop. Dort stampfte die gewerkschaftseigene „Neue Heimat" eine neue Wohnsiedlung aus dem Boden. Dort starteten sie ihre Familienplanung.

    Die Schrecken des Krieges nicht vergessen, genossen sie die junge Bundesrepublik, blickten nun positiv in die Zukunft und erzogen uns Kinder grundsolide.

    So war es auch für mich eine Selbstverständlichkeit, dass das Schicksal immer auf meiner Seite stehen würde, und ging unbeschwert meinen Weg, denn ich gehöre ja zu den Guten und das Gute siegt immer!

    Und ich war fleißig. Schon als Schüler arbeitete ich nebenher. So war es mir sogar möglich, bereits als Abiturient ein eigenes Auto zu unterhalten.

    Nach der Schule absolvierte ich in Expresszeit, mit vorgezogener Abschlussprüfung, eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Einige Firmen boten mir danach eine Arbeitsstelle an. Keine war mir gut genug. Ich wollte mehr als nur ein langweiliger Sachbearbeiter werden. Schnellstmöglich!

    Wie schon zuvor als Schüler, arbeitete ich auch während der Lehre nebenbei beim Donald Verlag.

    Der kleine Familienbetrieb hielt sich hauptsächlich mit der Verteilung von Reklamezetteln und der Herausgabe einer Stadtteilzeitschrift über Wasser. Erst arbeitete ich als Reklameverteiler, dann als Fahrer, Fotograf, Fotosetzer und zum Schluss sogar als Redakteur.

    Im Juni 1989 kam der Generalsekräter der KpdSU, der Regierungschef der Sowjetunion, zum Staatsbesuch nach Dortmund – für mich der historisch wichtigste Augenblick meines jungen Lebens. Schon lange hatte ich Michail Gorbatschow verehrt. Mehr noch, er war für mich der Superstar schlechthin. Musiker, Schauspieler und Fußballspieler interessierten mich weniger; dieser Mann jedoch war ein echter Held nach meinem Geschmack. Seit Ende des Zweiten Weltkrieg hatten sich Ost und West in einer Tour bekämpft und gegenseitig mit den schlimmsten Atomwaffen bedroht. Gorbatschow begann als Erster einzulenken. Mehrmals machte er Zugeständnisse an den Westen, damit endlich wirklich Frieden einkehren konnte. Noch war es nur eine zarte Hoffnung, aber schon jetzt hatte die Welt diesem Mann unglaublich viel zu verdanken.

    Daher war sein Staatsbesuch für mich etwas Tolles und Wegweisendes. Sicherer Frieden war das Einzige was uns in unserem Wohlstandsland noch fehlte.

    Der absolute Hammer war noch dazu, dass dieser Deutschlandbesuch nicht irgendwo, sondern quasi direkt vor meiner Haustür stattfand.

    Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Dortmunder Hoesch Stahl AG hatte Gorbatschow rotzfrech eingeladen. Bei einer Reise nach Moskau nutzte Werner Nass die Gunst der Stunde und platzierte seine Einladung direkt an den Kreml. Aber wer hätte schon wirklich mit einer Zusage gerechnet?

    Die Zusage kam!

    Nass bekam für die Einladung nicht nur Lob. Man munkelt, führende Gewerkschaftsfunktionäre hätten sich übergangen gefühlt und die Veranstaltung teilweise sogar boykottiert. Fakt ist auf jeden Fall, dass der Vorsitzende der IG Metall nicht anwesend war.

    Kein Problem für Betriebsrat Nass. Die Willkommensrede hielten der Hoesch (52.000 Mitarbeiter) Konzernchef Rohwedder (starb im April 1991 bei einem Attentat), der Ministerpräsident von NRW Johannes Rau (später Bundespräsident) und Werner Nass selbst. Nass nutzte seine Redezeit sinnvoll und schlug Gorbatschow für den Friedensnobelpreis vor. Das Nobelpreiskomitee reagierte per bösem Brief. Sinngemäß soll dort gestanden haben: „Wie kann so ein Malocherkind sich herausnehmen, einen derartigen Vorschlag zu machen." Schon am 10.12.1990 war es dann soweit: Gorbi erhielt tatsächlich den Friedensnobelpreis.

