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Kirche im Klimawandel: Eine Handreichung für Katholiken
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eBook415 Seiten4 Stunden

Kirche im Klimawandel: Eine Handreichung für Katholiken

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Über dieses E-Book

Der rapide Wandel des Klimas wird wesentlich vom Menschen mitverursacht. Unser Einfluss ist so groß, dass normative Anpassung und Verhaltensänderung sich künftig auf Klima und Wetter auswirken. Im diesem Sinne sind entsprechende Maßnahmen auf institutioneller und individueller Ebene sinnvoll. Der Mensch bleibt dabei im Mittelpunkt und ist Ziel aller Schutzstrategien zur Vermeidung der schlimmsten Folgen des Klimawandels. Er nimmt seine Rolle als "Hüter der Schöpfung" in Verantwortung an. Die Katholische Kirche als eine der größten weltweit aktiven Einrichtungen kann in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen. Dazu ist ihre Lehre in Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes zu verbreiten und praktisch umzusetzen.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum28. Feb. 2020
ISBN9783347014305
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    Buchvorschau

    Kirche im Klimawandel - Josef Bordat

    Kapitel 1: Wissen

    Wir müssen uns eingangs durch einige Grundlagen durcharbeiten. Die Frage, was wir über den Klimawandel wissen, über seine beobachtbaren Folgen und seine möglichen Ursachen, legt fest, wie wir auf den Klimawandel reagieren sollten. Daher ist eine Beschäftigung mit den Phänomenen des Klimawandels und der Theorie über dessen Ursachen unerlässlich.

    1.1 Empirie

    Der Klimawandel ist kein neues Phänomen. Das Klima hat sich immer schon geändert. Es war auf der Erde schon viel wärmer und schon viel kälter als heute.

    Der Begriff „Klima muss zunächst vom Begriff „Wetter unterschieden werden. Das ist für die Debatte über den Klimawandel nicht ganz unwichtig, weil oft genug mit konkreten Wetterbedingungen gegen Resultate der Klimaforschung Stimmung gemacht wird – etwa, wenn es an einem Sommertag mal besonders kühl ist und am virtuellen Stammtisch gleich die Erderwärmung als solche hinterfragt wird. „Wetter beschränkt sich auf den Zustand der Erdatmosphäre an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit; „Klima beschreibt die Wetterbedingungen über größere Zeiträume und Regionen und stellt dabei Werte für Klimavariablen im Zeitverlauf fest, die den Zustand der Atmosphäre, des Ozeans, der Eisflächen an den Polen und der Gletscher in den Hochgebirgen charakterisieren.

    Klima ist also eine statistische Größe, die langfristige Aussage über das Wetter macht, eine „Statistik vom Wetter². Aus statistischen Berechnungen ergibt sich für einen bestimmten Zeitraum eine Verteilung unter als konstant angenommenen externen Bedingungen (etwa Sonnen- und Vulkanaktivität). Wenn zwei aufeinanderfolgende Zeitspannen nun eine Änderung der Verteilung aufweisen, spricht man von „Klimawandel

    Soweit, so unbefriedigend. Denn die externen Bedingungen sind auch in kurzen Zeiträumen nicht konstant. Und auch minimale Schwankungen (etwa der Sonnenaktivität) können das Klima beeinflussen. Dem kann nun abgeholfen werden, indem die Variablen im Zeitverlauf empirisch, also durch Beobachtung und Messung von Daten, erfasst werden. Über Zeitreihen einer bestimmten Spanne (üblicherweise 30 Jahre – „30 Jahre sind lang genug, um nach den Regeln der Statistik vernünftige Trendaussagen machen zu können"⁴) lassen sich dann Klimaveränderungen identifizieren, bei denen die Schwankungen externer Einflüsse berücksichtigt sind.⁵

