Wolff Rump

Abgebrannt
(auch unter dem Titel ‚Der Sarg der unbegrenzten Möglichkeiten’ veröffentlicht)

Kurzgeschichte

Quelle des Coverbildes: ‚Sunset with burning Building’ von Petteri Sulonen, Some rights reserved, CC-Lizenz (BY 2.0), http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/de/deed.de; Quelle: www.piqs.de

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Inhalt: Sonne, Strand und Stars - das ist die simple Formel, die Touristen mit einem Sommerurlaub in Los Angeles und seiner Strandenklave Malibu verbinden. Doch der Sommer kann auch anders aussehen: zehntausende Illegale schuften im Schatten der Palmen, Foreclosure-Schilder baumeln vor Millionärsvillen im Wind und der allgegenwärtige Wassermangel führt zu Feuern, die ganze Landstriche verwüsten. Die Flucht vor einem Buschfeuer führt drei Menschen in einer Sommernacht in einem kleinen Container in Malibu zusammen. Jeder der drei hat seine eigene Fluchtgeschichte: Die Illegale Zelda ist vor der Armut aus Mexico geflohen, der Millionär Greg flieht vor der Steuerfahndung und der Reiseschriftsteller Jan vor seinem sinnentleerten Job. Während das Feuer tobt, entdecken die drei einander und dabei auch sich selbst.

Viel Spaß!

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Abgebrannt
Samstagabend, 20. August, Santa Monica Bay

Es ist Hochsommer, doch vor mir liegt ein umgekippter Weihnachtsbaum in vollem Ornat. Achtlos abgelegt auf einer riesigen Müllkippe am Meer. Er duftet nicht nach Tannengrün. Er ist verqualmt wie eine russische Bahnhofskneipe. Der Baum trägt Scheinwerfer als Kerzen, das Lametta windet sich zehnspurig um seinen ausufernden Leib und auf seinen Ästen hocken Legale und Illegale. Ihr Christbaumschmuck besteht aus Jacketkronen und Gummititten. Sie schnippeln und spritzen, sie schlucken und kotzen. Und warten. Worauf? Den Regen.

Denke ich an Los Angeles in der Nacht, dann – reihere ich über die Reling. Ideale Voraussetzungen für einen Reiseschriftsteller, der an einem Band über die amerikanische Westküste arbeitet. Dabei hatte ich es fast geschafft. Letztes Jahr hatte ich versucht, meinem Verleger einen Spanienführer ohne Mallorca unterzuschieben. Seither ist er misstrauisch und hat an Bord einen GPSTracker nebst Satellitenkommunikation installieren lassen. Sonst wäre ich schon in Mexiko. Wohin ich bereits unterwegs war. Was dem Sklaventreiber nicht entgangen ist. Eine Böe reißt mir Rons Fax aus der Hand und lässt das Blatt auf den Ölschlieren tanzen. Aber den Text kenne ich auswendig. Leider. ‚Wenn Papier eines Tages knapp werden sollte, Jan, wird man sich Deiner vielleicht erinnern und Deine Lyrikbände als Kaminanzünder verkaufen. Außer mir gibt es keinen Verleger, der großmütig genug ist, Dein literarisches Rizinus an unter geistiger Verstopfung leidende frühpensionierte Lehrerrinnen zu vertreiben. Als Gegenleistung erwarte ich das fertige Manuskript für das Reisebuch INKLUSIVE LOS ANGELES spätestens in einem Monat. Ich will Stars, Sex, Leidenschaft und Verrat. Ich will Los Angeles – ein Sommermärchen!’

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Ich werfe einen letzten Blick auf den Tannenbaum. Das illuminierte HollywoodSign, der einhundertsiebenunddreißig Meter lange Sheriffstern der

