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Die Papstkatze
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eBook312 Seiten3 Stunden

Die Papstkatze

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Über dieses E-Book

Die schwarze Katze, die sich eines Tages bei ihm einquartiert, bringt das Leben des Papstes völlig durcheinander. Er verliebt sich in sie und genießt es, dass sie, zweifellos das schönste weibliche Wesen im Vatikan, sogar das Bett mit ihm teilt. Dort schnurrt sie ihm mehr oder weniger zärtlich die Leviten. Was immer sie sagt - über Mäuse und Sterne, Kater und Katzen sowie über Gott und die Welt - hat Pfote und Kralle. Das bleibt nicht ohne Wirkung. Der Papst beginnt, misstrauisch beäugt von seiner Umgebung, sich zu verändern. Und nicht nur sich ...

»Diese Papstkatze wird mit dazu beitragen, den Defaitismus zu bekämpfen, der sich in der Kirche immer mehr ausbreiten wird, sollten nicht bald Reformen greifen.«
(Hans Küng, Tübinger Reformtheologe)
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum9. März 2015
ISBN9783732328345
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    Buchvorschau

    Die Papstkatze - Eva Berberich

    21. März, Frühlingsanfang. Alles grandios

    Alles war grandios. Der gestirnte Himmel über ihm, darunter der menschenleere Petersplatz, auf den er vom Fenster seines Arbeitszimmers im dritten Stock des Apostolischen Palasts hinabsah. Michelangelos Kuppelwunder im orangefarbenen Licht der Scheinwerfer. Der stramme Obelisk - er hört auf den Namen Vaticano -, der schon im Circus des Nero gestanden war. Berninis vierreihige Säulenkolonnaden, auf der Balustrade jede Menge unerbittlich und ewig dreinblickende Heilige in majestätischer Haltung und mit theatralischen Gesten, die er, als Un- oder Nichtheiliger, nie hinbekäme - er hatte versucht, vor dem Spiegel eine dieser Haltungen einzunehmen, der Anblick war desillusionierend gewesen -, die aber enorm wirkten. Ganz großes Theater in ganz großer Kulisse. Auch wusste er nicht, wieviele Heilige sich dort oben tummelten; immer, wenn er nachzählte, kam eine andere Zahl heraus. Ob das am überirdischen Humor der Heiligen lag oder an ihm?

    Alles Weltkulturerbe. Roma aeterna. Die Weite, die Stille, die römische Nacht, durch deren Erhabenheit in diesem Augenblick ein kleines, dunkles, ganz unerhaben wirkendes Geschöpf gemächelte. Er konnte es nicht deutlich sehen, hatte wieder mal seine Brille verlegt. Das Geschöpf spazierte über den weiten, einer Schale gleichenden, kopfsteingepflasterten Platz, verharrte, etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt, bewegungslos wie einer der heiligen Steinriesen, sprang los, verschwand im Schatten des Madernobrunnens, aus dem es gleich wieder auftauchte, lief weiter zum Obelisken, hob den Kopf, als schaue es herauf zu seinem Fenster, dem einzigen im Vatikan, das um diese Zeit noch erleuchtet war, weil er hoffte, dieses Licht gebe den Menschen das schlaf- und guteträumefördernde Gefühl, er wache heiligväterlich über sie. Was er nicht immer tat, meistens arbeitete er noch, etwa an einer Predigt, oder er las oder hörte Musik. Als er seine Brille endlich fand, hatte die römische Nacht das Ding verschluckt. Und alles war wieder grandios.

