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Unter falschem Verdacht: Detektivgeschichte aus der Zeit, als das Telefon noch am Kabel hing
Unter falschem Verdacht: Detektivgeschichte aus der Zeit, als das Telefon noch am Kabel hing
Unter falschem Verdacht: Detektivgeschichte aus der Zeit, als das Telefon noch am Kabel hing
eBook691 Seiten9 Stunden

Unter falschem Verdacht: Detektivgeschichte aus der Zeit, als das Telefon noch am Kabel hing

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Über dieses E-Book

Es mag zutreffen, dass es der Privatermittler Tobias Blank mit den Gesetzen nicht so genau nimmt. Aber ein Mörder ist er nicht. Um seine Unschuld zu beweisen, ist der Einzelgänger aber auch Verbündete angewiesen. Die findet er nicht nur bei den Kollegen des Detektivbüros, sondern auch bei den Ermittlungsbehörden in Gestalt des Kripobeamten Lammert und der Zollinspektorin Jacobsen. Gemeinsam kann das ungleiche Trio einer Betrügerbande, die mit gefälschten Autoersatzteilen handeln das Handwerk legen und ein von langer Hand geplantes Waffengeschäft wird vereitelt. Der Mann im Hintergrund, der den ersten Mord verübt hat und dieses Verbrechen Tobias Blank in die Schuhe schieben wollte, ist auch für den Tod eines Komplizen verantwortlich. Er kann zunächst fliehen, wird aber nach einer Verfolgungsjagd gestellt und frei nach dem Motto: wer andern eine Grube gräbt ...
In diesem Fall ist es die Elbe, in deren Fluten der Verbrecher sein Ende findet.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum17. März 2015
ISBN9783732331185
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    Buchvorschau

    Unter falschem Verdacht - Hans-Joachim Haake

    Blank wurde durch ein Geräusch vor der Tür geweckt und ärgerte sich ein wenig darüber, dass er nicht wie gewohnt in einer ruhigen Pension abgestiegen war. Leider machte es der aktuelle Auftrag erforderlich, dass er beinahe täglich seinen Aufenthaltsort wechseln und daher notgedrungen die örtlichen Hotels in Anspruch nehmen musste.

    Auf dem Hotelflur schien wieder Ruhe eingekehrt zu sein. Blank blickte verschlafen auf die Leuchtziffern seiner Armbanduhr und drehte sich auf die andere Seite. Zum Aufstehen war es noch zu früh, stellte er fest, verfluchte die Ruhestörer und versuchte, wieder einzuschlafen – versank aber nur in einen unruhigen Halbschlaf. In diesem Dämmerzustand, irgendwo zwischen Tag und Traum, schien die Zeit stillzustehen. Blank meinte, dass gerade erst eine Minute vergangen wäre. Tatsächlich war es eine halbe Stunde später. Draußen erwachte der neue Tag und die ersten schwachen Sonnenstrahlen erhellten das Zimmer, als sich Blank erneut durch ein undefinierbares Geräusch auf dem Hotelflur gestört fühlte.

    Verärgert dachte er daran, der Sache auf den Grund zu gehen und den Verursacher der Ruhestörung zur Rede zu stellen. Doch das erübrigte sich.

    Die Zimmertür wurde plötzlich aufgestoßen, schlug mit einem dumpfen Knall gegen die Wand und das Trampeln fester Schuhe war bis in den separaten Schlafraum zu hören. Noch schlaftrunken richtete sich Blank im Bett auf und blickte verstört um sich.

    Zwei uniformierte Polizisten mit vorgehaltenen Pistolen stürmten hinein und einer brüllte ihn an: „Bleib, wo du bist! Keine falsche Bewegung!"

    Selbst wenn er gewollt hätte, Blank war in diesem Moment so erschrocken, dass er zu keiner Bewegung fähig war. Doch seine Gedanken überschlugen sich und Blank überlegte fieberhaft, was dieser überfallartige Besuch zu bedeuten hatte. Die zwei Uniformierten hielten die Waffen drohend auf Blank gerichtet und postierten sich an beiden Seiten des Bettes. Ein dritter Mann, in normaler Straßenkleidung, betrat das Schlafzimmer, sah sich mit einem prüfenden Blick um und kam näher heran.

    „Herr Blank!", sagte der Mann mit schroffer befehlsgewohnter Stimme, und es war nicht eindeutig feststellbar, ob es als Frage oder Feststellung gemeint war.

    Blank war noch so perplex, dass er kaum erkennbar mit dem Kopf nickte. Die auf ihn gerichteten Waffen ließen keinen Zweifel aufkommen, dass es sicherer war, sich nicht übermäßig zu bewegen.

    „Ziehen Sie sich an!, forderte der Unbekannte und in barschem Ton erklärte er unfreundlich: „Sie sind vorläufig festgenommen.

    Das kann nur eine Verwechslung sein, vermutete Blank. Doch dagegen sprach, dass man ihn namentlich angesprochen hatte und in den angespannten, ernsten Gesichtern der drei Männer deutlich abzulesen war, dass sie zu wissen schienen, was sie taten und es verdammt ernst meinten.

    Da sich Blank aber keinen Reim darauf machen konnte, fragte er nach: „Würden Sie mir bitte erklären, um was es geht?"

    Der Polizist in Zivil schaute Blank mit durchdringenden Blicken an. Er hatte sich zwar nicht vorgestellt, es bestand aber für Blank kein Zweifel, dass es sich um einen Kriminalbeamten handelte. Sein Gegenüber kam offensichtlich zu dem Ergebnis, dass von der schmächtigen, eingeschüchterten Person im Bett keine Gefahr ausging und er gab den Uniformierten ein Zeichen, ihre Waffen herunterzunehmen.

    „Sie stehen im Verdacht, jemanden getötet zu haben, erklärte der Beamte und wiederholte seine Aufforderung: „Ziehen Sie sich an und leisten Sie keinen Widerstand! Sie werden zum Verhör in das Polizeipräsidium gebracht.

    Blank war bestimmt kein Unschuldslamm und hatte bei seinen bisherigen Ermittlungen auch schon mal das eine oder andere Gesetz etwas sehr großzügig ausgelegt, aber mit einem derartigen Vorwurf war er bisher noch nie konfrontiert worden. Blank war sich keiner Schuld bewusst und sein erster Eindruck verstärkte sich: Er war das Opfer einer Verwechslung.

    Seine anfängliche Überraschung wandelte sich allmählich zu Verärgerung und wütend entgegnete er: „Das ist doch völliger Blödsinn! Ich habe niemanden getötet!"

    „Halten Sie lieber den Mund!, ermahnte ihn der Kripobeamte ruppig und fügte hinzu: „Alles, was Sie ab jetzt sagen, kann gegen Sie verwendet werden.

    Das ist doch wirklich der Gipfel der Frechheit, dachte Blank erschrocken, man behandelte ihn wie einen Schwerverbrecher und er schien nichts dagegen unternehmen zu können. Blank musste all seine mentalen Kräfte bündeln, um sich zur Ruhe zu zwingen. In Sekundenbruchteilen analysierte er seine Lage und kam zu dem niederschmetternden Ergebnis, dass man sich in der momentanen Situation den Anweisungen der Staatsgewalt beugen musste.

    Mit fahrigen Bewegungen, unter den wachsamen Augen der bewaffneten Polizisten, begann Blank sich anzuziehen. Was immer auch dieses Schmierentheater zu bedeuten hatte, er musste sich in die Rolle eines Missetäters fügen.

    Seine Hände zitterten ein wenig, als er sich die Schnürsenkel zuband. Kaum hatte sich Blank wieder aufgerichtet, wurden ihm auch schon die Hände auf den Rücken gedreht und die Uniformierten legten ihm Handschellen an.

    „Muss das wirklich sein?", entfuhr es Blank. Das ist nun doch etwas übertrieben, dachte er und empfand die Behandlung als demütigend.

    Doch sein Protest traf auf taube Ohren.

    Die Beamten packten Blank an den Armen, nahmen ihn in die Mitte und führten ihn aus dem Hotelzimmer heraus. Der dritte Mann blieb zurück.

    Vermutlich wird der jetzt meine Sachen durchsuchen, mutmaßte Blank und resignierend musste er einsehen, dass er nichts dagegen tun konnte. So trottete er gezwungenermaßen zwischen den Uniformierten eingekeilt über den Hotelflur.

