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Mord alla Marinara
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eBook311 Seiten3 Stunden

Mord alla Marinara

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Über dieses E-Book

Little Italy, 1946 – Während Sophia Mancini und ihr Bruder Angelo die Eröffnung ihres Detektivbüros feiern, wird der aufbrausende Küchenchef Vincenzo Moretti erstochen. Statt der wunderbaren Marinarasoße ist nun Mord in aller Munde.

Weder seine Witwe Stella noch sein Geschäftspartner Eugene scheinen über seinen Tod besonders traurig zu sein, aber damit nicht genug der Verdächtigen...

Ehe sie sich versieht, ist Sophia auf den Spuren des Gangsterbosses Frankie Vidoni, seiner aufmüpfigen Geliebten Maria und seines wortkargen Handlangers Mooch DiMuccio.

Ganz zum Leidwesen ihrer italienischen Großfamilie lässt Sophia auf ihrer Suche nach dem Mörder keine Gelegenheit aus, Gespräche zu belauschen, unaufhörlich Fragen zu stellen und sich somit in die eine oder andere Gefahr zu begeben.

SpracheDeutsch
HerausgeberBon Accord Press
Erscheinungsdatum26. Nov. 2022
ISBN9798215500743
Mord alla Marinara
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    Buchvorschau

    Mord alla Marinara - Caroline Mickelson

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    Copyright 2012 Caroline Mickelson. Veröffentlicht durch Bon Accord Press

    Alle Rechte vorbehalten. Ohne Einschränkung der oben genannten Urheberrechte darf kein Teil dieser Veröffentlichung vervielfältigt, in einem Datensystem gespeichert oder eingetragen werden, oder auf jegliche Art und Weise (elektronisch, mechanisch, durch Fotokopien oder Aufnahmen oder anderweitig) ohne die vorherige schriftliche Erlaubnis des Urhebers und des oben erwähnten Herausgebers dieses Buches weitergeleitet werden.

    Mit viel Liebe

    meinem Großvater gewidmet,

    Raymond J. Minchella

    ~

    Als Sohn italienischer Einwanderer

    war er ein Familienmensch,

    stolz, Amerikaner zu sein

    und ein herzensguter Mensch.

    Kapitel 1

    „Mord ist unsere beste Option. Sophia Mancini schob ihren Teller kalter Nudeln zur Seite. Mord war im Moment das Einzige, das sie interessierte, keine Marinara. „Ich habe es mir gründlich überlegt, Angelo. Wir müssen das definitiv auf unsere Liste setzen.

    Ihr älterer Bruder seufzte leise und rieb sich die Augen. „Mord ist so kompliziert. Es gibt viele Details, die bedacht werden müssen, und du weißt, dass mich das zu Fall bringen wird."

    „Ich werde da sein. Sophia reichte über den Tisch und drückte seine Hand. „Wenn du nicht zurück zur Polizei gehen kannst, ist das die beste Option. Ich werde mich um die Details kümmern, bis du übernehmen kannst, und keiner wird davon erfahren.

    „Du wirst also der Kopf des Ganzen sein? Und was ist dann meine Rolle? Schön aussehen?" Er stand vom Tisch auf, der Frust stand ihm ins Gesicht geschrieben.

    Sophia schenkte sich und ihrem Bruder Chianti nach. „Verkauf dich nicht unter deinem Wert. Vor dem Krieg warst du ein angesehener Polizeibeamter und jeder hier in Little Italy weiß das. Sie nahm einen Schluck und stellte das Weinglas schnell zur Seite. Der sonst so reichhaltige Wein schmeckte bitter. Sophia wusste, dass das nur an den Sorgen liegen konnte, die an ihr nagten. „Die Nazis sind schuld an deinen Verletzungen, nicht du. Aber es ist deine Schuld, wenn du dich nicht hinsetzt, dich konzentrierst und mir hilfst, uns aus diesem Chaos zu befreien.