    26. März, Liudger, Felix, Kastulus. Das Ding

    In der Nacht vor dem Tag, an dem sehr fromme Christenmenschen gleich dreier Heiliger zu gedenken haben, des heiligen Liudger - er hatte im Jahre 800 während einer Dürrezeit ein paar Graugänse dazu gebracht, solang mit den Füßen zu scharren, bis sie auf Wasser stießen und man einen Brunnen bauen konnte -, des heiligen Felix und des heiligen Kastulus, wachte er auf, weil die Schulter arg schmerzte. Er wechselte die Seite und sah, noch im Halbschlaf und seiner verklebten Augen wegen etwas verschwommen, eine dunkle Silhouette auf dem Fenstersims, umsilbert vom Mondlicht. Als er das Licht anknipste, war das Ding verschwunden, vermutlich dorthin, wo Albträume, Nachtmahre und Halluzinationen sich aufhalten, bevor sie einen heimsuchen.

    Wer es nicht so mit Heiligen hat, der kann auch Beethovens gedenken, der an einem 26. März starb oder des an einem 26. März geborenen Gotteshassers Richard Dawkins (Der Gotteswahn).

    4. April, Ambrosius, Isidor. Vom Schlurfen, einem ungezogenen Engel und wilden Träumen

    Er schlurfte. Schlurfer, so hatten sie ihn gerufen, da war er sieben, lupf doch die Füß, Kleiner! Mit fünfzehn: Schlurf nicht so, Kerl, beim Kommiss werden sie dir die Schlurferei schon abgewöhnen. Und mit zwanzig, wenn er durch die Katholische Fakultät schlurfte: Dieser Beruf duldet kein krummes Holz, der verlangt einen aufrechten Gang.

    Er kam nicht dagegen an. Es schlurfte in ihm. So war er, ohne jede Karriereabsicht, einfach weitergeschlurft, ins Pfarrhaus, ins bischöfliche Palais, dann ins erzbischöfliche, schließlich, mit Kardinalshut, ins apostolische, und nun erlaubte sich niemand mehr zu sagen: Lupf doch die Füß, Heiliger Vater, wie sieht das denn aus, Herrgottnochmal! Wenigstens erlaubte sich das kein menschliches Wesen. Denn: kurz nach seiner Papstwerdung brach ein Engel in seinen Traum ein. Der Heilige Vater mochte keine Engel, was seinen Grund hatte. Davon später. Besonders zuwider waren ihm die kleinen, dicken, nackigen, neckisch, süßlich oder verzückt blickenden, die in Kirchen herumlümmeln und bei denen er immer das Gefühl hatte, sie bräuchten eine frische Windel. Dieser Engel nun drehte einen Looping, verkündete, ohne sich vorzustellen und zu grüßen, wie das einem Engel gut angestanden hätte, das neue Kirchenoberhaupt sei auch im Himmel als ‚Schlurfer‘ bekannt, was sich auf seine Beziehung zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit negativ auswirke, besonders - hier führte er ein paar affige Pirouetten vor - auf die zum Heiligen Geist. Weshalb der Heilige Vater seine Gangart einer kritischen Prüfung unterziehen möge. Der ließ dem Heiligen Geist ausrichten, der neue Papst sei keine Taube, gedenke, mangels Flügeln, auch fürderhin zu schlurfen, und jetzt möge er, der Engel, sich gefälligst schleichen. Worauf dieser sich mit eingezogenem Gefieder schlich.

    Der Papst entschuldigte sich am nächsten Morgen während der Messe kleinlaut beim Heiligen Geist, sowie, weil er ja nicht wusste, welchem Engel er die nächtliche Heimsuchung verdankte, bei der Unmenge der Himmlischen Heerscharen. Mutig war er nur im Traum. Er, der sich im Leben gern kleinmachte, wuchs träumend in jeder Hinsicht über sich hinaus. Träumte so löwenwild, so adlerkühn, dass er sich vor sich selber fürchtete. Wenn Träume Manifestationen des Unbewussten waren, saß mit ihm womöglich ein innerlich gespaltener Papst, ein Held und ein Hasenfuß, auf dem Stuhl Petri, auf dem er ohnehin nicht gern saß.

    Das Verhältnis zum Heiligen Geist war seit jenem Traum ein leicht getrübtes.

