reportage

so.

Nichts mehr als kalte Träume
250 000 Syrer sind in Jordanien gestrandet. Sie leben in überteuerten absteigen. Sie fürchten Vergewaltigung und armut und werden im Flüchtlingslager vom syrischen geheimdienst aufgespürt. ein Besuch bei den Verlierern des arabischen Frühlings. voN ANN-KAThriN Seidel (TexT) uNd ZArA JärviNeN (foToS)

Sonntag, 23. Dezember 2012

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ehr als 1500 Menschen haben in den Nächten der vergangenen Woche die Grenze nach Jordanien überquert. Seit die Kämpfe damaskus erreicht haben nimmt und das Assad-regime Scud-raketen gegen die rebellen einsetzt, werden es von Nacht zu Nacht mehr. Bis zum Sommer konnten die Syrer noch mit Pässen nach Jordanien einreisen. Sie bestachen die Soldaten und nahmen Wohnungen nahe der Grenze oder in Amman. Man sieht sie in den Szenecafés der hauptstadt sitzen, wo sie über den Bürgerkrieg und ihre Zukunft diskutieren. die Mehrheit aber hat die hoffnung aufgegeben. Sie sind in den schäbigen Absteigen der Armenviertel oder den zugigen Zelten der flüchtlingslager untergekommen. die Alleinstehenden, die frauen, die Mittellosen und die ehemaligen Kämpfer sind die verlierer des Bürgerkriegs.

Hanan, die alleinstehende
hanan hatte immer genug. Gut, Allah hat ihr keine Kinder geschenkt, aber dafür hatte sie in homs ja ihre kleine Wohnung mit dem großen Wohnzimmer. dort standen ihre Pflanzen, dort bot sie ihren Gästen den süßen, starken Kaffee an. „Jetzt habe ich

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nichts mehr“, sagt die 64-jährige Witwe. Sie sitzt auf einem abgewetzten Teppich und blickt zu den dreckigen fenstern hinauf, die sich mit Mühe in den Angeln halten. „Mein haus stand nah an einer Moschee, wo freitags die Männer des viertels demonstrierten“, erzählt sie. An diesen Tagen ließ sie immer die haustür ein Stückchen weit offen stehen. denn irgendwann, das wusste sie, würden die Milizen des regimes, die Shabiha, kommen. dann bräuchten die Männer ganz schnell ein versteck, einen rückzugsort mit Kaffee, bis die Banden wieder abgezogen waren. hanans kleines haus war das erste der Nachbarschaft, das die Shabiha niederbrannte. die flucht durch die Minenfelder, die Wochen im Auffanglager, all das hat sie irgendwie weggesteckt, trotz ihres keuchenden Atems und ihrer diabetes. „Aber das hier, das ertrage ich nicht“, sagt sie. ihr kommen die Tränen. ein paar Wochen lang hat hanan bei ihren Schwestern gewohnt, jetzt schläft sie im Wohnzimmer ihres Bruders. Mit hanans haus ist auch ihre eigenständigkeit in rauch aufgegangen. Knapp 55 euro bekommt sie, so erzählt sie, als registrierter flüchtling im Monat vom flüchtlingshilfswerk uNhCr.

