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Hans J. Alpers / Ronald M. Hahn

Ring der dreißig Welten

Band 6

der Reihe „Raumschiff der Kinder“

ü berarbeitete Ausgabe aus dem Sammelband

„Weltraumvagabunden“

© Ensslin & Laiblin Verlag GmbH & Co. KG Reutlingen 1986. S ä mtliche Rechte, auch die der Verfilmung, des Vortrags, der Rundfunk­ und Fernseh übertragung, der Verbreitung durch Kassetten und Schallplatten sowie der fotomechanischen Wiedergabe, vorbehalten. Printed in Germany.

ISBN 3­7709­0621­7

Bev ölkerungsexplosion

Es war warm, und der laue Wind hatte fast überhaupt keine kü hlende Wirkung. Harpo wischte sich seufzend die Schweißtropfen von der Stirn. Die Temperatur auf Deck 17 lag bei f ü nfunddreißig Grad Celsius – und das war mehr, als man bei einem anstrengenden Marsch als angenehm empfand. Aber Harpo und seine beiden Begleiter hatten keine Wahl. Sie waren nicht zum Vergnü gen aus der Zentrale des riesigen Sternenschiffes mit dem selt­ samen Namen EUKALYPTUS heruntergekommen. Im Gegenteil. Der Anf üh­ rer der kleinen Expedition, die sich seit einer halben Stunde durch ein buntes Gewirr von Strä uchern und B ü schen, B ä umen und Riesenblumen schlug, war

Karlie M ü llerchen. Ihm schien der Marsch noch am wenigsten auszumachen

– was nat ü rlich daran lag, daß er die lä ngsten Beine hatte und viel gemä chli­ cher gehen konnte als die anderen: Karlie war n ä mlich volle zwei Meter zwanzig groß, was auch f ü r einen Erwachsenen eine außergew ö hnliche Gr ö ­ ße gewesen w ä re. Aber Karlie hatte nicht mehr als sechzehn Jahre auf dem Buckel. Und noch gab es kein Anzeichen daf ü r, daß er zu wachsen aufh ö rte. Grinsend sah er auf die anderen hinab. Seine hellblauen Augen blitzten schalkhaft, wä hrend er mit der rechten Hand in einer charakteristischen Ge­

b ärde seinen sch ü tteren Bart kraulte. „Nun stellt euch mal nicht so an“, sagte er mit heller Stimme von oben her­ ab. „Gleich haben wir es geschafft.“ Micel Fopp, der Dritte im Bunde, war f ü nfzehn Jahre alt. Ihm machte der

holprige Weg durch die B ü sche, deren Zweige mit boshafter Regelm ä ßigkeit zur ückfederten und dann in die Gesichter der Eindringlinge peitschen woll­ ten, am meisten zu schaffen. Denn im Gegensatz zu Harpo Trumpff und Kar­ lie besaß Micel Fopp nicht die M ö glichkeit, die Zweige mit erhobenen

H ä nden abzufangen. Seine Arme waren n ä mlich so kurz, daß man eigentlich

gar nicht von Armen reden konnte.

Er war mit diesen kurzen Ä rmchen geboren, weil seiner Mutter w ä hrend der Schwangerschaft falsche Medikamente verschrieben wurden. Seine

H ä nde waren klein wie die eines Fü nfj ä hrigen und fast direkt an den

Schultern angewachsen. Micel hatte sich daran gew ö hnt, diese Hä nde trotz­ dem zu benutzen, aber er mußte seinen K ö rper dabei ziemlich winden. Bei vielen allt ä glichen Verrichtungen war er auf die Hilfe seiner Kameraden oder jener kleinen Roboter angewiesen, die wegen ihrer fr ü heren Hü lle aus gr ü ­ nem Pl üsch noch immer die „Grü nen“ genannt wurden. Er war nicht der einzige an Bord, der wegen k ö rperlicher oder geistiger Gebrechen Hilfe ben ö ­ tigte. Schließlich war die EUKALYPTUS fr ü her eine Art Hospitalschiff ge­ wesen. Aber das mußte ihm kein Kopfzerbrechen bereiten. Nicht nur, daß die anderen Micel als Kameraden gern hatten – was schon genug gewesen w ä re – er gab ihnen noch mehr. Micel war nämlich ein Telepath, er konnte die Ge­ danken anderer Wesen lesen. Manchmal wenigstens, denn seine Gabe steck­

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te noch in den Kinderschuhen und reichte meistens nur dazu aus, in den K öpfen jener zu lesen, die er gut kannte. Das war ein Talent, das außer ihm nur noch der geheimnisvolle Akkai Bharos hatte und sonst niemand an Bord. Mehr als einmal hatte Micel der EUKALYPTUS und ihrer Besatzung mit sei­ nem ungew ö hnlichen Kö nnen in kritischen Situationen geholfen. Als die drei Jungen oben auf der baumbestandenen Anhö he angelangt waren, rief Karlie pl ö tzlich: „Da unten! Seht mal!“ Harpo hatte eigentlich vorgehabt, sich erst einmal gr ündlich auszukeuchen – schon, um den anderen anschaulich klarzumachen, wie sehr ihn der Marsch anstrengte – aber der Anblick, der sich ihm bot, ließ alles andere vergessen. Vielmehr

rutschte ihm vor Schreck die Luft in die falsche Kehle. Er verschluckte sich, “

hustete und kä mpfte mit einem Schluckauf. „Hick

Weile und sah dabei immer noch mit weit aufgerissenen Augen hinab in das kleine Tal, das sich zwischen zwei Hü geln bis an die Schiffswandung hinzog. Die nackte Wand erinnerte daran, daß sie sich keineswegs im Freien, sondern im Innern des Riesenraumschiffes EUKALYPTUS befanden. Wenn es hier richtige Tiere und Pflanzen gab, so war das keineswegs selbst­ verst ä ndlich. Früher, als die EUKALYPTUS noch die Erde umkreiste, gab es

zwar auch so etwas wie ein Tier­ und Pflanzenleben – jedenfalls sah es so aus. In Wahrheit handelte es sich jedoch um k ü nstliche Nachbildungen, um Plas­ tikpflanzen und Robotertierchen, denn echte Tiere und Pflanzen gab es auf der durch riesige Umweltsch ä den inzwischen ö den Erde fast nur noch in zoologischen und botanischen G ä rten. Was heute an Bord des Raumschiffes bl ü hte, krabbelte oder vor sich hin hopste, stammte von anderen Welten oder von einem Raumschiffwrack, dem die EUKALYPTUS­Besatzung einen Besuch abgestattet hatte. „Das darf doch – hick! – nicht wahr sein!“ sagte Harpo. „Ich werd’ verrückt!“ st ö hnte Micel. Das kleine Tal war mit mindestens dreitausend, vielleicht auch f ü nf­ tausend, zehntausend – z ä hlen konnte man in dem Gewimmel wirklich nicht – winzigen blauen Drachen bev ö lkert, die ü berall herumsprangen, ü berein­ anderkrochen, durch Felsspalten flutschten, auf Steinen saßen und zu der grellen Miniatursonne an der Decke hinaufblinzelten oder ganz einfach tr ü b­ sinnig durch die Gegend tapsten. Alle zischten vor sich hin, wie das so ihre Art war, und insgesamt h ö rte sich das wie ein Bienenschwarm an, der einen Imker daran hindern wollte, den Honig zu holen. Die fast durchsichtigen kleinen Schwingen der salamander ä hnlichen Wesen flatterten nervö s. Der Boden in der Umgebung war nahezu kahl. Was gr ünte und bl ühte, war radi­ kal abgefressen worden, und über die letzten Reste machte sich die zischende Armada gerade her. Eine Vorhut hü pfte bereits nagend den Nachbarh ügel hinauf.

aber wir haben doch h öchstens einhundertfü nfzig von ihnen an

Bord genommen“, protestierte Harpo. „Wie k ö nnen sie sich nur so schnell vermehrt haben?“

machte er nach einer

„Aber

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„Da solltest du erst mal auf Deck 15 die Eichkatzen sehen“, erwiderte Kar­ lie. „Und die Schlangen! Dann w ü rdest du dich ü ber gar nichts mehr wundern.“ „Und die Kr ö ten?“ fragte Micel. „Was ist mit den Krö ten?“ „Die haben sich kaum vermehrt; es sind eher weniger geworden. Das liegt

aber daran, daß die Zahl der Schlangen zugenommen hat. Je mehr es von denen gibt, desto mehr Kr ö ten fallen ihnen zum Opfer. Du weißt ja, daß sich Schlangen von Kr ö ten ern ä hren.“ „Hmmm“, machte Harpo. „Nat ü rlich h ä tten wir auf der EUKALYPTUS eigentlich Platz genug, um einige Hunderttausend von den kleinen Viechern unterzubringen. Und wenn die nat ü rliche Nahrung ausgeht, k ö nnen wir m ü ­

helos k ü nstliche produzieren. Aber ich weiß nicht recht

eine Spirale ohne Ende.“ „Tja“, meinte Karlie und strich wieder seinen Bart. „Daran haben wir nicht gedacht, als wir die Tiere aus dem Raumschiffwrack herü berholten. Dort war der Lebensraum begrenzt – hier jedoch haben sie alles, was sie brauchen. Einige der Arten jedenfalls. Es gibt ausreichend Wasser, Nahrung, Licht und “

W

„Was für ‘n Ding?“ fragte Micel. Ein kurzer geistiger Vorstoß in Karlies Be­ wußtsein sagte ihm, wer dieser Abraham gewesen war. „Aha“, grunzte er zu­ frieden. „Erzä hl nur weiter, laß dich nicht aufhalten.“

„ und weil es Mutter Natur so eingerichtet hat, daß viele Jungtiere gebo­

ren werden, damit unter den normalen, sehr harten Bedingungen wenigstens einige ü berleben, steigt die Zahl der Tiere bei uns mit rasender Geschwindig­ keit.“ „Aber die sollten doch mal vern ü nftig sein und nachdenken!“ platzte Micel heraus. „Na, na“, sagte Karlie g ö nnerhaft. „Das kö nnen Tiere eben nicht – vern ünf­ tig sein und nachdenken. Sonst w ä ren es ja keine Tiere.“ Micel bekam ganz rote Ohren. „Na gut“, sagte er. „Dann m ü ssen wir eben das Denken für sie ü bernehmen. Wie w är’s mit Pillen oder so was, also Mit­ teln, die verhindern, daß sie so viele Junge bekommen?“ „Fr ühreifer Bengel!“ Karlie feixte. „Du hast wohl was aufgeschnappt, wie? Aber im Ernst: Wie willst du das denn machen? Jedem dieser kleinen Drachen eine Pille in den Rachen stopfen? Prost Mahlzeit! Viel Vergn ü gen! Das kann Jahre dauern, bis du durch bist.“ Micel schwieg. „Und trotzdem m ü ssen wir was unternehmen“, pflichtete Harpo Micel bei. „Aber was, frage ich mich. – He, ich habe eine Idee! Wir setzen unseren Zoo auf einem Planeten aus!“ Karlie sah ihn erschreckt an. „Was denn? Tats ä chlich?“ In seiner Stimme klang Besorgnis mit. „Glaubst du denn, daß es unsere kleinen Freunde schaf­ fen, sich auf einem fremden Planeten zurechtzufinden? Immerhin leben sie seit Jahrhunderten, wenn nicht seit Jahrtausenden, in einem abge­ schlossenen Raum. Die Gefahren, die eine vö llig neue Umwelt f ür sie bietet

Irgendwie ist das

ä rme. Sie sind hier abgeschirmt wie in Abrahams Schoß

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Ich meine, wir sind doch für sie verantwortlich, wo wir uns einmal mit ihnen eingelassen haben. Man kann Tiere nicht einfach so an die Luft setzen, nur weil sie lä stig werden!“ Er warf einem der tauchenden kleinen Drachen einen mitleidigen Blick zu. Man sah ihm an, daß er es kaum ü bers Herz bringen w ü rde, sich von den harmlosen kleinen Kerlchen zu trennen. Karlie hatte ein weiches Herz für alles, was kreuchte und fleuchte. Wie eigentlich alle an Bord, denn auf der verseuchten Erde hatten sie gelernt, wie kostbar das Leben auch in seiner winzigsten Form war. Und der lange Karlie fühlte sich besonders zu den ganz kleinen Wesen hingezogen – vielleicht, weil er so groß war. Oft hatte er sich hier unten verkrochen und still die Tiere beobachtet. Er versuchte sogar, den kleinen Drachen das Fliegen beizubringen – was nat ürlich sinnlos war, denn die zarten, seidigen Flügel konnten die verhä ltnismä ßig schweren K ö rper nicht tragen. „Aber Karlie!“ rief Harpo. „Du weißt doch, daß wir genauso denken. Wir setzen die Tiere nat ürlich nur aus, wenn wir ganz sicher sind, daß sie es auf dem Planeten gut haben werden. Sie sollen es sogar besser haben als hier und nicht so zusammengepfercht leben m ü ssen. Na ja, und dann sollten wir na­

t ü rlich auch an uns denken. Stell dir mal vor, die nagen vor lauter Hunger an

“ Und um Karlie zu tr ö sten, fü gte er

Plastikteilchen und Kabeln herum

schließlich hinzu:

„Ein paar von den kleinen Viechern kö nnen wir ja auch an Bord behalten. Die beobachten wir dann und sorgen dafü r, daß sie sich nicht wieder so schnell vermehren.“ Micel stimmte ihm zu, und Karlie nickte schließlich ebenfalls. So gut ging es den Tieren auch wieder nicht auf der EUKALYPTUS. Die Schlangen

w ü rden die Krö ten ausrotten, falls man nicht bald etwas dagegen unternahm.

Und dann w ü rden die Schlangen selbst sterben m ü ssen, weil sie keine Nah­ rung mehr fanden – und wer wußte schon, ob sie Ersatznahrung annahmen. Vielleicht würden sie auch vor lauter Hunger die Eichk ä tzchen angreifen. Nein, es war wirklich am besten, wenn sie einen Planeten f ü r sich hatten. „Schwatzmaul soll uns sagen, wie weit es bis zum n ä chsten Planeten mit voraussichtlich guten Lebensbedingungen ist“, schlug Micel vor. „Dann se­ hen wir weiter.“ Mit Schwatzmaul war niemand anderer als der manchmal recht vorlaute Bordcomputer gemeint. Seine Kameras und Mikrophone überwachten bein­

ahe jeden Winkel eines jeden Decks. Daß er Micel nicht sofort antwortete, lag wahrscheinlich daran, daß selbst die scharfen Ohren eines Computers etwas

ü berh ö ren konnten, wenn einige tausend Drachen summten und fauchten.

Harpo, Micel und Karlie strebten der n ä chstliegenden Schiffswand zu und verschwanden hinter der T ü r eines Notausstiegs. Von dort aus f ü hrte ein niedriger Gang zum Antigravlift. Wenige Minuten spä ter schwebten sie in der dunklen R ö hre, die alle Decks miteinander verband, zur Zentrale des Schiffes im obersten Deck. Die K ö rper wurden von Energiefeldern gehalten und an das vorprogrammierte Ziel geschleust.