    Allerdings ist mit Blick auf den Klimawandel in unseren Tagen auch diese Auffassung von „Klima noch unbrauchbar, denn dabei bleiben die Ursachen abrupter Klimaveränderungen unerkannt. Wenn inmitten einer Zeitspanne ein klimaveränderndes Ereignis eintritt (etwa ein Meteoriteneinschlag), bleibt es in seiner Bedeutung für das Klima unentdeckt bzw. wird bei der Modellbildung nicht hinreichend genau berücksichtigt, wenn man nur die Durchschnittswerte der Zeitspannen miteinander vergleicht, um Veränderungen zu erkennen. Um diese Schwäche zu beheben und externe Einflüsse auch hinsichtlich plötzlicher Veränderungen angemessen zu würdigen, kann Klima als „System aufgefasst und mit Charlotte Werndl⁶ definiert werden als „Verteilung der Klimavariablen über die Zeit, die unter bestimmten Regimen von variierenden externen Bedingungen auftreten"⁷. Die deutsche Version der Wikipedia definiert das Klima als „Durchschnitt der dynamischen Prozesse in der Atmosphäre […] basierend auf einer Vielzahl von Klimaelementen"⁸.

    Es geht also um ein dynamisches System mit Variablen und Elementen, das statistisch („Verteilung, „Durchschnitt) erfasst wird. Ausgehend von dieser Definition lässt sich nun feststellen, dass sich das Klima in den letzten Jahrzehnten besonders rasch und drastisch hat, in einer Weise, die Anlass gibt zur Sorge, vor allem aber zur Ursachenforschung und zur Strategieentwicklung im Blick auf die erwartbaren Folgen des Klimawandels. Also: Das Klima hat sich immer schon gewandelt – aber noch nie so plötzlich, so abrupt, so heftig wie momentan.

    Um dabei eine Orientierung zu erhalten, ist ein Blick in die Berichte des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) unabdingbar. Das IPCC ist keine eigene wissenschaftliche Einrichtung im engeren Sinne, aber auch kein politischer Debattierclub,⁹ sondern ein Gremium, in dem Wissenschaftler für die Politik in ziemlich regelmäßigen zeitlichen Abständen den Sachstand der Klimaforschung kurz und verständlich darlegen, um den Verantwortlichen eine Entscheidungsgrundlage zu geben. Es hat also eine politische Funktion, unterliegt jedoch bei seiner Arbeit – anders als etwa der Meinungsstreit in einem Parlament – (natur)wissenschaftlichen Standards. Das IPCC übernimmt damit die wichtige Rolle einer Vermittlungsinstanz zwischen den Systemen „Wissenschaft und „Politik, es bietet seriöse Übersetzungsleistungen und begründet Handlungsempfehlungen (an die kein Staat und kein Gremium gebunden ist) mit Forschungsresultaten – es „macht" damit (indirekt) Politik. Nur: Das machen alle, die Politikerinnen und Politiker aus Expertensicht beraten. Und ohne Beratung fehlte den meisten Abgeordneten bei den meisten Fragen die Kompetenz, zu einer fundierten Entscheidung zu kommen.¹⁰ Ich werde im Verlaufe des Gedankengangs ab und an auf das IPCC und seine Sachstandsberichte zurückkommen. Doch zunächst zu den beobachtbaren Fakten.

    1.1.1 Es wird wärmer

    Die globale Mitteltemperatur¹¹ war in den letzten 2000 Jahren noch nie so hoch wie heute.¹² Schaut man sich den Temperaturverlauf genauer an, ergibt sich ein deutliches Bild, das des berühmten „Hockeyschlägers¹³. Die eindrucksvolle Kurve ist weder eine „Fälschung¹⁴, noch ist ihre Aussage „vor Gericht widerlegt¹⁵ worden. Sie basiert auf validen direkten und indirekten Klimadaten (neben Temperaturmessungen auch „Proxys¹⁶ wie Daten aus Bohrkern-Untersuchungen des Polareises) sowie anerkannten statistischen Methoden: „Das Hockeyschläger-Diagramm wurde von verschiedenen Seiten mehrfach auf Fehler überprüft. Die Ergebnisse von Mann et al. wurden damit mehrfach bestätigt¹⁷. Die globale Durchschnittstemperatur ist heute wahrscheinlich sogar höher als in den letzten 120.000 Jahren.¹⁸ Und auch die vor über 20 Jahren vorgenommene Extrapolation bis zum Jahr 2100 kann in ihrem Verlauf bis heute, also: bis zum Jahr 2020, als „Treffer gewertet werden: Die Projektion sieht im Mittel eine Erhöhung um etwa ein Grad vor – genau das ist eingetreten.¹⁹