    Unter den erstaunten Blicken einiger Hotelgäste wurde Blank mitten durch die Empfangshalle abgeführt. Vor Scham wäre er am liebsten im Boden versunken. Eine solche Schmach war kaum zu ertragen. Erst als man ihn mit unsanften Handgriffen auf den Rücksitz des Einsatzfahrzeuges bugsiert hatte, fühlte sich Blank etwas besser. Zumindest war er hier nicht mehr den sensationslüsternen Blicken der neugierigen Gaffer ausgesetzt.

    Wer immer ihn in diese kompromittierende Lage gebracht hatte, würde es bitter bereuen, schwor Blank Rache und musste sich zwingen, seine hochkochende Wut in Zaum zu halten. Irgendwie musste es gelingen, mit dieser unbegreiflichen Situation fertig zu werden und so allmählich gewann die Vernunft die Oberhand. Blank wurde jetzt erst vollends bewusst, unter welch ungeheurem Verdacht man ihn festgenommen hatte: Er sollte jemanden getötet haben.

    Einer setzte sich neben ihn auf den Rücksitz und schaute Blank bitterböse an. Der andere nahm hinter dem Steuer Platz und mit blinkendem Blaulicht fuhren sie durch die Stadt.

    Von der hatte Blank bisher nicht viel gesehen. Er war gestern erst spät, nach Einbruch der Dunkelheit, in Lübeck angekommen und wollte sich heute eigentlich seinem Auftrag widmen. Miko, sein Freund und Geschäftspartner, hatte für ihre gemeinsam betriebene Detektei einen Auftrag an Land gezogen, der den Einsatz aller Mitarbeiter erforderlich machte. Der Auftraggeber, ein weltweit bekannter norddeutscher Automobilhersteller, hatte sie mit einer recht heiklen Aufgabe betraut. Unter dem Vorwand, eine Qualitätsprüfung durchzuführen, waren sämtliche Kollegen des Detektivbüros in Norddeutschland unterwegs, um die Vertragswerkstätten des Autobauers zu inspizieren. Das besondere Interesse galt den vor Ort verwendeten Ersatzteilen. Bei dem Automobilhersteller waren nämlich Reklamationen eingegangen, die darauf hinwiesen, dass bei einigen unerklärlichen Unfällen möglicherweise minderwertige Ersatzteile als Ursache infrage kommen könnten. Für die Geschäftsführung Anlass genug, diesem Verdacht nachzugehen. Aber man wollte die Autofahrer und Werkstattkunden nicht beunruhigen und zunächst eine interne Untersuchung vornehmen. Da man keine konkreten Hinweise hatte, sondern nur Vermutungen, sollten zunächst möglichst unauffällig die Händler überprüft werden. Sicherlich hätte man auch betriebseigene Qualitätsprüfer damit beauftragen können, doch die Konzernführung befürchtete, dass die Mitarbeiter trotz Geheimhaltungsverpflichtung etwas ausplaudern könnten. In einem so großen Unternehmen, mit zig-tausend Beschäftigten, hätte das unweigerlich dazu geführt, dass diese interne Überprüfung in der Öffentlichkeit bekannt wird. Und Gerüchte über mögliche Fahrzeugmängel scheute die Geschäftsleitung wie der Teufel das Weihwasser. Dem wollte man vorbeugen und Miko, der alte Fuchs, hatte die Geschäftsleitung auch noch darin bestärkt, das Richtige zu tun. Denn falls an dem Verdacht tatsächlich etwas dran war, wären die Verursacher natürlich auch gewarnt. Für Miko also ein gefundenes Fressen, sein Organisationstalent unter Beweis zu stellen. Er hatte der Konzernführung einen Einsatzplan unterbreitet und man war sich rasch handelseinig geworden.

    Damit die Vertragswerkstätten und Autohändler keinen Verdacht schöpften und sich untereinander verständigen konnten, hatte sich Miko etwas Ungewöhnliches ausgedacht. Er hatte einen Fragenkatalog zusammengestellt und mit einem Punktesystem sollten die Auflagen des Autoherstellers überprüft werden. Angeblich hatte die Konzernleitung Prämien für die besten Betriebe ausgelobt und die Ermittler ließen bei den Überprüfungen durchklingen, dass im Interesse der geprüften Firmen möglichst nichts verraten werden sollte, da die Konkurrenzbetriebe sonst einen Vorteil hätten, sich besser auf die Qualitätsprüfung vorbereiten könnten und mehr Punkte sammeln würden.

    Mit dieser Legende und entsprechenden Vollmachten ausgestattet, waren die Detektive seit fast zwei Wochen unterwegs, um die Vertragswerkstätten in Norddeutschland abzuklappern.

    Inwieweit die Ermittlungen bereits konkrete Hinweise auf mangelhafte Ersatzteile ergeben hatten, wusste Blank nicht. Er war nur einer von vielen, die ihre Überprüfungsergebnisse an Miko weitergaben, der den Kontakt zur Konzernleitung aufrechterhielt. Da dieser Großauftrag nicht nur äußerst lukrativ war, sondern für den Auftraggeber auch einiges auf dem Spiel stand, hatte Blank kein Problem damit gehabt, sich bei diesem Ermittlungsauftrag unterzuordnen.

    All das schien aber plötzlich keine Bedeutung mehr zu haben. In Anbetracht seiner derzeitigen Situation hatte Blank ganz andere Probleme.

    Der Streifenwagen hielt auf dem Hof des Lübecker Polizeipräsidium und man führte Blank wie einen ganz gewöhnlichen Verbrecher in das Gebäude. Was ihm dann widerfuhr, hatte er bisher nur in Kriminalfilmen gesehen. Nie hätte Blank gedacht, dass er jemals eine derartige Prozedur über sich ergehen lassen müsste. Erkennungsdienstliche Maßnahmen hieß das wohl im Polizeijargon.

    Widerstandslos ließ Blank alles mit sich machen. Was blieb ihm auch anderes übrig? Den Beamten, die hier nur ihrer alltäglichen Arbeit nachgingen, irgendwelche Fragen zu stellen, erschien wenig Sinn zu machen. Also beschränkte Blank seine Aufmerksamkeit auf das unbedingt notwendige Maß und begann über seine Lage nachzudenken.

    Dass er ein zufälliges Opfer einer Verwechslung geworden war, schien Blank immer unwahrscheinlicher zu sein. Der leitende Kriminalbeamte hatte ihn ganz direkt bezichtigt, einen Mord begangen zu haben. Mit so einem schwerwiegenden Verbrechen in Verbindung gebracht zu werden, kam nicht von ungefähr. Die Polizei musste konkrete Verdachtsmomente in der Hand haben – vielleicht meinten sie sogar, im Besitz von Beweisen zu sein, um eine Verhaftung zu rechtfertigen. Doch welche?

    Blank fühlte sich mies und hilflos in eine Ecke gedrängt, in die er so gar nicht gehörte. Wie man da wieder herauskommen sollte, war ihm noch schleierhaft. Von sich aus irgendetwas zu unternehmen, daran war gar nicht zu denken. Blank musste zwangsläufig abwarten, was man ihm konkret vorhalten würde, und dann versuchen, entsprechend zu reagieren – die denkbar ungünstigste Position, aus der es kaum ein Entrinnen zu geben schien.

    Doch so einfach würde er sich nicht in sein Schicksal ergeben. Auch wenn man ihm ein Kapitalverbrechen vorwarf, er hatte Rechte und die würde Blank unter allen Umständen für sich einfordern.

    Die beiden Uniformierten ließen Blank nicht eine Sekunde aus den Augen und begleiteten ihn bei allen Stationen des Erkennungsdienstes. Eigentlich erwartete er, dass man ihn danach in eine Zelle bringen würde. Eine sehr beängstigende Vorstellung, im wahrsten Sinne des Wortes.

    Doch man führte den Verdächtigen ohne weitere Umwege in ein spärlich möbliertes Zimmer. Zwar hatte Blank in der Vergangenheit schon mehrfach Kontakt mit den Polizeibehörden gehabt, allerdings waren diese Begegnungen weit weniger spektakulär gewesen und hatten in den Dienstzimmern der Kriminalbeamten stattgefunden.

