„Queere“ Räume sind kein Ersatz für FLT-Räume

Diskussionsansätze für das Verhältnis von „queeren“1 Räumen und FLT* Räumen am Beispiel des LaD.I.Y.fest Berlin 2012
Dies ist ein Brief von einigen Besucher_innen des letzten bzw. der vorigen LaD.I.Y.feste, der an die LaD.I.Yfest-Orga gerichtet ist, aber auch an alle Menschen, die sich, wie wir, einer queerfeministischen Szene zugehörig fühlen. Es geht uns um zwei Dinge: Wer ist in der Orga und für wen sind die Veranstaltungen/Workshops geöffnet. Danke, dass ihr das LaD.I.Y.fest organisiert habt, es war für uns immer ein wichtiger Ort zum Austausch, Vernetzung und feministischem Empowerment, was sich aber verändert hat. Uns ist bewusst, dass es sicherlich eine Menge Arbeit war und wir finden es wichtig, dass es so ein feministisches Festival gibt! Wir finden, dass ihr mit der Organisation des Festivals eine Verantwortung für ein Empowerment von FrauenLesbenTrans* (kurz: FLT*) übernommen habt. Deswegen finden wir es wichtig, dass ihr euch mit der Kritik, die wir euch vermitteln wollen, auseinandersetzt. Wichtig ist, dabei auch mitzubedenken, dass Berlin oft ein Beispiel für andere (kleinere) Städte ist (auch wenn wir das nicht gut finden), und dadurch eventuell Veränderungen, die wir nicht wollen, schneller verbreitet werden. Wir haben festgestellt, dass ihr die Orgastruktur des Ladyfests so verändert habt, dass es nicht mehr ein nur von FLT* organisiertes Festival ist. Dies finden wir sehr problematisch. Wir fragen uns, warum ihr die Gruppe verändert habt, welche Schritte und Diskussionen dem voraus gegangen sind und ob ihr euch über die Konsequenzen Gedanken gemacht habt? Unseres Wissens nach gab es weder eine transparente Diskussion, noch Kommunikation der Ladyfest-Orgastruktur nach außen. Wir finden, das zeigt, dass FLT*-Räume nicht ernst genommen werden. Queere Räume sind wichtige Räume, aber kein Ersatz für FLT*Räume. Wir finden es anstrengend, dass die Notwendigkeit und Wichtigkeit von FLT*-Räumen immer wieder zur Debatte gestellt wird und wollen hier keine Rechtfertigungsdiskussion anzetteln. Wir finden es problematisch, bestehende FLT*Räume so zu verändern, dass sie nicht mehr FLT* sind. Ein Vorschlag wäre, mehr und neue Räume zu schaffen! Die Idee von Ladyfesten war und ist ein Empowerment für von Sexismus benachteiligte Menschen. Es geht darum, sich in Sachen, die in weiblicher Sozialisation nicht vorkommen, oder die FLT*Personen abgeschrieben werden, auszuprobieren. Einige Beispiele dafür sind technische, musikalische und organisatorische Fähigkeiten. Dies soll in einem sichereren, FLT* Raum, in dem es vor allem um eine Auseinandersetzung mit Sexismus geht, stattfinden. Dies bedeutet für uns nicht, dass jeder Workshop und jede Party FLT* sein muss, aber dass FLT*s eine klare Priorität bei allem haben. Wie passt genderqueer als Zusatz zu FLT* in das Konzept Ladyfest rein? Was bedeutet genderqueer eigentlich für euch? Für uns gibt es keine „erweiterten FLT*plus“ Räume, da eine „Öffnung“ von FLT* Räumen zu einer Schließung für einige/viele FLT*s führt. Dies führt zu einer Entsolidarisierung mit FrauenLesbenTrans*. Warum müssen sich FLT*s mit einer „Öffnung“ ihrer Räume beschäftigen? Warum haben FLT*s schon wieder die Aufgabe, sich um das

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Mit „queere Räume“ meinen wir sexismuskritische „open for all genders“-Räume (wie der Begriff auch meist in der queeren Szene benutzt wird), es geht uns also darum: für wen ist der Raum.

Wohlbefinden von Cis-Männern2 und anderen Menschen zu kümmern, die männliche Privilegien aus ihrer Sozialisation mitbringen und diese auch noch haben (anders als Menschen, die weiblich sozialisiert sind oder/und jetzt als Frauen leben)? Dies führt zu einer Reproduktion der Pflegerolle, die wir als weiblich sozialisierte Menschen erlernt haben und immer noch zugeschrieben bekommen. Das Bemühen, dass auch Cis-Männlichkeiten Zugang zu Räumen haben und sich in diesen wohl fühlen, die eigentlich für FLT*s notwendig sind, lässt diese Pflegerolle (bzw. Reproduktionsarbeit) unreflektiert. Wir fordern stattdessen, dass Cis-Männer sich endlich mit ihren eigenen Privilegien auseinandersetzen, statt zu glauben, dass sie selbst Betroffene von Sexismus seien (dann würden sie gar nicht auf die Idee kommen, Raum bei einem Ladyfest zu beanspruchen). Offensichtlich sind sexistische Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft noch längst nicht abgeschafft, sodass die Notwendigkeit besteht, dass sich Cis-Männer mit ihren eigenen Privilegien auseinandersetzen, anstatt Teilhabe an FLT*-Räumen zu beanspruchen. Das heißt für uns zum Beispiel, dass sie selber Räume schaffen, in denen Sexismus und andere Machtverhältnisse thematisiert werden, und nicht nur von der Arbeit, die FLT*s gemacht haben, profitieren. Die Sexparty des LaD.I.Yfest Berlin 2012 war „open for all genders“ anstelle FLT*. Diese Entscheidung hat viele Konsequenzen. So werden männliche Privilegien reproduziert und verfestigt, weil eine Öffnung für Cis-Männer gleichzeitig eine Schließung für einige FLT*s bedeutet und immer eine Veränderung für alle FLT*s. Es gibt viele FLT*s, die (besonders bei einer Sexparty) keine Lust auf Cis-Männer haben oder sich nicht Wohl fühlen. Die Party ist so kein Schutzraum mehr. Die Sexparty im Rahmen eines Ladyfestes sollte zum Empowerment von FLT* beitragen, doch so gehört ihnen der Raum nicht mehr. Wenn es Probleme mit der Organisation oder mit Räumlichkeiten gibt, die Sexparty nur für FLT*s zu machen, sehen wir zwei Lösungen: Entweder auf die Sexparty zu verzichten, aber dabei die Idee des Ladyfest ernstzunehmen; oder die Party erst zu machen, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, auch wenn das ein späterer Zeitpunkt ist. FLT*-Räume sind (immer noch) wichtig und keineswegs „veraltet“! Wir hoffen eine Diskussion anregen zu können, wie queere Räume und FLT*-Räume geschaffen und erhalten werden können, ohne dass FLT*-Räume zu „open for all genders“- Räumen werden, denn wir haben den Sexismus in dieser Gesellschaft noch lange nicht überwunden und wollen und brauchen unbedingt Empowerment-Räume für FLT*s. Wir sind alle in der Verantwortung, FLT*-Räume zu erhalten. Wir finden eine Auseinandersetzung wichtig und notwendig. Am sinnvollsten fänden wir, wenn diese öffentlich geführt wird, ihr könnt uns aber auch direkt antworten auf: feministhooligans@riseup.net Wir freuen uns, wenn der Text weitergeleitet wird.

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Cis bedeutet für uns, dass die bei der Geburt zugewiesene Geschlecht mit der gelebten Geschlechtsidentität übereinstimmt

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