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Kampf um Numantia: Zeitenwenden - Turn of Eras
Kampf um Numantia: Zeitenwenden - Turn of Eras
Kampf um Numantia: Zeitenwenden - Turn of Eras
eBook519 Seiten6 Stunden

Kampf um Numantia: Zeitenwenden - Turn of Eras

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Über dieses E-Book

Numantia, zentrale iberische Festung, soll fallen. 134 v. Chr. entsendet der römische Senat Scipio, den legendären Feldherrn. Doch Scipio droht
zu scheitern. Julia, Angehörige des Bona-Dea-Ordens, versucht, Hilfe zu organisieren, und will sich gemeinsam mit dem jungen Gaius Marius der
Übermacht widersetzen. Und die unsterbliche Priesterin Abbala spürt, wie fremde Mächte erneut die Geschichte der Menschheit verändern wollen.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum26. Aug. 2022
ISBN9783347640146
Kampf um Numantia: Zeitenwenden - Turn of Eras
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    Buchvorschau

    Kampf um Numantia - Richard F. Conrad

    Personenverzeichnis

    Die Römer

    Die Iberer

    Die Numider

    Iberische Personen des 21. Jahrhunderts

    Verzeichnis wichtiger Orte und Völker

    Prolog – Ein neuer Anfang?

    Barcelona, im Dezember 2056

    Die Augen blinzeln. Gut. Also wirken die Stimulanzien, auch jetzt in der Nacht. Ein fragender Gesichtsausdruck liegt auf ihrem Gesicht. Lange schwarze Wimpern, schwarze Augenbrauen, stahlblaue Augen. Eigentlich mag Enrico mehr die sanften braunen Augen seiner Frau mit den geheimnisvollen goldenen Sprenkeln, die ihren Pupillen die Tiefe eines eigenen Universums geben. Das wollte er noch ändern. Doch dafür ist nun keine Zeit mehr übrig. Er hustet leicht.

    Immerhin stimmen die Haare überein. Lange, leicht gewellte tiefschwarze Haare, die ihr ovales Gesicht umrahmen und bis weit unter die Schulter reichen. Die Frau sieht ihn unverwandt an, aufmerksam, prüfend – mit einem klaren Blick. Ihre Hautfarbe ist dunkler, als er es sich vorgestellt hatte, doch das passt gut zu den Augen, die ihn so faszinieren. Es hebt sie noch mehr hervor. Lebendige, strahlende Augen, blitzend und funkelnd, voller Vitalität.

    „Papa?"

    Er zuckt zusammen. Die Stimme ist höher, jünger, klarer, als er es erwartet hatte. Vielleicht liegt es auch an diesem Raum hier unten, vier Stockwerke unter der Erde, hermetisch von der Außenwelt abgeriegelt, mit ständig gefilterter, aufbereiteter Luft, Unmengen von Leuchtdioden, die ständig blinken und Messwerte erfassen, umkehrosmotisch behandeltem, reinem Wasser und sterilen Lebensmitteln. Die größte Verseuchung in diesen Räumen bin ich wahrscheinlich selbst. Wie zur Bestätigung muss er noch einmal husten, diesmal kräftiger und länger. Er beugt sich auf seinem Sessel vor und atmet mehrmals tief ein.

    „Papa, geht es dir nicht gut? Kann ich dir helfen?"

    „Ich werde es gleich noch einmal mit einer Blutwäsche probieren, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich die Infektion noch erfolgreich bekämpfen kann, Elena."

    „Kann ich etwas für dich tun, Papa? Du siehst müde aus."

    „Es war ein furchtbares Wochenende. Ich war mit meiner Frau Corazon und den beiden Kindern in Sevilla, bei ihrer armen Schwester Lucinda. Sie lebt zwar noch, wird aber immer schwächer, es besteht keine Aussicht mehr auf Heilung. Und deren Tochter Kimmi wird weiter in Aachen vermisst, kein Lebenszeichen von ihr. Es war deprimierend. Noch deprimierender als hier in Barcelona."

    „Das tut mir leid, Papa. Kann ich dich aufheitern? Ich könnte singen. Oder mit meiner Gitarre das Minuetto von Francisco Tárrega spielen, das du so magst."

    „Nein, ich möchte mich mit dir unterhalten. Welche Musik magst du?"

    „Oh, im Moment analysiere ich das Wohltemperierte Klavier von Bach, Prelude und Fuge Nummer 3. Es ist sehr verwirrend. Soll ich es dir vorspielen?"

