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A T A K O R I E N: DER MYTHOS      Band 1
A T A K O R I E N: DER MYTHOS      Band 1
A T A K O R I E N: DER MYTHOS      Band 1
eBook522 Seiten7 Stunden

A T A K O R I E N: DER MYTHOS Band 1

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Über dieses E-Book

ATAKORIEN ist ein modern-philosophisches Märchen von hoher aktueller Brisanz und spielt im nördlichen Afrika.
Nach der Flucht zweier deutscher Offiziere in Richtung Wüste, zu einer Zeit, wo schon die unabwendbare Niederlage des Deutschen Reiches erkennbar wird, werden sie zu Mitbegründern des Friedensreiches ATAKORIEN.
In einer gekonnt geführten Sprache gelingt es dem Autor Reinhard Bartsch auf imaginäre Weise einen Weg für ein Königreich aufzuzeichnen, bei dem Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit, Toleranz und unverbogene Demokratie herrschen.
Zwischen Dichtung und Wahrheit, nüchterner Realität und romantischer Märchenwelt wird in diesem Buch ein Land skizziert, worin das Gute, Harmonie und die Liebe regieren.
Lassen Sie sich für kurze Zeit ins Königreich ATAKORIEN entführen und finden Sie nach der Lektüre Ihren Glauben an eine Heile Welt zurück.

Religionen aller Länder vereinigt Euch zu einem Gott.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum28. Nov. 2016
ISBN9783734545979
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    Buchvorschau

    A T A K O R I E N - REINHARD BARTSCH

    DER MYTHOS

    Die Flucht

    „Oberst Winkler!"

    Trotz des Geflüsters hinter seinem Rücken hatte der Offizier der Deutschen Wehrmacht die Stimme als die einer Ordonnanz des Feldherrn erkannt. Deshalb brummte er nur leise: „Ja?"

    „Drehen Sie sich nicht um! ... Punkt 11 Uhr 55 gehen Sie auf die Toilette, verstanden?!"

    „Ja."

    Danach hörte der Oberst einen Stuhl scharren und dann den harten Klang von Stiefelschritten, die sich eilig von ihm entfernten. Jetzt wagte er einen verstohlenen Blick. Das Casino war fast leer. Nur an der Bar lümmelten sich drei Offiziere mit Zigaretten in den Händen und dösten vor leeren Schnapsgläsern. Beruhigt drehte er sich zurück.

    Das vor ihm stehende Essen, eine unansehnlich graubraune Kohlroulade, rührte der Oberst nicht an. Statt dessen schaute er missmutig aus dem verstaubten Fenster auf den Flugplatz hinaus, wo ein ziemlich heftiger Gibli rotbraune Schwaden des verflucht feinkörnigen Wüstensands vor sich hertrieb, und versuchte, sich einen Reim aus der mysteriösen Order zu machen. Gewöhnt an konspirative Umgangsformen – er gehörte einer Gruppe von Widerständlern gegen Hitler aus Offizierskreisen an –, ahnte er plötzlich, dass er sich in großer Gefahr befand.

    Ein Blick auf seine Uhr, die, wie bei Fliegern üblich, auf die Sekunde genau ging, sagte ihm, dass er jetzt aufstehen und den vielleicht fünfzehn Sekunden dauernden Weg zur Toilette antreten müsste, eine Sekunde für jeden Schritt. Dann hätte er immer noch zehn Sekunden, um sich den Sand aus der Uniform zu klopfen und den Gürtel zurechtzurücken, bis er genau fünf Minuten vor zwölf den übelriechenden Raum betreten würde.

    Fünf Minuten vor zwölf: der Zeitpunkt entbehrte nicht eines gewissen Sarkasmus, dachte der Oberst, als er sich von seinem Platz erhob. Fünf Minuten vor zwölf hieß es auch für die Heeresgruppe Afrika. Dahin, der siegreiche Sturmlauf des Afrikakorps zu Beginn des Feldzuges, vorbei, die Husarenstücke des genialen Feldherrn, den sie den Wüstenfuchs nannten, und vergessen der Ruhm. Alles, was sie in diesen Apriltagen des Jahres 1943 in der Nähe von Tunis, wohin sie in letzter Zeit von den Alliierten Schlag um Schlag zurückgedrängt worden waren, noch vor sich hatten, war der Ausblick auf eine schmähliche Niederlage. Umsonst also das Sterben, die Kühnheit und all die zahllosen Opfergänge, die Zerstörungen und Verwüstungen, worin sich der ganze Wahnsinn des Afrikafeldzuges widerspiegelte. Der Feind würde sich ins Meer werfen, das war so klar wie das Amen in der Kirche.

    Beim Eintritt in die Toilette schlug dem Oberst das penetrante Geruchsgemisch von Chlor und Urin entgegen. In den keramischen Pinkelbecken hatten sich gelbbraune Rinnsale eingeätzt. Angeekelt fragte er sich, warum man ausgerechnet einen solchen Ort zur Konspiration gewählt hatte, und war schon geneigt, diesen Vorgang als makabres Possenspiel einzustufen, als die Tür aufging, eine Person den Raum betrat und sich neben ihm aufbaute.

    „Tag, Heinrich!" flüsterte der andere fast lautlos.

    Winkler blickte zur Seite und erschrak beim Erkennen des Mannes so heftig, dass er beinahe danebengepinkelt hätte. Es war Rommel. Er trug einen dicken weißen Verband am rechten Ohr.

    „Tag, Erwin!" murmelte der Oberst. Der Feldherr und er kannten sich aus Jugendtagen.

    „Ganz kurz, flüsterte Rommel, der müde und krank wirkte. „Du musst noch in dieser Stunde verschwinden. Die Gestapo ist dir auf den Fersen. Nimm deine ME-110, und fliege zusammen mit dem Teufelsbaron über die feindliche Linie hinweg nach Süden, immer nur nach Süden, mitten in die Wüste hinein. Klar?

    „Jawohl, Erwin!"

    „Immer nur nach Süden, wiederholte Rommel eindringlich, „woanders hast du keine Chance!