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F ü r einen fl ü chtigen Moment mußte Harpo an ihre ersten mißtrauischen

Versuche mit dem Lift denken. Damals, als sie, auf sich allein gestellt, lernen mußten, die Einrichtungen des Raumschiffs in den Griff zu bekommen. Die

Erwachsenen hatten das Schiff verlassen, als sich eine Katastrophe anbahnte. Und seither geh örte es den Kindern. Wie alles andere war auch der Antigrav­ lift inzwischen zu einer Selbstverst ä ndlichkeit geworden. Man program­ mierte sein Ziel und sprang in den Lift, ohne sich mehr dabei zu denken als beim Ö ffnen einer Tür und dem Betreten eines Raumes. Die Zentrale lag vor ihnen. Wie immer herrschte ein angenehmes Halbdunkel in dem riesigen Raum unter der glä sernen Kuppel. Das weiße, gelbe und manchmal auch rote Licht der Sterne fiel auf die Instrumentenpulte und die weichen, breiten Ses­ sel, in denen mehrere Besatzungsmitglieder der EUKALYPTUS saßen. Die meisten Regel­ und Steuervorg ä nge erledigte der Computer in eigener Verantwortung. Wenn ü berhaupt mal ein menschlicher Eingriff erforderlich war, dann konnte der bequem aus den Sesseln heraus vorgenommen werden. Alle erforderlichen Bedienungsapparaturen waren in den Armlehnen un­ tergebracht. Man konnte nicht nur durch die Kuppel direkt in das All hinausblicken, sondern hatte auch noch zahlreiche plastische Bildschirme zur Verf ü gung, auf denen Schwatzmaul wahlweise andere Blickwinkel oder vom Bordobser­ vatorium eingespeiste Vergrö ßerungen bestimmter Raumausschnitte proji­ zierte. Im Moment sah man auf dem Hauptschirm die Außenh ülle des m ächtigen Schiffes, das von der Erde stammte, aber durch ein noch immer weitgehend ungekl ä rtes Ereignis in einen fernen Raumsektor verschlagen worden war. Zwei kleine Gestalten wanderten in der einsamen kosmischen Nacht ü ber die Metallh ü lle der EUKALYPTUS. Sie trugen Raumanz ü ge mit magnetischen Schuhen und machten deshalb sehr eigenartige, schwerfä llige Bewegungen. Zwar gab es im Weltall keinen Fahrtwind wie auf einem Planeten, der sie vom dahinjagenden Raumschiff fortreißen konnte, aber die Magnetschuhe verhinderten, daß sie durch eine unbedachte Bewegung in das All hinaus­ schwebten. Eine der Außenkameras verstellte auf einen Knopfdruck hin das Zoom­Objekt. Das Fernsehbild zeigte nun die Gesichter der Gestalten. Unter einem der Plexiglashelme erkannte Harpo das lange schwarze Haar und das Gesicht seiner Schwester Anca. Das andere Gesicht erinnerte stark an einen kleinen Grizzlybä ren mit rotem Fell. Die Nase sah wie eine dunkelblaue Pflaume aus, und das krä ftige weiße Gebiß, das gerade sichtbar wurde, konn­ te einen unwissenden Beobachter leicht das F ü rchten lehren. Alexander. Er war viel gutm ütiger, als sein Gebiß ahnen ließ, und stammte vom Planeten Nordpol. Und wenn er auch wie ein Bä r aussah, so war er doch keineswegs ein Tier, sondern so intelligent wie alle anderen Besatzungsmitglieder. Von allen Rotpelzen – wie sich Alexanders Rasse nannte – hatte er die wei­ teste Reise unternommen, eine Fahrt in den Weltraum. Und darauf war er auch geh ö rig stolz. Denn seine Leute, die auf Nordpol vom Fischfang lebten, liebten das Reisen und sahen es gern, wenn die Jungen auszogen, um

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Abenteuer zu erleben. Manche von Alexanders Verwandten hatten nach jah­ relanger Wanderschaft den ganzen Planeten umrundet. Aber Alexander schlug sie alle. Seine Freundschaft zu den Kindern der EUKALYPTUS ließ ihn die Wunder anderer Planeten erleben. „Sieht’s schlimm aus, Leute?“ fragte jemand. Er saß als einziger nicht in einem gew ö hnlichen Sessel, sondern in einem Rollstuhl. Es war Thunderclap Genius. Er trug einen halbkugelf ö rmigen Helm, um Funkverbindung zu Anca und Alexander zu halten, ohne den Hauptkanal benutzen zu m ü ssen. Seine Frage hatte jedoch den Eintretenden gegolten. „Viel schlimmer.“ Harpo seufzte. Er ließ sich in einen freien Sessel fallen und schlug die Beine ü bereinander. „Wenn wir nicht bald etwas unter­ nehmen, Thunderclap, dann fressen uns die Drachen die Haare vom Kopf.“ „Aussetzen w ä re wirklich die beste L ö sung“, ließ sich eine andere Stimme aus dem Halbdunkel vernehmen. Harpo sah auf. Auf dem Sitz des Navigators, den normalerweise Karlie f ü r sich gepachtet hatte, saß Bharos. Obwohl er

nicht nur ein Erwachsener, sondern – durch seine Langlebigkeit bedingt – ein uralter Erwachsener war, war er kleiner als die Kinder und sah zierlich, beina­ he elfenhaft aus. Er las in ihren Gedanken wie in einem offenen Buch und wußte deshalb sofort Bescheid.

und rief dann Anca und Alex­

ander von ihrem Spaziergang zur ü ck. Ein Problem mußte gel öst werden. Und da die EUKALYPTUS keinen Kapi­ t ä n hatte, der allen anderen seine Befehle gab, wurde der Rat einberufen. Ihm gehö rten alle Besatzungsmitglieder an. Aber dieses Mal würde es wohl keine langen Diskussionen geben, denn die Tatsachen sprachen f ü r sich. Die Tiere mußten ausgesetzt werden. Und zwar auf dem n ä chsten geeigne­ ten Planeten.

Thunderclap machte: „Hmmm, hmmm

Station der Geheimnisse

Der Planet unter ihnen war eine kleine, gr ü nblaue Welt mit viel Wasser und drei grö ßeren Kontinenten. Die Mannschaft der EUKALYPTUS fühlte sich so­ gleich an die Erde erinnert – an eine Erde, wie sie vor vielen hundert Jahren existiert hatte. Es gab wildwuchernde W älder und andere unber ührte Ge­ biete, glitzernde Fl ü sse, die aus der H öhe wie silberne F ä den aussahen, und Tiere, deren huschende Gestalten Schwatzmauls scharfe Augen ersp ä hten. Nach einigen Umkreisungen im Orbit des Planeten lagen ausreichende Da­ ten vor. Intelligentes Leben schien es nicht zu geben – zumindest nicht auf der Oberfl ä che dieser Welt. Und daf ür, daß sich solche Wesen im Erdreich verkrochen, zeigte sich kein Anhaltspunkt. Alles in allem machte diese kleine Welt – die nur etwa halb so groß wie die Erde war – einen idyllischen, fast pa­ radiesischen Eindruck. Das Klima war mild, die Umwelt schien friedvoll und

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harmonisch zu sein, die Atmosphä re entsprach den Verh ältnissen auf der Erde und damit den Bed ü rfnissen von Sauerstoffatmern – und das waren nicht nur die Kinder der EUKALYPTUS, sondern auch ihre tierischen Passa­ giere vom Raumschiffwrack. Schwatzmaul sammelte unentwegt Daten und erarbeitete eine Hochrech­ nung. So einfach war es schließlich nicht, die Passagiere auszusetzen: Ihnen sollte nichts Bö ses geschehen, aber auch die eingespielte Natur des Planeten durfte nicht durcheinandergebracht werden. Die Speicher des Computers wußten ü ber die irdische Geschichte in allen Einzelheiten Bescheid. Deshalb kannte Schwatzmaul die Fehler, die die Men­ schen gemacht hatten. In Australien, einem Erdteil, der vor dem Siegeszug des Menschen von den anderen Kontinenten abgekapselt war und eine eigene Tier­ und Pflanzenwelt entwickelt und bewahrt hatte, war durch ein paar ausgesetzte Wildkaninchen unermeßlicher Schaden entstanden. Und es gab Hunderte von Beispielen ä hnlicher Art. Aber schließlich konnte Schwatzmaul mit an Sicherheit grenzender Wahr­ scheinlichkeit verk ünden, daß sich Kr ö ten, Schlangen, Eichk ä tzchen und Drachen so gut mit der einheimischen Tier­ und Pflanzenwelt vertragen

w ü rden, daß keine Schwierigkeiten zu bef ürchten waren. Schwatzmaul schickte einige Sonden hinunter und sammelte Proben, aber die meisten Daten speicherte er mit seinen tausend Augen, tausend Ohren und hunderttausend Sensoren, die Eindr ü cke erfaßten, die der Mensch vom Orbit aus nicht wahrnehmen konnte. Nachdem die EUKALYPTUS den Planeten achtmal umkreist hatte, schleus­ te man eines der Gleitboote aus, um sich die Gegend mal aus der N ä he anzu­ sehen. Schwatzmaul hatte so nebenher nat ü rlich auch alle Luftaufnahmen ausgewertet und Landkarten ausgedruckt. Thunderclap und Anca leisteten dabei eifrig Unterst ü tzung und gaben den Fl ü ssen, Kontinenten und Gebirgs­ formationen Namen. Blaufluß, Schubladenberge – sie sahen wirklich so aus–‚ Krummr ü cken und Zickzackdelta waren nur einige ihrer Wortsch ö pfungen. Nur einen Namen f ü r den Planeten selbst hatten sie sich noch nicht ausge­ dacht. Das lag wohl daran, daß sie sich zu sehr an die Erde erinnert f ü hlten. Karlie meinte, man solle den Planeten doch kurzerhand „Erde II“ nennen, aber dieser Vorschlag wollte keinem so recht gefallen. Schließlich sagte Brim Boriam, der fü r die ä rztliche Betreuung an Bord zust ä ndig war: „Nennen wir ihn doch Dragon. Das ist ein anderes Wort für ,Drache‘ und kommt der Sache ziemlich nahe. Schließlich soll diese Welt unseren kleinen Drachen eine neue Heimat bieten.“ Alle waren begeistert, und es blieb bei diesem Namen. Als die Besatzung des Gleitbootes ausgelost wurde, gab es einige lange Gesichter und vier strahlende Gl ückspilze. Genauer gesagt strahlten nur drei vor Freude, n ä mlich Harpo, Anca und Ollie. Lonzo, der vierte im Bunde, konnte mit seinem Robotergesicht keine Gef ü hle ausdr ü cken. Statt dessen schlug er mit all seinen Tentakeln ein Rad, um seine Begeisterung zu zeigen.

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Dann war es soweit. Das Gleitboot fiel aus der Schleuse in die Schw ä rze des Alls und senkte sich dem Planeten entgegen. Schon erreichte es die obersten Schichten der Atmosph ä re und stieß durch sie hindurch. In diesem Moment summten die Lautsprecher der Video­Kommunikationsanlage. Die Bild­ schirme flackerten, dann sah man die erregten Gesichter von Karlie und Thunderclap in der Zentrale der EUKALYPTUS. Stimmen im Hintergrund be­ wiesen, daß die anderen Freunde ebenfalls in der N ä he waren, von der Fernsehkamera aber nicht erfaßt wurden. Ein gr ü nes Licht auf dem Kontroll­ pult des Bootes zeigte an, daß die Bildfunkanlage sendebereit war. Zunä chst jedoch meldete sich Schwatzmaul mit einem R ä uspern:

Die Computerstimme wollte daran erinnern, daß sie auch noch da

war. Tats ä chlich kontrollierte das Bordgehirn der EUKALYPTUS alle Funktionen des Gleitbootes, das – bildlich gesprochen – mit dem großen Raumschiff durch eine Art Nabelschnur verbunden war. Allerdings bestand die „Nabelschnur“ aus einem Energiestrahl, der auch dann nicht abriß, wenn

das Boot einige tausend Kilometer entfernt war. Dieses Energieb ü ndel ver­ sorgte den Antrieb des Bootes und ermö glichte auf einer Spezialfrequenz die Bildverst ä ndigung. „Meine lieben Freunde!“ begann Schwatzmaul in der ihm eigenen salbungsvollen Art. Er machte eine Pause und fuhr dann fort: „Ich m ö chte nicht versä umen, euch darauf hinzuweisen, daß meine ü beraus perfekt funktionierenden Schaltkreise in Verbindung mit der hyperpr ä zisen Aus­ “

wertungsabteilung meines „Oh, nein!“ riefen Harpo und Anca wie aus einem Munde. „Sag jetzt bloß nicht, daß du dich geirrt hast und sich diese Welt nun doch nicht eignet!“ „Das“, sagte Schwatzmaul galant, „habt ihr gesagt, nicht ich. Aber um zum Kernpunkt meines kleinen Problems zu kommen: Auch ein armer Computer

kann sich einmal irren, und wenn er noch so intelligent ist. Na ja, geirrt habe ich mich eigentlich trotzdem nicht. Das w ä re ja auch schlechthin unmö glich, nicht wahr? Hmm – was wollte ich eigentlich damit sagen?“ Harpo, der sich vor Schreck hingesetzt hatte, warf Anca und Ollie einen Blick zu und sagte dann: „Ja, das m ö chten wir auch gern wissen!“ Aus der Zentrale der EUKALYPTUS erklang die Stimme von Alexander:

„Probleme! Probleme! Diese Computer sehen ü berall Probleme! Wenn meine Leute auf Nordpol auch so viele Probleme sehen w ü rden, wä re es ihnen nie­ mals im Leben m ö glich gewesen, auch nur einen einzigen Fisch zu fangen!“ „Nun“, sagte Schwatzmaul und h ü stelte dezent, w ä hrend auf einem der Bildschirme Thunderclaps Gesicht auftauchte. Er hatte sich in die Sendung eingeschaltet und schien M ü he zu haben, nicht aus der Haut zu fahren. „Rundheraus gesagt“, meinte Schwatzmaul schließlich, „rundheraus gesagt – es gibt Anzeichen daf ür, daß der Planet mit dem h ü bschen Namen Dragon

Ü

einfallen kö nnen. Wie geht es eigentlich

brigens, Kompliment Herr Boriam, etwas Besseres h ä tte selbst mir nicht “

Ähem

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„Zur Sache!“ donnerte Thunderclap dazwischen. Er war hochrot im Gesicht und fuchtelte mit den Armen herum. „Diese geschwä tzige Maschine bringt mich noch um den Verstand!“ „Tja, es sieht so aus“, fuhr Schwatzmaul fort, „aber das sage ich nur euch und nicht diesem tobenden Herrn Genius: Es sieht so aus, als sei Dragon be­ wohnt!“ „Peng!“ sagte Harpo. Er schaute ziemlich einf ä ltig. In diesem Moment schaltete sich Anca in das Gespr ä ch ein. „He, da scheint “

was dran zu sein!“ sagte sie aufgeregt. „Wir sehen n ä mlich gerade „Gebä ude!“ schrie Harpo.

