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Im Schatten von Bruder Martin: Historischer Roman
Im Schatten von Bruder Martin: Historischer Roman
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eBook398 Seiten5 Stunden

Im Schatten von Bruder Martin: Historischer Roman

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Über dieses E-Book

Im Schatten von Bruder Martin

Bei der Handlung des Romans handelt es sich um eine Fiktion, die sich um ein geschichtliches Ereignis dreht. Ich habe mich bemüht die Orte, die Gebräuche und die genannten historischen Personen, deren Lebens-und Gedankenwelten die oft mit dem Handlungsablauf verknüpft sind, möglichst korrekt darzustellen.

Der Protagonist des Romans, Konrad, tritt als Ich-Erzähler auf und lässt den Leser an seinen erlebnisreichen Jahren, zwischen 1506 und 1525, lebhaft teilhaben.
SpracheDeutsch
Herausgebertredition
Erscheinungsdatum14. Feb. 2017
ISBN9783734586491
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    Buchvorschau

    Im Schatten von Bruder Martin - Walter Trayser

    Über den Autor

    Walter Trayser wurde 1947 in Bensheim an der Bergstraße geboren.

    Neben dem Erwerb des Facharbeiterbriefes als Elektromechaniker, schloss er die Ausbildung zum Musisch-Technischen Fachlehrer ab.

    Es folgte das Studium an der Johann Goethe Universität in Frankfurt.

    Mit der Ersten Staatsprüfung erwarb er die Lehrbefähigung für die Sekundarstufe Eins.

    Er unterrichtete lange Jahre an verschiedenen Schulen im Bundesland Hessen in den Fächern Geschichte, Deutsch und Sport.

    Seit mehreren Jahren lebt er in Baden-Württemberg und erfüllt sich mit der Erarbeitung verschiedener Schriften einen lang gehegten Wunsch.

    Walter Trayser

    Im Schatten von Bruder Martin

    Historischer Roman

    © 2017 Walter Trayser

    Verlag: tredition GmbH, Hamburg

    ISBN

    Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

    Im Schatten von Bruder Martin

    Teil I

    Der Augustiner-Eremit

    Für meine Kinder

    Glauben ist leichter als Denken ( Altes Sprichwort )

    Inhalt

    Abschied vom Dorf

    Im Kloster Alzey

    Erasmus

    Worms

    Herberge der Augustiner

    Abschied von Kloster Alzey

    Unterwegs

    Waldenser

    Der Lorscher Pfad

    Die Begarden – Gemeinschaft

    Neue Bekanntschaften

    Der Auftrag

    Glückliche Begegnung

    Die Vorbereitung

    Martin Luther vor dem Reichstag

    Die Flucht

    Ein neues Leben

    Abschied vom Dorf

    Nach dem Tode meiner Eltern wollte mich niemand im Dorf aufnehmen. Kinder bedeuteten Armut. Arm waren alle hier, weil sie kein eigenes Land besaßen. Wo sollte ich also hin? Ein Augustiner-Eremit der zufällig vorbeikam wurde gefragt, ob er das Waisenkind mitnehmen könne.

    Der Mönch schaute mich misstrauisch an. „Warum kann er nicht im Dorf bleiben, wo er hingehört?"

    „Der hat hier niemanden mehr, sagten die Leute. „Soll er doch sehen, wo er bleibt.

    Der Augustiner erkannte meine missliche Lage und meinte mit bedenklicher Mine, „Gott schütze dich, na dann, komm mit mir."

    „Ich bin Bruder Conz, stellte er sich vor, als wir uns von meinem Heimatdorf entfernt hatten. „Wie heißt du?

    „Konrad, antwortete ich. „Lass mich noch einige Kräuter für die Klosterküche sammeln, danach laufen wir nach Alzey, wo ich herkomme. Der Mönch beachtete mich nicht weiter und ging seiner Arbeit nach.

    Ich schaute ihm aus einiger Entfernung zu.

    Als er mir winkte, folgte ich ihm, ohne zurück zu schauen.

    Im Kloster Alzey

    Man schrieb das Jahr 1506, mein neuer Lebensabschnitt im Kloster begann.

    Damals war ich zehn Jahre alt.

    Die Mönche lebten nach den Ordensregeln des heiligen Augustinus von Hippo, wie sie mir erklärten.

    Ohne sich ganz von der übrigen Welt abzukehren, nahmen sie das Armutsgebot besonders ernst. Daran war ich gewohnt. Meine Eltern besaßen in unserer armseligen

    Hütte zu Lebzeiten auch nicht mehr, ohne ein Gelübde abgelegt zu haben. Was Keuschheit und Gehorsam vor Gott bedeuteten, verstand ich damals sowieso nicht. Mein neues Zuhause in der Oberstadt, mit dem großen Kräutergarten den Bruder Conz pflegte, bedeutete für mich in erster Linie Sicherheit.