    Sie wartete kurz, während er sich wieder setzte. Er leerte sein Weinglas in einem Zug und schenkte sich gleich ein neues ein, ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er sich ebenso sorgte wie sie. Angelo trank für gewöhnlich nicht viel. Aber er befand sich in einer misslichen Situation und war drauf und dran, alles zu verlieren, was ihm am Herzen lag, wenn sie nicht innerhalb der nächsten zwölf Stunden einen Plan hatten.

    „Gehen wir noch einmal durch, was wir schon haben."

    „Raub, Einbruch, Erpressung, das Übliche. Aber Mord würde unseren Ruf sicherlich noch verbessern. Ihre Blicke trafen sich und Sophia zwinkerte ihrem Bruder zu. „Und alle hätten etwas, über das sie reden könnten.

    Angelo sprang nicht auf ihren Versuch an, etwas Humor in die Unterhaltung zu bringen. Der ernste, traurige Mann, der ihr gegenüber saß, hatte nichts mehr von dem jungen, glücklichen und zuversichtlichen Menschen, der vor fünf Jahren ein Schiff betreten hatte, um an der Seite der Alliierten zu kämpfen. Er war seit vier Monaten wieder zuhause und kämpfte noch immer mit den Auswirkungen einer Kopfverletzung, die sein Kurzzeitgedächtnis ausgelöscht hatte und damit seine Fähigkeit, sich an Details zu erinnern.

    Er ging als verheirateter Mann mit einer wunderschönen jungen Frau, die er über alles liebte und die ein Kind von ihm erwartete. Zurückgekommen war er als Witwer.

    Das, was Angelo noch geblieben war, stand nun auf der Kippe. In nur zwölf Stunden mussten sie vor Gericht erscheinen, um das Sorgerecht für seinen Sohn zu erkämpfen.

    Er brauchte einen Plan für sein neues Leben, der den Richter davon überzeugen würde, dass Luciano am besten bei ihnen bleiben sollte.

    „Sehen wir den Tatsachen ins Auge, Sophia, die Burkwaites haben weitaus mehr Macht und Geld, als wir je haben werden."

    Angelos Augen füllten sich mit Tränen und in Sophia machte sich Wut breit.

    Sie griff nach dem Arm ihres Bruders und schüttelte ihn verzweifelt, um ihn aus seiner Traurigkeit zu wecken. Seine Hilflosigkeit machte ihr mehr Angst als ihre eigene Wut.

    „Hör mir zu, Angelo, Charlottes Familie verfügt über das nötige Geld und die Macht, um uns zu bedrohen, das stimmt. Aber wir können Luciano all die Liebe und Hingabe geben, die er braucht. Er ist dein Sohn, Angelo. Er braucht dich."

    Sie hielt den Atem an und wartete auf seine Antwort. Eine einsame Träne kullerte über seine Wange.

    „Du musst nur etwas Geduld haben, bis du wieder bei der Polizei anfangen kannst, fuhr sie fort. „Bis dahin schaffst du das. Wir schaffen das.

    „In Ordnung, Sophia, du hast gewonnen. Angelo richtete sich auf. „Ich werde alles dafür tun, dass Luciano bei uns bleiben kann.

    Er füllte sein Weinglas auf und erhob es.

    Sophia lächelte und erhob ihres ebenso.

    Alla famiglia", stießen sie an. Auf die Familie.

    „Du wirst mich bei jedem Schritt begleiten?"

    Sie nickte. „Wie immer, Angelo, werde ich an deiner Seite sein. Oder…, jetzt, da es wieder aufwärts ging, konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, ihn zu ärgern, „einen Schritt voraus.

    „Und mit deinem Plan können wir verhindern, dass die Burkwaites das Sorgerecht bekommen?"

    „Das Sorgerecht werden sie nur über meine Leiche bekommen."

    „Dann hoffen wir mal, dass es nicht so weit kommen wird. Er schenkte ihr ein Lächeln, das sie an den sorglosen Bruder und besten Freund erinnerte, der er vor dem Krieg gewesen war. „Dann erklär mir deinen Plan noch einmal von Anfang bis Ende. Er griff nach Notizblock und Stift. „Du sprichst, ich schreibe."

    Sophia lächelte. „Weißt du, Angelo, diese Mordsache klingt sogar nach Spaß, wenn wir das richtig anstellen."

