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Kickbox Mom: Im Leben gewinnst Du nicht nach Punkten
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Kickbox Mom: Im Leben gewinnst Du nicht nach Punkten
eBook296 Seiten3 Stunden

Kickbox Mom: Im Leben gewinnst Du nicht nach Punkten

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Über dieses E-Book

Einst war Katrin eine überaus begehrenswerte und sehr erfolgreiche Kickboxerin. Jetzt ist sie Mutter von vier nervtötenden Kindern, mit einem Eierkopf verheiratet und ihr Kampfgewicht hat sich um 25 Kilo gesteigert. Extrem unglücklich entschließt sie sich, ihr Leben vollständig zu ändern. Dabei hat sie zwei Gegnerinnen: Eine stellt sich ihr entgegen, die andere sieht sie im Spiegel ...

Kickbox Mom ist eine Reise in das Leben einer Frau, die bereit ist, störende Einflüsse hart auf die Bretter zu schicken. Das Buch zeigt in einer humorvollen und zugleich packenden Geschichte viele Teilaspekte des Kickboxens auf und ist auch für aktive Kampfsportler geschrieben. Ein Roman für alle, die vor grundlegenden Entscheidungen stehen, und natürlich für jeden Kampfkunstbegeisterten.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum1. Okt. 2022
ISBN9783347672543
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    Buchvorschau

    Kickbox Mom - Katrin Gladius

    Kapitel 1 – Erinnerungen

    Ich kann mich noch gut an sie erinnern. Genaugenommen an ihren Geruch. Sie roch nach harter Arbeit. Denn diese Zweiundzwanzigjährige war es gewohnt, hart an sich zu arbeiten und das, seitdem sie laufen konnte. Ihr Vater hatte ihr eine große Begeisterung für das Boxen mitgegeben. Mehr zufällig kam sie dann dazu, im Ring auch ihre Füße einzusetzen. Das konnte sie wirklich.

    Gertenschlanke 1,75 bei gerade mal 67 Kilo konnten sich so schnell bewegen wie eine Gazelle. Sie war durchtrainiert und sah verdammt gut aus. Genau richtig, um einem Kerl den Kopf zu verdrehen. Das Mädchen mit den langen, roten Haaren war auch gelenkig. Sie kam aus dem Stand in jede Richtung in den Spagat. Zudem konnte sie stehend senkrecht nach oben treten. Heute würde sie sicherlich eine Karriere als YouTube-Sternchen machen, aber es waren noch andere Zeiten damals, vor fünfzehn Jahren.

    Wenn ich jetzt die Augen schließe, dann sehe ich sie ganz deutlich in ihrem hautengen, schwarz-gelben Trainingsanzug. Sie tänzelt mit den zehn Unzen Boxhandschuhen vor dem stattlichen Kerl herum, der für sie die zwei Thaibox-Trittpolster hält. Er nimmt die Polster eng vor sich zusammen und ihr runder Tritt mit dem hinteren rechten Bein klatscht laut mit Schienbein und Fußspann hinein. Obwohl der Mann von vielleicht 27 Jahren etwa zehn Zentimeter größer und sicher zwanzig Kilo schwerer ist als sie, hat er Mühe, die Wucht ihrer Technik aufzunehmen. Das zaubert ein freches Grinsen auf ihr Gesicht und ihre hellbraunen Augen funkeln herausfordernd. Sofort knallt sie noch mal so einen harten Tritt gegen die Polster und erkennt zufrieden, dass wieder ordentlich Wirkung dahinter war.

    „Na, heute wohl etwas schwächer als sonst?", fragt sie keck.

    „Ha, ha, antwortet der junge Mann. „Selten so gelacht. Aber ich muss zugeben, deine Beine sind wirklich der Hammer.

    Ihr Grinsen wird breiter. Genau so etwas wollte sie hören. Sie liebte es, mit ihm Spielchen zu treiben.

    „Ja, das wird mir in letzter Zeit häufiger zugerufen, flötete sie und streckte ihr rechtes Bein aus dem Stand zur Decke des Kickbox-Studios. „Die anderen Jungs hier schauen mir auch immer auf die Beine und dann hoch bis zum Po.

