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Lineare Algebra I

Marc A. Nieper-Wißkirchen

Wintersemester 2008/09 – Sommersemester 2009

Inhaltsverzeichnis

1 Grundlagen

 

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1.1 Elemente, Mengen und Abbildungen

 

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5

1.2 Konstruktionsprinzipien von Mengen

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1.3 Die Sprache der Logik

 

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8

1.4 Der Teilmengenverband

 

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12

1.5 Injektivit¨at und Surjektivit¨at

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1.6 Die Menge der naturlichen¨

Zahlen .

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1.7

Aquivalenzrelationen

 

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17

2 Ringe

 

21

2.1 Monoide

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2.2 Gruppen .

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23

2.3

Ringe

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26

2.4 K¨orper .

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2.5 Polynomringe

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31

2.6

Ideale

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2.7

Hauptidealringe

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41

3 Lineare Gleichungssysteme

 

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3.1 Lineare Gleichungssysteme und Matrizen

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3.2 Matrizen spezieller Form

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3.3 Produkte

 

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3.4 Determinanten

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3.5 Die LR-Zerlegung

 

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61

4 Vektorr¨aume

 

67

4.1 Moduln

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67

4.2 Lineare Abbildungen

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71

4.3 Untermoduln

 

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73

4.4 Direkte Summen

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76

4.5 Freie Moduln

 

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78

4.6 Endlich-dimensionale Vektorr¨aume

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79

4.7 Affine R¨aume

 

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83

4.8 Quotientenr¨aume

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86

5 Abbildungsr¨aume

 

91

5.1

Der Abbildungsraum

 

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91

Inhaltsverzeichnis

5.2 Der Dualraum

 

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94

5.3 Annulatoren und Nullstellengebilde

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98

5.4 Das Tensorprodukt

 

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104

5.5 Die Tensor- und die symmetrische Algebra

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110

5.6 Die ¨außere Algebra

 

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117

6 Feinstruktur von Endomorphismen

 

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6.1 Die Smithsche Normalform .

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6.2 Endlich pr¨asentierte Moduln

 

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132

6.3 Torsionsmoduln

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135

6.4 Die Frobeniussche Normalform

 

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6.5 Eigenwerte und Eigenvektoren

 

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143

6.6 Die Weierstraßsche und Jordansche Normalform

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144

6.7 Die Jordan–Chevalley-Zerlegung

 

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147

7 Symmetrische Bilinearformen

 

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7.1 Polarbasen .

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155

7.2 Nicht ausgeartete symmetrische Bilinearformen

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158

7.3 Skalarprodukte

 

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160

7.4 Euklidische Normalformen

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162

1 Grundlagen

Die Lineare Algebra ist ein (wichtiges und grundlegendes) Teilgebiet der Mathematik, welches seinen Ausgangspunkt in der Untersuchung linearer Gleichungssysteme hat. Bevor wir jedoch mit dem Studium des Themas dieser Vorlesung beginnen, sollten wir uns zun¨achst auf eine gemeinsame Sprache einigen — die Sprache der Mathematik.

1.1 Elemente, Mengen und Abbildungen

Grundlage einer jeden mathematischen Theorie ist das Studium gewisser Elemente, auch Individuen oder Objekte genannt. In der elementaren Zahlentheorie zum Beispiel sind

1 . In der ebenen Geometrie studieren wir

Punkte und Geraden einer Ebene. Die von uns studierten Elemente fassen wir naturlicherweise¨ in Mengen zusammen. Jedes Element x geh¨ort einer Menge X an. Wir schreiben dafur¨

die Elemente die naturlichen¨ Zahlen 0, 1, 2,

x X

und nennen x ein Element von X. In der elementaren Zahlentheorie etwa sprechen wir von der Menge N 0 der naturlichen¨ Zahlen. In der ebenen Geometrie gibt es die Menge der Punkte und die Menge der Geraden einer Ebene. Ein weiterer wichtiger Grundbegriff der Mathematik ist der Begriff der Abbildung von einer Menge X in eine Menge Y . Eine solche Abbildung ist eine Vorschrift, jedem Element von X ein Element von Y zuzuordnen. So ist zum Beispiel die Vorschrift, jeder naturlichen¨ Zahl ihr Quadrat zuzuordnen, eine Abbildung von der Menge der naturlichen¨ Zahlen in sich selbst. Eine andere Abbildung ist etwa die Abbildung von den H¨ausern einer Stadt in die naturlichen¨ Zahlen, die jedem Haus seine Hausnummer zuordnet 2 . Ist f eine Abbildung von X nach Y , so schreiben wir auch

f : X Y.