    Prior Jakob Alberich von Alzey nahm sich meiner als Lehrmeister an. Mit seinem gütigen Blick, schenkte er mir vom ersten Moment an väterliche Liebe und Achtsamkeit, wie ich es bisher nicht gekannt hatte.

    Als Vertrauensperson war er sogar für die gesamte Provinz als Rektor gewählt worden.

    Bruder Conz erzählte mir, dass der Prior vor einigen Jahren im italienischen Perugia zum Studium weilte. Dort promovierte er zum Lektor. Dafür würden ihn alle bewundern. In seinem Studierzimmer bewahre er Schriften auf, die aus Italien stammten. Über deren Inhalt schwieg er sich allerdings aus. Niemand bekam sie bisher zu Gesicht.

    Das Kloster bezog seine Einkünfte von fünfundzwanzig Orten aus der Umgebung. Unterstützt durch diese mildtätigen und großzügigen Gaben, war es vielen Mönchen möglich, sich der Wissenschaft und dem kirchlichen Schulwesen zu widmen. Wieder andere konnten als Prediger unterwegs sein.

    Der Prior unterrichtete mich im Lesen und Schreiben. Ich las sehr gerne, weil es mir neue Horizonte eröffnete. Die Gespräche mit ihm über das Gelesene, eröffneten mir bisher unbekannte Sichtweisen.

    Je älter ich wurde, desto länger dauerten unsere anregenden Unterhaltungen, je tiefgründiger wurden meine Gedankenwelten. Ich näherte mich meinem zwanzigsten Lebensjahr, als ich Veränderungen bei ihm bemerkte. Jakob Alberich äußerte zuerst vorsichtig, später ganz offen, Bedenken an der strikten Einhaltung der Ordensregeln.

    Zu meiner großen Überraschung rief er alsbald eine Versammlung ein, um mit den Mönchen über Abweichungen von den strengen Geboten zu sprechen. Die Mehrheit der Anwesenden schloss sich der Meinung des Priors an, der forderte, auch Kirchenmänner können in ihrem Handeln eine gewisse Eigenverantwortung übernehmen.

    Daraufhin verließen mehrere Mönche Alzey, um in ein anderes Kloster zu wechseln. Der Prior wurde anschließend nach Worms zum Bischof beordert, wo er Rede und Antwort stehen musste. „Der Kirchenobere nannte uns danach abwertend Konventuale. Er hätte auch gleich Ketzer sagen können", ließ Jakob Alberich verlauten.

    Bruder Conz beaufsichtigte mich bei der Gartenarbeit. Er hatte die Beete so bepflanzt, dass zwischen den Nutzpflanzen Wildpflanzen wuchsen. In guter Nachbarschaft konnten sie sich so beim Wuchs unterstützten. In seinem bisherigen Leben war der Pflanzenliebhaber weit herumgekommen und hatte gelernt, auch aus Wildkräutern wohlschmeckende Speisen anzurichten. In einem kleinen Bereich des Gartens zog er Heilkräutern auf, die wir besonders pflegten und schützten. Für mich bedeutete das Kennenlernen dieser Kräuter und ihre Anwendung eine große Bereicherung meines Wissens und Könnens. Ich wurde häufig Zeuge, wie er unsere Brüder von allen möglichen Beschwerden befreien konnte. Dabei durfte ich tatkräftig zur Hand gehen.

    Da Conz schon etwas in die Jahre gekommen war, nahm er meine Hilfe gerne in Anspruch. „Die Gartenarbeit lässt dich groß und stark werden", meinte er manchmal, mit einem Schmunzeln auf den Lippen.

    „Gott sei Dank, sieht man deine starken Muskeln nicht unter der Ordenstracht. Die Brüder würden mir bestimmt Vorwürfe machen. „Wer weiß, wo mich das Leben noch hinführt, antwortete ich unter Lachen. Die Kräfte des Körpers sind auch von Gott gegeben. „Du scheinst mir bei Bruder Jakob Alberich gut aufzupassen, grinste er. Im Herbst wanderte er mit mir in die nähere Umgebung. Wir sammelten Kräuter an Wasserstellen, Hecken, Wegrändern und Böschungen. Im Kloster banden wir dann kleine Sträuße und hängten sie zum Trocknen in der Scheune auf. Bruder Conz war davon überzeugt, dass der Mensch von dem leben könne, was in Gottes schöner Natur von alleine wächst und lebte tagaus tagein von diesen Gaben.