    Direkt feststellen – also: messen – lässt sich ein Anstieg der globalen Mitteltemperatur in den vergangenen 170 Jahren um etwa ein Grad.²⁰ Lag die globale Mitteltemperatur um 1850 bei etwa 13,8 Grad Celsius, so liegt sie heute (2019) bei rund 14,8 Grad Celsius.²¹

    Das scheint zunächst in Ordnung zu sein, denn: Ist nicht 15 Grad das „Ideal²²? Dann hätten wir sogar noch ein wenig „Luft nach oben. Nein, nicht ganz. Entscheidend ist nämlich nicht die absolute Temperatur, sondern die Temperaturerhöhung.²³ Und die liegt bei einem Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter, Tendenz steigend, so dass mittlerweile selbst gegenüber dem bereits wärmeren 20. Jahrhundert ein signifikanter Anstieg zu verzeichnen ist: „The average temperature across the globe in 2019 was 1.71 degrees F (0.95 of a degree C) above the 20th-century average"²⁴. Die 1-Grad-Steigerung lässt sich also für immer kürzere Perioden nachweisen – es reicht ein Blick auf die letzten 50 Jahre.

    Auch das scheint zunächst wenig spektakulär zu sein, doch ein Grad mehr ist bereits bedrohlich, zumal der Trend einen weiteren Anstieg erwarten lässt. Ein Beispiel: Wenn der Mensch eine Körpertemperatur von 37 Grad hat, geht es im gut. Bei 38 Grad hat er Fieber – ein Hinweis darauf, dass irgendetwas nicht stimmt. Steigt die Temperatur weiter an, ist mit schweren gesundheitlichen Schäden zu rechnen, auch dauerhaften. Am Ende (bei 42 Grad, also plus fünf Grad) ist sogar das Leben des Menschen in Gefahr. Ähnlich sensibel reagiert auch die Erde. Daher soll der Anstieg Temperatur auf maximal zwei Grad Celsius gegenüber der vorindustriellen Zeit begrenzt werden. Setzt man dafür den Wert von 1850 als Referenzgröße, hätten wir die Hälfte des maximalen Anstiegs bereits erreicht, vor allem durch den extrem rasanten Temperaturanstieg der letzten 50 Jahre, der sich in den vergangenen 25 Jahren noch einmal beschleunigt hat.²⁵ Auch die Dynamik spricht also für weitere Temperaturerhöhungen: Das letzte Jahrzehnt war das „heißeste der Geschichte, d.h. seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, wie die US-Raumfahrtbehörde NASA und der NOAA, die US-amerikanische Behörde für Ozeanforschung feststellten.²⁶ Hält der Trend der letzten fünfzig Jahre an, würde das „Zwei-Grad-Ziel bereits Mitte des 21. Jahrhunderts – also in einer Generation – erreicht.

    Der Temperaturanstieg lässt sich weltweit, also überall, beobachten.²⁷ Nicht überall in gleicher Stärke, aber doch überall. Das ist verhältnismäßig neu; vor der Industrialisierung gab es diese Synchronität der Temperaturveränderung nicht.²⁸ Man spricht daher von „global warming". Es scheint also ein Phänomen zu geben, dass die Wärme über die Oberfläche der Erde verteilt, bei dem etwas eine zentrale Rolle spielt, dass überall in ähnlicher Weise vorhanden ist, unabhängig davon, ob wir uns auf Landflächen oder auf dem Meer befinden, unabhängig davon, ob wir von Städten oder Dörfern, von Bergen oder Tälern, von Industriegebieten oder Agrarzonen, von Wüsten oder Wäldern sprechen. Darauf werden wir zurückkommen müssen (Kapitel 1.2.3 und 1.2.4).

