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Berater, Tod und Teufel
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eBook566 Seiten7 Stunden

Berater, Tod und Teufel

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Über dieses E-Book

"Und die Bibel hat doch Recht." Es gibt sie, die Hölle! Keiner will es wahrhaben, bis auch die Leitung des Düsseldorfer Consultingunternehmen MacPride diese bittere Erkenntnis ereilt. Schlimmer noch: Sie muss den Mächten der Finsternis auf verschiedene Weise zu Willen sein. Nicht zuletzt deshalb, weil das ach so saubere Unternehmen in allerlei schmutzige Geschäfte verwickelt ist. Glücklicherweise können sie den nichtsahnenden Mitarbeiter Maximillian Freyer mit dem Beratungsauftrag betrauen, denn die Hölle soll dringend modernisiert werden. Aber damit geht es erst richtig los. Der junge Berater muss mancherlei Widerstände überwinden, bevor er eine Erneuerung einleiten kann. Dies scheint zunächst einfacher, als ursprünglich gedacht, denn auch Luzifer hat keine Lust mehr auf seine Rolle als Zucht- und Kerkermeister Gottes. Doch die himmlischen Mächte versuchen, ihn zur Ordnung zu rufen.
Bevor jedoch der Ort der Finsternis endlich seine finale Bestimmung finden kann, müssen sich die Reformer eines Putsches erwehren, wobei sich der alte Fouché als gefährlicher Gegner erweist. Am Ende kann die Gefahr mit der unbeabsichtigten Hilfe des Präsidenten der USA abgewehrt werden. Nun wäre alles gut, wenn sich nur ein Grundübel beseitigen ließe: die LANGEWEILE. Dagegen ist bis heute noch kein Kraut gewachsen. Der Roman erhebt den Anspruch ihr entgegen zu wirken. Urteilen Sie selbst!
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum18. Apr. 2019
ISBN9783748264989
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    Buchvorschau

    Berater, Tod und Teufel - Stefan M. Voland

    In der Hölle ist der Teufel los

    So konnte es einfach nicht mehr weiter gehen. Überalterte Anlagen, Überfüllung, Personalmangel, aufsässige Delinquenten! Alles ging drunter und drüber. Kleinteufel Lumpazi war fix und fertig. Er als Gruppenleiter musste sich vieles gefallen lassen. Stress allenthalben! Seine Mitarbeiter motzten, klagten und drückten sich, wo sie nur konnten. Er war der Vorgesetzte von sechs Spießgesellen. Aber sie nahmen ihn nicht ernst. Sie verweigerten häufig ihren Dienst mit den albernsten Entschuldigungen. Sie hätten schlecht geschlafen oder Muskelkater oder Hexenschuss.

    Ein bisschen konnte Lumpazi sie verstehen, denn die Arbeitsbedingungen waren seit geraumer Zeit miserabel. Die Hilfsmittel waren unzureichend, ja nicht mehr zu gebrauchen, weil altersschwach. Die Spieße waren rostig und stumpf, teilweise nur provisorisch repariert, die Schäfte brachen häufig wieder ab. Die Vorgesetzten behaupteten bei Beschwerden, das würde gerade die Qualen der Gepeinigten steigern. Eigentlich sollte jeder täglich 400 armen Seelen einen Stich versetzen. Inzwischen wurde allerdings die Akkordleistung erneut auf 500 erhöht, worunter die Qualität der Arbeit litt. So häuften sich Überstunden an, und es gab keine Chance, sie abzufeiern.

    Bezahlung na, ja! Was sollte man damit? Das Geld hatte hier wenig Bedeutung, weil es im gesamten Höllenbereich nichts Interessantes zu kaufen gab, was Lumpazi und seinen Spießgesellen viel Freude gemacht hätte. Der Schnaps war mies, kaum zu genießen. Das hölleneigene Mannschaftsbordell war uninteressant, weil die hierfür abgestellten Damen, die alle den Beruf schon im früheren Leben ausgeübt hatten, in jeder Weise unattraktiv waren. Sie waren komplett abgewirtschaftet. Insgesamt also ein wahrhaft freudloses Dasein. Fast alle Spießgesellen waren kasernenartig in Massenquartieren für 240 Bewohner zu je sechs auf einer Bude untergebracht. Immerhin gab es seit zehn Jahren ein Fernsehprogramm, seit zwei Jahren sogar in Farbe. Allerdings wurde da immer nur Dieter Thomas Heck mit seiner Hitparade gezeigt oder Caroline Reiber und dies in Endlosschleifen. Als die Untersten der Höllenklassengesellschaft waren die Spießgesellen nur durchnummeriert, nicht mal einen Namen billigte man ihnen zu. Woher sie stammten, war von den gebildeten Teufeln noch nicht untersucht worden. Sie waren einfach da und nützlich. So mussten sich die Teufel der höheren Kasten nicht so oft die Finger schmutzig machen und konnten sich den prestigeträchtigeren Foltermethoden zuwenden. Die Putzarbeit immerhin erledigten die von ganz oben zugewiesenen Insassen der Hölle. Aber niemand konnte behaupten, dass es in den Gassen und Folterkammern besonders sauber sei.

    Lumpazi war in einer Zwangslage. Er bekam Druck von unten und Stress von seinem Vorgesetzten, dem Unterteufel Kastelriecher. Mit seinen Beschwerden kam er bei dem da nicht durch. Im Gegenteil: Der Kleinteufel wurde von seinem Chef nur übelst beschimpft, als Faulpelz, versoffenes Loch und unfähiger Lump. Kastelriecher war mit seinen bürokratischen Abläufen voll beschäftigt. Er musste die einfacheren Standardqualen dokumentieren. Einmal in der Woche sollten alle Seelen, die sich im Regelvollzug befanden, mit Spießen gepikst werden. Das war aber reine Theorie. Die Mannschaften kamen da nicht mehr nach. Den Betroffenen war dies natürlich recht.

    Allerdings hatte Kastelriecher den Vorteil, dass er nicht so genau hinschaute, ob die Arbeit zufriedenstellend verrichtet wurde. Schließlich war er für drei Pikadeurgruppen mit insgesamt 18 Spießgesellen zuständig, das reichte für wöchentlich insgesamt 70 000 Gepiesackte. Das war natürlich gar nichts. Hier in der Christenhölle versammelten sich zwangsweise Katholiken, Orthodoxe, Lutheraner, Freikirchler, Baptisten, Methodisten, Mennoniten - es gibt weniger Köter in einem Dorf als Kirchen- und Sektenausrichtungen. Alle, die gefehlt hatten und irgendwann auf die Dreifaltigkeit getauft worden waren, wurden in dieser Hölle ungeachtet ihrer bisherigen Differenzen vereint. Die Gesamtzahl der Verdammten ging gegen Unendlich. Keiner hatte einen genauen Überblick, wie viele da verwahrt wurden. Tatsächlich waren gerade die Christenmenschen hier gelandet, die keine Sekunde daran gezweifelt hatten, dass es sie nicht treffen würde. All diese sollten hier einer entsprechenden Behandlung zugeführt werden.