    Auch Michail Gorbatschow hielt eine Rede, vor den rund 9.000 anwesenden Stahlarbeiten in der Hoesch Conti-Glühe des Walzwerkes im Werk Westfalenhütte. Die Begeisterung war grandios und nicht per Zwang angeordnet, wie bei Propagandainszenierungen üblich. Auch Gorbis Worte waren echt. Wenig später setzte er sie in Taten um. Er veränderte die Welt, machte sie sicherer und schenkte uns die Wiedervereinigung. Er hätte das nicht machen müssen! Zuhause wäre es für ihn bestimmt bequemer gewesen, dies alles nicht zu tun. Vielleicht hatte diese beidseitige Herzlichkeit, hier auf Hoesch, mehr bewirkt als jahrzehntelange Spitzendiplomatie.

    Ich war gerade in der Lehre und bekam nicht frei.

    Aber diese Sache konnte ich mir einfach nicht entgehen lassen. Es war völlig untypisch für mich, doch tatsächlich machte ich dafür blau.

    Gorbatschow reiste mit einem Prototypen des damals völlig neu entwickelten ICE an und stieg am kleinen Vorortbahnhof Kirchderne aus, kaum einen Kilometer von meinem Elternhaus entfernt. Von dort fuhr ein langer Tross Staatskarossen über die abgesperrte Rüschebrinkstraße bis zur Einfahrt W4 des riesigen Stahlwerkes Westfalenhütte. Fette deutsche Nobelkarossen für die deutschen Promis, russische Zil für die sowjetische Delegation. In einigen Fahrzeugen saßen nur Sicherheitsbeamte, in den anderen hochrangige Politiker.

    Hubschrauber kreisten in der Luft, und noch nie zuvor hatte ich solch ein Polizeiaufgebot gesehen.

    Zum Glück war ich stolzer Besitzer einer guten Fotoausrüstung. Für mich und für unsere Stadtteilzeitschrift wollte ich Bilder schießen.

    Überall war alles abgesperrt. Nur, weil ich als Anwohner absolut ortskundig war, kam ich der Rüschebrinkstraße recht nahe, scheiterte dann aber auf den letzten Metern am fehlenden Presseausweis. Unmittelbar vor mir waren massenweise Fotografen und Kamerateams. Mich ließ man nicht durch.

    Weitem schoss ich ein paar Fotos von den Fahrzeugen, welche schon einmal in Position gebracht wurden, für die bald eintreffenden Promis. Mehr war jedoch nicht möglich.

    Ich brauchte einen besseren Platz. Zu Fuß hatte ich keine Chance. Da traf ich meinen Freund Hartmut. Er war mit dem schnellen GTI seines Vaters da und bot sich als Fahrer an. Beide kannten wir die Umgebung wie unsere Westentasche. Die Zeit drängte, wir hatten nur einen Versuch. Mit Vollgas umfuhren wir auf abenteuerlichsten Wegen sämtliche Polizeisperren, bis letztendlich mit einem Auto kein Weiterkommen mehr möglich war. Dort sprang ich aus dem GTI und rannte die letzten paar Hundert Meter direkt auf das Tor W4 des Hoesch Stahlwerkes Westfalenhütte zu. Eine Werkseinfahrt, gebaut wie eine Staatsgrenze, mit vielen Spuren für Lastwagen und PKWs und Verwaltungsgebäuden. Weder Reporter noch Zivilisten waren bis hierher vorgedrungen. Lediglich Polizisten befanden sich dort, welche mich total verdutzt anschauten, weil ich plötzlich wie aus dem Nichts auftauchte. Niemand hielt mich auf.