    Die Häufung von Hitzewellen in den letzten zehn Jahren belegt den Temperaturanstieg deutlich.²⁹ Besonders dramatisch waren die beiden marinen Hitzewellen 2014 und 2019, die schwere Schäden an Flora und Fauna verursachten, aber auch für die Menschen Folgen haben: „Die Veränderungen in den Ozeanen sind sehr ernst und werden direkte Konsequenzen für die Menschheit haben"³⁰, so der Klimatologe Nicholas Bond von der University of Washington. Bestätigt wurden diese Befunde durch eine Studie des Instituts für atmosphärische Physik der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, die Anfang 2020 veröffentlicht wurde.³¹

    Auch bei uns lässt sich ein zuletzt besonders drastischer Temperaturanstieg nachweisen.³² In Deutschland ereigneten sich sechs der elf extremsten Hitzewellen zwischen 1950 und 2015 nach dem Jahr 2000 – obwohl bei statistischer Gleichverteilung nur zwei bis drei „Treffer" in diesem Zeitraum zu erwarten gewesen wären.³³ Der Sommer 2018 war der zweitheißeste seit Beginn der hiesigen Wetteraufzeichnungen im Jahre 1881, der Sommer 2003 war der heißeste.³⁴ Sieben Winter seit dem Ende der 1980er Jahre (in absteigender Reihenfolge: 2006/2007, 2015/2016, 1989/1990, 1988/1989, 2007/2008, 1997/1998, 1994/1995, 1987/1988) gehörten zu den zehn wärmsten Wintern seit Beginn der Aufzeichnungen.³⁵

    Das Jahr 2018 war insgesamt das viertwärmste,³⁶ das Jahr 2019 ist das drittwärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen gewesen, so der Deutsche Wetterdienst nach Auswertung der Daten seiner rund 2000 Messstationen.³⁷ Weiteres Ergebnis der Analyse: Es gab vergleichsweise wenig Niederschlag bei überdurchschnittlich vielen Sonnenstunden.³⁸

    Haben vielleicht – so ein naheliegender Einwand – die Messstationen bzw. ihre Lage, ihre Standorte die Temperaturmessungen beeinflusst? Sind die Messreihen zur Erdtemperatur, auf deren Basis der Temperaturanstieg (und damit letztlich auch der Klimawandel) diagnostiziert wurden, durch menschliche Einflüsse verzerrt? Also: Haben wir vielleicht einfach falsch gemessen?³⁹ So etwas kommt vor – Messfehler sind immer möglich. Die Seite klimafakten.de sagt jedoch: Nein, wir haben nicht falsch gemessen. Denn: „Der Trend der Erderwärmung kann mit unzähligen Daten von Wetterstationen und anderen Quellen belegt werden⁴⁰. So gibt es neben den Daten der erdgebundenen Stationen auch Daten aus Messungen mit Wetterballons und Satelliten. Die Einflussfaktoren auf die Messung sind freilich auch den Klimaforschern bekannt und werden entsprechend berücksichtigt. Es findet ein Abgleich der Messdaten aus Städten mit denen auf dem Land statt, um eine Verfälschung durch urbane „Wärmeinseln auszuschließen. Alle diese Daten zusammen ergeben ein unmissverständliches Bild: Es wird wärmer. Und zwar deutlich: In den letzten 50 Jahren um etwa 0,2 Grad Celsius pro Dekade.⁴¹ Geht alles so weiter wie bisher, wird die globale Durchschnittstemperatur bis zum Jahr 2100 verglichen mit dem vorindustriellen Stand um 3,7 bis 4,8 Grad Celsius steigen.⁴² Zur Erinnerung: Ein Menschenleben wäre bei diesem hohen Fieber gefährdet – hochgradig.

    1.1.2 Das hat Folgen

    Der globale, aber auch der regionale Temperaturanstieg hat beobachtbare Folgen. Die sind vornehmlich negativ. Geradezu zynisch anmutende Einschätzungen zu den angeblichen Vorzügen der Erderwärmung, wie sie etwa in einem Beitrag der Zeitschrift Focus aus dem Jahr 2010 zum Ausdruck kommen („Es wird wärmer – gut so!⁴³), sind längst vielfach widerlegt. Der Tenor der Wissenschaft ist: Zwar können sich lokal und regional Vorteile ergeben, global betrachtet ist der Klimawandel allerdings von großem Nachteil für die Natur (Biodiversität⁴⁴) und viele Lebensbereiche des Menschen (Gesundheit, Ernährung, Sicherheit) – vor allem in Regionen mit geringer Resilienz, also in den Ländern, „die am wenigsten in der Lage sind, sich sozial oder wirtschaftlich darauf einzustellen⁴⁵.

