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Weihnachtswind und Nordseestürme: 2. Teil der Sylter Strandkorbgeschichten
Weihnachtswind und Nordseestürme: 2. Teil der Sylter Strandkorbgeschichten
Weihnachtswind und Nordseestürme: 2. Teil der Sylter Strandkorbgeschichten
eBook195 Seiten2 Stunden

Weihnachtswind und Nordseestürme: 2. Teil der Sylter Strandkorbgeschichten

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Über dieses E-Book

Die Weihnachtszeit ist für uns alle doch eigentlich die schönste Zeit im Jahr. Deshalb beginnt die Vorweihnachtszeit heutzutage immer früher und stimmt uns bereits im September auf Nikoläuse und Lametta ein.
Für Jule beginnt deswegen auch ihre nachdenkliche Phase viel früher, da sie Weihnachten dieses Jahr am liebsten abschaffen würde. Sie denkt viel zu viel an Weihnachten und an all die ersehnte Gemütlichkeit und Wärme, das Zusammensein, das Glücklichsein. Sie erträgt es nicht dieses Jahr.
Ihre Gedanken führen sie auf eine Reise zu sich selbst, zu ihren vergessenen Sehnsüchten und Ängsten, ohne dafür jedoch einen Plan, eine Karte oder ein Navi griffbereit zu haben. Sie lässt sich vom Wind locken.
Nach ihrem ersten Buch "Sylter Strandkorbgeschichten", das die Liebe zum Meer, ganz besonders zu ihrer Lieblingsinsel Sylt, beschreibt, widmet sich die Autorin Sarina Keller in ihrem zweiten Buch einem anderen Thema: dem Zauber der Weihnachtszeit.
Ein Zauber, der uns manchmal auch sehr gefährlich werden kann, weil er unsere verborgenen Sehnsüchte heraufbeschwört, unsere Träume aufdeckt und uns somit, ganz nebenbei, mit seiner weihnachtlichen Magie näher zu uns selbst führt.
Ganz ohne Nordwind kommt die Autorin jedoch auch in diesem Buch nicht aus.
Lassen Sie sich mitreißen vom "Weihnachtswind" und genießen Sie die Kraft der "Nordseestürme".
SpracheDeutsch
Erscheinungsdatum29. Nov. 2018
ISBN9783965180109
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    Buchvorschau

    Weihnachtswind und Nordseestürme - Sarina Keller

    Braderup

    In ihrem ersten Sommer!

    Sie hielt ihre Augen geschlossen, ihr Körper lag gemütlich ausgebreitet in der Sonne.

    Wenn das Wetter passte, dann nutzte sie jede Minute hier, auf ihrer Schaukelbank, so nannte Jule sie.

    Er liebte es, wenn er sah, wie sie darauf vor sich hinträumte, auf ihrem Lieblingsplatz, der seiner Meinung nach, die Freiheit des Schaukelns mit der Sesshaftigkeit seiner alten Gartenbank vereinte. Ihr gemeinsamer Platz zum Entspannen und Träumen, zum Schweben, wie er gerne sagte.

    Einfach über dem Dingen schweben, ohne Bodenkontakt, frei. Dafür hatte er sie gebaut, hatte der alten Bank die morschen Beine abgesägt und sie an ein eigens konstruiertes Schaukelgestell aufgehängt. Extra für sie, weil sie Schaukeln liebte und Bänke.

    Jule wusste noch genau, wie sie sich gefühlt hatte, als er ihr sein Geschenk im Garten zeigte, sie die Augen erst noch geschlossen hielt, er ihr, wie so oft, mit dem Daumen die Form ihrer Lippen nachstrich, nachdenklich lächelnd, um ihr dann ihren neuen Lieblingsplatz zu zeigen.

    Jule liebte diese Erinnerung. Sie verströmte dieses wundersame Gefühl vollkommener Verbundenheit, das sie so faszinierte. Im Grunde war er auch eine Art Schwebebank. Mit ihm in ihrer Nähe konnte Jule genauso über den Dingen schweben, über dem Alltag schweben, alles um sie herum unbeachtet lassen, irgendwie entrückt von der Welt sein und doch mitten im Moment sein, sich genießen.

    Einfach nur schweben, schwerelos sein im Denken, schrankenlos, absolute Freiheit der eigenen Fantasie. Und ihre Fantasie war so stürmisch und unberechenbar wie die Nordsee um Sylt.

    Von ihrer Schwebeschaukelbank aus flossen ihre fantastischen Gedanken zu einem wundervollen Bild zusammen. Sie war wie ein Knotenpunkt, der alles verband.

    Von hier aus genoss sie eine andere Blickrichtung, konnte sie die Heide von oben betrachten, ihr kleines Königreich des Glücks.

