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Wie das System Eisenbahn funktioniert: Praxisbuch Eisenbahn Band 1
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eBook379 Seiten1 Stunde

Wie das System Eisenbahn funktioniert: Praxisbuch Eisenbahn Band 1

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Über dieses E-Book

Die Eisenbahn steht in Deutschland an einem Wendepunkt: Nach Jahrzehnten des Rückzugs und Abbaus kommt ihr vor dem Hintergrund der großen Umwelt- und Verkehrsprobleme eine immer größere Bedeutung zu. Geht es nach dem Willen der Politik, so sollen sich bis zum Jahre 2030 die Fahrgastzahlen verdoppeln.

Allerorts werden Bahnstrecken reaktiviert, neue Bahnfahrzeuge eingeführt, Fahrpläne ausgeweitet, ambitionierte Planungen begonnen. Auf allen Ebenen - von der Europa- bis zur Kommunalpolitik, von den Bestellerorganisationen über die Verbünde bis hin zu Verbänden - engagieren sich zahlreiche Menschen, Institutionen und Organisationen, um das System attraktiver zu gestalten.
Und die Bevölkerung reagiert mit wachsender Nachfrage und oft großem Interesse für Bahnthemen, die regelmäßig und umfassend in der Presse aufgriffen werden.

Doch die Bahn ist kein einfacher Stoff. So selbstverständlich es aussieht, wenn ein Zug durch die Landschaft fährt: im Hintergrund laufen auf ganz unterschiedlichen Ebenen sehr komplexe Prozesse ab. Diese sind zumeist nicht sichtbar und noch viel weniger verständlich.
Dieses Buch vermittelt die wichtigsten Informationen rund um das Bahnsystem und bringt diese in verständliche Zusammenhänge. Es geht um das Netz, die Bahnhöfe, die Leit- und Sicherungstechnik, um Planung, Politik und Personal, die Gesetzgebung, Umwelt und Sicherheit.

Dieser Band 1 aus der Reihe "Praxisbuch Bahn" ermöglicht es, die Bahn als vernetztes System zu begreifen und kommt all denjenigen zugute, die in der Verkehrsbranche arbeiten, über die Bahn berichten oder als Fahrgast dieses Verkehrsmittel nutzen. Es schafft die Grundlagen für ein umfassendes Verständnis, wie das System Bahn tickt.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum1. Juli 2020
ISBN9783347033191
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    Buchvorschau

    Wie das System Eisenbahn funktioniert - Frank Hole

    1 Infrastruktur

    Damit ein Zug überhaupt fahren kann, ist Infrastruktur nötig⁸: Das Schienennetz, die Bahnhöfe und die Signalanlagen.⁹ Betreiber der Infrastruktur sind in Deutschland die sogenannten „Eisenbahn-Infrastruktur-Unternehmen".¹⁰ Davon gibt es zahlreiche, aber die mit Abstand größten sind DB Netz AG (Eigentümer und zuständig u. a. für den größten Teil des Schienennetzes und die Signalanlagen in Deutschland) und DB Station & Service AG (zuständig für die meisten Bahnhöfe). Diese beiden Aktiengesellschaften sind zu 100 % in Besitz des Bundes und gehören zum Deutsche Bahn-Konzern (DB).

    Abbildung 4: Zur Infrastruktur gehören auch Brückenbauwerke wie die Göltzschtalbrücke in Sachsen, die schon seit 1851 in Betrieb ist. [Copyright Deutsche Bahn AG/Barteld Redaktion & Verlag]

    Bahninfrastruktur, insbesondere die Gleisanlagen, ist extrem langlebig und robust: Der Gesetzgeber billigt Bahndämmen, Brücken und Tunneln beispielsweise 75 Jahre Lebensdauer zu und den Metallschienen und Bahnsteigen immerhin noch 25 Jahre.¹¹

    Was bei der Bahn einmal gebaut wurde, das bleibt in aller Regel für Generationen erhalten und wird in dieser Zeit lediglich instand gehalten. Grundlegende Änderungen von Lage, Funktion und Beschaffenheit der Gleise werden entweder nicht durchgeführt oder haben einen oft jahre-, wenn nicht jahrzehntelangen Vorlauf. Diese sind an Raumordnungs- und Planfeststellungsverfahren gebunden und als Investitionsvorhaben entsprechend zeitintensiv und kostspielig.