postliterarischen Kultur, bleibt mir aus dieser Entfernung erspart. Dafür blasen mir die Santa Ana Winde ihren beißenden Rauch entgegen. Das Pfefferspray einer Gigantin gegen einen Reiseschriftsteller mit Vorurteilen. Da ich für Hollywood noch nicht verzweifelt genug bin, nehme ich Kurs auf Malibu, das Potsdam von Los Angeles. Ich segle parallel zum Pacific Coast Highway nach Westen. Als ein penetranter Fäulnisgestank die Luft schwängert, atme ich erleichtert auf. Das schwarze Loch in der Scheinwerferkettekette des Highways ist die Malibu Lagoon. Gleich hinter dem müffelnden Feuchtbiotop schließt sich die teuerste Kleingartensiedlung der Welt an, die Malibu Colony. Mein Jagdrevier. Big Shots wie Sting, John McEnroe oder Tom Hanks haben ihre Strandhäuser in dieser bewachten Enclave. Eine größere Stardichte als hier findet sich im gesamten LA County nicht. Vielleicht mit Ausnahme der Entzugskliniken. Und wenn ich diesen Job nicht schnellstens hinter mich bringe, werde ich unweigerlich auch dort landen. Ich wende den Bug in den Wind, lasse den Anker fallen und dann mich auf meinen Liegestuhl in der Plicht. Die Santa Ana Winde pfeifen in den Wanten, sie sind heiß und trocken wie ein Haarphön auf Speed. Ich sehe zu den Santa Monica Mountains auf, die unmittelbar hinter dem Pacific Coast Highway aufsteigen. Während der Himmel zum Meer hin schwarz und sternenlos ist, zeichnen sich die Konturen der Bergspitzen landeinwärts wie ein Scherenschnitt gegen den leuchtend orangen Himmel ab. Orange? Nachts? Nicht weit von hier stand in den Sechzigern Amerikas erste LSDFabrik. Die Pillen wurden unter dem Markennamen ‚Orange Sunshine’ vertrieben. Malibu ist kontaminiert und ich leide unter den Spätfolgen. Erschöpft nicke ich ein und träume von einem regnerischen Sommer in Woodstock.

Malibu Colony
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Zelda Morales steht am Rande des hell erleuchteten Pools und sieht nach Osten in den Abendhimmel. Das Abendrot leuchtet schon seit Tagen aus der falschen Himmelsrichtung. Zunächst war es nur eine Idee von Rosa. Nun glimmen die Bergspitzen wie dicke Holzscheite in einem Kamin. Daheim in Mexiko müsste man jetzt mit allem rechnen. Würde die Habseligkeiten auf das Auto schnallen, wenn man eines hat. Oder abwarten und beten. Der Pool ist nicht Zeldas Pool und auch nicht das schneeweiße Haus, durch dessen Terrassentüren sie jetzt sieht. Sie schirmt ihre Augen gegen das grelle Licht des Poolbereiches ab. Das Hausinnere ist dunkel, aber das wenige, das sie erkennen kann, lässt sie jeden Abend lange hier verweilen. Es ist ein Blick in eine Vergangenheit, die einmal ihre Zukunft sein sollte. Das Husten hinter ihr holt Zelda in die Gegenwart zurück. Durch die rauchige Luft der letzten Tage haben sich die Asthmaanfälle von Jorge, ihrem fünfjährigen Sohn, drastisch verschlimmert. Die Frage war nicht, ob es passiert, sondern nur wann. Eine Krankheit ist der Albtraum in einem Albtraum für einen Illegalen. Der Arzt könnte nach der Aufenthaltserlaubnis fragen und Asthma-Medikamente sind ohnehin unbezahlbar. Deshalb hat sie es heute gewagt, ihren Sohn zur Arbeit mitzunehmen. Ein Wunder, dass er die letzten drei Monate relativ unbeschadet überstanden hat, seit sie im doppelten Boden eines Viehcontainers von Schleusern über die Tortilla-Grenze gebracht wurden. Dort unten in der Scheiße der Schweine, waren sie sicher vor den Nasen der Spürhunde. Kein Grenzer hatte seinen Kopf in die Jauchegrube gesteckt. Unter den Schweinen, die ihre letzte Reise antraten, reisten sie ins gelobte Land. Es ist neun Uhr abends und Zelda hat den letzten ihrer drei Jobs erledigt. Abends pflegt sie den Außenbereich und den Pool einer großen Strandvilla in der Malibu Colony. Eine angenehme und saubere Arbeit. Die beste, die sie jemals hatte. Eine Arbeit, die man nicht aufs Spiel setzt. Eine dichte Rauchwolke wirbelt über den Pool. Rußflocken, so groß wie
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Weintrauben, segeln über das Wasser. Selbst Zelda fällt das Atmen jetzt schwer. Jorge verbirgt sein Gesicht im T-Shirt. Eine weitere Nacht im zugigen Container hinter dem Supermarkt? Zelda sieht zur Villa. Sie hat noch niemals einen Menschen hier gesehen. Das Haus scheint unbewohnt zu sein. Sie ist hin und her gerissen.