    Dieser trostlose Raum hingegen verursachte schon ein sehr beklemmendes Gefühl, dem sich auch Blank nicht ganz entziehen konnte. Lediglich zwei Stühle und ein Tisch sollten dem Delinquenten offensichtlich vor Augen führen, in welch auswegloser Lage er sich befand. Daran änderte auch das Fenster nichts. Es verstärkte eher noch die bedrückende Atmosphäre, denn davor waren massive Gitterstäbe angebracht. Was Blank trotzdem vermisste, war ein typisches Requisit, das wohl doch nur in Kriminalfilmen auftauchte: der nur von einer Seite durchsichtige Spiegel.

    Einer der begleitenden Beamten forderte Blank auf, sich auf den einfachen Holzstuhl zu setzen. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen war das ziemlich unbequem, denn man hatte ihm sofort nach den erkennungsdienstlichen Maßnahmen die Handschellen wieder angelegt. Wie ein gemeingefährlicher Verbrecher behandelt zu werden, brachte Blank unwillkürlich erneut in Rage. Jedoch ließ er sich das nicht anmerken, sondern machte nach außen hin sichtbar einen eher gelangweilten Eindruck – obwohl es in seinem Inneren gewaltig brodelte.

    Diese innere Unruhe wuchs, denn Blanks Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Seine gefesselten Arme begannen bereits zu schmerzen, als sich endlich ein weiterer Beamter bequemte, den Verhörraum zu betreten.

    Der schon ältere, übergewichtige Mann schickte die Uniformierten hinaus, setzte sich kommentarlos auf den zweiten Stuhl und blickte Blank mit ernster Miene über den Tisch hinweg an. Dann schlug der Polizist eine mitgebrachte Mappe auf und begann in aller Ruhe in den Unterlagen herumzublättern.

    Offensichtlich wollte er wohl eine unüberlegte Äußerung provozieren. Doch Blank tat ihm diesen Gefallen nicht. Mit einer wie versteinert wirkenden Miene blickte er stur und stumm an seinem Gegenüber vorbei aus dem Fenster. Dort war in der Ferne die Silhouette des Lübecker Wahrzeichens zu erkennen. Das Holstentor war so ziemlich das Einzige, was Blank von der Stadt Lübeck kannte.

    Offenbar hatte sich der Polizeibeamte diese Vernehmung etwas anders vorgestellt, es schien ihm wohl zu missfallen, dass der vor ihm sitzende, vermeintliche Straftäter so gar keine Regung zeigte. Schließlich sah sich der Mann gezwungen, das Verhör zu eröffnen und er sagte hörbar mürrisch: „Mein Name ist Schortens – Oberkommissar Schortens. Und Sie sind?"

    Das weißt du doch ganz genau, dachte Blank und ließ die Frage unbeantwortet. Stattdessen lächelte er den korpulenten Beamten an und sagte mit übertriebener Freundlichkeit: „Sie werden es mir hoffentlich nachsehen, dass ich mich in meiner derzeitigen Situation nicht darüber freue, Ihre Bekanntschaft zu machen. Trotzdem würde ich Ihnen gerne die Hand geben – leider geht das aber nicht."

    „Du kommst dir wohl ganz besonders witzig vor", blaffte der Kommissar zurück.

    „Oh, keineswegs, meinte Blank und erklärte: „Es ist in unseren Breiten eben üblich und ein Zeichen guter Erziehung, dass man sich zur Begrüßung die Hände reicht.

    „Deine freche Überheblichkeit wird dir schon noch vergehen. Offenbar bist du dir nicht darüber im Klaren, warum du hier bist", entgegnete der Polizist ungehalten.

    „Ich bin mir einigermaßen sicher, dass du einen wichtigen Grund zu haben scheinst und ich würde den auch erfahren wollen. Allerdings wäre es wesentlich angenehmer, wenn du mir zuvor die Handfesseln abnehmen würdest. Es plaudert sich einfach besser."

    Das war schon sehr gewagt. Aber gegen den sich offensichtlich überlegen fühlenden Beamten sah Blank keinen anderen Weg und legte noch eine Schippe drauf. Freundlich lächelnd bat er: „Vielleicht wäre es auch möglich, dass ich eine Tasse Kaffee bekommen könnte. Die Einladung zu dieser Unterhaltung kam doch etwas plötzlich und ich bin leider nicht mehr zum Frühstücken gekommen."

    Damit hatte Blank den Bogen überspannt. Dem Polizeibeamten entglitten die Gesichtszüge und er sprang auf. Mit einer ausholenden Armbewegung langte der Kommissar wütend über den Tisch und verpasste Blank eine heftige Ohrfeige.

    Er hatte es zwar darauf angelegt, doch dass der Kommissar so schnell die Beherrschung verlor, hatte Blank nicht erwartet und die Attacke kam etwas unvorbereitet. Dem Angriff konnte er nicht entgehen, jedoch gelang es, den Backenstreich etwas abzumildern, indem Blank seinen Kopf mit der Schlagrichtung zur Seite drehte. Der Schmerz war auszuhalten und rasch wieder abgeklungen, denn Blank fühlte sich jetzt im Vorteil. Seine Einschätzung, dass er einen zum Jähzorn neigenden Mann vor sich hatte, war bestätigt worden und das nutzte Blank nun für sich aus.

    „Vielen Dank, Herr Oberkommissar, sagte er völlig ruhig und erklärte gefasst: „Damit betrachte ich unsere Unterhaltung für beendet. Jedenfalls so lange, bis ich mit einem Anwalt gesprochen habe. Wie Sie mit wehrlosen Beschuldigten umspringen, wird meinen Rechtsbeistand ganz bestimmt interessieren. Ich freue mich schon auf eine Fortsetzung unseres Gesprächs.

    Der letzte Satz war so voller Ironie ausgesprochen, dass es auch dem vor Wut schäumenden Kommissar nicht entgangen sein dürfte.

    „Du hinterhältiger Bastard", zischte der Beamte zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch und ohne weitere Worte verließ er das Zimmer.

    Ob er sich mit seinem provozierenden Verhalten einen Gefallen getan hatte, wusste Blank in diesem Augenblick nicht. Aber er fühlte sich irgendwie besser und genoss die Genugtuung, dem Kommissar die Stirn geboten zu haben.

    Es dauerte geschlagene zehn Minuten, bis ein uniformierter Beamter in den Raum kam und Blank hinausbegleitete.

    „Sie dürfen ein Telefonat führen", sagte der Polizist barsch, nahm ihm auch endlich die Handschellen ab und führte Blank zu einem Telefon, welches am Ende des Flurs an der Wand hing.

    Das war sicher gut gemeint und entsprach Blanks Forderung, aber wen sollte er anrufen? Er kannte keinen Rechtsanwalt und war in einer ihm fremden Stadt. Der Einzige, der ihm jetzt helfen könnte, war sein Freund Miko. Ob der sich allerdings bereits in seinem Büro aufhalten würde, war mehr als fraglich. Ich muss es auf jeden Fall versuchen, dachte Blank und wählte die Nummer seines Partners. Nach mehrmaligem Läuten hörte man nur ein Knacken in der Leitung und Blank sah seine Felle bereits davon schwimmen. Er hielt die Verbindung aber aufrecht und wartete ungeduldig. Nach drei weiteren Rufzeichen meldete sich Miko dann doch noch.

    Da der etwas abseitsstehende Beamte offensichtlich nichts dagegen hatte, berichtete Blank recht ausführlich, was ihm widerfahren war. Es war nicht das erste Mal, dass sich Blank in eine prekäre Situation hineinmanövriert hatte, aber diesmal trug er keine Schuld daran und so brenzlig war es bisher noch nie gewesen. Miko hielt sich deshalb auch mit Vorhaltungen zurück und beendete das Gespräch mit den Worten: „Du sagst am besten gar nichts mehr. Ich kümmere mich um alles Notwendige. Und Kopf hoch, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird."

    Diesen blöden Spruch hätte er sich auch sparen können, dachte Blank und hängte den Hörer auf. Sofort kam der Polizeibeamte näher heran. Ob er das Gespräch mitgehört hatte, wusste Blank zwar nicht, aber eigentlich war es ihm auch egal. Er bekam die Handfesseln wieder angelegt und der Beamte führte Blank durch den Flur zurück. Dann ging es eine Treppe hinunter, bis in den Kellerbereich. Bestürzt bemerkte Blank, dass er zu einer Zelle geführt wurde, eindeutig erkennbar an dem runden Guckloch in der Mitte der Tür. Der Beamte öffnete die Zellentür, befreite Blank von den Handschellen und schob ihn in den fensterlosen Raum.

    Das scheppernde Geräusch der sich schließenden Metalltür klang noch lange nach in seinen Ohren.