    So war es auch heute, als der erste Sommerwind übers Weiße Kliff bis zu ihr streifte, ihr ein Lächeln aufs Gesicht streichelte, während sie nur leicht schaukelnd die Möwen über ihr zählte.

    Es waren sieben, die um den schönsten Platz am Himmel stritten, lautstark kreisend, mal gleitend, erst fast im Sturzflug nach unten, um danach wieder an Höhe zu gewinnen, ein stetiges Auf und Ab, ein Hin und Her. Wie starker Wellengang.

    Als eine Möwe unerwartet ihren höchsten Platz am Himmel verließ, um sich auf Jules kleinen Apfelbaum zu setzen, fiel Jules Blick auf seine alten schmutzigen Gummistiefel, die unter dem Baum im Gras standen. Sie konnte sich nicht ihr befriedigendes Grinsen verkneifen, das sich immer in ihr Gesicht schlich, wenn sie dieses Schuhwerk sah.

    Genüsslich streckte sie sich auf ihrer umfunktionierten, beinlosen Gartenbank aus, fühlte mit ihren nackten kalten Füßen das verfilzte Schafsfell darauf, spielte mit den Fingern zupfend an der Wolle und verlor sich dabei in sehr belebenden Erinnerungen. Kopfkino de luxe.

    Sie fühlte sich so frei wie ihre Möwen über ihr. Endlich! Das war nicht immer so gewesen.

    Und sie war froh, dass sie dieses wunderbare Gefühl wachhalten konnte, indem sie von Zeit zu Zeit einfach wegflog, ausriss sozusagen, um Bilder für neues Kopfkino zu sammeln.

    Sie hatte irgendwann entschieden, es sich zu erlauben!

    Jule war so wie die Möwe hier, die einmal nach List an den Hafen flog, einmal mit der Fähre nach Föhr schipperte oder den weiten Weg nach Hamburg auf sich nahm und dann irgendwann lieber zurück auf den kleinen neuen Apfelbaum hier in Braderup kam.

    Wann, an welchem Tag, zu welcher Uhrzeit, wusste sie nicht.

    Hauptsache niemand und nichts sperrte sie ein, wie eine Brieftaube, die von ihrem Besitzer an irgendeinem Platz in die vermeintliche Freiheit geworfen wurde, um dann an genau den Platz zurückzufliegen, den er für sie als Zuhause auserkoren hatte.

    Jule entschied selbst, wo ihr Platz sein sollte.

    Husum

    Im Weihnachtswinter davor!

    Sie saß auf der kleinen Bank und zog den dicken Schal enger um ihr Gesicht, sodass ihre Nase in der Wolle versank. Die Wärme ihres eigenen Atems streichelte sie.

    Mit den Händen stützte sie ihr Gesicht, die Ellbogen bohrten sich in ihre Oberschenkel und ihre Gedanken wanderten weit zurück, während über ihr eine Möwe über den Winter schimpfte und sie selbst versuchte, ihre Gedanken zu ordnen.

    Doch deren Anfang war einfach schon zu weit auseinandergeflossen, wie Prielwasser bei Ebbe, zu weit entfernt vom Ufer des Lebens.

    Überhaupt, alles schien parallel gelaufen zu sein. So wie in einem Sackbahnhof alle Schienen nebeneinander auf ein gemeinsames Ende zulaufen. Wenn du fortwillst aus diesem Bahnhof, musst du unweigerlich zurückfahren, wieder dort vorbei, wo du gerade erst durchgekommen bist, noch einmal alles erleben, nur von einer anderen Richtung aus gesehen. Genauso hatte sie es erlebt, als sie anfing, alles aufzuschreiben, um es dann anders sehen zu können, neu: Es fing mit einer Geschichte an! Es wurden immer mehr.

    Je mehr sie sich selbst zu verlieren drohte, desto mehr Geschichten schrieb sie auf.

    So konnte sie wenigstens das Positive erhalten, bewahren, ohne dabei aus ihrem Jammertal auszureisen. Nein, Jule wusste, dass sie sich in ihrem schwarzen Loch suhlte, sie wollte ganz lange überhaupt nicht raus aus dieser Dunkelheit, weil sie sich so auch nicht fragen musste, wie sie da überhaupt hineingelangt war.

    Aber diese dunkle Phase würde jetzt bald der Vergangenheit angehören!

    Sie hatte sich aus dem Loch gekämpft und saß nun ganz oben am Abgrund, einerseits nach den neuen Farben greifend und andererseits die Sehnsucht spürend, sich einfach wieder fallen zu lassen, zurück in die sie umhüllende, versteckende Dunkelheit.

