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ALGERIENS UNABHÄNGIGKEIT: unter besonderer Berücksichtigung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte und Auswirkungen heute
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eBook376 Seiten4 Stunden

ALGERIENS UNABHÄNGIGKEIT: unter besonderer Berücksichtigung der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte und Auswirkungen heute

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Über dieses E-Book

Dieses Buch befasst sich mit der Politik in Algerien hinsichtlich seiner Kolonialgeschichte.
Inwieweit hat es einen Regimewandel bzw. Systemtransformation aktuell erfolgreich erzielen können?
In einer Zeit der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Transformationen, die wir in der arabischen Welt beobachten, bewegt sich die Demokratische Volksrepublik Algerien mit autoritärem Charakter, als Unikum des Maghreb, sehr zögerlich in Richtung Demokratie. Kann die algerische Bevölkerung auf eine bessere Zukunft hoffen und tatkräftig die reelle Demokratisierung ihres Landes mitgestalten?
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum14. Jan. 2020
ISBN9783347004016
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    Buchvorschau

    ALGERIENS UNABHÄNGIGKEIT - Fathia Lakhdar

    1. Einleitung

    Algerien gehört zu den fünf Maghrebländem¹, nämlich Algerien, Tunesien, Marokko, Libyen und Mauretanien, wobei die drei ersteren als Kernraum bezeichnet werden können. Knapp 34 Mio. Einwohner verteilten sich 2010 auf eine Gesamtfläche von 2 381 741 km².² Innerhalb von vier Jahren, zwischen 2002 und 2006, sind knapp zwei Millionen Einwohner zusätzlich dort registriert worden. 2013 war die Bevölkerung auf 38,1 Mio.³ gestiegen und es wird prognostiziert, dass sie 2050 die Grenze von 50 Millionen erreichen wird.⁴ Der Prozentsatz der Ausländer bzw. anderer religiösen Gemeinschaften ist drastisch gesunken. Die Bevölkerung setzt sich aus 70 % Arabern und 30 % Berbern⁵ zusammen. Die Geschichte Algeriens ist vielschichtig; man kann sogar eine Parallele ziehen zwischen seiner Entwicklungsgeschichte und seiner Diglossie (Zweisprachigkeit), die in kultureller bzw. sprachlicher Hinsicht nicht zu leugnen ist. Das Ideal einer Arabisierung mit einer einzigen Sprache in der islamischen Welt, die der Verwaltung, dem Recht, aber insbesondere der Religion dienen würde, scheint einerseits aufgrund der geschichtlichen Strömungen wie seiner Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich ab dem 16. Jahrhundert, aber auch wegen seiner Unterwerfung durch die Kolonialmacht Frankreich ab 1831 und andererseits der arbeitsbedingten Migrationsbewegungen aufgegeben werden zu müssen.⁶ Dieses Ideal eines Panarabismus und einer arabischen Nation, das sich hinter eine locker agierende Arabische Liga zu stellen vermag, scheint längst ohnmächtig und zum Scheitern verurteilt zu sein.

    Algerien ist mit 2,38 Mio. km² Fläche das größte aller fünf Maghrebländer.⁷ Es ist umgeben von Marokko im Westen und Tunesien im Osten, beide auch bis 1956 unter französischer Kolonialherrschaft, die allerdings ihre Unabhängigkeit rascher und schmerzloser sechs Jahre früher als Algerien realisierten, das sie erst 1962 mit seinem blutigen Kampf erlangen konnte.