    Ein Wort noch zum heiligen Isodor, der von der Kirche zum Patron für das Internet vorgesehen ist, in der Hoffnung, er werde dafür sorgen, dass die Nutzer keine Obszönitäten, sondern nur moralisch Vertretbares anklickten. Der Heilige Vater jedoch bezweifelte ein ethisch einwandfreies Klickverhalten.

    9. April, Konrad, Waltraud. Bitterliches

    Im Rosenbeet lag ein Kopf, daneben ein kleiner blutiger Klumpen.

    »Die Galle. Die hat sie liegen lassen.«

    »Wer?«

    »Na, die Katze.«

    »Wie kommt die in die Vatikanischen Gärten?«

    »Wenn sie nicht geflogen ist«, sagte der Gärtner, der viel ehrfurchterweckender aussah als der Heilige Vater, »muss sie wohl auf ihren vier Pfoten hereingeschlichen sein.«

    Das Gespräch fand statt an einem Tag, den sich, so der Heiligenkalender, die heilige Waltraud und der heilige Konrad teilten, weil die Kirche mehr Heilige angesammelt hat als das Jahr Tage und nicht mehr weiß wohin damit. Für eher weltlich Orientierte: an einem 9. April wurde der französische Dichter Charles Baudelaire geboren. Was der Papst aber auch ohne Kalender wusste.

    »Warum hat sie die Galle nicht gefressen?«

    »Haben Sie mal Mäusegalle probiert, Heiliger Vater? Weil sie, wie’s heißt, bitter schmeckt.« Obwohl das ja als gesund gelte. Früher sei fast alles bitterer gewesen, Salat, Gurken, Reis, Chicoree, Zucchini, vermutlich sogar die Tränen, weinte man doch, wie man gern sagte, bitterlich. Heut züchte man das raus, bei den Tränen wisse er aber nicht, wie das gehe, die seien wohl immer noch bitterlich.

    »Dann sagen Sie ihr, die Galle sei das Beste an der Maus.«

    »Kennen Sie eine Katze, die sich was sagen lässt, Heiliger Vater?«

    13. April, Ida, Martin. Über den angemessenen Umgang mit Naturgesetzen

    Die Mittwochsaudienz war zu Ende. Wegen Nieselregens hatte sie in der riesigen Halle stattgefunden, in der er sich nie recht wohl fühlte wegen des furios-bedrohlichen Kunstwerks hinter seinem Thron, in dem ein gigantischer Christus aus einer explodierenden Masse herauskatapultiert wird, vielmehr aus ihr aufersteht. Der Heilige Vater - er saß immer mit eingezogenem Genick da - fürchtete, die ganze Auferstehung, sie war sündhaft teuer gewesen, könne einmal ins Wanken geraten, auf ihn stürzen und ihn zermalmen. Und dass er dann unzermalmt wieder auferstehen würde, hatte er, nach dem Credo, an das aufrechte Katholiken sich zu halten haben, zwar zu glauben, aber nichts Genaues weiß man halt doch nicht. außerdem war er, obwohl Papst, kein aufrechter Katholik, sondern ein schlurfender.

    Wieder in seinem Arbeitszimmer, dankte er den Tagesheiligen Ida und Martin (das ist nicht der mit dem Mantel und der Martinsgans), dass sie ihre schützenden Hände über ihn gehalten hatten, gedachte kurz auch des an einem 13. April verstorbenen Fabeldichters Jean de La Fontaine (das ist der mit dem Raben und dem Fuchs), schlurfte zum Sessel und blieb ein paar Minuten im Halbdunkel sitzen. Streifte die Schuhe von den schmerzenden Füßen - und schrie auf.

