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Flora Tristan

Im Dickicht von London

oder

Die Aristokratie und die Proletarier Englands

London oder Die Aristokratie und die Proletarier Englands aus dem Französischen übertragen und herausgegeben von

aus dem Französischen übertragen und herausgegeben von Paul B. Kleiser und Michael Pösl

Vorwort der Herausgeber

3

Widmung an die Arbeiterklassen

8

Vorwort

14

Vorrede

18

1. Die Monsterstadt

21

2. Vom Klima in London

28

3. Vom Charakter der Londoner

31

4. Die Ausländer in London

36

5. Die Chartisten

43

6. Ein Besuch in den Kammern des Parlaments

62

7. Manufakturarbeiter

67

8. Straßenmädchen

85

9. Gefängnisse

117

10. Die Pfarrgemeinde Saint- Giles (Viertel der Iren) 164

11. Das Judenviertel

176

12. Gestohlene Seidentücher

182

13. Die Pferderennen von Ascot Heath

186

14. Waterloo und Napoleon

197

15. Bethlehem

215

Bildteil

16. Kinderhorte

231

17. Die Frauen in England

255

Skizzen

1. Clubs

272

2. Taschen

276

3. Londoner Widerwärtigkeiten

279

4. Untätigkeit der Alten - Zwang zur Kinderarbeit

286

5. Ein Wort zur englischen Kunst

292

6. Reise nach Brighton

298

7. Der englische Blöff

303

8. Die eherne Schöpfkelle

311

Anhang

Owen

315

Chronologie

339

Englische Lehren, von Paul B. Kleiser

I

Die Werkstatt der Welt

343

II

Der Kontinent blickt auf die Megalopolis

349

III.

Radikaldemokraten und Arbeiterbewegung

353

IV.

Flora Tristan und der Owenismus

364

V.

Robert Owen als Sozialreformer

366

Anmerkungen

371

Bibliographie

397

366 Anmerkungen 371 Bibliographie 397 Vorwort der Herausgeber Wer über 150 Jahre nach dem

Vorwort der Herausgeber

Wer über 150 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen dieses Buches in Frankreich eine deutsche Erstübersetzung dem Publikum übergibt, sieht sich einigen Fragen nach dem Sinn einer solchen Unternehmung ausgesetzt. Wird hier nicht ein verstaubter Klassiker aus den Regalen geholt, den man besser dort belassen hätte ? Was kann uns eine Abhandlung über London und England im Jahre 1840 noch sagen? Wir meinen, daß sich Flora Tristans Arbeit Im Dickicht von London bei aller Zeitbedingtheit aufgrund der Weitsicht der Autorin als ein aktuelles und überaus lesenswertes Buch erweist. Nicht zuletzt deswegen, weil viele der beschriebenen und analysierten Erscheinungen der Ausbeutung von Arbeitern, Frauen und Aus- ländern immer noch oder schon wieder gegenwärtig sind, nicht nur in den Großstädten der Dritten Welt, die ja längst in rascher

Ausbreitung in die Metropolen selbst hineinreicht. Wir haben es hier mit einer der ersten Sozialreportagen überhaupt zu tun, mit einer schonungslosen Darstellung der sozialen Verhältnisse im Zeitalter der Industriellen Revolution und der in ihrem Gefolge stattfindenden Erschütterungen. Der Vorteil dieses Buches im Ver- gleich mit zahlreichen anderen Schilderungen jener Zeit und Verhältnisse liegt wesentlich in der Genauigkeit und Erfahrungs- bezogenheit der Darstellungsweise, die allein schon aufgrund des bewegten Lebens der weitgereisten Autorin so kein zweites Mal vorkommt. Flora Tristan hielt sich nicht einfach als Touristin in London auf, sondern hatte seit der Trennung von ihrem Mann Mitte der zwanziger Jahre als Gesellschafterin von den Kontinent bereisen- den englischen Familien Einblick in Sitten und Gebräuche jenes Landes erhalten. Leider wissen wir nicht allzuviel Konkretes über Art und Umstände ihrer Aufenthalte in England. Im Vorwort zum vorliegenden Band schreibt sie:

„Viermal habe ich England besucht, immer in der Absicht, seine Sitten und seinen Geist zu studieren. 1826 fand ich es sehr reich. 1831 war es das schon viel weniger und außerdem sah ich es in großer Beunruhigung. 1835 begann das Unbehagen sowohl in der Mittelklasse wie auch unter den Arbeitern fühlbar zu werden. 1839 traf ich in London bei den einfachen Leuten ein tiefes Elend an; die Gereiztheit war extrem, die Unzufriedenheit allgemein." Selbst wenn dieses Bild der allgemeinen Stimmungslage wohl zugetroffen hat, spiegelt sich darin sicherlich auch der Lernprozeß der Autorin, die Verhältnisse mit immer wacheren und kritischeren Augen zu sehen. Im Alter von dreißig Jahren war die väterlicherseits dem span- ischen Adel entstammende Flora Tristan zu ihrem Onkel nach Peru aufgebrochen, um dort ihr väterliches Erbe einzufordern. Es wurde ihr mit der Begründung verweigert, sie könne ihre eheliche Geburt nicht beweisen; fortan fühlte sie sich als Paria. Diesen Ausschluß aus der aristokratischen Familie empfand sie

als tiefe Kränkung, der ihr die Augen öffnete für die sozialen Verhältnisse. Fortan haßte sie die Aristokratie und faßte eine starke Zuneigung zu allen Entrechteten und Marginalisierten; im vorliegenden Werk gibt es nicht nur gut geschriebene Kapitel über die Prostituierten und Gefangenen, sondern auch über die Viertel der Juden und Iren in London (und eine kurze Erwähnung der Zigeuner). In einer von Rassismus und Wohlstandschauvinismus geprägten Zeit wie der unseren können ihre Worte wie eine erfrischende Aufmunterung wirken:

„Gott sei Dank habe ich seit langem den Geist der Nationalität, jener engstirnigen, kleinlichen Gesinnung, die nur Übles hervor- bringen kann, weit von mir gewiesen. Der nationale Egoismus führt zu so vielen Verbrechen, ist die Quelle so vieler Übel, daß man ihn nicht genug brandmarken kann." Bezeichnenderweise hieß ihr erstes veröffentlichtes Buch: „Von der Notwendigkeit, ausländischen Frauen einen guten Empfang zu bereiten." Seit Mitte der dreißiger Jahre wurde aus Flora Tristan eine Vorkämpferin gegen alle Arten von Ausschlüssen und Dis- kriminierungen. Sie bemühte sich nicht nur, Unterdrückung, Unmenschlichkeit und Heuchelei zu schildern und den Schleier vor der „feinen Gesells- chaft" wegzureißen, sondern stand auch in engem Kontakt zu Menschen, die über Alternativen zur herrschenden Konkurrenzge- sellschaft nachdachten. Sie verkehrte in Paris in den Kreisen der Saint-Simonisten und der Anhänger Fouriers; und in London dürfte ihr Kontakt zu Anhängern Owens sehr eng gewesen sein. Wahr- scheinlich wollte sie der Zensur und den Polizeibehörden keine Anhaltspunkte geben, als sie auf diese Zusammenhänge nur recht allgemein einging. Aber die Utopie einer wirklich menschlichen Gesellschaft und die Wissenschaft als Leitstern auf diesem Wege

sind in den Promenades

„Bis jetzt ist die Politik eine egoistische Wissenschaft gewesen, derer sich die Regierungen mehr oder weniger geschickt bedient haben, um die Völker auszubeuten, während die Gesellschafts-

allgegenwärtig:

wissenschaft die Interessen der Menschheit in ihrer Gesamtheit behandelt. Im Namen der Soziabilität zu regieren heißt, mit Rücksicht auf das gemeinschaftliche Glück regieren, heißt, an die Interessen jedes einzelnen und aller zusammen zu denken." Die Lektüre dieses Buches empfiehlt sich daher allen, die nicht einfach in den Fluten des „Zeitgeistes" mitschwimmen möchten, es ist ein Vademecum für alle, die sich Hoffnung und Kraft für eine bessere Welt bewahrt haben. Die Promenades dans Londres erschienen in einer ersten Ausgabe im Mai 1840 in Paris; noch im gleichen Jahr erfolgte eine Zweitauflage. Zwei Jahre später wurde eine Nachauflage unter dem Titel La Ville monstre (Die Monsterstadt) publiziert. Um das Werk einem größeren Publikum zugänglich zu machen, arbeitete Flora Tristan es im Jahre 1842 gründlich um und verlegte es in einer preisgünstigen „Volksausgabe". Die „Widmung an die Arbeiterklassen" und das Vorwort wurden dieser Ausgabe neu vorangestellt und eine Reihe von Ergänzungen und Änderungen, die besonders die Kapitel 4,5,14 und 16 betreffen, vorgenommen. Entsprechende Hinweise finden sich in unserer Ausgabe in den Fußnoten. Die beiden Kapitel über „Owen" und das „Theater in England" wurden in der vierten Auflage weggelassen. Unsere Edition hält sich wie die von Prof. Francois Bedarida betreute französische Neuausgabe von 1978 an diese „Volks- ausgabe" letzter Hand, übernimmt jedoch aus der Erstausgabe das Owen-Kapitel, da die Rezeption des Werkes von Robert Owen und seiner Schule für den theoretischen Hintergrund der Autorin von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist. Leider existiert bislang keine gründliche, diesen Zusammenhang ausleuchtende Studie. Den eher harmlosen Titel Promenades dans Londres wählte Flora Tristan in Analogie zum Rom-Buch des von ihr bewunderten Stendhal; wir sind bei der Wahl des deutschen Titels ähnlich verfahren, auch um nicht den Eindruck zu erwecken, es handle sich um ein Buch für Rucksacktouristen. Die Anmerkungen wurden für die deutsche Erstausgabe neu erstellt und der Bildteil

hinzugefügt. Die Herausgeber bedanken sich für Hinweise und Ratschläge sowie finanzielle und ideelle Unterstützung beim Hamburger Institut für Sozialforschung, dem Verein Memento e.V. und dem Verein zur Förderung emanzipatorischer Literatur sowie bei Claudia Bals, Berta Rahm, Brunhilde Wehinger, Wilfried Dubois, Wolfgang Feikert, Manuel Kellner, Jan-Philipp Reemtsma, Inge und Rudolf Segall und Winfried Wolf.

München und Hechingen, im Juli 1993 Paul B. Kleiser und Michael Pösl

Widmung an die Arbeiterklassen

Arbeiter, Euch, jedem und jeder, widme ich mein Buch. Ich habe es geschrieben, um Euch über Eure Lage zu unterrichten: Es gehört also Euch.

Die entsetzliche Unterdrückung, die die englische Aristokratie auf den Völkern der britischen Inseln, auf den Landarbeitern und den Arbeitern, die alle Reichtümer schaffen, lasten läßt, bietet eine eindringliche Lektion, derer die Arbeiter der ganzen Welt ständig eingedenk sein müssen. Wißt Ihr, wie eine Handvoll Aristokraten, Lords, Barone, Bischöfe, Grundbesitzer und alle Arten von Inhabern einer Sinekure, wißt Ihr, wie diese Handvoll Privilegierte eine Nation von sechsundzwanzig Millionen Menschen auspressen, foltern und aushungern, sie mit Peitsche und Stock antreiben, sie in workhouses zusammenpferchen, sie unter die Wilden transportieren und ihnen schließlich sogar Kleider und selbst das Brot verweigern kann? Kennt Ihr den Ursprung all dieser Ungeheuerlichkeiten? Nun, er liegt darin, daß diese sechundzwanzig Millionen menschlicher Geschöpfe 'wie Sklaven in Unwissenheit und Furcht aufwachsen. Er liegt darin, daß die Schule, die Kirche und die Presse Helfeshelfer der Unterdrücker sind. Glaubt Ihr, daß, wenn das englische Volk nach den Grund- sätzen von Freiheit und Gleichheit erzogen worden wäre, wenn es gelernt hätte, zu bedenken, daß Widerstand gegen die Unter- drückung nicht nur ein natürliches Recht des Menschen ist, sondern daß vielmehr der Aufstand eine heilige Pflicht wird, 'wenn das Volk unterdrückt ist, glaubt Ihr, es würde zulassen, daß Lords, Gesetzgeber kraft Geburtsrecht, daß Besitzer von Lehensgütern Hungergesetze für es machen, um ihm ihr Korn teurer verkaufen zu können? Sicherlich nicht, denn dann würde das englische Volk seine Würde empfinden und wäre im Geiste zu sehr aufgerichtet,

um - in solche Erniedrigung hineingestoßen - in Krämpfen auf einen langsamen Hungertod zu warten. 1831, als Arbeitsmangel und Elend die Arbeiter von Lyon 4 heimsuchten, zogen es diese voller Energie und Kraft vor, für ihre Rechte kämpfend zu sterben, als sich samt ihren Familien jeden Tag ausgemergelt im entsetzlichen Todeskampf des Hungers zugrunde gehen zu sehen. Mit fester Hand nahmen sie eine schwarze Fahne und schrieben die denkwürdigen Worte darauf:

„Von der Arbeit leben oder sterben im Kampf"! Ah, wollte Gott, die Arbeiter Englands ahmten die erhabene Entschlossenheit ihrer Brüder in Lyon nach. Aber leider fastet der englische Arbeiter seit vielen Jahren. Der Hunger, diese unerbittliche Furie, hat seine Kräfte aufgerieben, und heute fällt dieses unglückliche Volk, ausgezehrt, erschöpft, mit dem Gesicht gegen die Erde und stirbt! Ja, es stirbt, ohne eine Klage laut werden zu lassen, es hat keine Kraft mehr dazu. Doch sein Tod muß auf jene zurückfallen, die es so schändlich ermorden. Er scheint, daß es unter einer halbwegs gut organisierten Regierung genügen müßte, in seinem Beruf geschickt, arbeitsam und sparsam zu sein, um Wohlstand zu erwerben. Indessen zeigt Euch England eine Menge Arbeiter von Talent ohne Arbeit, die Hungers sterben. Das liegt daran, daß sich die Arbeiter mit mehr Steuern haben belasten lassen, als sie zahlen können: Es liegt daran, daß die Erzeugnisse ihrer Arbeit im Ausland nicht mehr verkauft werden können, weil die Männer der Aristokratie, die England regieren, das Korn, die Weine und das Vieh aus dem Ausland nicht wollen, um den Arbeitern alles, was Gegenstand unentbehrlichen Konsums ist, Brot, Bier, Fleisch etc., teurer zu verkaufen. In England ist das Volk nur dem Namen nach befreit; vierundzwanzig Millionen Proletarier tragen noch das Joch der Aristokratie. Das englische Volk hat nicht wie Eure Väter und Ihr begonnen, Gleichheit und Freiheit in ruhmreichen Revolutionen zu erobern.*

* Obwohl in Frankreich die Freiheit und Gleicheit in gewisser Hinsicht erst dem Namen nach bestehen, ist man beim Vergleich der Lage der Engländer und Franzosen von dem ungeheuren Unterschied an Freiheit und Gleichheit überrascht, derer sich die beiden Völker, sei es in den Gesetzen oder in den Sitten, erfreuen.

Arbeiter, vergeßt nie, daß, wenn die Herrschaft der Gerechtigkeit, die Regierung zum Nutzen eines jeden und einer jeden nur durch den Mut der Massen erreicht wird, sie auch nur durch aktivste Wachsamkeit bewahrt wird. Das Vorrecht sucht für sich fort- während ein Sonderdasein zu schaffen, auf Kosten aller im Luxus zu leben. Ihr seht es an England, wo die Großgrundbesitzer, die bei den Wahlen vorherrschen, die Arbeiter aushungern. Wenn die Regierenden, die Mitglieder der gesetzgebenden Versammlungen von einer kleinen Zahl gewählt werden, wird die Nation zum Nutzen dieser kleinen Zahl regiert. Völker, verliert daher nicht Eure politischen Rechte aus den Augen, denn wenn das Gesetz sie nicht allen Befähigten zugestände, in dem Maße wie sich in den Massen die richtige Unterweisung, die berufliche Bildung, die die Unabhängigkeit eines jeden bereichert und sichert, entwickelt, wenn das Gesetz nicht proportional zu dieser intellektuellen Entwicklung eine größere Zahl Bürger aufriefe, die politischen Rechte auszuüben, würdet Ihr wieder unter das Joch einer neuen Aristokratie fallen, einer Geldaristokratie, einer knausrigen, gierigen und tausendmal tyrannischeren als der, von der sich Eure Väter befreit haben. Überzeugt Euch indessen wohl, daß Ihr die politischen Rechte einzig als Mittel ansehen dürft, mit deren Hilfe Ihr Euch in die Lage versetzt, das Übel an seiner Wurzel legal angreifen zu können. Und das Übel, das ist der Mißbrauch, der in der Gesellschafts- ordnung, so wie sie heute besteht, herrscht, Mißbrauch in der Regierungsordnung und politischen Ordnung, Mißbrauch in der Ordnung des Handels und der Landwirtschaft, Mißbrauch in der familiären und religiösen Ordnung. Um die Gesellschaftsordnung, die Grundmauer des Gebäudes, müßt Ihr Euch bemühen und

nicht um die Politik, die nur eine Machtattrappe ist, die heute besteht, morgen gestürzt wird, unter einer anderen Gestalt wiederhergestellt wird, dann wieder gestürzt wird. Die eigentliche Politik* berührt nur Sonderinteressen von Staat zu Staat und betrifft nur bestimmte Klassen von Privilegierten. Bis jetzt ist die Politik eine egoistische Wissenschaft gewesen, derer sich die Regierungen mehr oder weniger geschickt bedient haben, um die Völker auszubeuten, während die Gesellschaftswissenschaft die Interessen der Menschheit in ihrer Gesamtheit behandelt. Im Namen der Soziabilität zu regieren heißt, mit Rücksicht auf das gemeinschaftliche Glück regieren, heißt, an die Interessen jedes einzelnen und aller zusammen zu denken. Aber da ja in unserer jetzigen Gesellschaft die Politik noch der Schlußstein des Gewölbes ist, müßt Ihr Arbeiter unaufhörlich die Ausdehnung des Wahlrechts verlangen. Der geschickte Landwirt, der Fabrikant, der Industrielle, der neue Verfahren oder neue Produkte erfindet, der Arbeiter, der sich in seinem Gewerbe auszeichnet, die Künstler, die Gelehrten, die Professoren, die Ärzte, die Ingenieure, die Offiziere zu Land und zur See haben sicherlich besser erworbene Rechtstitel, um Wähler oder Abgeordnete zu sein als die Steuerzahler und Eigentümer mit 200 Francs, 5 die alles in allem nichts produzieren und auf Kosten der Produzenten leben. 6 Proletarier, mein Werk ist die Exposition des großen gesellschaft- lichen Dramas, das England unter den Blicken der Welt gerade aufführt: Es läßt Euch den mitleidlosen Egoismus, die empörende Scheinheiligkeit, die ungeheuerlichen Exzesse dieser so mächtigen und dem Volke gegenüber so schuldigen englischen Oligarchie kennenlernen. Es bereitet Euch auf das Erscheinen der

* Die Herkunft des Wortes sagt uns, welch Geistes Kind sie ist. Es kommt von Stadt; es ist der zur Verteidigung der Interessen zwischen Städten und Staaten eingesetzte Geist des Egoismus, der List und Gewandtheit. Politik ist also das Gegenteil von Gesellschaft; es ist nötig, daß die Arbeiter sich den Unterschied zwischen diesen beiden Wörtern tief einprägen.

großen Ereignisse dieses schrecklichen Kampfes vor, der sich zwischen den Proletariern und den Adligen dieses Landes entspinnt. Ihr werdet urteilen, ob die englische Nation dazu bestimmt ist, sich von dem Joch zu befreien, sich zu regenerieren, oder ob diese große Nation mit einer grausamen und verfaulten Aristokratie und einem erniedrigten und elenden Volk endigen muß. Ihr werdet am Beispiel des englischen Volkes sehen, wie unsicher das Leben eines Volkes ist, dessen bürgerliche Freiheiten nicht durch politische Rechte und gesellschaftliche Institutionen garantiert sind, die gleichermaßen im Interesse aller Männer und aller Frauen eingerichtet sind. Ihr werdet begreifen, von welcher Bedeutung es für Euch ist, das eine und das andere zu erlangen und Euch durch Unterweisung zu befähigen, angemessenen Gebrauch davon zu machen. Seid gewiß: Eure Freiheiten und Fortschritte beruhen gänzlich auf dem Umfang, den die Lektüre der Veröffentlichungen über die Mißbräuche, über die Gesetze und die Vorschriften, die den Arbeitern schaden, unter Euch annehmen wird und die die Ausweitung der Einrichtungen, Gesetze und Vorschriften, die für Eure Interessen eintreten, aufzeigen. Im Verlauf der Vergangenheit sehen wir die Arbeiter des Landes und der Stadt während Jahrtausenden in der Sklaverei. Diese Sklaverei wäre endlos gewesen, wäre nicht die Druckkunst entstanden und hätte dem Volk nicht die Bücher zugänglich ge- macht. Langsam hat sich in der Arbeiterklasse das Lesen ver- breitet, dessen Fortschritte denen der Freiheit immer vorausge- gangen sind. Als das Volk Bibel und Evangelium lesen konnte, sah man es überall die Oberhoheit Roms und der Priester ab- werfen, und als die Zeitungen begannen, es über die Bedeutung der Menschenrechte zu unterrichten, verlangte es Rechenschaft über die Taten seiner Führer, forderte die gleichmäßige Verteilung der öffentlichen Aufgaben und die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte (zumindest für das männliche Geschlecht).

Die Privilegierten erschrecken und das Entsetzen packt sie; sie drohen, es erzittert der Boden. Die Gesänge der Barden muß man glücklicheren Tagen überlassen; es ist jetzt nicht der Zeitpunkt, sich mit der Lektüre von Romanen, Gedichten, Fabeln oder Dramen zu vergnügen. Es gibt jetzt Nützlicheres zu tun. Die Arbeiter müssen sich dringend über die Ursachen ihrer Qual und die Mittel der Abhilfe unterrichten; sie müssen den Gang der Ereignisse und der Handlungen der Privilegierten kennenlernen. Daher müssen sie es sich zur Aufgabe, ja zur Gewissenspflicht machen, die Werke ihrer Verteidiger zu lesen und darüber nachzudenken. Mögen sie die Bücher von Eugene Buret, 7 Gustave de Beaumont, 8 des Abtes Constant, 9 von Cormenin 10 und von Fourier 11 studieren, also die Schriften jener Menschen, denen Gott die Ursachen der gesellschaftlichen Übel und die Gesetze der Harmonie gezeigt hat. Proletarier, damit Ihr im Studium oder in der Erforschung dieser Übel ausharrt, damit Ihr sie in Ruhe studieren könnt, werdet Ihr Eure Nerven anspannen und all Euren Mut zusammennehmen müssen, denn die Wunden sind tief und blutend. Arbeiter und Arbeiterinnen, die Ihr bisher in den menschlichen Gesellschaften noch nichts gegolten habt, Euch drücke ich herzlich die Hand. Mit Euch vereinige ich mich für die gemeinsame Aufgabe, in Euch lebe ich durch die Liebe, ich bin Eure Schwester in der Menschheit.

ich mich für die gemeinsame Aufgabe, in Euch lebe ich durch die Liebe, ich bin Eure

Vorwort

Die bedeutende Rolle, die England spielt, weckt den Wunsch, es kennenzulernen; da es aber kein Land ist, wo es sich angenehm wohnen läßt - ganz im Gegenteil - begnügen sich die meisten Reisenden mit einem flüchtigen Überblick. Da sie vom Luxus der Reichen und den großen Unternehmungen der Industrie geblendet werden, können sie nicht ahnen, welches Ausmaß das Elend der Armen und die Scheinheiligkeit und der Egoismus der oberen Klassen erreicht haben. Und sie ahnen auch nicht, zu welchem Preis dieser gigantische Luxus erworben ist. Die vornehmen (fashionable) Reisenden vom Kontinent verweilen in den schönen Vierteln von London, ohne den Wunsch zu verspüren, jenen beträchtlichen Teil der Bevölkerung (etwa die Hälfte) zu beobachten, der von der Arbeit in den Werkstätten lebt. Sie besuchen die Landstriche Irlands ebensowenig wie die Manufakturbezirke Englands; sie wissen nicht, daß in der Hauptstadt zahlreiche Viertel alles Elend, alle Laster und Übel, von denen die Menschheit nur befallen sein kann, in sich bergen. Sie gehen nach Richmond, nach Windsor, nach Hampton Court; sie sehen die prächtigen Paläste, die großartigen Parks der Aristokratie und wenn sie nach Hause zurückkehren, zeihen sie die Bilder des Beobachters, der über den schönen Schein hinausdringt und die grenzenlose Sittenlosigkeit, wohin der Golddurst führen kann, die entsetzlichen Nöte eines ausge- hungerten Volkes und die grausame Unterdrückung, deren Opfer es ist, gesehen hat, der Übertreibung, ja der Lüge. Als im Jahre 1814 das Werk des Feldmarschalls Pillet 12 erschien, hörte man in Europa einzig auf die englische Aristokratie, und ohne daß sich jemand die Mühe gemacht hätte, das von Herrn Pillet, der ja mehrere Jahre lang Kriegsgefangener in England gewesen war und einen genauen Blick hatte, gezeichnete Bild zu überprüfen, bezichtigte man ihn der Verleumdung. Man

versicherte sogar, der englische Botschafter, seinerzeit Lord Wellington, habe interveniert. Tatsache ist, daß das Buch unterdrückt wurde und daß man General Pillet mit Geld daran hinderte, eine zweite Auflage erscheinen zu lassen. Hernach ver- breiteten die Engländer überall das Gerücht, es handle sich um eine niederträchtige, vom Haß diktierte Schmähschrift. In anderen Zeiten hätte diese Bosheit gegen ein Werk über England ihm Leser verschafft; mit Recht wäre man davon ausgegangen, die Herren Engländer seien nur deswegen so verärgert, weil es die Wahrheit sagt. Doch damals gärten die politischen Leidenschaften mit zu großer Heftigkeit, als daß die Dinge sich in ihrer normalen Ordnung abgespielt hätten. Seitdem ist der Einfluß Englands so sehr angewachsen, daß es allen denjenigen, die die Wahrheit über dieses Land bekanntmachen wollten, fast genauso ergangen ist. Der Baron d'Haussez 13 ist von der englischen Böswilligkeit nicht weniger verschont geblieben, obgleich er sich in seinem Werk ziemlich vorsichtig geäußert hat. Unlängst hat die Revue de Geneve, die - aus unerfindlichen Gründen — ganz den Interessen des englischen Ministeriums ergeben ist, mit einer Ungebührlichkeit, die ich nicht qualifizieren möchte, den gelehrten Professor List 14 angegriffen, der das große Verbrechen begangen hat, zu sagen, daß „der englische Handel alle Nationen auspreßt" und gegen die Interessen Englands auf die Erneuerung des kontinentalen Systems drängt. Meine Promenades dans Londres erschienen im Mai 1840; das Werk von Herrn de Beaumont über Irland, das einige Monate früher veröffentlicht wurde, begann die Aufmerksamkeit in Beschlag zu nehmen, doch jenes von Herrn Eugene Buret De la misere des classes laborieuses en Angleterre et en France (Über das Elend der arbeitenden Klassen in England und Frankreich) erschien erst zu Ende des gleichen Jahres. Die Leser, meines Buches meinten, da sie gewohnt waren, den Reichtum Englands rühmen zu hören und sie jenes Land nach den auf dem Kontinent reisenden Engländern, von denen nur ganz 'wenige zur armen

Klasse gehören, beurteilten, ich hätte übertrieben. Von mehreren Seiten wurde ich beschuldigt, England verleumdet, es in der Meinung der Franzosen aus Parteigeist oder nationaler Rivalität angeschwärzt zu haben. Auf diese Beschuldigungen antworte ich, daß die von mir vorgetragenen Tatsachen allgemein bekannt sind und durch authentische Dokumente belegt werden -und meine Wahrheitsliebe sollte man mir nicht vorwerfen. Im übrigen glaube ich kaum, daß man mich jetzt der Übertreibung bezichtigen kann, nach dem, was sich seit sechs Monaten in England zuträgt. Aber 1840 glaubte die französische Öffentlichkeit noch an die Macht Englands, an seine Menschenfreundlichkeit und an den Rigorismus seiner Sitten. Heute ist die Maske gefallen.

Was nun den Geist betrifft, in dem dieses Werk geschrieben ist, so rufe ich zu einer gewissenhaften Lektüre auf. Der redliche Leser wird auf jeder Seite den Gedanken der Einheit wiederfinden, der mich in allen Dingen leitet. Die in meinem Buch behandelten Fragen werden sowohl unter dem Gesichtspunkt der europäischen Einheit als auch der universellen Einheit angegangen. Gott sei Dank habe ich seit langem den Geist der Nationalität, jener engstirnigen, kleinlichen Gesinnung, die nur Übles hervorbringen kann, weit von mir gewiesen. Der nationale Egoismus führt zu so vielen Verbrechen, ist die Quelle so vieler Übel, daß man ihn nicht genug brandmarken kann. Wenn ich mich daher kraftvoll gegen die Unterdrückung und die Vorrechte aller Art, deren Opfer das englische Volk ist, gegen die Monopole, die England gegen die eroberten Länder durchsetzt und den Mangel an Gegenseitigkeit in seinen Handelsbeziehungen mit allen Nationen erhoben habe, so deshalb, weil das System Englands ein unüberwindliches Hindernis für die europäische Einheit bildet, die ich mit all meinen Wünschen als die alleinige Garantie für das Gedeihen aller Nationen und das einzige Mittel zur Erlangung des Weltfriedens herbeirufe. Was die Übertreibungen meiner Bilder betrifft, so flehe ich die

Leser an, das Werk des Herrn Gustave de Beaumont über Irland und das von Herrn Eugene Buret über England zu lesen, bevor man mir einen solchen Vorwurf macht. Man wird in diesen beiden Werken offizielle Dokumente, Berichte der englischen Ausschüsse, Umfragen, Denkschriften, Petitionen usw. finden. Diese Akten werden den Ungläubigsten beweisen, daß das Elend der armen Klassen in England bis zur äußersten Grenze getrieben wurde. Ich habe in dieser Neuausgabe einige Stellen von Herrn Buret als Beweise zur Untermauerung meiner Behauptungen angeführt. In meiner ersten Ausgabe konnte ich mich nicht auf sein Zeugnis berufen, da sein Werk ja erst sechs Monate nach dem meinigen erschienen ist. Zusammenfassend möchte ich sagen, daß, wenn ich die englische Regierung angegriffen habe, es keinesfalls aus Verleumdungs- absicht geschah, sondern deswegen, weil ich diese Regierung als das größte Hindernis betrachte, gegen das der Fortschritt in Europa, der Fortschritt der Welt zu kämpfen hat, weil diese Regierung, ihr Gedeihen und ihre Macht, auf der Plünderung der anderen Länder gründet und endlich, weil sie jegliche Moral, jegliches Gefühl emotionaler Bindung zwischen den Menschen vernichtet, indem sie sich aller Mittel bedient, um ihren Zweck, nämlich Gold zu haben, Gold für sich selbst, zu erreichen und dies auf Kosten der Tränen und des Blutes all derer, die sie unterdrücken und ausplündern kann.

November 1842

Vorrede

Viermal habe ich England besucht, immer in der Absicht, seine Sitten und seinen Geist zu studieren. 1826 fand ich es sehr reich. 1831 war es das schon viel weniger und außerdem sah ich es in großer Beunruhigung. 1835 begann das Unbehagen sowohl in der Mittelklasse wie auch unter den Arbeitern fühlbar zu werden. 1839 traf ich in London bei den einfachen Leuten ein tiefes Elend an; die Gereiztheit war extrem, die Unzufriedenheit allgemein. In dem Werk, das ich dem Publikum übergebe, erhebe ich nicht den Anspruch, alle Nöte der einfachen Leute Englands auszu- malen. Dazu müßte man dicke Bücher schreiben und bedürfte der Mitarbeit mehrerer Menschen, oder es wäre das ganze Leben eines Einzelnen erforderlich. Ich möchte nur die wenigen Dinge, die ich in diesem Land gesehen habe, skizzieren und die Eindrücke, die ich empfangen, bekannt machen. Indem ich mich freimütig, ohne Furcht noch Schonung, äußere, hege ich die Hoffnung, denjenigen einen Weg zu bahnen, die der Sache der einfachen englischen Leute einen wirklichen Dienst erweisen wollen. Um die Quelle der Übel auszutrocknen, die Vorurteile in Mißkredit zu bringen, die Mißstände zu beseitigen, muß man mit Geduld zu den Ursachen zurückgehen und darf weder vor der Mühe noch vor Opfern aller Art zurückschrecken. Man muß seinen Nachforschungen mit jener Unerschrockenheit, die den Grundzug des Apostolats ausmacht, die größtmögliche Verbreitung verschaffen. Vom Schein habe ich mich nicht blenden lassen. Die glänzenden und reichen Dekorationen der britischen Bühne konnten mich nicht verführen; ich habe hinter die Kulissen geschaut, ich habe die Schminke der Schauspieler und das Kupfer ihrer Tresen gesehen und die ihnen eigene Sprache gehört. Im Hinblick auf die Wirklichkeit habe ich die Dinge in dem ihnen zukommenden Wert eingeschätzt. Mein Buch bringt Tatsachen

und Beobachtungen, die mit der ganzen Genauigkeit, derer ich fähig bin, zusammengetragen wurden. Ich habe mich, soweit dies von mir abhing, gehütet, mich vom Enthusiasmus oder der Empörung hinreißen zu lassen. Ich habe die Fehler des englischen Systems aufgezeigt, damit man sich auf dem Kontinent bemüht, sie zu vermeiden, und ich würde mich reichlich belohnt finden, wenn es mir gelänge, meine Leser eines Besseren zu belehren über die irrigen Meinungen und falschen Vorstellungen, die sie sich leicht über ein Land zu eigen gemacht haben könnten, welches man nicht kennen kann, ohne sich die Mühen auferlegt zu haben, es zu studieren. Einer meiner Freunde, der während dreißig Jahre Verbindungen mit der englischen Regierung unterhalten hat, hatte mir einige Kurzdarstellungen über die Innen- und Außenpolitik Englands, über seine Handelsbeziehungen mit den fremden Nationen und den von ihm beherrschten Völkern übermittelt. Der Blickwinkel, unter dem er die englische Frage betrachtete, vertrug sich bestens mit dem meines Werkes. Darum stellte ich der ersten Ausgabe unter dem Titel „Ein Blick auf England" einen Artikel über die englische Politik voran. 15 Seit drei Jahren haben die Zeitungen fast alle in diesen Betrachtungen vorfindlichen Ideen im Einzelnen wiedergegeben. Daher habe ich es nicht für notwendig erachtet, sie in dieser Zweitauflage wieder abzudrucken. Indessen war derselbe Freund so freundlich, mir einige neue Kurzdarstellungen zu geben; dieses Stück veröffentliche ich sozusagen als eine Art Ergänzung zum ersten. Ich glaubt; den Personen, die sich über die Sitten, die Gebräuche und die Politik Englands zu unterrichten wünschen, nützen zu können, wenn ich hier die Titel einiger unparteilich verfaßter Werke anführe :

Französische Werke:

L'Angleterre vu a Londres et dans ses provinces (England von London und seinen Provinzen aus gesehen), von Feldmarschall Pillet (1815);

L'Irlande sociale, politique et religieuse (Das soziale, politische und religiöse Irland), von Gustave de Beaumont (1839);

De la misere des classes laborieuses en Angleterre et en France (Über das Elend der arbeitenden Klassen in England und Frankreich), von Eugene Buret (1840);

La Grande-Bretagne en mil huit cent trente-trois (England im Jahre 1833), von Baron d'Haussez;

Lazare (Lazarus), Gedicht über London, von Auguste Barbier.

Englische Werke:

Prostitution in London, von M. Ryan (1839);

A Vindication of the Rights of Woman (Verteidigung der Rechte der Frau) von Mary Wollstonecraft (1792).

Der Fleet Ditch Abwasserkanal 21

Der Fleet Ditch Abwasserkanal

1. Monsterstadt

London, viermal so groß wie Paris; London beherbergt ein Achtel der englischen Bevölkerung, zwei Millionen Menschen, während Paris nur den zweiunddreißigsten Teil der Bevölkerung Frankreichs beherbergt. London, eine extravagante Unermeßlichkeit, das jemand zu Fuß an einem Tag nicht zu umschreiten vermöchte. London, eine trostlose und großartige Ansammlung von Macht. August Luchet, Frere et Soeur

Es ist eine Menge ohne Unordnung, ein Treiben ohne Lärm, eine Unermeßlichkeit ohne Größe.

Baron d'Haussez, La Grande-Bretagne en 1833

London — welch eine unermeßliche Stadt! Diese Größe, die außerhalb jeder Proportion zur Fläche und Bevölkerung der Britischen Inseln steht, ruft einem sofort sowohl die Unterdrückung Indiens als auch die Überlegenheit des englischen Handels in Erinnerung. Doch die aus den Erfolgen der Gewalt und der List herrührenden Reichtümer sind von vergänglicher Natur. Sie können nicht fortdauern, ohne die universellen Gesetze umzu- stoßen, die wollen, daß, wenn der Tag gekommen ist, der Sklave seine Eisen bricht, daß die geknechteten Völker ihr Joch abschütteln und daß die dem Menschen nützliche Aufklärung sich ausbreitet, damit er schließlich von der Unwissenheit befreit wird. Welches wird dann die düstere Weite dieser hochmütigen Stadt sein? Werden ihre gigantischen Dimensionen die äußere Macht Englands und die Vorherrschaft des englischen Handels überleben? Sichern ihr die Eisenbahnlinien, die sich von der Monsterstadt in alle Richtungen erstrecken, ein unbegrenztes Wachstum? Solcherart sind die sorgenvollen Gedanken beim Anblick der Menschenfluten, die still in die Dunkelheit der langen Straßen entströmen, beim Anblick der ungeheuren Anhäufung von Häusern, Schiffen und Sachen. Man empfindet das Bedürfnis, sich an die Untersuchung der Menschen aller Klassen und aller ihrer

Werke zu machen, um jene Zweifel aufzulösen, von denen der Geist aufgewühlt wird. Auf den ersten Blick verfällt der Fremde in Bewunderung über die Macht des Menschen; dann ist er wie niedergedrückt unter der Wucht dieser Größe und fühlt sich von seiner Kleinheit gedemütigt. Diese unzähligen Kriegs- und Handelsschiffe, gebaut in jedweder Größe und mit verschiedensten Namen versehen, die über viele Meilen die Oberfläche des Flusses bedecken und sie auf die schmale Breite eines Kanals reduzieren; diese grandiosen Brückenbögen, diese Brücken, von denen man glauben könnte, sie seien von Riesen geschlagen worden, um die beiden Ufer der Welt zu verbinden; die Docks, unermeßliche Lagerhallen und Speicher, die achtundzwanzig Morgen Grund einnehmen; diese Dome, diese Glockentürme, diese Bauwerke, denen der Dunst wunderliche Formen verleiht, diese monumentalen Kamine, die ihren schwarzen Rauch zum Himmel schleudern und auf die großen Fabriken verweisen; die undeutliche Erscheinung der Objekte, die Euch umgeben: Diese ganze Wirrnis von Bildern und Wahrnehmungen verstört das Gemüt - es ist wie vernichtet davon.

Aber man muß London vor allem am Abend sehen! London mit seinen Millionen vom Gas gespeisten Lichtern. Wie es funkelt! Seine breiten Straßen, die sich bis ins Unendliche hinziehen; seine Läden, wo Lichtfluten die Vielzahl der Meisterwerke, die der menschliche Fleiß hervorbringt, in tausend Farben schimmern lassen; diese Welt von Frauen und Männern, die wieder und wieder an einem vorbeigehen: das alles sorgt beim ersten Mal für eine berauschende Wirkung! Am Tag hingegen haben die Schönheit der Gehwege, die Zahl und Eleganz der Squares, die Zäune in ihrem strengen Stil, die den häuslichen Herd von der Menge abzusondern scheinen, die unermeßliche Ausdehnung der Parks, die glücklichen Kurven, die sie zeichnen, die Schönheit der Bäume, die Vielzahl der prachtvollen, mit großartigen Pferden bespannten Kutschen, die durch ihre Straßen fahren, haben alle

diese herrlichen Schöpfungen etwas Märchenhaftes an sich, wovon das Urteilsvermögen geblendet wird; auch gibt es keinen Fremden, der nicht fasziniert wäre, wenn er die britische Hauptstadt betritt. Aber ich möchte sogleich hinzufügen, diese Faszination vergeht wie eine phantastische Vision, wie der Traum der Nacht. Der Fremde erwacht bald aus seiner Verzauberung:

Aus einer Idealwelt fällt er in fühllosesten Egoismus und Materialismus. London, das Zentrum des Kapitals und der Geschäfte des britischen Imperiums, zieht unaufhörlich neue Einwohner an; aber die Vorteile, die es in dieser Hinsicht der Industrie bietet, werden durch die aus der ungeheueren Größe der Entfernungen resultierenden Unannehmlichkeiten wettgemacht: Diese Stadt ist die Vereinigung mehrerer Städte, ihr Ausmaß ist zu groß geworden, als daß man mit ihr umgehen oder sie kennenlernen könnte. Wie lassen sich dauerhafte Beziehungen mit seinem Vater, seiner Tochter, seiner Schwester, seinen Freunden unter- halten, wenn man für einen einstündigen Besuch drei Stunden Fahrtzeit und acht bis zehn Franken Fahrtkosten rechnen muß? Die extremen Strapazen, die man in dieser Stadt durchmacht, können nur von denen verstanden werden, die dort gewohnt haben, entweder weil sie geschäftlich zu tun hatten oder von der Schaulust getrieben wurden. Die gewöhnlichen Besorgungen führen einen anderthalb bis zwei Meilen weit. Also ist eine Person, selbst wenn sie wenig Geschäfte zu tätigen hat, gezwungen, am Tag fünf bis sechs Meilen zurückzulegen; man kann sich die dafür nötige Zeit leicht ausrechnen. Im Schnitt vergeht die Hälfte des Tages damit, die Straßen Londons zu durchmessen. Wenn auch eine maßvolle Übung heilsam ist, so tötet doch nichts die Phantasie, lähmt nichts Geist und Herz derart wie fortwährende äußerste Ermüdung. Der Londoner, der am Abend nach Hause kommt und aufgrund der Besorgungen des Tages vor Müdigkeit erschöpft ist, kann nicht heiter, nicht geistvoll sein noch sich in der Stimmung

befinden, sich den Freuden des Gesprächs, der Musik oder des Tanzes hinzugeben. Die intellektuellen Fähigkeiten, mit denen wir begabt sind, werden durch die zum Übermaß getriebenen körperlichen Strapazen völlig vernichtet, ebenso wie die Überreizung dieser Fähigkeiten die Erschlaffung der physischen Kräfte bewirkt. So sehen wir, daß der Landmann, der nach einer zwölfstündigen mühevollen Feldarbeit nach Hause zurückgekehrt ist, kein anderes Bedürfnis verspürt als zu essen und zu schlafen, um seine Kräfte wiederherzustellen, wohingegen sein Verstand untätig bleibt, so kräftig auch seine Anlagen sein mögen:

Dergleichen ist das Schicksal der Bewohner der Monsterstadt! Immerzu von Ermüdung niedergedrückt, ist ihr Gesichtsausdruck davon geprägt, ihr Charakter davon verbittert. London hat drei deutlich unterschiedene Stadtbereiche: Die City, das West End und die Vororte. Die City ist die Altstadt, die trotz der Feuersbrunst, welche sich zur Regierungszeit Karls II. ereignet hat, noch zahlreiche enge, schlecht gezogene und verbaute Sträß- chen sowie die Landeplätze an der Themse, die von Häusern, deren Grundmauern vom Fluß umspült werden, versperrt sind, bewahrt hat. Man findet also unabhängig von seiner neuzeitlichen Pracht eine ganze Menge von Spuren aus den Zeiten vor der Restauration, und die Regierungszeit Wilhelms III. ist deutlich gegenwärtig. Man sieht dort auch eine Vielzahl von Kirchen und Kapellen, die allen Religionen und Sekten zugehören.