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    „Erheben Sie sich für Euer Ehren, Richter Mathias Hellerman."

    Sophia erhob sich gemeinsam mit den fünf anderen Personen im Gerichtssaal. Während der Richter gemächlich seine Robe zurechtrückte und sich in seinen Sessel setzte, beobachtete Sophia die Burkwaites aus den Augenwinkeln. Ihr ruhiges Auftreten nach außen raubte ihr den letzten Nerv. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf das Portrait des Präsidenten Truman über dem Richter. Sie musste einen klaren Kopf bewahren.

    Immerhin ging es um alles oder nichts.

    Während der Richter seine Notizen durchging, beobachtete sie ihren Bruder. Angelos grauer Anzug war zu groß und verlieh ihm ein leicht zerzaustes Aussehen. Warum war ihr das zuhause nicht aufgefallen?

    Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, Angelos Kriegswunden wären sichtbar. Ein amputiertes Bein wäre so viel nachvollziehbarer, aber sein Verstand war angegriffen worden, nicht seine Beine. Der Mann mit den dunklen Ringen unter den Augen und dem ständigen Ausdruck von Sorge auf dem Gesicht hatte kaum noch Ähnlichkeit mit dem gesunden, lebensfrohen Bruder, der sich nur ein paar Tage nach Pearl Harbor bei der Armee gemeldet hatte.

    Sie verfluchte Hitler für alles, das er ihrem Bruder angetan hatte und die Burkwaites dafür, was sie ihm nun antun wollten. Sophia ballte ihre Hände zu Fäusten und versuchte, sich auf die Fragen des Richters an die Burkwaites zu konzentrieren.

    „In Ihrem schriftlichen Antrag für das Sorgerecht führen Sie die Befürchtung an, dass Ihr Enkelsohn Luciano physischer Gewalt ausgesetzt sein könnte, wenn er bei seinem Vater bleibt. Der Richter sah über den Brillenrand zu Charles Burkwaite, Charlottes Vater. „Wurde das Kind tätlich angegriffen? Ich finde keinen Vermerk darüber, dass dies bisher der Fall hätte sein können.

    „Wenn ich darf, Euer Ehren. Mr. Burkwaite stand auf und wartete das zustimmende Nicken des Richters ab, bevor er fortfuhr. „Wir nennen unseren Enkel Lucas und verwenden nicht seinen italienischen Spitznamen.

    Sophia knirschte mit den Zähnen. Spitzname? Sie traute ihren Ohren nicht. Die Geburtsurkunde besagte unmissverständlich Luciano Angelo Mancini.

    „Wir glauben, dass jede Stunde, die Lucas in diesem Haus verbringt, ihn weiteren Gefahren aussetzt. Sein Vater ist nicht imstande, für ein Kind zu sorgen. Wir sind tatsächlich davon überzeugt, dass Mr. Mancini ein stationärer Aufenthalt in einer psychiatrischen Einrichtung sehr zugute kommen würde. Die zwei einzigen anderen Erwachsenen im Haus sind Mr. Mancinis altledige Schwester und sein betagter und seniler Großvater. Wir sind überzeugt, dass keiner von ihnen in der Lage ist, sich gebührend um unseren Enkel zu kümmern."

    Altledig? Es war nicht ihre Schuld gewesen, dass ihr Verlobter Antonio Cuccio in Paris eine Frau kennengelernt hatte, die ihm genügend Uh là là zugeflüstert hatte, dass er sie vom Fleck weg geheiratet und Sophia per Feldpost verlassen hatte. Ja, sie war 23 und unverheiratet, aber in den letzten fünf Jahren waren heiratsfähige Männer rar geworden.

    Und Opa senil? Lächerlich. Sanft, großzügig, liebevoll und immer noch so klar bei Verstand, dass sich Charles Burkwaite besser in Acht nahm, das war Opa.

    „Mr. Burkwaite, das Gericht spricht Ihnen aufrichtiges Beileid für den Verlust Ihrer Tochter Charlotte aus, sagte der Richter. „Nichtsdestotrotz müssen Sie eindeutige Beweise dafür anführen, dass Ihr Enkel vernachlässigt wird, ansonsten muss ich Ihren Antrag abweisen.

