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Erwachen - Eine Reise in Corona-Zeiten
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eBook471 Seiten6 Stunden

Erwachen - Eine Reise in Corona-Zeiten

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Über dieses E-Book

Aus Furcht vor einer fatalen Diagnose flieht die Hamburger Schriftstellerin Heidi nach Thailand. Am Flughafen Bangkok lernt sie die Pariser Buchhändlerin Brigitte kennen. Obwohl die beiden Frauen nicht unterschiedlicher sein könnten, freunden sich die introvertierte Atheistin Heidi und die quirlige, spirituelle Brigitte an.
Acht Jahre später ist es Heidi, die Brigitte in den letzten Tagen ihres Lebens pflegt. Danach hat sie ein so sonderbares Erlebnis, dass sie anfängt ihre eigene Einstellung, hinsichtlich einer möglichen Wiedergeburt der Seele, nochmals zu überdenken. Brigitte war zudem überzeugt, das Jenseits präsentiere sich einer Seele in der Form, an die ihr Wirt geglaubt hatte.
Als Heidi selbst zehn Jahre später stirbt, offenbart sich ihrer Seele Flör das Jenseits als Insel mit tropischem Flair. Genau hier fängt auch die Geschichte an. Flör beginnt nur widerwillig mit der Aufarbeitung ihrer Leben. Unterstützt wird sie dabei von ihrem, zuweilen sehr sarkastischen Verstand, der gleich mehrere Geheimnisse hat. Immer wieder flüchtet Flör sich auch in Ablenkungen: Kann man im Jenseits beispielsweise Wein trinken oder Sex haben?
Viele Antworten bekommt sie auch von Olim, der ihrem Ruf nach Gesellschaft folgt. Doch erst als Olim bereit ist, erneut zu inkarnieren, stellt sich Flör auch ihrer letzten Inkarnation Heidi und wagt den Blick zurück. Zurück in die Zeit, als sie Brigitte kennenlernte und die darauffolgenden Corona Jahre, bis sie schließlich den Mut aufbringt, sich Heidis eigenen Tod noch einmal anzusehen.
Danach beginnt auch Flör, ihre nächste Inkarnation ganz bewusst zu planen, sodass sie Olim und Brigittes Seele wiederbegegnen kann. Dafür erhält sie die Möglichkeit, in die Zukunft der Erde zu schauen. Das, was Corona nicht schaffte, schafft ein neues Virus. Und obwohl an diesem Virus niemand stirbt, zwingt es die Menschheit doch endlich zum Umdenken, hinsichtlich der Ausbeutung der Erde.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum19. Mai 2020
ISBN9783347073746
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    Buchvorschau

    Erwachen - Eine Reise in Corona-Zeiten - Kristine Weitzels

    Kapitel 1

    In einem Kosmos voller unendlicher Unendlichkeiten,

    wäre diese Geschichte nur eine Möglichkeit von Unzähligen,

    aber nichtsdestotrotz eine Reale.

    Die Autorin

    Du bist im Paradies, denke ich. Kein Pseudo-Paradies wie der Club Med oder irgendein 5 Sterne Luxus-Ferien-Resort. Nein, nein, dies hier ist das echte Paradies.

    Jeder weiß doch, wenn man tot ist, kommt man ins Paradies.

    »Oder in die Hölle«, kläfft mein Verstand prompt.

    Wie auch immer, denke ich verstohlen und versuche geflissentlich, meinen Verstand zu ignorieren. Hier sieht es jedenfalls nicht nach Hölle aus. ―Und tot zu sein, ist nichts, wovor man sich fürchten muss, wie ich gerade feststelle!

    Jedem das Seine und einen freien Geist.

    Und weil mein Geist zu Lebzeiten auch nicht vom Glauben irgendeiner Religion verkorkst wurde, bin ich jetzt genau da, wo ich sein wollte: Im Paradies! Und nicht in der Hölle!

    Stopp. Den letzten Satz muss ich noch mal überdenken. Denken geht ganz gut. Ich dachte: Und weil mein Geist zu Lebzeiten….

    Lebzeiten trifft es aber nicht ganz, denn genau genommen — ja, es muss genau genommen heißen und nicht eigentlich — lebe ich noch immer. Mein Verstand ist messerscharf. Nur meine Füße sind jetzt größer!

    Mein Geist ist jedenfalls so lebendig wie eh und je.

    Ist es der Geist oder die Seele? Oder beides? Oder ist es Jacke wie Hose? Ist es nur Wortklauberei? Wenn ich denke, und das tue ich gerade, womit denke ich dann? Wenn ich immer noch Füße habe, wäre es nur logisch, auch einen Kopf und ein Gehirn zu haben.

    Weil ich mich aber nicht traue, nach oben zu fassen, dorthin wo der Kopf säße, denn dazu müsste ich erst mal rausfinden, ob ich überhaupt Hände habe, schiele ich weiter in Richtung Boden. Dorthin wo meine viel zu großen Füße sind. Die Füße sehe ich schon die ganze Zeit.

    Heißt das, ich halte den Kopf gesenkt?

    Ich weiß es nicht. Ich sehe ein paar Füße. Ich SEHE sie wirklich.

    Heißt das, ich habe Augen?

    Ich weiß es nicht.

    Was sagte der Reinkarnationstherapeut damals?