Die Einwohner dieses Stadtbezirks werden von denen des West End als reinblütige John Bull* angesehen. Zumeist handelt es sich bei ihnen um biedere Händler, die sich selten in den Interessen ihres Geschäftes irren und die nichts anficht außer die nämlichen Interessen. Ihre Läden, in denen viele von ihnen ein großes

* John Bull war der Spitzname, mit dem man vor zwanzig Jahren das englische Volk im allgemeinen bezeichnete. Man gibt ihn gegenwärtig nur noch denen, die in den alten Gewohnheiten, Bräuchen und Vorurteilen befangen bleiben.

Vermögen anhäuften, sind so dunkel, so kalt und feucht, daß die Aristokratie des West End vergleichbare Räume noch für die Unterbringung ihrer Pferde verschmähen würde. Die Tracht, die Sitten, die Redeweise der City machen sich in Formen, Nuancen, in Wortgebrauch und Redewendungen bemerkbar, die von den fashionables des West End unter vulgarity eingestuft würden. Das West End wird vom Hof, dem Hochadel, dem eleganten Handel, den Künstlern, dem Provinzadel und den Fremden aller Länder bewohnt. Dieser Teil der Stadt ist prachtvoll, die Häuser sind solide gebaut, die Straßen gerade ausgerichtet, aber äußerst einförmig; dort begegnet man den glanzvollen Kutschen, den großartig herausgeputzten Damen, den ihre wundervollen Pferde tänzeln lassenden Dandys und einer Unmenge von Dienern in reichverzierten Livrees, die mit langen Rohrstöcken mit Gold- oder Silberknäufen ausgestattet sind. Bestimmte Viertel im Nordosten und Süden werden wegen der geringen Mieten hauptsächlich von Arbeitern, öffentlichen Mädchen und jenem Haufen dunkler Existenzen bewohnt, die der Mangel an Arbeit und Laster aller Art der Landstreicherei ausliefern oder die Elend und Hunger zwingen, Bettler, Diebe oder Mörder zu werden. Der Gegensatz der drei Stadtbereiche gleicht dem, den die Zivilisation in allen großen Hauptstädten aufweist. Aber er ist in London krasser als irgendwo sonst. Von der aktiven Bevölkerung der City, die einzig vom Gewinnstreben angetrieben wird, kommt man zu jener hochmütigen und alle andern verachtenden Aristokratie, die jedes Jahr für zwei Monate nach London kommt, um ihrer Langeweile zu entgehen und einen zügellosen Luxus zur Schau zu stellen oder um durch das Schauspiel des Elends des Volkes das Gefühl der Erhabenheit zu genießen. An den Orten, wo die Armen wohnen, begegnet man Massen magerer, blasser Arbeiter und deren schmutzigen und zerlumpten Kindern mit trübseligen Gesichtern; dann Schwärmen von Prostituierten, die schamlos auftreten und geil herumschauen, dann Brigaden von

Berufsdieben; endlich jenen Kinderscharen, die wie Raubvögel jeden Abend aus ihren Schlupfwinkeln herauskommen, um sich auf die Stadt zu stürzen, wo sie ohne Angst plündern und Verbrechen begehen, weil sie sicher sind, den Verfolgungen durch die Polizei zu entkommen, die nicht über die Kräfte verfügt, sie in dieser unermeßlichen Weite zu ergreifen.*

* „Im Alter von sechs bis acht Jahren werden die armen Kinder von ihren Eltern mit dem ausdrücklichen Befehl durch die Stadt geschickt, nur mit einer bestimmten Summe Geldes oder einer bestimmten Menge Lebensmittel nach Hause zurückzukehren. Sie betteln, verkaufen Streichhölzer, Hutband, Sand und bei vielen kommt frühzeitig zu ihrem unsteten Gewerbe der Diebstahl hinzu. Im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren betreten diejenigen, die eher zum Bösen neigen und diejenigen, deren verbrecherische Eltern sie durch Rede und Beispiel dazu anstiften, endgültig die Bahn des Diebstahls und der Prostitution." (M. Beaver, Bericht über die jungen Kriminellen)} 7

2. Vom Klima in London

In London herrscht acht Monate Winter und vier Monate schlechtes Wetter. (Ein Tourist)

Noch nie ist eine in einem englischen Garten gepflückte reife Frucht auf den Tisch ihres Besitzers gelangt ( Das Gras der Wiesen wird grün geschnitten, das Getreide grün geerntet: Keine goldgelben Kornernten, alles wird nach dem Schnitt getrocknet. Keine Pflanze, kein Samen erreicht seinen vollen Reifegrad, trotz des Anscheins der schönsten Vegetation. Jedes Jahr muß man die Arten erneuern und die Samen vom Kontinent beziehen, wenn man die Degeneration vermeiden will. Solches geschähe auch beim Weizen, wenn die Grundbesitzer ihr Saatgut nicht aus dem Weizen des Baltikums nehmen würden. Schweden liefert den Samen für die Rüben, Rußland den für den Hanf, Frankreich den für die Esparsette, die Luzerne, den Klee, die grüne Bohne, die Erbse, die Saubohne usw.; Holland und die Niederlande liefern alle anderen Gemüsepflanzen. L'Angleterre vue a Londres et dans ses provinces, von Feldmarschall Pillet.

Die moralischen Unterschiede lassen sich mit der Verschiedenheit des Klimas erklären. Im Süden die Lebendigkeit der geistreichen Bemerkungen, der strahlende Glanz der Phantasie, das schnelle Leben, von langen Intervallen der Träumerei oder des Unbe- stimmten unterbrochen. Im Norden gelangen die Wahrnehmungen der Sinne nur eine nach der andern zum Verstand; die Hin- terfragung ist ruhig und vernachlässigt nichts, die Aktion langsam, monoton und beständiger. Aber vom Schwarzen bis zum Lappen gibt es zahlreiche Abstufungen: Geht man in Richtung Norden, wächst die Macht der Bedürfnisse, die körperlichen Mühen und Belohnungen werden beinahe die einzigen Triebkräfte des Menschen, während im Süden die verschwenderische Natur dem Gemüt den Genuß seiner selbst überläßt; auch ist dort das Gefühl für die Wohltaten und Übel dieser Welt weniger lebhaft und die Völker sind dem Einfluß mystischer Gedanken zugänglicher als im Norden. Zum Dunst des Ozeans, der die britischen Inseln beständig in

seinen Schleier hüllt, kommt in den englischen Städten noch die schwere, stickige Atmosphäre aus der Höhle der Zyklopen hinzu. Die Wälder speisen nicht mehr den häuslichen Herd, an ihre Stelle ist der den Eingeweiden der Erde entrissene Brennstoff der Hölle getreten; er brennt überall, speist unzählige Brennöfen, setzt sich auf den Wegen an die Stelle der Pferde und an die der Winde auf den Flüssen und Meeren, die dieses Imperium umspülen. Mit dieser enormen Masse von mit Ruß überladenem Rauch, den die abertausend Kamine der Monsterstadt aushauchen, vereinigt sich ein dicker Nebel. Die schwarze Wolke, von der London eingehüllt ist, läßt nur ein trübes Tageslicht durchdringen und breitet sich in der Art eines Totenschleiers über die Dinge.

In London atmet man die Traurigkeit; sie liegt in der Luft, sie dringt durch alle Poren. Ach, es gibt nichts Schaurigeres, nichts Krampfartigeres als den Anblick dieser Stadt an einem Nebel- oder Regentag oder bei kaltem, trübem Wetter. Unterliegt man seinem Einfluß, schmerzt einem der Kopf und wird bleiern, der Magen funktioniert nur mit Mühe, das Atmen fällt schwer aus Mangel an reiner Luft, man fühlt eine niederdrückende Müdigkeit, also hat einen das gepackt, was die Engländer spieen nennen! Man verspürt eine tiefe Verzweiflung, einen unermeßlichen Schmerz, ohne den Grund dafür nennen zu können; einen giftigen Haß auf die, die man am meisten liebte; schließlich einen Ekel gegen alles und einen unwiderstehlichen Wunsch, sich das Leben zu nehmen. An solchen Tagen hat London eine erschreckende Physiognomie. Man glaubt, in der Totenstadt der Welt herum- zuirren, man atmet deren Grabesluft, der Tag ist leichenblaß, die Kälte feucht. Und diese langen einförmigen Häuserzeilen mit düsterem Anstrich, von schwarzen Zäunen mit guillotineartigen Schiebeöffnungen umgeben, scheinen zwei sich ins Unendliche verlängernde Gräberreihen zu sein, in deren Mitte die Leichen umhergehen und auf die Stunde ihres Begräbnisses warten. An diesen unseligen Tagen ist der Engländer unter dem Einfluß

des Klimas brutal zu all denjenigen, die sich ihm nähern; er wird gestoßen und stößt ohne eine Entschuldigung zu erhalten noch selbst eine zu geben. Ein armer Greis stürzt vor Entkräftung auf die Straße; er bleibt nicht stehen, um ihm zu helfen, er geht seinen Geschäften nach, alles Übrige bedeutet ihm wenig. Er beeilt sich, sein Tagespensum zu Ende zu bringen, nicht um sich in sein Heim zu begeben, wo er seiner Frau oder seinen Kindern nichts zu sagen hätte, sondern um in seinen club zu gehen, wo er recht gut und ganz allein zu Abend speisen wird, denn reden ist eine Plage für ihn. Dann wird er sich betrinken und im Schlaf des Rausches die drückende Langeweile und die Mühen des Tages vergessen. Viele Frauen nehmen ihre Zuflucht zum gleichen Mittel. Am wichtigsten ist, zu vergessen, daß man existiert. Von Natur ist der Engländer nicht mehr Trinker als der Spanier, der nur Wasser trinkt. Aber das Klima von London würde aus dem nüchternsten Spanier einen Trinker machen. In London ist der Sommer kaum angenehmer als der Winter. Die Häufigkeit kalten Regens, die drückende Natur einer mit Elektrizität überladenen Atmosphäre, der ständige Temperatur- wechsel rufen Erkältungen, Koliken und Kopfschmerzen hervor, so daß es im Sommer mindestens ebensoviele Kranke gibt wie im Winter. 18 Das Londoner Klima hat etwas so Aufreizendes, daß sich auch viele Engländer nicht daran gewöhnen können. Daher ist es der immerwährende Gegenstand von Klagen und Verwünschungen.

3. Vom Charakter der Londoner

Es muß da irgendeinen Fehler im Charakter, in der Organisation des Haushalts, in den Gewohnheiten der Engländer geben, denn sie fühlen sich nirgendwo wohl: Sie scheinen von einem Fortbewegungsdrang geplagt, der sie von der Stadt auf's Land, von ihrem Land in das der anderen und vom Innern der Länder an die Gestade des Meeres treibt. Wenig bedeutet ihnen, wie sie sich befinden, wenn sie nur morgen nicht mehr da sind, wo sie heute sind. Sie suchen die Abwechslung und Zerstreuung, die andere Völker ihrer Phantasie abverlangen, in der physischen Ortsveränderung. Wenn sie nicht mehr wissen, wohin sie auf der Erde gehen sollen, zwängen sie sich zwischen die engen Wände einer Yacht und setzen sich dort den Unannehmlichkeiten und Gefahren des Meeres aus. Sie lassen sich ohne Ziel, ohne festen Termin, ohne Aussicht auf gegenwärtiges Behagen, ohne Versprechen auf schöne Erinnerungen, ohne eine andere Freude als das Ende derjenigen, die sie gerade genießen, einfach treiben. Diese Manie ist nicht nur Einzelnen eigentümlich, sie wird von einer großen Zahl von Familien aller Klassen, aller Positionen und aller Vermögen geteilt. La Grande-Bretagne en 1833, von Baron d'Haussez

Es besteht ein so großer Unterschied zwischen dem Klima Englands, insbesondere Londons und dem der auf denselben Breitengraden gelegenen Länder des Kontinents, daß ich bei meinem Wunsch, vom Charakter der Londoner zu sprechen, zwangsläufig die Auswirkungen des Klimas beachten mußte. Ich habe ganz und gar nicht die Absicht, die zahlreichen und unterschiedlichen Einflüsse, die die menschliche Individualität verändern, zu analysieren oder den Wirkungsgrad zu bestimmen, den das Klima, die Erziehung, die Nahrung, die Sitten, die Religion, die Regierung, die Berufe, der Reichtum, das Elend, die Ereignisse des Lebens haben können und die bewirken, daß ein Volk ernst, voller Heldentum und Stolz lebt und ein anderes lebenslustig, von den Künsten und Freuden des Lebens leidenschaftlich eingenommen ist. Solche Einflüsse machen die Pariser heiter, mitteilsam, freimütig und tapfer und die Londoner ernst, ungesellig, argwöhnisch und furchtsam, so daß sie wie

Hasen vor einem mit einem Stöckchen bewaffneten policeman flüchten. Ich möchte auch nicht erforschen, weshalb ein gewisses steinreiches Parlamentsmitglied bestechlich ist und irgendein nicht wählbarer Dichter oder Künstler unbestechlich, warum die Reichen so frech sind und die Armen so demütig, die einen so hart und die andern so gemein. Das ergäbe eine langwierige Studie, für die das Leben mehrerer deutscher Philosophen nicht ausreichte. Ich werde mich also darauf beschränken, in groben Zügen den allgemeinen Charakter der Einwohner Londons zu skizzieren, ohne jedoch die Allgemeingültigkeit des Typus zu behaupten. Notwendigerweise müssen viele davon abweichen. Der geniale Mensch ist überall ein Wesen für sich, das der Natur seiner inneren Organisation mehr verdankt als den äußeren Einflüssen. Für die Ausnahmen lasse ich so ein weites Feld und zeichne nur die banale Physiognomie, die die Monsterstadt all denjenigen als Ihr Siegel aufdrückt, die in ihrem Innern leben. Der Londoner ist recht wenig gastfreundlich. Die teure Lebens- haltung, der förmliche Ton, der alle Beziehungen regelt, verhin- dern, daß er es ist. Im übrigen gibt er sich zu sehr mit seinen Geschäften ab, so daß ihm nicht genügend Zeit bleibt, seine Freunde mit einem Fest zu ehren. Er gibt daher nur Einladungen oder zeigt Höflichkeit, wenn es um seinen Vorteil geht. In seinen Geschäftsbeziehungen ist er pünktlich: Die extremen Entfern- ungen fordern eine rigorose Zeitplanung. Der Londoner sähe sich in der öffentlichen Meinung verrufen, käme er zwei Minuten nach der für die Zusammenkunft festgelegten Zeit. Entschlüsse faßt er nur langsam, da er die verschiedenen Möglichkeiten durchgeht, die sie ihm bieten; bei ihm ist das Vorsicht und nicht Zaudern, denn mehr noch als den Engländern der andern Hafenstädte gefallen ihm die großen Geschäfte, ja man könnte sogar sagen, daß er in den Geschäften ein Spieler ist. Wenn er eine Ent- scheidung getroffen hat, zeigt er sich freimütig und sein Vorgehen ist großzügig; fast immer gewährt er mehr Gefälligkeiten und Hilfe als er zu leisten sich verpflichtet hat. Die Beständigkeit in seinen

Unternehmungen treibt er bis zur Sturheit; es liegt ihm am Herzen, zu vollenden, was er begonnen und weder Geld- noch Zeitverluste noch irgendein Hindernis können ihn abschrecken.* Der Londoner hat keine eigene Meinung und keinen Geschmack:

Seine Meinungen sind die der feinen Leute, sein Geschmack derjenige der Mode. Das knechtische Befolgen der Mode ist in der Nation allgemein üblich; es gibt kein Volk in Europa, wo die Mode, die Etikette und Vorurteile aller Art sich mit soviel Tyrannei Gehorsam verschaffen. In England fügt sich das Leben in den Rahmen von tausenderlei Regeln, so kindisch und absurd wie diejenigen der Klöster und außerdem überaus lästig. Wenn es einem passiert, sie zu übertreten, halten sich alle in ihrer Gesamtheit für beleidigt. Der Verwegene wird aus der Gesellschaft verbannt, für immer exkommuniziert! Diese heftige Feindseligkeit gegen jeden, der seine individuellen Züge bewahren möchte, muß vermuten lassen, der Neid, diese schlechte Eigenschaft des menschlichen Herzens, sei in England weiter verbreitet als irgendwo sonst. Überall bleibt die sehr große Mehrheit deutlich hinter dem Mittelmaß zurück: Sie haßt diejenigen, die sie übertreffen, die ihr ihre Nichtigkeit ins Bewußtsein rücken; daher reizt man die englische Empfindlichkeit,

* Beim Bau der Waterloo-Brücke haben die Aktionäre dreier Aufforderungen zu Nachzahlungen entsprochen und erhielten kaum zwei Prozent der letzten Einzahlungen als gesamte Dividende. Die beim Tunnelbau aufgetretenen Unglücks- fälle haben die Aktionäre auch nicht verdrossen. 19 In seinen Familienbeziehungen ist er kalt und förmlich und er verlangt viel achtungsvolle Rücksicht und ehrfurchtsvolle Achtung. Er macht es sich zur Pflicht, dieselbe Rücksichtnahme und ehrende Achtung zu erwidern. Bei seinen Freunden ist er sehr vorsichtig, ja mißtrauisch, doch schränkt er sich sehr ein, um ihnen angenehm zu sein, aber er treibt die Freundschaft selten so weit, als daß er tief in die Tasche greifen müßte. Vor Fremden trägt er eine Bescheidenheit, die er nicht hat, zur Schau, oder er tut recht vornehm, was ziemlich lächerlich ist. Im Umgang mit seinen Vorgesetzten ist er fügsam und schmeichlerisch und treibt die Lobhudelei gegenüber denen, von denen er sich etwas erhofft, bis zur Kriecherei. Gegenüber seinen Untergebenen ist er brutal, unverschämt, hart und unmenschlich.

sobald man sich von der vorgezeichneten Linie entfernt. Der Abzug einer Daguerreotyp-Aufnahme vom Publikum der Regent Street oder des Hyde Parks interessierte vor allem wegen diesen gekünstelten Ausdrucksformen, der sklavischen Steifheit, wie man sie auf chinesischen Malereien grob dargestellt sehen kann. Der Londoner hat den allergrößten Respekt vor dem Bestehenden und erweist sich als religiöser Bewahrer der landläufigen Regeln; auch gehorcht er allen Verpflichtungen der Vorurteile der Gesell- schaft und Sekten, und obgleich es oft vorkommt, daß sich seine Vernunft empört, unterwirft er sich schweigend und läßt sich von den Fesseln knebeln, die zu zerreißen er nicht genügend moralische Kraft hat. Seine Haßgefühle gegen die Fremden, besonders gegen die Franzosen, die von der Aristokratie mit so viel Sorgfalt in den Massen geschürt werden, nehmen, trotz der Anstrengungen der Torys, sie zu erhalten, jeden Tag ab. Es gehört unter den Londonern zum guten Ton, sich davon nichts anmerken zu lassen, weil man sonst für einen John Bull der City gehalten würde. Trotzdem sind sie, sei es aus geschäftlicher Rivalität oder aus Neid, eifersüchtig auf die Franzosen. Bei jeder Äußerung verrät sie ihr Haß mit einer Intensität, die von der Sorgfalt, ihn zu verbergen, noch gesteigert wird. Die wichtigste Leidenschaft des Londoners ist der Luxus: Gut gekleidet zu sein, gut zu wohnen, mit einem Hausstaat, der ihn auf eine achtbare Stufe stellt, das ist der Traum seines Lebens, das Ziel all seines Ehrgeizes. Außer dieser Leidenschaft trifft man noch auf eine andere gigantischen Ausmaßes: den Stolz. Ihm opfert er alles, Liebe, Vermögen und Zukunft. Der Londoner lebt nur wenig aus dem Herzen; bei ihm nehmen Stolz, Eitelkeit und Hoffart zuviel Platz ein. Gewöhnlich ist er traurig und schweigsam und langweilt sich sehr; die Geschäfte erregen sein Interesse nur durch die Größe der Gefahren und der Erfolge. Fortwährend versucht er sich zu zerstreuen, und obgleich er nichts ausspart, gelingt es ihm selten. Wenn sein Beruf und

seine Vermögenslage dem nicht ein unüberwindliches Hindernis in den Weg legen, reist er unaufhörlich und schleppt immer seine tiefe Langeweile hinter sich her, die nur ganz selten einen Sonnenstrahl in seine Seele dringen läßt. Dennoch kommt es manchmal vor, daß dieses Wesen, dessen Bestimmung es zu sein scheint, die Langeweile des Menschengeschlechts festzuhalten - „to he the recorder of human distresses" — aus seiner Schweig- samkeit heraustritt; dann verfällt er ins genaue Gegenteil: in lautes schallendes Gelächter, wildes Schreien und Scherzgesänge, und diese zufällige Fröhlichkeit äußert sich dann in Hüpfen und Springen. Dieser Gegensatz hinterlässt einen peinlichen Eindruck. Wenn man den eleganten Komfort, den der reiche Londoner genießt, sieht, könnte man annehmen, er sei glücklich; aber wenn man sich die Mühe macht, den Ausdruck seiner Physiognomie zu studieren, erkennt man an seinen Zügen, die den Ausdruck der Langeweile und Müdigkeit tragen, und an seinen Augen, wo das Leben der Seele erloschen und das Leiden des Körpers offenkundig ist, daß er nicht nur überhaupt nicht glücklich, sondern in Verhältnisse gestellt ist, die ihm das Glücksverlangen untersagen.

4. Die Ausländer in London

Der Baron von Wormspire

Sie zögern? Es wird genügen, uns bekannt zu machen von Robert Macaire Abkömmling des berühmten Der Baron von Wormspire Ganz richtig. Robert Macaire Die Geschichte spricht viel von ihm Der Baron von Wormspire

Außerdem bin ich Brigadegeneral

Das ist ein Titel, mein Herr. Robert Macaire Das überzeugt mich ganz und gar Der Baron von Wormspire Nun los, mein lieber Schwiegersohn, genug dieser Komplimente. Wir von der Großen Armee, wir machen da nicht so viele Umstände, wir lieben natürliche Umgangsformen. Robert Macaire Oh, für diese Art schwärme ich: die Gradheit, die Ehrlichkeit, das

gefällt mir!

Ich hin der Baron

rechtzeitig ernannt

von dem großen Mann!

London zieht durch seinen Handel und seine großen Reichtümer eine große Zahl von Ausländern an, fast alles Gewerbetreibende:

Die einen kommen wegen des Handels und die andern wegen der Intrige. Man hat mir versichert, daß mehr als fünfzehntausend Franzosen in London wohnen; auch Deutsche und Italiener gibt es dort in großer Zahl, seit den letzten Ereignissen strömen auch die Spanier und Polen herein. Es wäre mir unmöglich, die Zahlen 20 dieser Ausländerkolonien genauer anzugeben. Da ich darüber keine Angaben zur Hand habe, spreche ich auch nicht über die anderen Nationen, die alle ihre Vertreter in der Monsterstadt haben. Man muß aber bemerken, daß in England das Volk den Ausländer, von welchem Teil des Kontinents er auch immer komme, immer nur mit dem Beiwort Franzose (Frenchman) bezeichnet hat. Auch im Orient werden alle Europäer Franken genannt, als ob der Name Franzose oder freier Mann eines Tages von ganz Europa angenommen 'werden sollte.

Abgesehen von den Flüchtlingen sind alle Ausländer von Geschäfts wegen gekommen: Unter ihnen findet sich eine große Zahl von Arbeitern aus verschiedenen Gewerben, ehrbare Leute, die schwer arbeiten, um ihre Familien zu ernähren; dann Händler, die mit den Theatern verbunden sind, Professoren, die sich dem Unterricht widmen, Ärzte, das Diplomatische Corps und endlich eine schwankende Zahl Reisender, die sich nur ein bis zwei Monate im Lande aufhalten. Im Hinblick auf die Etablierten oder housekeepers (Hausherren) kann der argwöhnischste Engländer keinerlei Zweifel an ihrer Ehrbarkeit aufwerfen. Sie genießen also die Wertschätzung, die ihnen zukommt. Genauso verhält es sich mit den Reisenden, deren Aufenthalt in England in aller Augen gerechtfertigt ist. Die Ausländer ohne Kapital oder Kredit, um Handel zu treiben und jene, die weder einen Beruf noch ein Gewerbe ausüben, müssen leben wie alle anderen. Sie sind unbestritten diejenigen, die zur Erreichung dieses Zieles den größten Einfallsreichtum entfalten. Nichts ist lächerlicher oder komischer als die Mittel, die sie anwenden, um Zugang zu den englischen Gesellschaften zu erlangen. Nachdem sie bald die große Bedeutung entdeckt haben, die nicht nur die Aristokratie und die Hochfinanz, sondern auch die Bourgeoisie bis hin zu den kleinsten Ladenbesitzern den Titeln beimessen, schmücken sie sich schnell und umstandslos mit den Titeln Baron, Marquis, Graf, Herzog, Oberst, General usw. Ihr Knopfloch zieren sie mit dem Kreuz der Ehrenlegion oder des Heiligen Ludwig. Obwohl in England die Auszeichnungen nur bei Hofe getragen werden, sind die Engländer entzückt, einen Ritter der Ehrenlegion bei sich zu empfangen. Das Kreuz der Ehrenlegion ist in ihren Augen noch ein Zeichen der Ehrbarkeit. Leider wissen sie noch nicht, daß es auf der Brust der Spitzbuben schon sein Golgatha gefunden hat! Es belustigt, einen Handelsreisenden, einen Friseurgesellen oder jede andere Person ohne die mindeste Erziehung mit einer Sicherheit und Leichtigkeit die schönsten Namen Frankreichs

schreiben zu sehen, die glauben machen könnten, sie hätten immer schon chevalier de Choiseul oder vicomte de Montmoren- cy geheißen. All die Alten waren zumindest Feldmarschälle in der Großen Armee und sind von dem Großen Mann 21 dekoriert worden ! Die Jungen sind allesamt Carlisten; unter Karl X. 22 waren

sie zumindest Oberst, und sie wollen nicht in Frankreich wohnen, weil ihr König von dort verjagt worden ist. Schließlich ist in London die Titelsucht so weit verbreitet, daß die ausgehaltenen Frauen, ja sogar die Freudenmädchen sich der Titel als Mittel zum Erfolg bedienen. Diese Damen lassen sich Frau Marquise von ***, Frau Baronin von oder Gräfin von *** nennen. Ohne weiteres benützen sie das Wappen der Familie, deren Namen und Titel sie sich angeeignet haben, versiegeln ihre Liebesbriefe mit einem prachtvollen Siegel altertümlicher Form und mit kostbarem Wappen. Ihre Wäsche und ihr Silberzeug sind mit den Initialen ihres Hauses gezeichnet. Schließlich tragen ihre Diener, so sie welche haben (was ziemlich selten ist), eine feudale Livree. Man begreift, daß in einem Land, wo der Schein alles ist, eine mit aristokratischer Hülle ausstaffierte Prostituierte eine

gewisse Rolle spielen

Die Französinnen sind fein, und da sie in einem klassischen Land der Annonce und Reklame leben, lernen sie deren Formen recht schnell. Sie werden Engländer, wenn sie von einer Kokotte sprechen, sagen hören:„Oh, das ist eine Dame aus einer sehr guten Familie. Sie ist die Nichte des Grafen La Rochefoucauld" oder „Sie ist mit der Familie des Herrn de Broglie verwandt" usw. Solche Aufschneidereien glaubt auf der Welt nur ein Engländer! Ich habe da eine wirklich sonderbare Sammlung von Freiherrn, Grafen und Marquis gesehen! Viele von ihnen sind verdächtig, im Solde der französischen Regierung zu stehen. Man sagt, die Polizei lasse die Schritte der republikanischen Flüchtlinge in London überwachen. Die anderen sind fashionable gent-lemen, die ganz einfach gut leben möchten Diese adligen Herren sprechen von ihren kriegerischen Helden-

und manchmal ihr Glück machen kann.

taten, machen der Tochter des Hauses den Hof, singen eine neue Romanze und versuchen gleichzeitig, den Vater in ein Geschäft einzuspannen. Fast alle diese Herren besitzen Geheimnisse von höchster Bedeutung für die Industrie! Der eine verwandelt jede beliebige Art von Blättern in Tabak, der andere stellt aus einem unbekannten Stoff, der beinahe nichts kostet, prächtiges Papier her. Schließlich tritt ein noch Vermessenerer auf und sagt: „Meine Herren Engländer, bislang haben Sie, um Gas zu gewinnen, die kostspieligsten Mittel eingesetzt; aber ich war so glücklich, neue Verfahren zu entdecken, welche für die Aktionäre 500 Prozent Gewinn abwerfen werden. Ich mache Gas aus nichts, aus ein bißchen Erde und Luft, fertig!"* Dann ist es ein Riesenfilter, der der ganzen Stadt London geklärtes Wasser zu verschaffen vermag. Hier gibt es ausgezeichnetes Bier, für das man weder Hopfen noch Gerste braucht. Jene möchten die Engländer von dem hohen Zoll, mit dem die englische Regierung in ihrer Liebe für die Handelsfreiheit die Weine belegt hat, befreien. Sie stellen Bordeauxweine und Champagner zu so mäßigen Preisen her, daß sogar die einfachen Leute davon werden trinken können. Auch ohne Wein machen sie ebenso guten Essig wie der aus Bordeaux und einen Brandwein, der es mit dem Cognac aufnimmt. Wollte ich die zahllosen wunderbaren Geheimnisse dieser Herren alle aufzählen, ich würde an kein Ende kommen. Die Engländer müssen anerkennen, daß man in Frankreich viel mehr Entdeckungen macht als bei ihnen. Französische Einfälle haben England häufig Mittel zur Vermögensbildung verschafft. Ohne weit zurückzugehen, kann man anmerken, daß der Bagger im Jahre VII von einem in Saint-Germain wohnenden französ-

* Es verhält sich ganz und gar so, wie ich es erzähle. Ein Franzose hat sich zwei Jahre lang täglich eine Guinee geben lassen. Immer wieder versprach er den Aktionären, er werde aus nichts Gas machen. Dies war der originellste Gaunerstreich, den ich in England gesehen habe, aber er verliert viel durch die Niederschrift. Man muß die mimische Erzählung des Erfinders des Erde-Luft- Gemisches selbst gehört haben, um sie voll genießen zu können.

ischen Ingenieur erfunden worden ist. Das Verfahren für die Her- stellung von Endlospapier stammt von Didot und das System zum Spinnen von Leinen von Girard. Alle diese Erfindungen wurden in England vervollkommnet und angewandt und von dort haben wir sie wieder übernommen. Die Engländer besitzen eine solche Hartnäckigkeit, daß sie durch sukzessive Verbesserungen eine derartige Erfindung, deren fruchtbares Prinzip in Frankreich folgenlos bliebe, zu einem Erfolg machen. Die Maschinen von Girard schlummerten dort mehrere Jahre vor sich hin, bis die Engländer sie sich verschafften, und nach einigen Verbesser- ungen nahm die Leinenspinnerei in England eine solche Entwick- lung, daß sie kurz davor steht, unsere Leinen-industrie zu rui- nieren. Verantwortlich dafür ist das absurde Zugeständnis unserer Regierung an eine Regierung, die immer hart bleibt und andere gerne hinters Licht führt. Dann haben die Engländer ganz allgemein die Neigung, den von den Franzosen gemachten Entdeckungen Aufmerksamkeit zu schenken, weil ihnen alle Tage aus Frankreich neue chemische und mechanische Verfahren und Künstler, die ihren Manufakturen helfen, die gefürchtete kontinentale Konkurrenz auszuhalten, zufallen. Diese ebenso ehrenswerte wie zu unseren Gunsten wohlwollende Neigung wird leider von Scharlatanen ausgenützt, die in ihren Winkelzügen die Franzosen beschuldigen, unredlich zu sein und betrügerische Intrigen zu spinnen. Sie schaden den wirklichen Erfindern und sind schuld daran, daß die unter- nehmenslustigen Köpfe sich nicht neuen Versuchen hingeben und verlangsamen dadurch den Fortschritt. Geniale Entdeckungen lassen häufig Ergebnisse erhoffen, die die ersten Versuche überhaupt noch nicht erahnen lassen, ohne daß die Redlichkeit des wirklichen Erfinders in irgendeiner Weise im Verdacht stehen könnte. Zwischen diesem Erfinder, diesem Missionar der Vorsehung und dem Scharlatan besteht ein so großer Unterschied wie zwischen Rossini und einer Trommel, wie zwischen dem Stil Walter Scotts und dem puff der Auslage des

Buchhändlers. Wenn sich John Bull also täuschen läßt, dann, weil es ihm so oft passiert, zuviel Vertrauen in sich selbst zu haben. Ein Scharlatan kann einen in der Wissenschaft, zu der ja auch die vorgebliche Entdeckung gehört, erfahrenen Mann nicht täuschen. John Bull entscheidet sich, ohne jemanden um Rat zu fragen, weil man ihn geschickt überreden konnte, daß er selbst genug weiß, um ein eigenes Urteil zu fällen. Er besitzt drei so deutlich hervortretende Triebe, daß sie dem Beobachter nicht entgehen können: Stolz, Begehrlichkeit und Gefräßigkeit. Da die Intriganten, von denen ich gerade gesprochen habe, keine Kochkünstler in ihren Diensten haben, können sie sich des letzten Triebes nicht bedienen. Aber sie handhaben die beiden ersteren sehr geschickt, und immer wenn John Bull ausgenützt wurde, speit er Feuer und Flamme gegen jene Schufte von Franzosen ! In seiner dumpfen Wut zieht er die gesamte Nation hinein und schilt sie Lumpengesindel usw., denn das Geld von John Bull ist immer auf so ehrenwerte Weise verdient, daß es wirklich ein vor Gott nach Rache schreiendes Verbrechen ist, ihn auch nur den geringsten Teil davon verlieren zu lassen! Die Klagen der Opfer gleichen ziemlich denen des „auf einem Baum sitzenden Raben". Wenn John Bull den Titeln und Auszeichnungen keinen Wert beimäße, würde er seine Tochter niemals mit einer reichen Mitgift einem Intriganten geben, der mit echten oder falschen Titeln versehen, am Knopfloch Bänder verschiedener Farben trägt. Die Gentlemen, die Frankreich besucht haben, lassen sich damit schon gar nicht ködern. Sie wissen nur zu gut, daß der französische Adel in keiner Weise den sogenannten Adligen gleicht, die auf den Straßen Londons den Müßiggang pflegen. Diese Erwägungen haben mich dazu bewogen, dies Kapitel von den Ausländern in London zu schreiben. Ich wollte die Engländer lehren, uns kennenzulernen, damit sie nicht vom plumpen Schein getäuscht werden; damit sie den Gelehrten vom Scharlatan, den wirklich adligen Mann vom Intriganten, den Herzog von seinem Diener und die Herzogin von ihrer Zofe unterscheiden lernen. Ich

möchte, daß John Bull niemals mehr jene absurden Klagen ausstößt und in seiner Verwirrung nicht die ganze Nation beschimpft, wenn er es sich nur selbst zuzuschreiben hat.*

* In der ersten Ausgabe war dieses Kapitel viel umfangreicher. Ich sprach dort von Prinz Louis-Napoleon Bonaparte und seiner Umgebung. Man erinnert sich, daß sich Louis Bonaparte 1840 in London wie ein Prätendant hinstellte. Er ließ sich Hoheit nennen und hatte einen Hof; kurz, er mimte den Vornehmen und spielte eine lächerliche Rolle. Bekanntlich hatte er in Paris Le Capitole als sein Organ gegründet, um sich Anhänger zu gewinnen. Der lächerliche Putsch von Boulogne, zwanzig Tage nach der Veröffentlichung meines Werkes, bewies, daß ich diesen Anwärter auf den Thron und jene Menschenmenge, die seiner Torheit schmeichelte, weil sie davon lebt, richtig eingeschätzt hatte. Die Anhänger Napoleons, die in ihrer Liebe für den verstorbenen Kaiser ihn mit aller Gewalt in seinem Neffen wiedererstehen sehen wollen, haben mich beschuldigt, auf boshafte Weise ein groteskes Zerrbild ihres Prinzen gezeichnet zu haben. Es scheint, daß seine Landung an der Küste, sein Angriff auf die Stadt Boulogne an der Spitze seiner Recken, sein Prozeß und schließlich die diversen von ihm selbst verfassten Briefe seit seiner Gefangenschaft in Ham voll und ganz belegen, daß ich nur die Natur nachgeahmt habe, die den Helden von Boulogne in dieselbe Welt geworfen hat wie den Helden des Cervan- tes. 23

5. Die Chartisten

Vertraut auf Gott und haltet Euer Pulver schön trocken.

O'Connell 24

Wahlsprüche der Chartisten, wie sie auf den Standarten ihrer meetings stehen:

Lieber durch das Schwert als durch den Hunger sterben. Geduld und Ausdauer, wir werden unsere Rechte erhalten. Wer frei sein möchte, muß ein Zeichen setzen können. Allgemeines Wahlrecht. Die verachteten Produzenten werden sich Gerechtigkeit verschaffen. Ein Tag der Freiheit wiegt eine Ewigkeit der Knechtschaft auf. Wir leben um Hungers zu sterben. Die Freiheit um jeden Preis! Frei sein oder Nichtsein! Jeder Mensch ist ein Mensch, wer also ist mehr? Pflugscharen zu Schwertern, Hippen zu Piken. Der Schwache sage: Ich bin stark! Kann man aus einem wahren Soldaten ein Instrument der Unterdrückung machen?

