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Aufrecht, mutig und bescheiden: Hildegard Wegscheider - Kämpferin für Frauenrechte und Bildung
Aufrecht, mutig und bescheiden: Hildegard Wegscheider - Kämpferin für Frauenrechte und Bildung
Aufrecht, mutig und bescheiden: Hildegard Wegscheider - Kämpferin für Frauenrechte und Bildung
eBook175 Seiten2 Stunden

Aufrecht, mutig und bescheiden: Hildegard Wegscheider - Kämpferin für Frauenrechte und Bildung

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Über dieses E-Book

Eine Frau kämpft für das Recht auf Bildung

Sigmaringen 1895: Die 23-jährige Hildegard Ziegler legt als erste Frau in Preußen ihr Abitur ab. Kein leichtes Unterfangen, die Pfarrerstochter muss extra aus der Schweiz anreisen, wo sie als Frau schon studieren kann. Dass Frauen, die lernen wollen, Steine in den Weg gelegt werden, wird sie noch oft erleben. Trotzdem schafft sie nicht nur ein gutes Abitur, sie erwirbt den Doktortitel und wird Lehrerin. Nach der Heirat mit dem Berliner Arzt Max Wegscheider und der Geburt ihrer zwei Söhne muss sie Familie und Beruf unter einen Hut bringen. Frauenrecht und Bildungschancen bleiben ihr großes Lebensthema. Ganz besonders, als sie nach der Scheidung 1906 alleinerziehende Mutter wird und weiter arbeitet. Die Weimarer Republik erlebt sie als Abgeordnete der SPD im Preußischen Landtag und Schulreformerin in Berlin. Erst die Machtübernahme der Nazis stoppt sie in ihrem Engagement, man entlässt sie und streicht ihr die Pension. Aber sie macht weiter, bei ihr treffen sich Oppositionelle und sie hilft Verfolgten. Nach dem Krieg werden ihre Verdienste gewürdigt und sie erhält 1953 das Bundesverdienstkreuz.

Diese Romanbiographie über Hildegard Wegscheider erzählt nicht nur von ihren großen Verdiensten als Vorkämpferin für Frauenrechte. Sie beleuchtet auch das private Leben dieser bemerkenswerten Frau, die bescheiden und aufrecht die Herausforderungen ihrer Zeit meisterte.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum15. Juli 2021
ISBN9783347344518
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    Buchvorschau

    Aufrecht, mutig und bescheiden - Luise Wegscheider

    Vorwort

    Mit Hildegard Wegscheider verbinden mich der Nachname, die Familienzugehörigkeit und der Beruf. Sie war die erste Frau meines Großvaters Dr. Max Wegscheider. Dieser heiratete nach der Scheidung (1906) meine Großmutter Martha. Die Kinder aus beiden Ehen machten mit ihrem Vater regelmäßig Urlaub an der Ostsee und betrachteten sich Zeit ihres Lebens als zusammengehörig. Das Wort „Halbbruder" kam nicht vor. Diesen Familiensinn gaben sie weiter an unsere Generation.

    „Öhmi" starb, als ich vier Jahre alt war. Eigene Erinnerungen an sie habe ich nicht. Im Elternhaus wurde herzlich und anerkennend über sie gesprochen. Zwischen ihr und meiner Mutter gab es offenbar in der Nachkriegszeit, als der Vater noch in Gefangenschaft war, ein enges Verhältnis. Ihr Sohn war für meinen Bruder und mich unser Onkel Klaus. Er kam nach Öhmis Tod selten nach West-Berlin, weil er die Fahrt über die Interzonenstrecken meiden wollte. Wir besuchten ihn gelegentlich in Merxhausen, einem hessischen Dorf, wo er ein psychiatrisches Krankenhaus leitete. Er und seine Familie gehörten zum Verwandtenkreis, zu dem unser Vater regen Kontakt pflegte.

    Auf die Idee, über Öhmis Leben zu schreiben, kam ich bei den Vorarbeiten zu meinem letzten Buch, das sich an den Briefen meiner Eltern orientierte. Mit Hildegard war nicht viel Korrespondenz vorhanden, vermutlich wurde eher telefoniert. Doch die Nachrufe und Zeitungsartikel fand ich spannend. Ihr Buch „Weite Welt im engen Spiegel, das posthum 1953 im Arani-Verlag erschien, umfasst 84 Seiten in kleinem Format. Es wurde von der Journalistin Susanne Suhr zusammengestellt. Die einzelnen Kapitel erschienen ursprünglich als Fortsetzung in der Tageszeitung „Telegraf, damals eine beliebte Form der Veröffentlichung. Die Kapitel folgen dem Lebenslauf bis zum 75. Geburtstag 1946.

