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Wir danken Swami Vimal Mandir, München, der die Veröffent- lichung dieses Buches möglich machte.

1. Auflage Titel der Originalausgabe:

The Book of Secrets

Übersetzung: Swami Prem Nirvano Umschlaggestaltung: Ma Deva Bunda Satz: Ma Prem Jivana Druck: Wiener Verlag, Himberg, Österreich Printed in Austria Copyright 1974 by Osho International Foundation Copyright 1999, auch der Übersetzung und Fotos, Osho Verlag GmbH All rights reserved. Published by arrangement with Osho International Foundation, Bahnhofstraße 52, CH-8001 Zürch, Switzerland Osho photo an cover: With permission of Osho International Foundation

OSHO Das Mysterium der Liebe

Diskurse zum Vigyan Bhairav Tantra, Band 3

Inhalt

Einleitung

5

1 Die Spiritualität des tantrischen Sexaktes

7

2 Vom Gipfel- zum Tal-Orgasmus

31

3 Sich nach innen wenden — zum Wirklichen hin

53

4 Maya — das Illusorische — und die Wirklichkeit

81

5 Zeuge des Lebensfilms

105

6 Erst authentisch werden

133

7 Von der Welle zum kosmischen Ozean

159

8 Plötzliche Erleuchtung — und was sie verhindert

183

9 Tantrische Methoden der Bewußtwerdung

211

10 Wachheit durch Tantra

237

11 Im Vergänglichen das Unvergängliche finden

263

12 Liebe und Befreiung

289

13 Halte dich ans Wirkliche

315

14 Sich tantrisch von Begierden befreien

339

15 Tantrische Meditation mit Lichttechniken

363

16 Das Potential des Samenkorns

389

Einleitung

Vigyan Bhairav Tantra ist eine alte tantrische Schrift, die der indischen Mythologie zufolge von Gott Shiva der Welt überbracht wurde. Sie enthält nicht weniger als 112 Meditationstechniken. Sie bilden die Grundlage aller Meditationstechniken überhaupt — so sagt uns Osho. Jeder wird unter diesen Techniken mindestens eine finden, die ihm angemessen ist. Wie ein Archäologe wert- volle Funde aus den Tiefen der Geschichte zutage fördert und ihre Bedeutung in einer neuzeitlichen Weise deutlich macht, so hat Osho die uralten Texte des Vigyan Bhairav Tantra mit der Einsicht des Weisen durchdrungen und sie uns in einer klaren modernen Sprache erläutert. Wer seine Diskurse gelesen hat, wird gewiß dazu angeregt, mit seinen Meditationstechniken zu expe- rimentieren. Die Welt des Tantra gibt viele wertvolle praktische Hinweise für jeden, der sich durch die 'Wissenschaft der Medi- tation verwandeln möchte. Tantra heißt Technik, so erklärt Osho. Es bedeutet „die Technik, die Methode, der Weg" und Vigyan Bhairav Tantra heißt „die Technik, über das gewöhnliche Bewußtsein hinauszugelangen". Vigyan heißt Bewußtsein, und Bhairav ist der Zustand jenseits des gewöhnlichen Bewußtseins. Man kennt Shiva auch als „Bhairav" und Devi, seine Gemahlin, als „Bhairavi" — als diejenigen, die alle Dualität hinter sich gelassen haben. Shiva übermittelt Devi diese 112 Methoden; beide stehen in einer tiefen Liebesbeziehung zueinander. Im vorliegende Band III finden Sie die Kapitel 33-48 der eng- lischen Ausgabe der Kommentare Oshos zum Vigyan Bhairav Tantra, das unter dem Titel The Book of Secrets erschienen ist. Die Gesamtausgabe besteht aus achtzig Kapiteln. „Nicht eine einzige Methode kann diesen 112 Methoden Shivas hinzugefügt werden", sagt Osho, „und dieses Vigyan Bhairav Tantra ist fünftausend Jahre alt."

Die Spiritualität des tantrischen Sexaktes [Sutras]

48. Richte zu Beginn der sexuellen Vereinigung alle Aufmerksamkeit

auf das anfängliche Feuer. Und indem du dies fortsetzt, vermeide die

Asche am Ende.

49. Wenn deine Sinne in solcher Umarmung geschüttelt werden wie

Laub im Wind, dann geh in dies Schütteln hinein.

50. Schon im Erinnern an die Vereinigung auch ohne Umarmung —

die Verwandlung.

51. Wenn du mit Freuden einen Freund nach langer Abwesenheit

wiedersiehst, dann gehe ganz in dieser Freude auf

52. Werde, wenn du ißt oder trinkst, zum Geschmack der Speise oder

des Tranks, und sei erfiillt.

Das Mysterium der Liebe

Sigmund Freud hat irgendwo gesagt, daß der Mensch neuro- tisch geboren wird. Dies ist eine Halbwahrheit. Der Mensch wird nicht neurotisch geboren, aber er wird in eine neurotische Menschheit hineingeboren, und die umgebende Gesellschaft treibt jeden früher oder später in die Neurose. Der Mensch wird natürlich, real, normal geboren, aber kaum wird das Neugeborene Teil der Gesellschaft, geht die Neurose ans Werk. So, wie wir sind, sind wir neurotisch. Und die Neurose beruht auf einer Spaltung, einer tiefen Spaltung. Du bist nicht eins: Du bist zwei oder viele. Dies gilt es zutiefst zu verstehen. Nur dann können wir uns auf Tantra einlassen. Dein Fühlen und dein Denken sind zweierlei: Das ist die Wurzelneurose. Deine den- kende Seite und deine fühlende Seite sind zweierlei geworden, und identifiziert hast du dich mit der denkenden Seite, nicht der fühlenden Seite. Dabei ist das Fühlen wirklicher als das Denken, ist das Fühlen natürlicher als das Denken. Du bist mit einem fühlenden Herzen auf die Welt gekommen, aber das Denken wird anerzogen, wird von der Gesellschaft übermittelt. Und das, was du fühlst, ist zu etwas Unterdrücktem geworden. Selbst wenn du sagst, daß du fühlst, denkst du nur, daß du fühlst. Das Fühlen ist abgestorben, und zwar aus ganz bestimmten Gründen. Wenn ein Kind zur Welt kommt, ist es ein fühlendes Wesen:

Es fühlt alles. Es ist noch kein denkendes Wesen. Es ist natürlich, so wie alles andere Natürliche in der Natur – genau wie ein Baum oder wie ein Tier. Aber wir beginnen, es zurechtzumodeln, es zu „bilden". Es muß seine Gefühle verdrängen, denn wenn es seine Gefühle nicht verdrängt, steckt es immerzu in der Klemme. Wenn es weinen möchte, darf es nicht weinen, weil seine Eltern das nicht gut fänden. Es würde verurteilt. Es würde nicht bestätigt, es würde nicht geliebt werden. Es wird nicht so akzeptiert, wie es ist. Es muß sich ‚benehmen' – und zwar so, wie eine bestimmte Ideologie, ein Ideal es will. Nur dann ist es liebenswert. Liebe ist für das Kind – so wie es ist – nicht zu haben. Es kann nur geliebt werden, wenn es sich an bestimmte Regeln hält. Diese Regeln sind aufgezwungen; sie sind nicht natürlich. Das natürli- che Wesen wird allmählich unterdrückt, und das unnatürliche, das unwirkliche, wird darübergesetzt. Dieses Unwirkliche ist dein

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Denken, und irgendwann kommt der Moment, da die Kluft so groß ist, daß du sie nicht mehr überbrücken kannst. Du vergißt einfach völlig, was deine wirkliche Natur war – oder ist. Du bist ein falsches Gesicht. Das ursprüngliche Gesicht ist verloren gegan- gen. Und du hast auch Angst, das ursprüngliche zu empfinden, denn sobald du es empfinden würdest, hättest du sofort die ganze Gesellschaft gegen dich. So bist du also selber gegen dein wirk- liches Wesen. Das führt zu einem höchst neurotischen Zustand. Du weißt nicht, was du willst, du weißt nicht, was deine wirklichen, authentischen Bedürfnisse sind. Und dann bist du ständig auf unauthentische Bedürfnissen aus; denn nur das fühlende Herz kann dir die Richtung, den Sinn dafür weisen, was deine wirk- lichen Bedürfnisse sind. Wenn die verdrängt sind, erfindest du symbolische Bedürfnisse. Zum Beispiel magst du immerfort viel zu viel essen, dich mit Essen vollstopfen, ohne je das Gefühl zu haben, gefüllt zu sein. Das Bedürfnis will Liebe, es will kein Essen. Aber Essen und Liebe sind tief miteinander verknüpft. Wenn also das Bedürfnis nach Liebe nicht empfunden wird oder verdrängt ist, entsteht ein unechtes Bedürfnis nach Essen, und man kann immerzu weiteressen. Da das Bedürfnis nicht echt ist, kann es niemals erfüllt werden – und wir leben in lauter unech- ten Bedürfnissen. Das ist der Grund, warum alle Befriedigung ausbleibt. Du willst geliebt werden, das ist ein Grundbedürfnis, ein natür- liches. Aber es kann in eine unwahre Dimension umgeleitet wer- den. Zum Beispiel kann das Liebesbedürfnis – das Bedürfnis, geliebt zu werden – als ein unechtes Bedürfnis empfunden wer- den, wenn du versuchst, die Aufmerksamkeit anderer auf dich zu lenken. Du möchtest, daß andere dir Aufmerksamkeit schenken – also wirst du vielleicht ein politischer Führer. Große Menschen- mengen mögen dich dann beachten, aber das wirkliche, das Grundbedürfnis ist es, geliebt zu werden. Und selbst indem die ganze Welt dir Beachtung schenkt, kann dieses Grundbedürfnis nicht erfüllt werden. Dieses Grundbedürfnis ist schon durch einen einzigen Menschen zu erfüllen, der dich liebt, der dir aus Liebe Beachtung schenkt.

Das Mysterium der Liebe

Wenn du jemanden liebst, schenkst du ihm Beachtung. Auf- merksamkeit und Liebe sind eng verwandt. Wenn du aber das Bedürfnis nach Liebe verdrängst, dann wird daraus ein symboli- sches Bedürfnis; dann bedarfst du der Aufmerksamkeit anderer. Du magst sie zwar bekommen, aber selbst dann wird es keine Erfüllung geben. Das Bedürfnis ist unwahr, vom natürlichen Grundbedürfnis abgeschnitten. Diese Spaltung in der Persönlich- keit nennt man Neurose. Tantra ist ein sehr revolutionärer Ansatz – der älteste und zugleich der modernste. Tantra ist eine der ältesten Traditionen – und dennoch untraditionell, ja sogar anti-traditionell. Denn Tantra zufolge verfehlst du das Leben überhaupt, solange du noch nicht heil und ganz bist. Du darfst nicht in einem Zustand der Spaltung bleiben: Du mußt eins werden. Aber wie geht das – eins werden? Da kannst du dir noch so sehr den Kopf zerbrechen, aber es wird

nichts helfen, weil ja das Denken genau die Technik ist, die spal- tet. Denken ist analytisch. Es teilt, es spaltet die Dinge. Fühlen ver- eint, synthetisiert, macht, daß die Dinge eins werden. Du kannst

also noch so viel nachdenken, lesen, studieren, grübeln

wird nichts bringen, solange du nicht in dein Gefühlszentrum zurückkehrst. Aber das ist sehr schwierig, denn selbst wenn wir über das Gefühlszentrum nachdenken, denken wir! Wenn du zu jemandem sagst: „Ich liebe dich!", dann mache dir bewußt, ob das nur ein Gedanke ist oder ob es ein Gefühl ist. Wenn es nur ein Gedanke ist, dann entgeht dir etwas. Ein Gefühl bezieht alles ein: dein ganzer Körper, dein Geist, alles, was du bist, ist davon betroffen. Im Denken ist nur dein Kopf betroffen, und selbst der nicht total, sondern nur teilweise. Nur ein vorüber- ziehender Gedanke ist da, der vielleicht schon im nächsten Moment nicht mehr da ist. Nur ein Bruchteil ist betroffen, und

daraus entsteht viel Elend im Leben – denn aufgrund eines bruch- stückhaften Gedankens macht ihr Versprechungen, die ihr nicht halten könnt. Ihr könnt wohl sagen: „Ich liebe dich, und ich werde dich ewig lieben!" Doch ist der zweite Teil ein Versprechen, das ihr nicht halten könnt, weil es aus einem bruchstückhaften Ge- danken kommt. Es ist nicht euer ganzes Sein darin enthalten. Und was willst du morgen anfangen, wenn das Bruchstück fort ist und

all das

Kapitel 1

der Gedanke mit ihm? Jetzt wird das Versprechen zur Fessel. Sartre hat irgendwo gesagt, daß jedes Versprechen sich als Lüge erweist. Du kannst nichts versprechen, weil du nicht ganz bist. Nur ein Teil von dir verspricht, und wenn dieser Teil nicht mehr auf dem Thron sitzt und ein anderer die Macht über- nommen hat – was willst du dann machen? Wer soll nun das Versprechen einlösen? So entsteht Heuchelei: denn wenn du es einzulösen versuchst und nur so tust, als würdest du es einlösen, wird alles unwahr. Tantra sagt: Laß dich so tief wie möglich nach innen fallen, in das Gefühlszentrum. Aber wie? Und was heißt das – nach innen fallen? Jetzt will ich auf die Sutras eingehen. Diese Sutras – jedes ein- zelne von ihnen ist geeignet, dich ganz zu machen.

Das erste Sutra:

Richte zu Beginn der sexuellen Vereinigung alle Aufmerksamkeit auf das anfängliche Feuer. Und indem du dies fortsetzt, vermeide die Asche am Ende.

Sex kann eine sehr tiefe Erfüllung sein, und Sex kann dich zurückwerfen auf deine Ganzheit, auf dein natürliches, wirkliches Wesen. Aus vielen Gründen. Diese Gründe gilt es zu verstehen. Einmal: Sex ist ein totaler Akt. Da wirst du aus deinem Denken, deinem Gleichgewicht hinausgeworfen. Darum gibt es soviel Angst vor dem Sex. Du bist mit deinem Denken identifiziert, und Sex ist ein Akt des Nichtdenkens. Du wirst kopflos – du hast bei dem Akt keinen Kopf. Da gibt es kein Räsonnieren, da gibt es kei- nen mentalen Vorgang. Und sollte doch ein mentaler Vorgang da sein, dann findet kein wirklicher, authentischer Sexakt statt. Dann kommt es zu keinem Orgasmus, keiner Erfüllung. Dann wird der Sexakt selbst zu etwas Begrenztem, zur Hirnsache. Und genau das ist er heutzutage geworden. Wohin man schaut auf der Welt – alles schmachtet, alles ist lüstern nach Sex. Das liegt nicht etwa daran, daß die Welt sexuel- ler geworden wäre, sondern daran, daß ihr nicht einmal mehr den Sex als totalen Akt genießen könnt. Früher war die Welt sexueller.

Das Mysterium der Liebe

Darum gab es dieses Schmachten nach Sex damals noch nicht. Dieses Schmachten zeigt, daß das Echte fehlt und nur das Unechte da ist. Das gesamte moderne Denken hat sich nur deswegen sexualisiert, weil es den Sexakt an sich nicht mehr gibt. Selbst der Sexakt ist in den Kopf verlagert worden. Er ist mental geworden:

Ihr denkt darüber nach! Viele Leute kommen zu mir und sagen, daß sie immerzu an Sex denken. Sie denken gern daran, lesen und schauen sich Bilder an — Pornographie. Sie genießen das, aber wenn der tatsächliche Augenblick kommt, wo Sex stattfinden soll, haben sie plötzlich kein Interesse mehr. Sie haben sogar das Gefühl, impotent gewor- den zu sein. Sie spüren Lebensenergie, wenn sie darüber nach- denken; wenn sie sich auf den tatsächlichen Akt einlassen wollen, ist keine Energie da, nicht einmal Verlangen. Sie haben das Gefühl, der Körper sei abgestorben. Was geht da in ihnen vor? Sogar der Sexakt ist mental gewor- den: Sie können nur über ihn nachdenken, aber sie können ihn nicht ausführen; denn dazu wäre ihr ganzes Sein erforderlich. Und wann immer es darauf ankommt, daß sich das Ganze einläßt, spielt der Kopf nicht mehr mit, weil er dann nicht mehr Herr im Hause sein kann, nicht mehr die Kontrolle hat. Tantra benutzt den Sexakt dazu, dich heil und ganz zu machen. Aber dafür mußt du dich sehr meditativ auf ihn einlassen. Dafür mußt du in ihn hineingehen, indem du alles vergißt, was du je über den Sex gehört hast, gelernt hast — alles, was dir die Gesell- schaft, die Kirche, deine Religion, die Lehrer erzählt haben. Vergiß alles und laß dich in deiner Totalität darauf ein. Vergiß alle Kon- trolle! Kontrolle ist die Barriere. Laß dich lieber davon mitreißen; kontrolliere nichts. Geh da so hinein, als wärst du verrückt gewor- den! Der Zustand des ,Nichtdenkens` ähnelt dem Wahnsinn. Werde zum Körper, werde zum Tier, denn das Tier ist ganz. Und so, wie der moderne Mensch ist, bietet sich offenbar nur noch der Sex als einfachste Möglichkeit an, euch ganz zu machen; denn der Sex ist das tiefste, das biologische Zentrum in euch. Ihr werdet aus ihm geboren. Jede einzelne Zelle in euch ist eine Sexzelle. Euer ganzer Körper ist ein Phänomen der Sexenergie.

Dies erste Sutra lautet: Richte zu Beginn der sexuellen Vereint-

Kapitel 1

gung alle Aufmerksamkeit auf das anfängliche Feuer. Und indem du dies fortsetzt, vermeide die Asche am Ende. Und da liegt der ganze Unterschied. Für euch ist der Sexakt

eine Entladung. Wenn ihr also in ihn hineingeht, habt ihr es eilig, wollt ihr nur eines – Entladung. Die überschüssige Energie ent- lädt sich; danach fühlt ihr euch wohler. Dieses Wohlgefühl ist nur eine Art Schwäche. Überschüssige Energie führt zu Verspann- ungen, zu Erregung. Ihr fühlt, daß etwas geschehen muß. Wenn sich die Energie abreagiert hat, fühlt ihr euch schwach. Ihr mögt

diese Schwäche für Entspannung halten

ist, weil die überschüssige Energie fort ist, könnt ihr euch ent- spannen. Aber diese Entspannung ist eine negative Entspannung; wenn ihr nur dadurch entspannen könnt, daß ihr Energie abstoßt, geschieht dies zu einem sehr hohen Preis. Und diese Entspannung kann nur eine körperliche sein. Sie kann nicht tiefer gehen und kann nicht spirituell werden. Dies Sutra besagt, daß man es nicht eilig haben und nach dem Ende hecheln soll: Verharre beim Anfang. Der Sexakt hat zwei Teile – den Anfang und das Ende. Verharre beim Anfang. Der Anfangsteil ist entspannter, wärmer. Aber hab es nicht eilig, zum Ende zu kommen. Vergiß das Ende völlig: Richte zu Beginn der sexuellen Vereinigung alle Aufmerksamkeit auf das anfängliche Feuer. Strebe trotz aller überschüssiger Energie nicht gleich zur Ent- ladung; verweile bei dieser überschüssigen Energie. Suche nicht die Ejakulation, vergiß sie völlig. Sei in diesem warmen Beginn ganz. Verweile so bei dem oder der Geliebten, als wärt ihr eins geworden. Stellt einen Kreis her.

Es gibt drei Möglichkeiten. Zwei Partner können bei der Ver- einigung drei Figuren bilden – geometrische Figuren. Ihr habt vielleicht sogar davon gelesen oder kennt eine alchimistische Abbildung, worauf ein Mann und eine Frau nackt innerhalb von drei geometrischen Figuren stehen. Die erste Figur ist ein Qua- drat, die zweite Figur ist ein Dreieck, und die dritte Figur ist ein Kreis. Das ist eine der alten alchimistischen und tantrischen Analysen des Sexaktes. Gewöhnlich sind, wenn ihr euch sexuell vereinigt, vier Personen zugegen, nicht zwei – und das ist ein Quadrat.

Weil die Erregung fort

Das Mysterium der Liebe

Es sind vier Winkel da, weil du selbst zweigeteilt bist – in die denkende und die fühlende Seite. Dein Partner ist ebenfalls zwei- geteilt: So seid ihr also vier Personen. Es vereinigen sich nicht etwa zwei Personen, sondern in Wirklichkeit vier Personen. Das ist eine Menge, und so kann es in Wirklichkeit zu keiner tiefen Begegnung kommen. Es sind vier Ecken da, und die Vereinigung ist nur Täuschung. Es sieht zwar aus wie eine Vereinigung, ist aber keine. Es kann nicht zur „Kommunion" kommen, weil deine tie- fere Seite verborgen ist, ebenso wie die tiefere Seite deines gelieb- ten Partners. So vereinigen sich nur zwei Köpfe, zwei Denkvor- gänge – nicht zwei Fühlvorgänge. Die sind verborgen. Die zweite Art von Vereinigung kann wie ein Dreieck sein. Ihr seid zwei – die zwei Winkel der Basis. Einen plötzlichen Augen- blick lang werdet ihr eins, wie der dritte Winkel des Dreiecks. Für einen blitzhaften Moment geht eure Zweiheit verloren und wer- det ihr eins. Dies ist besser als eine quadratische Vereinigung, denn zumindet einen einzigen Augenblick lang kommt es zur Einheit. Diese Einheit schenkt dir Gesundheit, Vitalität. Du fühlst dich wieder lebendig und jung. Aber die dritte ist die beste; und die dritte ist die tantrische Vereinigung: Ihr werdet zu einem Kreis. Es gibt keine Winkel, und die Vereinigung dauert nicht nur einen einzigen Moment. Die Vereinigung ist in Wirklichkeit „un-zeitlich" – Zeit spielt in ihr keine Rolle. Und das kann nur geschehen, wenn ihr nicht den Orgasmus sucht. Solange ihr den Orgasmus anstrebt, bleibt es nur bei einer Dreiecks-Vereinigung – weil im Moment des Orgasmus der Kontaktpunkt verlorengeht. Verweilt am Anfang – strebt nicht zum Ende. Wie geht das – am Anfang verweilen? Vieles gibt es da zu berücksichtigen. Erstens: Ihr dürft den Sexakt nicht so verstehen, als müsse er zu etwas hinführen. Mißversteht ihn nicht als Mittel zum Zweck – er ist ein Selbstzweck. Er hat kein Ziel. Er ist kein Mittel. Zweitens: Vergeßt die Zukunft; bleibt in der Gegenwart. Und wer es nicht schafft, am Beginn des Sexaktes in der Gegenwart zu bleiben, der wird nie in der Gegenwart bleiben können! Denn das Wesen dieses Aktes besteht ja gerade dann, daß du auf die Gegenwart gestoßen wirst. Bleibt in der Gegenwart. Genießt die

Kapitel 1

Vereinigung zweier Körper, zweier Seelen, und taucht ineinander, verschmelzt miteinander. Vergeßt alles Streben nach etwas. Bleibt im jetzigen Augenblick, ohne irgendwohin zu wollen, und ver- schmelzt. Diese Wärme, diese Liebe sollte zwei Menschen die Möglichkeit eröffnen, ineinander zu verschmelzen. Darum ist der Sexakt, wenn keine Liebe da ist, immer so überstürzt. Du benutzt den anderen, der andere ist nur Mittel zum Zweck. Und der andere benutzt dich. Ihr beutet einander aus, statt ineinander zu verschmelzen. Ist Liebe da, könnt ihr verschmelzen. Dieses Verschmelzen am Anfang wird euch viele neue Erkenntnisse bescheren. Wenn ihr es nicht eilig habt, den Akt abzuschließen, wird der Akt nach und nach immer weniger sexuell und immer mehr spirituell. Auch die Sexorgane verschmelzen miteinander. Eine tiefe, stille Kommunion zwischen zwei Körperenergien findet statt – und dann könnt ihr stundenlang zusammenbleiben. Dieses Zusammensein geht mit fortschreitender Zeit immer mehr in die Tiefe. Aber denkt nicht. Bleibt beim Moment, zutiefst ver- schmolzen. Das wird zur Ekstase, zum samadhi. Und wenn ihr dies erkennen könnt, wenn ihr dies empfinden und realisieren könnt, fällt das Denken an Sex nach und nach weg. Keuschheit, ein sehr tiefes brahmacharya, kann auf diesem Wege erreicht wer- den. Keuschheit stellt sich ein – auf diesem Wege! Das klingt paradox, denn wir haben uns unter Keuschheit immer vorgestellt, daß jemand, der keusch leben soll, das andere Geschlecht nicht einmal eines Blickes würdigen darf, nie mit dem anderen Geschlecht zusammentreffen darf. Er muß es meiden, vor ihm davonlaufen. Dann kommt es zu einer sehr verdrehten Keuschheit: Das Denken ist ständig mit dem anderen Geschlecht beschäftigt. Und je mehr du vor dem anderen davonläufst, desto mehr mußt du daran denken. Denn es handelt sich hier um ein grundlegendes, tiefes Bedürfnis. Tantra sagt: Versucht nicht davonzulaufen, Flucht ist nicht mög- lich. Nutzt vielmehr die Natur selbst, um zu transzendieren. Kämpft nicht: Akzeptiert die Natur, um sie transzendieren zu können. Wenn diese Kommunion mit deinem Geliebten oder deiner Geliebten fortgesetzt wird ohne jeden Gedanken an ein

Das Mysterium der Liebe

Ende, dann könnt ihr einfach beim Anfang bleiben. Erregung ist Energie. Du kannst sie verlieren; du kannst zu einem Höhe- punkt kommen. Dann geht die Energie verloren, und eine Depression folgt nach, eine Schwäche wird folgen. Du magst sie für Entspannung halten, aber sie ist negativ. Tantra schenkt euch eine Dimension höherer Entspannung, und die ist positiv. Wenn beide Partner miteinander verschmel- zen, geben sie einander vitale Energie. Sie werden zu einem Kreis, und ihre Energie beginnt, sich im Kreis zu bewegen. Sie schen- ken einander Leben, erneuern ihr Leben. Keine Energie geht ver- loren. Vielmehr wird mehr Energie gewonnen, denn durch den Kontakt mit dem anderen Geschlecht wird jede einzelne deiner Zellen herausgefordert, erregt. Und wenn ihr in dieser Erregung verschmelzen könnt, ohne sie zu einem Höhepunkt zu führen, wenn ihr am Anfang verharren könnt, ohne euch zu erhitzen – einfach nur warm bleiben könnt –, dann werden sich diese bei- den „Wärmezustände" begegnen, und ihr könnt diesen Akt über eine sehr lange Zeit hinweg ausdehnen. Wenn es nicht zu einer Ejakulation kommt, wenn keine Energie ausgestoßen wird, dann wird daraus eine Meditation. Und durch sie werdet ihr ganz wer- den. Durch sie ist eure gespaltene Persönlichkeit nicht länger gespalten: Sie ist überbrückt. Alle Neurose ist Gespaltenheit. Wenn du wieder „überbrückt" bist, wirst du wieder zu einem Kind – unschuldig. Und wenn du diese Unschuld erst einmal kennst, kannst du dich in deiner Gesellschaft so benehmen, wie sie es verlangt. Jetzt dagegen ist diese Gesittung nur Theater, nur Schauspielerei. Du hast innerlich Abstand. Es wird verlangt, also benimmst du dich. Aber du steckst da nicht drin; du spielst nur eine Rolle. Ihr werdet unechte Gesichter aufsetzen müssen, denn ihr lebt in einer unechten Welt. Andernfalls wird die Gesellschaft euch er- drücken und umbringen. Wir haben schon so manches echte Gesicht umgebracht. Wir haben Jesus gekreuzigt, weil er anfing, sich wie ein wirklicher Mensch zu gebärden. Die unechte Gesell- schaft wird so etwas nie dulden. Wir haben Sokrates vergiftet, weil er anfing, sich wie ein wirklicher Mensch zu gebärden. Gebärdet euch so, wie es die Gesellschaft verlangt. Brecht keine unnötigen

Kapitel 1

Probleme vom Zaun, weder für euch noch für andere. Aber wenn ihr erst einmal euer wirkliches Wesen und eure Ganzheit erkannt habt, kann euch die unwirkliche Gesellschaft nicht mehr in die Neurose treiben, nicht mehr verrückt machen. Richte zu Beginn der sexuellen Vereinigung alle Aufmerksamkeit auf das anfängliche Feuer. Und indem du dies fortsetzt, vermeide die Asche am Ende. Wenn es zur Ejakulation kommt, verpufft die Energie. Dann ist kein Feuer mehr da. Dann seid ihr einfach nur eure Energie los, ohne dabei etwas gewonnen zu haben.

Das zweite Sutra:

Wenn deine Sinne in solcher Umarmung geschüttelt werden wie Laub im Wind, dann geh in dies Schütteln hinein.

Wenn du dich mit deinem Geliebten oder deiner Geliebten in einer solchen Umarmung, einer so tiefen Kommunion befindest, und deine Sinne geschüttelt werden wie Laub, dann geh in dieses Schütteln hinein. Sogar hier haben wir heute Angst: Wenn ihr miteinander schlaft, gestattet ihr eurem Körper nicht viel Bewe- gung, denn wenn sich eure Körper mehr bewegen könnten, dehnt sich der Sexakt auf den ganzen Körper aus. Solange er sich auf die Sexorgane beschränkt, könnt ihr ihn unter Kontrolle behalten, kann der Kopf das Steuer behalten. Wenn er sich über den ganzen Körper ausbreitet, könnt ihr es nicht mehr kontrollieren. Ihr mögt zu zittern anfangen, ihr mögt zu schreien anfangen, aber ihr wer- det den Körper nicht beherrschen können, wenn sich der Körper erst einmal verselbständigt hat. Wir unterdrücken alle Bewegungen. Vor allem bei Frauen unterdrücken wir auf der ganzen Welt jegliche Bewegung. Ja kein Schütteln! Sie haben starr wie Leichen zu bleiben. Ihr stellt etwas mit ihnen an – sie stellen nichts mit euch an. Sie sind nur passive Partner. Warum ist das so? Warum unterdrücken die Männer überall auf der Welt die Frauen in dieser Art und Weise? Aus Angst. Denn wenn der Körper einer Frau erst einmal entfesselt ist, wird es für einen Mann sehr schwer, sie zu befriedigen. Denn eine Frau kann Ketten-Orgasmen bekommen; ein Mann nicht.

Das Mysterium der Liebe

Ein Mann kann nur einen Orgasmus haben; eine Frau kann ket- tenweise Orgasmen bekommen. Es wird von Fällen multipler Orgasmen berichtet. Jede Frau kann mindestens drei Orgasmen hintereinander haben, aber der Mann kann nur einen haben. Und durch den Orgasmus des Mannes wacht die Frau erst richtig auf und ist nun bereit zu weiteren Orgasmen. Dann wird es

schwierig – wie soll er das nun schaffen?! Sie braucht augenblicklich einen anderen Mann, aber Gruppen- sex ist Tabu. Überall auf der Welt haben wir monogame Gesell- schaften eingerichtet. Wir scheinen der Meinung zu sein, daß es besser ist, die Frau zu unterdrücken. Und so erfahren achtzig oder neunzig Prozent aller Frauen nie, was ein Orgasmus ist. Sie kön- nen Kinder gebären – das steht auf einem anderen Blatt. Sie kön- nen den Mann befriedigen; das steht ebenfalls auf einem anderen Blatt. Aber sie selbst werden nie befriedigt. Wenn man also in den Frauen der ganzen Welt soviel Bitterkeit sieht – Traurigkeit, Bitterkeit, Frustration –, ist das natürlich. Ihr Grundbedürfnis wird nicht befriedigt. Schütteln ist einfach wunderbar, denn wenn ihr euch im Sexakt schüttelt, beginnt die Energie im ganzen Körper zu strömen, vibriert die Energie im ganzen Körper. Dann wird jede Zelle des Körpers mit erfaßt. Jede Zelle wird lebendig, denn jede Zelle ist eine Sexzelle. Als du gezeugt wurdest, vermischten sich zwei Sexzellen, und so entstand dein Dasein, entstand dein Körper. Diese beiden Sexzellen sind jetzt überall in deinem Körper. Sie haben sich ver- mehrt und vermehrt und vermehrt, aber dein Grundbaustein ist und bleibt die Sexzelle. Wenn sich dein ganzer Körper schüttelt, ist das nicht nur eine Begegnung zwischen dir und deinem oder

Auch im Inneren deines Körpers begegnet

deiner Geliebten

da jede Zelle ihrem Gegenpart. Dieses Schütteln gibt Zeugnis davon. Es wird tierhaft aussehen, aber der Mensch ist ein Tier, und daran ist nichts verkehrt. Das zweite Sutra lautet also: Wenn deine Sinne in solcher

Es weht ein

starker Wind, und ein Baum schüttelt sich. Sogar die Wurzeln erzittern, jedes Blatt erzittert. Sei einfach wie ein Baum. Ein star-

Umarmung geschüttelt werden wie Laub im Wind

Kapitel 1

ker Wind bläst — und Sex ist ein starker Wind, eine starke Energie, die dich durchstürmt! Schüttle dich, erzittere! Laß jede Zelle in deinem Körper tanzen — und dies gilt für alle beide! Der Partner tanzt mit, erzittert in jeder Zelle mit! Nur so könnt ihr euch beide begegnen, und dann findet diese Begegnung nicht nur im Kopf statt, sondern ist eine Begegnung eurer Bio-Energien. Geht hinein in dies Schütteln, und seid euch nicht zu fein zum zittern. Spielt nicht den Zuschauer; denn der Kopf ist Zuschauer. Haltet euch nicht heraus! Seid das Schütteln, werdet zu diesem Schütteln. Vergeßt alles andere und werdet das Schütteln. Nicht nur dein Körper erzittert — nein, du selbst tust es, dein ganzes Sein. Du wirst selbst zu diesem Schütteln. Dann sind da keine zwei Körper, zwei Köpfe. Anfangs sind da zwei schüttelnde Energien, aber am Ende ist da nur ein Kreis — nicht zwei. Was sich in diesem Kreis dann abspielt? Erstens: Ihr werdet Teil einer existentiellen Kraft sein — nicht einer gesellschaftlichen Anschauung, sondern einer existentiellen Kraft. Ihr werdet Teil des gesamten Kosmos sein. In diesem Erzittern werdet ihr Teil des ganzen Kosmos sein. Dieser Augenblick ist ein großartiger Schöpfungsmoment: Als feste Körper habt ihr euch aufgelöst. Ihr seid verflüssigt worden und fließt jetzt ineinander. Das Denken ist fort, die Teilung ist fort. Ihr gabt Ganzheit. Das ist advaita — das ist Nicht-Dualität. Und wenn ihr diese Nicht-Dualität nicht erfahren könnt, sind alle eure Philosphien der Einheit nutzlos, sind sie bloße Worte. Und nur wenn du die- sen nicht-dualen, existentiellen Augenblick kennst, kannst du die Upanishaden begreifen. Nur dann kannst du die Mystiker verste- hen — wovon sie reden, wenn sie von einer „kosmischen Einheit", einem „großen Ganzen" sprechen. Dann bist du nicht von der Welt getrennt, bist du ihr nicht fremd. Dann wird die Existenz dein Zuhause. Und mit diesem Gefühl des „Jetzt bin ich in der Existenz daheim" fallen alle Sorgen von dir ab. Dann gibt es keine Lebensangst mehr, keinen Kampf, keinen Konflikt. Das ist es, was Laotse „Tao" nennt, was Shankara advaita nennt. Man kann sein eigenes Wort dafür wählen, aber durch eine tiefe Liebesumarmung wird es ohne weiteres erfahrbar. Aber seid lebendig, schüttelt euch und werdet zu diesem Schütteln selbst.

Tantrische Methoden der Bewußtwerdung und des Nicht-Urteilens

[Sutras]

64. Bleibe, während du zu niesen beginnst oder erschrickst oder dich ängstigst oder an einem Abgrund stehst oder im Kampf die Flucht ergreifst oder heftige Neugierde verspürst oder dich am Anfang eines Hungers oder am Ende eines Hungers befindest, unverwandt bewußt.

65. Was anderen Lehren als rein gilt, ist Unreinheit für uns.

Unterscheide in der Wirklichkeit nicht zwischen rein und unrein.

Kapitel 1

bist, ist das ganze Universum jetzt Mann geworden. Jetzt bist du in tiefer Kommunion mit der Existenz selbst, aber die Tür, der andere, ist nicht mehr da. Der andere ist einfach eine Tür. Während du mit einer Frau Liebe machst, machst du in Wirklichkeit Liebe mit der Existenz selbst. Die Frau ist nur eine Tür, der Mann ist nur eine Tür. Der andere ist nur eine Tür für das Ganze, aber ihr habt es immer so eilig, daß ihr das nie bemerkt. Wenn ihr in Kommunion bleibt, stundenlang in tiefer Umarmung, dann werdet ihr den andern vergessen, wird der andere einfach zum Anschluß ans Ganze. Sobald ihr diese Technik kennt, könnt ihr sie allein anwenden, und wenn ihr sie allein anwenden könnt, gibt euch das eine neue Freiheit - nicht mehr auf den anderen angewiesen zu sein. Es ist dann wirklich so, daß die ganze Existenz zum anderen - zu deiner Geliebten, deinem Geliebten - wird; und dann kann man diese Technik unentwegt anwenden, und in ununterbroche- ner Kommunion mit der Existenz bleiben. Und dann könnt ihr sie auch in anderen Bereichen einsetzen. Ihr könnt es beim Morgenspaziergang machen. Seid dann in Kommunion mit der Luft, mit der aufgehenden Sonne und den Sternen und den Bäumen. Oder ihr könnt zum Sternenhimmel aufschauen. Oder ihr könnt zum Mond blicken. Ihr könnt Ge- schlechtsverkehr mit dem ganzen Universum haben, wenn ihr erst einmal wißt, wie das geht. Aber es ist gut, mit Menschen anzufangen, denn die sind einem am nächsten - die nächstgelegene Seite des Universums. Aber es geht auch ohne sie. Ihr könnt einen Sprung tun und die Tür völ- lig vergessen: Schon im Erinnern an die Vereinigung, auch ohne Umarmung - die Verwandlung. Und ihr werdet verwandelt sein, werdet neu werden. Tantra benutzt den Sex als Vehikel. Sex ist Energie - die kann als Vehikel dienen. Sex kann euch transformieren, und er kann euch transzendente Zustände bescheren. Aber so, wie wir mit dem Sex umgehen, erscheint uns das problematisch. Denn wir gehen ganz falsch mit ihm um, nämlich nicht natürlich. Selbst Tiere sind da besser als wir - sie gehen natürlich damit um. Unsere Gewohn- heiten sind pervertiert. Das ewige Einbleuen, daß Sex Sünde sei,

Das Mysterium der Liebe

hat im Menschen eine tiefe Barriere geschaffen. Ihr gestattet euch nie ein völliges Loslassen. Ein Teil von euch steht immer mißbil- ligend abseits. Das gilt selbst für die neue Generation. Sie mag noch so sehr behaupten, daß sie nicht damit belastet sei, daß sie frei sei von alledem, daß für sie der Sex kein Tabu mehr sei Aber so leicht könnt ihr euer Unbewußtes nicht ausmisten. Es ist über Jahrhunderte und Aberjahrhunderte hinweg aufgebaut wor- den; die gesamte Menschheitsgeschichte steckt darin. Ihr mögt den Sex also bewußt nicht als Sünde verurteilen, aber das Unbe- wußte steht ständig da und verdammt ihn. Ihr laßt euch nie total darauf ein. Etwas bleibt immer draußen vor. Dieser Teil ,draußen vor' verursacht die Spaltung. Tantra sagt: Laß dich total darauf ein. Vergiß dich einfach – deine Zivilisation, deine Religion, deine Kultur, deine Weltan- schauung. Vergiß alles. Geh einfach in den Sexakt hinein, und tu es total, laß nichts ,draußen vor'. Werde absolut leer von Gedan- ken. Nur dann tritt die Bewußtheit ein, mit jemandem eins geworden zu sein. Und diese Erfahrung der Einheit läßt sich dann von dem Parmer loslösen und kann aufs gesamte Universum übertragen werden. Du kannst mit einem Baum, mit dem Mond, mit allem möglichen „Sex haben". Hast du erst einmal verstanden, wie du diesen Kreis herstellen kannst, läßt er sich mit allem her- stellen, was du willst – sogar ohne alles! Du kannst diesen Kreis deshalb in dir selbst herstellen, weil der Mann sowohl Mann wie Frau ist und die Frau sowohl Frau wie Mann. Du bist beides, weil du von beiden gezeugt wurdest. Du wurdest sowohl von dem Mann wie der Frau erschaffen, also bleibt die eine Hälfte von dir das andere Geschlecht. Du kannst alles völlig vergessen und den Kreis in dir selbst herstellen. Ist der Kreis erst einmal in deinem Innnern in Gang – dein Mann ver- eint sich mit deiner Frau, die innere Frau vereint sich mit dem inneren Mann – dann bist du zutiefst in dir selbst vereinigt. Und nur, wenn dieser Kreislauf hergestellt ist, kann man von einem echten Zölibat sprechen. Alle anderen Formen des Zölibats sind nur Perversionen, und dann bringen sie ihre eigenen Probleme mit sich. Wenn dieser Kreis im Inneren hergestellt ist, fühlst du dich befreit.

Kapitel 1

Genau das ist es, was Tantra sagt: Sex ist zwar die tiefste Fessel; er kann aber als Vehikel zur höchsten Freiheit eingesetzt werden. Tantra sagt, daß Gift als Arznei benutzt werden kann. Aber es gehört Weisheit dazu. Verurteile also nichts, sondern nutze es lie- ber. Und sei gegen nichts; finde heraus, wie es genutzt und trans- formiert werden kann. Tantra ist ein tiefes, totales Akzeptieren des Lebens. Es ist die einzige Weltanschauung dieser Art. Auf der ganzen Welt, in all den Jahrhunderten, die verstrichen sind, ist Tantra einzigartig. Es sagt: Verwerfe nichts, und sei gegen nichts, und brich keinen Konflikt vom Zaun, denn mit jedem Konflikt wirst du selbstzerstörerisch sein. Alle Religionen sind gegen den Sex, haben Angst davor, weil er eine so gewaltige Energie ist. Bist du erst einmal in ihn eingetaucht, existierst du nicht mehr, und dann kann der Strom dich mitreißen, wohin er will. Daher die Angst. Errichte also eine Schranke, so daß du und der Strom entzweit werdet, und räume dieser Vitalenergie keinerlei Gewalt über dich ein, werde ihrer Herr. Nur Tantra sagt, daß diese Beherrschung das Verkehrte, ja krankhaft und pathologisch ist – weil du in Wirklichkeit gar nicht von diesem Strom getrennt existieren kannst. Du bist er! Alle Abgrenzungen müssen also unwahr und beliebig sein, und im Grunde ist überhaupt keine Abgrenzung möglich, weil du der Strom bist – mit Haut und Haar eins mit ihm, nur eine Welle in ihm. Du kannst zwar gefrieren und dich so von dem Strom abson- dern, aber in dieser Gefrorenheit wärest du tot. Und die Menschheit ist abgestorben. Niemand ist wirklich lebendig; ihr seid einfach nur tote Gewichte, die auf dem Strom dahintreiben. Schmelzt! Tantra sagt: Versucht zu schmelzen. Werdet nicht wie Eisberge – schmelzt und werdet eins mit dem Fluß. Sei bewußt, während du eins mit dem Fluß wirst, dich eins mit dem Fluß fühlst, mit dem Fluß verschmilzt – und die Verwand- lung findet statt. Verwandlung kommt nicht durch Kampf zustande, sondern durch Bewußtheit. Diese drei Techniken sind sehr, sehr wissenschaftlich, aber dann wird der Sex zu etwas anderem, als was ihr kennt. Dann ist er keine flüchtige Entladung, dann ist er kein Abtoßen von Energie mehr. Dann wird er endlos, wird er zu einem meditativen Kreis.

Das Mysterium der Liebe

Nun noch ein paar verwandte Techniken:

Wenn du mit Freuden einen Freund nach langer Abwesenheit wie- dersiehst, dann gehe ganz in dieser Freude auf

Geh in diese Freude hinein und werde eins damit – egal wel- che Freude, egal welches Glücksgefühl. Das hier ist nur ein Beispiel: Wenn du mit Freuden einen lange abwesenden Freund wiedersiehst Plötzlich triffst du einen Freund wieder, den du seit vielen, vie- len Tagen oder vielen, vielen Jahren nicht mehr gesehen hast. Eine plötzliche Freude packt dich. Aber deine Aufmerksamkeit wird sich dann auf den Freund und nicht auf deine Freude richten. Dann läßt du dir etwas entgehen, und diese Freude wird schnell verflogen sein. Deine Aufmerksamkeit wird sich ganz auf den Freund richten: Du wirst zu reden beginnen, dich an alles mögli- che erinnern, aber du wirst diese Freude verpassen, und diese Freude wird verfliegen. Wenn du einen Freund triffst und plötzlich Freude in deinem Herzen aufsteigen fühlst, dann konzentriere dich auf diese Freude. Fühle sie und werde zu ihr und begegne dem Freund, während du gleichzeitig bewußt bist und von deiner Freude erfüllt bist. Laß den Freund einfach am Rande sein, während du in deinem Glücksgefühl zentriert bleibst. Dasselbe kann man auch in vielen anderen Situationen tun. Die Sonne geht eben auf, und du spürst etwas in deinem Inneren auf- gehen. Dann vergiß die Sonne – laß sie Randerscheinung sein, während du dich auf dein eigenes Gefühl aufsteigender Energie zentrierst. Im selben Moment, da du sie anschaust, wird sie sich ausdehnen, wird sie zu deinem ganzen Körper, deinem ganzen Sein werden. Und bleibe nicht nur ein Zaungast dabei – ver- schmilz damit. Es gibt sehr wenige Momente, in denen du Freude, Glück, Seligkeit empfindest, aber sie entwischen dir alle, weil du dich dann genau auf das Objekt zentrierst. Immer, wenn Freude aufkommt, hast du das Gefühl, daß sie von außen komme. Du hast einen Freund getroffen – natürlich scheint es so, als ob die Freude von deinem Freund, von dem

Kapitel 1

Wiedersehen ausgehe. Das ist tatsächlich nicht der Fall. Die Freude ist immer in dir. Der Freund ist nur zu ihrem Auslöser geworden. Der Freund hat ihr geholfen, zum Vorschein zu kom- men, hat dir zu der Erkenntnis verholfen, daß sie da ist. Und so ist es nicht nur mit der Freude, sondern mit allem: mit Wut, mit Trauer, mit Unglück, mit Glück, mit allem ist es so. Andere lie- fern nur die Situationen, in denen Dinge, die sich in dir verber- gen, zum Ausdruck kommen. Sie sind nicht die Ursachen, sie ver- ursachen nichts in dir. Alles, was geschieht, geschieht dir. Es war immer vorhanden, nur erweist sich die Begegnung mit diesem Freund als Situation, in der etwas offenbar wurde, sich offen zei- gen konnte, was immer verborgen war. Aus den verborgenen Quellen ist es ans Licht getreten, hat es sich manifestiert. Wann immer dies geschieht, bleibe in dem inneren Gefühl zentriert, und dann wirst du gegenüber allem im Leben eine andere Einstellung haben. Ihr könnt das selbst mit negativen Gefühlen machen. Wenn du wütend wirst, zentriere dich nicht auf die Person, die es ausgelöst hat. Laß sie am Rande bleiben. Werde du einfach zu Wut. Fühle die Wut in ihrer Totalität, laß sie in dir zum Zuge kommen. Rationalisiere nicht; sag nicht, daß der und der sie verursacht habe, verurteile ihn nicht. Er ist lediglich zum Auslöser geworden. Und sei ihm dankbar, daß er dir geholfen hat, etwas Verborgenes ans Licht zu bringen. Er hat dich irgendwo getroffen, und dort lag eine Wunde versteckt. Jetzt weißt du es – werde also zu dieser Wunde. Ob negativ oder positiv, übe dies bei jeglicher Emotion, und es wird zu einer großen Veränderung in dir kommen. Wenn die Emotion negativ ist, wirst du dadurch, daß dir bewußt wird, sie in dir zu haben, von ihr befreit werden. Wenn die Emotion positiv ist, wirst du zu dieser Emotion selbst werden. Wenn es Freude ist, wirst du zu Freude werden. Wenn es Wut ist, wird die Wut sich auflösen. Und der Unterschied zwischen negativen und positiven Emo- tionen ist dieser: Wenn sich eine bestimmte Emotion, indem du dir ihrer bewußt wirst, auflöst, ist sie negativ. Wenn du dir einer Emotion bewußt wirst und du daraufhin zu dieser Emotion wirst,

Das Mysterium der Liebe

wenn sich diese Emotion ausdehnt und dein ganzes Dasein erfaßt, ist sie positiv. Die Bewußtmachung wirkt sich verschieden aus, je nachdem. Ist das Gefühl ein giftiges, wirst du es durch Bewußt- machung los. Ist es gut, beseligend, ekstatisch, wirst du eins mit ihm. Das Bewußtwerden vertieft es. Für mich ist also dies das Kriterium: Wenn etwas dadurch tie- fer wird, daß du es dir bewußt machst, ist es etwas Gutes. Wenn sich etwas durch Bewußtmachen auflöst, ist es etwas Schlechtes. Alles, was der Bewußtheit nicht standhält, ist Sünde, und alles, was durch Bewußtwerdung zunimmt, ist Tugend. Tugend und Sünde sind keine gesellschaftlichen Nonnen, sondern innere Erkennt- nisse. Nutze deine Bewußtheit. Es ist genauso, als wärst du im Dunkeln und würdest ein Licht hereinholen: Die Dunkelheit wird nicht mehr da sein. Einfach dadurch, daß Licht hinein- kommt, ist die Dunkelheit nicht mehr da. Denn in Wirklichkeit war sie gar nicht da. Sie war negativ – einfach nur eine Abwesen- heit von Licht. Aber viele Dinge werden sich zeigen, die da sind. Einfach nur dadurch, daß hier Licht wird, werden diese Regale, diese Bücher, diese Wände nicht verschwinden. Im Dunkeln waren sie nicht da, konntet ihr sie nicht sehen. Wenn ihr Licht hereinholt, wird die Dunkelheit nicht mehr da sein; aber das, was wirklich ist, wird offenbar werden. Durch Bewußtheit wird sich alles Negative – Haß, Wut, Traurigkeit, Gewalt – wie Dunkelheit auflösen. Und dann werden dir zum ersten Mal Liebe, Freude, Ekstase offenbart werden. Also: Wenn du mit Freuden einen Freund nach langer Abwesen- heit wiedersiehst, dann gehe ganz in dieser Freude auf

Die fünfte Technik:

Werde, wenn du ißt oder trinkst, zum Geschmack der Speise oder des Tranks, und sei erfüllt.