    Der Feldherr ließ einen qualvollen Seufzer hören, steckte sein Glied in die Hose und ging, seinem Freund noch einen leichten Klaps auf die Schulter gebend, hinaus. Das ganze Gespräch hatte nur so lange wie ihr Wasserlassen gedauert, und als Winkler wieder die Kantine betrat, war der berühmte Befehlshaber des Afrikacorps verschwunden. Nur die verdutzten Mienen der versoffenen Fliegerkameraden bildeten sozusagen noch den Schweif hinter dem entwichenen Kometen.

    „Sauft nicht so viel, ermahnte Winkler grinsend die Offiziere, Piloten aus seiner Staffel. Sie grinsten ebenfalls, riefen aber stramm: „Jawohl, Herr Oberst! Fast alle Piloten hier soffen. Das Mut-Antrinken gehörte zum Geschäft, deshalb nahm niemand es grundsätzlich übel.

    Der Oberst, eine elegante, jung wirkende Erscheinung mit ausdrucksstarken, männlich herben Zügen, dunklen Augen und kurzgeschorenem, dunklem Kopfhaar – er zählte so viele Jahre, wie dieses unselige Jahrhundert alt war – begab sich gemächlichen Schritts nach draußen, vergewisserte sich vorsichtig, dass niemand ihm folgte, bestieg lässig einen Kübelwagen und fuhr damit quer über die reichlich beschädigten Pisten des Flugplatzes El Alia und heran an vier JU-88, die, wie vor kurzem von ihm befohlen, zum Einsatz vorbereitet wurden. Ein Himmelfahrtskommando.

    „Tannenstein!" schrie Winkler, in dessen Hirn es fieberhaft arbeitete, was jegliche Angst zu verdrängen schien.

    „Hier, Herr Oberst!" meldete sich gleich darauf eine Stimme aus der Ruine eines wenige Meter abliegenden Hangars.

    „Zu mir!"

    Während er beobachtete, wie ein junger Leutnant im Laufschritt auf ihn zueilte und aus dem Wagen stieg, gingen ihm die verschiedensten Dinge durch den Kopf.

    Die Sache war eindeutig. Sein Freund Rommel, den er auftragsgemäß vor nicht allzu langer Zeit in Ziele und Absichten seiner Untergrundorganisation eingeweiht hatte: nämlich Hitler zu stürzen, eine neue Regierung zu bilden und mit den Alliierten in Friedensverhandlungen einzutreten, war seinen Offenbarungen nicht nur mit Interesse gefolgt, sondern hatte sogar – besonders als er Namen von Offizieren hörte, die mit den Verschwörern sympathisierten – unter Einräumung einer kurzen Bedenkzeit seine eventuelle aktive Mitarbeit in Aussicht gestellt. Das war von den Führern der Organisation nicht anders erwartet worden.

    Von dem immer frostiger werdenden Verhältnis Rommels zu Hitler wusste inzwischen jeder Eingeweihte.

    Nun aber war er, Winkler, offenbar enttarnt worden, vielleicht sogar verraten und dadurch dem Feldherrn natürlich zu einer großen Belastung geworden. Dass sich Rommel ihrer wie ein guter Freund auf anständige Art entledigte und nicht ganz anders, wie er es ohne Zweifel auch gekonnt hätte, sprach sicher sehr für dessen Charakter.

    Der Gerufene, ein großer, junger Kerl, sportlich-schlank, blond und blauäugig, gewissermaßen ein Bilderbuch-Typ für Rassenfanatiker, hatte sich inzwischen mit lachendem Gesicht vor dem Oberst aufgebaut und auf ganz und gar unmilitärische Weise gefragt: „Was gibt's, Herr Oberst?"

    Die Spur eines wohlwollenden Lächelns erschien auf Winklers Gesicht, während er dem Leutnant, der sein vollstes Vertrauen genoss, mit leisen Worten seine Lage erklärte.

    „Ich bin aufgeflogen, Götz. Die Gestapo wird bald hier sein, um mich zu verhaften. Darum muss ich schleunigst weg ... Ein prüfender Blick in die erstaunten Augen des Leutnants, dann fügte er hinzu: „Wenn Sie wollen, nehme ich Sie mit. Hier ist ohnehin bald der Teufel los.

    Götz von Tannenstein zögerte keine Sekunde mit der Antwort. „Natürlich will ich, sagte er grinsend, „habe auch die Schnauze voll vom Krieg.

    Exakt grüßend ging ein Hauptmann an ihnen vorbei. Sie grüßten zurück, und Winklers Stimme bekam einen hellen, militärischen Klang.

    „Also, Leutnant, machen Sie die ME-110 startklar! In zwanzig Minuten melden Sie mir Vollzug! Klar?"

    „Zu Befehl, Herr Oberst!" schnarrte der Kerl, knallte die Hacken zusammen, als zöge er eine Kabarett-Nummer ab, und machte sich aus dem Staub.

    * * *

    Leutnant von Tannenstein war, was niemand wusste, schon seit seiner Einberufung der besonderen Obhut Winklers anvertraut.

    Beide stammten sie aus Königsberg. Götz von Tannenstein, Spross eines alten, preußischen Adelsgeschlechts, mit dem der Oberst in enger freundschaftlicher Beziehung stand, war ein noch unausgereifter, leichtblütiger Bursche voller Abenteuerlust und Selbstsicherheit. Sein Mut, zuweilen an Tollkühnheit grenzend, entstammte der unvernünftigen, aber festen Überzeugung, nicht ins Verderben stürzen zu können, da der Himmel über ihn wache. Eine Überzeugung, die seiner tiefen, mit festen Gewissheiten verbundenen Religiosität entsprang und die dem atheistischen Winkler überhaupt nicht passte. Ihre gemeinsam empfundene starke Manie fürs Fliegen und der ausgeprägte Hang zur Königin aller Wissenschaften – wobei jeweils der Ältere den Jüngeren in die Lehre genommen hatte – war jedoch zum Ursprung einer sehr vertrauensvollen Vater-Sohn-Beziehung geworden.

    Schweren Herzens sah Winkler Götz in den Sandwolken verschwinden. Desertion, das war wahrhaftig eine schicksalsschwere Entscheidung, auch wenn sie reinen Gewissens geschehen müsse und ihm keine andere Wahl blieb, es sei denn, sich freiwillig als Schlachtopfer zur Verfügung zu stellen. Aber es hieß, heimatlos und ehrlos zu sein für eine lange Zeit, wenn nicht für immer, und vom eigenen Volke verachtet zu werden als Vaterlandsverräter. Dass sie beide gegen ein verbrecherisches System gekämpft hatten und dafür eigentlich geehrt werden müssten, wer wusste das schon? Und wer konnte außerdem wissen, welche Wertung ihr vom eigenen Gewissen diktierter Kampf gegen Hitler einmal in Zukunft erfahren würde? Die Bande zur Heimat zu zerreißen, schien dem unbekümmerten, jungen Mann leichter zu fallen als ihm, aber das war keinesfalls ein Trost.