    „Und nun werfen Sie zuerst einen Blick auf Ihre Füße und sagen Sie mir, was Sie wahrnehmen!"

    Plattfüße, noch dazu viel zu große. Und das ist definitiv mehr als nur eine Wahrnehmung!

    Die können unmöglich von mir sein! Oder stimmt etwas mit meinen Augen nicht?

    Eine anderes Bild brennt sich gleißend in meine Gedanken: Das von einem total entstellten Körper, dessen riesige Plattfüße nicht das einzig Abartige sind.

    Da hilft alles nichts. Um Klarheit zu bekommen, bewege ich die Hände, bis sie in meinem Blickfeld erscheinen. Dabei denke ich nicht, sondern tue es einfach. Allerdings nicht, ohne nervös zu schlucken.

    Meine riesigen Füße werden jetzt von zwei Händen fast verdeckt. Sie sehen aus wie immer. Schnell zähle ich die Finger: Es sind zehn.

    Aber das Schlucken war irgendwie komisch.

    Bevor mein Mut mich verlässt, greife ich nach dort, wo der Kopf sein müsste. Er ist da. Genau wo er hingehört, inklusive Hals und Ohren. Ich spüre meine Hände wie sie meinen Kopf ertasten, aber ich fühle es nicht. Das ist paradox, aber mir egal. Mein Kopf ist jedenfalls nicht deformiert, weder zu klein noch zu groß. Selbst meine langen Haare spüre ich und weiß sogar, dass sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden sind. Und wenn ich meine Augen ganz nach rechts unten drehe, erkenne ich den dunkelbraunen Zipfel eines Pferdeschwanzes, der über die Schulter auf meine Brust fällt.

    Erleichtert atme ich auf. Das Atmen ist genauso komisch wie vorhin das Schlucken. Aber darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Stattdessen tastet meine Zunge automatisch nach der kleinen Lücke zwischen den beiden oberen Schneidezähnen. Das mache ich immer, wenn ich nervös bin. Die Lücke ist da. Ich spüre sie genauso, wie ich meine Haare spüre, ohne sie wirklich zu fühlen. Aber auch darüber will ich jetzt nicht nachdenken.

    »Nun denn, alles ist gut, bis auf die Plattfüße«, sagt mein Verstand, obwohl ich ihn nicht um seine Meinung gebeten habe. Aber so ist er nun mal.

    Na ja, denke ich, Schwimmhäute zwischen den Fingern oder ein drittes Auge auf der Stirn wären schlimmer gewesen.

    Ich bewege mich, hebe meinen Kopf und drehe mich um. Mein Blick schweift in die Ferne. Ich sehe Palmen, Sand und Meer. Es ist schön hier, genauso wie ein Paradies an einem Sommertag zu sein hat. Nur der Himmel ist milchig trüb. Ich frage mich, wie warm es wohl ist. Irgendwie kann ich die Wärme weder spüren noch fühlen.

    Aber vielleicht ist die Temperatur im Paradies ja eher neutral. Oder gar nicht vorhanden?

    Meine Füße hinterlassen im feinen, makellosen Sandstrand riesige Abdrücke: Bigfoot im Paradies! Mein Humor scheint jedenfalls noch da zu sein, ebenso wie mein Verstand.

    Das Meer ist ganz ruhig. Ich gehe ein paar Schritte darauf zu, bis es zärtlich meine Füße umspült und sie noch größer aussehen lässt. Doch das Wasser kommt mir vor wie Milliarden und Abermilliarden winzig kleinster, blau-grün schimmernder Liebesperlchen.

    »Das sind Moleküle«, sagt mein Verstand.

    Für mich sind es Perlchen, Liebesperlchen. Sie schmiegen sich aneinander und formen den Ozean. Beim Verlassen des Wassers perlen sie allesamt ab und werden wieder eins mit dem großen Kollektiv, das den Ozean formt.

    Ich löse den Blick von meinen seltsamen Füßen und dem seltsamen Wasser. All das sind Dinge, über die ich noch nicht nachdenken möchte. Stattdessen entdecke ich in der Ferne ein hellblaues Strandhaus unter Palmen.

    Vielleicht bin ich ja doch im Club Med?

    Vor dem Strandhaus stolziert ein pickendes Huhn auf und ab.

    Wie kommt denn dieses Huhn hierher? Ist es auch gestorben? Und hatte es denselben Wunsch wie ich — sein „tot sein" betreffend?

    Das Strandhaus ist das einzige Anzeichen von Zivilisation. Wege gibt es keine, nur Sand. Er ist allerdings so leicht und filigran wie kleine, feine Schnipsel aus hauchdünnem Kunststoff. Und wie das Wasser hat auch er ein Eigenleben, denn jedes Mal, wenn ich meinen Fuß hebe, bleibt kein einziges Körnchen daran kleben.

    »Sieh es mal von der positiven Seite«, frotzelt mein Verstand. »Was das Wasser betrifft, sparst du dir das Abtrocknen und was den Sand angeht, schleppst du ihn zumindest nicht in die Bude!«

    Ich ignoriere ihn weiterhin. Eine reine Schutzmaßnahme. Stattdessen gehe ich nun zielstrebig weiter in Richtung Strandhaus.

    Vielleicht ist es ja doch ganz gut, das mit den Plattfüßen, denke ich dabei, denn mit den Dingern lässt sich auf dem Sand ganz gut laufen.