    Abbildung 5: Auch die Reste aufgegebener Eisenbahninfrastruktur, hier aufgrund Zerstörung im 2. Weltkrieg, überdauern Jahrzehnte, und sind überall in Deutschland mehr oder minder offensichtlich erkennbar. Im Bild: der Rest der „Brücke von Remagen", Inbetriebnahme 1918, Zerstörung 1945, Foto von 2019. [Copyright Frank Hole]

    So haltbar die Bauwerke und Materialien auch sind, so aufwendig ist deren Bau. Sie müssen enormen Belastungen standhalten, denn Züge fahren je nach Strecke wesentlich schneller als Autos (in Deutschland bis zu 300 km/h) und sind um ein Vielfaches schwerer: Güterzüge bringen in Deutschland weit über 1000 Tonnen auf die Waage.

    Wenn sich also herausstellt, dass eine neue Eisenbahnstrecke oder ein zusätzlicher Bahnhof nötig ist, dann erweist sich die bestehende Struktur als außerordentlich träge. Beispielsweise dauerte es über 20 Jahre, bis die Neubaustrecke Hannover–Würzburg geplant und gebaut war. Bei der Neu- und Ausbaustrecke Erfurt–Nürnberg liegen gar weit über 30 Jahre zwischen Planungsbeginn bis zur weitgehenden Fertigstellung – bis zur endgültigen Fertigstellung wird es noch etliche Jahre dauern. Auch vermeintlich kleinere Maßnahmen wie die Bahnanbindung des Münchener Flughafens aus Richtung Norden und Osten können 10 bis 20 Jahre dauern.¹² Da der politische Meinungsbildungsprozess, die Planung und Finanzierung und die spätere Umsetzung so lange dauern, gibt es oft genug einen Unterschied zwischen den Anforderungen und der Realität.

    1.1 Netz

    Auf Schienen, Gleisen, Strecken und dem Netz fährt die Eisenbahn. Der Unterschied zwischen diesen Begriffen? Eine Schiene allein ist nichts als ein funktionsloses langes Stück Stahl, extrahart. Aber zwei Schienen im richtigen Abstand zueinander bilden das Gleis, auf dem ein Zug fahren kann. Eine Strecke kann aus einem Gleis bestehen oder aus mehreren – jedenfalls verbindet sie mindestens zwei Bahnhöfe¹³ miteinander. Und das Netz besteht dann aus allen Strecken einer bestimmten Region oder eines Landes.

    1.1.1 Schienen und Gleise

    Das Auffälligste an der Eisenbahn sind zuallererst die Schienen. Nicht umsonst heißt dieses Verkehrsmittel „Eisenbahn", es ist eine Bahn, die auf Eisen fährt. Genauer gesagt: auf Stahl, und zwar aus ganz besonders hartem und hochwertigem Stahl, der dennoch gleichzeitig eine gewisse Flexibilität aufweist. In Kurven und an Weichen wird die veränderliche Form sichtbar. Für ein Gleis braucht man zwei exakt parallel geführte Schienen, die den Zug in Kombination mit besonders geformten Rädern¹⁴ in seiner Spur halten. Diese Schienen haben in Deutschland auf den allermeisten Bahnlinien eine einheitliche Spurbreite, deren Abstand genau 1435 mm beträgt. Das ist für mitteleuropäische Begriffe eine NORMALSPURIGE EISENBAHN. In anderen Ländern gibt es davon abweichende Maße mit der Folge, dass die Eisenbahnen nicht über bestimmte Grenzen hinausfahren können, oder sie benötigen eine besondere Umspurtechnik.¹⁵ Das Umspuren ist in Deutschland aktuell nicht von Bedeutung, aber wer mit dem Zug nach Spanien (dort fährt die Bahn überwiegend auf 1668 mm Spurbreite) oder Russland (1520 mm) unterwegs ist, kommt damit in Berührung. Im Güterverkehr hingegen spielt das Thema der Spurbreite z. B. im Rahmen des neuen Seidenstraßenprojekts künftig eine wichtigere Rolle, doch das soll hier nicht weiter Thema sein.¹⁶

    Je nach Beanspruchung verwendet man im Bahnbau Schienen unterschiedlicher Qualität. In der Regel wiegt ein Meter Schiene zwischen 49 und 60 kg.¹⁷ Von überragender Bedeutung ist natürlich die Stabilität, jedoch ebenfalls die Fehlerfreiheit und die möglichst glatte und ebene Oberfläche. Wenn die Oberfläche einer Schiene abgenutzt oder fehlerhaft ist, wirkt sich das auf die Laufruhe bei der Fahrt negativ aus, und die Räder der Schienenfahrzeuge können Schaden nehmen oder sich zumindest schneller und unregelmäßig abnutzen.