    Das Buch wurde jahrelang an die Abiturientinnen der nach ihr benannten Schule in Berlin-Grunewald verteilt, jedoch später nicht mehr nachgedruckt. Der Verlag stellte nach mehrmaligem Besitzerwechsel seine Aktivitäten ein, sodass das Büchlein nur noch antiquarisch zu erhalten ist. Für heutige Schüler dürfte es nicht so einfach zu lesen sein. Die historischen Zusammenhänge sind ihnen nicht mehr so präsent wie den Menschen vor 70 Jahren und viele der erwähnten Personen können sie nicht mehr einordnen. Ich nahm es deshalb als Leitfaden und versuchte, historische Zusammenhänge deutlich zu machen und Hildegards Persönlichkeit zu betonen.

    Die Recherche gestaltete sich aus mehreren Gründen schwierig. Einer von Hildegards Charakterzügen war die ausgeprägte Bescheidenheit. So hielt sie es nicht für nötig, über das Sonntagsfrühstück, das für viele Menschen in der Nazi-Zeit hilfreich und rettend war, zu schreiben. Noch dazu fielen wesentliche Teile der Korrespondenz und der Akten Bombenangriffen zum Opfer oder gingen im Chaos der Nachkriegszeit verloren.

    Ein unerwartetes Hindernis kam durch die Pandemie hinzu. Bibliotheken und Archive stellten einen Teil ihrer Aktivitäten ein, die Kommunikation beschränkte sich auf das digital Mögliche. Dabei erwies es sich als großer Vorteil, wenn Bestände bereits digitalisiert waren, wie z. B. die Ausgaben des „Vorwärts" bis 1933.

    Hildegard Wegscheider hatte ein ereignisreiches Leben mit einer sehr großen Zahl von Kontakten. Der Versuch, es in Gänze darzustellen, würde scheitern. So gilt es sich zu beschränken. Die einzelnen Kapitel stellen nur Ausschnitte dar, eine Art „Lebensbilder".

    Alle Szenen und Gespräche sind fiktiv. Wörtliche Zitate aus Hildegards Buch erscheinen kursiv. Bei anderen Zitaten werden die Quellen im Text oder in Fußnoten genannt. Sie sind durch eine andere Schrifttype gekennzeichnet.

    Dankbar bin ich für die Unterstützung durch Familie, Freunde und Bekannte, allen voran mein Cousin Jens Wegscheider, der heute 85jährig in den USA lebt. Er ist ein Enkel von Hildegard, vermutlich der letzte Zeitzeuge, der sie noch persönlich gekannt hat.

    Das Verdienst meiner Schreibgruppe, bestehend aus Leiterin Heidi von Plato, Susanne Rüster und Gisela Witte-Bauer, war es, konstruktive Kritik zu üben und die richtigen Fragen zu stellen. Unsere Zusammenarbeit hat sich schon zwanzig Jahre bewährt – danke!

    Für wesentliche Hilfe und kompetente Kritik danke ich meinem Grafiker Christopher Wehnl, Sabine Brünig und Karsten Schulze. Wichtige Hinweise erhielt ich von Dr. Heike Christina Mätzing und Hilde Schramm. Die Friedrich-Ebert-Stiftung half mit Unterlagen aus ihrem Archiv.

    Hildegard Wegscheider erschien fast vergessen. Doch zu ihrem 150. Geburtstag, dem 2. September 2021, wird eine Briefmarke herausgegeben.

    Bebel im Pfarrhaus

    Das Schlafzimmer der Eltern war kein Ort, den Hildegard aufzusuchen pflegte. Es roch dort anders als in den anderen Zimmern des Pfarrhauses, trockener, reinlicher. Die Ordnung, die im ganzen Haus herrschte, schien hier besonders ausgeprägt. Außer den beiden schlichten, dunklen Holzbetten und den Nachttischen gab es eine Wand mit Schränken, alles nüchtern und schmucklos, wie es sich für die Familie eines protestantischen Geistlichen gehörte. Dennoch schien dort die Aura des Besonderen zu herrschen, die Hildegard und ihre beiden jüngeren Schwestern als einschüchternd empfanden. Sie betraten das Zimmer nicht ohne Anlass.