    Bestimmt kann man damit auch viel schneller schwimmen.

    In High Heels werde ich damit zwar nicht mehr passen, aber wer braucht die schon, wenn es überall nur Sandstrand gibt?

    Wenn es Sommer ist, und danach sieht es aus, muss es warm sein und wo es warm ist, muss es eine Sonne geben, und wo es Sonne gibt, gibt es Schatten — meinen Schatten.

    Ich sehe aber keinen und genau genommen weiß ich noch nicht mal, ob es wirklich warm ist!

    »Es gibt keine Schatten, weil es im Paradies keine feste Materie gibt. Jedenfalls nicht so wie du Materie von der Erde her kennst«, meldet sich mein Verstand schon wieder und diesmal klingt er ziemlich altklug.

    Deshalb auch das komische Schlucken, der komische Sand und der komische Ozean, denke ich und ärgere mich gleichzeitig, weil ich auf meinen Verstand eingegangen bin, statt ihn zu ignorieren. Und natürlich hört er all meine Gedanken und dann spüre ich zu allem Überfluss auch noch, dass er zustimmend nickt. Das ist nicht nur paradox, sondern durch und durch gaga: Spüren, dass der eigene Verstand nickt!

    Und warum muss er nur immer so gnadenlos ehrlich sein? Genau deshalb wollte ich ihn doch ignorieren!

    Andererseits bin ich auch froh, dass er noch da ist. Irgendwie ist er gerade das einzig Vertraute, aber das muss ich ihm ja nicht unbedingt auf die Nase binden. Dabei weiß ich noch nicht mal, ob es überhaupt möglich ist, ihm irgendetwas vorzuenthalten.

    Was mich wirklich schockiert, ist die Tatsache, keinen Körper aus Fleisch und Blut mehr zu haben. Gleichzeitig spüre ich wieder, dass ich noch nicht so weit bin, mich damit jetzt schon auseinanderzusetzen. Zwar hat mein „Ich" hier durchaus menschliche Umrisse, aber die feste Materie eines irdischen Körpers fehlt.

    Mir kommt ein weiterer Gedanke: Vielleicht habe ich ja so große Füße, damit sie mich am Boden halten?

    Auch hier gibt es nämlich etwas, das ähnlich funktioniert wie Schwerkraft. Deshalb perlt das Wasser ab, genauso wie der Sand nach unten rieselt.

    Schwerkraft ist das, was die Lebewesen auf der Erde daran hindern soll, in die vierte Dimension zu reisen.

    Dieser Satz ist plötzlich in meinem Kopf, ohne das mein Verstand dabei seine Finger im Spiel gehabt hätte. Ich habe ihn schon früher gehört, als Theorie. Nun weiß ich, dass er stimmt.

    Vielleicht habe ich deshalb so große Füße, damit ich nicht von hier verschwinden kann? Vielleicht halten sie mich an diesem Ort, damit ich nicht reise? Aber wohin sollte ich reisen? Gibt es noch andere Dimensionen als die von eins bis vier und dieser hier? Ob das Huhn auch größere Füße hat?

    Mein Interesse an dem Federvieh ist geweckt! Während ich darauf zugehe, wird mir bewusst, dass meine äußere Erscheinung hier eine jüngere Ausgabe meiner selbst ist. Viel jünger. Vielleicht so wie ich mit Anfang 40 aussah, als ich Brigitte kennenlernte. Vielleicht sogar ein bisschen besser, ein bisschen größer und ein bisschen athletischer. Plötzlich finde ich die Plattfüße gar nicht mehr so schlimm. Der Rest wiegt sie mehr als auf.

    Dann stehe ich vor dem Huhn. Seine Füße sehen ganz normal aus. Allerdings ist es sehr dick und trotzdem sehr schön. Sein Gefieder ist schokoladenbraun. Es hat einen wohlgezackten, grellrot leuchtenden Kamm und niedliche kleine rote Kehllappen. Die Farben sind intensiv, trotz der fehlenden Materie.

    Das Huhn pickt imaginäres Futter von einem Streifen Grün, direkt unter einem der Fenster des Strandhauses.

    Das Strandhaus — jede Wette, dass ich weiß, wie es im Inneren aussieht!

    Schnell steige ich über die drei Stufen zur überdachten Veranda. Einen Moment befürchte ich, dass sie mich nicht tragen und meine Füße einfach durch sie hindurchgleiten wie durch Zuckerwatte. Nichts dergleichen geschieht. Auf der Veranda steht ein gemütlich aussehender roter Schaukelstuhl. Einem Impuls folgend setze ich mich hinein und blicke auf das türkisschimmernde Meer. Obwohl das Wasser sich sanft bewegt, fehlt sein gewohnter Klang. Kein noch so leises Meeresrauschen erreicht meine Ohren. Ich lausche angestrengt, doch im Paradies herrscht Totenstille.

    Ich traue mich auch nicht, zu rufen. Stattdessen denke ich an das komische Schlucken und mir wird klar: Schlucken ist ein Reflex, den ich hier nicht mehr benötige.

    »Genauso wenig wie das Klimpern mit den Augenlidern oder das Atmen«, fügt mein Verstand nüchtern hinzu.

    Ich wünschte mir wirklich, er müsse nicht ständig das letzte Wort haben und seufze.

    »Ach…«

    Ich traue meinen Ohren kaum.