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das reicht nicht für eine eigene Wohnung. Zudem wäre es viel zu gefährlich. eine frau, die alleine lebt, fällt auf. hilfsorganisationen sind fälle bekannt, in denen alleinstehende frauen in ihren Wohnungen überfallen und vergewaltigt wurden. für hanan ist die enge, in der sie jetzt lebt, schwer zu ertragen. Wenn ihr Bruder von der Arbeit nach hause kommt, zieht sie sich zurück und versucht, dem ehepaar seine Privatsphäre zu lassen. das ist aber kaum möglich, weil die Wohnung keine Türen hat. hier, im Mokheim Al-hussein, einem ärmlichen Stadtteil Ammans, sei man nicht gut zu ihnen, sagt hanan. für die Zweizimmerwohnung bezahlt die familie ihres Bruders knapp 140 euro. es gibt keine heizung, geduscht wird in der Küche. in den läden des viertels würde man sie ständig betrügen – als wären sie Touristen und keine flüchtlinge. „und auf der Straße beschimpfen sie uns. Sie sagen, dass wir den Menschen die Arbeit und den lohn wegnehmen.“ dabei arbeitet hanans Bruder als Packer für 5,50 euro. Am Tag. ein liter Benzin kostet in Jordanien knapp 90 Cent. in der hackordnung der jordanischen Gesellschaft stehen die syrischen flüchtlinge ganz unten. Jordanien beherbergt bereits

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knapp 450 000 iraker, hinzu kommen fast zwei Millionen Palästinenser, die als flüchtlinge registriert sind. „Jede nichtjordanische Person, die kein Geld mitbringt, wird als Bedrohung betrachtet“, sagt Saba Jadallah, die für Care international flüchtlinge in ostamman betreut. für das wirtschaftliche stark angeschlagene Jordanien sind die Syrer trotz hilfszahlungen aus dem Ausland eine immense Belastung – auch in politischer hinsicht. Gegenüber dem syrischen Bürgerkrieg verhält sich das Königreich offiziell neutral. ein heer geflüchteter syrischer Aufrührer im land kann sich Jordanien nicht leisten. Nur elf Kilometer von der syrischen Grenze entfernt ist im August daher das erste flüchtlingslager entstanden: Zaatari. Tags wie nachts rollen lastwagen mit Wassertanks, Kies oder Container durch Zaatari. derzeit wird die fläche des lagers verdoppelt. im Süden entstehen zig Containerstraßen, bereits 3000 der quadratischen räume sind in der ersten dezemberwoche aufgestellt worden. Platz für 15 000 bis 20 000 weitere flüchtlinge. Wie viele Menschen in Zaatari derzeit leben, kann selbst das flüchtlingshilfswerk nicht beziffern. Knapp 50 000 wurden bisher ins Camp gebracht. von Mitarbeitern der unzähligen hilfsorganisationen hört man, 25 000 bis 30 000 seien eher eine rea-

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listische Zahl. denn täglich verschwinden dutzende, die meisten über die umliegenden felder. „ein bis zwei Busladungen treten sogar die rückreise nach Syrien an“, sagt Marin Kajdomca, uNhCr-Campleiter. Wer sich ein wenig Zeit in Zaatari nimmt, findet Gründe, warum.

abu abdallah, der Mittellose
Aus der ferne beobachtet die familie von Abu Abdallah die Marktstraße von Zaatari. Auf neun Quadratkilometern erstreckt sich eine fast vollständige Stadt. es gibt Schulen, Spielplätze, es gibt Krankenhäuser und einen lebendigen Markt. Bäcker frittieren süße Nachspeisen, daneben mischt ein Parfümeur düfte. Menschen verkaufen Schuhe und Kleidung, die sie auf ihrer flucht aus verlassenen häusern mitgenommen haben. es gibt palettenweise Chips, Softdrinks, Kisten voller Kaugummi und duschgel. Natürlich kommen diese Waren nicht auf legalem Weg ins Camp, aber die jordanische Campleitung und das uNhCr tun nicht viel, um den handel zu unterbinden. der Markt habe die Zufriedenheit im Camp deutlich erhöht, meint ein uNhCr-Mitarbeiter.