    Lumpazi und Kastelriecher werden hier nur stellvertretend für die Misere im ganzen Höllenbetrieb aufgeführt. Es war ein durchgängiges Problem, das sich von der untersten Folterebene bis hin zur den ausgefeiltesten Sektoren des Qualenmanagements erstreckte. Die strukturellen und institutionellen Schwierigkeiten waren eigentlich unübersehbar. Denn nicht anders sah es bei der Gruppe der Zahnzieher aus. Jede arme Seele wurde bei ihrer Einweisung vom Oberteufel Höllenpetrus und seinen Mitarbeitern in Karteikarten sehr nachlässig registriert und dann zu Salamanda, Neunschwanz, Rattengöttl und deren Hilfsteufel geschickt. Dort wurden ihr mit Zange und Meißel ohne Rücksicht langsam, aber sicher alle Zähne gezogen. Dieses Prozedere konnte sich über Tage hinziehen. Zähne waren nutzlos, denn feste Nahrung bekamen die Verdammten nicht mehr vorgesetzt. Nur an Festtagen (Luzifertag, Höllensabbat) setzte man ein Rumpsteak oder eine Schweinshaxe all jenen vor, die sich während der Erdentage zu sehr an Fleischspeisen ergötzt hatten. Sie durften diese Köstlichkeiten nur noch anschauen.

    Auch in der Zahnziehersektion war Unlust beim Höllenproletariat angesagt. Dass immer Blut und Speichel über sie hinweg floss, verdross sie sehr, ebenso die ewige Monotonie der Arbeit. In dieser Hierarchiestufe gab es keine Belohnungsmechanismen, bei denen die Qualen der Gefolterten in positive Freudengefühle und kleinere Orgasmen umgewandelt wurden. Dieser Sado-Schutz stand erst den Unterteufeln zu.

    Struktur und Funktion der Höllenhierarchie

    Jetzt ist ein guter Zeitpunkt, die Hierarchiestufen zu erklären. Die Basis bildeten die Hilfsteufel, die die einfachen, periodisch wiederkehrenden Höllenqualen (piksen, Zähne ziehen, geißeln, strecken, mit Eisen glühen, verbrühen und ähnliches) an den Delinquenten zu verrichten hatten. Ihre Vorgesetzten waren die Kleinteufel. Alle waren nicht groß gewachsen und mit Schuppen bedeckt. Auf den Köpfen waren kleinere Hörneransätze sichtbar. Je höher der Rang eines Teufels war, desto größer war der Wuchs und desto länger waren auch die Hörner. Die Unterteufel durften zwar anspruchsvoller foltern, waren aber gleichzeitig auch mit einfacheren administrativen Aufgaben betraut. Sie vollstreckten, was die Teufel, also die nächste Hierarchiestufe, sich an Qualen ausgedacht und ihnen als Arbeitsanweisung gegeben hatten.

    Wäre die Hölle eine Militäreinheit, könnte man die Hilfsteufel und Kleinteufel als Mannschaftsgrade bezeichnen, Unterteufel würden so den Unteroffizieren entsprechen. Die Offiziersränge begannen mit der Dienstbezeichnung Teufel. Oberteufel und Generalteufel hatten die größten Freiräume. Ihnen wurde von der Höllenleitung eigenständiges Denken zugebilligt, weil sie in der Regel vielerlei Spezialaufgaben individuell zu erfüllen hatten. Sie hatten eine normale Körpergröße, damit sie jederzeit in der Oberwelt auftauchen konnten. Zudem waren sie in der Lage, bei Bedarf ihre Hörner, Bocksfüße und Schwänze verschwinden zu lassen.

    All die Außendienstler richteten auf der Erde lange Zeit jede Art von Verwirrung an. Die Meisten waren, wie die Bibel lehrt, als gefallene Engel schon von Anfang an dabei. Goebbels war aber, um Missverständnissen vorzubeugen, keiner von ihnen, wenn er auch deren Bild weitgehend entsprach. Nein, diese Herrschaften waren in der Oberwelt nicht so leicht zu erkennen. Es war ihre Aufgabe, Unheil anzurichten. 200 bis 450 Teufel auf Erden genügten, um Trouble zu verursachen. Zu besonderen Zeiten konnten Tausende am Erdenjammer mitwirken. In den letzten Jahren hielten sie sich weitgehend zurück, weil auch die Menschen immer besser darin wurden, selbst Verwirrung und Elend zu stiften.

    Generell war der Strafenkatalog in der Unterwelt so abgestimmt, dass eine offensichtliche Verbindung zwischen der Sünde und der Art der Strafe bestand. Insbesondere bei den Todsünden blieb dieses Prinzip erkennbar. Den wollüstigen Männern wurden nach ihrer Einweisung und dem obligatorischen Zähneziehen die Genitalien abgeschnitten. Da diese aber immer wieder nachwuchsen, war die Kastration einmal im Monat fällig. Am Tag bevor ihnen diese Strafe mit Hilfe zweier Backsteine erneut zu teil wurden, durften sie sich 24 Stunden komplett fühlen, ehe das Schicksal des Eunuchen sie erneut ereilte.

    Die nymphomanischen Frauen wurden in das Mannschaftsbordell verfrachtet, wo sie dann schwarze Bändchen zu tragen hatte. So wurde erkennbar, dass sie allen Hierarchiestufen zu Willen sein mussten. Man könnte annehmen, dass dies den Sexsüchtigen Spaß machen könnte, aber die Mannschaftsteufel hatten kleine Widerhaken an ihren bescheidenen Gliedern.

    Die Geizigen mussten zuschauen, wie ihre Erben das hinterlassene Geld fröhlich verprassten. Die Neidischen durften mit ansehen, wie Dax-Vorstände immer weitere Boni kassierten, während verstorbene Mitglieder der FDP- Bundestagsfraktionen ihnen im Chor vorsangen: „Schämt Euch! Es geht nach Leistung! Sie haben all dies verdient. Ein dreifach Hoch den Besserverdienenden." Allerdings war dies nur noch ein Gekrächze. Der Vortrag klang, als hinge eine Schallplatte fest. Der Chor war kaum besser dran als die Neidvollen.

    Die Unersättlichen mussten 20 kg vom Reisbrei der Firma Müller binnen 24 Stunden vertilgen, andernfalls bekamen sie es mit der neunschwänzigen Rute zu tun. Dies so Jahr aus, Jahr ein! Zu trinken gab es nur ein Gläschen Sauermilch alle 6 Stunden.

    Nicht besser erging es den Hoffärtigen. Sie mussten auf Satansbällen in Lumpen erscheinen, frisch importiert aus Kalkutta und weggeworfen von den allerärmsten Indern. Sie standen abseits, während die Höllenelite ihr Gepränge zeigte.

