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Viererschema (tetradische Zuordnung): System der Zuordnungen von Farben, Or- ganen, Jahreszeiten, Lebensaltern usw. zu den sog. vier Elementen oder Grundstoffen der (fr uh)griechischen¨ Philosophie 1 – Feuer, Wasser, Luft, Erde 2 bzw. Saften¨ der (sp at)hippokratischen¨ Medizin – Blut, gelbe Galle, schwarze Galle, Schleim – und den von diesen ausgedr uckten¨ sog. Primarqualit¨ aten¨ (heiß, kalt, feucht, trocken). Seine volle Ausgestaltung erhielt es in der sog. Humoralpathologie, der Lehre, daß Gesundheit bzw. Krankheit aus dem Gleichgewicht ( ą ĺsomolÏa ), der harmonischen Stimmung, der richtigen Mischung ( ą eÿjqasÏa , temperamentum) bzw. dem Ungleich- gewicht, der Mißstimmung, dem Verlust der richtigen Mischung ( ą dusjqasÏa ) der vier K orpers¨ afte¨ 3 resultiert. 4 Diese vier S afte,¨ so glaubte man, entsprachen den kosmischen Elementen und Peri- oden, sie beherrschten das ganze Sein und Verhalten des Menschen und bestimmten durch die Art ihrer Mischung den Charakter des Individuums.

elementa

aer

ignis

terra

aqua

qualitates

calidum et

calidum et

frigidum et

frigidum et

humidum

siccum

siccum

humidum

humores

sanguis

cholera

melancholia

phlegma

sanguis

bilis

atra bilis

pituita

temperamenta sanguinicus

cholericus

melancholicus phlegmaticus

membra

cor

hepar

splen

cerebrum

colores

rubeus

citrinus

niger

albus

aetates

iuvenis

vir

senex

infans

tempora anni ver

genera

aestas

autumnus

hiems

vir

 

mulier

planetae

Iupiter

Mars

Saturnus

Luna

Schema der Humorallehre (LdMA Bd. 5, 1999, Sp. 212)

La théorie des quatre humeurs et des multiples quadripartitions analogiques qu’elle a suscitées est un moyen de penser, outre le corps humain, l’espace, le temps, les passions de l’âme, de classer les astres,

Ce mode de pensée ne repose nullement sur l’observation du réel mais sur

les âges de la vie, les rêves

un imaginaire, qu’il fonctionne à grand renfort de métaphores, d’allégories, de correspondances et de synesthésies.“ 5

1 Empedokles von Akrigent (ca. 490 – 430 v. Chr.) ist der erste gewesen, bei dem die Vierzahl (ą tetqÉr, -dor, quaternarius numerus) der Wurzelgebilde aller Dinge“ (pÉmtym ŔifÕlata , DK 31 B 6), welche er mit G ottern¨ gleichsetzt, an zentraler Stelle steht. So heißt etwa das Feuer Zeus, die Erde Hera, die Luft Aidoneus und das Wasser Nestis.

2 Diese «Elemente» der (fr uh)griechischen¨ Philosophie sind naturlich¨ nicht identisch mit wirklicher Erde, wirklichem Wasser usw., sondern sind nur Bezeichnungen fur¨ nicht weiter in unterschiedli- che Stoffe zerlegbare, unveranderliche¨ ‘einfache’ naturliche¨ Substanzen, etwa vergleichbar mit den Elementarteilchen der modernen Physik; deren Mischung bildet die zusammengesetzten Substanzen der materiellen Komponente aller nat urlichen¨ Dinge.

3 ‘Saft’ heißt auf griechisch wulÑr, davon lateinisch humor .

4 Humoralpathologie (Saftelehre)¨ : Krankheitslehre, die die ungleichgewichtige, schlechte Mischung (Dyskrasie) aller K orpers¨ afte,¨ insbesondere der vier Kardinalsafte¨ (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle), f ur¨ alle Krankheitszust ande¨ verantwortlich macht. Der Gesundheit liegt dagegen eine gleich- gewichtige, harmonische Mischung der Korpers¨ afte¨ (Synkrasie, Eukrasie) zugrunde. Die Humoral- pathologie bleibt Leitkonzept professioneller Medizin bis in die fruhe¨ Neuzeit. Seit dem Mittelalter ist ihre wichtigste diagnostische Methode die Harnschau (Uroskopie). In der Therapie, die auf die Wie- derherstellung der Eukrasie zielt, sind evakuierende Maßnahmen (Aderlass, Schropfen,¨ Abf uhren,¨ Erbrechen und Niesenlassen) typisch. Medikamentos¨ wird theorietreu im Sinne des »contraria con- trariis« behandelt. (Wolfgang U. Eckart, Geschichte der Medizin, 6 2009, S. 45)

5 Jean-Marie Fritz, La théorie humorale comme moyen de penser le monde, in: Écriture et modes de pensée au Moyen Âge, VIII e – XV e siecles,` éd. Dominique Boutet et Laurence Harf-Lancner, Paris, 1993, S. 13 – 26.