    In der Literatur stellt man fest, dass wenig über Algerien insgesamt und speziell über die algerische Politik bzw. den wirtschaftlichen Machtfaktor im direkten Zusammenhang geschrieben und berichtet wurde. Die paar veralteten Schriften können nicht mehr die aktuelle Situation widerspiegeln, wenn sie überhaupt heutzutage verfügbar sind. Diese Arbeit soll sich nicht mit der Geschichte des unabhängig gewordenen Algerien auseinandersetzen, womit die meiste Literatur sich schon längst befasst hat, sondern vielmehr als Forschungsarbeit der aktuellen Lage mit einer empirischen Seite in Algerien verstanden werden. Eine ausufernde Erarbeitung der Geschichte wäre hier nicht nur wenig ziel führend, sondern auch von keinem besonderen Reiz. Darüber hinaus wird hinsichtlich der kritischen Sicherheitslage derzeit in Algerien daraufhingewiesen, dass in den letzten Jahrzehnten wenige objektive Blicke aus dem Ausland, geprägt von terroristischen Attentaten und vom Genozid, dieses explosive Terrain antasten konnten. Die wenigen Autoren, die sich auf dieses risikoreiche Feld gewagt haben, sind ins Exil geflohene ehemalige Mitwirkende bzw. mittelbare Mitgestalter.

    In Anbetracht der heutigen Auseinandersetzung des ehemaligen Kolonialherren Frankreich mit seiner Geschichte und speziell in Anbetracht einiger französischer Politiker, die die jetzige Politik Frankreichs gestalten, wie der amtierende Staatspräsident Nicolas Sarkozy, Sohn der ersten Generation von Auswanderern, der anlässlich des Präsidentenwahlkampfes im Jahr 2007 den Eindruck vermitteln wollte, die koloniale Geschichte, speziell auf Algerien bezogen, neu schreiben zu wollen, wenn nicht endlich auf sich beruhen zu lassen oder doch leugnen zu wollen,⁸ wird diese Arbeit gezwungenermaßen einen Blick auf die Geschichte Algeriens richten müssen. Außerdem lässt sich der Ausgang einer Situation besser nachvollziehen und einschätzen, wenn man den roten Faden verfolgt hat. Eine gewisse Reflexion der Geschichte Algeriens ist hierzu aus diesem Grund notwendig.

    Zum einen geht es bei dieser Forschungsarbeit darum, die Ausgangssituation Algeriens zu Beginn seiner errungenen Freiheit für einen bestimmten Zeitraum zu analysieren, Korrelate zu entdecken, die dazu verhelfen werden, das jetzige Algerien verstehen zu können. Hat sich Algerien so entwickelt aufgrund seiner Misswirtschaft auf manchen Ebenen? Oder war es einfach eine Frage des Willens und des Engagements für die Gemeinschaft? Die in mancher Hinsicht noch archaischen Strukturen im Algerien des 21. Jahrhunderts hinterlassen den Eindruck einer gewissen Unzufriedenheit. Einer Unzufriedenheit, die sich wiederum in den Träumen einer gelungenen Auswanderung auf der einen Seite und in der Problematik ungewollter Einwanderung für die Industrieländer auf der anderen Seite widerspiegelt. Der wirtschaftliche Aspekt, der eine wesentliche Rolle in dieser Problematik spielt, verzeichnete Fortschritte in Richtung einer Reformierung mit Wiederbelebung der algerischen Wirtschaft. Auch wenn diese kleine Reform zeitweise ihre Wirkung gezeigt hat, ist das aber nicht ein Synonym für die Steigerung des Lebensstandards der Bevölkerungsmehrheit. Nach wie vor wird das politische Machtgefüge von einer kleinen Schicht beherrscht, die von allen Vorteilen voll und ganz profitiert, ohne einen Teil dieser Früchte an die Gemeinschaft zurückzugeben.

    Auf die sogenannte „revolution du sourire"⁹, die das Land seit 22. Februar 2019 jeden Freitag und Dienstag für die Studenten – jetzt und noch bis zum Jahresende beherrscht, wird nicht eingegangen. Allerdings scheint das algerische Volk das seit der Unabhängigkeit bestehende autoritäre Regime diesmal mit Ausdauer und Beharrlichkeit seit knapp einem Jahr einem demokratischen Wandel entschieden zu unterziehen und ihn zu forcieren.