Wir essen immerzu alle möglichen Dinge; wir können nicht ohne sie leben. Aber wir essen sie sehr unbewußt, automatisch, roboterhaft. Wenn der Geschmack nicht gelebt wird, stopfst du

Kapitel 1

dich nur voll. Iß langsam, und mache dir den Geschmack bewußt. Und nur, wenn du langsam vorgehst, kannst du dir seiner bewußt sein. Schlucke nicht einfach nur alles hinunter. Koste alles ohne Eile aus und werde zu dem Geschmack. Wenn du Süßes kostest, werde zu dieser Süße. Und dann ist sie im ganzen Körper zu spüren, nicht nur im Mund, nicht nur auf der Zunge: Überall im Körper ist sie zu spüren! Eine gewisse Süße breitet sich in Kreisen aus – oder was es auch sei. Was immer du gerade ißt, empfinde den Geschmack und werde dieser Geschmack. Hier scheint Tantra genau das Gegenteil von anderen Tra- ditionen zu behaupten. Die Jains sagen: „Kein Geschmack – aswad!" Mahatma Gandhi machte das in seinem Ashram zur Regel: Aswad – es darf nach nichts schmecken! Eßt, aber laßt es euch nicht schmecken. Vergeßt den Geschmack. Essen ist eine Notwendigkeit, aber tut es auf mechanische Art und Weise. Geschmack ist Lust, also bitte keinen Geschmack! Tantra sagt:

„Geht soviel ihr könnt in den Geschmack hinein! Werdet emp- findsamer, lebendiger. Und seid nicht nur empfindsam – werdet zu dem Geschmack!" Wer aswad befolgt – die Regel der Geschmacklosigkeit –, dem sterben die Sinne ab. Sie werden immer weniger und weniger empfindsam. Und je geringer deine Empfindsamkeit, desto weni- ger wirst du fähig sein, deinen Körper zu spüren, desto weniger wirst du fähig sein, deine Gefühle zu fühlen. Dann wirst du ein- fach nur im Kopf zentriert bleiben. Und diese Zentriertheit im Kopf ist die Spaltung. Tantra sagt, daß du keine Teilung in dir voll- ziehen darfst, daß es schön ist zu schmecken, daß es schön ist, empfindsam zu sein, und daß du um so lebendiger bist, je mehr du empfindest, daß dann mehr Leben in dein inneres Wesen kommen wird. Du wirst offener sein. Du kannst Dinge essen, ohne sie zu schmecken, das ist nicht schwer. Du kannst jemanden berühren, ohne zu berühren, das ist nicht schwer. Wir tun das ja bereits. Du gibst jemandem die Hand, ohne ihn zu berühren, denn um ihn zu berühren, mußt du in deine Hand kommen, mußt du dich in deine Hand hineinbege- ben. Du mußt zu deinen Fingern und deinem Handteller wer- den, so als wärest du – deine Seele – in die Hand gekommen. Nur

Das Mysterium der Liebe

dann kannst du berühren. Du kannst die Hand eines anderen in deine Hand nehmen und dich daraus zurückziehen. Du kannst dich zurückziehen – dann ist die tote Hand da. Sie scheint nur zu berühren, berührt aber gar nicht. Wir berühren nicht! Wir fürchten uns, jemanden zu berühren, denn alles Berühren ist im übertragenen Sinne sexuell geworden. Du magst in einer Menschenmenge stehen – in der U-Bahn, einem Eisenbahnabteil, in Berührung mit vielen Personen–: aber du berührst sie nicht, und sie berühren dich nicht. Da sind nur Körper in Kontakt miteinander, aber ihr alle habt euch zurückge- zogen. Und du kannst den Unterschied spüren: Wenn du wirk- lich jemanden in einer Menge berührst, wird ihn das verletzen. Dein Körper mag zwar berühren, aber du darfst nicht in ihm zugegen sein. Du mußt Abstand halten – so als wärest du gar nicht da in dem Körper, als würde die Berührung von einem toten Körper kommen. Diese Fühllosigkeit ist schlimm. Sie ist deshalb schlimm, weil man sich damit gegen das Leben verschanzt. Ihr habt eine solche Angst vor dem Tod, dabei seid ihr schon tot! Ihr braucht in Wirklichkeit gar keine Angst zu haben, denn da wird niemand sterben – ihr seid bereits tot! Und genau deswegen habt ihr Angst– weil ihr nicht gelebt habt. Ihr habt euch das Leben entge- hen lassen, und der Tod kommt näher Ein lebendiger Mensch wird keine Angst vor dem Tod haben, weil er lebt. Wenn du wirklich lebst, gibt es keine Angst vor dem Tod; dann kannst du sogar den Tod leben. Wenn der Tod kommt, wirst du so empfindsam für ihn sein, daß du ihn genießen wirst. Er wird eine großartige Erfahrung werden! Wenn du lebendig bist, kannst du sogar den Tod leben, und dann ist der Tod nicht mehr da. Wenn du sogar den Tod leben kannst, wenn du sogar deinem sterbenden Körper gegenüber empfindsam sein kannst – während

du dich zum Mittelpunkt zurückziehst und auflöst

sogar dies leben kannst, dann bist du todlos geworden. Werde, wenn du ißt oder trinkst, zum Geschmack der Speise oder des Tranks, und sei erfüllt. Wenn du Wasser trinkst, spüre

die Kühle

Fühle die Kühle, und fühle, daß du zu dieser Kühle geworden bist,

wenn du

Schließe die Augen, trinke es langsam, schmecke es.

Kapitel 1

denn die Kühle wird vom Wasser auf dich übertragen, wird lang- sam Teil deines Körpers. Dein Mund berührt sie, deine Zunge berührt sie, und die Kühle wird übertragen. Laß es geschehen, dem gesamten Körper geschehen. Laß zu, daß es seine Kreise in dir zieht und sich ausdehnt, und du wirst am ganzen Körper Kühle empfinden. Auf die Art wird deine Empfindsamkeit wach- sen, und du kannst lebendiger und erfüllter werden. Wir sind frustriert, fühlen uns ausgelaugt – leer; und wir reden immer davon, daß das Leben leer sei. Aber der Grund, warum es leer ist, sind wir! Wir füllen es nicht und wir lassen nicht zu, daß irgendetwas es füllt. Wir tragen einen Panzer um uns – zu unse- rer Verteidigung. Wir haben Angst davor, verletzlich zu sein, also setzen wir uns immer gegen alles zur Wehr. Und so werden wir zu Gruften – totes Zeug. Tantra sagt: Sei lebendig, lebendiger, denn Leben ist Gott. Es gibt keinen anderen Gott als das Leben. Sei lebendiger, und du wirst göttlicher sein. Sei restlos lebendig, und für dich existiert kein Tod.

Vom Gipfel- zum Tal-Orgasmus [Fragen]

Du sagtest gestern, man solle im Liebesakt total sein — ihn genießen, seine Seligkeit auskosten, in ihm verweilen und dann, wenn der Körper zu zittern anfange, dies Zittern sein. Was also lehrst du uns da — Genußsucht?

Wie oft sollte man sich dem Sex hingeben, damit der Meditations- prozeß unterstützt und nicht behindert wird?

Wenn man Kundalini erlebt — das Aufsteigen der Energie durch das Rückgrat — werden dann nicht, wenn man Orgasmen hat, die meditativen Energien entleert?

Du sagtest gestern, daß sich der ganze Akt langsam und ohne Eile abspielen solle. Aber du sagtest auch, man solle keinerlei Kontrolle auf den sexuellen Akt ausüben und rückhaltlos werden. Das ver- wirrt mich. Bitte erkläre diese beiden Dinge.

Das Mysterium der Liebe

Bevor ich auf eure Fragen eingehe, müssen noch ein paar andere Punkte geklärt werden, weil euch diese Punkte helfen wer- den, das, was Tantra bedeutet, besser zu verstehen. Tantra ist keine Moral. Es ist weder moralisch noch unmoralisch. Es ist amoralisch. Es ist eine Wissenschaft, und Wissenschaft ist weder das eine – noch das andere. Eure Moralbegriffe und eure Anschauungen von moralischem Verhalten spielen für Tantra keine Rolle. Tantra befaßt sich nicht damit, wie man sich benehmen sollte; es befaßt sich nicht mit Idealen. Es befaßt sich grundsätzlich mit dem, was ist, mit dem, was du bist. Diesen Unterschied gilt es tief zu verstehen. Eine Moral befaßt sich mit Idealen – wie du zu sein hast, was du zu sein hast. Insofern ist Moral im Grunde abwertend. Du bist nie das Ideal, also wirst du verurteilt. Jede Moral macht Schuld- gefühle: Du kannst nie das Ideal erreichen, du hinkst immer hin- terher. Den Abstand wird es immer geben, weil das Ideal das Unmögliche darstellt – und durch die Moral nur noch unmögli- cher wird. Das Ideal existiert irgendwo in der Zukunft; du hinge- gen bist hier, so wie du bist, und vergleichst dich immerzu mit ihm. Du bist nie der vollkommene Mensch – an irgendetwas hapert's immer. Dann empfindest du Schuld, fühlst du eine Selbstverdammung. Erstens also: Tantra ist gegen jegliche Selbstverdammung, weil das Verdammen dich niemals transformieren kann. Alles Ver- dammen kann nur zur Heuchelei führen. Dann versuchst du etwas vorzumachen – zu beweisen, daß du bist, was du nicht bist. Heuchelei heißt, daß du der reale Mensch bist, nicht der ideale Mensch, aber vortäuschst, nach außen hin zeigst, daß du der ideale Mensch bist. Dann hast du in dir eine Spaltung, hast du ein unech- tes Gesicht. Der unechte Mensch ist geboren, und Tantra ist grundsätzlich eine Suche nach dem echten Menschen, nicht dem unechten Menschen. Unweigerlich führt jede Moral zu Heuchelei. Sie muß einfach, es führt kein Weg daran vorbei. Heuchelei wird die Moral beglei- ten. Sie gehört dazu – als Schatten. Das mag paradox klingen, weil es ausgerechnet die Moralisten sind, die die Heuchelei am mei- sten verdammen – dabei sind sie ihre Erzeuger! Und die 1 feudle-

Kapitel 2

lei kann nicht eher vom Erdboden verschwinden, als bis die Moral verschwindet. Beide werden zusammen weiterexistieren; sie sind die zwei Seiten ein- und derselben Münze. Die Moral gibt dir das Ideal vor, und du bist nicht das Ideal – genau darum wird dir das Ideal ja vorgesetzt. Dann bekommst du das Gefühl, daß mit dir etwas nicht stimmt und daß diese Unstimmigkeit natürlich ist. Sie ist dir vorgegeben. Du wirst damit geboren, kannst aber nicht sofort etwas daran ändern. Du kannst sie nicht transformie- ren – das ist nicht so leicht! Du kannst sie nur unterdrücken – das ist leicht. Aber zwei Dinge gibt es, die kannst du tun: Du kannst ein unechtes Gesicht aufsetzen, kannst vortäuschen, etwas zu sein, was du nicht bist. Das rettet dich. Dann kannst du dich unbe- schwerter in der Gesellschaft bewegen – bequemer. Und inner- lich mußt du das Wirkliche unterdrücken, weil dir das Unwirk- liche nur dann übergestülpt werden kann, wenn das Wirkliche verdrängt wird. Und so wird deine Wirklichkeit immer tiefer ins Unbewußte hinuntergedrückt, und wird deine Unwirklichkeit dein Bewußtes. Dein unwirklicher Teil gibt immer mehr den Ton an, und dein wirklicher Teil zieht sich zurück. Du bist gespalten, und je mehr du etwas vormachen möchtest, desto tiefer wird die Kluft. Wenn das Kind zur Welt kommt, ist es eins, ein Ganzes. Eben darum ist jedes Kind so schön. Die Schönheit liegt an der Ganz- heit. Das Kind hat keine Kluft, keine Spaltung, keine Teile, keine Bruchstücke. Das Kind ist in sich eins. Da gibt es das Echte und das Unechte nicht. Das Kind ist einfach nur wirklich, authentisch. Man kann das Kind nicht moralisch nennen. Das Kind ist weder moralisch noch unmoralisch. Es ist sich einfach nicht bewußt, daß es etwas Moralisches oder Unmoralisches gibt. Im selben Mo- ment, da es sich dessen bewußt wird, setzt die Spaltung ein. Dann fängt das Kind an, sich unecht zu benehmen, denn das Echte wird immer schwieriger. Dies passiert mit Notwendigkeit, bedenkt das, denn die Familie muß eingreifen, die Eltern müssen eingreifen. Das Kind niuß zivi- lisiert, erzogen werden, man muß ihm Benimm, Kultur beibrin- gen. Andernfalls wird es für das Kind unmöglich sein, sich in der

Das Mysterium der Liebe

Gesellschaft zu bewegen. Es muß gesagt bekommen: Tu dies! Das tu nicht!" Und wenn wir ihm sagen: „Tu dies!", ist das Echte im Kind vielleicht gar nicht bereit, es zu tun. Es mag nicht echt sein. Es mag in dem Kind kein echter Wunsch da sein, es zu tun. Und wenn wir sagen: „Tu dies nicht oder tu das nicht!", würde das Kind es vielleicht von Natur aus gern tun. Wir verdammen das Reale und wir setzen das Irreale durch, weil das Irreale in einer irrealen Gesellschaft hilfreich sein wird und das Irreale genehm sein wird. Wo jeder unecht ist, wird das Echte nicht genehm sein. Ein Kind, das echt ist, wird grundsätzlich Schwierigkeiten mit der Gesellschaft haben, weil die ganze Gesellschaft unecht ist. Das ist ein Teufelskreis. Wir werden in eine Gesellschaft hineingeboren, und bis heute hat es noch keine einzige Gesellschaft auf Erden gegeben, die echt ist. Und das ist teuflisch! Ein Kind kommt in irgendeiner Gesellschaft zur Welt, und eine Gesellschaft ist immer schon da – mit ihren starren Regeln, Vorschriften, Sitten und Moralvorstellungen, die das Kind nun erlernen muß. Indem ein junger Mensch aufwächst, wird er unecht werden. Dann bekommt er selbst wieder Kinder, und wird dazu beitragen, daß auch sie unecht werden, und das geht so weiter und weiter. Was also tun? Wir können nicht die Gesellschaft ändern. Oder wenn wir versuchen, die Gesellschaft zu ändern, werden wir nicht mehr da sein, wenn sich die Gesellschaft geändert haben wird. Es

wird eine Ewigkeit dauern

Der Einzelne kann sich diese Grundspaltung in seinem Inneren bewußt machen: daß das Echte unterdrückt worden und das Unechte aufgezwungen worden ist. Das heißt Schmerz, das heißt Leid, das ist die Hölle. Du kannst durch das Unechte keine Befriedigung erlangen, weil durch das Unechte nur unechte Befriedigungen möglich sind – was nur natürlich ist. Nur durch das Echte kann es zu echter Befriedigung kommen. Durch das Echte kannst du zur Wirklichkeit vorstoßen, durch das Echte

kannst du zur Wahrheit gelangen. Durch das Unechte kannst du nur zu noch mehr Halluzinationen, Illusionen, Träumen gelan- gen, und duch Träume kannst du dich zwar täuschen, kannst aber niemals befriedigt werden.

Was tun?

Kapitel 2

Wenn du zum Beispiel in einem Traum Durst verspürst, magst du träumen, daß du Wasser trinkst. Das wird für den Schlaf hilf- reich und angenehm sein: Er kann weitergehen. Wäre dieser Traum, wo du vom Wassertrinken träumst, nicht da, würde dein Schlaf unterbrochen. Es ist ein echter Durst vorhanden. Er würde den Schlaf unterbrechen, der Schlaf würde gestört werden. Der Traum eilt zu Hilfe: Er gibt dir das Gefühl, daß du Wasser trinkst. Aber das Wasser ist unecht. Dein Durst wird einfach getäuscht, nicht beseitigt. Du magst weiterschlafen, aber der Durst ist da – verdrängt. Das passiert nicht nur beim Schlafen. Das passiert in deinem ganzen Leben. Du suchst alle möglichen Dinge durch deine unechte Persönlichkeit – die nicht da ist, die nur eine Fassade ist. Wenn du diese Dinge nicht bekommst, wirst du dich elend fühlen; wenn du sie bekommst, wirst du dich ebenfalls elend fühlen. Wenn du sie nicht bekommst, wird das Elend weniger stark sein – vergiß das nicht! Wenn du sie bekommst, wird das Elend tiefer sein und größer. Die Psychologen sagen, daß wir aufgrund dieser unechten Persönlichkeit im Grunde gar nicht ans Ziel kommen wollen – nie und nimmer! – denn würdest du das Ziel erreichen, wärst du total fnistriert. Du lebst in Hoffnung – mit Hoffnung kannst du weitermachen. Hoffnung ist ein Traum. Du kommst nie ans Ziel, und so wird dir nie bewußt werden, daß am Ziel etwas faul ist. Ein armer Mann, der alles tut, um reich zu werden, ist in sei- nem Kampf glücklicher, weil im Kampf Hoffnung steckt. Und für die unechte Persönlichkeit ist Hoffnung das einzige Glück. Wenn der Arme zu Reichtum kommt, wird er hoffnungslos werden. Jetzt ist Frustration die natürliche Konsequenz. Es wird Reichtum da sein, aber keine Befriedigung. Er wird sein Ziel erreicht haben, aber dadurch wird sich nichts weiter geändert haben, als daß seine Hoffnungen zertrümmert sind. Darum gerät eine Gesellschaft in dem Augenblick aus den Fugen, wo sie reich wird. Wenn Amerika heute so aus den Fugen geraten ist, so liegt dies daran, daß die Hoffnungen erfüllt sind, Ziele erreicht sind und man sich jetzt nichts mehr vormachen kann. Wenn sich jetzt also in Amerika die jüngere Generation gegen all die Lebensinhalte

Das Mysterium der Liebe

der älteren Generation auflehnt, ist dies der Grund: daß diese Inhalte sich alle als Unsinn entpuppt haben. In Indien ist das für uns unvorstellbar. Wir können uns nicht vorstellen, wieso junge Leute freiwillig arm leben — als Hippies leben. Freiwillig arm leben?! Unvorstellbar für uns. Wir haben immer noch Hoffnung. Wir hoffen auf die Zukunft: daß eines Tages das Land reich wird und wir dann den Himmel auf Erden haben. Der Himmel liegt immer im Hoffen. Aufgrund dieser unechten Persönlichkeit wird alles, was du unternimmst, was du tust, was du siehst, unwirklich. Tantra sagt, die Wahrheit kann dir nur dann widerfahren, wenn du wieder im Wirklichen wurzelst. Aber um im Wirklichen verwurzelt zu sein, mußt du enormen Mut gegen dich selbst aufbringen, denn das Unwirkliche ist bequem, und das Unwirkliche ist so sehr gehegt und gepflegt worden, und dein Denken hat sich so daran ge- wöhnt, daß du Angst vor dem Wirklichen bekommen wirst.

Jemand hat gefragt:

Du sagtest gestern, man solle im Liebesakt total sein – ihn genießen, seine Seligkeit auskosten, in ihm verweilen und dann, wenn der Körper zu zittern anfange, dies Zittern sein. Was also lehrst du uns da – Genußsucht?

Das ist Perversion! Genau das ist die Art, wie die unechte Persönlichkeit zu dir spricht. Die unechte Persönlichkeit ist immer gegen das Genießen, egal was es sei. Sie ist immer gegen dich: Du darfst nicht genießen! Sie ist immer dafür, daß du alles mögliche aufopferst, daß du dich für andere opferst. Das klingt schön, weil du damit erzogen worden bist: „Opfere dich für andere auf!" Das ist Altruismus! Wenn du dagegen versuchst, das Leben zu ge- nießen, ist das selbstsüchtig. Und sobald jemand sagt: „Das ist selbstsüchtig", wird eine Sünde daraus. Aber ich sage dir: Tantra ist ein grundsätzlich anderer Ansatz. Tantra sagt, daß du erst dann anderen dazu verhelfen kannst, das Leben zu genießen, wenn du gelernt hast, es selber zu genießen. Solange du nicht wirklich mit dir zufrieden bist, kannst du ande-

Kapitel 2

ren nicht dienen, kannst du nicht anderen helfen, zu ihrer Befriedigung zu finden. Solange du nicht von deiner eigenen Seligkeit überfließt, stellst du für die Gesellschaft eine Gefahr dar. Denn jemand, der sich opfert, wird immer zu einem Sadisten. Wenn deine Mutter dir ständig einredet: „Ich habe mich stets für dich aufgeopfert", wird sie dich quälen. Wenn ein Ehemann seiner Frau immerzu weismacht: „Ich opfere mich", wird er damit zu einem sadistischen Folterer. Er will deshalb foltern, weil das Aufopfern nur ein Trick ist, um den andern zu quälen. Die Leute also, die sich immerzu aufopfern, sind sehr gefähr- lich – potentiell gefährlich. Hütet euch vor ihnen, und opfert euch nicht. Schon das Wort ist abstoßend. Genießt! Seid voller Seligkeit! Und wenn ihr von eurer eigenen Seligkeit überfließt, kommt diese Seligkeit auch bei den anderen an. Aber das ist dann kein Opfern. Niemand ist dir etwas schuldig, niemand braucht dir zu danken. Vielmehr wirst du den anderen dankbar sein – dafür, daß sie an deiner Seligkeit teilhatten. Wörter wie „Opfer", „Pflicht", „Dienst am Nächsten" sind häßlich; sie sind gewalttätig. Tantra sagt: Wie kannst du anderen helfen, licht zu werden, solange du nicht voller Licht bist? Sei selbstisch – nur dann kannst du altruistisch sein. Andernfalls ist die ganze Idee vom Altruismus nichts wert. Sei glücklich – nur dann kannst du anderen helfen, glücklich zu sein. Wenn du traurig, unglücklich, verbittert bist, wirst du andern Gewalt antun und wirst du andere elend machen. Du magst ein mahatma, ein sogenannter „großer Heiliger" wer- den. Das ist nicht weiter schwer. Aber seht euch eure mahatmas an! Sie versuchen mit allen Mitteln, jeden zu quälen, der ihnen

nahekommt; aber ihre Quälerei ist sehr subtil

Sie quälen dich

zu deinem eigenen Besten! Und weil sie sich selber quälen, kannst du nicht zu ihnen sagen: „Du predigst uns etwas, woran du dich selber nicht hältst!" Sie halten sich längst daran! Sie quälen sich selbst: Nun können sie dich quälen! Und wenn eine Folter zu dei- nem eigenen Besten ist, ist das die gefährlichste Folter: Es gibt kein Entrinnen.

Und was ist verkehrt daran, das Leben zu genießen? Was ist verkehrt daran, glücklich zu sein? Wenn etwas verkehrt ist, dann ist es immer nur euer Unglück, denn ein unglücklicher Mensch

Das Mysterium der Liebe

zieht rings um sich her Ringe des Unglücks. Sei glücklich! Und der Sexakt, der Liebesakt, kann eines der tiefsten Mittel sein, mit dessen Hilfe Seligkeit erlangt werden kann. Tantra lehrt nicht Sexualität. Es sagt lediglich, daß Sex eine Quelle der Seligkeit sein kann. Und kennst du erst einmal diese Seligkeit, dann kannst du weitergehen, denn jetzt hast du Wurzeln in der Wirklichkeit geschlagen. Man darf nicht ewig beim Sex stehenbleiben, aber man kann den Sex als Ausgangs- punkt nutzen. Genau das besagt Tantra: daß du den Sex als Sprungbrett benutzen kannst. Und hast du die Ekstase des Sex erst einmal kennengelernt, wirst du nachvollziehen können, wenn die Mystiker von einem größeren Orgasmus, einem kos- mischen Orgasmus sprachen. Meera zum Beispiel tanzt. Ihr könnt nicht verstehen, warum. Ihr könnt nicht einmal ihre Lieder verstehen. Sie sind sexuell, ihre Symbolik ist sexuell. Das muß so sein, weil der Sexakt im mensch- lichen Leben der einzige Akt ist, wo ihr die Erfahrung einer Nicht-Dualität macht, die Erfahrung einer tiefen Einheit macht, in welcher die Vergangenheit verschwindet und die Zukunft ver- schwindet und nur der gegenwärtige Augenblick — der einzig wirkliche Augenblick — übrigbleibt. Und so haben sich denn all die Mystiker, die tatsächlich die Einheit mit dem Göttlichen, die Einheit mit der Existenz selbst erfahren haben, zu allen Zeiten sexueller Begriffe und Symbole bedient, um ihre Erfahrung zum Ausdruck zu bringen. Es gibt dafür keine andere Symbolik. Es gibt dafür keine andere Symbolik, die dem nahekäme. Sex steht nur am Anfang, nicht am Ende. Aber wenn ihr den Anfang verpaßt, werdet ihr auch das Ende verpassen, und wer zum Ende will, kommt um den Anfang nicht herum. Tantra sagt: „Nehmt das Leben natürlich. Seid nicht unecht. Der Sex ist gegeben, als eine tiefe Möglichkeit, ein großartiges Potential. Nutzt ihn! Und was ist verkehrt daran, glücklich in ihm zu sein? Tatsächlich sind alle Morallehren dagegen, glücklich zu sein. Irgendwer ist glücklich, und schon habt ihr das Gefühl, daß da etwas nicht stimmt. Wenn irgendwer traurig ist, ist alles okay. Wir leben in einer neurotischen Gesellschaft, wo alle trau- rig sind. Wenn du traurig bist, sind alle froh, weil jeder dich jetzt

Kapitel 2

bemitleiden darf. Wenn du glücklich bist, kann niemand damit etwas anfangen. Was soll man mit dir anfangen!? Wenn jemand dich bemitleidet, dann achte auf sein Gesicht: Das Gesicht leuch- tet! Ein subtiler Glanz erscheint im Gesicht. Es macht ihm Spaß, dich zu bemitleiden! Wenn du glücklich wärst, dann wäre dies ausgeschlossen. Dein Glück ruft in anderen Traurigkeit hervor; dein Unglück dagegen Glück. Wie neurotisch das ist! Die eigent- liche Grundlage scheint wahnsinnig zu sein. Tantra sagt: Sei wirklich, sei dir selbst gegenüber authentisch. Dein Glücksgefühl ist nicht schlecht – es ist gut! Es ist keine Sünde. Nur Traurigkeit ist Sünde; nur unglücklich sein ist Sünde. Glücklich sein ist Tugend, denn ein glücklicher Mensch wird andere nicht ins Unglück stürzen! Nur ein glücklicher Mensch kann zur Ursache für das Glück anderer werden. Zweitens: Wenn ich sage, daß Tantra weder moralisch noch unmoralisch ist, will ich damit sagen, daß Tantra im Grunde genommen eine Wissenschaft ist. Tantra nimmt sich dir vor, schaut sich das an, was du bist. Anders gesagt, versucht Tantra nicht etwa, dich zu transformieren, sondern transformiert dich tatsächlich, durch Wirklichkeit. Der Unterschied zwischen Magie und Wissenschaft ist derselbe wie der zwischen Moral und Tantra. Magie versucht ebenfalls, Dinge einfach durch Wörter zu verän- dern, ohne die Wirklichkeit zu kennen. Der Zauberer kann sagen, daß jetzt die Regenzeit aufhören wird. In Wirklichkeit kann er sie nicht anhalten. Oder er kann sagen, daß jetzt die Regenzeit kom- men wird, aber er kann sie nicht herbeiführen. Er kann immer nur Worte machen. Manchmal kommt es zu Zufällen, und dann wird er sich machtvoll fühlen. Und wenn die Sache nicht so passiert, wie es seine magische Prophezeiung vorausgesagt hat, kann er immer noch sagen: „Woran hat es gemangelt?" Dieses Hintertürchen steht ihm jederzeit in seiner Berufsausübung offen, In der Zauberei fängt alles mit dem Wörtchen „wenn" an. Er kann sagen: ‚Wenn jeder gut und tugendhaft ist, dann wird der Regen an dem und dem Tag kommen." Kommt dann der Regen, ist alles in Ordnung. Kommt der Regen jedoch nicht, dann „ist nicht jeder tugendhaft", dann „steckt da irgendwo ein Sünder".

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Selbst in diesem Jahrhundert – im zwanzigsten Jahrhundert! – brachte es jemand wie Mahatma Gandhi fertig zu sagen, als es in Bihar eine Hungersnot gab: „Schuld an der Hungersnot ist das sündige Volk von Bihar!" Als würde nicht die ganze Welt sündi- gen, sondern nur Bihar. Zauberei fängt mit „wenn" an, und die- ses Wenn ist groß und breit. Die Wissenschaft fängt nie mit „wenn" an, weil Wissenschaft zunächst wissen will, was wirklich ist – was die Wirklichkeit, was das Wirkliche ist. Ist das Wirkliche erst einmal bekannt, kann es transformiert werden. Wenn man erst einmal weiß, was Elektri- zität ist, kann sie verändert, transformiert, angewandt werden. Ein Zauberer weiß nichts von Elektrizität. Ohne Elektrizität zu ken- nen, will er sie transformieren, gedenkt er, sie zu transformieren Prophezeiungen solcher Art sind einfach nur Schau – Illusionen. Eine Morallehre ist genau wie Zauberei. Sie redet immerzu vom vollkommenen Menschen, dabei weiß sie überhaupt nicht, was der Mensch ist – der wirkliche Mensch. Der vollkommene Mensch bleibt wie ein Traum. Er dient nur dazu, den wirklichen Menschen zu verurteilen. Der Mensch reicht nie an ihn heran. Tantra ist Wissenschaft. Tantra sagt: Erkenne zunächst, was die Wirklichkeit ist, was der Mensch ist. Und denke dir für's erste keine Werte aus und stelle dir keine Ideale vor. Denk nicht an „sollte"; denk nur an „ist". Und sobald das „Ist" erkannt ist, kannst du es gern verändern. Dann kennst du das Geheimnis. Zum Beispiel sagt Tantra: Versuche nicht, gegen den Sex anzu- gehen. Denn wenn du dich gegen den Sex kehrst und einen Zustand von brahmacharya – Zölibat, Reinheit – herzustellen ver- suchst, ist das unmöglich. Das ist reine Magie. Ohne zu wissen, was Sexenergie ist, ohne zu wissen, was den Sex ausmacht, ohne tief in seine Wirklichkeit, in seine Geheimnisse eingetaucht zu sein, kannst du dir gern ein Ideal von brahmacharya ausdenken. Aber was tust du dann? Du wirst ihn einfach nur unterdrücken. Und ein Mensch, der den Sex unterdrückt, ist sexueller als ein Mensch, der in ihm schwelgt. Denn durch das Schwelgen wird die Energie freigesetzt. Durch das Unterdrücken bleibt sie da und kreist unentwegt durch dein Körpersystem. Jemand, der den Sex unterdrückt, beginnt ihn bald überall zu

Kapitel 2

sehen. Alles wird ihm sexuell. Nicht, daß alles sexuell wäre, aber jetzt projiziert er. Jetzt projiziert er! Jetzt wird seine eigene ver- steckte Energie projiziert. Wohin er auch sehen wird, wird er jetzt Sex sehen, und weil er sich selbst verdammt, wird er anfangen, alle und jeden zu verdammen. Ihr könnt keinen Moralisten fin- den, der nicht mit Gewalt verdammt. Er ist die Verdammnis in Person — für ihn sündigt jeder. Dann fühlt er sich gut; das befrie- digt sein Ego. Warum sündigt jeder? Weil er überall immer nur das sieht, was er ständig unterdrückt. Seine eigene Vorstellungs- welt wird immer sexueller werden; und er wird immer mehr Angst bekommen. Solch ein brahmacharya ist Perversion; es ist unnatürlich. Eine ganz andere Qualität, ein ganz anderes brahmacharya widerfährt dem, der Tantra folgt. Aber schon der Prozeß selbst ist von vornherein das totale und diametrale Gegenteil. Tantra lehrt als erstes, wie man in den Sex hineingeht, wie man ihn kennen- lernt, wie man ihn fühlt, wie man zu der tiefsten Möglichkeit vor- dringt, die in ihm verborgen liegt — zum Höhepunkt; wie man seine essentielle Schönheit entdeckt, die essentielle Beglückung und Beseligung, die in ihm verborgen liegt. Hast du dieses Geheimnis erst einmal entdeckt, kannst du es transzendieren; denn in einem tiefen sexuellen Orgasmus ist es in Wirklichkeit nicht der Sex, der dir Seligkeit beschert, sondern etwas anderes. Der Sex ist nur ein Auslöser. Etwas anderes gibt dir die Euphorie, die Ekstase. Dieses „etwas andere" läßt sich in drei Elemente gliedern. Aber wenn ich über diese Elemente spreche, dann glaubt nicht, daß ihr sie allein aufgrund meiner Worte verstehen könnt. Sie müssen Teil eurer Erfahrung werden. Als bloße Begriffe sind sie nutzlos. Aufgrund also von drei Grundelementen im Sex erreichst du einen seligen Augenblick. Diese drei sind, erstens: Zeitlosigkeit. Du transzendierst vollkommen die Zeit. Es gibt keine Zeit mehr. Du vergißt die Zeit völlig. Die Zeit steht für dich still. Nicht, daß die Zeit stillstünde — sie steht für dich still. Du bist nicht in ihr. Es gibt keine Vergangenheit, keine Zukunft. Die gesamte Existenz konzentriert sich auf hier und jetzt, genau diesen Augenblick. Dieser Augenblick wird zum einzigen wirklichen Augenblick.

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Wenn du diesen Augenblick auch ohne Sex zum einzigen wirk- lichen Augenblick machen kannst, dann brauchst du keinen Sex mehr. Dies geschieht durch Meditation. Zweitens: Im Sex verlierst du zum ersten Mal dein Ego – wirst du egolos. Also sind Leute, die sehr egoistisch sind, immer gegen den Sex, denn im Sex müßten sie ihr Ego verlieren: Du bist nicht mehr, genausowenig der Partner. Du und dein Partner – ihr seid beide verschollen, seid in etwas anderem verloren. Eine neue Wirklichkeit entfaltet sich, eine neue Einheit beginnt zu existie- ren, in die sich die beiden alten hineinverloren haben – restlos ver- loren. Das Ego hat Angst: Du bist nicht mehr da! Wenn du ohne Sex zu einem Moment gelangen könntest, wo du nicht mehr bist,

dann wäre er nicht nötig. Und drittens: Im Sex bist du natürlich, erstmalig. Das Unwirk- liche ist abgefallen; die Masken, die Fassaden sind abgefallen; die Gesellschaft, die Kultur, die Zivilisation ist von dir abgefallen. Du bist Teil der Natur. So wie die Bäume, so wie die Tiere, so wie die Sterne bist auch du Teil der Natur. Du bist von einem größeren Etwas – dem Kosmos, dem Tao – umfangen. Du treibst in ihm.

Du kannst nicht einmal in ihm schwimmen

Du treibst nur dahin, von der Strömung erfaßt. Dies sind die drei Dinge, die dir die Ekstase schenken. Sex ist lediglich eine Situation, in der das natürlicherweise geschieht. Sobald du Bescheid weißt, und sobald du diese Elemente zu fühlen vermagst, kannst du diese Elemente unabhängig vom Sex herstellen. Alle Meditation ist im Wesentlichen die Erfahrung des

Sex ohne Sex; aber du mußt durch ihn hindurch. Es muß Teil dei- ner Erfahrung werden, darf nicht einfach nur als abstrakte Begriffe, Vorstellungen, Gedanken da sein. Tantra ist nicht für den Sex: Tantra heißt transzendieren. Aber transzendieren kannst du nur durch Erfahrung – existentielle Erfahrung, nicht durch irgendeine Ideologie. Nur durch Tantra kann es zum hrahmacharya kommen. Das erscheint paradox, ist es aber nicht. Nur durch Erfahrung kann sich das Transzendieren einstellen. Unwissenheit kann dir nicht zum Transzendieren ver- helfen; sie kann dir nur zu Heuchelei verhelfen. So, und nun nehme ich noch ein paar weitere Fragen vor.

dich gibt es nicht.

Kapitel 2

Jemand hat gefragt:

Wie oft sollte man sich dem Sex hingeben, damit der Meditations- prozeß unterstützt und nicht behindert wird?

Die Frage entsteht, weil wir immer alles mißverstehen. Euer Sexakt und der tantrische Sex unterscheiden sich grundsätzlich. Euer Sexakt dient zur Entladung. Er ist genau wie ein herzhaftes Niesen. Die Energie wird ausgestoßen, und das entlastet euch. Das ist destruktiv, es ist nicht kreativ. Es ist gut – therapeutisch. Es ver- hilft euch zur Entspannung, mehr aber auch nicht. Der tantrische Sexakt ist grundsätzlich, diametral entgegenge- setzt und anders. Er dient nicht zur Entladung, er dient nicht dazu, Energie auszustoßen. Er ist dazu gedacht, ohne Ejakulation in dem Akt zu verweilen – ohne Energie auszustoßen; in dem Akt ver- schmolzen zu bleiben – aber nur zu Beginn des Aktes, nicht zu seinem Ende. Dies verändert die Qualität. Die gesamte Qualität ist dann anders. Versucht, zweierlei zu verstehen. Es gibt zwei Arten von Höhepunkten, zwei Arten von Orgasmus. Die eine Art Orgasmus ist euch bekannt: Ihr erreicht einen Gipfel der Erregung, dann könnt ihr nicht weitergehen; das Ende ist gekom- men. Die Erregung erreicht einen Punkt, wo sie unwillkürlich wird. Die Energie springt in euch hinein und geht nach draußen. Ihr werdet von ihr erlöst, entlastet. Die Last wird abgeworfen; ihr könnt entspannen und schlafen. Ihr benutzt Sex wie ein Schlafmittel. Er ist ein natürliches Schlafmittel: Ein guter Schlaf folgt nach, es sei denn, dein Geist ist von Religion belastet. Dann wird selbst das Schlafmittel wir- kungslos gemacht. Nur wenn dein Geist nicht von Religion bela- stet ist, kann der Sex etwas Beruhigendes sein. Wenn du Schuld- gefühle hast, wird sogar dein Schlaf unruhig sein. Du wirst unter Depression leiden, du wirst anfangen, dich selbst zu verdammen, und du wirst heilige Eide zu schwören beginnen, daß du dich nie wieder hinreißen lassen wirst. Dann wird dein Schlaf hinterher zu einem Alptraum werden. Nur wenn du ein Naturkind bist, nicht allzu beschwert durch Religion und Moral, kann der Sex als Beruhigungsmittel benutzt werden.

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Dies ist die eine Art von Orgasmus – wenn du zum Höhepunkt der Erregung kommst. Tantra konzentriert sich auf eine andere Art von Orgasmus. Wenn wir den ersteren als „Gipfel-Orgasmus" bezeichnen können, kann man den tantrischen Orgasmus einen „Tal-Orgasmus" nennen. In ihm kommst du nicht zum Gipfel der Erregung, sondern zum denkbar tiefsten Tal der Entspannung. Erregung muß für beide Arten am Anfang eingesetzt werden. Darum sage ich, daß sie am Anfang beide gleich sind; nur der Schluß ist bei beiden vollkommen verschieden. Erregung ist für beide vonnöten. Entweder gehst du dann zum Gipfel der Erregung weiter, oder zum Tal der Entspannung. Für ersteres muß die Erregung intensiv sein, immer intensiver wer- den. Du mußt mit ihm mitgehen, mußt nachhelfen, daß es zum Gipfel kommen kann. Für den letzteren ist die Erregung nur ein Ausgangspunkt. Und sobald der Mann eingedrungen ist, können sich beide Liebenden entspannen. Keine Bewegung ist nötig. Sie können sich in einer liebenden Umarmung entspannen. Nur wenn der Mann das Gefühl hat oder auch die Frau das Gefühl hat, daß die Erektion jetzt nachläßt, ist wieder ein wenig Bewegung und Erregung erforderlich. Aber danach entspannt ihr euch wie- der. Ihr könnt diese tiefe Vereinigung stundenlang ohne Samenerguß hinziehen und dann beide zugleich in einen tiefen Schlaf versinken. Dies – dies – ist ein Tal-Orgasmus. Beide Partner sind entspannt, und sie kommen als zwei entspannte Wesen zusammen. Beim üblichen sexuellen Orgasmus kommt ihr als zwei erregte Wesen zusammen – verspannt, voller Erregung, darauf aus, euch zu entladen. Dem üblichen sexuellen Orgasmus haftet etwas Wahnsinniges an; der tantrische Orgasmus ist eine tiefe, entspan- nende Meditation. Dann stellt sich die Frage, wie oft man sich dar- auf einlassen solle, überhaupt nicht. Du kannst dich so oft du willst darauf einlassen, denn es geht keine Energie verloren. Es wird im Gegenteil Energie gewonnen. Ihr mögt euch dessen nicht bewußt sein, aber es ist eine biolo- gische, eine bio-energetische Tatsache, daß Mann und Frau polar entgegengesetzte Kräfte sind. Als Negativ-Positiv, Yin-Yang, oder wie auch immer ihr sie bezeichnen wollt, fordern sie einander

Kapitel 2

heraus. Und wenn sie einander in einer tiefen Entspannung begegnen, beleben sie einander wieder. Sie schenken einander wieder Leben, werden beide füreinander zu Generatoren, fühlen sich beide lebendiger, erstrahlen beide von neuer Energie, und nichts geht verloren. Einfach durch die Vereinigung mit dem Gegenpol wird die Energie erneuert. Den tantrischen Liebesakt kannst du machen, so oft du willst. Den gewöhnlichen Liebesakt kannst du nicht so oft machen, wie du willst, weil du dabei Energie verlierst, und dein Körper warten müssen wird, um sie wiederzugewinnen. Und hast du sie wieder, wirst du sie nur wieder verlieren. Das wirkt absurd. Das ganze Leben wird damit verbracht, daß man sie gewinnt und verliert, wiedergewinnt und wiederverliert. Es ist eine Art Besessenheit. Als zweites muß man sich merken: Ihr habt vielleicht schon beobachtet, oder auch nicht, daß Tiere, wenn man sie kopulieren sieht, ihren Sex nie zu genießen scheinen. Beim Geschlechts- verkehr empfinden sie keine Lust. Schaut euch Schimpansen oder andere Affen an, Hunde oder egal welche Tiere: Bei ihrem Geschlechtsverkehr seht ihr keinerlei Anzeichen, daß sie sich etwa selig fühlen oder genießen. Nie und nimmer! Es scheint ein rein mechanischer Akt zu sein, wie angetrieben durch eine natürliche Kraft. Wenn ihr schon einmal Affen beim Verkehr gesehen habt, werden sie sich nach dem Verkehr trennen; seht euch ihre Ge- sichter an: Keine Spur von Ekstase, so als wäre gar nichts gesche- hen. Wenn die Energie sie überwältigt, wenn ihnen die Energie zuviel wird, stoßen sie sie ab. Der gewöhnliche Sexakt ist ganz genauso, auch wenn die Moralisten genau das Gegenteil behaupten. Sie sagen: „Schwelgt nicht im Sex, genießt ihn nicht!" Sie sagen: „Das tun nur Tiere!" Das stimmt nicht. Tiere genießen ihn nie! Nur der Mensch kann Sex genießen. Und je tiefer ihr ihn genießen könnt, desto höher entwickelt ist das Menschengeschlecht, das dabei gezeugt wird. Und wenn euer Sexakt meditativ, ekstatisch werden kann, rührt ihr ans Höchste überhaupt. Aber vergeßt Tantra nicht: Es ist ein Tal- Orgasmus; es ist keine Gipfel-Erfahrung. Es ist eine Tal-Erfahrung! Im Westen hat Adam Maslow diesen Ausdruck „Gipfel-Erfah- rung" sehr berühmt gemacht. Man überläßt sich der Erregung

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bis zum Höhepunkt, und danach stürzt man ab. Darum spürt ihr nach jedem Sexakt einen Absturz. Und das ist nur natürlich — du fällst von einem Gipfel. Dieses Gefühl werdet ihr nach einer tan- trischen Sexerfahrung niemals haben. Da stürzt ihr nicht ab. Ihr könnt gar nicht weiter fallen, denn ihr wart bereits am Talgrund. Im Gegenteil: Da steigt ihr auf. Wenn ihr aus einem tantrischen Sexakt zurückkommt, seid ihr aufgestiegen, nicht gefallen. Ihr fühlt euch von Energie erfüllt, vitaler, lebendiger, strahlend. Und diese Ekstase wird Stunden andauern, ja sogar Tage. Es kommt darauf an, wie tief ihr in ihn hineingegangen wart. Wenn du dich auf ihn einläßt, wirst du früher oder später erkennen, daß Ejakulation Energieverschwen- dung ist. Nicht nötig — es sei denn, ihr wollt Kinder. Und nach einer tantrischen Sexerfahrung werdet ihr euch den ganzen Tag lang tief entspannt fühlen. Eine einzige tantrische Sexerfahrung, und du wirst dich über Tage hin entspannt fühlen — unverkrampft, zu Hause, unaggressiv, ohne Wut, ohne Depressionen. Und so ein Mensch stellt nie eine Bedrohung für andere dar. Wenn er kann, wird er anderen helfen, glücklich zu sein. Wenn er es nicht kann, wird er zumindest niemanden unglücklich machen. Nur Tantra kann einen neuen Menschen erschaffen, und die- ser Mensch, der weiß, was Zeitlosigkeit, Egolosigkeit und eine tiefe Einheit mit der Existenz ist, wird immer weiterwachsen. Es hat sich ihm eine neue Dimension aufgetan. Es ist nicht lange hin, der Tag ist nicht sehr weit, da der Sex einfach verschwinden wird. Wenn der Sex unbemerkt verschwindet, wenn du eines Tages plötzlich feststellst, daß der Sex vollkommen verschwunden ist und keine Lust mehr da ist, dann ist das brahmacharya geboren. Aber dahin ist es ein steiniger Weg. Es erscheint zumindest wie ein steiniger Weg — wegen all der vielen falschen Lehren. Und ihr habt Angst davor wegen der Konditionierung eures Denkens. Vor zwei Dingen haben wir besonders große Angst: Sex und Tod. Und beides ist grundlegend. Ein wirklich religiöser Sucher wird sich auf beide einlassen. Er wird den Sex erforschen, um zu wissen, was er ist; denn wer den Sex kennt, der kennt das Leben. Und er will auch gern wissen, was der Tod ist, denn solange du den Tod noch nicht erkannt hast, kannst du nicht erkennen, was

Kapitel 2

ewiges Leben ist. Wenn du in den Sex eindringen kannst bis zu seiner innersten Mitte, wirst du wissen, was Leben ist; und wenn du freiwillig in den Tod eindringen kannst bis zu seiner innersten Mitte, dann wirst du im selben Moment, da du den Mittelpunkt des Todes berührst, ewig werden. Dann bist du unsterblich, weil der Tod etwas ist, das dir nur an deiner Außenhaut widerfährt. Der Sex und der Tod sind für den authentischen Sucher ent- scheidend. Aber für die gewöhnlichen Menschen sind beide Tabu. Niemand erwähnt sie! Dabei sind beide entscheidend — und zutiefst miteinander verwandt. Sie sind so rief verwandt, daß du, wenn du in den Sex eintrittst, einen gewissen Tod durchmachst — denn da stirbst du. jetzt verschwindet dein Ego, verschwindet die Zeit, verschwindet deine Individualität. Jetzt stirbst du! Der Sex ist auch ein unmerklicher Tod. Und wenn du erfahren kannst, daß der Sex ein unmerklicher Tod ist, kann der Tod zu einem großar- tigen sexuellen Orgasmus werden. Ein Sokrates, der in den Tod geht, hat keine Angst. Er ist im Gegenteil höchst enthusiastisch, gespannt, kann es kaum abwar- ten, was wohl der Tod ist. In seinem Herzen ist ein großes WH- kommenheißen. Warum? Weil du dann, wenn du den kleinen Tod des Sex kennengelernt hast und auch die Seligkeit, die auf ihn folgt, gern auch den größeren Tod kennenlernen möchtest, die größere Seligkeit, die sich dahinter verbirgt. Aber für uns sind alle beide Tabu. Für Tantra stellen diese beiden die Grunddimen- sionen für die Suche dar. Es führt kein Weg an ihnen vorbei.

Jemand hat gefragt:

Wenn man Kundalini erlebt — das Aufsteigen der Energie durch das Rückgrat — werden dann nicht, wenn man Orgasmen hat, die medi- tativen Energien entleert?

All diesen Fragen fehlt im Grunde jedes Verständnis dafür, was der tantrische Sexakt ist. In der Regel ist es so, wie du sagst. Wenn deine Energie, deine Kundalini aufsteigt, hochschießt und zum Kopf geht, kannst du keinen gewöhnlichen Orgasmus haben. Und wenn du dennoch versuchst, einen zu bekommen, gerätst

Das Mysterium der Liebe

du innerlich in einen tiefen Konflikt, weil du dann die Energie, die aufsteigen will, nach unten treibst. Aber der tantrische Orgasmus macht keine Probleme. Er wird dir helfen. Aufstei- gende Energie und tantrischer Orgasmus schließen einander nicht aus. Du kannst dich entspannen, und diese Entspannung mit dei- nem Partner wird der Energie nur noch mehr zum Aufsteigen verhelfen. Für den normalen Sexakt wäre das ein Problem. Das ist der Grund, warum alle nicht-tantrischen Meditationstechniken gegen den Sex sind. Denn sie wissen nichts von der Möglichkeit eines Tal-Orgasmus. Sie kennen nur die eine Art – den gewöhn- lichen Orgasmus. Und dann ist es für sie ein Problem. Für Yoga ist es ein Problem, weil Yoga den Versuch darstellt, deine Sexenergie nach oben zu treiben. Wenn deine Sexenergie aufsteigt, wird das Kundalini genannt. Im Sexakt fließt sie nach unten. Im Yoga wird daher sexuelle Enthaltsamkeit verlangt, denn würdest du beides tun – Yoga und dich auf Sex einlassen – brächtest du Chaos in dein ganzes System. Auf der einen Seite versuchst du, Energie nach oben zu ziehen, und auf der anderen Seite stößt du Energie aus – nach unten. Damit stiftest du Chaos. Darum sind Yoga-Techniken gegen Sex; aber Tantra ist nicht gegen Sex, weil Tantra von einer ganz anderen Art von Orgasmus spricht, nämlich dem Tal-Orgasmus – der helfen kann. Und dabei

entsteht kein Konflikt, kein Chaos, er wird im Gegenteil hilfreich

Wenn du ein Mann bist und vor der

Frau davonläufst, oder wenn du eine Frau bist und vor dem Mann davonläufst, dann kannst du tun, was du willst, aber der andere wird dir geistig immer gegenwärtig bleiben und dich ständig her- unterziehen. Das ist paradox, aber so ist es. Während du dich in einer tiefen Vereinigung mit dem geliebten Menschen befindest, kannst du den anderen vergessen. Nur dann kannst du den anderen vergessen. Als Mann vergißt du, daß es die Frau gibt; als Frau vergißt du, daß es den Mann gibt. Nur in einer tiefen Vereinigung hört der andere auf zu sein, und wenn der andere nicht mehr da ist, kann deine Energie mit Leichtigkeit fließen. Ansonsten zieht der andere sie immer hinunter. Also wollen Yoga und andere gewöhnliche Techniken euch

sein. Wenn du davonläufst

Kapitel 2

immer vom anderen abbringen – vorn anderen Geschlecht: Ihr sollt fliehen! Ihr sollt auf der Hut sein und ständig kämpfen und euch beherrschen. Aber wenn ihr gegen das andere Geschlecht seid, wird genau diese Gegnerschaft zum ständigen Krampf und zieht euch immerfort runter. Tantra zufolge ist kein Krampf nötig: Geht entspannt mit dem anderen Geschlecht um. In diesem entspannten Moment ver- schwindet der andere, dann kann deine Energie aufwärts fließen. Aber sie fließt nur dann aufwärts, wenn du in einem Tal bist. Bist du auf einem Gipfel, fließt sie abwärts.

Eine letzte Frage:

Gestern abend sagtest du, daß sich der ganze Akt langsam und ohne Eile abspielen solle Aber du sagtest auch, man solle keinerlei Kontrolle auf den sexuellen Akt ausüben und rückhaltlos werden. Das verwirrt mich. Bitte erkläre diese beiden Dinge.