    Winkler begab sich in sein Quartier, um sich dort seine Kampfuniform anzuziehen und seine persönlichen Sachen an sich zu nehmen. In seinem Zivilleben war der Oberst an der berühmten Königsberger Albertina Lehrstuhlinhaber für Philosophie, vor 1933 auch für Soziologie gewesen, bis ihm die Nazis für letztere Wissenschaft das Lehramt entzogen hatten. Auch als Anhänger des jüdischen Philosophen Immanuel Kant, der er aus tiefster Überzeugung war, hatte der Philosoph sich nicht mehr bezeichnen dürfen. Wie er das alles hatte mitmachen und ertragen können, fragte er sich manchmal vergeblich. Eine gewisse Zeit lang hatten die Nazis eben auch ihn, wie es so vielen ergangen war, fest im Griff gehabt. Die klare Erkenntnis, einem Verbrecherstaat zu dienen, war ihm erst später gekommen.

    Der heute 23-jährige Götz hatte vor fünf Jahren bei ihm sein Studium begonnen und war nach nur einem Jahr unmittelbar vor Ausbruch des Krieges zum Militär einberufen worden. Winkler musste auch in den Krieg und wurde wegen seiner militärischen Flugkenntnisse, die er im 1. Weltkrieg im Geschwader Richthofen gesammelt hatte, gleich zum Geschwader Kommandeur gemacht. Von Tannenstein, der unbedingt Kampfflieger werden wollte, hatte auf Winklers Veranlassung hin die entsprechende Ausbildung genossen und war dann zu dessen Geschwader im Afrikacorps gestoßen. So war ihnen beiden ihr unstillbares Verlangen, beim Fliegen das berauschende Glücksgefühl grenzenloser Freiheit zu erleben, zum schicksalsbestimmenden Faktor geworden.

    Nachdem Winkler sich hastig Kampfuniform und Stiefel angezogen und den Gürtel mit der Pistole umgeschnallt hatte, setzte er Lederkappe und Brille auf, nahm seine persönlichen Sachen, ein paar handschriftliche Aufzeichnungen und ein Bild von der Baronin, an sich, warf sich zuletzt die MPi über die Schulter und verließ den Raum und wenig später das Offiziersquartier, ohne Aufsehen zu erregen. Auch als er mit schnellen Schritten quer über die Pisten zu jenem Ort eilte, wo die inzwischen startbereite Messerschmitt stand, schien keiner seiner Leute Verdacht zu schöpfen, obwohl ihnen der Anblick ihres Staffelkommandeurs in voller Gefechtsmontur schon einigen Anlass zum Nachdenken hätte geben können. Doch scheinbar hatten sie genug damit zu tun, sich innerlich auf das kommende Desaster vorzubereiten.

    Flüchtig dachte der Oberst daran, wie in diesen Tagen die Einschätzung der militärischen Lage der Heeresgruppe Afrika lautete: „Der Kampf um den Brückenkopf Tunesien geht seinem Ende zu ..." Aber auf Befehl Hitlers sollte das Heer bis zum völligen Aus weitermachen.

    Bei dem Gedanken an Hitler zog sich dem Oberst der Magen zusammen. Er hasste Hitler, er hasste die ganze nationalsozialistische Ideologie wie die Pest; aber das war, wie er sich heute kaum verzeihen konnte, nicht immer so gewesen, denn, wie gesagt, war auch er anfangs der faschistischen Wahnideologie auf den Leim gegangen, denn da waren die Fliegerkameraden von einst – Udet, Harlinghausen, Seidemann, ja, und leider auch Göring –, die ihm wider besseren Wissens die Sache schmackhaft gemacht hatten. Doch spätestens als man ihm im Jahre 1933 das Lehramt für Soziologie entzogen und die gesamte Wissenschaft als unsinnig verschrien hatte, hätte er sich von den Nazis mit aller Entschiedenheit distanzieren müssen.

    Nun, er hatte es nicht getan. Schuld daran war seine Schwäche fürs Fliegen, das Abenteuer, die andere Seite seines Wesens.

    Noch trennten ihn etwa zweihundert Meter von der Maschine, deren Umrisse schon aus den Sandwolken herausstachen, als plötzlich über Lautsprecher nach ihm gerufen wurde.

    „Oberst Winkler, bitte zum Stab!"

    Diese heisere, irgendwie viel zu sanfte, lockende Stimme, die er nicht kannte, entsetzte und erregte ihn aufs Heftigste. Der ihn da rief, war vermutlich einer von der Gestapo. Früher als gedacht, hatte also die Jagd nach ihm begonnen. Auch jetzt hatte er keine Angst, aber er fing an zu rennen. Ein gejagter Hase muss laufen, so schnell er kann, dachte er

    mit bitterem Humor.

    Der Leutnant, der alles mitbekommen hatte, verhielt sich absolut kaltblütig. Er saß auf einer Tragfläche der laufenden Maschine, wollte sich schier kaputtlachen, als er seinen Oberst Hasenpanier geben sah, und rief ihm belustigt entgegen: „Herr Oberst, Sie rennen ja, als wäre Ihnen der Teufel im Nacken!"

    Winkler, atemlos angekommen, lachte röchelnd und rief: „Kein schlechter Vergleich, Götz ... Aber jetzt dalli, dalli in die Kiste und ab!"

    Gut trainiert, wie sie waren, bestiegen sie innerhalb weniger Sekunden die ME-110. Der Oberst hatte sich selbst hinter den Steuerknüppel gesetzt, brachte den Flieger ins Rollen auf die Startpiste zu und schaltete den Sprechfunk ein.

    „Höhne, hören Sie mich? sprach er ins Mikrophon. Hauptmann Höhne war, das wusste Winkler, ein besonders scharfer Nazi im Stab. „Bleiben Sie stehen! tönte es aus allen Lautsprechern rings um den Flugplatz. „Sie haben Startverbot!"