Wir schreiben

f(x)

als naturliche¨

Zahlen bezeichnen. 2 Dies ist jedenfalls unter der Voraussetzung, daß es keine Hausnummern der Form 3a oder 6 2 gibt, eine wohldefinierte Abbildungsvorschrift.

1 Fur¨ uns wird 0 eine naturliche¨ Zahl sein. Es gibt auch Mathematiker, die nur 1, 2, 3,

1

1 Grundlagen

fur¨

den Wert von x unter f . Die Zuordnungsvorschrift schreiben wir dann auch als

das Element in Y , welches x durch die Abbildung f zugeordnet wird und nennen es

f : X Y,

x

f(x).

Die Quadrierungsabbildung wird also zum Beispiel durch

N 0 N 0 ,

n

n 2

notiert. Es gibt immer mindestens einer Abbildung von einer Menge in sich:

Definition 1.1.1. Sei X eine Menge. Die Abbildung

id X : X X,

x

x

heißt die Identit¨at auf X.

Die Identit¨at ist also diejenige Abbildung, die nichts bewirkt. Jedes Element wird auf sich selbst abgebildet.

Definition 1.1.2. Seien X, Y und Z drei Mengen und f : X Y und g : Y Z zwei Abbildungen. Die Abbildung

g f : X Z,

x

g(f (x))

heißt die Verknupfung¨ von g mit f .

Aufgabe 1.1.3. Sei X eine Menge und seinen f, g : X X zwei Abbildungen von X in sich selbst. Zeige, daß in der Regel g f eine andere Abbildung als f g ist.

Beispiel 1.1.4. Sei f : X Y eine Abbildung. Dann sind die Verknupfungen¨ f id X und id Y f die gleiche Abbildung wie f .

1.2 Konstruktionsprinzipien von Mengen

Aus vorhandenen Elementen k¨onnen wir neue Elemente konstruieren. Das machen wir, indem wir mengenweise vorgehen, also aus vorhandenen Mengen neue Mengen kon- struieren. Im folgenden geben wir ein paar Beispiele fur¨ Mengen, welche zum Teil aus vorhandenen Mengen konstruiert worden sind:

Beispiel 1.2.1. Die leere Menge

ist die Menge, welche kein einziges Element besitzt. Ist X eine weitere Menge, so gibt es genau eine Abbildung

∅ → X,

n¨amlich die leere Abbildungsvorschrift.

1.2 Konstruktionsprinzipien von Mengen

Beispiel 1.2.2. Die Menge

{∅}

ist die einelementige Menge der leeren Menge. Sie enth¨alt genau ein Element, n¨amlich die leere Menge. Sie ist damit nicht gleich der leeren Menge, denn diese enth¨alt kein Element. Ist X eine weitere Menge, so gibt es genau eine Abbildung

X → {∅},

denn eine jede Abbildungsvorschrift muß zwangsl¨aufig jedes Element von X auf das einzige von {∅} abbilden, n¨amlich .

, a n irgendwelche nicht weiter spezifizierten Objekte, so schreiben wir

Sind a 1 , a 2 , allgemeiner

{a 1 ,

,

a n }

fur¨

Beispiel 1.2.3. Sind X und Y zwei Mengen, so k¨onnen wir auch die Paarmenge

die Menge, welche als Elemente genau die Objekte a 1 ,

, a n besitzt.

X × Y

von X und Y betrachten. Ihre Elemente sind Paare (x, y), bestehend aus einem Element x X und einem Element y Y . Jedem Paar von Elementen in X und Y k¨onnen wir also ein Element in X × Y zuord- nen. Umgekehrt k¨onnen wir jedem Paar (x, y) seine Komponenten x und y zuordnen. Dies definiert die zwei Abbildungen

 

pr X : X × Y

X,

(x, y)

x

und

 

pr Y : X × Y

Y,

(x, y)

y,

welche wir Projektionen nennen. H¨aufig schreiben wir auch pr 1 fur¨

den ersten Faktor und pr 2 fur¨

Beispiel 1.2.4. Jeder Menge X k¨onnen wir schließlich ihre Potenzmenge

die Projektion auf

die Projektion auf den zweiten Faktor.