2 Viererschema

2 Viererschema The Emblem of the Warburg Institute The emblem, which appears above the door of

The Emblem of the Warburg Institute

The emblem, which appears above the door of the Institute and on all its publications, is taken from a woodcut in the edition of the «De natura rerum» of Isidore of Seville (560-636) printed at Augsburg in 1472. In that work it accompanies a quotation from the Hexameron of St Ambrose (III.iv.18) describing the interrelation of the four elements of which the world is made, with their two pairs of opposing qualities: hot and cold, moist and dry. Following a doctrine that can be traced back to Hippocratic physiology, the tetragram adds the four seasons of the year and the four humours of man to complete the image of cosmic harmonies that both inspired and retarded the further search for natural laws.

http://warburg.sas.ac.uk/index.php?id=563

for natural laws. http://warburg.sas.ac.uk/index.php?id=563 Das Viererschema wurde von der konkreten Elemententheorie

Das Viererschema wurde von der konkreten Elemententheorie ubertragen¨ auf die Saftekonstitution¨ des Organismus wie auch auf die psychische Verfassung des Menschen; als Temperamentenlehre hat es weitere Kategorien instruiert und als heilige Hieroglyphe“ sich uber¨ Jahrhunderte als brauchbar erwiesen. (H. Schipperges, Moderne Medizin im Spiegel der Geschichte, 1970, S. 62)

Viererschema 3

Die nie unterbrochene Tradition der Tetradenzusammenstellungen [begann] in der Medizin und Naturphilosophie der Griechen: Ausgangspunkt war die Lehre von den vier S aften¨ des menschlichen K orpers,¨ die im Kreis des Hippokrates begrundet¨ wurde. Mit den vier S aften¨ parallelisierte man zun achst¨ die vier Qualit atenpaare,¨ Jahreszeiten und Lebensalter, in der Folge auch die vier Elemente, Tageszeiten und Temperamente. Es ist bekannt, daß das Viererschema in der Sp atantike¨ durch Einbeziehung astronomi- schen (vier Gruppen zu je drei Tierkreiszeidhen) und geographischen Materials (vier Himmelsrichtungen und vier Hauptwinde) schrittweise erweitert wurde. 125 Seit der Pa- tristik nahm man auch Elemente der christlichen Lehre in das Viererschema auf, das im Mittelalter in der auf naturkundliche Stoffe beschr ankten¨ wie der um christliche Inhalte erweiterten Form weite Verbreitung erlangte. Es ist ebenso bekannt, daß solche Tetraden bereits in der sp atantiken¨ Kunst zum Gegenstand bildlicher Darstellung wur- den und seit den Illustrationen des 8. Jahrhunderts zum Traktat »De natura rerum« des Isidor von Sevilla 129 auch in mittelalterlichen Lehrfiguren und Schemata unterschiedli- cher Qualit at¨ uberliefert¨ sind. Bis ins 17. Jahrhundert erfreuten sich solche Diagramme großer Beliebtheit. Noch Goethe und Schiller sch atzten¨ und verwendeten vergleichbare Schemata.“ 6

125

129

Jahreszeiten, Lebensalter, Winde und

Himmelsrichtungen. – Sein Schuler¨ Antiochos von Athen f ugte¨ diesem Schema noch Temperamente,

Grundsafte,¨

Bereits vorkarolingische Handschriften dieses naturkundlichen Werkes enthalten sieben, in spaterer¨ Zeit weitverbreitete und auch von Fr uhdrucken¨ reproduzierte Illustrationen (vgl. die Holzschnitte zu Isidor, De responsione mundi , Augsburg 1472), von denen zwei tetradisch gegliederte Kreisschemata darstellen: Ersteres ist den Ausfuhrungen¨ in Kap. 7,4 uber¨ die Verbindungen zwischen Qualit aten-¨ paaren, Jahreszeiten und Himmelsrichtungen zugeordnet; letzteres soll den in Kap. 11,3 dargelegten Zusammenhang zwischen Qualitatenpaaren,¨ Elementen, Jahreszeiten und Temperamenten optisch vermitteln.

Vgl. Ptolem aus,¨ Tetrabiblos I, 10 f.: Vier Elemente, Qualit aten,¨

Farben, Aggregatzustande¨

und vier Gruppen zu je drei Tierkreiszeichen hinzu.

Ferner, um das Mentale sichtlich darzustellen, verfertigten wir [sc. Schiller und Goe- the] zusammen mancherlei symbolische Schemata. So zeichneten wir eine Tempera- mentenrose, wie man eine Windrose hat, und entwarfen eine tabellarische Darstellung, was der Dilettantismus jeder Kunst N utzliches¨ und Sch adliches¨ bringe.“ 7 Das will sagen: in der Schematisierung soll zugleich mit und dank der Anordnung der Erscheinungen das Geistig-Gesetzliche (Mentale), das in ihnen wirkt, anschaulich heraustreten.“ 8

in uber-¨

Die Funktion des Schemas ist es, verborgene Gesetze und Zusammenh ange¨ sichtlicher Ordnung darzustellen.“ 9

6 Peter Luh, Kaiser Maximilian gewidmet. Die unvollendete Werkausgabe des Conrad Celtis und ihre Holzschnitte, 2001, S. 394 f.

7 Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1 – 16], Band 16, Berlin 1960 ff., S. 60.

8 Dorothea H olscher-Lohmeyer,¨

Die Einheit von Naturwissenschaft und poetischer Aussage bei Goe-

the. Anmerkungen zu seinem Gedichtzyklus ‘Die Weissagungen des Bakis’, in: Fruhmittelalterliche¨

Studien, 1978, S. 356-389, hier S. 371.

9 Peter Schmidt, Goethes schematische Kreise. Ein Beitrag zum mystischen Gebrauch der Farben, in:

Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, 1965, S. 168 – 185, hier S. 185.

4 Viererschema

Das folgende Kreisschema von Friedrich Wilhelm Riemer, seit 1814 Goethes Sekret ar,¨ befindet sich im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. 10

sich im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar. 1 0 1 0 G-S-A Goethe Ka. LIII, Fsz.

10 G-S-A Goethe Ka. LIII, Fsz. 4; aus Peter Schmidt, l. c., S. 175.