    „Leck mich am Arsch, Höhne, und grüß mir den Führer! schrie Winkler in die Muschel hinein. „Er soll verrecken! Dann brachte er den Zerstörer auf Touren und jagte direkt in nördliche Richtung auf den Tower zu. Jetzt war Winkler kein Hase mehr, sondern Jäger. „Siehst du den Kübelwagen dort?" schrie er seinem Leutnant zu, der hinter ihm saß.

    „Ja."

    „Die Leute stecken in Ledermänteln, nicht wahr?"

    „Ja. Sie sind von der Gestapo."

    „Schieß sie zusammen!" befahl der Oberst, während die ME abhob.

    „Sie wissen genau, dass ich nicht ..."

    „Schieß sie zusammen, sag' ich! rief der Oberst schneidend. „Die haben es tausendfach verdient!

    Das Kampfflugzeug hatte ein schweres MG an Bord, das zu bedienen der Leutnant allerdings zögerte. Er konnte nicht auf Menschen schießen, wenn diese ihn nicht angriffen. Er liebte das ritterliche Duell in der Luft, den Kampf unter gleichen Bedingungen als Jäger, aber er hasste das Morden und auch das Bombenwerfen und schien deshalb weder in diese Zeit noch in diesen mörderischen Krieg hineinzupassen.

    Erst als er aus dem Kübelwagen auf sich gerichtete Mündungsfeuer aufzucken sah, stimmten für ihn die Bedingungen dafür, nun seinerseits das Feuer zu eröffnen.

    Noch bevor die Fliehenden erkennen konnten, ob er getroffen hatte, waren sie schon über den Kübelwagen hinweggerast und hatten inzwischen so viel an Höhe gewonnen, dass das ganze Territorium unter ihnen vom Sandsturm verschluckt worden war.

    „Wir fliegen nach Norden, müssen aber nach Süden", schrie der Oberst, den Lärm der Motoren übertönend, rückwärts.

    „Warum?"

    „Erwin hat's empfohlen. Nach Süden, hat er gesagt, nur in die Wüste hinein sollen wir fliegen."

    Er drehte bei.

    Sie flogen jetzt in zweitausend Metern Höhe zurück zum Flugplatz, wo sie natürlich niemand mehr erwartete. Der Oberst war nicht weniger ein schlauer Fuchs als sein Feldherr. Die Maschine machte ungefähr 500 km pro Stunde. Das waren für sie keine optimalen Bedingungen. Sie könnte von unten her sehr leicht angegriffen werden, falls der Sturm abebben und die Sicht sich aufklären würde.

    „Gleich wird's gefährlich!" warnte der Oberst.

    „Sie werden die Kiste schon schaukeln, Professor", meinte Götz zuversichtlich, unwillkürlich die zivile Anrede Winklers gebrauchend.

    Sie flogen durch eine dichte Wolkendecke und hatten mit starken Windböen zu kämpfen. Winkler hatte seine Einschätzung gerade ausgesprochen, da brach auch schon die Hölle los, hörten sie von unten das dumpfe Hämmern der Flakgeschütze und das fürchterliche Gejaule schwer-kalibrierter Geschosse.

    „Runter!" schrie Götz.

    „Zu Befehl, Herr Baron!" rief Winkler, der dasselbe gedacht hatte, spöttisch und ließ den Flieger wie ein Stuka beim Sturzflug nach unten trudeln, ein gefährliches Manöver für die relativ träge Kiste. Doch er konnte verdammt gut fliegen, dieser Oberst, blieb eiskalt, fing die ME buchstäblich in letzter Sekunde vor dem Aufprallen auf der Erde ab und raste in etwa 10 Meter Höhe mit Höchstgeschwindigkeit über die Pisten hinweg, so dass die Leute da unten wie aufgescheuchte Hühner auseinanderspritzten. Das Ganze hatte keine zwanzig Sekunden gedauert, Maschine samt Insassen waren unversehrt geblieben und nach dieser Aktion zumindest fürs erste außer Gefahr.

    „Eine fabelhafte Kiste, was?" meinte der Oberst aufatmend und ließ die Maschine wieder Höhe gewinnen. So rasch wie möglich wollte er auf viertausend Meter kommen. Dort oben erwartete er einen offenen Himmel und keine Probleme durch den Wind.

    „Ganz zu schweigen von Ihrer Leistung, Professor, bemerkte der Jüngere anerkennend. „Ich glaube, das macht Ihnen nicht einmal Udet nach.

    Der Oberst ging nicht darauf ein. Er war bereits mit einem neuen Problem beschäftigt.

    „Ich glaube, die nächste Aufgabe, nämlich unversehrt über die feindliche Linie zu kommen, ist verdammt schwer."

    „Wie lange brauchen wir noch?" erkundigte sich Götz.

    „Zwei Minuten. In dieser Zeit müssen wir mindestens auf viertausend Meter Höhe sein", sagte Winkler.

    „Und die Drehzahl senken", empfahl der Jüngere.

    Der Oberst nickte.

    „Vielleicht haben wir Glück und kommen durch den Sandsturm da unten unbemerkt über die Linie", bemerkte Götz voller Hoffnung.

    „Ja, der Gibli könnte unser bester Verbündeter sein, meinte auch der Oberst und fügte leis-ironisch an, „oder der liebe Gott, falls Er Ihnen, Götz, diesmal auch wieder aus der Patsche hilft. Oft genug scheint Er das ja bereits schon getan zu haben.

    „Das mag wohl stimmen, Herr Oberst", sagte Götz völlig ernsthaft.