    Frei nach Dichter Villon wurde den Lästerern die Zunge bis aufs Blut geschabt.

    Fast waren die Sünder zu beneiden, die den ganzen Katalog an Todsünden während ihrer Erdenzeit abgearbeitet hatten. Sie hatten wenigstens ein bisschen Abwechslung in dem täglichen Hölleneinerlei.

    Nicht so übel ging es den Büßern, die die katholischen Kirchengebote missachtet hatten. Sie durften in der Hölle mit einer gewissen Sympathie rechnen. Zu wenig kommuniziert, nicht gebeichtet und das Fasten vergessen, war halb so wild. Sie mussten lediglich den Höllenboden staubsaugen, nass wischen, wachsen und schließlich bohnern. Das nahm man aber nicht ganz so genau. Nur vor den Höllenfeiertagen musste alles blitzblank sein.

    Worauf bei dieser Schilderung verzichtet wird, sind die besonderen Foltertechniken, die, wie erwähnt, von den höheren Chargen angeordnet und von den „Unteroffizieren" exekutiert wurden. Zu groß ist die Gefahr, wenn all die schlimmen Sonderstrafen, die weit über das Ziehen der Finger- und Zehennägel, die üblichen Elektroschocks und Streckbänke hinausgingen, bekannt würden. CIA, Mossad, FSR und all die anderen kleineren fiesen Dienste könnten darin Anregungen für ihren Alltagsgebrauch finden. Übrigens wurde das Waterboarding, nachdem die SS und der CIA sich dessen auf Erden bedient hatten, als wirksames Folterinstrument auch in der Unterwelt zum Schrecken der Insassen eingeführt. Da dürfen sich noch einige Befürworter dieser Strafe auf Erden darauf freuen, nach ihrem Ableben selbst in diesen Genuss zu gelangen.

    Auch Fleischproduzenten, die mit ihrer Massentierhaltung und Tierquälerei auf Erden reich geworden sind, müssen sich darauf einstellen, dass sie in den institutseigenen landwirtschaftlichen Betrieben, die dazu dienen, die oberen Ränge der Teufel mit Wurst und Braten zu versorgen, für sich ein Plätzchen in den engen, dreckigen Ställen reserviert vorzufinden. Zwischen mittleren oder großen Sündern wurde schon fein unterschieden. Für letztere wurden individuelle Behandlungen ausgedacht. Die bekannten schlimmen Gestalten der Weltgeschichte gehörten bestimmt zu den Letztgenannten. Wesentlich größer war die Anzahl derer, die nicht so im Licht der Öffentlichkeit standen.

    So weit die Theorie. Die Praxis war, wie mehrfach schon betont, häufig eine andere. Es war den Eingeweihten offenkundig, dass es zwar theoretisch ein stimmiges, in sich geschlossenes System der Höllenstrafen geben sollte, aber dass deren Exekution in der Praxis mangelhaft blieb und letztendlich willkürlich gehandhabt wurde.

    Der Reformer

    Oberteufel Heidensack hatte sich vorgenommen, all diese Unzulänglichkeiten bei der nächsten Abteilungsleitersitzung zur Sprache zu bringen. Vorab versuchte er einige seiner Kollegen zu beeinflussen, um sie bei seiner geplanten Grundsatzdebatte als Unterstützer zu gewinnen. Er hielt sich dabei an die Kameraden, die die tägliche Praxis in der Hölle weniger kannten, weil sie bevorzugt mit Administration und Außendienst beschäftigt waren. Sein Versuch, mit Hannsdampf darüber zu reden, scheiterte. Denn Hannsdampf war, anders als sein Namen vermuten ließ, genau das Gegenteil, nämlich ein Schisshase. Nach dem langen Vortrag von Heidensack meinte er nur, dass bisher ja alles gut gegangen sei, und man sich nur Ärger einhandeln würde, wenn man an den Strukturen etwas ändern wolle. Zudem würden die Vorgesetzten dies als Kritik verstehen, und er fürchte sich vor einer Degradierung. Er könne das ja ansprechen, wenn man sich am 21.April träfe, aber er würde ihn nicht unterstützen wollen. Heidensack wandte sich von Hannsdampf enttäuscht ab. Auch bei Pufflouis fand er wenig Zustimmung. Dieser meinte, dass ihm zurzeit eh die Motivation fehle, weil er doch bei der letzten Beförderung zum Generalteufel übergangen worden sei.

    So blieb nur noch ein Teufelsfreund, von dem sich Heidensack Unterstützung versprach. Haderling bestätigte ihm, dass er ihm bei seiner Analyse Recht geben müsse. „Probieren wir es mal. Es wird doch immer von der Höllenleitung behauptet, dass Anregungen und Kritik willkommen seien, sofern sie produktiv und nicht destruktiv gemeint sind. Nehmen wir unseren Direktor Fliegenfreund beim Wort. Du trägst vor, ich werde mich auch zu Wort melden und Dir beistehen, damit sich danach auch die Ängstlichen und die Lauen getrauen, was zu sagen."

    Als endlich die 13 Oberteufel und der Direktor und Generalteufel Fliegenfreund sowie ein Protokollant, der als Normalteufel nicht namentlich aufgeführt wurde, beisammensaßen, mussten sie wie immer auf ihren Kollegen Eiterbeutel warten. Dann legte Heidensack los. „Werte Kollegen! Ihr wisst es, ich weiß es, es läuft bei uns nicht so, wie es sein sollte und sein könnte. Ich erlaube mir deshalb, eine schonungslose Situationsbeschreibung vorzulegen und hoffe, dass ihr mir dies nicht verübeln werdet. Aber es gibt keine Alternativen mehr. Wir brauchen Reformen!"

    Da mussten die Teufel aber lachen, denn Reformen, die einige seit ihren Besuchen auf der Erde bestens kannten, verschlimmerten meist den Zustand und schaffte nur Verdruss bei den damit drangsalierten Menschen. Sie wussten, dass dieser Begriff immer gebraucht wurde, wenn die Politiker mal ihr Wahlvolk richtig hinter die Fichte führen wollten. „Na schön, meinte Heidensack, „ich meine es ernst. Lasst uns von Verbesserungen reden. Aber schon machte er den nächsten Fehler, als er anführte, es gäbe keine Alternativen zu seinem Konzept. „Den ollen Trick kennen wir von Thatcher, Schröder und Merkel!, brüllte Waldspatz in die Runde, „so blöd sind wir nicht, uns vorgaukeln zu lassen, dass ausgerechnet der Heidensack den Königsweg kennt. Jetzt war es an Haderling einzugreifen. „Kollegen, streiten wir uns doch nicht um solche Begriffe. Lasst zumindest mal unseren Zuständigen für den Standardstrafvollzug, Heidensack, vortragen, wie er die Situation einschätzt, dann können wir weitersehen, was wir zu tun oder zu lassen haben." Dankbar warf Heidensack Haderling einen Blick zu. Er wollte nun seine zweite Chance nutzen. Er räusperte sich und fuhr fort:

    „Die Hölle hat einen Teil ihres schrecklichen Rufes verloren. Die unteren Chargen werden frech, einige machen, was sie wollen, die Disziplin ist unter aller Sau. Die Strafdienste werden nur noch sehr nachlässig verrichtet. Die Folterstationen gleichen häufig eher einer Skatrunde. Dies gilt für den großen Standardbereich genauso wie für den VIP-Bereich. Nur noch siebzig Prozent der geplanten Pein wird noch durchgeführt und dies auch noch in mieser Qualität. Häufig erscheinen die Gesellen und die Unterteufel nicht mehr zum Dienst. Und wenn, stehen sie rum und klönen, anstatt zu arbeiten."