    An den Tag, als der Prior mir vor dem Nachtgebet zuflüsterte, „komm morgen früh ungesehen in mein Studierzimmer, erinnere ich mich noch ganz genau. „Was hatte das zu bedeuten?, dachte ich. Vor Aufregung fand ich nur schwer in den Schlaf.

    Erasmus

    Mit dem ersten Sonnenlicht stand ich auf. Der Prior erwartete mich schon, zermürbt und unausgeschlafen stand er in der Tür.

    „Setz dich", bat er mich herein.

    Ich tat wie mir geheißen. Jakob Alberich nahm ein Buch aus einem kleinen Wandschrank hervor und hielt es mir hin. Ich berührte zuerst einmal mit den Fingerspitzen den Einband. Der Prior legte es mir in die Hände. Der angenehme Geruch nahm mich gefangen.

    Ich betrachtete das Buch von allen Seiten. „Kennst du den Verfasser?, wollte er wissen. „Ist mir unbekannt, schüttelte ich den Kopf. Wie würdest du den Namen aussprechen? „Desiderius Erasmus, murmelte ich zögerlich. „Sprich auch deutlich aus, was darunter steht." Ich wollte es zuerst nicht glauben, aber da stand wirklich geschrieben: Lob der Torheit.

    „Das kann ich nicht verstehen, sagte ich erstaunt, wie kann jemand die Torheit loben? „Ja, das dachte ich zuerst auch", erwiderte mein Lehrmeister. „Man muss das Buch natürlich lesen, um es zu verstehen. Ich habe dir bisher nur etwas von den Schriften unseres Glaubens erzählt. Dabei versäumte ich dir zu erklären, was man unter Philosophie versteht. Ich sehe sehr schwierige Zeiten auf unser Kloster zukommen, deshalb will ich das Versäumte nun nachholen.

    Erasmus ist ein holländischer Priester, den ich in Italien kennen lernen durfte. Er war fast überall in Europa unterwegs und hat in fast vergessenen, aber auch in neuen Schriften geforscht. Der Priester hat sich vorgenommen, zwischen der christlichen Heiligen Schrift und den Philosophen des Altertums ausgleichend zu vermitteln. Viele Kirchenfürsten verdammen das Gedankengut der Philosophen unter dem Vorwand, es sei nicht von Gott gegeben. Diese Philosophien wenden sich gegen den Charakter der göttlichen Inspiration des heiligen Schrifttums und wollen nur der menschlichen Vernunft vertrauen. Erasmus versucht mit seinen Schriften einen gewissen Ausgleich herbeizuführen. Wohlüberlegt prangert er die Sitten unserer Zeit an, was ich sehr gut finde. Besonders dem Klerus und den Kirchenfürsten hält er bewusst den Spiegel vor, mit dem Versuch, sie zu einer Meinungsänderung zu bewegen. Den Ton den er wählt, um sich mit der Kirche und den Mächtigen anzulegen, kennst du aus der Sprache der Satiren die wir gelesen haben. Damit wir Leser besser verstehen was Erasmus meint, hat er die Torheit als Person in Szene gesetzt. Die Schwierigkeit für uns Augustiner-Eremiten besteht darin, dass alle Lehren und Schriften, die von der Kirchenmeinung abweichen, Häresie bedeuten. Also schlicht und ergreifend Ketzerei. Was ist nun christlich – und was ist nicht mehr christlich?

    Ich habe mich mit meiner Sympathie für das Gedankengut von Erasmus lange genug im Hintergrund gehalten. Jetzt ist es an der Zeit, auf die Defizite im Leben und in der Lehre hinzuweisen, die alle Dogmen der Kirche offenbaren. Von Seiten der Kirchenführer sind aber Bestrebungen zu erkennen, die befürchten lassen, dass diese bevorstehende Auseinandersetzung mit erbarmungsloser Härte geführt wird. Eine Härte, die der Liebe im Christentum Hohn spricht.

    Unserer Kirche werfe ich vor, sich von den Idealen des Evangeliums abzuwenden, die sie bei ihrer Gründung geleitet haben. Damit meine ich die Einfachheit und Reinheit des Ursprungs, als Jesus mit seinen Jüngern zusammen war und sie aufgefordert hat alles aufzugeben, damit sie ihm folgen können. Was aber ist aus Rom geworden? Ich konnte mich selbst davon überzeugen. Ein Ort der Macht, der Korruption, sexueller Ausschweifungen und der Geldgier. In den vergangenen Wochen wurde mir von Ablasspredigern berichtet, die durch Alzey und Worms ziehen. Es heißt, wer einen Ablassbrief kauft, wird von seinen Sünden befreit, muss also vor dem Fegefeuer keine Angst mehr haben. Was aber geschieht mit dem Geld?", frage ich mich.