    Es wird sich in naher bzw. mittlerer Zukunft erweisen, ob sich Algerien aus einem autoritären Regime in eine Demokratie entwickeln wird oder nicht. Ob hartnäckige Massenbewegungen ausreichen werden, um dem autoritären Regime Algerien zielstrebig und vor allem mit Erfolg die Stirn zu bieten, werden wir anhand der im Land noch bestehenden Merkmale eines autoritären Regimes feststellen können, nämlich ein reeller politischer Pluralismus und die Freiheit der gesellschaftlichen Akteure in jeglicher Form.¹⁰ Dies könnte den Weg zum Demokratisierungswandel in Algerien ebnen.

    Zu diesen oben genannten Merkmalen, die den Autoritarismus im Wesentlichen definieren, kommt die religiöse Komponente hinzu. Könnte sich diese negativ auf den demokratischen Prozess solcher Länder mit dem Islam als Staatsreligion auswirken, die ohnehin bereits strukturelle Probleme bei ihrem Transformationswandel verzeichnen? Im Vergleich zu Huntingtons Theorie der Religion und insbesondere des Islams als Bremse für die Demokratisierung eines Landes¹¹ wird diese negative Auswirkung in Studienanalysen renommierter Autoren wie Stepan und Linz verneint. Als Beispiel hierfür wird die moslemische Bevölkerung – mit circa 200 Millionen Anhängern – in Indien genommen, die keinesfalls einen Antagonisten der Demokratie bildet. Auch für Indonesien und Senegal als junge Demokratien lässt sich das feststellen. Vielmehr wird auf eine profunde differenzierte Institutionalisierung zwischen Staat und Religion gesetzt, also die Voraussetzung, dass beide Institutionen ohne Interaktion bzw. Interdependenz und volle Unabhängigkeit interagieren bzw. coexistieren.¹²

    Somit geht es schließlich um einen strukturellen Prozess, den das autoritäre Algerien tiefgreifend genug und authentisch vollziehen müsste, um sich als junge Demokratie und nicht im Sinne derjenigen von 1962 entwickeln und definieren zu können.

    ¹ Maghreb bedeutet der Ort, an dem die Sonne untergeht, im Gegenteil zu Mashrek, dem Ort, an dem die Sonne aufgeht.

    ² Der Fischer Weltalmanach 2004, Sp. 19.

    ³ Bevölkerungswachstum in Algerien. Laender.info.

    Abrufbar unter: https://www.laenderdaten.info/Afrika/Algerien/bevoelkerungswachstum.php Stand 2006. Zugriff: 30.03.07.

    ⁴ Deutsch-Algerische Industrie- und Handelskammer Algerien: Algerien.

    Abrufbar unter: http://algerien. ahk.de/algerien/

    Stand 2014, Zugriff: 15.08.09 und 27.02.14.

    Laut dem Nationalen Statistikamt Algeriens wurde die Bevölkerung zum 01.01.08 auf 34,4 Mio. registriert.

    http://www.ons.dz/-Population-et-Demographie-.html

    Stand: 2012. Zugriff: 15.08.09.

    ⁵ Ebd. Sp. 85.

    Forstner, Martin: Afrika II. Sprachen und Kulturen. In: Informationen zur politischen Bildung 272/2001, Bonn, S.9.

    Schliephake, Konrad: Afrika II. Prägung durch Klima und Natur. In: Informationen zur politischen Bildung 272/2001, Bonn, S. 4.

    Elkabach, Jean-Pierre: Interview des Präsidentschaftskandidaten Nicolas Sarkozy, Radiosender Europe 1 vom 13. Mai 2007.

    ⁹ Zuerst Revolution des Lächelns genannt, dann algerischer Frühling, der aus Rücksicht auf das Regime und ohne Verwendung der Terminologie „Revolution" schließlich in Hirak bzw. Harak (Bewegung mit sporadischen Demonstrationen) neutral umbenannt wurde.