Beverly Park, Los Angeles

Greg Hansons Zukunft steht auf tönernen Füßen. Sein ganzer Besitz besteht aus Ton. Vielleicht zwei bis drei Badewannen voll. Greg schiebt den Schlüssel zu seinem Bentley über den Tresen. Sechs Meter babyblauer Stahl degradieren die anderen Fahrzeuge auf dem Parkplatz zu Pilotfischen. „Ich möchte mich vergrößern.“ Joe Freckles, der Filialdirektor von ‚Cars of the Stars’ in Beverly Hills, reißt seinen Mund auf. „Ha! Das hören wir gern, Dr. Hanson!“ Er lässt seine Finger über die Tastatur fliegen. „Ah, Ihr Leasingvertrag läuft aus und Sie können es nicht mehr erwarten! Lassen Sie mich raten? Der neue Maybach?!“ Sein Kollege hat gepfuscht. Ein Gesicht wie ein Spannbettbezug auf dem Hals einer Schildkröte. Und die Augenlieder? Wo sind die...? Greg lehnt sich über den Tresen. Oh Gott, daher das Goldfischglotzen! Greg zuckt zurück. Es geht ihn nichts mehr an. Ein anderes Leben. Greg deutet auf den weißen Ford Lieferwagen neben dem Eingang. „Ich nehme den da. Der ist groß genug.“ „Hihi, Sie sind mir einer!“ Joe scheint Kunden mit Humor zu schätzen. „Es ist der Rolls. Der Phantom. Hätte ich mir denken können, Dr. Hanson. Vollkommen richtig. Understatement pur. Sozialneid gar nicht erst aufkommen lassen in diesen
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Zeiten!“ Greg deutet ungerührt auf den Lieferwagen. Joes Unterlippe verliert ihre Kontur und sackt nach unten. Da hat jemand das Botox vergessen, denkt Greg. Dann fährt Joe die Bugklappe wieder hoch, auf der Suche nach Worten für ein Grauen, dass keine Worte kennt. „Das ist ein F ...“ „ord“, springt Greg hilfreich ein. „Unser Mechaniker fährt diesen F ...“ „Ihre Wagen brauchen keinen Mechaniker. Ich nehme den Ford.“