Wie groß auf den Britischen Inseln das Reich des Fanatismus und der Heuchelei, die er erzwingt, auch noch sei, so haben die religiösen Anschauungen indessen nur noch einen nachrangigen Einfluß bei der Herausbildung der Parteien. Ein jeder hängt an seiner Sekte wie an der Freiheit seiner Meinungen und möchte nicht gezwungen sein, Priester zu bezahlen, denen er gar nicht glaubt. Aber die religiösen Haßgefühle verlöschen, allem zum Trotz was geschieht, sie am Leben zu erhalten. Die Beweggründe für das Entstehen von Parteien muß man vor allem in den materiellen Interessen suchen. Alle meine Leser haben sicherlich schon von den whigs und tories, den Reformisten und den Konservativen, den Radikalen und den Chartisten gehört. Zwischen all diesen Parteiungen herrscht ein innerer Krieg. Aber der große Kampf, derjenige, der dazu bestimmt ist, die Organisation der Gesellschaft umzuformen, ist

der Kampf zwischen den Eigentümern und Kapitalisten, die alles, Reichtum und politische Macht, auf sich vereinen und zu deren Gunsten das Land regiert wird auf der einen, und den Arbeitern der Stadt und des Landes auf der andern Seite, die nichts besitzen, weder Ländereien noch Kapital noch politische Macht, die jedoch zwei Drittel aller Steuern zahlen, die Rekruten für die Armee und die Flotte stellen und die von Reichen nach deren Belieben hungrig gelassen werden, damit sie dann billiger arbeiten. Der Boden der drei Königreiche ist aufgrund der Auswirkungen der Feudalgesetze, die seine Übertragung regelten, auf eine sehr kleine Zahl von Familien verteilt. 25 Der Großgrundbesitz hat vorgeherrscht, Wiesen waren an die Stelle bestellbarer Böden getreten und die Gemeindeländereien wurden ausschließlich unter die Grundbesitzer verteilt. Die notwendige Folge von alledem war das tiefe Elend des Landproletariers; und da dort die Verwaltung, die innere Ordnung, die bürgerliche und die Strafjustiz von den Grundbesitzern ausgeübt werden, ergab sich, daß der Proletarier nichts anderes als ein Sklave des Grundbesitzers geworden ist, ein unglücklicherer Sklave als der Neger oder der Leibeigene, die ihre Herren nie Hungers sterben und schon gar nicht in den Gefängnissen zugrunde gehen lassen, nur weil sie einen Hasen oder ein Rebhuhn getötet haben. Die an die äußerste Grenze getriebene Arbeitsteilung, die Maschinen, die sämtliche handwerklichen Tätigkeiten ersetzen und die dem Kapitalisten immer zur Verfügung stehende Antriebskraft von höchster Leistungsfähigkeit, sind die drei großen Revolutionen im Herstellungsprozeß, die äußerst bedeutsame Revolutionen in der politischen Organisation der Völker nach sich ziehen werden. Die isolierte Industrie verschwindet nach und nach; es gibt für den Menschen fast keine Gebrauchsgegenstände mehr, die nicht von Maschinen in großen Manufakturen verfertigt werden, und die Arbeit, die sie den Arbeiter noch tun lassen, erfordert so wenig Geschicklichkeit, daß der erste beste dafür

geeignet ist. Zunächst zogen die Arbeiter aus dem Fortschritt der Industrie Nutzen. Die Vollkommenheit des Werkstücks und die Wohlfeilheit mehrten die Zahl der Verbraucher und die Löhne stiegen. Aber im Frieden begann sich die kontinentale Konkurrenz zu entwickeln und der englische Fabrikant nahm mit dem von ihm verdienten immensen Kapital den Kampf gegen sie auf. Er häufte in seinen Lagerhäusern und in den englischen Faktoreien, die über die ganze Welt verteilt sind, Waren an und drückte nach und nach die Löhne der Arbeiter. Unter diesen Bedingungen fand sich der englische Arbeiter völlig der Willkür des Manufakturkapitalisten ausgesetzt. Dieser konnte lange Zeit die Nachfrage befriedigen, ohne vom Arbeiter abhängig zu sein. Der Profit der Herstellung geht so ganz auf den Fabrikanten über und der Arbeiter bekommt für seine vierzehn Stunden Arbeit nur Brot. Die Radikalen verlangen die Abschaffung der Getreidegesetze; doch die Arbeiter verlangen nur das allgemeine Stimmrecht, weil sie ganz genau wissen, daß, wenn sie sich an der Ausarbeitung von Gesetzen beteiligten, sie recht bald die Abschaffung der Steuern auf Getreide und alle andern Lebensmittel sowie die Möglichkeit erreichten, sich zu vereinigen, um gegen die Kapitalisten zu kämpfen. Die ansehnlichste Assoziation, die sich bislang in den drei Königreichen gebildet hat, ist die der Chartisten. Ich sehe mit Schmerz, daß O'Connell entweder aus religiösem Fanatismus oder um seine Diktatur uneingeschränkt zu bewahren, die irischen Arbeiter hindert, mit ihren Brüdern in England zu fraternisieren. Ihr Leid entstammt jedoch denselben Ursachen. Die Unterdrückung lastet gleichermaßen auf allen, sei es, daß die Proletarier das Joch der englischen oder irischen Aristokratie tragen, sei es, daß sie den Schützlingen der einen oder anderen ihren Tribut entrichten, sei es, daß sie Baumwoll- oder Leinenstoffe weben; mit einem Wort: Jeder, der

nicht ins Wahlrecht einbezogen ist, muß Chartist werden, denn man verurteilt ihn ohne Gehör, ohne Anwalt zur Verteidigung seiner Sache. Dieser Bund muß daher eines Tages der Bund von zwanzig Millionen Einwohnern gegen alle Privilegierten der drei Königreiche sein. Die Assoziation gelangt in ihren immensen Verzweigungen überall hin: In jeder Manufaktur, in jeder Fabrik, in jeder Werkstätte finden sich chartistische Arbeiter. Auf dem Lande gehören die Bewohner der Hütten dazu. Diese heilige Allianz des Volkes, die auf ihre Zukunft vertraut, festigt sich und wächst mit jedem Tag mehr. Die Ausgaben werden mit monatlichen Beiträgen gedeckt, alle Bewegungen gehen von einem Zentrum aus und niemals ist eine Organisation so stark gewesen. Obwohl sich dieser Bund durch die Einheitlichkeit seiner Organisation eine große Handlungsfähigkeit erwarb, liegt seine Stärke in der Einheit des Ziels. Alle ohne jede Ausnahme wollen die Aufhebung der aristokratischen, kirchlichen und kommerziellen Privilegien; alle wollen die Gleichheit der Steuern und der bürgerlichen und politischen Rechte. Alle wissen, daß man zur Erreichung dieses Zieles eine tyrannische Aristokratie beseitigen muß, die ihre usurpierte Macht allein in ihrem Sonderinteresse einsetzt, daß man ihr die Macht wegnehmen muß, um sie denen, die sie unterdrückt, zurückzugeben, die die Kraft und geistigen Fähigkeiten auf ihrer Seite haben. 26 Keine halbherzige Maßnahme kann die Chartisten zufrieden- stellen. Sie vertrauen keiner Partei, die es sich zum Ziel machte, der Bourgeoisie die Vorrechte der Aristokratie zu übertragen; denn in einer solchen Ausweitung der Privilegien sähen sie nur eine Verschärfung der Unterdrückung. Die Arbeitenden, denen die Ladenbesitzer, Bankiers und Händler ebensosehr wie die Grundbesitzer ihre Reichtümer verdanken, die Arbeitenden, die den Reichtum Englands so stark vermehrt haben, sind die Parias der englischen Gesellschaft. Im Parlament geht es niemals um sie, es sei denn, wenn Gesetze eingebracht werden, die ihre Freiheit einschränken. Sie haben also die ausgemachte Überzeugung,

daß jede Maßnahme, die nicht die Gleichheit der politischen Rechte zur Grundlage hat, nur eine neue Enttäuschung bringen wird. 27 Würde man im Falle der Herrschaft des allgemeinen Wahlrechts die Absicht hegen, den Brotpreis so hochzutreiben, daß die Arbeiter hungern müßten? Würden Verbote der Einfuhr gegen fast alle Arten von Lebensmitteln bestehen? Würden die vom Armen benützen Artikel dreimal höher besteuert als die für die Reichen bestimmten? Könnten alle ihre Vertreter wählen, gäbe es dann eine so haßerfüllte Rechtspflege? Würde der Sohn eines Lords zu unbedeutenden Strafen verurteilt, wenn er sich an einer Frau vergangen oder Untergebene halbtot geschlagen hätte, während der mittellose Plebejer für leichte Vergehen gnadenlos bestraft wird und, da er nicht imstande ist, eine Kaution zu stellen, im Gefängnis schmachtet, währenddessen seine Familie Hungers stirbt? Würden die Geldstrafen so festgelegt, daß das Minimum dem Lohn eines Arbeiters während mehrerer Wochen entspricht, das Maximum hingegen der Hälfte der täglichen Ausgaben eines reichen Mannes? Gäbe es mehr Sträflinge wegen Übertretung der Jagdgesetze als wegen aller anderen Delikte und Verbrechen zusammen? Würde man Schwadrone ins Feld stellen, um den Wilddieben Paroli zu bieten und den Tod einiger Fasanen zu rächen? Hätte das Oberste Königliche Gericht entschieden, daß im Falle der Einhegung oder Veräußerung von Gemeindegütern allein die Grundbesitzer ein Recht auf Entschädigung haben und die Armen, die ihre Hütten auf diesen Ländereien gebaut haben, entschädigungslos mit ihrer Kuh oder ihrem Schwein davongejagt werden können? Wenn das Volk, das die Rekruten für Flotte und Armee stellt, im Parlament vertreten wäre, würde man dann die Soldaten und Matrosen weiterhin mit Peitschenhieben traktieren, die Dienstgrade verkaufen, Gewalt anwenden, um einen Matrosen in den Staats-dienst zu stecken und ihm dann einen geringeren Sold bezahlen als er ihn verdiente? Und dürfte dann der Matrose in den langen Jahren zwischen der Zwangsaushebung (presse)

und dem Hospiz von Greenwich 28 niemals hoffen, auch bloß zum midshipman (Seekadett) aufzusteigen?* Angesichts der Bewegung in den Arbeiterklassen hat die Aristo- kratie Alarm geschlagen und den Klassen des Volkes räuberische Absichten unterstellt. Die Chartisten wollen die Herrschaft der Gerechtigkeit durchsetzen und müssen folglich Räuber sein für diejenigen, die die Privilegien reich machen: Diesem üblen Gezeter muß man die Antipathien oder die wirklichen und angeblichen Irrtümer zuschreiben. Die Arbeiter, die am Fortgang der Assoziation aktiven Anteil nehmen, sind alle die Elite ihrer Klasse; bei den Führern handelt es sich um gebildete Menschen, voller Eifer und Liebe für ihresgleichen. Die Arbeiter träumen weder von einem Agrargesetz noch einer Maschinensteuer noch einem Mindestlohn. Sie glauben, daß sie sowohl von den Abgaben auf die Lebensmittel als auch von den Kapitalisten unterdrückt werden. Sie wollen nicht mehr genötigt sein, sich dem Gesetz ihrer Ausbeuter zu unterwerfen; sie wollen auf eigene Rechnung arbeiten und fordern ein Gesetz, das der Vereinigung der Arbeiter nicht im Wege steht. In der Produktion würden sie es gerne so halten wie die auf Beteiligung fahrenden italienischen und griechischen Seeleute im Mittelmeer, die so die Handels- marinen anderer Länder verdrängen. Ihre Forderungen, die man schändlicherweise abzuwerten sucht, gründen offensichtlich auf jener Gerechtigkeit, deren göttlicher Abdruck in unseren Seelen liegt. Eine gut verwaltete Arbeiterassoziation, die irgendeine Industrie betreibt, müßte mehr Kredit erhalten als eine Einzelmanufaktur von gleicher Bedeutung; denn im ersten Fall werden die Wagnisse

* Ich gehöre nicht zu denen, die im allgemeinen Wahlrecht ein Allheilmittel für alle unsere Übel sehen; die politischen Formen sind nur Mittel, aber es gibt Anlaß zu glauben, daß das allgemeine Stimmrecht wirklich den gesellschaftlichen Interessen ergebene Menschen in die Kammer schicken und daß ihre Zahl über die Vertreter der Privatinteressen die Oberhand gewinnen würde. In dieser Hoffnung wünsche ich das allgemeine Wahlrecht, um zu einer besseren Ordnung zu gelangen.

der Produktion von allen Mitgliedern eingegangen, während im Einzelbetrieb ein oder zwei Personen sämtliche Risiken auf sich nehmen. Die Lords der Industrie haben die Tragweite solcher Ideen genau erkannt. Sie haben die Arbeiter, die Absichten zeigten, sich zu vereinigen, um ihnen Konkurrenz zu machen, verleumdet. Es gibt allerdings ehrenwerte Ausnahmen. Einige Fabrikanten sind aufgeklärt genug, um einzusehen, daß die Sache der Arbeiter auch die ihrige ist und daß es für die Fabrikbesitzer wie für die Arbeiter sogar von Vorteil wäre, Beteiligungsgesellschaften zu bilden. In der am 14. Juni 1839* an das Parlament gerichteten nationalen Petition 29 legten die Arbeiter und der aufgeklärte Teil der Fabrikanten ihre Leiden dar. Sie schrieben deren Ursachen den enorm hohen Steuern, die auf dem Volke lasten, sowie der Plünderung der öffentlichen Mittel zu. Sie sagten, die Wahlreform sei eine lächerliche Maßnahme gewesen, eine Täuschung, auf die niemand mehr hereinfiele, und die nur bewirkt habe, die Macht von einer Partei auf eine andere zu übertragen. Ihre Nöte blieben dieselben; jedoch dürfe das Kapital des Eigentümers nicht mehr des Zinses, auf den er ein Recht habe und die Arbeit des Arbeiters nicht länger der ihm gebührenden Entlohnung beraubt werden. Die Gesetze, die die Nahrung teuer, das Geld knapp und die Arbeit billig machten, müßten abgeschafft werden. Das Wohl einer möglichst großen Zahl, das einzig legitime Ziel, müßte das ausschließliche Trachten der Regierung werden. Die bestehenden Verhältnisse könnten nicht lange weiterdauern, ohne die Stabilität des Thrones und den Frieden im Königreich in ernste Gefahr zu bringen, weil, wenn die legalen Mittel wirkungslos blieben, um sie zu ändern, sie entschlossen seien, ihnen ein Ende zu setzen. Sie verlangten als unverzichtbare Vorbedingungen für die Veränderungen, die das Wohl des Volkes erfordere, das allge-

* In der Erstausgabe dieses Buches ist die Eingabe in voller Länge übersetzt.

meine Wahlrecht, geheime Wahlen, jährliche Parlamente, die Ab- schaffung jeder Form von Wahlzensus und die Bezahlung der Mitglieder des Parlamentes. Die erwähnte riesige Petition von 1842 30 ist noch viel deutlicher; da aber nicht alle Teile für unsere Leser von gleichem Interesse sind, möchten wir ihnen eine Zusammenfassung vorlegen:

1. Die Petenten gehen von dem Grundsatz aus, daß die

Regierung nur kraft einer Delegierung durch das Volk Gehorsam

fordern und Gesetze erlassen kann und daß sie ihm gegenüber verantwortlich ist. Eine Regierung, die nicht aus dem allgemeinen Wahlrecht hervorgeht, ist verfassungswidrig und tyrannisch. Es ist aller Pflicht, sich ihr zu widersetzen.

2. Sie sagen der Kammer, daß sie in ihrer gegenwärtigen

Zusammensetzung, da sie nicht vom Volk gewählt wurde, ohne

Vertretungsvollmacht sei; sie vertrete nur Fraktionen. Sie nütze nur einer kleinen Zahl und berücksichtige das Elend, die Schmerzen und Forderungen der Massen nicht.

3. Sie klagen sie an, Gesetze, die den ausdrücklichen Wünschen

des Volkes zuwiderliefen, gemacht, und für diese Gesetze ihr nicht

gebührenden Gehorsam gefordert zu haben. Dadurch hätte sie

den Despotismus errichtet und das Volk in eine entwürdigende Knechtschaft gestoßen.

4. Sie heben das Mißverhältnis zwischen der Zahl der Einwohner

und der der Wähler hervor; sie sagen, daß sich die Bevölkerung der drei Königreiche auf 26 Millionen belaufe und nur 900 000 wählen dürften. Sie erklären, daß das Wahlgesetz nicht nur dem Volk seine Rechte raube: Darüberhinaus verschaffe es den Interessen der Großgrundbesitzer und der Großkapitalisten einen vorherrschenden Einfluß und ruiniere die Arbeiterklassen und die Kleinhändler durch die ungerechte Aufteilung der zu wählenden Mitglieder; eine Aufteilung, durch die die großen Städte, die Industriezentren eine im Vergleich zu ihrer Bevölkerungszahl viel geringere Anzahl von Vertretern wählen als die Marktflecken und

die Städte der ländlichen Grafschaften; und schließlich sei es öffentlich bekannt, daß alle Wahlen zu dieser sogenannten nationalen Vertretung von Einschüchterung und Korruption beherrscht würden.

5. Sie beklagen sich, von Männern, die über keinerlei Ermächtig-

ung des Volkes verfügen, mit enormen Steuern belegt zu werden, um die Zinsen einer sich gegenwärtig auf 20 Milliarden Franken belaufenden Schuld zu bezahlen; diese Schuld bezeichneten diese Männer als national, obgleich einzig sie sie eingegangen

seien, um Kriege fortsetzen zu können, deren Ziel darin läge, alle Freiheit auf der Welt zu ersticken.

6. Sie zeichnen das schreckliche Elend des Volkes, die Nöte, die

ihm das letzte Armengesetz zugefügt hat. Sie machen auf das unermeßliche Mißverhältnis zwischen den Löhnen von tausenden von Produzenten und denen von Personen aufmerksam, deren

Nützlichkeit in Zweifel gezogen werden kann.

7. So, sagen sie, erhalte Ihre Majestät 4 122 Fr. 25 c. am Tag und

tausende von Arbeiterfamilien hätten täglich nur 37 Centimes pro

Kopf zur Verfügung; während Seine Königliche Hoheit, Prinz Albert jeden Tag 2 602 Fr. 50 c. beziehe, hätten tausende von Handwerkern jeden Tag nur 30 c. zum Leben; während man dem König von Hannover 31 1 437 Fr. 50 c. pro Tag gebe, hätten tausende von Steuerzahlern nur etwa 27 c. am Tag. Der Erzbischof von Can-terbury erhalte täglich 1 312 Fr. 50 c. und tausende von armen Familien hätten pro Kopf und Tag nur 20 c.

8. Sie sagen, daß trotz des unbestreitbaren Rechtes des Volkes,

sich zu versammeln, um seine Beschwerden zu diskutieren, politische Themen zu behandeln und über die Abfassung von Petitionen zu beraten, dieses Recht verfassungswidrig verletzt worden sei. 500 Bürger seien gesetzeswidrig festgenommen 'worden und man habe von ihnen überhöhte Kautionen gefordert. Geschworene seien aufgerufen worden, zu richten, und die Verurteilten seien wie Verräter der schlimmsten Art behandelt worden.

9. Sie prangern die Errichtung einer neuen Tyrannei an: Jene zahllose Masse bewaffneter Leute, die die Polizei in direktem Gegensatz zur Verfassung mit großen Kosten in ihren Sold nehme und über das ganze Land verteile, um das Volk zu hindern, seine Rechte auszuüben. Sie meinen, daß die Polizeistationen und die Zwinger des Armengesetzes ein und denselben Ursprung hätten, den ständigen Wunsch einer kleinen Zahl verantwortungsloser Männer, die Massen zu unterdrücken und auszuhungern.

10. Sie fügen hinzu, es werde eine umfängliche und verfassungs-

widrige Armee unterhalten, um die öffentliche Meinung zu unter- drücken und Millionen von Menschen bei der Ausübung ihrer legalen Rechte einzuschüchtern.

11. Sie zeichnen das Bild der Leiden des Volkes. Sie sagen, daß

die Arbeitsstunden, besonders in den Manufakturen, über die Kräfte der Menschen hinaus ausgedehnt würden, daß die Löhne

der Arbeiter nicht hoch genug seien, sich den notwendigen Lebensunterhalt verschaffen zu können und die Bauern Hungers stürben. 12. Sie beklagen die verschiedenen Arten von Monopolen und mißbilligen unterschiedslos jegliche Besteuerung der allernotwen- digsten Güter. Sie fordern die Beseitigung aller Monopole: bei den Wahlen, beim Papiergeld, bei der Presse, bei den kirchlichen Privilegien, beim Transit und einer Menge anderer Mißbräuche, die hier zu erwähnen zu weit führen würde, die aber alle von einer Kastengesetzgebung kommen, welche die Kammer ganz und gar begünstigt hat.

13. Zahlreiche Petitionen, sagen sie der Kammer, haben Euch die

Beschwerden der Arbeiterklassen bekannt gemacht; wir möchten, daß Ihr sie in Eure Überlegungen einbezieht und ihnen Gerechtig- keit widerfahren laßt; denn die gefährlichste Gesetzgebung ist doch wohl die, die sich nicht darum kümmert, auf die Beschwer- den der Gesellschaft einzugehen und es auf Gewalt und Aufruhr ankommen läßt. Mit diesem Ergebnis muß man rechnen, wenn be- rechtigte Klagen ständig abgewiesen werden.

14.

Sie sagen, man hebe von ihnen jährlich 225 000 000 ein, um

eine Kirche zu unterstützen, deren Dogmen sie nicht teilten. Es sei

ungerecht und der christlichen Religion zuwiderlaufend, einen religiösen Glauben, wie auch eine verschwenderische Kirche, für die das Volk keine Sympathien hege, einfach mit nackter Gewalt aufzuzwingen.

15. Dieses Volk, sagen sie, hat sich dem Willen verantwortungs-

loser Gesetzgeber ohne Autorität noch Auftrag unterworfen; es werde mit enormen Steuern belastet, um ein System der

Korruption auszuhalten, zu dem es niemals seine Zustimmung gegeben habe.

16. Sie bekräftigen, daß nach den früheren Gebräuchen und der

Überlieferung jeder ins vernünftige Alter gekommene männliche Einwohner des Königreichs, der nicht aufgrund eines Verbrechens verurteilt worden oder eines Verbrechens angeklagt ist, das Recht

habe, die Mitglieder auszusuchen, die ihn im Parlament vertreten sollen und daß man aufgrund der Gebräuche und der Satzungen des Königreichs gleichermaßen leicht beweisen könne, daß die Parlamente jährlich tagen müssen.

17. Sie wenden sich gegen jede Art von Wahlzensus; dieses

System, sagen sie, stehe im Widerspruch zu den früheren Gebräuchen des Landes. Die Intrige, die Patronage und die Einschüchterung, fügen sie hinzu, verbannten jegliche Freiheit der Wahl: Für einen Parlamentssitz zahle man riesige Summen, was beweise, daß Betrug und Korruption in höchstem Grade bestehen.

18. Sie erkennen an, daß das irische Volk zahlreiche Anlässe zu

Klagen habe und folglich das Recht besitze, den Widerruf der

Union zu verlangen.

19. Mit tiefer Empörung hätten sie die Parteilichkeit, die die

Gerichte zugunsten der Aristokratie an den Tag gelegt haben, ge- sehen, sowie die Grausamkeit von Gesetzen, die Frost, Williams

und Jones in der Monmouth-Affaire des Vorteils der von Sir Frederick Pollock vorgeschlagenen Rechtsmittel beraubt haben, obwohl die Mehrheit der Geschworenen damit einverstanden war.

20.

In dieser Petition, so sagen sie, sei es kaum möglich, eine

Vorstellung von den ungeheuerlichen Mißbräuchen, über die sich

die Arbeiter mit gutem Recht beklagten, zu geben; wollte die Kammer jedoch gestatten, vor ihren Schranken Vertretern ihrer Wahl Gehör zu verschaffen, würden sie eine Reihe von Miß-

bräuchen, Ungerechtigkeiten und Schikanen vortragen, der Art, daß alle wohlwollenden Menschen darüber fürbaß erstaunt wären, daß das Volk von Großbritannien und Irland eine so elende Lage so lange hat hinnehmen können, wie sie sich aus der ungerechten Verweigerung jeglicher politischen Rechte und der durch eine Kastengesetzgebung bewirkten Korruption ergäbe.

21. Sie übten, so sagen sie, unter diesen Bedingungen ein ver-

fassungsmäßiges Recht aus; daher bäten sie die Kammer, den offenkundigen Übeln und Mißbräuchen, derer sie sich zurecht beklagten, abzuhelfen, indem sie die Volks-Charta als Gesetz annehme, welche die Vertretung der männlichen Erwachsenen, die Wahl in geheimer Abstimmung, jährlich tagende Parlamente, die Aufhebung des Wahlzensus, eine Entlohnung für die Mitglieder des Parlaments und gleiche Wahlkreise beinhalte.

Im Interesse der Ruhe im Königreich 'wie dem der Sicherheit des Eigentums und der Prosperität des Handels empfehlen sie die Petition dringend der Aufmerksamkeit der Kammer.

Wie man sieht, sind die Schlußfolgerungen der beiden Petitionen dieselben. Aber wie weit sind sie voneinander entfernt! 1839 führen Männer, die mit der Regierung noch vernünftig reden wollen, in allem Ernst die unvermeidlichen Folgen der bestehen- den Verhältnisse vor. Sie fordern die Beteiligung an den politischen Rechten für alle, weil die Korruption, die Habsucht, die Plünderungen und die Unterdrückungsmaßnahmen der Aristo- kratie sie ins abscheuliche Elend stoßen, den öffentlichen Wohl- stand vernichten und die Ruhe des Landes in Gefahr bringen, indem sie das Volk in Verzweiflung stürzen.

Heute sind es 3 317 702 Personen, etwa die Hälfte der männ- lichen Bevölkerung über 21 Jahre in den drei Königreichen, die kommen und der Kammer sagen, sie habe keinerlei Befugnisse, Gesetze zu erlassen und deren Befolgung einzufordern; das Volk werde sich ihr widersetzen, weil es sie nicht ernannt hat. Sie erbitten keine Zugeständnisse mehr, sondern verlangen ihr Recht und sie erklären, es sich mit Gewalt nehmen zu wollen, sollte man es ihnen weiterhin verweigern. Sie tragen gegen die Kammer Anklagen vor, ihre Macht usurpiert zu haben, um das Volk zu plündern; Vorwürfe gegen die skandalöse Raubgier der ihnen aufgezwungenen Geistlichkeit; gegen die organisierte Tyrannei, die Polizeibanden, die Soldatenhaufen, die willkürlichen Gefangennahmen und widerrechtliche Parteilichkeit der Gerichtshöfe; sie vergleichen die Entlohnung der großen Kostgänger des Volkes, angefangen bei der Königin, mit der der Produzenten und die gesellschaftliche Nützlichkeit der ersteren mit der der letzteren. Diese Petition ist die Kriegserklärung, die das englische Volk an die Aristokratie richtet. Nun 'werden wir sehen, ob auf die Worte Taten folgen, ob unsere Brüder in Großbritannien die Beispiele, die wir ihnen seit 1789 gegeben haben, nachahmen werden, ob sie Kämpfe liefern, die Schlösser brandschatzen und die Waffen erst niederlegen werden, nachdem sie ihre Rechte zurückerobert haben! Die Grundsätze, von denen die beiden Petitionen getragen werden, stimmen mit dem Gefühl der universellen Gerechtigkeit so sehr überein, daß allein Unehrlichkeit, Tyrannei oder Dummheit sie anfechten können. Auch schreien diejenigen, zu deren Nutzen das Land regiert wird, die ihre Renten den Monopolen verdanken, die dicke Gehälter einstreichen oder sich Sinekuren erfreuen, eben diese schreien, die Proletarier wollten das Eigentum vernichten, als ob man das Eigentum durch die Usurpation rechtfertigen oder andere legitime Rechtstitel als die Arbeit anerkennen könnte. Doch diese leidenschaftlichen Anklagen

machen ungefähr genausoviel Eindruck wie das Geschrei um den Papismus, mit dem einige Fanatiker unter den tories die Massen aufzuwiegeln suchen. England bietet derzeit eine absonderliche Abnormität: Die Vorurteile in den Volksklassen nehmen ab, die religiösen und nationalen Haßgefühle verschwinden, während in den hohen Kreisen die vom Fortschritt der Aufklärung verschreckte Aristokratie sich in dichte Finsternis hüllt, in die Dunkelheit des Mittelalters eintaucht, die Erinnerungen an Crezy und Azin-court, die Schatten Heinrichs VIII. und der Königin Maria wachruft, und, wenn das Volk Hungers stirbt, es zu Glaubens- streitereien hinzureißen sucht. Gerne würde sie diese Zeiten der Verirrungen wiedererstehen lassen, wo sich die Menschen wegen nichtiger theologischer Spitzfindigkeiten an die Gurgel sprangen. Und diese Leute beanspruchen, die Nation zu führen! 33 Was die whigs angeht, so befinden sie sich im Zeitalter Ludwigs XIV: Seht, welche Bedeutung sie dem beimessen, daß lieber die und die königliche Familie als eine andere ein Land regiert. Sie scheinen zu glauben, die herrschende Meinung in Europa würde ihm von seinen Königen aufgeprägt, und diese vermöchten einiges ohne die Zustimmung ihrer Völker. Arme Leute, die über- haupt nicht sehen, wie die nationalen Vorurteile verschwinden, die Völker sich jeden Tag auf immer innigere Weise vereinigen, das Interesse der Massen auf dem Kontinent wie in England alle Fragen dominiert; die nicht sehen wollen, daß ein Krieg, der keinesfalls populär wäre, in keinem Land Europas gelingen kann und die Aristokratie, die ihn vom Zaun gebrochen, für alle Zeit zugrunde richten würde. In den Zeitungen war so oft von den Chartisten die Rede, und ich habe von ihnen auf so unterschiedliche Weise reden gehört, daß ich Lust bekam, sie kennenzulernen. Die tories stellten sie mir als abscheuliche Schurken vor; in ihrer üblichen Dünkelhaftigkeit bezeichneten die whigs die Chartisten als freche Abgefeimte und die Radikalen schließlich, deren Hoffnung sie sind, sprachen von ihnen als den Rettern des Vaterlandes. Diese widersprüchlichen

Urteile ließen mich den lebhaftesten Wunsch verspüren, die Führer dieser großen Volksbewegung zu sehen und einer Sitzung des leitenden Komitees beizuwohnen. Ich hatte keinerlei Vertrauen in die leidenschaftlichen Zeugnisse der Parteien und wollte mir meine Meinung über die Chartisten nach meinem eigenen Urteil bilden, sehen, ob sie wirklich blutrünstige Unge- heuer sind, Verrückte, die die Sache des Volkes verderben oder von Gott gesandte Genies, um England aus der Sklaverei zu befreien. Einer meiner Freunde, der eng mit zweien ihrer Führer verbunden ist, holte mich ab und wir begaben uns in die Fleet Street, zu dem Saal, wo der Nationalkonvent seine Versamm- lungen abhielt. Der Eingang ist zweifellos oft Gegenstand von Scherzen der tories aus der adligen Kammer gewesen - sie sind ja so geistreich! Er ist wirklich nicht sehr prunkvoll: In einem der kleinen, schmutzigen und engen Durchgänge zur Fleet Street befindet sich ein Wirtshaus von armseliger Erscheinung. Im Wirts- haus kommt ein Kellner und fragt Sie, ob Sie einen Schoppen Bier wünschen. Am Ton Ihrer Antwort erkennt er den Beweggrund Ihres Kommens und geleitet Sie durch einen hinten gelegenen Laden zum Versammlungssaal. Doch was liegt schon am Ort! Die ersten Apostel versammelten die Christen auch in Krypten, Kellern und Höhlen. Und ihre Worte waren mächtiger als die Gewalt der Cäsaren, denn der Glaube beseelte sie und auf dem Holzkreuz, das sie in Händen hielten, stand das Wort Erlösung ! Mein Freund ließ nach den Herren O'Brien und O'Connor 34 fragen; diese Herren kamen, ich wurde ihnen vorgestellt und sie führten mich in den Saal, wo jeder nur auf Vorschlag zweier Mitglieder zugelassen wird. Alle diese klugen Vorsichtsmaßnahmen konnten nicht verhindern, daß sich Spione in die Versammlungen ein- schlichen. Zunächst wurde ich vom Ausdruck der Gesichter überrascht: In den englischen Versammlungen hatte ich bislang nur Figuren von einer ermüdenden Gleichförmigkeit gesehen, ohne Charakter, der sie sich einem hätte einprägen lassen und wie aus einer Form

gegossen. Hier aber wies jeder Kopf auf eine ausgeprägte Persönlichkeit hin; es fanden sich dort etwa dreißig oder vierzig Mitglieder des Nationalkonvents und etwa gleichviele sym- pathisierende Zuschauer; die letzteren waren aus der Arbeiter- klasse, fast alle jung. Ich bemerkte vier oder fünf französische Arbeiter und zwei Frauen aus dem Volk. Keinerlei Unterbrechung, Geflüster noch private Plaudereien wie in der Kammer der gnädigen Herrschaften. Ein jeder brachte eine gespannte Aufmerksamkeit auf und folgte der Debatte mit Interesse. Nach englischer Gewohnheit brachte der Redner zuweilen possenhafte Scherze an, die Lachen hervorriefen. O'Connor spricht feurig, energisch; er ist brillant, er regt an, er reißt mit. O'Brien zeichnet sich durch die Richtigkeit seiner Überlegungen, seine Klarheit, seine Besonnenheit und seine gründliche Kenntnis der vergangenen Ereignisse aus. Doktor Taylor 35 ist enthusiastisch, heißblütig - der Mirabeau der Chartisten. Diese drei Männer können, zusammen mit Lovett, 36 als die gegenwärtigen Führer des Volkes angesehen werden; doch unmittelbar nach ihnen gibt es ebenso schöne Plätze, die von sehr verdienten Männern eingenommen werden. Ich machte in dieser Versammlung drei junge Leute aus, von denen der Älteste kaum sechsundzwanzig Jahre zählte: Einer von ihnen, Doktor Stephens, 37 hat einen reizenden Kopf, alles an ihm zeigt sein zum Studieren neigendes und sich in harter Arbeit ermüdendes Wesen. Er ist unbeirrt in seinen Ansichten, die er mit der Energie eines Mannes verkündet und verteidigt, der überzeugt ist von der Wichtigkeit, sie triumphieren zu lassen. Er drückt sich mit äußerster Gewandtheit aus, er ist schlagfertig, jede noch so geringe Nuance erfaßt er mit seltener Auffassungsgabe. Dieser junge Mann hat eine glänzende Zukunft vor sich, denn Gott hat ihn mit allen für das Apostolat des Volkes nötigen Talenten begabt. Palmer, den ich hernach bemerkte, entstammt den Reihen des Volkes. Sein hoher Wuchs zeigt seine Kraft; er ist wohlgestaltet, sein Aussehen hat etwas Stolzes, ja sogar Drohendes an sich.

Sein Kopf ist bemerkenswert schön! Der schöne irländische Typ! * Feine, regelmäßige Züge, dichtes, schwarzes Haar, die Haut ein wenig braun, dunkelblaue Augen, die Flammen aussenden, ein Mund und ein Kinn, wo sich die Energie der Leidenschaften abzeichnet - so ist dieser junge Mann. Sein Ausdruck ist so martialisch, so entschlossen, ich möchte sogar sagen so schrecklich, daß man ihn nicht ansehen kann ohne an ein Blutbad zu denken! Man sieht, daß dieses Kind des unglücklichen Irland seine Menschenwürde fühlt, daß sich seine Seele gegen das Joch auflehnt. Dieser junge Mann, dafür stehe ich ein, wird eine große Rolle in der Volksrevolution spielen, sofern die Vorsehung gestattet, daß sie binnen der nächsten zehn Jahre stattfindet. Sein Arm ist fest und sein unerbittlicher Haß wird die Lords verfolgen, wie Marius die römischen Senatoren verfolgte. Die Erziehung hat die Formen seiner Redeweise nicht abgeschliffen. Trotzdem konnte ich in derselben Sitzung den Eindruck festhalten, den seine aus dem Herzen quellenden Worte machten und wieweit man seine Meinung beachtete. Zwischen Herrn O'Connor und einem alten, rechthaberischen Anwalt hatte sich eine ziemlich kindische Diskussion entsponnen. Mehrere Mitglieder hatten versucht, den alten Mäckler vom Streit ums Kaisers Bart zum gesunden Menschenverstand zurückzuführen, doch vergeblich. Da er seit langem gewohnt war, das Für und Wider herauszukehren, das Unbestreitbare lang und breit zu beweisen, über den eigentlichen Streitpunkt sachte hinwegzugleiten, die Frage von allen Seiten zu betrachten, kam er zu keinem Ende und steinigte jeden unter dem Hagel seiner Worte. Der junge Ire erhob sich und sagte mit voller und klingender Stimme, die die Worte des Anwalts zu verschlucken schien: „Mein Herr, wir haben uns nicht dazu versammelt, Worte zu diskutieren, sondern um wichtige Dinge zu untersuchen. Unsere Zeit ist

* Er ist Ire.

wertvoll, wir müssen sie mit unseren Taten messen und nicht mit unnützen Phrasen." Diese wenigen Worte aus dem Munde des jungen Mannes riefen eine Wirkung hervor, die ich nicht beschreiben kann. Alle gaben ihm ein Zeichen der Zustimmung. Diesmal wurde der alte Anwalt sprachlos, er war nicht mehr in seinem Element. Der junge Ire steuerte direkt auf sein Ziel zu; der ehemalige Anwalt hatte dieses Vorgehen vergessen oder hielt es für unter seiner Würde. Der dritte Chartist, den ich bemerkte, war ebenfalls Ire. Man stelle sich einen blassen, mageren jungen Mann von schwächlicher Gestalt vor, eines dieser kraftlosen Wesen, für die das Dasein ein fortwährendes Leiden ist, die, da sie nur durch die Phantasie leben, über dem Leben in Phantasiewelten das wirkliche Leben vergessen und während sie von Zauberschlössern träumen, Hungers sterben. Eine dieser dichterischen Seelen, die nur an den Fortschritt denken und die nur durch das Glück der anderen glücklich sind. Man sieht, daß dieses arme Kind an die Selbstauf- opferung, an die Frauen und an Gott glaubt. Er ist zwanzig Jahre alt. Die Unermeßlichkeit seiner Liebe umfaßt die ganze Mensch- heit; seine Stirn strahlt vor Hoffnung; sein Vertrauen ist grenzen- los; er kennt noch nicht die verschiedenen Masken, hinter denen der Egoismus sich versteckt. Dieser unglückliche junge Mann stürzt sich, ohne zu zögern, in jenen Abgrund, den man Gesell- schaft nennt. Welche Enttäuschungen erwarten ihn, von welchen Schmerzen wird er gepeinigt werden, da er weder die grausamen Kämpfe der Rivalitäten noch die Haßgefühle des Neides erahnt! Jedesmal, wenn meine Augen sich auf dieses zerbrechliche Geschöpf richteten, erinnerte ich mich an Camille Desmoulins, Madame Roland, Saint-Just und all die Wesen voller Glauben und Hingabe, die den schlechten Leidenschaften unserer bürgerlichen Entzweiungen zum Opfer fielen. Ich verließ diese Versammlung sehr erbaut und zufrieden. In den Beratungen habe ich die gute Ordnung vorherrschen sehen und ich versprach mir viel von den Talenten, der Aufrichtigkeit und der

Hingabe der Führer, die Gott diesem Volke erweckt hat.*

* Dies wurde geschrieben, als in Newport der chartistische Aufruhr mit Frost an der

Spitze stattfand, dessen Resultate so beklagenswert waren. Wir Franzosen sind gewohnt, in den Aufständen die Bürger gegen die Regimenter kämpfen zu sehen und können uns daher nicht vorstellen, wie das englische Volk keinerlei Widerstand gegen eine Handvoll Militärs leistet und sich von ihm überwältigen läßt. Wir bedenken nicht genug, daß bei uns die Wehrpflicht dem größten Teil der Bevölkerung die Handhabung der Waffen lehrt, wohingegen sich in England die Armee aus auf Lebenszeit angeworbenen Soldaten rekrutiert, die nicht nur für immer aufhören, ein Teil des Volkes zu sein, sondern von ihm sogar durch wirkungsvolle Überwachung isoliert gehalten werden; ferner, daß in Frankreich die aufrührerischen Offiziere, Unteroffiziere und Soldaten in den Geheimgesellschaften, wo die Aufstände organisiert werden, nur nach Prüfung ihrer Moral, die den Maßstab für den Grad des Vertrauen, das man diesen Mitgliedern entgegenbringen kann, abgibt, zugelassen werden. In einem Wort: Um gegen gut bewaffnete und gut disziplininierte Soldaten und eine gute Artillerie zu kämpfen, genügt die Menge allein nicht. Es braucht nicht die Begeisterung einer momentanen Aufwallung, sondern jenen Mut der Seele, dem nichts widersteht. Man muß das Opfer seines Lebens gebracht haben und sich in Massen auf die feuerspeienden Kanonen stürzen, denn für die, die nicht getroffen werden, gibt es die Gewißheit, auf die Artilleristen zu treffen, bevor sie Zeit gehabt haben, ihre Geschütze neu zu laden. Wohl fallen einige Männer, wohl schicken die Kanonenkugeln und die Kartätschenladungen des Despotismus einige Märtyrer der heiligen Sache in den Himmel, aber letztlich ist das Volk durch den Mut und die Anzahl immer sicher, den Sieg davonzutragen. Wenn die Arbeiter, die englischen Proletarier wollen, daß der Aufstand gelinge, müssen sie sich mit den französischen Arbeitern und Proletariern verbrüdern und sich ihr Beispiel zum Vorbild nehmen.