Es ist keine Kontrolle. Kontrolle ist das eine, und Entspannung ist etwas vollkommen anderes. Beim Sex entspannst du dich in ihn hinein, kontrollierst du ihn nicht. Wenn du ihn kontrollierst, wird keine Entspannung eintreten. Wenn du ihn kontrollierst, wirst du es früher oder später eilig haben fertigzuwerden. Denn Kontrolle stellt eine Anstrengung dar. Und jede Anstrengung führt zu Verspannung, und Verspannung führt zur Notwendigkeit, zum Bedürfnis loszulassen. Es ist keine Kontrolle. Du wehrst da nichts ab. Du hast es einfach nur nicht eilig, denn der Sex findet nicht dazu statt, um irgendwo hinzukommen. Du bist nicht nach irgendwohin unterwegs. Es ist nur ein Spiel, es gibt kein Ziel. Nichts muß erreicht werden, also wozu es eilig haben? Aber ein Mann steht immer, in jedem Akt, völlig unter Druck. Wenn du es in allem eilig hast, dann wirst du es auch im Sexakt eilig haben – einfach weil du es bist. Einer, der immer an die Zeit denken muß, wird es auch im Sexakt eilig haben – als würde er damit Zeit vertun. Also verlangen wir Sofort-Kaffee und Sofort- Sex. Beim Kaffee ist das gut, aber beim Sex ist das einfach Unsinn. Einen Sofort-Sex kann es nicht geben. Sex ist nicht Arbeit und er

Das Mysterium der Liebe

ist nicht etwas, das man vorantreiben kann. Durch Eile wirst du ihn zerstören, wirst du am wesentlichsten Punkt vorbeigehen. Genieße ihn, denn durch ihn ist eine gewisse Zeitlosigkeit zu erfahren. Wenn du es eilig hast, dann kann es nicht zu diesem Gefühl der Zeitlosigkeit kommen. Tantra sagt, geh ohne Hast vor, es langsam genießend – so als machtest du einen Morgenspaziergang, nicht als gingest du ins Büro; das ist etwas anderes. Wenn du ins Büro gehst, hast du es eilig, irgendwo anzukommen; aber wenn du morgens einen Spaziergang machst, hast du keine Eile, denn es geht nirgendwo- hin. Du gehst einfach nur. Da ist keine Eile, da gibt es kein Ziel, du kannst jederzeit umkehren. Diese Uneiligkeit ist unerläßlich, damit das Tal entstehen kann. Andernfalls kommt es zum Gipfel. Das bedeutet nun nicht, damit ist keinesfalls gesagt, daß du kontrollieren mußt. Du sollst deine Erregung nicht kontrollieren, denn das wäre widersprüchlich. Du kannst Erregung nicht kontrollieren. Wenn du sie kontrollierst, erzeugst du damit eine doppelte Erregung. Entspanne dich ein- fach! Nimm es als Spiel; setze dir kein Ziel. Der Anfang reicht vollauf. Während des Aktes schließe die Augen. Fühle den Körper des anderen, fühle, wie die Energie des anderen dir entgegenströmt und tauche in ihr unter. Verschmilz mit ihr. Es wird kommen. Die alte Gewohnheit mag sich noch ein paar Tage lang halten, dann wird sie verschwinden. Aber zwinge sie nicht zu verschwinden! Entspanne dich immer nur weiter, immer weiter und weiter, und wenn es zu keiner Ejakulation kommt, dann hab nicht das Gefühl, etwas wäre schiefgegangen. Ein Mann meint immer, etwas sei schiefgelaufen, wenn es nicht zur Ejakulation kommt. Er neigt dann zu dem Gefühl, daß etwas schief gegangen sei. Nichts ist schiefgegangen! Und hab nicht das Gefühl, etwas versäumt zu haben – du hast nichts versäumt. Anfangs magst du noch das Gefühl haben, als würdest du etwas versäumen, weil die Erregung und der Höhepunkt ausbleiben werden. Ehe das Tal kommt, wirst du das Gefühl haben, etwas zu versäumen. Aber das ist nur alte Gewohnheit. Nach einer Weile, binnen eines Monats oder drei Wochen, wird sich das Tal langsam zeigen, und wenn das Tal

Kapitel 2

erscheint, wirst du deine Gipfel vergessen. Kein Höhepunkt ist hiermit zu vergleichen! Aber du mußt abwarten. Und erzwinge es nicht und kontrolliere es nicht. Entspanne dich einfach. Entspannung ist ein Problem. Denn wenn wir sagen: „Entspann dich!", wird das vom Kopf so übersetzt, als müßtest du eine Anstrengung machen. Unsere Sprache erzeugt diesen Eindruck.

das Buch trägt den Titel: „Du mußt

dich entspannen!" Du mußt?! Das bloße „mußt" wird von vorn- herein verhindern, daß du dich entspannen kannst, denn nun wird es zu einem Ziel: „Du mußt!", und wenn es dir nicht gelingt, wirst du frustriert sein. Das bloße „mußt" suggeriert dir ein Gefühl har- ter Anstrengung, eines steinigen Weges. Du kannst dich nicht ent- spannen, wenn du es mit einem „mußt" angehst. Die Sprache ist ein Problem. Es gibt gewisse Dinge, die die Sprache immer nur falsch ausdrückt. Zum Beispiel ,Entspannung`:

Wenn ich dich zu entspannen auffordere, wird daraus wieder eine Anstrengung, und du wirst mich fragen: ,Wie soll ich entspan- nen?" Mit dem „Wie" verfehlst du den Punkt. Da gibt es kein „Wie". Denn damit bittest du um eine Technik, und eine Technik führt zu Anstrengung, und Anstrengung führt zu Verspannung. Wenn du mich also fragst, wie du dich entspannen sollst, werde ich sagen: ,',Tu gar nichts, entspanne dich einfach. Lege dich ein- fach hin und warte. Tu überhaupt nichts! Alles, was du tun könn- test, wäre Barriere; es würde zum Hindernis." Wenn du anfängst, von eins bis hundert zu zählen, und dann zurück von hundert bis eins, wirst du die ganze Nacht lang wach- bleiben. Und wenn du manchmal aufgrund des Zählens einge- schlafen bist, liegt das nicht am Zählen, sondern daran, daß du gezählt und gezählt hast und es dich am Ende gelangweilt hat –

an dieser Langeweile. Es lag nicht am Zählen, nur an der Lange- weile. Und darüber hast du das Zählen vergessen, und dann kam der Schlaf. Aber der Schlaf kommt, die Entspannung kommt nur dann, wenn du nichts tust. Das ist das Problem. Wenn ich von „Sexakt" spreche, klingt das so, als müßtest du dich anstrengen. Keinesfalls! Fang einfach an, mit deinem oder

deiner Geliebten zu spielen, spiele immer weiter

der, seid feinfühlig füreinander, einfach so, wie kleine Kinder

Ich las kürzlich ein Buch

spürt einan-

Das Mysterium der Liebe

spielen oder wie spielende Hunde – wie spielende Tiere. Spielt einfach immerfort weiter und denkt überhaupt nicht an den Sexakt. Vielleicht passiert er, vielleicht auch nicht. Wenn es dadurch passiert, daß ihr einfach spielt, wird er euch

umso einfacher in das Tal führen. Wenn ihr darüber nachdenkt, dann seid ihr euch bereits selber vorausgeeilt. Du spielst zwar mit deinem Partner, denkst aber schon an den Sexakt. Dann ist das Spielen unecht. Du bist nicht hier, und deine Gedanken sind in der Zukunft, und diese Einstellung wird immer in die Zukunft wandern. Wenn du im Sexakt bist, richten sich die Gedanken darauf, wie du ihn zu Ende bringen sollst. Sie sind dir immer voraus. Laß das nicht zu! Spiele einfach und vergiß jeglichen Sexakt. Es wird pas- sieren. Dann laß es zu. Dann wird es dir leicht sein, dich zu ent- spannen, und wenn er passiert, entspanne dich einfach. Seid bei- einander. Seid für einander da und fühlt euch glücklich.

Negativ kann man etwas tun

Zum Beispiel atmet man

schneller, wenn man sich erregt, weil Erregung ein schnelles Atmen erfordert. Zur Entspannung ist es gut, förderlich, wenn du tief durchatmest – nicht schnell, sondern langsam und ganz leicht atmest, ohne Zwang. Dann läßt sich der Sexakt verlängern. Redet nicht; sagt nichts, denn das würde nur stören. Laßt den Verstand ruhen, nicht die Körper. Nutzt den Verstand nur dazu, nachzuspüren, was jeweils passiert. Denkt nicht nach, fühlt nur, was passiert – die Wärme, die da strömt, die Liebe, die da strömt, die Energie, der ihr begegnet. Spürt sie einfach. Sei bewußt. Aber auch das darf nicht zu einer Anstrengung gemacht werden. Treibe mühelos dahin. Nur dann wird sich das Tal zeigen; und hat sich das Tal erst einmal gezeigt, hast du dich transzendiert. Sobald du das Tal spürst und den entspannten Orgasmus er- kennst, ist es bereits ein Transzendieren. Dann ist kein Sex da. Es ist eine Meditation daraus geworden – ein samadhi

Sich nach innen wenden — zum Wirklichen hin [Sutras]

53. Oh Lotusäugige, süß zu berühren: Sei dir bewußt, ob du singst,

schaust oder schmeckst, daß du da bist, und entdecke das Ewiglebende.

54. Wo immer Befriedigung zu finden ist, gleichgültig in welchem Akt,

mache sie dir bewußt.

55. An der Schwelle zum Schlaf, wenn der Schlaf noch nicht da ist, die

Tageswachheit aber schon schwindet — an dieser Schwelle wird das

Sein offenbart

56. Illusionen täuschen, Farben umschreiben, selbst die teilbaren Dinge

sind unteilbar.

Das Mysterium der Liebe

Die Zivilisation ist ein Training, um unwirklich zu werden. Tantra ist die Umkehrung dieses Vorgangs: Wie hütet man sich davor, unecht zu werden – oder, falls man bereits unecht gewor- den ist: Wie rührt man an die Wirklichkeit heran, die in einem verborgen ist, wie nimmt man wieder Kontakt mit ihr auf, wie wird man wieder wirklich? Das erste also, was es zu verstehen gilt, ist: nachzuvollziehen, wie wir immerzu unwirklich werden. Und ist dieser Vorgang erst einmal verstanden worden, verändert sich vieles auf Anhieb. Das Verstehen selbst gerät zur Verwandlung. Der Mensch wird ungeteilt geboren. Er ist weder ein Körper noch ein Geist. Er kommt ungeteilt zur Welt, als ein Individuum, ein Unteilbares. Er ist sowohl Körper wie Geist. Schon zu sagen, er sei beides, stimmt nicht. Er ist Körpergeist. Körper und Geist sind zwei Seiten seines Daseins, nicht zwei Abteilungen; zwei Pole von etwas, das wir Leben nennen mögen oder Energie oder was immer – X,Y,Z –, aber Körper und Geist sind nicht zweierlei. Der ganze Vorgang der Zivilisierung, Erziehung, Kultur, sozia- len Prägung beginnt mit der Teilung. Jedem wird beigebracht, daß er zweierlei sei, nicht eins; und dann identifiziert man sich lang- sam mit dem Geist, nicht mit dem Körper. Der Denkprozeß an sich wird zu deinem Mittelpunkt, dabei ist der Denkprozeß nur eine Randerscheinung. Er ist nicht der Mittelpunkt, denn du kannst ohne Denken existieren. Es gab eine Zeit, da hast du exi- stiert ohne zu denken – das Denken ist keine Voraussetzung für das Existieren. Wenn du tief in Meditation eintauchst, wirst du da sein, aber es wird kein Denken da sein. Wenn du bewußtlos wirst, wirst du da sein, aber es wird kein Denken da sein. Wenn du in einen tiefen Schlaf verfällst, wirst du da sein, aber es wird kein Denken da sein. Das Denken spielt sich nur am Rande ab; dein Dasein sitzt irgendwo anders – tiefer als das Denken. Aber man hat dir ständig eingeredet, daß du zweierlei seist, Körper und Geist, und daß du in Wirklichkeit der Geist seist und den Körper besäßest. Der Geist wird der Hausherr, und der Körper wird Sklave, und du mußt dich ständig gegenüber dem Körper behaup- ten. Das erzeugt eine Spaltung, eine Kluft, und diese Kluft ist das Problem. Jegliche Neurose wird aus dieser Kluft geboren, jegliche Lebensangst wird aus dieser Kluft geboren.

Kapitel 3

Dein Dasein ist in deinem Körper verwurzelt, und dein Körper ist für die Existenz nicht etwas nur Äußerliches. Er ist Teil von ihr. Dein Körper ist das ganze Universum. Er ist nicht etwas Begrenztes, Endliches. Du hast vielleicht noch nie darauf geach- tet– aber achte einmal darauf, wo dein Körper wirklich endet. Wo?! Glaubst du vielleicht, daß dein Körper dort endet, wo deine Haut aufhört? Wenn die so weit entfernte Sonne plötzlich abstirbt, wirst du im selben Moment hier sterben. Wenn die Sonnenstrahlen zu kommen aufhören, wirst du nicht mehr hier sein. Dein Körper kann nicht existieren, ohne daß die Sonne da ist – so weit weg! Die Sonne und du – ihr seid irgendwie tief verwandt. Die Sonne muß in deinen „Körper" einbezogen werden, sonst könntest du nicht existieren. Du gehörst ihren Strahlen an. Am Morgen sieht man, wie die Blumen sich öffnen. Ihr Öff- nen ist in Wirklichkeit das Aufgehen der Sonne. Am Abend ver- schließen sie sich: Ihr Verschließen ist das Untergehen der Sonne. Das sind lediglich Strahlen, die sich ausbreiten. Du existierst hier nur deshalb, weil dort, so weit weg, die Sonne existiert. Deine Haut ist in Wirklichkeit nicht deine Haut. Deine Haut dehnt sich immer weiter aus – selbst die Sonne wird einbezogen. Du atmest immerfort: Du kannst atmen, weil die Luft da ist, die Atmosphäre da ist. In jedem Moment atmest du ein und aus, die Atmosphäre ein und aus. Wenn einen einzigen Moment lang keine Luft da wäre, wärest du tot. Dein Atem ist dein Leben. Wenn dein Atem dein Leben ist, dann ist die ganze Atmosphäre Teil von dir. Du kannst ohne sie nicht existieren. Wo also hört dein Körper wirklich auf? Wo ist die Grenze? Es gibt keine Grenze! Wenn du darauf achtest, wenn du tiefgehst, wirst du finden, daß es keine Grenze gibt. Oder daß die Grenze des Universums deine Körpergrenze ist. Das gesamte Universum wirkt auf dich ein, also ist dein Körper nicht einfach nur „dein Körper". Er ist dein Universum, und du grün- dest in ihm. Auch dein Geist kann nicht ohne den Körper existie- ren. Er ist ein Teil von ihm, ein Vorgang von ihm. Teilung ist zerstörerisch, und wo die Teilung greift, mußt du dich zwangsläufig mit dem Geist identifizieren. Du denkst, und

Das Mysterium der Liebe

ohne Denken ist keine Teilung da. Du denkst, und dann identifi- zierst du dich mit deinem Denken. Dann hast du das Gefühl, als würdest du den Körper besitzen. Das ist eine völlige Umkehrung der Wahrheit. Weder besitzt du den Körper, noch besitzt der Körper dich. Sie sind nicht zweierlei. Deine Existenz ist eins, eine tiefe Eintracht zwischen zwei entgegengesetzten Polen. Aber ent- gegengesetzte Pole sind nicht getrennt, sie hängen zusammen. Nur so können sie zu entgegengesetzten Polen werden. Und der Gegensatz ist gut. Er verleiht Herausforderung, er verleiht Ausdauer, er erzeugt Energie. Er ist dialektisch. Wenn ihr wirklich eins wäret, ohne entgegengesetzte Pole im Inneren, dann wäret ihr langweilig und tot. Diese beiden Gegen- pole, Körper und Geist, verleihen euch Leben. Sie sind zwar Gegensätze, aber zugleich auch komplementär — und im Grunde und letztendlich eins. Ein- und derselbe Energiestrom durchfließt beide. Aber wenn wir uns erst einmal mit dem Denkvorgang identifiziert haben, glauben wir, im Kopf zentriert zu sein. Wenn dir die Beine abgeschnitten würden, würdest du nicht das Gefühl haben, daß du abgeschnitten worden bist. Du würdest sagen:

„Meine Beine sind abgeschnitten." Würde dir aber der Kopf abge- schnitten, wärst du abgeschnitten, wärst du ermordet worden. Wenn du die Augen schließt, um nachzuspüren, wo du bist, wirst du augenblicklich das Gefühl haben, in deinem Kopf zu sein. Dort bist du aber nicht — denn in jenem allerersten Augenblick, als du ins Leben eintratst, im Schoß deiner Mutter, als die weibliche Zelle mit der männlichen Zelle verschmolz, war noch kein Kopf da; aber das Leben hatte begonnen. Du warst da, aber ein Kopf war nicht da. Bei dieser ersten Begegnung zweier lebendiger Zellen wurdest du erschaffen. Dein Kopf kam später, aber dein Sein war schon da. Wo ist dieses Sein? Es ist nicht in deinem Kopf. Es ist nirgendwo; du kannst nicht den Finger auf- legen. Und sobald du den Finger drauflegst, liegst du völlig dane- ben. Es ist überall; dein Leben ist überall! Es erstreckt sich auf deine Ganzheit. Und nicht nur deine Ganzheit: Wenn du der Sache nachgehst, wirst du bis in die hintersten Winkel des

Universums gehen müssen

Es ist überall!

Durch die Identifikation „Ich bin das, was ich denke" wird alles

Kapitel 3

verkehrt, wirst du unwirklich, weil diese Identifizierung nicht stimmt. Sie muß zertrümmert werden. Tantra-Techniken sind dazu da, diese Identifizierung zu zertrümmern. Tantra geht es nur darum, daß du kopflos wirst, unzentriert, überall und nirgends. Und warum wird die Menschheit, werden die Menschen mit dem Denkprozeß unecht und unwirklich? Weil der Geist ein Epi- Phänomen ist – ein Vorgang, der zwar notwendig und nützlich ist, aber sekundär; ein Vorgang, der aus Wörtern besteht, nicht aus Realitäten. Das Wort „Liebe" ist nicht Liebe, das Wort „Gott" ist nicht Gott. Aber der Verstand besteht aus Wörtern, aus einem Strom von Wörtern, und dann wird die Liebe selbst weniger wichtig als das Wort „Liebe". Für den Verstand ist das Wort wich- tiger. Gott wird weniger wichtig als das Wort „Gott". Für den Verstand ist das so. Wörter werden bedeutsamer, wichtiger. Sie werden vorrangig, und wir fangen an, nur noch in Wörtern zu leben. Und je mehr du in Wörtern lebst, desto mehr flachst du ab, und du wirst an der Realität vorbeigehen, die nicht aus Wörtern besteht: Realität ist die Existenz. Im Denken zu leben ist so, als würde man in einem Spiegel leben. Abends, wenn du zum See gehst, und der See still ist und keine Welle ihn kräuselt, wird der See zum Spiegel. Du kannst den Mond im See betrachten, aber dieser Mond ist unwirklich – nur ein Spiegelbild. Der gespiegelte wird vom wirklichen verur- sacht, aber der gespiegelte ist nicht wirklich. Der Verstand ist lediglich ein spiegelndes Phänomen. Die Wirklichkeit spiegelt sich in ihm wider, aber Spiegelbilder sind nicht wirklich. Und wenn du dich in Spiegelbildern verfängst, wirst du die Wirk- lichkeit völlig verfehlen. Das ist der Grund, warum im Verstand, bei den Spiegelbildern des Verstandes, alles wabert. Eine winzige Welle, ein winziger Wind bringt deinen Verstand durcheinander. Die Wirklichkeit wird nicht verwirrt, aber der Verstand läßt sich durch alles mögliche verwirren. Der Verstand ist ein Spiegel- phänomen, und wir leben im Verstand. Tantra sagt: „Kommt herunter. Steigt von euren Thronen herab, kommt herunter aus euren Köpfen. Vergeßt die Spiegelungen und geht auf die Wirklichkeit zu." Allen Techniken, die wir hier diskutieren, ist es allein hierum zu tun: wie ihr Abstand gewinnen

Das Mysterium der Liebe

könnt vom Verstand, damit ihr in die Wirklichkeit hineinkom- men könnt. Jetzt werden wir die Techniken besprechen.

Die erste Technik:

Oh Lotusäugige, süß zu berühren: Sei dir bewußt, ob du singst, schaust oder schmeckst, daß du bist, und entdecke das Ewiglebende.

Wir leben zwar, aber wir sind uns nicht bewußt, daß wir da sind oder daß wir leben. Wir erinnern uns nicht an uns selbst. Du ißt oder du nimmst ein Bad oder du machst einen Spaziergang – du bist dir beim Gehen nicht bewußt, daß du da bist. Alles existiert, nur du selbst nicht. Die Bäume, die Häuser, der Verkehr – alles ist da. Du bist dir all der Dinge um dich her bewußt, aber du bist dir nicht deines Daseins bewußt – daß du bist. Du magst dir der ganzen Welt bewußt sein, aber wenn du dir nicht deiner selbst bewußt bist, ist diese Bewußtheit unecht. Warum? Weil dein Verstand alles widerspiegeln kann, nur nicht dich selbst. Wenn du dir deiner selbst bewußt bist, hast du den Verstand transzendiert, bist du über ihn hinaus. Dein Dich-an-dich-selbst-Erinnern kann in deinem Verstand nicht gespiegelt werden, weil du dich hinter dem Verstand befin- dest. Er kann nur Dinge spiegeln, die vor ihm sind. Du kannst andere sehen, aber dich selbst kannst du nicht sehen. Deine Augen können jeden sehen, aber deine Augen können nicht sich selber sehen. Wenn du dich selber sehen willst, wirst du einen Spiegel brauchen. Nur im Spiegel kannst du dich selber sehen, aber dazu mußt du dich vor den Spiegel stellen. Wenn dein Verstand ein Spiegel ist, kann er die ganze Welt widerspiegeln. Er kann aber nicht dich widerspiegeln, weil du dich nicht vor ihn stellen kannst. Du bist immer dahinter, hinter dem Spiegel verborgen. Diese Technik besagt, sei dir, während du was tust – ganz gleich was: singen, sehen, schmecken – der Tatsache bewußt, daß du bist, und entdecke das Immerlebendige. Und entdecke in deinem Inneren den Strom, die Energie, das Leben des Immerlebendigen. Aber wir sind uns nicht bewußt, daß wir sind. Gurdjieff benutzte für seine Arbeit im Westen das Sich-an-sich-

Kapitel 3

selbst-Erinnern als Grundtechnik. Sie geht auf dieses Sutra zurück. Das gesamte Gurdjieffsche System basiert auf diesem einen Sutra:

Erinnere dich an dich selbst, egal, was du tust. Es ist sehr schwer. Es klingt sehr einfach, aber ihr werdet euch immer wieder ver- gessen. Nicht einmal drei oder vier Sekunden lang könnt ihr euch an euch selbst erinnern. Du wirst das Gefühl haben, daß du dich erinnerst, und plötzlich wirst du zu irgendeinem anderen Gedanken abgewandert sein. Selbst mit diesem Gedanken: „Okay, dann will ich mich mal an mich erinnern!" hast du schon gefehlt, weil dieser Gedanke kein Selbsterinnern ist. Im Selbsterinnern wird kein Gedanke da sein, wirst du voll- kommen leer sein. Und Selbsterinnern ist kein mentaler Vorgang. Es besteht nicht darin, daß du sagst: Ja, ich bin." Wenn du das

sagst, hast du gefehlt. Das ist etwas Verstandesmäßiges, das ist ein mentaler Vorgang: „Ich bin." Fühle „Ich bin" – nicht die Wörter „Ich bin". Verbalisiere nicht! Fühle einfach nur, daß du bist. Denke nicht. Fühle! Versuche es. Es ist schwer, aber wenn du nicht nachläßt, passiert es. Erinnere dich, während du gehst, daß du bist, und habe das Gefühl deines Daseins – nicht als Gedanke, nicht als Idee. Fühle nur. Ich berühre deine Hand oder lege meine Hand auf deinen Kopf: Verbalisiere nicht. Spüre einfach die Berührung, und spüre in diesem Gefühl nicht nur die Berührung, sondern spüre zugleich den Berührten. Dann wird dein Bewußtsein wie ein Doppelpfeil werden.

die Bäume sind da, es

weht ein Lüftchen, die Sonne geht auf. Dies ist die Welt, die dich auf allen Seiten umgibt. Du bist dir ihrer bewußt. Bleib einen Moment lang stehen und erinnere dich plötzlich, daß du bist, aber ohne zu verbalisieren. Fühle einfach nur, daß du bist. Dieses nicht- verbale Gefühl wird dir, und sei es auch nur für einen Moment,

einen Lichtblick gewähren – einen Lichtblick, wie ihn dir kein LSD geben kann, einen Lichtblick, der dir das Wirkliche zeigt. Für einen einzigen Moment wirst du zum Mittelpunkt deines Seins zurückgeworfen: Du stehst hinter dem Spiegel, du hast die Welt der Spiegelungen transzendiert. Du bist existentiell. Und das kannst du jederzeit tun. Dazu brauchst du keinen besonderen Ort und keine besondere Zeit. Und du kannst nicht sagen: „Ich hab

Du gehst unter Bäumen spazieren

Das Mysterium der Liebe

keine Zeit." Du kannst es beim Essen tun, du kannst es beim Baden tun, du kannst es in Bewegung oder im Sitzen tun. Jederzeit, egal was du gerade tust, kannst du dich plötzlich an dich selber erinnern. Und danach versuche, diesen Lichtblick von dei- nem Sein zu halten. Leicht ist es nicht. Eben noch wirst du das Gefühl gehabt haben, daß es da war, und schon im nächsten Moment wird es sich ent- zogen haben. Irgendein Gedanke ist dazwischengekommen, irgendeine Spiegelung ist dir durch den Kopf gegangen und hat dich abgelenkt. Aber dann sei nicht traurig und sei nicht ent- täuscht. Das liegt daran, daß wir uns das ganze Leben lang von den Spiegelungen haben ablenken lassen; das hat eine Art Roboter-Mechanik bekommen. Augenblicklich, automatisch stür- zen wir uns auf die Spiegelung. Aber wenn du auch nur für einen einzigen Augenblick den Lichtblick erhaschst, genügt das für den Anfang. Und warum genügt es? Weil du nie zwei Augenblicke auf einmal bekommst. Du hast immer nur einen Augenblick zur Verfügung. Und wenn du den Lichtblick einen einzigen Augen- blick haben kannst, kannst du in ihm verharren. Du mußt dich nur bemühen – mußt dich ununterbrochen bemühen. Du bekommst immer nur einen einzelnen Augenblick; du kannst nicht zwei Augenblicke auf einmal haben, also mache dir keine Sorgen um zwei Augenblicke. Du wirst immer nur einen Augenblick bekommen. Und wenn du einen Augenblick lang bewußt sein kannst, kannst du dein ganzes Leben lang bewußt sein. Jetzt brauchst du dich nur noch zu bemühen, und das kann man den ganzen Tag lang tun. Wenn immer es dir einfällt, erin- nere dich an dich selbst. Oh Lotusäugige, süß zu berühren: Sei dir bewußt, ob du singst, schaust oder schmeckst, daß du da bist, und entdecke das Ewiglebende. Wenn es im Sutra heißt: Sei dir bewußt, daß du da bist – wie ist das gemeint? Sollst du dich etwa erinnern: „Mein Name ist Ram" oder Jesus" oder sonst etwas? Sollst du dich erinnern, daß du zu der oder der Familie gehörst, zu der oder der Religion und Tradition? oder zu dem oder dem Land, zu der oder der Kaste oder Glaubensgemeinschaft? Sollst du dich daran erinnern, daß du ein Kommunist oder ein Hindu oder ein Christ bist? Woran

Kapitel 3

sollst du dich erinnern? Im Sutra heißt es: „daß du da bist", also einfach nur, daß du bist. Kein Name ist erforderlich, kein Land ist erforderlich. Laß nur die einfache Existenz da sein: Du bist! Sag dir also nicht, wer du bist. Antworte nicht mit „Ich bin das und das." Laß nur die einfache Existenz da sein – daß du bist. Aber das wird schwierig, weil wir uns nie ans einfache Existie- ren erinnern. Wir erinnern uns immer nur an Dinge, die ein Etikett haben, nicht an die Existenz selbst. Wann immer du „an dich selbst" denkst, denkst du an deinen Namen, deine Religion, dein Land – alles mögliche, nur nie an die einfache Existenz dei- ner selbst. Du kannst dies üben: Während du in einem Sessel entspannst oder einfach nur unter einem Baum sitzt, vergiß alles und fühle diesen „Du bist"-Zustand. Kein Christ, kein Hindu, kein Buddhist, kein Inder, kein Engländer, kein Deutscher – einfach nur: „Du bist". Spüre dem nach, und dann wird es für dich leicht sein, dich an das zu erinnern, was in diesem Sutra steht: Sei dir bewußt, daß du bist, und entdecke das Ewiglebendige. Und im gleichen Augenblick, da dir bewußt wird, daß du bist, wirst du in den Strom des Ewiglebendigen hineingestoßen, wird das Unechte sterben und nur das Wirkliche übrigbleiben. Eben darum haben wir eine solche Angst vor dem Tod: weil dann das Unwirkliche sterben wird. Das Unwirkliche kann nicht ewig sein, aber wir hängen am Unwirklichen, haben uns mit dem Unwirklichen identifiziert. Du als Hindu wirst sterben müssen; du als Ram oder Krishna wirst sterben müssen; du als ein Kom- munist, als ein Atheist, als ein Theist wirst sterben müssen. Du als ein Name und eine Form wirst sterben müssen. Und wenn du an Name und Form hängst, wird sich deiner selbstverständlich Todesfurcht bemächtigen; aber das Wirkliche, das Existentielle, das Grundlegende in dir ist todlos. Sobald die Formen und Namen vergessen sind, sobald du nach innen schaust, auf das Namenlose und Formlose, bist du in das Ewige eingetreten. Sei dir bewußt, daß du bist, und entdecke das Ewiglebendige. Diese Technik ist eine der allerhilfreichsten, und sie ist jahrtausendelang von vielen Lehrern, Meistern benutzt worden. Buddha benutzte sie, Mahavir benutzte sie, Jesus benutzte sie, und in heutiger Zeit

Das Mysterium der Liebe

hat Gurdjieff sie benutzt. Unter all den vielen Techniken ist dies eine der wirksamsten. Versucht es. Es wird Zeit dauern – Monate werden vergehen. Als Ouspenski unter Gurdjieff lernte, mußte er sich drei Monate lang enorm abmühen, hart abmühen, um eine Ahnung davon zu erlangen, was Selbst-Erinnerung ist. Also wohnte Ouspenski drei Monate lang ununterbrochen in einem abgelegenen Haus und tat nichts anderes als dies: Selbst-Erinnerung. Dreißig Personen waren anfangs bei diesem Experiment dabei, aber am Ende der ersten Woche waren siebenundzwanzig davongelaufen, blieben nur drei übrig. Den ganzen Tag lang versuchten sie sich zu erinnern, ohne irgendetwas anderes zu tun. Sich einfach daran zu erinnern, daß „Ich bin". Siebenundzwanzig hatten das Gefühl, den Verstand zu verlieren. Sie spürten den Wahnsinn näherkommen, also liefen sie davon. Sie kehrten nie um, sie sind Gurdjieff nie wieder begegnet. Warum? So, wie wir sind, sind wir tatsächlich wahnsinnig. Dadurch, daß wir uns nicht erinnern, wer wir sind, was wir sind, sind wir wahnsinnig. Aber dieser Wahnsinn geht als „gesunder Menschenverstand" durch. Sobald du versuchst umzukehren, sobald du versuchst, mit dem Wirklichen in Berührung zu kom- men, wird es wie Verrücktheit erscheinen, wird es wie Wahnsinn aussehen. Verglichen mit dem, was wir sind, ist es genau das Umgekehrte, das Gegenteil. Wenn du das Gefühl hast, das eine sei geistige Gesundheit, wird dir das andere wie Wahnsinn vor- kommen. Aber drei hielten durch. Einer der drei war P.D. Ouspenski. Drei Monate lang hielten sie durch. Erst nach einem Monat begannen sie, flüchtige Ahnungen davon zu haben, einfach nur zu sein, von Ich bin. Nach dem zweiten Monat fiel sogar das Ich weg, und sie hatten erste Ahnungen vom Bin-Zustand – davon, einfach nur dazusein, auch ohne Ich; denn selbst Ich ist ein Etikett. Das reine Sein ist weder Ich noch Du. Es ist einfach. Und als der dritte Monat anbrach, löste sich selbst das Gefühl von bin auf, denn auch das ist noch ein Wort. Auch dieses Wort schwindet. Dann bist du, und dann weißt du, was du bist. Ehe dieser Punkt erreicht ist, kannst du nicht fragen: „Wer bin ich?" Oder du kannst dich zwar ununterbrochen fragen ,Wer bin ich?", einfach hart-

Kapitel 3

nackig weiterfragen ,Wer bin ich? Wer bin ich? Wer bin ich?", bis der Punkt erreicht ist, wo du die Frage nicht mehr hören kannst. Alle Antworten fallen flach, und schließlich fällt die Frage selbst flach und verflüchtigt sich. Und wenn sogar die Frage „Wer bin ich?" verschwindet, weißt du, wer du bist. Gurdjieff ging die Sache vom einen Ende her an: Versuch dich einfach daran zu erinnern, daß du bist. Ramana Maharshi ging es vom anderen Ende her an. Er machte eine Meditation daraus zu fragen, nachzuforschen: ,Wer bin ich?", dann aber nichts von dem, womit der Verstand als Antwort aufwarten kann, zu glauben. Der Verstand wird sagen: ,Was stellst du da für eine unsinnige Frage? Du bist dies, du bist das, du bist ein Mann, du bist eine Frau, du bist gebildet oder ungebildet, reich oder arm." Der Verstand wird Antworten liefern, du aber frag immer wei- ter. Nimm keine Antwort an, denn alle Antworten, die der Verstand zu liefern hat, sind falsch. Sie kommen aus deiner unwirklichen Seite. Sie kommen aus Wörtern, sie kommen aus heiligen Schriften, sie kommen aus deiner sozialen Prägung, sie kommen aus der Gesellschaft, du hast sie von anderen. Du frage weiter. Laß diesen Pfeil des ,Wer bin ich?" tiefer und tiefer drin- gen. Es wird der Moment kommen, da keine Antwort mehr kom- men wird. Das ist der entscheidende Moment. Jetzt bist du der Antwort nahe. Wenn keine Antwort mehr kommt, bist du der Antwort nahe, weil nun der Verstand endlich verstummt – oder du dich zu weit vom Verstand entfernt hast. Wenn es keine Antwort mehr gibt und sich rings um dich her ein Vakuum bildet, wird dein Fragen absurd wirken. Wen befragst du da eigentlich? Es ist nie- mand da, der dir antworten kann! Plötzlich steht sogar deine Fragerei still. Mit der Fragerei hat sich der letzte Rest des Ver- standes verflüchtigt, denn diese Frage gehörte immer noch dem Verstand an. All die Antworten gehörten dem Verstand an, aber auch diese Frage gehörte dem Verstand an. Beides hat sich ver- flüchtig-t, jetzt also bist du. Probiert es mal. Die Chancen stehen gut, daß diese Technik, wenn ihr nicht aufgebt, euch einen ersten Lichtblick auf das Wirkliche bescheren wird – und das Wirkliche ist ewiglebendig.

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Die zweite Technik:

Wo immer Befriedigung zu finden ist, gleichgültig in welchem Akt, mache sie dir bewußt.

Du hast Durst, also trinkst du Wasser. Eine subtile Befriedigung macht sich breit. Vergiß das Wasser, vergiß den Durst. Bleib bei der subtilen Befriedigung, die du empfindest. Laß dich von ihr ausfüllen; fühle dich einfach gesättigt. Aber der menschliche Verstand ist hinterlistig. Er nimmt nur Unzufriedenheiten, Frustration zur Kenntnis. Befriedigung nimmt er nie wahr. Zufriedenheit nimmt er nie wahr. Wenn du unbefriedigt bist, wirst du das merken und davon erfüllt sein. Wenn du Durst hast, nimmst du das wahr: Du bist von Durst erfüllt – du fühlst es in der Kehle. Wenn er zunimmt, fühlst du ihn im ganzen Körper, und es wird ein Augenblick kommen, da kann man nicht mehr sagen, daß du durstig bist, vielmehr bist du der Durst geworden. Wenn du in einer Wüste bist, ohne Hoff- nung, noch Wasser zu finden, wirst du nicht das Gefühl haben, daß du durstig bist – du wirst das Gefühl haben, daß du zu Durst geworden bist. Unzufriedenheiten merken wir, Leiden merken wir, Schmer- zen merken wir – wann immer ihr leidet, werdet ihr zu dem Leiden. Das ist der Grund, warum das ganze Leben zur Hölle wird. Ihr habt nie die positive Seite registriert, immer nur die negative. Das Leben ist nicht das Jammertal, das wir aus ihm gemacht haben. Unglück ist nur unsere Interpretation. Ein Buddha ist glücklich, hier und jetzt, mitten in diesem Leben. Ein Krishna tanzt und spielt Flöte. Genau in diesem Leben, hier und jetzt, wo wir im Elend sind, tanzt Krishna! Seligkeit und Unglück sind unsere Interpretationen, unsere Einstellungen, unsere Standpunkte, wie wir die Dinge sehen. Es ist euer Verstand – wie er es versteht. Denkt daran, und analysiert euer eigenes Leben. Habt ihr je die glücklichen Momente vermerkt, Momente der Zufriedenheit, der Befriedigung, der beseligenden Lichtblicke? Ihr habt sie nicht vermerkt; aber dafür habt ihr genau Buch geführt über eure Leiden, Schmerzen, euer Unglück, und das sammelt ihr

Kapitel 3

an. Ihr seid eine angehäufte Hölle, und zwar aus freien Stücken. Der Verstand greift das Negative auf, häuft es an – und wird darü- ber selbst negativ. Und dann ergibt sich daraus ein sich selber fort- zeugendes Unglück. Je mehr Negatives euer Verstand birgt, desto negativer werdet ihr, desto mehr Negatives wird aufgegriffen. Gleich und gleich gesellt sich gern, und das nun schon ganze Leben lang: Ihr versäumt alles aufgrund eurer negativen Grundhaltung. Diese Technik hier verleiht euch eine positive Grundhaltung – sie stellt die gewöhnliche Denkweise und ihr ganzes Vorgehen auf den Kopf: Wo immer du Befriedigung findest, gleichgültig in welchem Akt – mache sie dir bewußt, fühle sie, werde eins damit. Berachte sie nicht nur als flüchtige Erscheinung. Diese Befrie- digung kann zum plötzlichen Aufblitzen einer größeren positiven Seinsweise werden. Alles ist nur ein Fenster. Wenn du dich mit einem bestimmten Schmerz identifiziert hast, schaust du damit durch ein Fenster. Und das Fenster des Schmerzes, des Leidens, geht nur auf die Hölle. Wenn du aber eins bist mit einem befriedigenden Augenblick, einem seligen Augenblick, einem ekstatischen Augen- blick, tust du damit ein anderes Fenster auf. Die Existenz ist die gleiche, nur die Fenster sind verschieden. Wo immer sich Befriedigung finden läßt, gleich in welchem Tun, mache sie dir bewußt – egal wo! Ohne Einschränkungen Du triffst einen Freund und fühlst dich glücklich; du triffst—egalwo! deinen Geliebten oder deine Geliebte und fühlst dich glücklich:

Mache es dir bewußt! Sei in diesem Augenblick das Glücksgefühl und laß dieses Glück zu einer Tür werden. Damit änderst du deine Grundhaltung, und du wirst anfangen, Glück anzusammeln. Dein Denken wird sich zum Positiven wenden, und die gleiche Welt wird dir in einem anderen Licht erscheinen. Bokuju, ein Zen-Mönch, soll gesagt haben: „Die Welt bleibt gleich, aber nichts ist gleich, weil wir es immer mit anderen Augen sehen. Alles bleibt gleich, aber nichts ist gleich, weil ich nicht derselbe bin." Ihr versucht immerzu, die Welt zu verändern, aber die Welt wird bleiben, wie sie ist, egal, was ihr anstellt – weil ihr so bleibt, wie ihr seid. Ihr könnt euch ein größeres Haus besorgen, ihr

Das Mysterium der Liebe

könnt ein größeres Auto bekommen, ihr könnt eine schönere Frau oder einen schöneren Mann bekommen, aber ändern wird sich nichts. Das größere Haus wird nicht größer sein. Der schö- nere Partner wird nicht schöner sein. Der größere Wagen wird der kleinere bleiben, weil du derselbe bleibst! Dein Denken, dein Ansatz, deine Art zu sehen sind dieselben. Ihr ändert immer alles mögliche, ohne euch selbst zu ändern. Es ist also immer nur ein unglücklicher Mensch, der aus der Hütte in den Palast umzieht, aber der unglückliche Mensch bleibt der gleiche. Er war unglück- lich in der Hütte, jetzt wird er in einem Palast unglücklich sein. Es mag ein Unglück auf großem Fuße sein, aber er wird un- glücklich sein. Ihr nehmt euer Unglück immer mit, und egal, wo ihr hinzieht, ihr werdet immer in eurer eigenen Gesellschaft sein. Und so ist jede äußere Veränderung im Grunde nie eine Veränderung, son- dern nur dem Schein nach. Ihr bildet euch nur ein, daß sich etwas verändert hat; aber es hat sich nichts verändert. Nur eine Veränderung, nur eine Revolution, nur eine Mutation ist möglich, und zwar die, daß sich euer Denken vom Negativen zum Positiven wendet. Solange sich eure Augen nur auf das Unglück richten, lebt ihr in der Hölle. Sobald sich eure Augen auf das Glück richten, wird selbst die Hölle zum Himmel. Probiert es aus! Dies wird eure ganze Lebensqualität verändern. Aber ihr interessiert euch für Masse. Ihr interessiert euch dafür, wie ihr reicher werden könnt — was die Quantität, nicht die Qualität betrifft. Ihr könnt zwei Häuser haben und zwei Autos, ein dickeres Bankkonto, viele Dinge. Was sich verändert ist die Menge — es wird immer mehr. Aber eure Qualität bleibt die glei- che, und Reichtum wird nicht nach Dingen bemessen. Reichtum wird nach der Qualität deines Denkens, deines Lebens bemessen. Selbst ein Armer kann ein reicher Mann sein, was die Qualität betrifft, und selbst ein Reicher kann ein armer Mann sein. Fast immer ist das auch der Fall, denn jemand, der sich nur mit Dingen und Menge befaßt, ist sich der Tatsache überhaupt nicht bewußt, daß in seinem Inneren eine ganz andere Dimension existiert — die Dimension der Qualität. Und diese Dimension verändert sich erst, wenn dein Denkansatz positiv ist.

Kapitel 3

Von morgen früh an merkt euch den ganzen Tag über eines:

Jedesmal, wenn ihr etwas Schönes, Befriedigendes, etwas Seliges erlebt – und es gibt viele solcher Augenblicke in einem Vierund- zwanzig-Stunden-Tag – dann macht euch das klar. Es gibt viele Augenblicke, wo der Himmel zum Greifen nah ist, aber ihr seid

so auf die Hölle fixiert, daß ihr es nicht einmal merkt. Die Sonne geht auf, die Blumen öffnen sich, die Vögel singen und der Wind

rauscht durch die Bäume

Kind schaut dich an mit Unschuldsaugen, und ein unbeschreibli-

ches Glücksgefühl überkommt dich

Und schon passiert es! Ein kleines

Oder jemand lächelt dir

zu, und du wirst selig Macht also die Augen auf und versucht, das Beglückende zu finden. Seid erfüllt davon. Vergeßt in dem Augenblick alles andere. Laßt euch davon erfüllt sein, kostet es aus und laßt zu, daß euer ganzes Wesen davon durchdrungen wird. Seid eins damit. Sein Duft wird euch begleiten. Es wird den ganzen Tag über in euch nachschwingen, und dieser Nachklang, dieses Echogefühl,

wird euch helfen, positiver zu sein. So etwas sammelt sich an. Wenn du am Morgen damit be- ginnst, wirst du am Abend offener sein für die Sterne, für den Mond, für die Nacht, für die Dunkelheit. Macht einmal das Experiment, dies vierundzwanzig Stunden lang durchzuhalten, nur um ein Gefühl dafür zu bekommen, worum es sich handelt. Wenn ihr erst einmal spüren könnt, daß euch das Positive in eine andere Welt führt, weil ihr anders werdet, dann werdet ihr sie nicht verlassen. Der ganze Akzent wird sich verlagert haben – vom Negativen zum Positiven. Von da an werdet ihr die Welt ganz anders, mit neuen Augen betrachten. Da fällt mir eine Anekdote ein. Einer von Buddhas Jüngern nahm Abschied von seinem Meister. Der Name des Jüngers war Purnakashyap. Er fragte Buddha: , Wo soll ich hingehen? Wohin soll ich gehen, um deine Botschaft zu verbreiten?" Buddha sagte: „Das kannst du dir selbst aussuchen." Also sagte er: „Ich will in eine abgelegene Provinz von Bihar gehen, die Sukha heißt." Buddha sagte: „Überleg dir das besser. Denn die Menschen in

Das Mysterium der Liebe

dieser Provinz sind sehr grausam, gewalttätig, bösartig, und bisher hat noch niemand gewagt, zu ihnen zu gehen, um sie Ge- waltlosigkeit, Liebe und Mitgefühl zu lehren. Bitte laß dir etwas anderes einfallen." Aber Purnakashyap antwortete: „Erlaube mir, dorthin zu gehen, eben weil bisher niemand hingegangen ist, und irgendwer muß bei ihnen sein." Buddha sagte: „Ehe ich dich dorthin ziehen lasse, will ich dir drei Fragen stellen. Wenn die Leute in dieser Provinz dich belei- digen, dich demütigen – wie wirst du das empfinden?" Purnakashyap sagte: „Ich werde das Gefühl haben, daß es sehr gut von ihnen ist, daß sie mich bloß beleidigen. Dann verprügeln sie mich wenigstens nicht. Es sind gute Menschen. Sie hätten mich auch verprügeln können." Buddha sagte: „Dann die zweite Frage: Wenn sie anfangen, dich zu schlagen, wie wirst du dich dann fühlen?" Purnakashyap ant- wortete: „Ich werde das Gefühl haben, daß es sehr gute Menschen sind. Sie hätten mich umbringen können, aber sie schlagen mich bloß." Da sagte Buddha: „Nun die dritte Frage: Wenn sie dich wirk- lich töten und dich ermorden, was wirst du dann in dem Moment empfinden, in dem du stirbst?" Purnakashyap sagte: „Ich werde dir und ihnen danken. Wenn sie mich getötet haben werden, werden sie mich von einem Leben befreit haben, in welchem viele Irrtümer möglich waren. Sie wer- den mich von einem Leben befreit haben, in dem viele Fehler möglich waren, also werde ich ihnen dankbar sein." Buddha sagte: „Nun kannst du hinziehen, wohin du willst. Die ganze Welt ist der Himmel für dich. Jetzt gibt es kein Problem. Die ganze Welt ist für dich der Himmel, du kannst also gehen, wohin du willst." Für eine solche Einstellung kann an der Welt nichts verkehrt sein. Für eure Einstellung kann nichts recht sein. Für eine nega- tive Einstellung ist alles verkehrt – nicht, daß es tatsächlich so wäre; es ist deshalb verkehrt, weil eine negative Einstellung nur Verkehrtes sehen kann. Wo immer Befriedigung zu finden ist, gleichgültig in welchem Akt,

Kapitel 3

mache sie dir bewußt. Dies ist ein sehr heikler Vorgang, aber auch sehr süß. Und je weiter du damit Fortschritte machst, desto süßer wird er. Eine neue Süße, ein neuer Duft wird dich füllen. Achte nur auf das Schöne; vergiß das Häßliche. Dann kommt ein Moment, wo auch das Häßliche zum Schönen wird. Schau nur auf den glücklichen Moment, und es kommt der Moment, da es nichts mehr gibt, was du unglücklich nennen kannst. Es gibt dann keinen unglücklichen Moment mehr. Kümmere dich um das Selige, und früher oder später wird es kein Elend mehr geben. Alles wird verschönert durch eine positive Einstellung.

Die dritte Technik:

An der Schwelle zum Schlaf wenn der Schlaf noch nicht da ist, die Tageswachheit aber schon schwindet — an dieser Schwelle wird das Sein offenbart.

In eurem Bewußtsein gibt es ein paar Übergänge. An diesen Übergangspunkten seid ihr eurer Mitte näher als zu anderen Zeiten. Ihr legt einen anderen Gang ein, und bei jeder Gang- schaltung geht ihr durch den Neutralgang. Dieser Neutralgang ist näher. Morgens, wenn der Schlaf weggeht, verschwindet und du dich schon wach fühlst und dennoch nicht wach, genau auf dem Punkt dazwischen, befindest du dich im Neutralgang. Da gibt es einen Punkt, wo du weder wach bist noch schläfst, genau dazwi- schen. Dort befindest du dich in einem neutralen Gang. Zwischen Schlafen und Wachen wechselt dein Bewußtsein den ganzen Mechanismus aus. Es springt aus dem einen Mechanismus zu einem anderen hinüber. Zwischen diesen beiden Mechanismen gibt es einen Leerlauf — eine Lücke. Durch diese Lücke kannst du einen flüchtigen Blick auf dein Sein werfen. Dasselbe wiederholt sich abends, wenn du wieder einen Sprung machst: von deinem Wachmechanismus zu deinem Schlafmechanismus, von deinem Bewußtsein zum Unbewußten. Einen einzigen Augenblick lang ist kein Mechanismus da, hat gar kein Mechanismus Macht über dich; denn du mußt einen Sprung machen aus dem einen in den anderen. Wenn du zwischen diesen beiden wachbleiben kannst,

Das Mysterium der Liebe

genau dazwischen bewußt werden kannst, dich zwischen diesen beiden an dich selbst erinnern kannst, wirst du einen blitzartigen Blick auf dein wirkliches Sein werfen. Aber wie geht das? Entspanne dich, während du einschläfst. Schließe die Augen, verdunkle das Zimmer. Schließe einfach die Augen und beginne zu warten. Der Schlaf kommt schon — warte ab. Tu überhaupt nichts, warte einfach nur. Dein Körper entspannt sich jetzt, der Körper wird langsam schwerer — fühle es. Hab das Gefühl, daß es so ist. Der Schlaf hat seinen eigenen Mechanismus, und der beginnt jetzt zu arbeiten. Dein waches Bewußtsein ver- zieht sich bereits — denke daran, denn der Moment wird sehr sub- til sein, winzig wie ein Atom. Verpaßt du ihn, dann war es umsonst. Es dauert nicht sehr lange: Ein einziger Augenblick, eine winzig kleine Lücke, und du wirst vom Wachen zum Schlafen übergehen. Warte einfach, voll bewußt. Warte immer weiter. Es wird seine Zeit brauchen. Es sind min- destens drei Monate dazu nötig. Erst dann kannst du eines Tages den blitzartigen Moment erhaschen, der genau dazwischen ist. Hab es also nicht eilig. Du kannst es nicht schon jetzt gleich; du schaffst es noch nicht heut abend. Aber du mußt anfangen, und vielleicht mußt du Monate warten. Gewöhnlich passiert es binnen drei Monaten — eines Tages. Es passiert zwar jeden Tag, aber deine Bewußtheit und die Begegnung mit der Lücke läßt sich nicht planen. Es ist ein „Happening". Du wartest einfach immer weiter, und eines Tages „passiert es". Eines Tages wirst du dir plötzlich bewußt, daß du weder wach bist noch schläfst — ein sehr merkwürdiges Phänomen. Du magst sogar Angst davor bekommen, weil du bisher nur diese beiden kennst: Du kennst dich schlafend und du kennst dich wachend. Aber einen dritten Punkt in dir, wo du weder das eine noch das andere bist, den kennst du nicht. Beim ersten Mal mag es dich überrumpeln, mag dir angst und bange werden. Laß dir aber nicht angst und bange werden. Alles, was so neu, so bisher unbekannt ist, muß einem zwangsläufig eine gewisse Angst einjagen; denn dieser Augenblick wird dir, wenn du ihn wieder und wieder erfahren hast, auch noch ein anderes Gefühl geben: und zwar das, daß du weder lebendig noch tot bist, weder dies noch das. Das ist ein Abgrund!