    Abbildung 6: Neu verlegte Schiene auf neuen Betonschwellen im Schotterbett: Diese drei Bestandteile des Fahrweges tragen und verteilen die großen Gewichte der Eisenbahnfahrzeuge. Jede Schiene besitzt ein Walzzeichen, hier mit folgenden Informationen: Produktion: 2017, Material: Kohlenstoff-Mangan-Stahl, Gewicht: 54 kg pro Meter, Herkunft: Walzwerk Huta Katowice (Polen). Es handelt sich somit um das Standard-Schienenprofil der Bahn auf Hauptstrecken und im Bahnhofsbereich. [Copyright Frank Hole]

    1.1.2 Der Oberbau und Unterbau

    Nach den Schienen wird Ihnen vermutlich die besondere Bauweise der Gleisanlagen auffallen. Die hängt mit den Belastungen zusammen, denen eine Schienenstrecke ausgesetzt ist. Die Schienen halten auf Hauptstrecken oft Achslasten von 22,5 Tonnen aus.¹⁸ Auf Nebenstrecken sinkt dieser Wert zwar auf 16 Tonnen, doch zum Vergleich: Der Lkw hat ca. 8 Tonnen Achslast, der Pkw höchstens 1 Tonne.

    Um die enormen Kräfte zu stemmen, brauchen die Schienen einen sehr stabilen Untergrund. Sie sind auf querliegenden Schwellen aus Beton, Stahl oder Holz befestigt. Die Schwellen wiederum sind in den Eisenbahnschotter eingebettet, der aus harten Gesteinen wie Granit oder Basalt besteht.

    Bei Hochgeschwindigkeitsstrecken fahren die Züge hingegen oft auf einer vollständig betonierten „festen Fahrbahn", auf der die Schienen montiert sind. Diese ist nötig, da die Gleise, wenn sie auf klassische Weise im Eisenbahnschotter verlegt werden, den Kräften im Hochgeschwindigkeitsverkehr nicht lange standhalten. Gleislagefehler mit Langsamfahrstellen und Streckensperrungen zur Reparatur sind die Folge. Die feste Fahrbahn verhindert auch, dass die Schottersteine angesichts der hohen Geschwindigkeiten durch den Luftzug aufgewirbelt werden und Schäden verursachen.

    Abbildung 7: Der Bau der festen Fahrbahn¹⁹ ist Präzisionsarbeit im Zehntelmillimeterbereich. Die Schwellenblöcke werden in den Gleistrog eingebaut und justiert, es folgt anschließend die Fixierung mittels Füllbeton. Das Bild zeigt die Neubaustrecke zwischen Stuttgart und Ulm. [Copyright mit freundlicher Genehmigung Arnim Kilgus]

    Der Unterbau liegt, wie der Name schon ausdrückt, unter dem Oberbau und ist üblicherweise nicht oder nur bei Bauarbeiten sichtbar. Er kann aus mehreren Schichten bestehen: Erdplanum, Planum, Planumsschutzschicht und Frostschutzschicht. Wichtig ist hier, dass alle Schichten die nötige Stabilität und eine gute Entwässerung garantieren und das Pflanzenwachstum nicht fördern.

    Schienen sind in aller Regel recht robust, d. h. sie halten auch bei höherer Beanspruchung viele Jahre, bei geringerer auch Jahrzehnte. Defekte entstehen manchmal bei extremen Temperaturen, denn Stahl dehnt sich bei Hitze aus und zieht sich bei Kälte zusammen. Es kann in extrem heißen Sommern zu Verwerfungen kommen: Dann dehnen sich die in der Regel fugenlos verschweißten Schienen trotz sehr guter Verankerung mit den Schwellen so sehr aus, dass sie insbesondere in Kurven nicht mehr ganz parallel liegen. Umgekehrt können bei extremer Kälte Schienenbrüche entstehen.²⁰