    Zu den negativen Folgen einige Beispiele.

    1.1.2.1 Eis wird weniger

    Die große Mehrzahl der weltweit rund 160.000 Gletscher geht zurück. Seit etwa 50 Jahre beschleunigt sich diese Entwicklung. Das hat dazu geführt, dass den Menschen in vielen Bergregionen wie dem Himalaja in den letzten Jahrzehnten mehr Wasser zur Verfügung stand, was die Produktivität der Landwirtschaft erhöhte. Doch diese Wasserquelle droht zu versiegen, möglicherweise sogar schon bis zum Ende des 21. Jahrhunderts.⁴⁶

    Tatsächlich ist an einigen Gletschern ein Massewachstum zu beobachten – doch das sind Einzelfälle. Kurzfristige oder punktuelle Beobachtungen sagen wenig aus über den allgemeinen Trend. Der ist eindeutig: die Gletscher gehen zurück. Weiterhin ist ein allmähliches Auftauen der tundrischen und alpinen Permafrostböden zu beobachten sowie insgesamt eine Verringerung der Permafrostgebiete in der Nordhemisphäre zu erwarten.⁴⁷ Diese könnten bis 2080 um etwa ein Viertel zurückgehen.⁴⁸ Zudem: Das Festlandeis an den Polkappen schmilzt.⁴⁹ Auch das ist in dieser Form für die letzten Jahrtausende neu. Berichte über ein ehedem bewaldetes Grönland („Grünland") dürfen nicht dahingehend missverstanden werden, das ganze Gebiet sei vor 1000 Jahren eisfrei gewesen. Das wäre eine historischphilologische Fehlleistung, gemessen am Aussagegehalt der zugrundegelegten Texte, vor allem aber an den wissenschaftlichen Befunden zur Naturgeschichte dieser Region; eisfrei war (und ist) Grönland nur an den Küsten.⁵⁰

    1.1.2.2 Meeresspiegel steigt

    Daraus folgt: Der Meeresspiegel steigt, um etwa 3,3 Millimeter pro Jahr.⁵¹ Das sind in 100 Jahren 33 Zentimeter. Auch hier ist die Tendenz steigend. Für das Jahr 2018 wurde der Rekordwert von 3,7 Millimeter gemessen.⁵² Die Geschwindigkeit des Meeresspiegelanstiegs seit Mitte des 19. Jahrhunderts – also seit dem vorindustriellen Zeitalter – war größer als die mittlere Geschwindigkeit in den vorangegangenen zwei Jahrtausenden.⁵³ Dabei ist der Anstieg nicht gleichmäßig, sondern „überall ein bisschen anders"⁵⁴, was die Lage nicht besser macht.

    Zudem wird das Meer wärmer. Wärmeres Wasser dehnt sich aus, der Meeresspiegel steigt aufgrund dessen noch mehr an. Mit der Umwandlung von Eis in Wasser wird ein Teufelskreis in Gang gesetzt, der mit der Albedo (der „Weißheit der Erdoberfläche)⁵⁵ zu tun hat: Eis ist hell, Wasser ist dunkel. Die Wärmestrahlung wird von hellen Flächen stärker reflektiert als von dunklen. Eine kleinere Eisfläche (hell), eine größere Wasserfläche (dunkel) – das heißt im Ergebnis eben auch: eine geringe Reflexivität der Erdoberfläche insgesamt; umgekehrt: eine höhere Absorption von Wärmestrahlung. Das wiederum bedeutet: Temperaturanstieg, noch mehr abschmelzendes Eis, eine Verstärkung des beschriebenen Effekts, was erneut zu Temperaturanstieg führt. Wie gesagt: Ein Teufelskreis. Das Schlimmste in Sachen Meeresspiegelanstieg steht uns nach Meinung von Stefan Rahmstorf⁵⁶ ohnehin noch bevor:„Bei weiterer Klimaerwärmung wird der Anstieg sich weiter beschleunigen. Der Meeresspiegel reagiert sehr langsam, deshalb liegt der größte Anstieg noch vor uns, selbst wenn wir ab jetzt nichts mehr emittieren.⁵⁷