P(X)

zuordnen. Elemente der Potenzmenge von X sind gerade die Teilmengen von X, also Mengen, die eine Auswahl von Elementen von X enthalten. Ist x ein Element von X und T eine Teilmenge von X, also ein Element von P(X), so schreiben wir

x T,

wenn x in der Teilmenge T von X liegt.

1 Grundlagen

Ist φ eine Eigenschaft von Elementen x von X, so schreiben wir

{x X | φ(x)}

fur¨

ist. Es gilt also

x ∈ {x X | φ(x)}

genau dann, wenn φ(x ) erfullt¨ ist.

Zahlen sind etwa die Teilmenge der geraden

Zahlen oder die Teilmenge der Primzahlen.

Aufgabe 1.2.5. Sei X eine Menge, welche genau n Elemente umfaßt, n N 0 . Zeige: Die P(X) enth¨alt 2 n verschiedene Elemente.

Bemerkung 1.2.6. Sind X und Y zwei Mengen, so bezeichnen wir mit Y X die Menge der Abbildungen von X nach Y . Diese k¨onnen wir als Teilmenge von P(X × Y ) konstruieren (also als Element von P(P(X × Y ))): Dies machen wir, indem wir jeder Abbildung

f : X Y ihren Graphen

die Teilmenge derjenigen x X, auf die die Eigenschaft φ zutrifft, also φ(x) erfullt¨

Beispiele fur¨

Teilmengen der naturlichen¨

G(f ) :=

{(x, f (x)) X × Y

| x X} ∈ P(X × Y )

zuordnen. (Die Abbildung k¨onnen wir aus dem Graphen wieder zuruckgewinnen,¨

fur¨

eine Teilmenge G von X × Y , welche durch

denn

jedes x X ist f (x) das einzige y Y mit (x, y) G(f ).) Ein Graph wiederum ist

xX (yY (x, y) G ∧ ∀ y,y Y ((x, y), (x, y ) G

=

y = y ))

charakterisiert ist. Hierbei haben wir die Terminologie des n¨achsten Abschnitts verwen- det. Schreiben wir diese Aussage fur¨ G ∈ P(X × Y ) als φ(G) erhalten wir also eine Identifikation

Y X = {G ∈ P(X × Y ) | φ(G)}.

1.3 Die Sprache der Logik

¨

Zahl

n ist etwa, daß n eine Quadratzahl ist. Eine Aussage kann wahr sein, etwa diejenige, daß

9 eine Quadratzahl ist. Eine Aussage kann aber auch unwahr sein, etwa diejenige, daß 8

eine Quadratzahl ist. Eine Aussage wollen wir dann als wahr ansehen, wenn wir sie beweisen k¨onnen. Ein

Beweis fur¨ die Tatsache, daß 9 eine Quadratzahl ist, ist etwa die Angabe derjenigen Zahl, deren Quadrat 9 ist — in diesem Fall also 3. Im Falle, daß es einen Beweis fur¨ eine Aussage gibt, nennen wir die Aussage einen Satz.

Uber Elemente von Mengen treffen wir Aussagen. Eine Aussage uber¨

eine naturliche¨

H¨angt eine Aussage von Elementen x 1 , x 2 ,

, x n ab, schreiben wir sie in der Form

φ(x 1 ,

,

x n ).

1.3 Die Sprache der Logik

Die Aussage, daß eine naturliche¨

Form φ(n). Die Aussage, daß 9 eine Quadratzahl ist, ist dann φ(9).

Zahl n eine Quadratzahl ist, schreiben wir also in der

Im folgenden fuhren¨

wir einige wichtige Abkurzungen¨

fur¨

Aussagen ein: Seien dazu φ

und ψ beliebige Aussagen.

Konjunktion Fur¨ die Aussage, daß φ und ψ wahr sind, schreiben wir

φ ψ.