6. Ein Besuch in den Kammern des Parlaments

Die Abgeordneten zeigen sich in ganz nachlässiger Kleidung: Im Gehrock, in Stiefeln, mit dem Hut auf dem Kopf, einen Regenschirm unter dem Arm. Den meisten Reden schenken sie wenig Aufmerksamkeit. La Grande-Bretagne en 1833 von Baron d'Haussez

In Frankreich bestanden die Freiheiten schon lange in den Gebräuchen, bevor sie in die Gesetze Eingang fanden. Napoleon und die Restauration haben vergeblich die Gesetze aufgehoben, die die Befreiung der Frau eingeleitet hatten. Überall hat diese Tyrannei Widerstände wachgerufen: Die Frau beweist, daß ihr Verstand mit dem des Mannes Schritt hält und die öffentliche Meinung wird aufgeklärter. In England hat die geistige Entwicklung für die Erweiterung der Bereiche der Freiheit keinen Einfluß; die Freiheit ist dort niemals vorangekommen außer in der Revolte und während die Autorinnen den britischen Horizont mit strahlendem Licht erhellen, lassen nicht nur die Gesetze und Vorurteile auf den Frauen die schändlichste Sklaverei lasten, sondern auch das Unterhaus, welches vorgibt, die ganze Nation, wenn nicht wirklich, so doch der Fiktion nach, zu vertreten; diese Versammlung, die auf Knien die Befehle einer Königin empfängt, treibt die Inkonsequenz soweit, den Frauen das Recht zu verweigern, ihren Sitzungen beizuwohnen. Wie kann man in diesem ach so freien Land dem parlamentar- ischen Geschwätz und den Phrasen der Journalisten irgendeinen Wert beimessen, in diesem Land, das sich für frei hält, wo aber die Hälfte der Nation nicht nur der bürgerlichen und politischen Rechte beraubt ist, sondern bei verschiedenen Anlässen auch noch als Sklavin behandelt wird: Die Frauen können auf dem Markt verkauft werden und die gesetzgebende Versammlung verweigert ihnen den Zutritt in ihre Mitte. Oh Schande! Schande über eine Gesell-

schaft, die bei diesen barbarischen Gebräuchen verharrt! Ist sie nicht wirklich von lächerlichem Hochmut, diese englische Gesell- schaft, die sich anmaßt, überall die Prinzipien der Freiheit durch- zusetzen ? Welches Land ist denn mehr geknechtet als England? Ist der russische Leibeigene nicht glücklicher als der irische Bauer oder der Helot der Manufakturen? An welchem Ort der Erde hat die Frau nicht mehr Freiheit als auf den britischen Inseln? Das Verbot, den Sitzungen der ehrenwerten Herren beizuwohnen, rief in mir das Verlangen wach, dort einzudringen. Oft traf ich ein Mitglied des Parlaments, der Partei nach ein tory, sonst aber vernünftig: Er war viel gereist und bildete sich ein, frei von Vorur- teilen zu sein. Ich war einfältig genug zu glauben, sein Verhalten stimme mit seinen Worten überein. So war es für mich eine ganz natürliche Sache, ihm vorzuschlagen, mir Männerkleidung zu leihen und mich in die Sitzung mitzunehmen. Mein Vorschlag hatte auf ihn die Wirkung wie in der guten alten Zeit das Weihwasser auf einen Dämon. Einer Frau Männerkleidung leihen, um ihr Zutritt zu verschaffen zum Heiligtum der männlichen Macht ! Was für ein ungeheuerlicher Skandal ! Welche Schamlosigkeit ! Welche ent- setzliche Gotteslästerung !!! Mein Freund, der tory wurde bleich vor Schreck und rot vor Empörung, nahm seinen Stock und Hut, erhob sich, ohne mich anzusehen und tat mir kund, er könne mich nicht mehr sehen. Seine letzten Worte waren: „Wehe dem, der Anstoß erregt !" Ich antwortete mit folgendem Sprüchlein: „Wehe dem, der Anstoß nimmt !" Dieser Zwischenfall offenbarte mir die Allmacht der Vorurteile in England; ich erkannte jedoch, daß sich die Wortführer dadurch nicht täuschen lassen; die Oberklassen legen sich dieses Joch aus Heuchelei auf, und die kirchlichen Dogmen sind für sie daher Herrschaftsinstrumente. Weiberwille ist Gotteswille: Dieses Sprichwort bewahrheitet sich so oft, daß man darin die künftige Emanzipation der Frau erkennen muß. Meine Entschlossenheit wurde in keinster Weise erschüttert; Hindernisse stellen sich mir als Herausforderungen dar und ver-

größern immer meine Beharrlichkeit. Ich sah sehr wohl, daß ich nicht mehr bei einem Mitglied des Parlaments, gleich welcher Couleur, Hilfe suchen durfte - schon gar nicht bei einem Englän- der. Nacheinander wandte ich mich an mit der französischen, spanischen und deutschen Botschaft verbundene Herren. Überall erhielt ich abschlägige Antworten, nicht aus dem Grund, den der tory losgeworden war, sondern aus Furcht, sich durch einen Verstoß gegen die herrschenden Ansichten zu kompromittieren. Schließlich - seltsamer Umstand — fand ich einen im diplomati- schen Auftrag nach London gekommenen Türken, eine heraus- ragende Persönlichkeit, der nicht nur mein Vorhaben guthieß, sondern mir auch noch seine Durchführung erleichterte: Er bot mir einen vollständigen Anzug, seine Einlaßkarte, seinen Wagen und seine liebenswerte Gesellschaft an. Mit welcher Dankbarkeit ging ich auf sein Angebot ein ! Wir setzten einen Tag fest; ich begab mich mit einem Franzosen, der ins Vertrauen gezogen war, zu seinem Wohnsitz und kleidete mich in ein prächtiges türkisches Gewand. Diese Kleider waren für mich viel zu weit und zu lang. Ich fühlte mich unwohl darin. Wer aber einen Zweck verfolgt, muß sich in die Mittel fügen. London und seine Bauwerke sind so gut beleuchtet, daß man dort nachts besser sieht als am Tag. Am Tor des Unterhauses stieg ich aus dem Wagen. Unsere Gewänder zogen die Aufmerksamkeit auf uns. Alle sahen uns an, folgten uns, und ich hörte um mich herum flüstern: The young Turk appears to be a woman (der junge Türke scheint eine Frau zu sein). Da in England kleinliche Formal- itäten über alles gehen, verlangte der Türsteher vom wirklichen Türken dessen Einlaßkarte, nahm sie, um sie ich weiß nicht wem zu zeigen und ließ uns über zehn Minuten warten. Wir standen inmitten einer dreifachen Reihe von Neugierigen, Männern und Frauen, die in diese letzte Vorhalle kamen, um das interessante Schauspiel zu genießen, ihre Vertreter vorbeigehen zu sehen. Zwei oder drei Damen hefteten ihre Blicke auf mich und wieder- holten ganz laut: There's a woman in Turkish clothes (da steht

eine Frau in türkischen Kleidern). Mein Herz schlug heftig; unwillentlich wurde ich ganz rot; während des langen Wartens war ich auf die Folter gespannt, weil ich fürchtete, das öffentliche Gerücht würde mich am Betreten hin- dern. Indessen imponierte meine gefaßte Haltung: Ich meisterte meine Aufregung und mein Äußeres blieb ruhig. Denn die Wirkung des Gewandes war so groß, daß ich, als ich mir die türkische Mütze aufsetzte, jene ernste, den Muselmanen eigentümliche Gemessenheit angenommen hatte. Schließlich kam der Türsteher zurück und sagte uns, wir könnten eintreten. Schnell gingen wir die kleine linke Treppe hinauf und nahmen auf der letzten Bank Platz, um niemanden hinter uns zu haben; doch hier wurden unsere Gewänder zum Gegenstand der Aufmerksam- keit und bald lief das Gerücht durch den ganzen Saal, ich sei eine verkleidete Frau. Ich lernte an diesem Abend die Männer der feinen englischen Gesellschaft viel genauer kennen, als ich es während eines zehnjährigen Aufenthaltes in London in einer gewöhnlichen Stellung hätte tun können. Ich kann nicht schildern, wie weit sie mir gegenüber die Unhöflichkeit, die Grobheit, ich möchte sogar sagen, die Rücksichtslosigkeit trieben. Obwohl der Türke und ich dem Anschein nach die ruhige Haltung wirklicher Ottomanen bewahrten, konnte man leicht die ganze Verlegenheit und Unruhe, die uns unsere Lage bescheren mußte, erraten. Nun denn! Ohne die geringste Rücksicht auf mein Wesen als Frau und Ausländerin, schielten alle diese Gentlemen zu mir, sprachen untereinander ganz laut über mich, kamen und gingen an mir vorbei, sahen mir frech unter die Nase, blieben schließlich auf der kleinen Treppe stehen und sagten mit lauter Stimme, so daß wir sie hören konnten, auf Französisch: „Warum hat sich diese Frau in die Kammer geschlichen? Welches Interesse kann sie haben, an dieser Sitzung teilzunehmen? Das muß eine Französin sein! Sie sind es gewöhnt, auf nichts Rücksicht zu nehmen! Das ist doch wahrlich unanständig! Der Türsteher müßte sie hinauswerfen!" Dann gingen sie und sprachen mit den

Türstehern und diese blickten mich an; andere gingen und sagten es Mitgliedern der Kammer, die aufgestört ihre Plätze verließen und mich ansehen kamen. Ich saß auf Dornen! Welch ein Mangel an Anstand und Gastfreundschaft! Aber ich lasse die schmerz- lichen Erinnerungen ruhen und komme auf die Kammer zu sprechen. Dem Aussehen nach ist der Saal überaus kleinlich, bürgerlich und krämerhaft: Er bildet ein Rechteck, ist klein und sehr ungemütlich. Die Decke hängt niedrig, die oberen Galerien springen vor und verdecken teilweise die Seitenschiffe; die Bänke sind aus Holz, das nußbaumfarben gestrichen ist. Dieser Saal hat nichts von dem Charakter, den seine Bestimmung vorgibt; er ähnelt allem was man nur will. In einem Dorf könnte er als Kapelle dienen oder würde sich für ein Treffen von Kolonialwarenhändlern eignen, weder in der Architektur noch in der Ausstattung hat er Würde. Die Gasbeleuchtung ist von großem Reichtum, sie ist jedoch auch das einzige, was man rühmen kann. Die ehrenwerten Herren räkelten sich müde und gelangweilt auf den Bänken, einige lagen und schliefen. Diese englische Gesell- schaft, die sich immer durch die strikte Beachtung der Regeln der Etikette peinigt, die der Toilette eine so hohe Bedeutung beimißt, daß sie sich selbst auf dem Lande nicht freimachen kann, sich dreimal täglich zurechtzumachen; diese steifen Engländer, die am kleinsten Versehen, an der geringsten Nachlässigkeit Anstoß nehmen, stellen in der Kammer eine völlige Verachtung aller Rücksichtnahmen, die die Regeln des Anstandes der Gesellschaft auferlegen, zur Schau. Es ist guter parlamentarischer Ton, sich ganz verdreckt zur Sitzung einzufinden, den Regenschirm unterm Arm, im Morgenmantel, oder hinzureiten und mit den Sporen in die Sitzung zu gehen, die Gerte in der Hand, im Jagdrock. Die in den britischen Kammern so zahlreichen unbedeutenden Existenzen hoffen auf diese Weise, ihre großartigen Tätigkeiten oder schicken Vergnügungen glaubhaft zu machen. Obwohl, so nehme ich an, keiner dieser Herren es sich erlauben würde, gleich

welchen Kollegen zu besuchen und den Hut aufzubehalten, tun sie dies in der Versammlung alle; freilich verlangen sie von den andern auch nicht mehr Höflichkeit als sie sie für sich selbst übrig haben. Niemand auf den Tribünen setzt seinen Hut ab. In Frankreich verlangt man dieses Zeichen der Ehrerbietung in allen öffentlichen Versammlungen. Man muß annehmen, in England glaube das Unterhaus, dazu kein Recht zu haben. Jedesmal, wenn ein Abgeordneter spricht, zieht er seinen Hut, stützt sich auf seinen Stock oder Regenschirm, steckt seinen Daumen in seine Weste oder in seine Hosentaschen. Im allge- meinen sprechen die Redner sehr lange; sie sind es gewöhnt, daß man ihnen keine Aufmerksamkeit schenkt und scheinen selbst kein lebhaftes Interesse an ihren Worten zu haben. Es herrscht dort gewiß eine größere Ruhe als bei uns in der Abgeordneten- kammer: Die meisten Mitglieder schlafen oder lesen ihre Zeit- ungen. Wir hatten über eine Stunde in dem Saal verbracht. Zwei Redner hatten nacheinander gesprochen, ohne irgendeine Auf- merksamkeit auf sich zu ziehen; ich fing an, recht müde zu werden. Ich verstand nicht genügend Englisch, um der Debatte folgen zu können; ich hätte es aber besser verstanden, wenn mir die monotonen Stimmen dieser Wachsfiguren weniger auf die Nerven gegangen wären. Wir hatten uns gerade entschlossen, zum Oberhaus zu gehen, als sich O'Connell erhob: Augenblicklich erwachte jedermann aus seiner parlamentarischen Starre; die liegenden Abgeordneten richteten sich auf, setzen sich hin und rieben ihre Augen; die Zeitungslektüre wurde unterbrochen und die Flüstereien verstummten. Diese blassen und kalten Gesichter ließen den Ausdruck einer lebhaften Aufmerksamkeit erkennen. O'Connell ist ein breitschultriger Mann von gewöhnlichem Aus- sehen. Sein Gesicht ist häßlich, ganz runzlig, rot und pickelig. Seine Gesten sind ruckartig und haben etwas Triviales. Sein Anzug harmoniert mit seiner Person. Er trägt eine Perücke und einen breitrandigen Hut. Wenn man ihn auf der Straße sähe, würde man ihn für den Kutscher eines Fiakers im Sonntagsstaat

halten. Ich beeile mich jedoch zu sagen, daß Gott in diese rohe Hülle ein Wesen voller Schwung und Poesie gesteckt hat. Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen diesem Mann auf der Straße und dem Volkstribun! Der Redner des Volkes unterscheidet sich in seinem Äußeren in keiner Weise vom Volk und das ist vielleicht einer der Gründe für die von ihm ausgeübte Macht, denn in einer verderbten Gesell- schaft macht die Eleganz der Umgangsformen die Reinheit der Seele, die Wahrhaftigkeit der Worte verdächtig. Jedesmal, wenn er die Verteidigung des Volkes übernimmt oder im Namen seines religiösen Glaubens spricht, ist er mitreißend, großartig! Er läßt die Unterdrücker erzittern. Seine Häßlichkeit verschwindet und sein Aussehen beeindruckt gleich seinen Worten. Seine kleinen Augen werfen Blitze, seine Stimme ist lebhaft, klar, wohlklingend. Seine Rede ist gut betont, sie geht zu Herzen und läßt die heftigsten und sanftesten Gemütsbewegungen entstehen. Beim meeting ruft er zugleich Tränen, Zorn, Begeisterung und Empörung hervor. Ich kenne nichts Wunderbareres als diesen Mann. Wenn sich die Königin Victoria auf einen ebenso mächtigen Helfer stützen könnte, wenn sie ohne Ansehen der religiösen Unterschiede die Proletarier der drei Königreiche mit einem brüderlichen Band vereinigte, könnte sie in einigen Jahren das vollbringen, was Ludwig XL während seiner ganzen Herrschaft nicht vollbringen konnte, und ihr befreites Volk würde sie segnen. Um aber bei dieser großen Aufgabe erfolgreich zu sein, müßte ein Schüler von Machiavelli den Thron besteigen! Wir gingen zum Oberhaus hinüber; auch dort erriet man mein Geschlecht; doch die Umgangsformen dieser Herren unter- schieden sich von denen, denen ich in der Kammer der Abgeord- neten der Ladenbesitzer und der Finanz ausgesetzt gewesen war. Man beobachtete mich aus der Distanz, man flüsterte lächelnd, aber ich hörte keine ungebührliche oder unhöfliche Äußerung. Ich sah sehr wohl, daß ich mich in Gegenwart von gegenüber den Launen von Damen nachsichtigen wirklichen Gentlemen befand,

für die es Ehrensache ist, sie zu respektieren. Der englische Adel hat, so hochmütig er auch ist, eine Vornehmheit in den Umgangs- formen, eine Höflichkeit, die man bei den feinen Herren der Finanz oder in einer anderen Klasse vergeblich suchen würde. Als wir eintraten, sprach der Herzog von Wellington. 38 Sein Vortrag war kalt, blaß, schleppend. Man hörte ihm mit einer Art Ehrer- bietung zu, aber seine Worte erzeugten keinerlei Wirkung. Lord Brougham 39 gab zwei oder drei possenhafte Scherze zum besten, die unter den Herrschaften schallendes Gelächter hervorriefen. Der Saal der Lords taugt kaum mehr als der des Unterhauses; er ist nach demselben Plan gebaut, eine Mauerwerkbauweise ohne Verzierungen. Die Herren Lords haben kein besseres Benehmen als die Mit- glieder des Unterhauses: Auch sie behalten den Hut auf. Doch hier handelt es sich nicht um schlechte Umgangsformen, sondern um Standesstolz, und sie verlangen, daß die Helfer auf den öffent- lichen Tribünen oder die vor ihre Schranken gerufenen Personen, selbst wenn sie Mitglied der anderen Kammer wären, barhäuptig erscheinen. Nachdem Lord Wellington zu Ende gesprochen hatte, streckte er sich auf seiner Bank in der Stellung aus, die der Volksmund alle Viere in die Luft strecken nennt, das heißt, daß seine Beine auf der Rückwand der oberen Bank ruhten, wodurch sein Kopf tiefer zu liegen kam; diese Stellung sah besonders grotesk aus. Ich verließ die beiden Kammern sehr wenig erbaut über das Schauspiel, das sie mir geboten hatten. Sicherlich war ich empörter über die Gewohnheiten der Herren des Unterhauses als sie über meinen Aufzug. 40

7. Manufakturarbeiter

Alarm, Alarm, Alarm, Kinder des großen Vaterlandes; Soldaten der Industrie, stillgestanden! In Eure Reihen! Wohlan, vergeblich spottet der Müßiggänger in seiner Verachtung über den Arbeitenden Du allein bist König, wach'auf, Produzent, setze Dein Recht durch, zeige in der Praxis, im schreibwütigen Jahrhundert, die friedliche Zukunft, die sich dem Arbeiter eröffnet Alarm, Alarm, Alarm etc.

Appell Lied von Vincard 41 , Arbeiter und Saint-Simonist.

Die Arbeitenden sind heutzutage die Parias der Gesellschaft: Im Parlament ist von ihnen niemals die Rede, es sei denn, um Maßnahmen zu beantragen, die ihre Freiheit einschränken und ihre Lebensfreude hemmen. London and Westminster Review 42

Die Sklaverei zeigt sich am Anfang aller Gesellschaften. Die Übel, die sie erzeugt, machen sie ihrem Wesen nach vergänglich, ihre Dauer steht in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Härte. Hätten unsere Vorfahren für ihre Leibeigenen nicht mehr Menschlichkeit übrig gehabt als die Fabrikanten Englands für ihre Arbeiter, hätte die Leibeigenschaft nicht das ganze Mittelalter angedauert. Das Los des englischen Proletariers ist, in welchem Beruf auch immer, so gräßlich, daß die Neger, die die Behausungen der Zucker- siedereien von Guadeloupe oder Martinique verlassen haben, um in Dominica und Santa Lucia die englische Freiheit zu genießen, zu ihren Herren zurückkehren, wenn sie können. Fern sei mir der ruchlose Gedanke, irgendeine Art von Sklaverei verteidigen zu wollen. Mit dieser Tatsache möchte ich nur zeigen, daß für die Proletarier das englische Gesetz härter ist als das Belieben des

französischen Herren im Hinblick auf seinen Neger; daß der Sklave des englischen Eigentums, um sein Brot zu verdienen und die Steuern zu zahlen, die man ihm auferlegt, eine unendlich schwerere Aufgabe hat. Der Neger ist nur den Launen seines Herrn ausgesetzt, während das Leben des englischen Proletariers, das seiner Frau und seiner Kinder, von der Gnade des Produzenten abhängt. Sinkt der Kaliko oder ein anderer Artikel im Preis, dann kürzen diejenigen, die davon betroffen sind, etwa die Spinnereibesitzer, die Messerfab- rikanten, die Töpfer usw., die unter sich einig sind, die Löhne, ohne sich irgendwie zu sorgen, ob die neuen Löhne, die sie durchsetzen, für die Nahrung des Arbeiters ausreichen oder nicht. Sie steigern auch die Zahl der Arbeitsstunden. Wenn der Arbeiter im Stücklohn arbeitet, verlangen sie mehr Verarbeitung an seinem Werkstück und zahlen weniger dafür. Die Werkstücke, die nicht ganz genau den Vorschriften entsprechen, werden nicht bezahlt. Grausam ausgebeutet von dem, der ihn anstellt, wird der Arbeiter auch noch vom Fiskus ausgepreßt und von den Grundbesitzern ausgehungert. Fast immer stirbt er jung. Sein Leben wird vom Übermaß an Arbeit oder der Art seiner Arbeiten verkürzt. Seine Frau und seine Kinder überleben ihn nicht lange; an die Manufaktur gebunden, erliegen sie aus den gleichen Gründen. Wenn sie im Winter überhaupt keine Beschäftigung finden, sterben sie Hungers an irgendeinem Rinnstein. Die bis zum Äußersten getriebene Arbeitsteilung, die die Fertigung so unermeßliche Fortschritte hat machen lassen, hat den Geist vernichtet, um den Menschen auf einen Bestandteil der Maschi- nen zu reduzieren. Wenn der Arbeiter noch die verschiedenen Arbeitsgänge einer oder mehrerer Fertigungsarten auszuführen verstünde, würde er mehr Unabhängigkeit genießen; die Begehr- lichkeit des Meisters hätte weniger Möglichkeiten, ihn zu martern; seine Organe würden genügend Energie bewahren, um über die zerstörerischen Wirkungen einer Tätigkeit, die er nur einige Stunden ausübte, zu triumphieren. Die Schleifer in den englischen

Fabriken werden nicht älter als fünfunddreißig Jahre. Der Gebrauch des Schleifsteins hat keinerlei schädliche Auswirkungen auf unsere Arbeiter von Châtelleraut, weil das Schleifen nur ein Arbeitsgang ihres Handwerks ist und sie nur geringe Zeit in Anspruch nimmt; in den englischen Werkstätten hingegen tun die Schleifer nichts Anderes. Wenn der Arbeiter in verschiedenen Arbeitsschritten der Fertigung arbeiten könnte, wäre er nicht von seiner Nichtigkeit, von der fortwährenden Untätigkeit seines Verstandes niedergedrückt, die daher rührt, daß er den ganzen Tag immer dasselbe macht. Die starken Spirituosen würden in ihm nicht das Bedürfnis befriedigen müssen, ihn aus der Apathie herauszuholen, in die ihn die Eintönigkeit seiner Arbeit taucht, und die Trunksucht würde seinem Elend nicht die Krone aufsetzen. Man muß die Fabrikstädte besucht haben, den Arbeiter in Birmingham, in Manchester, in Glasgow, in Sheffield, im Stafford- shire usw. gesehen haben, um sich eine richtige Vorstellung von den körperlichen Leiden und dem moralischen Verfall dieser Klasse der Bevölkerung machen zu können. Man kann das Los des englischen Arbeiters unmöglich nach dem des französischen beurteilen. In England ist die Lebenshaltung um die Hälfte teurer als in Frankreich und seit 1825 haben die Löhne einen solchen Rückgang erfahren, 43 daß der Arbeiter fast immer gezwungen ist, die Hilfeleistungen der Pfarrei zu beanspruchen, um seine Familie am Leben zu erhalten. Da aber alle Pfarreien wegen des Ausmaßes der Hilfeleistungen, die sie gewähren, überfordert sind, setzen sie deren Anteil mit Rücksicht auf die Löhne und die Zahl der Kinder des Arbeiters fest, wobei sie nicht den Brot-, sondern den Kartoffelpreis zugrunde legen. Für den englischen Proletarier ist Brot eine Luxusnahrung! Die Elitearbeiter, die aufgrund ihrer Entlohnung von den Hilfeleistungen der Pfarrei ausgeschlossen sind, genießen kaum ein besseres Los. Man hat mir versichert, ihr Durchschnittslohn belaufe sich auf täglich nicht mehr als drei oder vier Shilling (3 Fr. 75 c. bis 5 Fr.) und ihre Familie habe durchschnittlich vier Kinder. Stellt man diese beiden Gegeben-

heiten dem Preis der Grundnahrungsmittel in England gegenüber, kann man sich leicht eine Vorstellung von ihrem Elend machen. Den meisten Arbeitern fehlt es an Kleidung, an Betten, an Brennstoffen, an gesunden Lebensmitteln und oft sogar an Kartoffeln!* Sie sind zwölf bis vierzehn Stunden am Tag in

* „Es ist erwiesen, daß viele Arbeiter der Fabrikstädte Englands mangels Kleidung

nicht in die Kirche gehen. Am 31. Mai 1840 habe ich in Begleitung der Herren Beamten, die den Auftrag haben, in diesem Teil Londons die Hilfsgüter zu verteilen, dem Bezirk Bethnal Green einen Besuch abgestattet. ( ) Unter den Bretterhütten, die diese Gärten (wir werden später sehen, was sie sind) bedecken, haben wir eine bemerkt, die sich von allen anderen durch ein noch elenderes Aussehen unterschied - ein Haufen verfaulten Holzes, auf einen Misthaufen geworfen. Der Zaun, der sie von den anderen Hütten trennte, wurde aus Bretterresten gebildet, die von Blech- und Schrotteilen zusammengehalten wurden; das Ganze befand sich in einem unbeschreiblichen Zustand von Verfall und Verschmutzung. Im einzigen, ebenerdigen Zimmer des Hauses, dessen Boden einige Daumenbreiten niedriger war als der Misthaufen des kleinen Hofes, lebte eine zehnköpfige Familie. Dieser Verschlag, kaum zehn Quadratfuß groß und weniger als sieben Fuß hoch, war für 1 Shilling 6 pence die Woche vermietet (ca. 2 Franken). Es ist noch viel schwieriger, eine Vorstellung vom Zustand der Familie zu geben, als vom Ort, wo sie lebt. Der Mann, das Familienoberhaupt, wurde vom Fieber geschüttelt. Die Krankheit und der Hunger hatten ihn extrem abmagern lassen, und das einzig Lebendige an ihm war der Blick, ein glasiger, vom Feuer des Fiebers belebter Blick, dessen qualvoller Ausdruck nicht auszuhalten war. Dieser 37 Jahre alte Mann, von Geburt Engländer und von Beruf Seidenfärber, konnte, wie er uns sagte, bis zu 15 Shillinge die Woche verdienen. Aber seit fünf Monaten hat er keine Arbeit finden können. Der Beamte der Fürsorge bestätigte mir, er habe immer ein gutes Betragen gehabt und weder Faulheit noch Laster hätten ihn in diesen Zustand gebracht. Seine neben einem verfallenen Herd kauernde Frau hielt ein kleines Kind an der Brust. Drei andere kleine Kinder befanden sich außerhalb der Hütte. Der Vater gestand uns, die anderen seien weggegangen in der Hoffnung, irgendetwas zu finden, sei es durch Betteln oder sonstwie. Seit fünf Monaten gab es keinen anderen Unterhalt, als das, was die Fürsorge ihnen bewilligte und die Kinder herbeibrachten. Trotz der äußersten Mittellosigkeit dieser Familie weigerte sie sich, ins workhouse zu gehen. In einem Hof dieses scheußlichen Viertels haben wir eine Familie gefunden, die uns noch elender schien als die vorhergehende, so das möglich ist. Sie bewohnte ein einziges, über dem Erdgeschoß liegendes, gut ausgeleuchtetes, ziemlich großes Zimmer, zu dem man aber über eine dreckige und dunkle Treppe gelangte, von der

jede Stufe unter den Füßen nachgab. Diese Familie setzte sich aus acht Personen zusammen, die zum Zeitpunkt unseres Besuches alle zugegen waren. Das Familienoberhaupt war ein Veloursweber, noch jung und von Geburt Engländer. In der Woche verdiente er siebeneinhalb Shilling, war aber nicht ständig beschäftigt. Seine Wohnung kostete ihn zweieinhalb Shilling die Woche; seit fast zwei Monaten hatte er seine Miete nicht bezahlen können. Der einzige Gegenstand, der das Zimmer möblierte, war der Webstuhl. Es gab nicht ein Möbelstück, noch Stühle, Tisch oder Bett. In einer Ecke lag, halb von einem Leinenfetzen verdeckt, ein großer Haufen gehäckseltes Stroh und in dieses Stroh waren drei völlig nackte Kinder wie Tiere gebettet, ohne einen Rest von Lumpen an ihrem Körper. Die Frau drehte uns den Rücken zu und versuchte vergeblich, die Fetzen ihrer Kleider so zusammen- zuknüpfen, daß sie sich sehen lassen konnte! Der Mann war mit einem blauen Anzug bekleidet, an dem noch zwei oder drei getriebene Knöpfe glänzten. Ein Hemd

hatte er nicht. Er empfing uns höflich und legte uns traurig, aber ruhig seine schrecklichen Verhältnisse dar. Im Augenblick, als wir eintraten, hatte er eine Bibel in der Hand und als ihn der Beamte der Fürsorge fragte, weshalb er nicht in die Kirche gehe, wies er auf seine nackte Brust, seine vor Scham regungslose Frau in der Ecke, seine Kinder, die sich eins hinters andere duckten, um unseren Blicken zu entgehen, und er antwortete, er könne bald, selbst um Arbeit zu suchen, nicht mehr aus dem Haus gehen. Man hielt diese Familie für ehrlich; der Beamte der Fürsorge hatte ihr schon mehrere Male Kleidung zugeteilt, aber die fehlende Arbeit hatte den

Vater gezwungen, die Gaben der Fürsorge gegen Brot einzutauschen. (

gibt in London nicht nur einen Bezirk, der das Privileg eines solchen Elends hat. Die

Und es

)

Viertel Shoredich, Whitechapel, Shadwell, Saint-Giles und Saint-Olave böten uns auf Schritt und Tritt ähnliche Szenen, wie wir sie eben beschrieben haben." (De la misère des classes laborieuses en France et en Angleterre, von Eugène Buret)

niedrigen Sälen eingeschlossen, wo man mit der abgestandenen Luft Fasern von Baumwolle, von Wolle, des Leinen, Partikel von Kupfer, Blei und Eisen usw. einatmet. Häufig gehen sie von einer unzureichenden Nahrung zur Unmäßigkeit des Trinkens über. Alle diese Unglücksraben sind daher siech, rachitisch und kränklich. Sie haben einen mageren, entkräfteten Körper, schwache Glieder, eine blaße Hautfarbe, tote Augen. Man könnte sie alle für lungen- krank halten. Ich weiß nicht, ob man den schmerzhaften Gesichts- ausdruck, der fast allen Arbeitern eigen ist, der Zermürbung durch die andauernde Müdigkeit oder der düsteren Verzweiflung ihrer Seele zuschreiben soll. Es ist schwierig, mit ihnen in Blickkontakt zu kommen: Ständig halten sie ihre Augen gesenkt und sehen

einen nur verstohlen an, indem sie heimlich einen Blick zur Seite * werfen, was diesen kalten, unbeweglichen Gesichtern, die eine tiefe Traurigkeit umgibt, etwas Blödsinniges, Tierisches und entsetzlich Tückisches verleiht. Man hört in den englischen Fabriken nicht wie in den unseren Singen, Plaudern und Lachen. Der Dienstherr will nicht, daß eine Erinnerung an das Leben den Arbeiter auch nur eine Minute von seiner Aufgabe ablenke. Er verlangt Schweigen und es herrscht Totenstille; so sehr verleiht der Hunger des Arbeiters dem Herren Macht über ihn. Zwischen dem Arbeiter und dem Leiter des Betriebs bestehen nicht die zwanglosen, höflichen, mitfühlenden Beziehungen, wie man sie bei uns kennt, und die im Herzen des Armen die Haß- und Neidgefühle abmildern, die die Mißachtung, die Härte, die Ansprüche und der Luxus der Reichen entstehen lassen. In den englischen Werkstätten hört man den Dienstherrn niemals zum Arbeiter sagen: „Guten Tag, Vater Baptiste! Wie geht es denn ihrer armen Frau? Und dem Kind? Na dann, umso besser! Hoffen wir, daß die Mutter bald genesen sein wird. Sagen Sie ihr, sie möge mich besuchen kommen, sobald sie wieder aus dem Haus kann." Ein Vorgesetzter würde denken, sich herabzuwürdigen, wenn er so zu seinen Arbeitern spräche. In jedem Fabrikleiter sieht der Arbeiter einen Mann, der ihn aus der Werkstatt, wo er arbeitet, verjagen lassen kann. Daher grüßt er die Fabrikbesitzer, denen er begegnet, unterwürfig; aber letztere sähen sich in ihrer Ehre bloßgestellt, wenn sie den Gruß erwiderten. Seit ich das englische Proletariat kenne, ist die Sklaverei nicht mehr das größte menschliche Unglück: Der Sklave ist sein ganzes

* Dieser Blick, den ich auch bei den Sklaven in Amerika bemerkt habe, ist auf den britischen Inseln nicht nur den Fabrikarbeitern eigen. Man findet ihn bei jedem wieder, der abhängig und untergeordnet ist. Es ist einer der Gesichtszüge von zwanzig Millionen Proletariern. Trotzdem gibt es Ausnahmen und die trifft man fast immer bei den Frauen an.

Leben lang seines Brotes sicher und der Pflege, wenn er krank wird, während zwischen dem Arbeiter und dem englischen Fabrikherrn keinerlei Band besteht. Wenn dieser keine Arbeit zu vergeben hat, stirbt der Arbeiter Hungers; wird er krank, geht er auf dem Stroh seines Elendsbettes zugrunde, es sei denn, er wird, dem Tode nahe, in ein Hospital aufgenommen; denn dort aufgenommen zu werden, ist eine Gnade. Wenn er alt ist oder infolge eines Unfalls zum Krüppel wurde, wird er entlassen und bettelt heimlich, aus Furcht, verhaftet zu werden. Diese Lage ist so entsetzlich, daß man annehmen muß, daß ein übermenschlicher Mut oder die völlige Apathie den Arbeiter diese Lage ertragen läßt.

Eine enge Räumlichkeit ist in den englischen Fabriken ganz allge- mein anzutreffen; der Raum, in dem sich der Arbeiter bewegen soll, ist knapp bemessen. Die Höfe sind klein, die Treppen schmal. Er ist gezwungen, seitwärts gewandt um Maschinen und Web- stühle herumzugehen. Wenn man eine Manufaktur besucht, erkennt man schnell, daß der Erbauer überhaupt nicht an den Komfort, das Wohlbefinden oder gar die Gesundheit der Men- schen, die in der Fabrik leben müssen, gedacht hat. Die Sauber- keit, die wirksamste Hygienemaßnahme, wird sehr vernachlässigt. So sehr die Maschinen mit Sorgfalt gestrichen, lackiert, gereinigt und poliert werden, so sehr sind die Höfe dreckig und voller Wasserlachen, die Böden staubig, die Fensterscheiben schmutzig. Wahrhaftig, wären die Gebäude und Werkstätten sauber, schmuck und gepflegt wie die elsässischen Manufakturen, dann würden die Lumpen der englischen Arbeiter noch häßlicher aussehen. Aber ganz gleich, ob es Fahrlässigkeit oder Kalkül ist, die Unsauberkeit ist in jedem Fall ein zusätzliches Übel für die Arbeiter. Englands Größe liegt nur noch in der Industrie. Doch diese ist riesig, wenn man die dem mathematischen Geist der Moderne zu verdankenden Instrumente sieht, magische Instrumente, die alles um sich herum versteinern. Die Docks, die Eisenbahnen, die riesigen Ausmaße der Manufakturen vermitteln eine Vorstellung

von der Bedeutung des britischen Handels und der britischen Industrie. Die Kraft der Maschinen und ihre Anwendung auf alles und jedes erstaunen und machen betroffen, weil sie alle Vorstellungskraft übersteigen. Die in Millionen Formen verkörperte Wissenschaft des Menschen ersetzt die Funktion des Verstandes. Mit den Maschinen und der Arbeitsteilung braucht man nur noch Motoren :

Urteilskraft und Reflexion sind unnütz geworden. Ich habe eine Dampfmaschine mit 500 Pferdestärken gesehen.* Nichts ist schrecklicher und eindrucksvoller als der Anblick der auf solche Eisenmassen übertragenen Bewegung; Eisenmassen, deren kolossale Ausmaße die Vorstellungskraft erschrecken und die die Macht des Menschen zu übersteigen scheinen! Dieser Motor mit seiner Riesenkraft ist in einem großen Raum unterge- bracht, wo er eine beträchtliche Zahl von Maschinen, die Eisen und Holz verarbeiten, antreibt. Die riesigen Kolben polierten Eisens, die sich vierzig- oder fünfzigmal pro Minute heben und senken und auf die Zunge des Ungetüms, das alles anzusaugen scheint, um alles zu verschlingen, eine Hin- und Herbewegung übertragen, das schreckliche Geächze, das es ausstößt, die schnellen Umdrehungen des riesigen Rades, das aus der Tiefe hervortritt, um sogleich wieder in sie zurückzukehren und das immer nur die Hälfte seines Umfanges sehen läßt, jagen der Seele Schrecken ein. In Gegenwart des Ungetüms sieht man nur es, hört man nur sein Schnaufen. Wenn Sie sich von Ihrer Betroffenheit und Ihrem Schrecken erholt

* Ich habe sie in Birmingham gesehen. Die Eigentümer der Fabrik haben mir versichert, daß die Kraft dieser Maschine bis auf fünfhundert Pferdestärken gesteigert werden könne: Sie bringt mehr als zweihundert Riemenscheiben in Gang; sie setzt Sägen für Bretter, Sägen zum Zerschneiden des Eisens, Walzwerke jeder Größe, eine Garnitur von Maschinen, um Zinklöffel usw. herzustellen, in Bewegung. Man hat vor mir ein six pence- Stück (12 Sous) unter eine Presse gelegt, um mir eine Vorstellung von der Kraft ihres Drucks zu geben. Es sind daraus 42 yards (36 Ellen) eines kleinen Silberpapierstreifens, dünn wie eine Zwiebelhaut, hervor- gegangen.

haben, suchen sie den Menschen. Durch die Ausmaße dessen, was ihn umgibt, auf die Größe einer Ameise reduziert, findet man ihn kaum heraus. Er ist damit beschäftigt, riesige Eisenstangen unter die Schneide zweier großer Kurven, die die Form eines Haifischkiefers besitzen, zu legen, die diese Maschine mit der Schärfe einer Damazenerklinge, als ob sie eine Rübe durchhaue, abschneidet. Wenn ich auch zunächst Demütigung empfand, den vernichteten Menschen vor Augen, der selbst nur mehr wie eine Maschine funktioniert, sah ich doch bald die gewaltige Verbesserung, die eines Tages aus diesen Entdeckungen der Wissenschaft hervor- gehen kann: Die Schwerstarbeit wird abgeschafft, die Handarbeit in kürzerer Zeit ausgeführt und dem Menschen bleibt mehr freie Zeit, die Fähigkeiten seines Verstandes zu pflegen. 45 Damit aber diese großen Wohltaten Wirklichkeit werden, ist eine soziale Revolution nötig. Und sie wird kommen! Denn Gott hat den Menschen diese bewunderungswürdigen Erfindungen nicht dazu geoffenbart, damit sie die Heloten einiger Fabrikanten oder Grund- besitzer würden.

Bier und Gas sind in London zwei große Zweige des Konsums. Ich ging die großartige Brauerei Barclay-Perkins besuchen, die gewißlich eine Besichtigung lohnt. Diese Anlage ist sehr geräumig. Beim Material hat man es in dieser Fabrik an nichts fehlen lassen. Ich konnte unmöglich die Zahl der Liter Bier in Erfahrung bringen, die jedes Jahr dort hergestellt werden. Aber nach der Größe der Kessel zu urteilen, muß es sich um eine außerordentlich große Menge handeln. Genau in einem dieser Kessel, freilich im größten, gaben die Herren Barclay-Perkins einem Mitglied der königlichen Familie ein Dinner, bei dem über fünfzig Gäste zugegen waren. Die Höhe des Kessels beträgt 30 Meter (90 Fuß). Überall, wo der Dampf zur Wirkung kommt, ist die menschliche Kraft ausge- schaltet; was an dieser Brauerei am meisten überrascht, ist die kleine Zahl von Arbeitern, die eingesetzt sind, so gewaltige Arbeit

zu vollbringen. Eine der großen Gasfabriken 46 liegt an der Horse ferry road Westminster (den Namen der Gesellschaft habe ich vergessen). Diese Fabrik kann nur mit einer Erlaubniskarte besichtigt werden. In diesem Fabrikpalast gibt es eine bis zur Verschwendung getriebene Fülle von Maschinen und Eisen; hier ist alles aus Eisen: Die Gehwege, die Pfosten, die Treppen, gewisse Böden, das Dach der Schuppen usw. Man wird gewahr, daß man es an nichts hat fehlen lassen, um die Gebäude und die Gerätschaften stabil zu machen. Ich sah dort Guß- und Zinkkessel, so hoch wie ein vierstöckiges Haus und entsprechend breit. Zu gerne hätte ich gewußt, wieviel tausend Tonnen sie fassen können. Aber der mich begleitende foreman (Vorarbeiter) war in dieser Hinsicht genauso reserviert wie der von der Brauerei Barclay-Per-kins zur Zahl der Liter Bier gewesen: absolutes Schweigen. Wir traten in den großen Heizraum ein: Die beiden Reihen der auf jeder Seite aufgestellten Öfen waren an. Die Gluthitze erinnert nicht wenig an die Beschreibungen, die uns die Phantasie der Dichter des Altertums von den Schmiedewerkstätten des Vulkan hinterlassen haben, mit dem Unterschied, daß die Zyklopen gött- liche Schaffenskraft und Einsicht beseelten, während die schwar- zen Diener der englischen Gluthöllen finster, schweigsam und zugrundegerichtet sind. Es fanden sich dort etwa zwanzig Männer, die ihre Aufgabe mit Genauigkeit, jedoch langsam ausführten. Diejenigen, die gerade nichts zu tun hatten, verharrten regungslos, die Augen unverwandt zu Boden gerichtet. Sie hatten nicht einmal mehr genug Energie, um den Schweiß abzuwischen, der überall an ihnen herunterlief. Drei oder vier sahen mich mit Augen an, aus denen die Sehkraft entschwunden schien; die anderen hoben nicht einmal den Kopf. Der foreman sagte mir, die Heizer würden unter den stärksten Männern ausgesucht, dennoch seien sie alle nach sieben oder acht Jahren Berufsausübung lungenkrank und stürben an Schwindsucht. Das erklärte mir die dem Gesicht dieser Unglücklichen aufgeprägte und in allen ihren Bewegungen zum

Ausdruck kommende Traurigkeit und Apathie. Man verlangt von ihnen eine Arbeit, der die menschlichen Kräfte nicht standhalten können. Bis auf eine kleine Leinenunterhose sind sie nackt. Gehen sie hinaus, so werfen sie sich einen Über- zieher über die Schultern. Obwohl der Raum, der die beiden Ofenreihen trennt, 50 bis 60 Fuß zu haben schien, war der Fußboden so heiß, daß die Hitze meine Schuhe durchdrang und mich die Füße heben ließ, als hätte ich sie auf glühende Kohlen gesetzt. Man ließ mich auf einen großen Stein steigen, der, obwohl vom Boden isoliert, warm war. In dieser Hölle konnte ich nicht bleiben. Mein Brustkorb füllte sich, der Gasgeruch stieg mir zu Kopfe, die Hitze nahm mir die Luft. Der foreman führte mich zum Ende des Heizraumes auf einen Balkon, von wo ich alles sehen konnte, ohne zu stark beeinträchtigt zu sein. Wir machten die Runde durch die Anlage. Ich bewunderte all diese Maschinen, die Vervollkommnung, die Planmäßigkeit, mit der die Arbeiten gesteuert wurden. Dennoch verhüten die Vorsichtsmaßnahmen nicht alle Unfälle; es ereignen sich viele davon, die großes Unheil anrichten, die Männer verletzten und sie manchmal töten. O mein Gott! Kann ein Fortschritt denn nur auf Kosten des Lebens einer gewissen Anzahl von Individuen stattfinden? Das Gas dieser Fabrik strömt durch Leitungen und beleuchtet die Viertel von der Oxford Street bis zur Regent Street. Die Luft, die man in dieser Fabrik atmet, ist wirklich verpestet! Jeden Augenblick packen einen stinkende Gifthauche. Ich trat aus dem überdachten Raum eines Schuppens hinaus in der Hoffnung, im Hof eine reinere Luft zu atmen. Doch überall wurde ich von den pestartigen Dünsten des ausströmenden Gases und den Gerüchen von Steinkohle, Teer usw. verfolgt. Auch muß ich sagen, daß diese Örtlichkeit sehr schmutzig ist. Der Hof, voll von Wasserlachen und Abfallhaufen, zeugt von äußerster Vernachlässigung in Sachen Sauberkeit. In Wirklichkeit würde die

Natur der Stoffe, aus denen man das Gas gewinnt, einen sehr aktiven Reinigungsdienst erfordern, um die Sauberkeit aufrechtzu- erhalten. Zwei Männer genügten doch für dieses Aufgabe und mit einer geringen Erhöhung der Ausgaben ließe sich die Anlage sanieren. Ich erstickte fast ! Ich hatte Eile, diesen Hort des Gestanks zu fliehen, als der foreman zu mir sagte: „Bleiben Sie noch einen Augenblick, Sie werden etwas Sehenswertes zu sehen bekommen: Gleich werden die Heizer den Koks aus den Öfen holen." Ich beugte mich gerade von neuem über den Balkon: Von dort sah ich eines der schaurigsten Schauspiele, die mir bislang vor Augen gekommen sind :

Der Heizraum liegt im ersten Stock. Darunter befindet sich der zur Aufnahme des Koks bestimmte Keller. Die Heizer öffneten mit langen Gabeln die Öfen und zogen den Koks heraus, der in Sturzbächen noch ganz brennend in den Keller stürzte. Nichts Großartigeres und Schrecklicheres als diese flammenspeienden Mäuler! Nichts Magischeres als dieser plötzlich von den glühenden Kohlen erhellte Keller, Kohlen, die sich wie die Fluten einer Stromschnelle von der Höhe eines Felsens stürzten und sich wie im Abgrund verloren. Nichts Erschreckenderes als der Anblick der triefenden Heizer, gerade als ob sie aus dem Wasser kämen und die vorne und hinten von diesen entsetzlichen Kohlegluten, deren Feuerzungen auf sie loszupreschen schienen, als wollten sie sie verschlingen, erhellt wurden. Oh nein! Es ist unmöglich, ein erschreckenderes Schauspiel zu sehen! Als die Öfen zur Hälfte leer waren, schütteten Männer, die auf den in den vier Ecken des Kellers aufgestellten Bottichen standen, Wasser über den Koks, um ihn zu löschen. Da änderte sich das Aussehen des Heizraumes; aus dem Keller erhob sich eine Gischt schwarzen, dicken, heißglühenden Rauches, der behäbig aufstieg und durch das Dach abzog, das man eigens geöffnet hatte, um ihm den Weg freizumachen. Ich machte die Öffnungen der Öfen

nurmehr durch diese Wolke aus, die die Flammen röter, die Feuer- klingen erschreckender werden ließ; die erst weißen Körper der Heizer wurden schwarz und diese Unglücksraben, die man für Teufel hätte halten können, gingen in diesem höllischen Chaos unter. Von dem Koksrauch überrascht, hatte ich gerade noch Zeit, Hals über Kopf hinabzusteigen. Ich wartete auf das Ende des Vorganges, weil ich wissen wollte, was nun aus den armen Heizern würde. Ich war erstaunt, keine Frau sich einfinden zu sehen. „Mein Gott", dachte ich bei mir, „sind diese Arbeiter denn ohne Mutter oder Schwester, haben sie weder Frau noch Tochter, die sie am Tor erwarten, wenn sie aus dem glühenden Backofen herauskommen, um sie mit lauwarmem Wasser zu waschen, sie in Flanellhemden zu kleiden, sie einen nährenden und stärkenden Trunk nehmen zu lassen, ihnen dann einige liebe Worte zu sagen, die dem Manne Mut machen und helfen, die grausamen Nöte auszuhalten?" Ich war besorgt: Nicht eine Frau erschien. Ich fragte den foreman, wo sich die schweiß- gebadeten Männer nun denn ausruhen würden. „Sie werden sich gleich in ein Bett werfen, das sich unter dem Schuppen befindet", antwortete er mir kalt, „und nach einigen Stunden werden sie wieder zu heizen anfangen." Dieser Schuppen, der nach allen vier Seiten hin offen ist, schützt nur vor Regen; es herrscht dort eisige Kälte. Eine Art Matraze, die sich kaum von der sie umgebenden Kohle unterscheiden läßt, liegt in einer der Ecken. Ich sah die Heizer sich auf dieser steinharten Matraze ausstrecken. Zugedeckt waren sie mit einem sehr schmutzigen Überzieher, der derart von Schweiß und Kohlestaub durchdrungen war, daß man seine Farbe nicht mehr erraten konnte. „Sehen Sie", sagte der foreman zu mir, „so werden diese Männer alle lungenkrank. So geht's, wenn man ohne Vorkehrung vom Heißen ins Kalte läuft." Diese letzte Bemerkung des foreman hatte auf mich eine solche Wirkung, daß ich die Fabrik in einem Zustand der Erbitterung verließ.