    Während sie das sagte, drehte sie sich einmal auf der Stelle, was ihr selbst auf den weichen Trainingsmatten hier im Gym leicht fiel. Die Aktion hatte die gewünschte Wirkung. Der breitschultrige Kerl mit den hellblonden Haaren, den tiefgründigen blauen Augen und dem kräftigen Kinn ließ die Schlagpolster fallen und kam zu ihr. Sie nahm ihr Bein herunter und legte ihm die Arme um den Hals, während er seine Hände an ihre Hüften führte. Eng ineinander verschlungen küssten sie sich und vergaßen alles um sich herum. In dieser Nacht würden sie wieder intensiv und ausgiebig Liebe machen. So wie immer. Sie hatten sich und es war ein perfektes Leben.

    Ja, so war das damals. Damals vor fünfzehn Jahren mit mir und Mark. Ja, ich war dieses Fitness-Girl. Ich war bildhübsch und glücklich. Aber das war damals.

    Kapitel 2 – Erwachen

    Am Anfang der Geschichte, die ich euch erzählen möchte, sah alles ganz anders aus. Es war ein Samstagmorgen. Die leuchtende Digitalanzeige des Weckers auf dem Nachttisch zeigte 06:02 Uhr an, als ich aufwachte. Das Schnarchen meines geliebten Ehemanns Horst wurde deutlich vom Quengeln unseres Jüngsten übertönt. Der war mit seinen neun Monaten nach wie vor nicht abgestillt und bestand mit großem Nachdruck auf einer warmen Flüssigmahlzeit vor dem Frühstück. Auch an diesem Tag durfte ich also mal wieder nicht gemütlich im Bett liegen bleiben, geschweige denn ausschlafen.

    Als treues Muttertier wälzte ich mich aus den Federn und schlurfte erst einmal den Hausflur hinunter zum Bad. Beim Eintreten fiel ich fast über die Klamotten unserer Ältesten, Marianne, und ihres Bruders Maximilian. Ich hatte ihnen schon mindestens vier Millionen mal gesagt, dass sie abends ihr Zeug in den Wäschekorb werfen sollten, aber dazu waren sich die Herrschaften wohl zu fein. Ihre kleine Schwester Luisa gab sich bereits viel Mühe den Größeren nachzueifern. Da half es auch nichts, wenn einem die anderen Mütter bestätigten, dass unsere Kinder ja so brav und wohlerzogen wären. Pah, von wegen! Elendige Mistkröten waren sie alle vier. Und mir gönnten sie nicht den kleinsten Moment der Ruhe oder Entspannung.

    Na ja. Ich erreichte trotz der Stolperfallen das Klo. In einem gesteigerten Anfall von Masochismus schleppte ich mich danach zur Waage, was mir und dem armen Gerät eine arge Qual bereitete.

    Der Blick auf den vibrierenden Zeiger verriet mir, dass ich die Tafel Schokolade gestern Abend wohl besser ausgelassen hätte. Seit meinem letzten Mal Wiegen war zwar schon einige Zeit vergangen, aber anders konnte ich mir den angezeigten Wert nicht erklären. Was hatte ich damals gewogen? 67, oder? Nun, die Schwangerschaft lag ja auch erst neun Monate zurück. Da ist der Babybauch noch nicht ganz verschwunden. Also bei vier Kindern sind 92 Kilo kein Beinbruch, finde ich. Bedenklich ist es aber schon, wenn man sich als einst supersportliche Schönheit nach vorne lehnen muss, um über den eigenen Milchbusen und Restbabybauch hinweg die Zeiger der Waage sehen zu können. Das alles war perfekt dazu geeignet, mich nachhaltig mürrisch zu stimmen.

    Mit entsprechender Laune schlurfte ich zurück ins Schlafzimmer und nahm den kleinen, schimpfenden Luca aus seinem Babybettchen. Ich setzte mich auf unser Ehebett und lehnte den Rücken möglichst bequem an den Holzaufbau an der Kopfseite an, um das Raubtier zu füttern.

    Während das Miniaturscheusal gierig die Milch aus meiner mittlerweile zu tief liegenden Oberweite saugte, hatte mein Göttergatte ein zufriedenes Lächeln auf seinen im Schlaf entspannten Lippen. Grunzend drehte er sich auf die andere Seite und schlief schnarchend weiter. Ich wusste, dass er vor allem deshalb so locker war, weil ich mich gestern Abend mal wieder hatte breitschlagen lassen. Dabei stand mir im Moment nach Intimitäten so überhaupt nicht der Sinn. Ja, ich wäre ohne Sex ausgekommen. Aber da Horst seine Holde ausgiebig umgarnt hatte, war ich gnädig gewesen. Angeblich fand er die neue Version von mir, Marke „Mutterkuh", ja absolut klasse.

