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Windworte: Das Erste Buch der Pferde
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eBook349 Seiten4 Stunden

Windworte: Das Erste Buch der Pferde

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Über dieses E-Book

Seit ungezählten Wanderungen ziehen die Pferde der Windherden über ihr Land. Doch dann geschehen merkwürdige Dinge. Herden verschwinden und über dem Horizont erscheinen dunkle Schatten. Aber da werden in der Herde des Hengstes Telor zwei Fohlen geboren, die vom Wind eine Botschaft empfangen. Sie müssen in ihrem Leben eine gewaltige Aufgabe erfüllen, von der das Schicksal aller Pferde abhängt …
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum5. Dez. 2017
ISBN9783743945449
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    Buchvorschau

    Windworte - Jens Nickel

    Die Suchenden

    Die Botschaft des Windes

    In diesem Sternlauf sollte es geschehen.

    Zoki hatte seit einigen Sonnenläufen auf diesen Moment gewartet. Nun schien er gekommen zu sein. Das Wetter war stets milder geworden, und die Windherde hatte das Warmland erreicht, was sie am üppiger werdenden Bewuchs erkennen konnte. Die Sonne hatte wieder Kraft, und so ließen alle Pferde ihrer Herde keine Gelegenheit aus, sich von ihrem langen Fell zu trennen, indem sie sich an allem rieben, was dazu geeignet war, und sich intensiv die Hälse knabberten. Und auch der Wind sprach zuversichtlich zu ihr, wenn Zoki sich ausruhte. Dies musste sie nun immer öfter tun, denn die Last des Fohlens in ihrem Leib war beträchtlich, und die Zeit des Langen Felles und ihre Trächtigkeit hatten sie geschwächt.

    Aber Zoki war eine erfahrene Stute. Sie war reich an Wanderungen, und sie hatte bereits einigen Pferden das Leben geschenkt. Einige blieben in ihrer Herde, manche schlossen sich anderen Windherden an. Nie hatte sie ein Fohlen verloren, und alle ihre Nachkommen überlebten, bis Zoki sie von sich fortgeschickt und in ihr eigenes Leben entlassen hatte. Sie war sehr stolz darauf.

    Ihr Stolz, neben ihrem Hang zur Eigensinnigkeit, unterschied sie von den anderen. Sie pflegte kaum eine innige Verbindung innerhalb Telors Herde. Außer vielleicht zu Anga, der Führerin. Anga war die einzige Stute, die so gut mit dem Wind sprechen konnte wie Zoki selbst. Daher waren es immer Anga und Zoki, die letztendlich entschieden, welche Stuten Telors Fohlen tragen sollten. Telor selbst akzeptierte dies meist ohne größere Auseinandersetzungen, und es war bezeichnend für Zoki, dass er nie versucht hatte, über sie zu bestimmen, obwohl sie keine Führerin war. Letztendlich war es wohl ihre Merkwürdigkeit, welche die Herde davon abhielt, sie an ihre Spitze zu setzen, und ihr Stolz, mit dem sie ihre Eigenschaften pflegte.

    Der Sternlauf begann langsam, das Licht wurde milder, der Wind schlief ein und ließ angenehme Wärme in der aufkommenden Dunkelheit erwarten. Über den ganzen Sonnenlauf war es schon angenehm gewesen, und nun lösten sich die letzten Wolken auf und die Sterne nahmen an Helligkeit und Menge zu. Zoki hielt die Wehen zurück, denn sie hatte noch keine Lösung für das Problem gefunden, sich für die Geburt von der Herde zu entfernen. Die Umgebung erschien ihr zwar sicher, jedoch hatte Telor die für gebärende Stuten lästige Angewohnheit, den Verbund der Herde stets peinlichst genau zu überwachen. So war es also nicht einfach, sich ungestört zurückzuziehen. Jedoch, wenn der Moment schließlich kommen sollte, war Zoki bereit.