    „Mensch Heidensack, was redest du da!, rief Kotzebub dazwischen, „Du bist doch für diesen Beritt zuständig. Ich sehe da ein Versagen Deinerseits, wenn es da beim Strafvollzug nicht klappt.

    Jetzt wurde es richtig persönlich, Heidensack giftete zurück, „Deinen Job möchte ich haben. Beschaffungswesen, wie toll. Da funktioniert aber auch gar nichts, ich werde da gleich darauf zu sprechen gekommen. Will man was ordern, bringst Du das auch nicht auf die Reihe. Deine Mitarbeiter sind so was von abweisend und unkooperativ. Fehlt was auf dem Riesenformular, das du immer verlangst, selbst wenn es nur um Nägel geht, und sei es nur ein i-Punkt und ein Komma, beschwerst Du Dich gleich bei unserem wertgeschätzten General Fliegenfreund. Du lieferst, wenn überhaupt, erst nach acht Wochen."

    „Jetzt reicht’s mir!, schrie mit einem Ruf wie Donnerhall der Generalteufel dazwischen. „Dass ihr Euch auf den Tod nicht ausstehen könnt, weiß hier jeder. Aber ich habe keine Lust mehr, mir Eure Kindereien anzuhören. Entweder haltet Ihr euch an unsere Umgangsregeln oder Ihr könnt mich kennen lernen.

    Beschwichtigend fügte er noch hinzu: „Heidensack, ich schätze es, dass Du die Initiative ergriffen hast und so offen die Probleme darlegst. Andererseits muss ich Kotzebub Recht geben. Du hast Deinen Laden nicht im Griff. Wir treffen uns nach dem Feiertag um 9.00 Uhr morgens wieder, da will ich Konstruktives hören. Kein Reformgeschwätz, sondern echte Lösungsansätze! Und ab mit Euch!"

    Heidensack war bedient. Da engagiert man sich und kriegt dann so eine übergebraten. Ihn reute schon sein Vorgehen. Immerhin kamen drei Standesgenossen auf ihn zu und versuchten ihn etwas aufzubauen. Es ist also nicht immer so, dass in der Hölle der eine dem anderen sein Teufel ist. Dennoch gibt es natürlich auch Machtspiele. Es bilden sich da und dort Koalitionen auf Zeit, um eigene Interessen leichter durchsetzen zu können. Zu tiefer Zuneigung war kaum einer in dieser Unterwelt im Stande. In Anbetracht dessen war es für Heidensack schon erstaunlich, dass neben Haderling auch Pufflouis, der Resignierende, ihn aufzumuntern versuchten. Auch Eiterbeutel, der Verspätete, meinte gegenüber Heidensack, dass er in der Sache Recht habe, und er seinen Mut bewundere. Dennoch sah Heidensack mit Bangen der nächsten Sitzung entgegen.

    General Fliegenfreund eröffnete diese ohne große Präliminarien und kam gleich zur Sache. Er habe keine Lust auf weitere Diskussionen. „Bei uns wird rasch entschieden und zwar folgendermaßen:

    Erstens: Weil Heidensack offenkundig mit seiner Abteilung überfordert ist, werde ich ihn von der Verantwortung für die Standardstrafen abziehen. Ob und wann er neue Aufgaben übernehmen wird, wird die Zukunft weisen. Zunächst soll er sich am besten nicht mehr blicken lassen. Versagen wird in meinem Verantwortungsbereich nicht geduldet. Zwischenzeitlich soll sich Bärentreiber um diese Strafabteilung kümmern, bis eine dauerhafte Lösung gefunden wird."

    Heidensack zuckte auf seinem Holzstuhl zusammen, er wagte nicht zu widersprechen. Neun hämische Augenpaare richteten sich auf ihn. Insbesondere Kotzebub grinste breit, aber das sollte sich rasch ändern. Denn der General fuhr fort.

    „Zweitens werde ich meinen Adjutanten Schweißsocke sowie Haderling beauftragen, die Abteilung Beschaffung genauer zu untersuchen und vorübergehend die Geschäfte zu führen. Bis auf weiteres ist Kotzebub suspendiert. Sollten sich die Vorwürfe der Nachlässigkeit und Dienstvergessenheit bestätigen, hat dies selbstverständlich Konsequenzen.

    Drittens habe ich mich mit Belzebub dahingehend verständigt, dass wir generell überlegen wollen, was wir tun können, um wieder Schwung in die Hölle zu bringen. Es ist nicht so, dass wir den Eindruck haben, dass bei uns alles rund läuft. Es kann auch für andere noch unangenehm werden. Manche von Euch werden Heidensack vielleicht noch beneiden, der immerhin Courage bewiesen hat. Das wär‘s. Ab an die Arbeit. Und jeder von Euch kann sich überlegen, ob seine Dienstauffassung den heutigen Anforderungen noch genügt." Dass Fliegenfreund mit Belzebub über die Probleme gesprochen hat, war eine glatte Lüge und sollte sich noch rächen.

    Zufrieden lächelte der General vor sich hin. Hatte er es denen mal wieder gezeigt. So sieht Führung aus! Ohne Angst und Druck kann man den Höllenladen nicht führen. Da kann sich sein im Rang gleicher Kollege Generalteufel Lodenjodel, dieser Schleimer, der sich viel darauf einbildet, für die Außenkontakte zuständig zu sein und stolz auf seine Manieren ist, ruhig mal eine Scheibe abschneiden. Er winkte dem namenlosen Protokollanten sowie Schweißsocke und Haderling zu. Sie sollten noch einen Moment bleiben.

    „Also hört mal zu. Bei der Untersuchung des Beschaffungswesens interessiert mich nicht, ob und wie schnell da gearbeitet wird. Ich will Kotzebub loswerden. Ich will Beweise für Vetternwirtschaft und Korruption. Dreht mir jedes Papier dreimal um. Kotzebub darf nicht zu seinen Leuten zurück. Kappt ihm auch das Telefon. In spätesten zwei Wochen will ich Ergebnisse sehen."

