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Wie die Schweizer Wirtschaft tickt

Die letzten 50 Jahre, und die nächsten protokolliert von Beat Kappeler

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Einführung

Erstaunlich, wie drastisch sich Gesellschaft und Wirtschaft in nur 20 oder 30 Jahren verändern und wie wenig wir davon in der Schweiz, in Europa und in der Welt bemerken. Gewohnte Denkfiguren und alte Kämpfe stecken noch in den Köpfen, in den Debatten. Mein Elternhaus mit Gewerbebetrieb, meine Tätigkeiten als Journalist, als Volkswirtschafter im Sekretariat des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB), wieder als Journalist, als ausserordentlicher Professor in Lausanne und als Mitglied der Kommunikationskommission liessen mich seit 1950 in viele Mechaniken des gesellschaftlichen Lebens blicken, in die Motive der Menschen und in das, was dann schliesslich dabei herauskam. Und das ist oft ganz anders, als viele meinen. Wir stecken eben viel zu stark selbst drin. Ich gehöre zur Babyboomergeneration. Sie hat gewonnen, dank ihren seit dem Aufruhr 1968 erprobten Gesellschaftstechniken, sie hat das Land, die Institutionen, die Köpfe nach ihrer Façon ausgerichtet. Aber manche nun Altgewordene kämpfen diese Kämpfe immer noch, bis zu den Entschuldigungsritualen wegen Zweitem Weltkrieg, Kolonialismus, Ausländerintegration, fehlgeleiteter Sexualität und anderen Schrecken.

Das Neue ist anders, als wir denken!

Das Neue kann auch diese Generation in ihren errungenen Ämtern wiederum, wie ihre Väter der 1950er-Jahre, kaum erkennen, nämlich:

– eine leidenschaftslose Globalisierung durch das neue, utilitaristische Asien,

seinen Aufstieg nicht durch Entwicklungshilfe alten Stils mit Geld, sondern mit Bildung, Weltmarktorientierung und freiem Berufszutritt – im Gegensatz zu Teilen Afrikas und Lateinamerikas;

– den erreichten «keynesian endpoint» in den alten Industriestaaten, das Ende also des dauernden Ankurbelns von Nachfrage, der Umverteilung, nach welcher heute die Hälfte der Haushalte Geld vom Staat bekommt, was aber die Anbieter von Arbeitsplätzen und Produkten entmündigte, die Staaten Westeuropas ruinierte und nun für Hunderte von Millionen Menschen soziale Unsicherheit schafft, weil Arbeit wie Kapital fehlen und die Versprechen zurückgenommen werden müssen;

– die Verreglementierung der Lebensgestaltung Einzelner zugunsten von Gruppenrechten der Konsumenten, Mieter, Arbeitnehmer, Umwelt- und Sozialbewegten, Einspruchsberechtigten, Datengeschützten, Verkehrsteilnehmer, Aussenseiter, Agrarbranchen, elektronischen Medien, Tiere, wonach bald «was nicht schon verboten ist, befohlen ist»;

– das Erfolgsmodell des freien Arbeitsmarktes der Schweiz oder Dänemarks, der die Vollbeschäftigung bewahrte, und wo nicht mehr industrielle Massenausbeutung herrscht, sondern motivierte, qualifizierte Arbeit in Partnerschaften, Teams und Projekten erfolgt;

– einen offenen Weltmarkt, und damit Weltarbeitsmarkt, der nicht von Superstaaten wie den USA oder der EU beschickt wird, sondern den einzelne Firmen und ihre Belegschaften in den Wertschöpfungsketten bestreiten – wenn die Staaten sie dies mit günstigen Produkt- und Arbeitsmarktregeln tun lassen;

– eine EU, die vom nützlichen Binnenmarktprojekt der 1950er-Jahre zur Harmonisierungswalze und zum Transferstaat wegen der Fessel des Euro wurde, und etwas völlig anderes als noch die EWG oder EG ist, für die man sich begeistern konnte;

– eine Schweiz mit gesellschaftlichen Spielregeln, die im Gegensatz zum übrigen Europa «bottom-up» anstatt von politischen Visionen «top-down» bewegt wird und deshalb dynamisch blieb;

– das dadurch bewirkte Aufrücken der Schweiz zu einem «Weltstaat» mit Weltgang, nicht im Alleingang, zu einer Metropolitanregion wie Südengland, Kalifornien, Australien, Vancouver, Singapur, Shanghai, mit hoch qualifizierten Zuzügern, und als Kopf weltweiter Netze;

– die Schweiz als erfolgreichen «melting pot», aber nicht mehr von unqualifizierten Zuzügern der 1950er- und 1990er-Jahre, die übrigens in den Arbeitsmarkt gleich gut integriert sind wie Schweizer, sondern heute mit zuwandernden Kadern, die man nicht im alten Stil integrieren muss, die aber Wettbewerb und Wohlstand schaffen;

– die intellektuelle Dynamik aus den angelsächsischen Ländern, entgegen dem in alten Mentalitäten verharrenden Frankreich, dem früheren Orientierungspunkt vieler Intellektueller, und entgegen Deutschlands Glitterati, die nur in den Kategorien gleich/ungleich, Täter/Opfer, Problem/Staat denken und immer noch historische Schuld wälzen;

– das Leben mit unausweichlicher Differenz statt Gleichheit in offenen, Welthandel treibenden Ländern und in Einwanderergesellschaften für Kaderleute und Vermögliche.

Ich protokolliere hier, wie dies alles kam, wie es heute läuft und wie die nächste Zukunft laufen kann und soll. Wie die Schweiz tickte, tickt und ticken wird. Zuerst blicken wir mit ein paar gerafften Zahlen kurz auf das galoppierende Wachstum und den Neuerungsschub seit dem Zweiten Weltkrieg.

Der Ursprung der Wohlstandsgesellschaft nach 1945

Von aussen profitierte die Schweizer Wirtschaft nach dem Krieg durch allgemeine technische Fortschritte, die sie innehatte oder sofort übernahm. Es war nicht nur der intakte Produktionsapparat, der ein ausgehungertes und

ausgebombtes Europa beliefern konnte. Die damaligen Techniken der mittleren und grossen Schweizer Firmen zählten zur Hochtechnologie, wie man heute sagen würde. Dazu gehörten: Turbinen, Generatoren, Stromübertragung, Pharmazie, Nahrungsmittel, Bankwesen, Versicherungen, Rückversicherungen, Tourismus. Das günstige Öl und die einheimische Wasserkraft sicherten die Antriebe und Kalorien des Landes. Der tiefe Frankenkurs und die günstigen Zinsen unterstützten die Exportwelle. Die Handelsdiplomatie brachte dank Europäischer Freihandelsassoziation (EFTA), Allgemeinem Zoll- und Handelsabkommen (GATT)/Word Trade Organisation (WTO) und 1972 mit der Europäischen Union (EU) multilaterale Marktöffnungen zuwege. Hans Schaffner, der Chef der Handelsabteilung, nachmaliger Bundesrat, schuf fast im Alleingang die EFTA als komplementären europäischen Binnenmarkt gegenüber der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Die Volkswirtschaft nahm damals Sätze, die sich wie die heutigen chinesischen Wachstumsraten ausnehmen – plus 7,3 Prozent für 1950, plus 6,5 Prozent in den Jahren 1955 und 1956, sodann plus 7 Prozent für 1960, plus 8 Prozent für 1961, und noch 1970 plus 6,7 Prozent. Auch wenn man die Einwanderung der Italiener, nachher der Spanier und Türken einbezieht, nahm der Wohlstand pro Kopf fast gleich viel zu. Die Reallöhne stiegen nicht so schnell, sodass den Firmen viel Kapital für neue Investitionen und eine schnelle Ausbreitung über den ganzen Erdball verblieb. Wenn heute etwa 1,8 Millionen Arbeitende in Schweizer Firmen weltweit beschäftigt sind, stützt dies auch die Arbeitsplätze im metropolitanen Zentrum Schweiz. Diese nahmen zwischen 1950 und 1970 um die enorme Zahl von 770000 Personen zu. Vor der Ölkrise, nämlich 1970, gab es in der Schweiz genau 104 Arbeitslose. Schon mehrmals rissen sich die Schweizer Wirtschaftsführer mit kühnen Adaptationen zur Weltwirtschaft hoch. 1876 kam eine ihrer Delegationen geschockt von der Weltausstellung in Philadelphia zurück: Die amerikanische Industrie produzierte nicht mehr Einzelstücke mit aneinandergereihten Facharbeitern, sondern mit Maschinen und in Serie. Innerhalb weniger Jahre

stellte sich die Schweizer Wirtschaft darauf um. 1919 schifften sich 200 Industrielle nach den USA ein, um Henry Fords Fliessbänder zu studieren, unter ihnen Oscar Bally, Walter Boveri, Carl Sulzer, Jacob Schmidheiny, Karl H. Gyr und Louis Raichle. Solche technischen Quantensprünge stehen auch heute an. Die Schweiz könnte ohne ihr heutiges Moratorium das rückständige Europa in der Gentechnik überflügeln. Man muss Geschäftsmodelle des Internets wie das iPhone und das iPad von Apple sowie deren Applikationen und das Elektronikbuch Kindle von Amazon entwickeln. Die Schweizer Erfolge mit Doodle oder Tilllate zeigen, dass es geht. Dazu braucht es endlich eine stärkere Softwareindustrie, die heute importabhängig ist; es braucht den Mut zu Gratisdiensten im Netz, die auf Werbeeinnahmen basieren, oder Systeme des Micropayments für Medien und Dienste. Die Verlage müssen ihre Bücher elektronisch verkaufen, wie alle in den USA es schon tun. Alle Einwohner müssen fliessend Englisch können und mit amerikanischen, asiatischen Usanzen vertraut sein. Diese neuen Techniken warten v. a. auf das, was Schweizer seit je am besten konnten, nämlich diese anzuwenden und mit bestehenden Geschäftsmodellen zu verbinden. Die neuen Techniken erlauben Gründern und neuen Selbstständigen wie vor 50 Jahren, selbst einzusteigen; es braucht nicht mehr die Giganten der Stahlwerke oder Autofabriken; es muss nicht alles hier erfunden werden.

Der Wohlstand kommt nicht von ungefähr

Weitere Wachstumstreiber der 1950er- und 1960er-Jahre bestehen noch immer. Dazu zählt die konsequente Ausrichtung der Handelsdiplomatie auf den Weltmarkt und einen offenen Europamarkt – dort aber nicht auf mehr. Die Übernahme der vielen Einschnürungen im Arbeitsmarkt, Geschäftsleben und Steuerwesen sowie der Einheitswährung Euro würde die Schweiz vom

«Weltgang» abhalten, mit dem sie den Wettbewerb mit den Asiaten und den USA heute bestens bestreitet. Der Franken kann von der Schweiz bestimmt werden, damit auch das Zinsniveau, der Aussenkurs und die Konjunkturimpulse. Der freie Arbeitsmarkt war nach 1945 – und ist es bis heute – eine Trumpfkarte der Schweiz (und Dänemarks). Wenn ein Unternehmer kündigen kann, stellt er leichthin auch ein. Wenn die Lohnnebenkosten zulasten des Arbeiters nicht zu hoch sind, gibt es keine Schwarzarbeit. Wenn der Unternehmer nicht mit hohen Nebenkosten, Beweislastumkehr und Quoten für Einstellungen belastet wird, investiert er hier und nicht anderswo. Und wenn eine Berufsausübung für den Arbeitenden nicht an immer mehr Diplome gekettet und für den Unternehmenden nicht an immer mehr bürokratische Pflichten und Bewilligungen gebunden wird, geht das Wachstum los und es herrscht Vollbeschäftigung. In den 1950er-Jahren änderten sich die Wirtschaftsstrukturen eher rascher als heute, aber ohne Verwerfungen und Arbeitslosigkeit, denn die Geschäftstätigkeit war kaum an Bewilligungen gebunden, man fing einfach mal an. Der aufstrebende Dienstesektor und die zunehmende Verwaltung stellten ehemalige Handwerker ohne Diplome ein. Dem Lehrermangel wurde mit halbjährigen Umschulungen solcher Leute abgeholfen. Plötzlich waren Nachbarn neuerdings Versicherungsagenten, Lehrer, Verwaltungsangestellte, Kleinunternehmer. Wer einen Lehrling einstellen oder betreuen wollte und will, konnte und kann dies nach ein paar Kurstagen tun. Nach ziemlichen Kämpfen wurden in den 1950er-Jahren auch die in der Depression und im Krieg aufgebauten vermeintlichen Sicherungen der Branchen und der Beschäftigung aufgehoben – das Warenhausverbot, das Filialverbot, das Coiffeurverbot, das Schuhfabrikenverbot, Teile des Landwirtschaftsschutzes. All dies stimulierte neue Unternehmungen und damit Arbeitsplätze. Für meinen eigenen Rückblick auf die Sprungfedern der heutigen Schweiz nach 1945 bieten sich folgende Lupen an:

– Informationstechniken

– Produktivität

– Wirtschaftspolitik

– Sekretariate und die «objektiven Interessen der Arbeiter»

– Die Schweiz funktioniert, weil der Verbandsstaat funktioniert.

– Die Umwelt wurde zur «Frage»

– Woher wir kommen. Wo wir jetzt stecken.

Kapitel 1

Informationstechniken nach den Sanduhren

An einem Abend, es muss 1953 gewesen sein, nahm mich mein Vater ins Landhaus mit, in das damals beste Hotel und Restaurant Herisaus. In einer Ecke gegen die Decke des Restaurants hing ein kleiner Kasten – und begann bläulich zu flimmern: die Versuchsreihe des Schweizer Fernsehens. Der Raum war in meiner Erinnerung zum Bersten voll, und ich glaube, die Leute waren sehr andächtig. Das Fernsehen galt bald als Zeichen der Vergnügungssucht und der Amerikanisierung. Im Nebelspalter verfasste der legendäre Herausgeber und Karikaturist Bö das schöne Gedicht:

«De Chrischte list es Buech. Du armenarme Chrischte, seit en verschrockne Psuech, häsch du kei Fernsehchischte?»

Fernsehen und Kultur waren zwei verschiedene Dinge. Allerdings waren die hausbackenen Sendungen des Beruferatens und dergleichen viel mehr Kultur, als das, was damals die lokalen und städtischen Kinos boten. Es gab die Revolverküchen, wo Kriminalfilme liefen, und wir Schüler sammelten die Deckel der Persilschachteln, gegen welche man im Dorfkino zwei Mal jährlich Dick und Doof sehen konnte. In der Pfarrei nahm sich eine ältliche ledige Lehrerin des Mediums an und gab einen Filmkurs in mehreren Folgen. Vor allem wir Jungen der Pfarrei

waren sehr interessiert, zahlten die paar Franken Kursgeld und sassen im heissen kleinen Pfarreisaal. Im Kampf mit den enormen Filmrollen, die dauernd gewechselt und eingefädelt werden mussten, lieferte die Lehrerin Beispiele für verblüffende Effekte, Kulissenschieberei und dergleichen mit der naheliegenden Aussage, dass der Film auch gefährlich sein könne und durchschaut werden müsse. In der Primarschule baute der Lehrer etwa zwei Mal im Jahr einen grossen Radioapparat mit seiner Stofffront auf, um die Schulfunksendungen zu übertragen. In meiner Erinnerung waren es langfädige, langweilige Ausführungen mit sonorer Altherrenstimme zu dümmlichen Themen. Der Lehrer, ein Dialektdichter und selbst ein gelegentlicher Radioautor, war sichtlich unenthusiastisch. Nach den Stunden drehte er den Knopf, und man sprach nicht weiter darüber. Offensichtlich waren es für ihn Pflichtübungen im Schulstoff. Der Lehrer und die meisten Erwachsenen führten einen erbitterten Kampf gegen die verderblichen Mickey-Mouse-Hefte. Das war ausgesprochener Schund. Wir Kinder Mitte der 1950er-Jahre sahen in diesen Heften, ohne weitere Belehrung, dass die Amerikaner offenbar alle ein Auto hatten, ein Häuschen, einen Kühlschrank, einen Fernseher, dass Geld zum Erfolg zählte und dass man es sofort ausgab, wenn man welches hatte (ausser natürlich Onkel Dagobert). Auch die Partys des Milliardärsclubs von Entenhausen beeindruckten. Man lernte auch das kritische Auge gegenüber der angehimmelten Klassik im Theater, wenn die deutsche Übersetzerin Dr. Erika Fuchs Donald Duck als Laienschauspieler in Ritterrüstung sagen liess: «Weh, welch schröcklich Schicksal dräuet mir.» Das impfte uns viel besser gegen artistisches Gehabe und gegen die Wagnerianer Bayreuths als der Regisseur Christoph Schlingensief, der auf die Bühnen pissen liess. Und das 50 Jahre später! Solches hatten unsere Pädagogen natürlich im kritischen Auge. Ich nahm es aber unserem Lehrer besonders übel, dass er die geliebten und doch so schweizerischen Globibücher in die gleiche Ecke der Unkultur stellte.

Vermutlich war es die Ansicht, dass Wissen über Buchstaben, nicht Bilder gehen müsse. Wir wuchsen in der Buchstabenwelt Gutenbergs auf. 26 Zeichen bildeten die Welt und ihr Wissen genügend ab. Das Schönschreiben wurde in der Schule zu einer notwendigen Dressur, um sich in dieser Welt verständlich zu machen. Fast alles wurde von Hand geschrieben: Briefe, Firmendokumente, auch Artikel- oder Buchentwürfe. In der zweiten Klasse ging man vom Bleistift zur Tintenfeder über. Das war ein feierlicher Moment. Die Lehrerin ging von Platz zu Platz und füllte aus einer riesigen Tintenflasche mit Ausguss die Tintenfässchen im Pult der Schüler auf. Kugelschreiber kamen erst langsam auf und waren in der Schule verboten. Die 1950er-Jahre verliefen – aus Sicht des heutigen Internets – musikalisch ebenfalls ärmlich, auch für Wohlhabende. Denn Musik war kostbar und musste gezielt ausgesucht werden. Es gab das Radio, und gelegentliche Konzerte durch lokale Orchester und Chöre musste man sich im Voraus merken, um hinzugehen. Plattenspieler und Tonbandgeräte kamen auf, die Stücke auf Platten und Bändern dauerten aber nicht lange, man musste immer wieder neue auflegen. Die Platten selbst gab es in beschränkter Auswahl in den Musikgeschäften, wozu man bereits nach St. Gallen fahren musste. Und mit der musikalischen Früherziehung in den Schulen dürften heute wohl mehr Kinder als damals in ein Instrument eingeführt werden. Dafür blieben einem damals die paar Musikstücke, die man hörte, die paar Platten, die man hatte, mit starkem Eindruck haften. Aber vielleicht war das auch eher nur jugendliche Empfänglichkeit, die mich dies sagen lässt. Hingegen singt heute fast niemand mehr, auch nicht die Kinder in den Schulen. Vor einem halben Jahrhundert lernten wir Schüler etwa 50 bis 100 Lieder, welche auch unseren Eltern geläufig waren, und man konnte sofort Musik gemeinsam aufsteigen lassen, fast rauschhaft, zu Hause, an Festen, auf Reisen, in Wirtschaften. Das ist vorbei. Die kleine literarische Elite des Hauptortes hatte eine Lesemappe mit teuren Zeitschriften abonniert, das Du war drin. Es war eine ehrenvolle Aufgabe, vom Lehrer mit der Riesenmappe in grau meliertem Bürokarton zum nächsten

Abonnenten, einem anderen Lehrer, einem Arzt, Chefbeamten oder der Frau des Erziehungssekretärs geschickt zu werden. Ich kann mich nicht erinnern, im Hauptort irgendwann einmal eine ausländische Zeitung gesehen zu haben, ausser vielleicht am Bahnhofkiosk die italienische Sportzeitung für die zahlreichen Fremdarbeiter des Baus und der Industrie im Ort. Als ich mit 18 Jahren eine Sommerstelle als Putz- und Servierbursche in einem Jesuitenhotel in Paris bekam, lernte ich Le Monde kennen und schnupperte Weltniveau. Irgendwann begannen mich die Urzeiten zu faszinieren, und ich erfuhr, dass es in Bern eine Landesbibliothek gab. Dieser schrieb ich mit etwa 14 Jahren, ich hätte gerne ein Buch über die Vorfahren des Menschen. Tatsächlich sandten sie mir eines, das ich verschlang und erst noch mit der beigelegten Klebeadresse gratis zurücksenden konnte. Das imponierte mir sehr und war eine wichtige Erfahrung, dass es irgendwo noch viele ungehobene Schätze gab, dass man dazu gelangen konnte und dass es Einrichtungen gab, die einem dabei gerne halfen. Während der Sekundarschulzeit kamen die Taschenbücher auf, zuerst jene von Rororo, dann von Dtv und andere. Es war eine eigentliche Erlösung – viele Sachgebiete konnte man jetzt billig und kurz kennenlernen. In den Buchhandlungen St. Gallens kaufte ich rasch einige, z. B. etwa 1962 mit 16 Jahren Die Römischen Verträge der EWG als Goldmann-Taschenbuch. Ich weiss noch, wie mich die hochtrabende Juristensprache anzog und abstiess. «Die Hohen Vertragschliessenden Teile» feierten sich da unablässig selbst. Bezeichnend für die damalige Welt der Information aber ist der Aufdruck im Taschenbuch von 1961: «Das Einstellen von Goldmanns Taschenbüchern in Leihbüchereien, Volksbibliotheken, Werkbüchereien und Lesezirkeln ist vom Verlag ausdrücklich untersagt.» Dabei waren wir in Europa noch privilegiert. Als ich 1969 in Tunesien einen Monat in der Société tunisienne d’électricité et de gaz (STEG) arbeitete, besuchte ich die Universitätsbibliothek. Der Zettelkatalog fand in einem Zimmer Platz, und ich sah darin kein Werk, das neuer als die Ausgaben vor 1956 war, welche die Kolonialmacht Frankreich

noch geliefert hatte. Da schien mir die Armut grösser gar als die der Bettler, welche die Strassen der Hauptstadt säumten. Der langen Rede kurzer Sinn: Man kann sich heute in Internetzeiten kaum mehr vorstellen, wie knapp und zufällig Informationen und Wissen für die Jungen waren. Unsere Zeit lag näher an Ueli Bräkers, des «armen Manns im Tockenburg», Ringen um ein paar Einblicke in die Welt als am 21. Jahrhundert der sogenannten Informationsflut.

Elektronische Briefkästen

Ich empfinde übrigens, wie offenbar viele Zeitgenossen, mit denen ich darüber sprach, das Internet mit seiner heutigen Tiefe als so gewohnt und üblich, dass es mir Mühe macht, die erlebten Stufen der letzten 20 Jahre dazu auseinanderzuhalten. Und wenn ich sie dokumentieren müsste, hätte ich so wenig materielle Zeugnisse, etwa Ausdrucke von ersten Homepages, dafür, wie man auf Pfahlbaugrabungen vom damaligen Leben noch findet. Ende der 1980er-Jahre las man von elektronischen Briefkästen, durch welche man Meldungen und Fakten über die Telefonanschlüsse gewinnen konnte. Ich rief die Hauptnummer der damaligen PTT-Generaldirektion in Bern an (wo also noch Post und Telefonie vereint betrieben wurden) und sagte, ich hätte gerne einen elektronischen Briefkasten. Ich wurde etwa vier Mal weiterverbunden und stiess immer auf grosses Staunen. Nach acht Minuten geriet ich wieder an die erste Rezeptionistin, die sagte: «Dir müesst zo emene Spengler gah.» Irgendwie fand ich später heraus, wo ich mich einklinken musste. Dass es nun Kommunikationskanäle gab, die nicht über das Monopol liefen, war ganz neu. Und das Monopol schlief. Oder es tat, als ob es schliefe, damit es seine Briefsparte nicht mit E-Mails kannibalisieren musste. Ich abonnierte mich auf Compuserve, wo man sich einwählte, das Rauschen des Weltalls hörte und dann fünf oder sechs Sachen abfragen konnte – die

Archive der International Herald Tribune und der NZZ, das Wetter, die Börse und eine Witzseite. Nach 1992 kam die ungeheure Neuerung, dass ich mit meinem ersten Flach-PC zur Weltwoche nach Zürich reiste, wo ein Informatiker ein Progrämmchen einpflanzte, mit welchem ich die Artikel direkt an die Redaktion senden konnte, und zwar im Einwegverkehr. Man musste nicht mehr mit dem Artikel oder mit der Diskette zum Expressschalter der Post rennen. Als ich dann, es muss 1995 gewesen sein, im Schaufenster eines Ladens die Netscapeseiten sah, war das heutige Internet auf verfügbare und wunderbare Weise da. Es war, als ob ich ein Wunderland beträte.

Information auf Metall, Wachs und Schnapsmatrizen

Vorher verarbeitete man die Informationen feinmechanisch. Mit etwa 15 Jahren, 1961, hatte ich eine Sommerstelle bei der Appenzell-Ausserrhodischen Kantonalbank, und zwar in der Adrema-Abteilung. Das war die Wertschriftenverwaltung materieller Art. Die Wertschriften jedes Kunden waren in Blechvierecke gestanzt, heutigen Kreditkarten gleich, und in Blechschublädchen hintereinander eingereiht. Jede Wertschriftenart hatte ein Kärtchen, und zwar für jeden Kunden. Wenn er kaufte oder verkaufte, wurde dies auf einer Papierliste bei uns gemeldet, dann griff man sich das Blechstück, stanzte die Zahl und die Namen der Wertschriften mit einem danebenstehenden Apparat darauf und reihte es wieder in eine der Schachteln des Speichers ein. Wollte man einen Auszug machen, etwa für den Kunden oder für die Dividendenzahlung einer Wertschrift für alle Kunden, dann liess man die Kartenschubladen durch eine Druckstelle rasseln, wo jedes Kärtchen ergriffen, abgedruckt und zurückgestellt wurde. Die Blechkärtchen hatten nämlich «Ritter» oben drauf, die dem Greifer der Maschine anzeigten, welche Kärtchen auszudrucken waren, jene für «Müller» oder für «Dividenden BBC». Wie alle Schüler in Sommerjobs lernte ich dort industrielle Disziplin,

nämlich die unendlich langen Vor- und Nachmittage zu überdauern, von 7.30 Uhr bis 12 Uhr und von 13.30 Uhr bis 18 Uhr. Es gab eine Pause, und der Arbeiter der Adrema, in blauer Berufsschürze, da Maschinist, und nicht in weissem Kittel wie die anderen Bankbeamten, bog dann seinen Kopf vollständig in seine tiefe seitliche Pultschublade, ass dort drin einen Teil seiner Schokoladentafel, weil er sich genierte, vor mir zu essen – und vielleicht auch nicht teilen wollte. Das Sparheft der Kantonalbank hatte ich seit frühester Kindheit, und an Neujahr leerten wir das Sparkässelchen. Herr Rotach, der Schalterbeamte, trug dann die Einlage säuberlich mit dicker Stahlfeder ins Sparheft ein, errechnete den neuen Saldo, unterschrieb schwungvoll jedes Mal darunter und trocknete die nasse Tinte mit dem Wiegefliessblatt ab. Die Einlage und den Saldo trug er gleichzeitig in ein enormes Buch der Bank selbst auf einem Stehpult neben dem Schalter ein. Sicher war es nach dem Prinzip der doppelten Buchhaltung eingerichtet, und abends mussten die Schalterbeamten die Summen längs und quer errechnen und in eine Hauptabteilung melden, damit die Bank ihrerseits wusste, wie sie stand. Diese Erinnerung führte mich dazu, in einem Artikel des Jahres 2010 vorzuschlagen, man könnte die Gefahr des Datendiebstahls auf CDs in unseren Schweizer Banken durch ausländische Steuerfahnder vermeiden, wenn man für wichtige Kunden diese einfachen Buchungen auf Papier wieder einführte. Auch sonst lohnt es sich, Dokumente und Notizen analog auf Papier aufzubewahren und nicht zu elektronisieren. Mein Haus birgt daher verschiedene, für Ämter und Persönlichkeiten knusprige Unterlagen, in unendlichen Ablagekästen, Bücherregalen, Kellergestellen, Artikelbeigen gelagert, welche kein Eindringling der Welt, auch keine Polizei, herauszusortieren vermöchte. Desgleichen erstaunt es doch, dass in den USA Banken und andere Firmen wegen «conspiracy» zu riesigen Geldstrafen verurteilt werden, nur weil man ein, zwei E-Mails auf ihren Computern fand, wo Angestellte nicht ganz korrekte Pläne erwogen. Ein kurzes handschriftliches Kärtchen und anschliessend der Schredder wären da besser

gewesen. Übrigens führte die überschiessende Forderung nach Transparenz gegen das Jahr 2000 auch in der Schweiz zu öffentlich zugänglichen Protokollen aller möglichen Kommissionen – Kartellkommission, Kommunikationskommission usw. Doch was die Eiferer nicht voraussahen: Diese Kommissionen notierten danach einfach keine Diskussionen mehr, sondern nur die Beschlüsse, die sowieso bekannt gegeben werden.

Kopieren – nicht so einfach

Im anderen Jahr, 1962 oder 1963, hatte mein Vater mir einen Sommerjob bei der Kantonalen Bauverwaltung besorgt (nicht um mir etwas Gutes zu tun, sondern weil er fand, nach all dem theoretischen Schulzeugs könne richtige Arbeit nicht schaden). Dort musste ich riesige Pläne der Ingenieure und Bauzeichner von ihrem durchsichtigen Pergamentpapier auf normales Papier hinüberkopieren. Im Rohzustand trug dieses Papier eine gelbe Oberfläche, die sich nach etwa einer Minute im Licht verflüchtigte. Wenn man die Pergamentpläne, oft anderthalb Meter breit und lang, auf dieses Fotopapier legte und rasch durch die Maschine zog, zuerst durch einen Lichtbogen, dann durch ein flüssiges Bad, wechselten die nicht vom Licht durchdrungenen Linien des Plans auf dem Papier von gelb zu schwarz, waren also kopiert und gesichert. Doch führte man zu Beginn den Plan und das Papier nur um 1 oder 2 Millimeter schräg in die Maschine, zerriss sie beide, oder sie verrutschten, und die Linien wurden zu blassen Schemen. War die Operation nach Anfällen von Panik gelungen, musste ich die Papierpläne ausmalen – Mauerkronen zinnober, die Maueranzüge (also die Seitenwände) rosa, die Strassenflächen grün oder blau und die Strassenborde dunkelgrün. Meine Mutter berichtete von Kopiervorgängen, die nochmals eine

Generation zurücklagen. Sie wurde nach der Schule, also etwa 1931, im Büro der grossen Stickereifirma Grauer in Degersheim angestellt. Jeden Morgen trafen die maschinengeschriebenen Bestellungen der Kunden mit der Post ein, und meine Mutter musste diese mit der Schrift nach unten auf einer klebrigen Masse andrücken. Dann konnte sie etwa fünf Mal andere Papiere auf die Masse pressen und so Abzüge davon in die verschiedenen Abteilungen der Firma übermitteln.

Die alte analoge Welt und die neue Digitalisierung zeigen sich auch in einfachen Spielzeugen. Ich erhielt Anfang der 1950er-Jahre ein ferngesteuertes Auto – die Ferne bestand aus einem etwa 1,5 Meter langen Spiralröhrchen am Auto, an dessen Ende in meiner Hand eine Kurbel und ein Drücker für die Lenkung waren. Die Kraft und der Lenkungsdruck wurden durch Drähte im Röhrchen übertragen. Das Auto verursachte Aufsehen und wird heute in Antiquariaten teuer verkauft. Heute bekommen die Kinder ferngesteuerte Autos, Flugzeuge und Schiffchen, die drahtlos, mit eigener Batteriekraft und unglaublich schnell reagieren. Wenn man vor zehn Jahren sagte, dass ein Personenwagen ungefähr gleich viel – digitale – Schaltungen habe wie die Mondrakete 1969, dann haben jetzt wohl schon bald diese Spielzeugautos mehr Schaltungen.

Die Welt Gutenbergs bestimmte auch die Wissensübermittlung im Gymnasium, wo ich von 1961 bis 1966 war. Wir hatten in jedem Fach die üblichen Schulbücher, manche waren oft zehn, 20 Jahre alt und von Schülergeneration zu Generation weitergereicht worden, wie die auf der Innenseite aufgeklebten Zettel mit Datumstempel der Schule und die selbst eingetragenen Namen der Schüler zeigten. Dazu aber verfassten die Patres im Gymnasium Friedberg, Gossau, eigene Leitfäden zu Französisch, Philosophie, Deutsch und Musik und druckten diese oft jede Woche auf Schnapsmatrizen oder gar auf Wachsmatrizen. Letztere waren eine unendlich mühsame

Angelegenheit. Man nahm das Druckband aus der Schreibmaschine und spannte ein dick mit Wachs beschichtetes Papier ein. Die Buchstaben wurden eingekerbt, falls man fest und gleichmässig anschlug. Bei Fehlern wurde die Stelle mit rosarotem Flüssigwachs ausgefüllt. Man musste dann warten, bis es sich verdickte, um weiterzuschreiben. Wehe, meist verrutschte das dicke Blatt dann aber auf der Walze, weil man es zur Korrektur etwas vor- und dann zurückdrehen musste. Auch im Militärbüro musste ich solche Matrizen füllen, und an der Universität schrieben wir 60-seitige Seminararbeiten auf diesem Wachs vom handschriftlichen Entwurf ab – wochenlang, abends nach den Vorlesungen. Die Wachsblätter wurden auf eine Walze gespannt und über Druckerschwärze abgezogen. Die Schnapsmatrizen waren einfacher herzustellen und beliebt, weil die Blätter wirklich verführerisch nach Alkohol rochen. Die katholischen Kollegien und die Klosterschule in St. Gallen, die ich besuchte, boten freie Schulwahl, also Alternativen zu den öffentlichen Schulen. Sie kosteten wenig, nur ein paar Hundert Franken im Jahr, weil die Patres sich selbst ausbeuteten. Die Pallottinerpatres fuhren in die umliegenden Pfarreien, um samstags die Beichte zu hören, sonntags das Hochamt zu feiern und finanzierten mit dem Entgelt der Pfarreien die Schule. Wir Schüler putzten die Gebäude und wuschen das Geschirr, denn es gab kein Personal. In den Pausen und an den Wochenenden packten wir die Monatsschrift Ferment, welche dem Orden Finanzen einbrachte, in Versandkartons. Der Lernbetrieb war streng, denn die Patres eiferten den Jesuiten nach. Mittags waren die Schulzimmer geschlossen, man machte Sport oder Musik. Niemand ging um 18.30 Uhr weg, ohne alle schriftlichen Aufgaben abgeliefert zu haben. Wir hatten in den wichtigen Fächern zwei Aufgabenhefte: Eines war beim Pater, der korrigierte, und in das zweite schrieben wir die neuen Aufgaben. Der Lateinlehrer, ein Hüne aus Deutschland, bestimmte, wer aus der Schule flog. Wenn er die Klausuren zurückgab und zu einem Schüler sagte: «Auch Schuster ist ein schöner Beruf», dann trat dieser meistens nach einigen Wochen aus. Keine Rekurse. So lernen heute die Chinesen.

Auch in Fragen der Lebenswelt übten wir das, was verschlampte Lehrer heute elitär nennen: Im Speisesaal mussten wir, 150 16-Jährige, beim Aufstehen den Stuhl gleichzeitig und lautlos mit der rechten Hand hinten wegführen. Essen musste man im Jackett, auch im Sommer. Im Kollegium Friedberg machten wir auch Judo, hatten einen Servierkurs und lernten Tischsitten, in Appenzell autogenes Training. Auch bewältigten diese Schulen die Begabtenförderung ohne grosse Töne. Im Kollegium Appenzell holte der Chemielehrer die künftigen Medizinstudenten unter uns (35 Maturanden in einer Klasse!) ein halbes Jahr lang gesondert zu sich und nahm den Stoff des ersten Propädeutikums der Uni schon mal mit ihnen durch. In der Klostersekundarschule St. Gallen befahl der Pater Rektor meinen Vater zu sich und sagte, ich müsse Latein nehmen. Er holte mit mir in einem privaten Crashkurs ein Jahr Latein auf, und zwar täglich ab 16 Uhr im Schulsekretariat, wo, wie in einem Taubenschlag, die Schüler, Eltern und Lehrer ein- und ausgingen. So konnte ich ohne Zeitverlust im Herbst ins Gymnasium. Verlangt hat der Rektor nichts, mein Vater gab ihm ein Kistchen Zigarren. Der Geistliche war ein strenger, erfolgreicher Schuldiktator. Der spätere Autor Niklaus Meienberg, der vor mir dort war, nannte ihn «einen schwitzenden Koloss unerlöster Männlichkeit». Aber man lernte in dieser Klosterschule, die im Jahre 730 gegründet worden war, nach Strich und Faden.

Die Computer – vom Einzelstück zum Alltagsgerät

Der PC brachte Mitte der 1980er-Jahre die grosse Revolution in der Hardware. Zuerst diente er einfach als etwas bessere Schreibmaschine, er konnte speichern, korrigieren, drucken, was alles schon eine unendliche Erleichterung darstellte. Die Prospekte und Inserate, welche dafür warben, zeigten abwechselnd immer eine attraktive Frau und einen jungen Mann am PC,

während die andere Person danebenstand und irgendwie mithalf. Es galt nämlich, die eingespielte klare Rollentrennung aufzuheben: dass die Frau als Sekretärin einfach nur tippte und der Mann alles im Kopf hatte und diktierte. Die Technik vermischte nun diese Rollen. Ohne grosse feministische Theorien kapierten dies die PC-Hersteller. Sie konnten die Apparate nur verkaufen, wenn dabei auch die hierarchische Bedienung abgeschafft wurde. Vorher aber, an der Universität Genf, wo ich ab 1966 lernte, waren Computer noch sagenhafte Grossmaschinen, die streng verschlossen als Einzelstücke im Keller eines naturwissenschaftlichen Instituts summten. Ich wollte ihnen näherkommen und besuchte 1967 einen Programmierkurs, um die damals notwendige Computersprache zu lernen. Aber die abendlichen einstündigen Kurslektionen auf abgewetzten Holzbänken in der Ecole de Médecine blieben eine Trockenübung. Ein Assistent schrieb mit Kreide und mit dem Rücken zu uns unablässig wirre Formeln an die Wandtafel. Weit und breit kein Computer, dieses Interface schreckte nur ab. Gutenbergs Welt dominierte. Für ihre Vorlesungen hatten manche Professoren ein Skript herausgegeben oder eines autorisiert, das von fleissigen früheren Studenten gemacht worden war. Diese Skripts erjagte und kaufte man fiebrig von Vorgängern. Die Unterlagen waren entsprechend zerblättert, vollgekritzelt und bemalt. Viele Vorlesungen aber mussten laufend mitgeschrieben werden, weil die Professoren an den Examina auf neue Lieblingsgebiete stiessen. Vor den Examina verglichen wir untereinander unsere Notizen und ergänzten sie. Faulere Kollegen standen tagelang am Fotokopierapparat und verschafften sich diese arrondierten Notizen. Das kostete damals schon 50 Rappen pro Kopie, aber dafür waren sie wunderlich feucht und rochen gut. Die Bibliothek am hochstehenden Institut de hautes études internationales (heute HEID) der Genfer Universität war ausserordentlich gut bestückt – die wichtigsten Ökonomierevues der Welt fanden sich da, zurückgehend bis in die 1940er-Jahre, die Entscheide des Gerichtshofs in Den Haag, neuere Fachbücher, fast alle in Englisch. Unsere Professoren kamen manchmal mit

den Fotokopien von Büchern oder Zeitschriften aus den USA zurück, die in Europa nicht erhältlich waren. Diese Kopien wurden dann gebunden und kamen ins Gestell. Die Bibliothek war eine Präsenzbibliothek, alles durfte zwar selbst entnommen, musste aber immer dort konsultiert werden. Ein Mitstudent, der bei IOS, der reichen Spekulationsfirma gegenüber an der Rue de Lausanne, arbeitete und der einen weissen Bentley wie einen blauen Jaguar fuhr, war nie in der Bibliothek, lieferte aber gute Arbeiten ab. «Der lässt sie schreiben», war die Meinung, doch als wir einmal in seinem teuren Appartement an der Avenue De-Budé eingeladen waren, sahen wir, dass er sich einen grossen Teil der Bibliothek einfach selbst gekauft hatte. Die Bibliothek der UNO erweiterte das damalige Bücherangebot in Genf gewaltig. Für eine Seminararbeit über den Südsudan konnte ich dort alle Ausgaben der Times auf Jahre zurück konsultieren. Allerdings folgte die Bibliothek dem minimalistischen Rhythmus internationaler Riesenorganisationen, wo die Ruhezeiten des Personals wichtiger waren als die Lieferungen an die Leser. Man musste zwei Mal zu präziser Minute morgens und nachmittags die Bestellzettel abgeben, und etwa vier Stunden später kam das Buch, meist aber erst am folgenden Tag. Für den Entscheid zum Studienort und zum Studienfach stand einem Ende der 1960er-Jahre nur knappe Auskunft zur Verfügung. Man kannte einen älteren Studenten oder einen Professor und befragte ihn. Man schrieb eine Universität um Auskunft an und erhielt vielleicht drei Wochen später dürre Lehrpläne. Auf den Universitätssekretariaten lagen ebenso dünne Prospektchen anderer und weiterführender Ausbildungsstätten auf. Vor allem über ausländische Universitäten, die mich interessierten, z. B. jene Westberlins oder die London School of Economics (LSE), war man wenig auf dem Laufenden, und auch gestandene Akademiker im Bekanntenkreis konnten nicht weiterhelfen. Sie selbst gehörten der Krisen- und Kriegsgeneration an und hatten meist nur in der Schweiz studiert. Man meldete sich daher brieflich an und fuhr im Zug hin. Dort fand man einfach vor, was war und machte es – oder auch nicht.

Berliner Studentenrevolution – im Kopf erstarrt

Ich entschied mich im Herbst 1970 für die Freie Universität (FU) in Westberlin, weil dort offenbar politisch viel lief und weil ich Konzentrationsforschung machen wollte. Damals vergrösserten sich die Giganten wie ITT, IBM, GE, Siemens, BBC und BASF enorm, und deren Macht beschäftigte Wissenschaft wie Medien. Ihre Verbindungen zu Südafrika, Lateinamerika oder zur Rüstung riefen Verschwörungstheorien hervor. Ihre Marktbeherrschung erschien bedrohlich. Professor Helmut Arndt und Assistenzprofessor Jörg Huffschmid hatten in Berlin dazu schon publiziert. Schon die erste Vorlesungsstunde an der FU ernüchterte mich aber sehr. Die 68er-Bewegung war in Berlin doktrinär geworden. Falls ein Professor überhaupt noch erschien, wurde er gleich zu Beginn niedergeschrien, einer der Studentenführer zum Diskussionsleiter ernannt, und dann wurde der ganze Marxismus heruntergebetet. Ich verstand nichts, zog mich für drei Wochen in mein Zimmer zurück und las die drei Bände des Kapital von vorne bis hinten. Eine gewisse Eleganz kann man dem Text nicht absprechen: Die Unterscheidung Marx’ von Gebrauchswert und Tauschwert, dann deren Anwendung auf die Arbeit selbst, seine Diskussion des Einflusses der Produktivität auf Wachstum und Krisen, die Egalisierung der Profitrate unter vollkommener Konkurrenz und damit die Allokation des Kapitals an den richtigen Ort durch den Markt sowie der Weltmarkt, das alles beeindruckte mich. Aber die hämische kleinliche Art, wie Marx andersdenkende Ökonomen heruntermachte, war auf die studentischen – und generell auf die linken – Diskutanten übergesprungen. Sie hatte ja schon die Sitten der Leninschen Kaderpartei vor und nach 1917 verdorben. Die Unerbittlichkeit der Diskussionen spitzte sich enthüllend zu, als einer der Wortführer einmal einen Genossen in der Vollversammlung abputzte, indem er sagte: «Du irrst, denn hier steht geschrieben», und auf sein Exemplar des Kapital zeigte. Ehrfürchtig wurde auch herumgeboten, einer der studentischen Grosskopferten habe ein

neues Exemplar des Kapital kaufen müssen, weil das alte zerblättert sei. Die Sturheit und Rechthaberei führte dazu, dass sich die Bewegung in Maoisten, Stalinisten und DDR-Fans, Trotzkisten, Anarchisten, Sozialdemokraten und Spartakisten aufsplitterte. Alle diese K-Gruppen (für kommunistisch hielten sie sich alle) zogen eigene Schulungsseminare ab, und am 1. Mai paradierten sie getrennt durch die Strassen, um zu messen, wer den grössten Aufmarsch hatte. Pflicht war auch Basisarbeit, die aber nicht darin bestand, den Armen zu helfen, sondern morgens vor den Fabriken Flugblätter zu verteilen. Da lasen dann die Arbeiter, Vorarbeiter und Angestellten, wie schlecht es ihnen ging. Vor allem die Krisentheorie wurde ausgewalzt und das baldige Ende des kapitalistischen Systems angekündigt. Die aus heutiger Sicht fast unmerkliche kleine Konjunkturdelle 1966/67 wirkte damals nach den Superwachstumsjahren wie ein Fanal. Von strammen Marxisten wurde die unwahrscheinliche Theorie aufgestellt, dass die Unternehmer die Krise leichthin selbst veranstalteten, um die Erfolge der Arbeiter zurückzustutzen. Ernest Mandel, der belgische Trotzkist, hatte grossen Zulauf. Der gefährliche Revolutionär, der in der Schweiz sogar Redeverbot erhielt, trat in Berlin als behaglicher 50-Jähriger in Strickjäckchen und Krawatte auf – ein fast extraterrestrischer Anblick inmitten der betont ungepflegten, bärtigen Jungmänner. Statt «massenhaft» sagte er immer «massale» Kapitalvernichtung oder «massale» Produktion, was ebenfalls pittoresk war. Doch seine Vorträge waren intelligent und boten nicht einfach Propaganda. Ironischerweise kam die grosse Krise dann 1973 (da war ich längst wieder in der Schweiz), aber sie kam nicht wegen des tendenziellen Falls der Profitrate in den Metropolen, sondern weil die Söhne der Wüste das Öl verteuerten.

Die Quellen in der alten Informationswelt

Nach dem Studium wollte ich, wie seit meinem 18. Jahr gewünscht, Journalist werden. Aber wo fand man die besten Quellen? Ich ging 1970 für einige Tage nach Basel, Zürich und Bern, fragte mich zu Wirtschaftsarchiv, Zentral- und Landesbibliothek durch und entschied mich dann für Bern. Dort waren nicht nur die Landesbibliothek – heute in Nationalbibliothek umbenannt –, sondern auch die Bundesverwaltung, das Parlament sowie die Sekretariate vieler Verbände. Ausserdem führte jedes Bundesamt eine eigene Bibliothek, welche manchmal auch mit internationalen Quellen dotiert war, etwa jene des damaligen Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA). Dort fand man fast alles, was die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris an Studien und Statistiken ausstiess, aber auch das Statistische Amt mit UNO-Quellen und statistischen Jahrbüchern anderer Staaten. In einem Keller des volkswirtschaftlichen Instituts der Universität Bern fanden sich die meisten wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschriften aus den USA, viele Jahre zurückreichend. Die Informationen über die Welt und die Schweiz lagerten auf diesen wenigen Gestellen, lokal und analog, und nur dort. Man radelte also kreuz und quer durch die Bundesstadt, um diese Quellen einzusehen. Vergass man, eine Zahl abzuschreiben, musste man nochmals hin. Dort, wo ein Kopierapparat vorhanden war, musste man sich mit den Sekretärinnen und Hütern der Bände gutstellen, und dann zeigten sie einem, wie es ging. Wollte man bezahlen, ging das meist nicht, weil keine Abrechnungssysteme für solche Einnahmen des Bundes bestanden. Auch gut. In der Landesbibliothek musste ich 1971 erst eine Unterschriftenaktion der Benutzer starten, damit ein allen zugänglicher Kopierapparat aufgestellt wurde. Bundesdruckschriften musste man bei der Eidgenössischen Drucksachen- und Materialzentrale (EDMZ) bestellen oder selbst am Schalter abholen. Dieser lag draussen in Bümpliz. Laufende Gesetzgebungen waren schwierig zu erfassen. Die Botschaften des Bundesrates verkaufte die EDMZ, die noch zwischen den Räten pendelnden Geschäfte konnte man auf der Bundeskanzlei auf meterbreiten Fahnen abholen, welche die Versionen der zwei Räte und die

Minderheitsanträge ausbreiteten. Die neuesten Protokolle der Ratsdiskussionen kamen nur vierteljährlich gedruckt heraus, heute sind sie oft schon am Abend der Debatte im Internet. Damals leistete der Ratskorrespondent der NZZ täglich ausführlichste Berichterstattungen über die Debatten, die als aktuelle Dokumentation reichen mussten, wobei seine Sätze immer vom Allgemeinen in die Wir-Form übergingen: «Opposition erwuchs der Vorlage vom Fraktionschef der FDP, wir können doch nicht

zulassen, dass hier stillschweigend neue Abgaben eingeführt werden c»

ähnlich. Solche Stellungnahmen, Partei- und Verbandsmeinungen holte man auch in den Berner Zentralsekretariaten ein, meist persönlich am Schalter, weil man vorher ja gar nicht wissen konnte, was dort alles vorhanden war. Viele Quellen waren deshalb eher zufällig, und sie wurden als ausdrücklicher Gnadenerweis vertraulich verabreicht. Besonders Bundesstellen, falls durch missmutige Berner besetzt, waren in den 1970er- und 1980er-Jahren oft indigniert über die Zumutung, etwas herausgeben zu müssen. Natürlich konnte man sich auch beim Bund auf das Bundesblatt abonnieren. Dies umfasste die Sammlung der gültigen Gesetze und die laufenden Veröffentlichungen von Botschaften und Verwaltungsbeschlüssen. Die Sendungen kamen zwei Mal in der Woche per Post. Man reihte sie dann in die vielen roten kleinen Ordner ein. Doch immer bohrte ein leises Bangen, dass man auch ja keine Sendung verlegt hatte. Man konnte der papierenen Gesetzessammlung im eigenen Gestell so nicht ganz trauen.

oder

Wie das Wissen der Welt anzapfen?

Während des Studiums hatte ich die angelsächsische Welt entdeckt. Sie war schneller, nonkonformistischer, nüchterner und präziser als die französische «civilisation», die im Gymnasium und unter weit gereisten Onkeln der Familie

als Referenz des Weltstandards gedient hatte. Ich las seit damals die Financial Times, die International Herald Tribune und den Economist. Die Tribune kam in Paris heraus, wurde auch in Zürich gedruckt, war also tagesgenau am Bahnhof erhältlich und enthielt Artikel der New York Times sowie der Washington Post. Das war nun wirklich Weltniveau! Doch wenn darin von einem US-Gesetz, einer Studie oder einem neuen Buch die Rede war, so setzte ein Hürdenlauf ein. Wie kam man zu so etwas? Ich ging zum PTT-Büro der internationalen Verbindungen am Bahnhof, wo alle Telefonbücher der Welt lagen. Für eine Studie zum kalifornischen Gesundheitswesen etwa, von der man vage gelesen hatte, musste man dort den H-Band von Sacramento erbitten, die Adresse des Health Department abschreiben, nach Hause gehen, einen Bittbrief schreiben und internationale Antwortbriefmarken beilegen. Mit viel Glück hatte man sechs, acht Wochen später die Studie oder das Gesetz. Das war langfädig, aber ich war immer noch der Erste und Einzige, der es in der Schweiz hatte. Direkt nach Kalifornien zu telefonieren war undenkbar, denn dies hätte damals für drei Minuten etwa 30 Franken gekostet – und mehrere Versuche, bis man den richtigen Beamten gehabt hätte. Das entsprach einem halben Wochenlohn. Die hohen internationalen Tarife waren eine der grossen Gewinnquellen der PTT, und sie nährte die Bundeskasse mit diesem Zoll auf Weltläufigkeit. Ihn zu entrichten, waren die grossen, multinationalen Firmen in der Lage. Hingegen wurden Universitäten, private Forscher und Journalisten von der Teilhabe am geistigen Austausch mit der Welt durch diese Hochpreispolitik ausgeschlossen. Es war eine Steuer auf die internationalen Kontakte der geweckten Geister des Landes, welche zu Hause die Raps- oder Militärsubventionen des Bundes mitbezahlte. Auch die Briefsparte der Post pflegte seltsame Sitten, um die Kunden zum Sparen anzuhalten – oder elegant auszunehmen. Eine Postkarte konnte mit 5 Rappen frankiert werden. Aber für diesen Tarif durften nur fünf Grussworte und die Unterschrift vorkommen, wie es auf der Stelle, wo die Marke hinkam, in Bürokratenart aufgedruckt war: «Porto: Wenn nur mit Gruss und

Unterschrift versehen, 5 Rappen im In- und Ausland, sonst 10 Rappen bzw. 20 Rappen.» Damit musste jeder, der eine wirkliche Mitteilung machen wollte, auf das höhere Porto umsteigen, obwohl die Post dafür nicht mehr leisten musste. Information war rationiert. Dem wollte auch der Journalist Ludwig Minelli Ende der 1960er-Jahre abhelfen. Er baute sein eigenes Archiv an Zeitungsartikeln zu einer Dienstleistung für alle aus. Andere Journalisten und ganze Redaktionen abonnierten sich, um seine Informationen zu beziehen. Diese kamen per Post als Bündel von Fotokopien an. In Deutschland war das Spiegel-Archiv eine sagenumwobene Fundgrube, aber nicht einfach von aussen zugänglich. Information war in Kilo gemessen.

Alles hing an der Telefonschnur

Gehen wir in die 1950er-Jahre zurück: Das Telefon war zwar angekommen, aber noch nicht sehr verbreitet. Anrufe von Herisau nach Zürich wurden sogar noch vom Fräulein im Amt geschaltet. Nahm man den Hörer ab, meldete es sich, und man musste die gewünschte Nummer angeben. Nachbarinnen ohne Telefonanschluss kamen zu uns mit 20 Rappen in der Hand, um zu telefonieren. Das war der Tarif für drei Minuten im Inland während des Tages. Und damit alle wussten, wie lange dies dauerte, hing fast überall beim Telefon eine Sanduhr mit dieser Laufzeit. Kam ein Anruf für diese Nachbarn an, musste man über die Strasse oder in die anderen Wohnungen des Hauses rennen, um sie zu holen. Fast jedes Restaurant besass vor den Toiletten ein Gästetelefon mit Geldeinwurf oder mit einem Zähler beim Buffet. Vor dem Internetzeitalter war es eine Herausforderung, an der Börse zeitgerecht dabei zu sein. Täglich um 13.50 Uhr verlas man am Radio die Börsenkurse, und manche privaten Investoren führten Tabellen, in die sie die Kurse eintrugen. Um diese Zeit war aber die Börse schon zu Ende. Wollte man

während des Tages intervenieren, musste man den Bankangestellten anrufen, der an einem anderen Apparat seinerseits den Vertreter an der Börse anrief, um die Kurse zu erfragen. Dann gab man am Telefon die Aufträge durch. Um am Morgen zu wissen, was in New York, v. a. aber in Japan an den Börsen gelaufen war, musste man ebenfalls telefonieren. Das Kursgeschehen war in meiner Erinnerung damals aber weit undramatischer, denn man musste nicht stündlich Überraschungen erwarten (ausser bei Insidergeschäften mit Kursexplosionen). Überhaupt hielt man Gewinnzunahmen der Firmen von 4 oder 5 Prozent für hervorragend. Es gab noch keine Junganalysten, welche den ergrauten Firmenbossen jährlich plus 18 Prozent vorschrieben. Kursgewinne von 10 Prozent, und dies nach mehreren Monaten, wurden als ausserordentlich erfreulich angesehen. Das Telefon aber war die Nabelschnur zur Finanzwelt. Und noch früher – da gab es ausser in Geschäften oder Arztpraxen überhaupt kein Telefon. Meine Mutter wuchs nach 1916 im Untertoggenburg auf, und wenn man die Basen und Vettern in anderen Dörfern besuchen wollte, marschierte man einfach los, z. B. 2 Stunden von Degersheim nach Hemberg, und man traf die Verwandten denn auch meist an – weil es eben noch keine Autos gab, mit welchen man herumfuhr und seine Anwesenheit unstet hielt. Nach den Besuchen machte sich meine Grossmutter mit den Kindern von sechs bis zwölf Jahren wieder auf den zweistündigen Heimweg. Noch zu meinen Zeiten schreckten uns Kinder diese Besuche am Sonntagnachmittag (wir fuhren im Auto hin), weil die Ostschweizer, und die Toggenburger besonders, sehr sparsam waren und es lange dauerte, bis einige Bisquits oder ein Glas Sirup auf den Tisch kamen. Gotthelfs Schilderungen üppiger Emmentaler Bauernessen trafen hier nicht zu. Hier waren die Bauernhöfe klein, das Gelände stotzig, zehn Kühe schon guter Mittelstand.

Die Information in den Wertschöpfungsketten des Urgrossvaters Ohne Telefon geschäftete mein Urgrossvater Eugen Pauly in Kreuzlingen. Ich besitze noch etwa 600 Postkarten aus den Jahren von 1888 bis 1908,

die er erhielt. Da kündigten Vertreter und Geschäftspartner ihre Besuche auf morgen an, und zwar aus dem nahen Deutschland und von ziemlich weit her aus Schweizer Ortschaften. Man konnte offenbar davon ausgehen, dass die Post innerhalb eines Tages ankam. Gehandelt hat der Urgrossvater «Colonialwaaren». Ohne die Transparenz des Internets oder moderner Branchenverzeichnisse lief der Warenvertrieb über viele Stufen – mein Urgrossvater bestellte seine Waren bei Grosshändlern, Fabrikanten und Importeuren in Hamburg, Zürich und Italien und versorgte als regionaler Grosshändler damit in der ganzen Ostschweiz Wirte, Läden und Private. Er kaufte Perlkaffee aus Guatemala, Wein aus Italien, vertrieb Fässer mit Salz, Petroleum, Essig, Speiseöl, Lampenöl und Zucker, Teigwaren, Most, Mais und Reis. Viele Zahlungen kamen und gingen über Postmandat oder wurden über vorher geöffnete Guthaben bei Lieferanten abgebucht, jedes Mal aber mit Postkarte mitgeteilt und verdankt. Alles kam in Handschrift, auch von Banken oder Firmen, da die Schreibmaschine erst nach 1900 allmählich gebräuchlich wurde. An sich war mein Urgrossvater Landedelmann auf dem grossen Gut Wöschbach, auf dem heute ein Teil Kreuzlingens steht. Die Vorfahren waren auf Öl gemalt, Möbel, Bestecke und Hausrat gediegen, und allein im noch heute stehenden Knechtehaus fanden später fünf Eigentumswohnungen Platz. Mit dem Grosshandel versuchte er die Verluste aufzufangen, die er als Gemeinderat und Amtsnotar – aber im Milizsystem – beim Überschreiben eines anderen grossen Gutes, der Mellgente, erlitten hatte. Drei Gemeinderäte von Kurzrickenbach zertifizierten eine Fläche gemäss früheren Dokumenten, die sich nach Messung mit Instrumenten später als deutlich kleiner erwies. Diese Räte hafteten gemäss Notariatsgesetz und mussten 1884 das Gut zum hohen Preis an sich ziehen. Davon erholten sie sich nicht mehr. Mein Urgrossvater verschuldete sich bei der Schaffhauser Bank Zündel & Co., bei den Frankfurter Bankhäusern Kobelt & Hirschfelder und Haubach &

Feine sowie bei Osiander in Mannheim. Viele Postkarten zeugen vom Gezerre um Zinsen und Rückzahlungen: «Wir bitten um gefällige Rückgabe der Ihnen zum Akzept überlassenen Tratten.» Banken hatten damals keine Filialen, ländliche Kreditbedürftige mussten weitherum suchen. Die Zahlungen und Wechsel an die Frankfurter Herren konnte der Urgrossvater über Korrespondenten wie das Konstanzer Bankhaus Macaire & Co. zustellen. Schliesslich musste er nicht nur die Mellgente, sondern 1901 auch das seit Generationen vererbte Gut Wöschbach verkaufen. Meine Urgrossmutter stammte aus dem süddeutschen Adel der Merhart von Bernegg, der auch auf Anton Fugger in Augsburg zurückreicht. Die Pauly selbst gehen u. a. auf die Familien der Barockbaumeister Thumb und Beer zurück. Die Katastrophe war geschäftlich und gesellschaftlich, mein Urgrossvater überlebte sie nur kurz. Aber es wäre heute noch ein schöner Zug, wenn Amtsinhaber für die mitbeglaubigten Verluste haften würden. Die ökonomische Interpretation der Ereignisse müsste auch auf die allgemein stark fallenden Preise zwischen 1873 und 1896 verweisen und auf die noch stärkeren Preis- und Absatzprobleme der Landwirtschaft, welche wegen der Eisenbahnen von deutschen, französischen und russischen Produkten überrollt wurde. Desgleichen wurden die landwirtschaftlichen Produkte erst kleinindustriell verwertet. Der Kaffee kam aus Übersee nach Hamburg, dann zu meinem Urgrossvater in Kreuzlingen, der ihn in Romanshorn rösten liess, ihn zurückgeliefert bekam und an die Läden weitherum mit Fuhrwerken zustellte. Ähnlich lange Wertschöpfungsketten erstreckten sich bei Tinte, Most, Petroleum und Mehl. Um 1900 rationalisierte man diese; viele selbstständige Existenzen gingen ein. Die Wertschöpfung erfolgte nun durch Arbeiter, die in grössere Fabriken zusammengezogen wurden.

Kapitel 2

Produktivität aus Sägezähnen

So rasch wie China heute wuchs die Schweizer Wirtschaft vor 50 Jahren – plus 7 Prozent, plus 8 Prozent jährlich und real. Die Voraussetzungen dafür liegen heute gar nicht so weit weg. Und Wachstum muss nicht immer mehr Kohlendioxid, Eisen und Chemieabfälle heissen. In der Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft kann sich Wachstum wie bei Amazon äussern, die über Weihnachten 2009 erstmals mehr Bücher elektronisch über den Äther verkauften als physisch über die Post. Die Schweizer Wirtschaft produzierte zwischen 1950 und 1970 natürlich noch im Materiellen. Sie industrialisierte sich sogar noch weiter und errang hohe Weltmarktanteile bei Pharmazie, Feinmechanik, Uhren, Turbinen und Agrochemie. Das zählte damals zur Hochtechnologie. Deren Anteil an den Schweizer Exporten machte mit knapp 50 Prozent international den Spitzenwert aus. Wer damals schon dabei war, erinnert sich: Alles wuchs zum Himmel. Selten fiel das reale Wachstum unter 6 Prozent im Jahr. Die Arbeitskräfte nahmen um 770000 Köpfe zu, die Kaufkraft der Löhne verdoppelte sich bis 1970 beinahe, die Autos verzehnfachten sich. Nur die Zahl der Arbeitslosen fiel: Im Jahre 1970 zählte man im ganzen Lande noch 104 solcher Individuen. Abgesandte der Banken streiften zu meiner Zeit 1968/69 durch die Gänge der Genfer Universität, um Studenten anzuwerben. Wenn man noch die Examen machen wollte, sagten sie, kommen Sie lieber sofort, das macht nichts. Ferienjobs fand man in Hülle und Fülle, auch die Post stellte auf Ostern und Weihnachten grosszügig ein. Die Firmen starteten Werbetouren in Südeuropa, und die bereits hier arbeitenden Südländer wurden nach Verwandten und Dorfbekannten gefragt,

die auch noch kommen könnten. Bei den meisten Fabriken standen Barackenzeilen, wo die Italiener und Spanier wohnten. Nachher kritisierten Gutmeinende dies scharf, doch konnte man von einem Pakt der Gegenseitigkeit sprechen: Die Fremdarbeiter wollten billig leben, viel sparen und nach Hause schicken, die Firmen wollten keine grossen Auslagen. Mit der Zeit bauten dann die italienischen Bauarbeiter die Wohnblockserien, in welchen sie mit ihren Familien wohnten. In der früh industrialisierten Ostschweiz allerdings waren Italiener und Tessiner mit der ersten Einwanderungswelle nach 1880 schon angekommen, geblieben und unterdessen Geschäftsleute geworden. In Herisau waren Longoni und Slongo Baumeister, Molinari Schirmflicker, Pizzamiglio und Trentini Gemüsehändler, Ripamonti Elektriker, Pollini Messerschmiede. Das träge Bern, wo ich wohne, kennt noch heute weniger Eingewanderte, und man hat den Eindruck, dass es auch schlechter damit umgehen kann. Schon aus dem Grund, weil die Berner in der Volksschule bisher kaum Hochdeutsch lernen. Einfache Leute, Kioskverkäuferinnen und Buschauffeure reden mit den Ausländern unbeirrt ihren Dialekt in schwerer Zunge. Das System der Saisonniers nach 1950 war dagegen als Rotationsprinzip gedacht – nach vier oder fünf Saisons würde der Arbeiter zufrieden nach Italien oder Spanien zurückkehren, und ein neuer Saisonnier träte an seine Stelle. So würde keine Ausländerexpansion im Lande stattfinden. Doch die Reindustrialisierung der Schweiz nahm ihren erfolgreichen Verlauf, auch dank des günstigen Frankenkurses, die Fabriken dehnten sich immer mehr aus, und die Exporte schwollen an. Es kam so weit, dass im Glarnerland Fabriken Baumwolle verarbeiteten, die zu 100 Prozent aus Ägypten kam, mit einer Belegschaft, die zu 100 Prozent aus Ausländern bestand, und dies für eine Produktion, die zu 100 Prozent in den Export ging. Die Fabrik wäre besser in Ägypten oder in der Türkei gestanden. Erst nach der Frankenaufwertung nach 1973 setzte sich dies in der Wirklichkeit um, aber mit Schmerzen, weil jetzt die Leute sesshaft geworden waren, weil die Kapitalien hier investiert waren. Max Frisch prägte das Wort: «Man rief Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.»