    Gerade als Zoki darüber nachdachte, ob sie nun die Geduld verlieren sollte, hörte sie, wie Telor begann, eindrucksvoll zu schnauben und zu grunzen. Jinea, eine temperamentvolle, zierliche junge Stute, die von Telor während der letzten Wanderung aus einer anderen unbekannten Herde zu ihnen gebracht worden war, bot sich ihm an. Und zwischen Zoki und dem angehenden Liebespaar ging Anga langsam auf und ab. Ein kurzer Wink mit einem Ohr von Anga zu ihr, und Zoki begriff, dass nun der richtige Augenblick gekommen war. Anga war nicht nur eine weise Führerin, sondern es mangelte ihr auch nicht an List.

    Während Telor für Jinea seinen ganzen Charme aufbrachte, entfernte sich Zoki still und langsam von der Herde. Einige der älteren Stuten blickten ihr wissend nach. „Der Wind ist mit Dir, brummelte Ques. „Wir hören Dich, falls du Hilfe benötigst. Und mach Dir keine Gedanken über die Jüngeren, um die kümmere ich mich schon, damit sie nicht auf dumme Ideen kommen! Mit einem verschmitzten Blick bewegte Ques ihren breiten Körper in Richtung der Lernenden. „Hey, ihr Langnasen, glaubt ihr vielleicht, es ist für euch schon Zeit zum Nichtstun? Ich werd´ euch helfen, euch hier faul die Mähnen zu knabbern, los los, vorwärts, ein paar nette Sprünge will ich sehen…!", und mit derlei Gewieher und Kopfschlagen mischte sie sich unter die Heranwachsenden, die sich mit freudigem Gequieke sofort nur noch ums Herumtoben kümmerten.

    Zoki ging beruhigt weiter. Die Geräusche der Herde wurden schwächer, aber ihr gutes Gehör würde auch in größerer Entfernung alles bemerken, was ungewöhnlich wäre. Doch es waren meist nur die Imponierreden von Telor zu hören, die von entzückten Lauten der Bewunderung Jineas beantwortet wurden, sowie die liebenswürdig ruppigen Kommandos von Ques bei ihren spontan einberufenen Übungen für die Lernenden.

    Jedoch, da Zoki nun allein war, spürte sie die Last der Verantwortung und die drohende Hilflosigkeit, die ihr nun bevorstand. Sie wusste, dass sie trotz der Wachsamkeit der anderen Stuten für eine längere Zeit vollkommen hilflos sein würde, sollte während der Geburt ein Töter auftauchen. Diese Gefahr bestand immer, denn das Blut, welches sie vergießen würde, war ein weit zu witternder Verräter. Aber der Sternlauf war windstill, und so würde der Wind ihren Blutgeruch nah bei ihr behalten.

    Trotzdem kostete sie es, wie bei allen ihren Geburten zuvor, große Überwindung, allein und weit entfernt von der Herde zu sein. Ihre Ohren waren in stetiger Bewegung, und sie blickte sich immer wieder in jede Richtung um. Jedes spontane Geräusch, und wenn es nur der Ruf eines Sternlaufvogels war, ließen ihre Augen das Weiße zeigen. Doch war nun bald keine Zeit mehr, sich um Sicherheit zu sorgen, denn sie hatte einen Platz erreicht, den sie für die bevorstehende Aufgabe für geeignet hielt. In einer kleinen Gruppe von Büschen befand sich eine Senke, bedeckt mit altem Gras aus der letzten Langfellzeit. Hier war sie sicher vor Gefahren, und falls der Wind doch ihren Geruch forttragen wollte, so musste er die Büsche zuvor um Erlaubnis fragen, ob sie ihn passieren lassen würden. Der Boden schließlich war weich und für die Zeit des Liegens und den Fall des Fohlens gut geeignet.

    Der Mond stieg über den Rand des Buschwerks und bot sein silbernes Licht an.