    Wie hoch das Meer dabei noch ansteigen wird, dazu gibt es sehr unterschiedliche Einschätzungen. Das IPCC ging 2007 noch von einem Anstieg von 0,18 bis 0,59 Meter bis zum Jahr 2100 aus, im Bericht von 2014 dann korrigiert auf 0,26 bis 0,82 Meter.⁵⁸ Das National Research Council der Vereinigten Staaten hielt im Jahr 2010 einen Meeresspiegelanstieg von 0,56 bis 2,00 Meter für möglich.⁵⁹ Vor allem für asiatische, aber auch für die deutschen Küstenregionen werden negative Auswirkungen erwartet.⁶⁰

    1.1.2.3 Wetter wird extremer

    Eine Häufung von Extremwetterereignissen lässt sich ebenfalls mit dem Klimawandel verbinden:⁶¹ Stürme,⁶² Starkregenfälle, Dürren⁶³, Hitzewellen – all das häuft sich.⁶⁴ Der Klimawandel befördert damit Naturkatastrophen. Zuletzt war von einer „Verdopplung der Naturkatastrophen⁶⁵ zu lesen; 2018 meldete das UN-Büro für Katastrophenvorsorge (UNISDR) in Genf, die Zahl der klimabedingten Katastrophen sei „von durchschnittlich 165 auf 329 pro Jahr gestiegen⁶⁶.

    Hier muss man allerdings sehen, dass man den Klimawandel mit Wetteränderungen weder widerlegen noch beweisen⁶⁷ kann. Nicht jede Änderung von Wetterbedingungen hat mit dem Klimawandel zu tun. Wie kann man aber Klima auf der einen Seite und Wetter auf der anderen Seite zusammenbringen? Nur über den Begriff der Wahrscheinlichkeit: „Eine wärmere Atmosphäre enthält über einen höheren Wasserdampfgehalt mehr Energie als eine kühlere Luftmasse und somit auch ein größeres Unwetterpotenzial"⁶⁸.

    Aus dem Unterschied von „Klima und „Wetter, den Sven Plöger und Frank Böttcher wie folgt auf den Punkt bringen: „Wetter ist jetzt und hier, Klima ist immer und überall⁶⁹, ergeben sich unterschiedliche Ansprüche an die Prognosegenauigkeit hinsichtlich Zeit und Ort von Ereignissen: Bei der Wettervorhersage will man genaue punktuelle Angaben, mit den Klimamodellen erhält man nur ungefähre, tendenzielle Angaben. Aber dennoch liefert uns das in beiden Fällen handlungsrelevante Informationen. Wenn die Wettervorhersage für heute 16 bis 18 Uhr prognostiziert „Regenwahrscheinlichkeit in Berlin: 90 Prozent, dann nehme ich einen Schirm mit. Wenn die Klimamodelle prognostizieren, dass die Regenverteilung in Berlin künftig extremer sein wird als zuvor (mehr Dürreperioden, mehr Starkregenfälle), dann muss ich mich, müssen wir uns (als Gesellschaft) dazu auch etwas überlegen: Wie können wir das Schlimmste verhindern?

    Ein schönes Bild für diesen Unterschied in der Prognostik hat der Klimaforscher Mojib Latif geprägt: das Bild vom Würfelspiel.⁷⁰ Die Wettervorhersage gibt an, die der Fall der Würfel für die nächsten zehn Spiele ist (also z.B.: 1, 2, 3, 4, 5 ‚ 6, 1, 2, 3, 4). Das Klimamodell sagt uns etwas über die Wahrscheinlichkeit für die Ereignisse 1 bis 6 auf den Spieleabenden der nächsten 10 Jahre. Also, es sagt etwas darüber aus, wie sich die ideale theoretische Verteilung (1/6 mal die „1, 1/6 mal die „2 usw.) ändert, wenn der Würfel gezinkt ist, wie hoch die Wahrscheinlichkeit für eine „6 wird, wenn der Würfel entsprechend präpariert wurde (etwa durch Bleiauflagen unterschiedlicher Dicke an der Mulde der „1, oder Einlassen eines Bleikügelchens in diesem Bereich o.ä.). Dabei bleibt offen, wann und wo genau die „6 tatsächlich fällt, es wird lediglich gesagt (nur das kann angegeben werden), dass die „6 in ihrer Häufigkeit – je nach Methode – mehr oder weniger stark zunimmt, z.B. um 20 Prozent bei 5mg Blei, um 30 Prozent bei 8mg Blei usw.; diese Angaben sind sicher nicht korrekt – es geht ums Prinzip.