„Zwei T ü rme!“ br üllte Karlie in der Zentrale. „Nein – drei!“ Der große Bild­ schirm erlaubte es den Zur ü ckgebliebenen, die Ereignisse fast so deutlich zu verfolgen, wie es der Besatzung des Gleitbootes m ö glich war. Jetzt hatten es alle gesehen. Unter dem Boot lag nicht unber ü hrter Dschungel. Und es gab nicht nur das silberne Band des Stroms, der den seltsamen Namen Garten­ schlauch erhalten hatte. Eine nahezu quadratische Lichtung mit einer Seiten­

l ä nge von etwa f ünfhundert Metern war zu erkennen. „Was mag das f ü r ein komisches Leuchten sein?“ wollte Alexander wissen, der seine Pflaumennase am Bildschirm in der Zentrale schier plattdr ü cken wollte, w ä hrend seine B ä renpranken Furchen in das Spezialglas zu reißen

drohten. Er fletschte die Z ä hne und verfiel f ü r einen Moment lang wieder in seine Muttersprache, die inzwischen auch die meisten seiner Freunde gelernt “

hatten: „Mä chtiger Schneeiglu aus rotem Licht

Tats ä chlich! Das quadratische Gel ä nde war nicht nur durchgehend bebaut, sondern schien auch von einer komischen Lichth ü lle umgeben zu sein, die bis dicht an den Wald heranreichte. Als habe jemand eine K ä seglocke aus Licht ü ber die Geb äude gest ü lpt. „Funkkontakt?“ fragte Harpo. „Nichts“, kam es von Thunderclap zur ück. „Unser Sender arbeitet auf Hochtouren. Aber es ist nichts zu machen.“ Lonzo saß vor der Funkanlage und hielt ein Mikrophon im Tentakel – so ein Mimer, er konnte doch auch ohne Mikrophon funken! Er trug die alte Ma­ trosenm ü tze mit den beiden dunkelblauen B ändern und rief mit pl ä rrender Stimme:

„Ahoi! Ahoi! He, ihr da unten! Captain Kidd bittet um Landeerlaubnis im Hafen von New Orleans! Wir haben ein F äßchen Rum an Bord und m ö chten euch zu einer Fete einladen! Ahoi! Ahoi! Meldet euch endlich, ihr Galgenv ö ­ gel!“ „Lonzo!“ knirschte Thunderclap auf dem Bildschirm. „Aber doch nicht in diesem Gossenjargon! Was sollen die Leute von uns denken!“ Der Roboter drehte sein kugelf ö rmiges K ö pfchen und schlug sich mit einem anderen Tentakel auf die kleine Mikrophon ö ffnung, die bei ihm den Mund darstellte. „Huch, ich habe mich wohl im Ton vergriffen“, jammerte er. Dann setzte er neu an: „Hier spricht das S. S. EUKALYPTUS. Bitten, an Land

Halbkugel

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kommen zu d ürfen, Herr Hafenkommandant! Wir haben nichts zu verzollen – ihr Galgenvögel!“ „Lonzo! Du sollst nicht ‚Galgenvö gel‘ sagen!“ „Nicht? Das ist aber ein freundschaftlicher Ausdruck, den Captain Kidd auch gern benutzte. Er sagte immer: ‚Lonzo, du Galgenvogel, wo bleibt der

Rum? Chissimatucki!‘“ Kopfsch ü ttelnd meinte Bharos in der Zentrale der EUKALYPTUS: „Was heißt denn S. S.?“ Er hatte zwar die irdische Sprache schon recht gut gelernt, aber manche Redewendungen und Abk ürzungen machten ihm noch Schwie­ rigkeiten. Und bei Lonzo versagten seine telepathischen F ä higkeiten. Einem Roboter kann auch ein Gedankenleser nicht in den Kopf schauen. „Na, Sternenschiff, nehme ich an“, erwiderte Thunderclap. „Hier ist das Gleitboot 1 von der EUKALYPTUS!“ schrie Lonzo in das Mikrophon. Dann richtete er seine Sehlinsen auf die Kamera und meldete: „Kein Pieps. Entwe­

ä h, Matrosen dort unten, oder sie haben das Weite

gesucht.“ „Das werden wir bald genauer wissen“, ließ sich nun auch die kr ä hende Stimme des kleinen Oliver vernehmen. Seltsam, daß der Kleine, der sonst nie mit seinen Kommentaren hinter dem Berg halten konnte, so lange ge­ schwiegen hatte. Vielleicht hatte ihm Anca den Mund zugehalten, denn man­ chmal verwandelte der Wicht die gebotene Funkdisziplin – wenn alle durcheinanderriefen, konnten lebenswichtige Botschaften ü berh ö rt werden – in ein mittleres Chaos. M ö glich war aber auch, daß der Kleine, der nur von

einer Krankheit zu h ö ren brauchte, um sich einzubilden, er sei davon befallen, mit Angst einen Pickel an seiner Hand betrachtet und dar über alles andere vergessen hatte. „Landeanflug“, meldete nun Schwatzmaul. „Bitte hinsetzen und an­ schnallen!“ Das mit dem Anschnallen war nat ü rlich Unfug, da die Gleitboote mit dem Antigravantrieb ausger ü stet waren und stets butterweich landeten. Auch diesmal gab es kaum eine Ersch ü tterung, als die Maschine etwa dreißig Me­ ter vor der leuchtenden Fl ä che aufsetzte. Nur ein paar morsche Ä ste knack­ ten. Zischend ö ffneten sich die Schleusen. Noch bevor Harpo, der die Leitung des Landeunternehmens übernommen hatte, ü berhaupt dazu kam, Ollie, Anca und Lonzo zur Vorsicht zu ermahnen, sah er den kleinen Ollie schon

ü ber den weichen Waldboden flitzen. Er raste direkt auf das flimmernde Feld

zu, das die stillen Geb ä ude umschloß. „Ollie!“ schrie Harpo ü ber die Außenlautsprecher des Gleiters. „Willst du wohl hierbleiben!“ Der Kleine h ö rte nicht, obwohl ihm bei dem Geschrei die Trommelfelle

h ä tten dröhnen m ü ssen. Erst kurz vor der wabernden Wand blieb er stehen

und ä ugte zur ück. „Immer h ü bsch beieinanderbleiben“, ordnete Harpo an. Sie stiegen aus der Maschine: Anca und Lonzo, zuletzt Harpo. Pl ötzlich tauchte Bharos vor dem

der schlafen die Galgen

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Gleitboot auf. Er hatte an Bord der EUKALYPTUS gesp ü rt, daß etwas nicht in Ordnung war. Mit einem gedankenschnellen Teleportationssprung war er den Freunden auf den Planeten nachgeeilt. Bharos war nahe daran, mit einem weiteren Sprung die Entfernung zu ü berwinden, um Ollie zur ückzu­ halten, aber dann las er in den Gedanken des Benjamins der Expedition, daß dieser die seltsame Wand gar nicht ber ühren wollte. Ihm hatte nur daran ge­ legen, als erster an Ort und Stelle zu sein. Die Wand war gar keine Wand – wenigstens nicht das, was man normalerweise darunter versteht. Man konnte hindurchsehen, aber sie bestand nicht aus Glas oder Kunststoff. Dennoch war es nicht n ö tig, lange herumzur ä tseln. Das Flirren und ein fast unh örbares Knistern wiesen darauf hin, daß es sich bei dem Gebilde nur um einen Energieschirm handeln konnte. Irgendwo in einem der dahinterliegenden Gebä ude mußte sich ein Generator oder eine andere Energiequelle befinden, die diesen Schirm erzeugte. Fragte sich nur, welchen Zweck der Energievor­ hang erfü llen sollte und aus welcher Art von Energie er bestand. „Bitte mal die Kuppel anmessen“, sagte Harpo in das Mikrophon seines Funkhelms. „Wir haben es mit einem Energieschirm zu tun und m ö chten gern wissen, ob es gef ä hrlich ist, ihn zu ber ühren.“ In Harpos Kopf überschlugen sich die Gedanken. Wenn es dort unter der Kuppel etwas gab, das gegen Eindringlinge geschützt werden sollte, dann konnte der Schirm durchaus unter einer lebensgef ährlichen Spannung stehen. Andererseits gab es auch magnetische Prallfelder, deren Berührung ungefä hrlich war, die man aber trotzdem nicht ohne weiteres überwinden konnte. Beruhigend war schon mal, daß nirgendwo verkohlte Pflanzen zu se­ hen waren, auch dort nicht, wo der Schirm das Gras am Boden berührte. „Die Spannung schwankt um Werte von zwei Volt“, meldete sich Thunder­ clap. „Ihr k ö nnt in dieser Beziehung beruhigt sein. Ich w ü rde aber trotzdem sehr vorsichtig sein. Schwatzmaul ist es noch nicht gelungen, alle Eigen­ schaften dieser unbekannten Energieform zu analysieren!“ „Und was machen wir nun?“ fragte Anca. Ollie schien seine erste Neugier befriedigt zu haben. Hinzu kam wohl, daß die Gebä ude hinter dem Schirm kantig und sehr n ü chtern aussahen, so gar nicht dazu geeignet, die Phantasie anzuregen. Und wenn jemand unter der Kuppel lebte, dann ließ er sich zumindest nicht sehen. „M ü ssen wir über­ haupt da hindurch?“ fragte er deshalb. „Es zwingt uns doch niemand, oder?“ Harpo biß sich nervö s auf die Unterlippe. „Es ist Neugier, Mann, Neugier! M ö chtest du denn nicht wissen, was dahinter auf uns wartet?“ „N öö“, sagte Ollie. „Man sieht doch alles. Vier Geb ä ude, vom Zahn der Zeit schon ganz sch ö n zernagt. Kl ö tze mit T ürmen drauf. Runde Fenster ohne Glas. Metalld ä cher, Steinw ä nde, meinetwegen auch Betonw ä nde. Was soll daran interessant sein?“ „ Ächz!“ schnaubte Harpo. „Was sagt man dazu – die neugierigste Seele diesseits und jenseits der Galaxis will uns einreden, wir sollen lieber auf die EUKALYPTUS zur ü ckkehren, weil es hier doch nichts zu entdecken gibt! Mann, ich werde blaß!“ Um ein Haar h ä tte Harpo noch hinzugefü gt, daß er

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wisse, weshalb Ollie sich nicht f ü r die Geb ä ude und den Schirm interessierte. Der Kleine hatte Angst vor der flimmernden Kuppel und wollte das bloß nicht zugeben. Statt dessen redete er schnell weiter, bevor Ollie etwas erwidern konnte: „An unsere Tiere denkst du wohl gar nicht, was? Sollen wir die hier aussetzen, wenn wir nicht einmal wissen, ob unter der Kuppel nicht wilde Gesellen hausen, die liebend gern Drachen und Eichk ä tzchen verspeisen?“ Ollie wurde erst blaß, dann rot. Das konnte er nicht auf sich sitzen lassen. Mit beiden F ä usten h ä mmerte er pl ö tzlich gegen den Energieschirm und schrie dabei: „Hier frißt keiner kleine Drachen! Das verhindere ich! Ich, Ollie! Jawoll!“ „Mann, bist du denn wahnsinnig!“ br üllte Harpo. Das hatte er schließlich nicht gewollt. „He!“ sagte Anca. „Ollie, deine H ä nde gehen ja durch den Schirm hindurch!“ „Was?“ fragte Ollie verdutzt. Erschreckt zog er seine kleinen F äuste zur ück und schaute sie an. „Sie sind noch da. Aber diese Kuppel ist wirklich komisch.

F ü hlt sich an, als w ü rde man in eine weiche Masse hineinboxen.“

Harpo versuchte verwirrt, seine Beobachtungen zu ordnen. Erst einmal, das war am wichtigsten: Ollie hatte die Sache unverletzt ü berstanden. Und dann: Der Schirm bot keinen harten Widerstand. Schließlich: Ollies F ä uste waren tatsä chlich durch den Schirm hindurchgedrungen. Harpo hatte es

ebenfalls gesehen. Merkw ürdig. Harpo sah sich mißtrauisch um, als wä re ir­ gendwo in der Ferne des R ä tsels L ö sung zu suchen. Der Waldrand war knapp f ünfzig Meter von ihnen entfernt. Es war still. Kein Piepen, Zwitschern, Pfeifen oder Knurren war zu h ö ren. Eine merk­

w ü rdige Ruhe lag ü ber dem Land. Nur die Sonne schickte sich an, dem Hori­

zont entgegenzusinken. Schon tauchten am unteren Teil des Himmels zwei Monde auf. Die waren ihnen schon aufgefallen, als sie an Bord der EUKALYP­ TUS im Orbit des Planeten kreisten. „Es wird bald dunkel“, mahnte Bharos. „Lange k ö nnen wir uns hier nicht mehr aufhalten. Vielleicht m ü ssen wir wirklich nicht wissen, was hinter dieser Kuppel liegt. Unsere Meßergebnisse d ü rften ausreichen, um unsere Tiere gefahrlos auszusetzen.“ „Sch ö n“, sagte Harpo. „Wenn wir uns beeilen m ü ssen, dann beeilen wir uns eben. Machen wir einen kleinen Versuch. Hat jemand von euch einen Stein gesehen?“ Niemand hatte. Kurzentschlossen nahm Harpo seinen Funkhelm ab und hielt ihn prüfend in der Hand. Er wog etwa ein Kilogramm und konnte derbe Stö ße ganz gut vertragen. Wuchtig holte er damit aus und warf den Helm gegen das Energiefeld. Es entstand ein schmatzendes Gerä usch, schließlich ein Knistern wie bei einer Entladung. Und dann blieb der Helm mitten in der Energiewand ste­ cken! „Das darf doch nicht wahr sein!“ staunte Ollie und riß vor Ü berraschung Augen, Mund und Nasenl öcher weit auf. „Wie geht das denn?“

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„Me­Me­Mensch!“ h ö rten sie ihren Freund Brim Boriam in den Helmemp­ f ä ngern. Nur Harpo h ö rte nichts. „Wir haben a­a­a­a­alles beobachtet!“ keuchte Brim. Manchmal, wenn er sehr aufgeregt war, stotterte dem schwarzlockige Afrikaner. „Unglaublich!“ Man glaubte, ihn und die anderen an Bord der EUKALYPTUS f ö rmlich zu sehen, wie sie vor dem Bildschirm in der Zentrale saßen und sich die H ä lse schier ausrenken wollten, um nur ja nichts zu verpassen. Die Kameras in den Gleitbooten ließen sie jede Einzelheit miterleben. „Juchhu!“ rief Anca und gab ihrem Bruder einen dicken Schmatz. „Der Energieschirm taugt nichts! Wahrscheinlich ist die Batterie leer.“ Bharos lachte. Er schloß die Augen und verschwand. Pl ö tzlich tauchte er auf der anderen Seite des Schirms wieder auf. Er bewegte den Mund, aber man konnte kein Wort verstehen. Dann stand er wieder neben ihnen. „Das Ding ist br ü chig wie ein rostiger Eimer“, gab er bekannt. „Wahrscheinlich hat Anca im Prinzip recht. Der Schirm wird nur noch mit einer letzten Energiereserve aufrechterhalten und kann seine fr üheren Funktionen nicht mehr erfü llen. Normalerweise bin ich nicht in der Lage, Energieschirme zu durchspringen – aber dieser hier ist aus­ gesprochen kraftlos. Nur ein kleines Kitzeln habe ich gespü rt.“ Unterneh­ mungslustig deutete er auf die stillen Geb ä ude. „Kommt ihr mit?“ Ollie fletschte die Z ä hne, nahm einen Anlauf, warf die Arme wie ein Schwimmer nach vorn – und saß auf dem Hintern. Diesseits des Schirms. Er war zur ückgeprallt. Alle lachten ü ber das verdutzte Gesicht des Kleinen. „Zu mager, der kleine Bursche“, brummte Lonzo, packte Ollie und klemmte ihn sich unter zwei Tentakel. Dann zog er sich die Matrosenmü tze in die Stirn und rannte los. Er durchstieß die Energiewand wie eine Bombe und raste noch zehn Meter wei­ ter, bevor er auf der anderen Seite zum Stehen kam. Harpo nickte Anca zu. Bharos war bereits wieder verschwunden und tauchte gerade neben Lonzo auf. „Jetzt wir“, sagte Harpo und holte tief Luft.