    Wo fließt es hin? Wer hat einen Nutzen davon? Kann man mit materiellen Reichtümern Gott zur Ehre gereichen? "

    „Können wir denn nicht in der Bibel oder bei Jesus nachlesen, wie diese Fragen zu beantworten sind?", wollte ich wissen.

    „Leider gibt es keine nachweisbaren Schriften von Jesus.

    Der eigentliche Begründer der christlichen Lehre, ist der Jünger Paulus. Paulus erklärt ausführlich in seinen Briefen die Unterweisungen durch Jesus. Für Paulus war seit dem Kommen Christi, der Mensch vor Gott nicht mehr gerecht durch das Befolgen der Gebote des Gesetzes, sondern allein durch seinen Glauben an Jesus Christus, den Retter der Menschheit. „Allein der Glaube an Jesus genügt, um die Menschen vor Gott zu Gerechten zu machen? , fragte ich erstaunt. „Paulus war davon überzeugt, dass die Ankunft Christi für jeden Menschen gedacht war", sprach der Prior weiter. „Unabhängig von der Hautfarbe und Sprache, so dass er das ewige Leben durch den Glauben an Jesus Christus erlangt.

    Die ersten christlichen Denker waren davon überzeugt, dass es den Menschen frei steht, die Heilsgaben von Jesus anzunehmen oder eben auch abzulehnen. Der Mensch muss durch gerechte Taten seine Zugehörigkeit zum christlichen Glauben zum Ausdruck bringen. Unsere heutigen Kirchenlehrer verneinen den freien Willen des Menschen. Sie behaupten felsenfest, der Mensch werde ausschließlich durch die göttliche Gnade und durch seinen Glauben an Jesus Christus gerettet.

    Aufgrund dieser Lehren fühlen sie sich verpflichtet zu bestimmen: Gott habe gewisse Menschen ausgewählt im Besitz des Glaubens zu sein, um gerettet zu werden, unabhängig von ihren Werken."

    „Aber Prior, meldete ich mich zu Wort, „das würde ja bedeuten, unser ganz und gar lieber Gott trifft die Wahl, manche Menschen zu retten und andere zu verdammen, ohne die Taten und Werke und vor allen Dingen die Freiheit eines jeden zu berücksichtigen. „Ja, so muss man es verstehen. Nach der derzeitigen Lehre bedeutet das, dass sich Gott dem einen annimmt, die anderen aber der Macht des Teufels ausliefert. So gesehen, ist der Mensch ohne Macht, Gott dagegen allmächtig! Und hier muss ich wieder auf Erasmus zurückkommen. Erasmus ist vom freien Willen des Menschen überzeugt! Er sieht die Größe Gottes darin, einen freien Menschen erschaffen zu haben. Der Mensch zeigt seine Größe, indem er Gott aus freien Stücken annimmt, um an seinem Heil durch den Glauben aber auch durch seine Taten, mitwirken zu können. Die kirchliche Macht der Päpste will den Glauben aller bevormunden und verbündet sich mit der weltlichen Macht. Beide Mächte zusammen setzen diese Bevormundung gnadenlos durch.

    Ich habe dir heute diese Probleme ausführlich dargestellt, weil durch mein offenes Bekenntnis zu einer Glaubenserneuerung, die Tage unseres Klosters bald gezählt sein werden, meinte der Prior vielsagend. „Dir, mein junger Bruder empfehle ich, im nächsten Frühjahr das Kloster zu verlassen und dich auf hessischem Gebiet aufzuhalten. Den Winter über schicken wir dich nach Worms, wo wir eine Herberge betreiben. Dort in der Stadt, wirst du viel Neues erfahren. Das kann dir für dein weiteres Leben nur nützlich sein. Du triffst auf Handwerksgesellen, Fuhrleute, Kuriere, Viehtreiber, Bootsleute und vor allen Dingen Ordensbrüder, die dir die neuesten Nachrichten übermitteln können. Halte Augen und Ohren offen, nutze dein Wissen für dich, es kommen unruhige Zeiten auf uns zu. Nun aber geh, denke zuerst einmal in Ruhe darüber nach, was ich dir heute berichtet habe.

    Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich in Glaubensfragen keine Zweifel gehegt. Es gab nichts, was ich in Frage gestellt hätte. Doch jetzt, wo Jakob Alberich fest daran glaubte, der Mensch verdanke sein Heil zwar Gott, doch er wirkt durch seinen freien Willen und seine guten Taten mit, geriet ich ins Nachdenken. Mir wurde klar, dass ich nicht mehr genau wusste, was ich glauben sollte. Und je länger ich darüber nachdachte, fühlte ich mich den Ausführungen des Priors viel näher, als so manchem Bibelwort. Oftmals blieb mir der Sinn des geschriebenen Wortes sowieso im Dunkeln.