    Die längsten und einsamsten Stunden seines bisherigen Lebens erwarteten Blank. In Anbetracht der spartanisch eingerichteten Zelle kam ihm das Hotelzimmer, aus dem er so unerwartet herausgeholt worden war, wie das Paradies vor. Dass es so einfach möglich gewesen war, den cholerischen Kommissar auf die Palme zu bringen, verärgerte Blank in der Nachbetrachtung doch ein wenig. Vielleicht hätte er sich doch etwas kooperativer verhalten sollen, denn so hatte er leider keine Einzelheiten über das ihm vorgeworfene Verbrechen in Erfahrung bringen können.

    Dennoch, egal was man ihm zur Last legte, Blank hatte ein gutes Gewissen und durch sein bisheriges Auftreten dürfte er diesen, seinen Standpunkt, recht deutlich zum Ausdruck gebracht haben, rekapitulierte Blank weiter und nahm sein momentanes Schicksal notgedrungen in Kauf.

    Erst spät am Nachmittag wurde Blank mit Lebensmitteln versorgt. Er hatte schon schlechtere Verköstigungen zu sich genommen, doch vielleicht lag es auch an seinem leeren Magen, dass er die Speise als schmackhaft empfand. Jedenfalls war es eine willkommene Abwechslung, denn so allmählich verlor Blank doch seine Gelassenheit. In diesem fensterlosen Raum, mit einer trüben Funzel als Beleuchtung, schien die Zeit stillzustehen. So allmählich musste er sich wohl damit abfinden, dass er auch noch die Nacht hier verbringen musste.

    Gegen 19.00 Uhr wurde die Zellentür wider Erwarten erneut geöffnet. Hinter dem uniformierten Beamten erblickte Blank einen vornehm wirkenden Herrn, mit Hut und Mantel bekleidet.

    „Ihr Anwalt ist da", sagte der Beamte kurz angebunden, ließ den Mann in die Zelle eintreten und schloss die Tür sogleich wieder.

    Blank blieb auf der Liege sitzen, die als Schlafstatt diente. Daneben gab es in der Zelle noch einen einfachen Holzstuhl, den sich der Besucher zurechtrückte und Platz nahm. Den für diesen Berufsstand typischen Aktenkoffer platzierte der Anzugträger auf dem danebenstehenden Tisch.

    Eine Weile beäugten sich die beiden Männer, die sich bisher noch nie begegnet waren. Für Blank stand zwar fest, dass sein Freund keinen x-beliebigen Winkeladvokaten angeheuert hatte, aber ob man das erforderliche Vertrauensverhältnis aufbauen konnte, musste sich erst noch zeigen. Der erste Eindruck ließ bei Blank allerdings die Hoffnung wachsen, dass es klappen könnte, denn der Mann strahlte eine souveräne Seriosität aus.

    „Sie gestatten, dass ich mich zunächst vorstelle: Dr. Degenhardt. Ihr Chef hat mich mit dem Mandat betraut, um Ihnen aus dieser – ähm – Klemme herauszuhelfen", eröffnete der Anwalt das Gespräch.

    „Herr Mikolajesewitsch ist nicht mein Chef. Aber das ist nicht so wichtig. Ich bin erfreut und erleichtert, dass Sie sich für meine Belange einsetzen möchten", erwiderte Blank ebenso freundlich.

    „Dann lassen Sie uns gleich in medias res gehen: Hat man Ihnen den Grund für die Festnahme mitgeteilt?", fragte der Advokat ohne weitere Umschweife.

    Diese direkte Art, Probleme anzugehen, gefiel Blank und sein noch unterschwellig vorhandenes Misstrauen zerbröckelte bis auf einen kaum noch messbaren Rest.

    „Nicht wirklich. Man hat mich heute Morgen aus dem Bett geholt, hierher geschleppt und mir lediglich gesagt, dass jemand getötet wurde. Um welche Person es sich handelt, wann das geschehen ist und was ich damit zu tun haben soll, hat man mir leider nicht erzählt. Offen gestanden halte ich die ganze Sache für ein großes Missverständnis, denn ich bin mir überhaupt keiner Schuld bewusst", erklärte Blank aufrichtig.

    „Sie wurden zur Sache noch nicht vernommen?", fragte Dr. Degenhardt sofort weiter.

    „Ich war zwar im Verhörraum, aber über die Begrüßung sind wir nicht hinausgekommen", erwiderte Blank zurückhaltend.

    „Das verstehe ich nicht so ganz", sagte der Anwalt verwundert.

    „Ich habe mich wohl nicht so verhalten, wie es der Kommissar erwartet hatte. Glauben Sie mir, ich habe den Herrn nur ganz höflich um eine Tasse Kaffee gebeten, da ist er bereits ausgerastet und hat mir eine Ohrfeige verpasst."

    „Was sagen Sie da! Der Beamte hat Sie geschlagen!", rief Dr. Degenhardt entsetzt aus.

    „Genau so war es. Danach hat der Kommissar wutschnaubend den Raum verlassen und man hat mich in diese Zelle gesteckt."

    „Das ist ja unerhört! Darf ich mir Ihre Wange einmal ansehen?"

    Blank drehte seinen Kopf zur Seite.

    „Da ist leider nichts mehr zu sehen. Für eine Anzeige haben wir wohl keine ausreichende Handhabe", stellte der Anwalt bedauernd fest.

    „Waren noch andere Personen zugegen, die den Vorfall gesehen haben?", wollte Dr. Degenhardt dann wissen.

    Blank schüttelte den Kopf.

    „Dennoch werden wir das nicht auf sich beruhen lassen, meinte der Anwalt zuversichtlich und erklärte weiter: „Allerdings befürchte ich, dass ich im Augenblick nichts weiter für Sie tun kann. Da Sie mir nicht sagen können, was man Ihnen eigentlich vorwirft, hat es wohl keinen Zweck, über mögliche weitere Schritte nachzudenken. Zunächst werde ich mir Zugang zu den Ermittlungsakten verschaffen müssen, dann sehen wir uns wieder.

    Der Rechtsanwalt öffnete seinen Koffer und reichte Blank ein Formular mit der Bitte, diese Vollmacht zu unterschreiben, dann verabschiedete er sich mit einem festen Händedruck und den Worten: „Sie werden wohl nicht umhin kommen, die bevorstehende Nacht noch hier zu verbringen. Aber ich verspreche Ihnen, spätestens morgen früh sind Sie wieder raus."

    „Danke Dr. Degenhardt", sagte Blank. Er wusste zwar nicht, worauf der Anwalt seinen Optimismus begründete, aber irgendwie spürte er, dass dieser Mann keine leeren Versprechungen von sich gab, und er schöpfte Hoffnung.

    *****

    In einem Punkt hatte der Anwalt recht behalten: Blank wurde gleich morgens aus der Zelle herausgeholt. Als weiteres gutes Omen wertete Blank den Umstand, dass der Beamte, der ihn abholte, diesmal auf die Handschellen verzichtete. Blank wurde die Treppe hinaufgeführt und sah endlich wieder Tageslicht. Auch das führte dazu, seine Zuversicht zu steigern.

    Den weiteren Weg kannte Blank bereits, denn er wurde wieder in das Vernehmungszimmer geführt. Hier erwartete ihn allerdings kein Polizist, sondern sein Anwalt Dr. Degenhardt. Er lächelte Blank zufrieden an.

    „Ich hoffe, Sie hatten eine einigermaßen angenehme Nachtruhe", begrüßte ihn der Advokat.

    „Ich habe schon unter weit schlechteren Bedingungen genächtigt", erwiderte Blank lapidar.

    „Na schön, kommen wir gleich zur Sache. Ich hatte Gelegenheit, die Ermittlungsakten einzusehen", begann der Anwalt das Gespräch, nachdem sich Blank gesetzt und der Beamte den Raum verlassen hatte.

    „Es liegt in der Tat ein Haftbefehl gegen Sie vor. Man beschuldigt Sie, einen gewissen Klaus-Peter Brüser erschossen zu haben." Der Anwalt sagte das in einem geschäftsmäßigen Tonfall, als ob er über das Wetter sprechen würde.

    Blank hingegen fiel aus allen Wolken. Obwohl er irgendwie darauf vorbereitet war, traf ihn die so eindeutig und erbarmungslos vorgetragene Anschuldigung fürchterlicher als erwartet und ging ihm bis ins Mark.