Etwas nüchterner kann man auch sagen: Diese Probleme, der Massenzuzug, die unsinnige Ausdehnung von Billigproduktionen in der Schweiz selbst anstatt in Anatolien und die aufkeimende Überfremdungsangst waren eine Folge der verpassten Aufwertung des Frankens 1961. Man hätte in jenem Jahr im Gleichzug mit Deutschlands D-Mark aufwerten sollen. Doch die Schweizerische Nationalbank war und ist nicht so unfehlbar wie viele meinen. Diesem damals schwerwiegenden Fehler gingen ebensolche voraus und folgten weitere. So weigerte sich die Notenbank in der Weltwirtschaftskrise mehrere Jahre lang abzuwerten, obwohl schon England, die USA und viele andere Länder das Verhältnis der Währung zum Gold verflüssigt hatten – sie verlängerte damit die Krise für Hunderttausende von Schweizern über mehrere Jahre. Desgleichen ruderte sie 1976/77 längere Zeit hilflos, bis sie die Interventionen gegen den hohen Frankenkurs und die Dollarabwertung startete. In der Eurokrise 2010 kaufte sie wahllos Euro auf, ohne wie früher ein Überraschungsmoment und eine Zusammenarbeit mit den anderen Notenbanken anzuwenden. Überhaupt gibt es erst Inflation, seit es Notenbanken mit Papiergeld gibt. Vorher gab es unter dem Goldstandard nur Teuerung, und zwar nach Kriegen oder Krisen, die jeweils auch wieder abklang.

Klassische Industriewirtschaft, erste Konsumwellen

Der expandierende Industriesektor zog die besten meiner Sekundarschulkollegen an. Anfang und Mitte der 1960er-Jahre war es eine Auszeichnung, als Lehrling bei den Flug- und Fahrzeugwerken Altenrhein eintreten zu können, ebenso bei Sulzer, bei Bühler in Uzwil und bei der Spühl AG in St. Gallen-Wittenbach. Sulzer baute einen grossen Teil der Schiffsdieselmotoren für die Weltmeere, die BBC in Baden enorme Generatoren- und Turbinengruppen, teils für die

entstehenden Grosskraftwerke der Schweizer Alpen, grösserenteils aber für den Export in alle Welt. Die Zeitungen brachten die Bilder vom Wegtransport dieser Ungetüme, wozu Brücken und Überführungen über den Transportwegen bis zum Basler Hafen abgebrochen werden mussten.

Die zwei Seiten paternalistischer Fabrikführung Die Buntpapierfabrik Walke in Herisau war eine klassische Fabrik der 1950er-Jahre, in Bauten, Prozessen und gesellschaftlichen Verkehrsformen. Das Papier kam in rohen Rollen an, wurde mit 18 Tonnen Druck glänzend gepresst und gefärbt, schwebte dann in hohen Schlaufen von der Decke herab durch einen riesigen, 50 Grad heissen Trockenraum, der beissend nach Salmiak stank. Wenn man auch nur kurz hindurchging, roch die Nase eine Viertelstunde nachher nichts mehr. Dann wurden die Papierbahnen in etwa quadratmetergrosse Stücke geschnitten und in einem riesigen Saal von etwa Hundert Frauen, meist Italienerinnen, Blatt um Blatt umgelegt und geprüft. Dr. Zimmermann, der Direktor und Mitbesitzer, kam jeden Mittwoch zur Inspektion. Der militärische Ausdruck stimmt, denn die ganze Fabrik wurde geputzt und hergerichtet, und das Kader schlotterte vor Angst. Meist wurde am Dienstag mein Vater mit seinen Arbeitern dringend hinbestellt, um noch irgendetwas auszubessern oder in Eile eine Potemkinsche Wand zu errichten. Doch die Direktion war auch im positiven Sinne paternalistisch – neben der Fabrik liess sie ein kleines Dörfchen aus putzigen Einfamilienhäuschen für die Arbeiter errichten.

Auch das Alltagsleben stieg vom kargen Sparen und Wirtschaften in die Konsumgesellschaft mit den heute gewohnten Geräten um. Waschmaschine, Fernseher, Föhn, Toaster, Fotoapparat, Kühlschrank, Zentralheizung, Plattenspieler, Tonbandgerät, Badewanne sättigten die Haushalte bald zu 100 Prozent. Wenn ein Haushalt so ein Gerät anschaffte, war das ein Ereignis: Man hatte wieder eine Stufe der Entwicklung genommen! Als die Autonummern im

Kanton Zürich die 100000er-Grenze überschritten, war das nationaler Gesprächsstoff – und Anlass zu Stolz. Die Treiber der Wachstumsexplosion waren im Inland die Firmen, welche zur Halb- oder Vollautomatisation schritten. Die grossen Firmen legten sich richtige Forschungsabteilungen mit Hochschulprofessoren zu, aber auch die Büroabläufe und die Betriebsführung wurden verwissenschaftlicht. Die Arbeitskräfte nahmen nicht nur zahlenmässig zu, sondern stiegen flexibel in neue Berufe um. Handwerker wurden zu Handels-, Versicherungs- und Bankangestellten, Berufsleute dank Halbjahreskursen zu Lehrern. Man scherte sich nicht um Diplome. Im Gewerbe rationalisierten handgängige Kleinmaschinen die Arbeit fürs Sägen, Schleifen, Bohren, Nageln und Kleben. Im Bau und Umbau wurde man so produktiv wie in Grossfirmen. Jeder, der wollte, machte sich selbstständig.

Wagniskapital um 1950

So auch mein Vater, der während der Urlaubsmonate des Militärdienstes im Krieg die Höhere Fachschule gemacht und das Diplom des Schreinermeisters erworben hatte, dann anderthalb Monate nach Kriegsende heiratete und seither wie mit angezogener Bremse wartete, dass sich eine Gelegenheit bot. Er trat immer wieder Stellen als Werkmeister in mittleren Betrieben mit bis zu 40 Arbeitern an, weil ihm die Inhaber den Verkauf der Firma versprachen. Sie hielten dies aber nicht ein, und meine Eltern zogen jedes Mal um: vier Mal in fünf Jahren. In Herisau kaufte er dann 1950 auf direktem Wege die fast stillgelegte Schreinerei von einem alten Inhaber. Der wollte beim Übergabeinventar sogar die Schrauben in den angebrochenen Päckchen zählen, bis mein Vater abwinkte. Vielleicht war es Geiz, eher aber die extreme Sparsamkeit eines alten Gewerblers, der gerade erst Krise und Krieg überstanden hatte und immer nur Krieg und Krise gekannt hatte. Er hatte den

Betrieb vor dem Ersten Weltkrieg übernommen. Ein Onkel Pauly lieh uns das Betriebskapital. Von der Bank war nichts zu haben. Als sich dann nach den ersten zwei, drei Geschäftsjähren das Bankkonto füllte, lief der Vizedirektor der Kantonalbank meinem Vater sogar auf der Strasse nach und bot ihm Kredite an. Später nahm der Vater für den weiteren Ausbau der Firma und den Anbau einer neuen Werkstätte doch Kredite auf, garantiert von der Ostschweizerischen Buchhaltungs- und Treuhandgenossenschaft (OBTG). Im Frühjahr erschien immer einer der Revisoren, machte die Steuererklärung und sah dabei auch, ob die Garantiebedingungen erfüllt waren. Die Familie hielt ihn in grossen Ehren, er wurde mittags bewirtet – ohne die OBTG wäre es nicht so schnell gegangen. Auch eine Lebensversicherung ging der Vater ein, als Garantie für die Kreditgeber wie auch für die Familie, sollte ihm etwas zustossen. Der Versicherungsvertreter der Basler kam alle Vierteljahre, zwackte viele Coupons als Quittung für die Beiträge ab und lieferte uns Kindern damit ein beliebtes Spielgeld. Im übernommenen Betrieb liefen die Maschinen an dicken Transmissionsriemen, an Lederbändern, welche sich von den Rädern einer Stange drehten, die 10 Meter durch den ganzen Betrieb ging und welche ihrerseits von einem grossen elektrischen Zentralmotor angetrieben wurde. Die Lederbänder rissen immer wieder und wurden mit einer Art Bostichapparat zusammengeklammert. Den Zentralmotor verkaufte der alte Inhaber nicht, nur die über Bänder angetriebenen Grossmaschinen zum Fräsen, Hobeln, Sägen, Schneiden, Schleifen und Kehlen. Nach zwei Jahren kaufte mein Vater ein eigenes Haus, baute die Werkstatt an, zügelte die gekauften Maschinen dorthin – und ein Dienstkollege, ein Schlosser, versah jede mit einem eigenen Kleinmotor. Der ehemalige Besitzer blieb mit seinem Zentralmotor in der leeren Halle bedauernd zurück. Nur zwei, drei Jahre später kamen die kleineren Handmaschinen fürs Sägen, Schleifen und Bohren auf. Jede Arbeiterequipe konnte nun, mit einem Satz solcher Maschinen ausgerüstet, auf die verschiedenen Baustellen geschickt

werden – eine enorme Leistungssteigerung. Später kamen noch Astlochbohrmaschinen, Nagelpistolen und die Pressluft für Lackierungen dazu. Der alte Leimofen kochte übel riechenden Knochenleim auf, der immerhin wunderschöne Quirlfiguren machte, wenn man den Pinsel herauszog und darüberhielt. Bald aber zogen die Kunstharzleime ein, die man fertig einkaufte. Die Kunststoffplatten waren die andere Neuerung, womit jetzt als pflegeleichte Ausstattung alle Küchenkästen, Tische und Wände der Kunden überzogen wurden. Während seiner Lehre in den 1930er-Jahren hatte mein Vater noch gelernt, auf Klaviere und Schmuckschachteln Naturlack aufzutragen, trocknen zu lassen, dann mit Rosshaarballen stundenlang zu polieren und neue Schichten aufzutragen. Eine ganz kleine Innovation machte die Handsägen effizienter. Vorher hatten sie einfach ins Blech gerippte Zähne. Heute zeigt jede bessere Gartensäge zwei Reihen leicht versetzter Zähne und sägt um Vieles schneller, leichter. Diese Neuerungen steigerten die Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft eben ähnlich rasch wie heute in China. Der Einsatz von Kapital und Arbeitskräften nahm zu, und die immer besseren Maschinen und Werkstoffe steigerten den Ausstoss pro Arbeitskraft. Die Volkswirtschaft wuchs insgesamt und pro Kopf. Heute nennt der amerikanische Ökonom Paul Romer solche kleinen, aber vielfachen Wachstumsimpulse wie die Sägezähne «ideas». Sie sind einzeln nicht nobelpreiswürdig, aber in ihrer Summierung dynamischer als alles andere. Die Produktivität der Hauswirtschaft stieg ebenfalls an. Auf die Böden wurde nicht mehr Parkett, sondern Inlaid, dann Sucoflor ausgelegt. Die Schrubberei der Frauen hatte ein Ende – eine wohl ebenso bedeutende Erleichterung der Hausarbeit wie durch die in der Soziologie gut dokumentierten Haushaltsmaschinen. Auch davon zogen immer mehr in unseren Haushalt ein. Zuerst ein neuer Gasherd, dann folgten Toaster, Kühlschrank, Föhn, Mixer, Waschmaschine und Bügelmaschine. Die Stufen der Mobilität überschlugen sich, weil der Wohlstand so rasch

stieg, dass die Anschaffungen rückwirkend gesehen fast unbedacht wirkten. Bei der Geschäftsgründung 1950 richtete man an einem Fahrrad eine Anhängervorrichtung für den kleinen Leiterwagen ein, um Transporte zu machen. Vielleicht ein halbes Jahr später kaufte mein Vater eine schöne bauchige Vespa, um den Baustellen nachzufahren. Bald darauf übernahm er einen neun Jahre alten Renault Juvaquatre, der wie ein schwarzes Gartenhäuschen aussah, das noch nach Vorkriegsmodellen gebaut worden war. Schon ein Jahr später stieg man aber auf einen Kastenwagen von Fiat um, dann auf einen Ford 17M, dann auf einen Chevrolet, ergänzt durch einen Lieferwagen. Das wäre wohl von Anfang an klug gewesen, aber man konnte sich den raschen Wandel und Wohlstand gar nicht vorstellen. Vom Fahrradanhänger zum Chevrolet und Lieferwagen 1964 vergingen genau 13 Jahre. Andere machten nicht qualitative, sondern additive Mobilitätsschritte – man sah sonntags oft Ehepaare auf zwei Motorrädern hintereinander ausfahren. Sie nutzten wohl ihre Transportmittel, die sie während der Woche beruflich brauchten. Gerade so fahren heute ärmere, aber aufsteigende Paare in China und Asien aus. Doch bald war Mobilität sehr erschwinglich. Gegen Ende der 1950er-Jahre dürfte auf den Plakaten für den Volkswagen mit der Zahl «5995 Franken» geworben worden sein. Die Waschmaschine veränderte die Hauswirtschaft. Früher war jeweils ein Mal im Monat Waschtag. Am Vorabend wurden die Holzzuber mit Wasser gefüllt, damit sich die Schrunden schlossen, und die Mutter buk einen Apfelfladen für das Mittagessen des Waschtages, weil sie dann keine Zeit dazu hatte. Die ganze Familie wurde leicht hysterisch, die Wohnung sah aus wie ein Camp, alle Betten wurden umgedreht und die Matratzen draussen gesonnt. Früh am Morgen kam die Waschfrau, eine Witwe mit harten Händen und strengem Blick. Der Waschofen wurde mit Holz eingefeuert und darauf die Wäsche gekocht. Dann mit Holzzangen gestossen, dann durch zwei Walzen gedreht und ausgewunden, dann aufgehängt und später gebügelt.

Controlling bevor man den Begriff kannte

Die Geschäftsprinzipien meines Vaters waren einerseits durch die Fachschule zur Meisterprüfung angelegt, andererseits dem gesunden Hausverstand verpflichtet. Er war Schreiner nicht aus Leidenschaft, sondern auch weil in der Weltwirtschaftskrise eine teure Ausbildung nicht möglich war. Er war Geschäftsmann und hätte in anderen Zeiten etwas anderes gemacht. Eines seiner Prinzipien sorgte für die genaue Stundenabrechnung der Arbeiter. Jeder bekam alle 14 Tage ein Blatt mit waagrechten Linien, auf welchem die Namen der Kunden einzutragen waren, für die sie arbeiteten. Und senkrecht wurde jeden Tag die entsprechende Stundenzahl eingesetzt. Damit waren die Stunden klar den Kunden zuzurechnen, und gleichzeitig musste sich unten in der Tageskolonne die Sollarbeitszeit, damals 9 oder 9,5 Stunden, ergeben. Sonst hätte mein Vater «leere Zeiten» bezahlen müssen. Schlimmstenfalls gab es hin und wieder eine Sonderlinie mit «Regiearbeiten», also mit Stunden, die für den Betrieb selbst aufgewendet worden waren. Auch machte mein Vater bei allen grösseren Arbeiten Nachkalkulationen, um zu sehen, ob gegenüber der Offerte ein Gewinn erzielt worden war. Oft kam er dann spät abends aus dem Büro in unsere Wohnung und strahlte: «30 Prozent!» Ebenfalls immer abends schrieb er die Rechnungen, besonders montags und dienstags, damit meine Schwester und ich sie am schulfreien Mittwochnachmittag portofrei vertragen konnten. Das machten wir gerne. Wir warfen die Briefe aber nicht in die Briefkästen, sondern läuteten an der Türe der Kunden, und bekamen da und dort dafür noch ein Trinkgeld. Alle Vierteljahre war die Abrechnung der Warenumsatzsteuer (WUSt) fällig. Die ellenlangen Zahlenkolonnen in einem riesigen grünen Buch doppelter Buchhaltung gaben die Einnahmen, die Rechnungen, die Konten der Kunden und Lieferanten wieder, die Schlusskolonne zählte alle Buchungen zusammen, und alles musste nach dem Zusammenzählen abwärts und seitwärts stimmen. Der Vater hatte dazu in der zweiten Hälfte der 1950er-

Jahre eine Walther-Rechenmaschine für etwa 1500 Franken gekauft – das entsprach fast zwei Arbeitermonatslöhnen. Sie konnte noch nicht dividieren, weshalb eine grosse Tabelle der Zahlen bis 1000 in reziproken Werten mitgeliefert wurde, die man eingeben und multiplizieren musste. Dann ratterte die Maschine manche Sekunde. Meist mussten meine Schwester oder ich die Zahlen diktieren, eine, zwei Stunden lang und mehr, und falls das Ergebnis nicht stimmte, fingen wir nochmals von vorne an. Wenn ich heute von der Mehrwertsteuerbürokratie höre, zieht ein zorniger Blitz der Erinnerung bis in jene Nachtstunden zurück.

Die Industrie schlägt die Gewerbeproduktion

Zum täglichen Betriebsablauf setzte der Vater den Takt – kurz nach 6 Uhr begann er in der Werkstatt, die Bretter, Platten und Leisten zuzuschneiden, und wenn die Arbeiter kamen, hatte jeder schon an seinem Platz das, was er verbauen musste. «Wenn ich sie machen liesse, würde jeder einfach ein Stück mitten aus einer Platte schneiden», sagte er; der Abfall wäre gross gewesen. Der ökonomische Vorteil war ausserdem, dass vor dem Zwischenimbiss um 9 Uhr, den er oben in der Wohnung nahm, schon mal zwei, drei verrechenbare Maschinenstunden verdient waren, also in heutigen Summen 300 bis 400 Franken. Dann fuhr der Vater mit dem Lieferwagen den Baustellen nach, führte Nägel, Leim, Holz nach, falls nötig – die Arbeiter konnten dies ja nicht mit einem mobilen Telefon wie heute nachbestellen. Nachher waren Kundenbesuche dran, und er fuhr zum Einkauf von Beschlägen, Glas, Ersatzteilen in die Geschäfte St. Gallens. Traditionellere Gewerbler sassen vormittags und nachmittags in einer Beiz und versuchten Kunden mit «Halbliterle» zu gewinnen. Mein Vater verachtete das zutiefst. In der Fachschule hatte er auch technisches und darstellendes Zeichnen gelernt. Die Modelle der Möbel folgten allerdings einem abgeflachten

Spätbarock der 1940er-Jahre, mit runden Kehlungen an den Ecken und leicht geschwungenen Tischbeinen. Das hatten die Fachlehrer ihrerseits 20 Jahre vorher so gelernt. Die Reform des Bauhauses war noch nicht angekommen. Wenn ein Kunde ein besonders aufwendiges Möbel bestellte, stellten die Arbeiter, wenn es fertig war, weisse Sperrholzplatten dahinter auf, und man fotografierte es – als Anschauung für die nächsten Interessenten. Doch diese Einzelanfertigung lief bald aus – zum Zorn meines Vaters fuhren die Kunden mit ihren ersten Autos der 1950er-Jahre nach Suhr, kauften die Kästen, Stühle und Tische bei Möbel Pfister und transportierten sie auf dem Packträger selbst nach Hause. Sie hatten dann oft noch die Frechheit, wenn die Möbel dabei Schaden litten, sie zu meinem Vater zu bringen, damit er sie flicke. Das verweigerte er rundweg. Die Möbel der 1950er-Jahre wurden nun eckig – modern, wie man fand, und bestanden zu immer grösseren Teilen nicht mehr aus Naturholz, sondern aus Sperrholz, Novopan und draufgeklebtem Furnier oder Kunststoff.

Umbauten als Geschäftsmodell

Zum Glück waren drei Viertel der damaligen Herisauer Gebäude alte Appenzeller Holzhäuser, und die steigenden Einkommen der Besitzer riefen nach Renovationen. Das wurde zum neuen grossen Geschäft; ganze Häuser wurden ausgehöhlt, eiserne T-Balken eingezogen, wobei man trotz der niedrigen Etagen an Höhe gewann, weil sich die Decken jetzt nicht mehr um 10 Zentimeter und mehr durchbogen. Eiserne T-Balken einziehen – das sagt sich leicht, aber dazu wurden alle Arbeiter von allen anderen Baustellen zusammengezogen, und sie stemmten mit Schultern und Armen diese enormen Gewichte hoch. Auch die Läden wurden allseits neu ausgebaut, in Bäckereien, Tuchgeschäften, Papeterien. Selbstverständlich achtete man streng darauf, die

eigenen Einkäufe in solchen Läden oder bei potenziellen Kunden zu machen. Wir Kinder wurden angehalten, nach Bezahlung zu sagen: «Mier chömed vo Kappelers.» So waren wir im Aussendienst tätig. Ich trug von etwa acht Jahren bis über 20 Jahre hinaus massgeschneiderte Hemden, weil eine Kundin Weissnäherin war, die jedes Jahr eine Etage ihres riesigen Holzhauses umbauen liess. Immer, wenn sie meine Kragenweite ausmass, rief sie: «Ein Schwanenhälschen.» Hinter der Glastüre guckten und kicherten die Nähmädchen. Um Volumen zu generieren, liess mein Vater auch seine Überkleidhemden dort anmessen. Ein Herrenkleidergeschäft liess ebenfalls bei uns umbauen, und als ich mit etwa 15 Jahren meinen ersten richtigen Anzug brauchte, wurde ich dorthin geschickt. Der Filialleiter sagte: «Ich habe, was du brauchst, ich bestelle den Anzug.» Ich litt 14 Tage im Ungewissen, was für einen Sack ich wohl bekommen würde. Glücklicherweise gefiel mir dann der Anzug. Aber es hätte sonst kein Pardon gegeben, Kunden musste man berücksichtigen, und man durfte nichts zurückweisen. Samstags mussten die Lehrlinge die Werkstatt wischen, und nachmittags, nach der Schule, hatte ich oft mit dem Vater die fertigen Produkte zu liefern – so sparte er einen Arbeiter. Ab etwa zwölf Jahren lernte ich so, ganze Eckbänke, Kästen, Täfer und Tische durch enge Treppenhäuser hochzuwuchten, ohne Kratzer zu hinterlassen. Die Kundinnen waren darüber sehr gerührt und gaben gutes Trinkgeld. Diese sparsame und gleichzeitig hoch produktive Welt ohne unnötige Umwege prägt auch heute noch alle Beschäftigten in den 200000 Kleinbetrieben des Landes, und zwar Arbeiter wie Besitzer. Der Abstand zu Managern grosser Firmen, die mit Millionen und Milliarden umbauen, ausbauen, abschreiben, gewinnen und verlieren, ist enorm. Einen Parkplatz am Betrieb zu überdachen oder vorschriftsgemäss einen weiteren Vorplatz anzufügen, kostet schnell mal den halben Jahresgewinn eines Kleinbetriebs und ist auch unnötig. Mit gegen 2 Milliarden, aber in ähnlichem Verhältnis des Aufwands, baut heute Novartis in Basel einen Campus aus nebeneinandergereihten Bravourstücken weltbekannter Architekten. Wie ein

unnötiges Parkplatzdach im Gewerbe stösst mich dies enorm, mehr als die Novartisboni. Es riecht nach Dekadenz. Man weiss nicht mehr, wie schwer man Geld verdienen muss, oder dass die Gewinne den Aktionären gehören. Im Gewerbe und in Asien weiss man dies noch.

Die Wirtin aus Weinfelden Zu Gewerbefleiss und geschäftlicher Spürnase eine kleine Anekdote, erzählt von einer heute etwa 65-jährigen Taxifahrerin in Weinfelden. Sie habe vorher jahrelang auf einer Bauernwirtschaft im Thurgau gewirtet, täglich allein 35 Mittagessen gekocht, serviert von zwei Serviertöchtern. Danach füllte sich die Wirtschaft mit Stammtischgästen, frohen Trinkern, Verbandsanlässen der Fischer, Bauern, Gewerbler. Abends habe sie als Wirtin nie vor 23 Uhr getrunken, bevor alles aufgeräumt war, dann aber schon ein bisschen. Schliesslich habe sie beschwipste Männer reihum nach Hause gefahren. Als diese klagten, sie dekoriere an der Fasnacht nie, wie man in der Ostschweiz die saisonal etwas lockeren Sitten nennt, da kam ihr ein Baupolier, den es reute, noch brauchbare Baubaracken immer abzubrechen, gerade recht. Sie bestellte zwei davon in den Garten, erklärte der Gemeinde, sie bewahre darin die Gartenmöbel auf. An der Fasnacht richtete sie dann dort zwei dekorierte Bars ein und verdiente gut. Und um die Frauen wegen der Abwesenheit der Männer zufriedenzustellen, lud sie diese jedes Jahr zu einem Gratisessen ein – Friede, Freude und Gewinn rundum. Im Alter wurde ihr das alles etwas zu viel. Sie fährt jetzt Taxi, auch spätabends, und ich wette, sie ist mehrfache Millionärin. Eine von 100000 Gewerblerinnen des Landes, Schöpferin dreier Arbeitsplätze und allzeit Mehrerin des Bruttoinlandproduktes. Ein Kränzchen auch dem Gemeindeschreiber, der sicher von den zweckentfremdeten Baracken wusste, und eher mittrank, als es zu sabotieren.

Migros schlägt die Kartelle

Die Kundentreue wurde in den 1950er- und 1960er-Jahren zum gesellschaftspolitischen Kampffeld. Es stand für Selbstständigerwerbende und ihre Familien ausser Frage, sich in Migros oder Coop, in Warenhäusern wie Jelmoli, Globus oder EPA sehen zu lassen. Diese Filialketten wurden als Totengräber des freien Unternehmertums angesehen. Gottlieb Duttweiler, der Gründer von Migros, hatte ein gesellschaftspolitisches Konzept in zwei Teilen:

Er trat gegen die gewerblichen und verbandlichen Kartelle an, welche damals die schweizerische Wirtschaft vollständig beherrschten, doch kam er politisch damit nicht durch. Seine Antikartellinitiative wurde vom Volk 1958 mit 74 Prozent abgeschmettert. So blieb der andere Weg, nämlich eine Gegenwelt dazu aufzubauen, in der ein Haushalt sich rundum und abschliessend bewegen konnte: mit einem landesweiten Filialverkaufsnetz für Detailhandel, mit dessen Ausgreifen auf viele andere Waren wie Reisebüros, Hotelkette, Taxis, Tankstellen, Bank, Versicherung, Bergbahn, Feriendörfern, Reederei, Kundenzeitung, Tageszeitung (Die Tat), Buch- und Plattenkette, Konzerte, Weiterbildungsclubs. Eine Krake zur Bekämpfung von Kraken. Oder der Beweis, dass Kartelle sich längerfristig ihr eigenes Grab graben. Duttweiler vertraute darauf, dass sich solche liberalen, wettbewerblichen Eigenlösungen mit der Zeit ins Wirtschaftsgewebe hineinfressen und eintragen würden. Das taten sie, aber das Gewerbe nahm es ihm übel. Das Volk folgte ihm, aber langsamer, wie immer, und nicht als Politbürger mit Visionen, sondern als wirtschaftlich interessierte individuelle Kunden. Bottom-up, nicht top-down gestaltet sich die Gesellschaft.

Und ewig lockt der Rabatt Die Migros der frühen Jahre trat auch gegen die Rabattmärkli an, welche die Läden damals den Kunden beim Einkauf abgaben; natürlich nur die Läden, welche einer Einkaufsorganisation oder Werbegruppe der

Markenindustrie angeschlossen waren. Es gab Marken der Usego, der Pro, der Tanner 212, der Coop, der Kaiser’s Kaffee, sodann Silva-Punkte, Bea- Punkte, Juwo-Punkte und viele andere mehr. Doch Migros bot den klaren, endgültigen Preis. Allerdings den runden Preis, und Migros variierte dafür die Gewichte der Packung. Man bekam also für runde 2 Franken 236 Gramm Kaffee. Die Gewerbekreise versuchten, dies als Schiebung darzustellen, weil es kein halbes Pfund war. Doch, oh Wunder, gegen Ende des Jahrtausends hatten die anderen Läden die meisten Punkte und Marken abgeschafft, aber Migros führte die Cumuluskarte ein. Man erhält dadurch monatlich Abrechnungen zugestellt, welche nicht nur Rabattgutscheine, sondern drei Dutzend Vergünstigungsscheine für spezifische Waren enthalten. Wer bei Le Shop Hauslieferungen nimmt, erhält zusätzlich und fast täglich über E-Mail einen ganzen Barock weiterer Vergünstigungen, Punkte und Gutschriften. Migros hat jetzt Denner gekauft, welche ihrerseits mit dem klaren Nettopreis angetreten war. Man kann nur warten, bis auch dort die ersten Rabatte kullern.

Vor dem Nein zur Kartellverbotsinitiative hatten die Stimmbürger immerhin einige der unglaublich gestalteten Marktordnungen korporatistischer Art schon weggeblasen: So 1952 die Bewilligungspflicht für die Eröffnung und Erweiterung von Gasthöfen, den Fähigkeitsausweis im Schuhmacher-, Coiffeur-, Sattler- und Wagnergewerbe und 1951 die Autotransportordnung; 1954 eine 1939 verhängte Sondersteuer (Ausgleichssteuer) gegen Filialbetriebe, und 1945 war nach zwölf Jahren das allgemeine Filialverbot gefallen. Diese Regelungen zeugten noch von der Krisenbekämpfung der 1930er- Jahre, als man glaubte, die Strukturänderungen des technisch- wissenschaftlich-liberalen Zeitalters mit Verboten aufhalten zu können – und damit die Ineffizienzen, und die Krise verlängerte. Heute glaubt nur noch bei der Landwirtschaft eine Mehrheit der Bürger an solchen Widersinn. Mit einer strikten Raumplanung könnte man den dort gewünschten Landschafts- und Artenschutz viel wirksamer und billiger haben.

Damals aber bedeutete der Kampf um die gewerblich erstarrte, kartellierte Struktur das Sein oder Nichtsein für Tausende dort behaglich etablierter Existenzen. Der Riss ging durch die Familien. Mein Vater stritt sich bei sonntäglichen Besuchen jedes Mal mit einem seiner Schwäger, der als Kontrolleur bei Oerlikon-Bührle arbeitete und voll auf Duttweilers neue Freiheiten setzte. Bei meinen Ferienaufenthalten mit neun bis zwölf Jahren beim Cousin in Zürich aber schnupperte ich die verbotene Migrosluft. Sie war so spannend wie die erste Rolltreppe der Schweiz im Warenhaus Jelmoli, die wir ausgiebig befuhren. Noch nicht gerade damals, aber doch mit dieser Erfahrung im Hinterkopf und als Redner vor schliessungsbedrohten Belegschaften später, lernte ich den Zwiespalt hautnah kennen, dass der kühle Ruf nach Wettbewerb, nach damit veränderter und verbesserter Struktur immer viele Einzelexistenzen trifft, die aufgeben, sich neu ausrichten müssen, und die oft dazu nicht nochmals die Kapitalien aufbringen, den Mut, die ausreichenden restlichen Lebensjahre bis 65, die Kenntnisse und die geografische Disponibilität.

Küchenfabrik oder Latein und Griechisch

Wenn schon die Möbel nun industriell hergestellt wurden, so wollte mein Vater sie wenigstens vermitteln. Mit Kunden fuhr er samstags am Nachmittag zur Möbelfabrik Victoria in Baar in die Ausstellung, und wenn sie anbissen, hatte mein Vater 10 Prozent. Davon trat er die Hälfte den Kunden ab. Vor unserer Haustüre brachte er einen kleinen Schaukasten an, den ich mit Bildern aus den Victoriakatalogen füllte, über die ich mit Tusche und Feder markige Werbesprüche schrieb, wie wir es im technischen Zeichnen der Sekundarschule lernten. Ausserdem bekam ich ein Schlafzimmer aus den billigen Victoriamöbeln. Meine Schwester aber erhielt ein hausgemachtes

Schlafzimmer in rötlichem Kirschbaumholz und mit eingelegten hellen Flächen aus Esche. So sollte den Kunden schon mal die grundsätzliche Wahl zwischen fabrikmässiger und handwerklicher Herstellung illustriert werden. Aber es wurde kein blühendes Zusatzgeschäft. Die Industrie schlug die handwerkliche Fertigung. Mein Vater zog nun die Konsequenz und dachte an einen Quantensprung seiner Firma. Ich war etwa 16 und ein erstes Jahr im Gymnasium, da fragte er mich: «Im Ernst, bleibst du im Gymi oder kommst du in den Betrieb? Dann baue ich jetzt nämlich eine Küchenfabrik.» Aber ich lernte so gerne, dass ich erschrocken ablehnte, und die Küchenfabrik entstand nicht bei uns. Der handwerkliche Betrieb mit fünf bis acht Arbeitern wurde weitergeführt. Er rentierte sehr gut, weil alles eingespielt war und die Einzelanfertigungen und Umbauten gute Margen boten. Der Nachfolger, ein ehemaliger Lehrling meines Vaters, führte diesen noch 35 Jahre weiter, dann wurde die Firma nach 107 Jahren aufgelöst. In den 1960er- und 1970-Jahren geschah dies jährlich in Tausenden von Fällen. Die Zeitungen meldeten regelmässig, dass im Vorjahr wiederum 1000 Detailläden eingegangen waren. Desgleichen lösten der technische Wandel und die industrielle Fertigung klassische Gewerbe wie Sattlereien, Wagnereien und Schuhmacherei auf. Hingegen behielten die baunahen Gewerbe ihren Platz, da in der Schweiz jeder Bau eine Einzelanfertigung geblieben ist. Ausserdem kamen neue Kleinfirmen auf:

Werber, Versicherungsagenturen, Planer, Informatiker, Reiniger, also ein neuer Mittelstand. Oder eher der immer gleiche, tatkräftige Mittelstand, der 99 Prozent aller Firmen und zwei Drittel aller Arbeitsplätze ausmacht. Auch die Statistiken zeigen, dass diese Selbstständigen und mithelfenden Familienangehörigen in der Schweiz nicht ab-, sondern sogar leicht zunehmen. Nur in den Medien findet regelmässig der Untergang des Mittelstandes statt, weil sie den Alarm aus Frankreich und Deutschland abschreiben. Dort allerdings würgten die immer engeren Kontrollgesetze und höheren Steuern den Mittelstand tatsächlich und gründlich ab.

Flexibler, offener Arbeitsmarkt – die Arbeiter setzen den Takt

Die Löhne der Arbeiter stiegen in den 1950er- und v. a. 1960er-Jahren rasch an. Mit ihrem Einverständnis hielt der Vater die Stundenlöhne für die reichlichen Überstunden zurück und zahlte sie vor den Sommerferien und vor Weihnachten zusammen mit dem Lohn aus. Damit erleichterte er ihnen das Sparen. Als der vierzehntägliche Lohn zusammen mit der Überzeit erstmals mehr als 1000 Franken ausmachte, holte mein Vater die grossen Noten auf der Bank und legte sie in die Zahltagssäckchen. Alle freuten sich, Inhaber und Arbeiter. Gewerkschaften waren kaum vertreten. Lohnerhöhungen gab man damals schon nur, um die Arbeiter zu behalten. Dank der Vollbeschäftigung konnten sie die Stellen auswählen, und wenn ein Arbeiter kündigte, kam das einer Katastrophe gleich, denn man fand nicht schnell Ersatz. Da sie wussten, dass der Betrieb fast immer auf ein volles Jahr hinaus ausgelastet war, traten sie manchmal nach einem grossen und eiligen Auftrag bei Feierabend unter Führung des Ältesten vor meinen Vater und sagten: «Wir hätten da noch etwas.» Sie wollten mehr Lohn. Der Vater gab, soviel ich weiss, immer sofort nach, er hatte keine Wahl. Oben in der Wohnung zürnte er dann ein bisschen. Aber da die Preise auch immer schneller anstiegen, Anfang der 1970er-Jahre schon um 7 bis 10 Prozent im Jahr, war der Schmerz nur kurz. Ausserdem zitierte mein Vater aus der katholischen Soziallehre oft den Satz, ein ganz grosses Unrecht sei «das Vorenthalten des gerechten Arbeitslohnes». Schon früh in den 1950er-Jahren klopften auch in Herisau die ersten italienischen Arbeiter an. Mein Vater stellte Luigi Comarella aus Valdobbiadene ein, einen sehr grossen Norditaliener mit langen schwarzen Haaren, die er beim Arbeiten mit einer Spange zusammenfasste, eher ungewöhnlich in den konformistischen 1950er-Jahren. Er war ein «operaio» wie aus einem Fellinifilm, wirkte auch im Überkleid elegant, ja nobel. Ausserdem fuhr er ein knallrotes Moto-Guzzi-Motorrad mit der damals weit ausladenden Lenkstange. Die Kundinnen waren begeistert, mein Vater auch,

denn Comarella erwies sich als Sohn eines Schreinermeisters und musste nicht angelernt werden. Später kam auch sein gleich grosser Bruder Afro nach und arbeitete im Betrieb. Ein weiterer Italiener, aus Sizilien, gab nur ein kurzes Gastspiel, weil mein Vater ihn beim Rauchen in der späneübersäten Werkstätte ertappte. Er zahlte ihm den Lohn bis auf die angebrochene Viertelstunde aus und schickte ihn weg. Keine Rekurse, kein Arbeitsgericht, auch keine Anklage wegen mutwilliger Gefährdung von fünf Familien im Holzhaus. Klare Verhältnisse innerhalb von drei Sekunden. Die Brüder Comarella kehrten nach etwa acht Jahren nach Italien zurück. Wir besuchten sie später und freuten uns, wie sie natürlich auch, als sie eine modernisierte grosse Schreinerei vorzeigten. Wenn Arbeiter, etwa Hamburger Zimmerleute in ihrer Kluft, anklopften, die man im Moment nicht einstellen konnte, war es Sitte, einen Fünfliber zu geben und sie in den nahen Adler zu einem Mittagessen zu schicken. Wiederholten sie dies bei den vier, fünf Schreinereien des Ortes, dann hatten sie ein Taggeld beisammen, und das ohne Arbeitslosenversicherung. Mindestens neun der Arbeiter, die im Laufe der Zeit eingestellt waren, machten sich nachher selbstständig: in der Schweiz, in Italien, in Kanada und Tansania. Das ist ein recht grosser Anteil, und sie selbst wie auch die anderen, die sich weiterhin irgendwo beschäftigen liessen, erlebten so die soziale Mobilität am eigenen Leibe. In einer Volkswirtschaft, die von kleinen Firmen, heute auch von den neuen blühenden Dienstefirmen dominiert wird, verfängt daher das Klassendenken nicht, also die von damaligen – und manchmal von heutigen – Linken eingepaukte Lehre von zwei unversöhnlich gegenüberstehenden Klassen, in denen man schicksalshaft steckt.

Und die Lehren aus diesen grossen Wachstumsjahren Wenn ein Land seinen Arbeitsmarkt offen und flexibel hält, ohne ausufernden Kündigungsschutz und alle möglichen Diskriminierungskontrollen oder Mitbestimmungsgremien, dann stellen die Firmen gerne Leute ein, und es herrscht Vollbeschäftigung. Das zeigen die Schweiz, Dänemark, Singapur – in

verschiedenen Arbeitsmarktverfassungen, die aber in diesem Punkt übereinstimmen. Sind die Leute mehr oder weniger vollbeschäftigt, können sie, mit der unausgesprochen vorhandenen Drohung wegzulaufen, alles von selbst erzwingen: mitzureden, anständig behandelt und entlohnt zu werden, Kurse zu machen, die Arbeitszeit frei einzuteilen, zu reduzieren, Überzeit zu leisten und nach der Mutterschaft wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Gesetze gegen Kündigungen, Mobbing, Überzeit oder Zwänge für Mindestlöhne, Alters-, Jugend- und Frauenquoten, Lehrverhältnisse, Mitbestimmung usw. sind dann unnötig. Führt man sie aber alle ein und werden sie zum in Europa gewohnten Korsett, dann plötzlich werden sie scheinbar nötig, weil Arbeitslosigkeit auftritt, weil das Einstellen von Leuten verrechtlicht wird und weil sich die Spiesse der Arbeiter wegen der Arbeitslosigkeit dann verkürzen. Die Politiker der Linken können also haben, was sie wollen: den Engelskreis oder den Teufelskreis.

Die Wirklichkeit als bessere Universität

Seit etwa 30 Jahren sind in der europäischen Politik und in den Gewerkschaften Personen führend, welche die gewerbliche Mikroökonomie nicht mehr selbst erlebt haben. Sie können sich nicht vorstellen, wie der Unternehmer auf Vorschriften reagiert und wie diese summierten Unternehmerentscheide das Wohl oder Wehe der Volkswirtschaft bestimmen. Wenn ein kleiner oder grosser Unternehmer sieht, dass er einem Arbeiter nicht mehr kündigen kann, stellt er keinen mehr ein oder nur noch in befristeten Verträgen. Doch wenn in einem freien Regime ein Arbeiter und Angestellter einmal eingearbeitet ist, wird seine Stellung stärker, und die Firma zittert, aber nicht er, ob er bleibt oder nicht. Die oft unterstellte allgemeine Unternehmerwillkür gibt es nicht. Genau gleich ist es mit Mietern. Kündigt

einer, muss der Eigentümer meist mehrere Tausend Franken an Renovationen auslegen, also schreckt er bei Kündigungen auf und sucht sie nicht herbeizuführen, etwa durch ruppige Mietsteigerungen. Besonders kleine und mittlere Eigentümer, wie ich es auch in unserer Familie sah, besitzen vielleicht zehn bis 20 Wohnungen und verwalten sie selbst. Jede Kündigung eines Mieters ist ungelegen, verursacht hohe Renovationskosten und enorme Umtriebe – z. B. musste der Vater nur schon fünf, sechs Abende opfern und zu seinen Wohnungen in einem anderen Dorf fahren, um den neuen Interessenten eine gekündigte Wohnung zu zeigen. Die Transaktionskosten liegen bei einem Wohnungswechsel also nicht nur auf Seiten eines allenfalls hinausgeworfenen Mieters, sondern auch beim Vermieter. Doch die Rhetorik der Mieterorganisationen und das Mietrecht überhaupt unterstellen Vermieter, die nur auf das Verderben des Mieters aus sind und die bei Willkür keinerlei Kosten haben. Was die Mietpreise betrifft, so können sie in einem engen Land nicht zu hoch sein – das ist eine ökologische Rationierung des Raums. Und wie immer bei ökologischer Selbstbeschränkung der Wachstumsgesellschaft:

Auch die vielen Armen müssen Ressourcen sparen, nicht nur die wenigen Reichen. Für meinen ideologischen Haushalt zwischen rechts und links profitierte ich schon als Jugendlicher vom Einblick in beide Seiten: Mieter/Hausbesitzer und Unternehmer/Arbeiter. Bis zu den 1970er-Jahren hatte sich die Mehrheit der Gewerkschaftsführer aus der Arbeiterschaft emporgearbeitet. Sie kannten die Berufswelt und waren meistens auch Präsidenten von Baugenossenschaften, Coopsektionen und Druckereien. So hatten sie ihrerseits ein Bein im Lager der Unternehmenden und mussten mit Mietern, Kunden und Mitarbeitern umgehen können. Mehr als vielen linken Kadern heute glichen sie den Kaderleuten, denen ich jährlich im Rahmen der Schweizerischen Kurse für Unternehmensführung (SKU) begegnete, die jetzt neu Advanced Management Program heissen. Jährlich bereiten sich dort etwa 50 Praktiker während sechs intensiven Wochen auf den Sprung in die oberste Geschäftsleitung mittlerer bis grosser

Firmen vor, welche sie zu diesen Kursen senden. Es sind nüchterne, fähige Personen mit Verantwortung und Verantwortungsgefühl. Sie müssen die Mitarbeitenden bei der Stange halten, fördern, motivieren. Sie bilden ein Netz von Wertschöpfern bester Art und gehören zum Rückgrat des Standorts Schweiz. Was sie veranlassen, unterliegt sofort dem Test der vielen Märkte, welche sie verknüpfen: interner und externer Arbeitsmarkt der Firma, Produktemarkt, Imagemarkt, Beschaffungsmarkt, Ideen- und Patentemarkt, Finanzmarkt, Weltmarkt. Deren Zusammenspiel zu meistern, fordert und kontrolliert diese Kader besser als jede sich einmischende Behörde.

Auch der Unternehmer holte sich sein Recht selbst

Und noch eine Lehre für unser verrechtlichtes Zeitalter: Man regelte Differenzen ganz direkt. Advokaten sah man als gefährlich an, sie halfen einem zwar, die Streitsumme zu gewinnen, aber diese wurde durch die Honorare aufgefressen, wenn man es bis zu einem Gerichtsfall kommen liess. So produzierte mein Vater für den Inhaber eines Holzhandels Ende der 1950er- Jahre etwa 20 Wohnwagen nach dessen Entwürfen und Angaben. Dazu gehörte ein Dach aus Pavatex, nur gut bemalt und mit Gummikanten eingefasst. Mein Vater sagte, das könne nicht dicht sein, doch der Kunde beharrte darauf. Prompt rannen mehrere der Wagen mit der Zeit, und der Händler wollte die Reparatur nicht zahlen, da das Garantiearbeit sei. Da rief mein Vater eines Tages in dessen Holzhandlung an, und als feststand, dass der Inhaber nicht dort war, liess mein Vater dort so viel teuren Furnier aufladen, bis die Reparatursumme etwa erreicht war. Dann fuhr er zurück, zahlte aber nie, und man war stillschweigend quitt. Der Heimatschutz begann seine Vorschriften auszubauen und intervenierte beim Umbau eines Restaurants. Die Fenster müssten nach appenzellischer Bauweise ganz schmal bleiben, hiess es. Der Wirt und mein Vater optierten

trotzdem für breite Fenster, klemmten aber für die Abnahme durch die Funktionäre des Heimatschutzes Sparren auf die Fensterscheiben, die nun wunderschön in kleine Felder unterteilt waren. Nachher nahm der Wirt sie auf sein Risiko weg. Das Restaurant läuft noch immer gut, und wenn eine Foto für Altherisau zu machen ist, kann man die Sparren einsetzen. Wenn ich heute manchmal den über Vorschriften empörten Gewerbetreibenden rate, einfach nicht zu gehorchen, um, wenn alle es nicht tun, ungeschoren zu bleiben, dann riecht dies nach Revolution. Als mein Vater 1952 die Werkstätte ans neu gekaufte Haus neben dem Bezirksspital anbauen wollte, kam Chefarzt Dr. Merz vorbei. Dr. Merz war ein leutseliger, aber wortgewaltiger Mann und schimpfte, mit dem Maschinenlärm nebenan könne er nicht operieren. Mein Vater bot an, das zweistöckige Holzlager zwischen die künftige Werkstätte und das Spital als Schallschutz zu erstellen, wenn er es ohne Abstand auf die Grenze bauen dürfe. Der Arzt war hocherfreut, mein Vater auch.

«An die Säcke» und Ärmel hoch – auch wenn es Eternit war

Den Kundinnen kam mein Vater mit seinem Hausverstand entgegen. Da bei Umbauten die Frauen ein gewichtiges Wort mitredeten, mussten die Arbeiter jeden Abend immer sauber aufwischen. Das sprach sich herum, und die Frauen optierten für Vaters Offerten. Dem Perfektionismus huldigte er, indem in jedem fertig umgebauten Zimmer alle Schraubenschlitze an Fenstern, Möbeln, Türrahmen und Täfer waagrecht oder senkrecht liegen mussten. Gerne wickelte der Vater Aufträge für Gestelle, Keller und WC-Fluchten in öffentlichen Gebäuden ab, um die sich niemand riss, weil die anderen Schreiner für die schönen Eingangstüren solcher Bauten offerierten und die Preise drückten. In Kellern und Lagerhallen kam oft Eternit zum Einsatz, und ich hielt

meinem Vater manchmal die grossen Eternitplatten beim Zerfräsen an der Maschine. Sie rochen sehr interessant, irgendwie nach Neubau. Der graue, asbesthaltige Staub fiel auf das übrige Sägemehl. Mit diesem wurde er samstags in grossen Wolken in den Spänekeller weggewischt, von wo er im Winter wieder hochgeholt und verfeuert wurde. Niemand dachte etwas Besonderes dabei. Später neckte ich Vasco Pedrina, den eifrigen Adjunkten für Arbeitssicherheit des Gewerkschaftsbundes und nachmaligen Unia- Kopräsidenten, mit meiner trotz Asbest strotzenden Gesundheit. Il n’a pas apprécié. Und angesichts der wirklichen Asbestopfer war meine Neckerei auch nicht von bestem Geschmack. Nur kann ich mich heute nicht moralisch über damalige Geschäftsleute und Produzenten ereifern – in der Industriegesellschaft lernten alle gleichzeitig, aber oft zu spät, wie gefährlich sie manchmal den Tiger ritten. Meine Mutter hätte sich bei Umfragen als «Hausfrau» bezeichnet, doch war sie genauso im Geschäft tätig. Die Kunden und die Mieter im Hause kamen Ende des Monats persönlich vorbei und zahlten bar. Dies wickelte die Mutter ab, und sie offerierte auch jedem einen kleinen Vermouth mit einigen Bisquits. Sie bediente das Telefon und organisierte die Wochenendeinkäufe so, dass alle Kunden unter den Ladenbesitzern der Reihe nach berücksichtigt wurden. Auch ihre eigenen Kleidereinkäufe folgten dieser Reihenfolge. Es wäre nie infrage gekommen, die eleganten Geschäfte St. Gallens abzuklopfen. Hin und wieder beklagte sie sich, halb im Spass, halb im Ernst, wenn für den Betrieb zwei, drei neue Maschinen angeschafft wurden, sie aber immer noch auf den Geschirrspüler hoffte. Zusammengefasst möchte ich Folgendes festhalten: In einem damaligen gewerblichen Haushalt hatten die Jungen zu lernen, dass man «an die Säcke» muss, dass jeder Rappen zählt und dass die Kunden zuerst kommen. In unserer Klasse von 43 Primarschülern stammten 14, also ein Drittel, aus selbstständigen Haushalten. Ein Drittel waren also Kinder von Freiberuflern und Gewerbetreibenden, und etwa vier weitere von Kadern der damaligen grösseren Unternehmen, die mit Hausverstand und kurzen Hierarchien geführt

wurden. Viele der 68er und jungen Linken kamen aus solchen freiberuflichen oder gewerblichen Familien (auch Pedrina). Ihre oft bedrohliche Initiative und Effizienz rührten durchaus von diesen 1968 nach aussen lauthals abgelehnten Verhaltensprägungen. In der Schweiz arbeiten heute wieder 13 Prozent der Erwerbstätigen, Tendenz steigend, als solche Selbstständige oder als mithelfende Familienangehörige. Zusammen mit ihren Stellvertretern, Facharbeitern und ehemaligen Lehrlingen, die anderswo arbeiten, festigen sie in einem immer noch grossen Segment der Stimmberechtigten des Landes den methodologischen Individualismus, also die Auffassung, dass Ordnung, Verkehrsformen, Neuerungen und Wohlstand aus dem Zusammenspiel vieler kleiner, Hunderttausender von Firmen und aktiven Leuten herrühren. Und nicht von hochtönenden, der Gesellschaft vorgegebenen Zielen und Schutzmassnahmen und von den darüber die Deutungsmacht beanspruchenden Vordenkern, Hohepriestern, Berufsethikern und Glitterati. Das denken auch Asiaten, Amerikaner und die Angelsachsen.

Das Kapital wertet die Arbeit auf

Man sparte weit über das Notwendige hinaus, vieles wurde ins Geschäft gesteckt, dieses blühte auf. Wenn eine der grossen Maschinen am Ende war, mussten 10000 bis 20000 Franken (das wären heute wohl 50000 Franken) sofort aufgebracht werden. Die Maschine kam innerhalb von zwei, drei Tagen vom Lieferanten, der Betrieb ging weiter. Mit diesem raschen Ersatz, mit der Wichtigkeit grosser wie kleiner Maschinen hatte man die Rolle des Realkapitals direkt vor Augen. Kapital war nicht nichts, es kam auch nicht von irgendwoher, sondern vom eigenen Sparkonto, und dort von den aufgesparten Gewinnen. Dann wandelte man es in Realkapital, in Maschinen. Ökonomisch ausgedrückt: Die Produktivität der Arbeiter stieg damit an, nicht jene der

Maschinen. Kapitaleinsatz ermöglicht mehr Umsatz, mehr Gewinn, aber v. a. auch höhere Löhne. Diese Wachstumsspirale und ihre sparenden Sponsoren, die Kapitalgeber, sind Linken nicht geläufig, weil sie das nie selbst erlebt haben. Für mich war die neue Behaglichkeit der Wachstumsgesellschaft gelegentlich unheimlich, und mit 18 Jahren sagte ich mir verschiedentlich:

«Das kann ich gar nicht glauben.» Alle zwei Jahre kam ein grösseres Auto, dann ein Lieferwagen dazu. Dann wurde das Haus um weitere Mietwohnungen aufgestockt, dann wurden weitere Häuser gekauft, schliesslich ein Wohnwagen. Diese zwei Jahrzehnte vor der Ölkrise 1973 waren wirklich mit dem heutigen Boom Chinas vergleichbar. Es ging alles so schnell, dass die meisten Familien ihre Lebensgewohnheiten gar nicht rasch genug anpassen konnten oder wollten. Wenn sich in den 1950er-Jahren ein Ladenbesitzer ein erstes Auto leistete, sagte man noch schnell, der hat offenbar zu grosse Margen.

Die Welt öffnet sich

Immerhin begannen manche Familien, erste Auslandsreisen zu unternehmen. Die ersten Destinationen waren die mythisch klingenden Orte Italiens wie Cattolica, Rimini, Cesenatico. Meine Eltern waren in ihren jungen Jahren, wie ihre ganze Generation, von Auslandsreisen ausgesperrt gewesen. Zuerst hatten sie in der grossen Krise kein Geld gehabt, dann kam der Zweite Weltkrieg, und die Welt war nochmals sechs Jahre lang zugenagelt. Danach war Europa völlig zerstört. So fuhren meine Eltern 1951 mit dem Kirchenchor nach Strassburg und berichteten von vielen Schutthaufen. Erst das Auto machte mobil, und 1955 rasten wir vom Tessin aus in einem Tag nach Genua und zurück, einfach, um endlich das Meer zu sehen. Mein Vater war mit uns Kindern erstmals richtig im Ausland. Ausser dem umständlichen Baedeker gab

es noch nicht diese kurzen touristischen Einführungen über die Bräuche in anderen Ländern. Deshalb regten wir uns über die nur halb gefüllten Espressotässchen auf und bezeichneten sie als typischen Nepp. Die Motorisierung Italiens war schon in vollem Gange, und was Rossellini und Fellini in ihren ersten Filmen zeigten, sahen wir real vor uns. Alle rauchten Zigaretten. Bauten aus Mussolinis Zeit im «razionalismo italiano» standen da wie in Gemälden De Chiricos. Von Genua wanden sich unendliche Kolonnen von Tanklastwagen mit Anhängern in den Norden, gefüllt mit Benzin und Öl. In den grossen Städten fuhren die Fiats drei- und vierspurig nebeneinander, dabei laut hupend. Junge Frauen sassen quer auf dem Soziussitz der Vespas und Lambrettas. Überall wurde wildwütig gebaut. Schreiende Plakatwände schoben sich vor Landschaften wie auch vor Palastfassaden. Der fremde Reisende wurde schnell erkannt und mit Angeboten aller Art belagert – wie heute noch südlich des Mittelmeers. Es war alles sehr aufregend!

Die anlaufende internationale Arbeitsteilung, ein wichtiger Faktor der Globalisierung, erzählten die Spielzeugautos meiner Generation. Anfang der 1950er-Jahre bekam ich ein Lastwägelchen aus schwerem Gusseisen, das «Made in Germany» war. Gegen Ende der Primarschule ereiferten wir uns für die Spielzeugautos der Dinky Toys aus England. Doch bald schon trugen die ersten Spielzeuge den Aufdruck «Made in Hongkong», und als ich für meinen Neffen nach 1980 Spielzeug kaufte, stammte es aus Macao, für meine eigenen Söhne nach 2000 schon aus China.

Ganz unbeachtet, das hedonische Wachstum

Wenn die Statistik vermeldet, die realen Löhne hätten sich seit 1945 verdreifacht, oder wenn die Preisentwicklung der Güter und Dienste berechnet wird, geht etwas Wesentliches unter: die noch viel dramatischere

Verbesserung der Produkte während dieser Zeit. Das griechische Wort «hedonä» für Freude wird in der Ökonomie dafür gebraucht – Wachstum ist meist auch hedonisch, bringt qualitative Verbesserungen und Freuden. Ein Bügeleisen wird in der Statistik der Löhne und Preise einfach gemäss seinem Preis geführt. Aber das Bügeleisen meiner Mutter war nur ein Metallklotz als Stromwiderstand, der glühend heiss wurde und schon nach ein paar Sekunden ohne Bewegung ein Loch in die Stoffe brannte. Heute kann die Hitze eines Bügeleisens in feinen Stufen geregelt werden, es kann Dampf abgeben, es kann vor sich hin spritzen, und es kann ohne weiteres Gestell auf seine kalte Kante aufgestellt werden. Und es kostet, gemessen am Arbeitslohn, nur noch einen Bruchteil. Die gleiche qualitative Aufwertung bieten heute die Autos mit 1000 Regeleinstellungen, mit einem unvergleichlich höheren Komfort der Sitze, mit Heizung, Lüftung, gesenktem Lärmpegel innen und aussen, mit halbiertem Benzinverbrauch. Der Bahnfahrer erlebt das Gleiche, wenn auch die Billetkosten im Preisindex höher liegen als 1945. Doch noch viel höher entwickelte sich auch hier der Sitzkomfort, denn ich fuhr von 1959 bis 1962 noch auf Holzbänken in die Klosterschule nach St. Gallen. Die Züge heute haben Lautsprecherdurchsagen, Ablegeflächen, saubere WCs mit Lavabo – und sie fahren viel häufiger im Taktfahrplan, ohne auf Anschlüsse warten zu müssen. Dies alles wird in den Preisentwicklungen nicht angezeigt. Nicht angezeigt wird sodann das gänzlich Neue, das gar keine alten, schlechteren Vorprodukte kennt, etwa die Informatik, die Welt der Netze. Statt der widerspenstigen, beim Halt am Wegrand entfalteten Landkarte führt eine sanfte Stimme des GPS zum Ziel. Neueste Bücher aus Amerika fliegen auf Wellen in das Lesegerät, billig und innerhalb von Sekunden. Hier fügen sich ganze Dimensionen an das frühere Leben, Wissen und Geniessen an. Das hedonische Wachstum ist in den Statistiken, oft auch im Bewusstsein der Menschen, ausgeblendet, weil die neuen Produkte erst in den Konsumentenpreisindex kommen, wenn sie weit verbreitet sind. Bis dann sind sie schon um Faktoren billiger und um Faktoren leistungsfähiger geworden, was der Index nicht mit einem gewaltigen Fall anzeigt, wie wenn sie schon

anfangs drin gewesen wären. Nur wer die nicht immer gute alte Zeit erlebt hat, kann es einschätzen und den vielen Ingenieuren und Produzenten dafür dankbar sein. Denn das «Freudenwachstum» ergriff wirklich alles. Man denke nur daran: Die ersten Kugelschreiber rannen weiter, wenn man mit dem Schreiben aufhörte, und ein nächster Satz begann mit einem sichtbaren, klebrigen Klecks. Heute sind die Kugelschreiber nicht nur sauber, sondern auch gratis. Ich habe seit 30 Jahren keine mehr gekauft, sondern als Werbung oder bei Sitzungen erhalten. Der Kugelschreiber ist nur ein kleines Detail, es spricht (oder schreibt) aber Bände.

Kapitel 3

Wirtschaftspolitik: Linke und Rechte übers Kreuz

Der Boom der 1960er-Jahre war auch in Bern angekommen, und die Bundesverwaltung sorgte sich über die steigenden Preise. Vor allem die Haus- und Bodenpreise flogen davon, und immer wieder hörte man von Bauern, die viele Quadratmeter für 50 Rappen verkauft hatten, nur um zu vernehmen, dass schon Tage danach das Land für 5 Franken verurkundet wurde. Nicht selten liess ein Händler den Verkäufer des Landes eine halbe Stunde vor dem Nachkäufer aufs Notariat kommen, nahm seine paar 100 Prozent dazwischen heraus, und seine beiden Kontrahenten kreuzten sich noch im Gange des Amtes. Manche Bauunternehmer hatten von einem Architekten einen Wohnblock erstellen lassen, sahen gut zu, kauften ihm die Pläne ab und erstellten dann in den Wiesen daneben jedes Jahr zwei neue, genau gleiche Blöcke in langen Reihen. Es gab keine Raumplanung, damit auch keine Einsprachen, und eine Baubewilligung war auf dem Amt rasch abgeholt.

Wenn Beamte bremsen müssen

Kurz: Dies rief nach behördlicher Aktion. Die Bundesrepublik wertete schon 1961 die erst 13 Jahre alte D-Mark um 5 Prozent auf, um den Exportboom zu zügeln. Die Schweizerische Nationalbank schlief, tat nichts mit dem Frankenkurs, der Bundesrat griff lieber in die Regulierungskiste und schlug

1962 Massnahmen zur Konjunkturdämpfung vor. Herzstück war ein Bauverbot, sowohl für Einfamilienhäuser und Zweitwohnungen als auch für öffentliche Gebäude wie z. B. Turnhallen. Die damals tätigen gewerblichen und industriellen Unternehmer waren alle in der düsteren Weltwirtschaftskrise aufgewachsen, hatten ihre «formative years» dann in den sechs folgenden Jahren im Militärdienst durchgemacht. Mein Vater hatte zum ersten Mal in seinem Leben mit 18 Jahren in seinem Dorf Thal im Kanton St. Gallen gesehen, dass überhaupt ein Haus gebaut wurde. Diese subjektiv sich betrogen fühlende Generation hatte eben erst tatkräftig das breite Tor zur Prosperität aufgestossen und glaubte nun, nicht recht zu hören. Professor Hugo Allemann, der Delegierte des Bundesrates für Konjunkturfragen, kam nach St. Gallen, um im Saal eines Restaurants das Vorhaben des Bauverbots zu erläutern. Mein Vater nahm mich mit, ich war 16 Jahre alt und erinnere mich an einen vor Wut kochenden Saal. «Ihr Dummköpfe in Bern, jetzt, wo man endlich etwas verdienen könnte, wollt ihr es verbieten! Das sieht euch ähnlich, ihr, die ihr ja gar nichts Rechtes arbeitet. Zahlen wir dafür Steuern?» So ähnlich ging die Rede. Die Wirkung war in der Ostschweiz nicht spürbar, gerade weil die Auftragsbestände im Bau schon ein Jahr ausmachten. Als dann 1966 die erste, ganz leichte Konjunkturabschwächung bei den Firmen Panik in der Bundesrepublik säte und trotzkistische Theoretiker wie Ernest Mandel vom Ende des Kapitalismus schreiben liess, lief das Bauverbot aus. Es war ausserdem von 1000 Ausnahmen und Gefälligkeiten lokaler Behörden durchlöchert worden. Der Boom ging also weiter, und jetzt besann sich Bern auf bessere Instrumente jenseits dilettierender Eingriffe. Die Nationalbank sollte mit einem Instrumentarium versehen werden, um die Krediterteilung, die Geldschöpfung und den Geldzufluss aus dem Ausland und die Zinsen zu steuern. Bisher hatte man dies mit Gentlemen’s Agreements zwischen Notenbank und Grossbanken zu regeln versucht. Doch vor dem Geheul der Banken trat das Parlament 1969 nicht einmal auf dieses

Notenbankinstrumentarium ein. In den folgenden Boomjahren ruderte die Regierung hilflos herum, sie verhängte 1970 Exportzuschläge und ein dann doch nicht in Kraft gesetztes Exportdepot von 5 Prozent. Dann verlangte sie Negativzinsen auf ausländisch zugeströmte Gelder von 10 Prozent pro Quartal. Ich war damals an der Universität und hatte die für ein Papiergeldsystem notwendigen Lenkungen zu erlernen. Die wirtschaftspolitische Dummheit und Hörigkeit des Parlaments, welches das Notenbankinstrumentarium ablehnte, trieb mich daher zu einer grundsätzlich kritischen Haltung an, und ich war mehr denn je entschlossen, den verhockten Köpfen mit Schreiben zu Leibe zu rücken.