    Zoki erfasste eine ungewöhnlich heftige Wehe. Die Pausen zwischen den Wehen waren kürzer geworden. Sie beschloss, die Geburt nun nicht mehr aufzuhalten und versank in Konzentration auf das Bevorstehende. Zu viele Geburten hatte sie bereits vollbracht, sie wurde nicht mehr nervös wie die meisten jungen werdenden Mütter, denn sie vertraute auf sich und ihre Instinkte und das Wissen, jeder Gefahr für sich und ihr Ungeborenes umso erfolgreicher zu entgehen, je besser und schneller sie nun ihre Aufgabe erledigte.

    Als ihr Bewusstsein sich fort von der Umgebung und hinein in ihren Körper begeben hatte, erteilte sie dem fast fertigen Leben in ihrem Leib seinen ersten Befehl: „Es ist soweit, mein Kleines. Beginne Deine erste Wanderung."

    Das Ungeborene gehorchte. Der Schmerz war überwältigend.

    Zoki erschrak, und fast war sie versucht, ihren Geist aus der Tiefe ihres Leibes wieder hervorzuholen, um vor der plötzlichen Qual zu fliehen, doch sie fand schnell wieder ihre Beherrschung und konzentrierte sich weiter.

    Doch mit dem übermächtigen, nie zuvor gekannten Schmerz kam eine weitere Empfindung zu ihr.

    Angst.

    Und diese Angst war mächtig, denn sie wurde genährt von der Sorge einer Mutter, die bei all ihren früheren Geburten noch nie solche Pein erdulden musste. Was war das, was ging hier vor sich? Warum war es diesmal anders? Zoki hatte keine Antworten, und mit aller ihr verfügbaren Kraft versuchte sie, ihren Geist wieder zu beherrschen, um ihn zurück in ihren Leib zu senden, denn dort musste sie sein; bei ihrem Fohlen auf seiner ersten und schweren Wanderung aus ihr heraus in die Welt der Lebenden.

    Die Wehen kamen immer schneller, und mit jeder versank sie tiefer in Trance.

    Auf dem Gipfel eines besonders heftigen Schmerzes stieg eine warme Dunkelheit auf, die gleichmäßig zunahm und sie im selben Maße fester umfing, wie Zoki versuchte, von dieser Dunkelheit fern zu bleiben. Doch je näher das Dunkel sich um ihren Geist legte, desto ruhiger wurde sie, und ihr Herz schlug langsamer, und ihr Atem ging flacher, und sie wurde Eins mit dem Sternlauf um sie …

    Zoki.

    Zoki.

    Sei unbesorgt und höre, Zoki.

    Zoki glitt durch die gleichmäßige Ruhe des Sternlaufs. Wie das ewige Rauschen der Luft über den unendlichen Weiden des Warmlandes erreichten sie die Worte des Windes.

    Sei ohne Furcht. Du hast die Kraft für beide Leben, die du gebären wirst.

    Mit einem tiefen Seufzer empfing sie die Nachricht des Windes.

    Zwei Fohlen warten in deinem Leib. Du musst sie die Bedeutung der Wanderungen lehren. Deine Fohlen tragen die Bestimmung aller Wanderungen in sich. Sie müssen das Wissen aller Wanderungen und aller Herden an die Große Herde weitergeben und bewahren.

    Zoki legte ihre Ohren an. Ihr Geist war nun vollkommen mit dem Wind verschmolzen, während ihr Körper in die entscheidende Phase der Geburt eintrat. Ihre Fohlen begaben sich auf den Weg in das Weideland. Sie nahm die Worte des Windes auf, ohne sie in Frage zu stellen, aber sie spürte, dass sie die Botschaft nicht verstand.

    „Wer ist die Große Herde? Wo finde ich sie?"

    Dies wird nicht deine Aufgabe sein. Du musst sie deinen Fohlen überlassen.

    „Was soll ich tun, Wind?"

    Alle Wanderungen werden einst vollendet sein. Doch jede Wanderung, die endet, bringt eine neue Wanderung hervor.