    Oberst Winkler wusste genau, wovon er sprach. Schmunzelnd dachte er daran, dass man in der Truppe dem Leutnant nicht umsonst den Spitznamen „Teufelsbaron" gegeben hatte. Keiner von den Fliegern seines Geschwaders war so mutig in Einzelgefechten mit feindlichen Jägern oder hatte so viel Abschüsse zu verzeichnen wie er, der zudem bei all diesen Kämpfen immer eine gewisse Ritterlichkeit an den Tag gelegt hatte, indem er seine besiegten Gegner niemals mit mörderischer Gnadenlosigkeit verfolgt, sondern ihnen immer die Chance zum Ausstieg gegeben hatte. Der junge Mann hatte Charakter, das war auch bei anderen Gelegenheiten festzustellen. Winkler dachte an die Eroberung Kretas, wo sich Götz damals entschieden geweigert hatte, Bomben an Bord zu nehmen, und es zu einer ordentlichen Befehlsverweigerung mit allen dramatischen Folgen gekommen wäre, hätte nicht er, Winkler, dies mit dem Einsatz seiner ganzen Autorität abgewehrt. Freilich hatte auch er nicht verhindern können, dass Götz dann die Bomben einfach irgendwo über einem Sandhaufen ausgeklinkt, also dann doch Befehlsverweigerung begangen hatte. So war er nun mal, dieser Bursche: gemütvoll, mutig und vor allem anständig. Es ist nicht leicht, als Soldat dieses Krieges anständig zu bleiben, sagte er sich.

    Sie waren eben über die Wolkendecke hinaus, als der Oberst durch einen Warnruf des Leutnants jäh aus seinen Gedanken gerissen wurde.

    „Jäger hinter uns, wir werden verfolgt!"

    Der Oberst reagierte blitzschnell, ließ die Maschine wieder in die Wolkendecke abtauchen, veränderte den Kurs um einige Grade nach Südost und forcierte das Tempo auf Höchstgeschwindigkeit. Aber er wusste, gegen die Jäger war er so gut wie machtlos. Hier konnte wirklich nur noch Gott helfen.

    Auf einmal waren sie wieder mittendrin im Schlamassel. Granaten heulten, Gefechtslärm ertönte von allen Seiten, unten und oben. Die Gefahren lauerten überall und wechselten in Bruchteilen von Sekunden ihr Gesicht.

    „Unter uns wird Enfidaville angegriffen!" schrie Götz.

    „Dann sind wir in den Bergen, aber ich gehe trotzdem runter!" rief Winkler nach hinten.

    Gesagt, getan. Was blieb ihm anderes übrig? Wenn sie überhaupt noch eine Chance hatten, heil aus diesem Hexenkessel zu entkommen, dann nur mit Winklers begnadeter Flugkunst. Aber da unten lauerte die Gefahr, an irgendeiner Bergwand zu zerschellen. Unten war die Sicht überraschend klar. Dafür mussten sie mit einigem Entsetzen in Unmassen aufzuckender Mündungsfeuer aus Granatwerfern und Panzerrohren blicken. Winkler machte jetzt den verzweifelten Versuch, die Maschine mit Loopings, Schrauben und Rollen vor dem Abschuss zu bewahren, und zeigte dabei das ganze Repertoire seines Könnens. Es waren furchtbare Sekunden für die Insassen der ME. Ein einziger Treffer, und sie wären mit der vollgetankten Maschine explodiert.

    Aber sie hatten Glück. Irgendwann waren sie raus aus dem Gefecht und überflogen nur noch friedlich in Wartestellung stehende Panzer – eine Unmenge von Panzern.

    „Amerikaner!" rief Götz.

    „Und Briten", ergänzte der Oberst.

    Schnell versteckten sie sich wieder in den Wolken und flogen südwärts, immer nur südwärts.

    Dann wurde es erlösend still um die Flieger und auch die Sicht immer klarer. Über ihnen ein makellos blauer Himmel, vorn die strahlende Sonne und unten nichts als Wüste weit und breit, ein scheinbar eingefrorenes Meer aus Sanddünen zwischen Licht und Schatten. Sie hatten es geschafft.

    „Mensch, Herr Professor, aus was für 'ner Riesenscheiße haben Sie uns da herausgeholt!" machte Götz seinem Herzen Luft.

    „Ich weiß nicht, Götz, meinte Winkler zweifelnd, „ob das nicht Ihr Gott war oder zumindest einer Seiner Schutzengel, der uns da vor dem Schlimmsten bewahrt hat.

    Götz nickte mit ernstem Gesicht und sagte: „Kann sein, Professor. Ich glaube übrigens fest daran, dass ich noch gebraucht werde auf dieser schönen Erde."

    * * *

    Sie flogen in viertausend Metern Höhe. Die Motoren brummten leise vor sich hin. Winkler hatte die Geschwindigkeit auf sparsamsten Kraftstoffverbrauch gedrosselt; und während sie fasziniert nach unten auf die wunderschöne Landschaft blickten, stellte Götz nüchtern fest: „Nun sind wir Ehrlose für unser Volk. Die Heimat werden wir wohl für lange Zeit nicht wiedersehen."

    „Vielleicht niemals wiedersehen, ergänzte Winkler. „Ist das sehr schlimm für Sie?

    Götz überlegte nicht lange, bevor er dem Oberst antwortete.

    „Eigentlich nicht. Ehrlich gesagt, bin ich sogar froh darüber."

    „Das überrascht mich, sagte Winkler beinahe vorwurfsvoll, „denken Sie denn gar nicht an Ihre Mutter?

    „Doch, an meine Mutter denke ich schon, erwiderte Götz und schwieg für ein paar Sekunden. „Ich kann nur hoffen, dass sie mich versteht, ergänzte er dann beklommen.

    „Ihre Mutter wird bestimmt froh sein darüber, dass Sie der Hölle unbeschadet entkommen sind, mein Lieber."

    „Gewiss, Professor, wird sie so froh darüber sein, wie ich es bin, meinte Götz erleichtert. „Verstehen Sie doch ..., tief Luft holend befreite er sich von dunklen Vorstellungen, „... ich will da nicht leben, wo's barbarisch zugeht. Das Deutschland, das ich liebe, das humanistische, tolerante, friedliche, ist verschwunden. Ich kann nicht in einem Vaterland leben, dessen Schicksal ich auf ewig bedauern und dessen Verlust an Kultur ich für immer beklagen muss. Ich brauche Freiheit und Frieden ..." Er hatte mit wachsender Erregung gesprochen und brach plötzlich ab, wohl überwältigt von einem Gefühl.

    „Ich weiß, mein Junge, sprach Winkler besänftigend, „Sie lieben die Philosophie der 'Alten Griechen', sehnen sich nach einer idealen demokratischen Gesellschaft und möchten sich gern mit großartigem Geist und hoher Kultur umgeben.

    Götz gab ihm Recht und meinte, dass er sich einen Lebensraum, wo er dieses Leben führen könne, suchen und dass ihm der Allmächtige dabei gewiss helfen werde.