Zeigen und schreiben, wie die Welt wirklich tickt

Das erste Mal wurde ich motiviert, mich der Welt der Informationen, ihrer Ergründung und Vermittlung zu verschreiben, als ich in den Pausen und im Abendausgang während der Rekrutenschule das Bändchen Der Vietnamkrieg und die Presse von Urs Jaeggi las. Dass die ganze Presse eines Landes voreingenommen informierte, keine andere Sicht erwog und kaum Kenntnisse vor Ort hatte, erschütterte mich. Als wir in den Vorlesungen und Seminarien der Sciences politiques an der Genfer Universität «la méthode quantitative» der Inhaltsanalyse kennenlernten, schritten mein Freund aus Gymnasialzeiten, Urs P. Gasche, und ich zur Tat. Die voreingenommene Haltung, diesmal beim deutsch-schweizerischen Radio, während der Têt-Offensive 1968 im Vietnamkrieg hob sich derart unvorteilhaft von der ausgewogenen Berichterstattung im Westschweizer Radio ab, dass wir in der damals sehr kritischen Nationalzeitung von Basel den Unterschied auf zwei Zeitungsseiten ausbreiteten. Mein Kollege nahm die westschweizerischen, ich die deutsch- schweizerischen Abendnachrichten auf Tonband auf. Zur Recherche ersuchten wir um ein Gespräch mit Heinz Roschewski, dem Nachrichtenchef des Radios.

Dieser freundliche Herr bemerkte das damals hochmoderne Uhertonbandgerät nicht, das Urs vor ihm mit der Bemerkung aufstellte, das sei die Sekretärin. Erst nach anderthalb Stunden rief er: «Was ist das? Was, Sie haben mich aufgezeichnet?» Wir waren verwundert ob solcher Professionalität. Die allgemein dilettantische Information von Radio Beromünster erklärte sich, wie wir sahen, weil ihm Korrespondenten vor Ort fehlten. Es verliess sich daher nur auf amerikanische Darstellungen, und weil die Nachrichten des Radioprogramms von der Schweizerischen Depeschenagentur ausser Haus gemacht und mit Grabesstimme verlesen wurden. Daran schloss dann das Radio sein Echo der Zeit an, oft ohne Bezug zu den vorausgegangenen, ihm vorweg unbekannten Nachrichten. Die Grabesstimme gehörte einem Sprecher, der damit jahrelang auch eine eherne Wahrheit der Nachrichten suggerierte. Die Stimme wurde noch jahrzehntelang in Dokumentarfilmen der Schweiz eingeblendet, um Tatsachen festzulegen, welche die Filme dann abhandelten. Es gehörte zu den achtenswerten Kämpfen der 68er, den Begriff von «Objektivität» abgesetzt zu haben, den damals alle angegriffenen älteren Herren der Wissenschaft, der Wirtschaft und der Medien für ihre Meinungen in Anspruch nahmen. Der überzeugende Gegenbegriff wurde «Fairness», also das Aufspüren aller möglichen Fakten und die Kennzeichnung der Stellen, wo man diese persönlich gewichtet. Man muss Zeitungen aus den 1950er- und 1960er-Jahren lesen, um die breiige Vermischung von Fakten und Kommentaren zu sehen und zu verabscheuen. Allerdings, vor dem Internet und in einer noch festgefügten Gesellschaft waren Fakten rar, und Meinungen gaben Halt. Urs P. Gasche und ich waren durch diese zwei ganzen Zeitungsseiten und die zwei nochmals als Duplik auf eine gequälte Reaktion des Radios veröffentlichten Zeitungsseiten mit 22 und 21 Jahren als Journalisten gesetzt und bekannt. In diesem kleinen, schläfrigen Land wird man oft mit einem einzigen Artikel zum Experten. Die seinerzeitige Medienwelt bot ihre eigenen Chancen für junge selbstständige Journalisten. Daher erlebte ich keine kargen Zeiten, wie sie oft

von anderen bejammert werden. Ich glaube auch nicht, dass Journalismus in den überfüllten, jährlich von Hunderten von Studenten besuchten Kommunikationsvorlesungen an den Universitäten gelernt werden kann. Vielmehr muss ein Journalist gute, spezifische Kenntnisse von einem bestimmten Thema haben: von Geografie, Archäologie, Geschichte, Sport, Wirtschaft, Ius, einem Handwerk usw., und dann lernt er «on the job», wie man’s macht.

Beruf und Berufung als Journalist

Mein «Geschäftsmodell» lebte von den unzähligen Zeitungen, welche damals sogar innerhalb der einzelnen Kantone und Städte bestanden. Ich schrieb alle 14 Tage einen Wirtschaftsartikel, den ich fotokopierte und an etwa zehn bis 15 Lokalzeitungen sandte, deren Leserschaft sich nicht überschnitt. Vier, fünf nahmen ihn immer, weil es damals noch keine Wirtschaftsseiten gab. Am Jahresanfang schrieb ich mir auch alle Jubiläen heraus: von Firmen, Gesellschaften und aus der Politik und hatte dann Artikel bereit, wenn sie anfielen. Schliesslich schrieb ich den Redaktoren Ende Mai, dass ich den ganzen Sommer über da sein würde – und konnte so die Zeitungen füllen, wenn die lieben Kollegen in der Sonne lagen. Im Gegensatz zu Meienberg, glaubt man seiner Biografie, achtete ich auf die genaue Zeilenzahl und auf die Termine. Die Redaktoren nehmen bei der heute riesigen Informationsflut jene Artikel am liebsten, die pünktlich ankommen und die sie ohne weiteren Aufwand abdrucken können. Allerdings kamen anfangs viele Artikel zurück. Sie seien unleserlich und nicht aktuell – so kritisierten mich die Redaktionen. Man lernt eben «on the job». Als mir dann das Berner Tagblatt einen Auftrag gab, auf sieben Zeitungsseiten die ganze Berner Volkswirtschaft mit ihren wichtigsten Firmen

darzustellen, wagte ich den Sprung in die Selbstständigkeit mit Überzeugung und verdiente in der Folge immer gut. Bei der Nationalzeitung bekam ich sogar höhere Honorare als Niklaus Meienberg, der bei Honoraren immer hoch pokerte. Kurse und Vorträge ergänzten die Aufgaben und das Einkommen. Hingegen widerstand ich immer den Anfragen, Firmen und Verbände bei der Kommunikationsstrategie zu beraten oder gleich selbst zu machen. Diese verlockenden Angebote fressen sich in den schweizerischen Journalismus querbeet hinein, und im Gegensatz zu angelsächsischen Medien stört sich kaum jemand daran. Viele gute Journalisten verschwinden immer wieder in die Kommunikationsabteilungen der Konzerne, der Verbände und der Verwaltung. Ich kann die individuelle Motivation verstehen, aber in der Summierung tut dies der Medienwelt nicht gut. Den Firmen tut es auch nicht gut, sie belasten sich mit enormen Kommunikationsabteilungen, die in alles hineinreden und welche die sonst schon unsicheren Manager vollends entmündigen und mundtot machen. Farbig und laut sprechende Firmenleiter werden immer seltener. Die meisten sondern in ihren Reden ein gescheit scheinendes Gemisch aus vulgärer Betriebswirtschaftlehre, aus Soziologie und Werbejargon ab. Spitzensportler nach Sieg oder Niederlage geben die gleiche Mischung am Fernsehen ab. Im Gegensatz zu heute waren zur Zeit meiner ersten journalistischen Karriere die elektronischen Medien karg und staatlich. Sie nahmen nur wenige Beiträge von aussen an. Immerhin konnte ich auch manche Radiosendung machen, oft drei Viertelstunden lange, trockene und belehrende Darstellungen, über die ich mich heute ein bisschen schäme. Seither hat sich die Zeitungsvielfalt von damals zur Medienvielfalt von heute gewandelt. Aber auch die gedruckten Medien waren karg, und wie gestern und heute lasen und lesen wenige deutsch-schweizerische Medienschaffende systematisch angelsächsische Quellen. Sie drehen lieber die geläufigen Inlandthemen unermüdlich durch die Mühlen, allenfalls noch jene des deutschen Parteienstaats. Nur jene «Symbolanalysten» mit angelsächsischen Quellen, die immer drei Monate bis drei Jahre ideell voraus sind, werden sofort

zu Spezialisten. So ging es mir, als ich 1972 das Wort Präsident Eisenhowers vom «militärisch-industriellen Komplex» aufnahm und diesen anhand der eng verbrüderten schweizerischen Waffenhersteller, Büroobersten und Verbände aufzeigte. Oder als ich 1970 mit dem Moped losfuhr und in allen Zürichseegemeinden die öffentlich zugänglichen Ufer vermass. Oder als 1973 die Ölkrise ausbrach und man mit ein paar Kenntnissen der weltweiten Ölindustrie punkten konnte. Als ich ab 1996 die Steuergutschriften für arbeitende Sozialhilfeempfänger der USA referierte, oder heute noch, da niemand die Weltbankstudie von 2005 über die perfekten nordischen Rentenreformen aufnimmt und man der Einzige ist, der darüber schreibt. Auch dass Schweden längstens liberale und kreative neue Lösungen hat, freie Schulwahl, freie Pensionsgeldanlage, keine Postämter mehr, oder nur so viele Spitäler wie allein der Kanton Bern, das ist hier weder links noch rechts angekommen. Ausser bei einigen liberalen und offenen Mitstreitern der wissenschaftlichen Bereiche, die sich journalistisch hervorwagen, unter ihnen Silvio Borner, Kurt Schildknecht, Bruno S. und René Frey, Monika Bütler und Urs Birchler. Nach meinen grossen Artikeln in der Basler Nationalzeitung zu den erwähnten Verflechtungen in Wirtschaft und Politik 1970 erlebte ich im Hauptgang des historischen Instituts der Universität Bern einen denkwürdigen Anschauungsfall schweizerischer Kartellierungs- und Verständnisseligkeit. Professor Erich Gruner, welcher akribische, voluminöse Studien und Bücher zu den Schweizer Parlamentariern, aber auch zur Arbeiterschaft verfasste (allerdings ohne jede Synthese und Folgerung), hielt mich an und fragte: «Sie sind Kappeler? Ja, also schreiben Sie doch künftig mehr über den Zürichsee und solche Dinge, und ich schreibe über die Politiker.» Der berühmte Professor schlug einem 24-jährigen Neuling ein Kartell mit Gebietsabgrenzung vor. Ich war erschlagen, dann geschmeichelt, aber nicht überzeugt.

Verhockte Schweizer Politik – Reformen wirken wie

Revolutionen

Meine Motivation als Journalist wurde also durch das 1969 abgelehnte Notenbankinstrumentarium verstärkt. Mein Antrieb mitten in den Strassenkämpfen der akademischen Jugend von 1968 waren bessere Märkte, bessere Lenkungen, nicht aber der Kampf für die Armen, die sich in unseren Breitengraden im gleichen Moment spektakulär besserstellten und die sich oft sogar selbstständig machten, wie ich von zu Hause her wusste. Ich hatte nie viel für die Machos und Befehlshaber Südamerikas übrig, für welche die Linken (und ihre Weibchen) in der Wohlstandsschweiz in Trance fielen. Ich wollte die Köpfe besser füllen. Das soll nicht überheblich tönen. Die meisten anderen Menschen haben ihre eigene Aufgabe und können sich nicht stündlich irgendwo informieren. Die Information wird daher, vornehm gesagt, die eigene Aufgabe einer Berufsgattung, nämlich eine Berufung. Mindestens eine wichtige Rolle in einer offenen Gesellschaft. In der verbohrten, uninformierten damaligen Parteienlandschaft, in Verbänden und Direktionsetagen wurden auch klassische Reformen als revolutionär empfunden. Und da diese Statthalter des Establishments, wie man sie nannte, sich dagegen sperrten, geriet man in den Ruch des üblichen linken Kämpfers. Auch bei Linken, die den Schauplatz ebenso oberflächlich wahrnahmen wie die Wirtschafts- und Verbandselite auf der anderen Seite. Deshalb traten in der Folge manchmal Linke an mich heran und sagten, man spüre in meinen Artikeln, dass ich eigentlich viel radikaler schreiben möchte, aber nicht dürfe. Dies entsprach ihrem Weltbild – das Kapital griff in die Redaktionen ein und führte die Feder. Ich wunderte mich zuerst und antwortete, nein, ich meine genau dies, man sollte ein besseres Notenbank- oder Kartellrecht usw. haben. Später wurde mir immer klarer, dass die meisten – auch in der Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik gut placierten – Menschen oft nur ein paar Schubladen im Kopfe haben, in welche alle Fakten sortiert werden. Es ist ein bloss assoziatives Denken, wenn der Ausdruck «Denken» nicht schon zu stark ist. Eher werden Reize ausgelöst, Wörter, Kategorien und

Ansichten aktiviert, die schon da waren. Wenige Leute drehen und wenden neue Fakten und neue Meinungen, um selbst ein höheres Einsichtsniveau zu gewinnen. Dagegen anzuschreiben, hat deshalb selten grossen Erfolg. Immerhin gibt es ihnen bei ihren uninformierten Taten ein schlechtes Gewissen. Ein bisschen kognitive Dissonanz als Strafe. Reformen gibt es in der Schweiz wie anderswo immer nur in dringenden Lagen. Dann allerdings in oft unvorhersehbare Richtungen. Man sah dies beim Rettungsversuch von Swissair mit 2 Milliarden Franken, beim Umgang mit den Weltkriegsvermögen und beim Bankgeheimnis. Das vorherige Verbreiten von Wissen kann im besten Fall dazu dienen, dass die Verantwortlichen in der Hast und Panik doch noch den richtigen Hebel erwischen. Es wäre eigentlich sehr wichtig, dass sich jene mit Wissen in die Politik begeben und zupacken. Dies wiederum schliesst sich für gedankentiefe Menschen, aber auch für Praktiker oft gegenseitig aus. Sie würden nie Furnier stehlen, um eine offene Rechnung zu begleichen. Das verrechtlichte Zeitalter mit Rekursen, Klagen und Vernehmlassungen hat sie stillgestellt. Das gilt auch für schweizerische Linke, die, einmal in Stellung, am meisten auf die papierenen Irrwege hereinfallen und meinen, das sei die gerechte Welt. Sie haben sie ja selbst ausgelegt.

Als die Linke wettbewerblich und die Rechte korporatistisch war

Eine eigentliche kopernikanische Wende trat nach den 1970er-Jahren in den wirtschaftspolitischen Haltungen ein. Zuerst bekämpften die Inhaber der marktwirtschaftlichen Orthodoxie, also der Vorort (heute «économie suisse») Gewerbeverband und Bankiervereinigung, alles, was mit liberalem Aktienrecht, Kartellrecht und Bilanzklarheit der Firmen oder – teilweise – mit offenen Weltmärkten zu tun hatte. Die sozialdemokratische Linke hingegen

trat dafür ein und versprach sich damit eine bessere, eine soziale Marktwirtschaft. Heute sind diese Reformen alle erfolgt, und die Vertreter in den Verbänden der privaten Wirtschaft identifizieren sich voll damit. Hingegen kippten die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SPS) und der Gewerkschaftsbund in die 1920er-Jahre zurück und wollen den Kapitalismus irgendwie überwinden. Ihre Vertreter lachen bitter oder bekommen Schaum auf den Lippen, wenn man vom Markt spricht, und die Welthandelsorganisation plus Globalisierung mit freien Finanzmärkten ist ihnen suspekt. Wie diese Umwertung aller Werte in beide Lager kam und sich kreuzte, sah ich selbst, als ich von 1977 bis 1992 Sekretär des Gewerkschaftsbundes und daran als Täter und Opfer beteiligt war. Da meine Haltung jener reformliberalen Richtung nach 1977 entsprach, nicht aber der heutigen klassenkämpferischen und marktabgewandten Haltung der Linken, wird der Wandel bei mir und anderen Kollegen meiner Generation gesehen, nicht aber bei den Funktionären des Vororts und der Linken. Durch mein Studium in Genf und meine Lektüre nachher hatte ich die angelsächsischen Grundsätze zu Aktienrecht, Wettbewerbspolitik oder Bilanztransparenz, aber auch zu offenen Weltmärkten und Finanzmärkten kennen- und schätzen gelernt. Doch die schweizerische Wirklichkeit sah anders aus. Die meisten Branchen und Firmen waren in unglaublichen Kartellen verbandelt, im Aktienrecht konnte man mit Zehnfachstimmrechten Firmen beherrschen, intransparente Geschäfte machen und Gewinne oder Verluste über Jahrzehnte verschleiern. Viele Kartelle schotteten auch den freien Handel über die schweizerischen Grenzen ab, die Landwirtschaftspolitik tat dies ihrerseits. Die Warenumsatzsteuer war eine altertümliche, verzerrende Abgabe, die meisten Wirtschaftsführer und Grossbankiers verteidigten Südafrikas Apartheidregime, und Osthandel mit den kommunistischen Staaten war äusserst verpönt. Über die EWG und ihre Marathonsitzungen zur Landwirtschaft lachte man nur und nahm Brüssel nicht ernst. An der Börse gingen meist am Tag vor wichtigen Mitteilungen die Kurse wegen

Insidergeschäften der Beteiligten schon mal um 10 bis 20 Prozent hoch. Allerdings funktionierte diese Schweiz wie ein Uhrwerk, machte grosse Gewinne, expandierte mit Arbeitsplätzen, importierte Hunderttausende neuer Arbeitskräfte und kaufte weltweit Firmen auf. Aber als nach 1970 die inländische Konjunktur erneut heiss lief, gerade wegen dieser Erfolge, als enorme Fluchtgelder vor den schwächelnden britischen, französischen, italienischen und US-amerikanischen Währungen eintrafen und den Boom noch anheizten, hätte das seinerzeitige Notenbankinstrumentarium eine Abhilfe geboten, oder eine Aufwertung des Frankenkurses die Ungleichgewichte mindestens zeitweise und auf einer allgemeinen Ebene beseitigt. Doch die Behörden griffen zu lächerlichen Massnahmen. Die Gentlemenfs Agreements mit den Grossbanken zur Abwehr der Gelder gehörten dazu, dann kam 1972 die Idee eines Preisstopps auf, der beschlossen wurde. Gleichzeitig drückten die Wirtschaftskreise auf einen Lohnstopp, und als Retourkutsche erreichte die Linke zusammen mit der Mitte, damit es ohne Referendum ging, einen Dividendenstopp. Eine Preisüberwachung wurde eingeführt, die sich in ihren ersten Entscheiden mit dem Einfrieren des Preises für einen Café crème im Wirtshaus lächerlich machte. Die marktwirtschaftliche Schweiz hatte sich noch stärker in Regulierungen verrannt, privat wie öffentlich!

Die «erste allgemeine Verunsicherung»

Der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems 1971 und die Ölkrise 1973 zwangen zu echten Reformen, die aber noch Jahre des Kampfes brauchten. Das Bretton-Woods-System von 1944 beruht auf dem US-Dollar, den die anderen Notenbanken als Reserve hielten, der aber für sie auf Verlangen in Gold umtauschbar war. Seit 1961 übertrafen aber die US-Dollars in der Welt, die durch das zum System nötige Handelsbilanzdefizit der USA abgeflossen

waren, den Wert des US-Goldvorrats. So war der US-Dollar «technisch» bankrott. Im August 1971 verkündete daher US-Präsident Richard Nixon am Fernsehen das Ende des Umtauschs. Die Schweiz und Frankreich hatten noch zwei, drei Wochen vorher eine Flugzeugladung Gold heimgeschafft. Danach begann der Zerfall des US-Dollars, oder umgekehrt: Der Franken wertete sich stetig und dramatisch von 4.30 Franken pro US-Dollar auf heute praktisch Parität auf. Die Unze Gold stieg von 35 US-Dollar auf 1600 US-Dollar – eine Abwertung der Papierwährung des Imperiums um 97 Prozent. Auch diese tragische Entwicklung, «the debasement of the currency», hat mich über den Tag hinaus tief markiert. Ich traue den Geldpolitikern nicht, sie betrügen die Sparer und das Volk noch schneller, als die Soldatenkaiser im Römerreich es taten. Diese Raubeine brauchten nämlich 70 Jahre, um den Silbergehalt des Antoninian, der Hauptmünze, um 97 Prozent zu entwerten. Die Dollarbehörden der USA brauchten nur noch 39 Jahre, also die Hälfte der Zeit, bis der Goldwert des US-Dollars auf 3 Prozent sank. Die Ölkrise von 1973 setzte noch eins drauf, denn die Exporte der Schweiz gingen dramatisch zurück. In der Folge fiel die Anzahl der Arbeitsplätze in gut einem Jahr um 10 Prozent, das Inlandsprodukt sank um 7 Prozent real, und über 200000 Fremdarbeiter kehrten heim. Die Fremdarbeiterpolitik erwies sich aufgrund des zu tiefen Frankens als Blase, viele jetzt zerfallende Strukturen der Volkswirtschaft ebenfalls – die Bekleidungs-, Textil- und Uhrenindustrie, die GM-Montage in Biel, der Waggonbau, die Pneufabrikation. Das sahen aber die Wirtschaftspolitiker kaum richtig. Sie schraubten vielmehr an immer neuen Regulierungen, und die Linke empörte sich moralisch bei jeder Betriebsschliessung über die Firmenleiter. In der Hast richtete man 1975 immerhin eine obligatorische Arbeitslosenversicherung ein, aber man verwarf auch ein erstes Umweltschutzgesetz. Das Gewerbe und die Linke bodigten eine erste Mehrwertsteuer in der Volksabstimmung von 1977. Schon als junger Journalist hatte ich 1973 zustimmend über das Projekt und System einer Mehrwertsteuer geschrieben und wurde vom Kommunisten Theo Pinkus zu einem Vortrag vor

der sehr linken Zeitdienst-Redaktion eingeladen. Pinkus erhob sich feierlich und enthüllte den Grund seiner Aufmerksamkeit: «Genossen, erstmals gibt der Kapitalismus zu, dass es Mehrwert gibt.» Ich dachte, Hauptsache, ihr seid für diese Reform. Den libertären Kommunisten Theo Pinkus fand ich bemerkenswert, weil er grundsätzlich nach keinem Amt strebte, sondern sich mit einem Buchantiquariat durchbrachte. Die Preise waren gesalzen, die Bücher jedoch gesuchte Raritäten. Auch sandte er einem unversehens Stösse von Zeitdienst- Exemplaren zu, die man verteilen sollte. An jeder Versammlung oder Demonstration in Zürich und weitherum stand er und verkaufte – auch dank seinem Charme – seinen Zeitdienst. Ein kommunistischer Unternehmer. Viele 68er, die nicht nach Woodstock abgedriftet waren, sowie die mit ihnen zusammen an modernen, angelsächsischen Wirtschaftskonzepten ausgebildeten anderen Jungakademiker stiegen jetzt in verantwortungsvolle Stellen bei der Verwaltung, den Gewerkschaften und Wirtschaftsverbänden ein. Andere gründeten und bauten Reformorganisationen aus: den World Wildlife Fund (WWF), den Verkehrsclub, die Sozialdemokratische Partei der Schweiz. Sie traten nicht den Marsch durch die Institutionen an, um dann schliesslich die Revolution zu machen, sondern den persönlichen Marsch in die Institutionen. Die verhockte Schweiz der Wirtschaftsführer aus der Aktivdienstgeneration, aus dem Generalstab, die international geschäftete, aber konservativ-national dachte, wurde verunsichert und angefeindet.

Rösselspiel der Verbände – dank Referendum

Ich gehörte der neuen Generation an, die reformerisch unter Linken wie Rechten war, und trat im Mai 1977 ins Sekretariat des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes ein. Zusammen mit Dr. Benno Hardmeier war ich für Wirtschaftsfragen zuständig. Diese Dachorganisation war auf die

Bundespolitik angesetzt. Nur die einzelnen Mitgliedverbände machten die Lohn- und Gewerkschaftspolitik in den Branchen und Firmen. Ich hatte also keine gewerkschaftlichen Funktionen, sondern wurde sofort in ungefähr 20 Expertenkommissionen des Bundes entsandt. Auf der Seite gegenüber, jener der Firmen, umfasste der Schweizerische Arbeitgeberverband die Branchenverbände, welche sich mit Personal- und Lohnpolitik gegenüber den Gewerkschaften und Behörden befassten. Er war die Dachorganisation der Wirtschaftsverbände der Branchen und der Handelskammern. Bauernverband und Gewerbeverband amtierten als Dach ihrer Unterbranchen. Daneben war die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) ein weiterer Dachverband, aber als Personenverband konstituiert. Professor Leonhard Neidhart von der Universität Konstanz lieferte in den 1970er-Jahren die Erklärung für dieses vorparlamentarische Konkordanzverfahren: Weil das Referendum gegen neue Gesetze immer im Raume stand, mussten die referendumsfähigen Verbände vorher schon konsultiert und, wenn möglich, eingebunden werden. Der Gesetzgebungsprozess verlagerte sich in die vorhergehende, intransparente und exklusive Stufe der Grossverbände der Wirtschaft von links und rechts. Ein schönes Beispiel für «unintended consequences».

Wenn das Fernsehen lügt, ohne es zu wollen Da in allen wichtigen ständigen Kommissionen und Expertenkommissionen der Gewerkschaftsbund und der Zentralverband der Arbeitgeber einen Vertreter hatten, sass ich dort meistens zusammen mit Heinz Allenspach von den Arbeitgebern. Wenn die Medien, v. a. das Fernsehen, über die umstrittenen Fragen berichteten, interviewten sie daher meist Allenspach in Zürich und mich in Bern. Wir kamen dann in den Sendungen immer direkt nacheinander, sozusagen in Rede und Gegenrede, was die Fernsehleute aus den längeren Statements oft etwas willkürlich zurechtschnitten. Die Dramatik folgte ihren Auffassungen, nicht immer der Realität. Einmal kam sogar ein Fernsehteam in mein

Büro und wollte, dass ich Boxhandschuhe anziehe. Dann würden sie dasselbe auch mit Allenspach machen und uns gegenüberstellen. Ich weigerte mich, weil es in noch viel drastischerer Form keine Sachinformation, sondern eine Show von Falschheit geworden wäre. Alle Leute waren überzeugt, Allenspach und ich stünden täglich in zähen Verhandlungen miteinander. Das war in meinen 15 Jahren aber genau drei Stunden lang der Fall. In der Vorbereitung des EWR-Vertrages fand ich, der SGB sollte die absehbare Freizügigkeit der Arbeitskräfte direkt mit dem Arbeitgeberverband besprechen, wozu wir nach Zürich reisten (weil wir «demandeur» waren). Sonst verliefen die Kontakte Arbeitgeber/Arbeitnehmer ausschliesslich über die jeweiligen Verbände auf der Ebene der Branchen, allenfalls der Kantone, nie aber über die schweizerischen Dachverbände. Weil ans Bild gebunden und immer nach den wenigen, leicht erkennbaren Galionsfiguren haschend, verfällt das Fernsehen in spektakulär falsche Informationen über die Mechanik und die Akteure der Wirtschaftspolitik.

Die Vollversammlung der Verbandsfunktionäre

Ich wurde nun mit 30 Jahren aktiver Mitspieler dieser Verbandswelt, dieser Runde aus «unelected officials». Alle 15 Jahre lang war ich als SGB-Vertreter in der Kartellkommission, die nicht nur eine Kommission, sondern auch eine Behörde war. Ich war Mitglied im Wissenschaftsrat, in der ständigen Wirtschaftsdelegation, in der Aussenhandelskommission, in der Zollexpertenkommission, im EFTA-Konsultativkomitee, in der Wohnbaukommission, in der Konsultativen PTT-Kommission, in den jeweiligen Expertenkommissionen des Aktienrechts, der Bilanzierungsfragen und der Mehrwertsteuer. Und weil man ja nun gut verbandelt war, wurde ich

deswegen wiederum in viele Gremien der SPS eingeladen, in den Stiftungsrat des WWF, in die Fachkommission für Rechnungslegung (FER). Als SGB- Vertreter war ich Mitglied des beratenden gewerkschaftlichen Ausschusses Trade Union Advisory Committee (TUAC) bei der OECD und eine Zeit lang im Vorstand des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB). Im TUAC erlebte ich die fortschreitende Bürokratisierung der Gewerkschaften in der Form, dass anfänglich handlungsberechtigte Zentralsekretäre wie ich oder Präsidenten an die Sitzungen kamen, dann immer häufiger eigens für solche Vertretungen eingestellte Jungakademiker, die aber keine Befugnisse und wenig Ahnung hatten. Deshalb vermehrten sich die Sitzungen, weil diese tief gestellten Vertreter immer zu Hause nachfragen mussten und erst ein nächstes Mal entschieden. Ich hätte jederzeit entscheiden können, musste aber nun diesen Sitzungsmarathon mitmachen. Hätten wir das Geld gehabt, hätte wahrscheinlich auch der SGB mit der Zeit ein paar junge Akademikerchen dafür eingestellt. So vervielfacht und pflanzt sich zwingend fort, was eigentlich als Unsinn begann. Als Vertreter eines Spitzenverbandes hatte man leichteren Zutritt zu den Bundesräten. Man wurde auf einen Telefonanruf hin empfangen. Das war neu gegenüber den steifen 1950er-Jahren, als der SGB sogar einen grünen Mercedes besass, mit dem der Sekretär oder Präsident zum Bundeshaus hinauffuhr, um Vernehmlassungen zu überreichen. Der Amts- und Verbandsverkehr floss damals und teils noch in den frühen 1980er-Jahren hauptsächlich und umständlich über Briefe. Diese waren dafür kürzer und prägnanter als die heutigen, beliebig vermehrbaren Dossiers, die als Attachments über E-Mails fliegen. Ein Brief zählte, wurde in Sitzungen besprochen und erfuhr eine gesetzte Antwort. Die meisten der Vertreter aus den anderen grossen Wirtschaftsverbänden sassen in ebenso vielen Kommissionen wie ich, sodass wir alle beinahe permanent unter den verschiedenen Titeln hätten tagen können, da viele Mitglieder dieselben waren. Dies zwang einen zu gemässigten Umgangsformen, manchmal sogar zu taktischen Kompromissen, weil man

jeden überall wieder antraf. Eine grosse Rolle spielte der damalige Rechtsaussen der Politik, der freisinnige Nationalrat Otto Fischer vom Gewerbeverband. Er gewann praktisch jedes Referendum und sparte nicht damit. Solche Sieger konnten in den Kommissionen ihr ganzes Gewicht einbringen, und wenn sie im schwerfälligen eidgenössischen Sitzungsdeutsch sagten, «meyne Herren, da kchönnen unsere Kreyse nicht mitmachen», dann war das Referendum angedroht. Die Vertreter der Bundesämter hielten sich dann sofort zurück, die anderen Mitglieder sagten wenig, und meistens ging dann das Vorhaben erst einmal ans zuständige Amt zurück. Trotzdem waren diese Würdenträger des vorparlamentarischen Verfahrens nicht mächtig, sie mussten sich immer in den eigenen Verbänden rückversichern. Es gab nichts Peinlicheres, als wenn nachher der Verband eine andere Stellung einnahm. Heinz Allenspach, der langjährige Direktor des Arbeitgeberverbandes, pflegte zu sagen, es sei «geliehene Macht». Innerhalb des SGB liess ich mir deshalb die grossen Linien in den Montagsbesprechungen des Sekretariats unter uns fünf Sekretären bestätigen, dann im monatlichen Vorstand, gelegentlich auch in Delegiertenversammlungen, und die Kongresse setzten auch Aufträge an die Sekretäre fest. Insgesamt aber interessierten meine Dossiers die Kolleginnen und Kollegen der Verbände wenig. Ich bezeichne sie als «Liberalisierungsdossiers».

Die Wirtschaftsvertreter werden zu Transparenz und Wettbewerb verknurrt

Seit Ende der 1970er-Jahre trat im Aktienrecht die damalige Linke für Offenheit, gleichwertige Aktienstimmen und gegen die stillen Reserven ein. Das «geschäftsführende Direktionsmitglied des Vororts» dagegen sagte zu mir:

«Herr Kappeler, ohne stille Reserven kann die Schweizer Wirtschaft nicht

leben.» Die Konzerne Englands und der USA und zunehmend auch überall in Europa konnten es. Auch die EU zwang mit ihren Richtlinienentwürfen des Gesellschaftsrechts zur Transparenz. Allerdings setzten sich schliesslich nicht die EU-Vorhaben durch, sondern die Regeln der privaten internationalen, dann der nationalen fachlichen Buchführungsgremien. Der Anstoss in der Schweiz kam während einer Sitzung der Spitzenverbände Anfang der 1990er- Jahre, als wir die Anpassungen im künftigen EWR besprachen. Ein junger Fachmann des Aussenwirtschaftsamtes kam herein und sagte, soeben sei ein Fax der EG gekommen. Sie halte diese Transparenz («true and fair view») für unerlässlich und beharre im EWR darauf. «Ce nfest pas possible», entfuhr es dem Vertreter des Vororts, aber die stillen Reserven der Schweizer Firmen waren per Fax abgeschafft. Der EWR seinerseits, für den ich fast 200 Darlegungen und Vorträge gehalten hatte, wurde aber vom Volk 1992 knapp abgelehnt. Später wurde die Aktienrechtsrevision durch Bestimmungen zur Geldwäscherei und zu Insidertransaktionen ergänzt. Die Insidertransaktionen waren an der schweizerischen Börse eine regelrechte Seuche. Sogar auf dem Londoner Finanzplatz ärgerte man sich darüber. Manche in der Schweiz fanden zwar, dies sei nur ein Verbrechen ohne Opfer, weil zwar die Insider mehr wussten als andere, diese anderen aber die Aktien aus völlig freiem Willen kauften oder verkauften. Jedenfalls fasste dann das Parlament das Vergehen ins Recht, aber danach lag und liegt das Problem bei der Strafverfolgung. Sie ist in der Schweiz extrem langsam und bleibt meist ohne Folgen. In der Kartellkommission hätte ich als Mitglied oft Insidertransaktionen machen können, bevor eine Massnahme bekannt wurde. Besonders einmal, als eine Sekretärin aus der Generaldirektion der Nationalbank anrief und fragte, ob der SGB-Präsident im Büro sei, der als Mitglied des Bankratausschusses verlangt werde. Als ich dies verneinte, sagte sie: «Schade, wir erhöhen nämlich heute Nachmittag den Diskontsatz.» Solche Erlebnisse brachten mich später als Journalist dazu, die Frage nach der Nutzung von Insiderwissen durch Politiker aufzuwerfen. Die Politiker machten

strenge Regeln für andere, für sie selbst gab es aber keine solchen. Aber wie immer mit ketzerischen Ideen: Niemand griff die Sache auf, auch andere Medien nicht. Nur Banker schummeln, Politiker keinesfalls.

Putsch im Aktienrecht – Boni werden salonfähig Kurz nach meiner Wahl ins Sekretariat des SGB wurde ich 1979 automatisch als Vertreter eines Spitzenverbandes in die Expertenkommission Greyerz zur Revision des Aktienrechts berufen. Ich suchte vor Beginn schon um eine Besprechung mit Kurt Furgler, dem zuständigen Bundesrat im Justizdepartement, nach, und er empfing mich überschwänglich. Ich trug v. a. mein zentrales Anliegen vor, dass die stillen Reserven in einem modernen Aktien- und Börsenrecht keine Berechtigung mehr hätten. Er war ganz enthusiastisch, setzte sich neben mich auf das weisslederne Sofa in seinem Arbeitszimmer, klopfte mir auf die Schulter und sagte: «Natürlich, sagen wir, Kappeler und Furgler haben eine AG, da muss doch der eine wie der andere wissen, wie es genau steht», und viel Ähnliches. Ich wankte benommen aus der Besprechung, so leicht schien mir der wichtige Sieg gefallen zu sein. Ich kam dann, wie manche andere nach solchen Kontakten in jenem Zimmer, wieder auf die Welt, als in der entscheidenden Kommissionssitzung die zwei Vertreter des Bundesamtes für Justiz entgegen jeder Usanz als stimmberechtigt galten, prompt für die stillen Reserven stimmten und diese Reform abblockten. In jener Revision wurden übrigens die unübertragbaren Aufgaben des Verwaltungsrates definiert, welche ihm auch die Zuteilung der Boni für sich und die Geschäftsleitungen zuschanzte. Das Parlament setzte noch eins drauf und legte diese Aufgaben als unentziehbar fest. Es war ein Putsch nach oben, zulasten der Generalversammlung. Dies ist heute wegen der nach oben offenen Richterskala der Boni umstritten. Damals wollten wir die vielen nur nominellen Verwaltungsräte disziplinieren, die bis zu 40 oder 60 Mandate sammelten und welche dann bei Krisen nicht

verantwortlich gemacht werden konnten, weil die Generalversammlung, also irgendein Geldverschieber, entschieden hatte. Die heute verwünschte Boniselbstbedienung ist eine politisch entschiedene Sache, die nun wieder zugunsten der GV korrigiert wird: «unintended consequences» politischer Verriegelungen. Ein grosser Trost in den Sitzungen war immerhin das Mitglied Rolf Bloch von Seiten des Vororts – trotz seiner mir widersprechenden Haltungen, weil er als Inhaber der gleichnamigen Schokoladefabrik jedes Mal sackweise Schokolade mitbrachte. Intellektuellen Trost brachte Professor Peter Böckli ein, der alle Aktienrechte des Universums auswendig kannte und deren Grundsätze ins lakonische Latein des römischen Rechts kleidete.

Zur Behandlung der Aktienrechtsrevision Anfang der 1980er-Jahre im Parlament exerzierte ich die liberalisierenden Postulate mit den SPS-Vertretern der Kommission und des Rates durch. Ich hatte dazu eine ausführliche Unterlage mit formulierten Anträgen verfasst, die sie einbringen sollten. Die wichtigsten Köpfe waren dabei Lilian Uchtenhagen, Walter Renschler, Andreas Gerwig und Präsident Helmut Hubacher, auch als «Viererbande» bekannt. Nur ihr Kollege Otto Stich, damals noch Nationalrat, sass abseits auf einer Holzbank des Kommissionszimmers im Bundeshaus und murmelte ein ums andere Mal: «unnötig», «falsch», «dummes Zeug». Die anderen vier als prononciert links oder aufmüpfig schweizweit bekannten SPS-Politiker kämpften mit mir für ein liberales, angelsächsisches Aktienrecht gegen die im negativen Sinne konservative Wirtschaftsseite. Im Kartellrecht und seinen Revisionen ergab sich die gleiche Konstellation. Übrigens teilte zu jener Zeit Fritz Leutwiler, der Präsident der Nationalbank, der Bilanz in einem Interview mit, er wäre froh, wenn die FDP so liberal wie Kappeler wäre. Otto Stich wurde später zum Bundesrat gewählt, weil die massgeblichen Räte um keinen Preis Lilian Uchtenhagen wählen wollten. Sie sagten zwar zuerst Fritz Reimann, dem Präsidenten des SGB, die Wahl fest zu, doch er

lehnte ab, weil er sich nicht gewachsen fühlte. Als ehemaliger Metallarbeiter wäre er dem ehemaligen Sanitärinstallateur Willy Ritschard nachgefolgt. Ich finde heute noch, dass einer der wenigen Ausnahmen unter den anderen 245 Ehrgeizlingen des Parlaments ein Denkmal für diese Bescheidenheit gebührt. Gewählt wurde Otto Stich dann durch umtriebige Vorbereitungen des Nationalrates Felix Auer, der am Vorabend zu Stich sagte: «Otti, zieh das Telefon aus, und morgen bist du Bundesrat.» Denn so konnten ihn die SPS- Chefs nicht zum Verzicht bearbeiten.

Linke für Wettbewerb, Rechte für Kartelle

In der Arbeit der Kartellkommission gingen wir unter Präsident Pierre Tercier nach 1989 zu einem immer kühneren «trust busting» über. Eigentlich musste man gemäss der damaligen Saldomethode die Vor- und Nachteile eines Kartells abwägen und kam bislang meist zur Billigung solcher Marktverfälschungen. Doch wenn man die Existenz eines Kartells schon mal als einen schwer negativen Punkt einsetzte, und noch einen Marktstrukturtest, einen Marktverhaltenstest, einen Marktergebnistest u. Ä. beimischte, dann sah man einen überwiegenden Schaden. Wir lösten – mit meiner Stimme als Beitrag zu den oft sehr knappen Mehrheiten – die Kartelle im Sanitärbereich, in der Müllerei, in den Optikergeschäften, im Zement, im Kies und v. a. die 16 Kartelle der Banken auf. Die Hearings zu solchen Fällen waren immer aufschlussreich. Manchmal auch dramatisch, wie die anberaumte Anhörung des Besitzers eines Betonmischwerks aus Lausanne. Er hatte angekündigt, über das Vordringen der Zementhersteller in diese nachfolgende Produktionsstufe auszupacken. Zehn Minuten vor Beginn rief er aber im Kommissionszimmer an, angstgepeinigt, man hörte die Stimme im ganzen Raum, weil eine der Zementfirmen direkt vor seinem Geschäft einen der grossen mobilen

Mischtürme, die Zahnpastatuben gleichen, aufrichtete: «Je ne parle pas.» In der Bankenuntersuchung antwortete Robert Holzach, der Präsident der Bankgesellschaft UBS, geschäftstüchtig wie alle Ostschweizer, auf die Frage, ob denn die Bankkartelle nicht übergrosse Gewinne sicherten: «Man ist doch froh, wennfs am Schluss es bitzeli herbschtet.» Zur Untersuchung des Kartells der Autobestandteilebranche lieferten zwei befragte Firmen genau entgegengesetzte Antworten – vor und nach ihren Direktorenwechseln. Als ich am Hearing der Kommission zum Zementkartell fragte, warum die Autobahnen am Anfang teils in Beton, teils in Teer gebaut wurden, antwortete mir ein Zementpatron: «Wir haben mit den Leuten vom Teer fifty-fifty abgemacht.»

Das Sanitärkartell baute auf den Konzessionen auf, welche für die Arbeiten an Wasserleitungen nötig waren. Die Sanitäre erhielten die Konzession, und damit sie richtig ausgebildet und zertifiziert wurden, waren sie Mitglieder des Sanitär- und Installateurverbandes. Dieser setzte die Tarife für deren Arbeiten fest und schloss mit den Lieferanten der Badezimmerarmaturen einen Exklusivbezugs- und Exklusivlieferungsvertrag ab. Kein Aussenseiter konnte so ein Badezimmer einrichten oder reparieren; er bekam weder Material noch Badewannen. Wasserdichte Sanitäre. Das Zementkartell hatte eine Zentrale, die EG Portland, welche den Zementwerken ihr jährliches Produktionskontingent zuwies und die Abrechnungen gemäss festgesetztem Preis machte. Der einzelne Baumeister musste also den Zement dort beziehen, wohin man ihn wies, und er erhielt die Rechnung von der Zentrale. Das Kartell begrenzte auch die Werbung der einzelnen Werke sowie das Sortiment, damit nicht zu viele Varianten produziert wurden. Der weisse Zement für die Putten und Michelangelo-Davide in den Gärten musste importiert werden. Auch Sanktionen für Zuwiderhandelnde und die Lieferung per Bahn waren, wo

immer möglich, vorgesehen. Diesen letzten Punkt hoben die Kartellmitglieder als einen wichtigen, positiven Punkt des Kartells hervor. Die Optiker vereinigten sich in einem Kartell, und nur dessen Mitglieder bekamen Gläser vom Fabrikantenkartell. Vom Gläserpreis lieferten sie 3 Prozent an die Optikerschule ab, und diese rationierte die jährlichen Abschlüsse, damit nicht zu viele neue Wettbewerber entstanden. Die Tarife für Brillen, Beratung usw. waren klar geregelt. Wer sich nicht daran hielt, wurde ausgeschlossen und verlor das Recht, Gläser zu beziehen. Andere Kartelle verhängten sogar saftige Bussen gegen widerstrebende Mitglieder. Die Bankenkartelle regelten für fast alle Geschäfte einheitliche Gebühren sowie die Höhe der Hypothekarzinsen. Sie bildeten die Gremien, welche Obligationenanleihen auflegten. Die Hypothekarzinsen gingen damals am gleichen Tag bei allen Banken, inklusive der kleinen Landbanken, um den gleichen Prozentsatz hinauf oder hinunter. Die Emissionskartelle waren die obligatorischen Anlaufstellen für alle, die Kapital zu erhalten suchten. Sogar die Eidgenossenschaft und die Kantone mussten dafür bei einem Spezialkartell der Banken anklopfen und hatten keine andere Wahl. In diesen Kartellen waren wiederum die Anteile der einzelnen Bankengruppen festgelegt, die sie davon verkaufen durften. Auch hier war das Schema links/rechts unangebracht. Ich trat nach fast jeder Hypothekarzinsrunde gegen Robert Studer, den damaligen SBG- Generaldirektor, als Kritiker am Fernsehen auf. Ich liberal gegen das Kartell, er als Verteidiger. Heute hingegen sagen mir viele gute Kollegen und Freunde: «Du warst doch früher gegen die Banken.» – «Aber nein», sage ich, «ich war gegen deren Kartelle.» Die Schweizerische Bankiervereinigung kämpfte ebenfalls gegen diese liberale Position. Noch 1989 verteidigte sie in einer 100-seitigen Broschüre ihre 16 Kartelle. Das war immerhin volle drei Jahre nach dem Big Bang

des Finanzplatzes London, der Derartiges abgeschafft hatte. Als täglicher Leser der Financial Times seit etwa 1968 kannte ich diese Entwicklungen im Detail, die Schweizer Unternehmer und Bankiers offenbar weniger, oder sie glaubten, ihnen entwischen zu können.

In der Kartellkommission hatte nicht nur der Gewerkschaftsbund sozusagen als Vertreter des arbeitenden Volkes einen festen Sitz, sondern je einen auch der Vorort, der Gewerbeverband, der Bauernverband, Coop und Migros sowie die Konsumenten – nicht aber die Banken. Die Bankiervereinigung war unter den Spitzenverbänden lange nicht voll zugelassen. Immer war auch die Wissenschaft mit einigen Rechts- und Wirtschaftsprofessoren dabei. Ein Entscheid der Kommission konnte durch den Bundesrat kassiert werden, während heute Rekurswege ans Bundesverwaltungsgericht und allenfalls Bundesgericht offenstehen. Man mag dies aus formalrechtlichen Gründen billigen, doch der frühere Weg war richtig, nämlich eine Markt(un)ordnung durch die auch allgemein verantwortlichen Wirtschaftsbehörden mit Augenmass und nicht durch Juristen prüfen zu lassen.

Abschaffung des Marktes durch seine Anhänger

Nicht nur die Banken, auch die weiteren Kreise der Wirtschaft fanden in Kartellen nichts Schlechtes. Im Gegenteil: Das sonst so fähige Anwaltsbüro Homburger in Zürich vertrat damals ziemlich aggressiv die Meinung, die Wettbewerbsordnung sei ein Gut der Marktteilnehmer, und wenn sie diese abschafften, sei das ihre Sache. Das Büro Homburger nervte mich als Mitglied der Kartellkommission auch, weil es im Auftrag von Kartellen riesige Repliken gegen die Untersuchungen verfasste und diese meist am Freitagabend per Express aufgab, sodass man von der fleissigen Post am Samstagmorgen um 7 Uhr aus dem Bett geklingelt wurde. Das wäre ein Rezept, um seinen grössten

Feind zu ärgern. Die Argumente zugunsten von Kartellen, die gemäss alter Lehre positiv zu werten waren, gehörten einer eigentlich wundervollen Wirtschaftswelt an: Die Firmen konnten über den Tag hinaus planen und investieren. Die Arbeitsplätze waren sicher, die Konsumenten fanden vertraute Produkte vor und mussten nicht überall nach tieferen Preisen suchen. Störende Importe wurden ausgebremst, wie 1969, als das Bundesgericht dem Discounter Denner verbot, den kartellierten Bierpreis mit Importbier zu unterlaufen. Auch konnten die Behörden bequemerweise viele Aufgaben an diese Verbände delegieren: Ausbildung, fachliche Sicherheit und das Einhalten von Verordnungen. Aber diese Welt ohne Anstrengungen war eine stagnierende Welt. Gerade beim Bier, wo sogar die einzelnen Wirtschaften den Brauereien zugeteilt waren, kamen die Importe dann doch durch. Eine Brauerei nach der anderen ging ein, wurde vom Ausland aufgekauft und verwaltete die riesigen Reserven aus früheren Zeiten nur noch als Immobiliengesellschaft. Das Brauereiwesen ist die einzige Branche im Lande, die nicht exportiert. So satt war man geworden! Beim Optikerkartell begannen Aussenseiter Gläser und Fassungen im Ausland zu beziehen oder selbst herzustellen, bauten ganze Ladenketten auf, und sie bewältigten durch Rationalisierung gegen acht Brillenverkäufe pro Angestellten im Tag gegen nur zwei bis drei Brillen in kartellierten Einzelgeschäften. Die Technik, die Importe und die Rationalisierung frassen die meisten Kartelle schliesslich auf, erschütterten die Firmen und Strukturen, brachten plötzliche Massenentlassungen und verstörten die Kunden. Die Stabilität war eine Illusion. Der mächtige Otto Fischer vom Gewerbeverband, der nie ein Referendum verlor, war bei der Kartellgesetzrevision Ende der 1970er-Jahre folgender Meinung: Die Wettbewerbspolitik durch eine Behörde ist einer der üblichen verdammenswerten Staatseingriffe. Dabei korrigiert dieser hier nur ein echtes Marktversagen, weil der systemisch gewünschte Antrieb der Marktteilnehmer selbst, das Eigeninteresse, den Markt abschaffen lässt. Diese konservativen

Kreise drohten mir: Wenn ich es mit der Forderung nach Wettbewerbspolitik übertreibe, würden sie die Gewerkschaften ebenfalls unterstellen, denn die Verträge mit den Arbeitgebern würden auch den freien Lohnmarkt abschaffen. Hier tritt ein anderes Marktversagen auf, nämlich die umgekehrte Reaktion auf Arbeitsmärkten: Wenn viel Arbeitskraft angeboten wird, sinkt ihr Preis, der Lohn, und sie müssen länger arbeiten, bieten also noch mehr Arbeitskraft an – ein Kreislauf ins Elend. Also braucht es die Selbstorganisation der Arbeitenden. Deshalb unterstellt kein Land seine Arbeitsbeziehungen dem Kartellgesetz. Einen zaghaften Entscheid traf die Kartellkommission zum Frühstückskartell der Autoimporteure 1981. Nach einem sehr autokritischen Artikel im Magazin des Tages-Anzeigers sperrten sie von einem Tag auf den anderen die Inserate in dieser Zeitung. Die Untersuchung der Kartellkommission schloss im Faktenteil auf ein klar abgestimmtes Verhalten, doch Professor Schluep, der Präsident der Kommission, bekam es an der entscheidenden Sitzung mit der Angst zu tun. Er plädierte für Freispruch, und da die Kommission bei kartellkritischen Entscheiden immer nur eine hauchdünne Mehrheit hatte – zu der ich gehörte, zu der ich beitrug –, kippte die Sache. Die Fakten wurden aber nicht umgeschrieben. Man kann deshalb heute noch im Bericht nachlesen, dass ein schlimmes Autokartell gewirkt habe und dass es deshalb freigesprochen wurde. Neben den Kartellen und der Arbeitswelt gibt es nur noch zwei weitere Marktversagen, nämlich die öffentlichen Güter wie die Sicherheit, von welcher niemand ausgeschlossen werden kann und alle deshalb auch an den Staat beitragen sollen, sowie die Umweltgüter, die keinen Preis haben und daher externe Kosten verursachen. Das ist’s! Unterschiedliche Einkommen aus Marktbeziehungen hingegen sind kein Marktversagen, sondern erwünscht, um den Marktakteuren zu zeigen, was rentiert und was nicht. Die Kartelle im Kleinen hatte ich schon zu Hause kennengelernt. Wenn mein Vater abends gut gekleidet nochmals ausging, sagte er: «Ich muss noch

rechnen gehen.» Da trafen sich die Unternehmer des Orts, um für einen ausgeschriebenen öffentlichen Grossauftrag den wirklichen Betrag auszurechnen. Dann wurde bestimmt, wer an der Reihe war, und dieser gab den berechneten Betrag auf seiner Offerte ein. Die anderen gaben um 10 bis 15 Prozent höher ein, sodass auch der Chef des Bauamtes wusste, wer an der Reihe war. Hin und wieder hielt sich einer nicht an den Preisaufschlag, erhielt den Auftrag, und die Wut war gross. Die Aufschläge auf dem Holz, das man einkaufte, waren 10 Prozent zulasten der Kunden plus die Arbeit usw. Alle Jahre seines Geschäftslebens beklagte sich mein Vater, dass die metallverarbeitenden Betriebe 15 Prozent (meine Erinnerung) als Marge verrechneten und fand dies ungerecht. Aber offenbar hielten sich alle beim Holz wie beim Eisen daran – es waren festgefügte Margen der Verbandswelt und ihrer Kalkulationstabellen, ein Cost-plus- Denken, das Sicherheit bot. Beim Fensterglas wurden auch diese 10 Prozent Marge verrechnet, und da kamen noch 8 Prozent Bruchrisiko und Verschnittkosten dazu. Bei den Gewerkschaften stiessen die liberalen Öffnungen des Kartell- und Auftragsrechts nur zwei Mal an. Die Vertreterin des Verkaufspersonals wollte wissen, ob ich mich in der Kartellkommission für längere Ladenöffnungszeiten einsetze, was sie missbilligte, und Zürcher Baugewerkschafter stiessen sich daran, dass ich bei den Sarglieferungen für die Zulassung aargauischer und anderer Lieferanten nach Zürich stimmte. Mein Gegenargument an der Sitzung, zu der sie mich zitierten, war einfach: Die Aargauer Schreinergewerkschafter waren genauso unsere Mitglieder (und Teilnehmer am schweizerischen wettbewerblichen Binnenmarkt) wie die Zürcher. Der Vertreterin des Verkaufspersonals kam ich entgegen, indem ich mich in der Kommissionssitzung gegen die Liberalisierung wandte, dies aber im ausdrücklichen Auftrag. Ich ging ihr selbst gegenüber nicht so weit wie der Migrosboss Pierre Arnold, der sie in einer Lohnverhandlung am Kleiderrevers ergriff, aufhob und schüttelte, wie sie mir erzählte. Die Erbitterung der Migrosverantwortlichen kann man teilweise nachfühlen, weil die SP-nahen

Gewerkschaften damals und heute noch oft Migros öffentlich blossstellen, kaum aber je Coop. Damals übrigens waren viele Coopvorstände, manchmal auch die Direktoren, SP-Mitglieder oder ehemalige Gewerkschaftsführer, was die Bisshemmung der lokalen Sekretäre erklärte.

Kapitel 4

Sekretariate und die «objektiven» Interessen der Arbeiter

Nachdem mich der Vorstand des SGB gewählt hatte, gab mir Fritz Leuthy, ein erfahrener älterer Kollege, zwei Sätze mit auf den Weg. «Was man nicht macht, kann kaum falsch sein», war der eine. Er wusste wohl selbst, dass Unterlassungen auch ein Fehler sein können, doch im Verbandsleben kann sich die Exekutive immer auf gefasste Beschlüsse berufen, und ohne Auftrag war einem auch nichts vorzuwerfen. Leuthy hatte vielleicht auch meine Jugend und die Ungeduld im Auge, die zu fahrigen Vorstössen führen kann. Sodann fasste er die gegenwärtige Verbandsherrschaft und die «oligarchische Verharschung» aus Sicht des frühen Verbandssoziologen Robert Michels in dem schönen Satz zusammen, dass die Menschheit zuerst unter dem Matriarchat gelebt habe, dann unter dem Patriarchat und heute unter dem Sekretariat lebe. Als Ökonom des Verbandes hatte ich keine Linienfunktionen und bewarb mich nie darum. Ich lebte die 15 Jahre sogar mit dem leisen Schrecken, einmal einen der grossen Kongresse organisieren zu müssen. Da musste man monatelang Hotelzimmer gemäss den kleinen Eitelkeiten und Rangordnungen bestellen, Essen auslesen, ausländische Delegationen einladen oder aussieben, Geschenke vorsehen, Reden des Präsidenten schreiben, Medien bedienen, sodann das Drehbuch der Anträge und statutarischen Geschäfte für den Tagespräsidenten machen. Doch ich konnte mich stattdessen auf die Sachgeschäfte konzentrieren, wofür ich den Kollegen immer noch dankbar bin. Da meine Sekretariatskollegen viele der administrativen Aufgaben im Pflichtenheft hatten, entkam ich während dieser Jahre und natürlich in

meinem freierwerbenden, vorherigen und nachmaligen Berufsleben den sonst alle Bürofluchten beschäftigenden Fragen um Kaffeemaschinen, Sitzungszimmergestaltung, Parkplatzverteilung, Ferienpläne, IT-Ausstattung, Personaleinstellungen, Pensionskasse, Einladungen, Personalfeiern usw. Wie ich höre, ist solches für die meisten Diensteleister klassischer Arbeitsformen das tägliche Brot – und dürfte die Produktivität des Landes halbieren. Auch verzichtete ich alle 15 Jahre auf jede Neuanschaffung für mein Büro, ausser einem neuen Bürostuhl. Dafür hing in einem der Fenster eine farbige Glasscheibe des deutschen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, der den Schweizern für ihre Nothilfe in den 1920er-Jahren dankte. Neben den Geschäften aus der Verbandsroutine und dem eidgenössischen Sitzungsreigen konnte man eigene Initiativen entwickeln und zeigen, welchen unternehmerischen Aspekt man von aussen unterschätzt. Für meinen Teil stürzte ich mich in die Kurse, in die Unterlagen zu Grundsatzfragen für den Vorstand, die Verbandszeitungen und die Mitglieder. Frühere Sekretäre erschienen, so erzählten es die Angestellten, um 6.30 Uhr oder früher, erledigten bis 9 Uhr alle Post und die anstehenden Geschäfte und verschwanden für den Rest des Tages in Sitzungen, Gesprächen oder noch angenehmeren Sachen. Es war für mich das erste und letzte Mal meines Berufslebens, dass ich in einem Büro mit anderen Leuten arbeitete, und ich nahm wahr, wie sehr die Angestellten alles wahrnahmen; «wahr» ist das richtige Wort. Dass nun einfach immer am 21. des Monats Geld einging, war für mich ganz neu. Weil ich ohne dies aufgewachsen war, und vor und nach dieser Anstellung viel länger Freiberufler mit eigenem, schwankendem Einkommen war und bin, bleibt es eine seltsame Sache. Ich halte die unselbstständige Arbeit zwar für Arbeit, aber nur für die zweitbeste menschliche Lage. Wieder andere Funktionäre reisten gerne. Im Vorstand wurden am Schluss der Sitzungen immer die Delegationen, also Reisen, zu den Kongressen anderer Gewerkschaften des In- und Auslandes vergeben. Das Vorstandsmitglied eines kleinen Verbandes ergriff jahrelang nur zu diesem

Traktandum das Wort und sagte: «Moi, je veux bien y aller.» Auch dieser Wanderseele war ich dankbar, so musste ich nicht reisen und konnte arbeiten.

Die Kollegen aus dem realen Sozialismus

Grosse Reisende waren die Spitzen der Ostblockgewerkschaften. Sie schrieben immer wieder und regten ganz direkt einen Meinungsaustausch hier im Westen an. Wir rationierten diese Delegationen auf eine pro Jahr, denn es war eine aufwendige Sache mit fast diplomatischen Facetten. Den ostdeutschen Gewerkschaften unter Präsident Harry Tisch, einem begeisterten Jäger und Paladin des Regimes, schrieben wir 1988, man sei befremdet über die Massnahmen der DDR gegenüber Kirchen, Ökologen und Künstlern, und sagten eine Begegnung ab. Die Spitze der ungarischen Gewerkschaft meldete ihre Ankunft Anfang der 1980er-Jahre zu bestimmter Zeit im Berner Hauptbahnhof an, doch unsere Vertreter suchten sie lange vor den angekommenen Erstklasswagen. Schliesslich entdeckten sie einen Salonwagen der ungarischen Staatsbahnen, betreut von Kondukteur, Koch und Zimmerfrau, aus welchem die Delegation stieg. Der Präsident war eben auch Vizestaatschef Ungarns, wurde erklärt. Eine ähnliche Stellung hatte Anton Benya, der Präsident des österreichischen Gewerkschaftsbundes, der von einer Wache der Hofburg in Wien mit «Exzellenz» angesprochen wurde, wie ich zufällig hörte. Er war eben auch Präsident des Parlaments. Als in Österreich der Streit um die Erhaltung der wilden Donauauen tobte, meinte er: «Aber dös is ja bloss a Urwold.» Die Ostblockdelegationen waren leider nicht so farbig wie der Österreicher, sondern langweilig. Es sprach meist nur der Wortführer, die anderen schwiegen, und auch der Wortführer verbreitete nur Propaganda. Das war auch ratsam, weil die Politkommissäre mitreisten. In der sowjetisch-russischen Delegation z. B. war eine strenge Dame mit Chignon, die nie sprach, aber

äusserst intensiv die Worte der Genossen verfolgte. Die Funktionäre jener Länder machten einen gedrückten, stereotypen Ausdruck und Eindruck. Ihr erschreckender Konformismus illustrierte eindrücklich das Opfer an Persönlichkeit, welches zur Bedingung des Aufstiegs in solche Funktionen verlangt wurde. Es waren Leute mit angezogener Handbremse, stillgelegten Gehirnen und abgedunkelten Gesichtern. Diese Delegationen brachten auch viele der damals schlecht gedruckten und nach schlechter Farbe riechenden Broschüren mit, um auf die Erfolge der kommunistischen Gesellschaftsordnung hinzuweisen. Schliesslich verabreichten sie auch eiserne Ansteckabzeichen, Manschettenknöpfe, kleine Ambosse oder ähnlich sinnige Erinnerungen an die glückliche Industriearbeiterschaft. Auch die hiesigen Ostbotschaften meldeten sich dann und wann. Sehr aktiv war der Wirtschaftsattaché der DDR in Bern. Er war – im Gegensatz zu vielen anderen – offener für Gespräche und nahm auch Dinge zur Kenntnis. Er telefonierte öfters, um ein Treffen abzumachen, und diese Telefonate wurden Mal für Mal auf der Fiche des SGB bei der schweizerischen Geheimpolizei registriert. Nicht nur einen Ficheneintrag, sondern einen Skandal ersparte ich dem Präsidenten Walter Renschler und einer Person aus dem Sekretariat, die im September 1989 zum 40. Jahrestag der DDR reisen wollten. Damals donnerten schon die Montagsdemonstrationen gegen das wurmstichige Regime, aber die zwei eher linken Leute wollten unbedingt dorthin. Ein schwächliches Argument war, man könne vielleicht auf die DDR-Führung einwirken. Ich sagte: «Das Einzige, was sicher ist, wird euer Bild in den Zeitungen hier sein, wie ihr den DDR-Generalsekretär Erich Honecker umarmt.» Da liessen sie es dann doch bleiben. Zwei Monate später fiel die Mauer in Berlin. Die östlichen Delegationen in Bern musste man in guten Hotels einquartieren und ihnen auch ein Handgeld geben, weil sie ohne Devisen ankamen. Während ganzer Tage führte man sie dann auch an touristische Orte. Vielleicht kamen sie sich wie in dem schönen Witz vor, wo eine

sowjetische Delegation vom Westen schwärmt, vom kommissarischen Einpeitscher aber belehrt wird, dass der Kapitalismus am Absterben sei, und die dann findet: «Särr schöner Tod.» Nun, 1989 kehrte dann das Ende im Osten ein. Ich schrieb in allen sozialdemokratischen Tageszeitungen einen grossen Artikel über zwei ganze Seiten mit dem Tenor: «Das freie westliche System hat gewonnen, und die Arbeitnehmerverbände sind ein unverzichtbarer Teil davon.» Es gab darauf nur zwei Echos: Ein Altkommunist bemängelte, dass ich zur Illustration eine Karikatur eingefügt hatte, die Marx, Lenin, Stalin, Mao, Castro und Breschnew im Wartsaal des Konkursamtes lächerlich machte. Der spätere Chef der Unia- Gewerkschaft schrieb einen kläglichen Leserbrief, in dem er meinte, dass die Gewerkschaften hierzulande gar nichts erreicht hätten.