    Diese Reaktion war auch dem Anwalt nicht entgangen und er fügte rasch hinzu: „Das ist wirklich ein sehr schwerwiegendes Verbrechen, dessen man Sie beschuldigt. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass Sie etwas erschrocken sind. Aber …"

    Nein, bitte nicht, dachte Blank, nicht schon wieder. Doch die erwartete, abgedroschene Phrase war nur mit der Kraft seiner Gedanken nicht aufzuhalten und der Anwalt sagte unbeirrt: „… es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Ihnen wird zwar vorgeworfen, diesen besagten Mann ums Leben gebracht zu haben. Das ist allerdings noch längst nicht bewiesen, denn …, „Was soll das heißen?, unterbrach Blank aufgeregt.

    „Nun, mir sind einige eklatante Lücken in den Ermittlungsakten aufgefallen. Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung weiß ich nur zu gut, dass man bei den Ermittlungen Hinweise, die einen Beschuldigten entlasten könnten, gerne mal unter den Tisch fallen lässt. Offensichtlich scheint dies auch in diesem Fall so zu sein", erklärte der Anwalt.

    Blank war noch immer so entsetzt, dass er die ganze Tragweite dieser ungeheuerlichen Anschuldigung nicht vollends verstanden hatte und worauf der Anwalt hinaus wollte, eigentlich auch nicht, deshalb fragte er: „Was für Hinweise? Ich verstehe das nicht. Wen soll ich erschossen haben?"

    Dr. Degenhardt schaute in seinen Unterlagen nach und antwortete: „Klaus-Peter Brüser. Inhaber und Betreiber eines gleichnamigen Autohauses …" ,

    „In Bad Schwartau", fügte Blank hinzu und so langsam dämmerte ihm etwas.

    „Sie kennen also das Opfer?", fragte der Anwalt überrascht.

    „Kennen ist wohl zu viel gesagt. Ich weiß, wer das ist, aber wir sind uns nie persönlich begegnet", erklärte Blank sichtlich betroffen.

    „Das sollten Sie mir doch etwas genauer erklären", sagte der Anwalt und blickte Blank herausfordernd an.

    „Da muss ich wohl etwas weiter ausholen", meinte Blank.

    „Wir haben den ganzen Tag Zeit, Herr Blank. Dieses Zimmer steht uns unbegrenzt zur Verfügung", erwiderte Dr. Degenhardt neugierig geworden.

    „Ich weiß nicht, inwieweit Miko, mein Chef, über die Gründe meines Aufenthalts in dieser Gegend gesprochen hat."

    „Sie meinen die Überprüfung der Autowerkstätten. Das wurde kurz angesprochen", erwiderte der Anwalt sofort.

    „Gut, dann wissen Sie ja, um was es geht. Gestern war ich im Rahmen dieser Überprüfungen unterwegs. Es waren insgesamt vier Betriebe, die ich besucht habe. Der Letzte war eben auch das Autohaus Brüser in Bad Schwartau. Der Inhaber war aber nicht zu sprechen oder vielleicht auch gerade unterwegs. Jedenfalls hatte ich nur Kontakt zu dem Werkstattmeister, der mich im Betrieb herumgeführt und meine Fragen beantwortet hat. Ich war ungefähr eine Stunde in dieser Firma. Danach bin ich weiter nach Lübeck gefahren und habe mir ein Hotel gesucht. Hier wollte ich heute meine Befragungen fortführen. Aber das kann ich nach Lage der Dinge wohl erst mal vergessen."

    „Nicht so voreilig. Wann genau haben Sie Bad Schwartau verlassen und wann sind Sie in Lübeck angekommen?", wollte der Anwalt wissen.

    „Sie meinen sicher, ob ich ein Alibi habe. Nun, dann müsste ich erst mal wissen, wann das Verbrechen überhaupt stattgefunden haben soll", erwiderte Blank.

    Offensichtlich hatte der Anwalt seine Hausaufgaben gemacht und entgegnete sofort: „Laut Polizeibericht soll Herr Brüser zwischen 18.00 und 19.00 Uhr erschossen worden sein."

    Blank blickte den Anwalt hoffnungslos an und sagte zerknirscht: „Da war ich unterwegs. Wie gesagt, gleich nach dem Besuch in der Werkstatt bin ich nach Lübeck gefahren. Bad Schwartau dürfte ich so gegen 17.30 Uhr verlassen haben."

    Dr. Degenhardt blätterte weiter im Ermittlungsbericht und wiegte nachdenklich mit dem Kopf, als er sagte: „Laut den Ermittlungen der Polizei sind Sie erst gegen 21.00 Uhr im Hotel in Lübeck aufgetaucht. Fast dreieinhalb Stunden für diese relativ kurze Fahrstrecke. Das scheint mir doch ein wenig lange zu sein."

    „Das mag vielleicht so aussehen. Aber ich habe ja nicht geahnt, dass ich ein Alibi benötige. Ich habe mir einfach Zeit gelassen und eine längere Rast eingelegt, um meine Berichte zu schreiben. Dann habe ich mich auch noch verfahren und schließlich musste ich noch ein Hotel suchen. Das hat eben gedauert", erklärte Blank.

    „Ihren Angaben kann ich wohl entnehmen, dass Sie keine Zeugen für Ihren Aufenthalt während der Tatzeit beibringen können", stellte der Anwalt bekümmert fest.

    „Damit kann ich leider nicht dienen. Soweit ich mich erinnere, sind mir keine Personen begegnet. Sieht wohl ziemlich schlecht aus. Oder?"

    „In der Tat. Die ermittelnden Beamten gehen davon aus, dass Sie genügend Zeit hatten, den Inhaber des Autohauses abzupassen und erst nach der Tat weiter nach Lübeck gefahren sind", entgegnete Dr. Degenhardt.

    „Das ist doch völliger Schwachsinn!, rief Blank genervt aus und wiederholte noch einmal: „Ich kannte das Opfer nicht und bin dem Mann nie begegnet. Oder gibt es dafür Zeugen?

    So langsam schien auch dem Anwalt der Optimismus verlassen zu haben, denn er sagte: „Für die Tat gibt es wohl keine Zeugen. Aber die Aussage des Werkstattleiters ist aktenkundig. Danach sollen Sie sich recht nachdrücklich nach Herrn Brüser erkundigt haben."

    „Selbstverständlich habe ich mich nach dem Betriebsinhaber erkundigt. Das gehörte doch zu meinem Auftrag", stellte Blank aufgebracht fest.

    Der Anwalt versuchte, Blanks Unmut zu besänftigen und sagte: „Sie sollten sich wieder beruhigen. Wir haben doch gerade erst begonnen, die Indizien zu hinterfragen. Da wäre zum Beispiel der Grund Ihres Besuchs in dem Betrieb des Getöteten. In der Akte steht darüber nämlich nichts. Scheinbar hat der Zeuge das nicht erwähnt."

    „Finden Sie das nicht sehr merkwürdig?, stellte Blank fest und plötzlich fiel ihm noch etwas ein: „Und überhaupt: Warum soll gerade ich als Tatverdächtiger infrage kommen? So weit ich mich erinnere, waren noch andere Personen in den Verkaufsräumen des Autohauses.

    „Ob der Zeuge absichtlich nichts über den Grund Ihres Besuchs ausgesagt hat oder es einfach nur vergessen hat zu erwähnen, weiß ich natürlich nicht. Allerdings finde ich es auch etwas eigenartig. Mir scheint, dass es sich die Ermittlungsbeamten recht einfach gemacht haben. Offenbar ist man nur den anderen Angaben des Werkstattleiters gefolgt. Der hat Sie nicht nur genau beschrieben, sondern darüber hinaus noch zu Protokoll gegeben, dass Sie ihm gleich verdächtig vorgekommen waren und deshalb hat er sich auch Ihr Autokennzeichen gemerkt."

    „Das darf doch nicht wahr sein! Selbstverständlich habe ich den Mann über den Grund meines Besuchs informiert – na ja, jedenfalls soweit ich es verantworten konnte, um die weiteren Überprüfungen nicht zu gefährden. Irgendwie muss der Kerl das falsch verstanden haben. Oder … Ich glaube ich weiß, was ihm nicht gepasst hat. Der Werkstattleiter war sauer, weil ich ihn davon abgehalten habe, pünktlich Feierabend zu machen."

    Der Rechtsanwalt machte ein nachdenkliches Gesicht und Blank ahnte nichts Gutes.