    Beinahe hatte ich die allerletzte Absperrung erreicht, da kam ein gigantischer russischer Wagen angeschossen. Fast wäre er schon durch das Werkstor verschwunden, da stoppte er im letzten Augenblick genau neben mir. In dem ZIL saß Gorbatschow. Er ließ den Wagen extra für mich anhalten, wartete, sodass ich ganz nahe herankommen konnte, hatte die Seitenscheibe heruntergelassen und streckte mir seinen Arm zum Gruß entgegen. Nichts war mehr zwischen dem Staatsoberhaupt und mir. An allen anderen Pressefotografen war er mit hoher Geschwindigkeit vorbei gebraust. Für mich ließ er seinen Wagen anhalten. Ich machte schnell Fotos und war glückselig.

    Die Stelle war ideal, um Fotos zu schießen. Nach und nach kamen auch westliche Staatskarossen angerauscht. Sie mussten hier ebenfalls ihr Tempo drosseln, bevor sie durch die Kurve ins Werksgelände verschwanden. Ich hatte diesen Platz exklusiv für mich, und in einer Tour schossen weitere schwere Limousinen mit führenden deutschen Politikern auf mich zu. Ich machte noch einige Fotos, obwohl sie mir schon fast egal waren. Wer waren schon Johannes Rau, Helmut Schmidt, Willy Brandt, oder Hans-Joachim Vogel. Gorbi war mein wichtigstes Motiv. Ich war trunken vor lauter Freude, weil ich den interessantesten Mann der Welt fotografiert hatte.

    Als ich wieder bei Hartmut im Auto saß, fuhren wir zu dem kleinen Bahnhof Kirchderne. Hier stand noch der Zug, den ich auch noch fotografieren sollte. Denn Hartmuts Vater war Eisenbahnfan, und er wollte die Bilder dieser Sensation seinem Vater zum Geburtstag schenken.

    Die Seite des Bahnhofes, auf welcher Gorbi ausgestiegen war, hatte man gepflastert und renoviert, die andere Seite nicht. Das ist noch heute so.

    Wieder war es schwierig, heranzukommen. Jedoch schon einmal mit Glück gesegnet, gelang es mir, Fotos von der schönen Seite zu schießen.

    Schließlich war alles vorbei und Gorbi weitergereist. Hartmut und ich machten uns auf den Heimweg. Es kehrte endlich etwas Ruhe ein nach der ganzen Hetzerei. Ich ordnete meine Fotoausrüstung. Mein Blick fiel auf all die unbenutzten Filme in der Fototasche. Seltsam! War ich wirklich mit nur zwei Filmen hingekommen. Im Vorfeld hatte ich schon einige Fotos geschossen und während unserer wilden Fahrt zum Tor W4 hatte ich einen neuen Film eingelegt. Wie viele Bilder hatte ich wohl gemacht?

    Das Zählwerk stand bereits bei 38 Fotos. Auf den Film passen eigentlich nur 36. Aber wenn man sparsam einlegt, so wie ich dies immer tat, waren auch schon mal mehr Fotos zu schaffen.

    Wenn der Film dann komplett voll ist, kann man jedoch nicht mehr weiterspulen.

    Ich drückte auf den Auslöser und spulte weiter. Immer wieder. Das Zählwerk begann schon von Neuem an zu zählen.

    Oh je! Was ist die Ursache? Wir rasten zu mir nach Hause und verdunkelten mein Zimmer. Vorsichtig öffnete ich das Filmfach. Hoffentlich war der Film nur gerissen und die ersten Fotos von Gorbi waren trotzdem etwas geworden.

    Aber leider war dem nicht so. Ich hatte den Film von vornherein gar nicht richtig eingelegt. Der Film war komplett unbenutzt.

    Es gab weder Bilder vom Zug, noch von Gorbatschow, noch von sonst irgendjemanden.