    1.1.3 Energieversorgung

    Weiterhin fällt bei der Eisenbahn an vielen Strecken die besondere Art der Energieversorgung auf. In einer Zeit, wo das Wort Elektromobilität in aller Munde ist, hat die Eisenbahn einen jahrzehntelangen Vorsprung gegenüber dem Straßenverkehr.²¹ 1895 wurde in Deutschland erstmals eine Eisenbahnstrecke elektrisch betrieben. Heute gibt es bei der Eisenbahn in Deutschland rund 60 % elektrifizierte Strecken, der Anteil soll auf 70 % steigen.²² Generell sind elektrifizierte Strecken leistungsfähiger, da die Fahrzeuge mit Elektromotor schneller beschleunigen können und höhere Geschwindigkeiten erreichen. Auch aus Umweltgründen wird in Deutschland die Elektrifizierung sukzessive vorangetrieben.²³ Große Projekte sind beispielsweise die Elektrifizierung der Strecke Geltendorf–Lindau auf über 150 km Streckenlänge durch das Allgäu, um die Lücke zwischen München und Zürich zu schließen²⁴, oder die Strecke Ulm–Lindau auf 120 km²⁵.

    Die Bahnstrom-Versorgung erfolgt in der Regel über Oberleitungen mit 15.000 Volt Wechselstrom.²⁶ Nur bei den S-Bahnsystemen in Hamburg und Berlin gibt es Stromschienen an der Seite des Gleises, die Fahrzeuge fahren dort mit Gleichstrom – Berlin mit 750 Volt und Hamburg mit 1.200 Volt.²⁷

    Abbildung 8: Fahrdraht, Tragseile, Hänger, Stromverbinder, Isolatoren, Masten und Ausleger bilden eine Einheit, um elektrische Züge dauerhaft mit der nötigen Energie zu versorgen. [Copyright Frank Hole]

    Elektrifizierte Strecken tragen die Hauptlast des Bahnverkehrs und sind vorwiegend in, um und zwischen Ballungsräumen und Großstädten zu finden: dort also, wo die Zugfrequenz hoch ist und auch schwere, schnelle Züge fahren. Auf dem nicht elektrifizierten Rest fahren dann Züge mit Dieselantrieb. Dabei handelt es sich häufig um Nebenstrecken, die oft in dünn besiedelten Regionen verlaufen. Versuche mit Hybrid-, Batterie- und Wasserstoffantrieben laufen ebenfalls, haben aktuell jedoch noch keine weite Verbreitung. Ziel dieser Testbetriebe ist es, die Umweltbilanz der Bahn weiter zu verbessern und die teuren Investitionen in Oberleitungen zu sparen. Die größte mit Wasserstoff betriebene Zugflotte weltweit wird ab 2023 in Hessen fahren: Dort sollen 27 Triebfahrzeuge vom Typ Coradia iLint 54 die alten Dieselfahrzeuge auf vier Linien ablösen.²⁸ Die ersten Tests dieser Züge in Niedersachsen im Echtbetrieb verlaufen sehr positiv, dort sollen 2021 insgesamt 14 Fahrzeuge verkehren.²⁹ Geeignete Tankstellenstandorte vorausgesetzt, scheint die Brennstoffzellentechnik das Potenzial zu haben, die derzeit noch weitverbreiteten Dieselfahrzeuge abzulösen und völlig emissionslos einen großen Beitrag zur Luftreinhaltung zu leisten.

    Die filigranen Oberleitungen sind anfällig gegenüber äußeren Einflüssen. Nicht allzu selten werden sie von Buntmetalldieben gestohlen, mal reißen Bäume die Leitungen durch Schneebruch oder Sturm nieder, auch sorgen metallbeschichtete Luftballons für Kurzschlüsse. In allen Fällen ist die Reparatur aufwendig und die Folgen sind immer stunden- bis tagelange Streckensperrungen.

    1.1.4 Streckenführung und Kunstbauten

    Auch die zahlreichen, oft sehr aufwendig errichteten Bauwerke und die besondere Art der Streckenführung sind typisch für das Netz der Bahn. Ganz allgemein haben Eisenbahnen sehr viel geringere Höhenunterschiede und Neigungen als Straßenverläufe. Dementsprechend aufwendiger sind Planung und Bau: Wegen der geringen Reibung zwischen dem Metallrad und den Metallschienen und der hohen Masse der Züge versucht man bei der Planung, Bahnstrecken möglichst eben und gerade anzulegen, sodass trassierungsbedingte Geschwindigkeitsänderungen idealerweise nicht oder möglichst selten nötig sind.