    Später waren ihre eigenen Atemzüge das erste, was Zoki wieder bewusst wahrnahm. Sie spürte eine unendliche Erschöpfung, aber zugleich auch Erleichterung, je mehr sie begriff, dass sie am Leben und wieder bei Bewusstsein war. Und ihr erster klarer Gedanke war, nach ihrem – nach ihren beiden Fohlen zu sehen, denn die Geburt musste vorüber sein.

    Die Worte des Windes jedoch versanken in den Tiefen ihres Geistes.

    Zwillinge

    Zoki hob ihren Kopf und wandte ihn ihrer Kruppe zu. Hinter ihr waren zwei Fohlen mühsam damit beschäftigt, sich zum ersten Male vom Boden auf ihre eigenen Hufe zu erheben.

    Zwei Fohlen warten in deinem Leib.

    Die Worte des Windes hallten in ihrem Geist leise nach. Zoki durchflutete ein gewaltiges und unbeschreibliches Gefühl von Liebe, Sorge, Kraft und dem Willen, für diese Fohlen da zu sein, was immer es auch koste. Es war mehr als nur die große Seltenheit einer geglückten Zwillingsgeburt, die sie empfinden ließ, dass diese beiden Pferde etwas Besonderes waren. Etwas hatte sich in ihr verändert. Sie spürte ihren eigenen Stolz und war sich ihrer Zielstrebigkeit mehr denn je bewusst. Doch mit dem Anblick ihrer beiden Neugeborenen wusste sie auch, diese Zielstrebigkeit galt ihrer Aufgabe, diese Fohlen auf die Botschaft vorzubereiten, die der Wind ihr mitgeteilt hatte.

    Liebevoll beschnupperte sie beide und leckte sie trocken. Es waren ein Hengst und eine Stute. Beide waren natürlich kleiner und schmächtiger als die einzeln Geborenen, die sie zuvor bekommen hatte, aber sie wirkten trotzdem kräftig und gesund. Ihr gemeinsamer Lebenswille strahlte ab auf ihre Mutter, so dass sie sich beruhigt einmal mehr entspannte und ausstreckte und die Erschöpfung der anstrengenden Geburt aus ihrem Körper fließen ließ.

    Sie prüfte ihre Umgebung. Der Sternlauf neigte sich seinem Ende zu, doch es war weiterhin friedlich und ruhig. Sonnenlauf sendete seine Vorboten, ein schwacher goldener Schein und eine kühle frische Luft.

    Das Hengstchen vollbrachte es zuerst, auf seinen eigenen Hufen zu stehen. Mit unverkennbar stolzer Miene blickte er auf seine Mutter, die noch im weichen Gras lag. Doch sogleich sprang auch seine Schwester auf, schwankte und stieß gegen ihren Bruder, woraufhin beide in einem Knäuel aus viel zu langen Beinen wieder zu Boden fielen. Zoki brummelte voller Freude ihren zwei Fohlen zu, die bereits wieder damit beschäftigt waren, erneut aufzustehen.

    Nach kurzer Zeit stand Zoki wieder auf den Beinen und sammelte ihre Kräfte. Zunächst war sie allerdings vollauf damit beschäftigt, ihren Fohlen den richtigen Weg zum Euter zu erklären, denn die beiden suchten noch vollkommen ohne Orientierung meist zwischen den Vorderbeinen der Mutter. Doch bald hatte das Stutfohlen eine Zitze gefunden, und das appetitliche Geräusch des Saugens lockte ihren Bruder ebenfalls an die richtige Stelle. Der Kleine stieß seine Schwester weg, doch diese ließ sich nicht beeindrucken, sondern wechselte einfach auf die andere Seite ihrer Mutter, um dort ungestört weiterzutrinken. Wieder kam der Bruder ihr nach, und wieder versuchte er, sich den belegten Platz zu erobern. Doch diesmal gab die kleine Stute nicht nach, und mit fast erstauntem Ausdruck in seinen jungen Augen betrachtete er kurz seine Schwester und ging schließlich zurück auf die gegenüberliegende Seite. Zoki brummelte freundlich und lobend, hatten ihr doch beide Fohlen soeben gezeigt, dass sie offenbar den Geist besaßen, redliche Pferde und anständige Mitglieder ihrer Herde zu werden. Endlich hatten beide Fohlen sicher die Zitzen angenommen und nahmen über die magische erste Milch zum ersten Mal Verbindung mit ihrer Mutter außerhalb ihres Leibes auf. Die Luft war erfüllt vom warmen mütterlichen Duft und der wachsenden Kraft der jungen Lebenden.