Gewerkschaften gehören zum Marktsystem

Aber es war mir Ernst. Ich sah die Verbände, die Arbeitnehmerverbände in Unabhängigkeit als eine der «countervailing powers», welche das westliche System offen und dynamisch erhalten. Deshalb war ich intern auch skeptisch, ob wirklich jeder Funktionär gleich auf einer Liste der sozialdemokratischen Partei für alle möglichen Ämter kandidieren solle. Ungarische oder österreichische Verhältnisse gaben den Gewerkschaftsleitern zwar einen gewissen Einfluss, banden sie aber auch über Gebühr ein. Ich jedenfalls lehnte von 1975 bis 1991 bei jeder anstehenden Nationalratswahl eine Kandidatur ab. Angefragt wurde ich jedes Mal. Ausserdem hätte ich so im schweizerischen Politsystem alle Geschäfte zuerst in den Phasen der Expertenkommission, dann der Vernehmlassung unter den Spitzenverbänden und dann der parlamentarischen Behandlung begleitet, was eine hohe Machtballung bringt. Konformismus, Eingebundenheit und Verhandlungsschulden der teilnehmenden Personen sind die Folge. Ausserdem wirkt der für jedes

einzelne Geschäft jahrelange, typisch schweizerische Politprozess als Zeitvernichtungsmaschine. Deshalb lesen die Beteiligten kaum, kennen das Ausland nicht, können nicht geläufig Englisch und stolpern hilflos herum. Dazu trinken sie selig an den vielen Essen mittags und abends mit, und manche sind faktische, aber anonyme Alkoholiker. Was wohl jeder in Firmen- oder Universitätshierarchien lernt, bringen auch Verbandsmechaniken dem jungen Einsteiger bei – Sachen auszusitzen, nicht gleich immer schon die letzten Absichten in einer Sitzung breit auszulegen, jemanden, der mit Vorschlägen stört, mit einer Sonderkommission zu beschweren, oder statutarische Hürden als Einwand gegen dies und jenes vorzubringen (für Letzteres war ich allerdings im Nachteil, weil ich in allen 15 Jahren die SGB-Statuten nie gelesen hatte). Wenn man keinen Erfolg hat, ist immer der gegnerische Verband, die Politik oder Verrat in den eigenen Reihen als Schuldiger zu nennen. Kurz, man lernt bürokratische Herrschaft von innen kennen. Hin und wieder jedoch muss man sich einen Ruck geben und auch mal ehrlich sein. Und wenn nicht, macht es in offenen Gesellschaften auch nichts, dann sind die Gegenverbände am Drücker oder die Medien, welche die Verhältnisse korrigieren, oder die Mitglieder laufen weg. Positionen und Haltungen müssen bestreitbar sein. Meine stete Ermunterung an Unzufriedene, doch selbst mal zur Feder zu greifen und zu schreiben, rührt aus der Sekretariatserfahrung her. Über seine Verbände hatte der SGB 440000 Mitglieder, aber wenn in einer Woche drei, vier Briefe eintrafen, die den gleichen Punkt aufwarfen («Seid Ihr eigentlich verrückt, dass Ihr …»), dann dachte man, dass es in der Mitgliedschaft brodle. Wer also einen Brief an ein Amt, an einen Massenverband, an Medien schreibt, der hat Stich, denn es tun dies nur wenige!

Wirtschaftspolitik mit Chips aus Silikon statt aus Kartoffeln

In den 1950er-Jahren waren Pommes frites für die Deutschweiz eine sensationelle Neuerung, und als erst die Pommes Chips aufkamen, wären wir Kinder süchtig geworden, doch wurden sie dem sparsamen Geist der Zeit entsprechend als Delikatesse und Ausnahme genossen. Doch die Chips – aus Silikon – machten den entscheidenderen Durchbruch. Sie stülpten die Arbeitswelt völlig um. Die meisten Gewerkschaftssekretäre hatten aber grosse Mühe damit. Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre trat die Elektronik ins Alltags- und Büroleben ein. Sie zeigte sich nicht mehr nur als Computer, die man vorher als grosse Kästen mit seltsamen Spulenrädern gesehen hatte und die in einigen grossen Zentralen und Universitäten summten. Die automatischen Schreibmaschinen mit Bildschirm kamen auf, und in den Fabriken ersetzten die elektronisch gesteuerten Fräsen, Bohrmaschinen und Greifapparate die Arbeiter. Seit dem Kriegsende hatte die Halbautomation die Prozesse ein wenig verändert, indem die einzelne Maschine hohe Taktzahlen hatte und viele Stücke ausspuckte. Doch diese Stücke weiterzureichen, einzupacken und anzuschreiben, war menschliche Arbeit. Facharbeiter stellten auch die Abläufe und die Werkzeuge der Produktionsmaschinen ein, nicht Programme. Desgleichen hatten sich die Schreib-, Archivierungs- und Kontrollarbeiten der Firmen auf enormen Büroetagen ausgebreitet; sie hatten sich nur vervielfacht, nicht aber rationalisiert. Nun machte es die Digitalisierung möglich, diese Takte zu verknüpfen und voll zu automatisieren.

Automatisierung und Globalisierung als Normalfall, Arbeiterkathedralen im Zerfall Spannend, wie sich nach 1945 die Produktionstechniken und Produktionsstandorte veränderten: In den 1950er- und 1960er-Jahren wurden viele Produktionstakte durch mechanisch-automatisch gesteuerte Maschinen beschleunigt. Die Stücke wurden aber oft noch von Hand zugeführt, weitertransportiert, fertig verarbeitet und dann zu einem Endprodukt

zusammengefügt. Mit der Informationstechnik wurden diese menschlichen Zwischenstufen ebenfalls automatisiert. Die Fabrik als Ganzes wurde ein einziger Automat, von Wellblechhüllen umgeben, vorne Lastwagen mit Rohmaterial, hinten Lastwagen mit Fertigprodukten, innen kaum noch Leute. Gleichzeitig öffneten internationale Abkommen wie das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (GATT) die Weltmärkte, und es stiegen neue Industrienationen in Asien auf. Die alte Produktionswelt hatte in den gigantischen «Kathedralen der Arbeit» kulminiert: Renault in Billancourt, Mirafiori in Turin, die Stahlgiganten in Fos-sur-Mer, Tarent sowie an Rhein und Ruhr. Die Automontagestrassen in Detroit und Wolfsburg waren die Referenzpunkte der hohen Zeit der Industriegesellschaft. Für die Industriellen entschieden sich dort enorme Kapitaleinsätze, Wettbewerbspunkte zwischen Amerika und den europäischen Staaten, dann auch Japan. Für die Gewerkschaften und die Linke waren dies die Symbole für Ausbeutung oder Siege für die «condition ouvrière». Doch so zahlreich die Arbeiter dort auch waren, sie waren eine kleine Minderheit unter den Beschäftigten. Aber sie bestätigten das oberflächliche Paradigma von links/rechts, reich/arm, mächtig/abhängig und Täter/Opfer. Das neue Asien und die Zerfaserung der Grossfirmen in lange Wertschöpfungsketten rund um den Globus, wobei die einzelnen Fabriken fokussierter und kleiner wurden, fanden nicht sogleich eine Deutung, weder links noch rechts. Anfang der 1970er-Jahre fasste die öffentliche Diskussion diese Erscheinungen unter dem Generalvorwurf an Multinationale zusammen. Es war eine Kritik der Grösse, der Marktbeherrschung, der Ausdehnung auf den Süden, der Rohstoff- und Energiefirmen. Manche verwarfen einmal mehr auch unter diesem Titel einfach den ganzen Kapitalismus, und viele Suhrkamp-Bändchen halfen als Bibeln dabei ebenso wie grosstönende UNO-Studien. Aber der Begriff «Multinationale» bot keine strikte und fruchtbare Analyse. Und eigentlich wollten die Millionen neuer Arbeiter der neuen Industrieländer nicht die Umwälzung des Systems und

auch nicht die westlichen Firmen hinauswerfen, sondern sie wollten arbeiten. Die Interpretation und die

auch nicht die westlichen Firmen hinauswerfen, sondern sie wollten arbeiten.

Die Interpretation und die wirtschaftspolitischen Reaktionen darauf fielen allen Kreisen also schwer. Ging nun etwa die Arbeit ganz aus? Die extremeren Linken brauten harsche Szenarien von Weltuntergang und Verschwörung zusammen, dem Kapitalismus wurde der Wunsch in die Schuhe geschoben, nun endlich zur Beseitigung des Lohnarbeiters vorzugehen. 1977 kam ein einflussreiches Rororo-Bändchen von Folker Fröbel, Jürgen Heinrichs und Otto Kreye heraus, das die neue Weltwirtschaft in marxistischen Begriffen – in der Sache zwar nicht unrichtig – beschrieb. Die hochindustrielle Produktion wurde technisch überall machbar, die Massengüter wurden nicht mehr in Südeuropa, sondern in Südostasien hergestellt, die Marktöffnung setzte die Arbeiterschaften und ihre Löhne weltweit direkt in Wettbewerb: Ein Weltmarkt für Arbeitskraft entstand. Gemäss dieser Diktion fand die Ausbeutung nun weltweit statt. Die Krise nach 1973 zeigte, dass das Kapital zu viel war und nicht mehr eingesetzt werden konnte. Dem Computer wurden riesige Freisetzungspotenziale zugeschrieben, und der Deutsche Gewerkschaftsbund hielt 3 Millionen Korrespondentenplätze und 2 Millionen Schreibplätze für rationalisierungsbedroht. Und da die Chips selbst nun vollautomatisch hergestellt wurden, befürchtete man, dass der Computer seine eigenen Kinder fresse. Die zweite industrielle Revolution war da. Abhilfe sahen in der Schweiz ähnlich eingestellte Besorgte wie Willy Bierter und Ernst von Weizsäcker in «arbeitsintensiveren Technologien, in der Verkürzung der Lebensarbeitszeit und in solidarischer Verminderung der Einkommen». Die Kritiker sahen nicht, dass der Aufstieg von weiteren drei Vierteln der Menschheit zu produzierenden, aber auch konsumierenden und investierenden Akteuren begonnen hatte. Sie sahen nicht, dass die neuen Aggregate lange, arbeitschaffende Produktionsumwege verlangten, also Millionen von Informatikern, Logistikern, Verkäufern, Werbern und Finanzierern beschäftigten, dass dafür gebaut, danach konsumiert und gewohnt werden

wollte. Sie sahen auch nicht, dass die Bedürfnisse der Menschen nicht einfach abgesagt werden konnten, sondern dass sie unendlich waren und dass sie gerade dank Technik ökologisch vertretbar erfüllt werden können. Darauf warten wir allerdings noch grösserenteils. Die neuen «weichen» Produktionstechniken aus Japan mit Just-in-Time- Lieferungen, Outsourcing und Gruppenarbeiten ohne Akkord steigerten die Produktivität in den 1980er-Jahren durch geschickte Organisation schliesslich nochmals, nicht nur durch die maschinelle Automatisierung der Herstellungsketten. Diese spannten sich nun aber wirklich um die Welt; die Informationstechnik lieferte die Programme, die Präzision und die Vertaktung dazu.

Die Linke ist plötzlich gegen den technischen Fortschritt

Seither ist links die proletarische Elendspropaganda verlegen eingestellt und voll auf Umverteilung im Sozialstaat geschaltet worden, aber die Wirtschaftselite ihrerseits hatte keine Ansicht, sie schwieg und verdiente, sie verlor die «intellektuelle Lufthoheit» in der neuen Weltwirtschaft. Die Wirtschaftselite und die Bürgerlichen zahlten nun einfach in die immer gefrässigeren Umverteilungstöpfe ein.

Europa amputiert seine Arbeitskraft Die verhängnisvolle Theorie vom Ende der Arbeit der Linken liess daher in ganz Europa, ausser in der Schweiz, die individuelle Arbeitszeit massiv auf 35 Stunden reduzieren, um die kollektive Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Ein mikroökonomisch sinnvolles Handeln (wenig Arbeit in einer Garage, alle arbeiten zeitweise etwas weniger) wurde makroökonomisch sinnlos angewendet. Nun sanken die Arbeits- wie die Gewinneinkommen der Volkswirtschaft, die Arbeitsstunde wurde teurer, die Steuereinnahmen fielen.

Europa katapultierte seine Arbeit mit Gewalt nach Asien. Am Ende stieg die Arbeitslosigkeit Frankreichs, Italiens und Deutschlands aufs Doppelte, anstatt zu fallen. Im Gewerkschaftsbund hatte das öffentliche Personal eine Initiative zur 40- Stunden-Woche durchgebracht. Der Enthusiasmus auf dem SGB-Sekretariat überbordete nicht. Zuhanden der Abstimmung 1988 einigte ich mich mit Ruth Dreifuss als Verantwortliche der Kampagne darauf, dass wir das dumme Argument, «knapp gewordene Arbeit umzuverteilen», nicht vorbrächten, sondern mit besserer Lebenswelt, Feierabend für Papi, mehr Zeit für doppelbelastete Mamis argumentierten. Die segensreiche berufliche Flexibilität ist in der Schweiz noch heute auf dem Arbeitsmarkt vorhanden, obwohl mit aller Macht Diplomerfordernisse und längere Ausbildungswege aufgebaut werden. Flexibel blieb das Arbeitsrecht, man kann lange arbeiten, zeitlich flexibel arbeiten, die Firmen können kündigen, weshalb sie auch einstellen. Der relativ offene Arbeitsmarkt gibt der Schweiz gegenüber Europa einen enormen Vorteil. Die Schweizer arbeiten deshalb 1000 Stunden jährlich pro Einwohner, die Franzosen nur 538 Stunden, die Deutschen 700 Stunden. Das hat Folgen für den Reichtum des Landes. Denn: Arbeit schafft Arbeit.

Die Linke der 1920er- und 1930er-Jahre sah ihren Verbündeten noch in der Technik, wie es seit Marx üblich war. Gemäss dieser Sicht zögerten die Kapitalisten mit Neuerungen, weil sie noch die alten Maschinen auswinden und rentabilisieren wollten und weil neue Produktionsformen auch neue Gesellschaftsverkehrsformen erzwangen. Nichts von alledem war in linken Köpfen geblieben, jetzt wurde die Technik als Instrument des Kapitals im Kampf gegen die Arbeit gesehen und daher als neuer Feind bekämpft. Und wie immer bei den Linken war eine Steuer die naheliegende Abhilfe in der herannahenden Computerzeit: eine Maschinensteuer. Vorbei waren die Zeiten, da sich die (marxistische) Linke im Einklang mit den Produktivkräften wusste, deren Fortschritt billigte und deren bessere Organisationsform sie in

Gemeinwirtschaft anbot; eine Linke auch, die vordem die Kapitalisten anklagte, eher den Fortschritt zu hintertreiben, als eine gesellschaftliche Änderung zuzulassen. Jedenfalls wurde ich nach einigen meiner zustimmenden Artikeln zu neuen Techniken in gewerkschaftlichen Zeitungen ab dem Ende der 1970er-Jahre in viele Versammlungen vorgeladen, um das Begehren nach einer Maschinensteuer zu diskutieren. Die Vorstellungen waren wirr, niemand wusste, wie und wo eine solche Steuer greifen sollte. Die Computer hatten ihre kastenförmige Riesenstruktur abgestreift und bestanden aus Tausenden elektronischer Schaltkreise, die auf Fingernagelgrösse in Chips eingelassen waren. Diese Schaltkreise drangen in alle hergebrachten Apparate ein und machten sie zu Automaten. Diese wirkten nun im Null-Eins-Modus, digital, nicht analog, wie Nicholas Negroponte 1995 in seinem Buch Being Digital erhellend für die, welche verstehen wollten, schrieb. Alle Funktionen, die ganze Welt in ihren Texten, Bildern, Befehlen konnte so abgebildet werden. Damit war auch klar, dass diese Konvergenz letztlich alle die bestehenden Fabriken für Schreibmaschinen, Fotoapparate, Tonbandgeräte, Filmgeräte, Radios, Fernseher, Uhren, Zähler und Grammofone überflüssig machen werde. Ich hatte von einem Unternehmer ein Säckchen Chips mit je 20 000 Schaltungen bekommen. Das war der Stand der Technik. Diese zeigte ich Anfang der 1980er-Jahre bei allen diesen Vorträgen vor und liess sie kreisen. Es nütze nichts, sich dagegen zu stemmen, sondern man solle sich darauf einlassen. Dennoch begann in den Gewerkschaften ein Trommelfeuer gegen die neuen PC-Arbeitsplätze. Vermutungen über Strahlenschäden, über Augen-, Muskel- und Nervenkrankheiten wurden herumgeboten und einschneidende Beschränkungen gefordert, etwa nur zwei Stunden im Tag an solch gefährlichen Geräten zu arbeiten. Doch, glaube ich, griffen die Büroangestellten nur zu gerne nach diesen immer besseren Schreib-, Dokumentations- und Kommunikationsmedien. Sie befreiten sich damit von der Plackerei mit Vielfachkopien in der Schreibmaschine, mit den

Wachsmatrizen oder mit dem ungeliebten Ablegen, also mit dem Einreihen von Papierdokumenten in Schubladen und Mäppchen. Die lauthals fordernden Gewerkschaftssekretäre hatten wohl keine grosse Ahnung von der konkreten Arbeit an solchen Stellen und verpassten eine weitere Möglichkeit, sich im Dienstesektor als Hilfe anzubieten.

Mensch-Maschine-System Seit der erste Mensch einen Ast in die Hand nahm, also ein Instrument nutzte, machten die Instrumente nun den Menschen und seine Gesellschaft. Seine Leistung stieg an, er musste sich aber auch enger mit den anderen zusammentun, um diese Instrumente einzusetzen, fruchtbar zu machen, und sie alle müssen es nun in einer Weise tun, damit sie die Instrumente bedienen können. Leistung, Kämpfe, Mobilität und Essen veränderten sich andauernd. Die Menschheit ist zum Mensch-Maschine-System geworden. Die angewachsene Zahl der Menschen kann ohne Maschinen gar nicht mehr überleben.

Die Umwälzungen der digitalisierten Informationstechnik liessen nicht auf sich warten. Die letzten Radio- und Tonbandhersteller schlossen, die Precisa mit ihren Rechen- und Schreibmaschinen-, Hermes- und Filmgeräten schloss. Ihr riesiger Fabrikriegel in Ste-Croix im Waadtländer Jura steht noch und macht im Herbstnebel einen leicht gespenstischen Eindruck. Dann schlossen die Zeitungen ihre Typografenabteilungen und gingen zum Fotosatz, dann zum elektronischen Satz über. Weil Europa geschlafen oder sich gewehrt hatte, kamen natürlich alle Apparate, Programme und Chips aus den USA, später aus Asien. Die Typografen taten mir leid. An gewerkschaftlichen Versammlungen waren sie immer sehr aktiv und v. a. belesen, da sie die Literatur der Welt in Blei setzten. Sie konnten den 68ern die Stange halten, mitdiskutieren und standen grundsätzlich eher links. Doch die Gewerkschaft war nicht in der Lage, ihre persönliche Tragik zu mildern. Junge, schlechter bezahlte

Typistinnen konnten jetzt die Satzmaschinen füttern, bald schon die Journalisten selbst. Ich konnte 1981 im International Visitors Program der USA für Nachwuchsleute aller Art und aus aller Welt drei Wochen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten herumreisen und mir jeden möglichen Gesprächspartner aussuchen. So besuchte ich auch den Verantwortlichen der Druckergewerkschaft der New York Times. Es war ein drahtiger 60-Jähriger mit Rennvelo im Büro. Beim Rundgang durch die New York Times wurde er überall von den Typografen begrüsst und umschwärmt. Er hatte angesichts der technischen Revolution für sie die Sofortrente durchgesetzt, oder über 100000 damalige US-Dollars bar in die Hand, falls sie selbst kündigten. Überall in den Zeitungsräumen sassen die ehemaligen Setzer und Drucker an Tischchen, lasen, spielten Schach, während in eher kleinen Nebenräumen einige noch aktive Arbeiter auf erleuchteten Scheiben die Times des nächsten Tages im Fotosatz zusammenklebten. Als ich ihn fragte, ob er Ähnliches für die Setzer und Drucker in den kleineren Druckereien erreicht habe, zuckte er nur mit den Schultern. Die US-Gewerkschaften arbeiteten bloss schwerpunktmässig, und das Gesetz schrieb vor, dass 51 Prozent der Belegschaft sie für Verhandlungen mandatieren mussten. Die anderen Betriebe liessen sie liegen. An den Sitzungen und Versammlungen im Inland brachte ich dann die Sicht ein, die neue Mehrwertsteuer sei genau diese Maschinensteuer. Denn je grösser die Produktivität und die Wertschöpfung durch solche Apparate der Informationstechnik werde, umso höher falle die Abgabe aus. Das beruhigte, und weil Superlinke immer radikale Dinge fordern, besonders bei Steuern, aber nie in der Lage sind, die mühsamen technischen Details der Durchführung zu erarbeiten, geriet die Idee einer spezifischen Maschinensteuer schnell in Vergessenheit. Die neue Informationstechnik überraschte die Schweiz auch beim gewohnten Radiohören der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft (SRG). Der Journalist Roger Schawinski erspähte die Möglichkeit, ein privates

Radio von einem Gipfel in Italien aus zu lancieren, das Zürich mit seinen Wellen bestrahlte. Mich freute der Coup wie viele andere auch, aber die gewerkschaftlichen Medienzuständigen waren ausser sich. Doch ich bemerkte nur, wenn die Technik es möglich mache, Sender für (damals) 20000 Franken anzuschaffen, dann könnten sie dagegen keine Dämme errichten. Das war den regelgewohnten Linken der stabilen bisherigen Welt eine völlig fremde Vorstellung. Aus dieser unbeholfenen Technikfeindschaft zog ich eine persönliche Konsequenz. Ich trat – als Sekretär des SGB – aus der Journalistenunion aus. Diese dem SGB angeschlossene, noch junge Alternative zum politisch neutralen Verband der Journalisten war zwar der Verband, wo ich als Sekretär des SGB hingehörte, weil wir immer dortblieben, wo wir vorher Mitglied waren, aber ich sagte den Leuten: «Ihr verlangt 700 Franken im Jahr, habt nicht einen einzigen Gesamtarbeitsvertrag unterschrieben und seid gegen alle neuen Techniken, mit denen die Journalisten bereits arbeiten.» Ich trat der Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel (VHTL) bei, die eine vernünftige Politik betreibt und für die Leute besseren Lohn und bessere Bedingungen herausholt, ganz ohne linke Kapriolen.

Die ewige Schönheitskonkurrenz nach links

Solche Stellungnahmen gegen die neuen Techniken von damals oder heute für immer höhere Steuern und wachsende Sozialleistungen kommen an den Kongressen der Linken – SPS oder SGB/Unia – immer gut an. Der Grund: Es herrscht dort seit 100 Jahren, ja schon im französischen Nationalkonvent von 1792, eine Schönheitskonkurrenz nach links. Robespierre und Saint-Just machten alle als Feiglinge und Volksfeinde nieder, die weniger radikal waren als sie, zuerst verbal, dann auf dem Schafott. Fast genauso geschieht es früher wie heute in Verbänden. Schlug der Vorstand oder ein Kongressteilnehmer

beim SGB leicht höhere Alters- und Hinterlassenenversicherungsrenten vor, brummelte der Kongress vor sich hin. Stand aber ein Aktivist auf und verlangte – immer ohne irgendwelche Berechnungen vor sich – eine Verdoppelung von diesem oder jenem, dann rauschte der Beifall. Wer dann zur Vorsicht mahnt, ist ein Erbsenzähler und mag es den Armen nicht gönnen. Diese Aktivisten tauchen in solchen Verbänden alle paar Jahre regelmässig wieder auf. Sie sind vorher fast unbekannt, schmücken sich immer mit Basiskontakt und möglicherweise auch mit einer Berufslehre vor dem Studium. Im Gegensatz zu den bezahlten Funktionären am Vorstandstisch ziehen sie nach einem leichten Sieg in der provozierten Kongressabstimmung mit den Anhängern in ein Restaurant, gründen eine Splitterunterorganisation des Verbandes und lärmen noch einige Monate damit herum. Entweder steigen sie dann doch zu Funktionären auf, oder sie kehren ihre Weste ebenso rasch wieder um und werden Weinbauern oder Staatsangestellte. Weniger revolutionär, aber ähnlich radikal im Ausdruck, gebärden sich manchmal Konkurrenten um das Präsidium in Gewerbe- oder Baumeisterverbänden. Sie suggerieren eine schärfere Gangart und gewinnen dann den Stuhl. Früher hatten der Vorstand und das Sekretariat des SGB den Mut, offen gegen Kongressanträge radikaler Art anzutreten. So unterstützte der SGB 1976 die Volksinitiative der Progressiven Organisationen der Schweiz (Poch – eine damalige Partei links der SPS) auf eine 40-Stunden-Woche nicht. Der Hauptgrund war, dass sie dies innerhalb Jahresfrist und ohne Lohngarantie forderte. Desgleichen stemmte sich unser Sekretariat seinerzeit immer gegen Anträge, einen nationalen Mindestlohn zu fordern. Der Kongress und die Delegiertenversammlungen waren insgesamt vorsichtig, Mitte der 1980er- Jahre kam sogar ein Antrag durch, der SGB dürfe keine Initiativen mehr lancieren, weil das die Basis überanstrenge. Erstaunlicherweise gingen die Reformer Chinas unter Deng Xiaoping den Typus des Verhinderers, Schönschwätzers und Illusionisten ganz direkt an. Deng bekämpfte ab 1978 offen den Slogan der chinesischen Viererbande

«Better leftist than rightist» während der Kulturrevolution. Diesen Slogan hatte die Viererbande formuliert, aber mit dem Kampf Dengs gegen diesen Slogan war sie herausgefordert, und indirekt auch Mao Tsedong gemeint, die allesamt damit diskreditiert waren. In der Parteizeitung liess Deng den Gegenslogan ausrufen: «Die Praxis ist alleiniges Kriterium der Wahrheit.» Das Militär unterstützte den neuen Slogan sofort, die intellektuelle Lufthoheit der massvollen Reformer war gewonnen, China beschritt den Weg der Prosperität. Dies alles beschreibt der damalige Vizepremier Li Lanqing in seinem Buch Breaking Through. Von wegen bezahlte Funktionäre! Im SGB galt die Regel, dass die Sekretäre immer gemäss der oberen, normalen Besoldungsklasse des Bundespersonals bezahlt wurden. Das war nicht exorbitant und richtete das Auge der Verantwortlichen auf eine gute Behandlung des Bundespersonals. Verhandlungserfolge schlugen sich direkt auch bei den «bezahlten Funktionären» nieder, Misserfolge auch. Ein Modell für die Boni der Bankenwelt! Die festen Nebeneinnahmen aus Kommissionen und Verwaltungsräten gaben wir dem SGB ab. Allerdings nur 60 Prozent dieser Fixa, weil der Kanton Bern darauf bestand, diese Einkünfte trotz des Verzichts bei uns Sekretären als persönliches Einkommen voll zu besteuern. Im SGB-Sekretariat hatten die fünf Sekretäre gut abgegrenzte, eigene Zuständigkeiten und genossen gegen aussen und im Verband selbst immer eine starke Stellung, u. a. weil wir bestens über die Bundesgeschäfte informiert waren, doch auch weil wir uns nie öffentlich oder vor dem Vorstand widersprachen, sondern uns unterstützten. Diese Taktik der Macht stände dem Schweizerischen Bundesrat als Kollektivbehörde auch gut an.

Die Linken und ihr Geld

Die Gewerkschaftsbewegung verfügte aus den Zeiten, als sie eine Bewegung war, über viele Unternehmen und Beteiligungen, und diese stellten insgesamt einen beachtlichen Konzern dar. Diese vielfältigen Genossenschaften und Vereine boten den Organisierten eine geschlossene Lebenswelt an. Man konnte Essen, Kultur, Information, Arbeitsplatzverteidigung, Freizeit, Sport und Reisen aus einer Hand und unter Gleichgesinnten haben. Die Sekretäre, Präsidenten und Vorstandsmitglieder wurden in deren Gremien abgeordnet. Leider waren unter ihnen kleinmütige Verwalter, die alle einander schonten, und die unternehmerischen Visionen waren längst abhandengekommen. Während meiner Zeit wurde fast alles verspielt und nichts gegründet. Die Büchergilde Gutenberg verfocht weiterhin das gepflegte, gut gedruckte Buch, verlor aber massive Marktanteile an andere wie etwa Ex Libris, die keine festen Abnahmepflichten kannte, und für die neuen Lesegewohnheiten lockerer Art bot sie nichts an. Der dorthin abgeordnete SGB-Vertreter sagte vor einer Vorstandssitzung Folgendes zu mir: «Wir haben jetzt wieder weniger verkauft, die Lager sind recht voll, aber wir bekamen Kredite, und schreiben auch einiges ab.» Darauf entgegnete ich: «Dann seid ihr wohl bankrott.» Erst sah er mich entsetzt und dann leicht zustimmend an. So warfs, es war das Ende. Ähnlich ging es bei allen sozialdemokratisch- gewerkschaftlichen Zeitungen. Der Inhalt zählte mehr als der Kommerz, und Fusionen unter diesen in den Kantonen zäh getrennt operierenden Blättern brachte man nicht rechtzeitig durch. Der Redaktor der Berner Tagwacht ärgerte sich ausserdem grün und blau, dass die Notabeln der SPS und der Gewerkschaften mit ihren Informationen und Forderungen immer an die bürgerliche Presse, womöglich zum Blick gingen. So fehlten auch die Primeurs. Doch es war das Huhn-und-Ei-Problem: Ohne moderne Fassung und ohne Widerhall in einer breiteren Öffentlichkeit war es nutzlos, dort zu publizieren. Diese Zeitungen hingen eng mit den gewerkschaftlich-genossenschaftlichen Druckereien aus den früheren Kampfzeiten zusammen. Fiel eine lokale SP- Zeitung weg, war der Hauptauftrag auch dahin. Ich war in den Verwaltungsrat der an sich grossen Unionsdruckerei Bern

delegiert worden. Sie litt unter extrem schwachen Renditen, und die paar Tausend Franken Gewinn kamen nur auf dem Papier zustande, weil man nichts abschrieb. Hin und wieder konnte ein ehemaliger Gewerkschafter als PTT-Generaldirektor einen Telefonbuchauftrag zuhalten, aber das rettete nichts. Rettung kam vom Bund (von den mächtigen Genossen des Finanzdepartements), weil er der Druckereigenossenschaft mitten in der Innenstadt eine freie Fläche abkaufte. Doch auch diesen Millionenbetrag wollte der Verwaltungsrat nicht für die vielen aufgeschobenen Abschreibungen verwenden. Ich musste an der Generalversammlung eigens beantragen, diesen Vorschlag wenigstens zu protokollieren. Wie so oft beim Widerstand eines Einzelnen, auch in eidgenössischen Kommissionen, gab es dort und gibt es in der Schweiz oft nur betretenes Schweigen, aber keine Diskussion. Wie die Druckereien, Zeitungen und Buchverlage entkamen auch die Reiseorganisation Popularis, die Coopgenossenschaften und Coop Schweiz, die Genossenschaftliche Zentralbank sowie viele Sportvereine dem Einfluss der Gewerkschaften. 1993 legte die Krankenkasse der Baugewerkschaft mit ihren 40000 Versicherten einen spektakulären Bankrott hin. Manche der Wohnbaugenossenschaften gerieten wegen fehlender Reservebildung in ernste Schwierigkeiten. Eine Genossenschaft mit enormen Wohntürmen in Bern etwa hatte von den früheren Mietern offenbar zu wenig für Abschreibungen verlangt und musste 2010 einen der Wohntürme total renovieren, sodass die Mieten explodierten. Einfache Leute zogen aus. Schlimmer noch spielte den Wohngenossenschaften das Schneeballsystem mit, welches das sozialdemokratisch geführte Bundesamt für Wohnungswesen ersonnen hatte. Es subventionierte die Mieten neuer oder bestehender Wohnungen bis zu 30 Prozent. Diese mussten aber die ersten zehn Jahre jährlich um 3 Prozent angehoben werden, um auf das normale Niveau zu kommen, und nochmals zehn Jahre, um die Subvention zurückzuzahlen. Man rechnete mit genügend Inflation, die dies reibungslos ermöglichen sollte. Ohne viel Geld schien der Bund so Tausende von Wohnungen dauerhaft verbilligen

zu können, aber die Inflation hörte Mitte der 1990er-Jahre auf. Die Genossenschaften konnten die Mietaufschläge nicht über das Marktniveau hinaustreiben, mussten dem Bund aber zurückzahlen und gingen oft beinahe bankrott. Die gleichen riesigen Vermögensverluste verursachten auch die deutschen Gewerkschaften mit ihrem Konzern Neue Heimat und die Österreicher mit dem Bawagskandal. Michel Doumeng, der französische «milliardaire rouge» und offizielle Financier der Kommunistischen Partei, machte 1993 ebenfalls Konkurs. Immer schonten sich Seilschaften unter den in die Firmen delegierten Vertreter; es fehlte an «governance» – genau das, was man den Banken in der Finanzkrise 2008 vorwarf.

Gier und Boni Selbstinteresse ist das erlaubte Steuerungs- und gegenseitige Disziplinierungsmittel in marktverfassten Gesellschaften. Allerdings müssen die Mechanismen so gelegt werden, dass sie funktionieren. Dies nennt man dann «countervailing powers». Auch unter Linken stolperten manche über ihr Selbstinteresse, so wie nach 2000 manche Spitzenbanker. Nur die Dimensionen waren kleiner. So forderte mein Sekretariatskollege, der für die Finanzen zuständig war, einen damaligen Präsidenten auf, sein Fixum des Bankratsausschusses der Nationalbank (ein ständiger Sitz der Spitzenverbände) abzuliefern. Das waren etwa 12000 Franken. Dieser aber weigerte sich rundweg. Ein Generalsekretär der PTT-Gewerkschaft schwankte zwischen einem Verwaltungsratssitz der Paxversicherung, welche die Gewerkschaft mitgegründet hatte, und der Coopversicherung, wo die Gewerkschaften immer vertreten waren, weil sie mit dem Mitgliederbeitrag auch eine Rechtsschutzversicherung anboten. Er rief an, um zu erfahren, wie hoch die Tantiemen seien, und als sich jene der Pax mit 6000 Franken höher als die 1000 Franken der Coopversicherung herausstellten, ging er zur Pax und delegierte einen anderen in die Coopversicherung.

Ein Vizepräsident der SPS bezog innerhalb von 13 Monaten Tausende von Franken für Sitzungen und Telefonspesen, was nur der Zentralsekretär wusste. Die Finanzdelegation der Partei, präsidiert vom bewussten Vizepräsidenten, tagte ein Jahr lang nicht.

Sank also das Vermögen der linken Seite unaufhaltsam, so hielten sich die laufenden Einnahmen durch leicht künstliche Massnahmen halbwegs aufrecht. Die lokalen Sektionen führen z. B. die Büros der schweizerischen Arbeitslosenversicherung und werden dafür gut bezahlt. Ebenso können sie Rechtshilfe-, Weiterbildungs- und Integrationszahlungen der Kantone und Städte ergattern. Vor allem aber erhalten die Gewerkschaften als Vertragspartner der meisten Gesamtarbeitsverträge Geld aus den Solidaritätsbeiträgen, welche die Arbeitgeber allen Beschäftigten, auch den Nichtgewerkschaftern, monatlich abziehen – oft etwa 5 Franken. Diese Millionenbeträge kommen verschiedenen Zwecken zugute: einmal der Durchführung der Verträge als direkte Zahlung an die Gewerkschaft. Sodann füllen sich Fonds für Weiterbildung der Belegschaften und für andere Ziele, die von den Beschäftigten als Leistung der Gewerkschaft wahrgenommen werden können. Wichtig bleibt auch, dass der optische Unterschied zwischen den Kosten, Mitglied zu sein oder nicht, sich verringert, insbesondere, da den Gewerkschaftsmitgliedern der Solidaritätsbeitrag – teilweise – rückerstattet wird. Als Folge davon bleibt die Gewerkschaft aber vom Abschluss eines Gesamtarbeitsvertrages finanziell direkt abhängig. Ein vertragsloser Zustand längerer Dauer würde sie ruinieren. Auch die laute Unia hängt auf diese Weise von der Vertragsgegenseite ab und wird immer auf Verträge einschwenken müssen, denn die Mitgliederzahlen sind nicht berauschend. In diesen Zahlen sind je nach Branche sehr viele Pensionierte eingeschlossen, welche geringe Beiträge zahlen. Die Solidaritätsbeiträge entheben die Gewerkschaftsführungen von anzuwerbenden und zahlenden Direktmitgliedern. Die Funktionäre sind allein

noch die Bewegung. In meinem Lauf für Transparenz in der Wirtschaft regte ich einmal an, auch der SGB könnte sein Vermögen veröffentlichen. Ich liess mich aber vom Kollegen, der für die Finanzen zuständig war, davon abbringen. Der Grund: Es war so wenig, dass die Achtung vor dem SGB geschwunden wäre.

Friedensabkommen – Schwäche oder Stärke?

Die Gesamtarbeitsverträge der Schweiz enthalten meist die absolute Friedenspflicht, wonach die Gewerkschaften und ihre Mitglieder während der Vertragsdauer nicht streiken und wonach die Arbeitgeberseite keine Aussperrungen bei Konflikten machen dürfen. Taucht daher ein unvorhergesehener Streitpunkt auf, wird ein Schiedsgericht eingesetzt, das letztinstanzlich urteilt. Unvorhergesehenes betrifft in den Verträgen, die keine Lohntarife enthalten, auch die jährlichen Lohnverhandlungen. So werden seit dem ersten Vertrag, dem sogenannten Friedensabkommen der Maschinenindustrie von 1937, die Löhne der Maschinenbaufirmen von den Betriebskommissionen mit der einzelnen Firma verhandelt.

Eines der verrücktesten Bilder zur neueren Schweizer Geschichte stammt aus den Sulzerwerken von 1937. Als der erste grosse Gesamtarbeitsvertrag der Maschinenindustrie, das berühmte Friedensabkommen, von den Funktionären beider Seiten schon fertig verhandelt war, drohte ein Streik kurz vor dem gewerkschaftsseitigen Beschluss, alles wieder infrage zu stellen. Da berief der Mitinhaber Robert Sulzer eine Betriebsversammlung in die Dieselmotorenmontagehalle ein. Die Foto zeigt in der riesigen Halle den Erben und Mitbesitzer Sulzer auf einem kleinen Holzpodium, wie er auf mehrere Tausend Arbeiter einredet, die dicht gedrängt zwischen gigantischen Maschinengruppen

stehen. Ein dramatisch zugespitztes Gegenüber von Kapital und Arbeit, oder besser formuliert: von Realkapital, Kapitalbesitzer und Arbeitern. Sulzer und die Gewerkschaftsvertreter überzeugten, der Streik fiel aus, der Vertrag trat in Kraft.

Die Medien sprachen schon vor 30 Jahren oft vom Niedergang und den schwindenden Mitgliederzahlen der Gewerkschaften. Das war nicht falsch, aber alle übersahen, dass viele Arbeitgeberverbände ebenfalls an Macht verloren oder schon immer schwach waren und dass aus diesem Grunde die Vertragspartnerschaft weniger gestaltungsfähig wurde. Die Arbeitgeberseite war, wie im Detailhandel, nicht über die ganzen Branchen durchorganisiert. Die zwei grossen Gruppen Coop und Migros verhandelten firmenintern. In anderen Branchen, etwa in der Gastronomie oder in der Druckindustrie, waren Giganten neben Kleinstbetrieben im Arbeitgeberverband vereint, aber nicht einig. Die Grossen konnten mehr bezahlen als die Kleinen, oder sie wollten weniger bezahlen und im Hause verhandeln. So traten während etwa drei Jahren die drei grossen Verlagshäuser des Landes aus dem Verband aus. Neue Branchen und Firmen der Informatik, des Finanzwesens und der unternehmensbezogenen Dienste, wie die Statistik sie nennt, kannten oft auf beiden Seiten keine Verbände. Wo hingegen beide Vertragsseiten (etwa in der Maschinenindustrie, Uhrenindustrie und Lithografie, deren Arbeitgeber ausserdem ein sattes Kartell bildeten) hohe Organisationsgrade hatten, da wurden sogar Verträge zur Vermögensbildung abgeschlossen. In die Fonds Prévimet und Prévhor sowie bei den Lithografen bezahlten die Patrons «matching funds», also ebenfalls Beiträge ein, wenn die Arbeiter etwas ansparten. Aus dieser zunehmend schwächeren Lage heraus wandten sich die Gewerkschaften seit der Unia-Gründung immer mehr aufs politische Parkett und machten Initiativen und Referenden, die meist aber erfolglos waren. Aber im Parlament fanden doch manche neue, ausgabensteigernde Vorlagen Mehrheiten, weil die Bürgerlichen ihrem eigenen Vollkaskodenken zuhanden

ihrer Lobbys und Klientelen folgten und Geschenke maximierten, etwa in der Arbeitslosenversicherung, im Einschluss der Existenzgarantie in die neue Verfassung 1999, in der Mutterschaftsversicherung, in der milizuntauglichen Verrechtlichung der zweiten Säule. Der rasante Ausbau solcher Systeme folgte nun nicht mehr der Vertragspartnerschaft, sondern den Mechanismen der kostspieligen Kreuzkompromisse in Bern.

Richter über Tausende von Lohntüten

Werden sich die betrieblichen Unterhändler bei Lohnrunden nicht einig, verhandeln allenfalls die Sekretäre beider Seiten, dann geht es zum Schiedsgericht. Dieses wird für jeden Fall ad hoc zusammengestellt. Es besteht aus einem gewerkschaftsnahen und einem arbeitgebernahen Vertreter und einem neutralen Präsidenten, der oft ein pensionierter Richter ist. Ich war vielleicht ein Dutzend Mal in Schiedsgerichten Arbeitnehmervertreter, und drei Mal Präsident in der Druckindustrie. Dies nach meinem Ausscheiden aus dem SGB. Die Prozeduren waren relativ einfach – beide Seiten reichten eine Schrift oder Dokumentation ein. Ich traf mich meist mit den Betriebskommissionen der Firmen vor dem Gerichtstermin, war aber oft erstaunt, wie wenige Fakten auf den Tisch kamen. Das war vor dem neuen Aktienrecht auch nicht erstaunlich, weil die Firmen ja Geheimniskrämerei betrieben. Die grosse und reiche Roche z. B. gab ihren Aktionären, also den Eigentümern, damals gerade zwei Zeilen Einnahmen und Ausgaben bekannt. Eine Foto aus dem Jahre 1941 (im Band Industriebild vom Werd-Verlag) zeigt eine Sitzung der Betriebskommission der BBC mit der Geschäftsleitung, wohl um das gute Einvernehmen zu dokumentieren. Mich rührt und empört die Foto noch heute, weil die Direktoren mit Dossiers vor sich gezeigt wurden, die Arbeitervertreter aber mit nackter Tischfläche vor sich. Immerhin konnten bei meinen

Schiedsgerichten die Leute aus dem Betrieb angeben, wie die Auftragslage war, ob Überzeit gearbeitet wurde, ob das Management gepfuscht hatte und für die erschwerte Lage der Firma verantwortlich war. Einmal belegten die Arbeiter, dass die Leitung innerhalb Jahresfrist die ganze Fabrik drei oder vier Mal in eine andere Etage und andere Gebäude umziehen liess. Das konnte man in der Verhandlung wirkungsvoll auf den Tisch knallen. Die beiden Fachrichter eines Schiedsgerichts mussten nämlich den dritten, betriebswirtschaftlich meist recht unbedarften Karriererichter möglichst beeindrucken. Er entschied am Schluss den Streit. Man musste auch auf Jahre zurück wissen, wie viele Lohnerhöhungen schon gesprochen worden waren oder ob es noch die Inflation aufzuholen galt. Auch die Löhne der gleichartigen Firmen musste man kennen. Mir fiel in einem Antiquariat ein Band des Arbeitgeberverbandes der Maschinenindustrie von 1948 in die Hände, wo die Stundenlöhne der Arbeiter in allen Firmen der Zürcher Branche unter ihrem Namen aufgelistet waren. So hatte z. B. bei der Color Metal AG der Polierer Gint Evaristo einen Akkordschnitt von 1,87 Franken plus 41 Rappen Teuerungszulage bei einem Betriebsdurchschnitt von 2,67 Franken in der Stunde. Die Arbeitgeber bereiteten sich also gut vor. Hingegen fehlte oftmals der Durchblick auf Arbeiterseite. Der Betriebskommissionspräsident der Alusuisse im Wallis etwa lamentierte während des Essens vor der Verhandlung mehr über den gefallenen Aktienkurs der Firma, da er für 60000 Franken engagiert sei, als über den Lohndisput. «Tu trouves ça normal?», fragte er.

Aluminiumgewerkschaften – über alle Grenzen? Firmen mit Ablegern in verschiedenen Ländern können die Gewerkschaften in den lokalen Verhandlungen gegeneinander ausspielen. Einen Versuch internationaler Solidarität dagegen zu halten, machte die Gewerkschaft Industrie, Gewerbe, Dienstleistungen (SMUV) 1990, als Marc Rich, der US-flüchtige Rohstoffhändler, sein Aluminiumwerk in Ravenswood (West Virginia) in einen Arbeitskampf mit den dortigen

Gewerkschaften verstrickte. Einige Zuger Genossen um Joe Lang brachten die SMUV-Leitung dazu, in Zug zu demonstrieren. Wegen meiner Kenntnisse internationaler Zusammenhänge bat man mich mitzukommen. Vor dem blauen Glashaus der Marc-Rich-Firmen am Bahnof Zug fand sich nun die kleine Gruppe und wusste nicht weiter, denn niemand konnte Englisch. So trat ich in die Empfangshalle und verlangte, Marc Rich zu sprechen. Die entsetzte Dame telefonierte im Haus herum und gab mir dann den Hörer. Am anderen Ende war Willy Strothotte, den ich aufforderte, «to enter into negociations with us», v. a. aber mit den US-Arbeitern. Natürlich kam er nicht, und nachher fand ich vor dem Haus den SMUV-Zentralsekretär verlegen etwas abseits stehend, die Gruppe fast verlaufen. Joe Lang gab nicht auf und machte vor Medienvertretern eine Presseorientierung, zu der er auch einen amerikanischen Journalisten brachte, denn in den USA war Ravenswood eine grosse Story. Strothotte wurde nur Stunden nach der Einigung in den USA von Marc Rich kaltgestellt, später jedoch wieder eingestellt. Heute ist er der Präsident der gesamten Gruppe Glencore. Joe Lang wurde Nationalrat für Zug, und der damalige Ravenswooder Gewerkschafter stieg in die US-Leitung auf. Solche im Kleinen eingeübte Kontaktnetze, die durch den Aufstieg Beteiligter auch viel Schwierigeres lösen könnten, stellen das Gerüst westlicher Gesellschaften dar, das die Schemata weder linker noch etablierter Politologie abbildet – die aber spielen. Über diesen kargen Einzelfall hinaus war es auf Arbeitnehmerseite immer schwer, über die Grenzen zu verhandeln. Tief im Innern hofft jede nationale Arbeiterschaft, allfälligen Schliessungen zu entgehen. Die EU schrieb dann Konzernbetriebsräte vor. Doch geht dies nur für EU- domizilierte Firmen, und diese Funktionäre werden, wegen des weltweiten Wettbewerbs, die Schliessungen ganz einfach mitverwalten. Ihr Ansehen sinkt eher, anstatt zu steigen. Manche fürchten, weil der Schweizer Arbeitsmarkt weniger verriegelt

sei, würden die multinationalen Firmen eher hier schliessen als anderswo. Selbst wenn dies so wäre, soll dieses Land nicht in den Lauf zum dichtesten Kündigungsschutz eintreten, denn ohne diesen und die vielen anderen Verrechtlichungen wählen Multinationale auch eher hier neue Niederlassungen. Besser und offener als andere zu sein, ist das Rezept.

In den 1980er-Jahren hatte eines meiner Schiedsgerichte drei Mal über Lohnstreitigkeiten bei der Viscosuisse in Emmenbrücke zu urteilen. Dort erschütterte mich die taktische und strategische Armut der Arbeiterseite im Betrieb, weil die Betriebskommission ausschliesslich aus Ausländern, v. a. Türken, bestand und schon sprachlich wenig verstand, aber auch mit der ganzen Vorgehensweise unvertraut war. Zudem tagte das hohe Gericht in einem beeindruckenden Saal des Luzerner Kantonsgerichts. Der Richter, wie überall, unterbrach die Leute nach ein, zwei Sätzen, formulierte diese schriftdeutsch und juristisch korrekt, worauf der Gerichtssekretär sie in die Schreibmaschine hackte. Es war sehr feierlich, sodass die Leute noch verschüchterter wurden. Da und dort konnte ich – trotz wirtschaftlicher oder betrieblicher Schwierigkeiten – Lohnanpassungen herausholen, wenn ich vorschlug, die Erhöhung erst vom Juli an durchzuführen. Bei der damaligen hohen Inflation von oft gegen 6 Prozent gab dies den Firmen in den Lohnkosten aufs ganze Jahr gesehen 3 Prozentpunkte Luft, aber die Lohnverhandlungen des Folgejahres setzten dann auf dem voll erhöhten Niveau an. Zugleich konnten alle das Gesicht wahren, der Richter, die Firmen, die Betriebskommission gegenüber den Arbeitern und ich selbst auch. Gesellschaftlich umstrittene Dinge können immer gelöst werden, wenn es gelingt, allen das Gesicht zu wahren. Das Schiedsgericht der welschen Uhrenindustrie tagte sogar in den Räumen des Bundesgerichts in Lausanne. Die Romands haben Stil, und auch die Arbeitnehmersekretäre sind in jenem Landesteil elegant, eloquent und

geniesserisch. Das hohe Gericht lehnte die Teuerung allerdings ab.

Vor Wut heulen Solche schiedsgerichtlichen Niederlagen griffen mich manchmal stark an. Das erste Mal erlebte ich so einen Fall in einer Maschinenfabrik in Genf, als ich erst gut 30 war. Der kantonale Richter lehnte die Lohnforderung ab. Daraufhin zog sich das Gericht, also wir drei Richter, ins Cabinet des Richters zurück, das mit Möbelchen aus Rosenholz bestückt war, die er stolz zeigte. Es galt, unsere eigene Entschädigung festzulegen, welche die Verbände zahlen mussten. Der Richter sagte, letztes Mal habe er 2500 Franken bekommen, diesmal nehme er 5000 Franken. Er hatte die Lohnbegehren für mehrere Hundert Arbeiter abgewiesen, nahm aber für sich gleich das Doppelte. Ich wäre ihm am liebsten an die Gurgel gefahren. Zuerst opponierte ich, überliess aber den Entscheid 2 zu 0 den anderen beiden, denn ich besann mich darauf, dass wohl irgendwann ein nächster Fall anstehen werde, wo wir unsererseits einen wohlgelaunten Richter brauchen könnten. So war es auch: Das nächste Mal kam, aber diesmal heulte ich bei der Heimfahrt im Zug vor Wut. Ein pensionierter Aargauer Grossrichter beendete seinerseits einen Fall für etwa 3000 BBC-Arbeiter mit der schönen Erkenntnis: «Ich habe Zeit meines Lebens nie mehr Lohn verlangt» und wies das Begehren ab. Als Beamter hatte er selbst aber jahrzehntelang die Erhöhungen automatisch einkassiert. Einen Lohnkonflikt bei der Von Roll Holding in Solothurn, die damals noch mehrere Tausend Leute beschäftigte und mit etwa 8 Prozent Teuerungsausgleich im Rückstand war, verlor ich Mitte der 1980er-Jahre ebenfalls – trotz meiner heroischen Belege über eine schon leicht bessere wirtschaftliche Lage. Als ich danach an der Gartenwirtschaft Couronne bei der Kathedrale vorbeiging, sass dort der Finanzchef der Von Roll Holding. Er hatte sich vor dem Richter heiser ins Elend geredet und sagte jetzt: «Herr Kappeler, Sie haben Recht, es geht schon etwas besser.»

Untergang der alten Uhrenindustrie und ihre Rettung

Ich war jedes Jahr als Volkswirtschafter bei den Verhandlungen des SMUV um den Teuerungsausgleich für etwa 30000 welsche Uhrenarbeiter dabei. Diese Verhandlungen fanden meist im Barockpalast DuPeyrou in Neuchâtel statt. Damals, Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre, ging gerade der erschütternde Niedergang der alten, mechanischen Uhrenindustrie vonstatten. Die Verhandlungen wurden vom Wirtschaftsfachmann der «convention patronale» rituell eingeleitet, mit düstersten Aussichten, denen ich hoffnungsvolle Lichtstreifen entgegenzusetzen versuchte. Leider war ich dabei ohne inneres Feuer, denn ich wusste aus Versammlungen der Arbeiter, zu denen ich oft als Wirtschaftsexperte des SGB eingeladen wurde, um die katastrophale Lage. Ich erinnere mich noch an Uhrenarbeiter, die mit der Meldung «La Lémania est en faillite» in eine Versammlung stürzten. Das war ein Fanal – eine der besten Marken- und Manufakturenfirmen im Vallée de Joux ging ein. Übrigens zeigte sich dieser Untergang allein schon dadurch, dass jedes Jahr einer der Unternehmer auf der Gegenseite Konkurs machte. Und mit ihm verschwanden auch seine Arbeiter. Das nahm einem den Biss. Als die Arbeitgeber wieder einmal furchtbar klagten, antwortete der SMUV- Präsident: «Aber das sagen Sie doch jedes Jahr.» Da erwiderte der Arbeitgeber trocken: «Aber diesmal stimmt es.» Bei diesen Verhandlungen waren nicht nur der SMUV-Präsident und vollamtliche Sekretäre zugegen, sondern zur Delegation gehörten auch vier einfache Mitglieder, die an den nachherigen Versammlungen Delegierter, welche die Entscheide ratifizieren mussten, mit angehört wurden. Der Name einer Frau aus der Basis blieb mir wegen seines poetischen Klangs haften. Sie hiess Bluette Buret. Diese erweiterte Öffentlichkeit entsprach nicht gerade dem Verhandlungsstil der neuen Gewerkschaft SolidarnosLcL in Polen, welche alles über Lautsprecher nach aussen übertragen liess. Aber ein gutes Zeichen schien mir diese Präsenz einfacher Mitglieder dennoch. Einer der aus der Basis hinzugezogenen Teilnehmer verfertigte mit mehr Fleiss, als die Sekretäre

aufbrachten, in Blockbuchstaben einen dreiseitigen Fragekatalog zur Verhandlung im November 1983. Für diese waren solche Verhandlungen der «courant normal». Die laufende Fusion zur SMH, später Swatch Group, überschattete allerdings den blossen Teuerungsausgleich. Die Sektionen hatten vorher Versammlungen der Mitglieder einberufen, um Klarheit über die Abläufe zu bekommen. Doch es kamen nur etwa ein Zehntel der Mitglieder. Allerdings waren im Vorjahr schon ein Fünftel aller Beschäftigten der zu fusionierenden Uhrenfirmen entlassen worden, im Sommer nochmals 10 Prozent. Immerhin erhielt der SMUV oft vorher die Liste der zu Entlassenden und strich die Gewerkschaftsmitglieder weg. Die vorher fein eingespielte Wertschöpfungskette der auf jede Verarbeitungsstufe spezialisierten Uhrenfirmen zerfiel. Allerdings waren sie alle schon in die zwei jetzt zu verschmelzenden SSIH der Fertiguhren und die Allgemeine Schweizer Uhrenindustrie AG (ASUAG) der Teilchenfabriken eingegliedert. Viele Termineurs machten sich selbstständig und versuchten, mit ein paar Arbeitern zu Stundenlöhnen von 10 Franken durchzukommen, obwohl nach Vertrag ein Mindestlohn von 14.70 Franken vorgeschrieben war. Andere Firmen, wie etwa Eterna, waren entleerte Zombies mit noch 60 Arbeitern und sechs verschonten Direktoren, die monatlich offenbar 10000 Franken erhielten. Nicolas Hayek straffte diese Zustände dann sehr.

Patrons und Arbeiter rechnen verschieden Bei Nivarox, dem Hersteller von Spiralfedern, gab es für die Arbeiter bei 50 Punkten Leistung einen Grundlohn von etwa 11.50 Franken. Bei 80 Punkten erreichten sie den gesamtarbeitsvertraglich üblichen Lohn von 14.50 bzw. 14.70 Franken. Das heisst: Für 60 Prozent mehr Leistung bekamen sie 30 Prozent mehr Lohn. So wurde es in der Verhandlungsrunde von Arbeitern berichtet. Das Empörende war nicht nur die sehr unterproportionale Lohnzunahme bei steigender Leistung, sondern die Annahme der Direktion, die Arbeiter könnten nicht rechnen.

Eine der Uhrenfirmen, die Jura Watch, war eingegangen und wurde von der Gewerkschaft als selbstverwaltete Firma weitergeführt. Der frühere Unternehmer hatte offenbar Portugal und dessen Kolonien Angola und Mosambik beliefert, wozu immer im Frühjahr der Generalimporteur im Jura erschien und die paar Hunderttausend Stück bestellte. Nach der Nelkenrevolution in Portugal 1974 kam er einfach nicht mehr, und für Jura Watch war es aus. Mit dem Experiment Jura Watch kopierte man die einige Jahre vorher gemachte Selbstverwaltung der konkursiten LIP jenseits der Grenze in Frankreich. Doch dort wie in der Schweiz wurden v. a. die noch vorhandenen grossen Lagerbestände an Werken und Schalen zusammengesetzt und verkauft. Dann war auch dieses Experiment zu Ende.

Nicolas Hayek rettete mehr als nur die Uhrenindustrie

Die Uhrenindustrie hatte grundsätzlich zwei Fehler gemacht: Sie verschmähte die neuen Massenabsatzwege in den Warenhäusern, und sie überliess den Massenmarkt der elektronischen Uhr den Asiaten. Das änderte dann Nicolas Hayek mit der Rettung und dem Umbau der vorher hastig fusionierten ASUAG und SSIH, also der Komponentengruppe und der Fertiguhrengruppe. Aber vorderhand fielen von den ehemaligen 90000 Arbeitsplätzen 60000 weg. Le Locle, La Chaux-de-Fonds oder St-Imier entleerten sich, sahen aus wie heruntergekommene französische Provinznester. Dreizimmerwohnungen waren für 120 Franken im Monat zu mieten. Heute haben sich diese Städte und ihre Regionen schön erholt. Die Uhrenindustrie hat eine wiederum fantastische Markenherrschaft und damit die Preisführerschaft errungen und ausgebaut. Gleichzeitig sind die Massenmärkte der elektronischen Uhr mit der Swatch besetzt. Diese Revolution in den Produkten und Absatzwegen war die eine Leistung Nicolas Hayeks; die andere reichte über die Uhrenindustrie hinaus. Die vielen

Huldigungen bei seinem Tod 2010 übersahen sie aber. Mitte der 1980er-Jahre brach in den alten Industrieländern wegen der asiatischen Billigindustriekonkurrenz der vier Tigerstaaten (Korea, Taiwan, Hongkong und Singapur) sowie Japans und bald Chinas Panik aus. Plötzlich kamen nicht nur billige Hemden von dorther, welche die Bekleidungsindustrie seit 1973 fast vollständig ausgelöscht hatten. Jetzt waren diese Länder auf einmal sogar in der Lage, alle Industrieprodukte, auch die komplizierteren, in Massen herzustellen. Die elektronische Steuerung solcher Produktionen und Maschinen machte sie zuverlässig, und es war abzusehen, dass diese Länder die ganze Wertschöpfungskaskade zu immer komplexeren Stücken hochklettern würden. Firmen aus den alten Industriestaaten kauften dort immer mehr Halb- und Vorfabrikate ein oder verlagerten die Produktion gänzlich. Da bewies Hayek mit der Massenproduktion der billigen Swatch, dass dies auch in einem Hochlohnland möglich ist, wenn die Lohnkosten am Endprodukt auf unter 10 Prozent gedrückt werden können. Das war seine Regel. Dies erreichte er nicht durch dramatische Lohnsenkungen, wie die Linken befürchteten und manche Industrielle androhten, sondern einfach dank Vollautomatisierung. Bei den Uhren erzielte er diese mit der direkten Montage der Uhrenteile in den Gehäuseboden und dank der Reduktion der Zahl der Teile. Wer die Swatchproduktion in Grenchen besuchte, konnte sehen, wie allein im geleerten Raum der Garderobekästchen der ehemals 3000 Uhrenarbeiter nunmehr ein grosser Teil der Quarzwerke der Welt von den Maschinen kollerten. In den anderen Sälen säuselten die Montagemaschinen der Swatch. Auf dem neuen Weltmarkt mussten sich nun nicht die Löhne nach unten angleichen oder die Arbeiter auswandern, sondern die Elektronik banalisierte die Herstellungskosten. Der Wettbewerb der Firmen – und damit der Länder – spielte sich jetzt in der Raffinesse der Produktion in den Logistikketten der Post, Bahn und Strassen ab. Auch traten nun die «weichen», aber entscheidenden Faktoren des Wettbewerbs scharf hervor, nämlich die Rechtssicherheit, die Klagbarkeit von Verträgen, die No-Nonsense- Kooperation der Gewerkschaften und Arbeitgeber, das flexible Arbeitsrecht

mit den Variationsmöglichkeiten der Arbeitszeit, der Belegschaft und natürlich die gute Ausbildung der Arbeitenden auf allen Stufen. Die voll automatisierte Produktion verlagerte die Arbeit nun im Lande selbst, und zwar an Ingenieure, fähige Berufsleute, Techniker, Logistiker, Marketingleute und Informatiker. Das war die Leistung Hayeks, welcher – mit anderen – den Produktionsstandort Schweiz rettete, nicht nur die Uhrenindustrie.

Die neue, vollautomatische Produktion entliess also die meist gewerkschaftlich organisierten Leute aus der bisherigen Halbautomation. Sie lenkte aber die Wertschöpfung zu den unternehmensbezogenen Diensten um. Damit blieb das Arbeitsvolumen im Lande konstant oder stieg sogar an, doch es waren nicht die gleichen Leute. Diesen Umbau zu verkennen, war der unglaubliche Fehler des «lateinischen» Europa, wo man ans Ende der Arbeit glaubte und allen die Arbeitszeit reduzierte oder sie früh pensionierte. Aber Südeuropa und Frankreich bauten so nicht genügend Englischkenntnisse und Informatikkompetenz auf und fallen heute aus dem Welt- und Europamarkt, vielleicht sogar bald aus dem Euro. Diese drastisch veränderten Parameter der internationalen Wettbewerbsfähigkeit verlangen auch eine andere Entwicklungspolitik gegenüber dem Süden, was die Politiker heute noch nicht merken. Anstatt eine nachholende Entwicklung mit der Kaskade vom Brunnenbohren über Textilfabriken zu vielleicht späteren Maschinenfabriken zu fördern, ist die automatisierte Produktion anspruchsvoller Produkte überall installierbar. Entscheidend sind die «weichen Faktoren», nämlich die Rechtssicherheit und die Berufsbildung. Diese muss man fördern, und nicht viele Millionen jährlich von der Schweiz aus transferieren, weder direkt noch über die multilateralen Hilfsbürokratien. Südostasien bot diese zwei weichen Faktoren ab Mitte der 1970er-Jahre, Afrika bietet sie heute noch nicht. Das Ergebnis ist klar.

Seither ist fast die ganze Industrieproduktion voll automatisiert, so sehr, dass eine sozialdemokratische Spitzenfrau beim Besuch einer Textilfabrik für

Sitzstoffe mit Weltgeltung fragte: «Mais où sont les ouvriers?» Sie war, wie viele Sozialisten, offenbar noch dem Bild manchesterianischer Sweatshops verhaftet.

La Chaux-de-Fonds: Industriegeschichte in Stein geschrieben Dies war nicht die erste grosse Pendelbewegung, welche die Uhrenindustrie unternahm. Schon 1876 war eine Delegation von der Weltausstellung in Philadelphia konsterniert zurückgekommen. Sie sah, dass die amerikanischen Uhrenhersteller nicht mehr einzelne Uhren in allen Teilen von den Arbeitern aufbauen liessen, sondern dass sie die Teile maschinell in grossen Serien herstellten. Die Delegation gab beim Bundesrat einen Bericht ab, und die einzelnen Industriellen machten sich sofort an die Mechanisierung. Damit wurden die kleinen Manufakturateliers in den obersten, lichtdurchfluteten Hausetagen der Schachbrettstadt La Chaux-de-Fonds in die neuen Uhrenfabriken abgezogen. Die Gegend proletarisierte sich, die Gewerkschaften und sogar die Anarchisten errangen starke Stellungen. Dafür waren die nunmehr grossen Marken stark genug zur Werbung, zu wirksamen Vertretungen in der weiten Welt. Noch heute kann man die grossen Fensterreihen der ehemaligen Manufakturen zuoberst an den grauen Hausfassaden in La Chaux-de-Fonds sehen. Die frühere Produktionsorganisation hat sich in der Architektur eingegraben. Das tut sie auch heute – vor den Toren der Jurastädte oder Genfs stecken Glaspaläste wie grosse Juwelen in der Landschaft, die neuen Tempel der grossen Marken. Alte Uhrenarbeiter erzählten übrigens, dass in den kleinen Manufakturen vor 1900 junge Frauen von den Arbeitern angestellt waren, welche ihnen während der Arbeit die Weltliteratur vorlasen.