So hat das Leben der Menschen einen Geldpreis. Sterben sie an der geforderten Aufgabe, kommt der Industrielle darum herum, die Löhne zu erhöhen !!! Das ist doch schlimmer als der Negerhandel! Ich finde nur noch den Kannibalismus schlimmer als diese abscheuliche Ungeheuerlichkeit! Die Fabrik- und Manufakturbe- sitzer können, ohne vom Gesetz daran gehindert zu sein, über die Jugend, die Lebenskraft von Hunderten von Menschen verfügen, ihr Leben kaufen und es opfern, um Geld zu verdienen. Und dies alles für einen Lohn von 7 oder 8 Shilling am Tag (8 Fr. 75 c. bis 10 Fr.!!!). Ich weiß nicht, ob irgendeiner von den Chefs von ähnlichen Fabriken wie der von mir soeben beschriebenen die Menschlich- keit besessen hätte, ein bescheiden beheiztes Zimmer, Badewannen mit lauwarmem Wasser, Matratzen und Wolldecken zur Verfügung zu stellen, wo die Heizer, wenn sie ihre Glutofenhitze verlassen, sich waschen und sich, in warme Decken gehüllt, ausruhen könnten, in einer auf die Arbeitsräume abge- stimmten Raumtemperatur. Es ist wirklich eine Schande, eine Niederträchtigkeit für ein Land, wenn sich Dinge abspielen, wie ich sie eben erzählt habe. Wenn die Pferde an der Post ankommen, beeilt man sich in England, ihnen eine Pferdedecke überzuwerfen, ihren Schweiß abzutrocknen, ihnen die Füße zu waschen; dann bringt man sie in einen gut geschlossenen Stall und gibt ihnen schön trockenes Stroh. Vor einigen Jahren legte man die Postwechselstationen näher zusammen, nachdem man erkannt hatte, daß die zu großen Abstände zwischen ihnen das Leben der Pferde verkürzten. Ja, aber ein Pferd kostet den Industriellen zwischen 40 und 50 Pfund Sterling, während ihm das Land Menschen umsonst liefert!

8. Straßenmädchen

Die Prostitution ist kein Verbrechen. Sie ist eine Qual. So wie es dem Menschen instinktiv vor dem Tod graut, empfindet die Frau instinktiv Ekel vor der Prostitution. Über die gefallenen Frauen sollte man weinen und ihnen nicht ins Gesicht lachen. L'Assomption de la femme, von Abt Constant

Es gibt kein Land und keine Stadt, wo dieses Übel (die Prostitution) so systematisch, so offen und in so großem Umfang praktiziert wird wie in England und seiner Hauptstadt. Bericht des Herrn Talbot, Sekretär der Londoner Gesellschaft zur Verhütung der Kinderprostitution. 47

Jetzt frage ich jedes nur einigermaßen intelligente Wesen, ob es, im Interesse der gegenwärtigen und zukünftigen Generationen, nützlich ist oder nicht, die Prostitution zu studieren und zu beobachten, und ob ein Mann, der sich solchen Forschungen widmet, der den Ekel aushält, der dafür seine Zeit, sein Vermögen und seine Arbeitskraft opfert, diese Verachtung, die die aus Unkenntnis entstandenen Vorurteile bis zum heutigen Tag aufrechterhalten haben, verdient. Ich für meinen Teil glaube, die Dinge in ihrem wahren Lichte zu sehen und weiß, daß die den Arbeiten entgegengebrachte Wertschätzung nicht immer im rechten Verhältnis steht zu den Diensten, die sie erweisen, noch zu den Schwierigkeiten, die sie vielleicht aufwerfen. Daher stelle ich mich dem Urteil der vernünftigen Menschen, die die Absichten erkennen und schätzen, und obschon ich die Vorurteile der anderen respektiere, beklage ich ihre Blindheit. De la prostitution dans la ville de Paris, von Parent-Duchâtelet. 48

Nie habe ich ein Straßenmädchen sehen können, ohne von einem Gefühl des Mitleids für unsere Gesellschaft gerührt zu werden, ohne für ihre Organisation Verachtung und für ihre Herrscher Haß zu empfinden, die, bar jeglicher Scham, jeglicher Achtung für die Menschheit, jeglicher Liebe für ihresgleichen, ein Geschöpf Gottes auf die unterste Stufe der Erniedrigung hinunterdrücken, es unter das Vieh herabwürdigen! Ich verstehe den Räuber, der die Passanten auf den Landstraßen ausplündert und seinen Kopf der Guillotine ausliefert. Ich verstehe den Soldaten, der ständig sein Leben aufs Spiel setzt und dafür

nur einen Sou am Tag erhält. Ich verstehe den Matrosen, der das seinige dem Toben des Meeres aussetzt, - alle drei finden in ihrem Beruf eine düstere und schreckliche Poesie - doch das Straßenmädchen kann ich nicht verstehen! Es gibt sich selbst auf. Es zerstört seinen Willen und seine Gefühle. Es gibt seinen Körper der Brutalität und dem Leiden und seine Seele der Verachtung preis! Ein Freudenmädchen ist für mich ein undurchdringliches Geheimnis! Ich sehe in der Prostitution einen fürchterlichen Wahn- sinn; oder sie ist so erhaben, daß meine menschliche Natur sich dessen nicht bewußt ist. Dem Tod zu spotten ist einfach; aber welchem Tod sieht das Straßenmädchen ins Auge! Es hat sich mit dem Schmerz verlobt, sich der Erniedrigung preisgegeben! Fortwährend wiederholte körperliche Qualen, alle Augenblicke moralischer Tod! Und Selbstverachtung !* Ich wiederhole, hier liegt entweder Erhabenheit oder Wahnsinn vor! **

* „Sie kennen ihre ganze Verwerflichkeit und haben, wie es scheint, eine tiefgehende Vorstellung davon. Sie sind sich selbst Gegenstand des Entsetzens. Die Verachtung, die sie für sich empfinden, übersteigt oft die, die ihnen alle tugendhaften Personen entgegenbringen. Sie bedauern, gefallen zu sein; sie machen Pläne und sogar Anstrengungen, aus ihrer Lage herauszukommen. Doch alle diese Anstrengungen sind fruchtlos, und was sie verzweifeln läßt, ist ihr Wissen, im Denken der Leute als der Abschaum und Schmutz der Gesellschaft zu gelten. ( ) Derjenige, der einige Überlegungen über die Neigungen des Herzens des Menschen angestellt hat, wird leicht verstehen, wie qualvoll eine derartige Lage sein muß. Nichts ist für den Menschen natürlicher als der Wunsch, vom andern geliebt zu werden. Wer könnte ohne Schrecken, ohne Aufgewühltheit und ohne Niederge- schlagenheit das allgemeine Vergessen der Menschen durchleiden, und umso mehr ihren Haß, ihre Verachtung und ihre völlige Geringschätzung? Allein der Gedanke an diese Lage hat mehrere Prostituierte in geistige Verwirrung gestürzt. Es ist noch nicht lange her, daß mich Herr Pariset in der Anstalt Salpêtrière auf eine von ihnen aufmerksam machte. In der Öffentlichkeit sagte dieses Mädchen nichts, aber wenn sie sich allein glaubte, wiederholte sie unaufhörlich: ,Wie bin ich unglücklich, die Tugend abgelegt zu haben! Wie soll ich nur die allgemeine Verachtung aushalten? Wie leben in der Demütigung?' " (De la prostitution dans la ville der Paris, von Parent-Duchâtelet).

** „Eine Sache hat mich am meisten überrascht, als ich im Sittenbüro und den Archiven der Polizeipräfektur meine Nachforschungen machte, nämlich die Häufig- keit der Vermerke über Geistesschwäche oder über einen geistiger Verwirrung nahekommenden Zustand, die den Prostituierten unterstellt werden. In ihren Verhaftungsprotokollen und den Berichten der Untersuchungskommissare führt man dauernd diesen Geisteszustand an, um entweder ihre Freilassung oder eine Milderung der Strafe, die sie wegen irgendwelcher Delikte erhalten haben, zu begründen.( ) Ein wertvolles Dokument über die geistige Verwirrung der Prostituierten ist uns von einem unserer Kollegen, Herrn Esquirol, 49 geliefert worden, der, wie man weiß, sehr

lange mit der Abteilung der verrückten Frauen in der Salpêtrière betraut war. Aus der Auswertung der von diesem Arzt angelegten Register, einer Auswertung, die wir mit großer Sorgfalt vorgenommen haben, geht hervor, daß zwischen 1811 und 1815, also in einem Zeitraum von fünf Jahren, 105 Prostituierte in die Salpêtrière eingewiesen worden sind, was ein Mittel von 21 pro Jahr ergibt, eine beträchtliche Zahl, die man eigentlich nicht erwarten durfte. Weniger durch die Aufzeichnungen der Polizei als durch die Forschungen und Recherchen aller Art über das frühere Leben der Eingewiesenen konnte Herr Esquirol für diese Zahl feststellen, was sie waren oder gewesen waren. Desweiteren glaubt er, daß ihm noch einige entgangen sind, die sich unter den Stickerinnen, Näherinnen, Modistinnen und Trödlerinnen

finden müßten, die in großer Zahl in seinen Registern auftauchen. (

Eine wurde

verrückt infolge des Kummers, den sie empfand, weil einer aus ihrem Land sie in Ausübung ihres Berufes erkannt hatte. ( )

Es ist nicht uninteressant, die Art des dieser Kategorie von Kranken eigenen Wahnsinns zu kennen:

Die Diagnose lautete auf

)

Melancholie bei

36

Manie bei

43

Schwachsinn bei

18

unbestimmbare Krankheit bei 8

Summe

105"

De la prostitution dans la ville de Paris, von Parent-Duchâtelet.

Die Prostitution ist die schrecklichste der durch die ungleiche Verteilung der Güter dieser Welt geschaffenen Geiseln. Diese Schande brandmarkt das Menschengeschlecht und legt deutlicher Zeugnis ab gegen die bestehende Organisation der Gesellschaft als das Verbrechen. Die Vorurteile, das Elend, die Versklavung vereinen ihre unheilvollen Wirkungen, um diese empörende Her- abwürdigung herbeizuführen. Ja, wenn Ihr der Frau nicht die

Keuschheit als Tugend aufgezwungen hättet, ohne gleichzeitig den Mann dazu zu verpflichten, dann würde sie nicht aus der Gesellschaft verstoßen, weil sie den Gefühlen ihres Herzens nachgegeben hat; und das verführte, getäuschte und verlassene Mädchen wäre nicht genötigt, sich zu prostituieren. Ja, wenn Ihr ihr gestatten würdet, die gleiche Erziehung zu bekommen, diesel- ben Beschäftigungen und Berufe auszuüben wie der Mann, wäre sie nicht häufiger vom Elend betroffen als er. Ja, wenn Ihr sie durch den Despotismus der väterlichen Macht und die Unauflös- lichkeit der Ehe nicht allen Mißbräuchen der Gewalt aussetzen würdet, wäre sie niemals vor die Alternative gestellt, die Unter- drückung oder die Ehrlosigkeit zu erdulden! Tugend und Laster setzen die Freiheit, gut oder böse handeln zu können, voraus. Aber wie kann es um die Moral einer Frau bestellt sein, die sich selbst nicht gehört, die nichts Eigenes besitzt und die das ganze Leben gewohnt war, sich durch List der Willkür, durch Verführung dem Zwang zu entziehen? Und wenn sie vom Elend gepeinigt wird und das Vergnügen der Männer ob all der ihnen zustehenden Güter sieht - führt sie die Kunst zu gefallen, in der sie erzogen wurde, nicht unvermeidlich zur Prostitution? Daher soll diese Ungeheuerlichkeit dem Zustand Eurer Gesell- schaft zugeschrieben und die Frau freigesprochen werden! Solange sie dem Joch des Mannes oder des Vorurteils unter- worfen ist, sie keinerlei berufliche Ausbildung erhält, ihr die bürgerlichen Rechte vorenthalten werden, kann es für sie kein moralisches Gesetz geben. Solange sie die Nutznießung der Güter nur über den Einfluß, den sie auf die Leidenschaften ausübt, erlangen kann, solange es keinen Rechtstitel für sie gibt, und sie von ihrem Ehemann der Besitztümer, die sie durch ihre Arbeit erworben oder die ihr ihr Vater gegeben, beraubt wird, solange sie sich der Nutzung der Güter und der Freiheit nur versichern kann, sofern sie im Zölibat lebt, kann für sie ein moralisches Gesetz nicht bestehen! Und es läßt sich behaupten, daß die Prostitution noch weiter zunehmen wird, bevor nicht die Emanzipation der

Frau stattgefunden hat! In England sind die Reichtümer ungleicher als irgendwo sonst verteilt. Daher muß dort die Prostitution bedeutender sein. Das Erblassungsrecht wird durch das englische Gesetz nicht eingeschränkt und die aristokratischen Vorurteile, die in diesem Volk vom Herrenhaus des Lords bis in die bescheidene Hütte des cottager vorherrschen, bewirken, daß in allen Familien ein Erbe eingesetzt wird. Infolgedessen bekommen die Mädchen nur eine geringe Mitgift, es sei denn, sie sind ohne Brüder. Gleichwohl gibt es nur wenige Arbeitsplätze für die Frauen, die eine Ausbildung erhalten haben; ferner bewirken die fanatischen Sektenvorurteile, daß die Mädchen, die verführt und getäuscht worden sind, aus jedem Haus, oft sogar aus der elterlichen Wohnung verstoßen werden. Die meisten reichen Grundbesitzer, die Manufaktureigner und Fabrikherren wiederum machen es sich zum Sport, sie zu verführen und zu täuschen. Wie weit sind doch diese Kapitalisten, diese Grundbesitzer, die die Proletarier durch den Austausch von vierzehn Arbeitsstunden gegen ein Stück Brot so reich machen, davon entfernt, durch den Gebrauch, den sie von ihrem Vermögen machen, die Übel und Liederlichkeiten aller Art, die sich aus der Anhäufung von Reichtümern in ihren Händen ergeben, auszugleichen! Diese Reichtümer nähren fast immer den Hochmut und leisten den Exzessen der Maßlosigkeit und der Ausschweifung derart Vorschub, daß das durch sein schreckliches Elend pervertierte Volk auch noch von den Lastern der Reichen verdorben wird. Die in der Klasse der Armen geborenen Mädchen werden vom Hunger zur Prostitution getrieben. Die Frauen sind von den Landarbeiten ausgeschlossen, und wenn sie nicht in den Manufakturen beschäftigt sind, gibt es für sie nur die Knechtschaft oder die Prostitution als einzige Einnahmequelle!

Los, meine Schwestern, marschieren wir bei Tag wie bei Nacht Zu jeder Stund', zu jedem Preis müssen wir Liebe schaffen;

Es muß sein, zu bewahren Haus und Frauen rechtschaffen, hat uns hienieden das Schicksal geschaffen.*

In London sind die Freudenmädchen so zahlreich, daß man ihrer zu jeder Stunde überall gewahr wird; sie strömen in alle Straßen; aber zu bestimmten Tageszeiten begeben sie sich aus den entlegenen Stadtvierteln, wo die meisten wohnen, in die Straßen, wo die Menschenmassen zusammenkommen, auf die Prome- naden und in die Theater. Selten empfangen sie die Männer bei sich. Die Hausbesitzer setzen sich fast immer dagegen zur Wehr; zudem sind ihre Wohnungen zu kärglich möbliert. Die Mädchen führen ihre Freier in für ihren Beruf bestimmte Häuser; Häuser, die in bestimmten Abständen in allen Vierteln vorhanden und, nach dem, was Herr Doktor Ryan 50 berichtet, ebenso zahlreich wie die Ginläden sind.** Als Beobachterin bin ich, von zwei mit Stöcken bewaffneten Freunden begleitet, zwischen sieben und acht Uhr abends, das neue Viertel, wohin die Waterloo-Brücke führt und das von der breiten und langen Waterloo Road durchquert wird, besichtigen gegangen. Dieses Viertel ist fast ganz von Prostituierten und den Handlangern der Prostitution bevölkert. Am Abend könnte man es alleine nicht durchstreifen, ohne unmittelbar Gefahr zu laufen. Es war Sommer und der Abend war sehr warm. Die Mädchen standen an den Fenstern oder saßen vor ihren Türen und lachten und scherzten mit ihren Zuhältern. Halb entkleidet, einige nackt bis zum Gürtel, empörten sie und erregten sie Abscheu, während der Ausdruck von Zynismus und Verbrechen, den man auf den Gesichtern der Zuhälter lesen konnte, Entsetzen hervorrief. Im allgemeinen waren diese Zuhälter sehr schöne Männer, jung, groß und stark. Aber in ihrem gemeinen und rohen Aussehen

* Lazare, von Auguste Barbier 51 ** Prostitution in London

glaubte man, Tiere vor sich zu haben, die nur ihren Appetit als Instinkt besitzen.

Mehrere stellten uns die Frage, ob wir ein Zimmer brauchten

wir dies verneinten, sagte einer, der frecher war als die anderen, in drohendem Ton zu uns: „Was habt Ihr dann in diesem Viertel zu

suchen, wenn Ihr kein Zimmer wollt, um Eure Dame dorthin mitzunehmen?" Ich gebe zu, daß ich diesem Manne nicht hätte alleine gegenüberstehen wollen. So liefen wir durch alle Nebenstraßen der Waterloo Road, kamen auf die Brücken und ließen uns nieder, um ein anderes Schauspiel zu beobachten. Wir sahen dort die Mädchen des Waterloo Road- Viertels vorbeikommen, die am Abend zwischen acht und neun Uhr in Scharen ins West End kommen, wo sie während der Nacht ihrem Gewerbe nachgehen und morgens zwischen acht und neun wieder nach Hause zurückkehren. Die Mädchen durchstreifen alle Promenaden und die Straßen, wo sich die Menge drängt; etwa die Straßen zur Börse oder die Zugänge zu den Theatern und andere öffentliche Plätze, zu den Zeiten, wo Andrang herrscht; wenn Vorstellungen zum halben Preis gegeben werden, fallen sie ein, bemächtigen sich des Foyers und machen eine Art Empfangssaal daraus. Nach den Vorstellungen begeben sich die Mädchen in die finishes; das sind üble Kneipen oder geräumige und prächtige Kellerlokale, in denen man anschließend die Nacht zuendebringt. Die finishes* sind mit den englischen Sitten verbunden wie der Bierschank mit den deutschen Gewohnheiten oder das elegante Café mit den französischen Gepflogenheiten. In den einen trinken der Gehilfe des Staatsanwalts und der Ladenangestellte ale, rauchen schlechten Tabak und zechen mit schmutzig gekleideten

Da

* „In verschiedenen Teilen der Monsterstadt gibt es herrliche Salons, wo sich bis zu zweihundert gut gekleidete Prostituierte versammeln. Diese Örtlichkeiten werden von den noblen und reichen jungen Leuten besucht, die sich dort Frauen aussuchen. Diese Salons sind Kellerlokalen angegliedert, die zu Quellen enormer Reichtümer werden. Sie sind nicht ausschließlich auf das West End der Stadt oder auf das

London jenseits der Temple Bar beschränkt. Sonst sind sie unter der Bezeichnung lange Zimmer bekannt. Man findet sie insbesondere an den Ufern der Themse, wo es zahllose Matrosen gibt. Einige der langen Zimmer können bis zu fünfhundert Personen fassen. In diesen Häusern sind die Prostituierten in einer Reihe aufgestellt - wie das Vieh auf dem Smithfield Market —, bis die Besucher, Matrosen oder andere, kommen, um sich ihre Frau auszusuchen. Derjenige, der seine Wahl getroffen hat, begibt sich in ein anderes geräumiges Gemach des Etablissements/von wo aus ihn das Mädchen nach üppigen Gelagen und Tänzen zu sich nach Hause mitnimmt; dort betäubt er sich weiter mit vergifteten Getränken und wird schließlich von den Zuhältern geprellt, bestohlen und geschlagen." [Prostitution in London, von Dr. Ryan, Seite 189.)

Mädchen, in den anderen trinkt die Schickeria Punch mit Cognac, Wein aus Frankreich und vom Rhein, sherry und porto. Sie raucht ausgezeichnete 'Zigarren aus Havanna, lacht und scherzt mit jungen, schönen und reich gekleideten Mädchen. Aber in den einen wie den andern zeigt sich die Orgie in ihrer ganzen Brutali- tät, in ihrer ganzen Abscheulichkeit! Zum Thema finishes hatte man mir von Ausschweifungsszenen erzählt, die ich nicht glauben konnte. Ich befand mich zum vierten mal in London und war mit der festen Absicht gekommen, alles kennenzulernen. Daher entschloß ich mich, meinen Widerwillen zu überwinden und selbst in eines dieser finishes zu gehen, um über die Glaubwürdigkeit urteilen zu können, die ich den verschiedenen mir gegebenen Schilderungen beimessen konnte. Die gleichen Freunde, die mich schon zur Waterloo Road begleitet hatten, erboten sich, mir nochmals als Fremdenführer zu dienen. Jenes Schauspiel muß man gesehen haben; man lernt dadurch die moralische Verfassung Englands besser kennen als durch irgendeine Schilderung. Diese herrlichen Kellerlokale haben ein ganz besonderes Aussehen. Die Stammgäste dieser Paläste scheinen sich der Nacht verschrieben zu haben. Sie gehen schla- fen, wenn die Sonne den Horizont zu erhellen beginnt und erwachen nach ihrem Untergang. Von außen machen diese sorgfältig verschlossenen Keller-Paläste (gin-palaces) einen ruhigen und verschlafenen Eindruck. Doch kaum hat Ihnen der

Portier die kleine Tür geöffnet, durch die die Eingeweihten eintreten, werden Sie schon von den hellen, flackernden Lichtern aus tausend Gaslampen geblendet. Im ersten Stock befindet sich ein riesiger, der Länge nach geteilter Salon. In einem Teil sind durch Holzwände abgeteilte Tische, wie in allen englischen Restaurants; zu beiden Seiten der Tische befinden sich sofa- förmige Bänke; gegenüber, im anderen Teil, steht ein Podium, auf dem sich die Freudenmädchen in vollem Ornat zur Schau stellen. Mit Blicken und Worten reizen sie die Männer. Geht jemand auf sie ein, führen sie den galanten Herrn zu einem der Tische, die mit kaltem Fleisch, Schinken, Geflügel, Feingebäck sowie Weinen und Likören aller Art befrachtet sind. Die finishes sind die Tempel, die der englische Materialismus seinen Göttern errichtet! Die Angestellten, die sie bedienen, sind reich gekleidet; untertänig grüßen die Eigentümer des Etablissements die männlichen Gäste, die kommen, um ihr Gold gegen Ausschweifung einzutauschen. Gegen Mitternacht beginnen die Stammgäste einzutreffen. Einige Kellerlokale sind die Treffpunkte der hohen Gesellschaft, wo sich die Elite der Aristokratie versammelt. Zunächst legen sich die jungen Lords auf die sofaförmigen Bänke, rauchen und scherzen mit den Mädchen. Dann, nach mehreren Gelagen, erhitzt die Wirkung des Champagners oder des Madera ihren Kopf; die erlauchten Sprößlinge des englischen Adels, die ehrenwerten Parlamentsmitglieder ziehen ihren Frack aus, lösen die Kravatte, legen Weste und Hosenträger ab. In einem öffentlichen Lokal richten sie ihren privaten Boudoir ein. Weshalb sollten sie sich genieren? Zahlen sie nicht sehr viel für das Recht, ihre Gering- schätzung herauszukehren? Darüber machen sie sich auch noch lustig. Die Orgie schwillt immer mehr an. Zwischen vier und fünf Uhr morgens erreicht sie ihren Höhepunkt. Man muß eine gehörige Portion Mut mitbringen, um zu bleiben und allem als stummer Zuschauer beizuwohnen! Welch würdigen Gebrauch machen sie von ihren unermeßlichen Vermögen, diese

vornehmen adligen englischen Herren! Wie schön sie sind, wie großzügig, wenn sie den Gebrauch ihrer Vernunft vergessen und einer Prostituierten fünfzig oder hundert Guineen anbieten, so sie sich für alle Obzönitäten, die die Trunkenheit gebiert, hergibt In den finishes gibt es alle Arten von Belustigungen. Eine der beliebtesten ist, ein Mädchen betrunken zu machen, bis es vor Trunkenheit wie tot umfällt. Dann läßt man es Essig schlucken, dem Senf und Pfeffer beigemengt wurden; dieser Trank löst bei ihm fast immer entsetzliche Krämpfe aus und die Zuckungen und Verrenkungen der Unglücklichen rufen Gelächter hervor und amüsieren die ehrenwerte Gesellschaft unendlich. Ein sehr geschätztes Vergnügen bei diesen beliebten Treffen ist auch, auf die stocktrunkenen, am Boden liegenden Mädchen ein Glas gleich welchen Inhalts zu schütten. Ich habe Satinkleider gesehen, die keinerlei Farbe mehr hatten; ein wirres Durcheinander von Ver- unreinigungen; Wein, Schnaps, Bier, Tee, Kaffee, Sahne usw. zeichneten da tausend wunderliche Formen - die bunte Schrift der Orgie. Oh, die menschliche Kreatur kann nicht tiefer fallen! * Der Anblick dieser mephistelischen Ausschweifung empört und entsetzt, und ihr Geruch dreht einem den Magen um; die Luft ist beladen mit fauligem Gestank; die Gerüche des Fleisches, der

* In diesem finish sah ich vier oder fünf wunderschöne Frauen; die bemerkens- werteste war eine Irin von außergewöhnlicher Schönheit. Obgleich sie zum Stamm gehörte, erregte sie beim Betreten des Saales Aufsehen und rief ein leises Raunen hervor. Aber meine Augen füllten sich mit Tränen. Welch ein schönes Geschöpf! Wäre sie die Königin Englands, man wäre von überall her gekommen, sie zu bewundern! Sie kam gegen zwei Uhr in der Frühe herein, mit schlichter Eleganz gekleidet, die ihre strahlende Schönheit noch unterstrich. Sie trug ein weißes Satinkleid, ihre halblangen Handschuhe ließen ihre hübschen Arme sehen, reizende kleine rosa Schuhe brachten ihre niedlichen Füße zur Geltung und eine Art Perlendiadem krönte ihr Haupt. Drei Stunden später lag diese Frau volltrunken auf dem Boden! Ihr Kleid war abstoßend. Einjeder schüttete Gläser voller Wein, Likör usw. auf ihre schönen Schultern, ihre wunderhübsche Brust. Die Kellner des Lokals traten sie mit Füßen wie Abfall. Man muß eine so unwürdige Schändung der menschlichen Kreatur mit eigenen Augen gesehen haben, um sie für möglich zu halten

Getränke, des Tabakrauches und andere, noch üblere Gerüche. All diese Dünste gehen einem in die Kehle, drücken einem auf die Schläfen und machen einen schwindlig — ganz schrecklich! Dennoch ist dieses Leben, das die Freudenmädchen jede Nacht von neuem beginnen, ihre einzige Hoffnung auf ein besseres Los, da sie über einen Engländer in nüchternem Zustand keinerlei Macht haben. Der nüchterne Engländer ist keusch bis zur Prüderie. Gewöhnlich verläßt man das finish gegen sieben oder acht Uhr morgens. Diener lassen die Fiaker rufen. Die sich noch auf ihren Beinen halten können, suchen ihre Kleidung, klauben sie zusammen und begeben sich nach Hause; die andern ziehen die Kellner des Lokals mit den erstbesten Kleidungsstücken, die ihnen zu Händen kommen, wieder an, tragen sie in den Fiaker und nennen dem Kutscher die Adresse des übergebenen Pakets. Häufig kennt man nicht einmal die Adresse der Wohnung dieser Personen. Dann werden sie in einen Saal im Hinterhaus verbracht, wo man sie ganz einfach auf Stroh legt. Der Saal heißt Loch der Trunkenbolde. Sie bleiben dort, bis sie wieder soweit zu sich gekommen sind, um sagen zu können, wo sie hingefahren werden wollen. Es ist wohl überflüssig, zu betonen, daß für die in diesen Keller- lokalen konsumierten Speisen und Getränke horrende Preise bezahlt werden müssen. So gehen die Lords mit einer völlig leeren Geldbörse heim und haben noch Glück, wenn die Habgier ihrer Sirenen ihnen gnädigerweise ihre Uhr, den Kneifer mit Goldbügeln oder eine andere wertvolle Sache gelassen hat. In dieser Stadt der Maßlosigkeit ist das Leben der Freuden- mädchen aller Klassen nur von kurzer Dauer. Gleichgültig, ob die Prostituierte dazu Lust hat oder nicht, sie ist gezwungen, alkohol- ische Getränke zu sich zu nehmen.* Wer hat schon die

* „Alle meine Erkundigungen beweisen, daß sie nur zu trinken begonnen haben, um sich zu betäuben. Unmerklich gewöhnen sie sich daran, und mit der Zeit wird die

Gewohnheit so stark, daß sie jeder Rückkehr zur Tugend im Wege steht; sie allein hat in einer Vielzahl von Fällen die Bemühungen der Damen der Wohlfahrt scheitern lassen. Zu diesem ersten Grund, der auf alle zutrifft, kommt ein weiterer, noch mächtigerer hinzu, der aber nur der untersten und zahlreichsten Klasse der Prostituierten eigen ist: Die Leute aus dem Volk, insbesondere aber die Soldaten und Matrosen, wissen aus Erfahrung, wie sehr der Mißbrauch von Alkohol die syphilitischen Erkrankungen verschlimmert und bilden sich ein, ein Mädchen, das nicht maßlos trinkt, sei nur deswegen nüchtern, weil es krank ist. Sie lassen sie also trinken, um sich ihres Gesundheitszustandes zu versichern und lassen in den Stunden der Orgien keine Runde aus. Bei einem solchen Leben stelle man sich den Zustand einer Unglücklichen vor, die täglich zwei oder drei verschiedene Personen ertragen muß." (De la prostitution dans la ville de Paris, Bd.I, S.139.)

Konstitution, fortwährenden Exzessen standzuhalten! Daher kann die Hälfte der Prostituierten ihr Gewerbe nur drei oder vier Jahre lang ausüben; einige von ihnen überstehen sieben oder acht Jahre, doch das ist schon die äußerste Grenze, die nur wenige erreichen, und die nur in ganz seltenen Fällen überschritten wird. Viele sterben in den Spitälern an üblen Krankheiten oder an Lungenentzündung, und wenn sie dort nicht aufgenommen werden, erliegen sie ihren Leiden in schrecklichen Verschlägen, bar aller Lebensmittel, jeglicher Medizin, jeglicher Pflege, kurz, des Notwendigen. Der sterbende Hund begegnet dem Blick seines Herren, während die Prostituierte an der Ecke eines Prellsteins endet, ohne daß jemand einen mitleidigen Blick auf sie würfe! 80 bis 100 Tausend Mädchen, die Blüte der Bevölkerung, leben in London von der Prostitution. Jedes Jahr siechen 15 bis 20 Tausend dieser Unglücklichen dahin und sterben in völliger Verlassenheit den Tod des Aussätzigen.* Jedes Jahr rückt eine noch beträchtlichere Zahl nach und ersetzt diejenigen, deren schreckliche Existenz beendet ist. 52

* Die bill, die zur Registrierung der Toten verpflichtet, ist noch sehr neu und es fehlen die Grundlagen, um auf eine exakte Weise die Sterblichkeitsrate der Straßenmädchen zu ermitteln.

Zur Erklärung einer so umfänglichen Prostitution muß man sich das ungeheure Anwachsen der Reichtümer in England während der letzten fünfzig Jahre in Erinnerung rufen und bedenken, daß bei allen Völkern und zu allen Zeiten sich mit dem Reichtum auch die sinnlichen Bedürfnisse entwickelt haben. Der Beweggrund, Handel zu treiben, ist bei den Engländern so mächtig geworden, daß er alle anderen verdrängt hat: Sie werden alle vom Gedanken beherrscht, Geld zu verdienen {to make money). Selbst für die Nachkommen der reichsten Familien besteht die Notwendigkeit, ein Vermögen zu machen, und niemand gibt sich mit dem zufrieden, was er hat. Die vom zartesten Alter an ins Herz der jungen Leute gepflanzte Liebe zum Geld zerstört die familiären Bindungen ebenso wie jedes Mitgefühl mit den Leiden der Mitmenschen und läßt so kein Gefühl der Liebe wachsen. Liebe findet in ihrem Leben keinen Platz; ohne Liebe verführen sie ein junges Mädchen, ohne Liebe heiraten sie: Der junge Mann heiratet eine Mitgift, vernachlässigt seine Frau und verschleudert ihr Vermögen in den Spielhöllen, den Clubs und den finishes des West End. Wie abstoßend ist doch dieses ganz und gar materielle Leben der Begierden und der Profitinteressen! Hat je eine Gesellschaft einen so häßlichen Anblick geboten? Das Geld als Motor, und als einzige Freude der Wein und die Prostituierten! In London sind alle Klassen verdorben bis auf den Grund: In der Kindheit eilt das Laster dem Alter voraus, im Alter überlebt es die erloschene Sinnlichkeit, und die Krankheiten der Ausschweifung sind in alle Familien eingedrungen. Die Feder sträubt sich, die Verirrungen, die Schandtaten nachzuzeichnen, zu denen sich die blassierten Männer hinreißen lassen, die nur sinnliche Begierden kennen und deren Seele tot, deren Herz verwelkt, deren Geist ohne Bildung ist. Angesichts einer solchen Verkommenheit hätte der Heilige Paulus ausgerufen: Fluch über die, die da Unzucht treiben! Er hätte sich den Staub von den Füßen geschüttelt und wäre von der Insel geflohen.

In der Monsterstadt gibt es kein Erbarmen für die Opfer des Lasters; das Los des Straßenmädchens flößt nicht mehr Mitleid ein als das des Iren, des Juden, des Proletariers und des Bettlers. Die Römer waren dem Los ihrer Gladiatoren gegenüber, die im Zirkus starben, nicht gleichgültiger. Wenn die Männer nicht betrunken sind, stoßen sie die Prostituierten mit dem Fuß weg; sie würden sie sogar schlagen, fürchteten sie nicht den Skandal, die Folgen einer Auseinandersetzung mit den Zuhältern oder das Eingreifen der Polizei.* Für diese Unglücklichen haben die ehrbaren Frauen nur harte, fühllose und grausame Verachtung übrig. Der anglikanische Priester ist nicht wie der katholische Tröster aller Unglückseligen. Der anglikanische Priester kennt keine Barmherzigkeit einer Prostituierten gegenüber. Von der Kanzel herab wird er sehr wohl eine emphatische Rede halten über die Nächstenliebe und die Gewogenheit, die Christus Magdalena, einer Prostituierten gegenüber, zeigte. Aber für die

* Während ich in London war, glaubte ein an einer schlimmen Krankheit leidender Handelsmann aus der City, den Ursprung seines Leidens einem ihm bekannten Straßenmädchen zuschreiben zu können; er ließ sie in ein Stundenhotel kommen:

Dort hob er ihr ihre Röcke über den Kopf, band das Ganze mit einer Schnur zusammen und schloß so den ganzen Oberkörper wie in einen Sack ein. Dann peitschte er sie mit Ruten und als er es leid war, sie zu schlagen, warf er sie in diesem Zustand auf die Straße. Die Unglückliche bekam keine Luft mehr und erstickte. Sie schlug um sich, schrie und rollte sich im Dreck. Niemand kam ihr zur Hilfe. In London schert man sich nie um das, was auf der Straße passiert, that is not my business (das geht mich nichts an), antwortet einem der Engländer in einem fort, und er ist schon zehn Schritte weitergelaufen, bis diese Worte an eines anderen Ohr gelangen. Die Unglückliche lag bewegungslos auf dem Pflaster, sie lag im Sterben, als zufällig ein policeman vorbeikam, zu ihr trat und die Schnur, die ihre Kleider zusammenhielt, durchschnitt. Ihr Gesicht war violett, sie atmete nicht mehr, sie war fast erstickt. Man brachte sie eilends ins Krankenhaus, wo der Notdienst sie ins Leben zurückholte. Der Urheber dieses grausamen Attentats wurde vor den Magistrat geladen und wegen Verstoßes gegen die guten Sitten auf offener Straße zu 6 Shilling Geldstrafe verurteilt. Man erkennt, daß es einem bei einem Volk mit lächerlicher Prüderie nicht teuer zu stehen kommt, ein öffentliches Ärgernis zu erregen. Und es verwundert weiter, daß der Magistrat in dieser Tat nur eine strafbare Ordnungswidrigkeit sah.

tausende von Magdalenas, die jeden Tag in den Schrecknissen des Elends und der Verlassenheit sterben, hat er nicht eine Träne übrig! Was liegt ihm schon an diesen Geschöpfen! Seine Aufgabe ist es, in der Kirche an bestimmten Tagen zu bestimmter Stunde eine talentvolle Rede zu halten und damit hat es sich. In London hat eine Prostituierte nur ein Recht auf das Spital, und das auch nur, wenn sich dort ein freier Platz findet. Das nationale Selbstwertgefühl, das uns wünschen läßt, das Land, in dem uns die Vorsehung zur Welt kommen ließ, möge allen anderen vorgehen, — diese schlechte Einstellung den anderen Nationen gegenüber, eine bittere Frucht vergangener Kämpfe, welche das größte Hindernis für den Fortschritt darstellt, hindert uns oft, die Ursachen der Mißstände, auf die uns das Ausland aufmerksam macht, zu erkennen. So erwacht der Geist des Hasses und verlangt Beweise für offensichtliche Tatsachen, etwa den Nebel im Tal der Themse. Denn da die Einheit der Interessen der Nationen erst von einer kleinen Zahl fortschrittlicher Menschen begriffen wird, wird das Ausland, wenn es uns nicht zustimmt, als Feind angesehen, der uns beleidigt. Die Prostitution gibt es überall, doch in London ist sie eine so unübersehbare Tatsache, daß sie einem wie ein Ungeheuer vorkommt, das alles verschlingt. Versetzte ich mich nun in die Anschauungsweise des einfachen Menschen, dann begriff ich, daß man dies wahrscheinlich nicht eingestehen und man das Bild, das ich zeichnete, der Übertreibung zeihen würde. Ich war daher darauf bedacht, mich mit Beweisen, mit Autoritäten zu wappnen, die meinen Augen- schein bestätigen konnten. Ich hatte das Buch von Herrn Parent-Duchâtelet gelesen und "wußte daher, daß man, wenn es auch unmöglich ist, bei der Einschätzung einer Sache, die sich den statistischen Aufstell- ungen entzieht, zu mathematischer Genauigkeit zu gelangen, durch lange Beobachtung der Wahrheit sehr nahekommen kann.