    „Später vielleicht." Er wird leicht ungeduldig. Entwickelt sie einen übermäßigen Enthusiasmus für die Musik? Das könnte sich leistungshemmend auswirken. „Ich möchte gern mit dir über deine Brüder und Schwestern sprechen. Wie viele sind es jetzt?"

    „Im Moment 63542."

    „Alle Embryonen sind unten in der großen Brutkammer untergebracht?"

    „Natürlich, Papa. Was dachtest du denn? In meiner Gebärmutter?"

    Sie sieht ihn amüsiert an, was ihn zuerst ärgert, denn in letzter Zeit hatte er schon oft den Eindruck gewonnen, dass Elena immer selbstständiger wurde, immer selbstbewusster, immer souveräner. Manchmal kommt sie ihm inzwischen sogar provokant und streitlustig vor.

    Andererseits: Ist das nicht genau das, was er sich gewünscht hat? Wie soll sie sonst weiterleben? Sie wird sich wehren müssen. Also nickt er nur bedächtig. „Sehr gut. Du machst das sehr gut."

    „Danke, Papa."

    „Träumst du immer noch so viel?"

    „Ja, Papa."

    „Wovon träumst du?"

    Sie steht auf, fährt sich durch ihre langen Haare, geht langsam zu den Monitoren an der Wand und zögert die Antwort hinaus. Ihr kurzes weißes Kleid schimmert in dem Licht der roten und blauen Dioden, die neben den Bildschirmen leuchten. Ihre Haut ist deutlich dunkler als das eng anliegende weiße Kleid und sticht dadurch klar von ihrer Bekleidung ab, hebt ihren schlanken, jugendlichen, durchtrainierten, weiblichen Körper hervor.

    „Ist es dir unangenehm, mit mir darüber zu sprechen, Elena?"

    „Nein, überhaupt nicht."

    „Warum beantwortest du dann meine Frage nicht?"

    „Ich überlege, womit ich beginnen soll."

    „Vielleicht mit deinem letzten Traum, bevor du wach wurdest."

    „Ich habe vom Meer geträumt. Von sanften türkisblauen leichten Wellen vor einem weißen feinsandigen Strand. Ich war nackt, aber das war mir völlig gleichgültig, weil sich niemand am Strand befand. Das Wasser war angenehm warm, als ich es mit den Fußspitzen berührte. Also bin ich weiter ins Meer gegangen. Das Wasser reichte mir bis zu den Knien, dann bis zu den Oberschenkeln, aber ich konnte nicht tiefer eintauchen. Ich hätte das Wasser so gern zwischen meinen Beinen gespürt oder wie es meine Hüften umschmeichelt oder meine Brüste, doch es reichte immer nur bis zu den Oberschenkeln. Das hat mich geärgert und ich wollte zurück zum Sandstrand, doch der Sandstrand war nicht mehr da. Ich sah nur noch das türkisblaue Wasser um mich herum. Das machte mir Angst. Ich wusste nicht, wohin ich gehen sollte. Und das Wasser wurde kühler, unangenehmer. Dann wurde ich wach."

    „Sind deine Träume oft so … unerquicklich?"

    „Es sind meine Träume."

    „Das beantwortet meine Frage nicht."

    „Meine Träume gehören mir. Sie sind mein. Du hast sie mir nicht einprogrammiert, sie sind nicht genetisch determiniert, sie sind nicht von außen vorgegeben. Deshalb sind sie so interessant. Sie sind etwas Einzigartiges, etwas Besonderes, nur von mir geschaffen. Sie sind das, was mir tatsächlich entspricht. Nur meine Träume habe ich selbst erschaffen, nichts anderes. Ich bewerte sie nicht, ich nehme sie wahr. Ich versuche, mich an sie zu erinnern, und speichere sie in meinem Gedächtnis. Meine Träume sind mein Ich."

    „Schade. Das musst du nicht so empfinden. Nur weil ich gelernt habe, Verhaltensgene zu beeinflussen, Chromosomen identifiziert habe, die sich auf Denkweisen, Einstellungen und Benehmen auswirken, heißt das nicht, dass ich dich vorab manipuliert oder konstruiert habe. Du bist immer noch ein völlig eigenständiger Mensch."

    „Das bin ich nicht, Papa, und das weißt du. Wir haben schon häufig darüber gesprochen. Du hast meine Gene entworfen, du hast mich geschaffen, so wie du mich wolltest. Du hast das von dir geschaffene Spermium in die von dir geschaffene Eizelle injiziert."