Den Kopf hinhalten

Vorträge und Beratungen vor den durch Umstrukturierungen betroffenen Sektionen nahm ich immer an, auch bei Schliessungen in anderen Branchen, z. B. in der deutsch-schweizerischen Maschinenindustrie der 1980er-Jahre. Aber es zehrte enorm an der Seele, vor 200 bis 300 Arbeiterinnen und Arbeitern zu reden, von denen man wusste, es würde die Hälfte oder mehr arbeitslos. Ich versuchte, realistische Perspektiven zu zeigen, keine rosa Versprechungen zu machen und auch nicht die Unternehmerseite in die Pfanne zu hauen. Oft waren ja die Grundwellen der Technik und des Weltmarktes schuld an der Lage; zudem half das Moralisieren sowieso nicht weiter. Dabei wurde man als Wirtschaftler der Gewerkschaft zum Blitzableiter für Dinge, die man nicht verursacht hatte. Die Mitglieder hatten jahrelang Beiträge bezahlt, nur um jetzt zu vernehmen, dass man nicht viel machen konnte. Manche Zentralsekretäre oder Präsidenten, die gemäss dem meist guten Einvernehmen mit den Firmen manchmal ein halbes Jahr im Voraus über eine kommende Massenentlassung orientiert wurden, waren in einer noch verzwickteren Lage. So liessen sie die mehreren Hundert künftiger Betroffener ihr Leben leben, Geld ausgeben, in der Stelle bleiben, obwohl eigentlich schon alles anders war. Ich finde, diese Präsidenten hätten dem Firmenvertreter sagen müssen, sofort an die Vorbereitungen des Falls zu gehen. Manchmal standen sie dagegen erst nach der Bekanntgabe auf und sprachen dann von Provokation oder Versagen. Nach dem Jahr 2000 hörte ich von vertrauenswürdigen Zeugen auf Arbeitgeberseite (z. B. im Bau, in Maschinenfabriken und bei der Post), dass die Vertreter der Unia und der Postgewerkschaft begannen, bei Verhandlungen oder Massnahmen intern Zustimmung zu signalisieren, dann aber öffentlich wütend-aggressive Kampagnen dagegen zu machen. Damit wurde das Gebot von Treu und Glauben verletzt, und die persönliche Verlässlichkeit (man kann auch sagen: der Charakter) der Gewerkschaftsführer stand infrage. Bei der Neuaushandlung des Landesmantelvertrages nach 2000 signalisierten die Arbeitgeber sodann ihrerseits, dass sie ihn so nicht wieder unterzeichnen würden. Dies hätte aber

die Solidaritätsbeiträge der unterstellten Arbeiter gestoppt und die Gewerkschaft in finanzielle Engpässe getrieben. Sie wird deshalb immer Verträge unterschreiben, und damals wurde sie auch prompt sehr still. Einige Jahre vorher hatten mit der Frühpensionierung im Bau alle Beteiligten das Gesicht wahren können. Die Gewerkschaft konnte triumphieren, denn es galt jetzt das Alter 60, bezahlt durch die Arbeitgeber. Die Baumeister erhielten aber die Zusicherung, dass die Reallöhne etwa zwei Jahre lang stabil blieben. Die auflaufende Produktivität bezahlte so jährlich wiederkehrend die zusätzlichen Pensionskosten. Es machte Sinn, die Bauarbeiter, die körperlich gefordert sind, mit 60 zu pensionieren, denn sonst wären Invaliditätskosten aufgetreten, und die Branchenregelung übertrug ihrerseits die Kosten nicht an die Allgemeinheit, sondern über die Preise an den Kunden, an den Verursacher. Später, als das System überfordert war, ging man still und heimlich auf 61 Jahre hoch, wieder unter Gesichtswahrung für die Gewerkschaft.

So laufen Verhandlungen konkret Alle abstrakten Betrachtungen von gewerkschaftlichen und unternehmerischen Lagern, Kapitalinteressen usw. werden durch die konkreten Verkehrsformen ihrer Vertreter eher illusorisch. Sie stecken alle zusammen im gleichen System «Standort und Wertschöpfung Schweiz» und müssen es am Laufen halten. So fasste der Metall- und Uhrenarbeiterverband SMUV im Sommer 1988 für die Verhandlungen zum neuen Vertrag recht sonore Beschlüsse, auf welche der Direktor des Arbeitgeberdachverbandes mit einem sehr angriffigen Artikel antwortete. Der SMUV-Verhandlungsleiter schrieb ihm einen gepfefferten Brief, mit Kopie an den Präsidenten der Arbeitgeber, der aber sensationellerweise seinen eigenen Verbandsdirektor genauso zurechtwies, mit Kopie wieder zurück an den SMUV. Während einer Schiedsgerichtverhandlung um den Teuerungsausgleich Tausender von Arbeitern kam in einer Verhandlungspause der

Gewerkschaftspräsident auf mich als Richter zu und sagte: «Wir hauen der Katz den Schwanz ab, wir einigen uns mit der Firma», und liess die Forderungen fahren. Er hatte sich Minuten vorher mit dem Arbeitgeber getroffen. Ich war verblüfft und auch verärgert, weil mit dem Richterspruch irgendein Mü an Erhöhung erreichbar gewesen wäre. Doch der Präsident schien erwogen zu haben, dass ein formell entschiedener, aber kleiner Lohnrutsch weniger wert war als eine rein materielle Einigung, auf welche man in späteren Verhandlungen zurückkommen konnte. Auch gut. Kleine Tricks kommen auch zu Ehren. Um geneigt zu werden, bekam in der Berner Schokoladefabrik Tobler der Gewerkschaftssekretär immer vorweg eine grosse Pralinenschachtel, die er aber mit viel innerlichem Bedauern sofort auf dem Hutständer ablegte und vergass, weil er sich damit beim Betriebsrundgang nicht von den Arbeitern sehen lassen konnte. In der Bieler Maschinenindustrie wollten die Sekretäre eine Lohnerhebung machen, was aber in einem Lande, wo nicht einmal die Stelleninserate den Lohn angeben, schwierig ist. So brachten sie immerhin die Arbeiter einer Fabrik dazu, die Lohnausweise eines Monats abzugeben, nachdem sie oben den Namen abgetrennt hatten. Man sagte, dass solche Umfragen durch die Geschäftsleitungen am meisten von allem gefürchtet seien. Der Präsident einer Bieler Maschinenbaufirma wollte schon lange mit dem SMUV-Präsidenten auf Du machen, der aber verweigerte sich immer. Als er diesen jedoch antraf, wie er mit Bundesrat Kurt Furgler von Du zu Du redete, rief er: «Aha, man muss Bundesrat sein, um von ihnen das Du zu bekommen.» Da musste der Gewerkschafter einwilligen, und der Maschinenindustrielle konnte wunschgemäss bei der nächsten Verhandlung alle Arbeitnehmer schockieren, indem er den gewerkschaftlichen Präsidenten auffällig duzte. (Ich selbst war – im Gegensatz zur Duz-Seligkeit der Berner Politszene

– auch nach 15 Jahren im SGB mit keinem Arbeitgeber auf Du.) Bei einer anderen Bieler Werkzeugmaschinenfabrik erinnerte sich die Betriebskommission, dass vor den Verhandlungen seltsamerweise immer wenige Aufträge eingingen, nach den Verhandlungen aber stets gleich palettenweise. An einer Auslegeordnung zwischen dem Präsidenten und den Uhrensekretären des SMUV sowie dem Leiter der alten ASUAG, Roger Anker, und seinen Direktoren wurde 1978 mögliche Kurzarbeit angedeutet. Die SMUV-Sekretäre wollten Auskunft über die Modalitäten. Sie erhielten diese, und der SMUV-Präsident bedankte sich am Schluss maliziös für die Zusicherungen, was dann die Firmenseite erschrocken relativierte: Es sei nur eine provisorische Information gewesen. Der Austausch war übrigens sehr offen. Präsident Anker, ein integrer Mann von hoher Intelligenz und knapper Ausdruckweise, informierte die Gewerkschafter mit den Folien, die auch dem Verwaltungsrat vorlagen. Dies bestätigte der SMUV-Präsident, der als Vertreter der Eidgenossenschaft diesem Rat ebenfalls angehörte.

Spieltheorie am Verhandlungstisch

Man kann die Vertragspartnerbeziehungen auch spieltheoretisch betrachten. Der Erfolg der Funktionäre beider Seiten ist ihre wichtige Legitimation für Status und Wiederwahl gegenüber internen Konkurrenten. Doch dieser Erfolg hängt weitgehend von der Gegenseite ab und davon, ob sie Konzessionen macht. Deshalb darf ein Gewerkschaftsführer, aber auch ein Arbeitgebersekretär die Gegenseite nie an die Wand drücken. Er muss sie das Gesicht wahren lassen. Der gegenüberstehende Verband würde sonst zerfallen oder in Diadochenkämpfe ausbrechen und lange Zeit als einheitlicher und damit verlässlicher Verhandlungspartner ausfallen. Der Ruf nach Treu und

Glauben hat also eine handfeste und nicht nur eine moralische Seite. Diese Zwitterstellung, mit einem Bein im eigenen Verband und mit dem anderen im Partnerverband, ergibt sich aus dem spezifisch nord- und mitteleuropäischen Modell der Vertragsbeziehungen. Durch den Willen zum Konsens, zu einer Arbeitsmarktpolitik des No-Nonsense nahmen die Gewerkschaften an der Verwaltungsmacht der Arbeit teil. Deshalb gilt es zu taktieren, Gefolgschaft zu motivieren und Status zu erringen. Es gibt keine Fundamentalopposition zum System, zur Unternehmerwirtschaft mit Privateigentum. Die schon erwähnten Kongressrevolutionäre, die immer wieder, oft aus dem Welschland, auftauchen und unterschwellig den Verbänden und ihren Vertretern vorwerfen, verkauft zu sein, keine echte Umwälzung anzustreben, waren natürlich rein und frei von jeder konkreten Verantwortung. Insbesondere die Forderung nach einem nationalen Mindestlohn tauchte regelmässig an den Kongressen auf. Wir hatten vom Sekretariat und dann vom Vorstand aus den Mut, diese Vorstösse abzulehnen und kamen damit immer durch. Einerseits stimmten die Verbandsleiter dagegen, weil sonst die Verhandlungen – und die Verhandlungserfolge – für die Gesamtarbeitsverträge und die Lohnrunden ausgeblieben oder eingeebnet worden wären. Andererseits sahen diese Verantwortlichen, dass die bisherigen Löhne nach Branchen und Firmen unterschiedlich waren. Hätte man den Politikern in den Folgejahren mit der Einrichtung eines Mindestlohns das Heft in die Hand gegeben, wäre bei der bürgerlichen Mehrheit auch eine Nivellierung nach unten denkbar gewesen. Und wir Ökonomen vom SGB schilderten, wie in Frankreich und anderswo der Mindestlohn einfach zum Normallohn für Berufseinsteiger, Frauen, Unqualifizierte und Immigranten geworden war, dass der Mindestlohn sich nie und nimmer an den unterschiedlichen Stundenproduktivitäten der Branchen und Firmen orientieren könne und dass deshalb viele einfache Arbeiten wegrationalisiert oder ausgelagert würden. Heute tönt es anders, und der Gewerkschaftsbund hat sich schon mehrmals

für einen nationalen Mindestlohn ausgesprochen – oder eher die Kongressrevolutionäre und Spitzenfunktionäre, die wenig von unternehmerischen Reaktionen auf solche Maximalismen wissen.

Staat statt eigener Stärke

Die meisten Linken wollten immer mehr Aufgaben dem Staat übertragen. Früher hatten die Gewerkschaften eigene Krankenkassen, eigene Pensionskassen mit den Firmen und eigene Arbeitslosenkassen geführt. Damit gewann man neue Mitglieder. Immer mehr entwand ihnen der Staat diese «unique selling propositions». Der SMUV wehrte sich vor 1985 noch gegen das Obligatorium der zweiten Säule, weil seine Mitglieder meist schon solche hatten. Hingegen rief ein Kollege im SGB-Sekretariat nach der Annahme des Obligatoriums freudig aus: «Jetzt müssen wir nicht mehr sparen!», denn der Staat sorgte an der Stelle der Einzelnen oder der gewerkschaftlichen Sparkassen vor. Andere Aufgaben wurden ins Arbeitsrecht eingeschrieben, was den Gewerkschaften auch wieder Zuständigkeiten wegnahm. In Europa übertrieb man dies ein wenig, z. B. in Deutschland, wo man bis zur Mitbestimmung aussenstehender Funktionäre über die Firmen ging oder einen Kündigungsschutz einführte, in dessen Folge die Firmen niemanden mehr einstellen konnten und wo die bloss befristeten Verträge, also das Prekariat, überhandnahmen. Dies war der Anlass für wieder neue Regeln, z. B. für die Klagemöglichkeit auf Diskriminierung eines bei einer Bewerbung abgewiesenen Kandidaten und der Beweislast der Firma in solchen Fällen. Weil die Firmen dann wieder auf Temporärbeschäftigte auswichen, wurde nun in der EG mit einer Richtlinie vorgeschrieben, dass solches Temporärpersonal ab der ersten Stunde die gleichen Bedingungen geniessen müsse wie langjährige Angestellte. Das nervt nicht nur die Firmen, die es berappen müssen, sondern auch die alteingesessenen Arbeitskräfte, deren

Sitzleder und Ausharren in guten wie schlechten Zeiten dadurch minder honoriert wird. Aber Funktionäre und Politiker können nicht in deren Haut schlüpfen, sondern folgen abstrakten Leitideen der «Gleichheit». Ich hatte mich gegenüber dem Sekretariat des SGB sowie gegenüber der Leiterin der Kommission für Arbeitsrecht dezidiert gegen Forderungen nach mehr Kündigungsschutz ausgesprochen, und sie unterblieben. Mein Beitrag zum Werkplatz Schweiz. Wo bleibt das Denkmal? Die Funktionäre berichteten an Versammlungen, an denen ich jeweils zum Schluss einen Wirtschaftsvortrag halten sollte, immer mehr über Erfolge seltsamer Art. Sie hätten etwa erreicht, dass Überzeit nicht mehr möglich sei. Konsternation der Arbeiter – denn da oder dort den Lohn nachzubessern, war ihr eigenes Unternehmertum und bedeutete den Unterschied zwischen einer Vierzimmer- und einer Fünfzimmerwohnung. Oder dass Überzeit nicht mehr bezahlt, sondern in Freizeit abgegolten werde. Ebenso verrückt. Immer diese Idee, dass die Arbeit knapp sei, dass jeder, der mehr arbeite, dem anderen die Arbeit stehle – ein Malthusianismus, der den wirtschaftlichen Untergang Westeuropas seit 1980 einleitete. Oder die Funktionäre triumphierten, dass Ungelernte nun fast genauso viel Lohn wie Gelernte erhalten würden. Als dies an einer Versammlung in Neuchâtel verkündet wurde, explodierte eine Teilnehmerin, eine Verkäufern. Sie habe ausgerechnet, dass ihr die geringe Lohndifferenz zu den Ungelernten den Lohnverzicht während der dreijährigen Lehre über alle 40 Arbeitsjahre nicht mehr entschädige. Siehe da, einfache Leute errechnen ihre individuelle Bildungsrendite, welche die Funktionäre aus abstrakten Ideologien der Gleichheit verraten hatten. Sie kannten eben die objektiven Interessen der Arbeiter, welche man ihren bloss individuellen, subjektiven Stimmungen nicht opfern durfte. Bürgerliche Politiker stimmen solchen Regulierungen in Gesetzen oft zu, weil sie keine Ahnung haben, was in der Wirklichkeit schon durch Verbände geordnet wurde. Oft wissen sie auch nicht, ob es überhaupt ein echtes Problem ist oder ob sie gegenüber Forderungen vermeintlich sozialer Art sofort ein schlechtes Gewissen bekommen. Ohne Kenntnis darüber, wie die

Geschäftsleute oder die Arbeiter ticken, vertrauen sie den abstrakten Leitlinien, den holistischen, vermeintlich übergeordneten Zielen, auf welche die Gesellschaft zustreben soll.

Wenn Bürgerliche Sozialpolitik betreiben Ein ausserordentliches Lehrstück über die Dozilität aus dem Schuldbewusstsein bürgerlicher Politiker gegenüber unreflektierten Forderungen der Linken erlebte man in der Rezession nach 1990. Irgendwann wurden vermehrt jüngere Arbeitende arbeitslos, und sofort ging das Geschrei los, man müsse Maturanden und Hochschulabgänger ab dem fünften Tag nach der Prüfung Taggelder beziehen lassen. Gesagt, getan, und sofort vervielfachte sich die Zahl der Jugendarbeitslosigkeit, denn schon damals hatten die Jungen nicht mehr die Scham der Älteren, und ganze Maturajahrgänge und andere Absolventen gingen sofort aufs Arbeitsamt. Sie liessen sich die Zeit bis zur Aufnahme des Weiterstudiums finanzieren und machten unterdessen z. B. eine schöne Reise. Überhaupt war die erste Auflage der Arbeitslosenversicherung ohne jede technische Kenntnis solcher Mitnahmeeffekte oder «moral hazards» aufgegleist worden, obwohl man sie im Ausland schon kannte. Als dann Mitte der 1990er-Jahre die Defizite ins Unermessliche wuchsen, sann man in der Verwaltung auf Abhilfe. Dazu konnte ich Erfahrungen einbringen, die ein Arbeitgebervertreter, ein Beamter des Bundesamtes für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA) und ich, noch als SGB-Vertreter, auf Einladung der schwedischen Regierung Mitte der 1980er-Jahre gesammelt hatten. Eine Woche lang besichtigten wir Orte der aktivierenden Arbeitsmarktpolitik, indem Taggeldbezüger angehalten wurden, niederschwellige Arbeiten oder Umschulungen abzuleisten. Auf einen BIGA-Auftrag hin legte ich später, etwa 1994, als Journalist diese aktivierenden Politiken dar, indem ich in der Bibliothek des Amtes die Quellen zusammentrug. Was die Beamten aus dem oberen Stock dort nicht wussten, lieferte ich aus ihren eigenen

Archivbeständen der OECD- und den Fachzeitschriften gegen Entgelt ab. Das war eine schöne Nebensache, die Hauptsache folgte: An einem runden Tisch mit Politikern aller Parteien, mit BIGA-Beamten und Verbandsvertretern wurden dann diese Vorschläge ins Arbeitslosengesetz gebracht. Ein Kompromiss durch «unelected officials» wurde erreicht, den so und nicht anders gutzuheissen die Parlamentarier dann angewiesen wurden. Und sie revidierten das Gesetz, das seither diese Aktivierung leistet und in Europa, neben Skandinavien, ein Vorbild sein kann. Man bezahlte mich also, um für die Beamten ihre eigene Dokumentation zu lesen, aber das BIGA sparte an einem anderen, unsinnigen Ort: Vor der Schwedenreise musste der BIGA-Beamte seinen Chefs versprechen, keine Gegeneinladung auszusprechen, denn das BIGA (immerhin das schweizerische Arbeitsministerium) hatte ein Besucherbudget von nur 700 Franken im Jahr.

«Enfranchising» – alle machen es, niemand kennt es

In der europäischen Sozialpolitik glauben alle Politiker, die Geschichte sei linear, verlaufe zum «immer Mehr» und zum «immer Besseren» und sei sozusagen ein Heilsweg. Dass sich Verhältnisse ändern, dass Eingriffe das Eingegriffene verändern, dass unbeabsichtigte Konsequenzen auftreten können, haben sie nicht im Gespür. Mit dem Geschrei, dass jede Änderung ein Abbau des Sozialen sei, halten die Funktionäre der Linken zudem die intellektuelle Lufthoheit – vorderhand. Ich führe diese Haltung u. a. auf das «enfranchising» der britischen Reformbewegung nach 1830 zurück. Damals begann die Bewegung zu voller Demokratie und Gleichheit auf politischer Ebene. Die Zensuswahlrechte wurden abgeschafft, also passives und aktives Wahlrecht nicht mehr an Vermögensminima gebunden, später sank das

Stimmrechtsalter in allen Staaten auf 20, dann auf 18 Jahre; dann kamen die Frauen dazu, oft auch Ausländer. Dieser Wille zur politischen Gleichheit schwappte aber nach 1945 auf die wirtschaftliche Ebene hinüber. Die Einkommen sollten angeglichen werden (das Vermögen ist allen aber wurscht, rechts wie links), rundum gefördert wurden die Lebens-, Bildungs- und Einstellungschancen. Doch die politische Gleichberechtigung kostete nichts. Solche Strategien des Ausgleichs im Wirtschaftlichen sind jedoch teuer, sie respektieren die dazu notwendig gehörende Vorleistung und Leistung nicht, welche immer «die anderen» erbringen müssen. Wenn eine Mehrheit der Bürger merkt, dass sie ihre auf dem Markt verpassten Einkommensteile über die Urne hereinholen können, ist der reiche Westen am Ende. Bürger und Politiker müssen doch selbst in der Jugend erfahren haben, wie Unternehmer, die eigenes Geld wagen, ticken. Sonst verfallen sie dem anklagenden Geschrei der Kritiker und flüchten in holistische Zielvorgaben, um Ruhe zu schaffen. Schon das Beispiel der Lehrlinge in unserem damaligen Kleinbetrieb, aber auch mehrere Studien von Professor Stefan Wolter zeigen, dass die Lehrlinge in der Schweiz noch heute rentieren. Mein Vater sagte: «Nach der Hälfte der Lehre zahlen sie zurück – und darüber hinaus.» Selbstverständlich gab er jenen, die dies leisteten, auch Zulagen über den Mindestlohn hinaus. Die Studien ihrerseits zeigen, dass das gegenüber der deutschen Berufslehre meist zusätzliche Jahr Lehrzeit in der Schweiz diesen Rückfluss, die Rentabilität der Lehrlinge für den Betrieb, sichert. Da braucht es eben keine Zwänge, Quoten und Abgaben, um die Lehrbetriebe zu motivieren. Der individuelle Antrieb und seine koordinierende Hand zu Hunderttausenden reichen. Sie bewirken das hohe Gesamtziel, nämlich eine gut ausgebildete und beschäftigte Jungarbeiterschaft heranzuziehen.

Freiheit oder Sicherheit – der Mut der Liberalen Dank solcher Erfahrungen erkennt man einen entscheidenden Mechanismus, der Liberale schwächt und Interventionisten stärkt: Liberale Konzepte wirken

erst in der Zukunft. Freies Arbeitsrecht lässt die Firmen neue Leute einstellen, und ein freier Wohnungsmarkt regt Investoren zu Neubauten an. Aber das wirkt erst auf Jahre hinaus und ist nicht zurechenbar, weil sich andere Umstände auch noch ändern. Ein Verbot oder Gebot hingegen wirkt sofort, und wenn es Verwerfungen zeigt, wie eben, dass die Firmen nicht einstellen, wenn Wohnbauinvestoren fliehen, rechtfertigt die folgende Wohnungsnot oder Arbeitslosigkeit erst recht scharfe, neue Massnahmen. Liberalismus setzt eine aufgeklärte Bürgerschaft und Politiker der ruhigen Hand voraus. Die ebenfalls verheerende weitere Mechanik zum Interventionsstaat – auch durch Bürgerliche – ist das anwaltschaftliche Reden: Man behauptet völlig unbewiesen oder nur aufgrund einiger weniger Fälle aus den Medien, dass die Leute ja doch zu wenig wissen, auf alles hereinfallen und sich nicht wehren könnten. Die Politiker schwingen sich zu ihren Anwälten auf, und deshalb braucht es Mitbestimmung, Mieterschutz, Datenschutz, Rassismuskommissionen, Tierschutz, Hundegesetze, Diplomvorschriften, Produktehaftpflicht, Beweislastumkehr zulasten der Unternehmerschaft sowie Rekurswege allenthalben. Weil einige Leute stolpern könnten, legt man gleich alle in Ketten.

Die Einwanderer sind integriert – dort, wo es zählt

Die grosse Einwanderung der letzten 50 Jahre in die Schweiz fordert auch die Arbeitgeberverbände heraus. Deren Versammlungen spiegeln heute nicht immer die Wirklichkeit im Lande draussen; es sind wenige ausländische Geschäftsinhaber darunter. Bei einzelnen Gewerkschaften sind Ausländer etwas zahlreicher. Doch mit der zweiten und dritten Generation bietet allein das Strassenbild oder das gelbe Berufsregister einer Region ein buntes Bild gelungener Integration – nämlich viele Geschäfte solcher ehemaliger Einwanderer. Wenn sie in die Verbände einträten, sähen sie, wie die Schweiz

zwischen Individuum und Staat funktioniert, wie diese Zwischenebenen wirken, und sie würden den direkten Zugang zu Politikern erkennen. Im Arbeitsmarkt selbst sind die Ausländer auch der ersten Generation schon integriert – viel besser als im übrigen Europa, denn die Erwerbsquote der 15- bis 64-jährigen Einwanderer ist praktisch gleich hoch wie jene der Schweizer. Sie leben nicht, wie in Frankreich, Deutschland oder England, in Wohngettos des vermeintlich sozialen Wohnungsbaus. Sie sind alle kranken- und altersversichert und pensionsberechtigt. Das ist die Integration, die zählt. Sie macht unabhängig durch Einkommen, sie motiviert, bildet «on-the-job» aus, gibt Status und stiftet Interesse an Stabilität. Ausserdem zog die Schweiz seit 2000, im Verhältnis gesehen, doppelt so viele Immigranten an wie die USA, und sie bürgerte auch doppelt so viele Ausländer ein.

Grundbuch, Obligationenrecht (OR) und Zivilgesetzbuch (ZGB) – wo Juristen Gesellschaft stiften Ich verkaufte meine Junggesellenwohnung an einen Mazedonier albanischer Abstammung, der in der Schweiz mit seiner Frau zusammen etwa drei Stellen hatte und in Mazedonien mit seinem Vater sogar einige Betriebe besitzt, hier aber das Betriebskapital dazu verdient und anspart. Als er sah, dass einige Tage, nachdem wir einig wurden, schon der Termin beim Notar kam, dass nach der Unterschrift beim Notar schon das Grundbuch anvisiert war und er wirklicher Besitzer wurde, war er begeistert. Gewiss würde er diese schweizerischen Institutionen mit dem Gewehr in der Hand verteidigen – Grundbuch, OR, ZGB. Er ist integriert, weil er gemäss unseren Gesetzen auch gewinnen kann. Hernando de Soto zeigt in seinem Buch Mystery of Capital, dass etwa in Ägypten der Eintrag eines Bauerngrundstücks bis zu 15 Jahren dauern kann. So lange bekommt der Bauer auch keine Kredite und wagt sich nicht zu Investitionen vor.

Daher ärgere ich mich immer, wenn gutmeinende, aber von solchen Tatsachen

unbeleckte Kabarettisten unweigerlich eine Nummer abziehen, wo die tumben Schweizer als integrationsfeindlich vorkommen. Wie kann man sich so täuschen, wie falsch kann das Selbstbild einer Nation werden, wenn die Glitterati ihr andauernd ein kriecherisches Schuldbewusstsein einimpfen! Integration findet durch die Arbeitschancen statt – und wenn die Immigranten merken, dass sie durch die für alle gleichen, republikanischen Gesetze auch mal gewinnen können. Deswegen muss man ihre Knoblauchküche noch lange nicht lieben (ich tu’s aber), und sie müssen nicht Dialekt sprechen. Auch die SPS, Kirchen und Ethiker können sich nicht genug im Heruntermachen ereifern. Die SPS-Vertreter von heute wären sehr beschämt und still, würden sie die lautstarken Breitseiten der Partei und der Gewerkschaften von 1957 gegen die Ausländereinwanderung kennen. Das war damals aber auch durchaus erklärlich, denn die Einwanderung unqualifizierter Arbeiter war eine direkte Arbeitsmarktkonkurrenz ihrer einfachen Mitglieder. Als in den 1970er-Jahren durch die Firma Hatt-Haller aus Zürich das neue Spital in Herisau gebaut wurde, brachte sie Italiener mit, die auf der Baustelle sogar rannten, um die Arbeit zu machen. Auch in Gewerkschaftsversammlungen hörte ich Arbeiter klagen, diese jungen, aufstiegs- und einkommensorientierten Einwanderer machten jede Menge Überstunden, was einem langsam in die Jahre kommenden, verheirateten Arbeiter nicht mehr das alleinige Lebensziel war. Doch schon in den 1980er- Jahren setzte das Impfen des Schuldbewusstseins ein, in den Gewerkschaften durch immer mehr akademische Sekretäre, die noch nie auf dem Bau oder in einer Fabrik gearbeitet hatten und die auch nicht als Sohn eines Selbstständigen wie ich zusammen mit Lehrlingen und Arbeitern Staub schlucken mussten. Es steigerte sich sogar zu Ausdrücken wie «die Ausländer sind eine Chance», wonach ich ganze Säle treuer Mitglieder sah, die alle eine steile Falte auf der Stirne hatten. Diskutiert wurde nicht mehr, weil die Leute ihre Vorbehalte nicht wortgewaltig vorbringen konnten und weil es ja offenbar politisch nicht richtig war. Dann aber fehlten die Leute einfach in den

Versammlungen. 1977, als ich anfing, dort nach dem statutarischen Teil über Wirtschaftslage und anderes zu referieren, waren die Säle voll, 1992 kamen manchmal noch zwölf Leute, und ich bin unbescheiden genug zu denken, dass das nicht an meiner rhetorischen Leistung lag.

Wie objektiv richtig denkende Linke die Arbeiter vertrieben

Desgleichen entfremdeten die Funktionäre die ehemals brave und manchmal kämpferische sozialdemokratische und gewerkschaftliche Basis, weil sie in vulgärem Keynesianismus immer die Staatsdefizite und Staatsschulden verteidigten: Das sei «ein starker und solidarischer Staat». Dabei will das Volk nur eines: den vorsichtigen und sparsamen Staat. Ebenso haben die Funktionäre mit der weichen Linie in den Schulen den Mitgliedern eine Umwertung aller Werte nach Nietzsche vorgetragen: keine Noten, keine Leistung, viele aufpäppelnde Sonderbetreuungen, niemand ist Täter, alle sind Opfer. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass diese Verachtung der Leistung ausgerechnet den Kindern unterer Schichten schadet, denn gerade sie müssen Leistung zeigen, um hochzukommen. Oder sie gewöhnen sich an die aufpäppelnden Sonderbetreuungen und daran, dass sie ja gar nichts für nichts können, ein Leben lang. Und kommen nie hoch. Auch hier bekamen übergeordnete, holistische Gesellschaftsziele und Visionen bei linken Funktionären den Vorrang vor dem, was die einfachen Mitglieder – und Wähler – eigentlich wollten: Arbeit und Brot, tiefe Steuern, gute Schulen. Es ging nicht lange, da hat die Schweizerische Volkspartei (SVP) diese drei brachliegenden, freventlich aufgewühlten Felder neu bestellt und ist mit der Forderung nach Härte bei Einwanderung, Staatsfinanzen und Schule gut angekommen. Sie vertritt die Wünsche des Volkes. Die Linken denken allerdings schon seit dem «besseren Morgen», den Marx, Lenin und die Schreibtischphilosophen der Frankfurter Schule erfanden, dass

das Volk eben ein irregeleitetes Bewusstsein und damit nicht Recht hat. Unpopulär bleiben auch immer jene Propagandakampagnen, welche den Leuten einzureden versuchten, es gehe ihnen hundsschlecht. Das hört niemand gerne, niemand möchte dazu gehören, und ausserdem stimmte es immer weniger, nach der Verdreifachung der Reallöhne und dem Totalausbau der Sozialpolitik seit 1945. Geschwächt wurde die Gewerkschaft als Bewegung auch durch unbeabsichtigte Modernisierungseffekte. Früher ging der Einzüger alle Monate bei allen Mitgliedern seiner lokalen Sektion vorbei und verkaufte die Monatsmarke, die man ins Mitgliederheft einklebte. Im gleichen Zug hatte er Unterschriftenbögen für Initiativen und Referenden dabei, die damit schnell zustande kamen und den zentralen Vertretern ihre Verhandlungsmacht in Berner Kommissionen sicherten. Desgleichen konnte für die zahlreichen «Frontorganisationen» geworben werden, für die Büchergilde, den Schweizerischen Arbeiter-Turn- und Sportverband (SATUS), den Arbeiterschützenbund, die Radfahrerclubs, Arbeiterschachclubs, Ferienheime, Volkshäuser, Krankenkassen, Zeitungen und die Roten Falken. Als der Einzahlungsschein dies ersetzte, fiel der monatliche persönliche Kontakt mit mehreren Hunderttausend Mitgliedern einfach weg – die Bewegung auch. Natürlich macht man auch den Wandel der Lebens- und Informationsgewohnheiten dafür verantwortlich – neben der Übernahme aller Abfederungen durch den Staat und neben der soeben beschriebenen Umwertung aller Werte. Aber die neuen Bewegungen, für die Umwelt etwa, funktionieren weiterhin ähnlich aktiv und direkt, wenn auch nicht gerade mit Marken.

Radfahrer im Raumzeitalter Wie aus einer Raum-Zeit-Kapsel entlehnt, legte man an der Feier des 1. Mai 1986 in Altdorf in Uri bei der SP eine Radfahrereinlage ein. Aus den alten Zeiten bestand als Gegenpol zu den bürgerlichen Automobilclubs an vielen Orten eine solche Radfahrergruppe, beschickt aus linken

Haushalten und Turnvereinen. Die Altdorfer Gruppe bestand offenbar nur noch aus einer Frau und ihrer Tochter, die auftraten. Die Frau war gut 40, nicht mehr die schlankste, und sie fuhr mit dem Kunstrad die Basisrunden, während ihre etwa 13-jährige Tochter unwillig und verlegen darauf herumturnen musste, vorwärts, rückwärts, stehend, im Handstand. Beide trugen ein fleischfarbenes, verwaschenes Tricot. Nichts daneben als die nackte Bühne. Es war das Elend überlebter, ausgedünnter Formen der Arbeiterunterhaltung. Diese Frau war unendlich tapfer, angetan mit nichts als dem Bekennermut der alten Arbeiterbewegung und dem schäbigen Tricot.

Eine Schwächung besonderer Art betraf aufmüpfige Betriebskommissionsmitglieder. Ich habe mehrfach gehört, dass diese nicht etwa entlassen oder wie damals im Ostblock nach Sibirien verbannt wurden, sondern sie wurden mit deutlich höherem Lohn befördert und als Vorarbeiter oder Betriebsleiter in andere Abteilungen versetzt. Dabei wurde ihnen das besondere Treueverhältnis einer Kaderperson gegenüber der Firma eindringlich erklärt. Die individuelle Motivation dieser Belegschaftsvertreter kann ich nicht verurteilen, aber die Wirkung auf die zurückgebliebenen Mitglieder in der Firma war verheerender als Sibirien. Alles schien hoffnungslos käuflich. Der andere Ausweg für aufmüpfige, in den Firmen gemobbte Arbeiter war die Wahl in eine Gewerkschaftsfunktion. Ich kannte Streikführer, die nachher als Sekretäre und Präsidenten grosses Vertrauen in der Mitgliedschaft genossen. Sie konnten dann sogar glaubwürdig gegen Schönredner von links auftreten, weil sie wussten, was ein verlorener Arbeitskampf an Reputation und Geld kostet.

Jeder hat Kapital, jeder ist Unternehmer

Mein persönliches gesellschaftliches Reformprojekt neben den liberalisierenden Reformen bei Firmen, Kartellen und Weltmarkt war und ist die Beteiligung der Arbeitenden an den Firmen. Mit sanften oder ausdrücklichen Vorstössen dazu lief ich 15 Jahre lang in den Gewerkschaften, bei Linken wie bei Bürgerlichen ins Leere. Mit gut 20 Jahren war ich sechs Monate in London, um – nach Griechisch und Latein im katholischen Kollegium – endlich Englisch zu lernen. Ich lernte die Ideale der «fabian society» kennen und sah die seit den 1930er-Jahren prosperierende Warenhausgruppe John Lewis, die den Mitarbeitern gehört. Ich kannte wie alle Schweizer die allen Kunden – und daher auch sozusagen niemandem – gehörenden Grossfirmen Migros, Coop, die Mobiliarversicherung und die Wohngenossenschaften. Solange sich solche kooperativen Eigentumsformen im Markt bewähren müssen, bleiben sie wendig und innovativ. Aus der Sicht des kapitalistischen Systems ist nicht die Eigentumsform, sondern das Markt- und Wettbewerbsprinzip wichtiger. Ich hatte 1970 in Belgrad einen Kurs über das jugoslawische Modell der Selbstverwaltung besucht, der in rosarotem Zuckerguss die Vorteile zeigte. Im Idealfall waren es gemeindeeigene Betriebe, deren einzelne Bereiche als Profitzentren zugunsten der Mitarbeiter geführt wurden. Ich wusste um die «familistères» der französischen Frühsozialisten. In Frankreich hatte Präsident de Gaulle «la participation», eine staatlich geförderte Sparkasse in den Firmen, eingeführt. Deutschland hatte das 624-DM-Gesetz zur Vermögensbildung. In den USA gab es das weitverbreitete Employee Stock Ownership Program (ESOP). Die Schweden hatten ein Gesetz, wonach die Firmen 20 Prozent der Gewinne in Fonds einlegen mussten, welche mit diesem Bargeld dann Aktien zuhanden der Gewerkschaftsmitglieder kauften – eine zentralistische, komplizierte und weit von den Individuen entfernte Lösung, denn ich finde, dass eine moderne Adaptation über die Gewinn- bzw. Aktienbeteiligung der Einzelnen gehen müsste. In Deutschland hatte der Experte Carl Föhl 1964 ein Gutachten für die Regierung geschrieben, das in einer Analyse von Kreisläufen der

Volkswirtschaft zeigte, wie die privaten Haushalte als Gruppe ihr Vermögen nur in jenem Ausmass steigern, wie sie aus dem laufenden Einkommen sparen und investieren. Das tun die Reichen mehr, die Armen weniger, und über eine ganze Buchseite druckte Föhl den Satz: «Wer hat, dem wird gegeben.» Ebenfalls zeigte er, dass eine hohe progressive Besteuerung der Einkommen schliesslich über die Staatsausgaben wieder den Firmen und ihren Besitzern zugutekommt. Doch zu meinem Entsetzen hatte 1972 die grosse IG Metall ihr Nein zur Vermögenspolitik entschieden und voll auf Lohn- und Konsumsteigerung der Lohnabhängigen sowie auf Umverteilung über den Staat geschaltet. Das Ergebnis sieht man 40 Jahre später: ein hochverschuldeter Staat, aus dem Ruder laufende Sozialausgaben und vermögenslose Massen. Winfried Schmähl, einer der gewerkschaftlichen Ideologen, schrieb in dem rororo- Bändchen Das Nein zur Vermögenspolitik: «Der Besitznutzen aus Wertpapieren dürfte heute bei der grossteils in städtischen Gebieten (weitgehend anonym) lebenden Bevölkerung von geringer Bedeutung sein.» Das wusste er einfach so, und für diesen überheblichen Bonzen leben die kleinen Leute anonym, vielleicht mit schwarzen, venezianischen Augenmasken. Dabei haben sie intensive persönliche Gefühle, Status, Freunde, Familie, Arbeit, Vereine; sie sind wer, in jedem einzelnen dieser Lebensläufe. Doch die deutschen Gewerkschafter wollten diese Massengesellschaft, den Einzelnen als Rädchen der Gesellschaft, ohne Verantwortung, ohne Risiko und ohne Sichtbarkeit. Auch in der Schweiz gehen nach der Finanzkrise 2008 – ohne innern Zusammenhang damit – die Kritiken vieler Linker gegen die Vermögenskonzentration wieder los. Aber ihre eigene Abwehr von Vermögensbeteiligungsmodellen hat jahrzehntelang nun eine Korrektur verhindert. Denn das Vermögen in einer Gesellschaft kann nicht durch staatliche Abschöpfungen oder Erbschaftssteuern neu verteilt werden, weil damit nur Staatskonsum betrieben wird. Es kann nur durch die Streuung von Realkapital, also von Aktien und Immobilien geschehen, und dies direkt

zwischen Privaten.

Kapital für Arbeitende oder Mitbestimmung für Funktionäre

Anstatt staatlicher Abschöpfungen suchte ich den anderen Weg: Die Vermögensstreuung in unserem System, das auf Märkten und privatem Kapitalbesitz aufbaut. Kurz nach meinem Amtsantritt konnte ich 1978 im Magazin des Tages-Anzeigers eine vielseitige Erörterung dazu schreiben. Als Weg dazu sollten künftige reale Lohnerhöhungen mindestens teilweise als Gewinn- oder sogar als Kapitalbeteiligung ausgerichtet werden. Als Zusatzeffekt hätten die Verhandlungen darüber auch mehr Klarheit über die Lage und Gewinne der Firmen gebracht, gerade bei der Überzahl an nichtkotierten Firmen. Doch herrschte in linken wie bürgerlichen Kreisen des Landes immer höfliches Zuhören, und in Sitzungen sagte der ratlose Präsident nach solchen Vorschlägen zu den Teilnehmern: «Sie müssen noch den Menuplan ankreuzen.» Der Präsident des Gewerkschaftsbundes nahm mich einmal beim Essen beiseite und fragte: «Was sollen wir denn machen, wenn das hinhaut?» Ich antwortete: «Auflösen.» Mandat erfüllt. Denn in meinem Büro im SGB hing seit meinem Amtsantritt die Kopie der Zeitungsseite von 1880, welche die acht Ziele des soeben gegründeten Gewerkschaftsbundes zitierte. Alle ersten sieben Programmpunkte waren erfüllt, es fehlte nur noch die «endliche Abschaffung des Lohnsystems». Aber sogar nach diesem Triumph wären den Gewerkschaften noch viele Aufgaben verblieben: Der Schutz des Arbeitsplatzes und des Lohns der Arbeitenden, dann aber die Mitverhandlung der Gewinn- und Kapitalbeteiligungen, allenfalls sogar Einrichtungen der Freizügigkeit der Kapitalanteile, wenn die Leute ihre Stelle wechselten, oder Fonds, in welche die Mitarbeiter ihre Firmenanteile einbringen könnten, um zu vermeiden, dass alle Eier im gleichen Korb waren – der Arbeitsplatz und das Ersparte. Auch

wäre der Gegensatz «principal and agent», also zwischen Eigentümern und Geschäftsführung, unter anderem Vorzeichen auch aufgetreten. Bei grossem Gewicht der Belegschaft im Kapital hätte sie in Krisen die Arbeitsplätze privilegiert und lieber Kapital vernichtet. Das wäre eine grundsätzliche Schwäche des Systems, aber mit aussenstehender Beratung zu mildern. Die Gewerkschaften hätten also genug zu tun damit. Aber die Funktionäre stehen lieber an Demonstrationen und teilen Schuldzuweisungen aus.

Moral oder Markt als Legitimation der Gewerkschaften?

Das Moralisieren versuchte ich manchmal auch mit ökonomischen Argumenten für die Notwendigkeit von Gewerkschaften zu zerstreuen, denn Märkte sind perfekte Machtzerteilungsmittel, ausser bei einigen klaren Marktversagen, so auf dem Arbeitsmarkt im 19. Jahrhundert. Wenn nämlich zu viele ihre Arbeitskraft anbieten, sinkt der Preis (Lohn), und sie müssen länger arbeiten; die Frauen und Kinder müssen arbeiten, die Löhne sinken dadurch wieder, das marxsche Elend ist da. Die Arbeiter werden nur noch so weit entlöhnt, dass sie sich kalorienmässig durchbringen und werfen den ganzen Ertrag darüber dem Patron in den Rachen … Ein Unternehmer hingegen hört bei ungenügenden Preisen einfach auf zu produzieren, freiwillig oder durch Konkurs. Deshalb müssen die Arbeitskräfte ihr Arbeitsangebot bündeln, verhandeln und notfalls auch zurückziehen können – mit Streiks. Oder aber der Staat setzt Maximalarbeitszeiten durch. Somit haben Gewerkschaften eine saubere ökonomische Rolle. Aber praktisch alle Funktionäre wollten das nicht hören, sondern sie wollten moralischer sein als die Arbeitgeber und damit eine historische Mission erfüllen. Auf unglaubwürdige Weise moralisieren auch deutsche Spitzengewerkschafter, die gemäss Mitbestimmungsgesetz gleichzeitig oft stellvertretende Aufsichtsratvorsitzende der Firmen sind. Aber bei

Schliessungen oder Lohnforderungen lärmen sie auf der Strasse vor den Sitzungszimmern der Firmen, wo sie das Jahr hindurch tagen. Dazu tragen sie Arbeitshelme und Windjacken, nigelnagelneu und ungebraucht, direkt aus dem Requisitenlager für Demonstrationen der Gewerkschaft (gibt es in Deutschland tatsächlich!). Auch einer der Hauptwidersacher gegen die Beteiligung der Arbeiter in der Schweiz, ein promovierter Akademiker im Vorstand des SGB, trug immer grobkarierte Barchenthemden, wie er sich Arbeiter offenbar vorstellte. Natürlich hätten kapital- oder gewinnmässig beteiligte Arbeiter die Sachzwänge aus Firmensicht zu ihrer eigenen Sicht gemacht, wie linke Gewerkschafter argumentierten. Aber dass dies auf jeden Fall schon so war, hätten sie wissen können, wenn sie ihre Mitglieder gekannt und ernst genommen hätten. Ich hatte erlebt, wie in Versammlungen Arbeiter auf die Funktionäre einredeten, sie sollten in den anstehenden Verhandlungen nicht zu scharf schiessen, die Firma müsse überleben können. Aber die hatten eben leider das falsche Bewusstsein. Falsch verstandenes Interesse schien mir eher auf Firmenseite gegen die Mitbeteiligung angeführt zu werden. 99 Prozent der Schweizer Firmen sind nicht börsenkotiert, und eine Gewinn- und Kapitalbeteiligung der Mitarbeiter wurde von den bestehenden Aktionären als Zudringlichkeit aufgefasst. Daher fehlte auch jede Resonanz auf bürgerlicher Seite. Doch mit Fondslösungen, um die erworbenen Aktien überbetrieblich zu parkieren, mit Rückgaberechten usw. wären diese Fragen technisch lösbar gewesen, und das Mitdenken der Mitarbeiter und ihr Eigentümerinteresse hätte Klein- und Mittelfirmen dynamisiert und flexibilisiert. Ich illustrierte dies zuhanden kleinerer, nichtkotierter Firmen mit der schönen Rechnung: Ohne Gewinn- und Kapitalbeteiligung besitzen die Inhaber 100 Prozent von 10 Millionen Franken Aktienwert, mit Beteiligung der Mitarbeiter aber 70 Prozent von 20 Millionen. Hier sollte man rechnen! Zu solch verbreiteten Beteiligungen gehören ein Aktien- und Buchführungsrecht mit Transparenz sowie eine liquide Börse für Mittel- und

Kleinunternehmen. Die Forderungen der aufgeklärten Linken der 1970er- und 1980er-Jahre dazu waren eben kohärent.

Sulzer kaufen?

Bei einigen konkreten Gelegenheiten machte ich die zuständigen Branchengewerkschafter auf die Situation aufmerksam: Etwa als Ende der 1970er-Jahre Christian Gasser seine Anteile an Mikron in Biel an die Börse brachte, oder als die Aktien der Georg Fischer AG wieder einmal in einem ihrer konjunkturellen Jammertäler steckten. Da hätte man die Stimmenmehrheit dieser Firmen für ein paar Hundert Franken pro Arbeiter kaufen können. Desgleichen hätte man das Sulzerpaket, das in den 1980er- Jahren zwischen Tito Tettamanti und Werner K. Rey schwebte, mit einer vertretbaren Summe aus der eigenen Pensionskasse erwerben können. Man weiss in der Öffentlichkeit nicht, wie wenig Kapital manchmal vermeintliche Grossaktionäre besitzen. Georg Sulzer, der bis 1982 Präsident seiner Firma war, soll bestenfalls noch 1 Prozent daran innegehabt haben. Beim Zusammenbruch der DDR 1989 hingegen musste ich meine Hoffnungen begraben, man könne das staatliche Firmeneigentum nun als Aktienvermögen den Belegschaften und den Einzelnen übertragen. Als ich im Frühjahr 1990 in Dresden eine Bekannte besuchte, lachte sie laut über diese Idee: «Das sind doch nur noch Ruinen, die will niemand.» Sie bat mich in ihren Trabant, fuhr in die ganz in der Nähe liegende Industriestadt Pirna, und da sah ich, wie aus Fabrikgebäuden des 19. Jahrhunderts aus jeder Ritze dicke gelbe Schwaden quollen. Es blieb wirklich nur der Abriss. Die Bekannte war übrigens als Psychologin in solchen Werken angestellt gewesen und musste die Arbeiter regelmässig testen, ob sie irgendwelche Berufskrankheiten hatten. Dann wurden sie versetzt. Im Arbeiterparadies diente eine Psychologin an der Stelle von Filtern der Rauchschwaden. Sie

gestand es etwas beschämt ein. Das System erniedrigte eben alle, und solche inhumanen Machtsysteme überleben, weil sie alle schuldig machen, niemand der Privilegierten kann zurück. Hingegen kam meine Bekannte mit dem westlichen Marktsystem noch nicht zurecht. Als in jenen Wochen die ersten Altwagen aus dem Westen den begierigen Ostkonsumenten angedient wurden, nannte sie dies Spekulation. Ich entgegnete: «Aber nein doch. Nun hat der Ossi den Wagen, den er sich immer wünschte, und der Wessi das Geld. Beide sind glücklich. Das ist der Markt.» Wie sich die Köpfe eines ganzen Landes neu einrichten mussten, sah man an den Schaufenstern der Buchhandlungen. Die Bücher linker Grössen, von Karl Marx bis Käthe Kollwitz, waren durch Einführungen ins Zivilrecht, ins Baurecht, ins Handelsrecht, ins Staats- und Verwaltungsrecht ersetzt worden. Das war hohe europäische Zivilisation – Millionen von Bürgern übten sich in die Spielregeln einer anderen, produktiveren und menschlicheren Gesellschaft ein. Keine Gewalt.

…oder alles selbst verwalten?

Eine obligatorische Gemeinwirtschaft mit ausschliesslich selbstverwalteten Firmen wollten die vier Dichter in der Schweiz einrichten, welche von SPS- Präsident Helmut Hubacher mit der Arbeit an einem neuen Parteiprogramm betraut worden waren. Otto F. Walter, Arnold Künzli, Peter Bichsel und Adolf Muschg legten einen Entwurf zu einer Volkswirtschaft aus lauter Genossenschaften vor. Der Entwurf schwebte in den Wolken, liess die Selbstbezogenheit der Menschen ausser Acht und hätte in den Wahlen ein Desaster bedeutet. Deshalb beteiligte ich mich an einem strikten Gegenentwurf und ergriff mehrmals am SPS-Kongress 1982 das Wort. Als ich in einem Rededuell mit Otto F. Walter rief, man dürfe nie das Wort «homo homini lupus» vergessen, lief er noch röter an, als er ohnehin schon war. Immerhin

wurden an jenem Kongress die kollektivistischen Träumereien stark ausgedünnt. Am SPS-Kongress 2010 hingegen hatte die Spitze keine Zivilcourage – und auch kein Gespür für die nächsten Wahlen – und liess sich von umjubelten Jungsozialisten die Überwindung des Kapitalismus, ein Grundeinkommen für alle, die Abschaffung der Armee u. Ä. ins Programm setzen. Man sah auf den Fotos, wie die Parteileitung den Jusoführer bewundernd beklatschte. Das war aber nur die Wiederauflage der Schönheitskonkurrenz nach links aus dem französischen Nationalkonvent unter Saint-Just. Der wurde dann mit 26 Jahren selber aufs Schafott geführt. Heute ist man weniger radikal, und die Superlinken verschwinden, wie beim SGB damals, auch meist von selbst. Der Jusochef trat ein halbes Jahr später schon mal von der Bühne ab.

Kurse für Bilanzenlesen und Firmengründung Ein zweites zentrales Anliegen während meiner Zeit im SGB war es, die Verhältnisse auf der Foto der Betriebskommission aus den 1940er-Jahren umzukehren, nämlich die Mitarbeiterseite mit gleich langen Spiessen der Information und des Wissens aufzubauen. Dazu hatte ich kurz vor dem Eintritt in den SGB, aber in seinem Auftrag, zusammen mit Ruth Dreifuss eine Tonbildschau entwickelt und von Medienfachleuten bebildern lassen, welche in die Volkswirtschaft einführte. Ruth Dreifuss kannte ich schon seit der Genfer Universitätszeit, und ich hatte mich im SGB mit anderen jüngeren Verantwortlichen dafür eingesetzt, dass sie später als Sekretärin gewählt wurde. Meine Frau und ich reisten ihr sogar ins Bündnerland in die Ferien nach, um sie zur Kandidatur zu bewegen. Für die Kurse an der Arbeiterschule, wo ich immer einen oder zwei Tage bestritt, und für spezielle Bilanzlesekurse schrieb ich eine Broschüre zu Fragen der Firmenabschlüsse. An den entsprechenden Kursen machte ich den Teilnehmern, die oft keinerlei Grundwissen hatten, Mut und sagte, sie müssten nicht alles wissen, sondern nur wissen, welches die

richtigen Fragen an die Firmenleitung seien. Als Illustration für Bilanztricks verwendete ich Werner K. Reys Firmenpyramiden, lange bevor er als betrügerischer Bankrotteur aufflog. Gegen Ende meiner SGB-Tätigkeit entwickelte ich auch einen Kurs mit dem Thema Wie gründe oder übernehme ich ein Unternehmen? Dies wäre eigentlich das dritte zentrale Anliegen gewesen, nämlich die zweitbeste Lage der Mitarbeiter – gute Stellen – in die beste, in selbsttätige Unternehmerschaft umzuwandeln. Die Kurse hatten nicht gerade überwältigenden Erfolg. Immerhin nahmen aber z. B. Eisenbahner teil, von denen einer schon nebenher ein Reisebüro betrieb und einer einen Import für Hühnerfutter. Ein dritter Teilnehmer, aus der Informatikbranche, startete tatsächlich seine Firma und wurde vom SGB mit der ersten Ausstattung und Verkabelung der elektronischen Schreibaggregate beauftragt. Mit diesem Kurs zur unternehmerischen Aktivierung antwortete ich auf das gegen 1990 hin aufkommende Fieber zur Unternehmensgründung, das auch in der Politik Widerhall fand. Mit vielen gewerkschaftlichen Kollegen, die dem richtigen Bewusstsein nachstrebten, war ich allerdings damit im Konflikt.

Gewerkschaften aus der alten Industriewelt

Mein Mandat im Vorstand des Europäischen Gewerkschaftsbundes (EGB) führte mich regelmässig nach Brüssel. Meist wurde in den Sitzungen ein EG- Kommissar eingeladen, z. B. die für die Expansion der Richtlinien in lebensweltlichen (sozialen) Fragen zuständige Griechin. Diese Kommissare wurden wie hoheitliche Würdenträger begrüsst und verdankt. Die Rituale «links ist besser», «mehr ist sozialer» wurden in jedem einzelnen Vorhaben durchgespielt, die Mitglieder überboten sich in solchen Vorstössen. Geblieben

ist mir auch die Feindseligkeit der belgischen und französischen sehr linken Gewerkschaften gegen die Aufnahme skandinavischer Verbände der Staats- und Universitätsangestellten, die sich im Namen mit Akademikertiteln schmückten. Obwohl dies Verbände mit mehreren Hunderttausend Mitgliedern und damit eine willkommene Mehrung des Einflusses waren, sagten die im alten Industriepottdenken verhafteten Vorstände, das seien nun wirklich keine echten Gewerkschaften. Auch an einem Kongress der englischen Gewerkschaften in Blackpool Anfang der 1980er-Jahre war ich einmal als Vertreter der Schweiz. Es war ein Riesenhochamt in jenem ärmlichen, heruntergekommenen Seebad. Eindrücklich waren die Vertreter der grossen Mitgliedgewerkschaften, welche bei Abstimmungen eine Tafel hochhielten, mit Zahlen drauf wie 1350000. Das war ihre Mitgliederzahl, und auch ihr Stimmengewicht. Ebenso eindrücklich gurgelten die Redner in einem proletarischen Englisch, das ich besser als das Oxford-Englisch meiner Sprachkurse verstand, weil sie fast so redeten, wie man die Buchstaben auf Deutsch ausspricht: «up» war nicht «äp», sondern eben «up». Aber die Vorstellungen der Redner waren, wie bei den Belgiern und Franzosen, ebenso der alten Industriegesellschaft verhaftet. Die Regierung Thatcher, die vorher ins Amt gekommen war, fand ein einfaches, sehr demokratisches Mittel, um die Streikwelle dieser Verbände, eher ihrer Verbandsführer, auszubremsen. Damals bestanden neben den grossen Gewerkschaften auch unzählige Kategorienverbände, die mit einem Streik das ganze Land lahmlegen konnten. So streikten einmal ein paar Hundert Rohrhahnenbediener der Raffinerien, und bald schon wurden Treibstoff, Heizöl und Flugbenzin knapp, sodass das Land stillzustehen drohte. Ein neues Gesetz schrieb dann vor, dass Streiks nur dann galten, wenn eine Urabstimmung aller Mitglieder sie beschloss. Damit waren die lautstarken und oft kommunistischen Funktionäre entmachtet, denn ein Streik ist meist das Letzte, was die Arbeiter wollen. Jedenfalls hörten sie damit fast völlig auf. Ökonomisch gesprochen wurden den Verbänden, die den anderen – also den Unternehmenden – in die Speichen greifen können, ebenfalls

Transaktionskosten auferlegt. Sonst bestehen zwischen solchen Stakeholderorganisationen der Arbeit, der Umwelt, des Heimatschutzes einerseits und den Firmen andererseits, welche sie ausbremsen möchten, völlig asymmetrische Verhältnisse. Die Unternehmenden riskieren ihr Geld und dabei ihre Eigentumsrechte, die Einsprechenden gewinnen umso mehr Mitglieder und Status und ihre Funktionäre Ansehen, je stärker sie schaden. In Notsituationen sind Streiks oder spektakuläre Aktionen natürlich gerechtfertigt, wozu ich 1968 am englischen Fernsehen, zu Zeiten meiner Sprachaufenthalte, eine wunderschöne Lektion sah. Eine Diskussionssendung vereinigte dort den Anführer der englischen Studentenbewegung, Tariq Ali, und eine der Suffragetten aus der Frauenstimmrechtsbewegung von 1928, eine würdige alte Dame, die auch in der Sendung einen der riesigen Blumenhüte trug, wie man sie heute noch von den Pferderennen in Ascot her kennt. Als der Moderator die Runde fragte, wie man sich denn durchsetzen müsse, stammelte der Studentenführer irgendeinen Soziologenspruch, die alte Dame aber hielt sich am Stock und schrie: «If you cannot be heard, destroy property.» Doch wenn Verbandsführer solche kollektiven Widerstände auslösen, müssen sie selbst die Transaktionskosten spüren. Sonst hinkt der Gedanke der «countervailing powers» demokratischer Gesellschaften.

Die Linke macht linksum

Grundsätzlich standen bei meinem Eintritt 1970 die SPS und die Gewerkschaften auf dem Boden des Godesberger Programms der deutschen SPD von 1959: Den Kapitalismus akzeptieren, aber verbessern. Eine Zeitenwende, eine Programmatikrevolution war vollzogen. Eine zweite Programmwende kam dann Ende der 1980er-Jahre – als die neuen Verbands- und Parteiexponenten in der Schweiz die an sich zu erwartende Linie von

Godesberg zu noch liberaleren Auffassungen verliessen und wieder ins Klassenkampfschema der 1920er-Jahre zurückkehrten. Das sieht heute niemand mehr, weil nur wenige es miterlebten. Aber auch hier gilt: Die Parolen der SPS und des SGB sind heute nicht die meinen – sie haben sich geändert, nicht ich. Ich hatte im SGB verschiedentlich Diskussionen mit Vasco Pedrina, damals Adjunkt für Arbeitssicherheit und Bildung, und wenn ich keine radikale Position einnahm, sagte er, ich sei gegen die Umwälzung der Gesellschaft. Das war ich tatsächlich, aber dieses totalitäre Argument vermochte weniger nüchterne Geister und erst recht einfache Mitglieder mit solchem Druck stillzulegen. Pedrina wurde dann Kopräsident der späteren Unia und damit im SGB-Vorstand der Vertreter des grössten Mitgliedsverbandes. Ein Projekt der Selbstverwaltung in den Lüften präsentierten mir Gewerkschafter aus dem Jura. Ein nervöser Mittfünfziger, hager, mit Lederjacke, vielleicht eine Uniform alter Trotzkisten, mobilisierte den lokalen Sekretär und noch einen Notablen, und sie kamen nach Bern, um ein ausgefeiltes Selbstverwaltungskonzept für eine Autogarage zu zeigen. Das Gebäude hatten sie schon in Aussicht. Nach längerer Zeit fragte ich dann: «Et les ouvriers, vous les avez?» Nein, noch keine. Ich sagte, sie sollten sich wieder melden, wenn sie welche hätten. Sie kamen nie wieder. Heute immerhin verbreiten sich partnerschaftliche Mitbesitzmodelle spontan und überall, ohne Gesetze und Programme, auch in produzierenden Firmen und in Dienstleistungen. Denn der Wert der Firma hängt mehr und mehr an den spezialisierten Fähigkeiten der Mitarbeiter, die sich nicht einfach abwimmeln lassen und die sich v. a. mühelos selbstständig machen können, dabei einen Teil der Kunden mitnehmend. Beratungs- und Kommunikationsfirmen, Putzequipen, Anwaltsbüros, Hedgefonds, Velokuriere, Restaurants sind als Partnerschaften organisiert. Solche Fragen wie die Mitbeteiligung oder auch die Reform im Aktien-, Buchführungs- und Kartellrecht sprach ich intern wie extern etwa in gleicher Intensität an. So etwa in meiner Rede zum 1. Mai in Zürich Anfang der

1980er-Jahre. An sich war diese Einladung in die Metropole ein Zeichen, dass man in der Bewegung angekommen war. Als junger Sekretär genoss man den Vorschuss eines Hoffnungsträgers. Doch meine etwas kühlen Vorschläge entfachten nicht das gewünschte Feuer der Genossen am Platze beim Fraumünster, und der Applaus war dünn. Sie behalfen sich in den Folgejahren mit lateinamerikanischen Revolutionärinnen, die «venceremos» riefen. In meinen letzten SGB-Jahren wurde ich gar nicht mehr zu Reden anlässlich des 1. Mai eingeladen – ein Zeichen für mich, dass sich die Wege trennen würden. Als im Herbst 1998 eine interne Kommission des SGB jeden Vorstoss zu einer Gewinn- oder Kapitalbeteiligung der Mitarbeiter in der Schweiz ablehnte, war meine innere Kündigung erreicht.

Eine kleine Anregung ergibt sich aus alldem für soziologische Studien:

Normalerweise stürzen sie sich auf die Macht der Firmen und Manager. Es fehlen weitgehend Analysen, wie und warum Funktionäre ganz Europa von der Vermögensbildung abhielten, wie sie die Arbeit rationierten, den Arbeitsmarkt kartellierten und damit den vielen kleinen Leuten Chancen verbauten, wie sie aus Organisationsegoismus Zahlungsströme zentralisierten und darin mitmischten. Hier wurden mehr Geldwerte wegverteilt, verhindert und verschwendet als in Firmenzentralen. Hier wird anwaltschaftliche Macht an sich gerissen und ohne klare Rechenschaft verwaltet. Hier aber ist das Scheitern heute kristallklar zu sehen. Nur die Analysen fehlen.

Die keynesianische Ankurbelung überdreht sich zur Endlosspirale in Frankreich

Nach der leichten Abschwächung der Konjunktur 1991 verlangten die SPS- Politiker und die Branchenpräsidenten des Gewerkschaftsbundes hastig grosse Ankurbelungsprogramme. Sie und die meisten bürgerlichen Politiker hatten

nun den Keynes entdeckt und brauchten bzw. missbrauchten ihn für jede Zusatzausgabe in Bund und Kantonen. Immer schuf man Arbeitsplätze damit, immer rollte der Multiplikator, man erwartete, dass jeder Franken vier andere in Bewegung setzen würde. Wie jene Franken wirken würden, die später für Zinsen und Schuldenabbau von den Bürgern und Firmen abgeführt werden mussten, interessierte nicht. Begonnen hatte diese Alltagsvariante des Keynesianismus unter dem Superminister Karl Schiller in der Bundesrepublik der späten 1960er-Jahre, als Willy Brandt Bundeskanzler war. Schiller behauptete, mit konzertierter Aktion und Feinsteuerung die Krisen ausbügeln und stetes Wachstum erzwingen zu können – und weil die erste kleine Nachkriegskrise 1966/67 schnell vorbei ging, gewann er Ansehen; die Feinsteuerung auch. Den weltweit verrücktesten keynesianischen Feldzug bereiteten die jungen Intellektuellen um François Mitterrand in Frankreich vor. Am 5. und 6. Juni 1975 verfolgte ich, wie diese Runde in einem Pariser Kinosaal tagte, ergänzt um internationale Leuchten wie James K. Galbraith, Wassily Leontief und Paul M. Sweezy. Einflussreich war auch Pierre Uri, Planungsfanatiker Frankreichs, Mitarbeiter Jean Monnets, Verfasser der Römischen Verträge. Dabei waren auch europäische Kommissare wie Sicco Mansholt, Jean Frey und Claude Cheysson. Die Diskussionen in diesem Kino boten – noch unkenntlich für alle Beteiligten – eine Art Filmvorschau, denn sechs Jahre später gewann diese verschworene, intellektuell konzertierte Equipe die Wahlen und führte aus, was sie dort angekündigt hatte. Fast alle Referenten wurden Minister (Jacques Delors, Michel Rocard, Jean-Pierre Chevènement, Claude Cheysson), und Jacques Attali wurde zum Einflüsterer Mitterrands. Die Leitideen besagten, dass die Wirtschaft zu verschwenderisch sei, die Konsumenten falsche Produkte nachfragten, die Arbeiter zu lange arbeiteten und sich das vermeintlich beschränkte Arbeitsvolumen streitig machten, dass die Banken Geld horteten, die USA die Welt unterjochten und dass der Staat mit nationalisierten Schlüsselfirmen, mit zentraler Planung und unter erleuchteter Nachfragestimulierung das Beste machen werde. Das Resultat unter

Mitterrand waren vier Abwertungen, eine wachsende Diskrepanz der Einkommen zu Deutschland und den USA, höhere Steuern und Staatsschulden, eine verdoppelte Arbeitslosigkeit sowie die höchste Einkommensungleichheit in Westeuropa. Wegen der 35-Stunden-Woche rationalisierten die Firmen alle Unqualifizierten weg, und der Anteil der Löhne am Inlandprodukt fiel um 11 Prozentpunkte. Ausserdem schottete sich Frankreich immer stärker von den Ideen der restlichen Welt ab. Zum krönenden Abschluss der Konferenz erschien Mitterrand, damals ein abgehalfterter, älterer Politiker aus der Vierten Republik, ein bleicher, überraschend untersetzter Mann in einem erdbraunen Anzug. Später modelten Stylisten sein Äusseres mit dunkelblauen Anzügen, elegant geschlungen Schals und abpolierten Eckzähnen um. Jacques Attali protokollierte später die 14 langen Mitterrandjahre auf verdienstvolle Weise in seinem Buch Verbatim. Wer sonst tut heute so was noch!