    Im Lichtkegel der hastig angeknipsten Lampe hockte die Katze, die ihn aus dem Hinterhalt angesprungen hatte. Mager, hochbeinig, sichtlich ohne gediegenen Stammbaum, weder persisch noch Angora, ganz hunds- oder vielmehr katzengewöhnlich. Und von allerschwärzestem Schwarz. Sie schleckte das Blut von seinem Zeh, dann schleckte sie sich das Maul.

    Nun war der Papst ein höflicher, demütiger, leiser Mensch. Doch der Schmerz ließ ihn Demut und Höflichkeit vergessen: »Au!« brüllte er, »das ist mein Zeh. Und mein Blut, das du vergossen hast … » ‚Zur Vergebung der Sünden‘ konnte er sich, dem Kruzifix überm Schreibtisch einen entschuldigenden Blick zuwerfend, gerade noch verkneifen. »Wie kommst du überhaupt hierher? Und was machst du hier? Und wo willst du hin?«

    Die Katze musterte ihn von oben bis unten; ihm war, als sehe sie ihn holographisch gleichzeitig auch noch von beiden Seiten und von hinten wie Picasso seine Vasen und Gitarren, als er in der Phase des ‚Analytischen Kubismus‘ festhing. Betrachtete ihn mit einer Selbstverständlichkeit, die ihn arg irritierte; die Blicke der zurechtgedrechselten Menschen seiner Umgebung waren weit weniger grenzüberschreitend. Dann kam er darauf, dass diese Kreatur, womöglich ein schwarzer, nur auf handliches Format geschrumpfter Panther, gar nicht antworten konnte, weil ihr die Gabe der Rede nicht verliehen worden war.

    Blöde Menschengedanken stimmten sie immer heiter, sagte die Kreatur, über das Kommen, das Dasein und das Gehen mache sie sich keinen Kopf, und fixierte seinen anderen großen Zeh. Dem Papst fiel ein, dass dies ja die Frage aller Fragen war, über die der Mensch sich, seit er von den Bäumen herabgestiegen ist, fleißig das Gehirn zergrübelt und auf die eine befriedigende Antwort zu geben er als Oberhirte der ihm anvertrauten Christenherde verpflichtet war. Doch je älter er wurde, desto mehr flohen ihn die befriedigenden Antworten auf diese großen Fragen - etwas peinlich für einen Heiligen Vater, der ja nicht nur selbst auf festem Glaubensgrund zu stehen, sondern gleichzeitig auch dieser felsige Grund zu sein hat, auf dem die Kirche erbaut wurde -, der also, wenn man so sagen will, auf sich selbst stehen muss - eine artistische Leistung, die einem Papst erst mal einer nachmachen soll.

    Er sagte gereizt, er meine, wie sie hereingekommen sei, der wachhabende Schweizergardist habe wohl geschlafen.

    Mit Frechheit, sagte die Katze, komme man überall rein. »Und wie bist du reingekommen? Auch mit Frechheit?«

    Im Gegenteil. Mit Feigheit. Aber das sagte er nicht, er dachte es nur. »Darf ich fragen, warum du hier bist?«

    »Ich bin hier, weil ich hier bin«, sagte die Katze. »Und du, warum bist du hier?«

    »Ich bin doch der Heilige Vater«, sagte er und schämte sich gleich für diese Worte, denn Eitelkeit war ihm fremd.

    »Macht nix.« Die Katze gähnte ungeniert und ausgiebig, und obwohl sie unten saß, hatte er den Eindruck, sie sehe auf ihn herab wie der Eiffelturm auf eine Hundehütte. Immerhin: wer gähnt, wirft keine Bombe, haut nicht, beißt nicht und ist womöglich verhandlungsbereit.

    »Damit du’s weißt«, sagte er, »hier wohne nur ich.«

    »Ich auch«, sagte die Katze.