    Hatten sich die Oberteufel vor dem General zu fürchten, so war es nicht viel anders für ihn, wenn er mit Belzebub, dem Chefberater und Stellvertreter von Luzifer, zu tun hatte oder mit dem Serenissimus direkt. Er hatte ja seine Position nicht nur seiner Härte, sondern auch seiner Servilität zu verdanken. Schließlich gibt es in der Führungsspitze des Höllenreichs Intrigen, von denen sich ein normalunsterblicher Teufel keine Vorstellung macht.

    Heidensacks Vortrag blieb auf ihn nicht ganz ohne Wirkung. Er selbst hatte ja nicht nur beim Normalstrafvollzug immense Defizite festgestellt. Auch in den übrigen zwölf Abteilungen musste er bei seinen Inspektionen Widersprüchliches und viele Leerläufe registrieren. Er war nun entschlossen, selbst ein Memorandum zu verfassen, in dem er beabsichtigte, für Reformen zu plädieren. Ihm war egal, was seine Untergebenen von dem Begriff hielten, denn die Obrigkeit konnte durch sie nur gewinnen, wenn man es richtig anstellte.

    Als erstes sortierte Fliegenfreund seine Gedanken. Er ließ sich über Schweißsocke eine gewisse Eva Braun kommen, die von ihrem seit langem verstorbenen Gemahl verdonnert worden war, Steno und Schreibmaschine zu lernen. „So was kann eine junge Frau immer gebrauchen. Man weiß nie, für was dies gut sein kann", hatte dieser mit seinem sattsam bekannten rollenden R der Blonden geraten. Jetzt war es so weit. Eva konnte sich, wenn sie den Job gut machen würde, kleinere Vorteile versprechen. Immerhin wurde sie, so lange sie gebraucht wurde, nicht gepisackt. Sie durfte hierfür sogar ihr Dirndl wieder anziehen, das ihrem Adi immer so gut gefallen hatte. Busen zeigen, Beine etwas gespreizt, doch Fliegenfreund hatte dafür keinen Blick. Er diktierte:

    Memorandum des Generals Fliegenfreund

    Quartier der Strafexerzierdivison, Höllensteig, den 13. Anusmonat, 6021 nach dem Befreiungskrieg

    Empfänger Serenissimus

    S. Excellenz Belzebub

    Lodenjodel (zur Info).

    Allerhochwohlgepriesene,

    in dem brennenden Bemühen, Euch und unserer Sache zu dienen, bitte ich untertänigst um Gehör. Nicht Ehrgeiz oder Vermessenheit veranlassen mich zu diesem Schritt, sondern die Hoffnung, Ihnen und unserem Reich behilflich zu sein.

    Mögen Sie mir meine deutliche Ansprache verzeihen. Aber ich sehe leider keine andere Möglichkeit, als Ihnen meine Thesen frank und frei zu präsentieren, die da lauten:

    Wir sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Unser Außendienst versäumt es, uns mit den

    Errungenschaften der Erde, wie Telefontechnik, Auto, Maschinenkraft, Junk-food, Manipulationstechniken und anderes mehr vertraut zu machen. Ich rege an, von Lodenjodel zu diesem Punkt Rechenschaft zu verlangen.

    Wir werden mit armen Seelen überschwemmt. Dies liegt nicht nur an dem irdischen Bevölkerungswachstum, sondern auch daran, dass die sogenannten Kirchen nicht mehr in der Lage sind, ihre zugewiesenen Schäflein beisammen zu halten. Hierzu ein paar Zahlen. Um 1700 (irdischer Zählung) fuhren 15 % der Seelen, bevorzugt Adel, Geistlichkeit und Advokaten bei uns ein. Der Vollzug ließ sich damals problemlos bewältigen. Heute sind die Zuweisungen in relativen Zahlen auf 67 % gestiegen. Diese Steigerung ist aber nur nebensächlich, denn das Bevölkerungswachstum hat sich inzwischen etwa verzehnfacht. Das bedeutet, dass wir heutzutage mit dem 45-fachen Zugang an Delinquenten zu rechnen haben. Und dies Jahr für Jahr!

    Daraus resultiert die Notwendigkeit, dass unsere Abläufe verbessert, neue Techniken eingeführt und der Personalbesatz erhöht werden muss. Zwar hat sich die Zahl der Hilfsteufel seit dreihundert Jahren verdreifacht, aber dies reicht bei weitem nicht aus.

    Die Arbeitsmoral ist auf allen Ebenen gesunken. Wir müssen, um wenigsten den Notbetrieb aufrecht erhalten zu können, auf die zugewiesenen Perversen, Sadisten, Henker und Schergen zurückgreifen, damit wir nur ein Mindestmaß an Effektivität erreichen. Diese Gruppen sind nur dann zu gewinnen, wenn sie im Gegenzug selbst Straferleichterung erhalten. Ich will da nicht von Gerechtigkeit reden, es ist einfach nur ein unhaltbarer Zustand.

    Mit großer Sorge beobachte ich die Zunahme von Korruption in allen Bereichen. Als erste Maßnahme habe ich Heidensack (wegen Unfähigkeit) und Kotzebub wegen demselben hässlichen Delikt suspendiert (Ihre Einwilligung voraussetzend). Ich musste einfach für das mittlere Management ein Zeichen setzen.

    Alle unsere Einrichtungen sind veraltet und bedürfen einer Sanierung.

    Der Respekt vor uns sinkt überall. Ein Bericht von Lodenjodel darüber, wie unser Bild auf Erden ist, wäre hilfreich. Ich gehe davon aus, dass man uns dort nicht mehr wahrnimmt. Nur so ist die Erhöhung unserer Seelenzahl für mich erklärlich. Dies bedarf jedoch noch einer genaueren Untersuchung. Haben wir hierfür das entsprechende Personal, das eine solche Studie erstellen kann?

    Zudem schlage ich vor, dass wir ausgewählte Zugeführte aufs Genaueste befragen, damit wir ein besseres Bild von der Situation auf Erden bekommen. So halten es die Geheimdienste oben auch, indem sie Flüchtlinge und Überläufer aushorchen. Wir könnten eventuell vom Wissen der Menschen profitieren.

    Hochwohlgeborene, es wäre noch vieles zu bemängeln, aber es steht mir nicht zu, Sie mit noch mehr Unerfreulichem zu belästigen. Ich bitte in aller Demut um Verzeihung für meine Anmaßung.

    Ihr ergebenster Diener

    Fliegenfreund

    Leiter des Strafvollzuges

    Die Not einer Bürokraft

    Eva notierte. Steno konnte sie leidlich, und sie versuchte, den Text dann auf der mechanischen Schreibmaschine zu tippen. Leider stellte das Resultat Fliegenfreund nicht zufrieden. Offenkundig hatte diese Dame bei ihrem Eintritt in die Unterwelt den Fragebogen hinsichtlich ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten geschönt.