    Der 2. September war ein besonderes Datum, hatten doch 1870 die vereinigten deutschen Truppen das französische Kaiserreich in der Schlacht von Sedan besiegt. Hildegard war ein Jahr später zur Welt gekommen und beging ihren Geburtstag immer an einem populären Feiertag. Eine ihrer Patentanten hatte den Eltern damals ernsthaft vorgeschlagen, ihre Erstgeborene „Sedania" zu nennen. Die Eltern fanden einen solchen Gedanken absurd. Schon von ihrer christlichen Einstellung her wäre die Namensgebung nach einer Schlacht nicht infrage gekommen.

    Im August 1888 suchte Hildegard ein blaues Band für einen neuen Rock, den sie für ihren 17. Geburtstag in zwei Wochen nähen wollte. Seit die Nähmaschine Einzug ins Haus gehalten hatte, machte Nähen Hildegard mehr Spaß, obwohl das Treten des gusseisernen Pedals alle ihre Kräfte erforderte. Schon seit Jahren trug sie lange Röcke, deren Stoffbahnen mühsam zu bewältigen waren. Die kurzen Kleider, die nur bis über das Knie reichten, waren Mädchen vorbehalten.

    Sie hatte vergessen, ihre Mutter nach dem Band zu fragen, als diese das Haus verließ, um sich um die Mühseligen und Beladenen der Gemeinde zu kümmern. Aber sie wusste, dass in einem der Schränke eine Schachtel mit Bändern verschiedener Farben aufbewahrt wurde, und glaubte sich zu erinnern, dass man ein Jahr vorher von einem alten blauen Rock eines abgetrennt hatte.

    Sie betrat das Schlafzimmer, fand auch sofort die Schachtel und das Band. Als sie sich umdrehte, um das Zimmer zu verlassen, fiel ihr Blick auf den Nachttisch ihrer Mutter und ein Buch: „August Bebel: Die Frau und der Sozialismus". Hildegard wusste, dass der Autor Reichstagsabgeordneter und Vorsitzender der verbotenen Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands war. Für Reichskanzler Bismarck war alles, was nur entfernt nach Sozialismus klang, Teufelszeug und Hochverrat. Deshalb hatte er 1878 die Sozialistengesetze erlassen, die jegliche Aktivitäten sozialistischer Parteien im Deutschen Reich unter Strafe stellten. Die Partei agierte dennoch im Geheimen oder vom Ausland aus. Bebel blieb als persönlich gewählter Abgeordneter Mitglied des Reichstags.

    Hildegard trat neugierig an den Nachttisch heran, voller Erstaunen darüber, dieses Buch, dessen Ruhm selbst in ihre schlesische Kleinstadt Liegnitz gedrungen war, an dieser Stelle zu finden. Seit seinem Erscheinen 1879 war es wie alle sozialdemokratischen Schriften offiziell verboten, wurde aber trotzdem in der Schweiz gedruckt und heimlich viel gelesen.

    Hildegards Eltern waren erklärte Gegner Bismarcks, was ihre Kontakte in der Kleinstadt einschränkte, denn die Liegnitzer Gesellschaft zerfiel in zwei Teile. Die Beamten der Regierung und die Offiziere des Regiments fühlten sich als Elite, waren sehr konservativ und verehrten Bismarck. Alles, was er sagte, galt als Zeichen höchster Weisheit, was er tat, als Ausdruck entschlossener Tatkraft. Das war in Preußen die Mehrheitsmeinung. Auf der anderen Seite standen die „Liberalen", wie man sie nannte, die Herren vom Gericht, die Oberlehrer der beiden Gymnasien und einige Geschäftsleute. Sie verstanden sich als Opposition und hatten eine kritische Einstellung gegenüber der Obrigkeit. Die beiden Gruppen hatten wenig Kontakt miteinander. Noch nicht einmal die Kinder gingen gemeinsam zur Schule. Doch liberal hieß nicht sozialdemokratisch oder gar kommunistisch. Dass ihre Mutter sich mit sozialistischem Gedankengut beschäftigte, überraschte Hildegard.

    Nun schrieb man das Jahr 1888, der alte Kaiser Wilhelm I war gestorben und man hatte von seinem Nachfolger Friedrich III eine Lockerung der Zensurvorschriften erwartet. Aber der neue Kaiser starb nach nur 99 Tagen und es folgte sein Sohn Wilhelm II, jung, schneidig und konservativ, doch nicht unbedingt ein Freund des alten Bismarck. Es war nicht unmöglich, dass sozialistische Schriften legalisiert werden würden.