    Lachend schüttelte Winkler den Kopf. Die reale Existenz eines derartigen Lebensraums stark in Zweifel ziehend, bemerkte er dennoch scherzhaft ironisch: „Anstatt nach der idealen Welt zu suchen, täten Sie wohl gut daran, mein Lieber, sich die gleich selber aufzubauen. Vielleicht gelingt es Ihnen sogar, da Sie ja zu Höherem berufen sind."

    „Und wie steht es mit Ihrem Lebensraum, Professor? fragte Götz mit ernster Miene. „Wollten Sie nach Deutschland zurück, wenn es eines Tages wieder frei sein sollte? Würden Sie in einem Land, das Juden vernichtet hat, jemals noch den jüdischen Philosophen Kant zitieren? Glauben Sie, dass der Kategorische Imperativ noch einen Teutonen belehren kann?

    Winkler nickte energisch. „Tausendmal ja, mein Junge! rief er emphatisch. „Gerade deshalb würde ich dort Kant zitieren und meinen Beitrag zur Errichtung der Demokratie leisten wollen! Kein Mensch auf dieser Welt ist unbelehrbar. Es geht immer darum, aus Fehlern zu lernen und eine Sache beim nächsten Mal besser zu machen. Das ist Entwicklung.

    Während sie sprachen, schweiften ihre Blicke über die Wüste, die sich rotbraun und wie ein in der Dünung erstarrter Ozean mit mächtigen Wellenbergen und -tälern von Horizont zu Horizont unter ihnen ausbreitete, das Gefühl von Einsamkeit, ja vom Verloren-Sein vermittelnd. Irgendwann drückte es Winkler so aus: „Wenn die Motoren jetzt versagen und wir abstürzen, dann sind wir hin, und kein Hahn kräht mehr nach uns."

    „Uns wird schon nichts passieren, Professor, entgegnete Götz zuversichtlich. „Ich weiß, Gott schützt uns.

    Winkler lachte. „Kühne Worte, junger Freund! ... So mancher ist damit schon auf die Nase gefallen!"

    Aber insgeheim musste er sich eingestehen, dass der junge Bursche tatsächlich allen Grund dazu hatte, sich für etwas Besonderes zu halten, eingedenk vieler Gefahrensituationen, denen er wegen seiner Tollkühnheit ausgesetzt gewesen war und die er alle unversehrt überstanden hatte. Doch das kann sich ja leider sehr schnell ändern, dachte er. Wie war das doch gleich mit des Geschickes Mächten? ...

    Bald werden wir landen müssen, und dann wird sich zeigen, wie es damit bestellt ist.

    Laut warnte er: „Fühlen Sie sich bloß nicht zu sicher, junger Freund! In wenigen Stunden, wenn der Sprit aufgebraucht ist und wir runter müssen, könnte Ihnen das Lachen gründlich vergehen."

    „Sie sind ein Pessimist, Professor, weil Sie nicht an Gott glauben", meinte Götz.

    „Und Sie ein Optimist, weil Sie an Gott glauben, ergänzte Winkler. „Mal sehen, wer von uns beiden Recht hat.

    „Der eine glaubt an Gott, der andere nicht, wie kommt es, dass wir uns trotzdem so gut vertragen?" fragte Götz.

    „Das liegt, glaube ich, daran, dass wir Philosophen sind, antwortete Winkler lachend. „Philosophen sind eben klug und weise.

    „Nein, sagte Götz, „das liegt daran, dass wir in ethischen, politischen und sozialen Fragen ähnliche Ansichten haben und eigentlich auch die gleichen Träume.

    „Auch richtig, gab ihm der Professor recht, „sonst würden wir ja nicht hier oben fliegen, einer ungewissen Zukunft entgegen.

    „Die Zukunft ist immer ungewiss. Aber wo fliegen wir eigentlich hin?"

    „Nach Süden. Immer nur nach Süden ..."

    „Mal ohne Quatsch, Professor. Haben Sie ein bestimmtes Ziel?"

    „Ich denke, wir fliegen zum Hoggar-Massiv, landen und verstecken uns dort bis zum Kriegsende."

    „Ist das nicht, Französisches Kolonialgebiet?"

    „Ja. Aber die dort lebende Bevölkerung ist den Franzosen so feindlich gesinnt, dass wir uns bei ihnen sicher fühlen dürfen."

    „Na ja, versuchen wir's ... Unser Kraftstoff reicht sowieso nur bis dorthin."

    Winkler nickte. „Ja, wir müssen es versuchen und auf unser Glück vertrauen."

    Es kam, wie Winkler es vorhergesagt hatte. Mit buchstäblich den letzten Tropfen Sprit erreichten sie am späten Nachmittag den nördlichen Rand des Hoggar-Massivs, ein hohes, wildzerklüftetes und kahles Gebirge, das Götz auf eigenartige Weise berührte.

    Die Öde und Weitläufigkeit der Landschaft erschien ihm irgendwie vertraut. Er kam sich vor wie ein Reisender, der nach längerer Zeit der Abwesenheit an einen ihm bekannten Ort zurückgekehrt war, und ein merkwürdiger Frieden zog in seine Seele.

    „Verdammt steiniges Gelände hier!" schimpfte Winkler, der auf etwa fünfzig Meter Höhe hinuntergegangen war und nun vergeblich nach einem geeigneten Landeplatz Umschau hielt, denn die Wüste unter ihnen bestand nun kaum noch aus sandigem Erg, sondern fast überall aus steinigem Serir.

    Götz, der ebenfalls suchte, wies nach einer Weile auf eine bestimmte Stelle, die ihm wegen ihres relativ glatten, fast felslosen Bodens für die Landung geeignet schien.

    „Vielleicht dort rechts vor uns."

    Da Winkler nichts Besseres fand, hielt er auf den bezeichneten Ort zu und rief: „Achtung, jetzt gibt's 'ne Bauchlandung!"

    Er tat sein Möglichstes, setzte die Maschine so sachte auf den Boden auf wie eine Elfenhand auf eine Blüte und ließ sie einfach dahinrutschen, steuerlos, blind den Naturkräften ausgeliefert. So sich selbst überlassen, holperte und schlingerte sie über das Gelände, dass es nur so rumpelte, knarrte und dröhnte, bis sie sich schließlich um fast neunzig Grad um die eigene Achse drehte, die Nase in den Sand bohrte und zitternd steckenblieb. Dann wurde es still und dunkel im Flieger. Erst nach einer Weile fragte Winkler, ob bei Götz alles in Ordnung sei. Dieser bejahte und stellte ihm die gleiche Frage.