    „Ein Stier braucht eine echte Kuh", sagte er immer. Dass ich mich davon nicht geschmeichelt fühlte, schnallte er leider nicht. Auch dass meine ausbleibende Libido für die Frau an seiner Seite ebenfalls nicht so erfreulich war, kapierte dieser altgewordene Computer-Nerd kein Stück. Vor fünfzehn Jahren plagten mich Sorgen, eine Nymphomanin zu sein. So oft hatte ich das Bedürfnis zum Sex gehabt. Jetzt, nach der vierten Schwangerschaft, meinte dieser Körper offensichtlich, dass es erst mal genug sei. Er hüllte mich in eine Schutzschicht aus Fettgewebe und hängte vor meine Vagina ein Schild mit der Aufschrift:

    „Bis auf Weiteres geschlossen."

    Während ich mir darüber gerade ausgiebig Gedanken machte, hörte ich das Quaken aus dem Babyfon:

    „Waaah! Ich habe Kacka!", verkündete Luisa mit ihrer durchdringenden Stimme.

    „Horst! Dein Typ wird verlangt", raunte ich, noch leicht genervt, meinem Gatten zu.

    Die Antwort war ein gleichbleibendes Schnarchen. Der beste Ehemann aller Zeiten machte mal wieder keinerlei Anstalten, aus seinem atombombensicheren Samstagmorgenschlaf zu erwachen. Ich musste also zu härteren Maßnahmen greifen.

    „Horst! Raus aus den Federn, Luisa hat die Windeln voll!", schimpfte ich.

    Der langgewachsene und immer noch total schlanke Softwareentwickler an meiner Seite machte nach wie vor keine Anstalten, seine Festplatte hochzufahren. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, ob in jenem Moment die Frau, die ich einmal war, oder die frustrierte Hausfrau und Mutter von vier Kindern die Entscheidung zu der Aktion traf. Aber ich habe es getan. Dabei unterbrach ich nicht mal das Stillen. Aus dem Sitzen und mit einer Dynamik, die ich mir selbst gar nicht mehr zugetraut hätte, trat ich Horst gegen die rechte Pobacke und beförderte ihn so polternd und von den Geräuschen des umfallenden Nachttischs begleitet aus dem Bett. Während er sich laut schimpfend aus seiner Decke wühlte, konnte ich in diesem Moment nur eines tun: herzhaft und ausgiebig lachen.

    Kapitel 3 – Familie

    Kennt ihr diesen Witz? Ein Mann kommt von seinem Arbeitstag nach Hause. Kaum hat er die Haustür aufgeschlossen, strömt ihm ein Schwall Wasser über die Schuhe. Aus dem Bad dringt das Schreien seiner Kinder, die sich offenbar einen riesengroßen Spaß daraus machen die Badewanne überlaufen zu lassen. Im Flur sind alle Kommoden abgeräumt und die Jacken und Mützen von der Garderobe liegen überall herum. Das jüngste Kind ist gerade dabei, die heiß geliebte Briefmarkensammlung des Hausherren zu zerpflücken, und der Hund verrichtet vor lauter Verzweiflung im Wohnzimmer sein Geschäft auf der neuen Ledercouch. Total aufgelöst stürmt der Mann ins eheliche Schlafzimmer, wo er seine Frau entspannt und mit zufriedenem Gesichtsausdruck auf dem Bett sitzen sieht. „Schatz!, ruft er entrüstet. „Was ist denn hier los? „Kannst du dich noch daran erinnern, dass du sagtest, ich würde den lieben langen Tag nichts tun, während du arbeitest?", antwortet seine Frau lächelnd.

    „Äh, wieso?", versucht sich der Mann mit einer Frage zu behelfen.

    „Weil ich heute tatsächlich mal gar nichts gemacht habe", antwortet ihm die Frau.

    ***

    Ja, das ist ein netter Witz. Bei uns wäre das anders. Sollte ich mich jemals entschließen, es der Frau in dem Kalauer gleichzutun, dann würde das in etwa so ablaufen:

    Während Horst auf sein Smartphone starrend aus dem Auto steigt und mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg zu unserem Einfamilienhaus entlang trottet, würde er noch nichts bemerken. Erst wenn er versucht, seinen Haustürschlüssel zu benutzen, müsste er nach einigen untauglichen Handbewegungen erkennen, dass da kein Haus mehr ist. Die Kinder hätten es gesprengt oder auf andere Art dem Erdboden gleichgemacht. Findet ihr, dass ich übertreibe? Ihr kennt diese Familie noch nicht ausreichend. Lasst mich euch da mal etwas erhellen.