    ¹⁰ Kienle, Eberhard: Les „Revolutions" Arabes, Critique internationale Nr. 54. In: Presses de Sciences Po, Januar-März 2012, S. 110.

    ¹¹ Stepan Alfred/Linz, Juan./.: Democratization theory and the Arab Spring. Journal of Democracy, Vol. 24, Number 2. In: National Endowment for Democracy and The Johns Hopkins University Press, 2013, S. 17.

    ¹² Ebd., S. 18.

    2. Kurze historische Hintergründe „Ifriqiya"

    Erst von den semitischen Phöniziern seit ca. 1200 v. Chr., dann von den Griechen ab dem achten Jahrhundert v. Chr. kolonisiert, wurde der Maghreb schließlich 146 v. Chr. von den Römern erobert. Sie gliederten die Region bis 439 n. Chr. Schritt für Schritt in ihr Reich ein.¹³ Aufgrund seiner wichtigen Stellung als Drehscheibe zwischen Afrika¹⁴, Asien und dem Orient war Algerien attraktiv in den Augen der Eroberer: Nach den Römern eroberten es die Vandalen von 432 bis 533, dann die Byzantiner von 533 bis 633, die Araber von 755 bis 1516 und schließlich die Türken von 1516 bis 1830, bevor die Franzosen die Macht übernahmen.¹⁵

    In dieser Zeit erklärten 670 die „omayadischen Khalifen"¹⁶ Kairouan – 150 km südlich von Tunis – in Tunesien als Hauptstadt Afrikas. 698 fiel Karthago, das von den Römern in der phönizischen Zeit und vor deren Eroberung bereits zerstört wurde. Ab 711 bis 732 wurden große Teile Spaniens erobert und von der arabischen Kultur beeinflusst.

    Die Rückeroberung durch das spanische Königspaar Ferdinand und Isabella, die sogenannte „reconquista" der von den Mauren besetzten spanischen Teile, wurde unter der Ägide des Christentums geführt und dauerte von 718 bis 1492 an. Sowohl Muslime als auch Juden wurden verjagt und flohen nach Nordafrika.

    Im ganzen Maghreb wurden die Ureinwohner, die Berber, zum Islam konvertiert; ihre Sprache, Tamazight, durften sie nicht pflegen und behalten. Angelegenheiten des Berbertums werden nach wie vor vom Außenministerium behandelt. Ein deutlicher Hinweis dafür, wie die erhobenen Ansprüche der Berber als Teil des Landes abgelehnt werden.

    2.1 Beginn der französischen Kolonisierung

    Ergebnis dieser reconquista war eine instabile und geschwächte osmanische Regierung. Genauso wie es bei der Hauptursache der Aufstände gegen die französische Kolonialmacht später zu sehen ist, waren es auch „die Provokation und die Unverschämtheit der Türken"¹⁷ gegenüber den Algeriern, die die Allianz mit den Franzosen damals gerechtfertigt haben. Umgekehrt kam es insbesondere zwischen 1900 und 1923: Die Algerier hofften erneut auf die Befreiung von den Franzosen durch die Osmanen.¹⁸ Ferner waren es als Ursache und als Argument für die Rechtfertigung der Kolonisierung Algeriens 1830 die großen Mengen Weizenlieferungen an Frankreich, vor allem durch die Familie Bacri-Busnach. Sie waren Finanzleute, die zwischen dem Dey als hochrangigem Verwaltungsbeamten von Algier und dem französischen Konsul Deval agierten. Weder Napoleon noch Ludwig XVIII. noch Karl X. wollten diese Schulden bezahlen.