    Zoki schloss ihre Augen und begab sich erneut in ihr Inneres. Dies war der Augenblick der Begrüßung.

    „Willkommen, meine Fohlen. Ich bin Zoki, eure Mutterstute. Mit meiner ersten Milch gebe ich Euch den Geist aller Pferde und des Windes mit auf eure Wanderungen. Möget ihr nie allein sein, und möge Friede stets in eurer Herde sein."

    Die Geschwister unterbrachen ihr hungriges Saugen kurz mit einem ersten zärtlichen Wiehern. So schnell, wie sie und alle Pferde nach der Geburt auf den Hufen waren, so schnell entfachte der Wind ihr eigenes Leben in ihnen.

    Sie waren bereit für ihre Namen.

    Die kleine Stute trat mit ihrem Bruder vor Zoki, überließ ihm aber den Platz direkt bei der Mutter. Zoki neigte ihren Kopf und strich zärtlich mit ihrer Oberlippe über die Stirn des Hengstes, worauf dieser die Ohren spitzte und still stand. Zoki ließ ihren Geist mit dem Wind verschmelzen und berührte mit ihren Nüstern die ihres Sohnes. Sanft hauchte sie ihren Atem in seinen Körper.

    „Dein Name ist Kaschak. Erfülle ihn auf deinen Wanderungen mit dem Klang von Gerechtigkeit und Stärke, wie es der Wind und die Würde aller Pferde gebieten."

    Kaschak brummelte zufrieden, hob seinen Kopf und blickte auf zu Zoki, dann überließ er es seiner Schwester, nun vorzutreten. Wieder liebkoste die Mutter die Stirn des Fohlens, und es stand mit erhobenem Haupt still. Zoki atmete tief ein und hauchte in die kleinen Nüstern ihrer Tochter.

    „Dein Name ist Sudee. Erfülle ihn auf Deinen Wanderungen mit dem Klang von Weisheit und Zuversicht, wie es der Wind und die Würde aller Pferde gebieten."

    Auch Sudee ließ ein zufriedenes kindliches Grunzen erklingen, wandte sich kurz ihrer Mutter und dann wieder ihrem Bruder zu. Zoki verabschiedete sich vom Wind und holte ihren Geist wieder herauf in ihr Bewusstsein. Amüsiert beobachtete sie, wie Kaschak und Sudee die Feierlichkeit der Begrüßungszeremonie für beendet erklärten, indem sie ihre ersten übermütigen Sprünge versuchten, dabei aber nie die Nähe zur Mutter verloren.

    Mittlerweile war der Sternlauf vorüber. Nach der Zeremonie hatten die Fohlen zunächst geschlafen, um sich von den ersten Anstrengungen ihres neuen Lebens zu erholen. Nun führte die Mutter ihre Zwillinge vom Platz der Geburt fort.

    Ein strahlender junger Sonnenlauf empfing sie mit einer milden Brise. In die Ferne erstreckte sich sanft hügeliges Weideland, durchsetzt von einzelnen kleinen Busch- oder Baumgruppen, bis weithin zum Horizont. Dies war das Warmland, in dem die Windherden ihre Kurzfellzeit verbrachten. Zoki prüfte die Richtung zu Telors Herde. Sie war nicht schwer zu bestimmen, denn ihre Abwesenheit war mittlerweile allen aufgefallen, und so vernahm sie deutlich die energischen Rufe des Herdenhengstes. Alle waren in Aufruhr, also beschleunigte sie ihre Schritte zurück zu ihrer Herde, so schnell es mit Sudee und Kaschak eben ging.