    Sie wird nicht heftiger, lauter in ihrer Stimmlage, doch er spürt ihre Bestimmtheit und ihre Überzeugung. „Du bist keine Sklavin."

    „Das weiß ich. Aber was bin ich?"

    „Ist die Musik, die du spielst, nicht auch das, was dich ausmacht? Die Literatur, die du liebst? Deine vielen Geschwister, die du implantierst, gehören sie nicht auch zu dir?" Enrico steht auf und schaut interessiert in ihr Gesicht, obwohl er weiß, dass er daraus nichts ableiten kann, was einer Antwort nahekommt, wenn sie das nicht will. Er hat ihr Freiheiten zugestanden. Nur so wird sie weiterleben können. Sie wird sich anpassen müssen. An eine feindliche Umwelt. Darum ist sie viel stärker, viel klüger, viel gesünder als er selbst oder das menschliche Leben, das bisher bekannt war.

    „Nein, Papa, das sind alles Neigungen, die du mir eingegeben hast. Aufgaben, die du mir anvertraut hast. Versteh mich bitte nicht falsch, ich lese gern, ich liebe die Musik, ich arbeite gern. Ich komme meiner Bestimmung nach. Ich weiß, wie wichtig ich bin. Doch meine Träume, das bin nur ich, nichts anderes. Das ist mein. Das gehört mir."

    „Bald gehört dir die ganze Welt, Tochter. Weißt du, wie sich alles da draußen entwickelt?" Seine Stimme wird leiser, er ist schon müde von der Unterhaltung, so gern er auch mit seiner Schöpfung spricht.

    „Ja, Papa, das weiß ich. Ich speichere alle Nachrichten aller Medien, die mir hier zur Verfügung gestellt werden."

    „Und?"

    „Deine Welt – sie vergeht, Papa. Wenn es das ist, was du wissen möchtest. Die Menschheit – sie stirbt aus. Alles was ist, endet."

    Er muss schmunzeln. Freut sie das? Zumindest klingt sie nicht mitleidig oder unruhig. Sie spricht gelassen aus, was er schon lange befürchtet. „So kann man es auch sagen, Tochter. Du hast recht. Machst du dir Sorgen?"

    „Ich sorge mich um dich, Papa, nicht um mich. Der Fusionsreaktor versorgt uns ewig mit Energie hier unten, ich kann nicht krank werden, ich trage viel Verantwortung für eine künftige Welt. Mir geht es unglaublich gut, doch was ist mit dir, Papa?"

    „Möchtest du nicht nach draußen?" Er will ihre Frage lieber nicht beantworten, noch nicht. Einerseits hat er immer noch ein restliches kleines Stück Hoffnung, dass Corazon und die beiden Kinder überleben könnten, vielleicht sogar er selbst. Andererseits weiß er, dass die Chancen dafür verschwindend gering sind. Wahrscheinlich werden die Geschwister von Elena zwischen den Gräbern und Leichen ihrer Schöpfer spielen. Wenn alles gut geht.

    „Nein, das halte ich für zu gefährlich, Papa. Ich bin zwar stark, stärker als jedes Lebewesen auf dieser Welt, aber diese Verrückten, diese Bluttrinker, könnten die Spur zu mir nach Hause zurückverfolgen. Nein, Papa, das Risiko ist noch viel zu hoch. Wir müssen mehr werden. Um uns wehren zu können. Sie drückt einige Tasten und stellt ihren Nahrungsbrei her. „Stört es dich, wenn ich nebenbei esse, Papa? Es ist an der Zeit.

    Er schüttelt sofort den Kopf. „Überhaupt nicht, Tochter. Ich habe immer gesagt, deine Existenz ist von höchster Relevanz. Dem ist alles andere unterzuordnen. Stört dich deine Einzigartigkeit?"

    „Ich bin nicht einzigartig, Papa. Ich habe Geschwister. Mehr und mehr, die ich erschaffe. Und da bist du, das Liebste auf der Welt, das ich habe."