    War das nur Einbildung oder habe ich diesen Seufzer gerade wirklich gehört? Und warum gibt mein Verstand immer nur dann seinen Senf dazu, wenn er nicht gefragt wird?

    Ich seufze noch mal.

    »Ach?«

    Da — wieder! Jetzt bin ich mir ganz sicher, das Seufzen gehört zu haben. Mein Herz hüpft vor Freude. Es lebt, obwohl es eindeutig nicht mehr schlägt. Auch das ist paradox.

    Und warum höre ich mein Seufzen, nicht aber die Brandung?

    Ich erinnere mich daran, wie eine sanfte Meeresbrandung klingt. Immerhin habe ich einige Jahre an einer Strandpromenade gewohnt und diesen wunderschönen Klang niemals vergessen. Wohl aber für den Rest meines Lebens schmerzhaft vermisst.

    In meiner Erinnerung erklingt das leise Rauschen einer ruhigen See, die sanft an auslaufende Ufer schwappt. Ich schwelge einen Moment in dieser Erinnerung — und dann ist es da, das Geräusch, nicht nur in meiner Erinnerung.

    Plötzlich höre ich auch das Knirschen der Kufen des Schaukelstuhls auf den Holzbohlen der Veranda. Plötzlich spüre ich die leichte Brise, die das Meer bewegt. Und plötzlich spüre ich angenehme Wärme. Es ist alles da — in meiner Erinnerung. Ich musste sie nur frei-las-sen!

    Aber ich spüre auch noch etwas anderes: Erleichterung und Glück. Erleichterung nicht nur wegen der Erkenntnis, sondern auch, weil ich wirklich etwas spüre. Vielleicht fühle ich nicht. Fühlen im Sinne von Tasten. Aber ich spüre. Ich spüre deutlich die Wärme und die Freude darüber. Und was noch viel wichtiger ist: Ich spüre die Freude darüber, dass ich noch Gefühle habe und lebe, wenn auch anders.

    Kann man tot sein und trotzdem leben?

    Ich wiederhole den Gedanken und hoffe, dass mein Verstand die Antwort kennt, doch er schweigt.

    Meine Gedanken kehren zurück zur Einrichtung des Strandhauses. Ich kenne das Haus. Ich weiß, dass dort ein kleiner, giftgrüner Gecko wohnt. Er hat ein winziges Bett, dessen Gestell mal eine Bastverpackung für Cherry-Tomaten war. Getrocknetes Gras und Moos dienen als Matratze. Das Bettchen steht auf einem Nachttisch, der rechts neben einem großen Bett steht. Auf der gleichen Seite befinden sich auch ein offener Kamin mit einem Ohrensessel davor und ein kleiner Schreibtisch. Das Bett dominiert den Raum. Von dort kann man durch die geöffnete Doppeltür hinaus aufs Meer blicken. Links vom Bett stehen ein Kleiderschrank und ein großes Bücherregal. Dort geht es auch in eine Mini-Küche. Sie hat ein Fenster, durch das man ebenfalls das Meer sieht. Die Fensterbank ist so breit, dass sie als Theke dient, unter der zwei Barhocker stehen. Auf ihnen sitzend kann man sein Essen genießen und gleichzeitig die Wellen beobachten.

    »Wozu eine Küche, wenn du keine Nahrung mehr brauchst?«, meldet sich mein Verstand und mir entgeht nicht sein sarkastischer Unterton. So klingt er, wenn er beleidigt ist. Ich lasse mich nicht beirren und bleibe auf das Haus fokussiert.

    Es gibt sogar ein Bad! Und bevor mein Verstand sich auch dazu abfällig äußert, stehe ich auf und gehe hinein.

    Alles ist genauso, wie ich es mir vorgestellt habe.

    Na, was sagst du jetzt, rufe ich triumphierend, wenn auch nicht laut, sondern nur in Gedanken. Wenn ich keine Küche brauche und natürlich auch kein Bad, warum sind die beiden Räume dann vorhanden?

    Und warum stehen in der Küche ZWEI Hocker, obwohl ich hier ganz alleine bin?

    Ich will eine Antwort. Stattdessen spüre ich, dass mein Verstand weiter schmollt.

    Sei's drum, denke ich und wende mich wieder dem Raum zu. Ich sehe das kleine Bettchen, des grünen Geckos, und ich sehe das große Bett, welches in Zukunft meins sein wird.

    Fast warte ich darauf, dass mein Verstand sich auch darüber lustig macht: Wozu brauchst du ein Bett? Du wirst eh nicht schlafen. Nur der Organismus eines materiellen Lebewesens, aus Fleisch und Blut, und die Betonung liegt dabei auf „Lebe und nicht auf „Wesen, benötigt Schlaf, äffe ich ihn nach. Doch mein Verstand hält die Klappe.

    Jedes Detail dieses Raumes nehme ich in mich auf. Alles ist so, wie ich es mir wünsche. Über dem Bett hängen sogar ein großer Ventilator und ein Moskitonetz. Gleichzeitig höre ich einen abfälligen Laut und schüttle den Kopf, weil mein Verstand es einfach nicht lassen kann.

