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IKTOR
 
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IDASCALICON
 
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E STUDIO LEGENDI
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Aus:
Hugo von Sankt Viktor 
 , Didascalicon. De studio legendi. Studienbuch, lat./dt., übersetzt und eingeleitet von
Thilo Offergeld 
 (Fontes Christiani 27), Freiburg i.Br. 1997.
I
NHALTSVERZEICHNIS
 
 ................................................................................................. 19 Kapitel 11: Die Arithmetik .................................................................................................................. 19 Kapitel 12: Die Musik ........................................................................................................................... 20 Kapitel 13: Die Geometrie .................................................................................................................... 20 Kapitel 14: Die Astronomie .................................................................................................................. 21 Kapitel 15: Definition des Quadriviums............................................................................................. 21 Kapitel 16: Die Physik .......................................................................................................................... 21 Kapitel 17: Das Spezifische der einzelnen Wissenschaften ............................................................. 22 Kapitel 18: Zusammenfassung des oben Gesagten ............................................................................. 23 Kapitel 19: Fortsetzung ......................................................................................................................... 23 Kapitel 20: Die Einteilung der Mechanik in sieben Wissenschaften ............................................ 24 Kapitel 21: Erstens: Die Tuchherstellung .......................................................................................... 24
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 Das Studienbuch
 – 
 über das Studium des Lesens
 
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Kapitel 1: Ordnung und Methode in Studium und Wissenschaft ................................................... 30 Kapitel 2: Die Urheber der Wissenschaften ...................................................................................... 30 Kapitel 3: Welche Wissenschaften vornehmlich zu studieren sind ............................................... 32 Kapitel 4: Die zwei Arten von Schriften ............................................................................................ 33 Kapitel 5: Jeder Wissenschaft muß man das Ihre zukommen lassen ............................................ 34 Kapitel 6: Was für das Studium nötig ist ........................................................................................... 35 Kapitel 7: Die natürliche Auffassungsgabe ....................................................................................... 35 Kapitel 8: Die Ordnung beim Lesen .................................................................................................... 35 Kapitel 9: Die Methode beim Lesen .................................................................................................... 36 Kapitel 10: Die Meditation ................................................................................................................... 36 Kapitel 11: Das Gedächtnis .................................................................................................................. 37 Kapitel 12: Die sittliche Disziplin ...................................................................................................... 37 Kapitel 13: Die Demut .......................................................................................................................... 38 Kapitel 14: Der Eifer im Forschen ..................................................................................................... 39 Kapitel 15: Die vier übrigen Vorschriften ......................................................................................... 41 Kapitel 16: Ruhe .................................................................................................................................... 41 Kapitel 17: Untersuchung ..................................................................................................................... 41 Kapitel 18: Anspruchslosigkeit ............................................................................................................ 41 Kapitel 19: Fremde ................................................................................................................................ 42
 
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Kapitel 1: Wie diejenigen die Heilige Schrift studieren sollen, die darin Wissen suchen ......... 64 Kapitel 2: Die Ordnung bei den Wissenschaftsdisziplinen ............................................................. 64 Kapitel 3: Geschichte ............................................................................................................................ 64 Kapitel 4: Die Allegorie ........................................................................................................................ 67 Kapitel 5: Die Tropologie, das heißt die Moralität .......................................................................... 70 Kapitel 6: Die Reihenfolge der Bücher .............................................................................................. 71 Kapitel 7: Die Reihenfolge der Erzählung ........................................................................................ 72 Kapitel 8: Die Reihenfolge der Auslegung ......................................................................................... 72 Kapitel 9: Der Wortlaut........................................................................................................................ 72 Kapitel 10: Der Sinn ............................................................................................................................. 73 Kapitel 11: Die tiefere Bedeutung ....................................................................................................... 74 Kapitel 12: Die Methode beim Lesen .................................................................................................. 74 Kapitel 13: Die Meditation wird hier nicht behandelt..................................................................... 74
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ORWORT
 
Es gibt viele Menschen, welche in ihrer Begabung so sehr von der Natur vernachlässigt worden sind, daß sie sogar leichte Sachen kaum geistig erfassen können. Von solchen Menschen scheint es mir zwei Arten zu geben. Die einen kennen ihre geistige Schwäche sehr wohl, bemühen sich aber dennoch mit all ihrer Kraft, Wissen zu erwerben; und indem sie sich unablässig anstrengen, erreichen sie schließlich verdientermaßen als Ergebnis ihrer Willenskraft, was sie als Ergebnis ihrer Arbeitsleistung nicht erreicht haben. Die anderen dagegen, weil sie merken, daß sie die höchsten Dinge nicht verstehen können, vernachlässigen auch die geringsten, und während sie sozusagen im Schutze ihrer Trägheit dahindämmern, verlieren sie das Licht der Wahrheit in den wichtigsten Dingen um so mehr, je mehr sie sich weigern, die geringsten, welche sie doch verstehen könnten, kennenzulernen. Von solchen sagt
der Psalmist: „Sie wollten nicht verstehen, wie sie Gutes tun könnten“ (vgl. Ps 35,
4 Vg. G).
„Nicht wissen“ ist nämlich etwas ganz anderes als „nicht wissen wollen“. Nichtwissen ist
einfach ein Zeichen von Schwäche, die Ablehnung von Wissen aber ist Zeichen eines bösen Willens. Es gibt aber noch eine andere Art von Menschen, welche die Natur mit der ganzen Fülle der Begabung ausgestattet und denen sie den Zugang zur Wahrheit leicht gemacht hat. Dabei ist gewiß das Ausmaß dieser Begabung jeweils unterschiedlich, aber diese Menschen haben auch nicht alle die gleiche Disziplin und denselben Willen, ihre natürliche Anlage durch Übung und Unterricht weiter auszubilden. Denn viele verwickeln sich über das nötige Maß hinaus in die Geschäfte und Sorgen dieser Welt oder geben sich
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 Lastern und sinnlichen Neigungen hin und vergraben so das ihnen von Gott gegebene Talent (vgl. Mt 25,18) in der Erde, ohne sich damit die Frucht der Weisheit oder den Lohn eines guten Werkes zu erwerben. Diese Leute sind in der Tat verabscheuungswürdig. Für andere hingegen  beeinträchtigen Mangel an Familienvermögen und geringer Besitz die Möglichkeit zu lernen. Allerdings sind wir keinesfalls der Ansicht, daß diese damit vollauf entschuldigt werden können, denn wir sehen schließlich, daß die meisten von ihnen, auch wenn sie mit Hunger,
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