    Das Buch wog schwer in Hildegards Händen. Es war ein umfangreiches Werk von mehreren Hundert Seiten. Sie setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und öffnete es. Schon das Inhaltsverzeichnis weckte ihr Interesse: Von der „Frau in der Vergangenheit ging es über die „Frau in der Gegenwart zu „Staat und Gesellschaft und schließlich zur „Sozialisierung der Gesellschaft. Hildegard blätterte weiter. Die Gelegenheit war günstig, die Schwestern besuchten eine Freundin, der Vater arbeitete in seiner Studierstube an der nächsten Predigt und die Mutter würde wohl nicht so bald nach Hause kommen. Die ihr aufgetragenen Hausarbeiten hatte Hildegard schon sorgfältig erledigt, denn sie wusste, dass ihre Mutter diese streng zu kontrollieren pflegte. Zumindest für die Einleitung würde die Zeit wohl reichen.

    Schon die ersten Seiten enthielten Revolutionäres. Nicht nur, dass Bebel die Gleichberechtigung der Frauen in allen Bereichen forderte, insbesondere was den Zugang zu Berufen und die zivilrechtliche Gleichstellung betraf. Sein Ziel war vielmehr eine Gesellschaftsordnung, deren Grundlage die Befreiung aller Menschen von Abhängigkeiten jeder Art sein sollte, was sowohl die Lösung der „sozialen Frage als auch die der „Frauenfrage zur Folge haben würde. Ein wahrhaft kühnes Buch!

    Hildegard wäre nie auf die Idee gekommen, dass ihre Mutter so etwas las. Dabei wurde im Hause viel gelesen und vor Allem vorgelesen. Abends saßen die Frauen bei ihren Handarbeiten und der Vater las vor, Bücher über das Leben Jesu, über geschichtliche Themen, über Philosophen wie Descartes, Spinoza und Kant. Sie erinnerte sich, dass auch der vor über 10 Jahren verstorbene britische Philosoph John Stuart Mill Thema war, der neben sozialen Reformen ebenfalls die Gleichbehandlung von Mann und Frau und sogar das Wahlrecht für Frauen gefordert hatte. Schon diese Vorstellung kam ihr wie eine philosophische Utopie vor, doch blieb sie im Rahmen der bisherigen Staats- und Gesellschaftsordnung. Bebel dachte weit darüber hinaus.

    Hildegard hörte die Stimmen ihrer Schwestern. Schnell legte sie das Buch auf den Nachttisch zurück. Es war ihr klar, dass sie es heimlich lesen musste und mit niemanden darüber reden durfte. Jetzt nur das blaue Band nicht vergessen und hinaus!

    In den nächsten Wochen ging sie immer wieder, wenn die Gelegenheit günstig war, ins Schlafzimmer ihrer Eltern, um zu lesen. Die Heimlichkeit ihres Tuns verursachte ihr immer wieder Gewissensbisse, aber die Attraktivität dieses Buches war zu groß. Und sobald sie angefangen hatte zu lesen, war die Neugier da, der Wunsch, möglichst viel aufzunehmen, bis sie Mutter oder Schwestern kommen hörte.

    Unter Auslassung der historischen Kapitel traute sie sich an „Die Frau in der Gegenwart und deren erstes Unterkapitel „Die Frau als Geschlechtswesen. Bebel propagierte darin einen „geordneten Geschlechtsverkehr als natürliches Recht eines jeden menschlichen Wesens, egal ob Mann oder Frau. Hildegard hatte nur diffuse Vorstellungen von diesem Thema und so blieb ihr manches unklar. Sie hoffte auf die folgenden Kapitel, in denen es um „Die moderne Ehe, „Zerrüttung der Familie und „Die Ehe als Versorgungsanstalt ging.

    Schon aus den Titeln ging hervor, dass Bebel die Institution der Ehe kritisch sah. Sie wurde, meinte er, selten aus Liebe, sondern aus Gründen der Versorgung oder des gesellschaftlichen Status geschlossen, was er als Heuchelei bewertete. Das Ansteigen der Scheidungszahlen sah er als Beweis dafür an. Hildegard wusste zwar, dass es die Möglichkeit der Scheidung seit der Einführung der Zivilehe 1875 gab, doch kannte sie keine Geschiedenen oder Paare, die daran dachten. Der Gedanke, dass ihre Eltern getrennt voneinander

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