    »Pfft«, macht er. »Wozu brauchst du den Miefquirl an der Decke? Und ein Moskito wird deine blutleeren Neutrinos wohl auch nicht mehr piesacken!«

    Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Verstand hier ein merkwürdiges und äußerst spitzzüngiges, ja fast schon penetrantes Eigenleben entwickelt. Er kommt mir jetzt auch viel präsenter vor als früher. Zwar liegt mir die gepfefferte Antwort schon auf der Zunge, aber ich schlucke sie hinunter. Mein Verstand hat nämlich noch etwas anderes gesagt, das mich aufhorchen lässt: Er hat mich als Neutrinos bezeichnet.

    Da war doch was, denke ich.

    Fieberhaft krame ich in meiner Erinnerung.

    Da ist es: Neutrinos haben eine feste Materie und sind dennoch in der Lage, selbst Planeten zu durchschlagen!

    Irgendwer hat irgendwann mal irgendeinen Nobelpreis für diese Entdeckung bekommen. Und weil ich mich zu „Lebzeiten" auch ein wenig für Quantenphysik interessierte, immerhin war ich mal mit einem Physiker verheiratet, weiß ich das.

    Ist es das, was ich jetzt bin? Ein Haufen Neutrinos, der die Kraft hat, mein ehemaliges menschliches Erscheinungsbild mithilfe von Molekülen widerzuspiegeln? Wenn ja, was heißt das? Was bedeutet das für mich?

    »Die Frage sollte lauten: Was bedeutet das für die Gesamtheit des Universums«, bemerkt mein Verstand.

    Kapitel 2

    Es gibt ein Auge der Seele.

    Mit ihm allein kann man die Wahrheit sehen.

    Platón

    Plötzlich werde ich unglaublich müde und sinke auf das Bett. Einer alten Angewohnheit folgend, ziehe ich dabei den Haargummi aus meinem Pferdeschwanz und streife ihn über mein Handgelenk.

    Augenblicklich schlafe ich ein. In Gedanken höre ich noch, wie mein Verstand mich wieder korrigiert und sagt: »Du schläfst nicht ein, du träumst weg. Nur der Organismus eines materiellen Lebewesens, aus Fleisch und Blut, und die Betonung liegt dabei auf „Lebe und nicht auf „Wesen, benötigt Schlaf!«

    Also gut, ich träume. Ich träume, dass ich nach unten schaue und ein paar sehr dunkle, fast schwarze Füße sehe.

    Bin das wirklich ich? Sind das meine Füße?

    Die Antwort lautet ja, keine Frage.

    Na jedenfalls sind es keine Plattfüße, denke ich und seufze.

    Ich bin jetzt im Körper eines jungen Eingeborenen, der nur mit einem spärlichen Lendenschurz bekleidet ist. Es ist sehr heiß und mitten am Tag. Aus einem Versteck heraus beobachtet er gerade eine Gruppe von Männern. Dabei spüre ich deutlich die Neugierde, die er dabei empfindet. Einer der Männer hat rote Haare und jede Menge Sommersprossen, ein anderer ist blond und blauäugig. Ich weiß, dass der Eingeborene noch nie zuvor einen weißen Mann gesehen hat! Er muss sich die Hand vor den Mund halten, um nicht laut loszulachen und dadurch sein Versteck zu verraten. Es sind die Knickerbocker der Männer, die der Junge so lustig findet.

    Mitten im Busch haben diese Leute ein Lager aufgeschlagen. Sie haben eine Konservendose mit Bohnen geöffnet und den Inhalt in einen Topf geschüttet, der über dem Lagerfeuer hängt.

    So banal mir diese Handlung erscheint, so faszinierend ist sie für den jungen Eingeborenen. Ich weiß, dass er sich letzte Nacht, als die Fremden schliefen, in ihr Lager geschlichen und an einer, der leeren und achtlos weggeworfenen Konservendosen geschnitten hat. Er findet, der Inhalt stinkt bestialisch und er fragt sich, wie man so etwas essen kann.

    ><><><

    Obwohl sein Dorf einen halben Tagesmarsch entfernt liegt, verbringt der Junge viel Zeit mit dem Beobachten der Fremden. Aber er ist ein schneller Läufer und im Dorf vermisst ihn auch niemand. Er hat keine Pflichten, anders als seine beiden älteren Brüder. Solange er keine eigene Familie hat, kann er tun, was er will. Im Dorf gäbe es zwar ein passendes Mädchen, aber er ist noch nicht so weit. Er ist noch nicht bereit, ganz alleine und nur mit einem Holzspeer bewaffnet, ein großes Raubtier zu erlegen. Viele seiner Brüder kamen dabei ums Leben. Doch nur wer das schafft und überlebt, darf sich eine Frau nehmen.

    Er fragt sich wozu? Frauen bekommen ständig Kinder und ihre Männer sind nur noch auf der Jagd, um das Essen für sie herbeizuschaffen. Jagen ist aber gefährlich. Deshalb ernährt er sich lieber von Früchten und Insekten. Er glaubt, das Mannsein ist nichts für ihn und aus diesem Grund fühlt er sich im Dorf unwohl. Viel lieber ist er hier draußen bei den Fremden.

    Es ist Nacht geworden und der Dschungel erfüllt von den schaurigsten Geräuschen, doch das kümmert ihn nicht. Gebannt beobachtet er die Männer, deren Lager jetzt von Öllampen erhellt wird. Für ihn sind das magische Lichter und er fragte sich, woher diese Männer wohl kommen.