    „Niemand in diesem Haushalt kann eine Anstellung vorweisen. Lucasʼ Vater ist nicht arbeitsfähig und Miss Mancini hat vor einem Monat ihren Job gekündigt." Charles Burkwaite drehte sich zu Sophia.

    Sie setzte zu einer Antwort an, sah aber aus den Augenwinkeln, wie Angelo den Kopf schüttelte. Er kannte sie nur zu gut. Sie hätte beinahe an Burkwaites Köder angebissen. Ihr Instinkt wollte, dass sie sich verteidigte und erklärte, dass sie ihren Job nur gekündigt hatte, damit ein Veteran ihn zurückhaben konnte, aber sie musste darauf vertrauen, dass der Richter das bereits wusste. Sie war zurzeit nicht die einzige Frau ohne Anstellung. Sie kniff die Lippen zusammen und beschloss, nichts zu sagen. Zumindest für den Moment.

    Charlottes Vater richtete erneut das Wort an Richter Hellerman. „Meine Frau und ich befürchten, dass die Nachbarschaft der Mancinis bestenfalls als fragwürdig bezeichnet werden kann. Angesichts des fehlenden Einkommens, der psychischen Verfassung der Erwachsenen und deren unsicherer Nachbarschaft sind wir der Auffassung, dass Lucas bei uns aufwachsen sollte, so wie seine Mutter es gewollt hätte."

    Sophia sprang auf. Der letzte Ort, den Charlotte für ihren Sohn ausgesucht hätte, wäre bei ihren versnobten, distanzierten und hinterhältigen Eltern.

    „Euer Ehren, wenn ich ..."

    „Setzen Sie sich, bis Ihnen eine Frage gestellt wird, junge Dame."

    Sophia setzte sich schweren Herzens wieder hin und mied den Blick ihres Bruders. Sie spürte, wie ihre Wangen glühten, ihr Respekt vor der Macht des Richters hielt sie aber zurück.

    „Kein Wort mehr von niemandem in diesem Raum, außer er wird dazu aufgefordert. Habe ich mich klar ausgedrückt? Er sah jeden einzelnen an und wartete auf einen Widerspruch, den sich niemand traute auszusprechen. „Wir verhandeln hier einen Sorgerechtsfall und keinen Kriminalfall, also sparen Sie sich das Drama. Es geht um die Zukunft eines jungen Kindes, weshalb dieses Verfahren äußerst bedeutend ist.

    Das stetige Ticken der Wanduhr war das einzige Geräusch, das sich dem Befehl des Richters entgegensetzte.

    Richter Hellerman beugte sich wieder über seine Akten und machte sich immer wieder Notizen. Nach einigen Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, blickte er auf. Sein Blick glitt über den Gerichtssaal, während er beide Familien studierte, die das Sorgerecht für Luciano beantragt hatten.

    Luciano. Sie würde alles für diesen Jungen tun, den sie liebte, als wäre es ihr eigener Sohn. Von dem Tag an, an dem seine Mutter verstorben war, hatte Sophia ihm ihr Leben gewidmet.

    „Ich habe noch einige Fragen, bevor ich zu einer Entscheidung komme, durchbrach die Stimme des Richters die Stille. „Mr. Mancini, er hob beschwichtigend seine Hand in die Höhe und sah Sophia unvermittelt an, „und nur Mr. Mancini, bitte beantworten Sie mir noch ein paar Fragen zu Ihren Verletzungen."

    Angelo stand auf. „Ja, Euer Ehren."

    Voller Stolz blickte Sophia ihren Bruder an. Angelo strahlte eine stille Würde aus, die sich die Burkwaites besser zum Vorbild nehmen sollten.

    „Wie ich hier lese, haben Sie sich in Europa Verletzungen zugezogen", begann der Richter.

    Angelo nickte.

    „Können Sie mir kurz erklären, wie schwerwiegend diese sind?"