    „Alles okay, ließ nun auch der Professor verlauten, großes Glück gehabt." Das gesamte Vorderteil der ME steckte in einer Sandwehe, und sie hatten einige Mühe, sich in die Freiheit hinaus zu wühlen.

    Rettung aus höchster Not

    Draußen schlug ihnen die Hitze wie eine Glutwehe entgegen, und in der trockenen, völlig bewegungslosen Luft fiel ihnen das Atmen schwer. Sie schauten hinauf zu den bizarr gezackten, zerklüfteten, rotbraunen Felsen, den rissigen Wänden, den seltsamsten Steingebilden, dem Gewirr nackter Nadeln, Spitzen, Türme von anziehendem Reiz, und von hier unten wirkte das alles viel gewaltiger auf sie als von oben, vor allem aber bedrohlich und lebensfeindlich, denn wohin sie auch schauten, nirgends entdeckten sie Vegetation. Kein Gras oder Moos, keine Blüte oder Distel war zu sehen, nur bloßes Gestein und Sand.

    „Hier scheint es überhaupt kein Leben zu geben", meinte Götz enttäuscht.

    „Sieht ganz danach aus", bestätigte der Professor und wurde plötzlich von einer entsetzlichen Vorstellung gepackt.

    „Sagen Sie mal, Götz, haben Sie daran gedacht, Wasser an Bord zu nehmen?" fragte er beklommen.

    Götz schüttelte langsam den Kopf.

    „Wie hätte ich das wohl gekonnt, bei der Hast? ... Außerdem, Sie haben es ja nicht ..."

    „Ist wenigstens Ihre Feldflasche gefüllt?" unterbrach ihn Winkler.

    „Ja. Und Ihre?"

    „Meine auch."

    „Na großartig ..."

    „Was ist großartig?"

    „Dass wir nicht verdursten, fürs erste jedenfalls." Götz ließ ein leicht gekünsteltes Lachen hören. Winkler blieb ernst.

    „Demnach führen wir bis auf die eiserne Ration auch keine Lebensmittel mit?"

    „Richtig."

    „Verdammte Scheiße!" fluchte Winkler. Er und Götz ahnten plötzlich, welche Gefahr auf sie zukam. Es war klar, dass das bisschen Wasser aus der Feldflasche und die eisernen Rationen in dieser lebensfeindlichen Einöde nicht lange reichen würden: vielleicht zwei, drei Tage. Statt darüber zu sprechen und den Teufel schon so frühzeitig an die Wand zu malen, inspizierten sie ihren Flieger. Nach eingehender Untersuchung kam Winkler zu dem Schluss, dass die ME noch flugfähig sei.

    „Die Kiste hat zwar ein paar Beulen abbekommen, doch davon abgesehen ist sie vollkommen heil geblieben, sagte er und fügte seufzend hinzu: „Aber das nutzt uns jetzt leider gar nichts.

    Grinsend meinte Götz, er käme sich vor wie ein Zugvogel, dem man die Flügel gestutzt habe ... „Doch wir werden uns schon irgendwie durchschlagen, nicht wahr, Professor?"

    Sein Grinsen ging Winkler auf die Nerven.

    „Wenn Sie sich da mal nicht irren, mein Lieber, meinte er gereizt. „Dieses Mal, denke ich, könnte Ihnen die Vorsehung einen kleinen Streich gespielt haben.

    „Glaube ich nicht, sprach Götz mit ungebrochener Selbstsicherheit. „Wir werden auch hier heil herauskommen, verlassen Sie sich darauf.

    Diese Worte ließ Winkler unbeachtet. „Wir müssen eine Wasserstelle suchen und irgendetwas Essbares, vielleicht ein Tier erlegen, murmelte er. „Am besten, einer von uns macht sich morgen früh auf den Weg.

    „Gut, Professor, dann lassen Sie mich gehen", sagte Götz.

    „Nein, Sie gehen nicht, widersprach Winkler. „Sie sind zwar der Kräftigere, aber ich bin der bessere Jäger.

    Dagegen konnte der Jüngere nichts einwenden, denn oft genug, wenn sie damals zu Hause auf Jagd gegangen waren, hatte Winkler sein großartiges Können als Jäger bewiesen.

    Mittlerweile war es Abend geworden. Als die Sonne am westlichen Horizont versank, wurde es schlagartig dunkel. Am Rumpf des Flugzeugs richteten sich die Männer ein Nachtlager her, und als der Mond aufging, waren sie längst eingeschlafen.

    Am nächsten Morgen in aller Frühe von der aufgehenden Sonne geweckt, stand Winkler, während Götz noch schlief, auf, um sich für seinen Erkundungsgang fertigzumachen. Etwas seltsam schaute er schon aus, der Professor, als er dann aufs Geratewohl in das Steinmassiv hineinkletterte, bekleidet nur mit Stiefeln, weißer Unterwäsche und Käppi. Seine MPi, hatte er quer über den Rücken geschnallt, in seinem rechten Stiefelschaft steckte ein Messer. Mit erstaunlicher Geschicklichkeit bewegte er sich in den Felsen und war schon bald darin verschwunden.

    * * *

    Unterdessen war Götz erwacht, aß ein paar Bissen von der Schokolade seiner eisernen Ration und fühlte sich erstaunlich wohl. Obwohl die Lage hier nicht ungefährlich ist, dachte er, ist wenigstens der verdammte Krieg für mich zu Ende, und das ist das Wichtigste, denn hätte ich das Scheißspiel noch länger mitgemacht, wäre ich bestimmt irgendwann vor einem Militärtribunal gelandet. Dagegen ist das, was wir hier durchzustehen haben, lediglich ein ungewöhnliches Abenteuer, vielleicht auch nur ein interessantes Intermezzo, falls Winkler Wasser und Nahrung findet. Und wenn nicht er, werde ich es finden, heute, morgen oder übermorgen. Ich glaube nicht daran, dass wir hier verrecken werden, weil ich fühle, dass wir es schaffen. Überhaupt fühle ich mehr in mir, als ich verraten darf, und werde wohl eigenartigerweise stets daran glauben, dass mein Leben weniger durch Zufälle als durch Vorherbestimmung gelenkt wird.