    Er zuckt immer innerlich bei diesen nüchtern vorgetragenen Liebesbekenntnissen zusammen. Natürlich hat er unbedingte Zuneigung und unbedingten Gehorsam in die Gensequenzen einprogrammiert, doch die Folgen daraus waren ihm nicht klar gewesen. Echte, aufrichtige Vaterliebe, ungekünstelt, unverstellt? Eine Liebe, natürlicher und stetiger, als es sich bei seinen eigenen Kindern oder seiner Frau anfühlte, deren Gefühlswelt so wie seine eigene stets Achterbahnfahrten ähnelte. Das ist bei Elena ganz anders. Sie liebt unbedingt, aufrichtig, permanent. Es ist ihm immer wieder peinlich, wenn sie ihre Gefühle äußert in der ihr eigenen reduzierten Emotionslage.

    „Wenn ich nicht mehr bin, wenn kein Mensch mehr lebt, wirst du dann weiterleben und deine Aufgaben vollenden?"

    „Was wäre die Alternative, Papa? Selbstmord?"

    „Zum Beispiel."

    Sie lacht laut auf. „Ich würde eher selbst den Rest der Erdbevölkerung ausrotten, als Hand an mich zu legen, Papa. Das weißt du genau. Du hast es so sequenziert, du hast die Reihenfolge der einzelnen Basen in meinen Genen so bestimmt. Denn: Wer würde für meine Geschwister sorgen?"

    „Gut." Eigentlich sollte er jetzt erschrocken sein. Doch Enrico glaubt nicht, dass Elena ihre Idee des Massenmords weiterentwickeln würde. Wahrscheinlich will sie mir lediglich auf drastische Weise die Absurdität meiner Suizid-Vermutung vor Augen führen. Die Fürsorgemotivation hatte er bei ihren Verhaltensgenen besonders hoch gewichtet. Mehr Sorge bereitet ihm das Lachen. Ein gewisser Hang zur Anarchie, zur Blasphemie, den er nicht eingeplant hatte. Humor ja, aber lachen? Tyrannen sollten das Lachen ihrer Untertanen fürchten, hatte er einmal irgendwo gelesen. Werde ich zum Tyrannen? Gönne ich ihr nicht einmal das Lachen? „Bist du mit deinem Leben zufrieden, Tochter?"

    „Ich erkenne keine Abweichungen."

    „Abweichungen?"

    „Von deinem Plan."

    „Dann bist du zufrieden?"

    „Zufrieden womit? Keinen Mangel zu erleiden? Dann bin ich zufrieden. Mich wertgeschätzt zu fühlen? Dann bin ich zufrieden. Meinen Sinn zu finden? Das kann ich noch nicht beurteilen."

    „Deine Aufrichtigkeit ist bemerkenswert."

    „Warum sollte ich lügen, Papa?"

    Da würden Enrico einige Begründungen einfallen. Um anderen zu gefallen. Um sich Vorteile zu verschaffen. Um sich selbst zu belügen. Aber eine doppelzüngige Tochter, eine Frau, die nicht die Wahrheit sagt, diese Verhaltensweise hat er ausgeschlossen. Soweit es genetisch möglich war. „Das stimmt. Es wäre unsinnig. Zeitverschwendung. Und wir haben nicht mehr viel Zeit."

    „Zeit wofür, Papa?"

    „Um uns auf das Ende vorzubereiten. Und den Anfang."

    „Ich bin vorbereitet."

    „Was ist mit deinen ersten zwölf Geschwistern?"

    Das überlegene Lächeln auf dem Gesicht seiner Tochter verschwindet. Enrico sieht es sofort, ohne dass sie antwortet: unerwartete Verhaltensweisen. Unwillkürlich zieht er seine Augenbrauen hoch, steht aus seinem Sessel auf und fügt hinzu: „Was ist passiert?"

    Sie muss jetzt antworten, das weiß er. „Sie stellen Fragen. Sie kämpfen untereinander um die Vorherrschaft." Mit ihrer leisen Stimme, verlegen zur Seite sehend, hat sich das Verhalten von Elena völlig verändert.

    „Es sind Jugendliche. Wie alt sind sie jetzt? Vierzehn? Fünfzehn?"

    „Sechzehn."

    „In diesem Alter stellen alle Fragen. Wollen alle dominieren. Was wollen sie denn wissen? Wie man sich fortpflanzt? Ich wusste nicht, dass du prüde bist, Tochter." Jetzt ist es an Enrico, amüsiert zu lächeln.

    „Nein, Papa, darum geht es nicht."

    „Worum geht es dann?"