    »Seit wann?«

    »Seit eben.«

    »Aber ich war zuerst da. Und ich hab es nicht so mit Katzen.« Worauf sie erklärte, sie habe es sonst auch nicht so mit Heiligen Vätern, und der Heilige Vater, dann stehe einer einvernehmlichen Trennung ja nichts im Wege. Er schlurfte zur Tür und öffnete sie einladend. »Verzieh dich!«

    Die Katze machte es sich auf dem Teppich gemütlich, was märchenhaft aussah, denn der Teppich war weiß wie Schnee, die paar Tropfen darauf rot wie Blut, die Katze schwarz wie Ebenholz. »Schlurfst du immer so?«

    »Ich schlurfe, also bin ich«, sagte der Heilige Vater nicht ohne eine gewisse, wenn auch bescheidene Würde.

    »Ich schlurfe nicht, ich schnurre«, sagte die Katze. »Wer schnurrt, den gibt’s erst recht und viel mehr.« Ihr arroganter Schwanzkringel drückte aus, dass sie niemanden für eloquent hielt, der schnurrmäßig nicht mithalten konnte.

    Dafür war der Heilige Vater ein gewiefter Lateiner. »Fremo, ergo sum«, sagte er. Fremo komme von fremere, was soviel bedeute wie schnauben, knurren, brummen, vibrieren. Vermutlich also auch schnurren. Diese Katze, die ihren Descartes ebenfalls zu kennen schien, schnurrte eindeutig auf hohem intellektuellem Niveau.

    »Der Kerl hält uns für etwas Ähnliches wie Maschinen. Der kann froh sein, dass ich mir seinen Zeh nicht vorgenommen hab.«

    Der Heilige Vater, zu Ende mit seinem Latein, blinzelte. Sagte dann, was ihm zuerst vor lauter Zeh und Weh nicht in den Sinn gekommen war: »Du sprichst ja. Katzen maunzen, fauchen oder kreischen, aber sie reden nicht. Reden ist die nur uns Menschen angemessene Weise der Verständigung. Wir sind nämlich die Krone der Schöpfung.«

    Die Katze quittierte diese sowohl undiplomatische wie großkotzige Behauptung, von der er selber ahnte, dass ihr Wahrheitsgehalt äußerst gering sei, mit einer peitschenden Schwanzbewegung, die unmissverständlich ausdrückte, er solle nicht so blöd daherschwätzen.

    »Es ist nun mal nicht üblich, dass ein Mensch, Mann und Heiliger Vater und eine schwarze unheilige Katze miteinander reden. Halt dich gefälligst an die Naturgesetze.«

    »Eine Katze hält sich an gar nichts. Und mit den Naturgesetzen ist das so: Man setzt sich einfach drauf und macht sie platt.« Sie verfügte offenbar über eine antiwissenschaftliche Einstellung und zeigte sich auch in diesem Punkt als Gegnerin von Descartes, der darauf bestand, die gesamte Wirklichkeit werde durch strikte Naturgesetze regiert.

    Der Blick des Papstes fiel auf einen Mann, der, sich ebenfalls nicht um Monsieur Descartes und die Naturgesetze scherend, unter einem leuchtenden Sichelmond (rechts oben) und einer ebenso leuchtenden Strahlensonne (oben links), deren gleichzeitige Anwesenheit am Himmelsgewölbe auch nicht ganz ordnungsgemäß war, leichten Schrittes übers tiefblaue Galiläische Meer wandelt. Das kleine Bild neben der Tür hatte ihm vor Jahrzehnten ein herziges Kind aus seiner alten Pfarrgemeinde geschenkt mit dem charmanten, aber nicht ganz logischen Kommentar: »Wenn der auch geschlurft wär, wär er bestimmt abgesoffen.« Und der Heilige Vater hatte das Gefühl, es sei angebracht, diesmal nicht auf der Einhaltung von Naturgesetzen zu bestehen.