Die Spirale zurückgedreht – Angebotspolitik in England und den USA

Der alternative Film zu dieser französischen Vorstellung lief gleichzeitig in den USA ab, die ebenfalls unter einem eher linken Präsidenten Carter zunehmend verschuldet, wachstumsgelähmt und inflationiert waren. Paul Volcker wurde 1979 Notenbankpräsident und führte eine strenge Hungerkur durch. Die Zinsen für die Banken hob er auf 21,5 Prozent an, die Kunden mussten natürlich noch mehr zahlen. Die Börse sackte auf den Stand von 1964 ab, Panik herrschte, Banken fallierten, und die Farmer des Mittleren Westens belagerten tagelang die Notenbank in Washington. Gleichzeitig förderte die Administration Reagan ab 1981 nicht die amorphe Nachfrage der Konsumenten, sondern die aktive Leistung der Unternehmer. Man senkte die Steuern, man liberalisierte, auch wenn es wehtat. So wurde die allmächtige

AT&T in regionale Telefongesellschaften zerschlagen und die Mobiltelefonie befreit – man trat die Informationsgesellschaft los. Paul Volcker wich und wankte nicht, drei harte Jahre lang. Im August 1982 lockerte er erstmals das Zins- und Geldkorsett. Doch dann wuchs die US-Wirtschaft lange Jahre mit 4 Prozent, die Börse verdoppelte sich in drei Jahren, die «imperial presidency» Präsident Reagans fand ihre Mittel und trat zum Showdown gegen die Sowjetunion an. In diesen 1980er-Jahren liefen Frankreich und Amerika als Laboratorien im Massstab 1 zu 1 nebeneinander – Amerika gewann. Die Welt sollte den damaligen Jungtürken, dieser französischen Generation danken, dass sie die Ideen aus den Laboratorien der Elitehochschulen und die groben makroökonomischen Maschinenhebel des John M. Keynes im Landesmassstab umsetzten und damit bewiesen, dass es nicht funktionierte. Ich war fünf bis zehn Jahre jünger als diese Equipe, und noch bevor ich 40 war, konnte ich diesen Schluss ziehen. Die europäischen Sozialisten sehen es auch heute nicht und haben auch keine neuen Ideen. Aus der Zeit heraus waren planerische Vorstellungen damals nachvollziehbarer als heute. Ich selbst leitete als sehr junger Jungtürke eine Arbeitsgruppe der SPS im Auftrag des Kongresses 1972, um Investitionsplanungen durch den Staat zu erkunden. Die Präsidenten der SPS, des SGB, dessen Wirtschaftssekretär und mein Vorgänger Waldemar Jucker waren Mitglieder. Es kam kein Ergebnis zustande. Aber damals war, wie in Frankreich, der Binnensektor der Wirtschaft viel dominierender. Fast alle Branchen waren durch Kartelle zentral gelenkt und geplant, die Währungskurse fest, die Landwirtschaft, die Schrottverwertung, Strom, Post, Telefon, Bahn auf Autarkie ausgerichtet, und damit geplant. Eine andere, alte Welt. Die Angelsachsen aber reformierten sie als erste, die verschworene Equipe um Margaret Thatcher, die Republikaner der USA, dann aber auch die Demokraten unter Bill Clinton und New Labour unter Tony Blair. Angelsächsische Linke können neue Fakten aus Technik und Wirtschaft eben lesen, kontinentale nicht. Denn die meisten Liberalisierungen folgten nicht neoliberalem Übermut,

sondern dem Lauf der Technik. Netze konnten dank der Informatik digital und kompetitiv betrieben werden. Deshalb führte der Kontinent dann alle Reformen auch durch, nur 20 Jahre später und unter entsetzlichen ideologischen Grabenkämpfen. Es war in Europa und in der Schweiz bis weit ins Bürgertum hinein unmöglich, sich für Thatcher oder Reagan auszusprechen und weiterhin als anständiger, denkender Mensch zu gelten.

Man kurbelt die Konsumenten an, aber handeln wollen muss der Unternehmer

Auf dem Kontinent und in der Schweiz wurde und wird bei den keynesianischen Ankurbelungen und Eingriffen nicht nur die spätere Rechnung, also der fiskalische Punkt, verdrängt. Sozialdemokraten und Politiker der Mitte sind weit von der Perspektive des Unternehmers entfernt, wenn sie in Vulgärkeynesianismus die Nachfrage ankurbeln wollen und immer die Kaufkraft der sozial Schwachen begünstigen oder deren Steuern senken. Dann kann sich jeder Unternehmer, gross oder klein, ausrechnen, dass er nicht gemeint ist und später höhere Steuern zahlen muss. Also investiert er nicht oder nur anderswo. Die österreichische Schule der Nationalökonomie stellt diesen Unternehmenden ins Zentrum und leitet aus seinen kumulierten Entscheiden das wirtschaftliche Geschehen ab – und dementsprechend muss man das Angebot, den Rahmen, anreizend gestalten und eine Volkswirtschaft haben, wo eins gleich eins ist, wo Schulden zurückbezahlt werden, wo Zinsen das Risiko spiegeln und entgelten, und nicht von Notenbanken tief gehalten werden. Ich habe erlebt, wie sich in der kleinen Krise 1981/82 eine Zürcher Nationalrätin der SPS rühmte, viele Beamte in verschiedenen Departementen direkt angesprochen zu haben, was sie sich alles an neuen Ausgaben vorstellen könnten. Diese Vorstösse reichte sie dann kumuliert im Rat ein. Solche

Haltungen sind heute zum Mantra einer allgemeinen Wehleidigkeit geworden; bei kleinsten Widrigkeiten wird Ankurbelung gefordert. Die Rechnung kam in den west- und südeuropäischen Staaten im Frühjahr 2010 auf den Tisch. Die laufende Dosis reicht längst nicht mehr, sie muss immer erhöht werden, die aufgelaufenen Schulden aber ersticken die Staaten. Nun sind auch die USA in dieser Schuldenschlaufe. Tony Crescenzi, der Ökonom des grossen Anlagefonds Pimco, fasste dies 2010 in dem Ausdruck «keynesian endpoint» zusammen. Nachdem die Nachfrageförderung alle verschuldet hat und die Schulden von den Hausbesitzern bis zu den Banken, Staaten, Notenbanken und Weltwährungsfonds hinaufgereicht wurden, gibt es keine weiteren Garanten mehr. Jetzt fährt der Zug rückwärts.

Die Einwände gegen den Keynesianismus sind in Studien über seine Anwendung gut begründet:

– Ankurbelungen haben kaum solche Multiplikatoren, ausser die Dosis wird dauernd erhöht.

– In guten Jahren wird nie antizyklisch gehandelt, also gespart, deshalb entwickelt sich die Verschuldung treppenartig nach oben.

– Würde tatsächlich gespart und gälte wirklich der Multiplikator, müsste er schwerwiegende Folgen haben, wenn das Geld wieder eingetrieben werden muss.

– Die Volkswirtschaften sind offen, Anstösse verpuffen im Ausland.

– Man kann nur bestehende, also alte Strukturen ankurbeln.

– Die Ankurbelungen wirken meistens zu spät, also im Boom.

– Die Löhne und Preise sind nicht mehr «sticky», können also entgegen der Annahme Keynes’ sinken, wodurch sich Strukturänderungen ergeben, die auch konjunkturelle Türen aufstossen.

– Nicht nur die Konsumenten handeln, sondern auch die Unternehmer. Wenn

sie sich ausrechnen können, dass höhere Staatsausgaben und allenfalls höhere Steuern und Inflationsraten drohen, investieren sie nicht. Ihre Motivation wird unterschlagen. Unternehmerische Nachfrage nach Investitionen und

Arbeitern ist aber entscheidender als einmal kurz aufgepäppelte Konsumentennachfrage.

– Keynes hebelt mit groben, makroökonomischen Ganzheiten (Konsum,

Investitionen, Zinsen, Staat, Multiplikator) wie mit einer Maschine und übersieht die Mikroökonomie, die Motive der Einzelnen.

Und im Original: Keynes wandte sich bei «nur» noch 12 Prozent Arbeitslosen gegen weitere Ankurbelungen.

– Ausserdem läuft viel Zynismus mit: Keynes illustrierte es mit dem Bild,

wonach das Schatzamt alte Flaschen mit Banknoten füllen und sie in verlassenen Minen ablegen muss, diese dann mit Kehricht auffüllen könne, worauf privater Unternehmergeist sie ausbuddle, dazu Maschinen und Arbeitskräfte in Gang setze und so die Wirtschaft ankurble. Heute sind jene Kreise die härtesten Verfechter von Keynes, welche sonst auf Werthaltigkeit der Wirtschaft bestehen und Verschwendung oder nichtreale Kreisläufe kritisieren.

Im bequemen Keynesianismus verhedderten sich die Köpfe auch angesichts der Konjunkturschwäche 1992. Ich machte auf Drängen der Verbände im SGB ein kleines, lustloses Progrämmchen für einige Ausgaben, das im Vorstand heftig kritisiert wurde. Ich forderte die Mitglieder auf, mir zu sagen, was sie denn wollten. In der Woche drauf erhielt ich unerhörte Ausgabenforderungen, klebte sie einfach aneinander, und die Sekretärin tippte den ganzen Leporello als Unterlage für den nächsten Vorstand. Und siehe da: Sie waren sehr zufrieden. Ich aber reichte die Kündigung ein.

Kapitel 5

Die Schweiz funktioniert, weil der Verbandsstaat funktioniert

Ungefähr 1000 Vorträge hielt ich wohl vor gewerkschaftlichen Sektionen der verschiedenen Branchen, und vor und nach jener Zeit wohl 1000 Vorträge vor Verbänden und Kadern der übrigen Wirtschaft. Ich erlebte dabei im alltäglichen Wirken, was Politologen mit zugehaltener Nase Korporatismus nennen. Sie meinen damit die Tausenden von Verbänden in unserem Lande, welche wichtige Aufgaben übernehmen, oft anstelle des Staates, und welche sich in die Politik und Verwaltung einmischen. Die Kritik rührt aus dem Standpunkt her, alle gesellschaftliche Koordination habe zuerst einmal staatlich organisiert zu sein, den Individuen und ihren Organisationen bleibe der Rest. Diese Auffassung hatten die Revolutionäre in Frankreich 1789, welche ausdrücklich verboten, dass sich irgendwelche Ebenen zwischen den Bürger und den Staat stellten. Gewerkschaften waren verboten, Frauen, die sich zusammentaten, um Gehör zu finden, wurden, wie die tapfere Olympe de Gouges, enthauptet. Letzten Endes ist es eine Sicht der Staatsvergottung. Und da der Staat immer nur aus den Personen und Gruppen einer Machtelite mit ihren eigenen Interessen angetrieben und ausgeübt wird, ist er eine Form der Diktatur einiger weniger, eine Form der Freiheitsberaubung aller anderen. Die Gesellschaft ist mehr als der Staat, und der Staat soll nicht die ganze Gesellschaft sein. Die Versammlungen der Verbände hingegen legen die subtilen Zwischentöne zwischen Individuen und Gesellschaft/Staat wunderschön offen, verkleiden sie aber in die trockenen Rituale der Statuten. Und so geht’s: Die Präsidenten sind immer Milizionäre, leiten mit markigen Worten ein und

folgen dann einem vom wachsamen, vollberuflichen Sekretär formulierten Drehbuch. «Die Einladung wurde ordnungsgemäss zwei Monate vorher versandt, das Protokoll liegt auf. Wünscht sich jemand zur Traktandenliste zu äussern?» Und weiter wird das Ritual abgespult. Als junger Mann und im postpubertären Schwang der 68er gegen die Väter und gegen die grauen 1950er-Jahre ärgerte ich mich über diese Formalismen, dachte, die Alten dreschen wieder ihr leeres Stroh. Doch diese Sorgfalt im Formalen spiegelt und legitimiert die geliehene Macht der Verbandsvertreter. Wenn die Demokratie stark auf das Mitwirken der Verbände zählt, dann müssen diese Verbände innerlich demokratisch sein. Nach dem Eintreten verliest man den Jahresbericht des Präsidenten und des Sekretärs. Hier folgt alles an Interna, an verbandlichem und halböffentlichem Wirken, was nie in einer Zeitung steht. Man erfährt, wie Regierung und Verwaltung dokumentiert und kritisiert und wie die Grossräte angestossen wurden. Abmachungen mit anderen Verbänden treten ans Licht, umsichtige Auftrags- und Mandatsverteilungen an Mitglieder oder befreundete Institutionen ebenfalls. Mit der Gegenseite abgeschlossene Gesamtarbeitsverträge oder deren Scheitern kommen zur Sprache, die Hintergründe, kleine Fusshiebe gegen nur leicht verschleierte Namen Beteiligter. Die Jahresrechnung und Bilanz spucken ebenso konkrete Informationen aus. Die meisten Verbände leben nicht nur von den Mitgliederbeiträgen, sondern betreiben eine Vielzahl anderer, oft lukrativer Geschäfte. Arbeitgeber- oder Arbeitnehmerverbände führen die lokalen Kassen der eidgenössischen Arbeitslosenversicherung, was gut rentiert. Sie machen Rechts- und Betriebsberatung, verwalten Stiftungen aller Art, erhalten Gelder von Bund, Kanton oder Gemeinde für Weiterbildungskurse, nähren sich aus den Solidaritätsbeiträgen der Arbeitenden unter Gesamtarbeitsverträgen, und zwar auf beiden Seiten, etwa zur Durchführung der Verträge oder zur Information darüber. In diesen vielen Nebentätigkeiten enthüllt sich ein Heldentum des Alltags,

der Sekretariate, um den Verband über Wasser zu halten, glaubwürdig und unverzichtbar zu machen. Diese Zusatzfunktionen haben die Kritiker des Korporatismus wohl im Auge, weil Verbände gerne versuchen, solche Zusatzaufgaben für den Staat mit einem Zwang zum Beitritt oder zu Abgaben zu verbinden. Da ist sicherlich Wachsamkeit am Platze. So wurde in den 1990er-Jahren die Ernährungsberatung in den Grundkatalog der Krankenversicherung aufgenommen; sie muss also von den Kassen bezahlt werden. Der Verband der Ernährungsberater plusterte sich daraufhin auf, und wer als Berater eine Abrechnungsnummer gegenüber den Krankenkassen will, muss im Verband sein oder 500 Franken bezahlen, wie ich um das Jahr 2000 herausfand. Ebenso gehen dann die Konturen, welche der Beruf umfasst, welches Diplom anzuerkennen ist und wie die Ausbildung dazu umschrieben wird, in die Definitionsmacht der Verbände über. Die Verwaltung übernimmt sie dann mehr oder weniger. Oft führen die Verbände gleich die Ausbildung und Diplomierung selbst durch. Wenn der Einfachheit halber auch die Preise der Branche geregelt werden, muss sogar die Wettbewerbsbehörde einschreiten. Denn eine arbeitsmarktliche oder berufliche Selbstorganisation schwappt dann auf eine Kartellierung des Produktemarktes über. Man ersieht oft auch in den Verbandsabrechnungen, wie viel Geld an die Parteien floss oder wie viel der Verband selbst für Wahlen und Abstimmungen aufwarf. Mit Umsicht werden auch in abstimmungsfreien Jahren schon im Voraus die entsprechenden Konten gefüllt. Der Gewerkschaftsbund übernahm nach teuren Wahlen von der SPS manchmal die Druckereikosten. Ein Einzahlungsschein, kein Geld wechselte so zwischen den Büros der zwei Organisationen.

Der Eichhörnchentick der Verbände Alle Verbände, links, rechts, gross, klein, haben den Eichhörnchentick. Sie sammeln Vermögen an, als ob die Welt zu Ende käme. In einer Walliser Sektion der Gewerkschaften stellte 1981 ein Mitglied die Frage: «Et les 50000 francs du profit du bazar?» Der Sekretär antwortete darauf: «On ne

les annonce pas à Berne.» Man setzte sie also nicht in den Jahresbericht, denn die Zentrale hätte den Reichtum der Sektion sehen können. Ein anderer Verbandsaktuar meldete an der Jahresversammlung: Der Letzte, der noch statutarisch von einem bestimmten Hilfsfonds von 40000 Franken Beiträge hätte erhalten können, sei gestorben, worauf zufriedenes Schmunzeln aufkam. Immerhin erlebte ich auch schon Anträge auf die Senkung der Beiträge, und sie wurden angenommen. Manchmal versprechen die Sekretariate auch, aus dem überschüssigen Jahresertrag im darauffolgenden Jahr an die Generalversammlung eine gute Mahlzeit anzuschliessen. Das kommt wenigstens der Minderheit der Mitglieder zugute, die immerhin teilnimmt. In meiner nachmaligen Arbeit als Journalist fiel mir nach dem Börsensturz 2002 die Meldung auf, dass die Berghilfe dabei 10 Millionen Franken verloren habe. Ich sah dann, dass sie auf einem Vermögen von etwa 130 Millionen Franken sass, aber mit Inseratbildchen von wildheuenden Bergbauern weiter Geld sammelte. Bei Unwetterschäden in den Bergen stiftete sie dann doch mal ein paar Tausend Franken …

Spannendes Innenleben hinter der Routine

Unter den statutarischen Wahlen müssen die Vorstände und Ausschüsse bestellt werden, fast immer mit nur einer Kandidatur pro Vakanz. Als ich jünger und voll von politologischen Demokratietheorien war, regte mich das mächtig auf. Doch der Föderalismus und die Ausbalancierung von Interessen verlangen die genaue Abdeckung der Unterbranchen, der Regionen oder gar der Gemeindeteile, der Jungen und Alten, und, wenn man daran denkt, auch der Männer und Frauen. Die Verbände können nicht einfach mit offener Hand spontan irgendwen wählen. Das machen neue Bewegungen, wie die Grünen,

zu oft, und die Führungspersönlichkeiten wechseln wild die Bahnen, treten auf, dann ab, ändern die Meinung. Für die abtretenden Vorstandsmitglieder beginnt dann der Reigen der Dankurkunden, Blumensträusse, Weinflaschen und Reisegutscheine. Es mag nach dem 20. Mal als Routine erscheinen, doch drückt sich so die Achtung des Verbandes aus, also der Dank jener, die etwas von den Verantwortlichen für jene erwarten, die meist ehrenamtlich funktionieren.

Wertung und Abwertung eines Arbeitslebens Den Dank als gesellschaftlichen Kitt unterschätzte ich in jüngeren Jahren. An Versammlungen beschwerten sich pensionierte Arbeiter manchmal nicht über den knappen Lohn oder die Pension, sondern dass am Tag ihrer Pensionierung der oberste Chef nicht vorbeigekommen sei. So wurde ein ganzes Arbeitsleben in der letzten Viertelstunde abgewertet. Als kleine bittere Anekdote in gleicher Sache höre ich immer noch meinen Grossvater mütterlicherseits, der 1956 nach etwa 40 Jahren im gleichen Malergeschäft in Herisau den letzten Lohn im Büro des Besitzers abholte. Es war ein ungerader Betrag, der auf 5 Rappen endete. Der Inhaber suchte in allen Schubladen nach einem Fünfer, bis mein Grossvater sagte, er schenke ihm den Fünfer. Ein schönes Gegenbeispiel erlebte ich an einer Veranstaltung im Technikum Rapperswil. Thomas Schmidheiny, der Chef und damals noch Mehrheitsaktionär des Holcim-Konzerns, stand abrupt auf und sagte, er müsse noch in den Aargau, um einen Arbeiter des Zementwerks zu pensionieren. Immerhin ein Milliardär, der solche Pflichten ernster nimmt als eine Yacht im Mittelmeer oder einen ruhigen Abend in seinem Haus in Rapperswil.

Die Kandidaturen eines Verbandes werden an den Versammlungen in den politischen Wahlen nur leicht angetönt. Das ist heikel, weil eine Verbandsfunktion den Sekretär und die Vorstandsmitglieder bekanntmacht

und ihnen Wahlchancen gibt. Mancher Aufstieg zu höchsten Ämtern beginnt hier. Doch muss der Sekretär oft einem Vorstandsmitglied und dieses dem Präsidenten den Vortritt lassen. Ausserdem sind sie vielleicht nicht in der gleichen Partei und haben durch den Proporz unterschiedliche Wahlchancen. Das alles wird natürlich vorher ausgejasst. Solche Vorkehrungen folgen genauso unbeschreibbaren, komplexen Loyalitäten wie jene innerhalb afghanischer Stämme oder im Pekinger Politbüro. Wenn die Vorkehrungen im Wechselspiel der Interessen, zwar nicht immer im gleichen Moment, aber über die Zeitachse gelingen, ist eine Gesellschaft stabil, wenn nicht, entgleist sie. Die späteren demokratischen Wahlen sind eher der Zuckerguss darüber. Oder die Handbremse des Volkes, wenn diese Eliten sich verharschen. An den Verbandsversammlungen nehmen immer auch die bereits Gewählten sowie als Gäste die Regierungsräte, Grossratspräsidenten und Nationalräte der Region teil. Sie haben damit ihre Wählerbasis im Blick, doch verzahnen sich dabei auch die Basis und ihre Gewählten, die Alltagsprobleme und die Mandate. Jedes Mitglied kann sich beim nachfolgenden Apéro an einen Regierungspräsidenten, Verwaltungschef oder Parlamentarier wenden, und diese hören all die obgenannten Subtilitäten schon während der Versammlung mit. Man mag sich über die bloss launigen, oft schlicht langweiligen Begrüssungsadressen dieser Repräsentanten an die Versammlungen ärgern. Das ist nicht der Punkt, sondern dass sie selbst hören, was sich tut, und dass jeder sie sich vorknüpfen kann.

Berufsparlament als Kulissenschieberei Ein Berufsparlament, wie es manche als Kontrast zu dieser Verschränkung von Politik und Verbänden fordern, würde Eunuchen züchten, die keine anderen Interessenbindungen haben dürften. Doch gerade das, was naive Puristen kritisieren, nämlich die vielfältigen Interessenbindungen, ist doch das, was im Parlament saldiert werden muss. Das Parlament sucht nicht das Allgemeinwohl, sondern es saldiert die widerstreitenden Interessen im Volke. Diese Interessenbindungen bestehen glücklicherweise überall. Die

Funktionäre der Bauern, Gewerkschaften oder Grünen sind genauso für ihr Agieren bezahlt wie die von Krankenkassen, Handelskammern oder Verwaltungsräten besoldeten Parlamentarier. Wenn den Parlamentariern oder Parteien die freihändige Finanzierung verboten wird, hat das drei Folgen:

Erstens geht einfach alles unter die Decke, zweitens werden nur noch Schreihälschen ohne Kontakt zum wirklichen Leben gewählt, und drittens wird jeder kleinste Verstoss an Finanzierung parteipolitisch gnadenlos ausgeschlachtet. Deutschland, Frankreich und Grossbritannien zeigen die Fälle wöchentlich. Die Sachdebatten verlagern sich aufs Moralisieren.

Eine weitere Folge von Berufsparlamenten ohne Bezug zur Wirtschaftswirklichkeit ist dann der Ruf nach einer dritten Kammer, nach einem Wirtschafts- und Sozialrat. Full circle! In der EU schon da, in lateinischen Ländern wiederholt angeregt.

Eins, zwei, drei im Sauseschritt eilt die Zeit, wir eilen mit (die Köpfe aber nicht)

Das schöne Wort von Wilhelm Busch muss, was die Köpfe betrifft, wirklich abgeändert werden. In der Schweiz zeigt sich am Keynesianismus, wie langsam eine Gesellschaft lernt und wie hartnäckig sich alte Auffassungen halten. In den 1930er-Jahren zog Bundesrat Edmund Schulthess durch das Land und hielt Vorträge, wonach der Staat in der Krise mit gutem Beispiel vorangehen und sparen müsse. In Deutschland praktizierte Reichskanzler Heinrich Brüning mit seinen Notverordnungen dasselbe. Dagegen war die Kriseninitiative der damaligen Linken in der Schweiz ein in manchen Punkten modernes, keynesianisches Stützungsprogramm. Doch die Köpfe steckten damals noch in alten Sparkonzepten. Nach dem Krieg lief die Konjunktur sehr gut, aber mit dem massiven

Einbruch 1973 bis 1975 warf der Bund erstmals ein massives Ankurbelungsprogramm in die Volkswirtschaft, u. a. den viel belächelten Auftrag für Militärleibchen. Diese wurden schliesslich teilweise im Ausland verfertigt, weil die Kapazitäten in der Schweiz schon verschwunden waren. Waldemar Jucker, mein Vorgänger im SGB, errechnete dann aus den mehreren Milliarden Aufwand den schönen Multiplikator von 130000 Arbeitsplätzen. Dies führte zur Wiederholung solcher Pakete in der Abschwächung 1982/83 und wieder Mitte der 1990er-Jahre. In diesen beiden Fällen koalierten die Linken und die Gewerbler im Parlament, um Aufträge durchzudrücken. Der grösste einzelne Auftrag im Programm der 1990er-Jahre ging aber wegen der unterdessen eingegangenen Pflicht zu internationalen Ausschreibungen ins Ausland, sagte mir ein enttäuschter Grossunternehmer des Baus. Doch alle Einwände, alle Studien über eine völlig veränderte nationale und globale Wirtschaft nützen heute so wenig wie in den 1930er-Jahren über die damals neue Lage der grossen Krise. Die Köpfe, die politischen Mühlen können kaum anders gefüttert werden als mit Hergebrachtem. Wie Keynes damals selbst sagte, sind Politiker (und Medien und Gutmenschen) die Gefangenen der Ideen längst verstorbener Ökonomen. Ein flagrantes und enervierendes Beispiel bietet die Freigeldlehre Silvio Gesells aus den 1930er-Jahren. Weil alle das Geld horteten, stagnierte die Weltwirtschaft, stieg die Arbeitslosigkeit, und es wurde noch weniger ausgegeben. Wie Keynes sann Gesell auf eine Ankurbelung der Ausgaben und fand sie in Geldscheinen, auf welche man monatlich eine Marke aufkleben musste, die 0,5 Prozent des Notenwertes kostete. Nur dann blieb die Banknote gültig. Damit sollte sich der Geldumlauf beschleunigen. Wer sie bloss hortete, verlor aufs Jahr gesehen 6 Prozent davon. Der Zins wurde daher negativ oder eher abgeschafft, was mit dem Ende des privaten Bodenbesitzes eines der Ziele Gesells war. Kaum zu glauben, aber in den Inflationsjahren zwischen 1970 und 1993 standen an fast jeder Versammlung, an jedem Vortrag Diskutanten auf, welche Freigeld forderten, also einen noch schnelleren Geldumlauf, der noch mehr

Inflation gebracht hätte. Noch weniger zu glauben, dass nach der Finanzkrise 2008 Autoren zu diesem Zusammenbruch der Papiergeldschwemme wie der Basler Soziologielehrer Ueli Mäder in der Freigeldlehre eine Alternative sahen. Also noch mehr Geld, noch schnelleres Geld als all die Geldschwemme zu billigen Zinsen, welche die Ursuppe der Finanzkrise darstellte! Wie in einer Raum-Zeit-Kapsel bot sich mir diese ökonomische Lehre im evangelischen Tagungszentrum Gwatt Anfang der 1980er-Jahre dar. Ich traf auf eine Runde sehr betagter Männer und Frauen, die alle aus der sozialreformerischen Welle Silvio Gesells der 1920er- und 1930er-Jahre stammten, vielleicht aus den letzten Reihen der liberalsozialistischen Partei der Schweiz. Sie waren naturbewegt, vegetarisch, in Wolle und Sandalen gekleidet, leicht links, leicht religiös. Ein uralter, zerbrechlicher Mann spielte vor meinem Vortrag ein Lied auf der Geige, und die silberbehaarten Köpfe lauschten. Ich versuchte behutsam, sie von der Zeitbedingtheit der Lehren Gesells zu überzeugen – ohne Erfolg. Es war rührend und erschreckend zugleich, wie sich eine Gruppe geistig regsamer Menschen in sich selbst eingeschlossen hatte. Auch in nüchternen Zahlen zeigt sich der Weg, den wir zurückgelegt haben und der nicht nochmals wiederholbar ist: 1970 machte der Staatsanteil am Bruttosozialprodukt etwa 22 Prozent aus, heute sind es etwa 29 Prozent. Dazu kommen die dramatisch ausgebauten Versicherungen für Arbeitslose, Mutterschaft, Krankheit, Alter, Pensionen, Sozialhilfe und Bildung von nochmals 9 Prozent. Im übrigen Europa beschlagnahmt und verteilt der Staat schon 50 Prozent der Wertschöpfung. Um die genaue Abgrenzung und Zurechnung wird diskutiert, doch da ist einiges geschehen. Man kann nicht so tun, als ob das Leben wie im Wilden Westen zu führen wäre. Unsere Generation hat den Absicherungsauftrag übererfüllt. Jetzt kann man auch Unnötiges darin wieder aufgeben. Tatsächlich, die Wirtschaftswirklichkeit ändert sich im Grossen zwar nur im 25-Jahre-Rhythmus. Das ist langsam, aber manche Köpfe ändern sich noch viel langsamer.

Wie die Spitzenverbände die Schweiz regierten, gezeigt am Fall des EWR

Ein Zufall hatte mich im SGB-Sekretariat – nach der inneren Kündigung wegen der abgelehnten Mitarbeiterbeteiligung 1988 – zurückgehalten. Am 16. Januar 1989 schlug der EG-Kommissionspräsident Jacques Delors den verbleibenden EFTA-Mitgliedern vor, einen Europäischen Wirtschaftsraum mit der EG zu bilden, worin sie sogar eine Mitsprache hätten. Ich las im Nachtzug nach Wien zu einer EFTA-Sitzung die NZZ und war so begeistert, dass ich an den damaligen Staatssekretär Jakob Kellenberger sofort einen Fax sandte, in dem stand, dass man das aufgreifen müsse. Ich dachte, die Kündigung beim SGB bis zum Ende der entsprechenden Verhandlungen kurz aufzuschieben, weil ich durch die zahlreichen Bundeskommissionen daran direkt beteiligt war. Aber das Ganze zögerte sich volle vier Jahre bis Ende 1992 hinaus, bis zum Referendum der SVP und der ablehnenden Volksabstimmung. Delors machte schon zwei Monate später in einer erneuten Rede den ersten Rückzieher von Seiten der EG – eine Mitsprache von Nichtmitgliedern käme nicht infrage. In der Schweiz aber gingen die Verhandlungsmarathons los.

Europa auf einem fremden Stern Im Frühsommer 1988 signalisierte ich dem Redaktor der Gewerkschaftlichen Rundschau, dass Europa meiner Ansicht nach auch ein Thema in der Schweiz und für den Gewerkschaftsbund SGB werden dürfte und dass ich ein Sonderheft dazu machen werde. Meine Informationen kamen, lange vor dem Internet, aus der täglichen Lektüre der Financial Times, der Herald Tribune und der NZZ. Doch die ausgeschnittenen Artikel waren oft vage und allgemein. Deshalb begab ich mich in den Keller des Volkswirtschaftlichen Instituts der Universität Bern, wo einige Schriften verstaubten. Über den Europäischen

Gewerkschaftsbund erhielt das SGB-Sekretariat sehr selektiv Unterlagen zur Arbeits- und Sozialpolitik. Sodann abonnierte ich einen Pressedienst aus Brüssel, der auf blauem Papier zwei Mal wöchentlich Interna und Inhaltsangaben geplanter oder beschlossener Richtlinien aufführte. Fachbücher zur EG waren schon zwei, drei Jahre alt und brachten Fakten, die beim Verfassen auch schon drei, vier Jahre alt gewesen waren. Kam man irgendwo an Volltexte der EWG-Richtlinien heran, dann musste man erfolgte Ergänzungen mit einer unmöglichen Nomenklatur auf Jahre hinaus suchen und einkleben. Das Integrationsbüro der Bundesverwaltung seinerseits lieferte sporadisch gewisse Unterlagen, damals noch meist kleine Handelsprobleme betreffend. Die Nummer der Rundschau erschien dann ohne grosses Echo im Spätsommer, und im Januar 1989 warf Kommissionspräsident Jacques Delors den Vorschlag zu einem Europäischen Wirtschaftsraum in die Debatte.

Die ständige Wirtschaftsdelegation war die zentrale Plattform, wo sich die Spitzenverbände mit der Spitze der Bundesverwaltung absprachen, also auch zu den anstehenden Europaverhandlungen. Je ein Mitglied stellten der Vorort, der Gewerbeverband, der Bauernverband, der Gewerkschaftsbund und der Zentralverband der Arbeitgeber. Erst viel später drückte sich die Bankiervereinigung hinein, noch später kamen die grünen Verbände. Von Bundesseite präsidierte der Chef der Handelsabteilung, dann Bundesamt für Aussenwirtschaft (Bawi) genannt, später Seco, die Sitzungen. Mit dabei waren der Chefunterhändler beim GATT, der Delegierte für Handelsverträge, zu seinen Zeiten also David de Pury, ein Vertreter der Nationalbank, der Währungs- und Weltbankexperte des Finanzdepartements, der Chef des BIGA sowie je nach Thema die Abteilungschefs oder Botschafter für Aussenhandelsfragen und Entwicklungszusammenarbeit. Es gab keine Protokolle. Das abgegebene Wort, beim eigenen Verband für die

entsprechenden Zusagen zu werben, war klar. Was in diesem Gremium Zustimmung fand, ging in Staat und Wirtschaft meist problemlos auch durch. Manchmal war auch der Generaldirektor des GATT Olivier Long oder sein ebenfalls schweizerischer Nachfolger Arthur Dunkel dabei und setzten uns über die innersten Problempunkte des Weltfreihandels in Kenntnis. Die Sitzung war dementsprechend formell, der Vertreter des Vororts sah darauf, immer rechts des Staatssekretärs zu sitzen und als Erster nach ihm das Wort zu ergreifen. Die einleitenden Bemerkungen des jeweiligen Staatssekretärs – zuerst Paul Jolles, dann Cornelio Sommaruga, dann Jakob Kellenberger, dann Franz Blankart – gaben immer einen umfassenden Überblick. Dabei fielen gerne die damals in diplomatischen Kreisen beliebten Formeln zur Text- oder Gedankenstrukturierung wie: «De quoi s’agit-il?» oder «L’état de la négociation»oder «Les intérêts en présence».

Grosse Politik, kleine Fakten Man erfuhr also die grossen Linien der Weltwirtschaftspolitik, aber auch kleine, bezeichnende Geschichtchen. So erzählte Arthur Dunkel, der GATT-Generalsekretär 1984, dass Schweizer Firmen einen unterschriftsreifen Vertrag für drei Grossturbinen mit Südkorea ausgehandelt hatten. Doch Frankreichs neuer Präsident François Mitterrand wollte Nordkorea anerkennen und sandte seinen Aussenhandelsminister Michel Jobert zur Beruhigung nach Seoul, der übrigens als Aussenminister Valéry Giscard d’Estaings erklärt hatte, nie Nordkorea anerkennen zu wollen. Jobert offerierte den Südkoreanern, die Anerkennung des Nordens hinauszuschieben, wenn Frankreich die drei Turbinen liefern könne. So geschah es. Fritz Leutwiler, der Präsident der Nationalbank, gab 1979 den amerikanischen Geheimplan bekannt, in New York ein Bankenoffshorezentrum zu errichten, also einen Bankplatz ohne die regulatorischen Hürden der USA. Offenbar wehrten sich alle anderen Notenbanken wie die Schweiz vehement, und Leutwiler drohte den

Amerikanern, in diesem Fall auch das Gleiche mit dem Bankplatz Schweiz zu machen. Oder ein Anruf des Staatssekretariats, China wolle verschiedene Schweizer Exporte zulassen, wenn wir ebenfalls grosszügig seien – etwa müsse die Schweiz Pinsel importieren lassen. Nun aber seien dadurch zwei, drei Hersteller hier bedroht. Ob der Gewerkschaftsbund dennoch zustimme? Ich sagte noch am Telefon zu. Heute exportiert die Schweiz überproportional mehr als andere Europäer nach China. Markant offener scheinen mir solche Vorgänge heute geworden zu sein. Die Medien, das Internet, die Vielfalt der Quellen machen solche Absichten sofort bekannt, anders als vor 30 Jahren in der stark abgeschlossenen Welt der Handelnden und der Buchstaben.

In der «Ständigen» beriet man alle Aussenhandelsfragen, etwa Handelsverträge, Zollkonzessionen an Entwicklungsländer, dann auch Entwicklungszusammenarbeit, Energiefragen, Währungsfragen und die Wandlung des GATT in die Welthandelsorganisation WTO. Das Bundesamt für Aussenwirtschaft unterhielt für alle solchen Fragen, die andere Departemente betrafen, eigene Spezialisten, die den Chefbeamten jener Departemente die Stange halten konnten. Entsprechend unbeliebt waren sie manchmal, doch gelang auf diese Weise eine kohärente Aussenwirtschaftspolitik des Landes. Den hohen fachlichen Ansprüchen entsprechend waren diese Bawistellen auch Kaderschmieden. Deren Fachleute machten meist spektakuläre Karrieren in der Verwaltung, und noch spektakulärere beim Übertritt in die Privatwirtschaft. Als solche kannten sie die politischen, handelspolitischen und administrativen Belange weiterhin von innen her. Wir sind wieder bei einer Variante des Korporatismus angelangt, hier der «capture», also der personellen Verschränkung zwischen staatlicher und privater Sphäre. Und auch hier kann man wieder zu der nichtpuristischen Feststellung kommen: Genau solche Amalgame machen den Kitt, die Schlagkraft eines Landes aus. Ohne solche Funktionseliten geht es nicht.

Es blieb dem nachfolgenden Bundesrat Pascal Couchepin vorbehalten, dieses Bundesamt zu zerschlagen und die Verwaltung in Richtung französischer Unmittelbarkeit Staat/Individuen ohne Zwischenebenen zu verschieben, nur mit dem Sonnenkönig darüber.

Die Funktionselite debattiert

In der Woche nach der Ablehnung des Europäischen Wirtschaftsraums fand in einem Zürcher Hotel ein öffentliches Podiumsgespräch statt. Neben mir sass Niklaus Meienberg, der seine Enttäuschung zeigte. Zu mir sagte er ganz unvermittelt: «Soso, der Grossverdiener Kappeler.» Dabei hatte ich im Sommer 1992 längst gekündigt, und drei Wochen nach dem Podium war ich ohne mein bisheriges festes Einkommen. Meienberg war, wie fast alle Linken, Ethiker und Kirchenleute, vom Geld hypnotisiert, entweder positiv oder negativ, und kam immer darauf zurück. Am Podium sass, neben Unternehmern und Chefbeamten, auch Tito Tettamanti, der intelligente Geldmann aus dem Tessin. Gegen 21.30 Uhr begann er unruhig zu werden, weil er, wie ich annahm, wegen einer Grosstransaktion, die steuerlich zu schonen war, vorübergehend in Monaco wohnte und noch rechtzeitig mit seinem Privatjet vor Mitternacht aus dem Lande sein musste. Dieses Podium zeigte eigentlich die ganze Schweiz vor – auch nach einer Vollbremse durch das Volk waren alle noch an ihrem Platz, hier wie in der Welt draussen, die Glitterati, die «Symbolanalysten» der Medien, die Wirtschafter, die Verwaltung, und es ging auf eine andere, unerwartete Art irgendwie weiter.

Davos, Bilderberg, Rive-Reine, Firmenbesuche und andere

Verschwörungen

Oder ist die Funktionselite hermetisch abgeschlossen? Plant sie unablässig Böses? Von aussen nahm sich diese Funktionselite tatsächlich geschlossen aus, mindestens für manche mit Verschwörungsahnungen. Bürger von links und rechts nehmen einen Grad von Übereinstimmung, von gemeinsamem Vorgehen, von allgemeinem Wissen um alles und jedes zwischen den Mitgliedern dieser verschiedenen Kreise an, der fast mythisch ist. Eine Illustration solcher Verschwörungen bildeten für viele die Bilderbergkonferenzen, wo Unternehmer, Politiker und Medienleute mit einem eher liberalen Weltbild regelmässig zusammenkamen. Ich wurde als Sekretär des SGB ebenfalls eingeladen, doch der Vorstand war dagegen. So blieb ich ohne grosses Bedauern zu Hause. Eine Einladung ans World Economic Forum (WEF) in Davos, ebenfalls zu SGB-Zeiten, lehnte ich aus eigener Kompetenz ab und setzte als kleine Spitze in die Absage ein, ich müsse meine Prioritäten setzen und an jenem Samstag einen Arbeiterbildungskurs geben. So wurde ich nie wieder eingeladen. Aber das WEF gilt als Paradebeispiel einer Verschwörung der Oberschicht. Als Journalist schrieb ich später mehrmals, dass sich in Davos eine doppelte Täuschung abspiele, denn fälschlicherweise glaubten die versammelten Manager, sie hielten die Welt in ihren Händen, und zu allem Überfluss glaubten die Linken ihnen dies noch. Doch Macht rührt nur teilweise, fallweise aus personellen Bindungen, sie kommt auch aus Strukturen und geteilten Überzeugungen und atomisiert sich wieder durch Märkte und Wahlen. In einem anderen Fall, bei den vielen «Rive-Reine-Treffen» von Nestlé, hatte ich genügend Erfahrung, um die Verschwörungsthese einer geschlossenen, finsteren Wirtschaftselite ins Reich der Spekulation zu setzen. Jährlich lud die Grossfirma in ein herrliches Palais am Genfersee ein, und zwar die meisten Präsidenten und CEOs der Firmen des Swiss Market Index (SMI), aber auch einige Vertreter von Kleinfirmen, wenn sie politisches Profil hatten; sodann die wichtigsten Verbandsdirektoren, Chefbeamten, zwei Bundesräte, die

Präsidenten und die Sekretäre des SGB, des SMUV und des Christlich- Nationalen Gewerkschaftsbundes, einige Professoren und den Chefredaktor der NZZ. Beschützt von Maschinenpistolen tragenden Milizlern handelte diese Runde während anderthalb Tagen aktuelle Themen der Wirtschaft und Politik ab. Ich lernte nichts Neues, was ich als privilegiertes Mitglied der ständigen Wirtschaftsdelegation oder als seit 1968 täglicher und aufmerksamer Leser der Financial Times nicht schon gewusst hätte. Meist erhob sich grosse Klage über die Unbill und das Unverständnis der Welt, was mich immer amüsierte. Hätten die Kritiker und Linken draussen gewusst, wie geplagt sich diese armen Kapitalbeweger vorkamen, sie hätten sich kurz vor dem Endsieg geglaubt. Abends an der Bar erfuhr man dann doch Interessantes, eine schöne Pralinéschachtel wurde mitgegeben, und das Essen war phänomenal. Getreu dem Produktestolz des Hauses wurde am Schlusse immer einfacher Nescafé gereicht. Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz erstaunte die Runde leicht, als er um 22.30 Uhr noch eine neue Flasche Weisswein serviert bekam. Solches geschah aber auch an anderen Treffen; die Aufregung in den Medien um die Rive-Reine-Tagungen war gegenstandslos. Ausserdem lud Nestlé auch Vertragspartner ein, in späteren Jahren offenbar auch die SPS-Spitze, die aber nicht hinging. Selber schuld. Und vertraulich, ohne Medien, fanden und finden auch die Koordinationstreffen zwischen SPS und Gewerkschaften statt. Da regt sich niemand über die Geheimhaltung auf, obwohl dort im Gegensatz zu Rive-Reine meist gezielte politische Offensiven geplant werden. Die grossen Unternehmen der Privatwirtschaft suchten von sich aus den direkten Kontakt mit den Spitzen der SPS und der Gewerkschaften. Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre war ich bei mehreren solchen Besprechungen dabei. Zu jener mit der Ciba-Geigy-Spitze in Basel war Alex Krauer, das Konzernleitungsmitglied (und ihr späterer Präsident, dann auch kurze Zeit Präsident der UBS), eigens aus dem Militärdienst angereist. Dort hatte er offenbar als Oberleutnant den Bau von Tribünen und Latrinen für ein Fest organisieren müssen.

In dem mit einfachen, archaisierenden Ornamenten ausgestatteten Konferenzzimmer präsidierte steif und ausführlich Louis von Planta. Es kamen Konzernstrategien auf, die man sonst nicht so kannte. Von Planta sicherte möglichst viele Arbeitsplätze in der Schweiz zu, obwohl nur 2 Prozent der Verkäufe im Inland erfolgten. Die Forschung wolle man auf jeden Fall grossenteils im Inland halten, doch erlaubten die auswärtigen Steuersysteme immer weniger den dazu notwendigen Transfer hoher Gewinne zurück in die Schweiz. Deshalb sei es nötig, eine möglichst hohe Produktion in der Schweiz selbst zu haben, aus deren Gewinnen die Forschung alimentiert werde. Auch würden die Exporte nach dem Ostblock von der Schweiz aus gemacht, ohne die Produktion dorthin zu verlagern, ausser für Anlagen mit zweitklassiger Technik. Das alles ergab plausible Aussichten für die Arbeitplätze in Basel. Das gemeinsame Essen fand mit der ganzen Konzernspitze im getäfelten Kellerraum des Hotels Spalenberg statt, einem Besitz der Pensionskasse, diesmal aber ohne jede erkennbare Sicherheitsmassnahme. Bei einem solchen Treffen rückte die Nestléspitze mit detailliertesten Angaben zu Gewinntransfers aus Ländern des Südens heraus; z. B. über Milchpulververkäufe, die in Peru zurückfielen, nachdem der Währungsfonds Sparen anbefohlen hatte; über subventionierte Milchpulverexporte der EU, die billiger waren als die lokale Milchproduktion der Bauern in Lateinamerika und diese daher ruinierte. Aufschlussreich war auch, dass sich die Nestléführung eigens nach Zürich zum Schweizerischen Arbeitgeberverband verfügen und abkanzeln lassen musste, weil sie freiwillig einen Mitarbeitervertreter in den Verwaltungsrat der schweizerischen Nestlégesellschaft aufgenommen hatte. Bei Nestlé galten Ende der 1970er-Jahre konzerneigene Vorschriften für alle Lokalgesellschaften in der Welt, so für die Fabrikgestaltung, die Anerkennung von Gewerkschaften und Betriebskommissionen, für überdurchschnittliche Löhne, Pensionskassen und Weiterbildung der Mitarbeiter. Solche Mitteilungen an uns waren sicher gut ausgewählt, aber nicht unwahr. Ich konnte weder damals als Gewerkschafter noch vorher und nachher als Journalist in die dümmlichen Unterstellungen einschwenken,

wonach Firmenleiter nur nach niederträchtigen Tricks handelten. Neben guten Absichten gibt es eben immer auch Zwänge, Sondersituationen, Zwischenfälle, Unvorhergesehenes, Dringliches, Dummheiten. Das soll die Öffentlichkeit bemängeln, aber nicht mit dem Generalverdacht auf Charakterlosigkeit. Bedauerlich war, dass in neuerer Zeit die amtlich-universitären Ethiker St.Gallens, Peter Ulrich immer und Ulrich Thielemann manchmal, in diesen anschwärzenden Ton verfielen. Eigentlich wenig ethisch. Sie vergriffen sich im Ton, weil ihnen ihre holistische Sicht des Kapitalismus, des Systems, der Globalisierung und des Finanzkapitals eingab, dass irgendwelche riesigen, knirschenden Räder mahlten und das Böse produzierten, während die einzelnen Unternehmer ausführende Knechte waren, die dem Unerwünschten aus persönlicher Bereicherungsabsicht zudienten. Ulrich und alle anderen Superlinken übertrugen dann diese Abscheu vor dem System auf die Personen. Das kann man aber schon im Kapital bei Marx nachlesen und bei Lenin zur Perfektion entwickelt sehen.

Das utilitaristische, schweizerische System des «Bottom-up» ist nicht EU-kompatibel

Die ganze EWR-Verhandlung hatte die düstere Ahnung in mir bestätigt, dass nämlich das schweizerische Regierungs- und Parlamentssystem die wahre Hürde zu einem Beitritt sein würden, mehr als nur die Volksrechte. An den Schlussverhandlungen des EWR waren nur noch die Minister im Saal, auf Schweizer Seite also die Bundesräte René Felber und Jean-Pascal Delamuraz. Beide radebrechten Englisch, verstanden aber wenig. Der draussen wartende Chefbeamte aus Bern erlebte, wie sie in den Pausen fassungslos hinausstürzten und um Erklärungen rangen. Drinnen ging der Sitzungsleiter die EWR-Urkunden im Schnellzugstempo auf Englisch durch, z. B. so: «Mr. Federal Councillor, why are you opposed that cosmetics be put from category

1 to category 2?» Perplexes Schweigen. «Well, I see no objection, it is so decided. Next question …» So schildert es der damalige Staatssekretär Franz Blankart. Auch hat der Gesamtbundesrat seinen Chefunterhändler nicht ein einziges Mal empfangen. Dieser musste immer einzeln vorsprechen. Das schweizerische Regierungssystem ist nicht EU-konform. Es müsse dramatisch hierarchisiert werden, mit einer Regierungskoalition und mit Einpeitschern in den Fraktionen zu deren Befolgung. Dazu käme natürlich der Verlust des Frankens, also der Autonomie über den Geldwert und die Konjunkturen, über den Finanzplatz, und sodann gäbe es doppelt so hohe Zinsen, 15 Prozent Mehrwertsteuer, keine eigenen Aussenhandelsverträge mehr und Nettobeitragszahlungen. Und zu alledem wäre der schweizerische Sitz am EU-Tisch bloss ein Klappsitz. Der schweizerische Minister hätte keine Vollmacht.

Die vielgerühmte Mitwirkung der Schweiz an den EU-Richtlinien nach einem Beitritt wäre illusorisch. Denn der Bundesrat hat keine Parlamentsmehrheit, müsste aber an den europäischen Ratskonferenzen oft aus dem Stand heraus Kreuzkompromisse eingehen und zusichern können, z. B. eine Konzession zulasten des Finanzsektors hier, für einen Vorteil in der Landwirtschaft dort. Zu Hause aber werkelt ein hochkomplexes System, hadern die Kantone, der Föderalismus, die Verbände, der meist uneinige Bundesrat selbst, das Parlament ohne jede klare, gefestigte Koalition. Dieses Wackelsystem ist freiheitsstiftend, es verhindert den straffen, immer weiter wachsenden Staat der europäischen Sozialisierung des Lebens – es verläuft «bottom-up», von unten nach oben. Der Schweizer Bürger und Politiker hat keine Visionen. Er fragt immer, was bringt’s, was kostet’s – er ist utilitaristisch. Genau wie die Angelsachsen und die Asiaten, also wie der Rest der Welt. Ausser dem kleinen Fortsatz der eurasischen Landmasse links oben auf der Karte, der EU. Dort opfert man volkswirtschaftliche Realitäten den rosa Visionen, etwa als man den Völkern die künstliche Eurowährung aufpfropfte.

EWG und EG waren gut, die EU aber ist es nicht

Meine Einstellung zur EU wandelte sich in der Folge: Nicht aus einer Laune meinerseits, sondern weil diese selbst sich grundlegend veränderte. Der Maastrichter Vertrag beseitigte die Hürde einstimmiger Beschlüsse in allzu vielen Fragen. Die Souveränität der Einzelstaaten fiel stark zurück. Noch bedeutender: Eine gemeinsame Währung sollte eingeführt werden. Der Vertrag von Lissabon führte weitere, teils willkürliche Fälle von Mehrheitsentscheiden ein. Im Frühjahr 1992 stand ich dem Beitrittsgesuch der Schweiz zur EWG noch wohlwollend gegenüber. Ende 1992 begann ich an einem Studienauftrag des Schweizerischen Wissenschaftsrates zu arbeiten. Im Rahmen seiner forschungspolitischen Früherkennung bearbeitete ich die Frage der Europäischen Währungsunion (EWU) und der schweizerischen Wirtschafts- und Währungspolitik. Ich nahm mir dazu die Theorie der optimalen Währungsräume von Robert A. Mundell aus dem Jahre 1961 vor. Ich hatte ihn 1969 am Institut des hautes études der Universität Genf in seinen Vorlesungen als jungen dicklichen Professor mit strähnigen Haaren und verwaschenem T-Shirt erlebt. Gemäss dieser Theorie, die leider unterdessen empirisch durch das Elend des Euro bestätigt wurde, sollte ein optimaler Währungsraum u. a. mobile, flexible Arbeiterschaften und ein starkes fiskalisches Zentrum kennen. Bei asymmetrischen Schocks, also bei wirtschaftlichen Katastrophen, die nur einen Teil eines Währungsraums trafen, würden so die Arbeitskräfte wegwandern und automatisch hohe Zahlungen an Arbeitslosengeld, Finanzausgleich, Subventionen und Renten in die betroffenen Gegenden strömen. Nun aber fehlen diese zwei Bedingungen in der EU. Die betroffenen Gegenden können stattdessen aber nicht mehr abwerten und fallen daher in Deflation und Schulden. Der diesbezügliche wirtschaftliche Schock der südlichen Mitgliedsländer (einschliesslich Irland und Frankreich) des Euro liegt in der fehlenden Produktivitätssteigerung gegenüber Deutschland, in rascher steigenden Löhnen und Preisen als in Deutschland, Holland, Finnland und

Österreich. Damit haben die Südländer Handelsdefizite, die sie um Steuern bringen und hohe Kosten verursachen. Die Staatsschulden stiegen bis 2010 enorm an. Meine Studie wurde vom auftraggebenden Sekretär des Wissenschaftsrates für eine Früherkennung als exemplarisch bezeichnet – und fiel sofort in eine Schublade. Man hat übrigens heute vergessen, dass bis zur Einführung des Euro 1999 fast überall zu hören und zu lesen war, das sei mit der Zeit auch das Ende des Frankens. Man würde schon bald nur noch mit dem Euro bezahlen. Robert A. Mundell erhielt 1999 den Nobelpreis für Wirtschaft und wurde, völlig zu Unrecht, weitherum in Europa als «Vater des Euro» gefeiert. Niemand hatte ihn verstanden, und die Politiker hatten nicht verstehen wollen, dass genau seine Theorie vor dem Euro warnte. Dies aber hatte ich bis März 1993 erarbeitet, und noch vor dem Inkrafttreten des Maastrichter Vertrages im November 1993 war ich zum EU-Skeptiker geworden. Deshalb bezeichnen mich heute noch Leute mit Elefantengedächtnis, aber ohne Sensibilität für Geschichtstrends als ehemaligen EU-Enthusiasten, der seine Meinung geändert habe. Ja, aber weil sich die EU eben noch viel grundlegender geändert hat. Sie ist nicht die EWG, nicht die EG, sondern etwas anderes. Das wurde ja von den Maastrichtenthusiasten auch genügend unterstrichen und gewollt. Übrigens: Das schweizerische Beitrittsgesuch vom Mai 1992 ist wörtlich an alle drei Gemeinschaften gerichtet, also an die Europäische Atomgemeinschaft (EAG), die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) und die EWG. Nie hat die Schweiz um Aufnahme in die EU ersucht. Das ist nicht spitzfindig, sondern die EWG hat sich seit dem Gesuch mit den Verträgen von Maastricht, Nizza, Amsterdam und Lissabon massiv verändert und wurde 2009 aufgelöst. Erst seit Dezember 2009 gibt es die EU. Und nicht nur die Namen änderten sich, auch diese Staatengemeinschaft ist etwas völlig anderes geworden.

25 Jahre sind eine Generation – eine andere Generation

Jeder Mensch muss sich nach einer gewissen Lebenszeit eingestehen, dass 20 oder 25 Jahre eine Generation bedeuten, dass sich praktisch alles leicht oder stärk verändert hat. Dass er aus seiner Zeit ein wenig herausgefallen ist. Dass deshalb aber auch das, was vermeintlich gleichgeblieben ist, im neuen Zusammenhang anders wirkt oder gar ist. Dies zu erkennen ist schwer, dies zuzugeben noch schwerer.

Es ist die gleiche Verkehrung der Positionen wie zehn Jahre vorher in der Schweiz, als die Unternehmerschaft dem angelsächsischen Modell der Marktbeziehungen feindlich gesonnen war, was mich in jungen Jahren zu ihrem virulenten Kritiker machte. Als sie nach ihrer Bekehrung auf meine Linie (und die Linie aller fortschrittlichen Liberalen) einschwenkte, schien es vielen, der Konflikt habe sich auf meiner Seite aufgelöst. Bescheiden gesagt:

Ich habe gewonnen. Beim Euro habe ich bisher nur Recht gehabt, ohne dass die EU-Politiker sich bekehrten, und dies ist keine grosse Freude. Natürlich hatte nicht nur ich Recht, sondern auch die 60 Wirtschaftsprofessoren, die schon 1992 gegen den Euro protestierten, und wieder 155 Professoren, die sich 1999 klar dagegen äusserten. Robert A. Mundell bekam immerhin den Nobelpreis, und ich war beeindruckt, ihn nach 30 Jahren auf der Foto als würdigen, weisshaarigen Herrn in einem Palast der Toscana wiederzusehen. Nachdem der Euro in Südeuropa aufgelaufen ist, darf der Skeptiker die ethische Gegenfrage stellen: Wenn man den Naturwissenschaftern auferlegt, keine unumkehrbaren Tatsachen zu schaffen, etwa in der Genpolitik, dann war die unumkehrbare Festlegung der europäischen Währung ein Experiment am lebendigen Leib von 300 Millionen Menschen und somit ein Verbrechen.

Meine Kurzdiagnose der EU Die EU ist ein politisches Projekt des parlamentarischen Demokratieansatzes, wonach das Volk die Vertreter bestimmt, die dann laufend die sachlichen,

nicht im Voraus erklärten Sachentscheide treffen. Sie funktioniert nach einer Top-down-Politik: Schwierige Entscheide werden auf EU-Ebene gehievt und von dort den Völkern durch ihre nationalen Politiker als zu übernehmende Pflicht erklärt. Im Falle der EU spielen zwei Eigenheiten der ökonomischen Theorie der Politik («public choice») mit. Diese Eliten sind nicht vom Allgemeinwohl getrieben, sondern wie alle Menschen von dem Interesse bestimmt, Amtsdauer, Ämter, Lobbyzuteilungen, Gefolgschaft und Einkommen zu maximieren. Sodann haben die einzelnen Elitegruppen für sich keine Mehrheit. Doch um zu ihrem Zweck zu kommen, verbinden sie sich in wechselnden Kreuzkompromissen, wodurch die Staatsintervention und die Umverteilungen zwangsläufig ansteigen. Der Lissabonvertrag hebt die institutionellen Grenzen dagegen weiter auf, um mit Mehrheitsentscheiden, gemäss zuvor in Kreuzkompromissen erzwungenen einstimmigen Entscheiden des Rates, neue Gebiete zu regeln. Es kommt hinzu, dass die EU in eine enge, aber unnötige Verbindung mit einem keynesianischen Interventionismus sowie mit dem sozialpolitischen «Immer-mehr-ist-sozialer» eingetreten ist. Der Wirtschaftsverlauf und die gesellschaftlichen Unterschiede sollen vom Staatsbudget mit wachsenden Ausgaben für Ankurbelung und Umverteilung im Detail gesteuert werden. Auch hier entgleist das Projekt aber, weil im Boom nie gespart wird, sodass die Staatsschulden und -defizite notorisch ansteigen. Mit dieser seltsamen, unnötigen Dreifachverbindung aber ist die EU nur das Kind einer gewissen Epoche, sie hat diesbezüglich vergängliche Charakterzüge. Sodann kommt die dekadente Auffassung ehemals reicher, stets wachsender Volkswirtschaften hinzu, dass störende Unebenheiten von den Individuen nicht zu tragen, sondern zu sozialisieren sind. Gleichzeitig führt das anwaltschaftliche Reden der Politiker, wonach die Leute nicht informiert seien und nicht für sich sorgen können, zu immer weiteren Eingriffen in den Alltag und in die Lebenswelt. Damit werden alle Wechsellagen des Lebens vom Kontinentalstaat übernommen, mit verheerenden Wirkungen auf

Bürgerfreiheit, Staatsschulden und Steuerdruck. In der Folge verliert sich die Grunderfahrung, dass Wechsellagen eintreten können, für die niemand etwas kann, dass Krisen das Normale sind und dass die Gesellschaft durch Krisen lernt und nur durch Krisen lernt. Mit dem Harmonisierungswahn ist das europäische Erfolgsrezept, das Historiker herausarbeiteten, verlassen worden. Der Wettbewerb der Lösungen wird mit dem Brecheisen beseitigt, der Wettbewerb der Politiker um aktive Menschen anderer europäischer Länder. Im Gegensatz zum immer einheitlichen China mussten die vielen grossen und kleinen Staaten Europas vom Ende Roms 476 bis 1958 für sich werben. Die Macht ihrer Souveräne wurde dadurch begrenzt. Dieser Wettbewerb senkt die Allmacht der Politik, verhindert den Primat der Politik und bestätigt den Primat der Bürger.

Der Schluss Die EU ist damit ein Projekt, das zufälliger ist, als man denkt, das Grundsätzliches unentmischbar zusammenpappt, nämlich

– die Einigung des Kontinents,

– die übliche Maximierung der Politikinteressen,

– die Top-down-Strategien bloss repräsentativer Systeme,

– den Zeitgeist eines vulgären Keynesianismus,

– eine schrankenlose Umverteilung und

– die Missachtung der Eigenverantwortung der Individuen durch

anwaltschaftliches Harmonisieren. In der Summe ist die EU daher nicht freiheitsstiftend, und gegenüber dem Weltmarkt ist sie wohl auch nicht nachhaltig. Die Frage ist dabei nicht, ob die EU demokratisch sei. Demokratie kennt manche Varianten: Die parlamentarisch-nationale Demokratie, kombiniert mit dem Hinaufreichen von Lösungen an die EU-Ebene, stellt die ausgesprägte Top-down-Mechanik dar, während die Schweiz einen Bottom- up-Verlauf aus Milizparlament, Verbandseinfluss, Souveränität, Neutralität, Volksrechten und «régime d’assemblée» kennt. Das wahre Europa ist die

Europäische Freihandelsassoziation (EFTA). Sie öffnet Europas Märkte diskriminierungsfrei für Güter. Sie könnte dies auch für Personen, Dienste und Kapital ergänzen, sie würde aber für den ganzen Rest wirtschaftspolitischer, steuerlicher, währungsmässiger, arbeitsmarktlicher und sozialpolitischer Massnahmen den Wettbewerb der Lösungen aufrechterhalten. Was den Frieden in Europa seit 1945 betrifft, so erklärt er sich aus dem endlich demokratisch gewordenen Deutschland, das die Kriege 1866, 1870, 1914 und 1939 als Diktatur gestartet hatte, sowie aus dem Schutzschirm der NATO. Aber der Friede rührt nicht aus EWG, EG, EU.

Bezüglich des Grades an Demokratie in der EU kommt es ausserdem auf ihre Praxis an. So hat die EU-Mitgliedermehrheit die Engländer in die Richtlinien zur Arbeitszeit und Temporärarbeit gemobbt, obwohl sie dagegen waren und es an sich die Einstimmigkeit brauchte. In der Krise des Euro im Mai 2010, und vorher schon 2005, wurden wichtigste Vertragssätze gebrochen, nämlich das ausdrückliche Verbot der Budgethilfe an verschwenderische Mitgliedsländer in Artikel 125 und die Beschränkung der Europäischen Zentralbank auf solideste Papiere als Gegenwert zur Geldausgabe. Sie kaufte sogar griechische Schmuddelobligationen auf. Trotz vieler neuer Mitglieder zeigt sich neuestens noch stärker als früher, dass die wichtigen Entscheide immer nur von Frankreich und Deutschland vorgespurt sind. Diese «Union durch das Recht» ist eine panikerfüllte, kostspielige und gleichmacherische Agentur geworden. Sie ist mit dem Rest der Welt aus dem Tritt, sie steht im Alleingang. Die Schweiz ist aber im Weltgang.