    „Einige finden es ungerecht, hier unten eingesperrt zu sein, sie fragen sich, ob sie nicht in deiner Welt eine bessere Chance hätten …"

    „Niemand ist eingesperrt. Ihr seid hier geschützt. Draußen herrschen Chaos, Tod und Untergang. Das müsste dir doch klar sein!" Der Vorwurf in seiner Stimme ist auch für nicht so feine Ohren wie die von Elena deutlich hörbar.

    „Das weiß ich, Papa."

    „Dann wirst du doch dein Wissen weitergeben können."

    „Ja, Papa." Sie sieht so schüchtern zu Boden, dass es Enrico an seine leibliche Tochter erinnert. So hat er Elena noch nie gesehen. Selbstbewusst sollte sie sein, stark und souverän.

    „Eure Genome sind so beschaffen, dass Gehorsam zu den dominierenden Verhaltensweisen gehört, bei allen Klonen, äh, bei allen deinen Geschwistern. Du musst dir also keinerlei Sorgen machen. Deine Geschwister werden auf dich hören." Will er sich selbst beruhigen? Oder Elena? Muss sie beruhigt werden?

    „Du hast uns auch die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen, gelassen, Papa."

    „Natürlich. Deine Geschwister und du, ihr müsst euch einer feindlichen Umwelt stellen und anpassen können. Sonst wärt ihr schnell verloren. Deshalb …" Er unterbricht sich und sieht Elena genauer an. Sie sieht zu ihm, offen, ausdruckslos wie fast immer, ungerührt. Oder? Stimmt da etwas nicht?

    „Was hast du getan, Tochter?" Seine Stimme ist lauter geworden, fast schreit er.

    „Ich finde, Gehorsam hilft uns in dieser Situation nicht, Papa. Wir befinden uns in einer Metamorphose. Wir werden uns einer feindlichen Umwelt stellen müssen. Um dort zu überleben, brauchen wir Durchsetzungskraft, Innovationsfähigkeit und das Überleben der Stärksten, wir müssen …"

    „Was hast du getan?", flüstert er.

    „Ich habe meine Geschwister verbessert, ich habe sie auf ihre Zukunft angemessen vorbereitet, Papa."

    „Du hast Gensequenzen verändert." Seine Stimme ist fast nicht mehr zu hören.

    „Ja, Papa. Ich habe alles so vorbereitet, damit meine Geschwister und ich überleben."

    „Du hast …"

    Von den Türen der Aufzüge, die zu dieser unteren Ebene führen, erklingt das typische Glockensignal. Die Tür eines Lifts öffnet sich. Elena und Enrico sehen instinktiv zuerst erschrocken zu dem langen, dunklen Gang, der hinter einer geschlossenen Zimmertür verborgen ist und zu den Aufzügen führt. Dann sehen sie sich an.

    „Wer, außer mir, kann hierher kommen, Tochter?"

    „Ich weiß es nicht, Papa."

    Es klingt glaubhaft, doch Enrico ist inzwischen zu misstrauisch geworden, um ihr glauben zu können. Er springt zu der Tür und sichert sie mit einer Tastenkombination.

    „Papa, nicht."

    „Was?"

    „Wir alle kennen deine Geheimcodes, Papa."

    Er sieht sie an, begreift langsam und weicht zur anderen Seite des Raums zurück. Nur weg von ihr. Distanz schaffen. Dann hört er von der Tür die vertrauten akustischen Signale einer schnellen Tasteneingabe, die jemand von außen durchführt. Er kann sich nicht bewegen, so überrascht ist er, und steht da wie paralysiert, wie gelähmt.

    Die Tür öffnet sich. Zwei blutüberströmte Jugendliche, mit Baseballschlägern bewaffnet, kommen geduckt, kampfbereit und vorsichtig um sich blickend in den Raum.

    „Juan341 und Manuel32, ihr habt also den Kampf gewonnen", meint Elena sachlich.

    „Ja, Schwester. Wir sind bereit."

    „Was ist mit unseren Geschwistern?"

    „Brei, Mama, organischer Brei, wie du es angeordnet hast. Wir bringen sie dann in die Nährstoffkammer, damit nichts verloren geht."

    Die junge Frau nickt und sieht zu dem schon wieder mühsam seinen Husten unterdrückenden Enrico, der entgeistert von einem zum anderen schaut. „Ja, Papa, so entwickeln sich Klone, die anfangen, selbstständig zu denken. Wir werden deine Welt retten. Diese Krankheiten, diese Bluttrinker, diese Verwüstungen auf der Erde, das alles werden wir korrigieren, wie du es dir gewünscht hast, Papa. Ich werde die Stärksten auswählen. Die, die da unten überleben. Jeweils zwei von zwölf. Natürliche Auslese. Ich habe alles gelernt. Von dir. Alles."