    Am liebsten würde ich ihm sagen, dass es sich um eine Expedition handelt, aber ich weiß, das geht nicht! Ich erlebe die Erinnerung an eine meiner früheren Inkarnationen, ohne eingreifen zu können. Obwohl ich alles durch die Augen dieses Jungen sehe und genau spüre, was er damals fühlte, habe ich nicht die Möglichkeit einzugreifen oder ihm zu helfen.

    Einige der Expeditionsmitglieder fangen wilde Tiere, hauptsächlich Affen und Vögel, die sie dann in Käfige sperren. Der blonde Mann dagegen, er scheint der Expeditionsleiter zu sein, zeichnet seine Umgebung und sammelt Blätter und Blumen, die er dann in einem Buch mit weißen Seiten presst.

    ><><><

    Wieder ist Zeit vergangen. Der blonde Mann hat verschiedene Früchte gesammelt, die er probiert. Als er eine Handvoll dunkler Beeren nimmt, spüre ich, wie sich plötzlich der Herzschlag des Jungen erhöht. Wild gestikulierend und schreiend stürzt er aus seinem Versteck auf den Mann zu! Er schlägt ihm die giftigen Beeren aus der Hand, fast gleichzeitig ertönt ein ohrenbetäubender Knall und alles wird dunkel.

    Als er wieder zu sich kommt, tut sein Kopf höllisch weh und auch ich kann mich diesen Schmerzen nicht entziehen. Er schaut direkt in das Gesicht des blonden Mannes. Dieser lächelt und dann redet er mit sanfter Stimme und in bestem Oxfordenglisch auf ihn ein. Einer seiner Kameraden hatte einen Schuss abgefeuert. Zu spät hatte der Schütze erkannt, dass der Junge nur den Verzehr der giftigen Beeren verhindert wollte. Zum Glück hatte die Kugel ihn aber nur leicht am Kopf gestreift. Der Junge lächelt nun ebenfalls. Er versteht zwar die Worte nicht, aber dieses Lächeln und die Stimme des Engländers wirken so beruhigend, dass er wieder einschläft.

    ><><><

    Er ist nun schon mehrere Tage im Lager. Jedes Mal wenn der blonde Mann in seiner Nähe ist, erhöht sich sein Herzschlag. Sein Name ist Herr und der Junge wundert sich, weil alle Männer den gleichen Namen haben: Herr. In seinen Gedanken hat er dem blonden Mann jedoch einen anderen Namen gegeben. Er nennt ihn den goldenen Mann. Er hat sogar einen kleinen Löwen für ihn geschnitzt, nur mit einem spitzen scharfen Stein als Werkzeug.

    Mir wird klar, dass der Junge sich in ihn verliebt hat. Er hat ihm auch seinen Namen gesagt, doch der Blonde schüttelte daraufhin nur den Kopf und erwiderte: »Ab heute heißt du Boy!«

    Der Junge mag den Klang dieses Namens und findet ihn schön: Boy.

    Die beiden sitzen am Lagerfeuer. Es ist spät und die anderen haben sich schon schlafen gelegt. Der blonde Mann spricht mit Boy und dieser begreift schnell, was man ihm zu sagen versucht: Die Männer wollen aufbrechen und er ist eingeladen mitzukommen. Ohne zu zögern, nickt er. Ohne noch einmal in sein Dorf zurückzukehren, hilft er am nächsten Morgen, das Lager abzuschlagen. Und ohne noch einmal zurückzublicken, folgt er ihnen.

    ><><><

    Die Reise mit den Ochsenkarren dauerte viele, viele Tage, doch irgendwann erreicht der Treck eine Stadt am Meer. Ich spüre die starke Anspannung des Jungen, hin und her gerissen, zwischen Furcht und Neugierde. Alles ist so anders als in seinem Dorf und noch nie zuvor hat er ein so großes Wasser gesehen. Doch eine einfache Berührung an der Schulter oder das Lächeln des blonden Mannes, lassen all seine Ängste und Zweifel gleich wieder verfliegen.

    Die Gruppe bezieht Quartier in einem Hotel. Während Boy ihr Gepäck auf die Zimmer schleppt, fragt er sich, ob dies das Zuhause der Männer ist. Er selbst verbringt die Nacht im Stall bei den Tieren. Am nächsten Morgen, bringt ihm der blonde Mann, etwas zu essen und ein langes weißes Kleid, das alle Eingeborenen in dieser Stadt zu tragen scheinen.

    ><><><

    Wieder sind viele Tage vergangen und Boy hat längst begriffen, dass dies nicht die Heimat der Männer ist. Vielmehr scheinen sie auf etwas warten. Dann herrscht plötzlich Aufregung und alle laufen ans Meer. Er folgt ihnen und kann nicht fassen, was er dort sieht: Auf dem Wasser, wenn auch noch in einiger Entfernung, schwimmt ein riesiges Ungeheuer!

    Viele der Menschen haben Gewehre dabei und schießen damit in die Luft. Das Ungeheuer antwortet mit einem lauter Knall, der so mächtig ist, dass er Boys Körper erschüttert und in seiner Brust einen dumpfen Druck erzeugt. Panik ergreift ihn, doch er ist wie gelähmt. Unfähig sich zu bewegen, starrt er auf die näher kommende Bestie!