    Anga, die Führerin, glänzte im frühen Licht der Neusonne. Ihr Körper war gestrafft, und sie witterte in alle Richtungen. Sie stand leicht abseits ihrer Herde und erblickte Zoki und die Fohlen als erste. Mit einem erfreuten Schrei galoppierte sie zu ihnen. Die ganze Telor-Herde folgte sofort, und alle brachen in erleichtertes Jubelgewieher aus.

    Zoki erschrak, und mit ihr Sudee und Kaschak. Aufgeregt hielt sie ihre Fohlen nahe bei sich. Sie riss ihre Augen weit auf und zeigte den Ankommenden das Weiße. „Bleibt von meinen Fohlen weg! Keiner kommt uns zu nahe! Weg, lasst sie in Ruhe! Sie können Euch noch nicht einmal richtig sehen, also seid vorsichtig!" Ihre mütterliche Sorge war stärker als die Freude über die Rückkehr in ihre Herde.

    „Zoki! begrüßte Anga die Zurückgekehrte. Sie erkannte Zokis Besorgnis und sorgte dafür, dass die anderen Stuten ruhiger wurden und etwas Abstand hielten. „Fast hab ich mir schon Sorgen gemacht! Du warst lange fort diesmal, aber nun sehe ich den Grund! Zwei Fohlen, bei allen Windherden, das ist ja fantastisch! Und beide sehen so gesund aus, dem Wind sei gedankt!

    „Ich bin auch froh, wieder bei euch zu sein, Anga. Wenn ich geahnt hätte, zwei Fohlen in meinem Leib zu tragen, hätte ich es Dir mitgeteilt. Aber ich hatte keine Ahnung! Es tut mir leid, dass ihr warten musstet. Aber halte mir diese Meute von Stutentrampeln vom Leib, sie treten mir noch auf die Kleinen!" Sudee und Kaschak drängten sich an ihre Mutter und tänzelten aufgeregt auf der Stelle. Zoki gab beruhigende Laute von sich und kraulte ihre strutzigen Mähnen liebevoll mit den Lippen.

    „Du weißt doch, wie aufregend das für die Herde ist. Sie werden sich schon beruhigen, und niemand ist unvorsichtig mit deinen Fohlen, ich verspreche es Dir. Und es braucht dir auch nichts leid tun, es ist alles gut. Du hast dir die Zeit genommen, die dir der Wind für diese schwierige Geburt gegeben hat und die für deine Aufgabe nötig war."

    Ques trat neben Anga. „Na entzückend! Zwillinge! Da haben wir es wieder: Zoki hat einen ihrer tollen Einfälle und setzt gleich mal eben zwei Fohlen in die Welt! Bei allen Winden! Kommt her, ihr süßen Wildäpfelchen, und lasst euch von mir beknabbern!" Alle Stuten und Lernende kamen langsam näher zu den Ankömmlingen und brummelten voller Begeisterung und Freundlichkeit, doch auch Ques gab sehr darauf acht, dass die Lernenden nicht zu ungestüm waren, damit die Kleinen sich nicht verletzten und Zoki etwas Ruhe und Vertrauen in die Achtsamkeit ihrer Herde fand.

    Plötzlich sprangen alle Pferde auseinander. Laut wiehernd und mit wild schlagendem Haupt brach Telor sich seinen Weg durch die Gruppe. Die Fohlen erschraken und kauerten sich ängstlich an den Leib der Mutter. „Zum Kaltmond mit dir, Zoki! Wo bist du gewesen? Wie kannst du es wagen, dich von meiner Herde davonzustehlen und… Oooh!"

    Beim Anblick der beiden Fohlen erstarrte der schwarze Hengst. „Schnaub ab, Telor., sprach Anga und schlug mit angelegten Ohren ihren Kopf verärgert in Richtung des Hengstes. „Du bist gleich doppelt Vater geworden. Kein Grund zur Aufregung.