    Innenpolitische Anliegen Frankreichs, wie die oppositionellen Bewegungen gegen die Monarchie zu dämpfen, die französische Macht nach außen zu demonstrieren, aber auch wirtschaftliche Handelsinteressen bewegten Karl X. dazu, die französische Marine unter der Führung von De Bourmont, dem französischen General und Staatsmann, nach Algerien zu senden. Zwischen dem 14. Juni und dem 4. Juli 1830 gelang es der französischen Armee, die Burg des Kaisers, Sultan Bordj Kalassi, unter Beschuss zu nehmen, sodass die militärische Überlegenheit Frankreichs am 5. Juli 1830 zur Kapitulation führte. Diese Niederlage Algeriens bedeutete den Beginn der Eroberung des Landes durch Frankreich.¹⁹ Karl X., König der Bourbonen-Dynastie, nutzte die Gelegenheit und schickte 1830 seine Armee nach Algerien. Zusätzlich zu den finanziellen Aspekten nutzte er diese Eroberung, um von den innenpolitischen Problemen Frankreichs und der Juli-Revolution im selben Jahr abzulenken. Bis 1871 dauerte der Prozess der Etablierung der Franzosen in Algerien. Schrittweise wurde das Terrain erschlossen, dann wirtschaftlich genutzt. Wieder konnte Algerien die von den Phöniziern importierte Anbau-Trilogie von Wein, Getreide und Öl nach Frankreich exportieren, nachdem dieser Fruchtwechsel bereits unter den Römern genauso erfolgt war. Der zweite Aspekt der wirtschaftlichen Stütze Algeriens gegenüber Frankreich war, den Überschuss des Proletariats nach Algerien zu „exportieren und dort anzusiedeln. Dabei ging es eher darum, „die Pariser Straßen zu fegen als Algerien zu kolonisieren.²⁰ Nach der französischen Niederlage und dem Sturz des II. Reiches kam es zu einer offiziellen Kolonisierung Algeriens. Nach dem Frankfurter Abkommen zwischen Frankreich und Deutschland mit Abgabe von Eisass und Lothringen wanderten viele Bewohner dieser Regionen nach Algerien aus; man sieht es an manchen algerischen Dörfern, die Namen wie bspw. Straßburg, Beifort etc. trugen.²¹ Damit war ein Hauch vom Import der französischen Kultur verbunden und von vornherein eine Verweigerung der Anpassung an die algerische Kultur. 1866 wohnten 210 000 Europäer in Algerien, darunter neben den französischen Siedlern auch Spanier²², die 1849 der Barbarei in ihrem Land und dem spanischen Reich durch Auswanderung und Flucht nach Algerien entkommen wollten. Sie ließen sich speziell in der wunderschönen Region Oran nieder. Viele Spanier haben dann die französische Staatsbürgerschaft angenommen bzw. aus Bequemlichkeit annehmen müssen. Die Barbarei, der sie entflohen waren, haben sie de facto in ein fremdes Gastgeberland mitgenommen und schnellstens eingesetzt, als wären sie zu Hause, ohne ihrer eigenen Erfahrung und ihrem eigenen Leid Rechnung zu tragen, geschweige denn, dass sie sich solche despotischen Importe zu Hause nie erlaubt bzw. gewagt hätten und umso weniger solche Importe bei sich geduldet hätten.

    Die italienische Auswanderung nach Algerien wird auf die lange Tradition der Römer und die traditionellen und fortbestehenden Handelsbeziehungen mit Algerien zurückgeführt. 1886 konnte man ca. 35 000 Italiener insbesondere in Constantine und Bône zählen. Schließlich traf man auch Malteser an, die auf dem algerischen Boden Ähnlichkeiten mit ihrer kleinen Insel wiederfinden konnten. Angesichts dieser hohen Zahl von Siedlern aus anderen Ländern neben denen aus Frankreich, mit zahlreichem Zufluss aus Spanien, verabschiedete Frankreich am 26. Juni 1889 ein Gesetz über die automatische Einbürgerung dieser Auswanderer, die die Staatsbürgerschaft des Vaters bei ihrer Volljährigkeit ausdrücklich nicht beantragten. Nicht zu vergessen sind die Juden aus allen Auswanderungszeiten, wie aus der Zeit der Phönizier, diejenigen aus Palästina, die vor den Ägyptern und dann vor Titus fliehen wollten, und schließlich auch diejenigen, die in der Zeit der reconquista verfolgt wurden und Spanien verlassen mussten. Die algerischen Juden wurden von Frankreich zu politischen Zwecken erst als Freunde betrachtet, schließlich aber manipuliert, um Algerien schneller zu kolonisieren, was im nächsten Kapitel ausführlicher erörtert wird.²³

