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nzz 14.08.06 Nr.

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Ins Licht gerückt

Vom arabischen Zeitverständnis


Barbara Berressen vermittelt orientalische Kultur
tember zwar verschlechtert, sagt Berressen, bei
luc. Die erste Begegnung mit der arabischen den Geschäftsbeziehungen herrsche aber inzwi-
Welt, erzählt Barbara Berressen, hatte sie 1982. schen wieder Pragmatismus. «Klischees werden
Damals herrschte in Libanon Bürgerkrieg, im da hintangestellt.» Der gegenwärtige Konflikt in
September kam es zum Massaker von Sabra und Libanon verhindere zwar, dass neue Kontakte ge-
Shatila und in der Folge zu einem grossen Flücht- knüpft würden, bestehende Geschäftsbeziehun-
lingsstrom von Palästinensern nach Deutschland. gen seien davon aber kaum betroffen. Manchmal,
Berressen, die damals gerade auf dem zweiten so Berressen, sei es am besten, gewisse heikle
Bildungsweg Religionswissenschaft und Arabis- Themen einfach auszublenden: «Man sollte beim
tik studierte, baute zusammen mit Rechtsanwäl- ersten Gespräch mit einem arabischen Geschäfts-
ten ein Beratungszentrum für die Flüchtlinge auf. partner nicht über Religion diskutieren – und
«Es ging da um ganz simple Angelegenheiten, wir schon gar nicht über das Geschlechterverhältnis.»
informierten über das Asylverfahren oder halfen
bei Behördengängen», sagt Berressen.
Nach dem Studium beschloss Berressen, ihre
Erfahrungen zum Beruf zu machen. Sie nahm
Kontakt auf zu Hotels, Botschaften und Handels-
kammern in Berlin, um zu erfahren, ob sich arabi-
sche Geschäftsleute in der Stadt befanden. «Ei-
gentlich ging es nicht um die Geschäftsleute sel-
ber, die konnten nämlich meistens Englisch, son-
dern um deren Familien.» Diese brauchten wäh-
rend des Aufenthaltes in Deutschland Betreuung.
Das Geschäft kam aber nicht so richtig in
Schwung, und Barbara Berressen begrub ihre Ge-
schäftsidee vorläufig wieder. Vor einem Jahr nun
hat sie, inzwischen in der Schweiz wohnhaft, den
zweiten Versuch gestartet. Ihr Angebot richtet
sich nun nicht mehr nur an Einzelpersonen, son-
dern auch an Firmen, denen sie mit interkulturel-
len Trainings und Coachings die arabische Kultur
näherbringen will. «Ich würde mir wünschen, dass
jedes Unternehmen, das Geschäfte im arabischen
Raum tätigen will, eine interkulturelle Beratung
in Anspruch nimmt», ist Berressens sehr diploma-
tische Antwort auf die Frage, ob sie mit dem bis-
herigen Geschäftsgang zufrieden ist.
In Berressens Urteil hat die Schweizer Wirt-
schaft in der arabischen Welt einiges aufzuholen.
Die hiesigen Unternehmen seien, abgesehen von
der Pharmabranche, noch kaum im Nahen Osten
vertreten. Potenzial sieht Berressen vor allem für
die Bau- und die Textilbranche. Im Moment kon-
zentriere sich das Engagement ausländischer Fir-
men in den Golfstaaten, insbesondere Saudi-
arabien und den Vereinigten Arabischen Emira-
ten. Gross im Kommen seien zudem Katar und
Oman, wo die Infrastruktur stark ausgebaut
werde und ein Bauboom kurz bevorstehe. – Um
erfolgreich in der arabischen Welt zu geschäften,
müsse man ein wenig von der arabischen Kultur
und Mentalität verstehen, sagt Berressen. Von
dieser Notwendigkeit seien Schweizer Firmen
aber noch zu wenig überzeugt – ganz im Gegen-
satz zu interkultureller Beratung bei Geschäften
mit China. Warum dies so ist, kann sie sich nicht
schlüssig erklären: «Vielleicht empfindet man die
arabische Kultur als weniger fremd», mutmasst
sie. «Bei den Arabern ist das Vertrauen die Basis
aller Geschäfte.» Und Vertrauen schaffe man be-
reits, wenn man ein paar Worte Arabisch könne.
Eine weitere kulturelle Differenz bestehe beim
Verhältnis zur Zeit. «Ich empfehle, bei Geschäfts-
reisen in den Nahen Osten gar nicht erst einen
Rückflug fix zu buchen», schmunzelt Berressen.
«Verhandlungen können manchmal etwas länger
dauern, und das Drängen auf einen baldigen Ab-
schluss führt zu nichts.»
Das Verhältnis zwischen der arabischen und
der westlichen Welt habe sich seit dem 11. Sep-