    „Es ist im Augenblick nicht von Belang, was den Mann zu seiner Aussage bewogen hat. Tatsache ist: Sie haben sich über das Mordopfer erkundigt, waren in unmittelbarer Nähe des Tatorts und für die fragliche Tatzeit haben wir kein Alibi vorzuweisen", fasste Dr. Degenhardt kurz zusammen und bestätigte damit Blanks schlimmste Befürchtungen.

    „Sehen Sie denn keine Möglichkeit, wie wir aus diesem Schlamassel herauskommen können?", wollte Blank sichtlich betroffen wissen.

    „Dass man Sie offensichtlich als einzigen Tatverdächtigen ins Visier genommen hat, wird in den mir überlassenen Akten leider nirgendwo begründet, ebenso wenig wie ein mögliches Motiv. Nur, wie man Ihrer Person habhaft geworden ist. Anhand des Kennzeichens und der sofort eingeleiteten Fahndung wurde Ihr Fahrzeug in Lübeck entdeckt. Alles Weitere wissen Sie am besten."

    „Ich könnte mir ja noch vorstellen, dass man mich als möglichen Zeugen gesucht hat. Aber wieso geht die Polizei davon aus, dass ich den Autohausbesitzer umgebracht haben soll?"

    „Eben, Herr Blank. Das ist der springende Punkt. Es muss offenbar noch etwas geben, das Sie belastet. Anders kann ich mir das Vorgehen der Polizei nicht erklären. Deshalb habe ich vorhin auch angedeutet, dass es Lücken in der Beweiskette zu geben scheint", erwiderte der Anwalt und er schien im Moment ebenso ratlos zu sein wie der Mandant.

    „Wollen Sie damit etwa andeuten, dass man Ihnen wichtige Unterlagen vorenthalten hat?"

    „Das wäre eine mögliche Erklärung, obwohl es gegen alle Regeln verstoßen würde. Von einer vorsätzlichen Zurückhaltung von Beweisen möchte ich allerdings nicht ausgehen, denn dagegen könnten wir vorgehen. Eher ist denkbar, dass noch weitere Ermittlungen durchgeführt wurden, die noch nicht dokumentiert worden sind", meinte Dr. Degenhardt.

    Für Blank schienen das aber nur juristische Spitzfindigkeiten zu sein, um ihn zu beruhigen. Doch er konnte und wollte sich nicht beruhigen und erwiderte aufbrausend: „Was denn für Ermittlungen? Da kann es nichts mehr geben. Für mich sieht es eher so aus, als ob sich ein übereifriger Beamter irgendwelche Indizien so zusammengebastelt hat, um auf Teufel komm raus schnell einen Täter präsentieren zu können."

    „Nur die Ruhe, Herr Blank. Um die offenen Fragen zu klären, werden wir das Gespräch mit dem ermittelnden Kommissar abwarten müssen. Ich rate Ihnen, zunächst keine weiteren Angaben zu machen, bis wir weitere Einzelheiten kennen, sagte Dr. Degenhardt, stand auf und ging an die Tür. Dort sprach er kurz mit einem Uniformierten, kam zurück an den Tisch und sagte: „Mal sehen, was man noch aus dem Hut zaubern wird. Ich habe unsere Bereitschaft für eine Vernehmung angezeigt.

    Die wenig Hoffnung verbreitende letzte Aussage des Anwalts ließ bei Blank die Erwartungen in die Fähigkeiten dieses Rechtsgelehrten so allmählich schrumpfen. Irgendwie hatte er sich doch mehr von diesem Mann versprochen. Obwohl man objektiv betrachtet im Augenblick wirklich nicht mehr tun konnte als abzuwarten. Aber Blank war nun mal in einer denkbar schlechten Situation, wo man die Unvoreingenommenheit schon mal außer Acht lassen durfte.

    Es dauerte nicht lange, bis ein noch recht junger Beamter den Vernehmungsraum betrat. Er hatte sich einen Stuhl mitgebracht, setzte sich an den Tisch und stellte sich vor: „Ich bin Inspektor Lammert und soll die Befragung durchführen."

    Kaum hatte der Beamte ausgesprochen, legte der Anwalt los und sagte: „Ich protestiere in aller Form gegen Ihr bisheriges Vorgehen. Es liegen nicht die geringsten Beweise für eine Tatbeteiligung meines Mandanten vor. Ich fordere daher seine sofortige Freilassung."

    „Bitte beruhigen Sie sich. Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Ermittlungen, und soweit ich informiert bin, soll Ihr Mandant lediglich als Zeuge befragt werden", erwiderte der Inspektor.

    „Wenn das so ist, dann erklären Sie mir bitte, wieso ein Haftbefehl gegen Herrn Blank ergangen ist", forderte Dr. Degenhardt empört.

    Der Inspektor wurde sichtbar nervös. Es war nicht zu übersehen, dass er sich nicht wohl in seiner Haut fühlte und Blank fragte sich besorgt, wieso der Oberkommissar nicht erschienen war.

    „Was den Haftbefehl betrifft, begann der Inspektor mit einer ausweichenden Erklärung, „wenden Sie sich bitte an den leitenden Ermittler, Oberkommissar Schortens. Ich habe nur den Auftrag, Herrn Blank zu fragen, wo er sich zur Tatzeit aufgehalten hat.

    „Mein Mandant wird dazu keine Angaben machen, bevor ich mit dem Kommissar gesprochen habe", erwiderte der Anwalt forsch.

    „Das geht im Moment leider nicht, druckste der Inspektor herum und erklärte: „Er ist mit einer wichtigen Ermittlung beschäftigt.

    „Dann warten wir eben, bis Ihr Vorgesetzter es für angebracht hält, hier zu erscheinen", blieb der Anwalt bei seiner Forderung.

    „Es kann aber eine ganze Weile dauern", meinte der Inspektor.

    „Solange Sie mir nicht erklären können, welche Beweise gegen meinen Mandanten vorliegen, werden wir nichts zur Sache aussagen", stellte der Rechtsanwalt unmissverständlich fest.

    „Es tut mir leid. Darüber zu sprechen, bin ich nicht befugt, erwiderte der Inspektor. Es schien ziemlich offensichtlich zu sein, dass man den jungen Beamten nur vorgeschoben hatte, um Zeit zu schinden. Zu dieser Auffassung war nicht nur Blank gekommen, sondern auch Dr. Degenhardt. Er ließ sich nicht länger hinhalten und stellte ein Ultimatum: „Wie Sie wollen. Ich gebe Ihnen noch eine Viertelstunde Zeit. Dann werde ich zur Staatsanwaltschaft gehen und die Aufhebung des Haftbefehls beantragen. Darüber hinaus werde ich eine förmliche Dienstaufsichtsbeschwerde gegen Sie und Ihren Vorgesetzten einleiten.

    „Sie können selbstverständlich tun und lassen, was Sie wollen. Ich glaube aber, dass es Ihnen nicht viel nützen wird", erwiderte der Inspektor überraschenderweise sehr gelassen.

    Der Polizist scheint genau zu wissen, was man noch gegen mich in der Hand hat, dachte Blank betroffen und hatte plötzlich das ungute Gefühl, dass sich ein Unwetter über ihm zusammenbraute, gegen das er nicht gewappnet sein würde. Heute Morgen hatte er noch voller Zuversicht daran gedacht, dass dieser Albtraum spätestens am Mittag vorüber wäre. Doch inzwischen glaubte er nicht mehr daran. Alles schien sich gegen ihn verschworen zu haben. Man wollte ihn zum Sündenbock abstempeln. Für ein schreckliches Verbrechen sollte er den Kopf hinhalten und er hatte nicht den geringsten Schimmer, warum. Was Blank besonders zu schaffen machte, war die Tatsache, dass ihm die Hände gebunden waren. Solange er im Gewahrsam der Polizei war, konnte er keine eigenen Nachforschungen anstellen, um seine Unschuld zu beweisen. Auf die Polizei durfte man wohl nicht hoffen. Die schien offenkundig davon auszugehen, dass der Täter bereits dingfest gemacht worden war und man würde nichts unternehmen, um nach anderen Verdächtigen zu suchen.

    Die angedrohte Wartefrist war noch nicht ganz abgelaufen, da platzte der Kommissar in den Raum hinein und mit seiner überheblichen Art prahlte er: „So, du Mistkerl, jetzt habe ich dich am Kanthaken!"