Verschwunden im Nichts

Die Geb ä ude besaßen T ü ren – aber diese T ü ren waren verschlossen. Und sowenig sich bisher unter der Kuppel etwas bewegt hatte, sowenig zeigte sich auch jetzt ein Bewohner der Gebä ude. Aus der N ä he besehen wirkten die Be­ tonquader erschreckend alt und br ü chig. Man mußte daran zweifeln, daß hier noch jemand lebte. Ohne Tageslicht und Werkzeug waren die Versuche, die T ü ren der Gebä u­ de zu öffnen, zum Scheitern verurteilt. Deshalb einigte man sich rasch dar­

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auf, zun ä chst zur EUKALYPTUS zur ückzukehren und den Morgen abzu­ warten. Erst sechsunddreißig Stunden sp äter – so lange dauerte ein Tag auf Dragon, weil sich der Planet viel langsamer als die Erde drehte – drangen zwei Gleitboote erneut in die Atmosphä re ein. Diesmal blieb Schwatzmaul allein an Bord zur ück. Nur die Gr ünen unter­ st ü tzten ihn bei seinen Ü berwachungs­ und Steuerungsfunktionen. Thunderclap hatte es sich nicht nehmen lassen, pers önlich den seltsamen Energieschirm in Augenschein zu nehmen, und alle anderen waren begeis­ tert, daß ihr Freund im Rollstuhl dabei war. Mit Unmengen von Werkzeug ausger ü stet – obwohl der Tentakelk ü nstler Lonzo ein personifiziertes Werk­ zeug war – landete die Mannschaft vor dem Energievorhang. Sie durchbrach ihn, als sei dies die selbstverst ä ndlichste Sache der Welt, und drang zu den Gebä uden vor. Nur Thunderclap hatte beim Passieren des Schirms einige M ü he, weil der Motor seines Rollstuhls jedesmal aussetzte, wenn das Energiefeld ihm zu nahe kam. Alexander l ö ste das Problem. Er nahm Thunderclap huckepack und schob sich mit der Kraft einer Lokomotive in das Innere der Kuppel. Dann holte er den Stuhl nach. Seine Freunde applaudierten, und er ver­ neigte sich artig wie ein Kraftathlet in der Zirkusmanege. Thunderclap zischte mit seinem Stuhl allen anderen voraus, denn das Ge­

l ä nde war fugenlos betoniert, und der Motor des Gef ährts funktionierte auch

wieder. Er bremste scharf ab, als er das erste Geb äude erreicht hatte, und rieb sich vergn ügt die H ä nde. Dann deutete er auf die breite Metallt ü r. „Die wird uns nicht lange Widerstand leisten“, sagte er. „Aber vielleicht kann einer von euch zunä chst mal durch eines der Fenster peilen. Kann sein, daß wir schon etwas Interessantes entdecken.“ Auf den ersten Blick schien dieser Wunsch unerf üllbar zu sein. Aber Karlie grinste nur, schnappte sich den zeternden Ollie und stellte den Kleinen auf seine Schultern. „Reicht’s?“ fragte er. „Oder soll ich mich auf die Zehen­ spitzen stellen?“ „Gu­gu­gut“, keuchte Ollie, der ganz entsetzt war ü ber das, was der Große mit ihm angestellt hatte. Was man sich bei solchen Aktionen alles f ü r Krank­

heiten holen konnte: Beulen, Beinbr üche, blaue Flecken

Schließlich zog es da oben viel mehr. Aber dann umklammerte er doch den Rand des runden Fensters und steck­ te den Kopf hinein. „Da ist ‘ne große Halle“, meldete er aufgeregt. „Ziemlich leer. Aber es gibt eine breite Treppe, die nach oben führt. Und eine Galerie “

sehe ich. Eine Menge Türen

„Ist das alles?“ fragte Thunderclap enttä uscht. Lonzo wartete gar nicht erst darauf, daß sich jemand der mitgeschleppten Werkzeuge annahm. Er ließ seine Werkzeuglade aus dem Bauch schnellen, st ü lpte einen Schraubenzieheraufsatz ü ber einen Tentakel und stocherte da­ mit in der T ü rritze herum. Bald darauf stieß er w ü ste Verw ünschungen aus,

Oder Schnupfen.

hmm

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weil er mit dem Schraubenzieher nichts auszurichten vermochte. Ein Schloß war nirgendwo an der T ü r zu sehen. Bharos hatte l ä chelnd zugeschaut. Er las Ollies Gedanken und sah durch seine Augen hindurch das Innere der Halle. Diese Orientierung machte es ihm leichter. Dann l ö ste er sich in Luft auf – ein Teleportationssprung hatte ihn in das Innere des Gebä udes versetzt. Er hantierte an irgendwelchen ver­ borgenen Riegeln herum. Zehn Sekunden sp ä ter schwang die T ü r auf, und Bharos machte eine einladende Verbeugung. Alle jubelten. „Du h ä ttest Schlosser werden sollen“, lobte Thunderclap. „Oder Tresor­ knacker“, meinte Anca und kicherte. Die runden Fenster öffnungen ließen ge­ n ü gend Licht in das Gebä ude einfallen. Man konnte erkennen, daß Ollie, der inzwischen wieder auf eigenen Beinen stand und dar über sehr erleichtert war, bei seiner Beschreibung keine wichtigen Einzelheiten vergessen hatte. Die Halle wirkte in der Tat sehr kahl und reizlos. Von der Decke hingen Kabel herab, die Ü berreste einstiger elektrischer Leitungen. Die Lampen hatte man wohl bereits vor langer, langer Zeit abmontiert. Z ö gernd trat die Gruppe in die Halle ein. Mißtrauische Blicke musterten die Decke und die W ä nde und suchten nach losen Teilen, die herunterfallen k önnten. Aber trotz der rissigen Außenw ä nde schien der Bau noch recht stabil zu sein. Die Stimmen klangen hohl in dieser leeren Halle. Die Mannschaft der EUKALYPTUS teilte sich in mehrere kleine Gruppen auf, die immer nahe genug beieinanderblieben, um bei Gefahr oder einer ü berraschenden Entdeckung nicht allein zu sein. So durchstreiften sie die beiden Stockwerke des Geb ä udes und schließlich auch die zug ä nglichen R ä ume des Turmes. Sie fanden nur Staub und ein paar Steine. Ansonsten war das Gebä ude so leer wie die Taschen eines neuen Anzugs. Nichts deutete auf frü here Bewohner hin. Kein technisches Ger ä t, keine verrostete Gabel, kein Schuhanzieher und kein Fetzen Papier. Nicht einmal Schriftzeichen an den T ü ren waren auszumachen. Staub, Staub, nichts als Staub. Bei jedem Schritt, den die unternehmungslustigen Forscher machten, wirbelten ganze Staubwolken durch die Luft und brachten sie zum Niesen. „Wie ungemü tlich“, sagte Anca, als sie eine halbe Stunde sp ä ter wieder auf Harpo traf. Sie zog eine Schnute. „Und wie trostlos. Da kommen wir extra von der Erde, um die Errungenschaften dieser fremden Rasse zu be­ wundern, und was finden wir – Staub und Beton! Hatschiiii!“ „Hallo, wo seid ihr denn?“ rief Thunderclap von irgendwoher und kam wenig sp ä ter mit sei­ nem Rollstuhl durch den Korridor geflitzt. „Hier hinten ist ein Eingang zum Nachbargeb ä ude. Vielleicht haben wir dort mehr Gl ü ck.“ Von allen Seiten her liefen die „Entdecker“ zusammen. Die vor ihnen liegende T ür war unverschlossen. Der Raum rief nicht gerade Begeisterungs­ st ü rme hervor. Immerhin gab es jedoch so etwas wie Reste einer Einrichtung:

Leere Regalw ä nde aus Blech unterteilten den Raum in viele schmale G ä nge. In der Mitte stand ein U­f ö rmiger Tisch mit einer schweren, massiven Platte aus Holz oder einem ä hnlichen Material.

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Auf der geschlossenen Seite des U­Tisches entdeckte der winzige Trompo als erster eine kleine Schalttafel mit mehr als zwanzig Drucktasten, alle aus Kunststoff. Mehrere trugen eingepreßte Zeichen und Symbole, deren Sinn je­ doch schwer zu erraten war. „Aha“, sagte Bharos. „Jetzt wird es interessant.“ Er stellte sich hinter den Tisch und probierte der Reihe nach alle Tasten aus. Nichts geschah. Die Gesichter der Zuschauer wurden immer lä nger. „So ein Reinfall!“ schnaubte Karlie. „Ich komme mir ziemlich gelackmeiert vor, wißt ihr das?!“ Er stampfte zornig mit dem Fuß auf. „Wenigstens ein duf­ tes Geheimnis h ä tten uns die Leute ja wohl zum L üften ü briglassen k ö nnen, meint ihr nicht auch?“ „Ulp!“ machte Ollie plö tzlich. Alle K öpfe fuhren herum. Mit schreckgeweiteten Augen stellte Harpo fest, daß Ollie nur noch aus einem Kopf bestand – und der schien direkt aus dem Fußboden zu ragen. Dann war auch der Kopf verschwunden. Dort, wo der Kleine eben noch gestanden hatte, g ä hnte ein schwarzes, quadratisches Loch mit einer Seitenl ä nge von etwa drei Metern. „Ollie!“ schrien die Kinder im Chor. „Was ist mit dir?“ Sie l ö sten sich aus ih­ rer Erstarrung, denn erst jetzt hatten sie erkannt, daß es nicht der Erdboden war, der den Kleinen verschluckt hatte. Vielmehr war eine versenkbare Platte auf einen Knopfdruck von Bharos hin mitsamt Ollie in die Tiefe gefahren. Wenig spä ter lagen alle flach auf dem Boden und lugten in die vier oder f ü nf Meter tiefer liegende Etage. Eine hohl klingende Stimme drang zu ihnen herauf. „Junge, Junge! Das sind ja Sachen! Das kann ich kaum glauben!“ „Ollie?“ fragte Harpo. „Geht’s dir gut?“ „Da biste von den Socken!“ fuhr Ollie begeistert fort, ohne auf Harpos Frage einzugehen. „Ollie!!!“ schrie Anca. „Was machst du da unten?“ „Ich gucke Fernsehen“, schrie der Kleine zur ü ck. „Gutes Programm, aber ‘n bißchen verschwommen. Schickt mal Lonzo mit seinen Werkzeugen herun­ ter!“ „Oje!“ meinte der Roboter. „Der arme Ollie hat seinen Grips verloren!“ Bharos fingerte wieder an den Tasten herum und versuchte herauszu­ finden, welche davon den Fahrstuhl ausgel ö st hatte. Tats ächlich fuhr wenige Sekunden später die Bodenplatte wieder in die alte Position. Bharos stieß einen Triumphschrei aus. Er stand immer noch mit gespannter Miene hinter dem Schaltpult und drückte weitere Knö pfe. Vor Aufregung war ihm die Zungenspitze zwischen die Lippen gerutscht. Die Platte ruckte an, fuhr ein Stü ck nach unten, dann wieder herauf. „Jetzt habe ich es!“ rief Bharos. „Ich kann das Ding steuern!“ Harpo durfte als erster auf der Platte Platz nehmen und zu Ollie hinabfah­ ren. Nach und nach folgten die anderen. Nur Bharos blieb oben. Wahrschein­ lich konnte man den Fahrstuhl auch von unten aus steuern, aber es war ja

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nicht nötig, dieses Risiko einzugehen. Als er allerdings in Ollies Gedanken las, zog er es doch vor, mit einem Teleportationssprung zu den anderen zu eilen. Harpo und seine Freunde hatten inzwischen den engen Schacht mit der Fahrstuhlplatte verlassen und waren zu Ollie in den unterirdischen Saal ge­ treten. Durch einige Lichtsch ä chte fiel gen ügend Sonnenlicht herein, daß man die Umgebung erkennen konnte. Entlang der Wand standen in endloser Reihe Transportfahrzeuge mit fünf Meter langen, offenen Ladefl ä chen, dicker Gummi­ oder Kunststoffbereifung und einem Fahrersitz hoch über der Lade­ fl äche. In der Mitte des Raumes jedoch stand etwas, das auf den ersten Blick beim besten Willen nicht einzuordnen war. Es sah aus wie eine auf vier stumpfen, plumpen, sehr kurzen Beinen stehende Metallplatte. Sie war fast quadratisch, gut zwanzig Zentimeter dick und hatte an einer Seite einen kastenf örmigen Anbau. Dort schienen Kabel zusammenzulaufen, die von der Unterseite der Platte kamen. Was jedoch am meisten verbl üffte: Ü ber diesem metallischen Ger ä t befand sich ein leuchtendes, würfelfö rmiges Energiefeld. Und darin gefangen war das Bild einer fremden, exotischen Welt, so, als w ü rde man einen dreidimensionalen Farbfilm sehen. Eine Steppe mit blaugr ünem Gras breitete sich dort aus, und in der Ferne stolzierte eine etwa zwei Dutzend Tiere z ä hlende Herde von Kamelen dahin. Das heißt, eigentlich waren es nur die langen, d ü nnen Beine und die drei H ö­ cker, die an Kamele erinnerten. Die K öpfe wirkten massiver, fast wie die von Stieren, und trugen auch kurze, krumme H ö rner. Sie schienen nicht in Eile zu sein, fraßen hier und da etwas Gras und zogen nur ganz allm ä hlich weiter. Eine gr ünliche Sonne stach grell in die Augen.

Äh

“ machte jemand.

Harpos Augen suchten Ollie und fanden ihn schließlich. Er saß im Schneidersitz keine zwei Meter von dem seltsamen „Fernsehapparat“ ent­ fernt auf dem Fußboden, starrte mit unverkennbarer Begeisterung auf die Szene und machte auch sonst einen h ö chst zufriedenen Eindruck. Die anderen Besatzungsmitglieder waren kaum weniger gefesselt.

Pl ö tzlich ä nderte sich die Szene schlagartig. Das Bild kippte f ö rmlich um. Die Steppe war fort. Statt dessen sah man eine Gebirgsformation, ü ber die ein eisiger Wind fegte. Verkrüppelte B ä ume stemmten sich knorrig dem Wind entgegen. Riesige lederh ä utige V ö gel kreisten am Himmel, ein weiterer Schwarm zog ü ber die zackigen Bergspitzen dahin. Das Panorama wirkte so lebensecht, daß Harpo frö stelnd die Schultern hochzog. War es nicht wirklich eisig kalt in diesem unterirdischen Saal geworden?

“ fl ü sterte er heiser und wollte den Kleinen mit sich fortziehen.