    »Außerdem« - die Katze legte ihre Ohren flach an - »klingt das wie ein Befehl.«

    »Das ist ein Befehl.« Der Papst, dem die Gabe des Ohrenflachlegens als Zeichen des Unmuts nicht verliehen war, machte ein Gesicht, von dem er hoffte, es wirke energisch. Befehle gab er nur, wenn die Würde des Amtes es verlangte, und er entschuldigte sich hinterher immer.

    Sie sei kein Hund, sondern eine freie Katze, und als solche ignoriere man bestimmte Wörter. Wörter wie ‚Befehl‘ und ‚Obrigkeit‘. Die Katze sprach’s und rollte sich zu einer freien, aufmüpfigen, obrigkeitsverachtenden, ganz und gar widererstandsentschlossenen, befehlsverweigernden Kugel zusammen. »Tür zu! Es zieht!«

    Der Papst schlurfte wieder zu seinem Sessel und betrachtete hilflos die Kugel. »Bist du Kater oder Katze?«

    »Katze«, sagte die Kugel. »Wenn du mir untern Schwanz gucken könntest, was ich mir natürlich nicht gefallen lassen tät, dann würdest du’s sehen.«

    Er versicherte erschrocken, er wolle ihr keineswegs untern Schwanz gucken, er respektiere Intimsphären. Die Katze ruckelte sich auf dem Teppich zurecht und teilte ihm mit, es bleibe dabei.

    »Wobei?«

    »Ich bleib dabei.«

    »Bei was?«

    »Bei dir.«

    Der Heilige Vater schlug ihr listig vor, sich einen anderen, nicht schlurfenden Heiligen Vater zu suchen. »Einer wie ich ist nichts für dich.«

    »Vielleicht wird ja noch was aus dir«, sagte die Katze. »Obwohl« - ihr Blick drückte nicht nur eine gewisse, sondern eine totale Respektlosigkeit aus.

    »Ich bin Papst«, sagte der Papst. »Mehr ist nicht drin.« Er dachte an das Märchen Von dem Fischer un syner Fru, die schließlich Gott werden wollte. Das lag ihm fern. Nur Frauen können auf so einen vermessenen Gedanken kommen. Natürlich hatte er nichts gegen Frauen, nur gegen ganz bestimmte furchteinflößende wie Frau Dr. Ranke-Heinemann, aber die hatte auch was gegen Heilige Väter.

    »Ich bin Katze. »Ihre Miene drückte aus, mehr könne gar nicht drin sein, weil da nichts drüber gehe. Und erkundigte sich, wie die Leute hier denn so seien.

    »Ach Gott«, sagte er, mit einem ihm selbst unbewussten Anflug von Bedauern, »im Vatikan sind halt alle katholisch, da kann man nichts machen.«

    »Warum?«

    Weil der liebe Gott auch katholisch ist, wollte er sagen, sagte es aber nicht, weil er schon lange Zweifel daran hatte, dass der Herrgott überhaupt einer bestimmten Konfession angehörte. Schließlich war der schon dagewesen, ehe das Elend mit den Religionen und Konfessionen und die Übereinanderherfallerei losgegangen war.

    »Und die Mäuse?«

    Mäuse seien grundsätzlich konfessionell ungebunden. Aber momentan gebe es hier keine, da könne sie glatt verhungern.

    »Kommt Zeit, kommt Maus.« Sie erfrechte sich, abermals so tiefgründig zu gähnen, dass er in ihren rosafarbenen Rachen sehen konnte. Lag auf dem weißen Teppich, dem ein paar päpstliche Blutstropfen die Unschuld genommen hatten, und fing an zu schnarcheln. Auch der Papst döste ein, die Audienz war anstrengend gewesen, die Arme taten weh von der Winkerei und Segnerei. Ist vielleicht alles nur ein böser Traum, dachte er, und wenn ich morgen früh aufwache, weil ich nicht gestorben bin, ist sie weg.