    Abbildung 9: Über die mächtige, sechsgleisige Hohenzollernbrücke, die in Köln über den Rhein führt, fahren jeden Tag weit über 1.000 Züge. [Copyright Frank Hole]

    So weist beispielsweise die 500 km lange Neu- und Ausbaustrecke zwischen Nürnberg und Erfurt eine maximale Steigung von nur 1,25 % auf, obwohl sie den Thüringer Wald quert und dort einen Höhenunterschied von etwa 300 Metern bewältigt.³⁰

    Wenn Höhenunterschiede nicht zu vermeiden sind, geht es darum, diese möglichst gering und gleichmäßig zu halten. Um das zu erreichen, sind viele Bahnstrecken insbesondere in den Mittelgebirgen völlig anders geführt als die Straßen. Über 1.000 Tunnel mit bis zu knapp 11 km Länge³¹ und 25.000 teils richtig spektakuläre Brücken mit bis zu 8,6 km Länge³² gibt es in Deutschland bei der Bahn. Riesige Stützmauern, tiefe Einschnitte und hohe Dämme sind im Bahnbau Standard. Manchmal windet sich die Bahn in zahlreichen Kurven den Berg hinauf. Ein Beispiel dafür ist die Schwarzwaldbahn bei Triberg, die Strecke der Bayerischen Waldbahn von Plattling nach Bayerisch Eisenstein oder zwischen Sonneberg und Neuhaus im Thüringer Wald.

    Abbildung 10: Aufwendige Stützmauern in den steilen Weinbergen oberhalb von Dernau (Ahr) an der (nie fertiggestellten) Bahnstrecke der Ruhr-Mosel-Entlastungslinie. [Copyright Frank Hole]

    Um Steigungen zu vermeiden und so Baukosten zu sparen, wurden früher viele Mittelgebirgs-Eisenbahnen in Tälern gebaut. Sie schlängeln sich förmlich an den Flussufern entlang und sind oft richtig schön zu befahren.

    Dadurch sind sie jedoch nicht besonders schnell und erschließen die anliegenden Städte und Dörfer nicht immer optimal. Häufig sind diese Strecken jedoch hochwassersicherer angelegt als die parallelen Straßen und benötigen deswegen ebenfalls große Stützmauern und Brückenbauten, die landschaftsprägend sein können. Beispiele dafür sind die Mittelrheinbahn zwischen Bingen und Koblenz, die Moselstrecke Trier–Koblenz oder die Eifelstrecke zwischen Trier–Ehrang und Gerolstein. Welche Dimensionen so ein Streckenverlauf in einem Tal annehmen kann, zeigt das Beispiel der Bahnstrecke Nürnberg–Cheb zwischen Hersbruck und der Stadt Pegnitz: Auf rund 40 km verläuft die Bahnstrecke durch das enge, gewundene Tal des Flusses Pegnitz. Dabei führt die Strecke siebenmal durch Tunnel und überquert auf 25 Brücken den Fluss.

    Abbildung 11: Das Pündericher Viadukt – seit 1880 fahren dort die Züge gute 25 Meter über dem Moseltal. [Copyright Rolf Krahl/CC BY 4.0 via Wikimedia Commons³³]

    Die heutigen großen Hochgeschwindigkeits-Neubaustrecken hingegen sind eher so angelegt, dass sie möglichst viel Zeit einsparen. Sie verlaufen in den Mittelgebirgen kaum in Tälern, stattdessen teils auf den Höhen oder geradlinig mitten hindurch und benötigen sehr viele und lange Tunnel und Brücken.

    So ist die Neubaustrecke Frankfurt–Köln nur zu 20 % ebenerdig gebaut, der Rest verläuft im Tunnel, auf Brücken, Dämmen und in Einschnitten.³⁴ Diese Strecken werden nach Möglichkeit auch parallel zu Autobahnen angelegt, damit die Zerschneidung von Flächen minimiert wird. Außerdem ergibt ein Zug, der die Autos auf der Autobahn überholt, einen erstklassigen Werbeeffekt zugunsten der Bahn.³⁵ Schöne Beispiele dafür sind die Hochgeschwindigkeitsstrecken zwischen Köln und Frankfurt, Ingolstadt und Nürnberg oder teilweise zwischen Erfurt und Nürnberg.