    ***

    Fangen wir bei Horst an. Ja, er ist wirklich ein großer Mann. Er ist der längste Kerl, mit dem ich je zusammen war. 1,95 misst er vom Scheitel bis zur Sohle. Andere Dinge an ihm sind auch nicht klein. Ihr wisst schon, was ich meine … Verknallt habe ich mich in den ehemaligen Haselnusskopf aber wegen seiner Intelligenz. Waren die von mir erwählten Typen vorher eher Sportskanonen, mit mäßigen Schulnoten, hatte es mir jetzt der acht Jahre ältere Streber angetan. Viel Erfahrung mit Frauen besaß er damals nicht. Er musste schon Anfang 30 werden, um überhaupt genug Selbstbewusstsein zu haben, damit er ein Mädchen ansprechen konnte. Ja, er war witzig und schlau. Zudem sehr fantasievoll und er trug mich auf Händen. Aber in erster Linie im übertragenen Sinne. Dass wir heute noch zusammen sind, verdanken wir zwei Umständen: Zum einen ist da die Tatsache zu erwähnen, dass ich ungeplant mit Marianne schwanger wurde. Und dann muss man ehrlich sein und sagen, dass Geld Männer schon sexy macht.

    Ich weiß noch wie beeindruckt ich gewesen bin, als ich als junges Ding von 25 erfuhr, was Horst im Jahr verdient. Als Vertriebsassistentin war ich meilenweit von solchen Zahlen entfernt. Mein neuer Freund galt bereits damals als ein erstklassiger IT- und Softwareentwickler. Er konnte sich tatsächlich immer aussuchen, wo er arbeiten mochte. Das ist auch heute noch so. Wenn ich nicht ein Veto eingelegt hätte, dann würden wir längst in Amerika wohnen und er im Silicon Valley forschen.

    Geld bedeutet Sicherheit, aber das ist nun mal nicht alles im Leben. Bei den anderen Dingen, die man von einem Ehemann erwartet, versagt Horst nämlich auf ganzer Linie. Abgesehen davon, dass er keinen Nagel gerade in die Wand bekommt, hören unsere Kinder nur dann auf ihn, wenn es zu ihrem Vorteil ist. Gleichzeitig ist es mit dem Beschützen von Haus und Hof bei ihm auch nicht weit her. Vergangenen Sommer, ich war zu diesem Zeitpunkt hochschwanger, ist bei uns eine dicke, fette Ratte in der Küche umherspaziert. Nach einem spitzen Schrei, der einer Operndiva alle Ehre gemacht hätte, war mein Held auf der Flucht und versuchte, unser Haus zu evakuieren. Das erfolgte getreu dem Motto:

    „Ehemänner und Kinder zuerst!"

    Ich war es, die die Bestie mit einem Besen hinaustrieb und nach zehn Minuten Entwarnung geben konnte. Tja, was soll ich sagen. Ich liebe Horst, auch wenn ich an jenem Samstag nicht genau hätte erklären können, wieso.

    ***

    Nicht nach ihrem Vater, sondern nach mir kommt unsere Älteste, Marianne. Sie ist eine kleine, Smartphone verliebte Sportskanone und bereits sehr auf ihr Aussehen und ihre Wirkung auf die Umgebung bedacht. Bedauerlicherweise haben weder Ordnung Halten noch Schulnoten einen hohen Stellenwert in ihrem Leben. Groß- und Kleinschreibung sowie Kopfrechnen werden wohl der Grund bleiben, warum sie den Weg aufs Gymnasium nicht gehen kann. Sie wird bald zehn, ist aber so oberflächlich, wie ich es erst mit 17 gewesen bin. Dazu fehlt ihr jede praktische Veranlagung. Ihr ist schon klar, dass man einen Haustürschlüssel benutzt, um eine Tür aufzusperren. Diesen jedoch auch wieder abzuziehen und nicht als Einladungsschild „Bitte hier einbrechen! draußen stecken zu lassen, hat leider keine logische Verknüpfung in ihrem Gehirn gefunden. Das gleiche Prinzip des „aus den Augen, aus dem Sinn gilt für angeschaltete Herdplatten, offenstehende Fenster oder abgestellte Fahrräder. Nach dem dritten gestohlenen Rad wollte ich sie zu Fuß gehen lassen, aber Horst kam strahlend mit einem „Schnäppchen" an, das wohl dem durchschnittlichen Jahreslohn in einem zentralafrikanischen Land entsprochen hätte. Mal sehen, wie lange sie das haben wird.