Kapitel 6

Die Umwelt wurde zur «Frage»

«Wenn es nicht mehr stinkt, dann stinkt es!» Das war der tapfere Spruch, welcher in den 1950er- und 1960er-Jahren klar zeigte: Erst kommt das Wirtschaftswachstum, dann die Umwelt. Damals wechselte das Wort Umwelt überhaupt erst den Inhalt und wurde vom Begriff der Mitwelt zum Schlüsselwort der Ökologie. In der Ostschweiz hörte ich den Spruch erstmals in Rorschach, wo die Feldmühle etwa 3000 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigte, v. a. Italiener und Spanier, und wo Tag und Nacht, jahraus, jahrein ein intensiver Gestank von Kunstseide hing. Und das war kein Kunstgeruch, sondern einer wie auf dem WC. Das Berner Länggassquartier wurde angenehmer, aber auf die Dauer, sehr zum Abgewöhnen, von Schokoladenduft umhüllt. Bauplätze für Einfamilienhäuser an der Strasse waren begehrt, weil es so bequem war. Noch heute sieht man einfache Giebeldachhäuschen aus den 1950er-Jahren, die direkt an der Strasse liegen, aber durch die enorme, damals nicht vorausgesehene Verkehrszunahme entwertet sind. Meist hat seither überdies der Kanton die Strasse ruchlos zulasten der ehemaligen Vorgärten verbreitert. An schönen Aussichtslagen entstanden Restaurants mit guter Zufahrt, was wohlgefällig vermerkt wurde. Der Bach hinter der Buntpapierfabrik Walke in Herisau erfreute uns Kinder mit seinem Farbenspiel. Einmal war er intensiv blau, dann rot, dann weiss. Gleich daneben lag das Tälchen Kammernholz, wohin man den ganzen Abfall der Gemeinde schüttete und wo die Ratten hausten. «Das gibt Arbeit und Verdienst» war ein anderes Wort, das die aufkommenden Bedenken immunisierte, wenn neue Felder überbaut und neue

Kamine errichtet wurden. Gleichzeitig glich die einfache Gesellschaft und Wirtschaft damals jedoch noch viel stärker jener der Zwischenkriegszeit als der gegenwärtigen, reichen und verschwenderischen Wohlstandsgesellschaft. Man verhielt sich ökologisch in vielem, weil man ganz einfach sparsam war. Kleider wurden mehrfach geflickt, und der Spruch dazu hiess, das sei keine Schande. Es galt die Devise «geflickt, aber sauber». Meine Mutter machte, sobald ich den Windeln entwuchs, einen Bubenhosenkurs, sie nähte meiner Schwester die Röcke und strickte die Strümpfe für uns beide aus Wolle, hochgehalten mit dem Trägerleibchen unter dem Pullover (dem «Gstältli»). Im Kindergarten trugen alle Kinder, auch die Buben, kleine Schürzen. In den ersten Jahren der Schule, wie richtige Bürolisten, Ärmelschoner. Meine Mutter erzählte gar, dass die Grossmutter in den 1920er-Jahren die Wintermäntel für die Kinder strickte, was den Wind kaum abhielt. Für die Mädchenröcke bestellte sie Stoff bei Tuch Ackermann im Entlebuch und liess diesen durch eine Schneiderin auf der Stör nähen. Deshalb tragen auf den Fotos jener Zeit die vier Schwestern alle gleiche Röcke. Es gab im Toggenburg eben keine Läden mit Kinderkleidern. Da meine Grossmutter nicht reich war, kann man sich vorstellen, wie tief der Lohn der Schneiderin war. Als ich in unserer Zeit für unsere zehn- und zwölfjährigen Buben das jeweils dritte Kinderfahrrad kaufte, erinnerte ich mich daran, wie wir Buben Radfahren lernten, nämlich mit dem Herrenrad der Väter, ein Bein zwischen den oberen und unteren Rahmenstangen durch auf das andere Pedal gedrückt. Papier und Altmetall packten meine Schwester und ich als Kinder auf den kleinen Leiterwagen und brachten es zum Lumpensammler Fitze, was jedes Mal so 2, 3 Franken einbrachte. Die Männeranstalt Kreckelhof in Herisau sammelte sogar jede Woche mit dem «Sauwägeli», von einem Behinderten und seinem Hund gezogen, die Küchen- und Gartenabfälle ein, um sie ihren Schweinen zu verfüttern. Die heutige Sorge um das flächendeckende Einsammeln der Grünabfälle aus den Wohnquartieren wendet sich wieder zurück zu jenen sparsamen Zeiten, die

Zwischenzeit der sorglosen Verschwendung war nur Episode.

Holz, Pferde, Bauern – so schnell verschwunden wie in China

Die Materialien waren allgemein stark und haltbar. Vor der Verbreitung des Bakelits waren Haushaltsmaschinen und -geräte in Blech und Eisen gefasst. Viele Verschalungen, Stiele, Griffe und Räder stammten noch aus der bäuerlichen Welt des Holzes als eines überall verfügbaren, leicht formbaren Basisrohstoffs. Leder, Wolle und Pelzstücke waren in den Kleidern versetzt, glatte Flächen und Fenster wurden mit Hirschleder geputzt, das jahrelang vorhielt, Möbel und Wandverkleidungen kamen in vollem Holz, nicht mit furnierten Sägemehlplatten daher und konnten nach dem Abbruch als Platten, Tablare und Bretter weiterverwendet werden. Dass man Häuser auf Rollen verschob anstatt abbrach, war keine Seltenheit. Die Milch brachte in den frühen 1950er-Jahren der Bauer selbst vorbei, eine, zwei Stunden vorher ausgemolken aus seinen Kühen. Liess man sie stehen, bildete sich eine dicke Rahmschicht obenauf. Im Mai waren Milch und Butter gelb, vor lauter Blumen, welche seine Kühe am Lutzenland auf 900 Meter über dem Meer frassen. Was heute verdünnt aus den Milchzentralen in die Läden kommt, entspricht blosser Milchpanscherei, für die der Bauer damals ins Gefängnis und, schlimmer, in die Volksacht gekommen wäre. Der Sicherheitswahn wegen allfälliger Krankheiten zwang später die Bauern, ihre gute Milch in solche Zentralen abzuliefern, welche sich selbst am Rahm bedienen. Der Milch- und der Brotpreis waren damals streng reguliert und zählten sich in ungeraden Rappen, z. B. galten lange Jahre 37 Rappen für ein Pfund dunkles Brot. Diese Produkte beschlugen noch einen fühlbaren Teil der Haushaltsausgaben. Wenn der Bundesrat in den 1950er-Jahren den Milchpreis anheben wollte, versammelte sich, so erzählte man mir, der Vorstand des

Gewerkschaftsbundes, um eine so schwerwiegende Frage zu erörtern und bei der Regierung eine Eingabe zu machen. Die Fuhrwerke waren in den 1950er-Jahren noch ein vertrautes Bild. Bauern aus dem Fürstenland klapperten im Herbst damit die Bürgerhäuser Herisaus ab und verkauften Äpfel, Zwetschgen und Kartoffeln. Die Appenzeller Bauern mühten sich nicht mit solchen Äckern und Bäumen ab, sie zogen Vieh und Milch, sonst nichts. Fuhrwerke waren lange Zeit das Zeichen auch der Brauereien. Und diese lieferten nicht nur Bier bei Wirtschaften und Privaten ab, sondern auch Eisbarren für die Kühlräume, die ohne Strom funktionierten. Der Fischereiladen Anker in Herisau kaufte solche Eisbarren, legte sie in grosse Holzkisten, klemmte die Fischvorräte dazwischen und überdeckte alles mit Sackleinwand. Die Fischschwänze guckten allerdings hervor und nahmen nach gewisser Zeit etwas Geruch an. Einmal in der Woche, am Donnerstag, öffnete Witwe Brändli ihre Kuttlerei. Die Magenwände hingen an Fleischhaken von den Wänden, und so wie wir Kinder in der Metzgerei ein Wursträdchen erhielten, so teilte sie ein handtellergrosses, rohes Stück Kuttelwand aus, das die Kinder wie Kaugummi kauten (ich nicht). Auch die Müllabfuhr der Gemeinde setzte zwei Pferde als Kraftquelle ein. Als Zugtiere dienten bei den Milchmännern und Milchbauern auch grosse Bernhardiner- und Sennenhunde. Alte und junge Leute mit Leiterwägelchen waren ein vertrautes Bild in den Strassen. Doch innerhalb etwa 15 Jahren war diese bäuerliche, jahrtausendealte Mobilität von den Autos verdrängt und weggefegt. Ich sage es nochmals: So schnell wie heute in China. In Mailand fuhren wir 1955 mit dem Auto direkt vor den Dom. 15 Jahre später wanden sich die Autobahnen spaghettimässig rund um Mailand. Peking wiederholt dies heute.

Holz, Kohle und der Wechsel zum Öl in nur 20 Jahren

Innerhalb gut 20 Jahren wechselten sich drei Heizenergien ab. In den frühen 1950er-Jahren heizten im Appenzellerland noch viele Haushalte mit Holz. Kohlenheizungen waren schon fast ein Privileg grosser und neuerer Häuser. Die Kohlen wurden im Herbst angeliefert, und aus den Lastwagen mit Rutschbahnen durch die Kellerfenster in den Kohlenkeller abgelassen. Die Kohlepartikel stiegen aus den Kaminen und fielen auf Fassaden und Wäsche. Als ich 1965 einen guten Monat lang als Zimmerbursche in Paris arbeitete, enttäuschten mich die Haussmannboulevards, deren prächtige Häuser alle tiefschwarze Fassaden hatten. Nur in einigen Strassenzügen begann man, diese Fassaden abzuspritzen und ihr helles Ocker hervorzuholen. Auch die alten Kathedralen in den europäischen Städten waren damals einfach schwarz. Wer noch mit Holz heizte, war gezwungenermassen sparsam mit Wärme, denn man musste das Holz sägen, spalten, aufbeigen, dann hinauftragen, einfeuern und über die Flammen wachen. Mein Grossvater besorgte diese schwere Arbeit. Die Grossmutter heizte im Winter täglich den grossen grünen Kachelofen der Stube von der Küche aus mit einem «Büscheli» ein – ein zusammengebundenes Bündel aus feinen und groben Scheitern. Nach zwei Stunden strahlte der Ofen erste Wärme ab. Das war’s. In der Küche wurde es durch den Kachelofen und den Holzherd ebenfalls warm, und abends legte man die Kirschsteinsäcke ins Ofenrohr und rannte im Pyjama mit ihnen an der Brust ins eiskalte Schlafzimmer des oberen Stocks. Noch im Wiederholungskurs Anfang der 1970er-Jahre lag meine Kompagnie in den Zimmern eines ehemaligen Schulhauses im Jura, bei 20 Grad minus. Überall wurde nachts ein kleiner Holzkanonenofen geheizt, und abwechselnd musste einer als Brandwache sowohl Holz nachschieben als auch mit einer brennenden Kerze davorsitzen, um zu sehen, ob noch genug Sauerstoff da war. Zu Hause war das 1952 gekaufte Haus auch nur mit Holz beheizt, unsere Wohnung mit dem Kachelofen der Stube, ebenfalls aus der Küche bedient, und im Büro des Vaters mit einem Arboniaofen, der unermesslich Wärme abgab – solange man Holz zusteckte. Dann baute mein Vater die Zentralheizung ein, die aber abwechselnd mit Öl und mit Kesseln voll Holzspänen geheizt wurde –

vor bald 50 Jahren schon. Heute kehren die Holzschnitzelheizungen als grosse Neuerung zurück. Das Öl begann seinen Siegeszug Ende der 1950er-Jahre. Es löste Holz und Kohle rasch ab. Erste Zeichen waren die kleinen Ölöfen, welche einzelne Zimmer heizten und furchtbar stanken, wenn man beim Zugiessen das Öl verschüttete. In meinem Berliner Studierzimmer war ein solcher Ofen, nebenan bei einem Studienkollegen wurde noch mit Kohle in einem kleinen Kanonenofen geheizt. Dazu erhielt er Gutscheine für Kohle, die wir zusammen mit einem Kessel beim Kohlesozialamt abholen mussten: der deutsche Sozialstaat der 1970er-Jahre, mit Objekthilfe, also mit Unterstützung in Materie, statt in Geld. In jenen Jahren schützten sich alle Häuser ausnahmslos mit Vorfenstern, die man im Frühjahr und Herbst aus- und einhängte. Manche Experten halten dieses System für sehr energiesparend, und es braucht keine teuren Metallrahmen. Hatte es Spälte, stopfte man lange Polsterschlangen zwischen Fenster und Vorfenster. Vorfenster und Aussenläden waren auch gut dazu geeignet, um die Gläser mit selbstgemachtem Yoghurt nachts dazwischenzustellen. Man hatte sie mit Milch gefüllt, einen Löffel Yoghurt vom Vortag draufgegeben – und dann war, dank langsamem Abkühlen, wieder ein neues Yoghurt da. Für mehr Geschmack rührte man einen Löffel Konfitüre ein. Keine Aludeckel, keine Transporte, keine Fabriken. Kirchen, Zeughäuser, Markthallen und andere grosse öffentliche Gebäude waren nicht oder nur ganz wenig geheizt. Wer dies erlebt hat, sieht heute die stets von Riesengebläsen erhitzten Hallen, Ausstellungen und Versammlungen als Energieverschwendung an. Unser erstes Auto, ein Renault, hatte keine Heizung. Wir wickelten uns beim Sonntagsausflug in Mäntel oder Wolldecken ein. Im Winter musste der Vater den Motor vorne mit der Kurbel anwerfen, dann mit einem raschen Satz einsteigen und Gas geben. Die Eisbahn in Herisau wurde auf dem flachen Gelände neben der Kaserne über Nacht mit Wasserspritzen erzeugt. Wir befuhren sie mit den an die

Skischuhe angeschraubten Kufen. Eine offene Holzbaracke bot Bänke und einige Haken fürs Umkleiden. Dieser Raum und der kleine Raum des Kassiers waren mit einem Holzofen erwärmt. Heute steht an gleicher Stelle ein Sportzentrum mit einer gedeckten enormen Eisbahn, die fast rund ums Jahr betrieben wird, mit Schwimmbad, Sauna, Krafträumen und Sporthalle, dazu mit Theorieräumen, Restaurant und Garderoben. Die Energiebilanz früher und heute dürfte etwa 1 zu 100000 betragen. Ausserdem wanderten wir damals zur Eisbahn, heute fährt man mit dem Wagen hin. Als wir Mitte der 1950er-Jahre in unserem Haus die Wasserspülung für die fünf Wohnungen einrichteten, musste mein Vater einen enormen Überlauftank aus Betonröhren mehrere Meter tief in die Erde ausheben lassen, weil es noch keine geeignete Kanalisation gab. Dieser Tank wurde, wie alle Güllenkästen der Häuser, regelmässig von der Gemeinde oder von Bauern geleert. Die Bauern hatten bei diesem Fuhrwerk zwischen den zwei Pferden einen halbfeuchten, angezündeten Sack hängen, der langsam mottete und den Pferden die Fliegen vom Kopf verscheuchen sollte. Alles zusammen stank bestialisch. Doch irgendwie dachte man in Kreisläufen, machte Wiederverwendung, aber eben eher aus Sparsamkeit oder Notwendigkeit. Die Wandlung von der fast mittelalterlichen Holzwärmegesellschaft zur wohlig umheizten Komfortanstalt fand wirklich innerhalb von nur gut 20 Jahren statt und wurde zu einem ölgesponserten Zivilisationswunder.

Erste Unruhe

Allzu rosig darf man die altväterliche Solidität aber auch nicht sehen. Was einmal gebaut und produziert war, blieb jahrzehntelang im Gebrauch, also auch giftige Wand- und Gerätefarben, Autos mit schlechtem Wirkungsgrad und Häuser mit dünnen Wänden. Wer noch erlebt hat, dass sich auch Geräte, Gehäuse und Möbel abnutzen, staunt heute über die elektronischen

Schreibgeräte, Mobiltelefone und Speicher- und Suchfunktionen der PCs, welche sich materiell gesehen überhaupt nicht abnutzen. Hunderttausend Mal kann man sie betätigen und abrufen. Sie verfallen nur technisch, durch die anlaufenden Verbesserungen, die Beschleunigungen der Programme und die Chips. Grosse und sichtbare Eingriffe in die Natur verstörten schon damals. Gegen die Wasserkraftprojekte am Spöl und bei Rheinau liefen in den 1950er-Jahren epische Abstimmungskämpfe, ebenso für den Nationalpark. Das waren eher punktuelle Abwehrhaltungen. Eine kritische Sicht mit System versuchte die Studie des Club of Rome 1972 mit dem Titel Die Grenzen des Wachstums. Dabei argumentierte sie aber v. a. mit der Inputseite, nämlich dass schon bald das Quecksilber, das Öl und viele andere Stoffe knapp würden. Das war nicht der Fall, und es dementierte ein erstes Mal die allzu hysterischen Umweltsorgen. Das ebenfalls folgenlose Waldsterben Mitte der 1980er-Jahre war ein zweites richtungsloses Fanal. Neuerdings, mit der Debatte um den Grad menschlichen Anteils an der Klimaänderung, argumentiert man mit der Outputseite: Es gelangten zu viele Schadstoffe in die Luft. Stimmt es diesmal? Die bukolische Landschaft der Schweiz gehört zum Selbstbild wie zum Fremdbild des Landes. Doch schon in den 1950er-Jahren materialisierte sich der neue Reichtum der Schweiz in Ziegeln und Beton, und die Bauten frassen sich in diese Landschaft. Schon die ersten Ausfahrten mit dem ersten Auto liessen meine Eltern rund um Zürich ausrufen: «Aber da waren doch vorher noch Wiesen!» Doch der gleiche Vater fand oft auf einer Anhöhe, da gehöre doch nun wirklich ein Ausflugsrestaurant mit Terrasse und Parkplatz hin. Er selbst war auch glücklich, die rasch aufgelaufenen Geschäftserträge 1961 in Wohnblöcke stecken zu können. Doch mit der Zeit störte sich allein schon das Auge am Resultat – überall brach man die schönen alten Häuser ab, überall baute man die gleichen Blöcke, und überall konstruierte man Strassen. In Herisau verkündete der Gemeindebaumeister an einer Orientierungsversammlung, man sei jetzt modern und schreibe Flachdächer vor. Ich protestierte als 20-Jähriger zusammen mit, wie mir schien, uralten

Leuten offen dagegen. Der Baumeister war am längeren Hebel. Im historischen Ortskern wurden riesige, flach gedeckte Kuben hingewuchtet. 1973 fand der intellektuelle Aufstand statt. Jörg Müller schuf seine grossen Faltblätter mit dem Titel Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder. Der Architekt Rolf Keller dokumentierte mit einem Fotoband das Bauen als Umweltzerstörung. Auch ich versuchte, mit Artikeln und Reportagen gegen die Bauwut anzuschreiben. Im Wallis interviewte ich 1976 den Baulöwen und Gemeindepräsidenten Barras, der Crans-Montana politisch mit 90 Prozent der Stimmen an der Urne und wirtschaftlich als Generalunternehmer beherrschte. Mit seinem enormen Amerikanerwagen führte er mich stolz umher, zeigte auf die gigantischen, dreieckigen Wohntürme und nachher auf diskret hinter Tannen versteckte Grosschalets: «Là, j’ai mis Aznavour et le Grand-Duc du Luxembourg.» Er machte privat die Ortsplanung. Doch schon damals hatten Studien gezeigt, dass die Hotels ein Vielfaches an Arbeitsplätzen boten als Zweitwohnungen, und zwar für Bruchteile an geopfertem Land. Im Wallis war Widerstand zwecklos. Das erfuhr auch der Dichter Maurice Chappaz, der in seinem Pamphlet schon Anfang der 1970er-Jahre die Baulöwen als «die Zuhälter des ewigen Schnees» bezeichnete. Es brachte ihn um seinen Heimatruhm. Wie nur wenige brachte Chappaz es fertig, von der Freude über das herrliche Wirtschaftswachstum zur Sorge um die Landschaft umzusteigen. Denn noch 1959 hatte er ein elegisches Werk über die weltgrösste Staumauer der Grande Dixence verfasst. Die bukolische Schweizer Landschaft kippte innerhalb von gut zehn Jahren unter dem Beton und der Autowelle in die Verhäuselung. Im Wallis spielte auch die Eigentumsform der Realteilung den Landverwertern in die Hände – die Grundstücke waren durch Erbteilungen über die Jahrzehnte klein, aber in viele Hände geraten. Nur wenn überall in der Gemeinde gebaut werden durfte, kam jeder auch zum Zuge. Als Anfang der 1980er-Jahre das Gesetz gegen Grundstückverkäufe an Ausländer verschärft wurde, brachte ich eine zustimmende Vernehmlassung des SGB durch die Instanzen. Doch der Walliser Sekretär der Baugewerkschaft tobte

und verlangte, dass ich in ein Restaurant nach Sierre komme, um sich auszusprechen. Ich trat in dessen Sitzungszimmer – und fand mich vor dem Gewerkschaftssekretär, aber auch vor den Vertretern der Walliser Handelskammer, der Touristik, des Gewerbevereins und der Verwaltung. Sie donnerten mehr als drei Stunden auf mich ein. Ob Landesausstellungen eine Folge oder eine Ursache im Bewusstsein eines Landes seien, wird in manchen Studien erforscht. Der Expo 64 gelang es, ein erstes Unbehagen gegenüber der Güterfülle und ihren Überresten zu erzeugen. Man schwebte auf einem Sessellift durch eine Wunderwelt der Konsumgüter, man wurde aber auch vor einen heftigen Film mit Unrat, Schmutzgewässern und Abfällen gestossen. Damals begann Gemeinde um Gemeinde, Kläranlagen einzurichten, und die Stimmbürger sagten zu den insgesamt enormen Aufwendungen überall Ja. Doch immerhin begann damit nachträglich der korrigierende Umweltschutz.

Die Politik in Bern versucht sich an der Umwelt

Auf Bundesebene wurden zuerst Mitte der 1970er-Jahre die systematischeren Zugriffe des Gesetzgebers abgeschmettert: das erste Umweltschutzgesetz im Parlament, die Raumplanung im Volk. Das Umweltgesetz soll, wie auch andere Gesetze aus seiner Hand, der damalige Nationalrat Leo Schürmann über ein Wochenende kurz und knapp verfasst haben. Damals war die Legislative noch Gesetzgeber, sie bestellte nicht Berichtchen und wartete nicht auf die Verwaltung wie heute. Ein gewisser Ersatz für die grossen Regeln waren die Spezialgesetze, nämlich einerseits das Forstgesetz von 1904, das einen Teil der Landschaft rettete, und der Gewässerschutz, der gemäss schweizerischer Dezentralisierung von Gemeinde um Gemeinde mit immer besseren Kläranlagen wirksam verwirklicht wurde. Mein heutiges Wohnhaus liegt am Wohlensee, nur 3

Kilometer unterhalb der Kläranlage für etwa 200000 Einwohner der Region Bern, und das Aarewasser hat dennoch Trinkwasserqualität. Als wir aber als Buben Anfang der 1960er-Jahre im Bodensee badeten, versanken die Füsse bis weit über die Knöchel im Morast. Heute geht diese Schlammschicht auf weniger als ein Drittel zurück und ist auf weiten Strecken sogar ganz verschwunden. Das sind wichtige Erfolge der Umweltpolitik. Der Wohlensee bildet die Wasserreserve für das Kraftwerk Mühleberg, wo auch das erste Atomkraftwerk der Schweiz angesiedelt wurde. Die sternförmig ins Land laufenden Stromleitungen waren ja schon da. Die Frage der Atomkraftwerke spaltete dann das Land ab Mitte der 1970er-Jahre. Vor dem Kongress des SGB 1986 in Lugano erlebte ich aus der Nähe, wie sogar die einzelnen Verbände gespalten waren. Die Metall- und Maschinengewerkschafter und auch manche Vorstandsmitglieder sahen in den neuen Riesenanlagen Chancen für viele Arbeitsplätze, und die Energiekonzerne bearbeiteten die Vertreter in dieser Hinsicht. Mein Kollege Benno Hardmeier musste mit unendlicher Geduld in den Vorbereitungssitzungen der SGB-Energiekommission einen tragbaren Kompromiss zwischen diesen direkt interessierten Arbeitnehmervertretern und den unbelastet opponierenden Druckern, Journalisten und Linken austüfteln. Nach dem Unfall im Atomkraftwerk Tschernobyl 1986 schwenkte der SGB-Kongress auf die atomkritische Seite. Aber auch Bundesrat Willi Ritschard antwortete vorher einmal auf meine Kritik an Atomkraftwerken im persönlichen Gespräch mit folgenden Worten: «Aber Beat, was machen wir, wenn alle Fabriken stillstehen, weil kein Strom da ist?» Ich roch wegen seiner persönlichen Nähe zum sozialdemokratischen Bundesrat hinter diesem schlagenden Argument das intensive Wirken des damaligen Atomzaren Michael Kohn. Rein liberale Gründe sprechen übrigens gegen Atomkraftwerke. Diese tragen ihre Kosten nicht, sondern externalisieren sie, wie viele Umweltschädiger. Sie tragen nicht die vollen Versicherungskosten für den schlimmstmöglichen Fall, was man sonst von jedem Gewerbler oder

Festhüttenbetreiber verlangt. Und die nicht gelöste Endlagerung der strahlenden Abfälle verlagert Kosten und Folgeschäden auf mehrere Tausend nachfolgende Generationen. Aus der verfahrenen Lage um das geplante Atomkraftwerk Kaiseraugst, wo die Besetzung des Geländes durch die Gegner und eine militärische Antwort darauf erwogen wurden, rettete Christoph Blocher das Land. Als Nationalrat trat er mit drei anderen Parlamentariern der bürgerlichen Seite an einem Märzmorgen 1988 auf und verkündete, das Atomkraftwerk Kaiseraugst werde nicht gebaut. Innerhalb von Stunden schwenkten alle bürgerlichen Politiker und der Bundesrat darauf ein, als ob sie nicht am Vortag noch unerbittlich positiv gewesen wären. Für mich zeigte sich an diesem Fall, dass die Schweiz mit einem Programm zwischen den Regierungsparteien gut und effizient regierbar würde.

Den Einzelnen soll man nicht dispensieren

Anfang der 1980er-Jahre kam nach der deutlichen Konjunkturdelle doch auch das systematische Suchen nach wirtschaftlichen Vorwärtsstrategien auf:

Standort-, Währungs-, Regional- und Innovationspolitik wurden studiert, erörtert, auf unzähligen Symposien debattiert und dann in Gesetze gegossen. Am Fernsehen kam damals zu Jahresbeginn jedes Mal eine Elefantenrunde aus den vier, fünf grössten Wirtschaftsverbänden zu Wort, und jeder Vertreter musste eine Wachstumsprognose für das anbrechende Jahr abgeben. Ich tippte für die Jahre 1983, 1984 und 1985, als deutliche Zuwachsraten absehbar waren, immer auf 0 Prozent und sagte als Begründung, zwar wachse die messbare Volkswirtschaft um 2, 3 Prozent, aber die gleichzeitigen Umweltverschlechterungen frässen alles wieder auf; auch dies müsse man berücksichtigen. Diese kleine Provokation fiel aber stets ins Leere, weil sie nicht ins Schema links/rechts, arm/reich, Arbeitnehmer/Arbeitgeber und

Macht/Ohnmacht einzuordnen war. Was nicht in diese Schubladen passt, übergehen meine lieben Kollegen in den Medien oft in grosser Verlegenheit, denn solches ist nicht vorgesehen. Ich bin öfter am welschen Radio und Fernsehen als in den deutsch-schweizerischen Häusern eingeladen und geniesse dort die spontane Art der Journalisten, die Unerwartetes sofort packen. Den Kontrast dazu bilden die Kärtchen, auf welche manche Radiojournalisten in Bern ihre Fragen in Dialekt aufschreiben und dann ablesen. Auch machen sie Sendungen oft Wochen vorher ab, während welsche Moderatoren noch zehn Minuten vor der Sendung die Themen ändern und einem dies übers Mobiltelefon mitteilen. Solches erlebt man auch als Umwelt, hat aber nur im übertragenen Sinn mit Staub oder frischer Luft zu tun. Bezüglich der Ökologie aber waren dies die Zeiten, als man um Gesamtkonzeptionen zur Energie, zum Verkehr und zur Kommunikation rang und als die weitere Umweltgesetzgebung erst anrollte. Heute kippt die schweizerische und europäische Umweltpolitik mit immer neuen Vorschriften und Vorkehrungen in die anwaltschaftliche Sicherheitsmanie über. Erleuchtete Politiker, Beamte und Spezialisten aus Umweltverbänden entdecken immer neue Gefahren und wollen alle davor schützen, anstatt die Bürger sich selbst schützen zu lassen – oder auch nicht. Viele Gefahren sind nicht systemische Weltbedrohungen, sondern allenfalls individuell bedenkliche Wirkstoffe. Sie sollen individuell ertragen oder abgewehrt werden. Dann soll man ruhig die Krankenkassen- oder Unfallversicherungsprämien und die Schadensleistungen diesem individuell gewählten Schadenspfad anpassen: mit höheren Prämien, mit tieferer Schadendeckung für Raucher und bewegungsarme Dicke, für zu risikohafte Kletterer, Raser, Sonnenanbeter, Bewegungsfaule und Hundehalter.

Kapitel 7

Woher wir kommen

Vor dem «sozialdemokratischen Zeitalter», wie Ralf Dahrendorf die zunehmende Umverteilung und den Interventionsstaat zusammenfasste, hatte man ein unaufgeregtes Verhältnis zu Unterschieden. Einige Schlaglichter seien darauf geworfen, und zwar ohne dabei ein einziges Mal das Wort «sozial» zu benutzen, denn es ist abgenutzt. Es muss heute ausgedeutscht werden und sollte abwechselnd bedeuten: gesellschaftlich, umverteilend, einebnend, progressiv besteuernd, positiv diskriminierend usw. Das Erst- und Zweitklassschulhaus unseres Quartiers war das Waisenhaus von Herisau. Es gab darin zwei Klassenzimmer im ersten Stock. Auch die Waisenkinder besuchten daher diese Klassen, über welche Fräulein Mathilde König den Stock schwang (nur im übertragenen Sinne den Stock, denn sie prügelte mit den Fäusten). Neben den Waisenkindern sassen auch wir Kinder aus dem eher bürgerlichen Quartier der Kreuzstrasse und des Ebnet sowie in meiner Klasse die spätere Erbin eines grossen Teils von Huber und Suhner, der grössten Firma des Kantons. Die Waisenkinder hatten im Winter sehr grob gestrickte Pullover und gingen vom Frühsommer an schon barfuss, um Schuhe zu sparen. Nachmittags und samstags mussten sie im grossen Garten oder im Schopf des Waisenhauses arbeiten. Wir trafen sie daher nie in der Freizeit an, weder beim Herumstreifen im Dorf noch auf den Turnplätzen der Realschule noch bei der Buntpapierfabrik Walke am Mittwochnachmittag. Dort fand sich fast ganz Jungherisau ein, weil uns von einem Arbeiter ab der Rampe Rollen farbigen Restpapiers zugeworfen wurden. Wenn in der Schule die Heftbeige von der Lehrerin korrigiert auf dem Pult wartete, sah man die Hefte der Waisenkinder von Weitem, denn sie waren in Zeitungspapier eingefasst, während wir entweder Walkepapier hatten oder

von der Lehrerin für 5 Rappen die Umschlagpapiere des Bäckermeisterverbandes kauften. Mit solchen Zeichen erkannten wir Kinder lange vor dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu «la distinction», den kleinen Unterschied. Das erste Mal tauchte ich in einen wirklichen Ausdruck von Armut ein, als wir mit etwa zehn Jahren Pro-Juventute-Marken verkaufen mussten. Ich klapperte alles ab und trat auch in die langen düsteren Holzgänge des Heinrichsbads ein. Dies war ein seit Jahrzehnten stillgelegtes Kurbad, dessen früher viel besuchte Quelle nach einer Strassenreparatur Anfang des 20. Jahrhunderts versiegt war. Die Architektur des Komplexes inklusive Kapelle zeugte noch vom Luxusgeist der Belle Epoque. Der bauliche Zustand aber war lamentabel, und in den Gängen stank es von Fäulnis und Urin. An einer der hotelmässig im langen Gang angeordneten Türen klopfte ich, wurde aber nur von einer schlecht gekleideten dicken Frau mit vier schreienden Kindern hinter sich abgewiesen. Sie war Briefmarken mit Aufpreis gegenüber natürlich verständnislos. Heute weiss ich, dass dies die Notwohnungen der Gemeinde waren. Waisenhaus und Notwohnungen für Wohlfahrtsempfänger, das waren zwei Institutionen der damaligen staatlichen Hilfe. Die dritte lag auch in unserem Quartier. Es war das Bürgerheim. Damals gingen nur mittellose alte Leute in ein öffentliches Altersheim, meist in ihrer Heimatgemeinde. Entsprechend ärmlich, hustend und schwankend kamen mir die Gestalten dort auch vor. Als wir 1955 unser erstes Auto hatten und mobil wurden, besuchten wir Fräulein Leuzinger, die alte Glättnerin der Familie meines Vaters, im Altersheim in Glarus. Sie lag mit fünf anderen Insassinnen im selben Zimmer. Das Nachttischchen und ein schmaler Wandkasten waren alles, was ihr noch zustand. Sie weinte jedes Mal, sobald wir uns zum Abschied anschickten, was mir als Kind in die Seele schnitt. Die vierte Institution, ebenfalls im Quartier, waren das Bezirksspital und etwas darüber gelegen das Absonderungshaus, das Abs genannt wurde. Dorthin wurden vor der Verbreitung der Antibiotika die Kranken mit ansteckenden Leiden gebracht. In jenen frühen 1950er-Jahren hatte mein Vater

eine seiner hartnäckigen Anginen, bekam vom Arzt erstmals Penicillin und war sofort gesund. Das wurde als unglaubliche Erleichterung empfunden, und man sprach gegenüber Bekannten und Freunden ehrfürchtig aus: «Er hat Penicillin bekommen.» Die fünfte Institution war eine eidgenössische, die gleich nebenan lag, nämlich das riesige Zeughaus. Die sechste, wieder daneben, war die Kälbleinhalle mit den langen Stangen des Kälbermarktes davor. Freitags war Kälbermarkt. Der Platz unter den Linden belegte sich mit dicht gedrängten Reihen von Kälbern an diesen Stangen. Darüber schwebten bald schon der Geruch von Mist und das unaufhörliche Muhen der Viecher. Eine Blechtafel an der Halle verlangte:

«Schonet die Tiere.» Überall standen die Bauern in ihren appenzellischen Werktagstrachten, also in dickem, braunem Tuch, viele mit dem «Lindauerli», der gedeckten, nach unten hängenden Pfeife, die Hände im Hosensack. Sie verhandelten mit den Viehhändlern, die an ihren blauen, meist offen flatternden Berufsschürzen und hohen Gummistiefeln erkennbar waren. Die Bauern dagegen trugen, um zu sparen, ihre genagelten Militärschuhe aus. Überall konnte man den Markt in Reinkultur sehen – die Männer, wie sie feilschten, dann den Handschlag machten, wie das Bargeld die Hände wechselte und wie dann die Kälber zu Dutzenden auf die wartenden Lastwagen der Händler getrieben wurden. Die Bauern selbst brachten ihre Kälber aus abgelegenen Dörfern zu Fuss oder in ihren hölzernen Traktoranhängern her. Nachher gingen sie froh gestimmt in die vielen Wirtschaften nebenan, und bis spät in den Nachmittag oder gar Abend klangen die Lieder und «Zäuerli» heraus. Auch ein billiger Jakob fehlte selten. Sein Stand hatte einen grossen leeren Tisch, und er griff sich einen der umstehenden Bauern heraus, zog ihn an den Tisch, pries Hosenträger, Stallseile, Melkfett an und knallte eine Tafel Schokolade dazu, ging mit dem Gesamtpreis ein Zehntel herunter, dann knallte eine zweite Schokolade, nochmals alles für ein Zehntel weniger, eine dritte Schokolade und noch 2 Franken weniger – bis der Bauer einknickte und

zahlte. So hatte er doch auch ein Mitbringsel, «en Chrom», für die Lieben zu Hause. Bei unserem Lehrer Heinrich Altherr schrieb ich einen Aufsatz über den Viehmarkt und kritisierte darin die Händler, welche störrische Tiere manchmal am Schwanz aufhoben und schoben. «Beinahe hätte ich etwas gesagt», hörte der Aufsatz auf. Der Lehrer las ihn vor und ermahnte mich und alle anderen sehr eindringlich, dass es nicht dabei bleiben dürfe, sondern dass man auch laut sagen müsse, was einen störe. It was not lost on me. Zuoberst an unserer Strasse lag der Friedhof, und zwei, drei Mal in der Woche gingen ernste, schwarz gekleidete Trauerfamilien hinauf. Als Ministrant musste ich dem Pfarrer hin und wieder bei einer Beerdigung auf dem Friedhof helfen oder bei Messen in der Heil- und Pfleganstalt assistieren, wo zu jener Zeit am Weihnachtstag 1956 der Dichter Robert Walser im Schnee draussen umfiel und starb. Während unserer Messen kicherte eine Insassin jedes Mal, wenn ich das Glöckchen bewegen musste. Man wusste, dass auch eine Bäckersfrau nicht weit von unserem Quartier dort kurz kuriert wurde, weil sie nach dem Auftauchen einer konkurrierenden, neuen Bäckerei einen Nervenzusammenbruch gehabt haben soll. Dass sich jemand in psychiatrische Behandlung begab, war selten und schon noch ein bisschen seltsam. Wenn eine Person in der Bekanntschaft «in ein Loch fiel» oder nach heutigen Begriffen eine Depression oder ein Burn-out hatte, dann sagte man, «sie studiert halt». Es war aber kein Grund für Aussonderung und teure Therapien. Während dieser letzten 50 Jahre haben dann Psychologie und Soziologie alles Individuelle und Gesellschaftliche auf Abweichungen hin abgeklopft – und prompt wurden Instanzen dazu geschaffen, die darauf dringen, diese Abweichungen zu kurieren und den Gleichstrom der Lagen herzustellen. In den Schulen, in Firmen und im Gesundheitswesen wird mit viel Personal und Geld nun Mediation, Opferhilfe, psychologische Stützung, Begleitung und Integration betrieben. Vielleicht liesse man die Betroffenen, die auf ihre Weise, wie alle anderen, eigentlich nur Leute mit besonderen Merkmalen sind, besser

im Teich der gewohnten Umgebung schwimmen, gut oder schlecht, aber frei. Kantonalbank, Bauamt, Kirche, wie vorerwähnt, und alle diese Institutionen wie Waisenhaus, Kälbermarkt, Friedhof boten uns Kindern und Heranwachsenden eine direkte Einführung in die gesamte Breite des Lebens und aller Schichten, zusammen mit der gewerblichen Welt im Dorfquartier, wo fast jedes fünfte Haus ein kleines Unternehmen war und man bei der Arbeit zusehen konnte. Es brauchte keine Spielplätze, Animatoren und Jugendhäuser.

Der Kleinstaat ist immer noch richtig

Der kleine Staat Appenzell Ausserrhoden mit 48000 Einwohnern und 14000 Menschen im Hauptort Herisau schuf und betrieb diese Institutionen. Dieser Kanton hatte einen eigenen Dialekt, eine eigene Volksmalkunst, einen eigenen Stil des Bauern- und Bürgerhauses, sodann seine Volksmusik mit ganz eigenen Tonleiterübergängen und mit Hackbrett wie Geige, meist ohne die Handharmonika der eher platten deutsch-schweizerischen Ländler. Der Kanton hatte seine eigene Hunderasse, den Bläss, und er besass alle anderen Zeichen der Staatlichkeit – Regierung, Parlament, Behörden, Gericht, Zeitung, Kantonalbank, Strafanstalt, Fahne und Wappen. Mit dieser Erfahrung bin ich überzeugter Anhänger der Lehren Leopold Kohrs über den Vorteil kleiner Staaten. Der Kanton hatte sogar sein eigenes Hypothekarsystem, den «Zedel», eine Hypothek mit dem Maximalzinsfuss von 4,5 Prozent und unkündbar durch den Gläubiger. In dieser fassbaren gesellschaftlichen Struktur waren auch die Regierenden gewöhnliche Leute. Man kannte sie, respektierte sie, sie selbst aber waren sehr eingebunden und passten auch ohne parlamentarische Untersuchungskommissionen oder Pressehetzen auf.

Der Staat steht auf einer Wiese und singt

An der Landsgemeinde konnte man diesen Staat vor aller Augen erleben. Sie fand am letzten Aprilsonntag statt, abwechselnd in Hundwil und Trogen, und wurde zu Fuss von allen Teilen des Landes her erwandert. Die Strassen waren gesperrt. Zu Beginn um 10.55 Uhr sang man das Landsgemeindelied Alles Leben strömt aus dir, und zwar vierstimmig, vier Strophen aus 10000 Kehlen, gesungen von Männern und später auch von Frauen, ein eigentlicher Rausch. Der Staatskörper stand auf einer Wiese und sang. Das zu diesem Moment als Staat verfasste Volk klang weithin übers Land. Dann zog die Regierung in Frack und Zylinder auf den «Stuhl», das gezimmerte Podium. Wenn ein neues Regierungsmitglied gewählt war, hoben die Umstehenden den Säbel in die Höhe, die Pfeifer bewegten sich dann durch das dicht gedrängte Stimmvolk dorthin und führten es auf den Stuhl. Der Landammann legte vor aller Augen das Landessiegel auf die Brüstung, gab es «unversehrt in Eure Hände zurück» und versicherte, er habe es nach bestem Wissen und Gewissen gebraucht. Am Schlusse schwor der Landammann den Schwur, nachdem der Standesweibel vorgelesen hatte, «wie der Landamman schwören soll». Nämlich so: «Witwen und Waisen zu schützen, des Landes Wohl zu mehren, seinen Schaden zu wenden.» Der Landammann sprach dann:

«Das habe ich wohl verstanden, was mir ist vorgelesen worden, das will ich treulich halten, so wahr ich wünsche und hoffe, dass mir Gott helfe.» Und dann schwor auch das Volk. 10000 Bürger bekannten sich zum Staat. Der aber war nichts anderes als sie selbst auf dieser Wiese. Die Stunde vorher lehnten sie allerdings viele Vorhaben und Vorlagen dieses Staates ab. Wenn eine Regierungsvorlage durchfiel, waberte ein dreckiges Gelächter über die Menge. Die Bürger waren frei. Als Student im mondänen Genf, als von der lahmen Politik Enttäuschter, als sonst sehr spöttischer 68er gegen alles, was abstrakt nach Establishment roch, hat mich die Landsgemeinde immer ergriffen und mit den konkreten schweizerischen Institutionen versöhnt. Sie funktionierten holprig, aber dann

musste man halt eingreifen und mitmachen, vorschlagen und verbessern. Es gab nichts Drittes, Viertes, Fünftes. Ich liess meine Schriften, solange es ging, im Lande, um an der Landsgemeinde teilzunehmen.

Machtentscheide auf die unterstmögliche Ebene zu brechen, hängt natürlich nicht an Landsgemeinden. Die Gemeindedemokratie und ihre Steuerkompetenz – für ein Drittel des landesweiten Steueraufkommens in der Schweiz – bildet die heutige Grundlage dazu. Andere Europäer staunen immer, wenn ich unsere Gemeindeversammlungen in Wohlen bei Bern schildere. Die Aschenbahn der Schule sollte verlängert werden, weil sie nicht olympische Masse hatte – mit einem das schräge Bord in der Luft überhängenden neuen Stück. Kosten: 300000 Franken. Die Versammlung lehnte ab. Unsere Zwölfjährigen müssen immer noch anderthalb mal eine Runde rennen. Bei solchen Entscheiden spielt immer der Blick auf den Steuerfuss der Nachbargemeinden Kirchlindach und Bremgarten eine entscheidende Rolle, und dort auf jenen Wohlens – nur ja nicht darüber zu liegen kommen. Tatsächlich wurde kürzlich ein Antrag auf Steuererhöhung aus allen Bänken der Versammlung weggeputzt. Auf Antrag der Jungen fand vorher gar keine Diskussion darüber statt, denn man wollte den Unsinn sofort loswerden.

Funktionselite und Landsgemeinde

Zu einer Regierungsratswahl kandidierten ein Industrieller und Hans Bänziger von Herisau, Gemeindehauptmann im Halbamt und Inhaber eines kleinen Mercerieladens. Einige Tage vor der Landsgemeinde erschien ein Inserat in der Appenzeller Zeitung, wo die Bildung der beiden Kandidaten beleuchtet wurde. Beim Industriellen war jede Etappe und jedes Diplom mit einer eigenen Zeile

geschaltet:

Volksschule Mittelschule Matura Ingenieurstudium Diplom-Ingenieur ETH Industrieller

Daneben, beim Gegenkandidaten, stand nur:

Volksschule

Darunter war weisser leerer Raum. Ich ging an diese Landsgemeinde, und alle Männer fragten auf dem Wege lachend: «So, bisch au i d’Volksschuel ggange?» Bänziger wurde mit einem Erdrutschsieg gewählt. Die Lehre daraus ist klar. Der Gemeindepräsident war nicht nur integer und fleissig und in einem öffentlichen Amt bewährt, er entsprach auch dem Stand und der Ausbildung der Mehrheit der Bürger. Man tolerierte zwar eine gewisse Elite, jedoch nicht, wenn sie sich aufplusterte. Wenn einer Landammann wurde, erhielt er sein Ölbild im Ratssaal, und zwar in der lückenlosen Reihe seit der Landesteilung 1597. Auf diese Weise war die Gesellschaft für Aufstieg und Abstieg durchlässig. Verschiedene ehemals wichtige Familien, deren Stickereifirmen vor 20, 30 Jahren eingegangen waren, hatten den Abstieg schon hinter sich. Sie wohnten noch in grossen Häusern, hatten aber die frühere gesellschaftliche Rolle nicht mehr. Dafür stieg in der Treibhauskonjunktur der Nachkriegszeit eine neue Schicht von Gewerbetreibenden und Industriellen auf, dann die angestellten Manager solcher Betriebe und schliesslich die «Symbolanalysten», also die immer zahlreicheren Absolventen akademischer Ausbildungen wie Juristen, Ökonomen, Soziologen, Medienleute, Verwalter und Sekretäre der Non-Profit-

Institutionen. Diese Funktionseliten wälzen sich rascher um als früher, die Amtsdauer dieser Individuen, die sie zusammensetzen, reichen nicht über Wahlperioden, geschweige über Generationen hinaus, sie sind auch nicht durch Besitz fundiert. Diese Leute sind nicht traditionell gekleidet, wohnen in IKEA-Möbeln, sind oft einseitig gebildet und ziehen hin und her.

Das Leben vor der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV), Invalidenversicherung (IV) und Arbeitslosenversicherung (ALV)

Schicksale, Schichten und Gegensätze wurden sodann in den 1950er- und 1960er-Jahren angegangen und auszugleichen versucht. Meine Grossmutter mütterlicherseits war gerührt und irgendwie baff, als 1951 der Briefträger 98 Franken als Monatsrente der neuen AHV brachte. Mein Grossvater war 1901 mit 15 Jahren als Maler aus Italien eingewandert. Als zweiter Sohn der Familie konnte er keine Hoffnung auf den Bauernbetrieb in Italien haben. Er arbeitete in Zürich, dann in der Ostschweiz als Maler in Betrieben, wo schon andere Auswanderer seines Dorfes angestellt waren. Arbeitete er auswärts, liess er sich abends oft in Kirchen einschliessen, schlief dort gratis und malte anderntags unverdrossen weiter. Er war 65 geworden, arbeitete allerdings noch bis 70 weiter, bis er beim letzten Lohn die berühmten 5 Rappen dem Meister schenkte.

Die Einwanderung vor 1914 setzte keine Pässe und Bewilligungen voraus. Die Staaten boten aber auch keinerlei Abfederungen und Netze an. Jeder reiste auf eigenes Risiko ein, streckte sich nach der Decke, ging unter oder kam hoch. Heute bieten alle Verfassungen die Garantie auf Existenz aller Einwohner des Territoriums an, meist auch noch eine «menschenwürdige» Existenz, also kultur- und gesellschaftsbedingte Annehmlichkeiten. Damit

aber verträgt sich keine freie Zuwanderung mehr wie vor 1914, was die Gutmeinenden verkennen, welche möglichst lasche Aufnahmekriterien verlangen. Natürlich zulasten des Staates, also Dritter. Es käme keinem Ethiker in den Sinn, sein eigenes Haus mit erwerbssuchenden Somaliern zu füllen. Die Sozialversicherungen aber sind zu geschlossenen Versicherungsklubs geworden, in die man einzahlen muss, um wieder etwas herauszubekommen. Desgleichen waren nur in der früheren Agrargesellschaft manche Söhne (und Töchter) «überzählig», weil die Produktivität nicht anstieg, weil keine anderen Tätigkeiten entstanden. Seit 100 Jahren wurde die Landwirtschaft enorm produktiv und machte viele Arbeitskräfte unnötig, die nun in den industriellen, tertiären Wertschöpfungen nützlich sind. Die neue Wirtschaftsgesellschaft ist nach vorne offen – auch in Ländern des Südens, wenn den Eliten der Marsch geblasen wird. Auswanderung wird unnötig.

Meine Grossmutter hatte den Ersten Weltkrieg bereits als Mutter erlebt, fünf Kinder durch die Stickereikrise des Untertoggenburgs der 1920er-Jahre gebracht, dann die Weltwirtschaftskrise und schliesslich den Zweiten Weltkrieg ausgesessen. Sie machte abends, wenn die Kinder schliefen, Heimarbeit mit Nachstickerei. Sie bekam pro 100 Stiche 1 Rappen. Die Abrechnungen kopierte ich aus einem Geschäftsmanual, das aus dem Textilmuseum St. Gallen – Fonds Grauer – stammt. Das Nachsticken war auf 10 bis 20 Meter langen Stoffbahnen aus den Stickmaschinen zu machen. Nachher gingen diese Stickereien in die Ätzerei, um den leeren Stoff wegzutrennen. Meine Grossmutter bekam immer die schwarzen Stoffe zum Nachsticken, weil sie noch jung war. Ihr war wirklich nichts geschenkt worden. Bei ihrem Tode kamen ihre früheren Sparbücher zum Vorschein. Sie hatte in allen diesen schwierigen Jahren immer noch Geld beiseitegelegt. Es gab weder Arbeitslosen-, Alters-, Witwen- noch Invalidenversicherung. Gerade ein einfacher Haushalt musste sich vorsehen. Und nun gab es jeden Monat Geld der AHV an der Haustüre.

Auch die Chancengleichheit begann ihren Weg. Die Kantonsschulen der Hauptorte bauten im weiteren Kantonsgebiet Zweigschulen. Die Berufsschulen wurden strenger, auch gegenüber den Lehrmeistern. Mein Vater musste mit seinen Lehrlingen Aufgaben durchgehen und Lernprotokolle ergänzen. Stipendien für Hochschüler wurden verbessert. Überall wurden öffentliche Sportanlagen erbaut. Der gesamtschweizerische Umverteilungs- und Versicherungsstaat hat Institutionen wie Bürgerheim, Waisenhaus und Kälbermarkt schliesslich stark verändert, teils sogar unnötig gemacht. Das ist nicht schlecht. Schicksale sind damit korrigierbarer als früher geworden. Nur hat das Sicherungsdenken begonnen, in die altappenzellischen oder altschweizerischen Freiheiten einzugreifen. Funktionäre, Reglemente, Sicherheitsvorschriften herrschen. Sicherheit und Gleichheit werden obligatorisch, für die Schweiz von Bern aus, für Europa von Brüssel aus. Die hohe Politik erdreistet sich, mit Kontrollen und Regeln Sicherheit zuzusichern. Lokale Politiker erklären, nichts dagegen machen zu können. Dies beschränkt und verletzt die Person manchmal auf andere Weise. Und dazu eine Bilanz formaler Art: Dieses Kapitelchen kam ohne das Wort «sozial» aus.

Kapitel 8

Wo wir jetzt stecken

Nach der Kündigung beim Gewerkschaftsbund nahm ich nicht, wie die meisten Funktionäre von Spitzenverbänden, ein Bundesamt, was einem ungeschriebenen Benefizgesetz dieses Verbandsstaats entspricht, sondern ich wurde wieder selbstständiger Journalist und stand mitten in der enormen Umwälzung aller Volkswirtschaften der Welt durch die neuen Netze. Die Zeitungen selbst und die zu behandelnden wirtschaftlichen Ereignisse gerieten unter den Schock der informationstechnischen Revolution. Einen kleinen Schock nicht der neuen, sondern der alten Zustände erlebte ich zuerst mit den deutschen Zeitungen. Nach meinen ersten Artikeln in der Weltwoche, die in Deutschland oft gelesen wurde, bekam ich Anfragen für Artikel in der Zeit, der Süddeutschen Zeitung, der Welt und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Jedes Mal aber bestellte ein Redaktor den Artikel, jedes Mal antwortete ein anderer auf dessen Ablieferung, war erstaunt über die abgemachte Länge, und wenn ich verkürzte, antwortete ein dritter und meinte, ob nicht das Thema besser abgeändert würde. Oft waren sie auch tagelang nicht erreichbar. Ich schloss auf eine entsetzliche Bürokratie in jenen Redaktionen und meldete mich mit der Zeit nicht mehr. Von einer Redaktorin der Zeit wurde ich zu einem Artikel über die Altersrenten der Schweiz gebeten, gerade als in Deutschland die ungenügende umlagefinanzierte Rente und die Ergänzung durch die Riester-Rente diskutiert wurde. Mit sicherer Hand strich die Redaktorin aus meinem Artikel die Passage über die erfolgreiche, kapitalbasierte zweite Säule der Schweiz heraus. Es passte ihr nicht. Die Weltwoche war damals sozusagen eine Bank mit einer Redaktion. Sie verdiente Millionen, sie hatte ein Immobilienpolster von Dutzenden von

Millionen. Die Redaktion war gross, Recherchen konnten aufwendig gemacht werden. Das leitende Chefredaktorenteam kombinierte die richtigen Spürnasen – Rudolf Bächtold fürs Kommerzielle und Jürg Ramspeck für das Journalistische. Max Frey, der Besitzer, hatte sie nach früheren Besitzerwechseln und Wirren grossgemacht und wollte verkaufen. Er geriet ausgerechnet an den Financier Werner K. Rey, der seine ersten 50 bis 80 Millionen mit einem Coup beim Kauf und raschen Weiterverkauf von Bally gemacht hatte. Rey höhlte die Gruppe sofort aus. Es scheint, dass die paar Dutzend Millionen daraus dann zu seinem Versuch der Übernahme der damals sehr grossen Sulzer AG in Winterthur dienten. Die Redaktion der Weltwoche bediente sich oft des im schweizerischen Medienwesen einfachsten Tricks: Sie machte eine Umfrage zu einem brisanten Thema, spielte sie am Abend vor dem Erscheinungstag dem Radio zu, das die Publikation kostenlos erwähnte. In den folgenden Tagen musste die gesamte übrige Presse nachziehen.

Jeder Verband benützt heute diese Welle mit irgendwelchen Studien und Umfragen, wirft sie an einer Pressekonferenz vor, und die Zitatenwelle gelingt. Wirklich jede Tageszeitung des Landes gibt die Studie wieder und bringt die Postulate vor. Erklärt kann dies so werden: Weil die meisten schweizerischen Publikationen für eigene Recherchen zu klein sind, müssen sie auf solche künstlich generierte Neuigkeiten aufspringen, sodann weil die halbstaatlichen Radio- und Fernsehredaktionen recht unbeweglich sind und weil die «Amplifikation» spielt. Eine Redaktion muss bei solchen, echt oder vermeintlich brisanten Neuigkeiten anderer Medien nachziehen, also sie eher noch überbieten und über die Reaktionen Betroffener darauf berichten. Meist machen sich durch solche News hervorgezerrte Institutionen oder Personen von selbst wieder zu neuen News, weil sie ungeschickt reagieren. Dann bleibt ein Thema eine Woche lang «aktuell».

Die Medientechnik macht die Meldung – beim TV

Wie Herbert M. McLuhan schon sagte, ist das Fernsehen als Medium nicht nur für die Nachrichtsinhalte formgebend. Seine Produktionsbedingungen legen fest, wie und oft auch was es berichten kann. Weil es bei einem spontanen Ereignis am Bild klebt, das Ereignis aber schon vorbei ist, bis die schweren Wagen, Equipen und Lampen des Fernsehens eintreffen, wird sehr oft nachgestellt. Dabei helfen die Equipen den Dargestellten oft nach und zeigen ihnen, wie sie sich darstellen sollen. Die Übergabe einer Volksinitiative im Bundeshaus wird immer höchst eindringlich als Prozession vorgeführt. Ein Verbandssekretär, der seine Studie als Thema in die Landesdebatte werfen will und deshalb eine Pressekonferenz einberuft, die willig besucht wird, kann nachher fürs Fernsehen – nach Anleitung des Redaktors oder Kameramanns – würdig daherschreiten, seine Botschaft gemäss vorher abgemachten Fragen ungestört anbringen und dann würdig wegschreiten. Bei Demonstrationen geht der Kameramann regelmässig in die Knie oder dreht die Linse so, dass immer das ganze Bild mit Demonstranten ausgefüllt ist, gleich ob es 50 oder 50 000 sind. So wie Onkel Hans beim Familienfoto es gelernt hat: Der Inhalt muss das Bild füllen. Es kommt nicht vor, dass das Fernsehen bei den Demonstrationen auf dem Bundesplatz, die ihn selten füllen, von der ersten Etage eines Gebäudes aus zeigt, welch verlorenes Häufchen von Bauern, Gewerkschaftern, Grünen da demonstriert. Auf den Bildern in den Stuben der Zuschauer wogen immer die Transparente und dröhnen immer die Megaphone. Dann erscheint ein Funktionär oder ein Betroffener und gibt sein Statement in Grossaufnahme ab. Bei abstrakten Inhalten geht das Fernsehen einfach zu rituellen Bildern über. In Deutschland wird bei jeder Entlassung das Signet der Agentur für Arbeit eingeblendet; in der Schweiz bei Meldungen über den Finanzplatz oft jenes der UBS, die sich seit der Krise gut als Buhmann eignet. Ich wurde am Anfang meiner freien Medienarbeit zusammen mit Klara

Obermüller mit der Gesprächsleitung der Sternstunde Philosophie betraut. Doch viele Vorschläge liefen an den – oft vermeintlichen – Produktionszwängen des Fernsehens auf. Ich schlug nämlich auch Ausländer als Interviewpartner vor, doch Fremdsprachen sind unübersetzbar, behauptete man. Oder ich wollte interessante Figuren einladen, etwa einen gescheiterten Bauspekulanten, dann aber hiess es, den kennt man nicht.

Das Fernsehen muss die Inhalte in Personen konkretisieren, und diese Personen müssen klar als Träger der Inhalte erkennbar sein. So wie im Kasperltheater der Gute, der Räuber, der König und das Krokodil Inhalte verkörpern, so bringt das Fernsehen fast immer die gleichen Personen als Rollenträger für Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Banker, Grüne, Konsumenten und Bauern. Will man von 700000 Nachrichtensehern beachtet und geachtet bleiben, muss man ihnen leicht abrufbare Bilder liefern. Rein sprachlich kommt dazu, dass kaum Zahlen, Nebensätze und Fremdwörter zulässig erscheinen – man streiche mal all dies aus einem Pressetext heraus. Er wäre arm. Fernsehen informiert nicht über Sachverhalte, sondern über Mimik und Krawattenfarben.

Ich stieg daher aus der Sendereihe aus. Vorher, als Sekretär eines Spitzenverbandes, hatte ich natürlich von dieser Ritualisierung der Köpfe und Positionen abgebrüht profitiert. Einladungen in andere Sendungen als Teilnehmer nahm ich nachher an. Zwar machten sich das offizielle Radio und die Dienstagsdiskussionsrunde immer rar. Offenbar passten liberale oder nicht mit Verbandsfunktionen dekorierte Inhalte nicht. Oder nicht geläufige Themen, wie etwa Mitbeteiligungskapitalismus, freie Wahl der Schule, Pensionskasse, Vollreservenbanken, Ende des Papiergeldsystems usw. Ans deutsche Fernsehen und Radio wurde ich auch einige Male zu Diskussionen eingeladen. Doch man beschied mir: «Sie reden ja gar nicht wie ein Schweizer.» Offenbar war unser Bild durch die Politiker verformt, welche

leider meist in fürchterlich dialektalen Färbungen reden und selten auf abstrakter Ebene argumentieren. In Deutschland haben Schweizer nach Oberbayern zu riechen, sonst ist nichts.

Die Arena-Sendung mit höfischem Protokoll

In der Fernsehsendung Arena freitagabends wurde ich gelegentlich zu geläufigeren Themen eingeladen. Viele Zuschauer haben Phantasien, wie es hinter den Kulissen zu- und hergeht. So denken viele, es würden enorme Honorare bezahlt. Nichts dergleichen: Die Machtverhältnisse liegen genau umgekehrt, denn die meisten Teilnehmer, etwa die Politiker, würden enorme Summen bezahlen, um eingeladen zu werden. So bleibt es meist bei zwei Weinflaschen oder einem Bienenhonig. Sodann müssen die bewundernswerten Organisatoren der Sendung schon ab Dienstag das Thema festlegen und die mutmasslichen Teilnehmer sozusagen einer Prüfung unterwerfen. Man erhält einen Anruf und wird gefragt, was man denn zu diesem Thema sagen würde und welche Argumente man habe. Es ist eine eigentliche Prüfung. Erst so kann das Team dann sehen, wie das Diskussionsprofil der Sendung eingerichtet werden kann. Passt man hinein, wird man eingeladen, sonst höflich vertröstet. Die Anwesenden der Sendung gliedern sich fast wie früher bei Hofe. Der grosse Maestro befiehlt und leitet die Diskussion. Die Diskutanten gliedern sich in zwei Ränge, nämlich in jene vier im ersten Rang, deren angeheftete Mikrofone immer angestellt sind. Im zweiten Rang stehen für jedes Interessenlager etwa sechs unterstützende Politiker und Funktionäre, welchen das Mikrofon nur auf Initiative des Leiters an einem langen Stab zugeschwenkt wird. Im dritten Rang sitzen Zaungäste, oft Schüler, die sich Wochen im Voraus anmelden mussten, bevor das Thema überhaupt bekannt war. Hin und wieder wird noch ein Betroffener zwischen die Gäste gesetzt, dem auch ein Mal das Mikrofon hingehalten wird. Und natürlich sind die vier des inneren

Kreises meist auch die genannten Rollenträger, deren bereits etablierte Bekanntheit die Sendung stützt: Die Arena lebt von diesen Figuren, und diese leben von der Arena. Was in der Deutschschweiz kaum wahrgenommen wird, ist ein gewisser Ärger der Romands. Die Popularität der Sendung Arena setzt freitagabends ein national bewegendes Thema, die deutsch-schweizerischen Sonntagszeitungen steigen oft darauf ein, und den Westschweizer Medien bleibt die undankbare Aufgabe, das Ganze am Montag auch noch als Aktualität zu servieren. Das Westschweizer Fernsehen versucht zwar mit Infrarouge gegenzusteuern, aber ich kann mich nicht erinnern, dass die deutsch-schweizerischen Medien danach pflichtschuldigst je darauf eingegangen wären. Nicht auszuschliessen ist ferner, dass sich die innerverbandliche Stellung solcher Rollenträger verfestigt. Sie sind schweizweit bekannt, werden als Fahnenträger unersetzlich und können kaum mehr von Konkurrenten abgesägt werden.

Der Süden der Welt entwickelt sich – die Köpfe in der Schweiz nicht

Ins Jahr 2010 fielen die Erinnerungsfeiern der Entkolonialisierung vieler afrikanischer Staaten 50 Jahre zuvor. Doch heute wie vor Jahrzehnten will eine Mehrheit von Politikern von der Schweiz aus mit zunehmenden Milliardensummen Entwicklungshilfe betreiben. Damals wie heute beherrscht Afrika als Entwicklungsraum die Köpfe, z. B. den grössten Teil der jährlichen Fastenkalender der kirchlichen Hilfswerke, während viele Menschen Asiens Aufschwung eher als bedrohlich wahrnehmen. Immer noch kann man bei einem Teil der Linken, oft in der Werbewalze von Hilfswerken und tief im Innern fast aller Bürger das Gefühl entdecken, dass unser Reichtum aus der Armut des Weltsüdens stamme. Wieder ein klassisches Nullsummendenken.