Aber eine wie magisch wirkende Kraft hielt ihn fest. Nur unter gr ö ßter An­

strengung schaffte es Harpo, sich so weit von dem Bild loszureißen, um den Kopf wenden zu k ö nnen. Auch die anderen vermochten ihre Blicke anscheinend nicht von dem dreidimensionalen Fernseher zu l ö sen. Neben sich f ü hlte Harpo den schwer

„Ollie

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atmenden Thunderclap. Karlies Zunge leckte nerv ö s über die Lippen. Ancas Augen sahen riesengroß aus. Brim schaute etwas skeptischer drein und rieb sich nachdenklich sein schwarzes Kinn. Trompo hatte den kleinen R ü ssel angehoben, als wolle er dem Bildw ü rfel entgegenschn üffeln. Alexander brummte vor sich hin, wandte die Augen aber keine Sekunde lang von der Szene ab. Nur Bharos und Micel tauschten einen raschen Blick aus. Vermut­ lich hatten sie sich auf geistigem Wege versichert, daß der eine so erstaunt wie der andere war. Unbeeindruckt zeigte sich allein Lonzo. Zwar waren auch seine Sehzellen auf den Wü rfel gerichtet, aber er wandte sich sofort Harpo zu, als dieser ihn anblickte. An Lonzos Verhalten zeigte sich, daß sie keiner optischen T ä u­ schung oder hypnotischen Beeinflussung aufsaßen. Lonzo h ä tte sonst Alarm geschlagen. Sein Gehirn konnte niemand t ä uschen. Ein Roboter l ä ßt sich nichts vormachen. „Ollie!“ sagte Harpo noch einmal. Diesmal sprach er lauter. Tats ä chlich erhob sich der Kleine und tat ein paar Schritte, ziemlich unsichere Schritte. Er schien das selbst zu bemerken, denn er streckte die Arme wie Balance­ stangen aus, um das Gleichgewicht zu halten. Trotzdem schwankte er wie ein Segelflugzeug unter einer B öe. „Paß auf!“ zischte Harpo und trat zwei Schritte vor. Aber die Warnung kam zu sp ä t. Ollie stolperte pl ötzlich und fiel wie eine leblose Puppe nach vorn. Eine Sekunde lang glaubte Harpo einen Entsetzens­ schrei zu h ö ren. Im gleichen Moment kippte das Bild des W ü rfels wieder um. Aber er achtete nicht auf die neue Landschaft. Hell war es – das war alles, woran er sich spä ter erinnern konnte. Er hatte nur Augen f ü r Ollie, versuchte ihn zu erreichen – vergeblich. Der Oberk ö rper des Kleinen tauchte in das leuchtende Feld ein. Seine Beine stießen gegen die Platte und knickten ein. Aber Ollie fiel nicht aus dem W ü rfel heraus. Eine geheimnisvolle Kraft schien ihn fö rmlich in das Feld hineinzuziehen. Die Beine zappelten hin und her, das Hinterteil ber ührte die Metallplatte. Dann war Ollie spurlos verschwunden. „Ollie!“ schrien die Kinder auf. Aber Ollie kam nicht zur ück. Das Bild im W ü rfel war fast im gleichen Augenblick erneut umgekippt, als der kleine Oliver verschwand. Zehn, zwanzig Sekunden lang gab es nichts als einen wilden Farbwirbel, als hä tte jemand die Farben eines Tuschkastens durcheinanderlaufen lassen. Dann stabilisierte sich das Bild. Man sah die Landschaft von vorhin: blaugr ü ne Steppe, Kamele, eine grüne Sonne.

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Expedition ins Unbekannte

Es dauerte bestimmt fünf Minuten, bis sich die Unruhe soweit gelegt hatte, daß gemeinsam ü berlegt werden konnte, was zu tun war. Beendet wurde das Durcheinander und das Geschrei durch Lonzo. Er hatte mit stoischer Ruhe abgewartet, als w ü rde er auf eine innere Uhr blicken. Dann ließ er pl ö tzlich ein Gerä usch ert ö nen, das wie Kanonendonner klang und schlagartig alles verstummen ließ. „Ollie ist verschwunden“, sagte Lonzo mit ganz ungewohntem Ernst in der Stimme. „Wir haben alle gesehen, wie es passiert ist. Dennoch wissen wir nicht, was mit ihm geschehen ist. Hat die seltsame Maschine ihn regelrecht verschlungen und damit seinen K örper aufgel ö st? Oder hat sie Ollie nur un­ seren Blicken entzogen, das heißt, an einen anderen Ort transportiert? Wenn

ihr mich fragt: Ich glaube, daß die Maschine ein Materietransmissions­ zentrum ist – ein Ger ä t also, das über ä hnliche F ä higkeiten verfü gt wie unser Freund Bharos. Nur daß es nicht sich selbst, sondern andere von einem Ort zum anderen versetzt. Aber das werden wir sicherlich noch herausfinden! Viel wichtiger ist die Frage, ob Ollie ü berhaupt noch lebt. Und wenn ja, wo er sich befindet. Das f ührt uns dann schließlich zu dem Problem, ob und wie wir ihm helfen kö nnen.“ Diese ungew öhnlich lange und ernste Ansprache hinterließ zun ä chst nur stumme, unbehaglich dreinblickende Gesichter. Bharos reagierte schließlich als erster. „Lonzo, ich teile deine Ansicht“, sag­ te er. „Alles deutet darauf hin, daß die Maschine nicht nur verschiedenartige Landschaften in dem Würfelfeld abbildet, sondern daß eine tiefergehende Verbindung zu diesen Landschaften existiert. Wenn es wirklich so eine Art Materietransmitter sein sollte, dann kann es sein, daß die im Kubus gezeigten Bilder die Umwelt anderer Transmitterstationen sind. Demnach m ü ßte Ollie auf einer solchen Station angekommen sein. Vielleicht k ö nnen wir ihn sogar sehen, wenn wir die Maschine lange genug im Auge behalten.“ Die K ö pfe der Anwesenden wandten sich dem Leuchtw ürfel zu. Noch immer stelzten die Kameltiere durch die blaugr ü ne Steppe. Von Ollie keine Spur. Bei den Kamelen hielt er sich offensichtlich nicht auf. „Wo mag diese Gegend wohl liegen?“ fragte Anca mit leiser Stimme. Sie hatte im ersten Schreck nach der Hand ihres Bruders gegriffen und hielt sie auch jetzt noch fest.

“ meinte Bharos. „Vielleicht auf der anderen

Seite von Dragon, trotz der gr ünlichen Sonne. Niemand sagt uns, daß die

Farben realistisch abgebildet werden. Andererseits

– ich glaube eher daran, daß diese Bilder von anderen Planeten stammen.

also, um ehrlich zu sein

„Tja, wenn wir das w ü ßten

Und die m ü ssen nicht einmal in der N ä he dieses Systems liegen.“ „O weh!“ sagte Thunderclap. Ihm wurde pl ö tzlich ganz schlecht. Einen verschwundenen Oliver auf einem bestimmten unerforschten Planeten zu

suchen – das mochte ja noch angehen. Aber wenn praktisch die halbe Galaxis

– oder die ganze? – in Frage kam, dann

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„Nun mal nicht gleich den Kopf h ä ngenlassen“, sprach ihm Bharos Mut zu. „So ernst ist das auch wieder nicht gemeint. Ich wollte damit nur sagen, daß die Landschaften im Wü rfel nicht unbedingt zu Planeten des nä chsten Sterns

gehö ren. Wißt ihr, ein kleines bißchen kann ich mitreden, wenn es um Trans­ mitter geht. Meine Rasse hat fr ü her ebenfalls Experimente mit Transmittern durchgeführt. Allerdings wurden die Forschungen eingestellt. Ein winziger

H ü pfer kostete n ä mlich so viel Energie, wie eine mittlere Sonne sie das ganze

Jahr hindurch abgibt. Die fremden Erbauer dieser Maschine hier haben mehr

Erfolg gehabt, das sieht man ja. Aber Energie wird trotzdem ben ö tigt. Das funktioniert so ä hnlich wie bei einer Funkanlage. Stellt euch vor, ein Funk­ spruch soll abgestrahlt werden. Steht der Empfä nger nur ein paar Kilometer weiter, ben ötigt man wenig Energie, um sich verstä ndlich zu machen. Steht er dagegen am anderen Ende der Milchstraße, m ü ßte man einen Riesensender haben und gewaltige Energien aufbringen. – Was wollte ich eigentlich sagen?“ „Daß Ollie doch nicht sooo weit weg sein kann“, half Alexander aus. „Ach, richtig. Also, ist doch klar: Die einzelnen Stationen dürften relativ dicht beieinanderstehen, um Energie zu sparen. Na ja, vielleicht gibt es auch

mal eine dazwischen, die als Außenstation sehr weit weg ist

wir lieber nicht dran denken. Und überhaupt: Transmitter müssen erst mal von ganz gewö hnlichen Raumschiffen an Ort und Stelle gebracht werden, weil ein Sender ohne den Empf änger wertlos ist. Das engt den Radius be­ stimmt ziemlich ein!“ „Fü r uns kann das noch immer zu groß sein“, meinte Harpo seufzend. „Und wer weiß, ob die Fremden das Problem nicht ganz anders angepackt haben oder auf eine unersch ö pfliche Energiequelle gestoßen sind“, gab Karlie zu bedenken. „Der arme Ollie – ob wir ihn jemals wiedersehen?“ „Was ist denn mit meinen Matrosen los?“ schimpfte Lonzo. „Einer weint dem anderen etwas vor? Das dulde ich nicht! Laßt uns lieber ernsthaft ü ber­ legen, wie wir den kleinen Ollie zur ü ckholen!“ „Richtig“, sagte Bharos. „Immerhin k önnen wir selbst das gleiche tun, was Oliver unfreiwillig getan hat – n ä mlich mit dem Transmitter reisen. Und “

dann bleibt uns immer noch die EUKALYPTUS. Beides zusammen

Aber da wollen

Er brach ab, weil sich die Szene im Bildw ü rfel ver ä ndert hatte. Es gab er­ neut einen kurzen Farbwirbel. Dann wurde eine neue Umgebung sichtbar. Im ersten Augenblick konnte man nicht viel mehr als grellrotes Licht er­ kennen. Doch dann, als sich die Augen daran gew öhnt hatten, blickte man auf zwanzig oder dreißig menschengroße Wesen, deren Gesichter von kurz­ haarigem Fell bedeckt waren und von großen, runden schwarzen Augen be­ herrscht wurden. Die Fremden steckten in beutel ä hnlichen Kleidungsst ü cken, die unterschiedliche Schattierungen aufwiesen. Farben konnte man in dem grellroten Licht nicht erkennen. Man hatte den Eindruck, daß nicht nur die Besatzungsmitglieder der EU­ KALYPTUS die Fremden anstarrten, sondern daß diese ebenso verwundert zur ückguckten. Ja, Harpo hatte sogar das Gefü hl, er s ä ße in einem Zookä fig

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und werde von den Besuchern bestaunt. Ganz unberechtigt war das wohl nicht, denn einige der Wesen hoben kleine Ger ä te an und ließen Blitzlichter aufleuchten. Fotografierten sie? Dann traten die Wesen zur ück. Einer der Fremden blieb vorne stehen, zeigte mit der Pranke auf die „Zuschauer“ und begann unter vielen Grimassen und Gebä rden etwas zu erklä ren. H ö ren konnte man allerdings nichts. “

, „Wir werden beobachtet!“ rief Micel. „Die sehen uns.“ „Und sie scheinen einen Heidenrespekt davor zu haben, sich zu n ä hern“, meinte Karlie. „Was wohl kaum an uns liegt“, sagte Bharos. „Das gilt dem Transmitter. Wer weiß, welche schlechten Erfahrungen sie damit gemacht haben. Mich sollte es auch gar nicht wundern, wenn das Ding dort in einem Museum steht. Das Innere eines Geb äudes scheint es jedenfalls zu sein.“ Zum erstenmal wurde Harpo so richtig bewußt, was es bedeuten konnte, wenn ihre Vermutungen ü ber die Transmitterstationen zutrafen. Es konnte heißen, daß Hunderte, vielleicht Tausende von Stationen an das Netz ange­ schlossen waren. Und auf irgendeiner Station war Ollie gelandet. Niemand

wußte ü berhaupt, ob ihr Transmitter gerade diese Station noch einmal als Empf ä nger vorsehen w ürde. Und wenn Ollie, neugierig wie er war, dort nicht

ausharrte, sondern

„Mit dem Energieschirm draußen ist nicht mehr alles so, wie es sein sollte“,

ü berlegte Micel laut. „Und diese Geb ä ude hier sind verlassen und nicht ge­

rade gut in Schuß. Ein anderer Transmitter steht eventuell schon im Muse­

Ja, das kann nur bedeuten, daß die Transmitterkette schon

uralt ist. Die Konstrukteure leben vielleicht gar nicht mehr. Wir k ö nnen froh sein, wenn die Maschinen noch einwandfrei funktionieren. Also, wenn wir Ollie nicht suchen m ü ßten – keine zehn Pferde w ü rden mich in die N ä he des Transmitterfeldes bringen.“ „Ach, funktionieren wird es noch“, versicherte Bharos. „Sonst kö nnten wir auch die Bildw ü rfel nicht mehr sehen. Nein, nein, die Energiequelle f ü r den Schirm draußen kann nichts mit den Transmittern zu tun haben.“ „Was ich nicht verstehe“, sagte Anca, „ist, warum man das Ger ä t nicht steuern kann. Und wieso manche Landschaften lange im Würfel bleiben, andere aber nur ein paar Sekunden. Da muß doch etwas faul sein.“ „Wir k önnen die Anlage nicht steuern“, korrigierte Bharos. „Aber zugege­ ben, ganz geheuer ist mir auch nicht dabei. Vielleicht gibt es eine Umschalt­ automatik, die nicht mehr richtig funktioniert. Wie auch immer – wir müssen uns mit den Tatsachen abfinden und das Beste daraus machen.“ „Das heißt aber doch wohl“, ü berlegte Harpo laut, „es gibt keine Garantie daf ü r, daß wir zur ückkehren. Selbst wenn wir Ollie finden – die R ü ckfahrkarte zum Planeten Dragon und zur EUKALYPTUS haben wir nicht in der Tasche.“ „Hmm“, machte Thunderclap. In der folgenden Stille h ä tte man leicht eine Stecknadel fallen h ö ren k ö nnen. Nat ürlich dachte keiner daran, Ollie seinem Schicksal zu ü berlassen. Das kam ü berhaupt nicht in Frage. Aber wie sollte es

um. Das heißt

„Das

ist

doch

stotterte Harpo.

Es war nicht auszudenken!

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ihnen in kurzer Zeit gelingen, entweder die Steuerung des Transmittersys­ tems zu erlernen oder aber ein System hinter den Umschaltungen zu entde­ cken? Und die Zeit drä ngte, wenn sie Ollie helfen wollten. Eigentlich z ä hlte jede Sekunde. Selbst wenn es Lonzo und Schwatzmaul gelingen sollte, den Schaltcode – vorausgesetzt, es gab einen – zu entziffern und durch R ückrech­ nung Ollies Aufenthaltsort zu ermitteln – das w ü rde alles viel zu lange dau­ ern. Vielleicht kä mpfte Ollie gerade in einem Sandsturm um sein Leben oder rannte vor einem Raubtier davon Lonzo hatte alle Daten ü ber die bisherigen Umschaltungen l ängst an den Bordcomputer weitergeleitet. Aber daraus ließ sich noch nichts ablesen. Am liebsten h ä tte Schwatzmaul den Transmitter von den Gr ü nen zerlegen lassen, um hinter das Geheimnis zu kommen. Diese L ö sung mußte jedoch aus­ scheiden. Das w ü rde viele Stunden dauern. Wenn Ollie in der Zwischenzeit zur ückkehren wollte, konnte es zu einer Katastrophe kommen. Ohne den funktionsf ä higen Empf ä nger war Ollie verloren. „Die Frage ist dann wohl nur, ob sich einer allein in das Transmitterfeld st ü rzt oder ob es mehrere von uns wagen“, sagte Harpo schließlich. „Etwas anderes bleibt uns jedenfalls nicht ü brig. Ich melde mich schon mal freiwil­ lig.“ Dieser Entschluß war ihm nicht leichtgefallen. „Ich mache mit!“ rief Anca. „Wir sollten mit einer m ö glichst kleinen Gruppe den Sprung ins Ungewisse wagen“, riet ihm Bharos. „Wer weiß, was uns erwartet!“ Aber niemand wollte zur ü ckstehen, so mulmig den meisten auch zumute war. Es ging ja um Ollie. „Also, einige m ü ssen schon auf der EUKALYPTUS bleiben“, protestierte Schwatzmaul ü ber Funk. „Schließlich brauche ich hin und wieder mein K ä nnchen Ö l!“ Das war nat ürlich nicht der wahre Grund, aber das Bordge­ hirn hatte im Prinzip recht. Sie durften nicht alles auf eine Karte setzen. „Na ja“, sagte Thunderclap. „Da muß ich wohl in den sauren Apfel beißen, sonst kriege ich gleich noch zu hö ren, daß ein Rollstuhl nicht das Wahre in Morast oder Gerö ll ist. Ja, ihr habt ja recht! Aber wartet nur ab, bis die Gr ünen mir meinen Einmannhubschrauber gebastelt haben. Dann werdet ihr mich nicht mehr so leicht los!“ „Noch drei“, forderte Schwatzmaul. „Außer Thunderclap m ü ssen noch drei zur ückbleiben!“ Lonzo nickte mit einer heftigen Kopf­Rumpf­Bewegung, fing die sonst immer so stramm auf dem Kopf sitzende Matrosenm ütze auf und r ü hrte dar­ in mit einem Tentakel herum. „Das haben wir gleich!“ rief er triumphierend. Dann zog er ein K ä rtchen aus der M ü tze. „Brim Boriam“, las er laut vor. „Brim bleibt bei Pitter.“ „Bei welchem Pitter?“ fragte Thunderclap w ütend, denn seinen richtigen Namen h örte er ü berhaupt nicht gern. „Sagte ich Pitter?“ fragte Lonzo unschuldig. „Da muß ein Relais ausgefallen sein, bei Thunderclap.“ „Ist das auch mit rechten Dingen zugegangen?“ fragte Brim mißtrauisch.

