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nzz 04.08.05 Nr.

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Ein langer Tag für Seine Heiligkeit, den


Dalai Lama
Besuch an der Universität, im Völkerkundemuseum und
auf dem Münsterhof
Das momentan in der Schweiz weilende geistige Oberhaupt der Tibeter, der Dalai
Lama, ist gestern in Zürich von einer Veranstaltung zur nächsten geeilt. Nebst der
interreligiösen Feier auf dem Münsterhof standen auch ein Symposium zu Neuro-
wissenschaften und die Eröffnung zweier Ausstellungen auf dem Programm.
luc. Der Ansturm war riesig. Das Auditorium Hintertür, um kurz die Ausstellungen im Völker-
Maximum an der Universität Zürich war gestern kundemuseum zu besuchen.
Mittwoch bis auf den letzten Platz gefüllt, ebenso
wie diverse Übertragungshörsäle. Wer das Sym- Tausende auf dem Münsterhof
posium über Neurowissenschaften mit Teilnahme Denn schon um 16 Uhr erwarten mehrere tau-
des Dalai Lamas sehen wollte, musste durch nicht send Menschen den Dalai Lama, der sich wegen
weniger als drei Sicherheitskontrollen gehen (und des dichten Zeitplans etwas verspätet, auf dem
eines der seit längerem ausverkauften Tickets be- Münsterhof. Zur Begrüssung spricht Stadträtin
sitzen). Das Rednerpult im Auditorium war gelb- Esther Maurer, die sich – wie bereits ihre Kolle-
rot eingekleidet und somit auf die Mönchskutte ginnen aus dem Regierungsrat – hoch erfreut über
des Dalai Lamas abgestimmt. Die Sicherheits- den Besuch des Dalai Lamas zeigt und hofft,
beauftragten nahmen Position ein, sie trugen seine Botschaft «möge in der Schweiz auf frucht-
Knöpfe im Ohr und nuschelten Anweisungen in baren Boden fallen». Jugendliche Vertreter der
ihre Hemdsärmel. – Pünktlich um zehn Uhr be- fünf Weltreligionen lassen Friedenstauben flie-
tritt der 14.Dalai Lama mit seiner Entourage den gen, und der Dalai Lama sagt, auf dem Weg zum
Hörsaal. Voran schreiten die Bodyguards, um- Glück müsse als Erstes die Armut auf der Welt
geben wird das tibetische Oberhaupt von den überwunden werden. Genauso wichtig seien aber
Wissenschaftern, ebenfalls dabei sind die Zürcher Gefühle der Zuneigung und der Liebe. Er be-
Regierungspräsidentin Dorothée Fierz und Regie- dankt sich abschliessend für den freundlichen
rungsrätin Regine Aeppli. Andächtige Stille legt Empfang, auch im Namen der grossen tibetischen
sich über den Saal. Gemeinde in der Schweiz, welche hier gut aufge-
nommen worden sei. Nach einer Friedensbot-
Notwendigkeit des lebenslangen Lernens schaft des Forums der Religionen, welches den
In seiner Eröffnungsrede betont der Dalai Anlass organisiert hatte, überreicht der Dalai
Lama, dass ein Dialog zwischen Wissenschaft Lama auch den hier auf der Bühne Anwesenden
und Religion wichtig sei. Beide Seiten könnten tibetische Glücksschleifen. Dann entschwindet er
voneinander lernen. Ein amerikanischer Buddhist unter Jubel und Applaus, begleitet von einer Poli-
habe ihn einmal vor diesem Dialog gewarnt und zeieskorte. Heute wird der Dalai Lama an einem
erklärt, die Wissenschaft töte die Religion. Da- ETH-Symposium zum Thema «Angst» sprechen
von, sagt der Dalai Lama, halte er nichts. Im Ge- und in diesem Rahmen Bundesrat Pascal Couche-
spräch mit den Neurowissenschaftern der Univer- pin treffen. Weiterer Artikel im Feuilleton
sität Zürich, die in Kurzvorträgen ihre Forschung
Die Aufzeichnung des neurowissenschaftlichen Symposiums
vorstellen, betont Seine Heiligkeit unter anderem ist unter www.unizh.ch/dalailama verfügbar. Die Veranstaltung
die Wichtigkeit des lebenslangen Lernens und von heute wird auf der Website der ETH live übertragen.
findet sich damit in Einklang mit dem Professor
für Neuropsychologie, Lutz Jäncke. Dieser er-
klärt, dass regelmässiges Musizieren die Entwick-
lung des menschlichen Gehirns beeinflusse, und
verweist darauf, dass Meditation einen ähnlichen
Einfluss haben könnte. Schlag zwölf Uhr, der
Dalai Lama hat sich bei den Wissenschaftern be-
dankt, beendet er die Veranstaltung mit den Wor-
ten: «Es ist Zeit für das Mittagessen.»
Bereits zwei Stunden später folgt der nächste
Programmpunkt: Zur Eröffnung von zwei Aus-
stellungen über die Dalai Lamas im Völkerkunde-
museum führt der Publizist Roger de Weck im
Saal des «Kaufleuten» ein Gespräch mit dem
geistigen Oberhaupt der Tibeter. Wieder ist er in
Begleitung der Regierungsrätinnen Aeppli und
Fierz – man hat zusammen gespeist –, die in-
zwischen beide eine tibetische Glücksschleife,
Zeichen der Dankbarkeit, um den Hals tragen.
Und wieder legt sich eine Stille über den Saal,
durchbrochen einzig vom Klicken der Kameras.
Im Gespräch erzählt der Dalai Lama von seinen
13 Vorgängern (und kritisiert sie dabei auch) und
erklärt, die Institution des Dalai Lamas könnte
dereinst auch abgeschafft werden, wenn eine
Mehrheit der Tibeter dies wünsche. Erst ganz
zum Schluss äussert er sich zur politischen Situa-
tion in Tibet und gibt sich dabei optimistisch,
dass China Zugeständnisse machen werde. Dann
verlässt er mit seinem Tross den Saal durch die