Ich informierte mich, ob sich in England ein Philantrop gefunden hatte, der der Menschheit genügend ergeben war, um sein Leben mit jener unbeugsamen Beharrlichkeit, die Herr Parent-Duchâtelet bei der Untersuchung der Prostitution in Paris angewandt hatte, der Untersuchung der Prostitution in London zu widmen. Man nannte mir Doktor Ryan, dessen Werk über die Prostitution in England Vorwürfe und Haßgefühle auf sich gezogen hatte. Doktor Ryan, Autor mehrerer anerkannt verdienstvoller Werke, dessen zahlreiche Klientel seine Leistungen bezeugte, hätte es nicht nötig gehabt, dieses Werk zu veröffentlichen, um sich einen Namen zu machen. Diese Veröffentlichung, die den scheinheiligen Charakter der englischen Sitten entrüsten und das Geschrei der Oberklassen, deren Maske sie herunteriß, erregen mußte, ist eine ganz und gar verdienstvolle Tat. Herr Ryan kannte sein Land und die Folgen, die seine Publikation haben mußte. Doch mit jenem kraftvollen Mut ausgestattet, der über dem Gezeter einer verdorbenen Welt schwebt, brachte er kühn die Tatsachen an den Tag und machte auf die Korruption und die Schandtaten in der Monsterstadt aufmerksam. Letztes Jahr erschien in London das neue Buch von Doktor Ryan mit dem Titel: Prostitution in England. Dies Werk enthält so genaue Auskünfte über die Prostitution in London, wie sie beim gegenwärtigen Zustand der englischen Polizei nur zu erhalten sind. Herr Ryan führt zur Untermauerung der von ihm vorgetragenen Tatsachen die Berichte der Gesellschaft zur Bekämpfung des Lasters53 vor dem Parlamentsausschuß der Jahre 1837 und 1838 an; außerdem die der städtischen Polizei der Jahren 1837 und 1838, dann die der (Londoner) Gesellschaft zur Verhütung der Kinderprostitution54 aus den Jahren 1836,1837 und 1838, die Berichte des Herrn Talbot, Sekretär dieser Gesell- schaft, danach die der Polizeikommissare, die dem Parlament vorgelegt wurden und schließlich die des Innenministers der Jahre 1837 und 1838. Aus diesen Dokumenten ergibt sich, daß im Jahre 1793 Herr

Colquhoun, 55 ein verdienter Mann und Polizeibeamter, der lange Nachforschungen durchgeführt hatte, die Zahl der Londoner Prostituierten auf 50 000 schätzte. Doch dies war nur eine Schätzung, denn selbst jetzt, wo die Polizei besser organisiert ist, verfügt sie über keinerlei Möglichkeit, in dieser Hinsicht zu genauen Zahlen zu gelangen. Seit 1793 hat sich die Bevölkerung Londons verdoppelt. Daher kann man annehmen, daß das Laster in einem verhältnismäßig stärkeren Maße gefolgt ist, da sich die Ungleichheit in der Verteilung der Reichtümer auf demselben Niveau gehalten hat, da die Arbeit im Verhältnis zur Bevölkerung nicht mehr geworden ist, die Löhne demnach gesunken sind und von der Regierung keine wirkliche Verbesserung des Loses der Proletarier erreicht worden ist. Indessen schätzt Doktor Ryan nach den Auskünften, die er von der Polizei und den Herren Prichard 56 und Talbot erhalten hat, den Sekretären der beiden oben erwähnten Gesellschaften, daß es in London zwischen 80 000 und 100 000 Straßenmädchen gibt, von denen die Hälfte - andere behaupten, zwei Drittel — unter zwanzig Jahre alt sind. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung läßt sich nur näherungs- weise schätzen; denn bis zum Jahre 1838 gab es in England kein Gesetz, das dazu verpflichtet hätte, die Toten zu registrieren. Herr Clarke, der letzte Kämmerer der Londoner City, geht von einem mittleren Prostituiertenleben von vier Jahren aus, andere veran- schlagen es auf sieben Jahre, während die Gesellschaft zur Verhütung der Kinderprostitution die jährliche Sterblichkeitsrate unter den Straßenmädchen auf 8 000 schätzt. Herr Talbot gibt als Resultat seiner Nachforschungen an, in London gebe es 5 000 verrufene Häuser: Dies sind ebensoviele, wie es Läden gibt, in denen gin (Wacholderschnaps) verkauft wird. Herr Ryan glaubt, daß es in London 5 000 Männer und Frauen gibt, die sich die Aufgabe stellen, die verrufenen Häuser mit Mädchen zu versor- gen, und vier- bis fünfhundert, die bei ihm trapanners* heißen, die damit beschäftigt sind, zehn- bis zwölfjährigen Mädchen nachzustellen, um sie freiwillig oder unter Zwang in diese

scheußlichen Höhlen mitzuschleppen. Er gibt an, daß 400 000 Personen direkt oder indirekt an der Prostitution beteiligt sind und in London jährlich acht Millionen Pfund Sterling (200 Mio. Fr.) für dieses Laster ausgegeben werden. Im Mai 1835 wurde die Gesellschaft zur Verhütung der Kinder- prostitution gegründet. In einer an die Öffentlichkeit gerichteten Denkschrift legt sie den Grad des sittlichen Verfalls der Volks- klassen in London dar: Sie bestätigt, daß es Schulen gibt, in denen die Jugend beiderlei Geschlechts die Gaunerei und sämt- liche unsittlichen Handlungen erlernt, daß Prostitution und Dieb- stahl von ihren Nutznießern offen gefördert werden, und daß das Verbrechen schließlich einheitlich organisiert ist. Sie macht die Bürger auf die abscheulichen Attentate aufmerksam, die in den Straßen Londons am hellichten Tage ungestraft begangen werden, um das schändlichste aller Gewerbe zu unterstützen. Es gebe eine große Zahl von Männern und Frauen, deren Geschäft darin bestehe, von ihnen angelockte Mädchen im Alter zwischen zehn und fünfzehn Jahren zu verkaufen. Die Kinder werden unter glaubwürdigen Vorwänden in zwielichtige Häuser gelockt, dort vierzehn Tage in Privathaft gehalten und sind dann für immer für ihre Eltern verloren. Im Mai 1836 erklärte das Komitee der Gesellschaft in einem Résumée seiner Arbeit, daß, „welcher Schmerz jeder moralische Mensch angesichts der Szenen von Lastern, die sich unverhohlen in der Hauptstadt abspielen, auch immer empfindet, das empörendste Schauspiel durch die erschreckende Zunahme der Kinderprostitution geboten wird. Unglückliche Kinder, die von Gottlosen, die um ihres eigenen Vorteils willen ihre Zerstörung betreiben, von den Pfaden der Tugend und aus der Obhut ihrer Eltern gerissen wurden, gehen im Schutze der Nacht und sogar am hellichten Tag auf den Straßenstrich."

* Nachsteller oder Fallensteller

Von den verführten Mädchen, denen das Komitee im ersten Jahr seines Bestehens zu Hilfe kam, möchte ich den Fall eines dreizehn- oder vierzehnjährigen Mädchens herausstellen. Der Mädchenhändler, der sie entführt hatte und bei dem sie festge- halten wurde, hatte vor Gericht zu erscheinen, wurde aber freige- lassen! Im übrigen werden in den Rechenschaftsberichten der Gesellschaft für die Jahre 1837 und 1838 mehrere ähnliche Taten berichtet, wo die mit Menschenfleisch Handelnden mit einigen Monaten Gefängnis davongekommen sind. Nachdem das Komitee einige Fangmethoden, die gegenüber Kindern, denen es Beistand geleistet hatte, angewandt wurden, geschildert hatte, führte es aus: „Die zahlreichen Listen, die eingesetzt werden, um die unerfahrenen Kinder (beiderlei Geschlechts) in den Strudel des Elends zu reißen, sind so trickreich und so unterschiedlich, daß man sie unmöglich im Einzelnen darstellen kann. Daher wollen wir nur von der Behand- lung sprechen, die diese unglücklichen Wesen erleiden, wenn sie in die Falle gegangen sind. Sobald ein junges Mädchen eine dieser Höhlen betreten hat, beraubt man es seiner Kleider, die der Herr oder die Herrin des Etablissements an sich nimmt. Man putzt es mit prachtvollen Gewändern heraus, die einmal zum Staat einer reichen Frau gehört haben und die vom Trödler geliefert werden. Die Stammgäste werden benachrichtigt, und wenn es niemanden mehr ins Haus lockt, schickt es der Herr hinaus auf den Straßenstrich, wo es gut bewacht wird, damit es nicht fliehen kann. Bei einem Versuch wird es vom nachfolgenden weiblichen oder männlichen Spion bezichtigt, dem Herren des Hauses die Kleider gestohlen zu haben, die es am Leibe trägt. Dann verhaftet es der policeman, manchmal führt er es zur Dienststelle, normalerweise aber übergibt er die flüchtige Sklavin ihrem Herren, von dem er eine Belohnung erhält. Nach der Rückkehr ins Haus des Lasters wird die Unglückliche grausam behandelt. Man nimmt ihr alle Kleider weg und läßt sie den ganzen Tag völlig nackt, damit sie nicht weglaufen kann. Oft wird ihr sogar die Nahrung entzogen.

Nach Einbruch der Nacht gibt man ihr ihre Fetzen wieder und schickt sie auf die Straße, immer von einem Spion überwacht. Sie wird streng bestraft, wenn sie bei ihren nächtlichen Gängen nicht eine bestimmte Anzahl von Männern ins Haus bringt. Und sie kann sich keinen Heller von dem Geld aneignen, das sie bekommt." Bordelle sind in England verboten, doch der Nachweis ihrer Exis- tenz ist schwer zu erbringen. Ihre Besucher hält die Schande zurück, vor Gericht Zeugnis abzulegen, und die Polizei kann sich zu den Häusern nur Zutritt verschaffen, wenn man dort Ordnungs- widrigkeiten begeht. Die Nachbarn können sie nur von den Amtsträgern der Pfarreien schließen lassen, mit der Begründung, sie störten die Ruhe im Viertel. Im übrigen ist das gesetzliche Verbot unsinnig. Denn da die Prostitution ein zwangsläufiges Ergebnis der Organisation der europäischen Gesellschaften ist, müssen die Regierungen jetzt danach trachten, die Wirkungen der sie hervorrufenden Gründe abzuschwächen sowie ihre Nutznießung zu regeln. In den Berichten von 1837 und 1838 legt das Komitee der Gesellschaft auch Rechenschaft ab über die Verfolgungs- maßnahmen, die es gegen die Betreiber der Bordelle und Personen, die Kinder mißbraucht haben, in Gang gebracht hat. Doch die wegen Führens solcher Häuser und wegen Entführung und Mißbrauchs von Kindern zwischen zehn und fünfzehn Jahren verhängten Strafen übersteigen selten ein Jahr Gefängnis, zumeist bewegen sie sich zwischen einem und sechs Monaten. Es kommt sogar vor, daß die Angeklagten freigesprochen werden, weil die bei ihnen aufgefundenen Kinder beiderlei Geschlechts von zehn bis fünfzehn Jahren eingewilligt hätten, dorthin zu gehen oder dort zu bleiben. Von solcher Art ist die Gesetzgebung, die die Familien des Proletariats schützen soll. Die Kinder der Reichen befinden sich ständig unter den Augen ihrer Aufsichtspersonen und sind folglich solchen Verführungen wenig ausgesetzt. Der Sittenverfall ist so verbreitet, und der Preis, der für die Kinder bezahlt wird, so hoch, daß es keinerlei List gibt, auf die nicht

zurückgegriffen würde, um sich welche zu beschaffen. Im Jahre 1838 lenkte das Komitee der Gesellschaft die Aufmerksamkeit der Kräfte des Patriotismus, der Tugend, der Religion und der Menschlichkeit „auf die schamlosen Bemühungen, die laufend unternommen werden, um den sexuellen Mißbrauch mit neuen Opfern zu fördern. Man kann kaum durch eine Straße gehen, ohne dabei auf ein Haus dieses schändlichen Gewerbes zu treffen. Zahlreiche Agenten werden eingesetzt, um unschuldige, unerfahrene Kinder auf tausenderlei Arten einzufangen und die Vororte, die Warenhäuser, die Parks, die Theater liefern ihnen immerzu neue Beute." Es fügt hinzu, „das Komitee verfüge über Beweise, die zeigen, daß die Betreiber von Bordellen und ihre Agenten auch die Gewohnheit haben, sich an die Arbeitshäuser und Strafanstalten zu wenden und sie von ihnen häufig Mädchen erhalten." (Your committee have authority for stating that the keepers of brothels, and procurers, are frequently in the habit of obtaining females from the workhouses and penitentiaries.)* Trotz der scheinheiligen Maske, die die Individuen der Ober- klassen mit dem Ziel, den Fanatismus im Volk zu erhalten, weiterhin tragen, waren sie nur wenig geneigt, die Bemühungen der Gesellschaft zur Verhinderung der Kinderprostitution zu unter- stützen; hingegen befleißigt sich die Gesellschaft zur Bekämpfung des Lasters, die seit siebenunddreißig Jahren besteht, nur damit, Menschen zu verfolgen, die den Sonntag nicht beachten, obszöne Veröffentlichungen verkaufen oder die Zukunft wahrsagen. Diese Gesellschaft erhält ständig und von überall her Hilfe und Unter- stützung, weil man während der Predigten der Pfarrer am Sonntag gut schlafen, auf die Bilder von Arétin verzichten und seine Laster beibehalten kann; außerdem erwirbt man sich durch den Beitritt zu einer Gesellschaft, die für sich in Anspruch nimmt, auf die Bekämpfung des Lasters hinzuarbeiten, den Ruf, tugendhaft zu sein, auf den der englische Macainsmus 57 sehr viel Wert legt.

* Prostitution in London, S. 146.

Das Komitee der Gesellschaft zur Verhütung der Kinderprostitution erklärte im Mai 1838: „Während die Mitglieder des Komitees die begonnenen Tätigkeiten weiterführten, hatten sie gegen Hinder- nisse nicht alltäglicher Art zu kämpfen. Diese Hindernisse stammen von der nahezu allgemeinen Apathie und Gleichgültig- keit gegenüber den Zielen der Gesellschaft. Die Mitglieder des Komitees wurden bei ihren Gängen vom Hohngelächter und der Geringschätzung einer profanen und unmoralischen Welt, von den Tadeln und Mißbilligungen derer, die meinen, die Ausschweifung sei für das Wohlergehen der Gesellschaft notwendig und von der herablassenden Geringschätzung und Sorglosigkeit der geist- lichen Herren empfangen. Nirgends haben sie Hilfe und Ermutig- ung gefunden. Aber inmitten der frevelhaften Abfuhren der Masse, den Sticheleien und dem Gelächter aller haben sie den Mut gefunden, weiterzumachen, getragen vom Bewußtsein der Bedeutung der Ziele, die sie verwirklichen wollen und von den Sympathien und der liebevollen Aufmerksamkeit der einge- tragenen Mitglieder." Der Sittenverfall der Engländer erzeugt nichts Hassenswerteres als diese Ungeheuer beiderlei Geschlechts, die England und das kontinentale Europa durchstreifen, um Kinder einzufangen und dann nach London zurückkehren, um an die tugendhafte Aristo- kratie, an die Emporkömmlinge des Handels, die Kinder zu verkaufen, die sie der Liebe ihrer Eltern entrissen haben, indem sie mittels himmelschreiender Lügen in ihnen trügerische Hoff- nungen geweckt oder derer sie sich heimlich mit Fallen bemächtigt haben. Einige der Agenten verkehren mit den achtenswertesten Klassen der englischen Gesellschaft. Sie sind mit den Sklaven- bazaren des West End verbunden und werden oft in die Städte und Dörfer des Kontinents, nach Holland, Belgien, Frankreich und Italien ausgeschickt. Sie schließen einen Vertrag mit den Eltern und werben Mädchen als Stickerinnen, Modistinnen, Näherinnen, Musikantinnen, Gesellschafterinnen, Hausangestellte usw. an, um

Verdachtsmomente zu zerstreuen. Manchmal strecken sie den Eltern sogar einen Teil des Lohnes vor. Wenn sie sich eine bestimmte Anzahl Mädchen verschafft haben, kehren sie nach London zurück.* Das Komitee der Gesellschaft zur Verhinderung der Kinder- prostitution strengte 1837 eine Strafverfolgung gegen eine Französin namens Marie Aubray an, die so gezwungen wurde, ihr schändliches Geschäft aufzugeben und sich nach Frankreich abzusetzen, um einigen Monaten Gefängnis zu entgehen. „Ihr Haus stand am Seymour Place, Bryanstone Square. Dieses Etablissement hatte einen großen Namen in der noblen Welt: Es wurde von einigen der vornehmsten Ausländer und der bedeutenden Leute des West End besucht. Eingerichtet war es mit einem Luxus, der es durchaus mit dem der reichsten und adligen Familien aufnehmen konnte. Das Haus hatte zwölf oder vierzehn Zimmer, die für die Hauswirtschaft genützten nicht eingerechnet. Jedes dieser Zimmer war außerordentlich geschmackvoll und nach der neuesten Mode möbliert. Das sehr geräumige Empfangszimmer war elegant ausgestattet. Eine Fülle von Bildern, unter denen sich Gemälde von großem Wert befanden, schmückte die Wände. Kurz, die Einrichtung des Hauses war überaus wertvoll. Marie Aubray besaß für die hohen Persönlichkeiten, die sie empfing, ein Service aus Silber und Silberbesteck von erlesenem Geschmack. Als die Strafverfolgung gegen sie begann, waren zwischen zwölf und vierzehn Mädchen aus Frankreich und Italien bei ihr. Marie Aubray hatte einen mit ihrem Etablissement verbundenen Arzt, der in der Nachbarschaft wohnte und den sie auch als ihren Agenten einsetzte. Sie schickte ihn häufig nach Frankreich und Italien und wenn er in London weilte, besuchte er die Dörfer der Umgebung, um sich Mädchen zu verschaffen. Marie Aubray wohnte mehrere Jahre in diesem Haus, wo sie ein beträchtliches Vermögen anhäufte. Nach ihrer

* Prostitution in London, S. 181.

Abreise wurde das Personal vor die Tür gesetzt; das Mobilar ließ sie verkaufen. Jedesmal, wenn sie eine neue Lieferung von Mädchen erhielt, versandte sie ein Rundschreiben an die Herren, die ihr Etablissement regelmäßig besuchten. Derzeit gibt es in der Hauptstadt zahlreiche junge Frauen aus Frankreich, Italien und anderen Teilen des Kontinents. Viele von ihnen sind von Marie Aubray und ihren verrufenen Agenten ihren Familien entführt und auf den Pfad der Sünde gebracht worden. Das Komitee kennt eine beträchtliche Anzahl dieser Spezies im West End, deren Zirkular sich in ihrem Besitz befindet. Im großen und ganzen verfahren sie nach demselben Schema wie Marie Aubray und mittels der Adressen, die ihnen der Führer des Hofes ausweist, versenden sie die Annoncen ihrer Etablissements unterschiedslos an alle {nobility and gentry). Das Komitee möchte dieser Versammlung gerne die von den Agenten dieser Häuser angewandten Methoden erklären. Sobald sie in die Städte des Kontinents kommen, erkundigen sie sich nach Familien, in denen sich Mädchen finden, die man in solider Stellung unterzubringen sucht, führen sich dann in diese Familien ein und bringen die Eltern mit leeren Versprechungen dazu, einzuwilligen, daß ihre Kinder nach London mitkommen, wo sie laut Vereinbarung als Stickerinnen, Modistinnen, Floristinnen oder in einem anderen Frauenberuf dieser Art untergebracht werden sollen. Den Eltern hinterläßt man einen Geldbetrag als Garantie für die Erfüllung der Verpflichtungen. Manchmal wird sogar vertraglich festgelegt, daß alle drei Monate ein bestimmter Teil der Löhne ihrer Kinder geschickt werden soll. Und solange sie im Etablissement bleiben, das sie heranschaffen hat lassen, wird der versprochene Teil des Lohns den Eltern pünktlich überwiesen, die so ganz ahnungslos Gelder aus der Prostitution ihrer Kinder erhalten. Wenn sie dann das Haus verlassen, schreibt man den Eltern Briefe, die sie darüber informieren, daß die Tochter ihre Herrin verlassen hat. Infolgedessen hören die Geldüberweisungen auf, doch man versäumt nicht, ihnen mitzuteilen, daß man zum

Glück für das Kind eine andere, nicht weniger solide Position habe finden können und daß es ihm sehr gut gehe."* Die tiefsitzende Verdorbenheit der reichen Klassen und die hohen Preise, die sie bezahlen, schützen und fördern diesen schänd- lichen Handel. Herr Talbot sagt, in den Serails des West End würden für Sklavinnen neuen Imports zwischen 20 und 100 Pfund Sterling bezahlt. Wenn man an den Luxus dieser Häuser, an ihre enormen Ausgaben und an die Reisekosten ihrer Agenten denkt, wird man begreifen, daß dieser Preis nicht zu hoch angesetzt sein dürfte. Wenn die später allen Stammgästen bekannten Mädchen deren Begierden nicht mehr erregen, gibt man sie an ein zweit- rangiges Etablissement weiter und nach Ablauf eines Jahres oder von achtzehn Monaten sterben die Unglücklichen in einem Krankenhaus oder werden auf der Straße sich selbst überlassen. Der Verbrauch an Kindern ist so beträchtlich, daß überall Fallen aufgestellt sind, welche zu fangen oder eine Unaufmerksamkeit der Aufsichtspersonen abzupassen. Nach Herrn Ryan lauern Frauen an den Schaltern der öffentlichen Wagen den Mädchen, die nach London kommen, um eine Stelle anzunehmen, auf und bieten ihnen eine Wohnung an. Sie finden sich unter einem Vorwand, Dienstmädchen dingen zu wollen, in den Arbeits- oder Armenhäusern ein und erreichen oft, daß man ihnen Kinder anvertraut. Jene Frauen sind gut gekleidet und imponieren durch ihr Benehmen. In den Warenhäusern knüpfen sie mit den Ladenmädchen Gespräche an, gehen regelmäßig in die Modege- schäfte und die Werkstätten der Frauen und locken mit tausenderlei Listen die jungen Lehrmädchen an. Ihre Auftraggeber schicken sie auf Reisen; auf der Suche nach Beute entfernen sie sich bis zu achtzig Meilen von London. Laut Herrn Talbot „ist es eine von diesen schändlichen Häusern angewandte Methode, um die häufigen Lücken, die Tod und Krankheit reißen, aufzufüllen und dem Anstieg der Nachfrage

* Prostitution in London, S. 153.

gerecht zu werden, die Straßen von jungen, achtzehnjährigen Mädchen durchstreifen zu lassen, die dann die Kinder, denen sie begegnen, betören. Sie schlagen ihnen vor, mitzukommen, um einen Verwandten zu besuchen, einen schönen Spaziergang zu machen, einem sehenswerten Ereignis beizuwohnen, sie laden sie ins Theater ein oder bieten ihnen eine gute Stelle an. Sie üben dieses Gewerbe sowohl am hellichten Tag wie in der Nacht aus und greifen auf die raffiniertesten Listen zurück, um die Kinder dazu zu bewegen, ihnen zu folgen. Der Sonntag ist jener Tag, den diese Niederträchtigen besonders gerne wählen. Sie lauern den Kindern am Ausgang der Sonntagsschulen auf und locken sie in ihre Höhle. Ich glaube sogar behaupten zu können, daß Kinder in der Schule vor den Augen ihrer Lehrer und ihrer Kameraden, die keine Ahnung hatten, daß ein so entsetzliches falsches Spiel getrieben wurde, entführt worden sind! Sobald man im Besitz der Kinder ist, werden sie verkauft; ihr Untergang wird oft von einigen dieser alten weißhaarigen Wüstlinge bewirkt, die Unsummen dafür ausgeben."* Herr Talbot berichtet von zahlreichen ihm zur Kennt- nis gelangten Tatbeständen der Vergewaltigung von zehn oder elfjährigen Mädchen in diesen verrufenen Häusern. Die Ver- brechen werden gewohnheitsmäßig begangen und so wenig geahndet, daß die Herren dieser Etablissements mit Fuhrleuten Verträge abschließen, wonach ihnen jene für so und soviel pro Kopf Kinder von zehn bis vierzehn Jahren zuführen, die sie unter verschiedensten Vorwänden verleitet haben, nach London mitzu- kommen. Häufig waren solche Fuhrleute wegen Verbrechen dieser Art vor die Magistrate der Polizei gebracht worden. Aber wegen der Unzulänglichkeit des Gesetzes werden sie, wenn überhaupt, nur leicht bestraft. „Aus den Zeugenaussagen, die in meinem Besitz sind", sagt Herr Talbot, „ergibt sich, daß eine große Zahl von Herren verrufener Häuser auch Jünglinge anlocken. Das kommt dauernd vor, und ich

* Prostitution in London, S. 182.

glaube richtig zu liegen, wenn ich schätze, daß von fünftausend Etablissements zweitausend auch die Ausschweifung mit Jünglingen fördern Sunt lupinaria nunc inter nos, in quibus utunturpueri velpuettae!!!* Herr Talbot bezeichnete mir die Örtlichkeiten. Doch ich konnte mir nicht erlauben, sie in der Schrift aufzuführen. „Die Kinder beiderlei Geschlechts, die sich in diesen schändlichen und schrecklichen Höhlen befinden, wurden größtenteils einge- fangen, als sie in den Schaufenstern der Läden unanständige Bilder betrachteten. Man gibt bis zu 10 Pfund aus, um sich eines Jünglings zu bemächtigen."** Da sich die Polizei in kein Haus Zutritt verschaffen kann, es sei denn, Geschrei und Lärm führen draußen zu Tumulten, ist es logisch, daß mit Ausnahme der Etablissements, die daran interessiert sind, ihren Ruf in der vornehmen Welt zu begründen, das Betreten der meisten dieser Häuser gefährlich ist. Sie bieten allen möglichen Gaunern und Dieben Unterschlupf. Die Betreiber

* Prostitution in London, S. 199. Ich zitiere die lateinischen Worte des Doktor Ryan, die er anstandshalber nicht übersetzt hat. 58 **Als Beweis zur Untermauerung des Zitats von Doktor Ryan füge ich für meine Leser einen Auszug aus dem Calcutta Courier vom Februar 1841 an. Er beweist, daß die Engländer ihre Verdorbenheit überall dorthin tragen, wo sie sich niederlassen. „Nach den Beschreibungen, die der Calcutta Courier liefert und die das Anti-Slavery Journal nachgedruckt hat, gibt es in Britisch-Indien, und namentlich in Calcutta, einen schändlichen Handel, wie man ihn selbst in den verdorbensten Epochen des Römischen Reiches kaum kannte. Und dieser Handel, den die englischen Behörden dulden, wie sie die Sklaverei dulden, wird mit jungen Kindern beiderlei Geschlechts getrieben. Weit davon entfernt, zurückzugehen, nimmt er immer weiter zu: Heutzu- tage findet er in großem Maßstab statt. Man kauft und verkauft (um die Prostitution zu nähren) nicht nur kleine Kinder aus indischen Familien, sondern sogar christliche

Kinder beiderlei Geschlechts

und dem Zustand der Gesellschaft, den sie anklagen, halten?" Sind die Engländer, die im Namen der Moral und der Menschlichkeit auf dieser Seite des Globus die Abschaffung der Sklaverei betreiben, bei sich aber eine derartige Ordnung weiter- bestehen lassen, wirklich aufrichtig oder gar konsequent?

Was soll man von diesen abscheulichen Praktiken

werden häufig wegen Streitereien, Tumulten oder unter der Anklage des Diebstahls dem Magistrat vorgeführt. Häufig kommen die Diebe in diese Höhlen, um sich zu verstecken und die durch Raub und Diebstahl erworbene Beute zu teilen. Die Betreiber versetzen die gestohlenen Gegenstände und kommen den Dieben immer zu Hilfe, wenn sie verhaftet werden. Sie leisten auch Geldzahlungen, um die Rechtssprechung zu beeinflussen, und oft gelingt es ihnen auch, einen Freispruch zu erreichen. Die Prostituierten haben fast alle Industrielle als Zuhälter, die in diesen Häusern verkehren. Sie verbringen die Nacht dort und sind auf das geringste Zeichen hin bereit, sich auf die Opfer zu stürzen, um sie auszurauben oder zu ermorden.* Doktor Ryan spricht von einem Londoner Viertel, Fleet Ditch genannt, dessen Häuser fast alle entsetzliche Schlupfwinkel sind. Ein großer Abwasserkanal verläuft hier und entlädt sich weit draußen in die Themse. Die Mörder und Banditen aller Art, die diese Häuser bewohnen, werfen die Leichen ihrer Opfer in diesen Abwasserkanal, ohne die geringste Gefahr zu laufen, entdeckt zu werden. Man hat mir versichert, fügt Doktor Ryan hinzu, daß zwei sehr einflußreiche Personen in der Londoner City, die in der Umgebung dieses Viertels zwei Häuser besitzen, von denen einjedes im Jahr kaum 30 Pfund Sterling Mietwert hat, diese als verrufene Häuser der letzten Kategorie für 2 Pfund Sterling pro Woche vermieten und die Einkünfte aus solchen Häusern am Ort pro Jahr zwischen 100 und 500 Pfund Sterling schwanken, ohne die für die Zustimmung des Eigentümers zu einem Etablissement der ersten Kategorie geforderte Eingangsprämie von 100 bis 300 Pfund Sterling zu rechnen. Doktor Ryan erzählt die Geschichte zweier Gentlemen, die sich hatten verleiten lassen, die Nacht in einem, an einem verruchten square gelegenen, verrufenen Haus zu verbringen und die am Morgen einen harten Kampf gegen die Zuhälter ihrer Sirenen zu bestehen hatten.*

* Prostitution in London, S. 176, 192, 177.

Unabhängig von den in allen Straßen Londons zu findenden verrufenen Häusern, in die die Prostituierten die von der Straße aufgegabelten Männer führen, gibt es in bestimmten Vierteln von Hehlern geführte lodging-houses (Herbergen), in denen sich Diebe aller Art verkriechen. Mehrere dieser Häuser enthalten bis zu fünfzig Betten, die von Personen beiderlei Geschlechts belegt werden. In einigen dieser Häuser werden nur Jünglinge aufge- nommen, damit sie nicht von Stärkeren mißhandelt werden. Da diese Kinder keinem Dieb an Geschicklichkeit, an Geistesgegen- wart und Berufskenntnis nachstehen, möchte der Quartiergeber, der aus allen ihren Diebstählen Nutzen zieht, keine Männer zulassen, von denen die Kinder vielleicht gestohlen würden. Frauen aber sind dort nicht ausgeschlossen, oder, um genauer zu sein, Mädchen zwischen zehn und fünfzehn Jahren, denn es ist selten, daß die Gefährtin eines Diebes das Frauenalter erreicht.

Die Mädchen werden als Geliebte der jungen Burschen, die sie mitbringen, eingelassen. Die Ausschweifungen, die sich in diesen Höhlen ereignen, sind unbeschreiblich, so Doktor Ryan, und man würde sie sowieso nicht glauben, wenn man sie beschriebe!* Fast alle ins Gefängnis geschickten Knaben zwischen zwölf und fünfzehn Jahren hatten zu Prostituierten Beziehungen gehabt und werden täglich von ihren Geliebten besucht, die sich als ihre Schwestern ausgeben. Herr Talbot schätzt, daß es in London 13 bis 14 000 junge Prostituierte zwischen zehn und dreizehn Jahren gibt, die laufend ersetzt werden. Er sagt, daß das Guy's Hospital 59 im Zeitraum von acht Jahren 2 700 Geschlechtskranke von zehn bis fünfzehn Jahren aufgenommen hat und eine viel größere Zahl von Kindern aus Platzmangel nicht aufgenommen werden konnte und daher abgewiesen worden war. Er habe ihrer, so fügt er hinzu, bis zu dreißig am Tag gesehen, die von einem Kranken- haus heimgeschickt wurden, obgleich sie in einem so fürchter

lichen Zustand waren, daß sie kaum gehen konnten

Doktor

* Prostitution in London, S. 201.

Ryan sagt auch, täglich würde an das Metropolitan Free Hospital eine große Zahl Anträge von von syphilitischen Erkrankungen heimgesuchten Mädchen zwischen zwölf und fünfzehn Jahren gerichtet.* Ich bin, fährt der Doktor fort, oft über die große Zahl der Kinder schockiert gewesen, die sich in den Hospizen und anderen Häusern öffentlicher Fürsorge, wo ich als Arzt aushalf, einfanden, um sich wegen ihrer Geschlechtskrankheiten beraten zu lassen.** In London gibt es fünf Einrichtungen, um den Prostituierten, die ihren fürchterlichen Lebensweg verlassen wollen, zu helfen.*** Doch die Bemühungen dieser Gesellschaften werden im allge- meinen zu schlecht gelenkt und ihre Mittel sind zu beschränkt, als daß sie viel Gutes bewirken könnten. Die Gesamtzahl der Prostituierten, denen die fünf Heime jährlich Zuflucht bieten, übersteigt nicht fünfhundert. Fünf Gesellschaften leisten gerade mal fünfhundert dieser Unglücklichen Hilfe und verschaffen ihnen

* Prostitution in London, S. 185. ** Prostitution in London, S. 186. *** The Magdalen (1758), The London Female Penitentiary (1807); The Guardian Society (1812); The Maritime Penitent Refuge (1829); The London Society for the

Prevention of Juvenile Prostitution (1835). Was die 1802 gegründete Gesellschaft zur Bekämpfung des Lasters anbelangt, sie steht sie für fünf Ziele und zwar:

1. der Entweihung des Sonntags zu wehren;

2. die gotteslästerlichen Veröffentlichungen zu verfolgen;

3. den obszönen Büchern und Bildern nachzustellen;

4. die unsittlichen Häuser aufzuspüren;

5. die Wahrsager zu verfolgen.

Die Haupttätigkeit der Gesellschaft besteht darin, dem Sonntagsgebot Achtung zu verschaffen. Dem Denken der Gesellschaft zufolge äußert sich die Religion des Volkes im Müßigang des siebten Tages und im regelmäßigen Kneipenbesuch. Manchmal spürt sie auch obszönen Büchern und Bildern nach; dies ist in Wahrheit die einzig sinnvolle Tätigkeit, mit der sie sich abgibt. Die Entführung von acht bis zehntausend jährlich den Lastern des Reichtums geopferten Kindern erregt ihre Aufmerksamkeit auf keine Weise. Diese Gesellschaft steht beim Adel und der

anglikanischen Kirche in hoher Gunst. Wenn sie nun die Wahrsager nicht mehr verfolgt, dann deswegen, weil diese inzwischen vor dem Klerus Gnade gefunden haben.

Arbeit! Die einzige Gesellschaft, die den Sittenverfall an der Quelle angeht, ist diejenige zur Verhinderung der Kinderprostitution. Diese Gesellschaft bedient sich tatkräftig der bestehenden Ge- setze. Aber mit ihrem ganzen Eifer kann sie, sowohl aufgrund der ungenügenden Unterstützung, die sie erhält, als auch der Gesetz- gebung, das Verbrechen nur wenig behindern. So wird der Betreiber eines verrufenen Hauses, der Kinder von zehn bis fünfzehn Jahren gefangen und entführt hat, um sie der Sittenlosig- keit zu verkaufen, mit einer Gefängnisstrafe von acht bis zehn Tagen davonkommen, ja vielleicht gar von der gegen ihn erhobenen Anklage freigesprochen, während eine Frau aus dem Volke oder jegliche andere Person, die auf dem Gehsteig Obst oder sonst etwas verkauft, verhaftet und mit einer Gefängnisstrafe von dreißig Tagen bestraft wird! Gleichwohl ist selbst die Einkerkerung des Bordellbetreibers für ein paar Tage eine leichte Strafe für ihn, denn er hat sowieso jegliches Schamgefühl ver- loren. Seine Kumpane haben deswegen nicht weniger Hochacht- ung für ihn. Im Gegenteil, er findet bei ihnen Anteilnahme: Sie verwenden sich für ihn, um eine Verkürzung der Haftzeit zu erreichen und leisten ihm Gesellschaft, um seine Langeweile zu mildern, während für die tugendhaften Mädchen (die sich nur einer Ordnungswidrigkeit schuldig gemacht haben) dreißig Tage Gefängnis fast unausweichlich den völligen Ruin bedeuten. Aber was gilt schon das Kind des Proletariers, seine Frau oder Tochter! Die Ladenbesitzer haben ein Interesse, daß auf öffentlichen Wegen nicht verkauft wird. Die Ladenbesitzer und Bordellbetreiber haben politische Rechte, sind Wähler und Geschworene. Der Proletarier, seine Frau und Kinder fallen fast immer den Pfarreien zur Last. Es paßt offenbar ins System von Malthus zur Vermin- derung der Bevölkerung, 60 daß jährlich acht bis zehntausend Kinder durch die Unzucht der Reichen vernutzt werden und unter diesem Gesichtspunkt ist der Bordellbetreiber ein geachteter Mann, ein nützlicher Mann für das Land!