    Fliegenfreund wagte nicht, seinen Vorgesetzten das Dokument in dieser fehlerhaften Form zu präsentieren. „Eva, sagte er, „nur weil Du den Namen der Frau trägst, die die Urmutter des Menschengeschlechtes ist, will ich nochmals Gnade walten lassen. Bis morgen liegt mir das Papier fehlerfrei und in perfekter Ausfertigung vor, sonst wirst Du mich kennen lernen. Deinen Mann kann ich nicht härter bestrafen, der sitzt nämlich schon mit einem zänkischen Weib in einem Kessel und muss deren Rechthabereien und Flüche aushalten. Ich erzähle Dir das nur, weil ich nicht weiß, wie Du zu Adolf stehst und ob Du seinen jetzigen Status kennst. Aber diese Thatcher ist schon ein übler Besen, selbst Josef Stalin wimmerte um Gnade, als er mit ihr zwei Tage zusammengesperrt wurde. Also halt Dich ran. Eva zog ihren Rock glatt, wurde bleich und stotterte: „Eure Gnaden, entschuldigt bitte meine Vermessenheit, aber ich werde Sie nicht noch einmal enttäuschen. Fliegenteufel wandte sich ab und ging. Eva, das arme Luder, zitterte am ganzen Leib. Flugs überlegte sie, welche Sekretärin aus dem Tausendjährigen sie noch kannte. Nach langem Suchen fand sie die Resl, die ihrem Verstorbenen auch immer schöne Äuglein gemacht hat, doch diese wies sie hochmütig ab. Kein Versprechen konnte sie erweichen. „Du hast mir den Adi weggeschnappt. Recht so, dass Du hier bist. Mein armer Schnuckiputz, und Du übles Fotzmäu (Anmerkung: bayrischer Folklorebegriff) sollst sehen, wo Du bleibst.

    Eva suchte weiter nach einer Bürokraft mit Schreibmaschinenkenntnissen. Doch alle infrage kommenden Kandidatinnen wiesen sie ab. Endlich kam ihr ein rettender Gedanke. Sie bat den Unterteufel Käfermus, den sie nur flüchtig kannte, und der ihr gelegentlich eindeutige Avancen machte, einen Blick in die Kartei zu werfen. Da war doch der SS - Mann Wilhelm Murr, der hatte eine kaufmännische Lehre absolviert, ein Selbstmörder aus dem Jahr 1945 und in Treue mit Adolf fest verbunden.

    Sie fand ihn nach langem Suchen in der Anstalt Anorganische Chemie, wo er die verschiedensten Giftsorten im Test auszuhalten hatte und ganz blau und gelb im Gesicht war. Murr war froh, dass es für ihn eine Unterbrechung gab. Er kannte Eva von seinem Besuch auf dem Obersalzberg, wo er auch Blondi, den Schäferhund des Führers, streicheln durfte. Er war für ihr Anliegen ganz Ohr. Nur der Kleinteufel Vagabundis wollte Murr nicht ziehen lassen. Also musste Eva wieder über das riesige Terrain zurück, um Käfermus erneut zu belästigen, was sich dieser bestimmt von ihr noch mehrfach bezahlen lassen würde. Aber das war Eva im Moment egal, als sie dem Vagabundis endlich eine Freistellungsverfügung für Murr vorlegen konnte. Dieser maulte und fluchte auf alles, was einem Christenmenschen heilig ist, ließ Murr aber ziehen.

    Wenn auch Murrs Schreibmaschinenkenntnisse eingerostet waren, er gab sich alle Mühe, um der Frau Hitler, vormals Braun, behilflich sein zu dürfen. Er strahlte vor Glück, als er Eva das Dokument überreichen wollte. Doch Eva war so unter Stress und in Eile, dass sie das Papier aus der Maschine riss, obwohl es noch fest eingespannt war. Das Dokument war nicht mehr DIN-A 4, sondern zerfiel in mehrere DIN-A 6 Teile. Was für ein Schreck! Murr wollte ihr eine scheuern, besann sich aber im letzten Moment darauf, wen er da vor sich hatte. Also auf ein Neues. Nun durfte er sich keinen Fehler mehr leisten, denn Fliegenfreund hatte nur zehn Bogen Papier bereitgestellt, da Schreibmaschinenpapier in der Hölle rationiert war. Ganz langsam tippte er den Text erneut und ein kleines Wunder geschah. Er war fehlerfrei! Evchen war ganz glücklich und gab dem 57-jährigen einen Kuss auf dessen ungewaschenen Mund, wobei sie noch die Giftampulle schmecken durfte, die er am 14. Mai 1945 zerbissen hatte. Eva H. bat den Adjutanten Schweißsocke, zu Fliegenfreund vorgelassen zu werden. Dieser saß da, trank Kaffee und las das Dokument mit einem zufriedenen Lächeln. Dann verzog er das Gesicht, denn er stolperte über das Wort, das er so nicht stehen lassen konnte: ‚arme Seelen‘, das war ein Terminus, den die Gegenseite als ihren Kampfbegriff gebrauchte. Er rieb sich kurz an seiner riesigen Nase und blaffte: „Schreib das neu, aber tempo! Ich habe die Änderung eingefügt." Eva erschrak. Aber dann fiel ihr ein, dass sie kein Papier mehr hatte.

    Fliegenfreund beschimpfte sie wegen der Verschwendung und hieb ihr mit dem bereitliegenden Lineal so auf die Finger, dass der kleine brach. Eva heulte auf. „Jetzt kann ich aber mit dieser Hand nicht mehr Maschinenschreiben." Sie war zugleich erleichtert, weil sie glaubte so aus dem Schneider zu sein. Aber da kannte sie den General schlecht.

    „Lächerlich! Lass Dir bei der Roten Pfote (Anmerkung: das Rote Kreuz hatte an diesem Ort nichts verloren) einen Verband machen. In drei Stunden will ich das Memo wiedersehen und wehe, wenn Du nur irgendwem den Inhalt verzapfst! Dann wird es Dir und Deinem Adolf schlecht ergehen!"

    ‚Großer Mist. Hoffentlich redet Murr nicht. Wenn der nicht dichthält, dann gute Nacht‘, erkannte Eva. Sie hatte vergessen, ihn zum Schweigen zu verpflichten. „Wo bekomme ich jetzt das verdammte Schreibmaschinenpapier her?, wagte Eva einzuwenden. „Verdammt bist Du und nicht das Papier, kanzelte der Generalteufel sie ab. „Ich lasse zwei Bögen auf die Schreibstube kommen. Wehe, Du kommst damit nicht aus!"