    Vielleicht sollte ich meinen Ziehvater bitten, mir die betreffenden Bücher einmal auszuleihen. Die Vorfreude, Worms mit seiner Geschäftigkeit zu erleben, ließ das Gespräch und die Vorahnungen des Priors, etwas in Vergessenheit geraten.

    Worms

    An einem schönen Herbsttag machte ich mich also auf den Weg. Ich trug unsere schwarze Ordenstracht mit dem Ledergürtel um die Hüfte, dem großen Schulterkragen und der tief in die Stirn reichenden Kapuze. Bruder Conz hatte mir ein Bündel mit allerlei nützlichen Kräutern gepackt, damit ich den langen Winter unbeschadet überstehen konnte. Einen Brief von Jakob Alberich an Bruder Heinrich, der der Herberge vorstand, fand sich zudem in meinem Beutel.

    Der Fußweg durch die hügelige Landschaft nach Eppelsheim war mir bekannt. Ich schritt kräftig voran. Das Laub der Weinreben begann sich schon zu färben. Danach folgte ich dem ausgetretenen Pfad nach Gundersheim. Unterwegs ließ ich mir ein paar reife Weintrauben auf der Zunge zergehen. Ein Weinbauer bat mich, auf seinem Hof einzukehren. An dem runden Ziehbrunnen konnte ich rasten und mich erfrischen. Die Bäuerin überreichte mir zum Abschied Leberwurstbrote als Wegzehrung. Ihr Mann begleitete mich noch ein Stück des Weges, bis der Fußweg entlang des Seebachs erreicht war. So konnte ich bequem hinunter zum Rhein gelangen.

    Um die Mittagszeit sah ich in der Ferne das silberne Band des Flusses schimmern.

    Der goldene Herbsttag zeigte mir die Schönheit der Landschaft.

    Schon bald stand ich am Ufer des Rheins. Ich brauchte nur dem Flusslauf zu folgen, um in die Stadt Worms zu gelangen.

    Kurz darauf gesellten sich weitere Wanderer hinzu, die von Seitenpfaden auf den Uferweg einbogen.

    Wir verfolgten alle ein gemeinsames Ziel, von dem aber noch nichts zu sehen war. Auf dem Fluss überholten uns Lastkähne. Freundlich winkten die Schiffsleute zu uns herüber. „Wohin des Wegs?, riefen sie. „Nach Worms, schallte es zurück. „An der nächsten Biegung könnt ihr die Stadt schon sehen, taten sie uns kund. Es dauerte auch nicht lange, als einer der Wanderer mit dem Finger nach vorne zeigte: „Seht, zwischen den Bäumen könnt ihr die Türme des Doms St. Peter zu Worms sehen. Mein Herz schlug vor Freude. Jetzt sah ich sie auch, die Türme der Bischofskathedrale, die uns aus der Ferne grüßten. Die Müdigkeit verschwand sofort aus den Beinen, den Rest des Weges legten sie von alleine zurück.

    Wir betraten die Stadt durch das südliche Stadttor und verabschiedeten uns fröhlich voneinander. „Ob ich den ein- oder anderen Wandergesellen wiedertreffen würde?", ging es mir durch den Kopf.

    „Eher unwahrscheinlich, dachte ich bei mir, „dafür sahen alle zu unterschiedlich aus. Die Herberge der Augustiner-Eremiten befand sich in der Stephangasse. Ich fragte einen Jungen der vor einem Haus fegte nach dem Weg. Er gab mir bereitwillig Auskunft.

    Damals wusste ich noch nicht, wie wichtig die Zeit in Worms für mich werden würde. Ortskenntnis, Gebräuche, wer wo in welcher Gasse wohnte.

    Vor allem, was sich rund um den Bischofssitz abspielte.

    Herberge der Augustiner

    In unserer Herberge ging es zu wie in einem Taubenschlag. Ein ständiges Kommen und Gehen. Tagsüber kam ich kaum zum Luftholen. Das Haus rein halten und die vielen Botengänge zwischendurch, hielten mich auf Trapp. Schon wegen der zusätzlichen Arbeitskraft, war ich dem Herbergsleiter herzlich willkommen. Bruder Heinrich, ein Mann Mitte fünfzig, mit flinken Augen und einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, lernte mich geduldig an. Mit seinem vorstehenden Bauch, den die Ordenstracht nicht verbergen konnte, hielt er sich lieber hinter dem Kochtopf auf, als in den Gassen der Stadt.