    „Körperlich habe ich mich gut erholt, Euer Ehren, sagte Angelo mit fester Stimme. „Jedoch ist aufgrund einer Kopfverletzung, die ich mir zugezogen habe, als mein Flugzeug abgeschossen wurde, mein Kurzzeitgedächtnis beeinträchtigt. Da die Nazis große Teile Skandinaviens besetzten, mussten wir zuerst nach England zurück, um medizinische Hilfe zu bekommen.

    „Zweifelsohne ein qualvolles Erlebnis, sagte Richter Hellerman, verschränkte die Arme vor seiner Brust und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Bitte fahren Sie fort.

    „Da ich mir auch einen Arm gebrochen hatte, konnte ich keinen aktiven Flugdienst mehr antreten. Mein Offizier hat mich daraufhin einem unterstützenden Posten zugewiesen."

    „Trotz Ihrer Kopfverletzungen?" Richter Hellerman sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

    „Wir waren so knapp besetzt, dass es sogar mit einem Gipsarm unzählige Aufgaben für mich zu erledigen gab. Außerdem war zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz klar, wie schwerwiegend meine Kopfverletzung war. Sie müssen wissen, dass meine kognitiven Fähigkeiten intakt sind, erklärte Angelo, „aber ich habe Schwierigkeiten mit dem Erinnern von Details. Ungefähr 50 Prozent von dem, was ich höre, kann ich mir nicht auf Anhieb merken.

    „Gab es gewalttätige Vorfälle?"

    „Nein, Euer Ehren."

    „Können Sie sich gut an Ihre Ehefrau erinnern?"

    „An jeden Augenblick, den wir zusammen verbracht haben, Euer Ehren." Angelos Stimme war emotionsgeladen.

    Sophia spürte, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen.

    „Sie sind also in der Lage, ein Fahrzeug zu lenken und stellen keine Gefahr für Menschen in Ihrer Umgebung dar, ist das richtig so?"

    „Ja, Euer Ehren."

    Richter Hellerman nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen.

    Hoffnung machte sich in Sophia breit. Bitte, bitte, bitte, betete sie innerlich, bitte lass diesen Menschen die richtige Entscheidung treffen. Es mochte nicht die Art von Gebet sein, die ihr die Nonnen von St. Catherine beigebracht hatten, aber es kam durch und durch von Herzen.

    Stille erfüllte den Gerichtssaal. Sophia schaffte es nur mit Mühe und Not stillzusitzen. Die Neugier nagte an ihr, wie Lucianos Großeltern mütterlicherseits wohl der sich ewig ziehenden Überlegungszeit des Richters standhielten, aber sie zwang sich, weiter geradeaus zu schauen und sich nicht zu ihnen zu drehen.

    Ihr Bruder stand weiterhin ruhig vor dem Richter und wartete auf die nächste Frage. Sie bewunderte sein gefasstes Auftreten. Die Fähigkeit, seine Gefühle in Schach zu halten, hatte er sicherlich während seiner Ausbildung zum Polizisten gelernt und vielleicht auch während des Militärtrainings, aber sie war sich sicher, dass er genauso nervös war wie sie.

    Wie viel Zeit würde der Richter noch brauchen, um seine Notizen durchzugehen? Als er sich endlich räusperte, schoss Sophia regelrecht in die Höhe.

    „Leeren Sie den Gerichtssaal, wies er den Gerichtsdiener an. „Mr. Mancini, Sie setzen sich bitte. Ich würde Ihnen gerne noch ein paar Fragen zum Geschäftsplan stellen, den Sie eingereicht haben.

    Zu Sophias Genugtuung sah sie, wie Charles Burkwaite vor Wut dunkelrot anlief. „Euer Ehren, ich möchte ebenfalls mehr über das Unternehmen von Mr. Mancini erfahren", sagte er.

    „Sie sind nicht derjenige, der über die Pläne von Mr. Mancini in Kenntnis gesetzt werden muss. Warten Sie vor dem Saal, bis ich Sie aufrufe."

    Sophia stand auf und nahm ihre Unterlagen und Handschuhe.

    „Miss Mancini, seien Sie so freundlich, sich zu Ihrem Bruder zu gesellen."