    Eva erbleichte. „Warum kann nicht die Schreibstube selbst den Brief verfassen? „Werde nicht frech; Du warst mal eine große Dame im Dritten Reich, was wir sehr schätzten, aber das gibt Dir nicht das Recht, aufsässig zu werden! Es geht Dich zwar nichts an, weshalb ich Dich beauftragt habe, aber ich möchte nachvollziehen können, wer geplappert hat, falls die Geheimhaltung nicht funktioniert. Da muss ich mich nur an Dich halten. Dann Gnade Dir Wotan, und die wird er Dir nicht schenken. Eva fuhr der Schreck erneut in die Glieder. ‚Wenn Murr die Klappe nicht hält, habe ich ein dickes Problem‘, schoss es ihr durch den Kopf. Aus dem anderen Leben wusste sie, wie geschwätzig die höheren Parteichargen im Regelfall sind. Wie sollte sie dies in der Kürze der Zeit auf die Reihe kriegen? Erneut Fliegenfreund zu erzürnen wagte sie nicht.

    So stürmte sie los, um Murr zu finden. Aber der wurde gerade einer Sonderbehandlung unterzogen und war nicht aufzufinden. In ihrer Not erinnerte sie sich an ihre Schwester Gretl, die den Stallknecht Fegelein geheiratet hatte, der später Inspekteur für Reit- und Fahrwesen im SS- Führungshauptamt sowie Verbindungsoffizier zwischen Hitler und Himmler gewesen war. Allerdings ließ Adolf seinen Schwager wegen Fahnenflucht im Garten der Reichskanzlei zehn Tage vor Kriegsende erschießen. Seitdem verweigerte sich Gretl gegenüber ihrer Schwester Eva.

    Gretl arbeitete ja bei Heinrich Hoffmann als Sekretärin, da müsste sie das Dokument doch schreiben können. Wiederum über Käfermus fand sie ihre Schwester, die gerade die großen Kessel reinigen musste. „Liebschwesterlein, Du musst mir helfen! Schreibe dies bitte rasch ab. Ich habe hier eine ‚Gabriele‘. Ich stehe gewaltig unter Druck, wenn ich nicht in zwei Stunden den Wisch einer hohen Instanz abliefere."

    „Wo warst Du, als Hermann erschossen wurde? War ich da nicht auch in größter Not? „Sei froh, dass ich Dich von diesem Rüpel befreit habe. Zudem habe ich Dich bei meinem Mann verteidigt, der Dich wegen deiner ewigen Raucherei nicht mehr sehen wollte. Ich brauche Dich! Du kannst von mir haben, was Du willst. „Okay, dann gehst Du für mich die nächsten drei Stunden Kesselputzen. Fällt ja keinem auf, keiner kennt Dich hier in diesem Block und wir sehen uns ja etwas ähnlich."

    Eva umarmte ihre Schwester zum ersten Mal, seit sie sich an diesem unwirtlichen Ort getroffen hatten. Nach zwei Stunden hatte Gretl das Teufelsmemo sauber abgeschrieben. Da sie TIPEX kannte, konnte sie ein zweimaliges Vertippen kaschieren. Eva eilte zurück zu Fliegenfreund. Zwei Minuten zu spät! Als gute Deutsche wusste sie, was dies bedeuten konnte. Doch der General hatte die Uhr nicht im Blick. „Gib her, knurrte er die Blonde an. Sie reichte ihm das Papier. Er warf einen Blick darauf und fand nichts Auffälliges. „Was glotzt Du noch? Verschwinde! Eva räumte das Feld. In diesem Moment klingelte das Telefon. Fliegenfreund erkannte die Nummer und stand stramm. Beim Aufstehen fiel ihm die Kaffeetasse um.

    Fliegenfreund versucht Belzebub zu überzeugen

    „Beim heiligen Vitzliputzli!, verfluchte er sein Malheur. „Oh nein, Euer Gnaden! Verzeiht!

    Es war Belzebub am anderen Ende. „Was ist das für ein Heiliger?, ertönte es aus der Muschel. „Mit solchen haben wir nichts zu schaffen. Wer hat Dir ins Hirn gekackt, Du dummer Fliegenschiss?

    Fliegenfreund, der völlig auf dem falschen Fuß erwischt wurde, erwiderte mit zittriger Stimme: „Nein, oh Exzellenz. Das ist kein christlicher Heiliger, das ist ein Aztekengott oder doch einer von den Mayas? „Dann entscheide Dich, Du blöder Ochse. „Sie wissen doch, dass ich mir nie eine solche Blasphemie erlauben würde, einen von den Anderen herbeizurufen."

    „Na schön. Mir sind schlimme Sachen zu Ohren gekommen. Bei Dir geht es drunter und drüber. „Deshalb wollte ich Sie ja sprechen. Ich habe erste Maßnahmen eingeleitet und für Sie, Exzellenz und für den Serenissimus ein Papier vorbereitet. „Das will ich gleich sehen, bring es her."

    Fliegenfreund erbleichte. Wie konnte er mit dem Memo, das mehrere Kaffeeflecken aufwies, vor Belzebub erscheinen? Weder wischen noch radieren half. Die braunen Abdrücke blieben. Er nahm das Papier und ärgerte sich, dass er keine Durchschläge hatte anfertigen lassen. Es gab ja keinen Kopierer in der Hölle, weil die Dinger bei dieser Hitze eh nicht funktionieren konnten. Mit den schlimmsten Befürchtungen machte er sich auf seinen schweren Gang. Belzebub ließ ihn warten. So saß Fliegenfreund wie ein schulschwänzender Pennäler vor dem Rektorat, bis er vom Bürochef Malefitz aufgefordert wurde einzutreten.

    Der Generalteufel verbeugte sich tief vor Belzebub. „Gib schon her. „Mir ist ein bedauerlicher Zwischenfall unterlaufen. „Lass Deine Sprüche, gib mir Dein Papier. Belzebub warf nur einen Blick darauf. „Was, willst Du mich verscheißern? Hast Du Deinen Arsch damit geputzt? Das ist eine Zumutung!, legte Belzebub los. „Ich lasse mir das von solchen Typen wie Du einer bist nicht bieten!"

    „Das wollte ich gerade erklären. Mir hat eine hinterfotzige Nazibraut Kaffee auf das Dokument geschüttet, gerade als Sie, Exzellenz, mich angerufen haben. „Was hast Du mit der zu schaffen? Wolltest mit ihr huren? Mir ist es eigentlich egal, mit wem Du es treibst, nur die Arbeit darf darunter nicht leiden. Wenn Du Deine Schlampen nicht unter Kontrolle hast, wundert es mich nicht, dass es in Deinem Verantwortungsbereich drunter und drüber geht. Dein Scheißpapier lese ich nicht. Du wirst bald von mir hören.

    Fliegenfreund verabschiedete sich mit einer noch tieferen Verbeugung und vergaß, die Tür zu schließen, was ihm gleich wieder einen Rüffel einbrachte. „Bei allen Hurenwaibeln des 30jährigen Krieges, ist der blöd! Wie konnte es so einer so weit bringen, ließ Oberteufel Malefitz sich vernehmen, der schadenfroh diesen Auftritt mitverfolgt hatte und sich zugleich bei Belzebub einschmeicheln wollte. Doch dieser reagierte unwirsch: „Halt Du Deine Klappe. Wen wir wohin setzen, kann Dir egal sein. Sei froh, dass ich Dich nicht wieder zu den Weihwassertestern versetze.