Kapitel 3

Diese beiden Mechanismen sind wie zwei Berge — du springst von dem einen Gipfel zum anderen. Wenn du zwischen ihnen verharrst, fällst du in einen Abgrund, und der Abgrund ist boden- los: Du fällst und fällst immer weiter. Die Sufis arbeiten mit die- ser Technik, aber bevor sie diese Technik einem Sucher auftragen, geben sie ihm noch eine andere Übung, nur zur Sicherheit. Immer, wenn in den Sufisystemen diese Technik eingesetzt wird,

wird vorher eine andere Übung vermittelt, nämlich die, daß du dir mit geschlossenen Augen vorstellen sollst, daß du jetzt in einen tiefen Brunnen fällst — dunkel, tief und bodenlos. Stellt euch ein- fach vor, in einen tiefen Brunnen zu fallen, zu fallen und zu fal- len und zu fallen, ewig zu fallen. Da ist kein Boden, du wirst nie einen Boden erreichen; jetzt kann dieser Fall nirgendwo mehr aufhören. Du kannst aufhören — du kannst deine Augen öffnen und „Schluß jetzt!" sagen; aber dieses Fallen kann nicht von sich aus aufhören. Wenn du weitermachst, ist der Brunnen bodenlos, und er wird immer dunkler und dunkler. In den Sufi-Systemen muß diese Brunnen-Übung — diese Übung des bodenlosen, dunklen Brunnens — als erstes praktiziert werden. Sie ist gut, hilfreich. Wenn du sie praktiziert und ihre Schönheit und Stille erfahren hast, dann wirst du umso stiller, je tiefer du in den Brunnen eintauchst. Du hast die Welt weit hinter dir gelassen, und du hast das Gefühl, weit weggegangen zu sein — weit, weit weg. Die Stille nimmt mit der Dunkelheit zu, und ganz

Da kommt Angst auf in deiner

unten kommt kein Boden

Vorstellung, aber du weißt, daß dies nur Einbildung ist, also kannst du fortfahren. Diese Übung macht dich fähig für diese Technik, und dann ist es keine Einbildung mehr, wenn du zwischen Wachen und

Schlafen in den Brunnen fällst: Es ist eine echte Tatsache. Und er ist bodenlos: Der Abgrund ist bodenlos. Aus diesem Grund hat Buddha dieses Nichts ‚Leere' genannt — ,shunya' Shunya hat kein Ende. Sobald du das einmal erfahren hast, bist du endlos gewor- den. Es ist nicht leicht, diese Erkenntnis im Wachzustand zu haben. Dann ist es natürlich im Schlaf erst recht unmöglich, denn dann tritt der Schlaf-Mechanismus in Funktion, und es ist schwer, von diesem Mechanismus Abstand zu gewinnen. Aber es gibt

Das Mysterium der Liebe

einen Moment am Abend, und am Morgen noch einen Moment- in vierundzwanzig Stunden also zwei Momente -, wo es ganz leicht wird. Aber man muß abwarten. An der Schwelle zum Schlaf wenn der Schlaf noch nicht da ist, die Tageswachheit aber schon schwindet — an dieser Schwelle wird das Sein offenbart. Dann weißt du, wer du bist, was dein wirkliches Wesen ist, was deine authentische Existenz ist. Wir sind unecht, während wir wachen, und ihr wißt es genau: Du bist unecht, während du wach bist. Du lächelst, wenn Tränen echter gewesen wären. Deinen Tränen kann man genausowenig glauben. Sie sind vielleicht nur Fassade, zeremoniell, aus Pflichtgefühl. Dein Lächeln ist unecht, und Leute, die sich in Gesichtszügen ausken- nen, können sagen, daß dein Lächeln nur ein aufgesetztes Lächeln ist: Es hat keine Wurzeln in dir. Das Lächeln befindet sich nur auf deinem Gesicht, nur auf deinen Lippen. Es ist nirgendwo sonst in deinem Wesen. Es gibt keine Wurzeln, es gibt keine Glieder. Es ist aufgesetzt. Das Lächeln kommt nicht von innen nach außen. Das Lächeln ist von außen aufgezwungen worden. Alles, was ihr sagt, und alles, was ihr tut, ist unecht. Und es ist nicht unbedingt so, daß ihr dieses unechte Leben wissentlich vor- macht - nicht unbedingt. Es mag euch vollkommen unbewußt sein - und so ist es! Andernfalls nämlich wäre es sehr beschwer- lich, unentwegt einen so unechten Quatsch durchzuhalten. Es ist automatisch. Diese Unechtheit hält während eures ganzen Wachzustands an, und sie geht sogar weiter, während ihr schlaft - nur natürlich anders. Eure Träume sind symbolisch, nicht real. Das Überraschende ist, daß ihr sogar in euren Träumen nicht echt seid, sogar in euren Träumen Angst habt und Symbole erfindet. Heute macht die Psychoanalyse es zu ihrem Geschäft, eure Träume zu analysieren. Sie machen ein dickes Geschäft, denn ihr könnt eure Träume nicht selbst analysieren. Sie sind symbolisch, sie sind nicht direkt. Sie drücken sich nur in Metaphern aus. Wenn du deine Mutter umbringen und sie loswerden willst, wirst du sie nicht einmal im Traum umbringen. Du wirst eine andere umbrin- gen, die wie deine Mutter aussieht. Du wirst deine Tante oder sonstwen umbringen, aber nicht deine Mutter. Selbst in Träumen könnt ihr nicht echt sein. So wird Psychoanalyse nötig: Es wird

Kapitel 3

jemand erforderlich, der deine Träume von Berufs wegen

Aber du kannst die ganze Sache auf eine Art und

Weise darstellen, daß sogar der Psychoanalytiker hinters Licht geführt wird. Eure Träume sind ebenfalls vollkommen unecht. Wenn du echt bist, während du wach bist, werden auch deine Träume echt sein, werden sie nicht symbolisch sein. Wenn du deine Mutter töten willst, wirst du einen Traum haben, in dem du deine Mutter tötest, und kein Traumdeuter wird nötig sein, um dir zu bewei- sen, was dein Traum bedeutet. Aber wir sind so unecht! Im Traum bist du allein – und hast trotzdem noch Angst vor der Welt und der Gesellschaft. Eine Mutter zu töten ist die größte Sünde. Und ich bezweifle, daß ihr je darüber nachgedacht habt, warum es die größte Sünde ist, die eigene Mutter zu töten. Es ist die größte Sünde, weil jeder- mann eine tiefe Feindseligkeit seiner Mutter gegenüber empfin- det. Es ist die größte Sünde; und es wird gelehrt, eurem Denken wird eingeschärft, daß es sogar eine Sünde ist, auch nur daran zu denken, seiner Mutter Leid zuzufügen. Sie hat dich zur Welt gebracht! Es gibt auf der ganzen Welt keine einzige Gesellschaft, die nicht auch dieser Meinung wäre – daß es die größte Sünde ist, seine Mutter zu töten. Sie hat dir das Leben geschenkt – und du bringst sie um? Aber woher diese Lehre? Weil die tiefe Möglichkeit besteht, daß sich jedermann zwangsläufig gegen seine Mutter wendet. Denn die Mutter hat dir nicht nur das Leben geschenkt – sie war auch das Instrument, dich unecht zu machen, sie war das Instrument, um dich mit Druck zu verfälschen. Sie hat dich zu dem gemacht, was du bist. Wenn du eine Hölle bist, hat sie ihren Teil dazu beigetragen – den größten Teil. Wenn du unglücklich bist, steckt irgendwo dahinter, in dir verborgen, die Mutter; denn die Mutter hat dich geboren, sie hat dich großgezogen oder, genauer gesagt, hat dich von deiner Wirklichkeit abgezogen. Sie hat dich verfälscht: Die erste Unwahrheit fand zwischen dir und deiner Mutter statt, die erste Lüge passierte zwischen dir und dei- ner Mutter. Die erste Lüge! Selbst wenn noch gar keine Sprache da ist und das Kind noch nicht sprechen kann, kann es lügen.

deutet

Das Mysterium der Liebe

Dem Kind wird über kurz oder lang klar werden, daß viele von seinen Gefühlen von seiner Mutter mißbilligt werden. Ihr Gesicht, ihre Augen, ihr Benehmen, ihre Stimmung – alles zeigt, daß etwas an ihm nicht akzeptiert, nicht gebilligt wird. Dann fängt es an zu unterdrücken. Etwas stimmt nicht! Es ist noch gar keine Sprache da, sein Denken ist noch nicht in Kraft getreten, aber sein ganzer Körper beginnt zu unterdrücken. Dann bekommt es lang- sam mit, daß gewisse Dinge von der Mutter gebilligt werden. Es ist auf die Mutter angewiesen, sein Leben hängt von der Mutter ab! Wenn die Mutter es im Stich läßt, wird es aufhören zu sein. Seine ganze Existenz ist auf die Mutter ausgerichtet. Alles, was die Mutter zeigt, tut, spricht, ausstrahlt, ist bedeut- sam. Wenn das Kind lächelt und die Mutter es herzt und liebkost und ihm Wärme und Milch gibt, lernt es politisch zu sein. Es wird ein unechtes Lächeln lächeln. Jetzt ist der Lügner geboren, ist der Politiker auf den Plan getreten. Jetzt weiß es, wie man sich ver- stellt – und gelernt hat es das aus seiner Beziehung zu seiner Mutter. Das ist seine erste Beziehung mit der Welt. Wenn ihm eines Tages sein Unglück, seine Hölle, seine Verwirrung bewußt werden wird, muß er entdecken, daß dahinter irgendwo seine Mutter steckt. Es liegt nahe, daß du deiner Mutter gegenüber feindselige Gefühle hegst. Damm bleut euch jede Kultur ein, daß es die größte Sünde sei, deine eigene Mutter zu töten. Selbst in Gedanken, im Traum darfst du deine Mutter nicht töten. Womit ich nicht sage, daß du sie töten solltest! Ich sage damit nur, daß sogar deine Träume lügen – daß sie symbolisch sind, nicht reali- stisch. Ihr seid so verlogen, daß ihr noch nicht einmal einen reali- stischen Traum träumen könnt. Dies sind unsere beiden unwahren Gesichter: Das eine ist da, während du wach bist, und das andere ist da, während du schläfst. Zwischen diesen unechten Gesichtern existiert eine winzige Tür, eine Lücke. Durch diese Lücke kannst du einen ganz flüchtigen Blick auf dein ursprüngliches Gesicht werfen – als du noch nicht auf die Mutter bezogen warst, und über die Mutter auf die Gesellschaft, als du noch allein mit dir selbst warst. Als du einfach warst, nicht dieses oder jenes warst, und es noch keine Teilung gab. Es gab nur das Wirkliche, es gab kein Unwirkliches. Von die-

Kapitel 3

sem Gesicht aus, diesem unschuldigen Gesicht zwischen diesen beiden Mechanismen, kannst du einen flüchtigen Eindruck er- haschen. Normalerweise befassen wir uns nicht mit Träumen. Wir befas- sen uns mit den Stunden unseres Wachseins. Aber die Psycho- analyse befaßt sich mehr mit unseren Träumen, nicht mit unserer Wachzeit, weil sie davon ausgeht, daß man in der Wachzeit ein größerer Lügner ist. Aus den Träumen läßt sich dagegen etwas herausfischen. Man ist weniger auf der Hut, wenn man schläft, und man erzwingt nichts, man manipuliert nicht. Dann läßt sich etwas Echtes abfangen. Du lebst in deiner Wachzeit vielleicht im Zölibat, als Mönch, aber du hast den Geschlechtstrieb nur ver- drängt. Dann wird dieser sich in deine Träume drängen; deine Träume werden sexuell sein. Ein Mönch, der keine sexuellen Träume hätte, läßt sich schwer- lich finden, besser gesagt: unmöglich. Einen Verbrecher ohne sexuelle Träume mögt ihr finden, aber einen religiösen Mann ohne sexuelle Träume könnt ihr nicht finden. Ein zügelloser Mann mag keine sexuellen Träume haben, aber nicht die soge- nannten Heiligen. Denn alles, was du in deiner Wachzeit unter- drückst, wird in deinen Träumen ausbrechen und wird deine Träume färben. Die Psychoanalytiker interessieren sich nicht für euer waches Leben, weil sie wissen, daß es völlig verlogen ist. Wenn irgendwo etwas von eurer Wirklichkeit durchscheint, dann kann man nur durch eure Träume einen Blick darauf werfen. Aber Tantra sagt, daß selbst die Träume nicht wirklich sind. Sie sind zwar wirk- licher das mag nun zwar paradox klingen, weil wir Träume für unwirklich halten. Sie sind aber wirklicher als eure Wachzeit, weil ihr dann weniger auf der Hut seid. Der Zensor schläft, und alles mögliche kommt hoch, und das Verdrängte kann sich zum Ausdruck bringen – wenn natürlich auch nur in Symbolen. Aber Symbole können analysiert werden. Und die Symbole des Menschen sind auf der ganzen Welt über- all gleich. Ihr mögt im Wachzustand verschiedene Sprachen spre- chen, aber während ihr träumt, sprecht ihr die gleiche Sprache. Überall auf der Welt ist die Traumsprache ein und dieselbe. Wenn

Das Mysterium der Liebe

der Sex unterdrückt wird, dann werden dieselben Symbole auf- tauchen. Wenn der Nahrungstrieb, der Trieb zu essen, der Hunger unterdrückt wird, dann werden dieselben Symbole kom- men, oder ähnliche. Die Traumsprache ist eins, aber in Träumen kommt es dennoch zu Problemen, weil sie symbolisch sind. Und ein Freud mag sie so deuten, ein Jung anders, und ein Adler wie- derum anders. Und wenn du dich von einhundert Psychoana- lytikern analysieren läßt, werden einhundert Interpretationen dabei herauskommen. Du wirst noch verworrener sein als zuvor – noch verwirrter, mit einhundert Interpretationen von einer Sache! Tantra zufolge bist du weder im Wachen noch im Schlafen echt. Echt bist du nur dazwischen. Mach dir also keine Gedanken um den Wachzustand, und mach dir keine Gedanken über den Traum- und Schlafzustand. Kümmere dich um die Lücke; mach dir die Lücke bewußt. Erhasche einen Blick, während du von dem einen Zustand zu dem anderen übergehst. Und weißt du erst ein- mal, wann die Lücke kommt, bist du ihr Herr, hältst du den Schlüssel in Händen. Jetzt kannst du jederzeit diese Lücke öffnen und hineingehen. Eine andere Dimension des Seins, die wirkliche Dimension, tut sich auf.

Die vierte Technik und die letzte:

Illusionen täuschen, Farben umschreiben, selbst die teilbaren Dinge sind unteilbar.

Dies ist eine seltene Technik, eine, die nicht viel benutzt wird; aber Shankara, einer der größten Lehrer in Indien, hat sie benutzt, und Shankara hat seine ganze Philosophie auf diese Technik gegründet. Ihr kennt vielleicht seine Philosophie von der maya Illusion. Shankara zufolge ist alles illusorisch. Alles, was du siehst, hörst, fühlst – es ist alles Illusion, es ist nicht wirklich, weil das Wirkliche für die Sinne außer Reichweite liegt. Ihr hört mich, und ich sehe euch, wie ihr mir zuhört: Vielleicht ist es nur ein Traum, und es gibt keine Möglichkeit zu beurteilen, ob es ein Traum ist oder nicht. Ich träume vielleicht nur, daß ihr mir

Kapitel 3

zuhört. Wie soll ich wissen, ob es wirklich so ist und kein Traum? Es gibt keine Möglichkeit. Tschuangtse soll einmal erzählt haben, daß er eines Nachts geträumt habe, er sei ein Schmetterling geworden. Am Morgen war er sehr traurig – dabei war er kein Mann von Traurigkeit. Man hatte ihn noch nie traurig erlebt. Seine Schüler strömten zusammen und sagten: ,Tschuangtse, Meister, warum bist du so traurig?" Tschuangtse sagte: ‚Wegen eines Traumes." Die Schüler lachten und sagten: ‚Wegen eines Traums wirst du traurig? Du, der du uns stets gelehrt hast, nicht traurig zu werden, selbst wenn die ganze Welt zum Heulen ist? Und jetzt hat dich ein bloßer Traum traurig gemacht? Hältst du uns zum Narren?" Tschuangtse sagte: „Der Traum ist dergestalt, daß er in mir eine sehr, sehr tiefe Verwirrung, Trauer und Unglück auslöst. Mir war in dem Traum, ich wär ein Schmetterling geworden." Die Jünger fragten: ,Was ist da so Rätselhaftes dran?" Tschuang- tse antwortete: „Nun, das Rätsel ist dies: Wenn Tschuangtse träu- men kann, ein Schmetterling geworden zu sein, ist dann nicht auch das Umgekehrte möglich? Vielleicht träumt der Schmetter- ling ja, ein Tschuangtse geworden zu sein. Jetzt weiß ich also nicht mehr: Was stimmt und was stimmt nicht? Was ist wirklich und was ist unwirklich? War es Tschuangtse, der träumte, ein Schmet- terling zu werden, oder ist jetzt der Schmetterling eingeschlafen und träumt, ein Tschuangtse geworden zu sein? Wenn das eine möglich ist, ist auch das andere möglich." Und es wird überliefert, daß Tschuangtse nie seinen Frieden mit diesem Rätsel machen konnte. Es ging ihm sein ganzes Leben lang nach. Wie stellt man fest, daß ich nicht im Traume zu euch spreche? Wie stellt man fest, daß ihr nicht träumt, ich spräche? Auf die Sinne ist hier kein Verlaß, denn wenn man träumt, erscheinen die Träume wirklich zu sein, so wirklich wie nur irgendetwas. Wenn ihr träumt, habt ihr immer das Gefühl, es sei wirklich. Wenn also Träume als wirklich empfunden werden können, warum kann dann die Wirklichkeit nicht als Traum empfinden werden? Shankara zufolge kann man nicht mithilfe der Sinne entschei- den, ob das, was man vor sich hat, wirklich oder unwirklich ist.

Das Mysterium der Liebe

Und wenn es keine Möglichkeit gibt zu entscheiden, ob es wirk- lich oder unwirklich ist, nennt Shankara es maya – „Illusion". Illusion bedeutet nicht unwirklich; Illusion bedeutet: die Unmög- lichkeit zu entscheiden, ob es wirklich oder unwirklich ist. Merkt es euch. Die Sprachen des Westens haben maya sehr verkehrt übersetzt, und zwar so, daß man im Westen meint, Illusion bedeute unwirk- lich. Das tut es nicht! Illusion bedeutet die Unfähigkeit zu ent- scheiden, ob eine Sache wirklich oder unwirklich ist. Diese Verwirrung das ist maya. Diese ganze Welt ist tnaya, eine Verwirrung. Ihr könnt nicht entscheiden; ihr könnt nichts mit Entschiedenheit sagen – alles entzieht sich euch immerzu, verän- dert sich, verwandelt sich immerzu in etwas anderes. Es ist eine Phantasie, etwas Traumartiges. Diese Technik hier hat mit dieser Philosophie zu tun. Illusionen täuschen; oder: Alles, was täuscht, ist Illusion. Farben umschreiben, selbst die teilbaren Dinge sind unteil- bar. In dieser Welt der Illusion ist nichts gewiß. Die ganze Welt ist wie lauter Regenbogen: Sie scheinen dazusein, sind es aber nicht. Von ganz weit weg sind sie da, aber je näher du kommst, desto mehr lösen sie sich auf. Je näher du kommst, desto weniger sind sie. Wenn du an dem Punkt ankommst, wo du den Regenbogen gesehen hast, ist er nicht mehr da. Die ganze Welt ist wie Regenbogenfarben, und so ist es tatsäch- lich. Von ganz weit weg ist alles voller Hoffnung; wenn du näher- kommst, schwindet die Hoffnung. Und wenn du das Ziel erreichst, ist nur noch Asche da – nur ein toter Regenbogen. Die Farben sind verschwunden, und alles ist nicht so, wie es schien. So, wie du die Dinge empfindest, sind sie nicht. Selbst die teilbaren Dinge sind unteilbar. Eure ganze Mathematik, euer ganzes Rechensystem, all eure Begriffe, all eure Philosophie wird einfach hinfällig. Wenn ihr euch bemüht, diese Illusion zu ergründen, wird euch die bloße Bemühung nur noch mehr verwirren. Nichts ist dort gewiß, alles ist ungewiß – ein Fluxus, eine fließende Veränderung, ohne daß du die Möglichkeit hast zu entscheiden, ob dieses oder jenes rich- tig oder falsch ist. Was passiert dann? Wenn du diese Einstellung beziehst, was

Kapitel 3

wird dann passieren? Wenn du wirklich tief in diese Einstellung eintauchst, daß alles, was nicht entschieden werden kann, illuso- risch ist, dann wirst du dich automatisch, spontan dir selber zuwenden. Dann befindet sich der einzige Ort, wo du einen Mittelpunkt haben kannst, in deinem eigenen Sein. Der ist gewiß. Versucht, dies zu verstehen: Ich mag nachts träumen, ein Schmetterling geworden zu sein, und ich kann im Traum nicht feststellen, ob das wirklich oder unwirklich ist. Am Morgen mag ich mich, wie Tschuangtse verwundert fragen, ob es nicht viel- leicht der Schmetterling war, der immer geträumt hat. Das sind zwei Träume, und es gibt keinen Anhaltspunkt zu entscheiden, welcher wirklich und welcher unwirklich ist. Aber Tschuangtse läßt eines außer Acht: den Träumer. Er achtet nur auf die Träume, vergleicht sie miteinander und übergeht dabei den Träumer – den, der träumt, daß Tschuangtse ein Schmetterling geworden sei; den, der sich dann überlegt, ob es nicht vielleicht umgekehrt sei, nämlich daß der Schmetterling träume, Tschuangtse geworden zu sein. Wer ist der Beobachter? Wer hat geschlafen und ist jetzt wach? Du magst für mich unwirklich sein, magst für mich ein Traum sein; aber ich kann für mich selber kein Traum sein; denn damit ein Traum auch nur existieren kann, ist ein wirklicher Träumer notwendig. Selbst für einen unwirklichen Traum ist ein wirkicher Träumer Voraussetzung. Selbst ein Traum kann nicht ohne einen echten Träumer existieren. Vergiß also den Traum. Genau das besagt diese Technik: Pfeif auf den Traum. Die ganze Welt ist Illusion: Du bist nicht. Renne also nicht hinter der Welt her – es ist unmöglich, dort Gewißheit zu erlangen. Und heute scheint dies sogar durch die wissenschaftliche Forschung bestätigt zu werden. In den vergangenen drei Jahrhunderten war die Wissenschaft etwas Zuverlässiges, und Shankara schien nur ein philosophischer, ein poetischer Geist gewesen zu sein. Drei Jahrhunderte lang ver- bürgte die Naturwissenschaft Gewißheit, aber jetzt, innerhalb der letzten beiden Jahrzehnte, ist die Naturwissenschaft unsicher geworden. Heute sagen die größten Naturwissenschaftler: „Nichts ist gewiß, und was die Materie betrifft, werden wir nie Gewißheit haben." Alles ist wieder ungewiß geworden. Alles erscheint wie

Das Mysterium der Liebe

ein Fluß und ändert sich. Nur äußerlich wirkt es gewiß. Je tiefer man eindringt, desto mehr wird alles ungewiß, unbestimmt. Shankara sagt, was Tantra seit jeher gesagt hat: daß die Welt illu- sorisch ist. Lange vor Shankaras Geburt lehrte Tantra eine be- stimmte Technik – daß die ganze Welt illusorisch sei, du dir sie also als Traum vorstellen mußt. Wenn du dir sie als Traum denken kannst (und wenn du überhaupt denken kannst, wirst du dahin kommen, sie als Traum zu erkennen), dann wird sich dein ganzer Bewußtseins-Fokus nach innen wenden – denn es ist ein tiefer Drang da, die Wahrheit, das Wirkliche zu finden. Wenn die ganze Welt unwirklich ist, dann bietet sie nirgends Zuflucht. Dann rennst du hinter Schatten her, folgst ihnen und vertust damit Zeit und Leben und Energie. Dann kehre dich nach innen. Eines steht fest: „Ich bin". Mag die ganze Welt illusorisch sein, eines ist gewiß: daß da jemand ist, der weiß, daß dies alles illusorisch ist. Das Wissen mag illusorisch sein, das Gewußte mag illusorisch sein, aber der Wissende kann es nicht sein. Dies ist die einzige Gewißheit, der einzige Fels, auf dem du stehen kannst. Diese Technik besagt: Schau dir die Welt an. Sie ist ein Traum, illusorisch, und nichts ist, was es zu sein scheint. Es ist nur ein Regenbogen. Geh tief in dieses Gefühl hinein, und du wirst auf dich selbst geworfen werden. Mit diesem Ankommen bei deinem eigenen Selbst stößt du auf eine gewisse Wahrheit, auf etwas, das unbezweifelbar ist, das absolut ist. Wissenschaft kann niemals absolut sein, sie wird immer relativ sein. Nur Religion kann absolut sein, weil sie nicht den Traum sucht; sie forscht nach dem, der da träumt. Nicht nach dem Beobachteten, sondern nach dem Beobachter, dem Seher, demje- nigen, der bewußt ist.

Maya - das Illusorische - und die Wirklichkeit [Fragen]

Wie kann man den menschlichen Geist einfach nur dadurch trans- formieren, daß man sich „an sich selber erinnert"?

Wenn man das Positive bestärken soll, verstößt man dann nicht ge- gen das Akzeptieren der gesamten Realität?

Worin besteht die Rolle und Bedeutung des Gurus in dieser Welt der Maya?

Das Mysterium der Liebe

Die erste Frage:

Wie kann man den menschlichen Geist einfach nur dadurch trans- formieren, daß man sich „an sich selber erinnert"?

Der Mensch ruht nicht in sich. Er ruht zwar in sich, wenn er geboren wird, aber die Gesellschaft, die Familie, die Erziehung, die Kultur, all das verdrängt ihn aus seiner ruhenden Mitte. Und sie verdrängen ihn auf eine sehr gerissene Art und Weise aus sei- ner Mitte, ob wissentlich oder unwissentlich. Und so wird jeder auf seine Weise „exzentrisch" – fern der Mitte. Das hat seine Gründe – Überlebensgründe. Wenn ein Kind geboren wird, muß es in eine gewisse Disziplin gezwängt werden. Man kann ihm keine Freiheit lassen. Würde ihm totale Freiheit gelassen, würde es in seiner Mitte bleiben – spontan sein, bei sich lebend, sich selber lebend. Es wäre authen- tisch, so wie es ist, und dann bräuchte es sich nicht anzustrengen, sich irgendwie an sich selber zu erinnern. Es hätte nicht nötig, irgendeine Meditation zu praktizieren, denn es würde nie von sei- nem Mittelpunkt abweichen. Es würde bei sich selbst bleiben – zentriert, verwurzelt, gegründet in seinem eigenen Wesen. Aber das ist bisher noch nie möglich gewesen. Meditation ist insofern Medizin. Die Gesellschaft erzeugt die Krankheit, und dann muß die Krankheit behandelt werden. Religion ist Medizin. Sollte es je gelingen, wirklich einmal eine menschliche Gesellschaft zu entwickeln – eine, die auf Freiheit beruht –, dann wäre keine Religion nötig. Nur weil wir krank sind, brauchen wir Medizin, und nur, weil wir aus unserem Zentrum geworfen wurden, brauchen wir Methoden des Zen- trierens. Sollte es eines Tages auf Erden möglich werden, eine gesunde Gesellschaft aufzubauen – gesund im inneren Sinn –, dann gäbe es darin keine Religion. Aber es scheint schwierig zu sein, eine solche Gesellschaft aufzubauen. Das Kind muß also diszipliniert werden. Was tut ihr, wenn ihr ein Kind diszipliniert? Ihr erzwingt etwas, das ihm nicht natürlich ist. Ihr verlangt und fordert etwas, das es nie spontan tun würde. Ihr werdet es bestrafen, ihr werdet es loben, ihr werdet es be-

Kapitel 4

stechen, ihr werdet alles Erdenkliche tun, um es zu sozialisieren, es von seinem natürlichen Dasein abzubringen. Ihr werdet eine neue geistige Zentrale in ihm bilden, die nie da war, und diese Zentrale wird wachsen, und die natürliche Zentrale wird in Vergessenheit geraten, ins Unbewußte gehen. Euer natürliches Zentrum hat sich ins Unbewußte verzogen, ins Dunkel, und eurer unnatürliches Zentrum ist zu eurem bewußten Verstand geworden. In Wirklichkeit gibt es keine Trennung zwi- schen dem Unbewußten und dem Bewußten: Die Trennung ist künstlich. Ihr seid ein einziges Bewußtsein. Die Trennung rührt daher, daß euer eigenes Zentrum in irgendeine dunkle Ecke abge- drängt wurde. Ihr selbst seid nicht einmal in Kontakt mit ihm. Ihr selbst seid euch nicht einmal mehr bewußt, daß ihr ein Zentrum habt. Ihr lebt das, was die Gesellschaft, die Kultur, die Familie euch zu leben beigebracht haben. Du lebst ein verlogenes Leben. Für dieses verlogene Leben ist ein verlogenes Zentrum erforderlich. Dieses Zentrum ist dein Ego, dein bewußter Verstand. Damm kannst du tun, was du willst, und trotzdem wirst du nie glücklich sein – denn nur das echte Zentrum kann die Möglichkeit des Glücks herbeiführen, kann explodieren, kann zum Höhepunkt kommen, zur optimalen Seligkeit. Das unechte Zentrum ist ein Schattentheater. Du kannst mit ihm spielen, du kannst mit ihm hoffen, aber letzten Endes kommt aus ihm nichts als Frustration heraus. In einer unwahren Gesellschaft ist nichts anderes möglich. In gewisser Weise zwingt alles dich dazu, nicht du selbst zu sein. Und dies läßt sich nicht einfach nur dadurch ändern, daß man sagt, daß es falsch ist. Denn die Gesellschaft hat ihre eige- nen Bedürfnisse. Ein neugeborenes Kind ist genau wie ein Tier – spontan, zentriert, in sich ruhend, aber so unabhängig! Man kann es nicht einer Organisation einverleiben. Es würde stören. Es muß gezwungen, erzogen und geändert werden. Während dieses Erziehungsprozesses muß es aus seinem Zentrum ver- drängt werden. Wir leben an der Peripherie, und wir leben nur eben so viel, wie es uns die Gesellschaft gestattet. Unsere Freiheit ist unecht, denn die Regeln des Spiels, des Gesellschaftsspieles, sind so tief

Das Mysterium der Liebe

fixiert, daß du zwar das Gefühl haben magst, zu wählen, dich so oder so entscheiden zu können – aber du entscheidest nichts. Die Entscheidung entspringt deinem sozialisierten Denken, und das gehorcht mechanischen Gesetzen. Ich muß da an einen Mann denken, der achtmal in seinem Leben heiratete. Er heiratete eine Frau, ließ sich dann scheiden, dann heiratete er eine andere – sehr umsichtig, sehr sorgfältig, sehr sorgfältig, um ja nicht wieder in die alte Falle zu gehen. Er berech- nete alles genau, und er meinte, daß sich diese neue Frau jetzt völ- lig von der ersten unterscheiden werde. Aber schon nach weni- gen Tagen, die Flitterwochen waren noch nicht vorüber, erwies sich die neue Frau als genauso wie die alte, die erste Frau. Binnen sechs Monaten ging die Ehe wieder zu Bruch. Er heiratete eine dritte Frau, und diesmal war er noch vorsichtiger, aber wieder pas- sierte dasselbe. Achtmal hat er geheiratet, aber jedesmal hat sich die Frau als Doppelgängerin ihrer Vorgängerin entpuppt. Wie war das zu erklären? Wo er doch so vorsichtig und sorgfältig auswählte! Wie es zu erklären war? Der Wählende war unbewußt. Er konnte den Wählenden nicht ändern, und der Wählende blieb immer der gleiche, also fiel auch die Wahl immer gleich aus. Und der Wählende funktioniert unbewußt. Was tut ihr nicht ständig alles! Und ihr ändert ständig etwas an den Äußerlichkeiten, aber ihr bleibt gleich. Ihr bleibt unzentriert. Was immer ihr tut, egal wie anders es äußerlich zu sein scheint, am Ende stellt es sich immer als dasselbe heraus. Die Ergebnisse sind immer dieselben. Unterm Strich ist es immer dasselbe, das Resultat ist immer dasselbe. Jedesmal, wenn du das Gefühl hast, etwas zu wählen und dabei frei zu sein – auch dann bist du nicht frei, und bist nicht du es, der wählt. Dies Wählen ist ebenfalls etwas Mechanisches. Die Wissenschaftler, vor allem die Biologen, sagen, daß unser Denken geprägt werde, und zwar schon sehr früh. Die ersten zwei oder drei Jahre sind die Jahre der Prägung, und alles wird im Denken fixiert. Von da an tust du immer wieder dasselbe, wiederholst du alles auf mechanische Art und Weise, drehst du dich in einem Teufelskreis.

Kapitel 4

Das Kind wird mit Gewalt aus seiner Mitte gedrängt. Es muß diszipliniert werden; es muß Gehorsam lernen. Darum legen wir so viel Wert auf Gehorsam. Dabei zerstört der Gehorsam jeden; denn jetzt heißt Gehorsam, daß nicht du die Mitte bist – der andere ist die Mitte, du sollst ihm lediglich folgen. Erziehung ist eine Notwendigkeit, damit wir überleben kön- nen, aber wir nehmen diese Überlebensnotwendigkeit zum Vorwand für Unterwerfung. Wir zwingen jeden dazu, gehorsam zu sein. Was heißt das? Gehorsam wem gegenüber? Immer einem anderen – dem Vater, der Mutter. Irgendein anderer ist da, und dem mußt du gehorchen. Warum wird so viel Wert auf Gehor- sam gelegt? Weil dein Vater gezwungen wurde, gehorsam zu sein, als er ein Kind war; weil deine Mutter gezwungen wurde, gehor- sam zu sein, als sie ein Kind war. Sie wurden aus ihrer Mitte vertrieben, und jetzt tun sie das gleiche, tun sie das gleiche mit ihren Kindern, und diese Kinder werden wieder das gleiche tun. Auf die Art setzt sich der Teufelskreis immerzu weiter fort. Die Freiheit wird getötet, und mit der Freiheit verlierst du deine Mitte. Nicht, daß die Mitte zerstört würde: Solange du lebst, kann sie gar nicht zerstört werden. Es wäre gut, wenn sie zerstört würde – du hättest es leichter mit dir selbst. Wenn du total unecht wärest und es läge kein echter Mittelpunkt mehr in dir verbor- gen, würdest du dich wohlfühlen. Dann gäbe es keinen Konflikt, keine Lebensangst, keinen Kampf. Der Konflikt wird nur dadurch hervorgerufen, daß das Echte vorhanden bleibt. Es bleibt im Mittelpunkt, und nur am Außenrand entsteht ein unechtes Zentrum. Zwischen diesen beiden Zentren entsteht ein konstan- ter Kampf, eine konstante Lebensangst und Spannung. Die gilt es zu transformieren, und hierfür gibt es nur einen Weg: Das Unechte muß verschwinden, und das Echte muß seinen Platz ein- geräumt bekommen. Du mußt in dein Zentrum, in dein Wesen gepflanzt werden. Andernfalls wirst du in Qualen leben. Das Unechte kann verschwinden. Das Echte kann nicht eher verschwinden, als bis du stirbst. Solange du am Leben bist, wird das Echte da sein. Die Gesellschaft kann nur eines tun: Sie kann es tief nach unten drücken, und sie kann eine Schranke errichten, so daß selbst dir

Das Mysterium der Liebe

seine Existenz unbewußt wird. Kannst du dich an irgendeinen Augenblick in deinem Leben erinnern, da du spontan warst, da du einfach nur im Augenblick lebtest – da du dich selber lebtest und nicht sonstwem folgtest? Ich las kürzlich die Memoiren eines Dichters. Sein Vater war gestorben, und die Leiche wurde in einen Sarg gelegt. Der Dichter, der Sohn, schluchzte und weinte, und dann plötzlich küßte er die Stirn der Leiche seines Vaters und sagte: „So, nun, da du tot bist, darf ich das. Ich wollte dich immer schon auf die Stirn küssen, aber solange du lebtest, war es unmöglich. Ich hatte solche Angst vor dir!" Ihr könnt nur einen toten Vater küssen – und selbst wenn der lebendige Vater euch gestattet, ihn zu küssen, wird der Kuß unecht sein, kann er nicht spontan sein. Ein junger Bursche kann nicht einmal seine Mutter spontan küssen, weil da immer die Angst vor dem Sex lauert. Die Körper dürfen sich nicht zu nahe kommen, selbst bei der Mutter! Alles wird unecht. Es herrschen Angst und Heuchelei – keine Freiheit, keine Spontaneität, dabei kann das echte Zentrum nur dann in Kraft treten, wenn du spon- tan und frei bist. Jetzt werdet ihr in der Lage sein zu verstehen, was ich von die- ser Frage halte: Wie kann man den menschlichen Geist einfach nur dadurch transformieren, daß man sich „an sich selber erinnert"? Du wirst dadurch wieder Boden unter den Füßen bekommen; du wirst dadurch wieder Wurzeln in deiner eigenen Mitte schla- gen. Indem du dich an dich selbst erinnerst, vergißt du alles außer dir, vergißt du die Gesellschaft, die verrückte Welt um dich her, die Familie, die Beziehungen, alles. Du erinnerst dich einfach nur, daß du bist. Diese Selbsterinnerung wird dir nicht von der Gesellschaft ver- mittelt. Sie wird dich von allem lösen, was Randerscheinung ist. Und wenn es dir gelingt, dich zu erinnern, wirst du auf dein eige- nes Dasein, dein eigenes Zentrum zurückgeworfen. Das Ego wird nur noch am Rande da sein, aber du wirst es jetzt sehen können. Wie jedes beliebige andere Objekt wirst du es jetzt beobachten können. Und wenn du erst einmal vermagst, dein eigenes Ego, dein unwahres Zentrum zu beobachten, wirst du nie wieder

Kapitel 4

unwahr sein. Du magst Gebrauch von deinem unwahren Zen- trum machen, weil du in einer Gesellschaft leben mußt, die unwahr ist. Du wirst es jetzt einsetzen können, aber du wirst nie- mals mit ihm identifiziert sein. Es wird jetzt nur zweckdienlich sein. Du wirst in deiner wahren Mitte, deinem Zentrum leben, und wirst das unwahre als gesellschaftliches Mittel einsetzen, als Konvention, aber ohne damit identifiziert zu sein. Jetzt weißt du, daß du spontan, frei sein kannst. Die Selbsterinnerung transfor- miert dich, weil es dir die Chance gibt, wieder du selbst zu sein. Und du selbst zu sein ist das Allerhöchste, und du selbst zu sein ist das Absolute. Der Gipfel deiner Möglichkeiten, deiner Anlagen, ist das Göttliche – oder wie auch immer man es nennen will. Gott ist nicht irgendwo in der Vergangenheit: Er ist deine Zukunft. Du hast immer und immer wieder davon sprechen hören, daß Gott der Vater sei. Viel entscheidender ist, daß er dein Sohn sein wird, nicht der Vater, denn er wird sich aus dir entwickeln. Also sage ich:

„Gott, der Sohn", weil der Vater etwas Vergangenes und der Sohn etwas Zukünftiges ist. Du kannst göttlich werden: Gott kann aus dir geboren werden. Wenn du authentisch du selbst bist, hast du den entscheidenden Schritt getan, gehst du fortan auf das Göttliche, auf die totale Freiheit zu. Als Sklave kannst du nicht diese Richtung einschla- gen. Als Sklave, als unwahrer Mensch, führt kein Weg zum Göttlichen, zur höchsten Möglichkeit, zur letztmöglichen Blüte deines Seins. Zuerst mußt du in deiner eigenen Mitte ruhen. Dazu verhilft Selbsterinnerung – und zwar hilft da nur Selbster- innerung – nichts anderes kann dich transformieren. Vom unwah- ren Zentrum aus ist jedes Wachstum ausgeschlossen, ist nur Ansammlung möglich. Und merkt euch den Unterschied zwischen Ansammlung und Wachstum. Mit dem unwahren Zentrum kannst du akkumulie- ren, kannst du Reichtum ansammeln, kannst du Wissen ansam- meln, kannst du alles mögliche ansammeln, ohne jedes Wachs- tum. Wachstum vollzieht sich nur im wirklichen Zentrum. Wachstum ist nicht Akkumulation; Wachstum belastet dich nicht. Akkumulation ist eine Last.

Das Mysterium der Liebe

Man kann vieles wissen, ohne überhaupt etwas zu wissen. Man kann viel über die Liebe wissen, ohne die Liebe zu kennen. Dann ist es eine Akkumulation. Wenn du die Liebe kennst, dann ist es Wachstum. Du kannst mit dem unwahren Zentrum viel Wissen über die Liebe sammeln; lieben aber kannst du nur mit dem wah- ren Zentrum. Wirkliche Zentren können reifen. Das unwahre kann nur größer und immer größer werden ohne jedes Wachs- tum, ohne jede Reifung. Das unwahre ist nur ein Krebsgeschwür, eine Ansammlung, die dich belastet wie eine Krankheit. Aber du kannst eines tun: Du kannst deinen Fokus total verän- dern. Du kannst deine Augen, statt sie auf das Unwahre zu rich- ten, auf das Wahre lenken. Und genau das heißt „Selbster- innerung": dich an dich selbst zu erinnern – daß du bist, ganz gleich, was du gerade tust. Vergiß das nicht. Dieses bloße Erinnern wird allem, was du gerade tust, eine authentische Wirklichkeit verleihen. Wenn du gerade jemanden liebst, erinnere dich zu allererst daran, daß du bist, andernfalls wirst du vom unwahren Zentrum aus lieben. Und vom unwahren Zentrum aus kannst du nur vortäuschen, aber nicht lieben. Wenn du gerade betest, erin- nere dich zu allererst, daß du bist. Andernfalls wird dein Beten nur Unfug, nur Lug und Trug sein. Und du wirst niemanden anders damit täuschen: Du täuschst dich damit nur selbst. Erinnere dich zunächst, daß du bist; und dieses Erinnern – das „Ich bin" – muß so grundlegend werden, daß es dir folgt wie ein Schatten. Dann wird es selbst noch da sein, wenn du schläfst, und du wirst dich im Schlaf noch erinnern. Wenn du dich den ganzen Tag lang daran erinnern kannst, wird es nach und nach sogar in deine Träume, sogar in deinen Schlaf eindringen, und du wirst wissen: „Ich bin". Am selben Tag, da du sogar im Schlaf wissen kannst, daß du bist, gewinnst du Boden in deinem Zentrum. Jetzt ist das unwahre nicht mehr da, fällt es dir nicht mehr zur Last. Du kannst es jetzt einsetzen. Es ist zweckdienlich; du bist ihm nicht mehr sklavisch verfallen, du bist sein Herr geworden. Krishna sagt in der Bhagavadgita: „Während alle fest schlafen, schläft der Yogi nicht; er wacht." Das soll nicht etwa heißen, daß der Yogi ohne Schlaf lebt; denn Schlaf ist eine biologische, kör-

Kapitel 4

perliche Notwendigkeit. Das soll heißen, daß er sich sogar in sei- nem Schlaf noch erinnert: „Ich bin". Der Schlaf befindet sich nur am Rande; im Zentrum befindet sich die Erinnerung. Der Yogi erinnert sich sogar, während er schläft. Ihr dagegen

erinnert euch nicht einmal, während ihr wach seid. Ihr geht die Straße entlang, aber erinnert euch nicht, daß ihr seid. Versucht es, und ihr werdet einen qualitativen Unterschied feststellen. Ver- sucht, euch daran zu erinnern, daß ihr seid. Plötzlich wird euch eine neue Leichtigkeit überkommen. Die Schwere verflüchtigt sich — ihr werdet gewichtslos. Ihr seid vom unwahren Zentrum

aus wieder aufs wahre zurückgefallen

und hart, weil wir so sehr im unwahren gründen. Es wird lange dauern, aber eine Transformation wird erst dann möglich, wenn euch die Selbsterinnerung leicht fällt. Fang also damit an, dich an dich selbst zu erinnern; anders ist keine Transformation möglich.

aber das ist schwierig

Die zweite Frage:

Gestern abend sagtest du, daß man das Leben immer von seinen posi- tiven Seiten her nehmen und das Negative nicht hervorheben soll. Wählt man damit nicht auch? Und vermeidet man damit nicht, sich der gesamten Realität zu stellen — so, wie sie ist?

Es ist ein Wählen, richtig; aber jemand, der negativ ist, kann nicht den Sprung zum Nichtwählen tun. Könnte er es, wunder- bar — aber es ist unmöglich. Von der negativen Haltung aus ist es unmöglich, einfach so in die nichtwählende Bewußtheit hinein- zuspringen. Denn eine negative Haltung bedeutet, daß du nur das Häßliche, nur den Tod, nur das Unglück wahrnehmen kannst, daß du keinerlei positive Elemente im Leben wahrnehmen kannst. Und denke daran: Es ist schwer, sein Unglück aufzugeben! Es mag sehr seltsam klingen, wenn ich das sage. Aber es ist schwer, einfach aus dem Unglück herauszuspringen. Es ist leich- ter, vom Glück aus zu springen. Es ist leichter, einen Sprung zu wagen, wenn du glücklich bist, denn mit dem Glück kommt der Mut, mit dem Glück eröffnet sich die Möglichkeit einer höheren

Das Mysterium der Liebe

Seligkeit. Im Glück kommt einem die ganze Welt wie ein Zuhause vor. Im Unglück wirkt die Welt wie die Hölle, und es gibt keine Hoffnung. Alles ist einfach nur hoffnungslos. Dann kannst du keinen Sprung tun. Im Unglück wird man zum Feig- ling, und man klammert sich ans Unglück, weil dieses Unglück das einzige ist, was man kennt. Du kannst nicht auf Abenteuer gehen, wenn du unglücklich bist. Das Abenteuern setzt ein unmerkliches Wohlgefühl in dir voraus. Dann kannst du das Bekannte hinter dir lassen: Du bist so zufrieden, daß du dich nicht vor dem Unbekannten fürchtest. Und die Zufriedenheit ist für dich eine so selbstverständliche Sache geworden, daß du weißt, daß du glücklich sein wirst, egal wo du sein magst. Mit der positiven Einstellung weißt du, daß es keine Hölle gibt, und daß überall dort, wo du bist, der Himmel sein wird. Du kannst es wagen, ins Unbekannte zu gehen, weil du weißt, daß der Himmel mit dir mitgeht. Man hat euch erzählt, daß man entweder in den Himmel oder in die Hölle kommt. Das ist Unsinn. Niemand kommt in den Himmel, niemand kommt in die Hölle. Ihr tragt euren eigenen Himmel, eure eigene Hölle mit euch herum, und wo immer ihr hingeht, geht ihr mit eurer Hölle oder eurem Himmel hin. Himmel und Hölle sind keine Tore. Sie sind Gepäck – man schleppt sie mit. Nur mit einem tanzenden Herzen – zufrieden, selig, positiv – kannst du den Sprung auf unbefahrene Meere hinauswagen. Das ist der Grund, warum ich sage, daß man von der negativen Haltung aus nicht wahllos sein kann. Da klammert man sich an sein Unglück. Das kennt man. Damit ist man vertraut. Dein Unglück ist dir bekannt, mit ihm hast du eine Beziehung, und es ist besser, beim bekannten Unglück zu bleiben, als beim unbe- kannten. Wenigstens hast du dich daran gewöhnt, und du kennst seine Angewohnheiten. Du hast dir gewisse Schutzmechanismen geschaffen, einen Schutzpanzer um dich her, um dich vor diesem Unglück zu schützen. Ein unbekanntes Unglück macht neue Schutzmechanismen erforderlich. Es ist immer besser, beim bekannten Unglück zu bleiben, als ein unbekanntes Unglück zu riskieren. Beim Glück verhält es sich genau umgekehrt. Aus dem

Kapitel 4

Glück möchte man ins unbekannte Glück weiterziehen, weil das bekannte langsam langweilig wird. Mit dem bekannten Unglück wird es einem nie langweilig: Das genießt man. Schaut euch die Leute an, wie sie dauernd über ihr Unglück reden, wie sie es übertreiben, wie es ihnen eine heimliche Befriedigung gibt. Im Glück wird es einem langweilig. Da kann man ins Unbe- kannte aufbrechen. Da lockt das Unbekannte, und wahllos sein ist das Tor zum Unbekannten. So also geht der Weg: vom Nega- tiven zum Positiven, und vom Positiven zum Wahllosen. Sorge zunächst dafür, daß deine Einstellung positiv wird. Zieh aus der Hölle in den Himmel um, und vom Himmel aus kannst du dann ins moksha, ins Allerhöchste umziehen – das weder das eine noch das andere ist. Geh vom Unglück zum Glück weiter, und nur dann kannst du weitergehen ins Jenseits, das über beides hinaus ist. Darum hieß es in dem Sutra, daß du zunächst deine Ein- stellung von negativ zu positiv transformieren sollst. Und diese Veränderung ist nur eine Veränderung des Fokus. Das Leben ist beides oder keins von beiden. Es ist beides oder keins! Es kommt auf dich an, darauf, wie du es siehst. Du kannst es mit negativen Augen betrachten, und dann sieht es aus wie die Hölle. Es ist nicht die Hölle! Das ist nur deine Interpretation. Ändere zunächst deinen Blickwinkel: Sieh positiv! Und das ist es, was mit einer ,atheistischen Einstellung' gemeint ist. Ich nenne jemanden nicht dann einen Theisten oder Athe- isten, wenn er an Gott glaubt oder nicht glaubt. Ich nenne jeman- den einen Theisten, wenn er eine positive Grundhaltung hat, und einen Atheisten, wenn er eine negative Grundhaltung hat. Ob man Ja oder Nein zu Gott sagt, spielt keine Rolle: Es kommt dar- auf an, ob man Ja oder Nein zum Leben sagt. Der Theist ist einer, der Ja sagt, und alles immer unter dem Blickwinkel des Jasagers betrachtet. Dann verändert sich alles schlagartig. Wenn einer mit negativer Einstellung vor einem Rosenbusch steht, in einem Rosengarten, dann mögen da noch so viele Rosen sein, er aber wird nur die Dornen zählen. Das erste und Wich- tigste für die negative Einstellung sind die Dornen. Die Blüten sind nur Illusion; nur die Dornen sind Wirklichkeit. Die wird er zählen, und natürlich kommen auf jede Blüte tausend Dornen.

Das Mysterium der Liebe

Und wenn er erst einmal die tausend Dornen gezählt hat, kann er die eine Blüte nicht mehr für möglich halten. Er wird sagen, daß diese eine Blüte nur Einbildung sei. Wie könnte eine so schöne Blüte mit so häßlichen, so grausamen Dornen koexistie- ren? Es ist unmöglich, es ist unglaublich. Und selbst wenn sie exi- stiert, hat sie nun keine Bedeutung. Eintausend Dornen wurden gezählt, und darüber verschwindet die Blüte. Eine positve Grundeinstellung wird bei der Rose, der Blüte anfangen. Und wenn du erst einmal in Kommunion mit der Rose bist, wenn du erst einmal diese Schönheit, diese Lebendigkeit, die- ses überirdische Blühen kennst, verschwinden die Dornen. Und für jemanden, der die Rose in ihrer Schönheit, in ihrer höchsten Entfaltungsmöglichkeit kennengelernt hat, für einen, der tief in sie hineingeschaut hat, für so einen werden jetzt selbst die Dornen nicht wie Dornen erscheinen. Die Augen, von der Rose erfüllt, sind jetzt andere. Jetzt werden ihnen die Dornen nur wie ein Schutz für diese Blüte erscheinen. Sie werden keine Feinde sein:

Sie werden nur als Bestandteil des Gesamtphänomens der Blüten erscheinen. Eine solche Einstellung wird jetzt wissen, daß diese Blüte da blüht und diese Dornen dazu notwendig sind, um sie zu schüt- zen. Nur dank diesen Dornen konnte es zu dieser Blüte kommen. Diese positive Einstellung wird sogar den Dornen dankbar sein. Und wenn diese Einstellung tiefer wird, kommt der Moment, da Dornen zu Blüten werden. Bei der ersteren Einstellung ver- schwindet die Blüte oder wird selbst die Blüte zu einem Dorn. Nur mit einer positiven Einstellung kannst du in den Zustand einer unverspannten Einstellung gelangen. Mit einer negativen Einstellung wirst du verspannt bleiben; man beachte doch bitte all die vielen Elendsbeispiele ringsum! So ein negativer, einfallsrei- cher Kopf wird immer auf ein Elend nach dem anderen und eine Hölle nach der anderen verweisen. Zu Buddhas Zeit gab es einen wirklich berühmten Lehrer. Sein Name war Sanjaya Vilethiputta. Er war ein absolut negativer Denker. Buddha erwähnte einmal sieben Höllen, also kam jemand zu Sanjaya Vilethiputta und berichtete ihm, Buddha habe von sieben Höllen gesprochen. Sanjaya Vilethiputta sagte: „Geh

Kapitel 4

und sag deinem Buddha, er hätte keine Ahnung. Es gibt sieben- hundert Höllen. Er hat nicht die leiseste Ahnung! Nur sieben? Es gibt siebenhundert Höllen, und ich habe sie alle nachgezählt." Wenn du eine negative Einstellung hast, sind selbst siebenhun- dert nicht viel. Du kannst noch mehr finden – da ist kein Ende abzusehen. Der positive Geist kann unverspannt sein. Wirklich, wie kannst du, wenn du positiv bist, verspannt sein? Und wie kannst du, wenn du negativ bist, unverspannt sein? Für ein nega- tiv gestimmtes Gemüt kann es keine Brücke zur Meditation geben. Der negative Geist ist anti-meditativ, er kann nicht medi- tieren. Eine einzige Mücke genügt, um alle Meditation zu ver- treiben. Dem negativen Geist ist die Tür zur Ruhe, zur Stille, zum Schweigen versperrt. Der negative Geist kann immer nur Unglück reproduzieren. Wie sollte er einen Sprung zu wahlloser Bewußtheit tun können? Krishnamurti redet immerfort von Wahllosigkeit, aber sein Publikum ist negativ. Sie hören zu, aber sie verstehen nie. Und wenn sie dann nicht verstehen, regt Krishnamurti sich darüber auf, daß sie ihn nicht verstehen. Nur ein positiver Geist kann das, was er sagt, verstehen. Aber ein positiver Geist braucht nirgendwo hin- zugehen, weder zu irgendeinem Krishnamurti noch zu irgendei- nem Rajneesh – nirgendwohin. Nur ein negativer Geist ist auf der Suche nach einem Lehrer, nach einem Meister. Zu negativ eingestellten Ohren von wahlloser Bewußtheit, vom Transzendieren jeglicher Dualität zu sprechen, oder davon, daß man beides leben muß, das Positive wie das Negative, ist sinnlos. Nicht, daß es unwahr wäre – es ist wahr; aber sinnlos. Auch der, der zuhört, muß berücksichtigt werden. Er ist wichtiger als der, der es sagt. Wie ich es sehe, bist du negativ. Zuallererst brauchst du eine Transformation zur Positivität. Der Nein-Sager, der du bist, muß ein Ja-Sager werden. Du mußt das Leben mit einer Ja-Haltung betrachten, und mit einer ja-Haltung verändert sich diese Erde schlagartig. Erst dann, wenn du eine positive Grundhaltung gewonnen hast, kannst du einen Sprung tun zu wahlloser Bewußtheit. Und das wird leicht sein, sehr leicht! Auf sein Elend kann man nicht verzichten. Das ist schwer – man klammert sich daran. Nur auf sein Glück kann man

Das Mysterium der Liebe

verzichten, denn soviel schließlich weiß man, daß man, wenn man aufs Negative verzichtet, das Positive und ein positives Glück gewinnt. Du entsagst dem Negativen und erlangst Glück; einfach nur, indem du dem Negativen eine Absage erteilst, gelangst du zum Glück. Wenn du nun auch diesem Glück, dieser glücklichen Haltung entsagst, stößt du damit die Türen zum Unendlichen auf. Aber erst mußt du auf den Geschmack des Positiven gekommen sein: Nur dann, und nur dann, kannst du einen Sprung wagen.