    Der Vogel über ihr schimpfte immer noch gegen den Nordwind.

    Doch Jule blickte entspannt auf die Symmetrie des Husumer Schlosses. Ihr Blick sammelte sich im zweiten Turmfenster, die vollkommene Mitte. Der Versuch in ihre eigene Mitte zu atmen, gestaltete sich jedoch als noch recht schwierig:

    In den Bauch einatmen, Luft einströmen lassen, ausatmen, bis der Bauch eine enge Höhle ergibt. Einatmen.

    Ausatmen.

    Ein und aus.

    Noch traute sie sich nicht nach nebenan.

    Die Wärme des Zugabteils verabschiedet sich Windhauch für Windhauch aus ihren Gliedern. Ob das eine gute Idee war?

    Heute ist der 24.12.!

    Ihre selbst gesetzte Frist ist vorbei und sie ist einfach abgehauen! Positiv betrachtet, könnte man auch sagen, dass sie die Flucht nach vorne antritt. Nach dem Motto, Angriff ist die beste Verteidigung.

    Nur eben trotzdem anders als es ihre Leute von ihr erwartet hätten, so kannte man sie nicht, irgendwie unberechenbar.

    Aber, wenn sie ehrlich sind, wissen alle, dass Jule noch nie viel von purer Berechenbarkeit hielt.

    An diese Wahrheit klammerte sie sich nun einfach und an ihren kuscheligen Schal und ihren langen Mantel und ihr neu gefundenes Urvertrauen.

    Wenn es sein musste, könnte sie noch stundenlang so sitzen, bevor das Winterwetter sie zum Aufstehen zwingen würde.

    Sie starrte in Richtung des Hauses, zu dem sie bald losstiefeln würde.

    So früh morgens verfing sich ihr neugieriger Blick noch in leichtem Nebel, der die Dächer der Stadt zart umschleierte, und selbst als Spielball des Windes hin und her wehte wie ein Vorhang an einem offenen Fenster. Die Nebelschwaden schienen die Dächer wie wach zu küssen. Ganz anders als in Theodors Storms Gedicht.

    Langsam bahnte sich die Winterkälte ihren Weg vom Holz der Bank, durch Jules Mantel, über ihre dicke Strickjacke, zu ihrer Jeans und ihrem Sommerslip an ihren Körper.

    Gegen einen Tee hätte sie jetzt nichts einzuwenden, einen schönen heißen Schwarztee.

    Die Kälte griff nach ihrem Verstand, der ihr sagte, dass sie nun besser aufstehen sollte. Denn eine Blasenentzündung würde ihr Projekt, dem Abgrund zu trotzen, und die Farben einzusammeln, nicht gerade erleichtern!

    Sie atmete tief die Husumer Schlossparkluft ein:

    Es war angenehm hier, windig, frisch, eine ordentliche Prise Meeresluft, Ehrfürchtigkeit, Alter, Ruhe, alles an einem Platz.

    Genau das brauchte sie für ihren Neuanfang!

    Sie rutschte von der keinen Bank, wickelte ihren dicken Schal schützend um ihren Hals, sodass sie, die Hände in den Taschen, Richtung des verheißungsvollen Hauses stapfen konnte. Der Nebel wich langsam und der Frost ließ die Wiese am Schloss leise knirschen bei jedem Schritt. Fast wie bei Schnee.

    Das ließ Jule lächeln. Im Grunde mochte sie gar keinen Schnee, aber sie mochte diese eine Schneeerinnerung, die sich gerade in ihr Gedächtnis schlich. Definitiv keine Negativ-Schnee-Assoziation! Sie konnte sogar für einen Moment zulassen, dass sich diese wiedergefundenen Schneebilder körperlich manifestieren konnten. Kurz. Immerhin.

    Mit dieser Spannung verschwand aber die Kälte in ihr und sie lief schneller als erwartet Richtung Stadt, durchquerte die kleine Gasse, ging an einem Café vorbei, das gerade erst öffnete und lies sich kurz von der Auslage einer kleinen Buchhandlung ablenken.

    Sie verströmte eine warme Atmosphäre. Einige Bücher lagen im Schaufenster ausgebreitet, wie Wellen angeordnet, auf einem blauen Tuch, eine Holzmöwe bewachte die Szene.

    Alles Bücher über Sylt: Krimis, Kulinarisches, Kalender, Kurzgeschichten…

    Der Wind trieb sie dann aber doch von den Büchern weg und schob sie zurück in das kleine Städtchen Husum zurück.

    Kopfsteinpflaster!

    Straße und Fußgängerwege gingen wie ineinander über, wie in einem Aquarellbild.

    Die stählernen Polder als Grenze fühlten sich in diesem Bild jedoch eher fehl am Platz.