    Bei uns kamen alle unter, die ohne Pferd und Gefolge unterwegs waren. Zu den Landreisenden gesellten sich jene, die mit größeren oder kleineren Transport-Booten auf dem Rhein ihren Unterhalt verdienten.

    Von Anfang an legte Heinrich großen Wert darauf, mir Menschenkenntnis zu vermitteln. Unter die Reisenden mischten sich natürlich auch Betrüger und Diebe. Ganz schwer auszumachen die vielen Spitzel, die für alle möglichen Herren gegen Bezahlung herumschnüffelten. In einem Handelszentrum wie Worms, begegnete ich zudem Köchen, Handwerkern, Kaufleuten, Stallknechten, Würfelspielern, Wahrsagern und Spielleuten. Warum manche Frauen ein gelbes Band am Arm trugen, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar. Heinrich lehrte mich, wohin ich den ersten Blick auf einen Menschen lenken sollte und was ich daraus schließen konnte.

    Er hielt mich immer wieder an zwischen den Zeilen zu lesen, wenn jemand etwas zu Erzählen hatte.

    Damit nicht genug. Ihm war besonders wichtig, die Berichte der Zeitgenossen kritisch zu überdenken. So mancher Aufschneider fand sich unter den Gästen.

    Heinrich ließ mich die Menschen genau beobachten. Ihre Haltung, den Gang, die Gestik, ihre Physiognomie. „Auf diesem Gebiet, lernt man nie aus", nickte er vielsagend.

    „Schon mein Großvater sagte: Man wird so alt wie eine Kuh und lernt immer nach dazu. „Ein schöner Spruch, meinte ich, „mir bleibt noch genügend Zeit um ihn zu überprüfen."

    Die Gaststube der Herberge konnte als einziger Raum beheizt werden. Hier pulsierte am Tag das Leben. Heinrichs gute Stube war sorgfältig gebaut. Der Ofen stand mitten im Raum. Schwitzend hantierte er dort mit seinen Töpfen. Meistens gab es Suppe oder Brei, manchmal auch Gemüseauflauf. Mit meinem Wissen aus dem Kräutergarten, konnte ich häufig zum Gelingen der Speisen beitragen.

    Bruder Heinrich teilte sich mit mir eine Stube, direkt über dem Aufenthaltsraum gelegen. Unten in dem großen Raum schliefen die Gäste.

    Das einfache Leben war ich von Alzey gewohnt. So konnte ich mich im Haus schnell einleben. Was die städtische Betriebsamkeit anging, musste ich mich zuerst an den Lärm und Gestank gewöhnen. Um die Reinlichkeit auf den Straßen war es nicht gut bestellt. Die überwiegende Zahl der Bürger hielt sich nicht an die Verordnungen die es gab. Auf einem Schild las ich: Bürger, werft den Unrat Eurer Häuser nicht auf die Straße! Lagert den Mist nicht vor dem Haus Eures Nachbarn ab!

    Was aber außer der Menge an Abfällen noch zur Verunreinigung der Straßen beitrug, das besorgten die Gänse, Enten und Schweine, die in großer Anzahl frei herumliefen.

    Bruder Heinrich hielt Haus und Hof sauber. Er hatte sogar einen Abort eingerichtet.

    Zu meinen Aufgaben gehörte es, die Kübel jeden Morgen zu entsorgen. Dazu durfte ich nur durch bestimmte Gassen laufen, bis ich weit hinaus an den Rhein kam, um sie dort zu entleeren. Das half mir dabei, auch die weniger bekannten Wege zu erkunden, die schnell aus der Stadt heraus führten. Mein morgendlicher Gang lenkte mich notgedrungen an dem städtischen Frauenhaus vorbei. Jetzt verstand ich, warum ich in der Stadt junge Frauen mit dem gelben Armband gesehen hatte. Die ehrbaren Frauen legten starken Wert darauf, nicht mit dem Abschaum verglichen zu werden. Dabei nutzte so mancher Ratsherr oder Kleriker die Dunkelheit, um den Dirnen seinen Besuch abzustatten.

    Ich war einer der wenigen mit dem sie in der Öffentlichkeit reden durften.

    Als Seelsorger konnte ich oft genug Trost spenden. Auch meine Heilkräuter nahmen sie gerne in Anspruch. Die Neuigkeiten, die ich von den jungen Frauen erfuhr, behielt ich alle für mich. Wenn die hohen Herren gewusst hätten, wie sie von den Dirnen durchschaut wurden, wäre wohl so mancher Ablassbrief zusätzlich gekauft worden. Alles in Allem erlangte ich innerhalb und außerhalb der Stadt genaue Ortskenntnis, weil ich überall unbehelligt hingehen konnte. Einzige Ausnahme, das Gelände um die Bischofskathedrale. Meine innere Stimme hielt mich davon ab, diesen Bereich näher in Augenschein zu nehmen.