Der weite Weg unseres Bildes von der südlichen Halbkugel begann in meiner Generation tatsächlich mit der Heidenmission und dem Kolonialerlebnis. Diese Länder und Leute hatten einen Mangel, den man von hier aus auffüllen musste, geistig in der Heilsgeschichte, und materiell. Von Herisau führte der Vikar unsere Erstkommunikantenklasse – wir waren damals acht Jahre alt – zu Fuss nach Gossau in eine Missionsausstellung. Wir sahen Elefantenzähne und malerische Dörfer der einheimischen Bevölkerung. Ich regte in der Sekundarschule und am Gymnasium Sammelaktionen für Aussatzopfer und für das Schweizerische Hilfswerk für aussereuropäische Gebiete (SHAG), später Helvetas, an. Meine Kollegen liessen sich begeistern. Das Nullsummendenken war sehr tief verankert – hier Reichtum, dort Armut, wahrscheinlich ursächlich verbunden, und wenn man nun Geld hinschickte, half man dem Süden. Immerhin nahm man plötzlich zur Kenntnis, dass die ehemals englischen Kolonien gefestigt weiterschritten, dass hingegen der belgische Kongo und manche französische Kolonien nicht in die Freiheit, sondern in enorme Schwierigkeiten taumelten. Offenbar hatte es guten und schlechten Kolonialismus gegeben, und es scheint aus manchen Studien auf, dass das afrikanische Kolonialwesen insgesamt eher ein Verlust für die Mächte gewesen war als ein Gewinn. Lassen wir die fürchterliche Periode der Ausbeutung des Kongo als sein Privatbesitz durch den belgischen König Leopold II. mal beiseite, in Heart of Darkness von Joseph Conrad beschrieben. Die Hilfsidee mit Geld setzte sich nun in der Politik fest; auch die Hilfe an den Süden wurde Staatssache. In der UNO kam das Ziel auf, reiche Länder sollten jährlich 0,7 Prozent ihres Sozialproduktes in den Süden transferieren. Die Zahl ist, wie alle politischen Finanzaktionen, willkürlich, und trotzdem wenig geeignet, den ganzen Süden dauerhaft zu erretten. Trotzdem wird auch 40 Jahre später nicht davon abgerückt. Nach der Ölkrise und der ungefähr gleichzeitig angestossenen Kritik an den Multinationalen besann sich die Drittweltbewegung auf etwas systematischere Aktionen. Der von den Ölexportländern durchgesetzte massiv höhere Preis liess die anderen Rohstoffpreise als ebenfalls unterbewertet erscheinen, die

Gewinne der Multis daraus als zu gross. Experten wie Raúl Prebisch stellten Statistiken auf, wonach die Kaufkraft einer Einheit von Rohstoffen für eine Einheit Industrieprodukte sekulär, also seit Jahrhunderten, fiel. Diese Erfahrung hatten übrigens schon die Südstaaten der USA gegenüber dessen industriellem Norden gemacht und hofften, sich dank billiger Sklavenarbeit wenigstens halbwegs halten zu können. Die Studie des Club of Rome von 1972 sagte ausserdem die Erschöpfung der meisten Rohstoffe innerhalb weniger Jahre voraus. Deshalb formulierte der Entwicklungsarm der UNO, die UNCTAD, unter dem Anstoss ihres Experten Raúl Prebisch eine neue internationale Wirtschaftsordnung. Diese sollte alle Rohstoffe in ein der OPEC (Organisation erdölexportierender Länder) ähnliches Verhandlungssystem einbringen und die sodann erhöhten Preise durch riesige Rohstofflager als Puffer stabilisieren. Finanzieren sollten diese Lager die Industriestaaten; die Südländer würden davon profitieren. Damit sollte sich die Preiswahrheit der Knappheit zugunsten der Produzentenländer einstellen, gleichzeitig aber von unsinnigen Schwankungen gesäubert werden, dachte man. Unter diesen Voraussetzungen fand ich damals das System bemerkenswert. Seither hat sich die drängende Knappheit der Rohstoffe allerdings nicht eingestellt, und wenn, dann gingen auf dem Weltmarkt die Preise von selbst hoch. Jene Länder des Südens, die Investitionssicherheit, Eigentumsrechte und Transfer der Gewinne anboten, machten dabei einen guten Schnitt an Zufluss von Investitionen, Arbeitsplätzen und Weltgeltung, die anderen Länder eben weiterhin nicht. Das war damals nicht so genau absehbar. Ein ähnlicher Automatismus bewirkte den Technologietransfer, den die UNO zuerst mehr oder weniger als Gratislizenzen der Multinationalen an Drittweltstaaten konzipierte und der in der ständigen Wirtschaftsdelegation auf hohem fachlichem Niveau diskutiert wurde. Doch sobald die Drittweltländer gute Investitionsbedingungen und Rechtssicherheit boten, kam das Kapital von selbst – und das Kapital ist kein Geldsack, sondern heisst Anlagenbau, Maschinentechnik, Infrastruktur, Ausbildung der Arbeiter, Instruktion von Zulieferern im Lande – also Technologietransfer wie von selbst.

Fordern, reden, zahlen – aber hilft es?

Die UNCTAD-Konferenz zur neuen Weltwirtschaftsordnung fand 1976 vier Wochen lang in Nairobi statt. Als Journalist band ich die Weltwoche, das deutsch-schweizerische Radio und vier, fünf weitere Zeitungen für mein Projekt zusammen, um diese Konferenz zu verfolgen. Gleichzeitig war ich durch die Entwicklungsorganisationen als Beobachter zur Konferenz entsandt. Das Radio gab mir ein Nagratonbandgerät mit, eine damalige Wunderleistung der Elektromechanik – höchste Aufnahmequalität in der Grösse einer Zigarrenschachtel. Damit machte ich Interviews, u. a. gelang mir eines mit dem leicht genervten Generaldirektor Gamani Corea der UNCTAD. Abends konnte ich aus dem Kenyattatower übers Radio in die Schweiz berichten, und über Telex füllte ich die Printmedien reichlich. Dazu musste man abends hinter den Journalisten aller Welt anstehen, dann rasch das Lochband stanzen, wieder anstehen und es durch eine zweite Maschine rattern lassen – und schon war der Text in der Schweiz. Dort musste er natürlich von einem Typografen richtig gesetzt und in die Druckmaschine eingegeben werden. Die Doppelstellung als Berichterstatter und als Beobachter der Entwicklungsorganisationen verschaffte mir guten Zugang zur Schweizer Delegation, die in den entscheidenden Phasen von Paul Jolles, dem Direktor der Handelsabteilung, geleitet wurde. Mit ihm hatte ich schon zwei oder drei Jahre zuvor am Fernsehen über Multinationale debattiert. Damals und in Nairobi imponierten mir seine souveräne Bonhomie und Offenheit. Insider eröffneten mir nachher, man habe in der ständigen Wirtschaftsdelegation darauf geachtet, den 30-jährigen Kritiker auflaufen zu lassen, «de le prendre de haut». Das war aber nicht nötig. Ich war kritisch genug, auch der anderen Seite gegenüber, also gegenüber den schwadronierenden Drittweltrhetorikern am Kongress. Zur Schlusssitzung kam übrigens, als Gastgeber der folgenden Konferenz, Präsident Ferdinand Marcos mit Gattin Imelda aus den Philippinen angereist. Dazu stellte man im nüchternen Konferenzsaal zwei enorme Throne auf, in rotem Sitzsamt mit barockem Goldrahmen. Marcos wurde in devotester

Weise willkommen geheissen, and peachy Imelda sat gracefully there. Zur Umarmungsstrategie der Schweizer gehörte vielleicht auch eine Einladung zum Essen in der Schweizer Botschaft. Botschafter Pestalozzi und ich assen nur zu zweit, an den Stirnseiten eines langen Tisches, bedient von einem eleganten Schwarzen in weissen Handschuhen. Es war wie in der oberen Etage von Onkel Toms Hütte.

Oder eher der «Washinton Consensus»?

Während der Konferenz erhielt ich eine Einladung, in Washington mit Experten der Weltbank zu sprechen. Ich flog hin, hatte zusammen mit 20 anderen Journalisten viele Besprechungen, darunter mit dem Präsidenten Robert McNamara. Tage später war ich wieder in Nairobi. Wäre es noch nötig gewesen, so gewann ich damals Achtung vor diesen Fachleuten, die nicht dem in der europäischen Linken verbreiteten Feindbild entsprachen. Die Weltbank und noch mehr der Weltwährungsfonds wurden als «stille Würger» schlechtgemacht, weil sie überschuldeten Entwicklungsländern vorschrieben, die Budgets im Innern und die Handelsbilanz gegen aussen ins Gleichgewicht zu bringen, bevor es neues Geld gab. Die Entwicklungsbewegten taten, als ob staatliche und fiskalische Solidität ein Verbrechen oder nur reichen Ländern angemessen seien – was für ein Rassismus! Zwecks solider Haushalte mussten solche Länder die demagogischen Subventionen oder Preissenkungen für Nahrungsmittel oder Benzin streichen, worauf oft Revolten ausbrachen. Doch die Bauern der gleichen Länder hatten dann erstmals gute Preise und mussten nicht in die Hauptstädte abwandern, um wenigstens als Konsumenten subventioniert zu werden. Schon 1975 war ich auf Distanz zum Referendum linker und entwicklungsbewegter Kreise um Rudolf Strahm gegen die Beteiligung der Schweiz an der IDA(International Development Association)- Filiale der Washingtoner Institutionen gegangen. Wenn diese Agentur,

zusammen mit Privatkapital, eben eine Entwicklung bewirken konnte – warum nicht. Aber das passte manchen Ideologen nicht. Viele Jahre später reiste eine Parlamentarierdelegation ebenfalls zu Weltbank und Weltwährungsfonds, worauf eine sozialdemokratische Nationalrätin Zürichs erstaunt kundtat, eigentlich seien deren Vertreter fachkundige und vernünftige Leute. Die Doktrin der Weltbank und des Weltwährungsfonds ergänzte sich um 2000 immer mehr auch mit Forderungen nach «governance», wozu dann sogar die UNO den «Global Compact» entwickelte. Die Liste der zehn Grundsätze liest sich vordergründig wie eine Aufforderung an private Firmentätigkeit in armen Ländern. Doch in der Sache kämpft die Liste gegen Willkür, Sklaverei, Korruption und Umweltschlamperei. Man sah ein, dass ohne Demokratie, Rechtssicherheit, Eigentumsrechte und Weltmarktorientierung für arme Länder kein Staat zu machen war. Die asiatischen Länder, inklusive China, hatten dies seit Anfang der 1970er-Jahre beherzigt. Dieser «Washington Consensus» wird seit dem Anstoss von Deng Xiaoping 1978 zur erfolgreichen Eigenentwicklung durch die geschlossene Parteikaste Chinas wieder geritzt. Diktatur und Entwicklung zusammen scheinen möglich. Die Kaste in China ergänzt sich aber selbst, erzwingt ein halbwegs nicht korruptes Verhalten der Kader – und sie hat v. a. Erfolg. Das Rennen ist noch offen, aber eines ist sicher: Die Geldtransfers – bilateral oder multilateral – endeten in Bürokratie und Wirkungslosigkeit, zumindest gemessen an den Ansprüchen und den in Bewegung gesetzten Summen.

Das Unbeweglichste sind oft die Köpfe

Mit meinen Publikationen nach 1992 wies ich immer wieder auf diese Zusammenhänge hin. Schon 1986 legte ich einer nationalen Konferenz Drittweltbewegter zu deren grossem Erstaunen im Kursaal Bern eine

kritischere Solidarität mit Drittweltregimen ans Herz. Es gab leider keine Diskussion, wie immer, wenn in der Schweiz etwas Ungewohntes aufgetragen wird. Natürlich haben dies auch schon gewichtigere Stimmen gesagt. Zum Beispiel vor Kurzem etwa die in Sambia gebürtige Dambisa Moyo mit ihrem Buch Dead Aid. Aber schon 1995 publizierten Silvio Borner, Aymo Brunetti und Beatrice Weder ihr Buch Political Credibility and Economic Development. Sie brachten das schöne Beispiel, dass der bolivianische Präsident Hugo Banzer Suárez 1990 ein Dekret Nummer 22407 zum Schutz der Privatinvestitionen erliess. Doch dieser einsame Entscheid konnte jederzeit mit Dekret Nummer 22408 widerrufen werden. Niemand wird also wegen eines Fetzens Papier Geld im Lande anlegen. Doch wer liest schon auf Englisch! Es gelang mir bis heute weder auf Französisch noch auf Deutsch, die Entwicklungskreise gegen den CFA-Franc aufzubringen. Er ist eines der gröberen Entwicklungshemmnisse, durch Frankreich ausgelöst. Denn ein Dutzend westafrikanische Länder, ehemalige Kolonien, banden ihre Währung an den Franc, heute an den Euro, nach einem halben Jahrhundert Entkolonialisierung, die deshalb nur auf dem Papier erfolgte. Wenn ihre Inflation stärker ist als jene in Europa, wird es immer verlockender, Güter zu importieren und immer schwieriger zu exportieren. Es wird für die Oberschicht auch immer verlockender, Geld zu diesem überhöhten Kurs nach Frankreich zu verschieben. Ausserdem wurden die westafrikanischen Exporteure durch den jahrelangen Zerfall des Dollarkurses und damit der asiatischen Währungen ihrer Konkurrenten sabotiert. Das kümmert aber gar niemanden. Die alte Entwicklungspolitik in den Köpfen – und in den Parlamenten – abzustreifen, gelang bisher nicht. Den CFA-Franc als neokoloniale Ausbeutungsmaschine darzustellen, auch nicht. Unmöglich blieb es auch, den Kritikern der Globalisierung die Tobin-Tax auszureden, also ihre heissgeliebte Besteuerung von Devisentransaktionen weltweit. Abgesehen davon, dass es technisch und politisch unmöglich wäre,

macht es auch wirtschaftlich keinen Sinn. Aber die wirkliche Alternative, eine Steuer auf Flugbenzin, ähnlich wie auf Autos, weltweit zu erheben und auf der benennbar kleinen Zahl der Raffinerien der Welt einzutreiben, wurde nie richtig erwogen oder gar ausgearbeitet. Diese Belastung hätte den Vorteil des riesigen Güter- und Personentransports gegenüber der Strasse oder dem Schiff aufgehoben. Es hätte die Wertschöpfungsketten der Firmen dort reduziert, wo tiefpreisige und schwere Güter leichtfertig rund um den Globus verschoben werden. Aber nichts tat sich.

Sammlung der Unmöglichkeiten Ich könnte eine Liste von Themen machen, die mir und anderen in 20 Jahren

publizistischer Tätigkeit zu traktandieren nicht gelungen ist. Nicht weil wir Kritiker alles richtig sehen, aber weil die nationale Debatte (und eigentlich auch jene ganz Kontinentaleuropas) ausserordentlich konventionell an den Themen der alten Industriegesellschaft hängt: Es interessieren arm/reich, Opfer/Täter, Gewinner/Verlierer, Geld/Ethik, Nord/Süd und andere scheinbare Gegensätze. Nicht gelungen sind Debatten um

– die Entwicklung des Südens dank Rechtssicherheit und Weltmarkt anstatt durch Entwicklungshilfe,

– die Mitbeteiligung der Arbeitenden zwecks Vermögensstreuung,

– den Ersatz der Steuern durch Belastung des unvermehrbaren Bodens,

– den Landwirtschaftsprotektionismus,

– die Internalisierung von Energiekosten durch individuelle

Heizkostenabrechnung, gestrichene Berufsfahrtenabzüge im Steuerrecht und

Versicherungspflicht des Atomstroms für den GAU,

– die freie Wahl der Schule dank Vouchers sowie der Pensionskassen, der

Leistungserbringer durch die Krankenkassen,

– die von Linken geforderten Steuerabzüge, die den mittleren und oberen Schichten zugute kommen, wie eine Studie des Bundesrates zeigt,

– die fehlenden Naturwissenschafter, doch der Übertritt in Sekundarschule

und wieder ins Gymnasium verlangt meist zwei Sprachnoten und nur eine in

Mathematik, sodass man die mathematisch Begabten gezielt aussiebt, und alle Sekundarschulen verschmelzen Biologie, Chemie, Physik, Geschichte ins Schmusefach Natur-Mensch-Umwelt, ohne Methoden und ohne Berufsbilder,

– das gemässigte Urheberrecht, um elektronische Bücher auf Deutsch oder Französisch herunterzuladen,

– die arbeitsanreizende Sozialhilfe, die tief einsetzen muss, wenn ein Haushalt nichts arbeitet, dann ihm aber die Hälfte oder mehr von dem lassen, was er selbst mit Arbeiten hinzu verdient,

– den sozialen Wohnungsbau, der Gettos schafft und alles verschlimmert, und private Wohninvestitionen entmutigt. Wirklich Arme sollen Geld für die Miete, wo auch immer, bekommen,

– ein sicheres Bankensystem ohne Buchgeldschöpfung («narrow banking»,

Vollreservenbanken). Die Banken sind Vermögensverwaltungsbanken und vermitteln alle Anlagen für die Kunden, ohne sie in die eigene Bilanz zu nehmen,

– die Rückkehr oder den Aufbruch zum Goldstandard der Währungen, ergänzt um private Notenausgabe, ohne Notenbanken.

Geld, Dollar, Finanzkrisen – alles ein Dauerthema

Wie notwendig die zwei letzten Punkte des intellektuellen Programms im Kästchen wären, zeigte die Finanzkrise 2008. Das Geldsystem nahm schon Jahrzehnte vorher seinen unheilvollen Lauf. Am Sonntagabend des 15. August 1971 trat der Imperator der Welt vor die Kameras und gestand den Bankrott ein. Präsident Richard Nixon bedeutete, dass die Notenbanken der Welt keine US-Dollars mehr gegen Gold eintauschen konnten. Das Geldsystem der Welt war 1944 in der Konferenz von Bretton Woods so festgelegt worden: Alles

Gold lag nach dem Krieg in den USA für die Waffenlieferungen ans British Empire und für Schulden anderer Staaten, weshalb fortan die Notenbanken der Welt Dollarguthaben als Reserven hielten. Die USA versprachen, diese US- Dollars allenfalls in Gold umzutauschen. Das ganze Weltwährungssystem war damit indirekt auf Gold gegründet (Gold-Exchange-Standard). Wichtig zur Geld- und Reservenversorgung der Welt war, dass die USA ein Handels- oder Kapitalverkehrsdefizit hatten, um US-Dollars in die Welt zu setzen. Die Lieferantenländer konnten dann die gewonnenen US-Dollars als Grundlage der Geldausgabe im Inland benutzen. In der Bilanz der Notenbanken standen damit, einfach gesagt, als Schuld die Notenausgabe, als Guthaben die zugrundeliegenden, goldgesicherten US-Dollars. Die Bedingung, dass dieses Weltwährungssystem funktionierte und genügend Transaktionsgeld hatte, war also das Handels- und Ertragsbilanzdefizit der USA. Das Land des Währungsankers musste sich systemgetreu schwächen, was der Ökonom Robert Triffin seit 1960 bemängelte (Triffin-Dilemma) und der französische Finanzminister Valérie Giscard dfEstaing als «privilège exorbitant» bezeichnete. Wie der Euro heute war auch das US-Dollar-System von Politikern gegen jede wirtschaftliche Vernunft und mit kurzfristigem Horizont eingerichtet worden. Bereits ab 1961 überstiegen die US-Dollars in der Welt die Goldmenge in den USA – das System war unterdeckt. Dies sprach sich herum, und die Notenbanken holten ihr Gold in den USA ab, zuletzt im August 1971 die Banque de France und die Schweizerische Nationalbank. Da zog Nixon die Notbremse. Ich war entsetzt und ahnte, dass ein Zeitalter zu Ende ging. Im Studium am Institut de hautes études in Genf, das für mich erst ein Jahr zurücklag, hatten wir diese Fragen immer wieder gewälzt. Von da an mutierte die internationale Geldwirtschaft in die flexiblen, frei durch den Markt bestimmten Wechselkurse eines reinen Papiergeldsystems, in welchem im Keller der Notenbanken rechtlich kein Gold mehr irgendwas irgendwem garantierte. Es zirkulierte nun Fiatmoney, also willkürlich geschaffenes Geld, das nur auf dem Vertrauen des Publikums beruhte. Es gab

für die Geldvermehrung keine reale Grenze mehr. Man machte nach 1982 die Notenbanken von der Politik unabhängig. Diese reduzierten ihre eigene Geldschöpfung, um die Inflation abzubremsen. Das gelang notdürftig, mit vielen Schwankungen und Irrungen. Die Noten der Zentralbanken fanden in jedem Land irgendwann ihren Weg auf ein Konto der Bank A. Diese freute sich und erteilte an einen Kunden einen Kredit, den dieser an seine Lieferanten auf Bank B überwies. Diese erteilten wieder Kredite, die als Verbuchung zu Einlagen auf den Banken C, D und E wurden. Auf der ursprünglichen Notenbankgeldmenge baute sich durch diese Verbuchungen eine viel grössere Geldmenge auf – Buchgeldschöpfung genannt. Die einzelne Bank tat nichts Unrechtes; ihre Bilanz hatte bei den Schulden die Einlagen, bei den Guthaben die erteilten Kredite – und sie lebte von der Zinsdifferenz. Aber die Banken schufen Geld als System. Nur waren die Guthaben allgemein in kürzerer Frist rückzahlbar als die erteilten Kredite. Wenn das Publikum in Panik geriet und seine Einlagen zurückzog, war und ist jede einzelne Bank zahlungsunfähig, die Raiffeisenbanken wie die Grossbanken. Diese Labilität bildet den Ursprung aller immer intensiveren Bankregulierungen und Aufsichten. Diese Labilität erschütterte das westliche Finanzsystem nach dem Konkurs von Lehman Brothers am 15. September 2008. Der riesige Bodensatz an kurzfristigen Geldern, welche normalerweise zwischen den Banken als Einlagen zirkulierten, fror innerhalb von Stunden ein. Die Banken gaben einander keine Einlagen mehr und zogen sie zurück; das Publikum tat dasselbe. Praktisch alle westlichen Banken waren illiquid. Die gängige Interpretation von Politikern, Ethikern, Sozialwissenschaftern und Populärautoren sieht die Ursachen der Finanzkrise in der Gier, in den Boni, in der «strukturierten Verantwortungslosigkeit» (die emeritierte Soziologin Claudia Honegger), in den Finanzinstrumenten (Derivaten, Verbriefungen, Hedgefonds) – kurz: in einem bunten Strauss von Vorwürfen, die man schon immer gerne erhob. Auch der Schlussbericht des Financial Crisis Inquiry Report der offiziellen US-Kommission trägt auf 540 Seiten

geschwätzig, aber ungewichtet alle möglichen Umstände vor.

Vollreservenbanken als wahre Sicherheit

Wenn es eine Struktur gab, die Verantwortung für die Finanzkrise hatte, dann das Papiergeldsystem mit Buchgeldschöpfung der Banken, worauf sich die Politik 1944 eingerichtet hatte und die seither gut von ihr und von der verursachten Inflation lebte. Ausserdem war der unmittelbare Anlass die ebenfalls von der US-Innenpolitik forcierte Eigentumsstreuung beim Hausbesitz, welche die 2000 Milliarden fauler Hypothek als Material der Krise lieferte. Die Instrumente konnten nun wirklich wenig dafür. Wenn man ausserdem die Gier als systemgewollte Triebfeder einbezieht, also das Eigeninteresse der Banken, aber auch der Kreditnehmer, der Millionen von Hypothekarschuldnern zu Tiefzinsen und Höchstbelehnungen in den USA, in Spanien, Irland und Osteuropa, dann gibt es keinen Raum für die seltsame moralische Empörung über Banken und Banker. Alles war politisch so gewollt und eingerichtet. Als Abhilfe kann man nun entweder ein striktes Trennbankensystem oder ein Vollreservenbanksystem errichten, wo die Banken nur Vermögenswerte verwalten, aber diese ausserhalb ihrer Bilanz direkt auf Rechnung der Kunden in Immobilien, Aktien, Obligationen und Geldmarktfonds investieren, wo also die Geldschöpfung nur durch die Notenbank stattfindet. Oder den Goldstandard. Oder die Notenausgabe durch private Banken, die im Wettbewerb um Solidität gegenüber dem Publikum stehen, wie von 1848 bis 1907 in der Schweiz und von 1789 bis 1913 in den USA. Oder mit Banken, deren Obligationengläubiger im Krisenfall die Guthaben in Aktien umtauschen und die Bank sofort und ohne Staatshilfe sanieren müssen («contingent convertible bonds»). Oder aber man akzeptiert die Frivolität des gegenwärtigen Systems und sucht die Schuld nicht bei den Banken.

Hingegen steht man im Jahr 2011 genau so verblüfft und ahnungsvoll da wie 1971 beim Zusammenbruch des Golddevisenstandards vor der explodierenden Geldmenge. Diesmal allerdings steht man vor dem Aufkauf der früheren, schlechten Kreditpakete aus den Banken durch die Notenbanken, vor deren Aufkauf schlechter Staatspapiere in den USA und durch die Europäische Zentralbank (EZB) sowie vor der massiven Kreditstützung und Geldschöpfung durch den Internationalen Währungsfonds (IWF). Wenn die Wehleidigkeit aller Beteiligten, also der Banken, Politiker, Firmen und Gewerkschaften, anhält und wenn mit diesen Mitteln immer weiter Liquidität geschaffen wird, muss eine Inflation oder ein allgemeiner Kladderadatsch folgen. Denn die Schulden sind immer noch da, wurden aber vervielfacht und auf alle denkbaren Bilanzebenen geschoben – von Haushalten in Banken, in Staatsschulden, in Notenbanken und in den Weltwährungsfonds.

Als Kinder spielten wir mit den 1000-Lire-Noten meines Grossvaters, der in den 1920er- und 1930er-Jahren ererbte Grundstücke aus seinem italienischen Heimatdorf verkauft und den Erlös in eine Zigarrenschachtel gelegt hatte. Schon damals, besonders aber nach dem Krieg, waren sie wertlos. Die abgegriffenen Noten in schlechtem Papier waren immer unser beliebtes Spielzeug. Dagegen erhielt mein Urgrossvater väterlicherseits, Johann Ferdinand Kappeler, zu seiner Pensionierung als Bankangestellter, so erzählte man sich in der Familie, in den 1920er-Jahren den letzten Lohn und seine Abfindung in Frauenfeld in einem grossen Etui. Darin prangte in der Mitte auf Samt eines der damals neuen 100-Franken-Goldstücke, rund herum in weiten Bögen 10er- und 20er-Goldstücke. Der Goldstandard, wo Geld gleich Gold war, machte dies möglich. Im Gegensatz zum immer noch vorhandenen Papierramsch aus Italien sind diese Goldstücke später verkauft oder in Erbgängen verteilt worden. Jedenfalls illustriert diese familiäre Geschichte das berühmte Gesetz des englischen Financiers Thomas Gresham aus dem 16. Jahrhundert:

«Das schlechte Geld verdrängt das gute Geld» (aus der Zirkulation und aus dem Gesichtsfeld).

Es ist heute unmöglich, die erwähnten Alternativen des Trennbankensystems, der Vollreservenbanken oder des Goldstandards in die Debatte einzubringen. Es würde ein Minimum an Durchblick und ein Maximum an Veränderungswillen erfordern. Ausserdem fällt es nicht in die Schubladen rechts/links und ist im gängigen Gehirn also unhandlich.

Liberalisierte Kommunikation – neue Netze oder Bürokratie?

Angesichts der hereinbrechenden Welt der Netze erging an mich 1996 durch Bundesrat Moritz Leuenberger der Auftrag, eine «groupe de réflexion» zu leiten, welche die notwendigen Massnahmen vorschlagen sollte. Durch mein jahrelanges Leiden in 30 anderen Bundeskommissionen aller Art gewitzt, wollte ich Tempo machen und einige wenige, aber realisierbare Vorschläge einbringen. Wir schafften es in nur neun Monaten, inklusive Übersetzungen. Die Mitglieder der Kommission waren vorgegeben und bunt zusammengesetzt: der Verleger Michael Ringier, die Künstlerin Pipilotti Rist, der Uhrenunternehmer Nicolas Hayek, die Konsumentenanwältin Simonetta Sommaruga, der junge Jurist David Rosenthal und andere. Letzterer brachte fruchtbare Beiträge, weil er von der neuen Informatik etwas verstand. Michael Ringier ging nie aus sich heraus, entweder weil sein Konzern eigene Feuer am Kochen hielt oder gar keine. Nicolas Hayek fehlte manchmal oder schlief in den Sitzungen. Pipilotti Rist hatte ein, zwei eher extravagante Ideen, und Simonetta Sommaruga sah immer viele, viele Gefahren. Das war’s. Als Folge wurde ich in die neu geschaffene Eidgenössische Kommunikationskommission (ComCom) gewählt – eine echte Behörde, nur dem Bundesgericht unterstellt, welche den nunmehr geöffneten

Kommunikationsmarkt organisieren musste. Zu meinen Wahlchancen trugen vielleicht weniger meine Fähigkeiten bei, sondern vielmehr die Absenz von Interessenbindungen. Man konnte fast niemanden in dem kleinen Land finden, der die neuen Medien beackerte und nicht schon eingebunden war. Ab 1998 galt das neue Fernmeldegesetz, die Telefonie war von der Post abgespalten und die Mobilfunknetze sollten unter die Bewerber ausgeschrieben werden. Ich hatte übrigens schon als SGB-Sekretär in der Vernehmlassung zur ersten, kleinen Liberalisierung des Telefongerätemarktes 1986 die Liberalisierung auch der Sprachdienste eingefügt. In letzter Minute sah dies der Vertreter der PTT-Gewerkschaft im SGB-Vorstand, und der Passus, also die Forderung nach wirklicher Liberalisierung, wurde gestrichen. Sie kam erst 1998. Die Schweizer Industrie und Post scheiterten 1983, ein eigenes integriertes Fernmeldesystem zu entwickeln und die Digitalisierung einzuführen. Die alte PTT hatte die drei führenden Firmen der elektromechanischen Telefonie (Siemens-Albis, Hasler und Standard Telefon und Radio der amerikanischen ITT-Gruppe) in eine Entwicklungsgruppe zusammengerufen. Sie brachten aber nichts zuwege. Die Geschäftsprüfungskommission des Parlamentes stellte später fest, dass die PTT dilettantisch vorgegangen war und dass die grossen ausländischen Mutterhäuser zweier dieser Firmen die Informationen eher zurückgehalten als beigesteuert hatten, ja vielleicht sogar technisches Wissen für die erfolgreicheren eigenen Entwicklungen anzapften. Eine interne Quelle sagte mir, eine dieser zwei Auslandsfirmen wollte gar keine ernsthafte Offerte einreichen, weil die PTT auf einer Kostenkontrolle bestand. Lieber lieferte die Firma ihr eigenes System vom Ausland her. Ich riet Fritz Reimann, dem Präsidenten des SGB, in der Öffentlichkeit von «einer Katastrophe, schlimmer als eine Firmenschliessung» zu sprechen. Denn dieses Scheitern besiegelte eine eigenständige schweizerische Telekommunikationsindustrie auf allen Ebenen, aber dies wurde in der Öffentlichkeit völlig passiv aufgenommen. Hingegen ereifern sich sonst alle, linke wie bürgerliche Politiker, über jede Betriebsschliessung. Die Einstellung der Automontage von General Motors in

Biel 1973 oder die Schliessung von Firestone 1976 in Baselland, die spätere Schliessung der Wagonfabrik Schlieren, der Brauerei Cardinal, immerhin alles reife, alte Branchen, entfachten nationales Fieber, Vorwürfe, Resolutionen und Aktionen allseits. Doch eine verpasste Riesenchance wie das Informationssystem wurde nicht erkannt. 1945 übrigens war die Hasler AG noch gleich gross wie der schwedische Konzern Ericsson gewesen. Nach dem Scheitern der eigenen digitalen Entwicklung mutierte sie aber trotz der Fusion mit Autophon zum Zwerg. Beide waren verwöhnte, langsame Hauslieferanten der alten PTT. Das Modell «Telefon 1929» von Hasler stand noch in unserem Haushalt der 1950er-Jahre, so langsam lief der Fortschritt, und es stand dort als Mietmodell der PTT. Sie entschieden und teilten den Haushalten zu, was frommte. Die Hasler war ausserdem eine Stiftung des kinderlosen Inhabers geworden, wobei Stiftungsrat, Verwaltungsrat und Geschäftsleitung von Hasler sich personell vielfach überschnitten – dieser Teig ging nicht mehr auf.

Liberalisierte Netze bieten «service public», gerade sie

Wie die neue Welt der Kommunikation nach 1998 nun funktionieren sollte, wäre eigentlich auch ein Punkt auf obiger Liste, der dem Publikum nicht geläufig wird, weil es auch hier immer nur im Schema Entweder/oder denken kann – nämlich staatlicher «service public» oder Liberalisierung und Privatisierung. Und dann stört noch der Profit, während eben der Staat mit dem eleganten französischen Begriff des «service public» verklärt wird. Doch es ging bei der ComCom, wie später beim Strom oder bei der Schiene, um die neuen technischen Spielarten, welche die alten Monopole technisch aufbrachen. Es wurde nun möglich, mit mehreren privaten Netzen nebeneinander billig durch die Lüfte zu telefonieren oder die Elektrizität elektronisch fein zu verteilen und abzurechnen, genauso wie die Achsenzahl der verschiedenen Bahngesellschaften, die über ein Schienennetz rollten.

Die Architektur solcher neuer Netze mit vielen Betreibern ist einfach: Es braucht ein technisch bedingtes Verteilnetz (Schienen, Strommasten), das nicht dupliziert werden sollte. Darauf fahren verschiedene Betreiber im Wettbewerb, die von einem Regulator ausgewählt werden, von der Wettbewerbskommission von Absprachen abgehalten werden und allenfalls eine minimale Versorgung der Kunden zusichern müssen. Das alles zusammen ist ebenfalls ein perfekter, aber wettbewerblicher «service public», und der Staat ist nur Schiedsrichter, nicht Mitspieler.

Doch die Zukunft erstickt in Rekursen

Für die Zuteilung der ersten Generation des Mobiltelefons wählte die ComCom einen Kriterienwettbewerb. Die Bewerber mussten eingeben, wie sie den Dienst gestalten wollten. Daraus wollte die Kommission dann die geeignetsten Offertsteller auswählen. In einer Sitzung im alten Cluniazenserpriorat Münchenwiler bei Murten im Kanton Freiburg kämpften wir uns durch viele Laufmeter eingereichter Ordner, die allerdings durch unseren «technischen Arm», das Bundesamt für Kommunikation, schon eingesehen und vorsortiert worden waren. Wir bewilligten die Gesellschaften Diax Mobile und Orange, während die Swisscom als Erbin des alten Monopols schon gesetzt war. Später, für die Zuteilung der neuen Generation der Frequenzen, der UMTS- Welt, wollte die ComCom wie im übrigen Europa eine Versteigerung durchführen. In manchen Ländern hatten diese Versteigerungen 10 Milliarden Euro je Bewerberfirma eingebracht. Manche Politiker warfen der anstehenden Versteigerung in der Schweiz aber vor, dadurch die Kunden mit überteuerten Diensten zu übervorteilen. Schliesslich wurden in der Kommission die Eingaben für die vier möglichen Netze geöffnet – es waren genau vier.

Deshalb entschloss sich die ComCom in einer recht dramatischen Telefonkonferenz am Abend nach Ablauf des Bewerbedatums, die vier Konzessionen zum voraus festgelegten Minimalpreis von je 50 Millionen Franken zu erteilen. Teils die gleichen Politiker brüllten nun, dass man das «Volksvermögen» der Frequenzen verschleudert habe. Aber wenn niemand zahlen will, hat auch der Kaiser selbst sein Recht verloren. So bauten die Mobilfunkgesellschaften schon beim ersten System ihre eigenen Netze auf. Ich hatte vorgeschlagen, eine eigene, einzige Netzgesellschaft zu erlauben, welche die Antennen baut und in welche sich die Betreibergesellschaften einmieten könnten. Dies hätte der Volkswirtschaft und den Kunden mehrere Milliarden erspart. Aber ich kam damit nicht durch. Auch hier hätte man die Architektur eines einzigen physischen Netzes in Form der Masten gehabt, das von konkurrierenden Betreibern gemietet und betrieben worden wäre. Was ich gegenüber dieser schönen Architektur der Grundsätze in der ComCom-Praxis allerdings mit wachsendem Entsetzen wahrnahm, war die unermessliche Rekursmanie und Verrechtlichung, welche die Politik im Verwaltungsverfahren eingebaut hatte. Es hagelte bei den einfachsten wie komplexesten Entscheiden Rekurse, und immer trafen Dutzende, manchmal Hunderte von Seiten an Rechtsschriften hochmögender Zürcher Advokaturbüros ein. Man rekurrierte schon mal gegen den Entscheid, eine Ausschreibung oder einen Bietwettbewerb zu machen, dann zum Entscheid, wer zugelassen wurde, dann natürlich gegen jeden endgültigen Entscheid der ComCom. Dabei rekurrierten oft auch jene Gesellschaften, die beim Entscheid gewonnen hatten, nur für den Fall, dass der mit Sicherheit eintreffende Rekurs der Verlierer Erfolg vor Gericht hätte. Auch jeder einzelne Verfahrensschritt wurde bis vor das Bundesgericht bestritten, und es wurde festgelegt, welche Akten eingereicht oder dem anderen Wettbewerber gezeigt werden mussten, so z. B. Rekurse für die Abdeckung von Geschäftsgeheimnissen in diesen Akten, Rekurse dagegen, Rekurse gegen einen von der ComCom gewählten Experten, Rekurse gegen gesetzte Fristen usw.

In der ComCom diskutierten wir manchmal länger über die Gefahr eines Rekurses als über die Richtigkeit der Sache, je nachdem, ob man sich so oder anders entschied. Ausserdem hatte es das Parlament absichtlich unterlassen, der ComCom, wie im Ausland, eine gestaltende Kompetenz zu geben, nämlich Ex-ante- Verfügungen zu erlassen. Die ComCom konnte meist nur reagieren, wenn sie Verfehlungen oder Rekurse antraf. Bei der folgenden Revision des Fernmeldegesetzes versah die Swisscom die Kommissionsmitglieder des Parlaments mit detaillierten Listen von Anträgen, um ihre dominante Stellung zu sichern. Die Parlamentarier waren in der Doppelrolle der Regulatoren wie der Begünstigten der Swisscom, die über die Jahre Milliarden Franken in die Staatskasse aus Aktienverkäufen und Dividenden einwarf und noch einwerfen wird.

Die neuen Wurzeln der Bürokratie – und wie man sie trimmt

Vor der Einrichtung eines Bundesverwaltungsgerichts hatte jedes Departement eine Rekurskommission. Diese waren auch aus Fachleuten wie Architekten und Unternehmern zusammengesetzt und urteilten als letzte Instanz und mit Augenmass, also mit geziemendem Ermessen. Sie urteilten oft auch rascher. Mit dem neuen Verwaltungsgericht wurden die Verfahren vervielfacht – über 50 Gesetze aller grossen Tätigkeitsfelder des Bundes verweisen nun auf diese Umstandsmühle, die nur aus Juristen besteht und sich mit bereits mehreren haarsträubenden, papierenen Fehlentscheiden unglaubwürdig gemacht hat. Im Ergebnis laufen unendliche Verfahren allein schon in der Verwaltung, dann neu bis zum Bundesverwaltungsgericht, gegen dessen Entscheide oft noch beim Bundesgericht rekurriert werden kann. Es gibt nun also eine Stufe mehr, obwohl die Parlamentarier bei seiner Errichtung versprachen, nun werde alles einfacher.

Mein Schluss aus diesen Erfahrungen wie aus allgemeiner Bürokratiebeobachtung: Es braucht im Verwaltungsverfahren dramatisch mehr Ermessen. Die Juristen tun so, als ob man heute noch wie unter Ludwig XIV. Leute ohne Gerichtsverfahren in die Bastille einsperrte und nun Rechtsmittel dagegen geschaffen werden müssten. Doch auf dieser Schiene der Rechtsmittel ist man so weit schon übers Ziel hinausgeschossen, dass Unrecht gerade daraus entsteht, nämlich Rechtsverweigerung, blockierte Entscheide und amputiertes Eigentum. «Unintended consequences», einmal mehr. Zusätzlich muss die Haftung des Staates und seiner Beamten entsprechend eingeschränkt werden, damit die Angst davor die Behörden nicht in schikanöse Kontrollen gegenüber dem Bürger treibt. Schliesslich sind auch die Medien heute derart stark, gut informiert und beachtet, dass sie als vierte Gewalt allfällig überdrehtes Ermessen wirkungsvoll anprangern und korrigieren können.

Den Kontrast dazu bildet die oben geschilderte Welt der unmittelbaren Nachkriegszeit: das bürgerlich-industriell-gewerbliche Milieu der damaligen Schweiz. Kurzer Prozess wurde da im wörtlichen Sinne gemacht, besser, keine Prozesse, sondern direkte Auseinandersetzungen. Die Kauf-, Miet- und Schuldverträge waren früher lakonisch, man kann dies in Industriejubiläumsschriften sehen. Ein, zwei Seiten, anklingend an die wichtigen Begriffe aus dem OR, und die Sache war geregelt. Ein Arbeitsvertrag musste nicht schriftlich sein, was war, das galt, auch vor Gericht. Oder die Rassismusbekämpfung: In den schwersten Zeiten der 1930er-Jahre brauchte die Schweiz kein Gesetz dazu und wehrte sich in gefahrvollerer Umgebung besser als heute. Heute hören die Gutmenschen eine rassistische Bemerkung, sagen nichts und rennen eine Woche später zum Richter, der ein halbes Jahr später urteilt. Besser wäre immer noch ein sofortiger Widerspruch,

ein Aufruhr, meinetwegen eine lustvolle Saalschlacht. Das anwaltschaftliche Reden hat ins Tierreich übergegriffen. Die Verordnung zum Tierschutzgesetz ist unglaublich geschwätzig, trölt über 158 Seiten, will Hundehalterkurse, verlangt Augenkontakt mit den Tieren und artgerechtes Halten von Beutetieren, untersagt das Beschneiden der Hühnerflügel und will für das Hüten von mehr als drei Schweinen ein Diplom. Oder die Rauchverbote, oder Datenschutz allüberall, auch zugunsten von Troubleshootern, weil man ihre Fotos nicht ins Internet stellen soll. Funktionäre und Richter stehen vor der Freiheit des Publikums.

Dies alles hat tiefe Wurzeln: Soziologie und Psychologie klären seit gut 100 Jahren auf. Sie kreieren neue Mythen. Doch wenn diese Analysen Verschiedenheit, Ungleichartigkeit und Ungleichheit feststellen, dann wirft sich die westliche Gesellschaftstechnik darüber und biegt alles gerade. Sie korrigiert, sie kompensiert Jugend, Alter, Gender, Immigranten, Melancholische, Schulschwache, Landstreicher, Kokser, Raucher, Schwergewichtige und Abweichende. Der Staat stellt sich dahinter, zahlt, befiehlt, gewährt den sozialtechnischen Interventionsberufen Tarifpunkte. Denn der Staat – seine Politiker – haben die «outcomes», die Ergebnisse garantiert, in Geldwerten die Gleichheit versprochen. Die Schilderung, die Erklärung von Unterschieden und Leidenslagen durch Soziologie und Psychologie wurden zur Anklage, die Betroffenen zu Opfern, der Staat zum allmächtigen Korrektor. Das Ziel der Gleichheit ist allerdings illusorisch, die Mittel sind allmählich zu teuer, die rechtliche Zurückbindung der Leistungsfähigeren behindert deren Grundrechte und Erfolge. Wissenschaftliche Erklärung von Ungleichheit muss kein Auftrag werden, um alles umzubiegen.

Bücher schreiben – Erfolg und Misserfolg

Nach einiger Erfahrung im Schreiben und nach meiner Zeit als ausserordentlicher Professor für Sozialpolitik am Institut de hautes études en administration publique der Universität Lausanne legte ich zwei Anliegen in Buchform vor. Das eine blieb stecken, das andere zog. Stecken blieb meine Forderung in Die neue Schweizer Familie nach einer Beteiligung der jungen Väter an der Kinderpflege in den ersten schwierigen Jahren, ergänzt durch Krippen und später abgelöst durch Tagesschulen. Frauen sind heute gleich gut ausgebildet wie Männer, doch wenn sie die doppelte Last an Kindern und Beruf schultern müssten, wählen sie oft den Beruf, und Europa stirbt gebildet und reich aus. Alle Förderungen richten sich immer an die Frauen, sie wollen ihnen diese Quadratur des Kreises erleichtern, ich will sie abschaffen. Dagegen hat ein solcher Haushalt mit gleicher Kinderaufsicht der Frauen und Väter zwei 70-Prozent-Einkommen, was staatliche Stützungen unnötig macht, und beide Partner bleiben im Beruf. Die Forderung nach vorübergehender Teilzeit für Jungväter ist eine Forderung an diese selbst, dann auch an die Firmen. Aber das verführt die Linken und Feministinnen kaum, sie halten sich immer an den Staat. Immerhin wurde ich oft zu Vorträgen eingeladen, und immer zeigten sich dort viele Ehepaare, welche diese Rollenverbindung praktizierten. Meine Frau und ich übrigens auch, weshalb ich im Lebenslauf «cc»: «child care», trage. Das schlug ich im Buch als Label, als echten Leistungsausweis im Curriculum für Jungväter vor, neben den anderen hochtönenden Buchstabengruppen MBA, HR, CFO usw. Das Buch Sozial, sozialer, am unsozialsten hingegen hatte eine eher spürbare Wirkung. Man sollte auch in der Sozialpolitik ein nüchternes Menschenbild haben, also mit Menschen rechnen, die rechnen können. Das führt zu aktivierenden Politiken für Arbeitslose, Invalide und Sozialhilfeempfänger. Ich stellte an zahllosen Veranstaltungen fest, dass die meisten Sozialarbeitenden längst diese Ansicht pflegten, weil sie unter den Verrechtlichungen litten, weil sie unter den Geldempfängern nicht nur arme Opfer sahen, weil die spezialisierten Anwälte sie nervten, welche die ausufernden Hilfegesetze ausnutzen und dann noch den Sozialbehörden

Rechnungen stellen. Auch verbreitet sich ausserhalb und innerhalb der Sozialarbeit immer mehr die Einsicht, dass die Tarife der SKOS (Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe) übertrieben hoch sind, wenn sie 50000 Franken und mehr für eine Familie im Jahr zusagen und dann doch wieder fast Franken für Franken davon abziehen, was die Familie selbst verdient. Aber wenn die SKOS zu Modellen des angelsächsischen Raums schritte, wo man vom Selbstverdienten deutlich mehr als die Hälfte belässt, dann müsste sie mit tieferen Tarifen einsteigen. Doch das gibt der Kopf nicht zu. Bei tieferen Tarifen und dafür mehr Ermessen für Zusätze durch die Sozialarbeitenden wäre diese Hilfe richtig. Viele sehen das schon. Es gibt nichts Mächtigeres als eine Idee, deren Zeit gekommen ist, sagte schon Victor Hugo. Nur die meisten Politiker sehen immer noch nur Opfer, überbieten sich mit Zartheit und Entgegenkommen an Hilfesuchende, gerade auch Bürgerliche. Sie haben einen Komplex der Erfolgreichen oder entstammen selbst immer mehr kleinbürgerlichen Schichten, die den Abstieg fürchten und die völlige Abfederung aller Lebenslagen billigen. Als Journalist erzielte ich im Tagesgeschäft sowohl Erfolge als auch Fehldiagnosen. So schrieb ich in der Weltwoche etwa drei Jahre vor dem Untergang von Swissair 2001 und dem Fastkonkurs von ABB nach 2002, dass Firmen mit nur noch 15 Prozent Eigenkapital in der Bilanz gefährdet seien. Oder ich schrieb zum Fünfjahresjubiläum des Euro am Silvester 2006 in der NZZ am Sonntag, dass sich die unterschiedliche Konkurrenzfähigkeit seines Nordens und Südens kumulieren und Spannungen bringen werde, und im August 2006 diagnostizierte ich steigende Büro- und Wohnungsleerstände im Westen sowie die Korrelation aller Anlagewerte, also ihr gleichzeitiger Fall, sollte eine Krise kommen. Hingegen glaubte ich Anfang der 1990er-Jahre, Deutschland habe sich mit seinen steigenden Verregulierungen aus dem Weltmarkt verabschiedet, während die USA auf gloriosem Reichtumspfad seien. Es kam – aus heutiger Sicht – genau umgekehrt. Die Schröder-Reformen und eine massvolle Lohnpolitik stärkten Deutschland, die USA versinken im Schuldensumpf. Hier

wurde ich meinerseits Opfer der unmerklichen, innerhalb kurzer Generationen von 20 Jahren laufenden Veränderungen.

Übermacht der Politik: Verfassungsbrüche und Bundesbüchlein

Der Wehleidigkeit des anwaltschaftlichen Verfügens muss man die deftigen Brüche der Verfassung und des Volkswillens gegenüberstellen, welche sich das Parlament in den letzten 30 Jahren selbst gestattete, wo aber keine Wellen der Empörung flattern, weil die meisten Politiker und Medien sich gar nicht daran erinnern wollten. Als die Konsumentinnen 1983 ihre Preisüberwachungsinitiative beim Volk durchbrachten, nahm das Parlament ganz einfach die Bankkartelle davon aus. Das war Verfassungsbruch. Erst nach einer zweiten, vor dem Volk ebenfalls erfolgreichen Initiative der Konsumentenorganisationen kam es richtig.

Tricks und Kniffe beim Verfassungsbruch Als am 28. November 1982 die erste Preisüberwachungsinitiative angenommen wurde, sagte Vizekanzler Achille Casanova schon einen Tag später: «La commission des cartels s’est déclarée incompétente.» Davon wusste ich als Mitglied schon mal nichts. Man wollte offenbar sehr geheim vorgehen, denn die Bankkartelle sollten ausgenommen werden. An der Sitzung der Kartellkommission vom 9. Dezember 1982 sprach niemand von der wünschbaren Integration der Preisüberwachung in die Wettbewerbspolitik und damit in die Kompetenz der Kommission. Auf meine Frage hin wand sich der Sekretär Bruno Schmidhauser und gab zu, er erarbeite für Bundesrat Fritz Honegger ein Ausführungsgesetz, aber nur so als Eventuallösung, ohne Einschluss ins Kartellgesetz. Er werde die Kommission auf dem Laufenden halten. An der Sitzung vom 17. Januar 1983 der Kommission skizzierte

Schmidhauser Umrisse eines möglichen solchen Gesetzes. Der Präsident fand diesen Weg allerdings bedauerlich, zeigte aber keine Lust, sich anderswie einzusetzen. Als ich mit Fragen nachbohrte, zeigte es sich, dass der Gesetzesentwurf schon fertig war und vor Bundesrat Kurt Furgler lag – ohne dass die Kommission ihn gesehen hätte. Ich versuchte darauf schriftlich, die Fédération romande des consommatrices, das Konsumentinnenforum, das Mouvement populaire des familles, den Mieterverband und den SGB-Präsidenten und Nationalrat Fritz Reimann auf Interventionen einzuschwören. Dieses Vorgehen enthüllt eine Schwäche der schweizerischen Demokratie und die Stärke der Verwaltung: Die meisten Leute, durchaus mit Ämtern und theoretischem Einfluss versehen, sind zu naiv, stellen keine Fragen, und wenn einer diese Fragen stellt, schweigen sie weiter. Man ist als Kritiker immer sehr allein. Dann muss die Verwaltung nur Mut zeigen und vorwärts machen, Tatsachen schaffen, und sie gewinnt.

Als die Kantone einen Kulturartikel in der Verfassungsabstimmung ablehnten, setzte das Parlament ihn einfach in den Entwurf der neuen Verfassung 1999/2000, welche die Verfassung «nur nachführen» sollte und wo man ihn nicht separat ablehnen konnte. Das ist Verfassungsbiegung. Als das Volk 1977 die Sommerzeit ablehnte, setzte sie das Parlament in Kraft. Eine ungleich folgenschwerere Bestimmung schmuggelte das Parlament in die neue Verfassung, die ja nur «nachführen» sollte, was schon galt. Doch plötzlich kam da der Artikel 12 ins Grundrecht, der «Anspruch auf Hilfe» und «ein menschenwürdiges Dasein» zusichert. Damit wurde für alle auf dem Territorium Anwesenden eine Existenzgarantie ausgesprochen. Doch eine solche Garantie bei sehr löcherigen Grenzen gegen den Zuzug Elender aus aller Welt ist inkongruent. Ausserdem lehnt sich die Garantie des menschenwürdigen Daseins stark in Richtung der kulturellen Definition solcher Stützung hinaus, die mit dem Wohlstandsniveau mitwachsen muss; man kann letztlich also auch Reisen, Auto und Unterhaltung darunter

verstehen. Das stand vorher nicht in der Verfassung. Es wird aber Dutzende von Milliarden mehr kosten als eine Magervariante. Als das Volk die Mehrwertsteuer beschloss, war 1 Zusatzprozent der Steuer vorgesehen, wenn «wegen der Entwicklung des Altersaufbaus die Finanzierung der Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung nicht mehr gewährleistet» ist. Das Parlament setzte dieses Prozent rasch in Kraft, nicht wegen der Altersengpässe, sondern weil die AHV zu stark ausgebaut war und die dürftige Konjunktur der 1990er-Jahre dies nicht finanzierte. Das war ein Verfassungsbruch. In den Jahren nach 2011, wenn die Babyboomer Rente wollen, wird genau dieses schon konsumierte Prozent fehlen, nämlich 3 Milliarden jährlich und mehr. Der Verfassungsbruch kann übrigens immer noch in den Übergangsbestimmungen der Verfassung nachgelesen werden, wo der oben erwähnte Satz «wegen der Entwicklung des Altersaufbaus» belassen wurde! Und als mit viel Aplomb 2001 über eine Schuldenbremse für laufende Ausgaben abgestimmt wurde, eliminierte man damit klammheimlich die bestehende schärfere Bestimmung aus der Verfassung, wonach der Bilanzfehlbetrag des Bundes abzutragen sei. Sie bestand seit Jahrzehnten, doch das Parlament führte die Bestimmung nie aus. Die Schuldenbremse trägt die Schulden nicht ab, sondern stabilisiert sie nur. Das war ein Verfassungsbruch durch Irreführung des Volkes.

Allerdings wäre nun die Folgerung falsch, man wolle eine Verfassungsgerichtsbarkeit über die Entscheide von Volk oder Parlament einführen. Denn eine solche braucht es in Staaten wie den USA, wo die Verfassung unendlich schwierig an neue Verhältnisse anzupassen ist (es dauerte für das letzte «Amendment» Nummer 27 ganze 203 Jahre). Aber die Bundesverfassung der Schweizerischen Eidgenossenschaft ist die am meisten geänderte der ganzen Welt, und so ist das Volk fast alle Vierteljahre am Drücker, um Gesellschaft und Verfassung in Übereinstimmung zu bringen. Es kann darüber kein aufgeklärtes Organ geben, das es besser weiss.

Eine wenigstens ein bisschen rationellere, aufgeklärtere Weise der Volksabstimmungen brachte eine Eingabe des SGB in den 1980er-Jahren zuwege. Ich kritisierte darin, dass der Bundesrat mehrfach bei seinen Erläuterungen zuhanden der Haushalte gegnerische Anliegen verkürzt oder gar nicht dargestellt hatte. Wir verlangten, dass in solchen Erläuterungen künftig die Initiatoren oder das Referendumskomitee selbst eine Seite mit seinen Argumenten gestalten dürfe. Dies wurde tatsächlich eingeführt und gilt seither.

Kapitel 9

Abgesang und Schluss

Ich bin immer noch Journalist, obwohl viele meiner ehemaligen Kollegen in Verwaltungsetagen, in Kommunikationsstellen von Konzernen und Verwaltungen, in eigene Kommunikationsbüros oder in die Frühpensionierung abgeschwirrt sind. Ich verschmähte auch sechs recht wichtige Verwaltungsratssitze, zwei Chefredaktorenstellen, zwei Studieninstitute und viele Consultinganträge. Es ist in diesem kleinen, intensiv gewobenen Land schwer, sein Leben für die Information in Medien und Vorträgen freizuhalten. Man kann sich aber als einer der Akteure verstehen, welche die Gesellschaft sich selbst reflektieren lassen, als «Symbolanalyst». Dies ist überdies kein Opfer, sondern eine sehr schöne Sache, und leben kann man auch gut davon. Das Protokoll daraus ist hiermit erstattet. Ich dachte, ich mache es, solange ich mich noch daran erinnern kann und solange die vielen Dokumente nach vielleicht mehrfachem Umziehen nicht verschwunden sind. Ich bin aber noch nicht fertig. Es geht weiter, die Gesellschaft, die Techniken, die weltgängige Schweiz laufen weiter.

Die wirtschaftliche, gesellschaftliche Zukunftsrolle der Schweiz

Die Schweiz mutiert neben der US-Ostküste, Kalifornien, Südengland, Singapur, Shanghai und Südarabien zu einem der metropolitanen Pole der neuen Weltwirtschaft. Die regionalen Territorialverbünde wie die EU sind charmante, damals notwendige, heute gleichmacherisch-behindernde Projekte

der 1950er-Jahre. Die in der Schweiz wirksamen Treiber zum Weltgang dagegen sind die Blockfreiheit, die eigene Währung, die Einwanderung Qualifizierter, die gute Ausbildung in Lehre und Hochschule, der freie Arbeitsmarkt, die öffentliche Sicherheit und die funktionierende Infrastruktur, die Freude an Arbeit und Gewinn. Die Folgen sind bereits da – Wohlstand, hohe Arbeitsmarktbeteiligung, internationale, sich rasch verändernde Einwohnerschaft, weltweite Wertschöpfungsketten mit Kopfwerk in der Schweiz. Die künftige Rolle der schweizerischen Volkswirtschaft nach aussen und nach innen sollte es sein, ein erfolgreiches Modell im Wettbewerb der Lösungen zu bleiben, und zwar für den Arbeitsmarkt, private Forschung, Bottom-up-Staatlichkeit, den föderalistischen Binnenwettbewerb, tiefe Steuern, ein verdichtetes Wohnen und das Verkehrswesen einer reichen Bevölkerung. Und neu wird es auch den Wettbewerb durch «regulatory arbitrage» brauchen: Im Anbieten tieferer, geringerer, vernünftigerer Regulierung, wo immer möglich. Damit gewinnt das Land an Bedeutung, an Zuzug, aber es strahlt auch auf die ewigen Regulierer anderswo aus und behindert sie. Das ist eine Aufgabe zur Verbesserung der Welt, der Staatenwelt! Ausscheren, gegen den Strich laufen, das ist ein Vorbild, nicht Mangel an Solidarität. Ebenfalls soll dieses Land zu einem der Modelle an umweltverträglichem Leben werden. Eine Bevölkerung, die freiwillig bereits fast 100 Prozent rezykliert, was sie an Glas, Aluminium, Eisen, Batterien, Elektronikschrott, PET-Flaschen und Papier verbraucht, kann die nächsten Stufen voll integrierter Kreisläufe nehmen. Sie praktiziert den kantschen kategorischen Imperativ, ihr Verhalten «kann zum Gesetz für alle Vernunftwesen» werden. Vor allem wohnen und arbeiten müssen diese Millionen auf verdichtetem Raum, auch wenn es kommunale Kompetenzen begrenzt und Einschnitte im Bodenrecht voraussetzt.

Meine «innere Agenda» steht hinter diesem Text

Der Gesellschaftsphilosoph Isaiah Berlin sieht, wie er in seinem Buch Die Wurzeln der Romantik schreibt, bei den Philosophen Georg W. F. Hegel, Johann G. Herder und Johann G. Fichte den Anfang der Staatsvergottung, da im Werk dieser Philosophen die Idee verankert wurde, dass Volk, Sprache, Staat und Gesellschaft eins seien. Auch von den totalitären Ideen Jean-Jacques Rousseaus mit der «volonté générale» und dem «contrat social» führt eine direkte Blutspur zu Stalin, pflege ich zu sagen. Und Utopia von Thomas Morus hätte, wäre sie verwirklicht worden, die maoistische Zwangsgesellschaft noch hinter sich gelassen. Gemäss Isaiah Berlin wurden mit solchen holistischen Zielen, mit solchen umfassenden Gesellschaftszielen, alle verheerenden -ismen des 20. Jahrhunderts grundgelegt und gerechtfertigt: Kommunismus, Faschismus, Korporatismus, Nationalismus, Imperialismus, Rassismus. Heute noch sind die meisten Franzosen und Deutschen instinktiv der Überzeugung, dass Visionen, Gesamtkonzepte und Staatskompetenzen wichtig sind, und die Politiker sowie die Medien beider Länder lassen keinen Zweifel daran. Die EU versteinert dies getreulich und dreidimensional. Demgegenüber erklärt der methodologische Individualismus die Gesellschaft als Ergebnis individueller Ziele, Handlungen und Interessen. Da sich diese in einer offenen Gesellschaft und auf ihren Märkten für Produkte und Ideen gegenseitig in Schach halten, braucht es den grossen Leviathan Staat kaum, ausser für die Spielregeln dieses In-Schach-Haltens. Die österreichische Schule der Nationalökonomie zeigt überdies, dass der handelnde Unternehmer die Welt gestaltet, nicht irgendwelche abstrakte Gleichgewichtsannahmen neoklassischer und keynesianischer Ökonomie mit «consumption, investment, multiplicator». Diese zwei grundsätzlichen Haltungen teilen die Welt in zwei Lager, früher links und rechts genannt, oft auch unter anderen Titeln. Will man die Geografie bemühen, kann man aufgrund ihrer gesellschaftlichen

Überzeugungen die Schweizer, die Süddeutschen, die Angelsachsen und die Asiaten zu den Individualisten, Utilitaristen und Anarchisten rechnen, und die übrigen Kontinentaleuropäer zu den Kommunitaristen, zu den zwangshaften, ängstlichen Staatsgläubigen. Der ganz grosse Rest der Welt ausserhalb Frankreichs und Deutschlands fragt also bei allem: «Was bringt’s, was kostet’s?» So bleibt man frei. Auch die meisten kontinentaleuropäischen Staatskundebücher sehen in der Politik und sogar in Parteien die Anwälte des Gemeinwohls. Die Politologie der angelsächsischen Länder (Dennis C. Mueller schrieb ein Standardwerk zu «public choice») geht aber davon aus, dass alle Menschen, alle Akteure aus Eigeninteresse im weiteren Sinne handeln, auf den Märkten wie auch in der Politik. Politiker und Parteien maximieren genauso wie private Bürger, nämlich Amtsdauern, Ämter, Einkommen und Subventionen für ihre Wählergruppen. Der Staat ist der Pool, die Saldierung dieser Ansprüche. Eigeninteressen und Spieltheorien erklären die Handlungen der Gruppen. Politiker sind Menschen, nicht Übermenschen oder selbstlose Gönner. Man kann dieses Eigeninteresse auch Selbstbezogenheit nennen: also das Streben nach einer Mischung von Status, Glück, Geld, Macht und Ansehen. Das oft von Kritikern herumgebotene, oft absichtlich übertriebene Zerrbild des völlig egoistischen, kurzsichtigen «homo oeconomicus» fasst dies nicht richtig. Diese Motive der Menschen spielen in vielen, ins persönliche Selbstbild integrierten Kombinationen, von Warren Buffet bis Mutter Teresa, und wenn sie es in Freiheit und ohne Gewalt tun, besteht eine offene Gesellschaft, und sie bewegt sich ziemlich gut fort. Wenn Politiker, Parteien und Verwaltungen nicht rastlos das Allgemeinwohl, sondern ihre Selbstbezogenheit verfolgen, gibt es ein Problem – sie haben dazu den Staat zur Verfügung. Und wenn sie wie in Westeuropa der Hälfte der Haushalte viele Staatsleistungen zuhalten, beschaffen sich die Wähler ihre Mittel über die Wahlurnen, anstatt selbst über den Markt. Die Gesellschaft versteinert. Politische Systeme müssen daher, wie die Sozialpolitik

selbst, mit Menschen rechnen, die rechnen und rechnen können, also Macht brechen, nicht kumulieren. Dazu gehören Volksrechte, föderalistischer Wettbewerb, aber nicht kontinentale Grossunionen mit in sie eingeschriebenen Visionen des «immer engeren Zusammenschlusses» und der Regulierungen «im Sinne des Fortschritts», wie es die EU-Verfassung seit 1958 will. In Frankreich, Deutschland und der Schweiz aber kennt man diese politische Theorie der stets maximierenden Politiker kaum. Missstände werden beklagt und mit Appellen zu bewältigen versucht. Hans Magnus Enzensbergers hilflose Kritik an der Entmündigung Europas durch die EU ist typisch dafür – auch er kennt offenbar die angelsächsischen (und schweizerischen) Regeln der Politikbegrenzung nicht. Die Kontrolle über die Politiker, welche das Gewaltmonopol des Staates schrankenlos nutzen möchten, liegt im Wettbewerb der Lösungen durch den Föderalismus der Teilstaaten und durch den Vergleich sowie die Freizügigkeit der Bürger. Und natürlich in weitestgehenden, nicht von Verfassungsjuristen bedrängten Volksrechten. Gemäss modernen Historikern brachte diese Vielfarbigkeit der Lösungen den nachmittelalterlichen Entwicklungssprung Europas. Als letzte Notbremse gegen politische Entscheide bleiben die Fakten, bleibt die – wirtschaftliche – Krise, welche alles aushebelt. Der Markt dringt immer durch alle Ritzen. Eine Gesellschaft lernt immer nur durch Krisen. Dieses Protokoll zeigte nur die letzten 50 Jahre – aber welch ein Abenteuer, welch ein Entwicklungssprung!

Lebenslauf

Beat Kappeler, geboren 1946 in Villmergen, Aargau, und aufgewachsen in Herisau, Appenzell Ausserrhoden

1959–1961

Sekundarschule in der Klosterschule St. Gallen

1961–1965

Gymnasium Friedberg

1965–1966

Kollegium Appenzell, Matura Typus A

1966–1970

Studium in Genf, Abschluss mit Lizenziat (ès sciences politiques) am Institut Universitaire de hautes études internationales, heute HEID genannt

1970–1971

Studium in Westberlin

1972–1977

Freier Wirtschaftsjournalist, u. a. bei der Nationalzeitung und der Weltwoche

1977–1992

Geschäftsführender Sekretär des Schweizerischen