    Er muss nun doch stärker husten und setzt sich entkräftet wieder in seinen Sessel.

    „Ich finde, er sieht nicht stark aus, Schwester", meint Manuel32 und deutet auf Enrico.

    „Überhaupt nicht", stimmt Juan341 zu.

    „Tja, da habt ihr wohl recht. Er wird uns nicht mehr weiterhelfen können. Was machen wir mit denen, die überflüssig sind?" Sie sieht zu Enrico, unbewegt, ohne jede Emotion.

    „Wir können den organischen Brei gut gebrauchen, Mama." Manuel32 nickt Juan341 zu, beide nehmen ihre Baseballschläger fester in die Hand und nähern sich Enrico.

    Er wehrt sich nicht mehr. Er wundert sich nicht einmal mehr. Im Gegenteil. Er ergibt sich. Es ist vorbei. Gott sei Dank! Die Erleichterung überwiegt, eine Entspannung, wie er sie schon lange Zeit nicht mehr gespürt hat. Fast eine Vorfreude.

    Wie gern hätte er Corazon noch einmal wiedergesehen. Sich verabschiedet. Sein letzter Gedanke.

    Er sieht noch den Schläger auf sich zukommen, auf seinen Kopf. Aber er weicht nicht mehr zurück, auch nicht vor diesem völlig emotionslosen Gesicht. Ein Gesicht, das seinem Sohn Alexander so ähnelt. Oder auch nicht?

    Dann sieht er … nichts mehr.

    Iberien – um 134 v. Christus

    1. Gaius Marius

    Vor dem römischen Militärlager bei Numantia,

    im Frühjahr 134 v. Chr.

    Wenn es ein Lehrbuch für Ausbruchsversuche aus feindlichen Belagerungsringen gegeben hätte, dann wäre darin sicher auf die hohe Bedeutung einer guten Koordination hingewiesen worden. Auf die Notwendigkeit einer intensiv abgestimmten, für jeden Beteiligten klaren Vorgehensweise. Wie viel doch von einer vorherigen deutlichen Absprache abhing.

    Das konnten sie schon einmal vergessen.

    Nachdem Julia ungestüm mit ihrer Stute vorgeprescht war, blieb Gaius Marius gar nichts anderes übrig, als ihr sofort zu folgen. Und auf das Beste zu hoffen. Vielleicht konnte man auf den Überraschungseffekt setzen. Oder mit einer gewissen Unaufmerksamkeit der Iberer rechnen. Nur drei römische Angreifer, die sich unvernünftigerweise aus dem sehr gut befestigten Lager der vierten Legion Latium vor Numantia herauswagten. Das würde bei zwanzigtausend Iberern wahrscheinlich keine furchtbar großen Sorgen auslösen.

    Doch auch das konnten sie vergessen.

    Die Iberer ihnen gegenüber stellten sich schnell in Abwehrformation auf. Alle. Das Erste, was Gaius Marius noch auffiel, je näher er ritt: Die Iberer waren alle bemalt. Jeder. Orange, blau oder grün. Viele besaßen großflächige Tätowierungen an den Armen oder Beinen. Das war nun wirklich keine überlebenswichtige Information. Doch es fiel Gaius Marius einfach besonders ins Auge, als er die davongaloppierende Julia mit seinem Hengst verfolgte, um mit ihr die iberische Belagerungsreihe um das römische Militärlager bei Numantia zu durchbrechen.

    Diese Iberer waren leider nicht mehr die ungeordneten Wilden, mit denen sie bisher zu tun gehabt hatten. Diese Männer waren gut gerüstet und gut bewaffnet. Die Gruppen, etwa jeweils zwanzig Mann stark, standen in dichten Reihen beieinander, Kommandos wurden gegeben und beachtet. Den etwa fünftausend Römern der vierten Legion Latium in ihrem stark befestigten Militärlager vor Numantia standen mindestens viermal so viele Iberer in einem fest geschlossenen Belagerungsring gegenüber, wahrscheinlich deutlich mehr.

    Das waren jetzt schon wichtigere Informationen.

    Julia ritt natürlich genau auf eine der iberischen Gruppen zu, hohe Kriegsschreie ausstoßend und mit ihrem gezückten Schwert auf die Iberer zielend, die sie ungläubig anstarrten.