Greg wirft einen Blick zurück in die Hollywood Hills, wo seine zweitausend Quadratmeter große Villa im Faux Chateau Stil ihrer Zwangsversteigerung harrt. Sie ist beliehen bis unter die Regenrinnen. Auf der Küstenstraße wird der Verkehr schnell zäher. Greg beobachtet die Hubschrauber und Flugzeuge, die in den dichten Rauch über den Bergen eintauchen, um im Hinterland ihre nasse Fracht abzuwerfen. Er dreht das Radio auf. Alles dreht sich um die Katastrophe, die sich zwischen Santa Barbara und Los Angeles abspielt. „Warnung! Die Santa Ana Winde sind wider Erwarten aufgefrischt und haben gedreht.“ Greg muss mit voller Kraft auf die Bremsen steigen. Unmittelbar vor ihm hat sich ein Stau gebildet. Die Polizei hat eine Straßensperre errichtet und leitet den Verkehr zurück in Richtung LA. Malibu ist von der Außenwelt abgeschnitten. „Nein! Verdammt!“ Als Greg die Sperre erreicht, muss er improvisieren. „Ich transportiere Feuerlöscher für die Colony.“ Greg betet, dass der Cop nicht auf die Idee kommt, seinen Namen durch den Computer laufen zu lassen. Der Haftbefehl könnte schon draußen sein. „Beeilen Sie sich, Mann!“, schnauzt ihn der Polizist an und winkt ihn durch.
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Greg tritt auf das Gaspedal. Minuten später passiert er das Wachhäuschen der Colony. Das Beachhaus ist das exakte Gegenteil des Chateau in LA. Minimalistischer Stil und abbezahlt. Zwanzig Millionen Dollar, die das Scheidungsgericht seiner Frau zugesprochen hat. Aber auch ein Haus mit einer netten Füllung, etwa im gleichen Wert. Greg tritt ein und sieht sich um. Berührt jedes einzelne Stück. Seine Babys. Schwarzgeld-Babys. Er will die Nacht nutzen, um alles für den Transport vorzubereiten. Decken und mit Schaumstoff ausgekleidete Kisten hat Greg bereits vor Wochen im Poolhaus versteckt. Er geht um den Pool herum, öffnet die Tür und tastet nach dem den Lichtschalter. Aus der Ecke flackert ihm ein Gesicht entgegen. Eine Sekunde lang denkt er, Caro, seine Ex, eine rachsüchtige Italienerin, habe ihm aufgelauert. Doch die Frau, die vor ihm kauert, ist zwanzig Jahre jünger und sieht kein bisschen nach Gucci aus. „Einbrecher! Einbrecher!“ Greg wirft sich herum und spurtet zum Haus. Wenige Meter vor der Terrassentür mit dem versteckten Alarmknopf für den Wachdienst wird er eingeholt. Jemand greift nach seinem Ärmel. In Panik schlägt er um sich und erwischt seinen Gegner im Gesicht. Die Frau schreit auf. Ebenso wie der kleine Junge hinter ihr. Greg erstarrt im Schlag. Keine Einbrecher, Streuner. „Wir haben nichts gestohlen“, schluchzt die Frau und drückt das Kind an sich. Blut tropft ihr von der Lippe. „Ich arbeite ... Wir wollten ...“ Das Husten des Kleinen unterbricht sie. Eine weitere Rauchwolke legt ihre Aschedecke über das Grundstück. Greg kneift die Augen zusammen. Wut verdrängt die Angst. „Was um alles in der Welt macht Ihr in meinem Poolhaus? Egal! Raus hier! Raus!“ Einen Moment lang erwägt Greg, die Eindringlinge dem privaten Wachdienst der Colony zu übergeben. Aber was passiert, wenn sie die Cops rufen? Er schubst die beiden Störenfriede durch den Hintereingang auf die Straße. Dann blickt er sich um. Die Nachbarhäuser sind dunkel. Die Bewohner hocken in ihren Villen in Beverly Hills und sehen sich das Schauspiel im Fernsehen an. Reality TV. In Reality
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leuchten die Wolken im Osten kotzgelb mit flächigen Einsprengseln aus Rauch. Gott scheint ein Faible für Wischtechnik zu haben, denkt Greg. Zwei Hubschrauber folgen einem schwerfälligen Tankflugzeug in den Vulkan. Darunter quält sich eine lange Raupenprozession aus Range Rover und BMW den Weg von den Villen an den Berghängen hinunter zum Meer. Dicht an dicht wie auf den Fließbändern einer Autofabrik. Das Fußvolk hält die Stellung und die Gartenschläuche. Greg knallt das Tor hinter sich zu und trottet zurück zum Poolhaus. Er hat keine Zeit zu verlieren.

Sonntagmorgen, 21. August, Malibu

Gegen zwei Uhr morgens wache ich in meinem Liegestuhl auf. Mein erster Gedanke ist Pompeji. Glutwolken wälzen sich die Canyons hinab wie apokalyptische Reiter. Die Sirenen der Feuerwehr intonieren dazu den Walkürenritt. Ich klettere ein Stück den Mast empor und sehe, dass auch im Ort schon einige Häuser brennen. Millionenpaläste mit goldenen Wasserhähnen, aber hölzernen Wänden. Mein zweiter Gedanke – und ich bin augenblicklich beschämt – ist, dass ein Augenzeuge des Untergangs der römischen Stadt heute ohne Zweifel in einem Atemzug mit Homer genannt würde. Pflichtlektüre bis zum Erduntergang. Millionenauflage. Ein Verleger, der meine Büsten anbetet. Ich greife mir mein abgegriffenes Moleskine-Notizbuch und die Leica, lasse das Schlauchboot hinab und rudere durch den Ascheschlick an Land. Der Reiseschreiber mutiert zum Kriegsreporter. Einem laienhaften ohne Schuhe, wie ich bei meinem ersten Schritt an Land schmerzhaft feststelle. Eine Böe hüllt mich in einen Funkenregen. Ich ducke mich und spurte über den Strand. Ich zwänge mich durch einen engen Durchlass in der Wagenburg aus Millionärsvillen, um auf die Malibu Road zu gelangen, wo ich hoffentlich einen besseren Überblick habe. Ich hoffe auf ein Foto von Tom Hanks, der einen
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halbnackten Pornostar tröstend im Arm hält. Aber ich sehe nur Feuerwehrleute und Cops, und die sehen mich und schütteln den Kopf. Boxershorts, löchriges TShirt und barfuss. Der letzte Überlebende einer Hippiekommune. Als Althippie weiß ich, wo ich suchen muss. Kein Strand in Amiland ohne Strandschlappen im Mülleimer. Fußpilz oder Brandblasen? Das Erstere habe ich schon, auf das Zweite kann ich verzichten. Auf der anderen Straßenseite fängt das Dach der First Bank an zu brennen. Alle verfügbaren Kräfte stürmen vor. Nur ich nicht, ich habe eingesehen, dass ich hier nichts verloren habe. Mit rosa Blümchendekor an den Füßen mache ich mich auf den Rückweg. Einige wenige Anwohner stehen Komparsen gleich mit