    Wenn nun bei einem bestimmten Spieleabend die „6" signifikant häufiger fällt als statistisch zu erwarten, dann kann das ein Hinweis auf eine solche Manipulation sein. Wenn sich das an den Spieleabenden der nächste Monate und Jahre immer wieder zeigt, verdichten sich die Hinweise. Ein Beweis ist das freilich noch nicht – und man sollte nicht voreilig vom Wetter auf das Klima schließen. Umgekehrt – so zeigt das Würfelbeispiel ebenfalls – geht das auch nur tendenziell. Globale Erwärmung heißt nicht, dass wir bis 2070 in Deutschland fünfzig heiße, trockene Sommer haben werden, sondern nur, dass wir in diesem Zeitraum mehr heiße, trockene Sommer haben werden als ohne Klimawandel. Wann diese im einzelnen sind, kann uns kein Klimamodell verraten. Wohl aber, dass es zu den erwartbaren heißen, trockenen Sommern einen Aufschlag geben wird – entsprechend dem Grad der Klimaveränderung – also: der Manipulation, die geschieht.

    Eine Änderung des Klimas hat also das Potenzial, Wetteränderungen herbeizuführen, eine extreme Änderung des Klimas führt vermehrt zu Extremwetter – ohne, dass damit ein Determinismus Einzug hielte. Auch in einer Plus-fünf-Grad-Welt kann es zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort für eine bestimmte Dauer unangenehm kalt sein, bloß wird dieses Wetter unter jenem Klima immer unwahrscheinlicher.

    1.1.2.4 Ernten fallen aus

    Ernten fallen – auch in Europa –⁷¹ in Folge der Klimaerwärmung und der damit einhergehenden Wetterbedingungen niedriger aus als üblich, global sind langfristig vor allem Getreide wie Weizen betroffen,⁷² Grundlage der Broterzeugung.⁷³ Die Zuwachsraten der letzten Jahre sind allein größeren Anbauflächen, besseren Düngemitteln, veredelten Saatgutsorten und effektiverer Bewässerung geschuldet, für die Zukunft gilt weiterhin: „The driving factor has to be the fertilizers, the seed varieties, the irrigation"⁷⁴ – doch das Ende der Fahnenstange ist allmählich erreicht. Gerade die Landwirtschaft in den ärmeren Regionen der Welt wird unter den Folgen des Klimawandels leiden.

    1.1.2.5 Menschen erkranken

    Neue Krankheiten entstehen,⁷⁵ Krankheiten breiten sich aus, zum Teil in direkter Folge der Erwärmung,⁷⁶ zum Teil auch, weil diese die Verbreitung von Krankheitserregern fördert⁷⁷. Einen guten Überblick dazu gibt das Umweltbundesamt.⁷⁸ Gerade die kommenden Generationen werden das spüren.⁷⁹ Auch die Forschung interessiert sich mittlerweile gezielt für den Zusammenhang von Klima und Krankheit.⁸⁰

    Ein besonders prägnantes Beispiel ist die Zunahme von Fällen der Frühsommer-Meningoenzephalitis im Winter, der einzigen Jahreszeit, in der man (früher) von Zecken verschont blieb, denn: „Zecken benötigen für ihre Aktivität eine gewisse Mindesttemperatur. Eine Erwärmung könnte dazu führen, dass sich diese Mindest-Temperatur in nördlicheren Regionen und in höheren Höhen einstellt und damit eine Zeckenaktivität möglich macht"⁸¹. Wenn Die Zeit feststellt: „2018 erkrankten überdurchschnittlich viele Menschen an der von Zecken übertragenen Krankheit. Erstmals wurde ein FSME-Risikogebiet in Norddeutschland ausgewiesen und diese „Zunahme von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr mit „Vermutlich habe der gute Sommer 2018 günstige Bedingungen für die Übertragung von FSME-Viren geschaffen erklärt wird,⁸² dann ist das trotz der in diesem Kontext etwas sarkastischen Wortwahl („gut und „günstig") ein Hinweis darauf, dass der Klimawandel auch indirekt Auswirkungen auf die Gesundheit haben kann.