Die dritte Frage:

In der letzten Technik, die du gestern erläutert hast, sprachst du davon, daß in dieser Welt der maya der einzig wirkliche Mittelpunkt für den Sucher sein inneres Bewußtsein ist. Bitte erkläre in diesem Zusam- menhang, worin die Rolle und Bedeutung des Gurus in dieser Welt der maya besteht.

Für dich ist diese Welt der maya nicht eine Welt der maya: Sie ist sehr wirklich; und die Rolle des Gurus ist die, dir zu zeigen, daß sie nicht wirklich ist. Für dich ist sie wirklich, wie kommst du also darauf, daß sie unwirklich sei? Du kannst erst dann an Unwirklichkeit denken, wenn du einen Schimmer vom Wirk- lichen erhascht hast. Erst dann kannst du vergleichen. Diese Welt ist nicht maya, ist nicht illusorisch für dich. Du hast davon gehört, du hast gelesen, daß diese Welt maya sei, und du magst es nach- plappern wie ein Papagei, also nennst auch du diese Welt illuso- risch. jeden Tag kommt jemand, der diese Welt illusorisch nennt, zu mir gelaufen und sagt: „Ich bin ganz durcheinander. Ich bin sehr verspannt. Sag mir also bitte, wie ich Frieden finden kann." Und diese Welt ist illusorisch! Wenn diese Welt illusorisch ist, wie kann dein Verstand sich dann verspannen? Wenn du erkannt hät- test, daß diese Welt illusorisch ist, wäre die Welt verschwunden – und mit der Welt all ihr Elend. Aber der Verstand ist noch da. Du weißt nicht, daß diese Welt illusorisch ist. Wenn du am Morgen aufwachst und mit dem Schlaf dein Traum verflogen ist, machst du dir dann noch Gedanken darüber? Machst du dir Sorgen, weil du geträumt hast, dich krank zu fühlen

Kapitel 4

oder gar gestorben zu sein? Du warst besorgt, solange der Traum währte; da warst du krank, da hast du um einen Arzt gebeten, um irgendeine Arznei. Aber am Morgen bist du im selben Augen- blick, da der Traum verschwunden ist, nicht mehr besorgt. Jetzt weißt du, daß du geträumt hast und du nicht krank bist. Wenn jemand zu mir kommt und sagt: „Ich weiß, daß ich nur geträumt habe, krank zu sein, aber nun sag mit bitte eines: Wo soll ich die Arznei herbekommen, um über diese Krankheit wegzukom- men?" – was ist dann damit bewiesen? Damit ist bewiesen, daß er immer noch schläft; damit ist bewiesen, daß er immer noch träumt, der Traum noch da ist. In Indien ist dieses papageienhafte Geschwätz, daß „die Welt illusorisch ist", tief ins Denken gesunken – aber ins unwahre Zentrum: Das ist kein Wachstum. Wir haben davon gehört, und die Upanishaden, die Veden und die Rishis, die Weisen, haben es seit Urzeiten gesagt, daß die Welt illusorisch sei. Sie haben diesen Gedanken so stark propagiert, daß alle, die schlafen und träumen, der Meinung sind, erwacht zu sein. Alle Welt schläft, aber ihr Elend zeigt, daß die Welt wirklich ist, ihre Qualen zeigen, daß die Welt wirklich ist. Die Rolle des Gurus besteht darin, euch einen ersten Lichtblick auf das Wirkliche zu geben – keine Lehre, sondern ein Auf- wachen. Der Guru ist kein Lehrer; der Guru ist ein Wecker. Er braucht euch keine Lehrsätze zu vermitteln. Wenn er euch Lehrsätze vermittelt, ist er ein Philosoph. Wenn er davon redet, daß die Welt illusorisch sei, und argumentiert und beweist, daß die Welt illusorisch ist, wenn er diskutiert und debattiert, wenn er euch auf intellektueller Ebene eine Lehre vermittelt, ist er kein Guru, ist er kein Meister. Er mag ein Lehrer sein, er mag eine besondere Richtung vertreten; aber ein Meister, ein Guru ist er nicht. Ein Guru vermittelt keine Lehrmeinungen. Er vermittelt Me- thoden – Methoden, die euch helfen können, aus eurem Schlaf herauszukommen. Das ist der Grund, warum ein Guru immer ein Störenfried eurer Träume ist und es so schwer mit einem Guru auszuhalten ist. Mit einem Lehrer läßt es sich leicht aushalten, denn er läßt euch immer in Frieden. Im Gegenteil häufelt er

Das Mysterium der Liebe

euren Berg an angesammeltem Wissen nur noch höher auf. Er verhilft euch dazu, noch egoistischer zu werden; er macht euch noch neunmalklüger – was euer Ego umso mehr befriedigt: Jetzt weißt du mehr, kannst du besser argumentieren, kannst du selber lehren. Aber ein Guru ist immer ein Störenfried. Er wird deinen Schlaf und deinen Traum stören – und vielleicht warst du ja gerade in einem wunderschönen Traum drin, warst vielleicht auf einem Trip, einem herrlichen Trip. Er wird es dir vermiesen, und du wirst wütend werden. Einem Guru droht immer Gefahr vonseiten seiner Jünger. Jederzeit können sie ihn umbringen, weil er ihnen ,alles vermiest'. Genau darin besteht seine Aufgabe. Er kann dir so, wie du bist, nicht dazu verhelfen, du selbst zu sein, weil du unecht bist. Er muß deine unechte Identität zerstören. Das tut weh. Und genau darum ist die Arbeit so unmöglich – außer wenn eine sehr tiefe Liebe da ist. Eine sehr tiefe Nähe ist notwendig, andernfalls wird Haß aufkommen. Also kann ein Guru euch nicht gestatten, ihm nahe zu sein, außer ihr habt euch hingegeben. Andernfalls wer- det ihr sein Feind werden. Nur dann, wenn eure Selbstaus- lieferung vollkommen ist, kann ein Guru arbeiten, denn es han- delt sich um spirituelle Chirurgie. Da kann es für den Jünger nicht ausbleiben, daß er enorm lei- den wird. Und wenn er nicht in tiefer Nähe mit dem Guru lebt, ist es unmöglich. Er wird nicht bereit sein, so viel zu leiden. Er ist gekommen, weil er Seligkeit sucht – und der Guru bereitet ihm Leid! Er ist gekommen, weil es ihn nach Euphorie gelüstet – und der Guru macht ihm die Hölle heiß! Am Anfang wird es also die Hölle sein, weil euer Selbstbild zertrümmert wird, eure Erwar- tungen zertrümmert werden. Alles, was ihr bisher gewußt haben mögt, könnt ihr jetzt wegwerfen. Alles, was ihr dargestellt haben mögt – er wird es auseinandernehmen. Im wörtlichsten Sinne geht ihr durch einen Tod hindurch. In Indien hieß es bei uns in den alten Zeiten: Acharya Mrityuh was bedeutet: „Der Meister, der Guru, ist ein Tod." Und das ist er! Und solange du dich ihm nicht total anvertraust, ist dieser chirurgische Eingriff unmöglich; denn am Anfang wird sich Leid einstellen. Deine Lebensqualen werden aufwallen, all deine

Kapitel 4

verdrängten Höllen werden sich auftun. Und nur wenn du auf ihn baust, wenn du eine tiefe Zuversicht und tiefes Vertrauen zu ihm hast, kannst du es bei ihm aushalten. Andernfalls wirst du davon- laufen, denn dieser Mann bringt dich total durcheinander! Denke also daran: Die Arbeit des Gurus, seine Rolle besteht darin, dir alles Unechte an dir bewußt zu machen, und daß deine Welt nicht stimmt, weil deine Mitte nicht stimmt. Die Welt ist nicht wirklich illusorisch, sie ist nicht maya. Sie ist nur deshalb maya, weil eure Augen illusorisch sind, von Träumen erfüllt sind. Ihr projiziert eure Träume überall um euch herum, und so wird die Wirklichkeit verfälscht. Die gleiche Welt wird wirklich wer- den, sobald eure Augen wirklich sind. Sobald das unwahre Zentrum zerbrochen sein wird und ihr wieder in eurem echten Zentrum, eurem Sein verwurzelt seid, wird diese Welt zum nir- vana werden. Die Zen-Meister werden nicht müde zu sagen, daß diese Welt das nirvana ist, daß genau diese Welt moksha, die Befreiung ist. Es ist nur eine Frage der Augen. Mit unwahren Augen wird alles unwahr; mit wahren Augen wird alles wahr. Eure unwahre Wesenheit läßt eine unwahre Welt um euch her erstehen. Und glaubt nicht, daß ihr alle in einer Welt lebt. Das könnt ihr nicht! Jeder einzelne lebt in seiner eigenen Welt, und es gibt so viele Welten, wie es Menschen gibt, denn jeder einzelne erschafft sich seine eigene Welt, sein eigenes Umfeld. Selbst wenn ihr in einer Familie zusammenlebt, lebt der Mann in seiner eigenen Welt und seine Frau in ihrer eigenen Welt, und jeden Tag kommt es zwi- schen diesen beiden Welten zu Kollisionen. Sie begegnen sich nie — sie stoßen zusammen. Begegnung ist ausgeschlossen. Vom Verstand aus ist keine Begegnung möglich — nur Kollision, Konflikt. Ist kein Verstand da, kann es zur Begegnung kommen. Die Frau lebt in ihrer eigenen Welt, in ihren eigenen Erwar- tungen. Ihr Mann ist für sie nicht der wirkliche Mann da draußen in der Welt; er ist nur das Bild, das sie sich von ihm macht. Der Mann lebt in seiner eigenen Welt, und die wirkliche Frau ist nicht seine Frau. Er macht sich ein Bild von seiner Frau, und immer, wenn diese Frau nicht mit seinem Bild übereinstimmt, kommt es zu Kampf, Konflikt, Wut und Haß. Er liebt sein eigenes Bild von

Das Mysterium der Liebe

einer Ehefrau, und die Ehefrau liebt ihr eigenes Bild von einem Ehemann, und beide Bilder sind illusorisch — sie existieren nir- gends wirklich. Wohl existiert diese wirkliche Frau, und wohl existiert dieser wirkliche Mann, aber sie können sich nicht begegnen, weil zwischen diesen beiden Wirklichkeiten der unwirkliche Mann und die unwirkliche Frau stehen. Die sind immer im Wege und werden es zu keiner Begegnung zwischen den wirklichen kommen lassen. Jeder lebt in seiner eigenen Welt, in seinen eigenen Träumen, Erwartungen, Projektionen. Es gibt so viele Welten, wie es Vorstellungswelten gibt und das sind die Welten, die illusorisch sind, maya. Wenn dein unwahres Zentrum sich auflöst, verändert sich die ganze Welt. Dann ist es eine wirkliche Welt. Dann siehst du zum allerersten Male die Dinge so, wie sie sind. Dann gibt es kein Unglück mehr, denn mit der Illusion verschwinden Erwar- tungen, und angesichts der Wirklichkeit kann es kein Unglück geben. Dann empfindet man plötzlich: „So ist es also! Tatsache ist Tatsache." Nur Fiktionen machen Probleme, und Fiktionen erlau- ben dir nie, das Tatsächliche zu wissen. Diese Fiktionen der Vor- stellungswelt — das ist maya. Die Rolle des Gurus ist es, die Fiktionen zu zerschlagen, damit dir das Tatsächliche offensteht — und du offen wirst für das Tatsächliche. Diese Tatsächlichkeit ist „die Wahrheit". Hast du diese Tatsächlichkeit erst einmal kennengelernt, wird selbst der Guru anders sein. Wenn du jetzt vor einen Guru hintrittst, tust du es mit deinem eigenen Bild von ihm. Irgendwer kommt zu mir:

Er kommt mit seinem eigenen Bild von mir. Und wenn ich mich dann nicht seinem Bild füge, kommt er in Schwierigkeiten. Aber wie soll ich seinem Bild folgen? Und wenn ich versuchen würde, jedermanns Bild zu folgen — wär das ein Schlamassel! Und jeder Schüler denkt, ich sollte so oder so sein; jeder hat seine eigene Vorstellung von einem Guru. Wenn ich seine Vorstellungen nicht erfülle, wird er frustriert sein; aber so ist es nun einmal. Ein Schüler kommt mit einer bestimmten Vorstellungswelt, und das ist das Problem. Ich muß seine Vorstellungswelt verändern, muß sie zerstören. Er kommt mit gewissen Vorstellungen, und er betrachtet auch mich durch seine eigenen Vorstellungen hindurch.

Kapitel 4

Ich war einmal zu Gast bei einer Familie. Die Familie warJains, also aßen sie nachts nicht. Der alte Mann der Familie, der Groß- vater, war in meine Bücher vernarrt. Er hatte mich nie gesehen, und es ist leicht, ein Buch zu lieben – ein Buch ist etwas Totes. Er kam, um mich zu begrüßen. Er war sehr alt, und schon sein Zimmer zu verlassen war für ihn eine Belastung. Er war zwei- undneunzig, aber er kam raus, um mich zu begrüßen. Ich sagte ihm, ich würde gern zu ihm ins Zimmer kommen, aber er sagte:

„Nein! Ich habe eine solche Hochachtung vor dir, ich werde kom- men." Also kam er, und er lobte mich über den grünen Klee. Er sagte: „Du bist genau wie ein tirthanker." Er pries und pries mich, und dann kam der Abend und die Dunkelheit senkte sich herab. Jemand aus dem Haushalt kam und sagte: „Es wird schon spät. Komm jetzt und nimm dein Abendbrot zu dir." Also sagte ich: „Geduldet euch noch etwas, diesem Alten zuliebe. Laßt ihn sagen, was immer er zu sagen hat; ich werde dann später kom- men." Der alte Mann sagte: „ Was sagst du da? Willst du etwa zur Nachtzeit essen?" Ich sagte: „Das ist für mich in Ordnung." Da sagte er: „Ich nehme alles zurück. Du bist kein tirthanker. Einer, der nicht einmal weiß, daß es die größte Sünde ist, zur Nachtzeit zu essen – was kann der denn wohl wissen?" Nun, dieser Mann kann mir nicht begegnen. Unmöglich! Solange ich nachts nichts aß, war ich ein tirthanker, ein großer Meister. Ich hatte noch gar nichts gegessen; ich hatte nur gesagt, daß ich später essen wolle, und plötzlich bin ich kein tirthanker mehr. Der Alte sagte zu mir: „Ich kam, weil ich von dir etwas zu lernen hoffte. Aber jetzt ist das unmöglich. Jetzt habe ich das Gefühl, dir etwas beibringen zu müssen." Wenn dir diese Welt zu einer Illusion wird, gehört dein Guru ihr ebenfalls an und verschwindet in ihr. Aus diesem Grund gibt es, wenn der Jünger erwacht, keinen Guru. Das wird sehr para- dox scheinen: daß kein Guru mehr da ist, wenn der Schüler wirk- lich wach wird. Es gibt einen buddhistischen Mystiker namens Saraha, der wun- derbare Lieder geschrieben hat. In jedem Lied lautet die letzte, die

Endzeile: „

gewisse Lehren. So sagt er zum Beispiel: ‚ Weder existiert die Welt,

und

Saraha verschwindet." Er lehrt etwas, er gibt

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noch existiert das nirvana weder das Gute noch das Böse. Trans- zendiere — und Saraha verschwindet." Man hat darüber gerätselt.

Warum sagt Saraha immerzu „

Wenn du wirklich das erfährst, was immer das Lied zum Ausdruck bringt, das, worauf er hinweist: „Es gibt weder Gut noch Böse, weder die Welt noch das nirvana" — wenn der Schüler wirk- lich die Augen hierfür aufmacht, wird Saraha verschwinden. Wo soll der Guru noch sein? Der Guru gehörte der Welt des Schülers an. Von nun an wird es die Wesenheit, die aus Schüler und Guru bestand, nicht mehr geben. Sie werden eins geworden sein. Wenn der Schüler erwacht, wird er zum Guru — „und Saraha ver- schwindet". Dann ist der Guru nicht mehr da. Selbst der Guru ist Teil deines Traums, deiner eingebildeten Illusionswelt. Aber weil dem so ist, entstehen viele Probleme. Krishnamurti wird nicht müde zu sagen: „Da ist kein Lehrer!" Und recht hat er. Dies ist die letztendliche Wahrheit. Wenn du erwacht bist, bist du der Lehrer, und einen anderen Lehrer gibt es nicht. Aber dies ist die letztmögliche Wahrheit, und bevor dies geschieht, gibt es den Lehrer nur, weil es den Schüler gibt. Der Schüler kreiert den Lehrer — es geschieht um des Schülers willen. Merkt euch also: Wenn du auf einen falschen Lehrer triffst, dann verdienst du einen falschen Lehrer. Nur darum triffst du auf einen falschen Lehrer. Ein falscher Schüler kann einem richtigen Lehrer nicht begegnen. Du kreierst deinen Lehrer, deinen Meister. Ob der Meister klein ist oder ob er groß ist, hängt von dir ab. Du wirst auf denjenigen treffen, den du verdienst. Wenn du auf einen falschen Menschen triffst, geschieht dies deinetwe- gen. Du bist dafür verantwortlich, nicht der falsche Mensch. „Der Guru" gehört ebenfalls zu deiner Vorstellungswelt. Er gehört dei- ner Traumwelt an. Außer wenn du also erweckt bist, wirst du

und Saraha verschwindet"?

jemanden brauchen, der dich verstört, jemanden, der dir hilft. Dieser Jemand ist dann ein Guru, wenn er dir Methoden bei- bringt. Er ist lediglich ein Lehrer, wenn er dir nur Doktrinen, Prinzipien, Lehren beibringt. Aber vielleicht brauchst du ihn im Moment. Denkt es euch einmal so: Selbst in einem Traum kommt etwas vor, das euch hilft, aus ihm herauszukommen. Selbst im Traum

Kapitel 4

kann einem etwas helfen, aus ihm herauszukommen. Ihr könnt es ausprobieren: Sagt euch, während ihr einschlaft, immerzu vor:

„Sobald ein Traum kommt, werden sich meine Augen öffnen." Schärft euch das ununterbrochen beim Einschlafen ein, drei Wochen lang: „Sobald ein Traum kommt, werden sich meine Augen öffnen; ich werde schlagartig wach werden." Und ihr wer- det wach werden! Selbst aus einem Traum kann man aufwachen, vermittels einer bestimmte Technik. Sag dir im Augenblick des

Einschlafens

um fünf Uhr morgens." Wiederhole es zweimal, und dann schlafe wortlos ein. Früher oder später wirst du den Bogen raushaben. Punkt fünf Uhr wird dich jemand wecken. Selbst im Träumen, selbst im Schlafen gibt es Methoden, die dir aufzuwachen helfen. Dasselbe gilt für den spirituellen Traum, in dem ihr euch be- findet. Ein Meister kann euch Methoden lehren, die da weiter- helfen können. Dann werden euch diese Methoden, sobald ihr in einen Traum verfallt, daran hindern; oder ihr werdet, falls ihr schon zu träumen begonnen habt, plötzlich geweckt werden. Wenn dieses Wachen zu eurem natürlichen Zustand wird, ist kein Guru mehr nötig. Wenn du erweckt bist, verschwindet der Guru. Aber ihr werdet dem Guru gegenüber dennoch Dank empfinden, weil er euch geholfen hat. Sariputta war einer der bedeutendsten Schüler Buddhas. Er wurde von sich aus erleuchtet, er wurde von selbst ein Buddha. Da sagte Buddha zu Sariputta: Jetzt kannst du gehen und her- umziehen. Jetzt ist für dich meine Anwesenheit nicht mehr erfor- derlich. Du selbst bist aus dir heraus zu einem Meister geworden, also kannst du jetzt gehen und anderen helfen, aus ihrem Schlaf herauszufinden." Sariputta berührte, als er Buddha verließ, dessen Füße. Jemand fragte Sariputta: „Du selbst bist doch nun erleuchtet, warum also berührst du Buddhas Füße?" Sariputta antwortete: „Jetzt ist es nicht mehr nötig, ihm die Füße zu berühren. Aber daß das so ist – dazu konnte es nur seinetwegen kommen. Jetzt ist es nicht mehr nötig, aber kommen konnte es dazu nur seinetwegen." Sariputta zog fort; aber wo immer er war, warf er sich jeden Morgen auf den Boden – in die Richtung, wo sich Buddha

wenn du Ram heißt, dann sag: „Ram, weck mich

Das Mysterium der Liebe

befand. Jeden Abend warf er sich auf den Boden, und alle frag- ten: „Was tust du da? Vor wem wirfst du dich zu Boden?" – denn Buddha war weit weg, meilenweit weg. Dann sagte er jedesmal:

,Vor meinem Lehrer, der verschwunden ist. Ich bin nun selbst der Guru; aber das war früher, vor ihm, nicht möglich. Es wurde nur durch ihn möglich." Selbst also, wenn der Lehrer verschwindet, wenn der Guru ver- schwindet, wird der Schüler von tiefer Dankbarkeit durchdrun- gen sein – der größtmöglichen Dankbarkeit. Solange du schläfst, brauchst du jemanden – jemanden der dich

stört. Und wenn du jemandem das erlaubst, dann ist genau dies der Sinn der Hingabe. Wenn du sagst: „Okay, ich gestatte dir mich

zu nerven" – dann bedeutet Hingabe genau dies

ein Vertrauen.

Vertrauen heißt, daß du dich von nun an nicht mehr gegen die- sen Menschen sträuben wirst, selbst wenn er dich ins Unglück stürzt, daß du ihn nicht mehr in Frage stellen wirst. Er mag dich hinführen, wo er will – du vertraust ihm, er wird dir kein Leid zufügen. Wenn du nicht vertraust, dann wirst du keinen Schritt nach vorn tun können, weil du das Gefühl hast, daß er dir schaden wird. Du hast das Gefühl – so, wie du es verstehst –, daß er dir auf vielerlei Art Schaden zufügen wird. Und wenn du denkst: „Ich muß mich vor ihm in Schutz nehmen", dann ist keine weitere Arbeit mehr möglich. Wenn du deinem Chirurgen mißtraust,

wirst du ihm nicht gestatten, dir eine Narkose zu geben. Du weißt nicht, was er vorhat, also wirst du sagen: „Operiere nur zu, aber laß mich bitte bewußt bleiben, so daß ich alles, was du tust, sehen kann. Ich kann dir nicht trauen." Deinem Chirurgen vertraust du. Er gibt dir eine Narkose, weil die Dinge so liegen, daß bei Bewußtsein die Operation unmöglich würde – dein Bewußtsein würde dazwischenfunken. Darum ist Vertrauen blind. Was bedeu- tet, daß du sogar bereit bist, unbewußt zu werden, sogar blind zu werden. Du bist bereit ihm zu folgen, egal wo er dich hinführt. Nur so wird eine tiefere innere Operation überhaupt möglich. Und die Operation ist nicht nur eine physische, physiologische, sondern eine psychologische. Sie wird viel Schmerz verursachen, viel Qual, denn eine Katharsis, eine Reinigung ist notwendig, und du mußt auf dein eigenes Zentrum zurückgeworfen werden, das

Kapitel 4

du völlig vergessen hast, mußt wieder zu deinen Wurzeln zurück- gezerrt werden, die du meilenweit hinter dir gelassen hast. Dies wird äußerst hart und schwer sein; es dauert sogar Jahre. Aber wenn der Schüler sich auszuliefern bereit ist, kann es sogar binnen Sekunden passieren. Es kommt auf die Intensität der Selbstauslieferung an. Unnötig viel Zeit wird verschwendet, weil

langsam deshalb, damit du

dich langsam gewöhnen kannst, ihm mehr zu vertrauen. Und er muß vieles unnötig tun, nur um dieses Vertrauen herzustellen. Nur um überhaupt die Operation durchführen zu können, muß er viele Dinge unnötig tun, ohne die es auch ginge. Eigentlich nicht nötig, Zeit und Energie mit ihnen zu vertun; aber sie sind notwendig, nur um Vertrauen herzustellen. Ich zitierte eben Saraha Saraha ist einer von den vierun- dachtzig siddhas – einer von den vierundachtzig buddhistischen Mystikern –, die erleuchtet wurden. Saraha sagt zu diesen Schülern, die zu Meistern geworden sind: „Benehmt euch so, daß andere euch trauen können. Ich weiß, daß ihr jetzt auf Moral- predigten verzichten könnt, daß ihr jetzt auf Anstandsregeln ver- zichten könnt. Ihr habt transzendiert und könnt tun und lassen und sein, was ihr wollt. Jetzt existiert für euch kein Moralkodex, kein System mehr. Trotzdem – benehmt euch so, daß Lernende euch vertrauen können." Und so kommt es, daß große Meister sich so benommen haben, daß die Gesellschaft billigte, was sie taten. Nicht etwa, daß es für sie nötig gewesen wäre, sich so zu benehmen. Es ist lediglich eine überflüssige Maßnahme, um Vertrauen zu wecken. Wenn sich Mahavir also an die Sitten hält, die die Jains aufgestellt haben, liegt dem keine innere Notwendig- keit zugrunde. Er verhält sich nur deswegen so, damit die Jains folgen und Schüler werden können, damit sie vertrauen können.

Das ist der Grund, warum es jedesmal so viele Probleme gibt, wenn ein Lehrer sich auf eine neue Art und Weise verhält. Jesus verhielt sich auf eine neue Art und Weise, die der jüdischen Gemeinde unbekannt war. Es war nichts verkehrt daran, aber das wurde zum Problem: Die Juden konnten ihm nicht vertrauen. Ihre Meister in der Vorzeit hatten sich anders verhalten, und dieser Mann benahm sich jetzt so merkwürdig! Er hielt sich nicht

der Guru langsam vorgehen muß

Das Mysterium der Liebe

an die Spielregeln, also konnten sie ihm nicht vertrauen. Also mußten sie ihn kreuzigen. Und warum verhielt Jesus sich so? Dahinter steckte Indien. Er war viele Jahre hier gewesen, ehe er in Jerusalem auftauchte. War hier in einem buddhistischen Kloster erzogen worden, und dort versuchte er dann, buddhistischen Regeln zu folgen — dort, wo es keine buddhistische Gesellschaft gab. Er lebte in einer jüdischen Gemeinde so, als lebte er in einer buddhistischen Gemeinde — und das war der ganze Stein des Anstoßes. Er wurde umgebracht, mißverstanden, ermordet, und der Grund war einzig und allein dieser: daß die Juden ihm nicht vertrauen konnten. Ein Lehrer, ein Guru muß so manche Dinge unnötigerweise um sich her veranstalten, muß viele Dinge tun, nur uni Vertrauen herzustellen. Aber selbst dann kommen Probleme auf, weil jeder mit seinen eigenen Erwartungen daherkommt: „Der Guru hat so oder so zu sein!" Selbstaufgabe bedeutet, daß du deine Erwartungen hinter dir läßt. Du erlaubst dem Guru, so zu sein, wie er ist, und du erlaubst ihm alles zu tun, was er tun möchte. Selbst wenn das zu Schmerz führt, bist du bereit dazu. Selbst wenn er dich in Richtung Tod führt, bist zu bereit dazu, denn letzten Endes wird er dich einem tiefen Tod entgegenführen. Nur danach ist Wiedergeburt möglich. Wiederauferstehung ist erst dann möglich, wenn deine alte Identität gekreuzigt worden ist.

Wie wird man zum Zeugen des ständig laufenden Lebensfilms? [Sutras]

57. Bleibe bei Anwandlungen extremen Verlangens gelassen.

58. Dieses sogenannte Universum wirkt wie eine Trickvorfü hrung,

eine Bilderschau. Um glücklich zu sein, betrachte es als solche.

59. Oh Geliebte, richte deine Aufmerksamkeit weder auf das

Vergnügen noch auf den Schmerz sondern genau dazwischen.

60. Dinge und Wünsche existieren in mir wie in anderen. Lasse sie

zu, und indem du dies akzeptierst, werden sie transformiert.

Das Mysterium der Liebe

Ursprünglich ist der Geist wie ein Spiegel. Er ist rein, und er bleibt rein, aber es kann sich Staub darauf sammeln. Die Reinheit geht nicht verloren; der Staub kann die Reinheit nicht zerstören, aber die Reinheit kann zugedeckt werden. Das ist der Zustand, in dem sich der gewöhnliche Geist befindet, staubbedeckt. Versteckt hinter dem Staub, bleibt der ursprüngliche Geist rein. Er kann gar nicht unrein werden; das ist unmöglich. Und wäre es möglich, daß er unrein würde, dann wäre jede Möglichkeit ausgeschlossen, die Reinheit wiederzugewinnen. An und für sich bleibt er rein, nur von Staub überzogen. Unser Geist ist der ursprüngliche Geist plus Staub, ist Buddha- Geist plus Staub, göttlicher Geist plus Staub. Wenn du erst einmal verstehst, ihn freizulegen, ihn dem Staub zu entreißen, dann hast du alles verstanden und hast du alles erlangt, was wert ist, erlangt zu werden. All diese Techniken befassen sich damit, wie du dei- nen Geist von dem tagtäglichen Staub befreien kannst, der sich zwangsläufig auf ihn legt. Der Staub ist nur natürlich. Genau wie bei einem Reisenden, der viele, viele Straßen zurückgelegt hat, hat sich viel Staub angesammelt – und du bist schon seit vielen, vielen Leben auf Reisen! Du hast weite Entfernungen zurückgelegt, und es hat sich viel Staub angesammelt. Viele Punkte gilt es zu verstehen, bevor wir auf diese Techniken eingehen. Erstens: Der Osten unterscheidet sich grundsätzlich vom Westen, was seine Haltung zu innerer Transformation angeht. Das Christentum glaubt, daß dem menschlichen Sein an sich etwas zugestoßen ist – die Sünde. Der Osten glaubt, daß dem Sein an sich überhaupt nichts zugestoßen ist – daß ihm gar nichts zustoßen kann. Das Sein verbleibt in seiner absoluten Reinheir, es hat keine Sünde stattgefunden. Also ist der Mensch im Osten nicht ver- dammt. Er ist kein Gefallener. Im Gegenteil: Er bleibt das Göttliche, das er ist, das er immer gewesen ist; aber es ist natürlich, daß sich Staub ansammelt. Staub muß sich einfach ansammeln. Also gibt es keine Sünde, sondern nur ein falsches Selbst- verständnis. Wir fangen nämlich an, uns mit unserem Denken – mit dem Staub – zu identifizieren. Unsere Erfahrung, unser Wissen, unsere Erinnerungen – das alles ist der Staub. Alles, was du je gewußt hast, was du je erfahren hast – deine gesamte

Kapitel 5

Vergangenheit ist der Staub. Den ursprünglichen Geist zurückge- winnen heißt, seine Reinheit zurückgewinnen – ohne Erfahrun- gen, ohne Wissen, ohne Erinnerungen, ohne die Vergangenheit. Alles Vergangene ist Staub. Aber wir haben uns mit dem Vergangenen identifiziert – und nicht mit dem Bewußtsein, das immer gegenwärtig ist. Stellt es euch einmal so vor: Alles, was du weißt, gehört immer der Vergangenheit an, du aber bist hier und jetzt in der Gegenwart. All dein Wissen ist Staub. Erkennen ist deine Reinheit, das Erkannte ist Staub. Die Fähigkeit zu wissen, die Energie zu wissen – das Erkennen – ist deine ursprüngliche Natur. Durch dieses Erkennen sammelst du Wissen an. Dieses Wissen ist staubartig. Hier und jetzt, in genau diesem Moment, bist du absolut rein, aber du identifizierst dich nicht mit dieser Reinheit. Du identifizierst dich mit der Vergangenheit, der angehäuften Vergangenheit. Alle meditativen Techniken sind also im Grunde Methoden, uni das Vergangene abzustreifen und dir zu erlauben, dich kopfüber ins Hier und Jetzt zu stürzen. Buddha war auf der Suche danach, wie er diese Reinheit des Bewußtseins wiedererlangen könne, wie er sich von drr Ver- gangenheit freimachen könne, denn solange du dich nicht von der Vergangenheit freimachst, lebst du in Knechtschaft, wirst du ein Sklave bleiben. Die Vergangenheit lastet schwer auf einem, und der Vergangenheit wegen lernt man die Gegenwart niemals ken- nen. Das Vergangene ist bekannt; das Gegenwärtige ist ein ganz winziger, atomhafter Moment. Man versäumt ihn fortwährend wegen der Vergangenheit, und wegen der Vergangenheit proji- ziert man fortwährend in die Zukunft. Die Vergangenheit wird in die Zukunft projiziert, und beide sind unwirklich: Die Vergan- genheit ist nicht mehr, die Zukunft muß erst noch werden. Beide existieren nicht, und das, was existiert, liegt zwischen diesen bei- den Abwesenheiten versteckt. Buddha war auf der Suche; er zog von einem Lehrer zum ande- ren. Er suchte, und er suchte viele Lehrer auf – alle bekannten Lehrer. Er zog sie zu Rate, er gestattete ihnen, an ihm zu arbeiten, er unterstützte sie. Er disziplinierte sich auf so manche Weise, aber er war nicht erfüllt. Und dies war die Schwierigkeit: Die Lehrer waren am Zukünftigen interessiert, an irgendeinem Befreiungs-

Das Mysterium der Liebe

zustand jenseits des Todes, wenn dieses Leben vorbei war. Sie waren an irgendeinem Gott, einem nirvana, einem moksha, irgendeinem befreiten Zustand interessiert, der irgendwo in der Zukunft lag – während Buddha am Hier und Jetzt interessiert war. Also konnten sie in Wirklichkeit nie zusammenkommen. Er sagte zu jedem Lehrer: ,Was mich interessiert, ist das, was hier und jetzt ist, wie ich hier und jetzt rückhaltlos, vollständig und rein sein kann." Worauf sie dann antworteten: ‚Wende ,diese oder jene' Methode an, tu ,dies oder jenes', und wenn du es richtig machst, wirst du ankommen – irgendeines zukünftigen Tages, in irgend- einem zukünftigen Leben, in irgendeinem zukünftigen Zustand." Früher oder später verließ er jeden Lehrer, und schließlich ver- suchte er es auf sich gestellt, allein. Was genau tat er? Etwas ganz Einfaches. Wenn man es erst einmal kennt, ist es sehr einfach und liegt auf der Hand, aber wenn man es nicht kennt, ist es so bitter schwer, daß es unmöglich scheint. Er tat nur eines: Er blieb beim gegenwärtigen Augenblick. Er vergaß seine Vergangenheit und er vergaß seine Zukunft. Er sagte: ,Von nun an werde ich hier und jetzt sein. Ich will einfach nur existieren." Wenn du auch nur einen Moment lang existieren kannst, bist du auf den Geschmack gekommen – den Geschmack deines reinen Bewußtseins. Und hast du es erst einmal geschmeckt, kannst du es nie wieder ver- gessen. Dann begleitet dich der Geschmack, diese Kostprobe, und diese Kostprobe wird zur Transformation. Vielzählig sind die Wege, wie man die Vergangenheit abwerfen kann, wie man den Staub abschütteln und einen Blick auf seinen eigenen Geist werfen kann. All diese Techniken hier sind ver- schiedene Wege, aber jede dieser Techniken setzt ein tiefes Verstehen voraus, vergeßt das nicht. Diese Techniken sind nichts Mechanisches, weil sie dazu dienen sollen, Bewußtsein freizule- gen. Es sind keine mechanischen Sachen. Ihr könnt diese Techniken zwar mechanisch benutzen; und wenn ihr sie als mechanische Techniken einsetzt, mag sich eine gewisse geistige Stille einstellen, aber die wird nicht die ursprüngliche Reinheit sein. Ihr mögt eine gewisse Stille gewinnen, aber die wird eine gekünstelte Stille sein. Auch die gehört der Staubschicht des Geistes an, nicht der ursprünglichen Schicht. Benutzt sie nicht

Kapitel 5

mechanisch. Ein tiefes Verstehen ist notwendig, und nur da, wo Verstehen herrscht, können sie helfen, euer Sein bloßzulegen.

Die erste Technik:

Bleibe bei Anwandlungen extremen Verlangens gelassen.

Wenn dich Verlangen packt, gerätst du in Verwirrung; selbst- verständlich – das ist natürlich. Das Verlangen packt dich, dann geraten deine Gedanken in Bewegung und schlagen viele kleine Wellen auf der Oberfläche. Das Verlangen zieht dich irgendwohin in die Zukunft; das Verlangen drängt dich irgendwohin in die Zukunft. Du bist durcheinander, du bist nicht gelassen. Verlangen ist darum eine Art Unwohlsein. Nun heißt es in diesem Sutra:

Bleibe bei Anwandlungen extremen Verlangens gelassen. Aber wie soll das gehen? Heißt Verlangen nicht, ungelassen sein? Wie also gelassen sein? Und das auch noch in Augenblicken extremen Verlangens! Ihr werdet erst bestimmte Experimente machen müs- sen, eher werdet ihr nicht verstehen, was hier gemeint ist. Du bist in Wut: Ein Wutanfall packt dich. Du bist momentan verrückt, besessen, bist nicht mehr bei Sinnen. Erinnere dich plötzlich daran, gelassen zu sein: so als würdest du deine Kleider ablegen. Zieh dich innerlich nackt aus – nackt von der Wut, unbe- kleidet. Die Wut wird da sein, aber jetzt wirst du in dir einen Punkt haben, der nicht aus der Fassung gerät. Du wirst wissen, daß die Wut noch da ist – am Rande. Wie ein Fieber ist sie da. Die Randzone erbebt, die Randzone ist außer Fassung. Aber jetzt kannst du es dir ansehen. Wenn du es dir ansehen kannst, wirst du gelassen sein. Werde einfach zum Augenzeugen dieser Sache, und du wirst gelassen sein. Dieser gelassene Punkt ist dein ursprünglicher Geist. Der ursprüngliche Geist kann nicht unge- lassen sein, er wird nie gestört. Aber du hast ihn dir nie angese- hen. Wenn Wut da ist, identifizierst du dich mit der Wut. Du ver- gißt, daß Wut etwas anderes ist als du. Du wirst eins mit ihr, und du beginnst, durch sie hindurch zu agieren, etwas durch sie zu tun. Zweierlei kann geschehen. In Wut wirst du gewalttätig gegen jemanden werden, gegen den Gegenstand deiner Wut. Dann bist

Das Mysterium der Liebe

du auf dein Gegenüber zugegangen. Die Wut ist genau zwischen dir und deinem Gegenüber. Hier bin ich, dann ist da die Wut, und dort bist du, die Zielscheibe meiner Wut. Von der Wut aus kann ich mich in zwei Richtungen bewegen. Entweder kann ich mich zu dir hinbewegen – dann wirst du zum Mittelpunkt meines Bewußtseins, zum Gegenstand meiner Wut. Dann fokussiert sich mein Geist auf dich, auf „den, der mich beleidigt hat". Das ist die eine Richtung, die von der Wut aus weg führt. Es gibt eine andere Richtung: Du kannst dich zu dir hinbewegen. Dann gehst du nicht auf die Person zu, von der du das Gefühl hast, daß sie die Wut verursacht hat, sondern auf die Person zu, die sich wütend fühlt. Du gehst zum Subjekt und nicht zum Objekt hin. Gewöhnlicherweise gehen wir immer zum Objekt hin. Wenn du zum Objekt hin gehst, wird die Staubseite deines Geistes ver- stört, du aber wirst das Gefühl haben: „Ich bin verstört." Wenn du nach innen gehst, zum Mittelpunkt deines eigenen Seins, wirst du Zeuge werden können von der Staubseite, wirst du sehen kön- nen, daß die Staubseite deines Geistes verstört ist, daß „Ich aber völlig ruhig bin." Und hiermit kannst du experimentieren – bei jedem Verlangen, jeder Verstörung. Ein sexuelles Verlangen wird dir bewußt; dein ganzer Körper wird davon erfaßt: Nun kannst du auf das Sexobjekt, den Gegen- stand deines Verlangens zugehen. Dieser Gegenstand mag da sein oder nicht da sein – du kannst auch in der Vorstellung auf das Objekt zugehen. Aber dadurch wirst du nur noch verstörter. Je wei- ter du dich von deiner Mitte entfernst, desto verstörter wirst du sein. Tatsächlich stehen Entfernung und Verstörung immer im glei- chen Verhältnis. Je weiter du von deiner Mitte entfernt bist, desto verstörter bist du. Je näher du der Mitte bist, desto weniger bist du verstört. Wenn du direkt in der Mitte bist, gibt es keine Verstörung. In jedem Wirbelsturm gibt es eine Mitte, die ungestört ist – im Wirbelsturm der Wut, im Wirbelsturm des Sex, im Wirbelsturm jeglichen Verlangens. Genau in der Mitte ist kein Wirbelsturm, und ohne einen stillen Mittelpunkt kann ein Wirbelsturm nicht existieren. Auch die Wut kann nicht existieren ohne etwas in dei- nem Inneren, das jenseits ist von der Wut. Merkt euch dies: Nichts kann ohne sein Gegenteil existieren.

Kapitel 5

Das Gegenteil muß zwangsläufig mit von der Partie sein. Ohne es könnte es überhaupt nicht existieren. Wenn es in dir keine Mitte gäbe, die unbewegt bleibt, wäre da draußen keine Be- wegung möglich. Wenn es in dir kein Zentrum gäbe, welches ungestört bleibt, könnte dir keine Störung widerfahren. Analysiert dies und beobachtet dies: Wenn es keinen Mittelpunkt absoluter Ungestörtheit in dir gäbe, wie könntest du dann das Gefühl haben, gestört zu sein? Du brauchst einen Vergleich. Du brauchst zwei Punkte, um vergleichen zu können. Gesetzt, jemand ist krank: Er fühlt sich nur deshalb krank, weil da irgendwo in ihm ein Punkt, ein Zentrum absoluter Gesundheit existiert. Darum kann er vergleichen. Du sagst, daß dir der Kopf wehtut. Wie kommt es, daß du von diesem Weh, diesem Kopf- weh weißt? Wenn du das Kopfweh wärst, könntest du es nicht wis- sen. Du mußt jemand anders, etwas anderes sein – der Beobachter, der Augenzeuge, der sagen kann: „Mir tut der Kopf weh." Dieses Kopfweh kann nur von etwas empfunden werden, das nicht das Kopfweh ist. Und wenn du krank, wenn du fiebrig bist, kannst du das nur deshalb fühlen, weil du nicht das Fieber bist. Das Fieber kann nicht wahrnehmen, daß da Fieber ist. Dazu ist eine Instanz erforderlich, die jenseits davon ist – ist ein Gegenpol erforderlich. Wenn du in Wut bist, und du das Gefühl hast, in Wut zu sein, dann heißt das, daß in dir ein Punkt existiert, der noch davon unberührt ist und der Zeugnis ablegen kann. Du magst nicht auf diesen Punkt schauen – das steht auf einem ande- ren Blatt. Du magst dich nicht in diesem Punkt wiedererkennen – das steht auf einem anderen Blatt. Aber er ist da. Immer ist er da – in seiner unangetasteten Reinheit. Dies Sutra lautet: Bleibe bei Anwandlungen extremen Verlangens gelassen. Was kannst du tun? Diese Technik hat nichts mit Ver- drängung im Sinn. Diese Technik besagt nicht, daß du, wenn du in Wut gerätst, diese wegdrücken und gelassen bleiben sollst – kei- neswegs! Wenn du unterdrückst, wirst du nur noch mehr Störungen hervorrufen. Wenn die Wut da ist und es kommt noch die Unterdrückungsanstrengung dazu, wird die Störung nur ver- doppelt. Wenn Wut aufkommt, dann verschließe deine Türen, meditiere über die Wut, lasse die Wut da sein. Du bleibe gelassen

Das Mysterium der Liebe

und unterdrücke nichts. Es ist leicht, sie zu unterdrücken; es ist leicht, sie auszudrücken. Wir tun beides. Wir drücken sie aus, wenn die Situation es erlaubt und es bequem und ungefährlich für uns ist. Wenn du dem anderen schaden kannst, der andere dir aber nicht schaden kann, wirst du die Wut zum Ausdruck brin- gen. Wenn es gefährlich ist, wenn dir der andere mehr Schaden zufügen kann, wenn dein Chef, oder auf wen du wütend bist, stär- ker ist, wirst du sie unterdrücken. Ausdrücken und Unterdrücken sind leicht; Zeuge bleiben ist schwer. Zeuge bleiben ist weder-noch, ist weder Ausdrücken noch Unterdrücken. Es ist kein Ausdrücken, weil du sie nicht dem gegenüber zum Ausdruck bringst, auf den du wütend bist. Und unterdrückt wird sie damit auch nicht. Du gestattest ihr, sich aus- zudrücken, in einem Vakuum auszudrücken – indem du über sie meditierst. Stell dich vor einen Spiegel und drücke deine Wut aus – und bleibe Zeuge dabei. Du bist allein, also kannst du darü- ber meditieren. Tu, was immer du tun möchtest, aber in einem luftleeren Raum. Wenn du zuschlagen möchtest, dann schlage ins Leere. Wenn du wütend werden möchtest, dann werde wütend; wenn du schreien möchtest, dann schreie. Aber tu es für dich, und stell dich dabei als den Punkt vor, der dies alles sieht – dieses Theater. Dann wird ein Psychodrama daraus, und du kannst dar- über lachen, und es wird für dich eine tiefe Katharsis sein. Hinterher wirst du dich davon befreit fühlen – und nicht nur befreit: Du wirst dadurch etwas gewonnen haben. Du wirst gereift sein, ein Stück Wachstum wird dir zuteilgeworden sein. Und jetzt wirst du wissen, daß selbst dann noch, als du voller Wut warst, in dir ein Zentrum da war, das gelassen blieb. Jetzt versuche, dieses Zentrum immer mehr freizulegen. Und es ist leicht, es mitten im Begehren freizulegen. Das ist der Grund, warum Tantra nichts gegen Begierde hat. Es sagt: Begehre ruhig, aber erinnere dich dabei an das Zentrum, das gelassen bleibt. Darum sagt Tantra, daß sogar der Sex genutzt wer- den kann: Geh hinein in den Sex, aber bleibe gelassen, sei ein Zeuge. Bleib immerzu ein tiefer Beobachter. Alles, was passiert, pas- siert an der Peripherie. Du bist nur ein Zuschauer; ein Augenzeuge. Diese Technik kann sehr nützlich sein, und du kannst viel Gewinn

Kapitel 5

aus ihr ziehen. Aber es wird schwer sein; denn wenn du dich hin- reißen läßt, vergißt du alles. Du magst vergessen, daß du meditie- ren sollst. Dann versuche es einmal so: Warte nicht auf den Augenblick, wo dich die Wut packt – warte den Augenblick nicht erst ab! Schließe dich einfach in ein Zimmer ein und rufe dir irgendeine vergangene Erfahrung von Wut ins Gedächtnis, wo du ausgerastet bist. Erinnere dich daran und inszeniere es noch ein- mal. Das wird dir leicht fallen: Inszeniere es noch einmal, tu es nochmal, lebe es nochmal. Erinnere dich nicht nur – lebe es nochmal. Denke daran, wie dich jemand beleidigt hat und wel- che Worte fielen und wie du darauf reagiertest. Reagiere erneut; spiele es nach. Ihr wißt es vielleicht nicht, aber der Verstand ist nichts anderes als eine Art Aufnahmegerät. Und heute sagen die Wissenschaftler, heute ist es eine wissenschaftlich erwiesene Tatsache, daß eure Gedächtniszentren, wenn ihnen Elektroden angelegt werden, auf Wiederholung schalten. Zum Beispiel: Du warst irgendwann ein- mal wütend. Der Vorfall wurde genau in der Abfolge festgehal- ten, wie er sich abgespielt hat, so als hättest du ein Aufnahmegerät im Gehirn. Wenn ihm eine Elektrode angelegt wird, wird es anfangen, den Hergang noch einmal abzuspulen. Du wirst wie- der dasselbe fühlen. Deine Augen werden rot werden, dein Körper zu zittern und fiebern anfangen; das ganze wird noch ein- mal inszeniert. Kaum wird die Elektrode entfernt, hört es auf. Wenn man erneut Energie zuführt, fängt es wieder ganz von vorne an. Heute heißt es, der Verstand sei ein Aufnahmegerät, und du kannst alles neu inszenieren, was du willst. Aber du darfst dich nicht nur erinnern – lebe es erneut! Fang an, dieselbe Erfahrung erneut zu durchleben, und dein Hirn wird den Wink verstehen, der Vorfall wird dir gegenwärtig werden, du wirst ihn wiedererleben. Bleibe, während du ihn wiedererlebst, gelas- sen. Fang irgendwo in der Vergangenheit an. Das ist leicht, denn jetzt ist es gespielt, ist die tatsächliche Situation nicht gegeben. Und wenn du das erst einmal kannst, dann wirst du es auch dann kön- nen, wenn die Wutsituation wirklich da ist, wenn die tatsächliche Situation gegeben ist. Und dies kann mit jedem Verlangen gesche- hen, und es muß mit jedem Verlangen geschehen.