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Jedoch nicht für alle. Abu Abdallah hat die Matratzen vor das Zelt getragen, in dem vater, Mutter, die sieben Kinder und die Großmutter schlafen. ihren Gästen bieten sie das Beste an, was sie besitzen: einen Platz in der Sonne. in Zaatari ist es unerträglich kalt geworden. im Winter fallen die Temperaturen nachts unter null Grad, und ein strenger Wind zehrt an den Zelten. die gebeugte, kleine Großmutter ist die einzige, die immer wieder nach dem fragt, was die familie am meisten braucht: fuluus, ein bisschen Geld. „ein Kilo Tomaten kostet hier fünfmal so viel wie in Syrien“, sagt Abu Abdallah. vor zwei Wochen ist der vorarbeiter mit seiner familie aus deraa gekommen. Schnell hat er begriffen, wie die regeln im Camp sind. das meiste davon ist ihm wohl bekannt. in dem Mikrokosmos des Camps stellen sich ganz selbstverständlich die Strukturen ein, die über Jahrzehnte unter den Assads herrschten – samt Korruption, vetternwirtschaft und vorteilsdenken. Jeder „Straße“, so werden die staubigen Wege genannt, die von der hauptstraße abgehen, steht ein Sprecher vor. Seine wichtigste Aufgabe: er verteilt die Pakete mit reis, Käse und Brot des World food Programmes. „Gestern habe ich beobachtet“, sagt

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Abu Abdallah, „wie ein paar Pakete im Auto liegen geblieben sind, während wir kaum genug haben.“ dass die Mächtigeren in die eigene Tasche wirtschaften, ist Abu Abdallah nicht fremd. er hebt seine hände, die durch die jahrelange Arbeit auf dem Bau zu zerfurchten Pranken geworden sind. Sein Bauunternehmer kam stets mit einem schwarzen Mercedes zur Baustelle und hier, in Zaatari, läuft das nicht anders. er habe gehofft, in Jordanien eine Chance zu bekommen, sagt Abu Abdallah. „Aber nun habe ich nicht mehr als meine kalten Träume.“

Die billigen Bräute von Zaatari
die Klans haben das Camp unter sich aufgeteilt. die Patriarchen haben ihre traditionelle rolle eingenommen, versorgen ihre familie – und beschützen ihre Töchter. die hälfte der Campbevölkerung ist unter 18. in Amman kursieren schon Witze, dass sich die jordanischen frauen vor ihren syrischen Konkurrentinnen in Acht nehmen müssten. Taxifahrer bieten den Kontakt zu billigen Bräuten an. Bevor Zaatari eingerichtet wurde, sollen vielerorts ehen mit Jordaniern arrangiert worden sein, berichten frauenrechtsorganisationen. Mit nicht mehr als 16,50 euro pro Person

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musste ein Jordanier bürgen, um syrische flüchtlinge aus einem der Übergangslager zu holen. um nach Zaatari hineinzukommen, sollen sich Männer auf Brautschau sogar als Mitarbeiter von hilfsorganisationen ausgegeben haben. etwa 500 minderjährige Syrerinnen sollen 2012 bereits verheiratet worden sein, schätzt das uNhCr. die frauen von Zaatari aber haben noch mehr zu fürchten. Marwa bleibt lieber in der Nähe ihres Zeltes. „Allein gehen frauen nur selten durchs Camp – und wenn, dann sind sie auf der Suche nach einem Cousin oder Bruder“, sagt sie. Marwa ist jung, nicht älter als 20, hat ein rundes Gesicht, das fröhlich strahlt, wenn sie lächelt. Marwas große Zwillinge sind vier, das Baby kein Jahr alt. Zur Wasserstelle lässt sie lieber die Nachbarskinder gehen. vergewaltigung ist das große Tabu des Camps. offiziell hat es erst einige wenige fälle gegeben. im Sommer berichteten jordanische Medien von Prostitution unter den flüchtlingen. „Wir haben gehört, dass die betroffenen frauen aus dem lager gebracht worden sein sollen“, sagt outi Behm von der hilfsorganisation finn Church Aid Act Alliance (fCA). Zu vermuten sei, dass es sich dabei eigentlich um vergewaltigungen gehandelt habe. „das