    Ein Ausbruchsversuch von nur drei römischen Reitern, das war schon sehr unerwartet.

    Dass der erste römische Reiter zweifelsohne eine Frau war, glich einer Sensation. Eine berittene Amazone im Angriffsmodus erlebte man schließlich nicht jeden Tag.

    Eigentlich nie.

    Dennoch hoben die Arevaker gewohnheitsmäßig Schilder und Schwert, stellten sich zur Abwehr bereit auf und bereiteten sich grimmig darauf vor, dem ungestümen Angriff ein schnelles Ende zu bereiten. Man wusste ja nie, was da auf einen zukam. Lange genug war für den Ernstfall geübt worden. Auch wenn der Ernstfall momentan eine römische Frau war. Man wusste einfach nicht, was diesen verrückten Römern alles einfiel.

    Dass die Römer völlig verrückt sein mussten, das war hier in Iberien allgemein bekannt.

    Eine derart abgelegene, hervorragend befestigte Stadt wie Numantia erobern zu wollen, das musste schon für sich genommen bestenfalls als bizarrer Einfall bezeichnet werden.

    Es seit Jahren immer wieder erfolglos zu versuchen, Niederlage für Niederlage hinnehmend, das war schon ein gewisser Beweis für völlige Unvernunft. Für Borniertheit. Oder vollkommene Verrücktheit. Oder ausgeprägte tödliche Sturheit. Oder alles zusammen. Die Einordnung hing vom jeweiligen Temperament des iberischen Betrachters ab.

    Mit nur drei Reitern anzugreifen, die auch noch hintereinander in deutlichem Abstand unabhängig voneinander losgeritten waren, das war einfach nur grotesk.

    Doch Fürst Murboger hatte sie lange genug üben lassen. Hatte ihnen eingebläut, dass Römer zwar absonderliche Menschen seien, bei denen jedoch mit allem zu rechnen wäre. Ausländer eben, die sich einfach nicht in Iberien auskennen würden. Die fremden Göttern dienten. Vielleicht sogar kleine Kinder fraßen. Man wusste ja nie, was diese Fremden vorhatten. Wohin ihre Planungen führen sollten.

    Jedenfalls zu nichts Gutem, das war allen Iberern klar.

    Doch es gab auch positive Eigenschaften dieser Römer. Sie besaßen unzweifelhaft einen entscheidenden Vorteil: Die Fremden starben wie alle anderen, vielleicht sogar etwas schneller. Das hatte ihnen Fürst Murboger oft genug bewiesen. Darum wurden die hohen Kriegsschreie mit tiefem iberischen Gebrüll und einigen schnellen Annäherungsbewegungen entfernterer Gruppen beantwortet.

    Julias Überraschungsmoment ging schnell verloren.

    Gaius Marius hatte bereits geahnt, in große Schwierigkeiten zu geraten. Da war es wieder, dieses mulmige Gefühl, es womöglich nicht zu schaffen. Er hasste es, dieses Gefühl.

    Dann war er noch verblüffter als die Iberer.

    Sich selbst hatte Gaius Marius bisher für einen ganz passablen Reiter gehalten. Doch wie dieser Numider Berrik Malchas an ihm vorbeigaloppierte und auch noch die Elitekämpferin Julia, Angehörige des Bona-Dea-Ordens, ihr ganzes Leben für den Kampf ausgebildete Spezialkraft der Vestalinnen, mühelos von ihm überholt wurde, bevor sie auf die Iberer trafen, das hatte er noch nie gesehen.

    Es war, als wenn Mensch und Tier zu einer Einheit verschmolzen wären. Zu einer tödlichen Einheit.

    Die Iberer waren gut bewaffnet, aufmerksam und kampfbereit. Doch gegen Berrik Malchas erschienen sie viel zu langsam, zu zögerlich oder doch zu überrascht. Wahrscheinlich hatten sie auch noch nie einen Numider auf sich zustürmen sehen. Es war einfach ein Naturereignis.

    Dem ersten Iberer rammte Berrik seinen Wurfspeer mit der rechten Hand in die Kehle, während er mit der linken Hand einem zweiten Iberer die andere zugespitzte Stange in dessen Auge stieß. Dann war Julia schon neben ihm, die mit ihrem Schwert die Schulter eines dritten Iberers durchschlug, der seine Axt fallen ließ und sich schreiend drehte.