    „Ich darf doch sehr bitten, mischte sich der Anwalt empört ein und forderte: „So viel Respekt dürfen wir wohl von Ihnen erwarten, dass Sie sich eines kultivierteren Umgangstons befleißigen.

    „Für so gemeine Verbrecher gelten keine Höflichkeitsregeln, erwiderte der Kommissar hochmütig und konnte sich ein siegessicheres Grinsen nicht verkneifen, als er fortfuhr: „Hier halte ich den eindeutigen Beweis in der Hand, dass Ihr so harmlos erscheinender Mandant ein skrupelloser Mörder ist.

    „Bevor Sie noch weitere unbewiesene Behauptungen von sich geben, erlauben Sie mir, dass ich mir diesen angeblichen Beweis ansehe."

    „Mit dem größten Vergnügen, Herr Anwalt. Da werden Ihnen alle Ihre juristischen Kniffe nicht helfen. Dieser feine Herr Blank ist ein Mörder und damit kann ich es beweisen", entgegnete der Kommissar mit kaum noch zu überbietender Arroganz. Dann warf er ein Schriftstück auf den Tisch und daneben einen durchsichtigen Plastikbeutel, in dem sich eine Waffe befand.

    Dr. Degenhardt hatte kaum die Zeit, den Bericht zu lesen, da polterte der Kommissar schon wieder los: „Wie Sie lesen können, sind wir im Besitz der Tatwaffe. Es gibt nicht den geringsten Zweifel daran, dass Herr Brüser mit dieser Pistole erschossen wurde."

    „Der Bericht der Spurensicherung scheint dies tatsächlich zu bestätigen, sagte der Anwalt und brachte sofort einen Einwand vor: „Allerdings geht hieraus nicht hervor, dass man Hinweise gefunden hat, die auf meinen Mandanten hindeuten könnten.

    „Das ist auch gar nicht notwendig. Die Tatsache, dass sich die Waffe im Besitz Ihres Mandanten befunden hat, genügt mir völlig", erklärte der Kommissar grinsend.

    „Das ist unmöglich!, rief Blank außer sich. Diese Nachricht traf ihn so unerwartet, dass er beinahe vom Stuhl gerutscht wäre und mit letzter Kraft erklärte er: „Die Waffe gehört mir nicht. Die …, die wurde mir untergeschoben.

    „Bitte, Herr Blank. Keine unüberlegten Äußerungen, mahnte Dr. Degenhardt und dann wandte er sich an den Kommissar: „Aus dem Bericht der Spurensicherung geht zwar hervor, dass mit dieser Waffe das Opfer getötet wurde. Aber wie kommen Sie zu der dreisten Behauptung, dass Herr Blank der Besitzer dieser Waffe sein könnte?

    „Ganz einfach, diese Pistole haben wir im Fahrzeug Ihres Mandanten gefunden. Zwar gut versteckt unter dem Beifahrersitz, aber eben nicht gut genug", erklärte der Kommissar mit stolzgeblähter Brust.

    Blank lag bereits eine unflätige Erwiderung auf den Lippen, doch Dr. Degenhardt hielt ihn mit einer Geste zurück und stellte eine weitere Frage an den Polizisten: „Einmal davon abgesehen, dass Sie erst noch beweisen müssen, dass diese Waffe meinem Mandanten gehört. Gibt es denn Fingerabdrücke auf der Pistole?"

    „Für wie blöd halten Sie Ihren Mandanten eigentlich? Natürlich hat er seine Abdrücke abgewischt oder Handschuhe getragen. Es gibt nämlich überhaupt keine Fingerabdrücke darauf", stellte der Kommissar großmaulig fest.

    „Sehr interessant. Dennoch behaupten Sie, dass diese Waffe Herrn Blank gehören soll", entgegnete der Anwalt.

    „Ob ihm die Waffe gehört, ist doch nicht die Frage. Fest steht, dass Ihr Mandant im Besitz der Tatwaffe war."

    „Ach, das wissen Sie so genau, obwohl die Fingerabdrücke fehlen. Verraten Sie uns bitte, ob Sie vielleicht über hellseherische Fähigkeiten verfügen."

    „Ihre ironischen Bemerkungen können Sie sich sparen. Die Pistole lag im Auto Ihres Mandanten. Wem sonst sollte Sie gehören? Oder haben Sie eine plausible Erklärung dafür?", fragte der Kommissar überheblich.

    „Das müssen wir nicht erklären, stellte der Anwalt richtig und fügte hinzu: „Vielmehr müssen Sie nachweisen, dass die Tatwaffe Herrn Blank gehört. Außerdem würde mich brennend interessieren, wie Sie in den Besitz dieser Waffe gelangt sind. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wurde das Fahrzeug meines Mandanten durchsucht. Hatten Sie eine richterliche Anordnung für diese Maßnahme?

    „Es war Gefahr im Verzug", erwiderte der Beamte.

    „Natürlich, immer wenn die Ermittlungsbehörden keinen triftigen Grund angeben können, ist Gefahr im Verzug. Mit dieser fadenscheinigen Begründung wollen Sie also das widerrechtliche Aufbrechen und die Durchsuchung des Fahrzeuges rechtfertigen. Sie bewegen sich auf sehr dünnem Eis, Herr Kommissar. Ohne rechtliche Grundlage ist dieser Beweis völlig wertlos. Das dürfte Ihnen doch bekannt sein."

    Oberkommissar Schortens blieb sichtbar gelassen und erwiderte: „Ich sagte Ihnen bereits, dass Sie mit juristischen Tricks nichts erreichen werden, Herr Anwalt. Die Waffe wurde bei einer routinemäßigen Kontrolle des Fahrzeugs gefunden. Ganz legal. Eigentlich wollten wir Ihren Mandanten lediglich als möglichen Zeugen befragen, da er laut einer anderen Zeugenaussage ungefähr zur Tatzeit im Betrieb des Opfers gewesen war. Bei der Überprüfung des Kfz-Kennzeichens haben wir festgestellt, dass Herr Blank einen Leihwagen fuhr. Daher erschien uns eine Fahndung nach dem Fahrzeug notwendig zu sein. Eine Streifenwagenbesatzung hat den Wagen schließlich vor dem Hotel in Lübeck gefunden und es war ihre verdammte Pflicht, das Fahrzeug genauer anzuschauen, weil es nämlich nicht abgeschlossen war."

    „Das stimmt nicht!, rief Blank dazwischen und erklärte: „Ich habe den Wagen abgeschlossen, da bin ich mir ganz sicher.

    „Wollen Sie zwei unbescholtene Streifenpolizisten als Lügner hinstellen? Damit werden Sie vor Gericht nicht weit kommen."

    „Immer langsam, Herr Schortens. So weit sind wir längst noch nicht. Selbst wenn Sie auf legale Weise in den Besitz der Tatwaffe gelangt sein sollten, reicht das für eine Anklage noch nicht aus. Es gibt keine eindeutigen Beweise, die meinen Mandanten mit dieser Waffe in Verbindung bringen. Allein der Umstand, dass man die Waffe in dem Leihwagen gefunden hat, reicht nicht. Diese Pistole kann auch von einem Dritten dort platziert worden sein, zumal Sie festgestellt haben, dass der Wagen nicht verschlossen war."

    „Das ist auch wieder so eine typische anwaltliche Behauptung: Wenn es nicht der eigene Mandant war, dann kommt natürlich nur ein ominöser unbekannter Dritter infrage."

    „Bei objektiver Betrachtung müssen Sie doch eingestehen, dass diese Möglichkeit nicht von der Hand zu weisen ist", bekräftigte der Anwalt seine Hypothese.

    Das wollte der Kommissar jedoch nicht gelten lassen und erwiderte höhnisch: „Jetzt will ich Ihnen mal etwas sagen. Mir scheint, Sie wissen gar nicht, wen Sie sich da als Mandanten angelacht haben. Dieser so harmlos aussehende Knabe hat es faustdick hinter den Ohren. Wir haben nämlich Erkundigungen eingeholt. Tobias Blank ist einer von diesen privaten Schnüfflern, die sich einen Dreck um die Gesetze kümmern. Dass er sich mit Waffen auskennt, setze ich mal voraus. Ebenso wäre er meiner Auffassung nach auch in der Lage, sich eine Pistole auf nicht legalem Weg zu besorgen. Und das es keine verwertbaren Spuren an der Waffe gibt, spricht bei seinem Hintergrund eher gegen Ihren Mandanten. So! Ende der Durchsage. Herr Blank, ich fordere Sie auf, endlich mit der Wahrheit herauszurücken. Wenn Sie ein Geständnis ablegen, kann sich das nur günstig für Sie auswirken."