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„Aber ja doch!“ versicherte Lonzo frö hlich. „F ü r solche Fä lle habe ich von allen Matrosen ein Namenskä rtchen in der Mütze. Nicht verzagen, Lonzo fragen! Und, Herrschaften“ – Lonzo ließ seine Stimme lauter werden – ‚ „schon geht es weiter.“ Abermals griff er in das M ü tzchen und zog ein weiteres K ä rtchen hervor, dann noch eines. „Karlie Mü llerchen“, schnarrte er. „Oooooch!“ „Und Micel Fopp!“ f ügte Lonzo hinzu und st ü lpte sich die M ü tze mit den Namensk ä rtchen wieder ü ber den kleinen Metallkopf. „Na ja, da kann man nichts machen“, kommentierte Micel, aber ein biß­ chen entt ä uscht sah er doch aus. „Ich habe was f ü r euch“, meldete sich Schwatzmaul. „Ja, was denn?“ „Eine feine Sicherheitsmaßnahme. Wir bauen Lonzo einen starken Si­ gnalgeber ein. Das geht ganz schnell! Die Peilt öne kann ich ü ber 300 Licht­ jahre hinweg anpeilen.“ „Hurra!“ schrie Thunderclap. „Wir holen euch aus dem Schlamassel, wenn ihr Ä rger habt. Egal, wo ihr seid!“ „Warum immer ich?“ kreischte Lonzo. „Ich mag es nicht, wenn in meinem Bauch etwas piept! Andere haben auch dicke B ä uche, in denen viel Platz ist.“ „Aber Lonzo!“ sagte Anca honigsü ß. „W ü rdest du es auch nicht mir zuliebe tun?“ „Na ja, wenn du mich so nett darum bittest, mein Sch ä tzchen „Dann kann es ja losgehen, sobald Lonzo zur ück ist“, sagte Karlie. Vor Auf­ regung hatte er rote Flecken im Gesicht. „Wir werden Lonzo zur EUKALYPTUS begleiten“, erwiderte Bharos. „Wir brauchen Raumhelme, Bodyskinanz ü ge, Vorrä te und ein paar Ausr üstungs­ gegenst ä nde, auch Waffen gegen wilde Tiere. Ab geht die Post!“ Er sprang in das obere Stockwerk, um den Fahrstuhl zu bedienen. „Und wir haben eine prima Aufgabe“, sagte Brim. „Wä hrend ihr unterwegs seid, laden wir die Tiere aus.“

Die zerbrochene Kuppel

Einige Stunden spä ter kletterte die Expeditionsgruppe aus dem Gleitboot und winkte Brim noch einmal zu. Der wedelte wild mit beiden Armen, dann sprach er etwas in das Mikrophon, offenbar den Befehl für den Start, denn wenig sp äter hob das Boot sanft vom Boden ab. Schwatzmaul bewegte das kleine Raumfahrzeug zur EUKALYPTUS zur ü ck. Dort würden Karlie und Micel schon damit besch ä ftigt sein, einen Teil der kleinen Drachen in das zweite Gleitboot zu verladen. Brim würde das von ihm gesteuerte Boot ebenfalls beladen. Sicherlich waren mehrere Pendelfl üge

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beider Boote n ö tig, bis alle Tiere ihre neue Heimat erreicht hatten. Aber die Zur ückbleibenden hatten ja Zeit. Viel Zeit durfte sich die Expeditionsgruppe dagegen nicht nehmen. Was immer mit Ollie passiert sein mochte: Mit jeder Stunde, die verstrich, konnte die Situation für den Kleinen womö glich gef ä hrlicher werden. Voller Unge­ duld warteten Harpo und seine Freunde darauf, Ollie helfen zu k ö nnen. Wenn sie nur w ü ßten, wo sie mit der Suche anfangen sollten! Ein bißchen seltsam fühlte sich Harpo schon, als er vor dem leuchtenden W ü rfel stand und in die rote, leblos wirkende W ü ste hineinstarrte. Als sein Blick auf die Gesichter seiner Freunde fiel, wurde ihm allerdings recht schnell klar, daß er mit diesem Gef ü hl nicht allein war. Auch die anderen schauten ä ngstlich und trotzig zugleich auf das fremdartige Panorama – ä ngstlich, weil sie nicht wußten, was sie dort erwartete, und trot­ zig, weil sie dennoch den Kampf gegen das mysteri öse Gerä t aufnehmen wollten.

Selbst Moritz, der Dackel, schnupperte skeptisch in Richtung des flirrenden Energiefeldes. Das half ihm nat ü rlich nichts, denn wie alle anderen steckte er in einem Raumanzug aus Bodyskin. Und da konnte er h ö chstens sich selbst erschnuppern. Aber es sah nicht so aus, als würde er das jemals einsehen. Moritz’ Nase, so hofften die Kinder, w ü rde ihnen einen guten Dienst er­ weisen. Sie hatten ihn eigens mitgenommen, weil er Ollies besonderer Liebling war und deswegen am ehesten die Spur des Kleinen aufnehmen

w ü rde. Nat ürlich erst zu einem sp äteren Zeitpunkt und selbstverst ä ndlich ohne den Plexiglashelm, der seinen Kopf jetzt luftdicht umschloß. Auch bei Trompo, jenem winzigen Wesen, das von einem fernen Planeten kam und ä ußerlich große Ähnlichkeit mit einem rosafarbenen Spielzeug­ elefanten aufwies, dabei aber hochintelligent war, hatte sich die Bord­ schneiderei besondere M ü he geben müssen, um einen enganliegenden Anzug zu konstruieren. Nur einer zeigte sich unbeeindruckt: Lonzo. Er pfiff – grausig falsch – ein

fr öhliches Piratenliedchen vor sich hin und hielt mit zweien seiner Tentakel

einen Rucksack auf dem R ü cken fest. Sein Metallk ö rper war so glatt und rund, daß das Gep ä ckst ü ck, welches Vorr ä te und Ausr ü stungsgegenst ä nde der Expedition enthielt, keinen rechten Halt fand. Aber Lonzo hatte darauf bestanden, sich wie alle anderen am allgemeinen Schleppen der Ausr ü stung zu beteiligen. „Ulkig“, meinte Alexander. „Was sind wir eigentlich jetzt: Bergsteiger oder Raumfahrer?“ „Laß mal“, antwortete Anca. „Diese Rucks ä cke sind verdammt praktisch. Auch wenn wir jetzt aussehen wie ein Kommando der berittenen Gebirgsma­ rine.“ Alexander lachte brummend. Wenn ihm etwas besonders an der Sprache der Menschen gefiel, so waren das die Wortspielereien. Und nat ü rlich die saf­ tigen Piratenfl üche, die Lonzo, wenn er in Rage war, ausstieß.

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Moritz, der die Stimmen über seinen Helmlautsprecher geh ö rt hatte, bellte freudig. Der hintere Teil seines Bodyskinanzugs setzte sich wedelnd in Bewe­ gung. „Ob Ollie wirklich dort gelandet ist?“ fragte Harpo skeptisch. Er deutete mit dem Kopf auf die rote W üste. „Viel zu trocken f ü r einen echten Seemann!“ stimmte ihm Lonzo zu. Aber seine Stimme klang ernster als sonst. Die Angst um Ollies Schicksal erstickte jeden Spaß.

„Wenn sich einer von uns daran erinnern kö nnte, welches Szenenbild der W ü rfel zeigte, als das Malheur passierte“, warf Bharos ein, „w ä re alles viel einfacher.“ Und damit hatte er recht. Ungl ücklicherweise hatte genau in dem Augenblick, in dem Ollie in das Energiefeld hineingezerrt worden war, das Bild gewechselt. Und die Landschaft, in der Ollie verschwunden war, hatte so schnell einer anderen Platz gemacht, daß es f ür die entsetzten Umstehenden unm ö glich gewesen war, sie im Gedä chtnis zu behalten. „Ich bin daf ü r, daß wir jetzt etwas unternehmen“, sagte Harpo ungeduldig. Wenn ihm schon nicht ganz wohl bei der Sache war, so wollte er sie wenigs­ tens schnellstens hinter sich bringen. „Klar!“ riefen Anca und Alexander. „Ist doch egal, wo wir anfangen!“ „Wir nehmen, was kommt!“ erg ä nzte Lonzo. Harpos Finger bewegten einen Drehwiderstand, der an der Kontrollbox auf seiner Brust angebracht war. Ihm war es zu warm, und mit dem Knopf konn­ te man die Temperatur regulieren. Normalerweise – wenn man keine beson­ deren W ü nsche hatte – mußte man sich um diese Box nicht k ümmern. Ein kleiner Computer registrierte alle Meßdaten und ver ä nderte sie bei Bedarf automatisch. Das war auch der Grund, warum diese Apparatur den Namen

K örperw ä chter trug: Von hier aus wurden die Sauerstoffvorr ä te gesteuert, die

Heizventile des Miniaggregats ge ö ffnet oder geschlossen sowie die Preßluft­ patronen bedient, die f ü r einen leichten Ü berdruck innerhalb der Anz ü ge sorgten, um sie prall zu halten. Der K örperw ä chter war sogar in der Lage, selbst konzentrierte Flüssignahrung direkt in die Venen zu spritzen, ohne daß man dabei etwa einen Schmerz sp ü rte. Aber das war wirklich nur f ü r einen Notfall gedacht. Wenn man die Wahl hatte, griff man nat ü rlich lieber zu richtigem Essen, auch wenn es sich dabei nur um k ü nstlich erzeugtes Synt­ hofood handelte. „Aufpassen, daß wir zusammenbleiben“, mahnte Harpo die anderen. „Sonst haben wir am Ende Ollie gefunden und sind doch nicht vollz ä hlig.“ „Aber dieser W ü rfel“, warf Alexander irritiert ein, „wechselt sein Bild je nach Laune. Wenn wir Pech haben, landet jeder von uns auf einer anderen Welt.“ „Daran sollten wir lieber nicht denken“, unterbrach Harpo seine Schwester, die gerade ä hnliche Bedenken anmelden wollte. „Solche Ü berle­ gungen k ö nnen wir uns in dieser Situation nicht leisten. Auf jeden Fall m üssen wir alle m ö glichst gleichzeitig in den Wü rfel hineinhechten!“

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„Ha!“ schrie Lonzo. „Das ist f ü r uns Seeleute doch ü berhaupt kein Problem! Schon mein alter Schulfreund Captain Kidd legte allergr ö ßten Wert darauf, daß alle seine Freibeuter gleichzeitig in die Wanten kletterten oder die Enterhaken schwangen. Wir stellen uns an allen Seiten des W ürfels auf und springen los, sobald das Nebelhorn erklingt!“ „Und wo kriegen wir ein Nebelhorn her?“ fragte Alexander ganz naiv. Harpo grinste. „Du mußt das Nebelhorn aber ü ber Funk ert ö nen lassen“, sagte Anca, lach­ te leise und stupste den Roboter in die Seite. „Sonst kö nnen wir n ä mlich un­ ter unseren Raumhelmen nichts davon h ö ren.“

„Au Backe, das h ä tte ich glatt vergessen!“ rief Lonzo und tä nzelte aufgeregt

hin und her. „Ja, wenn wir unser Pummelchen

ser Frä ulein Anca nicht h ä tten!“ Er flunkerte natü rlich, denn ohne Zweifel

wußte er sehr gut, daß ein normal ausgestoßenes Ger ä usch nicht an die Oh­ ren seiner Freunde dringen konnte. Schließlich unterhielt er sich bereits die

ganze Zeit mit ihnen über Funk. Da Lonzo als einziger keinen Raumanzug trug – seinem Metallk ö rper konnte weder die giftige Atmosph ä re eines unbe­ kannten Planeten noch die K ä lte des Weltraums etwas anhaben –‚ hatte er fr ü her in solchen Situationen schweigen m ü ssen. Aber inzwischen hatte man ihm ein Funkger ä t eingebaut. Wieder wurde das vom Leuchtw ürfel projizierte Bild in einen Wirbel flimmernder Farben gezogen. Eine neue Szene stabilisierte sich: Nacht, glitzernder Sternenhimmel, schattenhafte Umrisse. Das Bild blieb stabil. „Jetzt ist die Chance am gr ö ßten!“ rief Anca aufgeregt. „Laß uns jetzt springen!“ „Aber warum denn?“ wollte Alexander wissen. „Ollie ist doch in einer Welt verschwunden, in der es hell war.“ „Na und?“ entgegnete Anca. „Seither sind viele Stunden vergangen. Warum soll es in dieser anderen Welt nicht inzwischen Nacht geworden sein?“ „Schon gut, schon gut“, gab Alexander brummend zu. „Ich gebe mich ge­ schlagen.“ Die Expeditionsmitglieder nahmen um den W ü rfel herum Aufstellung, wie es ausgemacht war. Anca hielt Moritz ganz kurz an der Leine, damit er sich nicht selbst ä ndig machte und verlorenging. Lonzo war ganz in seinem Element. Aufgeregt wirbelte er mit den beiden freien Tentakeln herum und dirigierte die Mannschaft hin und her, bis alle so standen, wie es seiner Vorstellung entsprach. Anca hatte den Dackel nun doch auf den Arm genommen, weil der ausgesprochen eigenwillige Hund mitunter genau das Gegenteil von dem tat, was man von ihm verlangte. Außerdem h ä tte Moritz doch einen ziemlichen Satz tun m ü ssen, denn die metallene Plattform des Transmitters war etwa f ü nfzig Zentimeter hoch.