    2.1.1 Zielgerichtete Entwurzelung der „französischen Heimat" im kolonisierten Algerien

    In dieser Zeit wurde eine bewusste Politik der Entwurzelung praktiziert. Soziologisch und kulturell betrachtet entstand bei den Einheimischen gezwungenermaßen das Gefühl eines Menschen zweiter Klasse. Sie konnten sich entweder der französischen Macht eingliedern und anpassen oder sich noch weiter an den Rand der Gesellschaft hinausschieben lassen. Französisch wurde offiziell als „Bildungssprache" deklariert. Wirtschaftlich betrachtet, wurde die lang geübte Tradition des landwirtschaftlichen Kollektivbesitzes arabischer Stämme in die Enteignung fruchtbarer Böden verwandelt und den französischen Siedlern buchstäblich gegeben und verschenkt.²⁴ Das Hauptinteresse der Landwirtschaft wirkte ebenfalls als politischer Faktor, da es ein Instrument für die französische Armee war, die totale Kontrolle über Algerien zu erlangen. Außerdem bedeutete die Neuordnung der Landwirtschaft gleich die Möglichkeit, die Ländereien zu privatisieren, und sie – zumindest die fruchtbareren Böden – unter den Kolonisten und dem Staat zu verteilen. Der politische Hintergrund dieser Strategie verbarg sich in der Destabilisierung und Zerstörung der Stämme, denen in der alten algerischen Ordnung ein Anteil der Böden zustand. Das Mittel, das Frankreich zum Zwecke einer Zerschlagung diente, was für die Einheimischen den Verlust ihrer Ländereien bedeutete, war seine maßgeschneiderte Politik: eine neue administrative Zuteilung des Landes mitwirken zu lassen.²⁵

    Ferner wurde eine bewusste Politik der kulturellen Entwurzelung von Frankreich psychisch dadurch praktiziert, dass die französisch durchgesetzte Macht den Einheimischen vermitteln wollte und konnte, dass diese bzw. deren Land Bestandteil der „Grande Nation waren und sie nicht mehr der arabischen Welt angehörten. Als Menschen wurden sie skrupellos degradiert; dies geschah unter dem Kommando der französischen Regierung und der Regenten in Algerien, obwohl Ende der Vierzigerjahre lediglich ein Anteil von 12 % französischer Siedler vorhanden war und die Mehrheit der Bevölkerung algerisch war.²⁶ Sogar im Vergleich zu Haustieren konnten sie nicht mithalten; Haustiere genossen eine bessere Behandlung und mehr Respekt von den Kolonisten als die „Primitiven und Unzivilisierten, wie es in der Literatur oft als Bezeichnung der einheimischen Algerier als tatsächliches und konkretes Spiegelbild zu lesen ist. Als Ausländer aus dem Mittelmeerraum, die in Algerien lebten und die dadurch von ihren Sitten und Gebräuchen aus ihrem Land getrennt waren, wollten sie natürlich im „fremden" Land weiterleben und führten dies ohne Respekt vom anderen, die dort zu Hause waren, einfach dort ein. Nach einer geduldeten Koexistenz wurde nicht gefragt oder debattiert.