    Generalteufel Fliegenfreund war nicht mehr zu erkennen. Er war wirklich nur noch ein Häufchen Elend. Man konnte es im Höllensystem weit bringen, aber wenn man die Gunst der Vorgesetzten verlor, war es genauso wie in allen autoritären Systemen. Man konnte schön tief abstürzen, oft sogar im Verlies verrotten. Dabei hatte so ein Teufel weder Ratten noch Vipern zu fürchten, sondern nur die Sterbenslangeweile, ohne Aussicht auf ein Ende durch den Tod. Keine Vergünstigung, keine Lustbarkeiten mehr!

    So wartete Fliegenfreund, was nun geschehen würde. Abgeklärtheit und Ruhe waren nicht sein Ding. Auf Freunde durfte er eh nicht zählen, denn er hatte es mit fast allen verdorben, sah man von Luzifer und Belzebub ab. Seine intrigante Art hatte ihm bei seiner bisherigen Karriere geholfen. Er hatte da so einige Tricks drauf, andere in Misskredit zu bringen, war darin geübter als alle lebenden und toten Römer zusammen, die jemals den Namen Pius trugen, wobei die Hauptstädter bekanntlich Meister des Diskreditierens sind.

    So zog er sich in sein Büro zurück und wollte weder von Schweißsocke noch von einem anderen Paladin gestört werden. Er dachte nach, suchte Verbündete, fand jedoch keinen einzigen. Er hatte alle verprellt. Wie konnte seine Verteidigungsstrategie aussehen? Er könnte Luzifer direkt kontaktieren, auf seine Verdienste hinweisen und ihm erklären, wie das mit dem versauten Memo zustande gekommen war. Doch er verwarf diesen Gedanken, weil Luzifer seine Eingabe Belzebub zeigen würde und vermutlich würden beide herzlich lachen. Erschießen konnte er sich nicht, und selbst wenn dies möglich wäre, war er zu feige dazu. Was blieb? Seinen Abschied einzureichen. Das würde den Verlust aller Privilegien nach sich ziehen und den Einzug in die Kommune der Ausgeschiedenen und Aussortierten. Er hatte keinen blassen Schimmer, was dort abging. Sicher, aufgrund seines Ranges würde man ihn nicht in die Besenkammer verbannen, aber es wäre auf alle Fälle Schluss mit lustig. Er ließ sich dann von Schweißsocke eine Flasche Höllenbrand kommen. Es war ihm egal, welchen Eindruck er da bei seinem Untergebenen hinterließ. ‚Scheiß drauf. Wenn ich unten bin, werden sich eh alle bis zu den Unterteufeln hämisch das Maul verreißen, da spielt eine Flasche Schnaps auch keine Rolle mehr.‘

    „Trink einen mit, befahl er Schweißsocke, wohl wissend, dass dies einer der letzten Befehle sein würde, die er ihm geben konnte. „Ach verfluchte Inzucht, lass mich in Ruhe, überlegte er sich es doch anders. Schweißsocke, obwohl er die Launen des Alten kannte, schaute ihn verdutzt an. „Glotz nicht so blöde!" Das war eigentlich dumm von Fliegenfreund, denn er war, wenn er bald ein Nichts sein würde, umso mehr auf Verbündete angewiesen. Leise vor sich hin grummelnd zog sich der so Angeraunzte zurück.

    Seinen trüben Gedanken nachhängend, vergrub sich Fliegenfreuend allein in seinem Büro.

    Belzebub nahm trotz der braunen Kleckse das Memo von Fliegenfreund vor und dachte nach. Er kam bald zum Entschluss, dass er mit Luzifer reden musste. Er ließ sich über Malefiz einen Termin beim Höllenfürsten geben. Der persönliche Referent Asmodée, ein eitler Fatzke, ließ ihn wissen, dass der Serenissimus nicht zu sprechen sei, er sich aber wieder melden würde, wenn ein Termin zu haben sei. Also rief Belzebub seinen alten Freund direkt an und bekam die Aufforderung, zu einem Gläschen Champagner vorbei zu kommen. Wie der Chef an das von Mönchen entwickelte Edelgetränk rankam, blieb dem Vize ein Rätsel. Hatte er sich doch noch Kanäle zur Gegenpartei offenhalten können? Egal, ist seine Sache, dachte sich Belzebub.

    Ein Herz und eine Seele

    Luzifer empfing ihn mit einem breiten Grinsen. „Na, Du alter Stinker, wie geht’s, wo brennt’s? Komm, setzt Dich auf meinen Gästestuhl, mach es Dir bequem. Der Stuhl war ein zusammengekrümmter lateinamerikanischen Caudillo, der sich nicht regen durfte. Belzebub kannte ihn kaum. Er wusste nur, dass der CIA diesem vor über 40 Jahren zur Macht verholfen hatte. Es war für beide nicht bequem, aber das war die Art von Humor, wie Luzifer ihn mochte. „Lass den alten Sack doch in Ruhe. Setz Dich auf mein Chaiselongue.

    Belzebub kannte das Möbel von den zahlreichen trauten Sitzungen. Das Relikt stammte aus dem Vatikan, als die Söldner Frundsbergs Rom im Mai 1527 plünderten und Clemens VII. sich in die Engelsburg verkrümelte.

    Der Diwan war stark durchgesessen. Luzifer ließ sich von Asmodée zwei Gläser bringen, öffnete galant die Flasche, dieses Mal kein Mönchsgebräu, sondern von der Witwe Clicquot geschüttelt und schenkte ein. Es perlte. „Na prost, Du alter Sünder. Belzebub wusste außer: „Prost, mein Erzhöllenfürst, nichts zu sagen.

    „Na, was gibt’s?, fragte der Chef generös. „Ich habe vernommen, dass es Ärger gibt. Wird halb so wild sein. „Nichts, was wir nicht unter Kontrolle haben, meinte der Stellvertreter. „Aber wir müssen schon wachsam sein, damit uns niemand auf der Nase herumtanzt. „Den möchte ich sehen, entgegen ihm der Luzifer. „Hat doch keiner von denen den Schneid dazu. „Hast Recht, wie immer", befleißigte sich Belzebub zu sagen. Trotz aller Jovialität Luzifers vergaß Belzebub nie, wer letztendlich das Sagen hatte. Er war nicht so vermessen, dessen Autorität in Frage stellen zu wollen. „Mit auf der Nase tanzen, meine ich nur, dass wir aufpassen müssen, dass Laschheit und Aufweichung in unserem durchdachten System uns nicht um die Früchte all unserer Bemühungen bringen. Ich stelle halt fest, dass einige aus dem oberen und mittleren Management nachlässig arbeiten, ja

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