    Jule ließ den Markt vor der Kirche links liegen, die Taschen, Körbe, das Gemüse, der ganze Trubel konnte sie heute nicht fesseln.

    An dem, scheinbar ganzjährig geöffneten, Weihnachtslädchen ging sie nur kopfschüttelnd vorbei, obwohl die Vielzahl der Rabatt-Schilder sehr verlockend angebracht war. Jule gönnte sich heute eine viel bessere Verlockung! So war zumindest ihr Plan.

    Eine Verlockung, die nur zum Teil käuflich ist und bei der weniger, mehr bedeutet.

    Mit dieser Verlockung würde sie es schaffen, sich selbst aus ihrem persönlichen schwarzen Loch heraus zu lotsen.

    Also klammerte sie sich an ihren Laptop in ihrer Tasche und genoss es, dass ihr Freund der Wind, ihr hier in Husum, sehr gesonnen war und ihr ihre positiven Geschichten direkt ins Herz wehte.

    Sie blieb kurz stehen und genoss es einfach. Kräfte sammeln!

    Geschichtenwind

    Sie las sie sich nun schon zum dritten Mal durch, ohne die vielen Male während des Schreibens. Was machte sie eigentlich da? Schreiben, lächerlich irgendwie, und doch war es das Richtige, das hatte sie gleich gespürt. Sie fing an! Fing einfach an.

    Also las sie sie auch noch ein viertes Mal durch, ihre erste Geschichte, nur um sicher zu gehen, dass auch alles drin war, alles, an das sie so gedacht hatte die letzten Tage, was in ihrem Kopf herumschwirrte und erst Ruhe gab, wenn es schön säuberlich in den Worten dieser Geschichte verpackt war:

    Weihnachtsbeginn

    Maria steht im Laden und starrt auf ihren Einkaufszettel, um sich zu konzentrieren. Sie will für ihren Geburtstag einkaufen und versucht ihr Einkaufswägelchen an den Bergen von Weihnachstssüßkram vorbei zu lenken.

    „Wann beginnt eigentlich Weihnachten? Also, man sollte ja meinen, dass die Weihnachtszeit im Dezember beginnt! So mit dem Adventskalender, dann kommt der Nikolaustag, der erste Advent, die Kerzen am Adventskranz, bis dann der Weihnachtsbaum im Wohnzimmer steht.

    So ist es aber eben überhaupt gar nicht, leider!", grübelt Maria über ihrem Zettel. Sie sieht nur Marzipan und Nikoläuse, obwohl sie den süßen Senf sucht.

    Mitten im schönsten Herbst beginnt Weihnachten, heutzutage. Zumindest in den Regalen hier im Discounter.

    Maria löst sich von ihrem Einkaufszettel und geht suchend an den Adventskalendern vorbei.

    Sie schüttelt nur den Kopf: „Es ist noch nicht lange her, da hat gerade erst das Freibad geschlossen und bei unserem Mama-mit-Kinder-Freundinnen-Tag wechseln wir so langsam vom Prosecco Rosato zum Café Latte."

    Gedankenverloren schlurft sie durch den Gang und rammt dabei versehentlich mit ihrem leeren Wagen den Einkaufseisberg einer anderen Kundin, die sich jedoch freudestrahlend umdreht und weitere Zimteispackungen in ihren Wagen räumt.

    „Ohh. ´tschuldigung!, presst Maria hervor. „Nicht schlimm!, meint die andere lächelnd, während sie ihren Eisberg im Einkaufswagen höher stapelt. „Der ideale Zeitpunkt schon für Weihnachten vorzusorgen! Herrlich, nicht?, sie wartet keine Antwort ab und erklärt der verdutzten Maria: „Wissen sie, ich mag keinen Stress, da ist es doch wunderbar, dass wir jetzt schon alles bekommen, gell?

    Sie lächelte zufrieden.

    Als sie sich dann einfach wegdrehte, um ihre Margarinepackungen akkurat neben die Mehl- und Zuckerberge zu stellen, damit die Rotkrautdosen besser neben dem Eisberg Platz haben können. Maria entfuhr ein: „Frohe Weihnachten!", als sie schnell Richtung Gemüsetheke stürzte.

    Sie konnte nicht anders, sie musste darüber nachdenken, ob die Dame nicht sogar recht hatte. Wieder versuchte sie den Gedankengang abzuschütteln: „Aber ich kann doch jetzt noch nicht an Plätzchen-Backen denken, nun wirklich nicht! Obwohl es einem doch so richtig viel Stress ersparen würde. Wenn man mal bedenkt, dass Ende September nicht so viel Besonderes passiert, hätte ich doch alle

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