Wassereimern neben ihren einstürzenden Neubauten. Der Palast direkt neben meinem Schlauchboot hat Feuer gefangen. Das an der Straße liegende Poolhaus steht in bereits in Flammen. Zeit, den Profis das Feld zu überlassen. Ich sehe zum Wasser hinunter. Auf dem Strand liegt ein übergroßes Stück Schmelzkäse. Die Krönung einer Riesen-Pizza. Mein Schlauchboot ist geschmolzen, und ich sitze im Fegefeuer fest. Aus der Opferperspektive betrachtet, hat Pompeji deutlich an Attraktivität verloren. LA rächt sich. Ich sehe zu meinem Segelboot. Es liegt verdammt weit draußen und der Wellengang ist surftauglich. „Glotzen Sie nicht aufs Meer. Helfen Sie!“ Eine junge Frau funkelt mich an. Sekunden später habe ich einen Eimer in der Hand und versuche, das Haus eines feisten Mittfünfzigers und seiner halb so alten Gespielin zu retten. Wir schöpfen Wasser aus dem Pool und versuchen die Terrasse und die Seitenwände des Hauses feucht zu halten. Was das sieben Meter über uns thronende Flachdach nicht davon abhält, trotzdem in Flammen aufzugehen. „Die Artefakte! Wir müssen die Artefakte retten!“, befielt die junge Frau, während der Dicke nickt und heult, und ich versuche, mich zu verdrücken. „Los!“ Ich ohrfeige mich mental, während wir über die strandseitige Terrasse ins Hausinnere schlüpfen. Der Strom ist abgestellt, aber das Haus flackert im Licht des
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Infernos. Die Villa quillt über mit Tonfiguren und Masken. Ein Museumsarchiv in der Hölle. Vieles ist bereits verpackt, aber das, was ich sehe, nimmt sogar einen Museumsphobiker wie mich gefangen. Masken mit bunten Einlegearbeiten aus Türkis und tönerne Figuren verströmen eine Würde und Zeitlosigkeit, so als würden sie weit über weltlichen Belanglosigkeiten wie Feuersbrünsten stehen. „Glotz nicht! Trag!“ Ich werde durch einen kräftigen Schubs des kleinen schwarzhaarigen Energiebündels in die Gegenwart zurückgeholt. Die Kleine rennt ins Stockwerk über uns, während der Dicke mit Kisten beladen um das Haus herum zur Straße stapft. Eine Gliederpuppe aus Ton schreit mich an. Ich ergreife sie in dem Moment, als im oberen Stockwerk die Scheiben in der Hitze zerplatzen. Glas bröselt wie Popkorn die Treppe hinunter. „Nichts passiert. Weiter!“, ruft die Kleine. Der Derwisch überholt mich. Keuchend erreichen wir den Dicken, der weinend inmitten seiner Kisten hockt und auf seinen abgefackelten Transporter starrt. Eine umgestürzte Palme ziert das Dach wie ein Hutschmuck. „Der Container!“ schreit die Kleine und zeigt in Richtung Plaza. Wir folgen ihr zu einem roten Stahlcontainer, der an einer geschützten Stelle hinter dem Supermarkt steht. Gleich neben den Abfällen. Die Aufschrift ‚Frische Shrimps – eisgekühlt’ irritiert mich nur kurz. Im pedantisch ordentlichen Inneren sitzt ein kleiner Junge und hält sich als Rauchschutz ein nasses Handtuch vor das Gesicht. Die junge Frau räumt einen kleinen Esstisch und ein paar Plastikstühle beiseite. Dann schleppen wir unsere Kisten in die Behausung und stapeln sie an der Stahlwand.