    Insbesondere waren die sehr religiösen Spanier darauf bedacht, ihren Katholizismus in vollen Zügen auf moslemischem Boden einzuführen. Es entstand im alltäglichen Leben der moslemischen Algerier offiziell der christliche Sonntag als Ruhetag, anstatt des Freitags für die Moslems. Es beschränkte sich nicht nur auf diesen religiösen Ruhetag, sondern auch religiöse Feiertage wurden dort eingeführt. Dies wurde Ende 2004 in Deutschland vom Grünen-Politiker Christian Ströbele²⁷ im Rahmen einer besseren Integration der in Deutschland lebenden Ausländer vorgeschlagen, nämlich die Feiertage der in Deutschland mehrheitlich – wenn auch nicht aller – lebenden Ausländergruppen einzuführen, was hauptsächlich aus wirtschaftlichen Gründen unmöglich wäre. Natürlich muss man festhalten, dass es sich im Falle Algeriens tatsächlich um eine Kolonie handelte, im Gegensatz zu Deutschland, wo es sich bei dieser Aussage lediglich um ein Zeichen von Respekt und unter den damaligen Umständen von Anerkennung der anderen Kulturen handelte. Unter kolonialen Umständen war es im Gegensatz zu unserem demokratischen Verständnis eher ein apodiktisches Zeichen, die Regeln der Eroberer und der sich für die Elite haltenden Schicht gelten zu lassen und die Regeln des kolonisierten „Gastlandes" ohne demokratisches Recht zu vernichten. Mit anderen Worten, die Demokratie wurde von Oligarchie abgelöst bzw. die Koexistenz und Heterogenität eines Volkes für Egozentrismus bzw. Homogenität aufgegeben. Auch wenn dem Anschein nach vieles auf eine faktische spanische Kolonisierung hindeutete, sollte man jedoch im Auge behalten, dass Algerien offiziell eine französische Kolonie war. Erstere hatten sich für die französische Staatsbürgerschaft entschieden, um ein großes Mitspracherecht zu erlangen, was wiederum aus geschichtlichen Gründen zu bewusster verstärkter Missachtung gegenüber den Moslems führte. Vieles hatten die dort lebenden Spanier gesteuert.

    Zusätzlich zu den aus Frankreich „importierten Einwanderern und den von Frankreich gesetzlich verordneten Einbürgerungen der in Algerien lebenden Ausländer kam hinzu, dass die algerischen Juden, die seit Jahrtausenden in Algerien lebten, auch Opfer der französischen Kolonisierung wurden: Das algerische Judentum wurde aus französischer Sicht, aber auch aus der Perspektive der führenden Juden in Frankreich, als „unzivilisiert bezeichnet. Deshalb folgte eine Bekehrung des algerischen Judentums in ein französisches Judentum der Juden in Algerien, also eine Art Kolonisierung der algerischen in französische Juden. Das Ziel Frankreichs war, Algerien vollständig und in jeder Hinsicht Französisch zu machen, alles aus Frankreich Kommende dorthin zu importieren und zu verankern. Darüber hinaus ermöglichte diese strategische Allianz mit den französischen Juden, dass sich die algerischen Juden der kolonialen Macht in Algerien besser einfügen konnten, um eine zusätzliche oppositionelle Front zu beseitigen. Zusätzliche Mittel hierfür findet man in den sogenannten Crémieux-Verordnungen vom 24. Oktober 1870, benannt nach ihrem Erfinder, Adolphe Crémieux, dem damaligen französischen Justizminister. Ganz gegen die Zustimmung des französischen Militärs wurden dadurch die in Algerien lebenden Juden als Franzosen eingebürgert, was dazu führte, dass zwischen den Moslems und Juden, die bislang harmonisch miteinander lebten, eine Kluft entstand. Antisemitismus gab es in Algerien ebenfalls: Die Franzosen konnten nicht vermeiden, dass die nach ihrer Ansicht – primitiven - Juden die französische Bürgerschaft erhielten.²⁸ Die französische Einbürgerung wurde gleichgesetzt mit der Erlangung eines besseren Rangs voller Privilegien, der in den Augen eines semitischen Franzosen einem Juden nicht gewährt werden sollte.