    ***

    Kommen wir zu meinem ehemaligen kleinen Liebling und jetzigen Nagel zu meinem Sarg: Maximilian, kurz Maxi. Ich war wirklich mächtig stolz darauf, einen Sohn zur Welt gebracht zu haben. Eine Tochter hatte ich schon und nun fühlte ich mich irgendwie als echte Frau. Ich hatte einen Sohn. Zunächst einmal: Ja, er ist seines Vaters Kind. Mit seinen sieben Jahren ist er auffällig groß, dabei aber sehr schlank. Er hat auch die Intelligenz vom Papa geerbt. Mathe ist für das kleine Genie in der Schule geradezu langweilig, weil es zu „einfach" ist. Im Schach ist er gerade wieder Bezirksmeister seiner Altersklasse geworden und bei den Landesmeisterschaften hat er es auf den vierten Platz geschafft. Ein echter Musterknabe, nicht? Von wegen!

    Dieser eingebildete Gartenzwerg meint tatsächlich, etwas Besseres zu sein, weil er so schlau ist. Als ihm ein vorgegebener mathematischer Lösungsweg in der Schule nicht zugesagt hatte, ergab dies eine längere Diskussion mit der jungen Referendarin. Am Ende des Wortgefechts empfahl er ihr, „mehr Beruhigungstee zu trinken und die Häufigkeit ihrer „intimen Aktivitäten zu steigern. Nein! Das ist kein Witz! Das hat dieser aus meinem Schoß entsprungene Albtraum tatsächlich gesagt. Ich durfte dann zu drei Gesprächen in die Schule und der Referendarin, der Klassenlehrerin und der stellvertretenden Schulleiterin erklären, woher der Kurze so etwas schon kennt.

    Erwähnen muss ich noch, dass er voll auf Nagellack, Röcke und Lippenstift steht. Das Zeug trägt er gerne selbst auf und wenn ich es nicht verhindern kann, geht er damit auch vor die Tür. Bei den Jungs in seinem Alter gilt er deshalb als Spinner und hat keinen wirklichen Freund. Falls er denen dann noch „mangelnde Toleranz oder „geringe Selbstreflexion vorwirft, gibt es schon mal Haue. Das sollte euch erahnen lassen, wie viele schlaflose Nächte ich seinetwegen bereits hatte.

    ***

    Apropos schlaflose Nächte. Wenn eines meiner Kinder es in seinem kurzen Leben geschafft hat, mich um Jahre altern zu lassen, dann ist es Luisa. Die kleine Mistkröte wird bald drei und sieht mit ihren hellbraunen Naturlocken und den großen dunkelblauen Augen aus wie ein Engelchen. Sie kommt aber direkt aus der Hölle, da bin ich mir sicher. Keines meiner Kinder ist derart nachtaktiv, wie sie. Schon als Säugling hat sie mich hervorragend zwischen zwei und fünf Uhr wachhalten können, nur um vormittags wunderbar zu schlafen. Mein Göttergatte besaß für solche Fälle Ohrstöpsel, da er ja gerade so ein superwichtiges Projekt zu erledigen hätte. Nächtliches Babyherumtragen und -bespaßen blieb jedenfalls immer an mir hängen.

    Die Tatsache, dass Luisa sehr früh krabbeln, laufen und sprechen lernte, machte es nicht besser. Unser Satansbraten entwickelte nur größere Ansprüche, was die Mama jetzt mit ihr nachts zu spielen hätte. Ich weiß noch genau, wie ich auf dem Fußboden im Wohnzimmer um vier Uhr eingeschlafen bin und zwanzig Minuten später aufwachte, weil Luisa fortwährend mit ihrem Bobbycar gegen meine Kehrseite donnerte.

    „Mama ist wach!", verkündete sie topfit und strahlend.

    Ich jedenfalls war kurz davor, sie in einen roten Fleck an der Wand zu verwandeln. Glaubt mir, ihr hättet sicher ähnlich gedacht.

    ***

    Ist mein kleiner Wonnefloh eine rühmliche Ausnahme? Manchmal kann ich mir das erfolgreich einreden. Aber Selbsttäuschung soll ja eine Spezialität von Müttern sein. Luca machte schon in meinem Bauch von sich reden.