Im Container, Malibu

Wir sitzen im Container und lassen eine Wasserflasche kreisen. Ein schweigsamer
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Junge, der uns als Jorge vorgestellt wird, der Derwisch Zelda, Greg und ein verirrter Reisender. Die Tür ist gegen den Rauch und den ständigen Funkenflug geschlossen. Eine einzelne Grabkerze taucht unseren Stahlsarkophag in ein fahles Licht. Die Metallwände vibrieren bei jedem Hubschrauber, der uns überfliegt und bei jedem Tanklaster, der den Pacific Coast Highway passiert. Die Sirenen der Feuerwehr konkurrieren mit dem Fauchen des Feuerfraßes um unsere Aufmerksamkeit. Etwas Schweres knallt auf unser Dach. Ein Paukenschlag, der den Raum in Schwingung versetzt und wir sitzen im Orchestergraben. Der Blick des Dicken klebt auf seinen angesengten Mokassins von Tod’s. „Es tut mir leid wegen vorhin, Zelda. Ich hätte Sie und ihren Jungen nicht so behandeln dürfen. Und jetzt helfen Sie mir.“ Also weder Geliebte noch Ehefrau. Aber sie ist unser ruhender Pol und eine geborene Führungskraft. Was aber offenbar niemand zu schätzen weiß, denn sie und der Kleine scheinen in diesem Container zu leben. Zelda lächelt nachsichtig. „Wenn Sie uns nicht aus dem Poolhaus geworfen hätten, wären wir darin vielleicht verbrannt, und Sie müssten mit ihrem Museum jetzt auf der Straße stehen.“ „Was wollen Sie denn nun mit ihrer Sammlung anfangen?“, frage ich, während ich meinen Blasen mit ein paar Tropfen Wasser kühle. Der Dicke setzt sich mit einem Ruck auf. Er gestikuliert leidenschaftlich. „Ich werde ein Museum für Maya-Artefakte gründen. In Chetumal, da wo die Figuren ursprünglich herkommen. Das Gebäude ist bereits gekauft.“ Greg grinst verlegen: „Die Stücke sind, nun ja, auf verschlungenen Wegen zu mir gekommen. Über einen Anwalt habe ich mit der mexikanischen Regierung verhandelt. Ich erhalte Amnestie, wenn ich das Museum finanziere und meine Sammlung einbringe. Auch die legal erworbenen Stücke, die für Mexiko sonst für immer verloren wären.“ Zelda nimmt eine Gliederpuppe aus einer der Kisten und betrachtet sie im Licht. „Wunderschön, oder? Und legal erworben!“ Greg lächelt beseelt. Zelda legt die Puppe zurück. „Sehr schön und mit Sicherheit legal. Weil es eine
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Kopie ist, wenn auch eine sehr gute. Das Original können Sie in den Kellern des Maya-Museums in Mexico City besichtigen, wenn Sie als Illegaler so weit kommen.“ Zelda kostet den Begriff einen Moment lang aus. „Das Original ist noch nie ausgestellt worden, Greg. Es harrt seit zwanzig Jahren seiner Restaurierung. Der Fälscher hat vom Museumspersonal sicher einen Tipp bekommen.“ Greg ist entsetzt. Dann wird er wütend. „Wie können Sie da so sicher sein?!“ Er betrachtet die alten Matratzen und den dreibeinigen Campingtisch. „Sie sehen mir nicht aus wie ...“ Er stockt. Und sieht beschämt weg, als ihn die Erinnerung einfängt. „Sorry, ich sollte meine Klappe halten. Ohne Sie wäre das alles hier nichts außer einem Haufen Scherben.“ Zelda hat sicher mehr als einen Gringo mit Vorurteilen getroffen, seit sie sich in God’s own Country durchschlägt. Sie scheint manches mit den Maya-Figuren gemeinsam zu haben. Sie steht über den Dingen und lässt sich nicht beleidigen. Aber sie hat wohl auch gelernt zu schweigen, weil ohnehin niemand zuhört. Es kostet sie sichtlich Überwindung, das Wort zu erheben. „Ich habe dort als Studentin gearbeitet. Kunstgeschichte.“ Sofort lenkt sie von sich ab. „Die anderen scheinen aber echt zu sein.“ Greg staunt, ich staune und auch Zelda scheint zu staunen. Darüber, dass sie über ihren eigenen Schatten gesprungen ist. Sich aufgeschwungen hat auf eine Ebene mit den Gringos, die das mit Sicherheit nicht zu schätzen wissen. Sie legt schützend den Arm um den Jungen, der gemeinsam mit seiner Mutter zu schrumpfen scheint. Aber Zelda täuscht sich. Greg mag in seinem gewöhnlichen Leben ein arrogantes Arschloch sein, der im günstigsten Fall schallend gelacht hätte. Aber hier im Container gelten heute andere Maßstäbe. Im Sarg der unbegrenzten Möglichkeiten macht Amerika sein Versprechen wahr. Schließlich lächelt Greg. Nur seine schneeweißen Jacketkronen sind im Halbdunkel zu sehen, als er spricht. Sein Gebiss führt ein Eigenleben.