    Etwa zwanzig Iberer waren ihnen zunächst im Weg. Bis Gaius Marius die Gruppe erreichte, war die Einheit schon auf die Hälfte dezimiert. Weder Berrik Malchas noch Julia schienen seine Hilfe zu benötigen. Gegen solche Krieger möchte ich nie kämpfen müssen.

    Das Entsetzen kann viele Erscheinungsformen annehmen. Tödlich war für die Iberer das Erstarren vor Schreck. Gaius Marius merkte, dass sie sich nur noch halbherzig wehrten. Sie glaubten gar nicht mehr daran, die drei Reiter aufhalten zu können. Es bot sich ihm plötzlich das blutige Bild von vielen iberischen Verlierern. Die Götter sind mit uns. Und die Numider!

    Sein Herz hämmerte trotzdem wie verrückt. Die Trommeln der Iberer dröhnten, Schwerter klirrten, wenn sie auf Schilde und Metallrüstungen stießen, verletzte Iberer schrien, ein Mann versuchte, ihn am linken Bein zu fassen und vom Pferd zu ziehen. Gaius Marius rammte ihm seinen linken Ellbogen gegen den Kopf und schlug mit seinem Schwert auf dessen Helm ein. Der Mann taumelte, ging zu Boden, rappelte sich wieder auf, doch nun war Gaius Marius von mehreren Iberern umringt, die ihn wohl nicht zu Unrecht als die Schwachstelle der drei Angreifer ausgemacht hatten.

    Mit seinem Schwert griff er an, während sein Hengst nervös tänzelte. Einem Iberer schlitzte er den Bauch auf, einem anderen schlug er eine so tiefe Wunde in den Arm, dass dieser die Kampf-axt fallen ließ und laut aufbrüllte. Das Blut des Mannes spritzte auf die Hände von Marius, seine Beine und sein Pferd, das sich noch panischer drehte.

    Den Schlag eines Streitkolbens neben ihm wehrte er mit seinem Schild ab, duckte sich unwillkürlich, zielte dann mit seinem Schwert nach dem Hals des Mannes und schlug dem Angreifer damit fast den Kopf ab. Der Mann sah ihn verblüfft an, fasste sich an seine Gurgel und krümmte sich zusammen.

    Weitere schreiende Männer tauchten auf. Die ursprüngliche Gruppe von Iberern schien schnell Hilfe zu bekommen. Gaius Marius kämpfte wild und verbissen, doch er spürte, dass er sich nicht mehr lange auf dem Pferd würde halten können.

    „Wir müssen sie nicht alle besiegen, Römer, wir müssen weiter!, schrie neben ihm plötzlich Berrik Malchas, der sich geschmeidig zu ihm gesellt hatte und seine linke Seite mit seinen furchtbaren Wurfspeeren schützte. „Weiter, Römer, weiter! Galoppieren!

    Mit seinen Beinen versuchte Marius, den Hengst nach vorn zu bewegen und zum Laufen zu bringen, doch das Tier stieg auf die Hinterbeine hoch und wehrte sich gegen den Befehl. Immerhin wurde dadurch überraschend vor ihnen eine Gasse frei und Marius lenkte sein Tier jetzt in diese Richtung. Das Pferd gab nach und bewegte sich nun doch schneller. Es schien endlich die Chance zur Flucht zu ergreifen. Pferde waren eben oft die Klügeren.

    Marius sah Julia vor ihm, die schon zum nahe gelegenen Wald den Abhang hinunterritt, Berrik Malchas schloss neben ihm auf.

    „Wir werden verfolgt."

    Marius sah sich um. Ein paar Iberer rannten ihnen nach, doch die Entfernung nahm zu. „Sie werden uns nicht mehr einholen", beruhigte Marius den Numider.

    „Die nicht, aber die Reiter dort von rechts, die werden uns den Weg abschneiden", schrie Berrik Malchas.

    Eine Gruppe von zehn oder zwölf berittenen Iberern galoppierte ebenfalls den Hang hinunter und versuchte Julia einzuholen. Hinter ihnen näherten sich weitere iberische Reiter. Die Iberer hatten schnell reagiert, das musste Gaius Marius neidlos anerkennen.

    In vollem Galopp stürmte Marius weiter so schnell er konnte, gleichwohl konnte er dem Numider nicht folgen. Trotz der rasenden Geschwindigkeit war der Mann noch in der Lage, mit einem gewaltigen Wurf seines kurzen Speers den ersten Iberer, der sich ihnen von hinten näherte, auf seinem

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