    Auf globaler Ebene wird eine „klimaresiliente Gesundheitspolitik⁸³ nötig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert dazu vier Handlungsfelder: Aufbau von Partnerschaften, Bewusstseinsbildung, Stärkung der wissenschaftlichen Forschung und Unterstützung der Reaktionsfähigkeit des Gesundheitswesens auf die Klimaveränderung.⁸⁴ Vor allem der Bildung über klimabedingte Gesundheitsrisiken kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: „Der Mangel an Bewusstsein über die Auswirkungen des Klimawandels auf die menschliche Gesundheit ist größtenteils verantwortlich für eine höhere Verwundbarkeit der Gesellschaft. Aus diesem Grund muss eine umfassende Aufklärung über diese Zusammenhänge geschaffen werden, um die Widerstandsfähigkeit und Selbstkompetenz der Bevölkerung und der Gesundheitssysteme zu stärken⁸⁵.

    1.1.2.6 Gewalt nimmt zu

    Klimawandel und Krieg – es gibt einen Zusammenhang. Der Klimawandel ist eine Frage der globalen Sicherheit, und dabei mindestens genauso wichtig wie beispielsweise das Problem des Terrorismus‘. Der Soziologe Harald Welzer geht sogar so weit, von „Klimakriegen zu sprechen, auch wenn es „vorstellungswidrig zu sein scheint, dass „ein naturwissenschaftlich beschriebenes Phänomen wie die Klimaerwärmung soziale Katastrophen wie Systemzusammenbrüche, Bürgerkriege, Völkermorde bereithalten könnte, doch „viel vorauseilende Phantasie ist gar nicht nötig, um sich das vorzustellen, lassen sich doch bereits für die Gegenwart umweltbedingte soziale Gewaltkonflikte und Sicherungsmaßnahmen beschreiben⁸⁶. Gwynne Dyer meint in diesem Sinne, die „Wahrscheinlichkeit von Kriegen bis hin zu Atomkriegen wächst mit dem Anstieg der Temperatur um 2-3 ° C bereits erheblich"⁸⁷.

    John Podesta und Peter Ogden kommen nach regional fokussierten Analysen zu Afrika, Südasien und China sowie zur Rolle von UNO, EU und USA, die sie im Rahmen der Klimawandelfolgen geopolitisch in der Pflicht sehen, zu einem differenzierten Urteil: Zwar stünden keine durch Dürren provozierte „Wasser-Kriege" unmittelbar bevor, aber dennoch sei der Klimawandel eine Frage der Sicherheit, weil sich durch dessen Folgen (also Naturkatastrophen und in weiterer Folge Knappheit und Seuchen) zum einen das Problem des Staatszerfalls in verschärfter Form stelle, was zum Souveränitäts- und damit Sicherheitsvakuum vor Ort führe (die Autoren nennen Ost-Afrika und Nigeria), zum anderen dieses Problem über Flüchtlingsströme nach Europa getragen werde (vgl. Kapitel 1.1.2.7), wo sich im Zuge einer mittelbaren Betroffenheit nicht nur die demographische Situation und die Sozialstruktur ändere, sondern gleichfalls die Sicherheitslage sich verschlechtere; die Autoren verweisen auf die wachsende Gefahr ethnisch und religiös motivierter Konflikte.⁸⁸ Podesta / Ogden sind der Meinung, dass in der globalen Sicherheitsfrage zwar de jure die Vereinten Nationen zuständig, de facto aber die USA gefordert sind, weil sie den Betroffenen als erster Ansprechpartner gelten: „Although some of the emergencies created or worsened by climate change may ultimately be managed by the UN,

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