    „Ja, Euer Ehren." Aus den Augenwinkeln sah sie, wie die Burkwaites, gefolgt vom Gerichtsdiener, den Saal verließen.

    Lucianos Großvater mütterlicherseits hatte Macht, Reichtum und unsagbaren Einfluss in Harrison Heights, so viel stand fest. Aber was ihm fehlte, war die tiefe und bedingungslose Loyalität der Freunde und Familie in Little Italy, was ihn im Grunde zu einem armen Mann machte. Vielleicht war ihm nicht bewusst, was für ein liebevolles, unterstützendes Umfeld und reichhaltiges Erbe Luciano entgehen würde, wenn er ihn ihnen wegnehmen würde.

    Oder vielleicht war es ihm bewusst ‒ und das war genau der Grund, warum sie das nicht zulassen würde.

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    Zwanzig lange Minuten und schwierige Fragen später bat Richter Hellerman die Burkwaites wieder in den Gerichtssaal. Er wartete, bis alle Platz genommen hatten, bevor er zu sprechen begann.

    „Ich habe eine vorläufige Entscheidung über das Sorgerecht von Luciano Mancini getroffen."

    Sophia griff nach Angelos Hand und drückte sie fest, ihr Puls raste. Sie atmete tief ein.

    „Ich gebe zu, auf dem Papier sind die Burkwaites zweifelsohne der ideale Ort, um Luciano die bestmöglichen Lebensumstände zu bieten."

    Auf dem Papier. Das klang vielversprechend. Sophia atmete aus.

    „Heute Morgen vor der Verhandlung war ich tatsächlich geneigt..."

    War, war, war. War ich geneigt. Hoffnung machte sich in Sophia breit.

    „...das Sorgerecht den Großeltern mütterlicherseits zuzusprechen. Nun aber, da ich Mr. Mancini persönlich kennengelernt habe, steht für mich außer Frage, dass er auf das Wohl seines Sohnes bedacht ist. Es bestehen weiterhin Zweifel und offene Fragen über Mr. Mancinis gesundheitliche Verfassung, ich bin jedoch der Überzeugung, dass unseren Veteranen die Gelegenheit geboten werden sollte, sich wieder in das gesellschaftliche Leben zu integrieren. Ihr Dienst für unser Land und alle daraus resultierenden Verletzungen sollten nicht gegen sie verwendet werden."

    Der Richter machte eine lange Pause und blickte jeden der Anwesenden eingehend an. Sein Blick blieb an Charles Burkwaite hängen, der, wie Sophia trocken feststellte, nicht einmal den Anstand besaß, sich zivilisiert zu zeigen. Sie nahm an, dass ihnen das zugutekommen würde.

    „Aus diesem Grund entscheidet das Gericht, dass Luciano für 30 weitere Tage in der Obhut seines Vaters bleiben wird, jedoch nur unter ein paar Bedingungen."

    Bedingungen. Sophia warf Angelo einen flüchtigen Blick zu, konnte seinen Blick aber nicht lesen.

    „Meine erste Bedingung ist, dass Miss Mancini im Haushalt bleibt und ihren Bruder bei allen elterlichen Pflichten unterstützt. Er sah Sophia an. „Sind Sie bereit, dieser Verpflichtung nachzukommen, Miss Mancini?

    „Mit ganzem Herzen, Euer Ehren."

    „Bedingung Nummer Zwei: Eine vom Gericht beauftragte Fürsorgerin, Miss Featherstone, er nickte in Richtung einer Frau, die im hinteren Teil des Gerichtssaals Platz genommen hatte, „wird in regelmäßigen Abständen nach dem Jungen sehen. Sie wird mir ihre Berichte über das Wohlergehen von Luciano übermitteln. Habe ich mich klar ausgedrückt?

    Angelo nickte stumm.

    „Meine dritte Bedingung ist, dass Mr. Mancini weiterhin täglich seinen Arzt konsultiert, damit dieser seinen geistigen Zustand überwacht. Ich möchte die Ergebnisse vorliegen haben, bevor neu verhandelt wird. Stimmen Sie dieser Bedingung zu, Mr. Mancini?"

    Angelo nickte erneut. „Ja, Euer Ehren."