Das Mysterium der Liebe

Diese Wiederinszenierung von etwas Vergangenem wird vie- les bewirken. Jeder trägt Erinnerungsnarben in sich; unverheilte Wunden gibt es zuhauf. Wenn du sie wieder inszenierst, wirst du entlastet werden. Wenn du in deine Vergangenheit gehen und etwas tun kannst, das bisher unabgeschlossen geblieben ist, wirst du von der Last deiner Vergangenheit befreit werden. Dein Geist wird frischer werden; der Staub wird fortgewischt werden. Erinnere dich an irgendetwas aus deiner Vergangenheit, von dem du das Gefühl hast, daß es in der Luft hängen geblieben ist: Du wolltest jemanden umbringen, du wolltest jemanden lieben, du wolltest dieses und jenes tun, aber es blieb unabgeschlossen. Dieses Unabgeschlossene hängt dir nach wie ein Geist, schwebt über dir wie eine Wolke. Sie übt Einfluß auf alles, was du bist und was du tust. Diese Wolke muß aufgelöst werden. Gehe auf der Zeitspur rückwärts und hole Begierden zurück, die unvollendet geblieben sind, und durchlebe die Wunden, die immer noch „grüne" Wunden sind, noch einmal. Sie werden verheilen. Du wirst ganzheitlicher sein, und dann hast du den Bogen raus, wie man in einer verstörten Situation unverstört bleibt. Bleibe bei Anwandlungen extremen Verlangens gelassen. Gurdjieff hat diese Technik sehr oft eingesetzt. Er stellte entsprechende Situationen her, aber um Situationen herstellen zu können, ist eine Schule nötig. Allein geht das nicht. Gurdjieff hatte eine kleine Schule in Fontainebleau, und er war ein gestrenger Schulmeister. Er verstand es, Situationen herzustellen. Du betratst etwa einen Raum, und dort saß eine Gruppe von Leuten. Du kamst in das Zimmer, wo die Gruppe saß, und etwas geschah, das dich wütend machte. Und alles geschah so natürlich, daß du nie auf die Idee kommen konntest, daß hier irgendeine Situation speziell für dich hergestellt wurde. Aber es war Absicht. Irgendwer beleidigte dich, indem er etwas Bestimmtes sagte, und du gerietst durcheinander. Dann goß jeder noch Öl ins Feuer, bis du außer dir warst. Und wenn du genau an dem Punkt warst, wo du explodieren konntest, rief Gurdjieff plötzlich: „Denk dran! Gelassen bleiben!" So eine Situation läßt sich herstellen, aber nur in einer Schule, wo viele Personen an sich arbeiten. Und erst, wenn Gurdjieff rief:

Kapitel 5

„Denk dran! Gelassen bleiben!", konntest du erkennen, daß dies eine künstlich hergestellte Situation war. Die Verstörung kann sich nicht so schnell, so umgehend legen, denn sie hat körperliche Wurzeln. Deine Drüsen hatten Gift ins Blut gespritzt, dein Kör- per ist davon in Mitleidenschaft gezogen worden. Wut kann nicht so plötzlich verschwinden. Selbst jetzt, wo dir klargeworden ist, daß du getäuscht worden bist, daß dich niemand beleidigt hatte und niemand es ernst gemeint hatte, wäre es schwierig, etwas dagegen zu tun. Die Wut ist da: Dein Körper ist randvoll von ihr; aber plötzlich kühlt sich deine Temperatur ab. Nur im Körper, an der Peripherie, bleibt die Wut vorhanden. Im Zentrum kühlst du dich plötzlich ab, und du weißt: In dir existiert ein Punkt, der ungestört ist. Du beginnst zu lachen. Deine Augen sind rot vor Wut, dein Gesicht ist verzerrt, tierhaft, aber du beginnst zu lachen. Du kennst jetzt zweierlei: einen Punkt, der ungestört ist, und eine Peripherie, die verstört ist. Ihr könnt einander helfen: Eure Familie kann zu einer Schule werden. Ihr könnt euch gegenseitig helfen. Freunde können zu einer Schule werden, und sie können einander helfen. Du kannst dich mit deiner Familie verabreden; die ganze Familie kann beschließen, daß jetzt für den Vater oder für die Mutter so eine Situation fällig ist, und dann arbeitet die ganze Familie die Situation aus. Wenn der Vater oder die Mutter kurz vor dem Ausrasten steht, fangen alle an zu lachen und sagen: „Nur nicht die Nerven verlieren!" Ihr könnt euch gegenseitig helfen, und die Erfahrung ist einfach phantastisch. Wenn du erst einmal in einer heißen Situation ein kühles Zentrum in dir kennengelernt hast, kannst du das nicht vergessen. Und dann kannst du dich in jeder beliebigen heißen Situation an es erinnern, es wieder gel- tend machen, es wiedergewinnen. Im Westen wird heutzutage eine spezifische Technik, eine the- rapeutische Technik, benutzt. Man nennt sie „Psychodrama". Sie hilft. Und sie basiert ebenfalls auf Techniken wie dieser. Im Psychodrama spielst du einfach nur nach, inszenierst du ein Spiel. Anfangs ist es ein Spiel, aber früher oder später ergreift es Besitz von dir. Und wenn dieser Punkt erreicht ist, setzt sich deine mentale Maschine in Gang; denn dein Geist und dein Körper

Das Mysterium der Liebe

funktionieren automatisch. Sie funktionieren automatisch! Wenn ihr also einen Darsteller in einem Psychodrama seht, der in einer Situation der Wut tatsächlich wütend wird, mögt ihr mei- nen, daß er nur schauspielert. Aber das stimmt nicht. Er ist viel- leicht wirklich wütend geworden; es ist vielleicht gar keine Schauspielerei mehr. Das jeweilige Verlangen, die Störung, das Gefühl, die Stimmung ergreift Besitz von ihm, und erst, wenn er wirklich besessen ist, wirkt sein Schauspiel echt. Euer Körper kann nicht ahnen, ob ihr nur spielt oder ob es euch ernst ist. Ihr habt vielleicht selbst irgendwann in eurem Leben ein- mal die Beobachtung gemacht, daß ihr nur spaßeshalber wütend geworden seid und daß die Wut plötzlich echt wurde, ohne daß ihr mitbekommen hättet, ab welchem Punkt. Oder ihr habt nur rumgealbert ohne euch sexuell zu fühlen: Ihr habt mit eurer Frau oder eurer Freundin gespielt, und dann wurde es plötzlich ernst. Der Körper glaubt es, und der Körper läßt sich täuschen. Der Körper kann nicht wissen, ob es echt oder unecht ist, vor allem beim Sex. Wenn du es dir vorstellst, hält es dein Körper für echt. Der Sex ist eins der phantasievollsten Zentren im Körper. Du kannst also durch bloßes Phantasieren zu einem sexuellen Or- gasmus kommen. Du kannst den Körper täuschen. Im Traum kannst du eine sexuelle Entladung haben. Sogar im Träumen wird der Körper getäuscht. Du hast gar keinen Geschlechtsverkehr, sondern machst nur Liebe im Traum, in der Phantasie, in der Vorstellung. Aber der Körper kann sexuelle Energie ausstoßen, und man kann sogar einen tiefen Orgasmus empfinden. Was geschieht da? Wie wird der Körper getäuscht? Der Körper kann nicht wissen, was wirklich und was unwirklich ist. Sobald du anfängst, etwas Bestimmtes zu tun, glaubt der Körper, es ist wirk- lich, und er fängt an, sich entsprechend zu verhalten. Psychodrama ist eine Technik, die auf solchen Methoden basiert. Du bist nicht wütend; du verhältst dich nur wütend — und dann kommst du in Fahrt. Aber Psychodrama ist wunderbar, weil du weißt, daß du lediglich schauspielerst. Und dann wird die Wut an der Peripherie wirklich, und direkt dahinter bist du verborgen und schaust es dir an. Jetzt weißt du, daß du nicht betroffen bist, aber die Wut ist da, die Verstörung ist da. Die Verstörung ist da,

Kapitel 5

und dennoch ist da keine Verstörung. Dieses Gefühl von zwei gleichzeitig wirkenden Kräften verleiht dir einen gewissen Abstand, und den kannst du danach sogar in wirklicher Wut haben. Macht euch diese Technik zunutze! Dies wird euer ganzes Leben verändern. Sobald man versteht, unverstört zu bleiben, kommt einem die Welt nicht mehr als Jammertal vor. Dann kann wirklich nichts mehr Verwirrung in dir stiften, nichts dich verlet- zen. Jetzt gibt es für dich kein Leid mehr. Und wenn du das erst einmal kennst, kannst du auch noch etwas anderes tun. Gurdjieff hat es immer getan: Er war fähig, jederzeit sein Gesicht zu verändern. Zum Beispiel lachte er gerade, lächelte und wirkte völlig zufrieden mit dir, und plötzlich wurde er wütend, ohne jeden Grund. Und es wird über ihn berichtet, daß er es in dieser Kunst so weit brachte, daß er, wenn zwei Personen bei ihm saßen – eine zur Rechten und eine zur Linken – mit der einen Hälfte seines Gesichtes wütend sein konnte und mit der anderen Hälfte seines Gesichtes lächeln konnte. Dann schwärmte die eine Person, was für ein liebenswerter Mann Gudjieff doch sei, und die andere sagte dann: „Abscheulicher Mann!" Er konnte die eine Person lächelnd ansehen und zur anderen Seite hin wut- entbrannt blicken! Sobald du dein Zentrum von der Peripherie loslösen kannst, geht das. Sobald das Zentrum völlig losgelöst ist, wenn du also inmitten der Wut, inmitten des Verlangens gelassen bleiben kannst, dann kannst du mit triebhaften Impulsen, mit Wut, mit Verstörungen, spielen. Diese Technik dient dazu, in deinem Inneren ein Gefühl für die beiden Extreme zu entwickeln. Sie sind vorhanden: Zwei polare Gegensätze sind vorhanden. Sobald du dir dieser Polarität bewußt wirst, bist du zum ersten Mal Herr deiner selbst. Bis dahin sind andere deine Herren, bist du nur ein Sklave. Deine Frau weiß, dein Sohn weiß, dein Vater weiß, deine Freunde wissen, daß du hin und her gezogen und gestoßen wer- den kannst, daß man dich verwirren kann, glücklich oder unglücklich machen kann. Wenn ein anderer dich glücklich und unglücklich machen kann, bist du nicht Herr im Hause, bist du nur ein Sklave. Der andere hat dich im Griff. Nur mit einer ein- zigen Geste kann er dich unglücklich machen, schon mit einem

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kleinen Lächeln kann er dich glücklich machen. Also bist du ein- fach nur immer einem anderen ausgeliefert, der mit dir machen kann, was er will. Und wenn es sich so verhält, dann sind all deine Reaktionen genau das: Re-Aktionen, keine Aktionen aus dir. Du reagierst nur. Wenn jemand dich beleidigt und du wirst wütend, ist deine Wut kein Handeln aus dir, sondern ein Reagieren. Wenn jemand dich lobt und du fängst an zu lächeln und dich gut und großartig zu fühlen, ist dies ein Reagieren, kein Agieren. Buddha kam einmal durch ein Dorf. Einige Leute, die gegen ihn waren, hatten sich dort zusammengerottet, und sie beschimpf- ten ihn. Buddha hörte es sich an und sagte dann: „Ich muß wei- terziehen ins nächste Dorf; kann ich nun gehen? Wenn ihr alles gesagt habt, was ihr auf dem Herzen hattet, wenn ihr fertig seid, dann kann ich jetzt gehen. Oder, wenn ihr mir noch mehr zu sagen habt, werde ich auf dem Rückweg hier warten. Dann könnt ihr herkommen und es mir sagen." Diese Leute waren einfach überrumpelt. Sie konnten es nicht fassen. Hatten sie ihn nicht beleidigt, üble Wörter benutzt, ihn angemacht?! Also sagten sie: „Aber wir haben dir gar nichts zu sagen. Wir machen dich an und beleidigen dich!" Buddha ant- wortete: „Das könnt ihr gern tun. Aber wenn ihr irgendeine Reaktion von mir wollt, seid ihr zu spät gekommen. Wenn ihr mir vor zehn Jahren mit solchen Wörtern gekommen wärt, dann hätte ich reagiert. Aber jetzt habe ich gelernt zu agieren. Ich bin jetzt Herr meiner selbst, ihr könnt mich zu nichts zwingen. Also werdet ihr umkehren müssen. Ihr könnt mich nicht aus der Ruhe bringen; nichts kann mich jetzt mehr aus der Ruhe bringen, denn ich kenne jetzt meine eigene Mitte." Dieses Kennen der Mitte oder diese Verwurzelung in der Mitte macht dich zum Herrn dei- ner selbst. Sonst bist du Sklave, und zwar Sklave von vielen – nicht nur eines Herren, sondern vieler. Alles mögliche ist Herr über dich, und du bist für das ganze Universum ein Sklave. Natürlich sitzt du dann in der Klemme. Wenn so viele Herren dich in so viele Richtungen und auf so viele Ebenen zerren, bist du nie ganz, bist du nie aus einem Guß. Und wenn du in so viele Richtungen gezerrt wirst, lebst du in Qualen. Nur ein Herr seiner selbst kann über diese Qualen hinauswachsen.

Kapitel 5

Die zweite Technik:

Dieses sogenannte Universum wirkt wie eine Trickvorführung eine Bilderschau. Um glücklich zu sein, betrachte es als solche

Diese ganze Welt ist genau wie ein Schauspiel, nimm sie also nicht allzu ernst. Ernsthaftigkeit führt dich zwangsläufig in Schwierigkeiten – du wirst Probleme bekommen. Nimm's nicht so ernst. Nichts ist ernst! Diese ganze Welt ist nur ein Theaterstück. Wenn du die ganze Welt als Theaterstück ansiehst, wirst du deine ursprüngliche Bewußtheit wiederfinden. Der Staub sammelt sich nur deshalb an, weil du es ernst nimmst. Diese Ernsthaftigkeit schafft Probleme, und wir sind so ernst, daß wir sogar beim Betrachten eines Theaterstücks Staub ansetzen. Geht in ein Kino und schaut nur auf die Zuschauer im Saal. Schaut nicht auf die Leinwand, seht euch nur die Zuschauer im Saal an. Irgendwer wird weinen, und Tränen werden ihm über die Backen laufen, ein anderer wird lachen, ein dritter wird se- xuell erregt werden. Schaut euch nur die Leute an. Was tun sie da? Was geht mit ihnen vor? Dabei ist da auf der Leinwand über- haupt nichts – nur Bilder, Bilder aus Licht und Schatten. Die Leinwand ist leer. Aber wie kommt es, daß sie sich so erregen? Sie weinen, schluchzen, lachen; das Kino ist nicht nur Kino, der Film ist nicht nur ein Film. Sie haben vergessen, daß es sich nur um eine Ge- schichte handelt. Sie haben es ernst genommen. Es ist „lebendig" geworden! Es ist „wirklich"! Und das geschieht überall, nicht nur in einem Kino. Schaut euch das Leben an, überall um euch herum. Was ist es? Es haben schon viele Menschen auf dieser Erde gelebt. Auf dem Fleck, wo du sitzt, liegen mindestens zehn Leichen begraben, und sie haben es einst genauso ernst genommen wie du. Jetzt sind sie nicht mehr. Wo ist ihr Leben hin? Wo sind ihre Probleme hin? Sie haben gekämpft – um eine bloße Handbreit Erde gekämpft, und diese Erde existiert noch, aber sie nicht mehr. Und ich will damit nicht sagen, daß ihre Probleme keine Probleme gewesen wären; es waren welche – so wie eure Pro- bleme Probleme sind. Es waren „ernste" Probleme – Probleme

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„um Leben und Tod". Aber wo sind ihre Probleme? Und sollte eines Tages die ganze Menschheit verschwinden, wird die Erde da sein, werden die Bäume wachsen, werden die Flüsse fließen und wird die Sonne aufgehen. Und der Erde wird nichts fehlen, und sie wird sich nicht fragen, wo die Menschheit ist. Schaut in die Runde; schaut nach vorn, schaut nach hinten,

schaut in alle Richtungen: Was seid ihr, was ist euer Leben? Es sieht aus wie ein langer Traum, und alles, was ihr im Moment so wichtig nehmt, wird im nächsten Moment schal. Vielleicht erin- nert ihr euch nicht einmal mehr daran. Erinnere dich an deine erste Liebe, wie ernst sie war! Das ganze Leben hing daran – jetzt erinnerst du dich überhaupt nicht mehr. Es ist vergessen. Und alles, wovon du meinst, daß dein Leben heute davon abhänge, wird irgendwann vergessen sein. Das Leben ist ein Fluß, nichts bleibt. Es ist wie ein laufender Film, alles ver- schwindet mit allem übrigen. Aber im Moment siehst du die Sache sehr ernst, und du läßt dich verstören. Diese Technik besagt:

Dieses sogenannte Universum wirkt wie eine Trickvorführung eine Bilderschau. Um glücklich zu sein, betrachte es als solche. In Indien haben wir diese Welt nie eine „Schöpfung Gottes" genannt, sondern ein Spiel, einen Jux, ein leela. Diese Vorstellung von leela ist wunderbar, denn „Schöpfung", das klingt ernst. Der christliche, der jüdische Gott ist sehr ernst. Bloß weil er ein einzi- ges Mal ungehorsam ist, wird Adam aus dem Garten Eden ver- trieben. Und nicht nur er wurde vertrieben – seinetwegen auch die ganze Menschheit. Er war unser Stammvater, und wir müssen seinetwegen leiden. Gott scheint so ernst zu sein! Man darf ihm nicht den Gehorsam verweigern! Und wenn man es doch tut, wird er „Rache nehmen", und die Rache muß so lange dauern!

Dabei scheint die Sünde gar nicht so schlimm zu sein

ja,

eigentlich hat Adam sie nur begangen, weil Gott selber so töricht war. Gottvater hatte zu Adam gesagt: „Halte dich fern von diesem Baum, dem Baum der Erkenntnis, und iß nicht von seinen Früchten." Dieses Verbot wird geradezu zu einer Einladung, und zwar auf psychologischer Ebene. Jetzt wird in diesem riesigen Garten nur dieser Baum der Erkenntnis interessant. Er ist verbo- ten. Jeder Psychologe kann sagen, daß Gott einen Irrtum beging.

Kapitel 5

Wenn die Frucht dieses Baumes nicht gegessen werden durfte, wäre es besser gewesen, ihn nicht zu erwähnen. Es wäre ausge- schlossen gewesen, daß Adam diesen Baum ausfindig gemacht hätte, und dann wäre die ganze Menschheit im Garten geblieben. Aber dieser Ausspruch, dieser Befehl: „Iß davon nicht!" verur- sachte das Problem; dieses „Du darfst nicht" schuf das ganze Problem. Weil Adam nicht gehorchte, wurde er aus dem Himmel gewor- fen, und die Rache scheint etwas lange zu dauern. Und die Christen sagen, daß Jesus nur deswegen gekreuzigt wurde, um uns zu erlösen – um uns von jener Sünde zu erlösen, die Adam beging! Also hängt die ganze Geschichtsvorstellung der Christen an zwei Personen – Adam und Jesus. Adam beging die Sünde, und Jesus litt, um uns von ihr zu erlösen, und ließ sich kreuzigen. Er litt, auf daß Adams Sünde vergeben werde; aber anscheinend hat Gott immer noch nicht vergeben. Jesus wurde gekreuzigt, aber die Menschheit leidet weiter wie eh und je. Die ganze Vorstellung von Gott als Vater ist abstoßend, ernst. Die indische Vorstellung weiß von keinem Schöpfer. Gott ist nur ein Spieler; er ist nicht ernst. Dies alles ist nur ein Spiel. Es gibt zwar Regeln, aber das sind Spielregeln. Man braucht sie nicht allzu ernst zu nehmen. Sünde existiert nicht – nur Irrtum. Und ihr lei- det der Irrtümer wegen, nicht weil Gott euch bestraft. Ihr leidet wegen der Gesetzmäßigkeiten – ihr haltet euch nicht an sie. Gott bestraft euch keineswegs. Die ganze Vorstellung von leela gibt dem Leben eine theatralische Färbung. Es wird zu einem immer- währenden Theaterstück. Und diese Technik hier basiert auf die- ser Vorstellung: Dieses sogenannte Universum wirkt wie eine Trickvorführu ng eine Bilderschau. Um gliicklich zu sein, betrachte es als solche. Wenn du unglücklich bist, hast du es zu ernst genommen. Und versuche dann nicht, einen Weg zu finden, wie du glücklich sein kannst: Ändere einfach deine Haltung. Mit einer ernsthaften Haltung kannst du nicht glücklich sein. Mit einer Haltung des Feierns kannst du glücklich sein. Sieh dies ganze Leben wie eine Fabel an, wie eine Geschichte. Es ist eine, aber sobald du es als sol- che nimmst, wirst du nicht mehr unglücklich sein. Unglück liegt

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an zuviel Ernst. Probiert das einmal sieben Tage lang aus. Haltet euch sieben Tage lang nur eines vor Augen: daß die ganze Welt nur ein Schauspiel ist – und ihr werdet wie ausgewechselt sein. Bloß sieben Tage! Ihr werdet nicht viel dabei verlieren, denn ihr habt nichts zu verlieren. Du kannst es ja mal ausprobieren. Betrachte sieben Tage lang alles als ein Schauspiel, einfach als Bühnenstück. Diese sieben Tage werden dir viele Einblicke in deine Buddha-Natur, in deine innere Reinheit gewähren. Und wenn du erst einmal einen Schimmer davon hast, kannst du nie mehr derselbe sein. Du wirst glücklich sein. Und ihr könnt euch nicht vorstellen, was für ein Glück euch da widerfahren mag, weil ihr noch nie Glück erlebt habt. Ihr habt nur verschiedene Grade von Unglück erlebt: Manchmal wart ihr mehr unglücklich, manchmal weniger unglücklich, und wenn ihr weniger unglücklich wart, habt ihr es „Glück" genannt. Ihr wißt nicht, was Glück ist – weil ihr es gar nicht wissen könnt. Wenn ihr eine Vorstellung von der Welt habt, bei der ihr sie sehr ernst nehmt, könnt ihr nicht wissen, was Glück ist. Das Glück kommt erst, wenn ihr in dieser Einstellung Wurzeln geschlagen habt, daß die Welt nur ein Spiel ist. Probiert es also einmal aus, und tut alles so, als würdet ihr es feiern, es zelebrieren: Macht einen „Akt" daraus – nicht etwas Wirkliches". Wenn du ein Ehemann bist, spiele – sei ein Spiel- Ehemann. Wenn du eine Ehefrau bist, sei eine Spiel-Ehefrau. Macht einfach ein Spiel daraus. Und natürlich gibt es da Regeln. Jedes Spiel braucht Regeln, damit man es spielen kann. Ehe ist ein Spiel, und Scheidung ist ein Spiel, aber nehmt diese Dinge nicht allzu ernst. Das sind Regeln, und die eine Regel bringt die andere hervor. Scheidung ist schlecht, weil Ehe schlecht ist – die eine Regel zeugt die andere! Aber nehmt sie nicht ernst, und dann seht, wie die Qualität eures Lebens sich schlagartig ändert. Geht heute abend nach Hause und begegnet eurer Frau oder eurem Mann oder euren Kindern so, als spieltet ihr eine Rolle in einem Stück – und seht, wie schön das ist. Wenn du eine Rolle spielst, wirst du sie gut spielen wollen, aber sie wird dich nicht belasten. Warum auch? Du wirst deine Rolle spielen und dann zu Bett gehen. Aber schärfe dir ein: Es ist eine Rolle, und dann halte

Kapitel 5

sieben Tage lang diese Einstellung durch. Dann kann dir das Glück widerfahren, und wenn du erst einmal weißt, was das Glück ist, brauchst du nicht mehr ins Unglück zu rennen – weil du die Wahl hast. Ihr seid unglücklich, weil ihr eine falsche Einstellung zum Leben gewählt habt. Ihr könnt glücklich sein, wenn ihr eine rich- tige Einstellung wählt. Buddha legt ausgesprochen viel Wert auf „die richtige Einstellung"! Er erklärt sie zur Grundlage, zur Basis – „die richtige Einstellung". Was ist „die richtige Einstellung"? Was ist ihr Kriterium? Für mich ist das Kriterium dieses: Eine Einstellung, die dich glücklich macht, ist die richtige Einstellung, und ein objektives Kriterium gibt es nicht. Eine Einstellung, die dich unglücklich und elend macht, ist die falsche Einstellung. Das Kriterium ist subjektiv. Dein Glücksgefühl ist das Kriterium.

Die dritte Technik:

Oh Geliebte, richte deine Aufmerksamkeit weder auf das Vergnügen noch auf den Schmerz, sondern genau dazwischen.

Alles ist bipolar, und der Verstand wandert vom einen Pol zum anderen, ohne je dazwischen zu verweilen. Habt ihr je einen Augenblick gekannt, in dem ihr weder glücklich noch unglück- lich wart? Habt ihr je einen Augenblick gekannt, in dem ihr weder gesund noch krank wart? Habt ihr je einen Augenblick gekannt, in dem ihr weder dieses noch jenes wart, in dem ihr ein- fach „dazwischen" wart, einfach in der Mitte, genau in der Mitte? Der Verstand wandert vom einen Pol zum anderen, in den Augenblick. Wenn du glücklich bist, wirst du früher oder später zum Unglück übergehen, und zwar blitzartig: Das Glücksgefühl ist weg, und schon bist du unglücklich. Wenn du dich wohlfühlst, wirst du dich irgendwann plötzlich schlecht fühlen, und es gibt keinen Punkt dazwischen, wo du ver- harrst. Du gehst augenblicklich von hier nach da. Genau wie das Pendel einer Standuhr geht ihr von links nach rechts, von rechts nach links, und das Pendel macht immer weiter so. Dahinter ver- steckt sich ein Gesetz: Wenn das Pendel nach links geht, scheint es

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zwar nach links zu gehen, aber es sammelt Schwungkraft, um nach rechts zu gehen. Also ist das, was man sieht, nicht das volle Bild. Wenn du glücklich wirst, sammelst du Schwung, um un- glücklich zu sein. Wann immer ich euch also lachen sehe, ist der Augenblick nicht fern, da ihr weinen werdet. In indischen Dörfern wissen das die Mütter. Wenn also ein Kind anfängt, zuviel zu lachen, sagen sie: „Bremst es, sonst wird es gleich weinen." Das muß so sein. Wenn ein Kind überglücklich ist, kann der nächste Schritt nichts anderes sein als Unglück. Also dämpfen sie es. Andernfalls würde es unglücklich. Aber das glei- che gilt auch für den umgekehrten Fall, nur ist das nicht bekannt. Wenn ein Kind weint und ihr versucht, es daran zu hindern, unterbindet ihr damit nicht nur sein Weinen, sondern auch sei- nen nächsten Schritt. Dann kann es nicht wieder fröhlich werden. Wenn ein Kind weint, dann laßt es zu! Fördert sein Weinen, so daß es, wenn es mit Weinen fertig ist, Schwungkraft gesammelt hat. Jetzt kann das Pendel nach rechts gehen: Es kann fröhlich sein. Heute sagen die Psychologen, daß man ein Kind, wenn es weint und schreit, nicht daran hindern soll, es nicht beschwichtigen soll, nicht ablenken soll: Lenkt seine Gedanken nicht auf andere Dinge, bestecht es nicht, damit es aufhört. Tut gar nichts. Bleibt einfach still in seiner Nähe, und erlaubt ihm zu weinen und zu schreien und zu kreischen, damit es um so leichter zur Fröhlich- keit übergehen kann. Andernfalls wird es weder weinen können noch in der Lage sein, fröhlich zu sein. Genau so sind wir alle geworden – wir können weder das eine noch das andere. Das Lächeln ist halbherzig, die Träne ist ebenfalls halbherzig. Allent- halben herrscht Verwirrung. Aber das ist das natürliche Gesetz unseres Denkens: von einem Pol zum andern zu wandern. Diese Technik dient dazu, dieses natürliche Gesetz zu ändern: Oh Geliebte , richte deine Aufmerk- samkeit weder auf das Vergnügen noch auf den Schmerz, sondern genau dazwischen. Ihr könnt euch irgendeine Polarität aussuchen und dann versu- chen, genau dazwischen zu bleiben. Wie stellt ihr es an, „dazwi- schen" zu bleiben? Wie soll man es schaffen, „dazwischen" zu sein? Ein Beispiel: Es ist Schmerz da – was kann man machen?

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Kapitel 5

Wenn Schmerz da ist, möchte man vor ihm davonlaufen. Man will ihn nicht, man versucht, sich von ihm zu entfernen. Man strengt sich an, das Gegenteil zu erreichen – fröhlich zu sein, freu- dig zu sein. Wenn Freude da ist, was tut man dann? Man bemüht sich, sie festzuhalten, so daß der andere Pol nicht aufkommen kann – sie festzuhalten! Wenn ein Glücksgefühl da ist, klammert ihr euch daran; wenn Schmerz da ist, lauft ihr vor ihm davon. Dies ist die natürliche Einstellung. Wenn ihr nun dieses Naturgesetz ändern und es transzendieren wollt, dann versucht nicht davon- zulaufen, wenn Schmerz da ist. Bleibt bei ihm. Damit bringt ihr den ganzen natürlichen Mechanismus durcheinander. Du hast Kopfschmerzen: Halte sie aus. Schließe die Augen, meditiere über die Kopfschmerzen, bleibe bei ihnen. Tu überhaupt nichts. Sei einfach nur Zeuge; versuche nicht davonzulaufen. Wenn Glück da ist und du dich zu irgendeinem gegebenen Zeitpunkt besonders selig fühlst, dann klammere dich nicht daran. Schließe die Augen und bleibe Zeuge von alledem. Das Klam- mern oder das Flüchten sind für das staubbedeckte Denken natür- lich. Wenn du dagegen Zeuge bleibst, wirst du früher oder später in den Zwischenraum fallen, denn das natürliche Gesetz will, daß man zum anderen Pol, zum entgegengesetzten Pol eilt. Wenn du ein Zeuge bleibst, bist du „dazwischen". Buddha hat seine ganze Philosophie majjhim nikaya genannt – „den Mittelweg" –, aufgrund dieser Technik. Buddha zufolge soll man immerzu in der Mitte bleiben. Der Pol spielt keine Rolle:

Bleibe immer in der Mitte. Indem man Zeuge bleibt, bleibt man in der Mitte. Im gleichen Moment, da man sein Zeugesein ver- liert, wird man entweder angezogen oder abgestoßen. Wenn du abgestoßen wirst, gehst du zum anderen Extrem; wenn du ange- zogen wirst, bleibst du an diesem Extrem. Aber du wirst nie dazwischen sein. Sei einfach ein Zeuge. Laß dich nicht anziehen, laß dich nicht abstoßen. Das Kopfweh ist da: Akzeptiere es. Es ist eine gegebene Tatsache. So wie ein Baum da ist, wie das Haus da ist, wie die Nacht da ist, ist das Kopfweh da. Akzeptiere es und schließe die Augen. Versuche nicht, vor ihm zu flüchten. Du bist glücklich: Nimm es als gegeben hin; klammere dich nicht daran fest. Und versuche nicht, dich unglücklich zu machen.

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Versuche überhaupt nichts. Wenn Unglück kommt, laß es zu. Bleibe einfach ein Beobachter auf dem Berge, der alles nur sieht. Erst kommt der Morgen, und dann kommt der Abend; und dann geht die Sonne auf, und dann geht die Sonne unter, und es sind Sterne da, und es herrscht Dunkelheit, und dann geht wieder die Sonne auf – du aber bist nur ein Beobachter auf dem Berge, du kannst gar nichts tun, du schaust einfach nur. Der Morgen ist angebrochen: Du stellst die Tatsache fest, und du weißt, daß jetzt der Abend kommen wird, weil auf den Morgen der Abend folgt. Und wenn der Abend kommt, stellst du die Tatsache fest, und du weißt, daß nun der Morgen kommen wird, weil auf den Abend der Morgen folgt. Wenn Schmerz da ist, bist du nur ein Beobachter. Du weißt, daß jetzt Schmerz gekommen ist und er früher oder später wieder weggehen wird und sein genaues Gegenteil kommen wird. Und wenn die Fröhlichkeit eingesetzt hat, weißt du, daß sie nicht immer bleiben wird. Die Niedergeschlagenheit wird sich irgend- wohin verzogen haben. Sie wird kommen. Du bleibst ein Beob- achter. Wenn du zuschauen kannst, ohne Anziehung und ohne Abschreckung, wirst du in die Mitte fallen, und wenn das Pendel erst einmal in der Mitte stehengeblieben ist, kannst du dir zum ersten Mal ansehen, was die Welt ist. Solange du in Bewegung bist, kannst du nicht erkennen, was die Welt ist. Deine Bewegung verwischt alles. Erst wenn du still- hältst, kannst du die Welt ansehen. Zum ersten Mal wirst du wis- sen, was die Wirklichkeit ist. Ein Geist, der nicht in Bewegung ist, weiß, was Wirklichkeit ist; ein Geist, der in Bewegung ist, kann die Wirklichkeit nicht erkennen. Dein Geist ist genau wie eine Kamera: Machst du Fotos, während du dich bewegst, wird darauf alles verwischt sein, denn der Fotoapparat darf sich nicht bewe- gen. Wenn er sich bewegt, zeigen die Fotos nur ein verwackeltes Durcheinander. Euer Bewußtsein geht unentwegt wie ein Pendel von der einen Seite zur anderen über, und alles, was ihr von der Wirklichkeit wißt, ist nur ein verwackeltes Bild, ein Alptraum. Ihr wißt nicht, was was ist. Alles ist verworren, alles wird mißverstanden. Erst wenn ihr in der Mitte bleibt und das Pendel stillsteht, wenn euer

Kapitel 5

Bewußtsein fokussiert und zentriert ist, dann wißt ihr, was die Wirklichkeit ist. Nur ein Geist, der unbewegt bleibt, kann erken- nen, was die Wahrheit ist: Oh Geliebte, richte deine Aufmerk- samkeit weder auf das Vergnügen noch auf den Schmerz, sondern genau dazwischen.

Die vierte Technik:

Dinge und Wünsche existieren in mir wie in anderen. Lasse sie zu, und indem du dies akzeptierst, werden sie transformiert

Diese Technik kann sehr hilfreich sein. Wenn du wütend wirst,

rechtfertigst du deine Wut immer, aber wenn jemand anders wütend wird, kritisierst du das immer. Dein eigenes Ausrasten ist natürlich, aber wenn jemand anders ausrastet, ist das „pervers". Alles, was du selbst tust, ist gut. Und wenn es mal nicht gut war,

dann war es „unumgänglich"

Rationalisierung. Den anderen ergeht es genauso, außer daß sie nicht auf dieselbe Rationalisierung kommen. Wenn du wütend wirst, sagst du, daß das notwendig war, um dem andern zu helfen. Wenn du nicht wütend geworden wärest, wäre der andere zerstört worden, hätte er sich etwas Falsches angewöhnt – also war es „gut", ihn zu stra- fen. Es war nur zu seinem eigenen Besten. Aber wenn jemand auf dich wütend wird, darf dieselbe Rationalisierung nicht gelten. Dann „spinnt" er, ist er „böse". Wir messen mit zweierlei Maß. Das eine Maß für dich selbst, und ein anderes Maß für alle anderen. Diese „doppelte Buch- führung" heißt aber, daß man ewig tief unglücklich sein wird. Diese Einstellung ist nicht gerecht, und solange du nicht gerecht

bist, kannst du keine Ahnung haben, was die Wahrheit ist. Nur ein gerechter Geist kann dies zweierlei Maß ablegen. Jesus sagt: „Tu andern nicht an, was du nicht willst, daß andere

es dir antun." Mit anderen Worten: Ein gleicher Maßstab tut not. Diese Technik hier beruht auf dem Grundsatz „einerlei Maß".

Dinge und Wünsche existieren in mir wie in anderen

ren Worten: Du bist keine Ausnahme. Obwohl sich jeder für eine

Du findest immer irgendeine

Mit ande-

Das Mysterium der Liebe

Ausnahme hält. Wenn du dich für eine Ausnahme hältst, dann mach dir bewußt, daß jeder gewöhnliche Kopf genauso denkt. Zu wissen, daß man gewöhnlich ist, ist das Außergewöhnlichste von der Welt. Suzuki wurde einmal über seinen Meister gefragt: ,Was war das Außergewöhnliche an deinem Meister, Suzuki?" Suzuki war ein Zen-Meister, also sagte er: „Das einzige, was ich niemals vergessen werde, ist dies: daß ich nie einen Menschen gesehen habe, der sich für so gewöhnlich gehalten hat. Er war einfach nur gewöhnlich – und das ist das Allemngewöhnlichste! Denn jeder gewöhnliche Geist hält sich für eine Ausnahme, für außergewöhnlich." Aber niemand ist außergewöhnlich; und wenn du dies erkennst, wirst du außergewöhnlich. Jeder ist genau wie jeder andere auch. Dieselben Begierden, die dir zusetzen, setzen jedem anderen auch zu. Aber du nennst deinen Sex „Liebe", und die Liebe anderer nennst du „Sex". Was immer du tust, darüber hältst du schützend deine Hand, das nennst du „gut". Nur darum tust du es, und wenn andere dasselbe tun, „ist es nicht dasselbe". Und das ergeht nicht nur einzelnen so, das ergeht ganzen Rassen, Nationen so. Das ist der Grund, warum die ganze Welt in einen solchen Schlamassel geraten ist – nur deswegen. Wenn Indien seine Armee immer mehr aufrüstet, geschieht es „zur Verteidigung", und wenn China seine Armee immer mehr aufrüstet, geschieht dies, „um anzugreifen". Jede Regierung der Welt nennt ihre militärische Organisation Verteidigung". Wer greift da noch an? Wenn alle nur verteidigen, wer ist der Ag- gressor? Wenn ihr euch die Geschichte anschaut, könnt ihr nir- gendwo einen Angreifer finden. Die Besiegten erweisen sich natürlich immer als die Angreifer, weil sie die Geschichte nicht schreiben können. Die Sieger schreiben die Geschichte. Hätte Hitler zu siegen vermocht, dann wäre die Geschichte anders verlaufen. Dann wäre er statt das Monster der Retter der Menschheit gewesen. Dann wären Churchill und Roosevelt und die anderen Alliierten „die Angreifer" gewesen, und es wäre „gut gewesen, daß sie zerstört wurden." Aber weil Hitler nicht gewin- nen konnte, war er der „Angreifer", und haben Churchill und Roosevelt und Stalin und die anderen Alliierten „die Menschheit

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gerettet". Nicht also nur für Einzelpersonen, sondern für alles, was wir tun – als Nationen, als Rassen –, gilt die gleiche Logik: Wir sind etwas Besonderes, und der andere ist anders. Niemand ist anders! Ein religiöser Geist weiß, daß alle gleich sind. Wenn du dir also selber Rationalisierungen gönnst, dann gönne bitte den anderen ebenfalls die gleichen Rationalisierungen. Wenn du andere kritisierst, dann wende bitte genau diese Kritik auch auf dich an. Schaffe nicht zweierlei Maß. Einerlei Maß wird dein Sein total transformieren, denn nur mit einerlei Maß wirst du gerecht und siehst zum ersten Mal unvermittelt in die Wirklichkeit hinein – so, wie sie ist. Dinge und Wünsche existie- ren in mir wie in anderen. Lasse sie zu, und indem du dies akzeptierst, werden sie transformiert. Akzeptiere sie, und sie werden transformiert werden. Aber was tun wir? Wir akzeptieren, daß sie in anderen existieren. Alles, was verkehrt ist, existiert in anderen; alles, was recht ist, existiert in dir. Wie kannst du dann also transformiert werden? Du bist bereits transformiert! Du hältst dich bereits für gut und alle anderen für schlecht. Die Welt benötigt eine Transformation – nicht du. Darum gibt es immer Führer, Bewegungen, Propheten. Sie rufen immerzu von allen Dächern, daß die Welt sich ändern müsse, daß eine Revolution hermüsse, und wir haben Revolutionen über Revolutionen gemacht, und nichts ändert sich. Der Mensch bleibt derselbe, und die Erde bleibt im gleichen Elend. Nur Gesichter und Etiketten ändern sich, aber das Elend geht weiter. Es kommt nicht darauf an, die Welt zu ändern. Die Welt ist nicht verkehrt – du bist verkehrt. Es kommt darauf an, dich selbst zu ändern: „Wie bin ich selbst zu ändern?" lautet die religiöse Urfrage, „Wie sind alle anderen zu ändern?" die politi- sche. Aber der Politiker denkt, er sei in Ordnung, ja, daß er in Wirklichkeit das Modell dafür abgibt, wie die ganze Welt zu sein hat. Er ist das Modell! Er ist das Ideal! Und er ist auserkoren, das Ganze zu ändern. Alles, was der religiöse Mensch in den anderen sieht, das sieht er auch in sich selbst. Sieht er Gewalt, fragt er sich augenblicklich, ob die Gewalt auch in ihm vorhanden ist. Sieht er Habgier, wenn er irgendwo Habgier entdeckt, ist seine erste Überlegung die, ob

Das Mysterium der Liebe

die gleiche Habgier auch in ihm existiert oder nicht. Und je mehr er nachforscht, desto mehr entdeckt er, daß er der Quell allen Übels ist. Dann stellt sich die Frage nicht mehr, wie die Welt zu ändern ist, jetzt ist die Frage die, wie man sich selbst ändern soll. Und die Veränderung setzt in dem Moment ein, da einerlei Maßstab gilt. Dann bist du bereits dabei, dich zu verändern. Verdamme nicht andere. Ich meine damit nicht, verdamme dich selbst nein! Verdamme einfach nicht andere. Und wenn du andere nicht verdammst, wirst du ein tiefes Mitgefühl für sie empfinden, denn es sind die gleichen Probleme. Wenn jemand eine Sünde begeht, eine Sünde in den Augen der Gesellschaft, verdammst du ihn augenblicklich, ohne je zu bedenken, daß auch du den Keim zu dieser Sünde in dir trägst. Wenn jemand einen Mord begeht, verdammst du ihn, aber hast du nicht oft genug daran gedacht, eine bestimmte Person umzubringen, sie zu ermorden? Ist der potentielle Keim nicht ständig vorhanden? Der Mann, der den Mord beging, war im Augenblick zuvor noch kein Mörder, aber der Keim war da. Und der Keim steckt auch in dir. Wer weiß, was im nächsten Moment passiert? Vielleicht bist du dann ein Mörder. Verdamme ihn also nicht. Akzeptiere vielmehr. Dann wirst du ein tiefes Mitgefühl für ihn haben, denn was immer er getan haben mag: Der Mensch ist dazu in der Lage. Du bist dazu in der Lage. Eine nicht-verdammende Einstellung wird Mitgefühl haben. Eine nicht-verdammende Einstellung wird ein tiefes Akzeptieren empfinden. Sie weiß, daß die Menschheit so ist, und daß „auch ich so bin". Dann wird die ganze Welt einfach nur zu einer Widerspiegelung deines eigenen Selbst werden. Sie wird zu einem Spiegel werden. Dann wird jedes Gesicht für dich zum Spiegel – erkennst du dich in jedem Gesicht wieder. Dinge und Wünsche existieren in mir wie in anderen. Lasse sie zu, und indem du dies akzeptierst, werden sie transformiert. Aus Akzeptieren wird Transformation. Dies ist schwer zu verstehen, weil wir immerzu nur verwerfen und trotzdem nichts damit transformieren können. Du bist habgierig, aber du verwirfst es. Niemand möchte sich selbst als habgierig empfinden. Du bist sexuell, aber du verwirfst es. Niemand möchte sich selbst als se- xuell empfinden. Du wirst wütend, in dir kocht Wut, aber du ver-

Kapitel 5

wirfst es. Du stellst eine Fassade her, und du versuchst dich zu rechtfertigen. Du fühlst nie, daß du wütend bist oder gar Wut bist. Aber dies Verwerfen ändert nie etwas. Es unterdrückt nur. Und alles Unterdrückte wird nur noch mächtiger. Es geht in deine Wurzeln, in dein Unbewußtes, das tief in dir steckt, und fängt an, von dort aus zu wirken. Und aus diesem Dunkel des Unbe- wußten heraus wird es mächtiger. Du kannst es nicht akzeptieren, denn dir ist nicht einmal klar, daß es da ist. Akzeptieren bringt alles ans Licht. Verdrängen ist nicht notwendig. Du weißt, du bist gierig, du weißt, du hast Wut, du weißt, du bist sexuell, und du akzeptierst diese Dinge als natürliche Gege- benheiten, ohne jede Verdammung. Es ist nicht nötig, sie zu unterdrücken. Sie kommen an die Oberfläche des Geistes, und von dort aus, von der Oberfläche des Geistes aus, sind sie leicht auszujäten. Aus dem tiefen Zentrum heraus sind sie nicht leicht auszujäten. Und wenn sie an der Oberfläche sind, hast du immer ein Auge auf sie; aber wenn sie im Unbewußten sind, wirst du unaufmerksam. Und eine Krankheit, die dir bewußt ist, kann geheilt werden; eine Krankheit, von der du nichts weißt, kann nicht geheilt werden. Hole alles herauf an die Oberfläche. Akzeptiere dein Menschsein, deine Tierhaftigkeit. Alles was da ist, das akzeptiere ohne jede Verurteilung. Es ist da, und behalt es im Auge. Gier ist da: Versuche nicht, Un-Gier daraus zu machen. Es geht nicht. Und wenn du es dennoch versuchst, wirst du es lediglich unterdrücken. Deine Ungierigsein wird nur eine andere Form der Gier sein und sonst nichts. Versuche nicht, sie in ihr Gegenteil zu verkehren: Du kannst es nicht ändern. Wenn du hergehst und die Gier ändern willst, was willst du tun? Und ein gieriger Mensch kann sich nur dann von dem Ideal der Gierlosigkeit angezogen fühlen, wenn diese der Gier eine umfassendere Befriedigung verheißt. Wenn jemand zu dir sagt: :,Wenn du all deine Reichtümer auf- gibst, wirst du in mein Reich Gottes eingelassen werden", dann kannst du sogar verzichten. Ein weitergestecktes Ziel eröffnet sich deiner Gier. Dies ist ein Kuhhandel. Die Gier muß nicht zu Gierlosigkeit werden. Die Gier muß transzendiert werden. Verändern kannst du sie nicht.

Das Mysterium der Liebe

Wie kann ein gewaltsamer Mensch gewaltlos werden? Wenn du dich selber zwingst, gewaltlos zu sein, wird das eine Gewalt gegen dich selbst sein. Du kannst das eine nicht in etwas anderes verwandeln. Du kannst höchstens bewußt und akzeptierend sein. Akzeptiere die Gier so, wie sie ist. Mit Akzeptieren ist hier nicht gemeint, daß sie nicht transformiert zu werden braucht. Mit Akzeptieren ist nur gemeint, daß du ihr Vorhandensein, ihre natürliche Tatsächlichkeit hinnimmst, wie sie ist. Dann geh ins Leben hinein, wohlwissend, daß die Gier da ist. Tu, was immer du tust, immer eingedenk, daß die Gier da ist. Diese Bewußtheit wird dich transformieren. Sie transformiert deshalb, weil du wis- sentlich nicht gierig sein kannst, wissentlich nicht wütend werden kannst. Für Wut, für Gier, für Gewalt ist Unbewußtheit eine Grund- voraussetzung, – genauso, wie du nicht wissentlich Gift nehmen kannst, genauso, wie du nicht wissentlich deine Hand in eine Flamme halten kannst. Unwissentlich kannst du es tun: Wenn du nicht weißt, was eine Flamme ist, was Feuer ist, kannst du deine Hand hineinhalten. Aber wenn du weißt, daß Feuer brennt, kannst du deine Hand nicht hineinhalten. Je mehr deine „Wissentlichkeit" zunimmt, desto mehr wird die Gier zu einem Feuer, und wird die Wut zu Gift. Sie werden ein- fach unmöglich. Ohne jede Unterdrückung verschwinden sie ein- fach. Und wenn die Gier ohne jedes Ideal einer Gierlosigkeit ver- schwindet, hat das eine ganz eigene Schönheit. Wenn Gewalt verschwindet, ohne daß du dich ‚gewaltlos' gemacht hast, hat das eine ganz eigene Schönheit. Andernfalls ist ein gewaltloser Mensch tief drinnen gewaltsam. Diese Gewalt ist da, verborgen zwar, aber du kannst selbst in der Art seiner Gewaltlosigkeit einen Anflug davon erkennen. Er wird sich mit seiner Gewaltlosigkeit selber und anderen Zwang antun, auf eine sehr gewalttätige Art und Weise. Die alte Gewalt ist sub- til geworden. Dies Sutra besagt, daß Akzeptieren gleich Transformation ist, weil durch Akzeptieren Bewußtheit möglich wird.

Erst authentisch werden

[Fragen]

Wie kommt es, daß der Geist der Moderne sich so mit dem Staub ver- gangener Erfahrung identifiziert?

Wenn man langsam ein Gefühl dafür bekommt, daß das Leben ein Psychodrama ist, dann fühlt man sich aber auch abgeschnitten und einsam. Und damit geht die Intensität und Aufrichtigkeit der Tiefgang des Lebens verloren. Bitte gib Rat, was in dieser Situation zu tun ist. Was ist dann die richtige Einstellung zum Leben?

Die Übung des Zeugeseins macht mich ruhig still und schweigsam; aber dann sagen die Freunde um mich her, ich sei ernstgeworden. Und was sie sagen, scheint irgendwie zu stimmen. Bitte erkläre, wie sich Wachstum zugleich in Stille und einer spielerischen Haltung verein- baren läßt

Du hast gesagt: „Akzeptieren transformiert.'"Aber warum gibt mir das Akzeptieren der Sinne und der Begierden stattdessen das Gefühl, tierhaft zu sein?

Das Mysterium der Liebe

Die erste Frage:

Wie kommt es, daß der Geist der Moderne sich so mit dem Staub ver- gangener Erfahrungen identifiziert?