“ Er ließ einen rostig klingenden, heu­

lenden Ton ü ber alle Funkkanä le sausen. Das Nebelhorn! Fast gleichzeitig warfen sich die Freunde in das Feld hinein. Wie sie es schon bei Ollie vermu­

ä h, ich meine nat ü rlich un­

„Achtung!“ schnarrte Lonzo. „Und

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tet hatten, spü rte jeder, daß er von einem Sog erfaßt wurde, der die noch im Freien baumelnden Beine f ö rmlich mitzerrte. „Uuuiiiiiii! Das ist ja wie auf einer Achterbahn!“ rief Anca. Harpo sp ü rte zum ersten Mal nach langer Zeit wieder jene fast ü berwundene Angst, die ihn noch vor zwei Jahren stä ndig ü berkommen hatte, wenn er im Begriff gewesen war, den Boden unter den F ü ßen zu verlieren. Ihm war, als w ürde er durch einen engen, finsteren Schacht in eine bodenlose Tiefe st ü rzen. Tapfer biß er sich auf die Unterlippe. Er wollte nicht schreien. Die anderen waren ja bei ihm. Nichts wü rde passieren. Alles w ü rde gutgehen. Dann f ü hlte er Metall unter den Fü ßen, eine glatte, harte Fl ä che. Das muß­ te die Plattform des anderen Transmitters sein, das Gegenst ück – oder die Empfangsstation des Ger ä tes, von dem aus sie aufgebrochen waren. Sie waren auf einer anderen Welt. Und obwohl er geglaubt hatte, in einen Schacht zu st ü rzen, waren sie keineswegs gefallen. Nein, die Plattform war ganz pl ötzlich unter ihren Fü ßen. Neben sich spü rte Harpo jemanden zappeln. Er glaubte, daß es Anca war, doch konnte er es nicht genau erkennen. Die Augen mußten sich erst an die Finsternis der Nacht und das sp ä rliche Licht des Sternenhimmels gew ö hnen. Aber Lonzo wußte Rat. Er ließ an drei Stellen seines K ö rpers Ö ffnungen auf­ gleiten und fuhr Scheinwerfer aus. Als sie aufflammten und die Plattform und die Besucher von der EUKALYPTUS hell erleuchteten, konnte man den Robo­ ter selbst kaum erkennen. Lonzo sah wie ein kleiner Leuchtturm aus, als er sich drehte. „Komisch“, rief Alexander, der als erster wieder reden konnte, „eigentlich m üßten wir doch jetzt unseren Absprungstransmitter sehen. Man sieht aber nur die Umgebung unseres Standortes.“ „Entweder ist das eine besondere Eigenschaft dieser Maschine, oder es gibt eine Sicherheitsschaltung, die verhindert, daß das Feld neu aufgebaut wird, bevor die Reisenden die Plattform verlassen haben.“ Es war Harpo, der diese Worte aussprach. „Oha“, bemerkte seine Schwester kichernd. „Du redest ja beinahe so schlau wie Thunderclap!“ „Matrosen!“ schrie Lonzo. „Sofort die Enterhaken klarmachen. Und dann:

Auf mit Gebr üll!“ Erneut ließ er das infernalische Nebelhorn aus seinem In­ neren erklingen. Ein L ä rm, der selbst tote Piraten wieder auf die Beine ge­ bracht h ä tte. Lachend kugelte die Mannschaft von der Plattform hinunter. „M ä chtig dunkel hier“, brummte Alexander. Damit hatte er recht. Es war kaum etwas zu erkennen. Aber sie lagen auf felsigem Untergrund. Trotz der Bodyskinanz üge konnte man deutlich den rauhen, unregelm ä ßigen Boden sp ü ren, der aus Staub, Ger ö ll und gr ö ßeren Steinbrocken bestand. Ein Grund mehr, sich aufzurappeln. „Chissimatucki“, schrie Lonzo. „Jetzt habe ich überall an meinem herrli­ chen K ö rper diese ekligen blauen Flecke!“

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Alles kicherte. Dieser Lonzo! Wenn jemand von ihnen gegen blaue Flecke gesch ützt war, dann er ganz allein. Selbst um eine Beule zu bekommen, h ä tte er sich unter eine Lawine legen m ü ssen. „Was hast du eben gesagt?“ fragte Anca neugierig. „Daß ich ü berall an meinem K ö rper blaue und gr üne Flecke habe“, jammerte der Roboter. Und mit einem kl ä glichen „O weh!“ drehte er sich ra­ send schnell um seine eigene Achse und ließ die Scheinwerfer tanzen.

„Nein, nein“, meinte Anca ungeduldig. „Vorher

Chissi

Chissima

„Chissimatucki!“ wiederholte Lonzo. „Das ist ein Geheimfluch, dessen wahre Bedeutung nur Captain Kidd und ich kennen!“ „Oh, bitte, Lonzo, verrate sie mir“, bettelte das M ä dchen. „Ich sage es auch gewiß nicht weiter!“ „Tut mir leid, mein naseweises Schä tzchen. Geheimfluch ist und bleibt Ge­

heimfluch. Ich darf nichts sagen. Sonst klettert der alte Captain Kidd aus sei­ nem Grab und l ä ßt den armen Lonzo kielholen.“ Einen Moment lang waren alle vergnügt. Aber dann holte sie die Sorge um Ollie wieder ein. Die frö hlichen Gesichter wurden ernst. „Ihr solltet mal auf den Transmitter achten“, murmelte Harpo. „Wir

k ö nnen n ä mlich nicht zur ück. Wenigstens nicht auf die Welt, aus der wir ge­

kommen sind.“ Er deutete auf den Leuchtw ü rfel, in dem jetzt die Landschaft eines Sumpf­ gebiets sichtbar war. Man sah einen kleinen Fluß mit tiefschwarzem Wasser, mehrere T ü mpel, Morast und spitzes Gras. In der Ferne kreisten einige zer­ zaust wirkende Vö gel ü ber dem Schilf. Im Vordergrund gluckste das Wasser. Entweder gab es dort Fische, oder Faulgase stiegen an die Oberfl ä che. „Puh“, machte Alexander und klapperte mit den Z ä hnen, „das sieht aber ungem ü tlich aus.“ „Dahin will ich auf keinen Fall“, maulte Trompo. „Ich auch nicht!“ rief Anca. „Nur wenn uns gar keine andere Wahl bleibt.“ „Sehen wir uns ein wenig um“, schlug Bharos vor. Die Expeditionsteilnehmer ließen ihre Blicke wandern. Der leuchtende Ku­ bus gab jetzt so viel Licht ab, daß die nähere Umgebung gen ügend erhellt wurde, um einiges auszumachen. Dennoch schaltete Harpo seinen Brust­ scheinwerfer ein und leuchtete, gefolgt von den anderen, in die Ecken, die das Licht bisher nicht erreichen konnte. „Auch hier ist es nicht gerade gem ütlich“, kommentierte Bharos. „Aber ohne Zweifel war es hier frü her anders.“ Er deutete mit ausgestreckter Hand auf ein Gebilde mit eigenartig zerlaufenen Formen. An einigen Stellen schimmerte das Ding dort, wo der Staub es noch nicht bedeckt hatte, schwarz. Bharos ber ührte es und wischte den Staub von der Oberfl ä che. „Metall“, gab er bekannt. „Sicher war das einmal eine Maschine. Aber jetzt kann man nicht mehr erkennen, welchem Zweck sie frü her gedient hat.“ „Seht doch mal!“ rief Alexander und deutete zum Himmel hinauf. „ Ü ber uns befindet sich eine gl ä serne Kuppel!“

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Tats ä chlich! Sie hatte eine große Ä hnlichkeit mit der durchsichtigen Ü ber­ dachung, die die Zentrale des Raumschiffes EUKALYPTUS vor der K ä lte und dem Vakuum des Weltraums abschirmte. „Sie ist zersprungen!“ rief Anca. „Dort, die zackigen Kanten!“ piepste Trompo aufgeregt. „Was mag hier nur geschehen sein?“ gr übelte Harpo laut vor sich hin. „Na, zun ä chst müssen wir wohl davon ausgehen, daß die Erbauer der Transmitteranlagen sich aus unbekannten Gr ünden nicht mehr um ihr Eigentum k ü mmern“, folgerte Bharos. „Und zwar tun sie dies schon lange nicht mehr. Das Transmittersystem scheint vollautomatisch und selbstver­ “

sorgend zu sein. Es hat all dies schadlos ü berstanden

„Na, na“, mischte sich Lonzo ein, „sooo gut funktionieren diese vertrackten Dinger ja nun auch wieder nicht!“ „Na ja“, gab Bharos zu. „Aber das System hat sich, in Anbetracht der Tatsa­ che, daß es bestimmt seit sehr langer Zeit nicht mehr gewartet wird, relativ gut gehalten. Immerhin kann es noch Personen bef ö rdern. M ö glicherweise speist es seinen Energiebedarf aus einer Quelle, die wir nicht kennen, die aber immer noch nicht ersch ö pft ist. Ja, und dieses hier“ – er machte eine großz ügige Handbewegung, die alles umschloß, was sich in ihrem Blickfeld befand –‚ „das k ö nnte eine Station der Unbekannten gewesen sein.“ Harpo nickte. „Ich nehme an“, fuhr Bharos fort, „daß wir uns auf einem unbewohnbaren Planeten, vielleicht auch auf einem Asteroiden befinden. Groß kann diese Welt jedenfalls nicht sein, am Horizont erkennt man ihre Kr ü mmung. Und daß wir alle hier weniger wiegen, habt ihr sicher selbst schon gemerkt.“ Wie zur Best ätigung faßte Lonzo Ancas Hand und h ü pfte mit ihr m ü helos aus dem Stand einen Meter in die Hö he. „Und was wollten diese Leute auf dieser kalten und leblosen Welt?“ fragte Alexander gebannt. „Vielleicht haben sie hier seltene Erze gefö rdert. Und sp ä ter durchschlug ein Meteor die Schutzkuppel.“ „Damit konnte der kosmische Staub ungehindert eindringen“, warf Harpo ein, „und legte sich wie ein graues Tuch ü ber alles. Große und kleine Meteore legten nach und nach die Geb äude in Tr ü mmer, zerstö rten die Maschinen und l östen dort, wo noch Energie war, Kurzschl ü sse aus. Es entstanden elektrische Lichtb ö gen, die zerschmolzen, was in ihrem Bereich lag. Nur das Transmitterfeld schützte sich und die Maschine vor der Zerst örung.“ „So wird es gewesen sein.“ Bharos nickte und registrierte mit Verwunderung Harpos Verlegenheit, die jedoch bald einem tr ä umerischen Blick wich. In der Tat musterte Harpo jetzt die staubverhangenen Umrisse der Ma­ schine. Seine Phantasie fegte den Staub fort und machte die Zerst ö rungen

r ü ckg ä ngig. Vor seinem geistigen Auge tauchten pr ä chtige Geb ä ude auf, die aus hohen Metallkugeln und Waben zusammengesetzt waren. Haushohe Ma­ schinen fraßen Erze in sich hinein, polterten, knurrten, prusteten und stießen

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am anderen Ende lange Metallzylinder aus. Riesige Bergwerksmaschinen, Brecher, Schieber, Sauger, fuhren in den Fels hinein, zermalmten ihn und lu­ den ihn auf Robotkarren und F örderb ä nder, damit den Fabrikmaschinen die gefr ä ßigen M äuler gestopft werden konnten. Er sch üttelte den Kopf und verscheuchte die Vision. Dann blickte er wieder auf die nahen und fernen Umrisse der bizarren Staubberge. Sah das da nicht wirklich wie ein Bagger aus? Und jenes Dreieck mochte ein F ö rderband ge­ wesen sein. Eigentlich hatte Harpo große Lust, sofort zu erkunden, ob seine Vermutung stimmte. Und was mochte noch an Sch ä tzen in den erhaltenge­ bliebenen Geb äudeteilen zu finden sein? „Ich w ürde ja zu gerne wissen, wie das früher hier ausgesehen hat“, murmelte Harpo. „Oder herumbuddeln. Aber schließlich suchen wir Ollie. – Mensch, der Winzling muß, wenn er hier gelandet ist, l ä ngst erfroren sein.“ „Nicht nur das“, fü gte Bharos hinzu. „Ohne Raumanzug w ä re er sofort tot umgefallen.“

„Was redet ihr denn da f ü r dummes Zeug?“ machte sich nun Anca Luft. Die Vorstellung, daß dem Kleinen etwas zugestoßen sein k ö nnte, wollte sie soweit wie m ö glich von sich schieben. „Ihr seht doch, daß Ollie nicht hiergewesen ist, daß er gar nicht hiergewesen sein kann! Wenn es stimmt, was Bharos sagt,

h ä tte er keine Gelegenheit gehabt, sich von der Plattform zu entfernen. Und

solange sie besetzt gewesen w ä re, h ä tten wir niemals hier landen kö nnen!“ „Schwesterlein“, sagte Harpo seufzend und legte einen Arm um Ancas Schulter, „jetzt hast du aber so messerscharf kombiniert wie Freund Thunderclap! Und du hast recht. Ollie kann wirklich nicht hiergewesen sein.“ „Worauf warten wir dann noch?“ brummte Alexander und fletschte die

Z

ä hne. „Nichts wie rein in die n ä chste Welt!“ „Chissimatucki!“ krä chzte Lonzo unternehmungslustig. „Ich will nicht in “

diesen gräßlichen Sumpf. Ich will

„Juchhu!“ unterbrachen ihn die anderen. Das W ü rfelfeld war in den schon bekannten Farbenwirbel gekippt und hatte sich neu stabilisiert. Vor ihnen lag ein dunkles Etwas, vielleicht eine H ö hle. An einer Seite, dort, wo der Eingang war, leuchtete es tief rot.

Die Stadt der silbernen Br ü cken

Erneut fielen sie durch einen dunklen Tunnel, der sie durch Raum und Zeit transportierte. In Wahrheit wurden ihre K ö rper in ein Muster aus Atomen aufgel ö st und am Ziel der Reise nach eben diesem Muster erneut zu­ sammengesetzt. Kein angenehmer Gedanke, aber nach ihren bisherigen Erfahrungen doch nicht so risikoreich, wie man bef ürchtet hatte. Das Bild des W ü rfels hatte sie nicht get ä uscht. Auf der Plattform der Emp­ fangsstation angekommen, sahen sie sofort, daß sie tats ä chlich im Innern

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einer Hö hle gelandet waren. Ein aufmunterndes Kommando von Lonzo er­

ü brigte sich also. Blitzschnell robbte die ganze Gesellschaft nach vorn und

fand sich abermals auf felsigem Boden wieder. Hier war es heller als auf der Welt, die sie soeben verlassen hatten. Aber das hieß noch lange nicht, daß etwa strahlender Sonnenschein vom H ö hlenein­ gang her in das Innere fiel. Es herrschte ein diffuses rotes Zwielicht. „Warum die wohl den Transmitter in einer H ö hle versteckt haben?“ meinte Harpo verwundert und richtete seinen Scheinwerfer gegen die Decke. Hier gab es außer dem vertrauten Bild der Plattform nicht viel zu sehen. Die H ö hle endete wenige Meter entfernt an graurotem Fels. Nicht ein einziger Tunnel­ strang f ü hrte weiter in das Innere des Berges hinein und regte die Phantasie der Expeditionsmitglieder an. Die Grotte war gerade groß genug, um den Transmitter zu fassen, und bot außer dem Anblick rohen Gesteins nichts von Interesse. Wenn es auf dieser Welt Geheimnisse zu erkunden gab, dann dort draußen, wo das rote Licht lockte. Die Besatzung der EUKALYPTUS rappelte sich vom Boden auf und kletterte ü ber verstreut herumliegendes Ger ö ll ins Freie. Dort blieben sie erst einmal alle stehen und bestaunten die Umgebung. „M öööö nsch, ist das eine dicke, rote Sonne!“ rief Anca und deutete auf den riesigen Feuerball, der fast ein Viertel des Himmels einnahm, dabei aber trotzdem erstaunlich wenig Licht abgab. Eigentlich sah diese Sonne sehr m üde und alt aus. „Habt ihr eigentlich schon gemerkt“, meldete sich Bharos, „daß es hier nicht nur eine Sonne gibt, sondern noch vier weitere?“ Alle sahen zum Himmel hinauf. Man konnte in die dicke, rote Sonne schauen, ohne daß einen dabei die Augen schmerzten. Die Plexiglashelme, die aus einem Spezialglas bestanden und sich bei intensiver Sonnenbestrah­ lung verdunkelten, um die Augen zu sch ü tzen, hatten sich kaum verfä rbt. Bharos hatte recht. Der Gigant wurde von vier weiteren kleinen Sonnen umkreist, die weiß­ gelbes Licht ausstrahlten, aber so klein aussahen, daß man sie f ü r besonders helle, aber weit entfernte Sterne halten konnte. Vielleicht waren sie aber gar nicht so klein, sondern wirkten nur so. Das ganze System, das wie ein Rad mit der roten Riesensonne als Nabe aussah, mochte so weit von diesem Planeten entfernt sein, daß die Begleitsonnen in Wahrheit nicht kleiner waren als andere Sonnen auch. „Seht euch mal die Umgebung an“, schlug Harpo vor, „und ü berlegt, ob Ollie hiergewesen sein kann.“ „Ein altes Piratensprichwort lautet“, sagte Lonzo und kicherte, „daß der, der immer nur zu den Sternen aufblickt, bald auf der Nase liegen wird.“ „Wenn er hier war“, meldete sich der kleine Trompo zu Wort und zeigte mit dem Rü ssel auf eine Art Pfad, der den Berg hinabf ührte, „mü ßte er dort hin­ abgeklettert sein. Nicht einfach, mit heilen Knochen hinunterzukommen, aber man k ö nnte es schaffen.“ „Das hat Ollie bestimmt getan!“ rief Anca. „Wo er doch so gerne herum­ kraxelt.“