9. Gefängnisse

Bei den Engländern ist die Gefängnisstrafe keine Besserungstrafe. Sie ist ganz einfach eine repressive Strafe, die das Ziel verfolgt, dem Schuldigen die Buße aufzuerlegen, die er verdient hat: Die Buße soll ihm selbst eine strenge Lehre sein und eine Warnung für die, die versucht sein könnten, ihn nachzuahmen. Moreau-Christophe, Rapport sur les prisons d'Angleterre

Die gigantische Entwicklung des Elends und des Luxus rufen in ganz Europa eine solche Zunahme der Verbrechen hervor, daß die Konsequenzen dieser Verhältnisse Schreck einzujagen be- ginnen.* Die Regierungen mußten schließlich anerkennen, daß die Gefängnisse bislang Schulen gewesen sind, aus denen das Verbrechen eine verhängnisvolle Energie bezog. Seit mehreren Jahren erfolgten zahlreiche Untersuchungen und in mehreren Ländern wurden Experimente durchgeführt, um dem sich immer weiter ausbreitenden Übel beizukommen. Das ist wahrscheinlich

* Man schätzt den Schaden aus den in England begangenen und nicht bestraften

Diebstählen auf 700 000 Pfund Sterling (17 Mio. Fr.) im Jahr. Und dabei ist der Warrant Act ein Gesetz gegen Verdächtige, das es in das freie Ermessen der örtlichen Behörden stellt, „jedes als Dieb geltende oder beim Aufsuchen jedes Flusses, Kanals, schiffbaren Gewässers, Docks oder Hafenbeckens oder jedes dort angrenzenden Kais oder Speichers, oder jeder dorthin führenden Straße, Zufahrt oder Avenue oder jedes dazugehörenden öffentlichen Platzes oder Ortes in der Absicht, ein schweres Verbrechen zu begehen, angetroffene Individuum" zu verhaften. Und die Kommissare berichten, daß eine große Anzahl von Bürgermeistern kraft dieses Gesetzes einen allgemeinen Rauswurf (a sweep) aller schlecht beleumundeten Personen ihrer Gemeinden durchführen, die sie am Vorabend von Jahrmärkten, Festen oder Pferderennen hinter Schloß und Riegel setzen und sie dann, wenn das Fest vorüber ist, wieder freilassen. Fragt man einen von ihnen, welches Gesetz sie berechtige, so vorzugehen, erhält man die Antwort: „Ich nehme alles auf meine Kappe." (Moreau-Christophe, Rapport

sur les prisons d'Angleterre).

ganz gut, aber nicht alles. Bald wird man zur Überzeugung gelangen, daß es nicht genügt, um dem Fortschritt des Verbrechens Einhalt zu gebieten, Strafanstalten einzurichten, wo man durch Belehrung und strenge Ordnung versucht, die Schuldigen zu bekehren und daß man mit diesem Mittel Verbesserungen in der Gesellschaft nur insoweit bewirken kann, als andere Einrichtungen hinzukommen und das Strafvollzugs- system ergänzen. Wenn in der Tat die Ursachen, die die Kriminellen erst hervor- bringen, keineswegs nach und nach an Vehemenz einbüßen, sondern sich tagtäglich mehr entwickeln, welche Gewähr gegen Rückfälle böte dann das Erlernen eines Berufes? Welch heilsamen Schrecken würden die Stille und der Kerker einjagen? Wenn der Strafentlassene nicht von seinem Beruf leben kann und auf Schritt und Tritt verbrecherischen Handlungen begegnet, wird er ohne zu zögern rückfällig werden. Welches wäre die Nation in Europa, die bei den gegenwärtigen Zuständen hinreichend Geld- mittel zur Verfügung hätte, die Strafanstalten zu unterhalten, die eine wachsende Zahl von Schuldigen bald erforderlich machen wird? Erkennt man nicht, daß die Regierungen, wenn sie auf ihren Privilegien, ihren Handelsbeschränkungen, ihren Steuern auf die Arbeiter und den immensen unproduktiven Ausgaben beharren, sie bald Massendeportationen durchführen, an jedem Ort Schafotte aufstellen und die Hälfte der Bevölkerung bewaffnen werden müssen, um die andere Hälfte niederzukartätschen, wenn sie kommt und nach Brot verlangt? Das große Elend, so wie man es in Irland und England antrifft, führt mit Notwendigkeit zu Aufruhr und Revolution. Doch der Hunger ist nicht die einzige Triebkraft der Angriffe gegen das Eigentum. Da man in unseren Gesellschaften alle Leidenschaften mit Geld befriedigt, da es keinerlei Hindernisse oder Widerstände gibt, die vom Geld nicht überwunden werden, da es sich an die Stelle des Talents, der Ehre und der Rechtschaffenheit setzt und da man mit Geld schließlich alles erreicht, schreckt man vor nichts

zurück, um sich welches zu beschaffen. Keiner ist mit seiner Position zufrieden, alle streben danach, aufzusteigen; und wer könnte die Niederträchtigkeiten aufzählen, die dies allgemeine Streben verüben läßt? Was die Morde, Vergiftungen, Kindstötungen anbelangt, so weiß man, daß die Unauflöslichkeit der Ehe den Dolch oder das Gift in die Hände der Eheleute legt. Man weiß auch, daß die fanatischen und barbarischen Vorurteile, die eine ledige Mutter verfolgen, sie manchmal kriminell werden lassen. Schließlich sehen sich die Frauen, weil man sie von allen Berufen ausschließt, wenn ihre Kinder keinen Vater haben, der ihnen Brot gibt, vor die Wahl gestellt, das Kind zu töten, sich zu prostituieren oder zu stehlen. Gesetzgeber, Staatsmänner und Ihr alle, denen Gott das Schick- sal der Völker anvertraut hat - beschäftigt Euch doch zuallererst damit, die Ursachen der Verbrechen aufzuheben und versucht zu verhindern, daß es Schuldige gibt, bevor Ihr Euch daran macht, die Schuldigen zu bekehren. Eine Mutter bestraft ihr Kind nicht, weil es ins Feuer gefallen ist. Ihre Fürsorglichkeit sieht die Gefahr voraus; sie umgibt den Herd mit einem Gatter und beseitigt in mütterlicher Voraussicht jede Gefahr. Über die englischen Gefängnisse hatte ich widersprüchliche Versionen verlauten gehört; und das Interesse, das die soziale Frage in mir weckt, fand sich verstärkt durch den Wunsch, meine Zweifel über den Zustand, in den England geraten ist, zu erhellen. Da aber der Ausländer in London, wenn er nicht den Vorteil hat, Herzog, Marquis oder Baron zu sein und in einem der ersten Hotels der Stadt zu wohnen, größte Schwierigkeiten hat, die gewöhnlichsten Einrichtungen zu besuchen, erhielt ich erst nach vielen Amtsgängen und wiederholten Eingaben eine Erlaubnis für Newgate, Coldbath Fields und Penitentiary. Außer diesen drei Gefängnissen gibt es noch acht andere, in die die nationale Eitelkeit aber keinen fremden Blick eindringen läßt, wegen - wie man mir versicherte -ihrer elenden Erscheinung, ihrer schlechten inneren Einteilung und schließlich

wegen der Mißbräuche aller Art und dem Durcheinander, die in diesen Kloaken der englischen Zivilisation herrschen.* Newgate6 2 bietet einen ganz düsteren Anblick.** Ah, genauso malt sich die Phantasie das Gefängnis zu Zeiten der Barbarei aus. Es ist ein großes, viereckiges Bauwerk und bildet das Eckstück des Platzes. Die Quader haben gewaltige Ausmaße und sind von schwarzgrauer Farbe; ihre gemeiselte Musterung imitiert das Fell des Tigers. Sie verleihen diesem Gebäude eine düsterere Färb- ung, als sie irgendein Monument Londons aufweist, und hinterlassen einen schrecklichen Eindruck. Einige mit großen

* „Die durchschnittliche Zahl der Einsitzenden des Gefängnisses Giltspur Street

Compter beträgt 150 Häftlinge am Tag und 5 300 im Jahr. Es gibt ein weiteres Gefängnis in London (Mill Lane-Toolay Street), das auch als Untersuchungsgefängnis für die in der Ortschaft Southwark verhafteten Personen dient. Dieses Gefängnis ist der Leitung des lord-mayor (Bürgermeisters) und der Kammer der aldermen der Stadt London und der Oberaufsicht des obersten bailiff von Southwark unterstellt. Es heißt Borough Compter. Die mittlere Zahl der Einsitzenden beträgt 50 am Tag; pro Jahr sind es etwa 1 500. Die Zusammenlegung von Häftlingen unterschiedlicher Kategorien, die unvollkommene Trennung der Geschlechter, die Erpressung der Neuankömmlinge, die Anzahl und fast beständige Gegenwart von Besuchern, größtenteils Diebe und Prostituierte, die Trunksucht, die darauf zurückzuführen ist, daß die Häftlinge sich ohne weiteres Spirituosen verschaffen können, die Entehrung des heiligen Sonntags usw. - dies sind nach Meinung der Inspektoren die hauptsächlichen Mißbräuche des Reglements dieses Gefängnisses und desjenigen von Giltspur Street Compter. Die Aussage der Inspek- toren scheint mir nicht übertrieben. Die durchschnittliche Zahl der Einsitzenden des Gefängnis Clerkenwell beträgt 150 am Tag und 6 000 im Jahr, Männer und Frauen. Die Fehler dieses Gefängnisses sind dieselben wie in Giltspur Street und Borough Compter." (Moreau-Christophe,

op. cit.) ** „Beim Bau des alten Newgate scheint man sich das Ziel gesetzt zu haben, es den Gefangenen unmöglich zu machen, zu entfliehen. ( ) Selbst Gefangene, die während der Urteilsverkündung Gefaßtheit und Unerschrockenheit zur Schau stellten und die gleichgültig schienen, als man ihnen den Urteilsspruch verkündete, sollen von Entsetzen gepackt worden sein und Tränen vergossen haben, als sie diese dunkle und einsame Bleibe betraten." (Der Zustand der Gefängnisse und Zuchthäuser, von John Howard. 63 )

Eisenstangen versehene Fenster heben sich kaum vom Mauer- werk ab und verlieren sich in der Dicke des Gemäuers. Die Eingangspforte könnte man als ein Meisterwerk für Kerker anführen; die Menge des bei ihrem Bau verwandten Eisens grenzt ans Wunderbare. Gerne würde ich sie meinem Leser nennen, damit er Anteil hätte an dem bestürzten Erstaunen, das mich angesichts dieses Tores überwältigt hat! Wenn allein sein Anblick genügt, um dem Besucher Schrecken einzujagen, was muß dann erst der Unglücksrabe, den seine Verbrechen ins Gefängnis führen, empfinden, wenn sich diese Masse Eisen hinter ihm geschlossen hat und er sich im Vorraum des entsetzlichen Kerkers befindet !! Der große Fehler von Newgate ist, daß es ihm an Tageslicht mangelt. Wahrscheinlich wurde dieser Fehler durch die Macht des Rachegedankens, der die Unglücklichen, die die menschliche Rechtsprechung einsperrte, verfolgte, lange Zeit als eine der Moral des Architekten Ehre machende Qualität ange- sehen. Der Eingangsraum ist etwas weniger dunkel als die anderen; trotzdem nimmt man durch die Dunkelheit hindurch nur langsam die Gegenstände war, von denen man umgeben ist - und welch schreckliche Gegenstände. Weshalb läßt man sie dort? In welcher Absicht sucht man die Phantasie des Untersuchungs- häftlings zu Schreckensvisionen anzuregen? Braucht man seine Ängste und seine Ahnungslosigkeit, um ihm Geständnisse abzuringen? Soll er glauben, er 'werde sogleich der Folter aus- gesetzt, weil derartige Erzählungen seines Dorfes ihm im Gedächtnis haften geblieben sind? Oder aber warnt man ihn, sich vor der menschlichen Gerechtigkeit in Acht zu nehmen, die gestern noch zu derartigen Mitteln Zuflucht nahm, um die Wahrheit aufzudecken? Ist es nicht von großer Bedeutung, daß der unglückliche Gesetzesübertreter zu eben diesen Gesetzen wieder Vertrauen fassen kann, damit er erst gar nicht an der Gerechtigkeit der Justizbeamten, die die Gesetze anwenden, zweifelt ? Wollt Ihr ihn in Auflehnung gegen die Gesellschaft halten ? Oder habt ihr die Absicht, ihn zu bekehren? Diese Gegenstände wären in einem

historischen Museum neben einem Heinrich VIII. oder einem Karl IX. 64 am Platz. Im 19. Jahrhundert aber sollte man sie nicht im Eingang eines Gefängnisses antreffen, dieses Arsenal von Newgate! Die Mauern schmücken Haken, an denen die seit seiner Gründung eingesetzten Folterinstrumente aufgehängt sind. Das sind die Jahrbücher des Gefängnisses, die Trophäen, die es ausstellt. Man sieht dicke und massive Eisenhalsbänder, von denen mit Handschellen verbundene Ketten herabhängen, Sägen, um die Glieder zu zersägen, Zangen, um die Knochen zu brechen, Keulen, um sie zu zertrümmern, Hacken, Schwerter, kurz und gut eine vollständige Sammlung der Instrumente, derer man sich beim Foltern bediente. In diesem ersten Raum habe ich mich ganz unwohl gefühlt. Es fehlt dort an Luft, Tageslicht und Platz. Der Gefangene hört den Straßenlärm. Unterhalb des Tores kann er auf dem Platz kleine Sonnenpailleten glänzen sehen. Welch gräßlicher Gegensatz! Die Trauer um die verlorene Freiheit, welch' eine Qual! Aber kaum hat man diese Vorhalle hinter sich gelassen, hört man nichts mehr. Das Raumklima ist kalt, feucht und drückend; man meint, in einen Keller zu kommen. Die Flure sind großenteils sehr eng, ebenso wie die Treppen, die zu den oberen Stockwerken führen. Man zeigte mir zunächst den für die Frauen bestimmten Teil des Hauses. Seit einigen Jahren hat man die Zwecksetzung von Newgate mehrfach geändert. Obwohl es immer noch eine Gefängnisanstalt ist, nimmt es nur noch Untersuchungshäftlinge auf (kein Verurteilter verbüßt dort seine Haft). Durch diese Verwendung entspricht Newgate der Conciergerie von Paris. Darüberhinaus werden in diesem Gefängnis die meisten zum Tode Verurteilten hingerichtet. 65 Der Vorsteher erwies mir die große Gefälligkeit, mich bei meinem Besuch zu begleiten. Er sagte mir, Newgate habe dank der Eingaben der Philantropen, des Einsatzes von der Menschlichkeit ergebenen Personen und ihrer oft vorgetragenen Beschwerden

alle Verbesserungen erhalten, die die örtlichen Gegebenheiten zuließen. Von Herrn Cox am meisten geschätzt wurde die Klassifizierung der Gefangenen, die so lange Zeit unterschiedslos zusammengewürfelt waren. Das Newgate-Gefängnis ist nicht zweckmäßig eingeteilt. Es fehlt an Platz, um dort an den Bau von Zellen zu denken. In jedem Zimmer sind die Betten wie an Bord der Schiffe eingerichtet. Es sind Kisten von zwei Fuß Breite und sechs Fuß Länge, zwei oder drei übereinander und an die Wand angelehnt. In der Mitte des Zimmers steht ein großer Tisch mit Holzbänken rundherum. Die Gefangenen essen, arbeiten, lesen und schreiben an diesem Tisch. Nimmt man die Zimmer aufmerksam in Augenschein, sieht man, daß sie gut instandgehalten und recht sauber sind. Da aber der Steinboden schlecht ist, die Einteilung mangelhaft, da sie dunkel und schlecht belüftet sind, bieten sie einen unangenehmen Anblick. Fast alle Frauen, die ich dort sah, waren unglückliche Geschöpfe der untersten Klassen des Volkes: Prostituierte, Hausangestellte, des Diebstahls angeklagte Mädchen vom Lande. Vier waren unter der Anklage von Verbrechen, die die Todesstrafe nach sich ziehen und von den englischen Rechtsgelehrten unter der Bezeichnung felony eingestuft werden, in Untersuchungshaft. Diese Frauen hatten im allgemeinen einen dümmlichen Gesichts- ausdruck. Ich bemerkte allerdings mehrere unter ihnen, deren schmale und zusammengepreßte Lippen, spitze Nasen, vorspring- ende und leicht gebogene Kinne, besonders aber tiefliegende Augen und wilde Blicke, Charaktereigenschaften von schrecklicher Bosheit erkennen ließen. Unter ihnen sah ich nur eine, die mich lebhaft interessierte. Sie war mit sechs anderen in einen niedrigen, ganz dunklen und sehr feuchten Raum gesperrt. Als wir hereintraten, erhoben sich alle und erwiesen uns die übliche Ehrerbietung mit einem Maß an Unterwürfigkeit, das an Kriecherei heranreicht. Eine einzige unter- ließ das. Sie erwies uns nicht diese Ehrerbietung, die mir peinlich

und lästig war, seitdem ich das Gefängnis betreten hatte. Dieser unabhängige Geist erregte meine Aufmerksamkeit. Man stelle sich eine junge Frau von vierundzwanzig Jahren vor, klein, Wohlgestalt, geschmackvoll angezogen, stehend, hocher- hobenen Kopfes, die den Besuchern das vollkommendste Profil, den schönsten Hals, kleine, wohlgeformte Ohren und saubere und anmutig aufgesteckte Haare präsentierte. Meine Leser hatten mehrfach Gelegenheit, die Wirkung zu erkennen, die Schönheit bei mir erzielt und werden sich leicht einen Begriff machen können vom Eindruck, den der Anblick dieses hübschen Geschöpfes bei mir hinterließ. Meine Augen füllten sich mit Tränen und nur die Gegenwart des Vorstehers hinderte mich, auf diese junge Frau zuzugehen und ihr die Hand zu drücken, damit sie meine Anteilnahme an ihrem Schicksal erkenne und mein Mitgefühl für einige Augenblicke die Folterqualen ihres Herzens beruhige. Die hohen Qualitäten der Seele haben einen Einfluß auf die Schönheit. Selbst die schönste, aber dieses Ausdrucks der Seele bare Frau, die ich an diesem traurigen Ort getroffen hätte, hätte mich ungerührt gelassen. Aber an dieser Schönheit gab es etwas so Großartiges; mit Mut und Stolz ertrug sie den Gipfel des Unglücks; ich wurde von einer Rührung hingerissen, daß ich keinen einzigen Augenblick dachte, sie könnte verdorben sein. Ihre Seele war rein. Ich sah es an ihren Blicken, an der Haltung ihres Kopfes, an ihrer ganzen Person. Nur die Kraft einer Leidenschaft konnte sie hingerissen haben, ein Verbrechen zu begehen. Aber dieses Ebenbild Gottes war sich seiner Würde bewußt und hatte sich nicht erniedrigt. Ich erkundigte mich beim Vorsteher und der Aufsichtsdame, die mit der Überwachung dieses Zimmers betraut war, unter welcher Anklage diese junge Frau nach Newgate geschickt worden sei, nach ihrer sozialen Stellung, ihrem Benehmen im Gefängnis, der Art ihrer Erziehung usw. Der Klang meiner Stimme, der meine Fragen mit all der Anteilnahme, die ich dieser Unglücklichen entgegenbrachte, beseelte, rief die mitfühlende Anteilnahme und

Rührung meiner Gesprächspartner hervor. „Oh, gnädige Frau", sagte die Aufseherin, „diese arme junge Frau ist sehr wohl des Mitleids würdig. Sie ist im sechsten Monat schwanger und hat drei Kinder. Leider! Um ihren Kindern Brot zu geben, hat die Unglückliche einen Diebstahl begangen, der sie hierhergeführt hat. Sie ist mit einem trunksüchtigen Seemann verheiratet, der sie verlassen hat, ohne ihr einen Shilling zurückzulassen. Da sie über keinerlei Einnahmen verfügte, verkaufte sie nach und nach alles, was sie besaß. Aber dann kam der Tag, an dem sie nichts mehr zu verkaufen hatte, doch ihre drei Kinder verlangten nach Brot. Da nahm die arme Frau voller Erbitterung über das Elend und das Hungergeschrei ihrer Kinder, Möbel des von ihr bewohnten Zimmers und verkaufte sie. Der Hausherr des Logierhauses ließ sie verhaften. Sie ist seit zwei Monaten hier und wartet auf ihr Urteil." Ich hatte es erraten! Ein solches Geschöpf konnte weder eine Prostituierte noch eine Berufsdiebin sein. Es war eine Mutter, die gefühlt hatte, wie die Eingeweide ihrer Kinder von den entsetz- lichen Qualen des Hungers zerrissen wurden. Sie hatte gestohlen! Sicherlich war das eine strafbare Tat, die die Unglückliche in einem Augenblick der Überreizung und Verzweiflung begangen hatte. Doch welche Schuld war größer, die ihrige oder die der Gesellschaft, die ohne jegliche Gerechtigkeit und Menschlichkeit den Armen einem schrecklichen Tod preisgibt und ihn so in Wahnsinn und Verbrechen treibt? Mit leiser Stimme, um nicht von den Gefangenen gehört zu wer- den, und aus Furcht, ihre Worte könnten die Gefühle dieser Mutter verletzen, erzählte uns die Aufsichtsbeamtin die Einzelheiten. Auch sie empfand die grausame Lage der Mutter und nahm auf ihr Unglück Rücksicht. Doch das Zimmer war klein und die junge Frau bemerkte sehr wohl, daß wir von ihr sprachen. Trotzdem behielt sie während der guten Viertelstunde, da wir ihren Fall diskutierten, ihre stolze Haltung bei. Ihr Gesichtsausdruck war ruhig, und ihre Züge verrieten keinerlei innere Regung. In ihren Augen recht-

fertigte ihre mütterliche Aufopferung ihr Vergehen und hob sie sogar in ihrer Selbstachtung. Sie verstand ihre mütterlichen Pflichten und hielt sich etwas darauf zugute, sie auf Kosten ihrer Ehre und der Folterqualen des Gefängnisses erfüllt zu haben. Bei gewissen Frauen ist die Mutterliebe eine so starke Eigenschaft, daß kein menschliches Gesetz ihren Taten Einhalt gebieten kann. Ich bewunderte den Mut, den Gott in den Busen dieser Mutter gelegt hat und verspürte einen stechenden Schmerz bei dem Gedanken, daß die Existenz dieser Unglücklichen bald gebrochen und gebrandmarkt sein würde; daß sie auf Richter treffen würde, unfähig, die heiligen Pflichten der Mutterschaft zu fühlen und zu verstehen und die, weil sie nur das Eigentum im Kopf haben, vergessen, daß sie selbst ihr Leben der Liebe ihrer Mütter verdanken. Sie opfern daher die mütterliche Aufopferung dem Respekt vor dem Eigentum und verwechseln die heldenhafte Mutter mit der Berufsdiebin, die sie zur gleichen Strafe verurteilen. Ich verfluchte die Gesetze des Menschen, die die Tugend mit dem Verbrechen verwechseln! Ich verfluchte das Eigentum, das mit Verhaftungen und Hinrichtungen vor den Angriffen des Hungers geschützt werden muß! Der Luxus der Reichen schien mir mit dem Blute der Armen bezahlt! Während die Aufsichtsdame weiter mit dem Vorsteher sprach, blickte ich auf diese gefangene Mutter, in der Hoffnung, sie möge endlich mir ihren Kopf zuwenden; sie blieb aber ruhig und unbeweglich. Es entkam mir ein Seufzer, den die Unglückliche hörte. Mit einer ruckartigen Bewegung drehte sie den Kopf, richtete ihre Augen auf mich und unsere Blicke trafen sich. Wie könnte ich all das schildern, was ich in ihren zärtlichen und stolzen Augen sah! Was ich in ihnen las! Armes Opfer unserer gesellschaftlichen Verhältnisse! Ihr Haupt schien mir von einem Glorienschein umgeben. Ihre von Tränen umflorten Augen, die Verspannungen ihrer Muskeln, das Zittern ihrer Lippen, all das war so beredt, als daß ich sie mir sagen hörte: „Du, Du bist eine Mutter! Du hast meine Ängste verstanden! Du hättest gestohlen

wie ich. Der Hunger Deiner Kinder hätte Dir dazu den Mut gegeben! Du fühlst, welche Kraft ich gebraucht habe, um allem zu trotzen. Danke! Danke! Frau, Du hast mich verstanden!" Diese Frau hat die Erinnerung an Newgate für immer in mein Gedächtnis eingegraben!

Der für die Männer bestimmte Teil des Gefängnisses ist größer, aber vielleicht noch düsterer als der Frauenbereich: Ich sah dort nur abscheuliche Gestalten. Die Kinder teilt man in zwei Kategorien: Eine für die Erstlingstäter und die andere für die Wiederholungstäter. Diese kleinen Gefangenen legen alle eine so große Dreistigkeit an den Tag, daß man sich, um sich ein Bild zu machen, selbst von der Leichtigkeit überzeugt haben muß, mit der die Kinder sich daran gewöhnen, allem zu trotzen, nichts zu fürchten und alles zu erleiden. Durch- schnittlich werden hier jeden Monat vierzig Kinder eingeliefert; man bringt ihnen Lesen und Zählen bei.* In einem der Höfe sah ich acht der unglücklichen Soldaten der kanadischen Freiheit, die in die Gewalt der Truppen der englischen Aristokratie gefallen sind 66 : Fünf waren verletzt. Seit zwei Jahren warteten sie darauf, daß man über ihr Schicksal entscheide. Einer von ihnen sprach Französisch. Er sagte mir, jede Verbindung zur Außenwelt sei ihnen untersagt, sie könnten weder Briefe noch Zeitungen noch Besuch empfangen, und seit zwei Jahren seien sie ohne Nachricht von ihren Familien. Das englische Ministerium hatte die gesetzliche Macht erhalten, gegen sie Todesurteile aussprechen zu lassen. Aber die Sache der Regierung ist nicht mehr die des Volkes. Man befürchtete wohl,

* „Mit sieben Jahren kann man Verbrecher sein, folglich kann man in diesem Alter gehängt werden. Blackstone berichtet, zu seiner Zeit habe die Jury achtjährige Kinder zum Tode verurteilt und auch hinrichten lassen. Ich selbst habe solche zur Deportation verurteilte Kinder dieses Alters gesehen!" (Moreau-Christophe, op. dt.)

das Blut dieser Opfer würde über die Aristokratie kommen; daher ließ das Ministerium diese Kanadier, deren Vaterlandsliebe es fürchtete, vorsichtshalber im Gefängnis sterben. Ich konnte beobachten, daß diese Gefangenen milder und mit größerer Ehrerbietung behandelt wurden. Ich weise darauf hin, weil ich hierin einen großen Fortschritt sehe. Die Engländer fangen endlich an zu begreifen, daß Kriegsgefangene als Geiseln angesehen werden müssen und nicht als Verbrecherl Hätte Gott gewollt, sie hätten während des Krieges mit Frankreich so ge- dacht! Dann hätten sie unsere unglücklichen Gefangenen nicht mit dieser Grausamkeit behandelt, die das Ministerium von Pitt und Konsorten 67 und die tories mit nicht zu tilgender Schmach bedeckt haben. Ich habe in dieser Hinsicht Dinge erzählen hören, die Angst machen.* Man sagte mir, es gebe dort zwei Mörder: Der eine ein blut- rünstiger Bösewicht, der andere reumütig. Das Zimmer des letzteren befand sich im Erdgeschoß. Ich trat ein. Ich sah einen kleinen jungen Mann von etwa zwanzig Jahren, sehr mager und sehr blaß. Er saß in der dunkelsten Ecke, schien sich den Blicken entziehen zu wollen und weinte. Sein Gesicht mißfiel mir, sein Blick war falsch und er schien nach Mitleid zu heischen. In einer

* Pillet, der Kriegsgefangener war, schreibt folgendes: „Der Hunger kannte keine Grenzen; man behielt Leichen fünf oder sechs Tage hintereinander, ohne den Tod zu melden, um ihre Essensrationen zu erhalten: Die Nachbarn nannten das von seinem Toten leben. Als Mylord Cordower, Oberst des Carmarthen-Regimentes, das zur Bewachung des Gefängnisses von Porchester eingesetzt war, eines Tages heranritt, sein Pferd an eines der Sperrgitter anband und ins Innere verschwand, war sein Pferd binnen zehn Minuten ausgebeint und aufgegessen. Als Mylord es wieder abholen wollte, setzte man ihn nach einigen Nachforschungen von dieser Tatsache in Kenntnis: Er wollte es nicht glauben! Er sagte, er wolle es erst glauben, wenn man ihn Überreste seines Pferdes sehen ließe. Es war einfach, ihn zufriedenzustellen. Man führte ihn zum Ort, wo die Haut und die Eingeweide lagen und ein elender Ausgehungerter verschlang in seiner Gegenwart gerade das letzte Stück rohen Fleisches. Ein riesiger Metzgerhund, oder vielmehr alle Hunde, die ins Gefängnis liefen, ereilte dasselbe Los."

Anwandlung von Eifersucht hatte er die Dienerin seines Vaters, seine Geliebte, umgebracht. Nach den Vorkehrungen, die man traf, damit ich ins Zimmer des anderen Mörders vordringen konnte, gab es Grund zur Annahme, er käme in seiner Bosheit einer Hyäne gleich und werde sich auf die Besucher stürzen, um sie zu verschlingen. Zunächst hatte der Vorsteher mich davon abzuhalten versucht, ihn zu besuchen. Dann gab er meinem Drängen nach und schickte zwei Aufseher {officiers) ins Zimmer; zwei weitere gab er zu meiner Begleitung mit. Dieser Aufwand an Vorkehrungen hatte meine Phantasie galoppieren lassen. Während ich eine kleine, schwarze, gewun- dene Treppe hinaufstieg, stellte ich mir vor, ich bekäme einen Mann mit einem abscheulichen Kopf zu Gesicht, den Schatten von Shylock. Phantastische Vampire zeichneten sich vor meinem geistigen Auge ab. Ich trat ein - doch welche Überraschung für mich! Vor einem Tisch sitzend sehe ich einen die Bibel lesenden Soldaten zwischen zweiundzwanzig und vierundzwanzig Jahren, dessen Gesichtsausdruck überaus glücklich war. Ein kleines rundes Gesicht, ein frischer Mund, eine kleine Adlernase, dunkel- blaue Augen voller Lebendigkeit und Schalkhaftigkeit, eine hohe Stirn, eine Fülle schönen, kastanienbraunen Haares, natürlich gewellt und ein Teint wie Lilien und Rosen: Dies war das Monster, dem nahezutreten man sich fürchtete! Sobald er mich erblickt hatte, errötete er wie ein kleines Mädchen und seine erste Reak- tion war, seinen Anzug bis oben hin zuzuknöpfen, seinen Kragen zu richten und eine militärische Haltung anzunehmen. Dann sah er mich schüchtern an, und mehr noch in seinen Augen als auf seinen Lippen nahm ich ein Lächeln war, welches zu sagen schien: „Werte Frau, bitte verzeihen Sie, ich war nicht auf Ihren Besuch gefaßt und Sie überraschen mich in einer etwas ver- nachläßigten Kleidung." Unglücklicher junger Mann! Wie naiv er doch war in seiner Bedrängnis! Wie stach seine Kindlichkeit doch ab von seiner grauenvollen Situation! Wie mich dieser Unglücksrabe doch interessierte und wieviel hätte ich gegeben,

mit ihm sprechen zu können! Ich unterließ es aber, vor ihm eine Frage zu stellen, aus Furcht, ihn zu erniedrigen, und meine Blicke drückten ihm mein schmerzvolles Mitleid aus, das sein Los mich empfinden ließ. Kaum war ich hinausgegangen, so fragte ich, welche Anzeichen von Blutdurst dieser Soldat zeige, daß man ihn mit solcher Strenge überwache. „Ach, er ist grausam", sagte einer der Auf- seher des Gefängnisses, „nicht nur bereut er .sein Verbrechen nicht, sondern sagt allen, die es hören wollen, er würde nochmals genauso handeln. Er lacht und singt den ganzen Tag, er reißt eine Menge Possen über die Leute, die ihn besuchen kommen. Kurzum, einen frecheren Mörder haben wir hier noch nie gehabt!" Ich gebe zu, daß alle diese Anklagen mich nicht über die Wildheit des jungen Soldaten zu belehren vermochten. Unbefriedigt ging ich von dannen, als ich unten an der Treppe Doktor Elliotson 68 traf, den ich kannte, da ich ihn mehrfach bei einem mit mir befreundeten Doktor gesehen hatte. Doktor Elliotson ist ein glühender Anhänger des Systems von Gall und Spurzheim. Man kann sicher sein, ihn in Gefängnissen und Irrenhäusern beim Erforschen der konvexen Kopfwölbungen und dem Erraten der konkaven Gegenseite anzutreffen; der Doktor spricht perfekt Französisch und ich bekundete ihm gegenüber in kurzen Worten mein Erstaunen über den Fall des Soldaten und Mörders. „Was wollen Sie", sagte mir der Doktor mit verächtlichem Lächeln, „der Vorsteher von Newgate ist ein vortrefflicher, von Mensch- lichkeit erfüllter Mann. Auch die Aufseher behandeln die Ge- fangenen mit Milde, aber es fehlt ihnen die Wissenschaft, dieses göttliche Licht, ohne das sie niemals begreifen "werden können, warum dieser Mann stiehlt und jener andere mordet." Ich fragte den Doktor, den das göttliche Licht erhellte und der so unfehlbar den Beweggrund der menschlichen Handlungen auf- deckte, weshalb der junge Mann, den ich soeben gesehen hatte, einen Offizier seines Regiments ermordet habe. „Er hat ihn ermordet, weil er zwei sehr entwickelte Kopfwölbungen

hat, die des Stolzes und die der Rache." „Meinetwegen! Aber haben Sie mit ihm gesprochen und wissen Sie, welche Gründe ihn so handeln ließen?" „Ei, freilich: Seit zwei Monaten studiere ich ihn. Es ist ein charmanter, heiterer, liebenswerter Junge mit vortrefflichem Herzen." „Aber dann " „Seine Geschichte ist folgende: Der Junge ist dreiundzwanzig

Jahre alt. Seit kurzem war er beim Regiment von

Grafschaft Cornwall, als ein neuer Offizier kam. Der Offizier soll eine schwache, näselnde Stimme mit einem ganz besonderen Akzent haben. Der arme Junge, der aus seiner Provinz kam, war mit der Strenge der englischen Disziplin noch nicht vertraut. Er meinte, mit einem Kameraden über die komische Stimme des Offiziers lachen zu können. Eines Tages erzählte das unglückliche Kind seinem Nachbarn bei der Parade einen seiner geistreichen und treffenden Witze, die wider Willen Lachen auslösen. Rasend stürzte sich der Offizier auf die beiden Eulenspiegel, schlug ihnen mit äußerster Brutalität ins Gesicht, entriß ihnen ihr Gewehr und ließ sie in den Karzer bringen. Der andere Soldat nahm die Ohrfeige hin, bei diesem aber waren die Wölbungen des Stolzes und der Rache zu sehr ausgeprägt, um sich ebenso zu verhalten. So entschloß er sich, den Mann, der ihn in der Öffentlichkeit geschlagen hatte, zu töten. Nach Entlassung aus dem Karzer paßte er eine Gelegenheit ab und zweiundzwanzig Tage später feuerte er aus nächster Nähe einen Gewehrschuß auf ihn ab, der ihn niederstreckte. Seiner Fähigkeit entsprechend eingesetzt", fügte der Doktor hinzu, „wäre dieser Mann großartig, ja vorzüglich gewesen! Doch sicherlich war er nicht dazu geschaffen, in der englischen Armee zu dienen, wo mit der Disziplin gerechtfertigt wird, Männer wie Maultiere zu schlagen." Armes Kind! Also deswegen, weil er seine Manneswürde empfunden hatte, deshalb, weil er sich gegen eine ungerechte Handlung aufgelehnt hatte, 'weil er den Mut gehabt hatte, der

in der

Stimme seines Gewissens zu gehorchen, die ihm vorschrieb, den Verursacher zu bestrafen, deshalb sollte dieser Unglücksrabe seinen Kopf zum Schafott tragen! Aber Gott ist groß! Das Blut der Märtyrer läßt ihrer neue entstehen. Der Tod dieses tapferen Soldaten war nützlich. Jeden Tag wird man ihrer weitere treffen, die den Tod der Sklaverei vorziehen, die für die Erlösung ihrer Brüder sterben! So wird die Zeit kommen, wo sich die englischen Soldaten nicht mehr von Gentlemen-Offizieren werden herum- kommandieren lassen, die sich das Recht erkaufen, sie mit Peitschenhieben zu dirigieren. Wenn das englische Volk jemals den Mut aufbringt, frei zu sein, wird es nicht dulden, daß seine Armee aus Sklaven besteht. Zugegeben, ich empfand eine lebhafte Genugtuung. In England sind diese Beispiele von Stolz zwar selten, doch sie genügen, um zu beweisen, daß das englische Volk den göttlichen Stempel noch bewahrt hat, obwohl seine Aristokratie es das schwerste Joch, ausnahmslos drückender als das irgendeines anderen Volkes der Welt, tragen läßt. Die Beispiele beweisen, daß das heilige Feuer im Herzen des englischen Volkes nicht erloschen ist und daß, wenn es heute auch unter einer drückenden Last gebeugt ist, der Tag kommen wird, wo es sich wieder aufrichten und für jeden und jede die Rechtsgleichheit wiederherstellen wird, die uns Gott mit dem Leben gegeben. Diese Aristokratie wird dann die lang- währende Unterdrückung, ihre Gewalttaten und ihre Heuchelei teuer bezahlen müssen! Seit über einer Stunde war ich in Newgate eingeschlossen. Die Verkrampfung, die mich schon beim Betreten des Arsenals der Folterinstrumente befallen hatte, hatte in dem Maße zugenommen, wie ich in diese fürchterliche Höhle eindrang, wo das Laster und das Unglück nicht zu unterscheiden sind, wo der Hunger dem Diebstahl und der Stolz der Seele, diese edle Stimme eines reinen Gewissens, dem Mord gleichgestellt werden. Ich konnte kaum mehr atmen, so heftig waren meine Verkrampfungen geworden. Dabei blieben mir noch die Kapelle, der Hof, wo man die

Verurteilten ein letztes Mal herrichtet und schließlich das Fenster, durch welches sie das Gefängnis auf dem Wege zum Schafott verlassen, wo diese traurigen und düsteren Existenzen ein Ende finden, diese Leben, die aus Angst, Laster und Verbrechen, aus Elend und Unglück bestehen, zu besichtigen. Die erniedrigten Menschen empfinden nicht die Schande der Hinrichtung und die großen Seelen sind darüber erhaben. Die Kapelle ist recht zweckmäßig eingeteilt: Auf halber Höhe erstreckt sich eine allein für die Frauen bestimmte Galerie; die Männer befinden sich im unteren Teil. Die Vorhänge sind der Rundung der Galerie so eng angepaßt, daß sich die beiden Geschlechter nicht sehen können. Der pew* der Verurteilten ist zur Kapellenmitte hin unten an die Wand gelehnt. Ach, siehe, eine höchst unmenschliche Zeremonie für die anglikanische Kirche, eine unsinnige Nachahmung des Katholizismus! Wozu einen Unglück- lichen auf solche Weise foltern, ihn einen Tag und eine ganze Nacht lang den Tod schmecken zu lassen? Welcher sittliche Nutzen ergibt sich für die Gesellschaft daraus? Der katholische Priester findet im Glauben des Büßers die Kraft, ihn mit dem Tod zu versöhnen, ihn diesen sogar voll Freude annehmen zu lassen, indem er ihn von allen Sünden losspricht. Da kann man seinen Beistand verstehen. Aber bei einem Mann, der wohl an die Sünde glaubt, ohne jedoch gelten zu lassen, daß ihn ein anderer davon lossprechen kann, scheint mir ein Eingreifen eines protestantischen Predigers unnütz. Um drei Uhr nachmittags, am Vorabend des für die Hinrichtung festgesetzten Tages, führt man den Verurteilten zur Kapelle, wo er den pew über sich ergehen lassen muß. Der pew hat eine runde Form und ähnelt einer verkleinerten Kanzel. Er enthält eine Bank und einen Betschemel. Für die Zeremonie wird das ganze mit

* Bei den pews in den englischen Kirchen handelt es sich um geschlossene Einzelbänke, ähnlich kleinen Kanzeln.

einem schwarzen Tuch bedeckt und der Büßer kommt obendrein in ein schwarzes Leichentuch gehüllt herein. Er wird auf die Bank gesetzt; vor ihm, auf dem Betschemel, liegt ein geöffnetes Buch. Die Kapelle ist dunkel und wird nur von einem Totenlicht erleuchtet. Alle Gefangenen sind anwesend und müssen mit leiser Stimme dem Anstaltsgeistlichen, der die Totengebete vorträgt, nachsprechen. Der Verurteilte befindet sich im pew wie in einem Grab, dessen Grabstein halb geöffnet ist. In der Mitte der schwarzen Tücher erscheint allein der Kopf. Oh, welch ein grauenvoller Anblick, dieser Kopf, von dem man schon denkt, er sei vom Rumpf getrennt. Wie diese Blässe, diese verkrampften Gesichtszüge, die zu Berge stehenden Haare und das krampfartige Beben, das die Leichentücher bewegt, das Entsetzen zum Ausdruck bringen! Wie schrecklich sind sie anzusehen! Das ist der Todeskampf einer lebendig begrabenen menschlichen Kreatur. Die schaurige Höllenfeier beeindruckt die ihr Beiwohnenden so stark, daß viele Gefangene, die diese Szene nicht ertragen können, ohnmächtig werden und die Kapelle von Schreien des Schreckens widerhallt. Es ist sehr selten, daß der Büßer diese Prüfung bis zum Schluß durchsteht. Oft muß man ihn stützen oder ihn in völliger Ohnmacht aus seinem pew wegtragen. Wenn er wieder zu sich gekommen ist, erklärt man ihm, als ob dies eine Gnade wäre, er bekomme für diese letzte Nacht eine Lampe gestellt, um in der Bibel lesen zu können. Welch ein Widersinn, welch grausamer Hohn! Als ob der Unglückliche in einem derartigen Augenblick lesen und den Sinn des Gelesenen verstehen könnte. Sind die auserwählten Wesen, die dem Ende ihres Lebens, auf welche Weise es auch immer eintreten mag, ins Auge sehen können, ohne aus der Fassung zu geraten, nicht sehr selten? Wie kann man denn hoffen, daß der Verurteilte genügend Freiheit des Geistes bewahrt hat, über die hohen Gedanken der Bibel nachzusinnen, wenn ihn jede Viertelstunde die Turmuhr von St.Paul die Zeit messen, die Minuten, die ihm noch zum Leben verbleiben, zählen und ständig

vor seinem überreizten geistigen Auge die ganzen Vorbereitungen wiederkehren läßt? Wenn der von Müdigkeit und Qualen überwäl- tigte Unglückliche das Glück hat, im Morgengrauen die Lider schließen zu können und er um fünf Uhr vom Lärm, den die Hufe der Pferde und die Räder der zu seiner Hinrichtung aus dem benachbarten Hof seines Kerkers gezogenen schweren und tödlichen Maschine machen, geweckt wird! Welch grausames Erwachen! Von da an hört er nicht mehr ein einziges Geräusch, das ihm das Näherrücken des höchsten Augenblicks ankündigte. Um sechs Uhr holt man ihn ab und bringt ihn in den Hof, den man den Hof der letzten Augenblicke nennt. Dort wird er hergerichtet. Man zieht ihm seine Kleidung aus und bekleidet ihn mit einer langen Hose und einem langen Kittel aus grauem Leinen. Dann werden ihm die Haare kurzgeschoren. Während der ganzen Prozedur ist ein Geistlicher bei ihm, der ihn auffordert, sich zu fügen. Nach Beendigung der Prozedur führt man ihn zum Sheriff, der die Arme des Büßers eigenhändig zusammenbindet. Danach setzen sich der Sheriff und der Hilfssheriff, der Anstaltsgeistliche und der Verurteilte in Bewegung. Die schaurige Prozession erreicht die Plattform der riesigen Maschine, die direkt am Fensterkreuz befestigt ist: Dort bemächtigen sich der Henker und seine Helfer des Büßers, stellen ihn auf das bewegliche Brett, legen einen Strick um seinen Hals, ziehen eine Mütze bis unters Kinn und geben ihm ein Taschentuch in die Hand. Wenn der Verurteilte durch das Fallenlassen des Taschentuchs sein Zeichen gibt, wird das bewegliche Brett unter seinen Füßen weggezogen und nun ist er, dem englischen Ausdruck zufolge, in die Ewigkeit geschleudert. In Newgate, einem zur Aufnahme von Untersuchungsgefangenen bestimmten Gefängnis, gibt es nicht so strenge Regeln wie in anderen Haftanstalten. Striktes Schweigen wird dort nicht verlangt. Die Aufseher und Aufseherinnen halten die Ordnung unter den Gefangenen aufrecht, kommen Streitigkeiten zuvor, dulden einige im Vorübergehen ausgetauschte Worte, unterbinden jedoch jeg-

liche Unterhaltung. Die Kantine ist abgeschafft. Trotzdem hat jeder Gefangene das Recht, sich auf seine Kosten vom Koch des Hauses Essen servieren zu lassen. Man läßt die Gefangenen nicht arbeiten. Sie müssen die verderb- liche Untätigkeit aushalten. Sollte diese ihnen auferlegte Untätig- keit als - ganz schön strenge - Strafe gedacht sein, wie können die englischen Rechtsgelehrten diese vor einer Verurteilung ver- hängte Strafe mit dem auf dem Kontinent allgemein anerkannten Prinzip vereinbaren, wonach der Untersuchungshäftling bis zum seine Schuld erklärenden Urteilsspruch für unschuldig zu gelten hat und der Gesellschaft bis dahin nur das Recht zukommt, ihn zu inhaftieren? Eine der in Newgate eingeführten Verbesserungen, die den heil- samsten Einfluß gehabt hat, ist die Auswahl und die Zahl der zur Überwachung der Gefangenen berufenen Aufseher und Aufseherinnen. Wenn man die Charaktereigenschaften bedenkt, die nötig sind, um sich bei frechen und äußerst lasterhaften Leuten durchzusetzen und sie gehorchen zu lassen, ohne häufig zu Züchtigungen zu greifen, wenn man an den Grad der Gelassenheit, Selbstbeherrschung und Festigkeit denkt, den man braucht, um diesen Aufgaben gerecht zu werden, so kann man von der geglückten Zusammensetzung des Personals von Newgate nur überrascht sein. Niemals spricht einer der Beamten ohne Notwendigkeit mit den Gefangenen. Niemals gibt es Brutalität oder beleidigende Worte; Aufseher und Aufseherinnen ermahnen und befehlen; man hört sie schweigend und gehorcht ihnen unverzüglich, oder es folgt die Bestrafung. Ich kann Newgate nicht verlassen, ohne von der geschätzten Frau Fry 69 zu sprechen. Ihre Liebe zur Menschheit hat diesem Gefäng- nis bemerkenswerte Verbesserungen gebracht. Zweifellos ist die unbestreitbarste von allen, den Frauen Arbeit verschafft zu haben. Auch hat sie eine große Zahl Bibeln an sie verteilt. Die Sekten Englands machen es sich, wie man weiß, zur Pflicht, sich um die Verbreitung der Bibel über den ganzen Erdball zu

kümmern. Sie sind so sehr überzeugt, den wirklichen Sinn dieses vieldeutigen Buches verstanden zu haben, daß es keine Sekte gibt, die nicht glaubte, durch seine Verteilung ihre Lehre zu verbreiten. Doch derjenige, der weder fanatisch noch blind ist, prüft, ob die Besserung des Menschengeschlechts unausbleiblich aus der Lektüre der Bibel hervorgehen muß und ob die bisherigen Ergebnisse dies erwarten lassen dürfen; er fragt sich, ob die verschiedenen Gedanken und Vorschriften, die sie enthält, ein harmonisches Ganzes bilden, das der gemeine Verstand des Volkes erfassen kann, und ob die guten und schlechten Beispiele, die sie zeigt, nur gute Wirkungen hervorbringen können. Gewiß, die Bücher der Bibel haben eine zu große Tragweite, als daß sie selbst von gebildeten Menschen ohne vertieftes Studium verstanden werden können. Die Predigt bietet dem Verstand des gewöhnlichen Lesers nur sehr ungenügenden Ersatz. Ferner üben die religiösen Lehren im zentralen Europa nur noch einen oberflächlichen Einfluß aus; sie ändern nur das äußerliche Erscheinungsbild. Die Religion ist hier nicht die Triebfeder der menschlichen Handlungen. Alle wollen aufsteigen, das große Geld machen, und um das zu erreichen, glauben sie an die Unfehlbarkeit ihrer Vernunft. Welchen Einfluß könnte die Religion angesichts dieser allgemeinen Geisteshaltung letzlich ausüben? Wird sie den leidenden Armen auch dann noch zur Resignation führen, wenn er die Überzeugung gewonnen hat, es hänge von ihm ab, an Reichtümer zu kommen? Wird sie den Reichen demütig machen, selbst wenn dieser überzeugt ist, er verdanke sein Vermögen nur dem Verdienst seiner Werke, und wird er sich daher nicht um so mehr für einen sittlich höherstehenden Menschen halten als seine dem Elend preisgegebenen Mit- menschen? Wenn die Menschen je nach den Folgen einer Tat fluchen oder frohlocken, wie sollten sie dann bereit sein, ihrer Eigenliebe zu entsagen und sich als blinde Werkzeuge Gottes zu betrachten? Handle es sich um ein glückliches oder unglückliches Ereignis —

der Mohammedaner ruft aus: „Gottes Wille! ", 'weil er, da er sich nicht anmaßt, über die unmittelbare Wirkung seiner Handlung hinauszuschauen, auch nicht den Erzdünkel besitzt, sich als Verursacher eines Ereignisses zu betrachten, das er nicht mit Sicherheit vorhersagen konnte. Er nimmt sein gutes oder schlechtes Los an, zwar mit Freude oder Schmerz, aber ohne sich zu rühmen oder zu klagen. Wenn jeder von uns wie die Muselmanen auf die Vorsehung vertrauen und sich bescheiden würde, vom Handwerk zu leben, ohne das große Geld machen zu wollen, wenn wir wie sie kein anderes Ziel hätten, als die vom Gesetz des Glaubens vorgeschriebenen Pflichten zu erfüllen und nur in der Verletzung dieses Gesetzes ein Übel sehen wollten, dann würde ich glauben, daß die Religion auf die Besserung der Schuldigen Einfluß hat. Aber da bei uns die Bestimmungen der bürgerlichen Gesetze oft im Gegensatz zu den Lehren des Evangeliums stehen, da diese Gesetze in England jeden Gerechtigkeitssinn unberücksichtigt lassen, indem sie das Erbrecht nach dem Erstgeburtsrecht festsetzen, Armeen von Pfründenempfängern und Privilegien- besitzern aller Art schaffen und den Armen drei Viertel aller Steuern aufbürden, glaube ich nicht, daß es christliche Predigten geben kann, die geeignet wären, Menschen zu bessern, die gegenüber einer Gesellschaft, die sich außerhalb des christlichen Gesetzes gestellt hat, schuldig geworden sind. Bei den europäischen Völkern ist die Religion nur noch Beiwerk, die Organisation der Gesellschaft läuft ohne sie. Allein die bürger- lichen Gesetze haben Gültigkeit, und das Gesetz der Religion wird nur befolgt, 'wenn es kein Interesse gibt, es zu übertreten. Zur Untermauerung meiner Ansicht möchte ich die Bemerkungen derer, die über Gefängnisse geschrieben haben, zitieren; alle beobachten, daß der religiösen Unterweisung keinerlei Erfolg beschieden ist, daß sie ermüdet, die Gefangenen überfordert und sie gegen die Religion und ihre geistlichen Vertreter Abneigung fassen läßt, daß der Mönch oder Quäker, Priester, Missionar oder