    „Sie sagen gar nichts, Herr Blank! Dieser Polizist ist so verbohrt in seine Theorie, dass es schon fast weh tut. Was er hier vorbringt, sind reine Mutmaßungen. Schon die Frage nach einem denkbaren Motiv wird ihn auf den Boden der Tatsachen zurückholen."

    Dr. Degenhardt hatte sich wohl ganz bewusst nur an Blank gewandt, denn es sah so aus, als ob der Kommissar jeden Augenblick seine Fassung verlieren würde. Vielleicht würde es noch einmal gelingen, den Jähzorn des Mannes zu einem Ausbruch zu verhelfen, dachte Blank und erwiderte: „Ich muss Ihnen zustimmen, Herr Dr. Degenhardt. Mir ist noch nie jemand mit einer so blühenden Fantasie begegnet. Der Mann hat seinen Beruf verfehlt, er sollte Schriftsteller werden."

    „Es wird dir nicht gelingen, mich aus der Fassung zu bringen. Diesmal nicht. Ich sitze hier am längeren Hebel. Auch wenn du die Aussage verweigerst, werde ich das noch fehlende Motiv und weitere Beweise für deine Beteiligung an diesem Mord herausfinden. Und so lange bleibst du hier im Keller."

    „Wahrscheinlich braucht er die Zeit, um sich noch ein paar Beweise zurechtbasteln zu können", sagte Blank provozierend zu seinem Anwalt und schielte Schortens verstohlen an. Fast wäre es geglückt, den Kommissar zu einer unüberlegten Tat zu verleiten. Doch diesmal schien er sich gerade noch beherrschen zu können oder es waren einfach zu viele Zeugen anwesend.

    „Da es offensichtlich nichts mehr zu bereden gibt, wird es wohl Zeit, dass ich mit dem Staatsanwalt spreche, sagte Dr. Degenhardt wieder ganz formell, und an den Kommissar gerichtet fügte er noch hinzu: „Der Haftbefehl kann aufgrund der dürftigen Indizien nicht länger aufrechterhalten werden. Ich bin davon überzeugt, dass sich der Staatsanwalt meiner Auffassung anschließen wird. Falls Sie meinen Mandanten noch als Zeugen befragen möchten, können Sie ihn über meine Kanzlei in Hamburg erreichen. Dabei übergab der Anwalt seine Visitenkarte an den Kommissar.

    „Ihre alberne Karte können Sie sich sonst wohin stecken. Ich habe vorhin mit dem Staatsanwalt gesprochen. Er hält meine Beweise für ausreichend und in Anbetracht der Tatsache, dass Ihr Mandant keinen festen Wohnsitz hat, ist er in unserem Gewahrsam gut aufgehoben. Wir wollen doch nicht, dass Ihr Mandant unnötigerweise von Hamburg oder von sonst wo aus nach Lübeck fahren muss, falls wir uns mit ihm unterhalten möchten."

    Sieh einer an, dachte Blank, der Bulle kann ja richtig ironisch werden. Nur änderte diese Erkenntnis nichts an seiner misslichen Lage. Daran würde auch der Anwalt aller Wahrscheinlichkeit nach nichts ändern können. Dass sein berufsbedingter unsteter Lebenswandel ihm einmal zum Verhängnis werden könnte, daran hätte Blank nicht mal im Traum gedacht.

    „Wir werden sehen, erwiderte Dr. Degenhardt und verabschiedete sich von Blank mit den Worten: „Passen Sie auf, dass Ihnen dieser unbeherrschte Mann nicht noch einmal zu nahe kommt. Bin schon sehr gespannt darauf, was der Staatsanwalt von den brutalen Verhörmethoden seiner Mitarbeiter hält.

    „Lammert! Bringen Sie den Kerl zurück in sein Loch, bevor ich mich vergesse!", befahl der Kommissar wütend seinem Assistenten und schien damit die Warnung des Anwalts zu untermauern.

    Bis auf den Kommissar verließen die Anwesenden den Verhörraum. Auf dem Flur legte der Anwalt seine Hand auf Blanks Schultern und raunte ihm zu: „Bewahren Sie Ruhe, uns wird schon etwas einfallen."

    Das kann ich nur hoffen, dachte Blank unzufrieden mit dem Verlauf der Vernehmung. Noch eine weitere Nacht in der trostlosen Zelle zu verbringen, entsprach nicht den Erwartungen, die ihm der Anwalt in Aussicht gestellt hatte.

    Auf dem Weg in den Keller bat Blank den Inspektor, die Toilette benutzen zu dürfen. Das mit Fäkalien verdreckte Metallklo in seiner Zelle war ihm einfach zu ekelig.

    „Machen Sie mir bitte keine Schwierigkeiten, Herr Blank", sagte der Inspektor und Blank spürte, dass dem Assistenten offensichtlich etwas nicht behagte.

    „Versprochen, Herr Lammert. Ich werde mich der Staatsgewalt fügen und keine Tricks versuchen", versprach Blank.

    Der Inspektor scheint mir tatsächlich zu vertrauen, dachte Blank und konnte sich des Gefühls nicht erwehren, das den jungen Polizisten noch mehr bedrückte. Konnte es sein, dass er mit der Vorgehensweise seines Vorgesetzten nicht ganz einverstanden war? Der Inspektor hatte sich seit dem Erscheinen des Kommissars im Verhörraum nicht einmal zu Wort gemeldet und schien anscheinend nichts zu den Ermittlungsergebnissen beigetragen zu haben.

    Blank begann Sympathien für diesen netten Beamten zu empfinden und bedankte sich offen und ehrlich nach seiner Rückkehr von der Toilette.

    „Wir sollten uns besser etwas beeilen. Ich habe keine Lust, dem Kommissar jetzt über den Weg zu laufen", erwiderte der Inspektor nervös.

    „Kann es sein, dass Ihr Chef öfters einmal ausrastet?", wagte Blank zu fragen.

    „Darüber möchte ich nicht sprechen. Bitte beeilen Sie sich, Herr Blank!"

    Natürlich wollte Blank den Mann nicht in Verlegenheit bringen und nickte verständnisvoll.

    Kurz darauf saß er wieder in der ungemütlichen Zelle und war genau so schlau wie am Vortag. Nur die Anschuldigungen, denen sich Blank ausgeliefert sah, hatten jetzt das Ausmaß einer echten Bedrohung angenommen.

    Man hatte ihn in der Vergangenheit schon einiger Straftaten verdächtigt, allerdings war es nie zu einer wirklichen Anklage gekommen. Ein Kapitalverbrechen, wie Mord, war ein ganz anderes Kaliber. Diesmal schien alles darauf hinzudeuten, dass man Blank allen Ernstes als Mörder anklagen wollte. Seine Vorahnung, dass sich ein drohendes Gewitter über ihm zusammenbraute, schien sich zu bewahrheiten. Die Schlinge um seinen Hals zog sich immer enger zusammen und unwillkürlich japste Blank nach Luft. Wie er aus dieser prekären Sache herauskommen könnte und was ihn überhaupt erst in diese katastrophale Situation gebracht hatte, erschien ihm so rätselhaft, dass er kurz davor stand, an seinem Verstand zu zweifeln.

    Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird. So saublöd und abgedroschen es sich auch anhörte, irgendwie ließ diese Phrase Blank wieder Zuversicht schöpfen und dann erinnerte er sich an die letzten Worte des Rechtsanwalts: „Uns wird schon etwas einfallen."

    Wie das wohl gemeint sein könnte?

    Vielleicht hatte Blank den Mann doch unterschätzt.

    Dass sein Freund Miko aus den fraglos unzähligen Angehörigen dieser Zunft gerade Dr. Degenhardt ausgewählt hatte, dürfte bestimmt kein Zufall gewesen sein.

    Mit dieser Gewissheit im Hinterkopf war die unbequeme und bedrückende Situation einigermaßen erträglich.

    *****

    Dass Blanks Vertrauen gerechtfertigt war, wurde am nächsten Tag, etwa um die Mittagszeit, bestätigt.

    In Erwartung einer Mahlzeit schaute Blank zur Zellentür, als er das Geräusch des Schlüssels hörte. Neben einem uniformierten Beamten stand der Anwalt in der Tür. Er lächelte zufrieden und sagte:

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