    Damals existierten noch keine Digitalkameras und ohne korrekt eingelegten Film war es nicht möglich Fotos zu machen.

    Auch für unsere Stadtteilzeitschrift konnte ich somit keine vernünftige Aufnahme liefern.

    Neben meinem Fleiß war ich zusätzlich abenteuer- und reisefreudig.

    Bisher war ich noch nie in der DDR gewesen. Durch die politischen Veränderungen wurde ich neugierig und wagte kurz nach Gorbis Besuch 1989 meine erste Reise dorthin. Ich schnappte mir den Campingbus meines Vaters, und los ging es.

    Die Grenzkontrolle war ein beklemmendes Ereignis. Noch nie zuvor hatte ich mich derart eingeschüchtert gefühlt. Auch der schlechte Zustand der Straßen, auf der anderen Seite von Deutschland, war atemberaubend. Ich bekam Angst um Papas Wohnmobil. Einem T3-Bulli, mit Hochdach (2,63 m), Surfbretthaltern rechts oben, Fahrradträger am Heck, Anhängerkupplung und kompletter Campingausstattung. Angetrieben wurde dieser Koloss von einem kleinen 50 PS Dieselmotörchen.

    Durch die Holperei löste sich schon auf dem ersten Kilometer in der DDR ein Teil der Deckenverkleidung und fiel herunter. So durfte das nicht weitergehen. Fast wäre ich schon kurz nach der Grenze wieder umgekehrt. Aber die Neugier war stärker als die Sorgen ums Fahrzeug und um Papas Nervenkostüm!

    Auch die vielen Wachttürme wirkten bedrohlich. Unglaublich, so etwas hatte ich nie zuvor erlebt. Die Häuser waren grau und ungestrichen. Zum Teil sah man sogar noch Einschusslöcher, wohl aus dem Krieg, der lange vor meiner Geburt stattgefunden hatte. Was für eine triste und beängstigende Stimmung strahlte das alles aus!

    Primitive, kleine, qualmende Zweitaktautos holperten kreischend die schlechten Straßen entlang. Abgase der Fahrzeuge und von Braunkohleöfen waberten durch die Luft. Derart rückständig und katastrophal hatte ich mir die DDR nicht vorgestellt. Von jetzt auf gleich hatte ich das Gefühl, in einer anderen Welt zu sein. Leider nicht in einer besseren! Unglaublich, dass dies auch ein Deutschland sein sollte.

    Aber die Leute sprachen wirklich Deutsch und waren nett und hilfsbereit.

    Am zweiten Tag meiner Reise erreichte ich Mecklenburg. Eigentlich wollte ich eine Rundreise machen, aber schon in Schwerin lernte ich so nette Leute kennen, dass ich für den Rest des Urlaubs dortblieb.

    Es machte so viel Spaß, dass ich fortan jede Möglichkeit nutzte, hierhin zu fahren. Ich baute mir in Mecklenburg einen Bekanntenkreis auf. Wir feierten, plauderten und unternahmen gemeinsame Ausflüge. Wenn das Wetter warm war, ging es zu einem der vielen Seen oder gar zur Ostsee, auf die Insel Poel.

    Bei diesen Badeausflügen lernte ich FKK kennen und schätzen. Durch meine Erziehung hatte ich bis dato geglaubt, Nacktbaden wäre etwas Unanständiges. Aber hier ging es niveauvoller zu als in einem westdeutschen Hallenbad. Nur halt alles völlig nackt, natürlicher, entspannter und dadurch einfach auch schöner.

    Zu meinen selbstverständlichen Lebenszielen gehörte eine Laufbahn mit gut bezahltem Beruf und kreativen leitenden Tätigkeiten ebenso wie die Gründung einer glücklichen, liebevollen und erfolgreichen Familie. Harmonisch, ehrlich, aufrichtig, fleißig, tolerant und mitfühlend würden wir alle sein.