    Schlagartig änderte sich Telors Auftritt. „Ja… Fohlen? Gleich zwei? Schon jetzt? Aber ich dachte, es wäre noch zu früh… Zoki! Das ist ja… bei allen Winden und Herden, das ist ja fantastisch! Doch warum hast du es mir nicht gesagt?" Liebevoll grunzend beschnupperte er Kaschak und Sudee, denen dies nicht so sehr gefiel, und scharrte voller Bewunderung mit dem Vorderhuf. Zoki ließ es widerwillig kurz zu, war aber aufs Höchste angespannt und beobachtete jede Bewegung des mächtigen Hengstes, bevor sie ihre Fohlen mit ihrem Körper vor ihm schützte.

    „Komm schon, Telor, polterte Ques, „seit wann werden Hengste in Stutenangelegenheiten eingeweiht? Sei lieber froh, dass alle wieder in deiner Herde sind!

    „Ich bin wirklich sehr glücklich. Der Hengst ging endlich etwas auf Distanz zu Mutter und Fohlen. „Ebenso über diese beiden neuen Mitglieder unserer Herde wie über deine Rückkehr, Zoki. Ich danke dir. Wie sind die Namen der beiden Fohlen?

    „Die Stute trägt den Namen Sudee, verkündete Zoki, „und der Hengst heißt Kaschak.

    „Sudee und Kaschak! Eure Namen sollen vor allen Herden in Würde erklingen! Ich bin Telor, Hengst der Telor-Herde, und ich heiße Euch willkommen, mit uns viele Wanderungen zu durchlaufen! Möge der Wind zu euch sprechen!" Die Herde bejubelte die neuen Namen.

    Verlegen und schüchtern zogen die beiden Fohlen es weiterhin vor, in der Nähe ihrer Mutter zu bleiben. Langsam beruhigte sich die Herde, jedoch blieben die meisten Stuten immer etwas näher bei den Kleinen, soweit Zoki es eben erlaubte. Die Lernenden hatten fürs erste das Interesse verloren und widmeten sich wieder ihren Hauptbeschäftigungen: Fressen, laufen, schlafen. Mit fortschreitendem Sonnenlauf setzte sich die Herde dann bald wieder in Bewegung.

    So begann die erste Wanderung von Sudee und Kaschak in der Windherde des Telor.

    Die Herde der Zwillinge

    Im ersten Viertel der bei ihrer Geburt angebrochenen Kurzfellzeit lernten Sudee und Kaschak die Pferde ihre Herde und noch vieles mehr kennen. Anga führte zunächst langsamer als sonst, da die Zwillinge zwar kräftig, jedoch kleiner waren als gewöhnliche Fohlen, die ohne Geschwister auf die Welt kamen. Auf diese Weise sorgte sie dafür, dass Zoki und ihre jungen Nachkommen Kräfte sammeln konnten. Besonders die an Wanderungen reiche Zoki schien sich nicht nur von der frühen und kräftezehrenden Geburt, sondern auch von der Anstrengung des Säugens nur langsam zu erholen.

    Telor war bereits seit vielen Wanderungen der Herdenhengst. Er war schwarz wie verbranntes Holz, von mittlerer Größe, jedoch mit einer breit ausladenden Brust. Auffallend war seine Mähne, die zu beiden Seiten seines imposant gewölbten Halses in dichten und langen welligen Strähnen fiel. Sein Schweif war von derselben Art und stets so lang, dass er auf dem Boden auflag. Während seiner frühen Wanderungen ging er keiner Konfrontation mit anderen Hengsten aus dem Wege, er galt unter den Windherden sogar als recht angriffslustig, was seinen Namen nicht immer wohl erklingen ließ. Jedoch bald nachdem er die Stuten Anga und Ques für seine Herde gewinnen konnte, änderte sich dies. Mit Anga verband ihn schnell eine tiefe Vertrautheit, und sie war es auch, die ihn in die Worte des Windes einweihen konnte, welche er zuvor kaum zu hören vermochte. Und Ques, ausgerechnet eine Stute, zeigte ihm, dass Kraft und Kampfgeschick bei weitem nicht alles sind, was ein Herdenhengst – oder irgendein Pferd – für seine ihm zugeteilte Aufgabe braucht. Auf diese Weise wurde Telor zu einem sehr weisen und umsichtigen Herdenhengst, der die Seinen zwar immer ohne Zögern mit seinem Leben verteidigen würde, aber den Kampf mit anderen Hengsten meist durch diplomatisches Geschick vermeiden konnte. Und so wurde sein Name unter allen Herden schließlich mit großem Respekt ausgesprochen.