    Abbildung 12: Die Hochgeschwindigkeitsstrecke Nürnberg–Ingolstadt, hier mit einem ICE 1, verläuft parallel zur Autobahn. Gut zu erkennen, dass die Trasse mit einer sehr geringen Neigung und einem Tunnel angelegt ist, während die Autobahn den Bergrücken vollständig überquert. [Copyright Deutsche Bahn AG/Claus Weber]

    Ein weiterer Aspekt der Streckenführung: Nicht immer, aber häufig führen Bahnstrecken mitten in die Innenstädte oder zumindest an deren Ränder. Sie wurden zu einer Zeit gebaut, als die Bahn einen großen Stellenwert innehatte und die Städte noch eine geringere Ausdehnung besaßen. So ist es möglich, dass etliche Großstadt-Hauptbahnhöfe sehr citynah liegen, wie beispielsweise Frankfurt (Main) Hbf, Köln Hbf, Stuttgart Hbf und München Hbf, was bedeutet, dass Sie mit dem Nah- und Fernverkehr direkt in die Stadtmitte fahren können.

    Abbildung 13: In Frankfurt (Main) führt die Bahnstrecke direkt in die Stadtmitte. [Abbildung mit freundlicher Genehmigung Hessische Landesbahn/Gerhard Hohl]

    Das ist ein großer Vorteil gegenüber dem Auto, zumal die Verkehrsdichte größer wird, je weiter man sich dem Zentrum nähert. Wenn Sie hingegen mit dem Flugzeug unterwegs sind, geht ein Großteil der gesamten Reisezeit damit verloren, dass Sie von dem häufig weit abseits gelegenen Flughafen noch eine halbe oder ganze Stunde in die Stadt fahren müssen. Alles Probleme, die Sie mit der Bahn nicht haben.

    1.1.5 Die zulässige Höchstgeschwindigkeit

    Nicht alle Bahntrassen sind für die gleichen Geschwindigkeiten ausgelegt, auch wenn die Schienen auf den ersten Blick identisch aussehen mögen. Je schneller und schwerer die Züge, desto höher sind die Anforderungen an die Qualität und Bauweise der Gleiskörper: Beispielsweise spielen die Art und der Abstand der Schwellen eine Rolle, das verwendete Material bei den Schienen und bei zweigleisigen Strecken der Abstand der Gleise. Das ist durchaus vergleichbar mit der Straße, wo es z. B. zwischen einer schmalen Gemeindestraße und einer Autobahn ganz unterschiedliche Standards gibt.

    Je schneller die Züge, desto größer sind beispielsweise die Kurvenradien der Trasse: Über 4000 m³⁶ für Züge mit 300 km/h kommt zum Beispiel auf der Schnellfahrstrecke Ingolstadt–Nürnberg vor, aber nur 200 m³⁷ Radius für Züge mit maximal 60 km/h. Bei Hochgeschwindigkeitsstrecken wird noch ein weiterer Effekt eingesetzt – die Gleise liegen in Kurven unterschiedlich hoch. Bis zu 18 cm Höhendifferenz liegt zwischen den beiden parallelen Schienen.³⁸ Kommt ein Zug in einer dermaßen überhöhten Kurve zum Halten, dann stehen Sie als Fahrgast im Zug auf einer schiefen Ebene und müssen sich schon beinahe festhalten.

    Die Bahnstrecken besitzen unterschiedliche Geschwindigkeitsgrenzen. Wie auf der Straße ist jeder Meter ganz exakt reglementiert und keinesfalls kann ein Zug immer seine Höchstleistung ausfahren. In Kurven, im Bahnhofsbereich, bei Steigungen, in Tunneln und bei Abzweigungen gelten oft niedrigere Geschwindigkeitsgrenzen als auf freier Strecke.³⁹

    Hochgeschwindigkeitsstrecken erlauben 200 km/h und aufwärts. Auf manchen Schnellfahrstrecken beträgt die zulässige Höchstgeschwindigkeit im Regelbetrieb 300 km/h, auf anderen nur 250 km/h oder 200 km/h.⁴⁰ Das hängt von mehreren Faktoren ab: Je höher die Geschwindigkeit, desto aufwendiger die Kunstbauten wie Tunnel und Brücken, und desto höher die Investition. Auch der Energieverbrauch der Züge steigt exponentiell an. Nicht zuletzt muss die Strecke auch fahrplantechnisch in das Gesamtnetz passen – es nützt eine Zeitersparnis von 5 Minuten wenig, wenn im folgenden Bahnhof dann die Anschlüsse alle schlechter erreicht werden. Die 300 km/h bleiben in Deutschland eher die Ausnahme.

    S-Bahnstrecken sind oft für maximal 120 oder 140 km/h ausgelegt. Diese Geschwindigkeit wird jedoch nur an

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