Der Geist ist rein, und keine Unreinheit kann in ihn dringen. Das ist unmöglich. Der Geist ist einfach das „Buddha-Wesen", das denkbar höchste. Und wenn ich „Geist" sage, dann meine ich nicht deinen Geist; ich meine einfach den Geist, in dem kein Ich und kein Du existieren. Du bist die Verunreinigung; direkt hinter dir ist der ursprüngliche Geist. Du bist der Staub. Versuche also zunächst zu analysieren, was du bist, und dann wirst du in der Lage sein, zu verstehen, wieso sich der ursprüngliche Geist mit der Vergangenheit, mit Erinnerungen, mit Staub identifiziert. Was bist du? Jetzt im Augenblick kannst du, wenn ich dich frage, was du bist, auf zweierlei Weise antworten. Die eine wird eine verbale Antwort sein, und in dieser verbalen Antwort wirst du deine Vergangenheit erzählen. Du wirst sagen: „Mein Name ist so und so. Ich gehöre zu dieser oder jener Familie, dieser oder jener Religion, diesem oder jenem Land. Ich bin gebildet oder ungebildet, reich oder arm." Das alles sind vergangene Erfah- rungen sie sind nicht du. Du hast sie hinter dir, du bist da hin- durchgegangen, sie sind dein Weg gewesen, aber deine Ver- gangenheit sammelt sich immer mehr an. Dies wäre die verbale Antwort, aber dies ist nicht die wirkliche Antwort. Dies sind die Dinge, die dein Verstand, das falsche Ego vorschiebt. Wenn du jetzt im Augenblick deine gesamte Ver- gangenheit hinter dir läßt, wenn du deinen Vater, deine Eltern, deine Familie vergißt, deine Religion, dein Land, kurz alles Zufällige – wenn du alles vergißt, was zufällig ist, und wenn du nur hier und jetzt bei dir selbst bleibst, wer bist du dann? Kein Name wird in dein Bewußtsein kommen, keine Form – nur eine einfache Bewußtheit, daß du bist. Du wirst nicht sagen können, wer du bist. Du wirst lediglich sagen: „Ich bin." Im selben Moment, da du auf das „Wer?" antwortest, hast du dich auf die Vergangenheit eingelassen. Du bist ein einfaches Bewußtsein, ein reiner Geist, ein unschul-

Kapitel 6

diger Spiegel. Hier und jetzt, in diesem Moment, bist du. Wer du bist? Nur eine einfache Bewußtheit von „ich bin". Selbst das „Ich" kann wegbleiben. Je tiefer du gehst, desto mehr wirst du nur eine „Bin-igkeit" spüren, ein Existierendes. Dieses Existierende ist der reine Geist, aber dieses Existierende hat keine Form: Es ist formlos nirakar. Diese Existenz hat keinen Namen: Sie ist namenlos – anam. Du würdest Probleme bekommen, wenn du dich damit – mit dem, was du wirklich bist – anderen vorstellen würdest. In der Gesellschaft, wenn du Umgang mit anderen hast, wirst du irgend- einen Namen, irgendeine Form brauchen. Diesen Namen und diese Form liefert dir deine Vergangenheit. Dieser Name, diese Form sind nützlich. Ohne sie könntest du kaum überleben. Sie werden benötigt, aber sie sind nicht das, was du bist. Sie sind ledig- lich Etikette. An dieser Zweckdienlichkeit liegt es, daß sich der ursprüngliche Geist mit Name und Form identifiziert. Ein Kind kommt zur Welt: Es ist bloßes Bewußtsein, aber ihr müßt es benennen, müßt ihm einen Namen geben. Am Anfang wird das Kind seinen eigenen Namen benutzen. Es wird nicht sagen: „Ich bin hungrig." Es wird sagen: „Ram ist hungrig" – wenn es „Ram" heißt. Es wird sagen: „Ram ist böse!" Erst später wird es lernen, daß man das so nicht sagen kann; daß es sich nicht selber „Ram" nennen darf, daß „Ram" der Name ist, mit dem die ande- ren es rufen sollen. Dann wird es lernen, wieso man „ich" sagt. Erst wird es sich mit „Ram" identifizieren, dem Namen, mit dem es die anderen rufen. Danach wird er sich mit „ich" identifi- zieren – aus praktischen Gründen. Es ist notwendig. Ohne es würde das Überleben erschwert. Nur aufgrund dieser praktischen Notwendigkeit identifiziert man sich allmählich damit. Du kannst über diese Identifikation hinausgehen, und im selben Moment, da du über diese Identifikation hinausgehst und dein ursprüngli- ches Bewußtsein zurückforderst, hast du mit dem Meditieren angefangen. Und du kannst erst dann anfangen zu meditieren, wenn dich dein Name und deine Form und die ganze Welt, die damit einhergeht, zu frustrieren anfangen. Religion fängt dann an, wo du frustriert, total frustriert bist mit der Welt von Name und Form und dir die ganze Sache sinnlos

Das Mysterium der Liebe

erscheint. Sie ist es! Letzten Endes ist sie sinnlos. Dieses Gefühl der Sinnlosigkeit der Welt, das von Name und Form ausgeht, macht dich unruhig. Diese Unruhe ist der Beginn der religiösen Suche. Du wirst unruhig, weil du dich mit diesem Etikett nicht total identifizieren kannst. Das Etikett bleibt ein Etikett; du bleist das, was du bist. Dieses Etikett hält dich zwar etwas bedeckt, aber es kann nicht dein Ganzes werden. Und früher oder später hängt dir das Etikett zum Halse heraus, willst du wissen, wer du wirklich bist. Und im gleichen Augenblick, da du aufrichtig fragst: „Wer bin ich?", hast du schon eine andere Reise angetreten: Du hast zu transzendieren begonnen. Diese Identifikation ist also natürlich. Es gibt aber noch einen Grund, warum es so leicht ist, sich zu identifizieren. Das hier ist ein Raum. Wenn ich euch bitte: „Seht euch diesen Raum an", wo werdet ihr dann hinsehen? Ihr werdet die Wände ansehen. Die Wände sind aber nicht der Raum: Der Raum ist nur die „Geräumigkeit". Er ist nicht die Wände; die Wände sind nur die Grenzen des Raumes, den wir „Zimmer" nennen. Aber wenn ich euch bitte, euch das Zimmer anzu- schauen, werdet ihr auf die Wände schauen – weil man sich die „Geräumigkeit" nicht anschauen kann. Du bist nur innerer Raum; dein Name und deine Form sind die Wände. Sie geben dir eine Begrenzung, sie geben dir eine Definition, sie weisen dir einen genauen Platz an. Du kannst dich mit dieser Begrenztheit identifizieren; andernfalls bist du nur eine Null shunya, ein Nichts. Dieses Nichts ist da, dieser innere Raum ist da. Betrachtet es einmal so: Du atmest ein, du atmest aus. Wenn du ganz still ein- und ausatmest und sich in deinem Kopf kein Denken abspielt, wenn du einfach nur still unter einem Baum sitzt, ein- und ausatmend, was wirst du empfinden? Du wirst empfinden, daß es da einen äußeren Raum und einen inneren Raum gibt. Der Atem kommt herein in den inneren Raum, der

Atem geht hinaus in den äußeren Raum

sind lediglich zwei Räume da. Deine Kehle ist nur eine Tür, eine Drehtür. Wenn der Atem hereinkommt, stößt der Atem die Tür auf und geht nach innen. Wenn der Atem hinausgeht, stößt er

Aber wo bist du? Es

Kapitel 6

wiederum die Tür auf und geht nach außen. Deine Kehle ist lediglich eine Drehtür, und es sind zwei Räume da – der äußere und der innere. Und wenn diese Tür kaputtgeht, dann sind nicht einmal mehr zwei Räume da – nur noch ein Raum. Du fängst an dich zu fürchten, wenn du innen ein Nichts emp-

findest. Du möchtest etwas Definierbares, Definiertes sein. Es gibt niemanden, der innen begrenzt wäre. Der Raum außen ist gren- zenlos, und der Raum innen ist ebenfalls grenzenlos. Aus diesem Grund beharrte Buddha so sehr darauf, daß es keine Seele, kein atman, kein Selbst gibt: Du bist nur ein leerer Raum – grenzenlos. Es ist schwer, sich als diesen grenzenlosen Raum zu empfinden, es sei denn, man macht sich ungeheuer viel Mühe. Man identifi- ziert sich mit den Grenzen. Auf die Art ist es leichter, sich zu spüren – mit den Grenzen. Dein Name ist nur eine Grenze, dein Körper ist nur eine Grenze, deine Gedanken sind nur eine Grenze. Man identifiziert sich also der äußeren Zweckdien- lichkeit, aber auch seiner eigenen Bequemlichkeit zuliebe. Und wenn du erst einmal identifiziert bist, häuft sich immer mehr und immer mehr an, und diese Anhäufung befriedigt dein Ego. Bist du erst mit deinen Reichtümern identifiziert, dann häufst du immer mehr davon an. Das gibt dir das Gefühl, größer zu wer- den, dich auszudehnen. Erst hast du ein großes Haus, dann ein größeres Haus, dann ein noch größeres Haus, also hast du das

Gefühl, immer größer und größer zu werden

und Weise wird Habgier geboren. Habgier ist nichts anderes als eine Art Ausdehnung, ein Ver- such, das Ego aufzublasen. Aber du kannst in deinem Ego noch so groß werden – du kannst niemals grenzenlos werden. Dabei bist du innerlich grenzenlos. Darum gibt sich das Ego ja auch nie- mals zufrieden. Letztlich ist das fnistrierend: Es kann nicht gren- zenlos werden; es wird begrenzt bleiben. Auf diese Art und Weise nährt man immerzu ein spirituelles Ungenügen. Du bist unendlich – mit weniger ist dir niemals geholfen, und weniger als das wird dich niemals befriedigen. Aber jede Grenze wird endlich sein. Sie ist nötig. Sie ist in gewisser Weise notwendig, nützlich, aber sie ist nicht wahr, sie ist nicht die Wahrheit.

und auf diese Art

Das Mysterium der Liebe

Dieser innere Spiegel, dieser innere Geist, ist reines Bewußt- sein – einfach Bewußtsein. Seht euch das Licht hier an. Ihr sagt, der Raum sei voller Licht. Aber wie seht ihr das Licht? Ihr habt niemals Licht selber gese- hen; ihr könnt es nicht sehen. Ihr seht immer nur etwas Beleuchtetes. Das Licht fällt auf die Wände, das Licht fällt auf die Bücher, das Licht fällt auf andere Personen. Es wird von diesen Objekten zurückgeworfen. Nur weil ihr Objekte sehen könnt, sagt ihr, daß Licht da sei. Wenn ihr keine Objekte sehen könnt, sagt ihr, daß Dunkelheit da sei. Ihr habt noch nie Licht in Rein- form gesehen. Es wird immer nur dadurch wahrgenommen, daß es von einem Objekt reflektiert wird. Bewußtsein ist sogar noch reiner als Licht. Es ist das reinstmög- liche in der Existenz. Wenn du absolut still wirst, verschwinden alle Grenzen, und dann wirst du nicht in der Lage sein, zu sagen, wer du bist. Du bist einfach nur, weil kein Objekt da ist, zu dem du dich in Kontrast setzen kannst. Du kannst auch nicht sagen, daß du ein Subjekt, eine Seele oder gar ein Bewußtsein bist. Aufgrund dieser Reinheit des Bewußtseins erfährst du dich immer nur durch etwas anderes, kannst du dich nicht selber direkt erfahren. Also hast du das Gefühl, daß du dich selbst kennst, wenn du Grenzen ziehst. Mit einem Namen meinst du, dich selbst zu kennen; mit deinem Besitz meinst du, dich selbst zu kennen. Irgendetwas um dich her wird zur Grenze, und das reine Bewußtsein wird zurück- gespiegelt. Als Buddha die Erleuchtung erlangte, da sagte er: „Ich bin nicht mehr." Wenn ihr diesen Zustand erlangt, werdet auch ihr sagen:

„Ich bin nicht mehr" – denn ohne Grenze, wie kannst du da sein? Als Shankara erleuchtet wurde, sagte er: „Ich bin alles." Beide mei- nen dasselbe. Wenn du „alles" bist, bist du nicht mehr. Alles oder nichts – das sind die beiden einzigen Möglichkeiten. Aber in bei- den Fällen bist du nicht da. Wenn du alles, das brahman, bist, dann bist du nicht. Auch wenn du nicht, ein absolutes Nichts bist, bist du nicht. Das ist der Grund, warum es unerläßlich zum Leben dazugehört, sich zu identifizieren. Und das ist gut so: denn nur, wenn du dich erst identifiziert hast, kannst du über die Identi- fikation hinausgehen. Wenn du dich nicht identifiziert hast, kannst

Kapitel 6

du nicht unidentifiziert werden! Wenigstens einmal muß man sich identifiziert haben. Es verhält sich folgendermaßen: Wenn du gesund geboren wirst und nie krank warst, wirst du nie deiner Gesundheit gewahr wer- den. Das ist ausgeschlossen, denn das Bewußtsein von Gesundheit setzt einen Hintergrund von Unwohlsein und Krankheit voraus. Du wirst krank werden müssen, um zu wissen, daß du gesund warst oder was Gesundheit ist. Dazu wird der Gegenpol nötig sein. Der esoterischen Wissenschaft des Ostens zufolge existiert die Welt nur deshalb: damit du die Erfahrung machen kannst, göttlich zu sein. Die Welt dient als Kontrast. Geht in eine Schule, und ihr werdet sehen, daß der Lehrer mit weißer Kreide auf eine Schiefertafel schreibt. Er könnte auch auf eine weiße Tafel schreiben, aber das wäre sinnlos, weil es unsicht- bar wäre. Man könnte es nicht sehen. Nur auf eine dunkle Tafel kann man mit weißer Kreide schreiben, damit es gesehen wird. Die dunkle Tafel ist die Voraussetzung, damit die weiße Schrift erkennbar wird. Die Welt ist nur eine dunkle Schiefertafel, und nur ihretwegen wirst du sichtbar. Dies ist ein angelegter Gegensatz, und er ist gut. Das ist der Grund, warum wir im Osten nie gesagt haben, daß die Welt schlecht sei. Wir verstehen sie nur als eine Schule, ein Training. Sie ist gut, denn nur im Kontrast zu ihr wirst du deine Reinheit erkennen können. Wenn du zur Welt kommst, identifi- zierst du dich. Mit der Identifikation kommst du herein, beginnt die Welt. Du wirst also krank werden müssen, um deine innere Gesundheit kennenzulernen. Dies ist seit jeher eine der Grundfragen auf der ganzen Welt:

Warum existiert diese Welt? Warum gibt es sie überhaupt? Viele Antworten sind schon hierauf gegeben worden, aber diese Antworten kann man alle vergessen. Einzig und allein diese Einstellung scheint Tiefe und Sinn zu haben – daß die Welt nur den Hintergrund liefert, daß du ohne sie nicht deines inneren Bewußtseins gewahr werden kannst. Ich will euch eine Geschichte erzählen. Es war einmal ein Mann – sehr reich, der reichste im ganzen Lande –, der niedergeschlagen und frustriert wurde. Er hatte das

Das Mysterium der Liebe

Gefühl, das Leben sei sinnlos. Er hatte alles, was man sich kaufen konnte, aber alles Käufliche erwies sich als sinnlos. Nur etwas, das nicht käuflich war, konnte wirklichen Sinn besitzen. Er hatte alles, was man sich kaufen konnte – er hätte die ganze Welt kaufen können. Aber was sollte er jetzt tun? Er war frustriert, und in ihm herrschte tiefe Unzufriedenheit; also stopfte er all seine Wert- sachen – Schmuck, Gold, Edelsteine, alles – in einen großen Sack und ging auf die Reise, nur um einen Menschen zu finden, der ihm etwas Wertbeständiges, einen Schimmer der Seligkeit, zu geben imstande wäre. Dem würde er dann die Gewinne seines ganzen Lebens zum Geschenk machen. Er reiste von einem Lehrer zum anderen, reiste und reiste, aber niemand war im- stande, ihm auch nur einen Schimmer zu geben. Dabei war er bereit, alles hinzugeben – sein ganzes Reich. Schließlich kam er in ein Dorf und fragte nach Mulla Nasrudin, einem Fakir, der dort wohnte. Ein Dorfbewohner sagte ihm:

„Mulla Nasrudin sitzt gleich außerhalb des Dorfes, wo er unter einem Baum meditiert. Geh zu ihm; und wenn der dir keinen Schimmer der Seligkeit zu geben vermag, dann vergiß es. Dann kannst du in alle vier Ecken der Welt ziehen, aber ihn nie bekom- men. Wenn dieser Mann dir keinen Schimmer zu geben vermag, dann ist es ausgeschlossen." Also geriet unser Mann in höchste Erregung. Er kam bei Mulla Nasrudin an, der unter einem Baum saß. Die Sonne ging gerade unter. Der Mann sagte: „Hier meine Gründe, warum ich gekom- men bin. Der gesamte Gewinn meines Lebens steckt hier in die- sem Sack, und ich werde ihn dir schenken, wenn du mir einen Schimmer von Seligkeit geben kannst." Mulla Nasrudin hörte zu. Der Abend zog herauf, es wurde langsam dunkel. Ohne ihm zu antworten, entriß Mulla Nasrudin dem Reichen den Sack und rannte davon. Natürlich lief ihm der Reiche hinterher – zeternd und schreiend und heulend. Mulla Nasrudin kannte sich in den Dorfstraßen aus, der Reiche dagegen nicht, denn er war ein Fremder. Also konnte er ihn nicht finden. Aus dem ganzen Dorf liefen die Leute zusammen – und ihnen hinterher. Nasrudin lief einfach immer nur im Kreise herum. Der Mann schäumte vor Wut. Er rief: „Der ganze Reichtum meines Lebens ist mir geraubt

Kapitel 6

worden! Ich bin ein armer Mann! Er hat mich zum Bettler gemacht!" Er weinte, weinte hemmungslos. Da kam Nasrudin wieder am gleichen Baum an, legte den Sack einfach nur vor dem Baumstamm ab und ging selbst hinter den Stamm, um sich dort zu verstecken. Der Mann kam an. Er stürzte sich auf den Sack und fing an, vor Seligkeit zu weinen. Nasrudin schaute hinter dem Baum hervor und sagte: „Mann, bist du jetzt selig? Hast du einen kleinen Schimmer erhascht?" Der Mann sagte: „Ich bin so selig, wie nur irgendein Mensch auf dieser Erde sein kann." Was war passiert? Um einen Gipfel zu erklimmen, braucht man ein Tal. Um Glück zu empfinden, braucht man Unglück. Um das Göttliche zu erkennen, braucht man die Welt. Die Welt ist nur ein Tal. Der Mann war derselbe, der Sack war derselbe geblieben. Nichts Neues war geschehen, aber jetzt sagte er, daß er selig sei – so selig wie nur ein Mensch auf dieser Erde sein könne. Und nur wenige Augenblicke zuvor war er noch todunglücklich gewesen! Nichts hatte sich geändert. Der Mann war derselbe, der Sack war derselbe, der Baum war derselbe. Nichts war anders geworden, aber jetzt war der Mann glücklich und tanzte. Der Kontrast hatte stattgefunden. Das Bewußtsein identifiziert sich, weil nur durch die Identifikation die Welt existiert und ihr euch nur durch die Welt zurückgewinnen könnt. Als Buddha Erleuchtung erlangte, wurde er gefragt: „Was hast du gewonnen?" Er antwortete: „Nichts. Im Gegenteil, ich habe viel verloren. Ich habe nichts erlangt, denn jetzt weiß ich, daß das, was ich erlangt haben mag, alles immer schon da war. Es war mein Wesen. Es ist mir nie genommen worden, also habe ich nichts gewonnen. Ich habe das gewonnen, was bereits da war, was bereits gewonnen war. Ich habe nur meine Unwissenheit verloren." Identifikation ist Unwissenheit. Es gehört zu diesem großarti- gen Schauspiel – zu diesem kosmischen leela, diesem kosmischen Spiel – dazu, daß du dich verlieren mußt, um dich wiederzufin- den. Dieses Dich-selbst-Verlieren ist nur eine Möglichkeit, und zwar die einzige Möglichkeit, dich selbst wiederzugewinnen. Wenn du schon zuviel verloren hast, kannst du es wiedergewin- nen. Wenn du dich selbst noch nicht genug verloren hast, wirst

Das Mysterium der Liebe

du noch mehr verlieren müssen. Und vorher kann gar nichts geschehen, vorher ist keine Hilfe möglich. Erst wenn du dich völ- lig im Tal, in der Dunkelheit, im sansar, in der Welt verirrt hast, kann etwas geschehen. Verliere, damit du gewinnen kannst. Das klingt paradox, aber so ist die Welt, ist der ganze Ablauf beschaf- fen.

Die zweite Frage:

Wenn man langsam ein Gefühl dafür bekommt, daß das Leben ein Psychodrama ist, dann fühlt man sich aber auch abgeschnitten und einsam. Und damit geht die Intensität und Aufrichtigkeit, der Tiefgang des Lebens verloren. Bitte gib Rat, was in dieser Situation zu tun ist. Was also ist dann die richtige Einstellung zum Leben?

Wenn man langsam ein Gefühl dafür bekommt, daß das Leben

ein Psychodrama ist, dann fühlt man sich aber auch abgeschnitten und

Dann fühle das eben so! Warum ein Problem daraus

machen? Wenn du dich abgeschnitten und einsam fühlst, dann fühle dich so! Aber wir erfinden immer neue Probleme. Egal, was passiert – wir machen daraus ein Problem. Fühle dich einsam und abgeschnitten! Und wenn du dich mit deiner Einsamkeit abge- funden hast, wird sie verschwinden. Wenn du etwas mit ihr anstellst, damit sie verschwindet, wird sie nie verschwinden, wird sie da bleiben. Heute sagt ein moderner Trend der Psychologie und Psychoanalyse, daß alles verschwinden kann, wenn du es nur damit aushältst, ohne irgendein Problem daraus zu machen – und das ist eine der ältesten Lehren im Tantra. Seit zehn oder zwölf Jahren setzt man in Japan eine kleine psy- chotherapeutische Technik ein. Psychiater und Psychoanalytiker des Westens haben sie inzwischen studiert. Es ist eine Zen- Therapie, und sie ist wunderbar. Wenn jemand plötzlich neuro- tisch oder psychotisch wird, wird dieser Mann oder diese Frau einfach in einen abgelegenen Raum gesteckt, und man erklärt ihm oder ihr: „Bleibe mit dir allein, egal, was du bist. Neurotisch? Okay! Dann sei neurotisch und lebe damit." Und die Ärzte mischen sich nicht ein. Für Essen wird gesorgt, alle Bedürfnisse

einsam

Kapitel 6

werden erfüllt, nichts wird vernachlässigt, aber es gibt keinerlei Einmischung. Der Patient muß mit sich selbst leben, und binnen zehn Tagen fängt er an, sich zu verändern. Die westliche Psycho- analyse arbeitet jahrelang, und im Grunde verändert sich nichts. Was passiert mit diesem Zen-Patienten? Jegliche Einmischung von außen bleibt aus, und man akzeptiert einfach die Tatsache, daß du neurotisch bist: „Okay, da läßt sich nichts machen." Für Zen ist der eine Baum klein und der andere Baum sehr groß. Okay also – einer ist klein, ein anderer ist groß, und daran läßt sich nichts ändern. Wenn du eine Sache erst einmal akzeptierst, hast du sie bereits hinter dir gelassen. Einer der originellsten Psychiater Englands, R.D. Laing, hat die These aufgestellt, daß ein Wahnsinniger, falls wir es nur schaffen, ihn in Frieden zu lassen und uns nur um seine Bedürfnisse küm- mern, ohne uns einzumischen, nach drei oder vier Wochen über seinen Wahn hinweg sein wird. Laings Standpunkt ist, daß kein Wahnsinn länger als zehn Tage anhalten kann, wenn sich nur nie- mand einmischt. Wenn man sich einmischt, verlängert man damit den Prozeß. Was passiert, wenn man sich in nichts einmischt? Du fühlst dich einsam – also fühle dich einsam. So fühlst du dich eben. Aber wenn ihr euch einsam fühlt, fangt ihr an, alles mögliche zu tun, und das spaltet euch. Dann fühlt sich die eine Hälfte einsam, und die andere sucht dies zu ändern. Das ist absurd. Das ist, als wolltest du dich an deinen Beinen oder deinen Schnürsenkeln hochzie- hen – wolltest dich nach oben ziehen! Absurd! Du bist einsam– also was kannst du tun? Es ist niemand da außer dir, um etwas zu tun. Du bist allein, also sei einsam. Das ist dein Schicksal, so bist du nun mal. Was passiert, wenn du es akzeptierst? Wenn du es akzeptierst, wird deine Zersplittertheit verschwinden. Du wirst eins werden, du wirst ganz sein – nicht mehr geteilt. Wenn du depressiv bist, dann sei depressiv. Tu gar nichts. Und was könntest du auch tun? Alles, was du tust, würde aus Depressi- vität geschehen und damit deine Verwirrung nur noch ver- schlimmern. Du kannst zu Gott beten, aber du wirst so depri- mierend beten, daß du sogar deinen Gott mit deinen Gebeten deprimiert machen würdest. Tu ihm nicht diese Gewalt an! Dein

Das Mysterium der Liebe

Gebet wird ein depressives Gebet sein. Du kannst meditieren, aber was wirst du machen? Die Depression wird da sein. Weil du depressiv bist, wird sich die Depression in alles einschleichen, was du tust. So entsteht noch mehr Verwirrung, noch mehr Frustra- tion, denn es kann dir nicht gelingen. Und wenn es dir nicht gelin- gen kann, wirst du noch deprimierter, und das kann so weiterge- hen bis in alle Ewigkeit. Es ist besser es mit der ersten Depression auszuhalten, als einen zweiten Kreislauf und danach einen dritten auszulösen. Bleibe beim ersten – das Original ist schön! Der zweite wird unecht, und der dritte wird nur ein fernes Echo sein. Erzeuge keine Spirale. Der erste Kreis ist wunderbar. Du bist deprimiert: also ist das die Art, wie dir die Existenz in diesem Augenblick begegnet. Du bist deprimiert, also bleibe dabei: Wart ab und beobachte. Du kannst nicht lange deprimiert bleiben, weil auf dieser Welt nichts von Dauer ist. Diese Welt ist ein Fluxus. Diese Welt kann dir zuliebe nicht ihr Grundgesetz ändern, auf daß du für immer und ewig deprimiert bleibst. Nichts ist hier für immer und ewig; alles bewegt und verändert sich. Die Existenz ist ein Fluß. Der kann dir zuliebe nicht anhalten, nur für dich, auf daß du auf ewig deprimiert bleibest. Er fließt weiter, er ist bereits weitergeflossen. Wenn du dir deine Depression ansiehst, wirst du spüren, daß selbst deine Depression im nächsten Augenblick nicht mehr die- selbe ist: Sie ist anders; sie verändert sich. Schau einfach zu; bleibe bei ihr und tu überhaupt nichts. Auf die Art geschieht Trans- formation durch Nichtstun. Das ist mit „müheloser Mühe" gemeint. Fühle die Depression. Koste sie aus; lebe sie. Sie ist dein Schicksal. Dann plötzlich wirst du merken, daß sie verschwunden ist; denn ein Mensch, der sogar Depression akzeptieren kann, kann nicht deprimiert sein. Ein Mensch, ein Gemüt, das sogar Depression hinnehmen kann, kann nicht deprimiert bleiben! Zur Depression gehört eine nicht-akzeptierende Haltung: „Dies ist

nicht gut, das ist nicht gut; dies darf nicht sein, das darf nicht sein;

dies sollte nicht so sein, wie es ist"

zurückgewiesen, nicht akzeptiert. „Nein" ist die Grundvoraus- setzung. Selbst das Glück wird von so einer Einstellung verworfen.

alles wird abgelehnt,

Kapitel 6

So ein Mensch wird auch im Glück etwas verwerflich finden. Erst gestern kam ein Mann zu mir und sagte: „Die Meditation geht tief, und ich bin sehr glücklich. Aber ich trau dem Frieden nicht. Dieses Glück muß illusorisch sein, denn ich habe mich noch nie zuvor glücklich gefühlt. Ich muß da einer Selbsttäuschung unterliegen. Und so sind mir große Zweifel gekommen. Bitte zer- streue jetzt meine Zweifel." Selbst dann, wenn ein Mensch, der immer nur ablehnend war, von Glück überwältigt wird, wird er seine Zweifel daran haben. Er wird das Gefühl haben, daß da etwas schiefgegangen ist. Er ist glücklich – Beweis genug, daß etwas schiefgelaufen ist! „Das ist doch unmöglich – nur nach ein paar Tagen Meditation!" Ein nicht-akzeptierendes Gemüt wird alles „nicht-akzeptieren". Aber wenn du es schaffst, deine Einsamkeit, deine Depression, deine Traurigkeit zu akzeptieren, bist du bereits dabei, sie zu trans- zendieren. Akzeptieren heißt Transzendieren. Du hast der De- pression ihren ureigenen Boden unter den Füßen entzogen, und jetzt kann sie nicht mehr aufrechtstehen. Versuche folgendes: Gleich, in welch innerer Verfassung du bist, akzeptiere sie und warte ab, wann sich diese Verfassung von selber ändert. Du bist es nicht, der sie ändert. So kannst du erleben, wie schön es ist, wenn sich die Zustände von sich aus verändern. So kannst du erfahren, daß es genau so ist, wie am Morgen bei Sonnenaufgang und am Abend bei Sonnenuntergang; dann wird sie wieder aufgehen und wieder untergehen, und so wird es wei- tergehen: Du brauchst dafür keinen Finger zu rühren. Wenn du spüren kannst, wie sich deine inneren Verfassungen von sich aus verändern, kannst du gleichgültig bleiben, kannst du abseits blei- ben, meilenweit weg, so als ginge dein Sinn woanders hin. Die Sonne geht auf und unter; die Depression kommt, das Glück kommt und geht – aber du steckst nicht darin. Sie kommen und gehen von sich aus, die Zustände kommen und ziehen weiter. Wenn man langsam ein Gefühl dafür bekommt, daß das Leben ein Psychodrama ist, dann fühlt man sich aber auch abgeschnitten und einsam – also fühle es! Und damit geht die Intensität, Aufrichtigkeit und Tiefe des Lebens verloren. Laß sie verlorengehen! Denn alle Intensität und Tiefe, die verlorengehen kann, war nicht wirklich.

Das Mysterium der Liebe

Sie war pseudo, unecht, und es ist besser, daß das Falsche verlo- rengeht. Wie könnte wirkliche Tiefe verlorengehen? Schon ihrer Definition nach kann eine „wirkliche Tiefe" gar nicht verloren- gehen, ganz gleich, was du tust. Wenn man einen Buddha aus der Ruhe bringen kann, dann ist er kein Buddha. Was immer man anstellt – er ruht in sich. Diese unbedingte Unstörbarkeit ist das Buddha-Wesen. Das Wirkliche kann nicht verlorengehen. Das Wirkliche hängt nie von Bedingungen ab. Wenn ich dich liebe und ich sage: ‚Werde ja nicht wütend, sonst ist meine Liebe dahin", dann mag so eine Liebe dahinsein, je früher, desto besser. Wenn die Liebe echt ist, dann macht das, was du tust, keinen Unterschied, egal was es auch sei. Die Liebe wird andauern. Und nur dann hat sie überhaupt einen Wert. Wenn deine Intensität, die Tiefe deines Erlebens einfach nur dadurch verlorengeht, daß du die Welt als ein Psychodrama, als ein Theaterstück betrachtest, dann ist sie es nicht wert, bewahrt zu werden. Sie war unecht. Warum geht sie verloren? Weil sie wirklich Theater war! Aber da du geglaubt hast, sie sei echt, hast du sie für tiefer gehalten. Jetzt weißt du, daß es nur Theater war. Wenn es nur Theater war und die Aufrichtigkeit weg ist, war die Aufrichtigkeit unecht. Du hast sie für echt gehalten, aber sie war nicht echt. Einfach dadurch, daß du das Leben einmal als Theater- stück betrachtet hast, ist sie verschwunden. Es ist genauso, als hätte in einem dunklen Zimmer ein Stück Seil gelegen und du hättest es für eine Schlange gehalten. Aber da war keine Schlange. Jetzt kommst du mit einer Lampe, und mit der Lampe ist die Schlange weg und ist nur noch das Seil da. Wenn mit der Lampe die Schlange verschwindet, dann war sie nie da. Wenn du das Leben als Theaterstück betrachtest, wird alles Unechte verlorengehen, und alles Echte zum ersten Mal in dir zum Vorschein kommen. Warte! Laß das Unechte verlorengehen, und warte ab! Es wird eine Lücke, einen Zwischenraum geben, ehe das Unechte ver- schwindet und das Echte aufgetaucht ist. Es wird eine Lücke geben. Wenn die unwirklichen Schatten vollkommen verschwun- den sein werden und deine Augen nicht mehr von ihnen erfüllt

Kapitel 6

sein werden und deine Augen sich von den unwahren Schatten losgelöst haben werden, wirst du imstande sein, auf das Wirkliche zu schauen, das seit jeher da war. Aber man muß warten. Bitte gib Rat, was in dieser Situation zu tun ist – nichts! Bitte tu gar nichts. Du hast mit deinem Zuvieltun bereits genug Schla- massel angerichtet. Du bist ein so wohlmeinender Mensch, daß du alles um dich her durcheinander gebracht hast – nicht nur für dich selbst, sondern auch für die anderen. Sei ein Nichtstuer. Das wäre ein barmherziger Akt dir selbst gegenüber. Erbarme dich! Tu überhaupt nichts, denn mit einer unwahren Einstellung, einer verwirrten Einstellung, wird alles nur noch verworrener. Mit einer verwirrten Einstellung ist es besser, abzuwarten und gar nichts zu tun, so daß die Verwirrung sich legt. Sie wird sich legen. Nichts auf dieser Welt ist von Dauer. Du brauchst lediglich eine tiefe Geduld. Habe es nicht eilig. Ich will dir eine Geschichte erzählen: Buddha wanderte einmal durch einen Wald. Der Tag war heiß; es war gerade Mittag. Er hatte Durst, also sagte er zu seinem Jünger Ananda: „Geh zurück. Wir haben vorhin einen Bach überquert. Geh zurück und hole mir etwas Wasser." Ananda ging zurück, aber der Bach war sehr schmal, und eben überquerten ihn ein paar Karren. Das Wasser war aufgewühlt und schmutzig geworden. Aller Schlamm, der sich in ihm gelegt hatte, war aufgewühlt worden, und das Wasser war jetzt nicht trinkbar. Also dachte Ananda: „Ich werde umkeh- ren müssen." Er kam zurück und sagte zu Buddha: „Das Wasser ist vollkommen schmutzig geworden und nicht mehr trinkbar. Erlaube mir, vorauszugehen; ich kenne einen Fluß, nur wenige Meilen von hier entfernt. Ich werde hingehen und dir Wasser von dort holen." Buddha sagte: „Nein. Geh zurück zu demselben Bach." Wenn Buddha es sagte, mußte Ananda gehorchen, aber er gehorchte nur halbherzig, da er wußte, daß das Wasser nichts tau- gen würde und daß nun unnötig Zeit vertan wurde, und er war ebenfalls durstig. Aber wenn Buddha es gesagt hatte, mußte er gehen. Wieder kam er zurück und sagte: ‚Warum hast du es ver- langt? Das Wasser ist nicht trinkbar." Buddha sagte: „Geh wieder hin." Und da Buddha das sagte, mußte Ananda gehorchen. Als er

Das Mysterium der Liebe

zum dritten Mal zu dem Bach kam, war das Wasser so klar wie eh und je. Der Schmutz war abgeflossen, das modrige Laub war fort, und das Wasser war wieder rein. Da mußte Ananda lachen. Er brachte das Wasser – und brachte es tanzend. Er fiel Buddha zu Füßen und sagte: „Deine Lehrmethoden grenzen an Wunder. Du hast mir eine große Lektion erteilt – daß man nur Geduld braucht und nichts von Dauer ist." Und das ist im Grunde genommen Buddhas ganze Lehre:

nichts ist von Dauer, alles fließt. Warum dir also solche Gedanken machen? Geh zum selben Bach zurück. Inzwischen dürfte sich alles geändert haben. Nichts bleibt gleich. Hab nur Geduld: Geh wieder und wieder und wieder hin. Schon nach ein paar Augen- blicken werden die Blätter fort sein und wird der Schmutz sich wieder gelegt haben und das Wasser wieder rein sein. Als Ananda zum zweiten Mal zurückgegangen war, hatte er Buddha auch gefragt: „Du bestehst darauf, daß ich gehe; aber kann ich irgendetwas tun, um dieses Wasser zu reinigen?" Buddha antwortete: „Bitte tu gar nichts; sonst verunreinigst du es nur noch mehr. Und steige nicht in den Bach. Bleibe einfach draußen, warte am Ufer. Wenn du in den Bach hineinsteigst, wirst du alles ver- patzen. Der Bach fließt von allein, erlaube ihm also zu fließen." Nichts ist von Dauer; alles ist ein Fluß. Heraklit hat gesagt, daß man nicht zweimal in denselben Fluß steigen kann: Es ist deshalb unmöglich, zweimal in denselben Fluß zu steigen, weil der Fluß weitergeflossen ist, weil sich alles verändert hat. Und nicht nur ist der Fluß weitergeflossen – auch du bist weitergeflossen. Auch du bist ein anderer; auch du bist ein fließender Strom. Sieh diese Undauerhaftigkeit von allem! Hab es nicht eilig; ver- suche nicht, etwas zu tun. Warte einfach! Warte in einem totalen Nichttun. Und wenn du warten kannst, wird die Transformation sich einstellen. Dies bloße Warten ist eine Transformation.

Die dritte Frage:

Die Übung des Zeugeseins macht mich ruhig still und schweigsam; aber dann sagen die Freunde um mich her, ich sei ernstgeworden. Und was sie sagen, scheint irgendwie zu stimmen. Bitte erkläre, wie man

Kapitel 6

zugleich in Stille und in einer spielerischen Haltung heranwachsen kann.

Wenn du wirklich still geworden bist, wirst du nichts darauf geben, was andere sagen. Wenn die Meinungen der anderen dir immer noch wichtig sind, bist du nicht still. In Wirklichkeit war- test du nur darauf, daß sie etwas sagen oder daß sie dir bestätigen und dazu gratulieren, wie still du geworden bist. Die Meinungen der anderen sind dir nur darum wichtig, weil du nichts weißt. Meinung ist niemals Wissen. Ihr hört euch immerzu um, was andere meinen, weil ihr nicht wißt, was ihr seid, wer ihr seid, was mit euch vorgeht. Ihr müßt andere fragen:

,Was ist los mit mir?" Mußt du das andere fragen? Wenn du wirk- lich ruhig still und schweigsam geworden bist, dann zählen keine Freunde und keine Meinungen. Dann kannst du lachen: Sollen sie doch sagen, was sie wollen! Aber es berührt dich. Alles, was sie sagen, dringt tief in dich ein, bringt dich durcheinander. Deine Stille ist unecht, aufgesetzt, künstlich. Sie ist kein spontanes Erblühen in deinem Inneren. Du magst dich dazu gezwungen haben, still zu sein, aber du hast dabei innerlich gekocht. Dann befindet sich die Stille nur an der Oberfläche. Wenn jemand sagt, daß du gar nicht still bist, oder wenn jemand sagt, daß das nicht gut ist, oder wenn jemand sagt, daß das unecht ist, dann gerätst du durcheinander und die Stille ist hin. Die Ruhe ist weg. Darum stellst du mir diese Frage:

Und was sie sagen, scheint irgendwie Sinn zu machen. Du bist ernst geworden. Was also ist verkehrt daran, ernst zu sein? Wenn du ernst geboren wurdest – dazu, um ernst zu sein –, wirst du halt ernst sein, kannst du dir keine spielerische Haltung abzwingen. Oder wenn du es doch tust, wird dein Spielerisches ernst ausfallen, und du wirst damit das ganze Spiel verderben. Es gibt ernsthafte Spieler. Sie werden bei ihren Spielen und Entspannungen so ernst, daß nur noch mehr Verspannungen dabei herauskommen. Ich las kürzlich die Lebenserinnerungen eines Mannes, der ein bedeutender Industrieller war, sehr geplagt von alltäglichen Problemen. Jemand schlug ihm Golf vor: „Spiele Golf, das wird dich auf heiterere Gedanken bringen." Er fing an, Golf zu spielen,

Das Mysterium der Liebe

aber er war der Mann, der er war: Er regte sich so über sein Golfspiel auf, daß er nicht mehr schlafen konnte. Er spielte die ganze Nacht lang! Sein Geschäftsleben war schon Last genug, und jetzt wurde das Golfspiel zur zweiten Last – sogar einer noch schwereren. Er spielte zwar Golf, aber mit einer ernsthaften Haltung – der gleichen Haltung. Wenn du ernsthaft bist, bist du ernsthaft: Da ist nichts zu ändern. Sei ernst und bleibe ernst. Damit hast du dann schon angefangen, spielerisch zu sein. Dann gehst du spielerisch mit dei- ner Ernsthaftigkeit um – nimmst sie nicht mehr ernst. Du nimmst sie als Spiel; also sagst du: „In Ordnung, Gott hat mir diese Rolle zugeteilt, also werde ich den Ernsten machen und meine Ernst- haftigkeit spielen."Jetzt wird sie tief drinnen verschwunden sein verstehst du, was ich meine? Du kannst deine spielerische Einstellung ernsthaft angehen, oder du kannst deinen Ernst spielerisch angehen. Wenn du ein trauriger, ein ernsthafter Mensch bist, dann sag allen Leuten: „Ich wurde ernsthaft geboren und werde es auch bleiben" – und nimm es nicht allzu ernst. Sei es! Sei es einfach, und dann kannst du dar- über lachen, und es wird verschwinden. Und du wirst nicht ein- mal gemerkt haben, wann es verschunden ist. Und gib nichts darauf, was die anderen sagen; das ist krankhaft. Sie werden dich verrückt machen, diese ‚anderen'. Wer sind diese anderen, und warum bist du so an ihnen interessiert? Sie machen dich verrückt, und du machst sie verrückt, denn für sie bist du ein ‚anderer'. Warum den Meinungen anderer soviel Gewicht bei- messen? Gib Acht auf deine eigenen Erfahrungen und bleibe dei- nen eigenen Erfahrungen treu. Wenn du dich gut damit fühlst, ernst zu sein, ist es in Ordnung! Wenn du das Gefühl hast, durch die Übung des Zeugeseins ruhig, still und schweigsam geworden zu sein, warum sich dann noch für das interessieren, was andere sagen – und sich dadurch durcheinander bringen lassen? Aber wir sind uns nicht sicher, also müssen wir die Meinungen anderer einholen. Wir müssen eine Unterschriftensammlung star- ten: „Auch sie sind überzeugt, daß ich ein Buddha geworden bin. Bitte hier unterschreiben." Wenn das alle unterschreiben und du viele Unterschriften gesammelt hast – wenigstens die Mehrheit –,

Kapitel 6

bist du in deinen Augen ein Buddha. Das ist nicht der Weg, ein Erleuchteter zu werden! Und bitte erkläre, wie sich Wachstum in Stille und gleichzeitig in einer spielerischen Haltung vereinbaren läßt. Nur so wächst man! Es hat noch nie einen Fall gegeben, wo es anders gelaufen wäre. Man wächst gleichzeitig in Stille und einer spielerischen Haltung. Aber wenn deine Stille nicht echt ist, dann wird es zum Problem. All diejenigen, die je die Stille erfahren haben, sind zu allen Zeiten spielerisch, unernst gewesen. Sie konnten lachen, und sie konn- ten nicht nur über andere lachen, sondern auch über sich selber lachen. Bodhidharma kam vor vierzehnhundert Jahren von Indien aus an die Grenze nach China. Er legte sich einen seiner Schuhe auf den Kopf: Der eine war am Fuß, der andere auf seinem Kopf. Wu, der Kaiser von China, war gekommen, ihn zu empfangen; er wußte nicht, was er davon halten sollte. Es gab natürlich eine Unmenge Gerüchte über die Seltsamkeiten dieses Mannes aber es war ein Erleuchteter, und der Kaiser wollte ihn in seinem Reich willkommen heißen. Er geriet in Verwirrung. Seine Höf- linge gerieten ebenfalls in Verwirrung. ,Was für ein Mann ist das denn? Und er lacht auch noch!" Es ziemte sich nicht, vor den anderen etwas zu sagen. Als alle also gegangen waren und Bodhidharma sich mit dem Kaiser in das Zimmer Bodhidharmas zurückgezogen hatte, fragte der Kaiser: „Bitte sag mir: Warum machst du einen solchen Narren aus dir? Warum trägst du einen Schuh auf dem Kopf?" Bodhi- dharma lachte und sagte: ‚Weil ich mich über mich selber lustig machen kann. Und weil es gut ist, dir zu demonstrieren, wer ich in Wirklichkeit bin: So einer bin ich. Und ich lege auf meinen Kopf nicht mehr Wert als auf meine Füße. Beide sind für mich gleich. Höher und niedriger gibt es für mich nicht. Und darüber- hinaus möchte ich dir damit sagen, daß ich nichts darauf gebe, was andere über mich sagen. Und das ist gut so. Ich wollte, daß du im gleichen Moment, da ich dein Reich betrat, erfährst, mit wem du es zu tun hast." Dieser Bodhidharma war ein seltenes Juwel. Es hat nur wenige gegeben, die sich mit ihm vergleichen ließen. Was demonstrierte

Das Mysterium der Liebe

er damit? Er demonstrierte damit, daß man auf seinem Weg der Spiritualität allein geht, als Einzelner. Die Gesellschaft wird uner- heblich. George Gurdjieff bekam einmal Besuch von jemandem, der ein Interview mit ihm machen wollte – der Besucher war ein berühmter Journalist. Gurdjieffs Schüler waren ganz aufgeregt, denn das hieß, daß die Story in einer großen Zeitung erscheinen würde und somit das Photo ihres Meisters und die Nachricht über ihren Meister veröffentlicht würde. Daran lag ihnen sehr viel, und sie machten dem Journalisten den Hof. Sie vergaßen praktisch ihren Meister und scharten sich um den Journalisten. Dann begann das Interview; aber tatsächlich begann es überhaupt nie. Als der Journalist nämlich Gurdjieff einige Fragen stellte, sagte Gurdjieff: „Einen Augenblick!" Direkt neben ihm saß eine Dame. Gurdjieff fragte sie: „Welchen Tag haben wir?" Die Dame sagte: „Sonntag." Gurdjieff sagte: „Wie ist das möglich? Erst vor einem Tag war Samstag, wie also kann heute Sonntag sein? Erst gestern sagtest du, es sei Samstag, und jetzt plötzlich Sonntag? Wie kann auf den Samstag der Sonntag folgen?" Der Journalist stand auf und sagte: „Ich gehe. Ich habe es offensichtlich mit einem Wahnsinnigen zu tun." Alle Schüler waren sprachlos. Niemand konnte verstehen, was passiert war. Als der Journalist fort war, lachte Gurdjieff. Was andere sagen, ist unerheblich. Sei authentisch mit dem, was du fühlst, aber sei authentisch! Wenn dir wirkliches Schweigen widerfahren ist, wirst du lachen können. Über Dozen, einen Zenmeister, wird berichtet, daß er, nachdem er die Erleuchtung erlangt hatte, von vielen Leuten gefragt wurde: „Was hast du hin- terher getan?" Er sagte: „Ich ließ mir eine Tasse Tee kommen." Was soll man als nächstes tun? Alles ist vorbei. Und Dozen nahm seine Verspielheit ernst und ging spielerisch mit seiner Ernst- haftigkeit um. Wirklich: Was bleibt? Gib nicht so viel auf das, was andere sagen, und merke dir eines:

Erzwinge die Stille nicht und setze sie dir nicht künstlich auf. Eine gekünstelte Stille wird ernst, krank, verspannt sein. Aber wie kann eine wirkliche Stille über dich kommen? Versuche, dies zu ver- stehen: Du bist verspannt, du bist unglücklich, du bist deprimiert,

Kapitel 6

wütend, gierig, gewaltsam

tausend Krankheiten sind da.

Trotzdem kannst du Stille üben. Diese Krankheiten werden in dir sein, aber du kannst eine Schicht Stille darüberlegen. Du kannst Transzendentale Meditation machen; du kannst ein Mantra benutzen. Das Mantra wird nichts an deiner Gewaltsamkeit ändern, und auch deine Gier nicht verändern. Es wird in der Tiefe gar nichts bewirken. Das Mantra kann nur die Wirkung eines Tranquillizers haben. Du wirst dich stiller fühlen, aber nur an der Oberfläche. Es ist nur ein Tranquillizer, ein Ton-Tranquillizer, und von solchen Beruhigungsmitteln kann es alles mögliche geben Arten. Wenn du ständig ein Mantra wiederholst, wirst du–viele schläfrig. Jede ständige Wiederholung eines Tons erzeugt Lange- weile und Schlaf. Du fühlst dich entspannt, aber diese Ent- spannung ist nur an der Oberfläche. Drinnen bleibst du derselbe. Übe immerzu ein Mantra, tagtäglich, und du wirst eine gewisse Stille empfinden – aber nicht wirklich, weil deine Krankheiten sich nicht geändert haben, deine Persönlichkeitsstruktur die glei- che geblieben ist. Sie wurde nur übertüncht. Hör mit dem Mantra auf, hör mit der Übung auf, und all deine Krankheiten werden wieder hochkommen. Dies ist überall zu beobachten: Sucher, die von einem Lehrer zum nächsten weiterziehen. Sie sind immer auf Achse, machen immer neue Übungen, und wenn sie mit ihren Übungen auf- hören, entdecken sie, daß sie die gleichen sind: Nichts ist passiert. Nichts kann auf diese Weise passieren. Das sind Beispiele gekünstelter Stille. Du bist gezwungen, sie künstlich herzustellen. Natürlich wird sie dich begleiten, wenn du sie immer weiter künstlich erzeugst, genau wie eine Angewohn- heit, aber wenn du die Angewohnheit abbrichst, verschwindet sie. Eine echte Stille kommt nicht dadurch zustande, daß du irgend- eine oberflächliche Technik benutzt, sondern indem du dir alles

bewußt machst, was du bist – nicht nur bewußt machst, sondern indem du es mit dem aushältst, was du tatsächlich bist. Bleibe bei den Tatsachen. Dies ist sehr schwer, weil der Verstand auf Veränderung drängt: Wie die Gewaltsamkeit ändern? Wie die Depression ändern? Wie das Unglück ändern? Der Verstand sucht Veränderung, um irgendwie ein besseres Bild von der Zukunft zu

Das Mysterium der Liebe

entwerfen. Daran liegt es, daß man fortwährend diese und jene Methode ausprobiert. Bleibe bei den Tatsachen und versuche nicht, an ihnen herum- zubasteln. Daran halte dich, ein Jahr lang. Fasse ein Datum ins Auge und nimm dir vor: ,Von dem und dem Tage an werde ich ein Jahr lang nicht an Veränderung denken. Ich werde es mit dem aushalten, was immer ich bin. Ich werde nur wachsam und bewußt bleiben." Ich will damit nicht sagen, daß du überhaupt nichts tun sollst, aber diese Wachsamkeit ist die einzige An- strengung. Du mußt wachsam sein und darfst keinen Gedanken an Veränderung verschwenden: bei dem bleiben, was immer du bist – gut, schlecht, egal was. Ein Jahr lang ohne Bestreben nach Veränderung, einfach nur wachsam sein – und plötzlich wirst du eines Tages entdecken, daß du nicht mehr derselbe bist: Wach- samkeit wird alles verändert haben. Im Zen nennt man das „Zazen" – einfach nur dasitzen und gar nichts tun. Was immer geschieht, geschieht: Du sitzt einfach nur da. „Zazen" heißt: „einfach nur dasitzen, ohne etwas zu tun". In den Zenklöstern sitzen die Mönche jahrelang da, den ganzen Tag lang. Man möchte meinen, sie meditieren. Mitnichten! Sie sitzen einfach nur still da. Und „still" heißt nicht etwa, daß sie irgendein Mantra benutzen, um still zu werden – sie sitzen nur. Wenn ein Bein einschläft, fühlen sie das. Sie sind wachsam. Wenn der Körper ermüdet, registrieren sie: „Der Körper wird müde. Das ist zu erwarten". Wenn ihnen Gedanken durch den Kopf gehen, wissen sie das. Sie versuchen nicht, sie anzuhalten, sie versuchen nicht, sie beiseite zu schieben. Sie tun überhaupt nichts. Die Gedanken sind einfach da wie die Wolken am Himmel, aber sie wissen, daß die Wolken dem Himmel nichts anhaben können; sie kommen und gehen. Genauso durchqueren die Gedanken den Himmel des Be- wußtseins, kommen und gehen sie. Sie tun ihnen keinen Zwang an, sie halten sie nicht an, tun gar nichts, sie nehmen nur hellwach wahr, daß da jetzt Gedanken laufen. Manchmal taucht Depression auf – eine Wolke: Alles wird überschattet. Manchmal kommt Frohsinn – ein Sonnenstrahl: Alles fängt an zu tanzen, so als hätten sich überall im Bewußtsein Blumen geöffnet. Aber sie las-

Kapitel 6

sen sich nicht aus der Ruhe bringen, weder durch das eine noch durch das andere, durch Wolkenwetter oder durch Sonnenschein. Sie warten einfach und sehen, wie alles läuft. Sie sitzen einfach am Ufer eines Flusses, und alles fließt weiter. Sie versuchen nicht, irgendetwas zu ändern. Wenn ein böser Gedanke kommt, sagen sie nicht: „Das ist böse!" – denn im gleichen Augenblick, da du sagst: „Das ist böse!", hast du es zur Seite gedrängt, hast du es verdammt, möchtest du es in etwas Gutes verändern. Sie sagen einfach: „Dies ist dies, das ist das." Ohne Verurteilung, ohne Wertung, ohne Rechtfertigung. Einfaches Zuschauen, Zeugesein. Manchmal vergessen sie das Zeugesein. Auch dann kommen sie nicht aus der Ruhe. Sie wissen: „Ach ja, so ist das: Ich habe ver- gessen, Zeuge zu sein. Jetzt habe ich es gemerkt und werde wie- der Zeuge sein." Sie machen kein Problem draus. Sie leben das, was ist. Jahre kommen und gehen, und sie sitzen immerzu da und sehen, was ist. Und dann eines Tages verschwindet alles. Genau wie ein Traum löst sich alles auf – und du bist erwacht. Dieses Erwachen ist nichts Einstudiertes; dieses Erwachen ist nichts Gekünsteltes. Dieses Erwachen ist deine Natur, dein eigentliches Wesen. Es konnte nur deshalb zum Durchbruch kommen, weil du imstande warst, geduldig abzuwarten und zuzuschauen und keine Probleme zu machen. Merke dir das als etwas ganz Wesentliches: Mache keine Probleme. Mach keine Probleme! Erst vor zwei oder drei Tagen war eine Dame hier; sie sagte:

„Ich kann nur an Sex denken. Was kann ich also tun?" Und dann kam jemand anders und sagte: „Ich fühle mich so minderwertig, ich hab einen Minderwertigkeitskomplex. Was kann ich tun?" Also sagte ich diesem Mann: ‚Wenn du dich minderwertig fühlst, dann fühl dich minderwertig. Wisse, daß du dich so fühlst. Was soll man machen? Da ist nichts zu machen. Und du denkst nur an Sex? Also denke an Sex. Wisse, daß du sexbesessen bist." Aber sobald ich so etwas zu jemandem sage, fühlt er sich schockiert. Er war gekommen, um eine Technik zu erfahren, wie er sich ändern kann. Niemand akzeptiert sich. Ihr seid dermaßen mit euch verfein- det! Ihr habt noch nie Liebe zu euch selbst empfunden, ihr habt

Das Mysterium der Liebe

euch noch nie mit euch selber wohlgefühlt. Und das ist überra- schend: Ihr erwartet von jedem, daß er euch liebt, und dabei könnt ihr euch noch nicht einmal selbst lieben. Ihr seid so gegen euch selbst, daß ihr euch am liebsten kurz und klein schlagen würdet und einen anderen erschaffen würdet. Wenn ihr dürftet, würdet ihr einen anderen Menschen aus euch machen. Und mit dem wäret ihr dann auch nicht zufrieden, weil ihr ihn ja selber gemacht hättet. Liebe dich selbst, akzeptiere dich selbst, und mache keine unnötigen Schwierigkeiten. Und alle Schwierigkeiten sind un- nötig. Es gibt keine nötigen Schwierigkeiten. Mir sind noch keine begegnet. Bleibe hei deinem Sosein, und die Transformation wird kommen. Aber nicht als Ergebnis – du kannst sie nicht herbei- zwingen. Wenn du dich akzeptierst und wach bleibst, kommt sie. Du kannst sie nicht erzwingen, du kannst nicht sagen: „Ich werde sie herbeizwingen!" Und wenn du es doch versuchst, wird etwas Unechtes mit dir geschehen, und dann kann jedermann dieses Unechte ins Wanken bringen – jedermann!

Die letzte Frage:

Du hast gesagt: „Akzeptieren transformiert."`Aber warum gibt mir das Akzeptieren der Sinne und der Begierden stattdessen das Gefühl, tierhaft zu sein?

Darin besteht deine Transformation: Das ist deine Realität. Und was ist verkehrt daran, ein Tier zu sein? Mir ist noch kein einziger Mensch begegnet, der sich mit einem Tier vergleichen ließe. Suzuki pflegte zu sagen: „Ich liebe einen Frosch mehr als einen Menschen – ja sogar einen Frosch. Seht nur, wie ein Frosch am Rand eines Teiches sitzt, wie meditativ ein Frosch dasitzt! Seht ihn euch an, wie meditativ er ist – unberührt von dem Rummel der ganzen Welt, sitzt er einfach nur da und sitzt und meditiert, eins mit der Existenz." Suzuki hat gesagt: „Als ich unerleuchtet war, war ich ein Mensch. Und als ich erleuchtet war, wurde ich genau wie eine Katze."