    Schon recht bald nachdem Anga zur Herde kam, wurde sie von den Stuten zur Führerin erwählt. Ihr Fell war fast weiß, das genaue Gegenteil zu Telor, und mit einem leichten Schimmer, wie man ihn bei Altsonne in der Langfellzeit am Himmel sieht. Damals zählte sie zwar erst wenige Wanderungen, aber ihr umsichtiges und ruhiges Wesen wurde sehr schnell von allen geschätzt. Zugleich war sie außergewöhnlich sensibel, wusste immer, wie es jedem einzelnen Pferd erging, und ihre Wachsamkeit hatte die Absichten vieler Töter vereitelt. Dazu war sie bescheiden, drängte nie nach Anerkennung und Respekt, aber bestand immer auf die erste Prüfung neuen Wassers oder neuer unbekannter Nahrung. Der Wind war ständig mit ihr in Verbindung, sie musste kaum meditieren, um ihn zu verstehen, sondern konnte seine Worte in allen Formen hören, in denen er ihr begegnete. Ihr gelang es, Telor diese Kunst nahezubringen, der zwar immer nach den Worten des Windes suchte, aber es lange nicht verstand, sie in ihrer Vollkommenheit zu hören.

    Ques, eine sandfarbene, kräftige Stute mit einem dunklen Strich von Mähne zu Schweif, kam während einer kalten und harten Sturmnacht im Kaltland zu ihnen. Telor wollte keine weitere Stute, da das Angebot an Nahrung knapp war. Jedoch ließ sich Ques nicht verjagen, und so kam es zu einem ungewöhnlichen Kampf zwischen Hengst und Stute, in dem sie ihren Platz in der Herde behaupten wollte. Der Kampf war einzigartig, denn sie kämpfte nicht wie eine Stute, sondern verteidigte sich gegen Telor, als wäre sie selbst ein Hengst: auf die Hinterbeine steigend, frontal, ihre Vorderhufe und ihre kräftigen Kiefer einsetzend. Es war der Persönlichkeit und dem diplomatischen Geschick Angas zu verdanken, dass der Kampf würdevoll endete und Telor überzeugt werden konnte, die hilfesuchende Stute aufzunehmen. Wären sich die Kontrahenten selbst überlassen gewesen, ein Pferd hätte wohl sein Leben verloren, und der Sieger hätte seine Ehre verwirkt. Telor wurde daraufhin zu einem anderen Hengst, gereifter und stärker, und ihn und Ques verband bald ein unzertrennliches Band des gegenseitigen Respektes und unzerstörbarer Kameradschaft.

    Jinea war jung und hatte ihre Herdenreife erst während der vergangenen Kurzfellzeit erlangt. Sie kam zur Telor-Herde, während diese zuvor im Kaltland weidete. Mit ihrer temperamentvollen Art war sie in der Graman-Herde immer wieder mit einer älteren Stute aneinandergeraten, welche in Sorge um ihre gute Verbindung zu ihrem Herdenhengst war, und so setzte sie sich sehr früh von ihrer Geburtsherde ab, als beide Herden einst in gemeinsamer Nähe weideten, ging nicht mehr zurück und schloss sich ein paar Sonnenläufe später der Telor-Herde an. Anga erkannte den Vorteil frischen Blutes für Telors Herde, und sie spürte außerdem eine ruhige Kraft im Inneren der lebhaften Stute mit ihrem glanzroten Fell und der großen Blesse.

    Fera war die Mutter einer der beiden Lernenden in jener

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