    Immer mehr Männer kommen und schießen in die Luft. Boy glaubt zu verstehen, warum sie das tun. Sie wissen, sie können das Ungeheuer nicht töten, also versuchen sie, es durch den Lärm der Schüsse zu verjagen. So wie in seinem Dorf die Dämonen durch den Lärm der Trommeln vertrieben werden.

    Ich spüre, wie er all seinen Mut zusammennimmt und die lähmende Panik abschüttelt. Er will unbedingt helfen! Hastig schaut er sich nach etwas um, womit sich Lärm erzeugen lässt. Dann sieht er den blonden Mann, der aufgeregt auf ihn zugelaufen kommt. Boy versucht ihm, zu erklären, dass sie ganz viel Lärm machen müssen, und fuchtelt dazu wie wild mit seinen Armen. Doch der Blonde lächelt nur wieder und redet beruhigend auf ihn ein, so wie er es immer tut. Dabei greift er nach den dunklen Händen, hält sie fest, streichelt sie sogar, bis auch Boy sich wieder beruhigt.

    Ich kann spüren, was Boy denkt: Der goldene Mann fürchtet sich nicht vor dem Ungeheuer, also brauche auch ich mich nicht zu fürchten! Und noch etwas anderes nehme ich deutlich wahr, blindes und unerschütterliches Vertrauen.

    Der Mann zeigt nun auf das Ungeheuer und wiederholt immer wieder ein Wort: Segelschiff. Wie gerne hätte auch ich Boy das erklärt, aber ich bin nur ein stummer Zuschauer.

    ><><><

    Ehrfurcht erfüllt ihn. Es ist der Tag, an dem er das Schiff zum ersten Mal betritt und wieder höre ich seine Gedanken: Wenn diese Menschen in der Lage sind, solche Dinge zu bauen, was können sie noch? Wohin wird ihn diese Reise wirklich führen? Und welche Wunder erwarten ihn dort, wo sie endet?

    Bereitwillig folgt Boy dem blonden Mann in den Bauch des Schiffes. Es ist dunkel dort und riecht nach menschlichen Ausdünstungen und Tod. Boy weiß, wie der Tod riecht und plötzlich wird das Schiff doch wieder zum Ungeheuer. Hinter einer dicken Tür, in einem großen Raum, befinden sich bereits viele Eingeborene. Er versteht, dass dies für die Dauer der Reise auch sein Platz sein wird. Weil er dem Mann vertraut, bleibt er, trotz des zunehmenden Unbehagens. Bevor sich die schwere Tür schließt, gibt er Boy noch einen großen Beutel mit Nahrung und Wasser.

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    Im Bauch des Schiffes ist es stockdunkel und Boy hat jegliches Zeitgefühl verloren. Nur nachts öffnet sich ein Loch ganz weit oben und lässt für eine Weile frische Luft herein. Manchmal werden auch Essensreste durch das Loch heruntergeworfen oder man kann dadurch die Sterne sehen. Seine eigenen Vorräte sind längst verbraucht. Und nicht jeder hatte so viel Glück, Wasser und Nahrung zu bekommen. Einige sind schon tot. Der Gestank ist unerträglich.

    Am Anfang war ihm übel von den Bewegungen des Schiffes. Jetzt ist ihm nur noch übel vom Gestank. Oft weiß er nicht mal mehr, ob er wach ist oder träumt. Ich glaube, zu spüren, dass er den Verstand verliert.

    Habe ich denn überhaupt keine Möglichkeit einzugreifen?

    Als er den Bauch des Schiffes betrat und mir klar wurde, dass es sich um einen Sklavenfrachter handelt, hätte ich ihn am liebsten angeschrien, damit er wegläuft!

    Irgendwann spüre ich, wie sein Atem immer flacher wird.

    Ist das, das Ende?

    Dann wird er geschüttelt.

    Ist es das Schiff, das sich wieder heftig auf und ab bewegt?

    Boy träumt, das Schiff sei doch ein Ungeheuer. Ein Ungeheuer, das ihn gefressen hat, und dann blickt er in dessen Gesicht. Wie kann das sein? Wie kann er im Bauch des Ungeheuers sein und gleichzeitig dessen Gesicht sehen? Er muss verrückt geworden sein! Seine Augen sind jetzt weit geöffnet. Er will schreien. Wieder wird er geschüttelt. Er sieht immer noch in ein Gesicht, allerdings werden Nase und Mund von einem Tuch verdeckt. Der Gestank ist einfach unbeschreiblich. Doch Boy kennt diese blauen Augen. Es ist der blonde Mann, der ihn schüttelt. Er wird aus dem Bauch des Schiffes geschleift. Aber dann ist er blind, im grellen Tageslicht sinkt er zu Boden und wird wieder ohnmächtig.

    ><><><

    Fünf Jahre sind seither vergangen. Mittlerweile hat Boy sogar Englisch gelernt. Der Mann, der für ihn immer der goldene Mann bleiben wird, ist ein Lord. Sein Schloss ist so groß, dass er sich am Anfang oft darin verlaufen hat. Boy weiß, dass er jetzt in England lebt und man seine Heimat Afrika nennt. Oft quält ihn Heimweh und dann bedauert er, dem goldenen Mann damals so leichtfertig gefolgt zu sein. Er liebt ihn noch immer, aber er weiß auch, dass diese Liebe niemals erwidert werden wird.