Kapitel 6

Sieh dir eine Katze an: Sie kennt das Geheimnis, wie man sich entspannt, dabei hat sie kein einziges Buch über Entspannung gelesen – „Wie man sich entspannt"! Seht euch eine Katze an. Kein Mensch kann das besser lehren als eine Katze. Die Katze ist entspannt und hellwach. Wenn ihr entspannt, schlaft ihr ein! Die Katze ist sogar dann noch hellwach, wenn sie schläft! Und wie fle- xibel ihr Körper ist, wie entspannt in jedem Augenblick! Was ist verkehrt daran, ein Tier zu sein? Der Mensch hat sich durch sein Ego dazu verleiten lassen, Vergleiche anzustellen. Er sagt: Wir sind keine 'Tiere." Aber kein Tier würde wünschen, ein Mensch zu sein! Sie fühlen sich wohl und daheim in der Existenz. Sie sind nicht besorgt, sie sind nicht verspannt. Natürlich erfinden sie keine Religion – weil sie keine brauchen. Sie haben keine Psychoanalytiker; nicht, weil sie unentwickelt sind – sondern weil sie keine brauchen. Was ist verkehrt an Tieren? Woher diese Verurteilung? Diese Verurteilung ist Teil des menschlichen Egos. Der Mensch hält sich für den Überlegenen, den Gipfel der Schöpfung. Kein Tier hat je diese Hierarchie unterschrieben. Darwin hat gesagt, daß der Mensch sich aus Affen entwickelt habe; aber würdet ihr die Affen fragen, ich fürchte, sie würden nicht sagen, daß der Mensch ihre Weiterentwicklung sei. Sie würden sagen, daß er ein Niedergang sei. Der Mensch hält sich selbst für den Mittelpunkt. Das ist völ- lig unnötig. Das ist nur egoistischer Unsinn. Wenn du das Gefühl hast, wie ein Tier zu sein, ist nichts ver- kehrt daran. Sei eines, und sei es von ganzem Herzen – und sei eines mit voller Wachheit. Diese Wachheit wird zu allererst das Tier in dir ans Licht bringen, denn das ist deine Realität. Deine Menschlichkeit ist nur aufgesetzt, nicht tiefer als die Haut. Wenn du alles akzeptierst, wird diese hautdünne Menschlichkeit ver- schwinden. Die ist etwas Unwirkliches, und dafür kannst du dei- nes wirklichen Tieres gewahrwerden. Und es ist gut, sich der Wirklichkeit gewahrzuwerden. Wenn du noch weiter wach bleibst, wirst du tief in diesem Tier auf das Göttliche stoßen. Und es ist immer besser, ein wirkliches Tier zu sein, als ein unwirklicher Mensch. Was zählt, ist Wirklichkeit. Ich bin also nicht gegen Tiere: Ich bin nur gegen Heucheleien.

Das Mysterium der Liebe

Heuchle nicht, ein Mensch zu sein. Sei ein wirkliches Tier, und mit dieser Wirklichkeit wirst du authentisch geworden sein, Substanz bekommen haben. Bleibe nun weiter wach, und nach und nach wirst du zu einer tieferen Schicht vordringen, die noch wirklicher ist als das Tier — nämlich zum Göttlichen. Das Göttliche ist nicht nur in dir, vergiß das nicht: Es ist in allen Tieren. Und es ist nicht nur in den Tieren — es ist in allen Bäumen; es ist in den Steinen. Das Göttliche ist der eigentliche Mittelpunkt von allem. Verlieren kannst du es nur dadurch, daß du dich verstellst, und wiedergewinnen kannst du es dadurch, daß du wirklich wirst.

Von der Welle zum kosmischen Ozean [Fragen]

61. So wie die Wellen mit Wasser und die Flammen mit Feuer da-

herkommen, so wogt das Universelle mit uns.

62. Wo immer dein Geist hinwandern mag innerlich wie äußerlich —

genau an diesem Ort: Dies.

63. Wann immer irgendeiner deiner Sinne dir einen lebhaft bewuß-

ten Eindruck verschafft , verweile in dieser Bewußtheit

Das Mysterium der Liebe

Sri Aurobindo sagt irgendwo, daß das ganze Leben Yoga sei. Und so ist es: Alles kann zu einer Meditation werden. Und solange noch nicht alles zur Meditation wird, ist dir noch keine Meditation widerfahren. Meditation kann nicht Bestandteil, nicht Bruchteil sein. Entweder sie ist da – und wenn sie da ist, bist du ganz und gar in ihr – , oder sie ist nicht da. Du kannst nicht eine Ecke deines Lebens meditativ machen, das ist unmöglich. Aber genau das wird überall versucht. Du kannst meditativ werden, nicht ein Teil von dir. Das ist ausgeschlossen, weil Meditation eine Qualität deines Daseins ist. Sie ist genau wie Atmen: Du atmest immerzu weiter, in allem, was du tust. Egal was du machst, du atmest weiter. Ob du gehst, sitzt, liegst, schläfst – du atmest wei- ter. Du kannst es nicht so einrichten, daß du manchmal atmest und manchmal nicht atmest. Es ist ein Kontinuum. Meditation ist ein inneres Atmen, und wenn ich sage „ein inne- res Atmen", meine ich das wortwörtlich. Es ist keine Metapher. Genauso wie du Luft atmest, kannst du auch Bewußtsein atmen. Und wenn du erst einmal anfängst, Bewußtsein ein- und auszu- atmen, bist du nicht mehr nur ein physischer Körper. Und mit diesem Anfang, diesem Beginn eines höheren Atmens – eines Atmens des Bewußtseins, des Lebens selbst, wenn man so will – betrittst du ein neues Reich, eine neue Dimension. Diese Dimension ist die der Metaphysik. Dein Atmen ist physisch; Meditieren ist meta-physisch – jen- seits von der physikalischen Welt. Du kannst also nicht einen Teil deines Lebens meditativ machen. Du kannst nicht morgens medi- tieren und es danach vergessen. Du kannst nicht in einen Tempel oder eine Kirche gehen und dort meditieren und dann aus deiner Meditation herauskommen, so wie du aus dem Tempel herauskommst. Das ist nicht möglich, und wenn du es versuchst, laborierst du am falschen Objekt. Du kannst zwar in eine Kirche hineingehen und sie wieder verlassen, aber du kannst nicht in die Meditation hineingehen und sie wie- der verlassen. Wenn du eingetreten bist, bist du eingetreten. Wo immer du jetzt hingehen magst, wirst du Meditation sein. Dies ist eine der grundlegenden, primären, elementaren Tatsachen, die man nie vergessen darf

Kapitel 7

Zweitens: Du kannst von überall her in Meditation hinein- gehen, weil das ganze Leben in tiefer Meditation ist. Die Berge meditieren, die Sterne meditieren, die Blumen, die Bäume, die Elemente meditieren – die ganze Erde meditiert. Das ganze Leben meditiert, und du kannst von egal wo hineingehen – alles und jedes kann zur Eingangstür werden. So hat man es seit jeher gehalten. Das ist der Grund, warum es so viele Techniken gibt, und auch der Grund, warum es so viele Religionen gibt, warum die eine Religion nicht die andere Religion verstehen kann: weil sie verschiedene Eingangstüren haben. Und manchmal kommen Religionen vor, die man noch nicht einmal als Religion bezeich- net hat. Ihr würdet gewisse Personen nicht als religiös erkennen, weil ihre Eingangstür so anders ist. Zum Beispiel ein Dichter: Ein Dichter kann in Meditation gehen, ohne zu irgendeinem Lehrer zu gehen, ohne irgendeinen Tempel zu betreten, ohne sich irgendwie religiös zu geben – soge- nannt ‚religiös'. Sein Dichten, sein Schöpferakt, kann zur Ein- gangstür werden – durch ihn kann er eintreten. Oder ein Töpfer, der nur Tontöpfe herstellt, kann in Meditation gehen, einfach indem er Tontöpfe macht. Sein Handwerk selbst kann zur Eingangstür werden. Oder ein Bogenschütze kann durch sein Bogenschießen meditativ werden, oder ein Gärtner, oder wer auch immer – von wo aus auch immer. Wozu auch immer du befähigt sein magst, es kann zu einer Tür werden. Wenn sich bei der Ausführung die Qualtiät deiner Bewußtheit verändert, wird es zu einer Technik. Es kann also so viele Techniken geben, wie ihr euch nur vorstellen könnt. Jeder Akt kann zur Tür werden. Also kommt es nicht auf den Akt, die Technik, das Mittel, die Methode an, sondern auf die Bewußtseinsqualität, die du in den jeweiligen Akt einbringst. Auf die kommt es an. Kabir – einer der bedeutendsten Mystiker Indiens – war ein Weber, und er blieb auch nach seiner Erleuchtung ein Weber. Er hatte Abertausende von Schülern, und oft kamen sie zu ihm und sagten: „Jetzt hör doch endlich auf zu weben! Du brauchst es nicht. Wir sind für dich da und werden dir in jeder Hinsicht die- nen." Dann lachte Kabir immer und sagte: „Meine Weberei ist

Das Mysterium der Liebe

nicht einfach Weberei. Ich fertige zwar Kleider an, aber das ist nur das äußere Tun. Aber gleichzeitig damit geht etwas in mir vor, das ihr nicht sehen könnt. Weben ist meine Meditation." Wie kann ein Weber durch sein Weben ein Meditierer sein? Wenn die Bewußtseinsqualität, die du in das Weben einbringst, meditativ ist, dann ist das Tun nicht relevant; es ist irrelevant. Ein anderer Mystiker war ein Töpfer; sein Name war Gorak. Er stellte irdene Töpfe her, und während er seine Töpfe fertigte, tanzte und sang er ständig. Während er einen Topf auf der Scheibe machte, zentrierte sich im selben Moment, da er den Tonklumpen auf der Scheibe zentrierte, auch etwas in seinem Inneren. Sehen konnte man nur eines: Die Scheibe drehte sich, der Tontopf nahm Gestalt an, und er zentrierte den Tontopf. Sehen konnte man nur das eine Zentrieren. Gleichzeitig fand ein anderes Zentrieren statt: Er selbst zentrierte sich auch. Während er den Topf in der Mitte formte, dem Topf verhalf, zum Vorschein zu kommen, kam auch er selbst in der unsichtbaren Welt des inneren Bewußtseins zum Vorschein. Wenn er einen Topf schuf, war der nicht das Eigentliche, woran er arbeitete – er erschuf auch sich selbst. Jeder beliebige Akt kann meditativ werden, und wenn du erst einmal weißt, wie ein Akt meditativ wird, kannst du aus jedem beliebigen Tun eine Meditation machen. Dann wird das ganze Leben zum Yoga. Ob du auf der Straße läufst oder im Büro arbei- test oder einfach nur dasitzt und gar nichts tust – bloß faulenzt oder was auch immer –, es kann Meditation werden. Merkt es euch also: Meditation hat nichts mit dem zu schaffen, was man tut, sondern sie hat mit der Qualität zu tun, die man in sein Tun einbringt.

So, jetzt können wir uns den Sutras zuwenden. Die erste:

So wie die Wellen mit Wasser und die Flammen mit Feuer daher- kommen so wogt das Universelle mit uns.

Versteht zunächst, was eine Welle ist, und dann könnt ihr nach- empfinden, wie dieses ,Wellenbewußtsein" euch helfen kann, in

Kapitel 7

Meditation zu gehen. Ihr seht Wellen auf dem Meer. Sie treten in Erscheinung, in einem gewissen Sinne existieren sie, aber in einem noch tieferen Sinne existieren sie nicht. Dies ist das erste, was es an einer Welle zu verstehen gilt. Die Welle taucht auf – sie ist in gewissem Sinne da. Aber trotzdem ist sie nicht da, in einem tiefe- ren Sinne. Im tieferen Sinne ist nur das Meer da. Man kann nicht eine Welle ohne das Meer haben, und selbst während die Welle da ist, existiert nur das Meer. Die Welle ist nur eine Form, keine Substanz. Das Meer ist substanziell; die Welle ist nur eine Form. Viele Probleme entstehen aufgrund von Sprache. Weil wir „die Welle" sagen, klingt es so, als wäre eine Welle irgendein Ding. Es wäre besser, wenn wir nicht „die Welle" benutzen würden, son- dern „das Wellen". Es gibt keine Welle, nur ein Wellen, ein Wogen – eine Tätigkeit, kein Ding; nur eine Bewegung, keine Substanz; nur ein Vorgang, keine Materie. Die Materie ist das Meer; die Welle ist nur eine Form. Das Meer kann still sein – dann verschwinden die Wellen, aber das Meer ist da. Das Meer kann still sein oder in Bewegung oder in starker Bewegung oder in gar keiner Bewegung – aber eine stille Welle kann man nicht finden. Eine Welle ist eine Aktivität, keine Substanz. Solange die Aktivität da ist, ist die Welle da – als ein Wogen, eine Bewegung, eine einfache Form der Bewegung. Aber wenn die Stille kommt, wenn die Inaktivität kommt, dann ist die Welle nicht mehr da, aber das Meer ist da. In beiden Fällen ist das Meer die Wirklichkeit. Die Welle ist nur eine Spiel-Form. Die Welle kommt und verschwindet; das Meer bleibt. Zweitens: Wellen scheinen Einzelwesen zu sein; jede Welle hat ihre eigene Persönlichkeit, unverwechselbar, anders als jede andere. Keine zwei Wellen sind gleich. Einige Wellen sind groß, andere Wellen sind klein. Jede von ihnen hat ihre eigenen Besonderheiten. Jede Welle hat ihren eigenen Charakter, und jede Welle unterscheidet sich natürlich von jeder anderen. Die eine Welle mag aufsteigen, die andere mag verebben. Während die eine aufsteigt, stirbt die andere. Beide können nicht gleich sein, weil die eine aufsteigt und die andere stirbt. Trotzdem ist die Wirklichkeit hinter beiden die gleiche. Sie sehen verschieden aus, sie sehen getrennt aus, sie sehen individuell aus, aber das Äußere

Das Mysterium der Liebe

täuscht. Tief drinnen existiert nur ein einziges Meer, und wie unverwandt miteinander sie auch wirken mögen, sie sind miteinander verwandt. Und während die eine steigt und die andere fällt, mag man keine Beziehung erkennen; die Beziehung mag nicht in Erscheinung treten; denn wie sollte auch eine stei- gende Welle mit einer sterbenden Welle verwandt sein? Ein alter Mann liegt im Sterben und ein Kind kommt zur Welt:

Wie sind sie miteinander verwandt? Wären sie verwandt, würden sie beide zugleich sterben oder zugleich zur Welt kommen. Das Kind ist geboren und der Alte ist tot: Die eine Welle stirbt gerade, eine andere steigt eben auf. Aber die aufsteigende Welle mag ihre Energie von der sterbenden Welle beziehen. Die sterbende Welle mag ihr, durch ihren Tod, dazu verhelfen aufzusteigen. Die ver- ebbende Welle mag die Ursache der Welle sein, die sich erhebt. Tief drinnen sind sie verwandt mit einem Meer. Sie sind nicht verschieden, sie sind nicht unbezogen, sie sind nicht getrennt. Ihre Individualität ist nicht echt, ist Schein. Sie sind unindividuell. Die Dualität ist nur dem Schein nach da. Aber in Wirklichkeit ist es anders: Ihre Nichtdualität ist die Wahrheit. Jetzt werde ich das Sutra noch einmal vorlesen: So wie die Wellen mit Wasser und die Flammen mit Feuer daherkommen, so wogt das Universelle mit uns. Wir sind nur Wellen in einem kosmischen Meer. Meditiert dar- über; laßt dieses Gefühl tief in euch eindringen. Fangt an, euer Einatmen nur als das Aufsteigen einer Welle zu empfinden. Du atmest ein, du atmest aus – und der Atem, der in dich eindringt, war nur einen Augenblick zuvor noch der Atem eines anderen, und der Atem, der dich verläßt, wird schon im nächsten Augen- blick zum Atem eines anderen werden. Das Atmen ist nur das Wogen auf dem Ozean des Lebens. Ihr seid nicht getrennt – nur Wellen. Ihr seid tief drinnen eins. Wir hängen zusammen. Indivi- dualität ist unecht und illusorisch. Und so ist das Ego die einzige Barriere. Individualität ist unecht. Sie scheint vorhanden zu sein, ist aber nicht wirklich. Das Wirkliche ist das Nicht-Individuelle, das Ozeanische, die Gemeinsamkeit. Aus diesem Grund ist jede Religion gegen die egoistische Haltung. Wer sagt, daß es keinen Gott gibt, ist deswegen noch

Kapitel 7

lange nicht unreligiös; aber wer sagt: „Ich bin!", ist unreligiös. Gautam Buddha war ein Atheist. Er glaubte an keinerlei Gott. Mahavir Vardhaman war ein Atheist und glaubte an keinerlei Gott. Aber sie kamen an, sie wurden erleuchtet, sie erkannten das Gesamte, das Ganze. Wenn du an keinen Gott glaubt, magst du deshalb nicht unreligiös sein; denn „Gott" ist für Religion nicht unerläßlich. „Nicht-Ich" ist für Religion unerläßlich. Und selbst wenn du an Gott glaubst, bist du mit einer egoistischen Ein- stellung unreligiös. Mit einer nicht-egoistischen Einstellung ist es nicht nötig, an einen Gott zu glauben: Da fällst du automatisch ins Göttliche hinein. Ohne Ego kannst du dich nicht an der Welle festklammern: Du mußt in den Ozean fallen. Mit dem Ego klam- merst du dich an die Welle. Betrachte das Leben als Ozean und dich selbst als nur eine Welle, und erlaube diesem Gefühl, Einlaß in dir zu finden. Ihr könnt diese Technik auf mancherlei Art benutzen. Fühlt, wenn ihr atmet, wie der Ozean in euch atmet. Der Ozean kommt zu dir, geht wieder hinaus, kommt herein, geht hinaus. Fühle mit jedem Einatmen eine Welle in dir aufsteigen, fühle mit jedem Ausatmen eine Welle sterben. Und zwischen den beiden — was bist du da? Nur ein Nichts: shunya, eine Leere. Durch dieses Gefühl von Leere wirst du transformiert werden. Durch dieses Gefühl, ein Nichts zu sein, wird all dein Unglück verschwinden, denn Unglück erfordert einen Mittelpunkt — einen unwirklichen Mittelpunkt, wohlgemerkt. Die Leere ist dein wirklicher Mittel- punkt. Dort existiert kein Elend, dort befindest du dich in einem tiefen Wohlsein. Wenn du nicht existierst, wer kann da noch ver- spannt sein? Du bist voller Seligkeit. Nicht, daß du von Seligkeit erfüllt wärest: Aber da du nicht da bist, ist nur Seligkeit da. Kannst du — ohne dich — Unglück erzeugen? Aus diesem Grund sagt Buddha nie, daß in diesem Zustand, dem letzten und höchsten Zustand, ananda, Seligkeit herrsche. Das sagt er nirgends. Er sagt nur, daß es dann kein Unglück geben wird, mehr nicht. Würde er von Seligkeit sprechen, könnte euch das irreführen; also sagt Buddha: Sprich nicht von Seligkeit; ver- suche einfach nur zu erkennen, wie du ohne Unglück sein kannst. Mit anderen Worten: wie du ohne dich selbst sein kannst.

Das Mysterium der Liebe

Was ist unser Problem? Das Problem besteht darin, daß die Welle sich für etwas vom Meer Getrenntes hält. Dann gibt es Probleme. Wenn sich eine Welle für vom Meer abgetrennt hält, wird augenblicklich die Angst vor dem Tod kommen. Die Welle muß sterben, und die Welle kann rings um sich her sterbende Wellen sehen. Und du kannst dich nicht lange darüber hinweg- täuschen. Die Welle sieht, wie andere Wellen sterben, und die Welle weiß, daß selbst in ihrem Aufsteigen irgendwo der Tod ver- borgen ist; denn diese anderen Wellen sind ja auch erst einen Augenblick zuvor aufgestiegen, und jetzt fallen sie ab, lösen sie sich auf. Also mußt du sterben. Wenn sich die Welle für getrennt vom Ozean hält, muß früher oder später die Todesangst auf- tauchen, zwangsläufig. Aber wenn die Welle weiß, daß sie nicht existiert und nur der Ozean existiert, ist keine Todesangst da. Nur eine Welle kann sterben, nicht der Ozean. Ich kann ster- ben, aber nicht das Leben. Du kannst sterben, du wirst sterben – aber nicht der Kosmos, nicht die Existenz. Die Existenz wogt immer weiter. Sie hat in dir gewogt, sie wird in anderen wogen. Und mag auch deine Woge verschwinden – gleich neben deiner Auflösung werden sich andere Wogen erheben, und der Ozean geht weiter. Wenn du erst einmal von der Wogenform Abstand genommen hast und du eins wirst und dich eins fühlst und deine Einheit mit dem Ozean, dem Formlosen, erkennst, dann existiert für dich kein Tod mehr. Wenn nicht, wird die Angst vor dem Tod dich unglücklich machen. In jedem Schmerz, in jeder Qual, in jeder Sorge ist die Grundangst die vor dem Tod. Du hast Angst, du zit- terst. Du magst dir dessen nicht bewußt sein, aber wenn du in dein Inneres dringst, wirst du finden, daß dort ein ununterbro- chenes Zittern herrscht, weil du sterben wirst. Du magst für noch so viele Absicherungen sorgen, du magst um dich her eine Zitadelle errichten, aber nichts wird helfen. Nichts wird helfen: Staub zu Staub! Du wirst nach unten zurück- fallen. Habt ihr je darauf geachtet oder habt ihr je über den Umstand meditiert, daß euch, wenn ihr einfach nur die Straße entlang geht, Staub an den Schuhen haften bleibt? Dieser Staub mag einmal der Körper eines Napoleon oder eines Alexander

Kapitel 7

gewesen sein. Irgendwo ist Alexander jetzt Staub, und der Staub, der dir am Schuh festklebt, mag einst der Körper Alexanders gewesen sein. Und dasselbe wird mit dir der Fall sein. Jetzt bist du da, und im nächsten Moment wirst du nicht mehr sein: Dasselbe wird mit dir

passieren! Früher oder später wird der Staub zum Staub gehen, wird die Welle verschwinden. Angst ergreift dich. Stell dich dir nur mal als Staub vor, der irgendwem am Schuh klebt, oder stell dir vor, wie ein Töpfer einen irdenen Topf aus dir macht, aus dei- nem Körper oder dem Körper deines geliebten Partners, oder stell dir vor, wie du in einen Wurm übergehst oder zum Baum wirst. Aber so geschieht es. Alles hat eine Form, und Form muß ster- ben. Nur das Formlose ist ewig. Wenn du dich an die Form klam- merst, wenn du dich mit der Form identifizierst, wenn du dich als eine Wellenform erlebst, dann kommst du in Schwierigkeiten – durch eigenes Zutun. Du bist der Ozean, nicht die Welle. Diese Meditation kann da helfen: Sie kann dir eine Metamor- phose bescheren, kann zu einer Mutation werden. Aber laß sie sich über dein ganzes Leben erstrecken. Während du atmest, denk daran; während du ißt, denk daran; während du gehst, denk

daran

und das Formlose immer der Ozean ist. Das Formlose ist todlos; die Form ist sterblich. Und nicht etwa, daß du irgendeines fer- nen Tages sterben wirst: Du stirbst bereits jeden Tag. Die Kindheit stirbt, und die Jugend wird geboren; dann stirbt die Jugend, und

das Alter wird geboren; dann stirbt das Alter, und die Form löst sich auf. Jeden Augenblick bist du am sterben, wirst du zu etwas ande- rem – wird etwas anderes geboren. Dein erster Tag der Geburt ist nicht der erste Tag deiner einzigen Geburt: Er steht einfach in einer Reihe von vielen Geburten, die noch kommen werden. Und dein Tod in diesem Leben ist nicht der erste Tod: Er ist nur der Tod dieses Lebens; gestorben bist du schon vorher. Jeden Moment stirbt etwas und wird etwas anderes geboren. Ein Teil von dir stirbt, ein anderer Teil wird geboren. Die Physiologen sagen, daß innerhalb von sieben Jahren nichts in eurem Körper so bleibt wie bisher. Alles verändert sich, jede

denke an zwei Dinge: daß die Form immer die Woge ist,

Das Mysterium der Liebe

Zelle. Wenn du siebzig Jahre lang lebst, wird dein Körper zehnmal renoviert, wieder und wieder. Alle sieben Jahre hast du einen neuen Körper. Nicht auf einen Schlag – mit jedem Moment ändert sich etwas. Du bist eine Welle, und selbst die hat keine Substanz; jeden Augenblick änderst du dich. Und eine Welle kann nicht statisch sein. Eine Welle muß veränderlich sein; eine Welle muß unentwegt in Bewegung sein. So etwas wie das Phänomen einer statischen Welle kann es nicht geben. Wie könnte es auch? Eine Welle, die sich nicht bewegt, macht keinen Sinn. Es ist Bewegung da, es ist ein Vorgang. Du bist ein Vorgang, eine Be- wegung. Wenn du dich mit dieser Bewegung, mit diesem Vorgang identifiziert hast, und du dir zwischen Geburt und Tod eingezwängt vorkommst, wirst du im Unglück leben. Dann ver-

wechselst du den Schein mit der Wirklichkeit. Das ist es, was Shankara maya nennt – „Illusion". Der Ozean ist das brahman, der Ozean ist die Wahrheit. Stell dich dir also als Woge vor, oder als ein Gewoge von fort- währendem Auf und Ab, und bleib einfach Zeuge dabei. Du kannst überhaupt nichts tun. Diese Wogen werden verschwinden. Alles, was in Erscheinung getreten ist, wird verschwinden müs- sen. Daran ist nichts zu ändern. Jedes Sträuben ist absolut zweck- los. Da gibt es nur eines zu tun – und zwar, als Zeuge dieser Wellenform beizuwohnen. Kaum bist du ein Zeuge, wirst du plötzlich etwas gewahr, das jenseits der Welle ist, das über die Welle hinausgeht, das aber auch in der Welle ist und auch außer- halb von der Welle ist, das die Welle formt und sie doch trans- zendiert – nämlich der Ozean. So wie die Wellen mit Wasser und die Flammen mit Feuer daher- kommen, so wogt das Universelle mit uns. Das Universelle wogt mit uns. Du bist nicht, nur das Universelle ist – und es wogt durch dich hindurch. Fühle es, versenke dich hinein, meditiere darüber.

Laß zu, daß es dir widerfährt

Das Atmen erwähnte ich schon. Ein sexuelles Verlangen regt sich in dir: Fühle es – nicht als dein Verlangen, sondern nur als Ozean, der in dir wogt, einfach als Leben, das da pulsiert, einfach als Leben, das in dir eine Woge schlägt. Ihr begegnet euch im Liebesakt: Stellt es euch nicht als zwei Wellen vor, die da zusam-

auf viele, viele Arten und Weisen.

Kapitel 7

menkommen, nicht als zwei einzelne, die zusammenkommen, sondern lieber als zwei einzelne, die miteinander verschmelzen:

Sie sind nicht mehr zwei Individuen. Die Wellen sind ver- schwunden, nur der Ozean ist geblieben. Dann wird der Sexakt zur Meditation. Was immer dir geschieht, das empfinde nicht so, als würde es dir geschehen, sondern so, als würde es dem Kosmos

geschehen. Du bist nur ein Teil von ihm – nur eine Welle an der Oberfläche. Überlasse alles dem All.

wenn er Hunger hatte,

sagte er immer: „Wie es scheint, hat das All Hunger durch mich." Wenn er Durst hatte, sagte er immer: „Die Schöpfung hat in mir Durst." Das ist es, wohin euch diese Meditation führen wird. Dann fällt alles von eurem Ego ab und wird Teil des Universums. Dann passiert alles, was passiert, der Existenz selbst: Du bist nicht mehr hier. Dann gibt es keine Sünde, dann gibt es keine Verant- wortung. Womit ich nicht meine, daß du dann verantwortungslos wirst; ich meine damit nicht, daß du dann frisch drauflos sündigen kannst. Nein – alles Sündigen wird unmöglich sein, weil Sünde nur um ein Ego hemm geschehen kann. Es wird deshalb keine Verantwortung da sein, weil du jetzt nicht mehr verantwortungs- los sein kannst. Nur du bist – wem gegenüber kannst du also ver- antwortlich sein? Und wenn du jetzt jemanden sterben sehen wirst, hast du das Gefühl, mit ihm, in ihm zu sterben: Das Uni- versum stirbt da, und du gehörst ihm an. Und wenn du eine Blume aufblühen sehen wirst, wirst du mit ihr aufblühen. Das ganze Universum wird jetzt du geworden sein. In einer so tiefen Verbundenheit und Harmonie sein heißt, im samadhi zu sein.

Der Weg dahin heißt Meditation, und diese Harmonie der Einheit, dieses Gefühl des Einsseins mit allem, ist die Bestimmung, ist das Ziel. Versucht es! Behaltet den Ozean vor Augen und vergeßt die Welle. Und wann immer ihr die Welle vor Augen habt und so tut, als wäret ihr die Welle, dann erinnert euch, daß ihr etwas falsch macht und euch nur selbstverschuldetes Unglück daraus erwachsen wird. Es gibt keinen Gott, der euch bestraft. Wann immer ihr irgendeiner Illusion auf den Leim geht, bestraft ihr euch selbst. Es gibt wohl

Dogen, ein Zenmeister, sagte immer

Das Mysterium der Liebe

das dharma, das Gesetz, das Tao. Wenn man in Harmonie mit ihm lebt, fühlt man sich selig. Wenn man dagegen anlebt, fühlt man sich unglücklich. Da sitzt niemand im Himmel, um euch zu stra- fen. Niemand führt Buch über eure Sünden; das ist auch nicht nötig. Es ist genau wie mit der Schwerkraft: Wenn man richtig läuft, wird man von der Schwerkraft unterstützt — ohne sie kann man gar nicht laufen. Wenn man falsch läuft, wird man umfallen

und sich vielleicht ein Bein brechen. Aber es bestraft euch nie-

mand. So ist einfach das Gesetz, die Schwerkraft

teiische Schwerkraft. Wenn du falsch gehst und hinfällst, holst du dir einen Bruch. Wenn du richtig gehst, nutzt du die Schwerkraft. Die Energie kann richtig oder falsch genutzt werden. Wenn du dir als Welle vorkommst, wendest du dich gegen das Universalgesetz, bist du gegen die Realität. Dann erzeugst du Unglück für dich selbst. Nichts anderes ist mit dem „Gesetz des Karma" gemeint. Da ist kein Gesetzgeber; Gott ist kein Richter. Ein Richter zu sein, das ist abstoßend. Und wenn Gott ein Richter wäre, würde er sich zu Tode langweilen — oder er wäre inzwischen verrückt geworden. Er ist kein Richter, er ist kein Kontrolleur, er ist kein Gesetzgeber. Das Universum hat seine eigenen Gesetze, und das Grundgesetz ist: wirklich zu sein, in Seligkeit zu sein. Unwirklich sein heißt, im

Unglück sein.

die unpar-

Die zweite Technik:

Wo immer dein Geist hinwandern mag innerlich wie äußerlich — genau an diesem Ort: Dies.

Dieser dein Geist ist die Tür — genau dieser Geist. Wo immer er hinwandert, was immer er gerade denkt, erwägt, träumt: Genau dieser Geist ist genau in diesem Augenblick die Tür. Dies ist eine sehr revolutionäre Methode, weil wir nie für mög- lich halten, daß unser gewöhnlicher Geist die Tür sein könne. Wir denken, daß nur eine geistige Koryphäe — ein Buddha, ein Jesus —

dort Einlaß hätte

hirn besäßen. Dieser Geist, den du hast, dieser Geist, der immerzu

daß die irgendwie ein menschliches Super-

Kapitel 7

träumt und sich triftige oder untriftige Gedanken macht, in dem es von häßlichen Begierden, Leidenschaften, Wut, Habgier, allen möglichen Lastern wimmelt, der sich völlig deiner Kontrolle ent- zieht, der dich hierhin und dorthin zerrt, von hierhin nach dort- hin treibt, ein einziges Tollhaus – genau dieser Geist, so besagt die- ses Sutra, ist die Tür. Egal, wo dein Geist hinwandert, egal wohin wohlgemerkt! Auf das Was kommt es nicht an: Wo immer dein Geist hinwandern mag innerlich wie äußerlich – genau an diesem Ort: Dies. Viele Dinge gibt es da zu verstehen. Erstens: Der gewöhnliche Geist ist nicht so gewöhnlich, wie wir meinen. Der gewöhnliche Geist ist mit dem universellen Geist nicht unverwandt; er gehört ihm an. Seine Wurzeln gehen hin- unter bis ins innerste Zentrum der Existenz. Andernfalls könntet ihr gar nicht existieren. Selbst ein Sünder hat im Göttlichen seine Wurzeln, anders könnte es ihn nicht geben. Selbst wenn es den Teufel gäbe, könnte er ohne göttliche Unterstützung nicht da sein. Die Existenz selber ist nur deshalb möglich, weil sie im Sein gründet. Euer Geist träumt, hängt Vorstellungen nach, wandert, ist verspannt, gequält, unglücklich – egal, wie er sich bewegt und wohin er sich bewegt, er bleibt im Ganzen begründet. Anders ist es nicht möglich. Du kannst dich nicht aus der Existenz entfer- nen, das ist unmöglich. Genau jetzt hast du deinen Grund in ihr. Was also ist zu tun? Wenn wir in genau diesem Moment in ihr gründen, dann mag sich die egoistische Haltung einbilden, es gäbe da nichts zu tun: „Wir sind bereits das Göttliche, wozu soviel Wind machen?" Ihr gründet zwar im Göttlichen, aber ihr seid euch dieser Tatsache nicht bewußt. Wenn der Geist wandert, gibt es da zweierlei: den Geist und das Wandernde; die Gegenstände im Geist und den Geist selbst; Wolken, die durch den Himmel ziehen, und den Himmel. Zwei Dinge sind vorhanden – die Wolken und der Himmel. Manchmal kann es passieren – es pas- siert tatsächlich –, daß so viele Wolken da sind, daß der Himmel verschwindet und ihr ihn nicht mehr sehen könnt. Aber selbst wenn ihr ihn nicht sehen könnt, ist er nicht verschwunden; er kann nicht verschwinden. Es gibt nichts, womit man den Himmel verschwinden machen könnte. Er ist da: verdeckt oder unverdeckt,

Das Mysterium der Liebe

sichtbar oder unsichtbar ist er da. Aber die Wolken sind auch da. Wenn ihr nur auf die Wolken achtgebt, ist der Himmel ver- schwunden. Wenn ihr nur auf den Himmel achtgebt, sind die Wolken bloß Zufall: Sie kommen und sie gehen. Ihr braucht euch um sie nicht groß zu sorgen. Sie kommen und sie gehen. Sie sind seit jeher gekommen und seit jeher gegangen. Sie haben den Himmel noch nie zerstört, keinen Zentimeter. Sie haben den Himmel noch nie verschmutzt; sie haben ihn noch nicht einmal berührt. Der Himmel bleibt unberührt. Wenn euer Geist wandert, gibt es da zweierlei: einerseits die Wolken, die Gedanken, die Gegenstände und Bilder; und ande- rerseits das Bewußtsein, der Geist selber. Wenn ihr zu sehr auf die Wolken, die Gegenstände, Gedanken, Bilder achtgebt, habt ihr den Himmel vergessen, habt ihr den Gastgeber vergessen und euch zu sehr für den Gast interessiert. Diese wandernden Ge- danken und Bilder sind nur Gäste. Wenn ihr eure Aufmerk- samkeit ganz auf die Gäste richtet, vergeßt ihr euer eigenes Sein. Verschiebt den Fokus von den Gästen zum Gastgeber, von den Wolken zum Himmel. Macht das konkret. Ein sexuelles Verlangen taucht auf – das ist eine Wolke. Oder es taucht eine Gier auf – danach, ein größeres Haus zu besitzen; das ist eine Wolke. Du kannst davon so besessen werden, daß du völlig vergißt, in wem das aufgetaucht ist, wem das passiert ist. Wer ist dahinter? Durch wessen Himmel zieht diese Wolke? Bleib dieses Himmels eingedenk, und plötzlich verschwindet die Wolke. Du brauchst dazu nur eine Verschiebung des Brenn- punktes vom Objekt zum Subjekt, vom Äußeren zum Inneren, von der Wolke zum Himmel, vom Gast zum Gastgeber – nur eine Brennpunktverschiebung. Der Zen-Meister Lin-Chi hielt einmal eine Ansprache. Jemand aus der Menge sagte: „Beantworte mir nur eine Frage: Wer bin ich?" Lin-Chi verstummte. Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können. Was würde er darauf antworten? Aber er antwortete nicht. Er erhob sich von seinem Sessel, ging in die Menge, auf den Mann zu. Die ganze Menge erstarrte vor Ehr- furcht. Sie wagten kaum noch zu atmen: Was würde er tun? Hätte er nicht von seinem Platz aus antworten könne? Das war doch

Kapitel 7

nicht nötig! Der Mann bekam Angst, aber Lin-Chi kam auf ihn zu mit seinem durchbohrenden Blick. Er packte den Mann am Kragen, schüttelte ihn durch und befahl ihm: „Schließe die Augen! Und erinnere dich, wer diese Frage gestellt hat: ,Wer bin ich?'" Der Mann schloß seine Augen, ängstlich natürlich. Er ging nach

innen, um nachzuforschen, wer diese Frage gestellt hatte

aber

dann kam er einfach nicht wieder zurück. Die Menge wartete und wartete und wartete. Sein Gesicht wurde still, ruhig, gelassen. Da mußte Lin-Chi ihn noch einmal durchschütteln: „So, nun komm raus und verrate es allen: ,Wer bin ich?" Der Mann mußte lachen und sagte: ‚Was für eine wun- dersame Art, eine Frage zu beantworten! Aber wenn mich jetzt jemand dasselbe fragen sollte, werde ich mit ihm das gleiche tun. Ich kann nicht antworten." Es war nur eine Frage der Brennpunktverschiebung. Du stellst die Frage: ,Wer bin ich?", und dein Geist richtet sich wie gebannt auf die Frage; dabei verbirgt sich die Antwort direkt hinter der Frage im Fragenden selbst. Verschiebe den Fokus, kehre zu dir selbst zurück. Dies Sutra lautet: Wo immer dein Geist hinwandern mag inner- lich wie äußerlich —genau an diesem Ort: Dies. Kehre dich von den Gegenständen dem Geist selber zu, und dein Geist ist nicht länger gewöhnlich. Du bist nur der Gegen- stände wegen gewöhnlich. Plötzlich wirst du selbst zum Buddha. Du bist bereits ein Buddha, nur bist du mit vielen Wolken bela- den. Und nicht nur beladen — du klammerst dich regelrecht an deine Wolken! Du erlaubst ihnen nicht, sich zu bewegen. Du hältst Wolken für deinen Besitz. Du glaubst, je mehr du hast, desto besser, desto reicher bist du. Und dein ganzer Himmel, dein innerer Raum, ist dir einfach verborgen. In gewisser Weise ist er inmitten der Wolken verschwunden, sind die Wolken zu deinem Leben geworden. Das Leben der Wolken ist sansar — die Welt. Das kann sogar in einem einzigen Augenblick passieren, dieser Wechsel der Blickrichtung. Und er passiert immer plötzlich. Ich will damit nicht sagen, daß ihr überhaupt nichts dafür zu tun braucht, und plötzlich passiert es — ihr werdet sehr viel tun müs-

sen. Aber es wird niemals stufenweise passieren. Ihr werdet tun

Das Mysterium der Liebe

und machen müssen und tun und machen müssen – und eines Tages plötzlich kommt ein Moment, wenn ihr die richtige Temperatur erreicht habt, um zu verdampfen. Plötzlich ist kein Wasser mehr da – es ist verdampft. Plötzlich seid ihr nicht mehr bei dem Gegenstand, sind eure Augen nicht mehr auf die Wolken gerichtet: Plötzlich haben sie sich nach innen gekehrt, dem inne- ren Raum zu. Es passiert nie allmählich – so, daß sich ein Teil eurer Augen nach innen gekehrt hätte und ein anderer Teil noch bei den Wolken draußen wäre – nein! Es vollzieht sich nicht in Prozenten – erst bist du zehn Prozent drinnen und neunzig Prozent draußen, dann zwanzig Prozent drinnen und achtzig Prozent draußen – nein! Wenn es passiert, passiert es hundertprozentig – weil du dein Fokussieren nicht aufteilen kannst. Entweder du siehst die Gegenstände oder du siehst dich selbst, entweder die Welt oder das brahman. Du kannst dich zur Welt zurückwenden, kannst dei- nen Fokus wieder ändern – du bist der Herr im Hause. Ja, tat- sächlich bist du erst jetzt Herr im Hause – wenn du deinen Fokus nach Belieben ändern kannst. Mir fällt hierzu Marpa ein, ein tibetischer Mystiker. Als er erkannte, als er ein Buddha wurde, als er sich nach innen kehrte, als er zum ersten Mal dem inneren Raum, dem Unendlichen begegnete, da fragte ihn jemand: „Marpa, wie geht es dir jetzt?" Marpas Antwort ist außergewöhnlich, unerwartet; kein Buddha hat je so geantwortet. Marpa sagte: „So unglücklich wie zuvor." Der Mann war verdutzt und sagte: „So unglücklich wie zuvor?!" Aber Marpa lachte und sagte: Ja, aber mit einem Unterschied. Und der Unterschied ist, daß das Unglück jetzt freiwillig ist. Manchmal gehe ich, nur um die Welt zu kosten, nach draußen, aber jetzt bin ich der Herr im Hause – jederzeit kann ich hinein- gehen; und es ist gut, zwischen den Extremen zu pendeln. Das hält lebendig! Ich bin beweglich." Marpa sagte: Ich kann jetzt hin- und hergehen. Gelegentlich gehe ich in die Unglücksgefühle hinein, aber jetzt ist das nicht etwas, das mir passiert. Ich passiere ihnen, und ich bleibe unberührt. Natürlich bleibt man, wenn man freiwillig da reingeht, unberührt.

Kapitel 7

Sobald du weißt, wie du deinen Fokus nach innen wenden kannst, kannst du zur Welt zurückkehren. Jeder Buddha ist zur Welt zurückgekehrt. Wieder faßt er sie ins Auge, aber jetzt hat der innere Mensch eine andere Beschaffenheit: Er weiß, daß er es ist, der sie ins Auge faßt. Diese Wolken dürfen jetzt vorbeiziehen. Diese Wolken sind nicht Herr im Hause, sie können dich nicht überwältigen. Du läßt sie zu, und es ist schön. Manchmal ist es ein schöner Anblick, wenn der Himmel von Wolken erfüllt ist — die Bewegung der Wolken ist schön. Wenn der Himmel sich selber treu bleibt, kann er den Wolken gestatten dahinzuziehen. Das Problem stellt sich nur, wenn der Himmel sich selber vergißt und nur noch Wolken da sind. Dann wird alles häßlich, weil die Freiheit verloren ist. Dies Sutra ist schön. Wo immer dein Geist hinwandern mag, innerlich wie äußerlich —genau an diesem Ort: Dies. Dies Sutra hat die Zen-Tradition zutiefst beeinflußt. Im Zen heißt es, dein gewöhnlicher Geist ist der Buddha-Geist: ‚w enn du ißt, bist du ein Buddha; wenn du schläfst, bist du ein Buddha; wenn du Wasser vom Brunnen holst, bist du ein Buddha." Und es stimmt! Ob du Wasser vom Brunnen holst oder Nahrung zu dir nimmst oder dich ins Bett legst — du bist ein Buddha. Unvorstellbar! Es klingt rätselhaft, aber es ist die Wahrheit. Wenn du beim Wasserholen einfach nur das Wasser trägst, wenn du kein Problem daraus machst und einfach das Wasser trägst, wenn dein Geist unbewölkt ist und der Himmel leer, wenn du nichts anderes tust, als Wasser zu tragen, dann bist du ein Buddha. Wenn du ißt, dann iß, ohne etwas anderes zu tun. Wenn wir essen, tun wir gleichzeitig tausenderlei. Wir sind vielleicht völ- lig geistesabwesend. Der Körper mag essen, genau wie ein Roboter — der Geist mag irgendwo anders sein. Erst vor ein paar Tagen war ein Student hier. Er steht kurz vorm Examen, und so kam er, um mich um Rat zu fragen: „Ich bin ganz durcheinander. Das Problem ist, daß ich mich in ein Mädchen ver- liebt habe. Während ich mit dem Mädchen zusammen bin, denke ich an mein Examen, und wenn ich mich vorbereite, denke ich nur an mein Mädchen. Was soll ich nur tun? Während ich büf- fele und mich vorbereite, bin ich nicht bei der Sache, bin ich in

Das Mysterium der Liebe

meiner Phantasie bei meinem Mädchen. Und wenn ich bei ihr bin, bin ich nie bei ihr, dann denke ich über meine Aufgaben nach, an mein Examen, das immer näherrückt. Alles ist also zu einem Schlamassel geworden." Genauso ist jeder zu einem Schlamassel geworden, nicht nur dieser Junge. Wenn du im Büro sitzt, denkst du an zu Hause; zu Hause denkst du ans Büro. Und solche Zaubertricks beherrschst du nicht: zu Hause kannst du nur zu Hause sein, kannst du nicht im Büro sein. Und wenn du im Büro bist, bist du nicht bei Sinnen, bist du geisteskrank. Dann verschwimmt alles mit allem anderen, dann ist nichts klar. Und so eine Verfassung ist ein Problem. Wenn du Wasser aus einem Brunnen hochziehst, Wasser vom Brunnen holst, und wenn du einfach nur diesen einfachen Akt vollziehst, bist du ein Buddha. Und so kommt es immer wieder vor, daß Zen-Meister auf die Frage danach, was sie tun, was ihre spirituelle Disziplin sei, was ihre Meditation sei, zur Antwort geben: „Wenn wir müde sind, schlafen wir. Wenn wir hungrig sind, essen wir. Und das ist alles; eine andere sadhana, spirituelle Disziplin, haben wir nicht." Aber das ist ungeheuer schwer; auch wenn es einfach aussieht. Wenn du beim Essen einfach nur essen kannst, wenn du beim Sitzen einfach nur sitzen kannst – ohne etwas anderes zu tun, wenn du im Augenblick verweilen kannst, ohne dich von ihm zu entfernen, wenn du mit dem Augenblick verschmelzen kannst ohne Zukunft und ohne Vergangenheit, wenn dieser Augenblick jetzt die einzige Existenz ist, dann bist du ein Buddha, dann wird genau dieser Geist zum Buddha-Geist. Wenn dein Geist abwandert, versuche nicht, ihn abzuhalten. Mache dir lieber den Himmel bewußt. Wenn die Gedanken wan- dern, versuche nicht, sie anzuhalten, versuche nicht, sie auf einen Punkt festzunageln, sie auf irgendetwas zu konzentrieren – nein! Laß sie wandern, aber achte nicht sonderlich auf das Wandern; denn dann bleibst du, ob du dafür oder dagegen bist, mit dem Wandern beschäftigt. Vergiß den Himmel nicht. Laß das Wan- dern zu und sage einfach: „In Ordnung, das ist nur der Verkehr auf der Straße." Viele Leute bewegen sich hierhin oder dorthin. Und der gleiche Verkehr findet im Geiste statt. „Ich bin nur der

Kapitel 7

Himmel, nicht die Wolke" – fühle das, erinnere dich daran, und bleibe dabei. Früher oder später entdeckst du, daß die Wolken sich verlangsamen und die Lücken zwischen den Wolken größer werden. Sie sind nicht mehr so dunkel, nicht mehr so dicht. Das Tempo ist langsamer geworden, und es werden Lücken sichtbar und man kann auf den Himmel schauen. Halte dich an das Gefühl, daß du der Himmel bist und nicht die Wolken. Früher oder später, eines Tages, in irgendeinem rechten Augenblick, wenn sich dein Fokus wirklich nach innen gekehrt hat, werden die Wolken verschwunden sein – dann wirst du der Himmel, der ewig-reine Himmel, der ewig-jungfräuliche Himmel sein. Und hast du diese Jungfräulichkeit erst einmal kennengelernt, kannst du zu den Wolken, zu der Welt der Wolken zurückkeh- ren. Dann hat auch diese Welt ihre eigene Schönheit. Du kannst dich in sie hineinbegeben, aber jetzt als Herr. Die Welt ist nicht schlecht. Die Welt als Herr – das ist das Problem. Wenn du der Herr bist, kannst du dich frei in ihr bewegen. Dann hat die Welt ihre ganz eigene Schönheit. Sie ist schön, sie ist liebenswert. Aber erst mußt du diese Schönheit und dieses Liebenswerte als innerer Herr kennenlernen.

Die dritte Technik:

Wann immer irgendeiner deiner Sinne dir einen lebhaft bewußten Eindruck verschafft, verweile in dieser Bewußtheit.

Du siehst alles durch deine Augen. Merkt es euch: Ihr seht alles durch eure Augen. Die Augen können nicht sehen: Ihr seht durch sie hindurch. Der Sehende verbirgt sich dahinter. Die Augen sind nur die Öffnung, nur die Fenster. Aber wir denken immer, daß wir mit den Augen sehen; wir denken immer, daß wir mit den Ohren hören. Niemand hat je mit den Ohren gehört. Ihr hört durch die Ohren, nicht mit den Ohren. Der Hörende ist dahinter verborgen. Die Ohren sind nur Empfangsorgane. Ich berühre dich: Ich gebe dir eine liebende Berührung, ergreife deine Hand. Die Hand ist es nicht, die dich berührt: Ich bin es, der dich berührt – vermittels der Hand. Die Hand ist nur

Das Mysterium der Liebe

instrumentell. Es kann also zwei Arten von Berührung geben: Ich kann dich wirklich berühren oder ich kann der Berührung ein- fach nur ausweichen. Ich kann deine Hand berühren und dabei der Berührung ausweichen: Ich mag in meiner Hand gar nicht anwesend sein, mag mich zurückgezogen haben. Versucht es ein- mal, und ihr werdet ein anderes, ein distanziertes Gefühl haben. Legt eure Hand auf jemanden und zieht euch zurück: Eine tote Hand liegt dort, ohne dich. Und wenn der andere feinfühlig ist, wird er auch eine tote Hand spüren. Er wird sich verletzt fühlen. Du tauschst ihn: Du gibst nur vor, ihn zu berühren, dabei berührst du ihn gar nicht. Frauen sind da besonders feinfühlig; man kann sie nicht täu- schen. Sie haben ein größeres Gefühl für Berührung, für körper- liche Berührung, also wissen sie Bescheid. Ihr Mann mag das Blaue vom Himmel herunter erzählen, er mag Blumen mitge- bracht haben und er mag beteuern: „Ich liebe dich!", aber seine Berührung wird zeigen, daß er nicht da ist. Und Frauen fühlen instinktiv, ob man bei ihnen ist oder nicht bei ihnen ist. Es ist schwer, sie zu täuschen, außer du bist ein Meister. Solange du noch nicht ein Herr deiner selbst bist, kannst du sie nicht täuschen. Aber ein Meister würde kein Ehemann werden wollen – da liegt die Schwierigkeit. Du kannst sagen, was du willst, es wird falsch sein: Deine Berührung wird es beweisen. Kinder sind sehr empfindlich; man kann sie nicht täuschen. Man mag sie tätscheln, aber sie wissen, daß dies Tätscheln unecht ist. Wenn deine Hand keine strömende Energie ist, keine liebende Energie, wissen sie Bescheid. Dann ist es so, als bediene man sich eines toten Gegenstands. Wenn du in deiner Hand mit deiner Ganzheit vorhanden bist, wenn du die Bewegung gemacht hast, wenn dein Zentrum in die Hand einge- gangen ist, wenn deine Seele darin ist, dann hat die Berührung eine ganz andere Beschaffenheit. Dies Sutra besagt, daß die Sinne nur Türen sind – Empfangs- stationen, Medien, Instrumente, Rezeptoren. Du bist dahinter ver- borgen. Wann immer irgendeiner deiner Sinne dir einen lebhaft bewußten Eindruck verschafft, dann verweile in dieser Bewußtheit. Beim Musikhören – vergeßt euch nicht im Ohr, verliert euch

Kapitel 7

nicht im Ohr. Macht euch die Bewußtheit klar, die sich dahinter

verbirgt. Seid hellwach! Während ihr jemanden anseht

sucht es einmal! Ihr könnt es jetzt im Moment ausprobieren, während ihr auf mich seht. Was geschieht da? Ihr könnt mich mit den Augen ansehen, und wenn ich ,mit den Augen' sage, bedeu- tet das: ohne euch dabei bewußt zu sein, daß ihr hinter den Augen verborgen seid. Ihr könnt mich auch durch die Augen ansehen, und wenn ich ‚durch die Augen' sage, dann heißt das: die Augen sind nur zwischen euch und mir. Ihr steht dort hinter den Augen und schaut durch die Augen hindurch, genauso wie jemand durch ein Fenster oder eine Brille schaut. Habt ihr schon einmal einen Bankangestellten gesehen, wie er über seine Brille hinwegschaut? Die Brille ist ihm auf der Nase runtergerutscht, und er schaut auf. Seht mich einmal genauso an, in meine Richtung, so als würdet ihr über eure Augen hinwegse- hen, als wären euch die Augen ein wenig auf der Nase abgerutscht und ihr steht dahinter und schaut auf mich. Plötzlich werdet ihr einen Qualitätsunterschied bemerken: Der Fokus verändert sich, die Augen werden zu bloßen Öffnungen. Man kann daraus eine Meditation machen.