    2.1.2 Eine unwürdige Grande Nation und ihre republikanischen Prinzipien gegenüber ihren Mitbürgern während ihrer Besatzung

    Die kürzlich erworbenen Errungenschaften der Französischen Revolution wurden hart erkämpft, allerdings ohne Geltung außerhalb des eigenen Fandes. Die barbarischen Akte des französischen Militärs unter General Bugeaud ab 1840²⁹ wurden anlässlich einer Enquète-Kommission, die das französische Reich 1842 beauftragte, von einem Mitglied dieses Gremiums treffend wie folgt charakterisiert: „Wir haben in Sachen Barbarei die Barbaren, die wir zivilisieren wollten, übertroffen." Diese Aussage bezog sich auf barbarische Akte wie Zerstörung von Städten, Unterdrückung von Stämmen oder Repressalien, die bei Tausenden von algerischen Einheimischen zum Tod führten.³⁰ Die guten Absichten von Napoleon III., wie eine sowohl politische als auch ökonomische und auch menschliche Gleichberechtigung der Einheimischen im französischen Algerien, das er nicht als Kolonie betrachtete, sondern als arabisches Reich, von dem er sich gleichberechtigt auch als Kaiser genauso wie für Frankreich bezeichnete, blieb nach 1870 leider nur noch der Traum der Araber. Denn nach der algerischen Niederlage in der Kabylei 1871 ging der Traum der Kolonisten in Erfüllung, nämlich die Einfügung und Bindung Algeriens an das Mutterland Frankreich. Dies ging mit absoluten und ausschließlichen Ansprüchen gegenüber den Einheimischen, welche die Franzosen lediglich als Diener der französischen Interessen sahen, einher. Willkür in vollen Zügen gegenüber den Algeriern ohne Rechte war an der Tagesordnung: Neben den massiven Enteignungen, die die algerische Bevölkerung existenziell am schlimmsten trafen, kam auch die Vernichtung der zahlenmäßig wenigen wohlhabenden algerischen Familien hinzu, das sog. Gesetzbuch der „Einheimischen" von 1881, das parteiische und strengere Bestrafung der Algerier vorsah.³¹ Es dominierte eine französische Gesetzgebung, die eine reine Willkür der Ausländer in Algerien regelte und legitimierte. Das Mittelalter und die Knechtschaft kehrten nach knapp einem halben Jahrhundert französischer Herrschaft und knapp hundert Jahre republikanischer Errungenschaften wieder zurück.

    Erst die Niederlage Frankreichs 1870 gegen Deutschland bremste den französischen Imperialismus, der von Großbritannien und Deutschland misstrauisch betrachtet wurde. Bismarck lud 1878 zur Berliner Konferenz, um die Teilung Nordafrikas zwischen den Imperialisten zu regeln. Es kam zu einer Abfindung der deutschen Ansprüche und des Deutschen Reiches mit Übergabe von Kamerun als Gegenleistung. Diese Umstände erklären, warum Tunesien und Marokko³² durch den Status eines Protektorats³³ Frankreichs Barbarismus und Größenwahn im Vergleich zu Algerien zum Glück entgehen konnten. Anders ausgedrückt, haben die geschichtlichen Umstände unter politischen und wirtschaftlichen Aspekten das Schicksal von drei Ländern schlicht und einfach bestimmt. Die wichtigen wirtschaftlichen Interessen Frankreichs, das mithilfe seiner Kolonien von innenpolitischen Problemen ablenkte, bewegten Frankreich dazu, seine koloniale Politik wieder zu betreiben. Jules Ferry, den jeder in Frankreich als „Vater" der freien und obligatorischen Schulausbildung kennt, war aber auch in seiner dunklen Seite Initiator

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