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„Hätten Sie nicht Lust, mit mir zusammen das Museum aufzubauen, Zelda? Ich bin nur ein Laie mit einer Leidenschaft für Maya-Kunst. Aber ich brauche dringend eine Expertin an meiner Seite.“ An meiner Seite hätte in jeder anderen Situation einen zweideutigen Beigeschmack. Ein alter Gringo und eine schöne Wüstenblume. Aber nicht hier. Nicht heute. Zelda gibt keine Antwort. Sie sieht Greg an. Ungläubig. Aber auch sie scheint das Besondere des Moments zu spüren. Zwei Menschen mit einer grenzenlosen Leidenschaft, nicht füreinander, sondern für etwas Bedeutenderes, dem sich alles, auch die Vorurteile, unterordnen. Ich fühle mich so fehl am Platz wie ein Stalinist bei der Osterandacht. Aber die beiden haben mich ohnehin vergessen, während sie über die Bedeutung der Grabinventarien in der Xolalpan-Phase diskutieren. Ich nicke ein und höre nur mit halbem Ohr mit. Greg lamentiert: „Ich muss die Dinger schnellstens über die Grenze bekommen. Nur wie ohne Lieferwagen?“ „Warum so eilig?“, fragt Zelda. „Schwarzgeld. Meine Kunden bezahlen gerne bar.“ „Und wo ist das Problem?“ „Ich habe das Geld nicht beim Finanzamt angegeben und stattdessen in meine Sammlung investiert. Ich habe Steuerschulden in Millionenhöhe, die ich nicht bezahlen kann. Die Steuerfahndung sitzt mir im Nacken. Dass ich einen Zweitwohnsitz in Malibu habe, ist kein Geheimnis. Die würden mir die Stücke wegpfänden und feststellen, dass nicht alle auf legalem Weg ihre Reise von Mexiko in die Staaten angetreten haben. Ich darf mich weder hier noch an der Grenze erwischen lassen.“ „So wie wir“, sagt Zelda trocken. Die Managerin übernimmt wieder die Führung. „Wir müssen die Sachen also illegal nach Mexiko schaffen. Was denken Sie?“ Zelda nickt mir auffordernd zu. Mein Gehirn war auf Stand-by. Ich versuche mich auf den aktuellen Stand zu
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bringen: „Illegal in die USA geschaffte Artefakte werden illegal wieder in ihr Heimatland gebracht. Was auch illegal ist, weil sie eigentlich dem Finanzamt gehören. Langsam verliere ich den Überblick.“ Ich lache. Leider habe ich Jeanne d’Arc damit auf einen Gedanken gebracht. „Ich hätte da eine Idee!“ Zelda sieht mich an. Dann folgt Greg ihrem Blick. Beide lächeln verführerisch. Warum habe ich nicht die Klappe gehalten? Ich schüttele meinen Kopf schneller, als meinem dehydrierten Gehirn gut tut. „Nein. Also nein, ganz unmöglich! Ich muss hier eine Reisereportage machen. Promis interviewen. Das ist eine ernsthafte Angelegenheit, die große Konzentration und Hingabe erfordert!“ „Das hat sich wohl erledigt“, konstatiert Zelda nüchtern. „Sie müssten schon nach Beverly Hills, um noch ein paar Promis zu finden. Hollywood - wollen Sie sich das antun?“ Schon bei dem Wort bekomme ich mentales Seitenstechen.

Eine Woche später, in mexikanischen Hoheitsgewässern

Ich habe kein Faxgerät mehr und der GPS-Tracker reist auf einem LKW nach Kanada. Schreiben kann jeder. Ich habe beschlossen, mich als Schleuser zu verdingen. Ich schaffe Illegale von den USA nach Mexiko.

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© Wolff Rump

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