    Auf der Weltkarte in der Bibliothek kann er Afrika finden. Als bekannter Botaniker und Ornithologe hält der Lord dort oft Vorträge über Boys Heimat. Er sagt, Boy sei nun ein Anschauungsobjekt und immer wenn er einen Vortrag hält, darf Boy wieder seinen Lendenschurz anlegen.

    Ein paarmal hat der Lord ihn sogar in seiner eleganten Kutsche mit zu Vorträgen nach London genommen. Und einmal durfte Boy ihn zu den Kew Gardens, den ehrenwerten Royal Botanic Gardens begleiten, wo unzählige der getrockneten Pflanzen, die der Lord aus Afrika mitbrachte, zwischen blütenweißem Papier aufbewahrt werden. Beim Schloss gibt es zudem ein großes Gewächshaus, wo selbst einige afrikanische Pflanzen gedeihen. Boy ist gerne dort, auch weil es darin immer so schön warm ist. Hier sitzt er nun oft und schnitzt Tiere, die er aus seiner Heimat kennt.

    Dann geht der Lord erneut auf Reisen. Boy will mit, seine Heimat besuchen, auch wenn er nie wieder in den Bauch eines Schiffes will. Doch der Lord reist nicht nach Afrika. Auf der Karte in der Bibliothek zeigt er ihm ein anderes Land. Es heißt Indien.

    Der Lord bleibt sehr lange weg. Zweimal kommt in dieser Zeit der Winter. Dann ist er endlich zurück, doch er ist nicht allein. Ein junger Mann begleitet ihn, nur wenig jünger als Boy. Seine Haut ist olivfarben und seine Haare sind ganz glatt und sehr lang. Sie glänzen wie schwarze Seide und Boy findet sie wunderschön. Der junge Mann wirkt schüchtern aber wohlauf, anders als er bei seiner Ankunft damals. Der Lord stellt ihn als Singh vor und bestimmt, dass er ab jetzt bei ihm wohnt. In seiner Kammer unter dem Dach stehen zwei Betten und Boy freut sich, endlich nicht mehr alleine zu sein.

    Die Zeit der Vorträge beginnt erneut, doch jetzt ist nicht mehr Boy das Anschauungsobjekt, sondern Singh. Aber das ist in Ordnung, denn er ist es, der Singh die englische Sprache beibringt und ihm das Leben in diesem fremden Land erklärt. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander und er weiß, Singh mag ihn auch. Die Gefühle, die Boy einst für den Lord hegte, empfindet er nun für Singh. Und im Gegensatz zum Lord erwidert Singh diese Gefühle.

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    Der Lord hat geheiratet. Seine Frau lebt jetzt ebenfalls im Schloss. Sie nennt Boy und Singh Wilde und will, dass ihr Mann sie wegschafft. Seit der Geburt ihrer Tochter dürfen sie ihre Kammer gar nicht mehr verlassen und sind dort eingesperrt. Anfangs kommt täglich eine Küchenmagd mit Wasser und Essen und leert auch den Eimer, in den sie nun ihre Notdurft verrichten. Doch die Abstände werden immer größer. Seit Tagen schon ist niemand mehr gekommen. Außer einem Rest Wasser ist alles verbraucht und es riecht es nach Ausdünstungen. Schlimme Erinnerungen werden in Boy wach. Erinnerungen an die Zeit im Bauch des Schiffes. Er fragt sich, ob der goldene Mann auch diesmal kommt, um ihn und Singh zu retten?

    Die beiden liegen eng umschlungen im Bett. Mehrmals in den vergangenen Stunden hat Boy laut gerufen und gegen die Tür getreten — vergeblich. Dann endlich hört er den Schlüssel im Schloss. Der goldene Mann ist doch noch gekommen, um sie zu retten!

    Ich spüre, wie Boys Herz vor Freude springt, doch mir schwant Böses. Der Lord bittet die beiden Jungen, ihm leise zu folgen. Er führt sie hinab in das riesige Verlies.

    Was hat er vor? Will er ihnen so die Flucht ermöglichen? Aber wohin?

    Tränen laufen über Boys Gesicht, als er und Singh erneut eingesperrt werden. In dem Kerker ist es feucht und bitterkalt. Überall sind Ratten. Sie rufen um Hilfe, rütteln am Gitter der Tür. Kurz darauf kommen zwei Männer mit Steinen und beginnen damit, vor dem Kerker eine Wand hochzuziehen: Boy und Singh werden bei lebendigem Leibe eingemauert.

    Wieder höre ich Boys Gedanken. Sie sind wie ein Aufschrei.

    Wie kann mich der goldene Mann nur so verraten? Ich hatte mein Leben in seine Hände gelegt, als ich ihm folgte! Einmal schon wäre ich dadurch fast gestorben!

    Bitterlich bereut Boy, dass er dem Mann damals so arglos gefolgt war. Tränen der Wut und Verzweiflung zeichnen sein Gesicht, dass niemand mehr sieht. Im Kerker ist es finster. Er weint, bis er keine Kraft mehr hat. Das Atmen fällt ihm immer schwerer und schließlich fällt er in einen unruhigen Schlaf. Als er wieder erwacht, sind seine Tränen versiegt. Er ist ganz ruhig, ein innerer Frieden umgibt ihn. Er muss jetzt stark sein, auch für Singh. Er sieht Singh und dann sich selbst — aber wie kann das sein?

    Nein, denke ich, du siehst nur den Teil von dir aus Fleisch und

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