Disjunktion Fur¨ die Aussage, daß φ oder ψ (oder beide) wahr sind, schreiben wir

φ ψ.

Implikation Fur¨ die Aussage, daß ψ wahr ist, wenn immer φ wahr ist, schreiben wir

φ

=ψ.

Falsum Wir schreiben

fur¨

die Aussage, die keinen Beweis besitzt, in jedem Falle also unwahr ist.

Allquantifikation Ist φ(x) eine Aussage uber¨ wir

Elemente x einer Menge X, so schreiben

xX φ(x)

fur¨

die Aussage, daß φ(x) fur¨

alle Wahlen von x wahr ist.

Existenzquantifikation Ist φ(x) eine Aussage uber¨ ben wir

xX φ(x)

Elemente x einer Menge X, so schrei-

fur¨

Existenz eines x fur¨

die Aussage, daß ein x X existiert, fur¨

das φ(x) wahr ist. Dabei bedeutet die

uns, daß wir ein solches x angeben k¨onnen.

Identit¨at Sind x und x zwei Elemente einer Menge X, so scheiben wir schließlich

x = x

fur¨

die Aussage, daß x gleich x ist.

Weitere logische Symbole fuhren¨

wir ein, indem wir sie auf die eben definierten zuruckf¨

uhren.¨

Verum Es sei

die Aussage =⇒ ⊥. Diese Aussage ist immer wahr. Sie zu beweisen bedeutet, aus einem Beweis von einen Beweis von zu konstruieren, eine triviale Aufgabe, insbesondere, da gar keinen Beweis besitzt. (Anstelle von h¨atten wir auch jede andere Aussage nehmen k¨onnen.)

1 Grundlagen

Negation Sei φ eine Aussage. Dann sei

¬φ

die Aussage φ =⇒ ⊥. Ein Beweis von ¬φ ist eine Vorschrift, aus einem Beweis von φ einen Beweis von zu konstruieren, welcher per definitionem aber gar nicht existiert. Ein Beweis von ¬φ ist also ein Beweis der Tatsache, daß φ keinen Beweis besitzt, also unwahr ist.

¨

Aquivalenz Seien φ und ψ zwei Aussagen. Dann ist

φ

⇐⇒ ψ

die Aussage (φ =ψ) (ψ =φ). Sie ist also genau dann wahr, wenn φ genau dann wahr ist, wenn ψ wahr ist.

Beispiel 1.3.1. Wir k¨onnen jetzt beliebig komplizierte Aussagen formal aufschreiben. Ist

etwa φ(x) eine Aussage uber¨

Elemente x einer Menge X, so ist

(xX φ(x)) =(¬∃ xX ¬φ(x))

das

φ(x) nicht wahr ist. Diese Aussage ist offensichtlich ein Satz.

Bemerkung 1.3.2. Stellen wir uns vor, wir ziehen eine Spielkarte verdeckt aus einem Skatspiel. Sei φ die Aussage, daß die gezogene Spielkarte ein As ist. Jetzt k¨onnen wir uns die Frage stellen, ob

φ ∨ ¬φ

ein Satz, also eine wahre Aussage ist. Nach unserer Definition ist φ ∨ ¬φ wahr, also beweisbar, wenn wir einen Beweis fur¨ φ oder einen Beweis fur¨ ¬φ haben. Da wir die Spielkarte aber verdeckt gezogen haben, haben wir offensichtlich weder einen Beweis dafur,¨ daß die Spielkarte ein As zeigt, noch, daß sie kein As zeigt. Es folgt, daß φ ∨ ¬φ kein Satz ist. Aus der Sicht einer allwissenden Intelligenz w¨are φ ∨ ¬φ dagegen ein Satz und jede andere Aussage dieser Form vielleicht auch. In der klassischen Logik wird diese Sichtweise angenommen 3 . Wir werden uns diese Sichtweise allerdings nicht zu eigen machen, denn die Wahrheit von φ∨¬φ w¨are dann bedeutungslos, weil sie nichts fur¨ die Wahrheit von φ und fur¨ die Wahrheit von ¬φ impliziert. Unsere Sichtweise ist die der intuistionistischen Logik, welche fur¨ das konstruktive Wesen der Linearen Algebra besser geeignet scheint.

eine Aussage, n¨amlich: Wenn φ(x) fur¨

alle x X wahr ist, dann existiert kein x, fur¨

Aufgrund dieser Bemerkung ist folgende Definition sinnvoll:

Definition 1.3.3. Eine Aussage φ heißt entscheidbar, falls

gilt, also ein Satz ist.