Anstaltsgeistliche von ihren Predigten keine anderen Früchte ernten als den bitteren Hohn und die Verachtung derer, an die sie sich wenden.*

* „Der Bischof von London hat gesagt, die anglikanische Geistlichkeit könne mit ihren Predigten die Massen niemals sittlich heben und meiner Ansicht nach hat er etwas sehr Wahres gesagt. Darüberhinaus hat er verlautet, daß, wollte man die Leute aus dem Volke sittlich heben, man mit ihnen von Angesicht zu Angesicht sprechen muß."(Moreau-Chri-stophe) „Ich weiß nicht, welchen Anteil unsere Geistlichen an der Besserung der Gefangenen haben könnten: Ich weiß nur, daß er in unserem französischen Gefängnissystem gleich null ist. Die in jüngster Zeit von einem Abt in Paris, dessen Eifer ich nur loben kann, unternommenen Versuche haben bewiesen, was ich behaupte, obgleich die Zeitungen das Gegenteil vermeldet haben. Die Religionsbücher, die er an die Gefangenen von Bicêtre und Saint-Pélagie verteilt hatte, wurden von ihnen allesamt verkauft, um zu spielen oder Schnaps zu trinken. Meine Feder sträubt sich, die pietätlosen Szenen nachzuzeichnen, zu denen am Abend in den Zimmern der Häftlinge Personen unterschiedlichen Standes Anlaß geben, die unter anderen zum Predigen in die Pariser Gefängnisse gehen. Trotzdem ist, selbst wenn man einräumt, daß die religiös genannten Ideen nur Macht besitzen, wenn sie unseren Geist entfremden, das Gute, das sie bewirken können, zu groß, als daß man sie außer acht lassen sollte. Es ist also von Bedeutung, sich in den zu ergreifenden Vorsichtsmaßregeln nicht zu irren. Denn die Erfahrung und das vernünftige Denken sprechen gegen diejenigen, die sich einbilden, es genüge eigentlich, einem zusammengewürfelten Haufen von Verbrechern die Dogmen der Religion zu predigen, um sie zu anständigen Leuten zu machen. Mehr noch als andere bedürfen die religiösen Ideen der Vorbereitung mit Mitteln, die am meisten auf das Herz und die Gewohnheiten einwirken. Und wenn man mit dem Auge eines Beobachters in die Gefängnisse geschaut hat, ist man sehr wohl überzeugt, daß, so man die Häftlinge daran hindern will, gegenseitig unheilvollen Einfluß aufeinander auszuüben, die Maßnahmen, ohne die nichts zu erhoffen ist, vor allem darin bestehen, sie besser unterzubringen, sie mehr als bisher zu trennen, jeden von ihnen einzeln in einem Zimmer oder einer Zelle schlafen zu lassen, sie alle Tage in der Arbeit zu üben, die tiefe Unwissenheit, in der sie sich großenteils befinden, zu beseitigen, ihnen nur gerechte und menschliche, wenn auch strenge Behandlung angedeihen zu lassen, sie schließlich in eine Lage zu versetzen, die sie nicht zwingt, schlecht zu werden, und in der sie ein wenig Interesse aufbringen, sich zu bessern. So muß man das Herz der Kriminellen der Moral öffnen. Ich wiederhole, erst nach diesen vorbereitenden Maßnahmen wird die Religion bei ihnen Eingang finden. Sie wollen, daß die religiösen Belehrungen Schuldige dazu bringen, zu bereuen und tugendhaft zu werden; beginnen Sie also damit, alles, was sich dem entgegenstellt, zu erkennen und aus der Welt zu schaffen. Bislang rufen sie den Unglücklichen, die

sich in einem Abgrund befinden, nur zu, sie sollen sich daraus herausziehen; Sie sehen nicht, daß Sie sie so nur immer noch mehr hinabstoßen. Ich habe mich über diesen Punkt nur deswegen ein wenig verbreitet, weil in der ersten Sitzung der Königlichen Gesellschaft zur Verbesserung der Gefängnisse angekündigt wurde, man wolle sich hauptsächlich des Religionsunterrichtes der Gefangenen annehmen. Dieser Entschluß war voreilig: Er rührt zum Teil daher, daß diejenigen, die ihn gefaßt haben, die Gefängnisse und all die Umstände, unter denen sich die Gefangenen dort befinden, nicht genügend kennen." (Villermé, Desprisons telles qu'elles sont et telles qu'elles doivent être) 70

Welche magischen Worte könnten denn all diese besoldeten Sittenprediger der Bibel entnehmen, um den unglücklichen Gefangenen, der auf dem Moder seines Verließes liegt und dem es an Luft, an Tageslicht, an klarem Wasser, an Kleidung, sich zu bedecken, an ein wenig Feuer, um seinen eiskalten Körper und seine klammen Glieder zu erwärmen und oft auch an Schwarzbrot, seinen Hunger zu stillen, mangelt, mit seinem Los auszusöhnen? Wird dieser Unglückliche nicht wie Hiob ausrufen: „Es gibt keinen Gott!"? Die Resignation! Doch wird ein Mensch, der nicht genügend Kraft in seiner Seele gefunden hat, den körperlichen und seelischen Leiden standzuhalten, durch Sätze aus der Bibel dazu gebracht werden, sich ohne Murren zu fügen? Ich begreife die Wirkung freundschaftlicher Worte, die Macht von Tränen aus Mitgefühl, die die größten Schmerzen lindern können; aber die Reden der Prediger vom Amt zur Linderung der Qualen der Seele erschienen mir immer als der Gipfel der Absurdität. Was kann Frau Fry diesen unglücklichen Mädchen sagen, die Berufs- oder Arbeitslosigkeit, Verführung, Vorurteile oder aber- tausende Schändlichkeiten, von denen die Gesellschaft überfließt, dazu gedrängt haben, sich der Prostitution auszuliefern, mit ihrem Körper um ein Stück Brot zu handeln? Findet sie in der Bibel Trostesworte für solche Nöte? O nein! Die vom Leiden erbitterte Prostituierte kann nur den wörtlichen Sinn erkennen. Aug' um Auge, Zahn um Zahn, so spricht sie nach Moses schrecklichem Gesetz. Der Arme, den der Reiche verstößt und der sich zu Elend

und Verachtung verurteilt sieht, um den Luxus und den Dünkel derjenigen, die sich Herren nennen, zu nähren, wird er nicht in seiner Empörung ausrufen: Aug' um Auge, Zahn um Zahn} Und die, die mit Stolz im Herzen geboren wurden und sich ihres Wertes bewußt sind, die sich dem Joch des Privilegs, der Tyrannei des Vorurteils, der Herrschaft des Geldes nicht unterwerfen konnten und die sich gegen eine unterdrückerische Gesellschaftsordnung auflehnen, werden sie nicht ebenso sprechen: Aug' um Auge, Zahn um Zahn ?* Was für einen Unterricht gilt es also den Gefangenen zu erteilen, wird man mich fragen. Zunächst einmal sollten sie in mehreren Berufen ausgebildet werden, damit sie bei Arbeitsmangel in einem Gewerbezweig in einem anderen Arbeit finden. Dann müßte man ihnen Ordnung, Sparsamkeit, Liebe zur Arbeit und Enthaltsamkeit

* Darüberhinaus sind die Werke, die man den Häftlingen zu lesen gibt, wenig geeignet, das angestrebte moralische Ziel zu erreichen. „Da man sich nun einmal darauf versteift" sagen Autoren einer bekannten Zeitschrift (Edinburgh Review, Bd. XXXVI, S. 363), „unsere Gefängnisse in Schulen verwandeln zu wollen, möge man doch aufhören, sie mit so unerträglich dummen (so intolerably stupid) Druckschriften zu beliefern. Tatsächlich scheinen alle fürs Gefängnis bestimmten Bücher in der Annahme geschrieben zu sein, ein Dieb oder irgendein anderer Schuldiger stehe an gesundem Menschenverstand einem fünfjährigen Kind nach. Im allgemeinen handelt die Erzählung von einem armen Arbeiter, der für sich und seine sechs Kinder nur Schwarzbrot und Wasser zum Leben hat. Damit ist er glücklich und zufrieden: Nie Klagen, nie Murren, und alle Welt beneidet ihn um seinen Frohsinn. Nicht einmal im Traum ist es ihm je eingefallen, Speck zu essen. Kaum daß er von Hammelfleisch hat reden hören. Hat er nicht Schwarzbrot und Wasser? Was braucht er mehr für sein Glück? Welche größere Wohltat könnte seine Dankbarkeit hervorrufen? Es kommt immer vor, daß der Gutsherr des Ortes oder der Pfarrer von der Pfarrei gegenüber an der Hütte des armen Mannes vorbeikommt und ihn antrifft, wie er für den König, für die Kirche oder für alle Obrigkeiten betet. Es kommt auch immer vor, daß sie ihm schließlich einen Shilling anbieten, den der anständige Arbeiter auch regelmäßig ablehnt, anzunehmen, wobei er erklärt, er brauche ihn ganz bestimmt nicht. Solcherart sind die Moralbücher, die von rührigen Damen und braven Leuten mit unermüdlichem Einsatz in unseren Gefängnissen unter die Menschen gebracht werden. Es wäre eine große Wohltat der Vorsehung, würde unter uns ein Genie geboren, mit Talent, fürs einfache Volk schreiben zu können."

beibringen, ihnen vor Augen führen, daß sie nur auf der Grundlage dieser Tugenden eine Verbesserung ihres Loses erwarten können und es für den einzelnen oder auch für mehrere Personen die größte Torheit ist, die Gesellschaft anzugreifen. Kurz und gut, da es die Gesetze der Gesellschaft sind, die sie gebrochen haben, müssen sie hoffen können, als Preis ihrer Anstrengungen eben eine Beteiligung an den Vorteilen der Gesellschaft zu erhalten. Gleichzeitig würde man ihnen aufzeigen, daß eine Rückkehr zu Laster und Verbrechen unausweichlich dazu führen würde, sie in Gefängnissen, Zuchthäusern oder gar auf dem Schafott zugrundegehen zu lassen. Ich denke nicht, daß die Freuden des Paradieses oder die Qualen der Hölle ebenso großen Einfluß auf sie ausüben würden.

Ich stand noch unter dem Eindruck der schmerzlichen Erinnerung an meinen langen Besuch in Newgate, als ich mich nach Coldbath Fields 71 begab. Schon von weitem sieht man seine hohen Umfassungsmauern. Sein Eingang ist in einem einfachen und strengen Stil gehalten und hat trotzdem nichts Erschreckendes an sich. Das Bauwerk ist vierzig Jahre alt und in gutem Zustand. Dieses nach den Vorstellungen des Menschenfreundes Howard errichtete Gefängnis ist geräumig, hat Luft, Tageslicht, Wasser und einen zwei Morgen großen Garten. Aber die Eitelkeit des Architekten hat über die Pläne des Menschenfreundes obsiegt: Mit dieser Besserungsanstalt wollte Howard in verbesserter Form die penitentiaries von Pennsylvanien nachbauen. Der Maurer ist diesem Wunsch in keinerlei Weise gerecht geworden und hat Unkenntnis, Mangel an Geschmack und ich würde sogar sagen, völliges Fehlen von Verstand gezeigt. Auf einem großartigen Baugelände hat er nur verstanden, Gemäuer zu errichten: Die Höfe sind nicht geräumig genug, die Hauptgebäude haben zu schmale Treppen, ihre Einteilung ist mangelhaft, und sie enthalten nicht die vorgesehene Anzahl von Einzelzellen. Nichtsdesto- weniger ist dieses Gefängnis — so unvollkommen es auch ist -

geradezu ein Lustschloß, verglichen mit dem dunklen und schrecklichen Newgate! Coldbath Fields ist Haft- und Besserungs- anstalt in einem. Der Vorsteher dieses Gefängnisses, Herr Chesterton, 72 ist ein sehr feiner Mann. Mit gleicher Gewandtheit spricht er Französisch und Spanisch, er ist weit gereist und hat in den Ländern, die er bereist hat, gründliche Kenntnisse erworben. Alles an ihm läßt einen von Herzen dem Dienst an den Mitmenschen ergebenen Mann erkennen. Er macht nicht eine Bemerkung, sagt nicht ein Wort, woraus nicht hervorginge, wie sehr seine Seele von dieser allum- fassenden, von Jesus gepredigten Nächstenliebe durchdrungen ist. Seine Philantropie wird von sanften, liebenswürdigen und äußerst höflichen Umgangsformen betont. Herr Chesterton war gerne bereit, mich zu begleiten und mir sein Haus bis in die letzten Einzelheiten zu zeigen. Man sieht, daß es zu seiner eigenen Sache geworden ist und daß er die unglücklichen Gefangenen als seine Familie betrachtet. Von fast allen kennt er den Namen. Man kann sich leicht vorstellen, wie bei einem solchen Vorsteher (er ist es seit zehn Jahren) die Aufseher sein müssen. War ich über den Anstand der Wächter von Newgate verwundert, so geriet ich in Bewunderung, als ich diejenigen von Coldbath Fields sah. Diese fast alle vom Vorsteher ausgesuchten Männer haben einen sanften Gesichtsausdruck, der mit dem Klang ihrer Stimme und mit ihrer zuvorkommenden Höflichkeit vollkommen in Einklang steht. Welch heilsame Wirkung muß der gewohnheitsmäßige Umgang mit derartigen Wächtern auf die Gefangenen haben! Denn man kann nicht bezweifeln, daß der Einfluß der sanften und menschlichen Umgangsformen Menschen, deren Herz gegenüber der Gesellschaft verbittert ist, mit dieser aussöhnt. In Coldbath hat Herr Chesterton die Einteilung der Gefangenen bis zur äußersten Grenze getrieben. Die Rückfälligen bilden fünf Gruppen. Die ein sechstes Mal Verurteilten werden in die Besserungsanstalt Millbank 73 oder nach Botany Bay 74 geschickt.

Die anderen Gefangenen werden nach der Art ihrer Vergehen eingestuft. Der Vorsteher besteht auf peinlich genauer Befolgung der Vorschriften des seiner Obhut anvertrauten Gefängnisses. Diese Vorschriften, das muß ich sagen, schienen mir sehr hart! Sie gebieten fortwährendes Schweigen, Nichtstun und Einzelhaft für die leichteste Übertretung. Unter keinem Vorwand darf der Gefangene mit seinem Mitge- fangenen sprechen und auch keine Frage an den Aufseher richten. Wenn ihm Besucher eine Frage stellen, darf er nicht antworten. Nur wenn er sich krank fühlt, kann er darum nach- suchen, einen Arzt zu konsultieren. Sogleich wird er zur Kran- kenstation geführt und untersucht. Man legt ihn in ein gutes Bett und all die Pflege, die sein Zustand erfordert, wird ihm in reichem Maße mit liebevoller Barmherzigkeit zuteil. Ein Gefangener, der das Schweigen bricht, wird streng bestraft.* Wir besichtigten zunächst die Männerabteilung: Dort fand ich alle Gesichter von Newgate wieder, doch welche Verwandlung war in ihnen vorgegangen! Vor dem Urteil ließ sich bei diesen Männern die Unverschämtheit und Grausamkeit des Verbrechens von den Gesichtern ablesen; nun hielten sie den Kopf gebeugt, die Augen gesenkt und alles an ihnen verriet die vollständigste Unterwerfung. Keiner von denen, die zu solch strenger Ordnung gezwungen waren, versuchte, sich ihr zu entziehen, ja er wagte nicht einmal, einen solchen Gedanken zu fassen. Sie waren recht sauber, der Bart rasiert (man rasiert sich zweimal die Woche), die Haare schön gekämmt, das Gesicht und die Hände sauber gewaschen.* Ihre Kleidung besteht aus einer Hose aus Leinen im Sommer und grobem Tuch im Winter, einer Überziehjacke aus demselben Stoff, einer Wollmütze, einem farbigen Hemd, Wollstrümpfen (Hemd und

* „Es läßt sich schwerlich glauben, daß man erreichen kann, dieses Schweigen

einzuhalten. Doch es wird sehr genau eingehalten. Es ist so qualvoll, daß mehrere

Gefangene äußerten, sie würden den Tod vorziehen." (Villermé)

Strümpfe werden jeden Sonntag gewechselt), Halbschuhen, einer Weste, einer Krawatte, einem Taschentuch. Alle diese Kleidungs- stücke sind sauber und in gutem Zustand. Ich betrat die Abteilung der Kinder. Ihre Anzahl war erschreckend:

Auf 1120 in Coldbath einsitzende Gefangene kamen zur Zeit meines Besuches 300 Kinder von neun bis siebzehn Jahren! Wer hat diese Kinder zum Verbrechen getrieben? Das Elend, das Fehlen eines Berufes und die Exempel von Verderbtheit, von denen diese kleinen Unglücksraben umgeben waren. Es gibt nichts Schmerzhafteres als diese kleinen Wesen mit ihren blonden, blassen, mageren Gesichtern, die wahrscheinlich zur Deportation oder für den Galgen bestimmt sind, anzusehen. Die Schuldigeren unter diesen Kindern werden jeden Tag zu soundsoviel Stunden tread-wheel (Tretmühle) verurteilt; die andern tun nichts. So werden diese Kinder, die, ohne Beruf und durch Müßiggang zum Vagabundieren, zum Diebstahl und zum Verbrechen getrieben worden sind, nach zwei, drei, vier oder fünf Jahren aus der angeblichen Besserungs-Anstalt herauskommen, ohne einen Beruf erlernt zu haben, der es ihnen ermöglichte, von der Arbeit zu leben. Ich kann also nur auferlegte Bestrafungen und keinerlei Absicht erkennen, Menschen zu bessern. Tatsächlich sind solche Häuser, statt Menschen zu ändern, nur dazu geeignet, sie noch mehr zu verderben: Ein schuldig gewordenes, doch nicht eigentlich verderbtes Kind hat kein Beispiel vor Augen, das es zum Guten führen könnte. Es gewöhnt sich ans Nichtstun, an den Müßiggang und an Laster aller Art. Ich konnte nicht umhin, Herrn Chesterton mein Erstaunen darüber zu bekunden, daß man diese Kinder, anstatt sie mit einer produktiven Arbeit zu beschäftigen, so dem Müßiggang überläßt. „In England", so sagte er mir, „sind die Proletarier so zahlreich,

* In London schwärzt der Rauch der Steinkohle so sehr, daß man den Gefangenen Seife geben muß, damit sie sich Gesicht und Hände reinigen können.

daß die Regierung ihre Arbeitsmöglichkeiten nicht dadurch verringern möchte, daß sie die Gefangenen arbeiten läßt. - Aber, mein Herr, ist denn England reich genug, um aus seinen Gefängnissen geräumige Klöster zu machen, wo die hinter Schloß und Riegel Sitzenden gut untergebracht, gut gekleidet und gut ernährt werden, ohne irgendetwas zu tun? Wenn das seine Absicht ist, wird in weniger als zwanzig Jahren die Hälfte der Bevölkerung, ermüdet vom Kampf gegen das Elend, in den Gefängnissen Zuflucht suchen."* In Coldbath gibt es 520 Zellen: In ihnen werden vorzugsweise die Kinder untergebracht, damit sie wenigstens während der Nacht absolut isoliert sind. Alle Zellen werden äußerst sauber gehalten; das Bett hat einen Gurtboden, auf dem eine gute Matratze liegt, ein Kopfkissen und zwei Decken. Ein Brett an der Wand dient als Tisch. Jede Zelle ist belüftet; aber durch Verschulden des Architekten sind einige dunkel. Alle Wände, ebenso die Aufgänge, werden zweimal jährlich mit Kalk getüncht. Man ist nicht, wie in den französischen Gefängnissen, schlechtem Geruch ausgesetzt. Die Kinder und Frauen haben große Mühe, das Schweigegebot zu halten. Daher sah ich eine Menge von unglücklichen Kleinen, die zur Strafe in besondere Zellen (solitary confinement) gesperrt waren. In allen Zellen sah ich Bibeln.*

* „ Ein armer, sechzehn Jahre alter Kaminkehrer, ganz zerlumpt, barfüßig und mit roten, von der Kälte rissigen Beinen, wurde wegen irgendeines leichten Vergehens ins Gefängnis gesteckt. Das warme Bad, das man ihn bei seiner Aufnahme nehmen ließ, erschien ihm köstlich; aber sein größtes Erstaunen erregte die Aufforderung, Strümpfe und Schuhe anzuziehen. Werde ich das hier tragen ? Und das da? Und dies andere auch noch?, so fragte er bei jedem Kleidungsstück, das man ihm gab. Seine Freude wurde überschwenglich, als er seine Zelle sah. Mit Entzücken wandte er seine Decke hin und her und wagte nicht, an so viel Glück zu glauben. Zögernd fragte er, ob es auch wahr wäre, daß er in einem Bett schlafen könne. Am nächsten Tag, als ihn der Vorsteher fragte, wie er über seine Lage denke, rief er aus: ,Was ich darüber denke! Der Teufel soll mich holen, wenn ich je im Leben arbeite!' Das Kind hielt Wort: Später wurde es deportiert." (Bericht der Kommissare, nach Moreau- Christophe, op.cit.)

Als ich im letzten Hof war, kam der mit der Unterrichtung der Kinder betraute Lehrer, um seine Stunde zu halten. Mit welcher Ehrerbietung grüßte ich den ehrwürdigen Alten! Seit fünfzehn Jahren übt er dieses Amt aus. Welche Hingabe ist vonnöten, um sich damit abzufinden, mitten unter Kindern zu leben, die dem Laster verfallen, die der Schande und dem Leid geweiht sind. Auf dem Gesicht dieses Mannes liest man die Güte seines Herzens. Seine Stimme ist sanft, zu den Kindern spricht er mit Wohlwollen und einer Fürsorglichkeit, die sie aufrichtet und jegliche Furcht aus ihnen verbannt. Nachdem ich mehrere Abteilungen besucht hatte, in denen ich überall die gleiche Sauberkeit, die gleiche Ordnung und den gleichen Gesichtsausdruck feststellte, betrat ich den Hof, wo sich die bereits zum fünften Mal rückfällig Gewordenen befanden. Ich war darauf gefaßt, dort jenen scheußlichen Gesichtern zu begegnen, denen das Verbrechen wie in Bronze gegossen einge- prägt ist, jenen von der Entfesselung der Leidenschaften gefurchten Gesichtern, in denen die Unverschämtheit, die Durch- triebenheit, die Dreistigkeit und der weiterwirkende kriminelle Wille ihre fürchterlichen Züge zeigen. Freilich kam all das vor. Doch ich war erstaunt, auf all diesen Gesichtern den Ausdruck der Lange- weile zu erkennen, einer auf's Äußerste gesteigerten Langeweile! Nicht einer von ihnen richtete den Blick auf uns, alle waren gegenüber unserem Kommen und Gehen völlig gleichgültig. Alle schienen in eine apathische Schläfrigkeit versunken. Diese Männer, die ein Automatenleben führen, deren Leidenschaften vernichtet und deren Seelen abwesend scheinen, zeigten dennoch

*

Strafen:

Auspeitschen Eisen Einzelhaft andere Bestrafungen

Auspeitschen Eisen Einzelhaft andere Bestrafungen
Auspeitschen Eisen Einzelhaft andere Bestrafungen
Auspeitschen Eisen Einzelhaft andere Bestrafungen

9

4

3 232

8 760

(Tabelle der Bestrafungen in Coldbath Fields während eines Jahres, nach: Moreau- Christophe.)

Spuren ihrer Verbrechen, das Siegel der Verdammnis und der tiefgehenden Verzweiflung in ihren Gesichtern; ein Schauspiel von höllischem Schrecken. In dieser Abteilung gab es viel mehr Häftlinge als in den anderen. Sie waren älter, schienen leidender, trister, weniger gepflegt in ihrer Kleidung und schmutziger. Ich wurde von diesem Unter- schied überrascht und suchte den Grund in Erfahrung zu bringen; so fragte ich den Vorsteher. „Diese Gefangenen", sagte er mir, „machen uns viel mehr Mühe als die anderen: Nicht, daß sie widersetzlich wären, doch ihre übermäßige Nachlässigkeit, die großen Schwierigkeiten, die es bereitet, sie zum sich Kämmen, sich Waschen und zum Bürsten ihrer Kleidung zu bewegen, erfordern eine strenge Aufsichtsführung. Einige möchten nicht ins Freie gehen. Zuweilen weigern sich mehrere, zu essen. Daher sind sie fast immer krank. Gerade diese Abteilung bevölkert die Krankenstation.

- Man könnte geneigt sein, ihnen einen unfriedlichen Charakter zu unterstellen. Worauf führen Sie diese dem Anschein nach so gegensätzliche Wesensart zurück?

- Auf die Langeweile. Es ist selten, daß Wiederholungstäter sich

ans Gefängnisleben gewöhnen." Das ist begreiflich: Die Eintönigkeit dieses untätigen, schweig- samen Lebens muß eine völlige Apathie herbeiführen und hernach wird das Leben zu einer erdrückenden Last. Für solche Männer gibt es ein Leben nur in Maßlosigkeit. Sie lieben es, ihr Leben auf's Spiel zu setzen, sie lieben die Erregung des Lasters und können sich nicht an dieses Leben des Gelähmtseins gewöhnen. Nie hat der Geist irgendeine Macht über sie gehabt und seine Kräfte sind wirkungslos geblieben. Innerer Friede und Ruhe sind für sie die größte Qual! Sie vermissen das Leben voller Abenteuer, Gefahren und Entbehrungen bitterlich, wie auch die Zeit, als ihr Verstand, ihre Einfallskraft, ihr Mut und ihre Geschicklichkeit ständig gefordert waren. Leider! Man wird wohl zugeben müssen, daß diese Menschen den Kampf brauchen, einen verbissenen

Kampf gegen Elend, gegen Hindernisse aller Art und gegen die Gesellschaft; und 'wer einmal eine wilde Freude empfand, dem Gefängnis, dem Zuchthaus oder dem Schaffot zu trotzen, kann die dumpfe Untätigkeit, die Grabesstille von Coldbath nicht ertragen. Diese Folterqual übersteigt ihre Kräfte und übertrifft alle anderen Folterqualen. Im übrigen zeigt die Anzahl der Rückfälligen, daß die Menschen durch Strafen überhaupt nicht gebessert werden: Mit Unter- weisung muß man zu Werke gehen, denn nur die Gewöhnung an Ordnung und Arbeit besitzt als einzige die Macht, der Gewöhnung an Laster und Verbrechen entgegenzuwirken. Aber welche Strafvollzugsordnung sich eine Nation auch immer gibt - sie scheint mir absurd, wenn der Rückfall die Unverbesser- lichkeit des Schuldigen oder die Wirkungslosigkeit der Besser- ungsmittel beweist, sie scheint mir absurd, 'wenn man den Rückfälligen ins gesellschaftliche Umfeld zurückversetzt, an das ihn zu gewöhnen einem nicht gelungen ist. Wenn die Strafvoll- zugsordnung den Schuldigen nicht bessern hat können, muß ihn die Gesellschaft deportieren, ihn in den Bergwerken festhalten oder es ihm verunmöglichen, Schaden anzurichten. In allen Gefängnissen Englands gibt es eine sehr große Zahl von Rück- fälligen.* Die Männer dieser Abteilung fallen durch ihre Schweigsamkeit auf. Es ist nahezu überflüssig, ihnen Schweigen zu gebieten. Es kommt oft vor, daß sie sich weigern, eine Antwort auf die Fragen zu geben, die die Aufseher an sie richten. Die Krankenstation von Coldbath ist ein Aufenthaltsort der Ruhe und Behaglichkeit. Im allgemeinen gibt es recht wenig Kranke. In

* „Auf 109 495 Personen, die im Verlaufe des Jahres 1837 in den verschiedenen Gefängnissen Englands weilten, zählte man24 876 Wiederholungstäter, von denen 12 920 zum erstenmal, 5 190 zum zweitenmal, 2 312 zum drittenmal, 4 454 zum viertenmal oder noch öfters rückfällig geworden waren. Sehr viel zahlreicher müssen die nicht festgestellten Wiederholungsfälle sein." (Moreau-Christophe)

zwei großen Zimmern sah ich zwölf bis fünfzehn eher kraftlose als kranke Männer: Die einen nahmen Tee zu sich, die andern lasen, bequem liegend, in der Bibel, einige spazierten herum, während andere ruhig miteinander plauderten. Fast hätte man denken können, sie wären frei. Das in dieser Krankenstation vorherrschen- de Wohlbefinden zeigt zur Genüge, daß der Vorsteher in jedem kranken Gefangenen nur einen leidenden Menschen, einen unglücklichen Bruder sieht, dem zu helfen seine Pflicht gebietet. Ich sah dort einen jungen Mann von sechsundzwanzig Jahren, der, weil er einen seiner Freunde in einem Streit getötet hatte, zum Tode verurteilt worden war. Dieser Mörder gehörte einer der besten Familien der Aristokratie an und besitzt eine Rente von 6 000 Pfund Sterling (150 000 Fr.). Wäre er ein Kind des Volkes und ohne Vermögen gewesen, dann hätte sein Hals den Druck des tödlichen Halseisens verspürt. Doch dank des Einflusses seiner Verwandtschaft und mehr noch der Hingabe eines Teiles seines Vermögens, wurde seine Strafe zu sechs Jahren Haft in Coldbath umgewandelt. Auch dort wird die Faszination einer hohen gesellschaftlichen Stellung spürbar: Der junge Mann durfte in der Krankenstation bleiben, obgleich ihm nichts fehlte. Wenn schönes Wetter ist, geht er im Garten spazieren und verbringt seine Zeit damit, Französisch zu lernen, da es seine Absicht ist, sich in Frankreich niederzulassen, sobald seine Strafe verbüßt ist. Abgesehen von dieser Ausnahme, die man bei einem Volk, das das Gold anbetet und noch an den Wert von Adelstiteln glaubt, entschuldigen muß, gibt es in Coldbath keine Privilegien. Die Kantine wurde kategorisch und für alle abgeschafft und die Nahrung ist für alle gleich, ohne daß irgendwer auch nur die geringste Vergünstigung erhielte. Ich sah die Gefangenen beim Abendessen: Jede Abteilung hat ihren Speisesaal. Die Tische aus schönem, hellem Holz, das durch Politur zum Glänzen gebracht wird, werden sorgfältig gebürstet, abgeseift und geputzt. Nicht der kleinste Fleck beschmutzt die glänzende Oberfläche. Der kleine Napf, aus dem die Gefangenen essen, ist aus Zinn. Er wird

gereinigt, gescheuert und ist dann blitzblank wie Silber. Die Nahrung ist gesund und reichlich, doch von langweiliger Eintönigkeit: Am Morgen ein großer Napf voll Brei aus Grütze, zum Mittagessen Brotsuppe mit Gemüse und zweimal in der Woche Fleisch; am Abend gibt es nochmals Grützenbrei. Das Brot ist ausgezeichnet. Jeder Gefangene erhält zum Mittagessen ein gut durchgebackenes, rechteckiges Brötchen mit schöner gelber Kruste, das einen appetitanregenden Geruch verströmt. Ich schnitt mir ein Stückchen ab, um es zu kosten: Es ist weiß, wie das schöne Brot von Paris und besser als jedes andere, das ich in London gegessen. Mit Sicherheit läßt sich behaupten, daß in Irland selbst die Bauern erster Klasse nie ein so gutes Brot gegessen haben, noch nicht einmal an ihrem Hochzeitstag. Das Brot von Newgate ist nicht ganz so schön. Nach dem Mittagessen geht jeder seinen Besorgungen nach:

Diejenigen, die Dienst hatten, machten sich an die Reinigung der Speisesäle und Höfe, andere gingen in den Schulraum. Viele waren damit beschäftigt, aus alten Seilen Dichtwerk zu fertigen, während die zum tread-wheel Verurteilten auf ihr Folterwerkzeug stiegen.* Zumeist geht der Besucher, sieht er das langsame, scheinbar keinerlei Anstrengung abverlangende Treten des im tread-wheel reglos schwebenden Delinquenten, an diesem Rad vorbei, ohne zu ahnen, daß der Mensch, der es bewegt, die größten Folter- qualen erleidet. Diese höllische Maschine offenbart die ausge- suchte Grausamkeit ihres Erfinders, die ich nicht hätte erahnen können, hätte mir der Vorsteher nicht die von ihr erzeugte Wirkung erklärt. Gerade die extreme Langsamkeit, mit der sich die riesige Trommel dreht, ist die Ursache der Qual. Sie macht nur

* „Die Konstruktionskosten eines tread-wheel schätzt man pro Person auf 15 bis 20

Pfund. Das tread-wheel der Besserungsanstalt Coldbath Fields hat angeblich mehr als 12 000 Pfund (300 000 Fr.) gekostet." (Moreau-Christophe) Also ein

Folterinstrument, das ziemlich teuer kommt!

achtundzwanzig bis dreißig Umdrehungen in der Minute, weil ihre Schwellen sehr weit auseinander liegen, was das Treten des Büßers langsam, mühsam und äußerst schmerzhaft macht. Er muß die Beine sehr weit auseinandereißen, um die Schwelle zu erreichen, und dadurch hängt eines seiner Beine fast dauernd in der Luft, und immer wenn die Schwelle auf ihn zukommt, muß er seine ganze Kraft aufwenden, sie zu erreichen. Sein Rumpf verharrt während des entsetzlichen Tretens in vollkommener Regungslosigkeit. Die schwindelerregende Langsamkeit der Be- wegung bewirkt eine Versteifung der Glieder und löst Dreh- schwindel und Magenkrämpfe aus. Manchmal wird einer ohn- mächtig, fällt von der Höhe der Maschine und bricht sich bei seinem Sturz ein Glied oder verunglückt tödlich. Diese Folter irritiert das gesamte Nervensystem des Büßers, macht ihn häufig zum Krüppel und verursacht Leistenbrüche und chronische Erkrankungen. Ich habe Männer und Kinder aus dem tread-wheel in Coldbath heraussteigen sehen. Nicht einer hatte auch nur die geringste Spur von Schweiß auf der Stirn. Im Gegenteil, alle schienen sie zu frieren. Sie waren blaß, einige sogar violett. Ihre Muskeln waren überdehnt, ihre Augen tot, und alles an ihnen zeigte den bis zum Äußersten getriebenen körperlichen Schmerz. Mehrere dehnten ihre Glieder, andere gähnten. Man bemerkte, daß Frauen, junge Menschen und vor allem Kinder viel mehr unter dieser Folter leiden als gestandene oder alte Männer, was beweisen würde, daß sie viel mehr das Nervensystem angreift, als daß sie an den Kräften zehrt. Will man vorgeben, mit solchen Mitteln einen jungen Mann zu bessern, der sich dazu verleiten hat lassen, den Gesetzen der Gesellschaft zuwiderzuhandeln? Zu bessern durch die Irritation seines Nervensystems, das ohnehin schon sehr reizbar ist, durch die Zerstörung seiner Gesundheit? Bildet man sich vielleicht ein, ihn auf den guten Weg zurückzuführen, indem man ihn für sein ganzes Leben zum Krüppel macht und seinen Körper und Geist ausmergelt? Es ist wahrlich nicht zu verstehen, wie ein Volk, das

wegen der Rechtschaffenheit seines Urteils gerühmt wird, eine so barbarische Folter zur Bestrafung und Grabesstille und Müßiggang zur Besserung hat akzeptieren können! Die übertriebenen Strafen verderben nur, bessern aber nicht. Der fortwährende körperliche Schmerz, dem der Delinquent ausge- setzt ist, führt seinen Tod herbei, oder bringt zumindest seinen Organismus aus dem Gleichgewicht und stumpft ihn ab. Die derart abgestumpften Menschen sind zu nichts zu gebrauchen. Es wäre besser, sie zu töten, als sie nach dem fünften oder sechsten Rückfall zu deportieren. Im Gegensatz dazu werden viel weniger verdorbene Menschen, die sich manchmal sogar bessern würden, ohne Urteil deportiert.*

* „Die Strafkolonien Englands beweisen, daß der Niedergang eines aus der Zivilisation verwiesenen und in die Barbarei gefallenen Menschen die Grenzen der Vorstellungkraft sprengt. Wie Irland das Musterbild des Elends ist, so sind die englischen Strafkolonien das perfekte Muster an Verderbtheit, zu der der Mensch fähig ist. Hier eine kurzgefaßte Beschreibung der Verdorbenheit, zu der ein Mensch gelangen kann: ,Die Blicke Gottes', sagt Doktor Ullathorne, der australische Generalvikar in einem Werk, das er über dieses traurige Land veröffentlicht hat, ,die

Blicke Gottes haben sich seit der Sintflut niemals auf ein derartiges Volk wie das hier gesenkt. Ein Volk, wo man sich ohne Zuneigung eilig paart, wo jeder seinen Sinnen lebt. Eine Gesellschaft ohne die Gefühle, die eine Gesellschaft ausmachen, und in der die Männer in der Perversion, die Frauen in der Schamlosigkeit, die Kinder in der

Frechheit vollendet sind