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Camp ist voll von frustrierten jungen Männern“, sagt Behm. Seit ende November bietet fCA daher spezielle Angebote für die kritische Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren an, man versucht aufzuklären. in dieser lebensphase haben viele frauen in Zaatari bereits das Alter der Mutterschaft erreicht. Mehr als 2000 schwangere frauen leben derzeit im Camp, schätzt laurence Pecqueux von Gynäkologen ohne Grenzen. „Jede Nacht sind zehn weitere Schwangere unter den Neuankömmlingen.“ Wie Marwa werden sie jung Mutter. Nach verhütung fragt kaum eine, und die Scheu, sich von den ärztinnen untersuchen zu lassen, ist groß.

adnan, der Kämpfer
das Krankenhausareal des französischen Militärs ist der ort in Zaatari, wo leid und freud nur einen Steinwurf voneinander entfernt sind. Neun Kinder sind in der vorigen Woche zur Welt gekommen. Gleich nebenan operieren Chirurgen jede Nacht diejenigen, die sich nur halbtot über die Grenze retten konnten. in letzter Zeit verstärkt die syrische Armee die Angriffe auf den Sü-

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den. die leidtragenden sind die flüchtlinge. Sie treten in Minen oder werden von Granaten getroffen. im Ambulanzzelt behandelt ein französischer Arzt die Kriegswunden eines jungen Kochs aus deraa. Adna wurde zweimal angeschossen, in die Schulter und ins Bein. Außerdem hat er eine lange, frisch genähte Narbe unter seinem Arm. der 30-Jährige lächelt gequält, als er gefragt wird, wie ihn zwei Kugeln treffen konnten. „ich war zu hause, als die Milizen des regimes durch die Tür stürmten und auf mich schossen“, sagt er schließlich und schiebt schnell hinterher: „vor den Augen meiner frau und meiner vierjährigen Tochter.“ Seine identität will Adna in keinem fall preisgeben. Während sich in den Cafés von Amman Aktivisten mit ihren Kriegsgeschichten brüsten können, verschweigen im Camp lieber viele, wie sie zu Assad stehen. dass der syrische Geheimdienst auch im Camp aktiv ist, ist ein offenes Geheimnis. viele machen Agenten sogar für die gewalttätigen unruhen verantwortlich, die immer wieder im Camp ausbrechen – wie Anfang oktober, als ein lager des Technischen hilfswerks (ThW) abbrannte, ohne dessen einsatz es in Zaatari keine einzige Toilette gäbe. Alleinstehende Männer

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werden seitdem in Zaatari nicht mehr aufgenommen, für sie soll es ein eigenes lager in einer Zementfabrik nördlich von Amman geben. eine Atmosphäre des Misstrauens hat sich im Camp breitgemacht, meint Krankenhaussprecher Cpt. Thierry delorme. „Wir behandeln alle gleich – Zivilisten, Soldaten oder rebellen“, sagt er. „Aber würde hier ein Soldat von Assad auftauchen“, – er wendet den Kopf zu einem Pulk Syrer vor dem Zaun des Krankenhauses – „sie würden ihn sofort umbringen.“ Wenn die Nacht über Zaatari hereinbricht, wird es blitzschnell bitterkalt. fernab der menschlichen faktoren, die das leben der flüchtlinge unerträglich machen, ist die Kälte zu ihrem großen feind geworden. vier Kinder sind in den ersten dezemberwochen in Zaatari gestorben – nicht wegen der Kälte, betonen uN-Mitarbeiter. flüchtlinge aber beklagen, dass schwere Krankheiten im Camp zugenommen haben. Außerhalb des Camps, wo 70 Prozent der syrischen flüchtlinge oft ohne unterstützung leben, könnte die Kälte zu einer humanitären Krise führen, warnen hilfsorganisationen. denn der Strom der verzweifelten über die N Grenze hört nicht auf.

EinEn klEinEn rEisEbEricht findEn siE hiEr

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