φ ∨ ¬φ

3 Die Forderung, daß φ ∨ ¬φ ein Satz ist, ist der sogenannte Satz vom ausgeschlossenen Dritten.

1.3 Die Sprache der Logik

Beispiel 1.3.4. Sei X eine Menge. Dann heißt X diskret, wenn die Gleichheit in X entscheidbar ist, wenn also

x,x X (x = x x =

x ) .

Ist eine Menge entscheidbar, so k¨onnen wir fur¨ je zwei ihrer Elemente x und x ent- scheiden, ob sie gleich sind oder nicht gleich sind. Im allgemeinen wird dies aber nicht der Fall sein: Ist etwa X = P(N 0 ) die Menge der Teilmengen naturlicher¨ Zahlen, so ist X nicht diskret. Ansonsten h¨atten wir insbesondere ein Entscheidungsverfahren, ob eine Teilmenge naturlicher¨ Zahlen leer ist oder nicht. Damit w¨are der tiefe mathematische Satz, daß

{n N 0 | n 3 ∧ ∃ x,y,zZ (x, y, z

= 0 x n + y n = z n } = ,

n¨amlich der Große Fermatsche Satz, eine Trivialit¨at.

Beispiel 1.3.5. Sei X eine Menge. Eine Teilmenge T von X heiße herausl¨osbar, falls die Elementbeziehung entscheidbar ist, falls also

xX (x T x / T) .

Bemerkung 1.3.6. Es gibt eine weitere Aussage, welche in klassischer Logik ein Satz ist, in unserer Interpretation allerdings nicht: Wir betrachten wieder das Skatspiel und mischen es verdeckt. Sei φ(x) die Aussage, daß die x-te Karte ein As ist. (Die Variable x steht also fur¨ eine Zahl von 1 bis 32.) Wir stellen uns die Frage, ob

¬∀ x ¬φ(x) =⇒ ∃ x φ(x)

ein Satz ist. Die linke Seite der Implikation ist offensichtlich wahr: wir k¨onnen keinen Beweis dafur¨ angeben, daß jede Karte kein As ist. Die rechte Seite der Implikation ist aber unwahr: da wir verdeckt gemischt haben, k¨onnen wir keine einzige Karte nennen, welche ein As ist. Nach Definition der Wahrheit einer Implikation kann die Aussage damit nicht beweisbar sein, ist also kein Satz.

Aufgabe 1.3.7. Seien φ und ψ Aussagen. Zeige, daß folgende Aussagen S¨atze sind:

1. φ =⇒ ¬¬φ.

2. (φ

3. ¬¬¬φ =⇒ ¬φ.

=ψ)

=(¬ψ

=⇒ ¬φ).

Aufgabe 1.3.8. Seien φ und ψ zwei Aussagen. Zeige, daß

(φ ψ) =(¬φ =ψ)

ein Satz ist. Veranschauliche den Satz an einem Beispiel.

Aufgabe 1.3.9. Sei φ(x) eine Aussage uber¨

Elemente einer Menge X. Zeige, daß

(xX ¬φ(x)) =(¬∃ xX φ(x))

ein Satz ist. Veranschauliche den Satz an einem Beispiel.

1 Grundlagen

1.4 Der Teilmengenverband

Dieser Abschnitt dient haupts¨achlich der Definition der bekannten Operationen auf der Menge aller Teilmengen einer gegebenen Menge.

Definition 1.4.1. Sei X eine Menge. Seien T und U zwei Teilmengen von X. Dann heißt T eine Untermenge von U , geschrieben

T U,

falls

xX (x T

=

x U).

Beispiel 1.4.2. Sei X eine Menge. Dann ist die leere Teilmenge

= {x X | ⊥}

eine Teilmenge von X. Die leere Teilmenge ist Untermenge einer jeder anderen Teilmenge.

Beispiel 1.4.3. Sei X eine Menge. Dann ist die ganze Menge

X = {x