    14. April, Tiburtius, Lidwina. Papstbeschimpfung. Vom Fressen und Gefressenwerden

    Sie war weg. Der Beherrscher der Gläubigen dankte den Heiligen Tiburtius und Lidwina, die heute zur Verehrung anstanden, schlurfte beschwingt zur morgendlichen Kurzmesse in seine Privatkapelle, dann zum Frühstück, genehmigte sich zwei Stück Zucker in den Kaffee - »eins für mich, eins für die Katz« - und hinterher zu seinen Tagesgeschäften. Er ließ sich von seinem Sekretär zusammenfassen, was an Wichtigem in den Zeitungen stand, und nahm - unsere tägliche Papstbeschimpfung gib uns heute! - die üblichen gehässigen Kommentare zur Kenntnis. Die großen Zeitungen wetteiferten wieder mal darin, kein gutes Haar an ihm zu lassen, weil er es in seinem bisherigen Pontifikat nicht geschafft hatte, von heute auf morgen den Zölibat zu entsorgen, eine Frauenquote für den Priesterberuf einzuführen mit Aufstiegsmöglichkeiten bis zum Papst und die Kirche gründlich zu entrümpeln. Dabei hackten sie durchaus grundlos auf ihm herum. War er doch, gesegnet mit einem von seiner bäuerlichen Großmutter geerbten gesunden Menschenverstand und angeregt durch die Lektüre kirchenkritischer Geister, zur Überzeugung gelangt, seine Kirche sehe aus wie der arme Kerl, der unter die Räuber gefallen war, von dem das Evangelium erzählt. Wobei dem Heiligen Vater immer mehr dämmerte, es seien keine fremden Räuber am beklagenswerten Zustand der Darniederliegenden schuld, sondern diese sei ihr eigener Räuber gewesen. Und sei es immer noch. Und er war der Räuberhauptmann. Dessen war er nicht froh. Aber er hängte seine subversiven Gedanken nicht an die große Glocke, er bewahrte sie in seinem Herzen. Er war nun mal kein Revoluzzer.

    Zusehen müssen, wie seine Schafe der ihm anvertrauten Kirche davonrannten, ohne dass er imstand war, die Flüchtenden mit dem Lasso überzeugender Argumente wieder einzufangen, machte den Heiligen Vater erst recht nicht froh, es fehlte ihm ja weniger an Verständnis für die Entfleuchten als an diesen Argumenten. Wenn er mutmaßte, was der Herr von seinem Statthalter denken könne, verfiel er der Melancholie. Hätte Jesus damals statt zu Petrus zu ihm gesagt, du Fritz oder Franz oder Johann oder wie immer du heißt, du bist der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen, undsoweiter, hätte er sich mit Händen und Füßen gewehrt: Lass gut sein, lieber Herr, ich bin nur ein Weichei, such dir einen härteren Felsen, mit mir ist kein Kirchenstaat zu machen. Aber dieser ihn jedesmal einschüchternde, in meterhohen schwarzen Buchstaben auf Goldgrund von der Wand des Petersdomes herunterdrohende Satz war dem Herrn, wie manches andere, ja erst hinterher in den Mund gelegt worden, weil er sich gut machte und eine Art gesprochene Gründungsurkunde war für das, was sich dann zu der Kirche ausgewachsen hat, wie man sie kennt.

    Die hatte der Heilige Vater nun am Hals. Er dachte an das Wort der Teresa von Avila, einer der sympathischeren Heiligen, man solle nicht um eine leichtere Last bitten, sondern um einen stärkeren Rücken. Der tat ihm aber auch weh.

    Er unterschrieb einige Dokumente, telefonierte mit dem Osservatore Romano, dem vatikanischen Hausblättchen, regte an, ab und zu eine Schachaufgabe zu bringen - er war in längst vergangenen Zeiten mal Diözesanmeister gewesen - und ermahnte seinen Sekretär, nicht so mit Schwester Beata, dem päpstlichen Hausdrachen, herumzuscharwenzeln. Der Zweck heilige die Mittel, erklärte

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