    Diese Erfahrungen mit den Stadtmenschen riefen mir immer häufiger das letzte Gespräch mit Prior Johann Alberich in Erinnerung. Die Abkehr von der Welt, die der christliche Glaube bot, fiel den Leuten nicht schwer. Zumal die Botschaft vom Jenseits Trost gewährte und dem Leben einen tieferen Sinn verlieh. Jedoch wie Kinder, die gerne und mit offenem Herzen, den ihnen unverständlichen Worten Erwachsener lauschen, unterlagen sie dem Zauber des Glaubens. Die Freude von der irdischen Liebe zum Leben mussten sie verdrängen, um den Forderungen der Glaubenslehre gerecht zu werden.

    Stärker als alle anderen Gefühle war die Angst, die Angst vor Strafe im Jenseits, vor der Hölle. Im Brennpunkt ihres Daseins stand der Gedanke, dem Höllenfeuer zu entfliehen. Daneben hielt sich fast ebenso stark, die Sehnsucht nach den Wonnen des Himmels, wo es kein Fegefeuer gab. Nicht minder schwierig stellte sich das Problem dar, das Seelenheil zu erlangen. Was lag da näher, als auf eigene Verantwortung zu verzichten und die rettende Hand der Kirche zu ergreifen. Denn die hatte alles bereits vorbedacht und von vorneherein nach Regeln bestimmt, was dem Bösen einen Riegel vorschiebt. Bei frohen, wie bei traurigen Anlässen, überall war alles festgelegt. Jedes Gesetz, jede noch so kleine Lebensregel hatte auch eine gewisse symbolische Bedeutung. Der eigenen, der freien Eingebung musste man allenthalben misstrauen. Den Schutz der Kirche annehmen und sich anlehnen, ja das wurde angestrebt. Denn das Jüngste Gericht, der Tag des Zorns, schwebte als Vision über ihnen.

    Die Kirchenväter predigten bedingungslosen Autoritätsglauben und Grausamkeit Andersgläubigen gegenüber.

    Ich konnte meinen Prior immer besser verstehen, warum er sich von den Dogmen der katholischen Kirche abwandte. Ich begriff, warum die Augustiner-Eremiten einen neuen Weg gehen mussten.

    In den ersten drei Monaten konnte ich das Leben in der Stadt und seine Menschen hinreichend kennen lernen. Manche Tage vergaß ich schon die Mönchskutte anzuziehen.

    Mein Haupthaar war gewachsen. Es gab niemanden, der sich daran störte. Noch nicht einmal Bruder Heinrich schien es zu bemerken. Dann kamen die langen Winterabende.

    Ich wurde ein guter Zuhörer. Einige weitgereiste Herbergsgäste mussten länger verweilen und hatten viel zu erzählen. Mönche, die in ganz Europa herumgekommen waren berichteten, dass man überall Ablassbriefe erwerben konnte, um sich von den Sünden frei zu kaufen.

    Die Gelder sollen allesamt nach Rom zu Papst Leo X. geflossen sein, um den Petersdom weiter bauen zu können. Mit einem Peterspfennig werde zusätzliches Geld eingezogen. Wieder ein anderer versicherte, der Kurfürst von Sachsen habe einem Dominikanermönch verboten, in seinem Land Ablasshandel zu treiben.

    Der Winter gestaltete sich milde und in der Herberge gab es für die wenigen Gäste nicht allzu viel zu tun. Die Bettelmönche lebten anspruchslos. Tagsüber sorgten sie für sich, nur abends und nachts suchten sie die warme Stube auf. Ich verbrachte die überwiegende Zeit mit dem Lesen der Paulusbriefe, die mir Bruder Heinrich überlassen hatte.

    Im Frühjahr des Jahres 1518 erschien ein Augustiner in der Herberge, der Unfassbares berichtete. Danach soll in Wittenberg im vergangenen Oktober, ein Mönch mit Namen Martin, 95 Thesen gegen den Ablasshandel öffentlich zur Disputation gestellt haben.

    Sogar einen Brief an den Erzbischof zu Mainz, Albrecht zu Brandenburg, habe er überbringen lassen. Darin soll es heißen: Wenn der Papst von den Erpressermethoden der Ablassprediger wüsste, sähe er lieber den Petersdom in Asche sinken, als dass er mit Haut, Fleisch und Knochen seiner Schafe erbaut würde.` Seine Thesen könnten bereits als Einblattdrucke in Deutschland unterwegs sein. Dabei werde nicht nur der Ablasshandel angesprochen, sondern eine grundlegende Reform der katholischen Kirche an Haupt und Gliedern gefordert. Als Reaktion darauf, sandte Kardinal Albrecht eine Anzeige gegen Bruder Martin nach Rom zu Papst Leo X.