    Mir war klar, ohne Fleiß würde ich meine Ziele nicht erreichen. Deshalb war ich bereit, in meiner Jugend die Weichen zu stellen. Ich investierte in Arbeit und Fleiß, für später.

    Auszeiten nahm ich mir trotzdem. Am liebsten besuchte ich Mecklenburg.

    Meine Lehre war noch nicht zu Ende, da wurde meine Karriereplanung durch meinen Einberufungsbescheid ausgebremst. So, wie es jeden irgendwann einmal traf, entkam auch ich meiner Wehrpflicht nicht. Nach Abschluss der Lehre sollte es losgehen. Zunächst war mir keine Stelle gut genug gewesen, nun hatte sich die Karriereplanung eh erst einmal erledigt.

    Dieser Zeitpunkt passte überhaupt nicht. Auch weil ich gerade erst mit meiner Freundin Trixi zusammengezogen war.

    Wir hatten uns bereits auf dem Gymnasium kennengelernt, kamen aber erst nach der Schulzeit zusammen. Quasi auf Anhieb zogen wir in eine gemeinsame Wohnung. Ich hatte vorher noch gar keine Beziehung gehabt und war sehr glücklich, so weit gekommen zu sein. Wir teilten einige gemeinsame Interessen und mochten beide Mecklenburg und die Ostsee. Ich war mir sicher, bereits einen wichtigen Schritt in meiner Lebensplanung gegangen zu sein.

    Trotz der absehbaren Frist rückte die Einberufung in den Hintergrund. Meine Konzentration galt erst einmal meiner Lehre.

    Währenddessen ergaben sich stets aufs Neue Gelegenheiten für Abstecher Richtung Ostdeutschland.

    Immer öfter war ich dort und immer mehr Leute lernte ich kennen. Deutsche und Russen. Mit Ausnahme von Gorbatschow waren Russen vorher so etwas wie Monster für mich gewesen. Kriegsgeile Unmenschen, die nur auf die Vernichtung unseres tollen Kapitalismus warteten. Ich hatte Angst vor ihnen. Geprägt durch den Kalten Krieg, glaubten viele Westdeutsche, dass alle Russen nur darauf warteten, uns zu vernichten. Die waren halt die Schlechten und wir die Guten.

    Hier lernte ich diese blutrünstigen Krieger persönlich kennen. Als humorvolle Menschen. Wir verstanden uns auf Anhieb gut und halfen uns gegenseitig.

    Ich, indem ich alte Autos aus dem Ruhrgebiet mitbrachte. Es gab bei uns ein Anzeigenblatt namens Reviermarkt. Eine dicke Zeitung, ausschließlich gefüllt mit Kleinanzeigen.

    Für ganz geringes Geld, manchmal sogar geschenkt, konnte man ohne großen Aufwand Autos bekommen. Ich brachte welche aus Dortmund mit. Meistens begleitete mich Hartmut als zweiter Fahrer. Durch den Verkaufserlös finanzierte ich meine Fahrten. Manchmal blieb auch etwas übrig.

    Meine Sowjets hatten durch uns eine seriöse Bezugsquelle und kamen günstig an die ach so begehrten Westautos. Beide Seiten profitierten. Die Russen waren total glücklich, weil sich auf dem Automarkt zuhauf echte Abzocker tummelten, wir jedoch immer fair und seriös war.

    Wir trafen uns stets bei Ron. Ronni war Mecklenburger und wohnte in der Schweriner Gartenstadt. Fast jeder meiner Besuche begann mit einer spontanen Feier in seinem Gartenhaus. Die Russen waren sehr musikalisch und spielten Akkordeon und Gitarre. Wenn wir schön blau waren, gingen sie dazu über, alle möglichen Westsongs zu spielen, welche die Propaganda den Sowjetbürgern eigentlich streng verboten hatte.

    Ein Nachbar beschwerte sich immer wieder über den Lärm. Eines Abends fühlte sich der mitfeiernde Panzerkommandant – betrunken, wie er war – davon herausgefordert und befehligte einen Panzer zu unserer Adresse.