    „Sehr gut. Meine letzte Bedingung ist, Mr. Mancini, dass Sie und Ihre Schwester bis in 30 Tagen aussagekräftige Beweise dafür vorlegen, dass Ihr Unternehmen gut angelaufen ist. Im Speziellen bedeutet das, dass ich eine Auflistung der täglichen Geschäfte verlange, mit verrechneten Arbeitsstunden in Höhe von einhundert Dollar pro Woche."

    Sophias Herz machte einen Satz. Sie mussten jede Woche einhundert Dollar verdienen? Und ihr privates Ermittlungsbüro binnen 30 Tagen aus dem Boden stampfen? Einen Kundenkreis aufbauen? Einen Fall lösen? Sie biss sich auf die Unterlippe.

    „Dann kann sich das Gericht einen besseren Eindruck davon verschaffen, ob Sie in der Lage sind, ein regelmäßiges Einkommen zu gewährleisten. Er sah eindrücklich auf das Geschwisterpaar hinunter. „Es liegt nun an Ihnen zu beweisen, dass Sie für Luciano sorgen können. Wenn das Gericht nach Ablauf der Frist nicht davon überzeugt ist, werde ich das Sorgerecht den Burkwaites übertragen müssen, so sehr ich auch Ihr persönliches Leid verstehen kann. Ist Ihnen das bewusst?

    Angelo willigte ein und auch Sophia nickte zustimmend. Dreißig Tage. Das würde nie reichen. Aber sie hatten keine Wahl.

    Kapitel 2

    Mit dem Tag, an dem bekannt wurde, dass die Mancini-Ermittlungsagentur eröffnet worden war, schoss die Kriminalitätsrate in Little Italy regelrecht in die Höhe. Noch am selben Tag wurde Mrs. DiEsprios rosafarbener Lieblingsrosenkranz aus Kristall aus ihrer Kommode entwendet. Sophias Angebot, am nächsten Tag vorbeizusehen und Mrs. DiEsprio zu helfen, die Schubladen durchzugehen, reichte anscheinend bereits aus, das Rätsel zu lösen. Nur ein paar Stunden, nachdem sie das Sandsteinhaus der Mancinis mit einem Beleg für die Erstberatung verlassen hatte, rief sie Sophia an, um zu berichten, dass der Rosenkranz wieder aufgetaucht war. Oh, welch ein Wunder.

    Ihr erster Fall war binnen Stunden gelöst, dennoch war das nicht die Herausforderung, die sich Sophia gewünscht hatte.

    Nach mehreren ähnlichen, wenig überzeugenden Fällen betrat Giuliana Conti die Agentur. Mrs. Conti wollte ihren Mann überwachen lassen, da sie vermutete, dass er ihr untreu war.

    „Ich kann nicht glauben, dass es mit uns so weit gekommen ist, schluchzte sie in ihr parfümiertes Taschentuch. „Nach so vielen Ehejahren... Ich habe diesem Mann sechs Kinder geschenkt, ihm mein ganzes Leben gewidmet und nun das. Kannst du mir helfen, Angelo? Ihre trockenen Augen wanderten zwischen dem Geschwisterpaar hin und her. „Sophia, was schlägst du mir vor?"

    Sophia sah zu ihrem Bruder, in der Hoffnung, er würde das übernehmen, bemerkte aber schnell, dass er keine Hilfe sein würde. Seine Augen funkelten und er musste sich beherrschen, nicht zu lachen.

    „Benutzt dein Mann immer noch die Gehhilfe, um sich fortzubewegen, Giuliana?" Sophia wartete die Antwort ab, die sie bereits kannte. Bei diesem Fall gab sie nicht einmal mehr vor, sich Notizen zu machen.

    „Ja, meine Liebe, das tut er. Er ist immerhin schon 93 Jahre alt."

    „Und wie viel Zeit verbringt ihr beiden normalerweise zusammen?"

    „Tag und Nacht." Giuliana senkte das Taschentuch, während sie sich näher zu Sophia lehnte, und sprach mit verschwörerischer Stimme. „Du weißt ja, wie Männer so sind. Ich bediene diesen Mann,

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