    „Einen echten Prachtkerl bringen Sie da zur Welt!, sagte die Frauenärztin mit Hochachtung, als sie Luca eine Woche vor dem Termin mit über vier Kilo geschallt hatte. „Er will nur offenbar mit der Rückseite zuerst ankommen.

    Eine Beckenendlage ist in vielen Fällen ein Grund für einen Kaiserschnitt. Mir traute man nach drei Spontangeburten aber zu, dass ich so einen Brocken verkehrt herum herauslassen kann. Und ich habe es auch geschafft, ohne dass mir jemand den Bauch aufschlitzen musste. Glücklicherweise habe ich wohl einen Großteil der Strapazen vergessen, denn klein Luca hatte einen Kopfumfang von 39 Zentimetern und machte es mir alles andere als leicht ihn zur Welt zu bringen.

    Mit 57 Zentimetern und 4.537 Gramm trug ich eine schwere Last. Eine Last, die vor allem erhebliche Versorgungsansprüche anmeldet. Ich hatte noch nie so viel Milch für ein Baby und dennoch habe ich bei Luca ständig das Gefühl, er könnte jedes Mal etwas mehr vertragen. Gleichzeitig weigert er sich standhaft, zu krabbeln und sich abstillen zu lassen. Man kann zufüttern, aber dieser Staubsauger von einem Säugling sieht das immer nur als Vorspeise und achtet genau darauf, sich nicht satt zu essen. Dazu will er ständig herumgetragen werden, was bei seinem jetzigen Gewicht echt auf meine Arme und den Rücken geht. Lege ich ihn auch nur mal für mehr als fünf Minuten irgendwo ab, dann kann ich mich auf ein herzzerreißendes Schreikonzert einstellen, bei dem er die Kraft seiner Stimme voll ausschöpft. Ja, was ist man nicht bereit, alles für ein Baby zu tun, wenn man eine Mutter ist.

    ***

    Das sind sie nun, meine Lieben. Die Familie, mit der ich an jenem Morgen am Tisch saß. Erst jetzt wird mir klar, dass hier Dinge gesagt wurden, die für alles, was später kam, entscheidend gewesen sind.

    Kapitel 4 – Frühstück

    Vater, Mutter und vier Kinder saßen an jenem Samstagmorgen am Frühstückstisch. Was für eine Idylle, möchte man denken. Pustekuchen!

    Ob man es gut findet oder nicht, ist ja egal, es ist aber Fakt, dass man sich als Mädchen schon ein paar Dinge von seiner Mutter abschaut. Meine vor vier Jahren verstorbene Mama hat sich für das Frühstück am Wochenende immer viel Mühe gegeben. Wir drei Geschwister und unser Vater durften uns auf selbst gebackene Brötchen, Marmelade aus Früchten aus eigenem Anbau und noch weitere Leckereien freuen. Gemütlich saßen wir zusammen und quatschten nach Herzenslust über Gott und die Welt. Häufig fiel deshalb sogar das Mittagessen aus, was keiner von uns vermisste. Ich nahm mir vor, dass ich mit meiner Familie auch so eine gemeinsame Zeit am Wochenende erleben wollte. Das war mir aber an jenem Samstagmorgen wieder einmal nicht vergönnt.

    Nachdem ich meinen Gatten so unsanft aus dem Bett befördern musste, hatten wir, bis das Essen auf dem Tisch stand, drei voneinander unabhängige Ehekräche. Ja, es heißt tatsächlich „Ehekräche und nicht „Ehekrache. Ich habe es extra mal nachgeschaut. Alleine der Umstand, dass fast niemand die Mehrzahl kennt, ist doch ein sicheres Zeichen. Wofür? Na, dass bei uns eben alles auf Konflikt gebürstet ist. An jenem Samstag ging es um den Tritt zum Bettrauswurf, die Frage, wer Luisas Windeln zu wechseln hätte, und natürlich um die geradezu lebenswichtige Überlegung, ob wir Aufbackbrötchen oder Toast zum Frühstück haben sollten. Angeblich sind Streitereien in einer Beziehung ja förderlich. An jenem Morgen waren sie aber mal wieder hauptsächlich dazu geeignet, meine Achtung vor dem Mann an meiner Seite zu untergraben.

    Streitereien in unserer Ehe laufen immer nach dem gleichen Muster ab. Zuerst sage ich, wo es lang geht. Dann wagt es der „Herr der Schöpfung", mir entschieden zu widersprechen. Das

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