    Der Panzer wendete in der engen Gasse. Leider musste er bei diesem Manöver den Vorgarten des Nachbarn mitnutzen.

    Danach wurden keine weiteren Beschwerden mehr bekannt.

    Bei einem anderen Besuch kamen ein paar von uns zu vorgerückter Stunde auf die Idee, eine Tanzveranstaltung in der Innenstadt zu besuchen.

    Alle hatten schon kräftig getankt. Ronni, Wanja, Pavel und ich machten uns dennoch auf den Weg. In Ronnis Werkstatt stand ein betagter abgemeldeter Moskwitsch. Schnell irgendwelche alten Kennzeichen dran geschraubt und es ging los. Kurz vor der Innenstadt gerieten wir in eine Polizeikontrolle. Die Volkspolizisten staunten. Der Wagen hatte keine Papiere, alte nutzlose sowjetische Kennzeichen und war voll besetzt mit betrunkenen Männern: einem Einheimischen, zwei Russen und einem Westdeutschen. Die Vopos waren völlig überfordert. Letztendlich ergriff Pavel die Initiative und erzählte eine wirre Geschichte von KGB und wie wichtig wir alle wären.

    Auch nannte er ein paar Namen von hochrangigen örtlichen Persönlichkeiten, für eventuelle Rückfragen, falls es Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit gäbe.

    Mit allem, was Pavel so losließ, ging es uns drei Restlichen immer bescheidener. Es war peinlicher Stuss, vorgetragen mit einem betrunkenen Lallen. Und die Lage war ernst! Was tun, wenn die Polizisten sauer werden? Mit jedem weiteren Wort riss uns Pavel tiefer in den Schlamassel. Aber weder konnten wir ihn stoppen, noch den Vopos sagen, dass er Unfug erzählte. Wie versteinert versuchten wir, die Situation auszusitzen, und fanden uns langsam mit dem Gedanken ab, den Abend in einer Zelle zu beenden.

    Aber – der Bluff funktionierte! Außer Pavel waren alle äußerst erstaunt darüber. Tatsächlich durften wir weiterfahren!

    Was für ein Glück! Nicht nur der nicht angemeldete, verkehrsuntaugliche Wagen, und unsere Trunkenheit hätten uns in ernste Schwierigkeiten bringen können.

    Noch schlimmer: Wanja war ein Deserteur und Pavel einer seiner Vorgesetzten. Was, wenn das bei dieser Gelegenheit herausgekommen wäre?

    Offiziell war Wanja schon lange fahnenflüchtig. Statt seine Zeit bei der Armee zu verschwenden arbeitete er lieber in Ronnis Werkstatt. Wanja machte keinen Hehl daraus, dass er bei der ersten sich bietenden Möglichkeit in den goldenen Westen auswandern würde. Seine Frau Tanja war bereits aus Moldawien angereist, um ihren Gatten sofort begleiten zu können. Offiziell wurde er gesucht, inoffiziell wussten viele Bescheid und hielt den Mund.

    Schließlich profitierten zu viele Personen davon, dass Wanja für kleines Geld in Ronnis Schuppen an den Autos herumschraubte, welche seine Kollegen später weiter Richtung Osten schafften.

    Vor unserer Fahrt in die Stadt waren wir nur Bekannte und einander freundlich gesinnte Geschäftspartner gewesen.

    Diese überstandene Situation schmiedete uns zusammen: Wir wurden richtig gute Freunde.

    Trotz des Schocks besuchten wir wie geplant den Tanzabend. Und fuhren anschließend auch wieder mit dem gleichen Gefährt nach Hause. Noch betrunkener als zuvor und wieder an den gleichen Polizisten vorbei. Die erkannten uns auf Anhieb und winkten freundlich.

    Mein Leben war schön und nicht langweilig. Alles lief in die richtige Richtung. Nur der Einberufungsbescheid machte mir

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