    „Und wisst ihr, was Bruder Martin besonders erzürnt hatte", sagte der Augustiner im Flüsterton, „der von Brandenburg wurde schon als Jüngling zum Erzbischof von Magdeburg bestellt. Er war damals gerade mal 23 Jahre alt. Sein Bruder versteht ihr, war der Kurfürst Joachim und das genügte dann wohl. Schon ein Jahr danach konnte sich Albrecht Erzbischof von Mainz nennen. Zornig meinte Martin, der müsste einen ganzen Pferdestall mit den besten Reitpferden besitzen, um die Seelsorge in beiden Bistümern gottgefällig ausüben zu können. Neben dem Gebiet um Magdeburg gehörte nun Halberstadt zu seinen Besitztümern. Damit war er dreifacher Seelsorger. Konnte so etwas der Papst bestätigen?

    Der Heilige Vater musste doch wissen, dass das kanonische Recht eine solche Kumulierung verbietet.

    Was aber kam aus Rom? Gegen eine zusätzliche Zahlung von zehntausend Dukaten würde der Papst beide Augen zudrücken. Wo solle er das viele Geld hernehmen, klagte Albrecht nach Rom. Das Bistum Mainz hatte in zehn Jahren dreimal gewechselt und jedes Mal vierzehntausend Dukaten an den Vatikan überführt.

    Ein Vorschlag zur Güte, ließ Rom verlautbaren. Wir übergeben euch den Vertrieb des Petersablasses für eure Länder, halb und halb, versteht ihr? Die Fugger schießen euch so gegen acht Prozent das Geld vor, begreift ihr? So schrieb der Papst.

    Das war der Freibrief für den Dominikaner Tetzel. Und der machte sich an die Arbeit.

    Zwar durfte er bei uns im Wittenbergischen nicht umherziehen, aber anderswo rissen sie ihm die Ablassbriefe aus den Händen."

    Abschied von Kloster Alzey

    Vollgestopft mit Wissen und Können und Erfahrungen, kehrte ich zu Ostern 1518 nach Alzey zurück.

    Ich berichtete meinen Brüdern eingehend und wahrheitsgetreu meine Erlebnisse.

    Mit Abscheu nahmen sie zur Kenntnis, was ich von der Lebensführung der Adligen und den hohen Kirchenmännern zu erzählen wusste. Die Brüder konnten nicht begreifen, dass die Herren sogar während der Fastenzeit ihre Fress-und Saufgelage feierten. Besonders schockiert zeigten sie sich, nachdem sie meine Schilderung der Begebenheiten im Frauenhaus vernommen hatten. Der Prior gebot mir Einhalt: „Genug Bruder Konrad, es ist genug, lass uns lieber Einkehr halten und für diese armen Seelen beten."

    Ich selber war mit mir nicht mehr im Reinen, war verunsichert, wie und was ich glauben sollte. Die Frage nach dem Heil beunruhigte mich Zusehens. Ich fragte mich, ob mein Schicksal feststehe oder ob ich frei sein konnte und daher einstehen musste für meine Taten. Ich wollte für mein Leben vollständig die Verantwortung übernehmen.

    Mit Prior Jakob Alberich führte ich diesbezüglich lange Gespräche. Ich kam zu dem Ergebnis, dass ich mein Heil Gott verdanke. Doch ich wollte daran persönlich mitwirken. Mein freier Wille, meine freien Entscheidungen, meine guten Taten, das war es, was ich einbringen wollte.

    Das Leben im Kloster Alzey veränderte sich merklich. Die Auswirkungen der weltlichen Ereignisse konnten von den Klostermauern nicht aufgehalten werden. Sie sorgten für die schrittweise Auflösung unseres Augustinerkonvents. Der Pfalzgraf legte uns nahe, nach und nach das Kloster zu verlassen. Wir sollten uns anderen Einrichtungen anschließen.

    Mir fiel die Entscheidung im Sommer 1519, nicht schwer. Ich wollte mein Leben in die eigene Hand nehmen.

    Mein Abschied war gut vorbereitet. Der Prior schenkte mir neben philosophischen Schriften auch eine Wegebeschreibung aus dem Fundus des Klosters Lorsch, die mir Pfade und Fortbewegungsmöglichkeiten erklärte, auf denen sich die Mönche von alters her zurechtgefunden hatten. „Einige dieser Pilgerwege sind in Vergessenheit geraten", erklärte er mir, „besonders der sogenannte Lorscher Pfad, wird dir sehr nützlich sein. Ich bin sicher, dass du ihn findest.

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