    Solche und ähnliche Gedanken bewegten ihn, als er sich dann selbst auf die Suche nach Wasser begab. Wäre er ein erfahrener Wüstensohn gewesen, hätte er an bestimmter Stelle nach Wasser gegraben, aber da er ein Greenhorn war, kam ihm diese Idee nicht; und so war es kein Wunder, dass er vergeblich suchte. Immer in der Nähe des Fliegers bleibend, suchte er den ganzen Tag über in Felsspalten nach dem ersehnten Nass und nach Spuren von Leben, doch er fand absolut nichts.

    Das jedoch schockierte ihn weniger als der Anblick seines Kameraden am Abend nach dessen Rückkehr von seinem Streifzug.

    Einmal am frühen Nachmittag war die Stille durch zwei Schüsse unterbrochen worden, die kurz hintereinander und auch nicht allzu weit entfernt von ihrem Standort gefallen waren. Da der Schütze nur Winkler gewesen sein konnte, hatte Götz darauf gehofft, dass diesem das Jagdglück beschieden worden wäre, aber das war, wie sich zeigte, ein Trugschluss, denn auch Winkler kam mit leeren Händen an, warf erst wortlos die Waffe ab und danach sich selbst in den Schatten, mit geschlossenen Augen und weit geöffnetem Mund heftig nach Luft ringend. Tief erschrocken blickte Götz auf den Professor, dessen einst makellos weiße Unterwäsche zerrissen, verdreckt, blutverschmiert und schweißnass war. So hatte er ihn noch nie gesehen: hochrot Gesicht und Hals, eingefallen die Wangen, eingerissen die Lippen, zahlreiche Kratzer und Abschürfungen überall auf der Haut und besonders über den Jochbögen, wo sie geschwürartig aufgeplatzt war. An seiner Schläfe pulsierte eine dicke Ader im unrhythmischen Takt seines jagenden Herzens. Es verging einige Zeit, bis er endlich die Augen öffnen und heiser krächzen konnte: „Wasser!"

    Götz setzte dem Professor seine Feldflasche an den Mund; und dieser trank sie, ohne sich zu besinnen, gierig bis zum letzten Tropfen aus. Dann erst zeigte er sich über seine Unbeherrschtheit bestürzt:

    „Entschuldigen Sie ... In mir brennt ein wahres Höllenfeuer."

    „Schon gut", murmelte Götz.

    „Nichts ist gut, junger Freund. Wir haben nur noch ein paar Tropfen Wasser, und da oben in den Bergen scheint es nichts zu geben, was unser Überleben garantieren könnte – weder Wasser, noch Pflanzen oder Tiere, nur nacktes, glühend heißes Gestein. Ein einziges Mal glaubte ich, vor mir ein Tier aufspringen und lautlos wie ein Schatten verschwinden zu sehen – ein Löwe. Ich schoss, aber es war nichts mit dem Raubtier. Ich glaube, mich hat ein Trugbild genarrt, denn die Stelle, auf der er weggesprungen zu sein schien, wies keine Blutspur auf, und ich hätte ihn eigentlich treffen müssen." Mit leerem Blick starrte er vor sich hin.

    „Schade", bemerkte Götz bedauernd.

    „Nicht schade, sondern entsetzlich", korrigierte der Professor melancholisch, aber Götz wollte davon nichts wissen.

    „Nur nicht den Mut verlieren, Professor!" mahnte er.

    „Wozu, mein Lieber? ... Ich glaube, unsere Lage ist absolut hoffnungslos."

    Götz lachte spöttisch auf. „Ach so. Wäre es da nicht vernünftig, wir jagten uns gleich eine Kugel durch den Kopf?"

    Winkler zuckte die Achseln. „Halten Sie das Krepieren durch Verdursten für besser?"

    „Nein. Aber wie sagte doch einst ein Herr Kant? ‚Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass ...’"

    „Hören Sie auf, Götz! unterbrach ihn Winkler schroff. „Sie müssen mich nicht belehren!

    „Dann überprüfen Sie bitte Ihre Handlungsmaximen, Herr Kantianer!" gab Götz in gleicher Tonlage zurück.

    Der Ältere lächelte plötzlich und bemerkte besänftigt: „So werden Schüler zu Lehrern."

    Dann gab er sich einen Ruck und ging mit bitterem Humor gegen seinen eigenen Pessimismus vor.

    „Also gut, krallen wir uns mit aller Macht ans Leben und saufen, wenn es sein muss, unsere eigene Pisse!"

    Götz lachte und meinte zuversichtlich: „Ach was, wir müssen hier ganz einfach Wasser finden, mag es noch so stinkig und trübe sein ..."

    „Stinkiges, trübes Wasser", murmelte Winkler mechanisch und hatte auf einmal die Erleuchtung.

    „Stinkiges, trübes Wasser, na klar, das ist es! Wissen Sie, wo stinkiges, trübes Wasser ist?"

    „Nein."

    „In der Kühlanlage!"

    Winkler rappelte sich hoch, und beide liefen sie zum Kühler der Maschine.

    „Mit einem Schlauch müsste man es absaugen", meinte Winkler.

    Der Schlauch wurde schnell gefunden. Das eine Ende steckten sie in den Kühler, am anderen saugte Götz das Wasser an und ließ es in seine Feldflasche rinnen. Schließlich probierten sie das Wasser, das rostig und ölig schmeckte, aber immerhin genießbar zu sein schien.

    Sie waren glücklich – der eine, weil ihm der Zufall die rettende Idee eingegeben, der andere, weil ihn seine Vorsehung nicht verraten zu haben schien.

    Am nächsten Morgen war es Götz, der früh aufstand, um sein Glück im Gebirge zu versuchen. Voller Optimismus verließ er den Professor, der reglos am Rumpf der ME lehnend den Sonnenaufgang beobachtete, und versprach ihm, dass er bestimmt etwas finden werde. Danach kletterte er, ein kleines Liedchen pfeifend, los.

    Noch war es angenehm frisch, aber was sich da glutrot über dem östlichen Horizont erhob, verhieß für sie beide nichts Gutes; dabei war es die gleiche Sonne, die jetzt in Königsberg

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