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„Fragt sich nur, was er dort unten wollte“, erwiderte Harpo. „Und ü ber­ haupt ist mir total unklar, wieso der Transmitter an einer solch unzug ä ngli­ chen Stelle aufgestellt wurde.“ Sie standen n ä mlich auf einem Felsplateau, das auf der einen Seite von dem schroffen, steil aufragenden Berg mit der H ö hle fast umschlossen wurde, w ä hrend es nach vorne ziemlich steil in die Tiefe ging. Zur Rechten gab es weitere Berge und eine finstere Schlucht, durch die ein so heftiger Wind pfiff, daß es hier noch an ihren Rucks ä cken zerrte. „Das kann ich dir sagen“, erklä rte Alexander mit stolzgeschwellter Brust. „Erstens wollten die Erbauer nicht, daß jemand ü ber die Anlage stolpert. Dar­ um haben sie sie versteckt. Das deutet darauf hin, daß der Planet bewohnt ist. Oder zumindest war. Und was deine erste Frage betrifft: Vielleicht wollte Ollie in die Stadt gehen.“ „Noch ein eiskalt kombinierender Thunderclap!“ stö hnte Anca. „Eine Stadt?“ fragte Harpo verdutzt. „Was? Wo? Wie?“ „Du hast scharfe Augen“, lobte Bharos den jungen Rotpelz vom Planeten Nordpol. „Es ist wirklich eine Stadt, wenn sie auch sehr seltsam aussieht. Kommt mal alle zu mir her ü ber – dann k önnt ihr sie besser sehen.“ „Die Großen sind im Vorteil, das ist ungerecht“, protestierte Trompo, aber er folgte wie die anderen Bharos’ Wink, der sich nun ganz weit nach links bis zum Rand des Plateaus hin bewegt hatte. Jetzt konnten sie sie alle sehen. Selbst der Dackel Moritz bellte die fernen T ürme an, die bisher durch einen dicken Felsbrocken zum gr ö ßten Teil verdeckt gewesen waren. „Toll!“ sagte Harpo. Alle verharrten einen Moment lang in stummer Bewunderung und starrten zu der mysteri ö sen Stadt. Eine Unzahl von schlanken T ü rmen ragte in den Himmel. Zwischen ihnen hing ein silbernes Gespinst grazi ö s geschwungener Br ü cken, das wie ein mit Rauhreif ü berzogenes Spinnennetz aussah. Lonzo unterbrach die Andacht. „Wenn ihr wollt, k ö nnt ihr jetzt die Gold­ fischgl ä ser von den K ö pfen nehmen“, verk ündete er. „Die Atmosph ä re ist atembar und enth ä lt keine f ü r uns Menschen sch ädlichen Beimengungen. Auch f ü r Akkais und Rotpelze – und kleine rosa Elefanten – ist sie nicht sch ä dlich. Richtige Seebä ren kö nnen sich hier mal eine echt steife Brise um die Ohren wehen lassen.“ Das mußte er nat ü rlich nicht zweimal sagen. Sofort nestelten zahlreiche Finger an den Verschl ü ssen herum und klappten die Helme nach hinten. Tief atmeten alle die kü hle Luft ein, wä hrend der Wind durch ihre Haare fuhr. „Brrrrr, ist das kalt“, schnatterte Anca. „Beinahe wie auf Nordpol!“ „Ja“, stimmte Alexander ihr freudig brummend zu, „das ist wirklich herr­ lich!“ Er fletschte die Zä hne und schnupperte. Die frostige Luft war zwar nicht mit der seines Heimatplaneten zu vergleichen, aber immerhin. Nach der Hitze auf der EUKALYPTUS war dies f ü r den K ä lte gewohnten Rotpelz eine richtige Erfrischung.

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„Ich habe rein zufä llig einen gr ößeren Posten Pudelmützen dabei“, beeilte sich Lonzo zu versichern. „Wer will, kann sie sich über die Ohren ziehen!“ Schon ö ffnete er seinen Rucksack und begann, blaue Mützen zu verteilen. Selbst Anca nahm eine und zog sie so weit ü ber die Ohren, daß man ihr Gesicht kaum noch erkennen konnte. „Du bist mir einer!“ Sie lachte. „Hast du nicht gesagt, in dem Rucksack w ä ren deine Vorrä te?“ „Sind das etwa keine Vorrä te?“ gab Lonzo scheinheilig zur ü ck und st ü lpte sich dann selbst seine geliebte Matrosenm ü tze über den Metallkopf. Die B ä nder flatterten im Wind, und der Himmel mochte wissen, wieso die M ü tze nicht fortgeweht wurde. „Mir nach!“ jauchzte er, schlug zweimal ein Rad auf seinen Tentakeln, kullerte ü ber das Ger ö ll und w ä re fast den Abhang hinun­ tergepurzelt, wenn er sich nicht im letzten Moment an einer Felsspalte fest­ gekrallt hä tte. „Hoppla!“ meinte er nur. Die M ü tze trug er immer noch und den Rucksack auch. Die anderen hatten ihm mit immer blasser werdenden Nasenspitzen zuge­ sehen und atmeten auf, als er sich wieder auf die d ü rren Beine zog. „Laß den Unfug sein!“ knurrte Alexander. „Da kann einem ja vor Schreck das Herz stehenbleiben!“ „Jawohl!“ sagte auch Harpo. „Wir haben schon viel zu viel Zeit verplempert. Schluß mit dem Unsinn. Wir m ü ssen endlich den armen Ollie finden! Sonst k ö nnte es zu spä t sein.“ Anca hatte M ü he, Moritz zu halten. W ä hrend sie ihm den kleinen Raumhelm abzunehmen versuchte, wollte der Dackel mit aller Gewalt hinter Lonzo her, um mit dem radschlagenden Roboter zu spielen. „Such Ollie! Such!“ rief Anca, als sie den Helm zur ü ckgeklappt hatte. Moritz schoß wie ein geö lter Blitz hinter Lonzo her und versuchte laut blaf­ fend, einen von dessen schlangen ä hnlichen Fangarmen zu erwischen. Er machte wirklich einen Heidenspektakel. „Sch ö ner Spü rhund!“ schimpfte Anca und lachte sich schief, als sie Lonzo laut kreischen h ö rte, man solle den Drachen vertreiben, der ihm, dem tapfe­ ren Ritter Hughbold von Asutria, auf den Fersen sei. Moritz, der sich ü berhaupt nicht für einen Drachen hielt, wedelte eifrig mit dem Schwanz, schnupperte dann jedoch interessiert an den Steinen herum, hob schließlich sogar trotz des ihn umgebenden Raumanzuges ein Hin­ terbein und versuchte, gegen einen Felsen zu pinkeln. Das Gel ä chter, das ihm nun aus allen Richtungen entgegenschlug, f ü hrte dazu, daß Moritz verwirrt von einem zum anderen ä ugte und dem in die Tiefe f ü hrenden Pfad folgte. „Sieht nicht gerade so aus, als ob Moritz uns weiterhelfen k ö nnte“, kom­ mentierte Bharos. „Wir müssen uns schon selbst entscheiden, in welche Richtung wir lostigern.“ „Wenn Ollie wirklich hiergewesen ist, dann ist er auch hier runtergeklettert und hat die Stadt erforscht!“ behauptete Anca fest. Niemand zweifelte daran, und damit war die Entscheidung der Expe­ ditionsteilnehmer gefallen. Sie w ü rden der Stadt der silbernen Br ü cken einen Besuch abstatten!

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Die singenden T ü rme

Seit drei Stunden waren sie nun unterwegs. L ä ngst hatten sie den Gerö ll­ pfad verlassen. Jetzt gingen sie auf einer breiten Straße. Seltsam, daß sich außer ihnen nichts regte. Seltsam auch, wie alt und rissig der Kunststoffbelag der Straße aussah. Man konnte meinen, daß sich hier seit hundert Jahren oder mehr weder Fußg ä nger noch Fahrzeuge vorwä rtsbewegt hatten. Der m ä chtige Wind aus der Schlucht blies unerbittlich ü ber die Ebene und fegte jedes Staubkorn fort. Niemand konnte mit letzter Gewißheit sagen, ob der kleine Oliver diesen Weg gegangen war oder nicht. Moritz schnü ffelte weiterhin nur m ä ßig interessiert. Aber der Planet war nicht ohne Leben. Fremdartige, baumhohe Schlingge­ w ä chse hatten die Ebene vor der Stadt erobert und reckten ihre gespens­ tischen, schlangengleichen Arme bisweilen so weit in die Straße hinein, daß die Gruppe es vorzog, sicherheitshalber im G ä nsemarsch in der Straßenmitte zu gehen. Wenn sich die Ä ste auch nicht bewegten, sondern hö chstens hier und da mal im Wind schwankten – sie wirkten irgendwie bedrohlich und sa­ hen aus, als k ö nnten sie jeden Moment zum Leben erwachen und wie Fang­ arme nach ihnen greifen. Eigenartiger als die rissige Straße und die seltsamen Gew ä chse war jedoch etwas anderes. Es wurde deutlicher, je mehr sie sich der Stadt n ä herten. Eine

Art von Musik lag ü ber der Ebene, T ö ne, die sich anh ö rten, als w ü rde jemand auf einer Orgel spielen, die nur noch aus wenigen heilen Orgelpfeifen be­ steht. Die Musik kam aus der Stadt. Sie klang seltsam fremd, zerrissen und d üster. „Weißt du, was ich glaube?“ fragte Harpo seine Schwester. „Ich glaube, daß diese Ger ä usche gar nicht von Leuten in der Stadt gemacht werden. Es ist die Stadt selbst, die diese T öne von sich gibt. Der Wind streicht an den schlanken T ürmen vorbei und spielt dabei auf ihnen wie auf Musikinstrumenten. „Aber warum?“ fragte Anca zurü ck. „Der Wind ist doch kein intelligentes Gesch ö pf. Und trotzdem h ö ren sich die Ger ä usche wie Musik an. Alles ist

so

„Es paßt zu diesem Planeten und zu dieser Stadt“, sagte Bharos. „Ich weiß zwar auch nicht, wie diese Musik entsteht, aber sie scheint zu diesem Plane­ ten zu geh ören. Seht euch die d ü sterrote Landschaft an oder die sterbende rote Sonne. Dort links – sind das nicht Reste einstiger T ü rme? Sind nicht so­ gar die meisten T ü rme der Stadt verfallen, nur noch Ruinen? Ich glaube immer mehr, daß wir uns auf einer dem Untergang geweihten Welt aufhal­ ten. Wer weiß, ob noch jemand in der Stadt lebt.“ „Das h ö rt sich ja richtig unheimlich an“, meinte Anca. „Wo sollen die Bewohner denn geblieben sein?“ fragte Alexander, der am Ende der Gruppe marschierte. Niemand antwortete. Harpo lag es auf der Zunge, Bharos zu fragen, ob er mit seinen telepathischen F ähigkeiten die Anwesenheit Ollies oder eines

so traurig.“

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anderen Stadtbewohners nicht sp ü ren k ö nne, aber er ließ es bleiben. Erstens waren sie wohl noch nicht nahe genug, und zweitens w ü rde Bharos schon Bescheid sagen, wenn er fremde Gedanken auffing. Er wandte sich dennoch zu Bharos um – und sperrte die Augen auf. Wo sich eben noch der Akkai be­ funden hatte, war jetzt niemand. Bharos war verschwunden. Von einer Se­ kunde zur anderen hatte er seinen K örper durch reine Geisteskraft von einem Ort zum anderen bewegt. Das war f ür die Kinder eigentlich keine Ü berra­ schung mehr, da frü her ein Junge namens Lucky Cicero unter ihnen gewesen war, der das auch konnte. Lucky lebte allerdings schon seit l ä ngerem nicht mehr auf der EUKALYPTUS: Zusammen mit einer ganzen Reihe anderer Kinder war er auf dem Planeten Nordpol zur ückgeblieben, von dem Alex­ ander stammte. Die Fä higkeit der Teleportation war nur eine von mehreren anderen, derer sich der Akkai bedienen konnte. Zaubern konnte Bharos allerdings auch nicht. Das Teleportieren kostete ihn viel Kraft und Konzentration und war

ü ber große Strecken hinweg sogar fast unm öglich. Wahrscheinlich hatte er so

lange mit seinem Plan gewartet, bis sie der Stadt nahe genug gekommen waren. „Verschwindet einfach, ohne was zu sagen“, murrte Harpo. „Sollen wir nun weitergehen, oder warten wir lieber, bis Bharos zur ück ist?“ wollte Anca wissen. „Mir tun n ä mlich die Fü ße weh.“ „Mir auch!“ schrie Lonzo. „Mir auch!“ Und er fing gottserb ä rmlich an zu st ö hnen, obwohl ihm nat ü rlich ü berhaupt nichts weh tun konnte. Aber das zuzugeben hä tte ja wom ö glich bedeutet, daß er sich selbst f ü r einen Roboter hielt. Da allen nach einer Pause zumute war, gab es nicht viel zu überlegen. Sie ließen sich einfach auf dem Kunststoffbelag der Straße nieder, streckten alle viere von sich und machten es sich bequem. Selbst Moritz war m ü de geworden, g ä hnte und streckte die Schnauze zwi­ schen die Vorderpfoten. Eine Weile war es ziemlich still, weil alle zu faul waren, auch nur ein Wort zu sagen. Planetenabenteuer waren ganz sch ö n anstrengend, und außerdem zerrte diese Welt mit ihrer Gravitation an ihren K örpern. Hier war es nicht m öglich, aus dem Stand heraus meterhohe Luftspr ünge zu machen wie auf dem Planeten mit der geborstenen Kuppel. Sie alle waren an das k ü nstlich erzeugte Schwerefeld der EUKALYPTUS ge­ w ö hnt, dessen Werte knapp unter denen der Erde lagen. Im Gegensatz dazu wog der menschliche K ö rper hier noch ein bißchen mehr als auf der Erde. Wer fü r gew ö hnlich 120 Pfund wog, mußte hier vielleicht 130 oder gar 140 Pfund mit sich herumschleppen – und dazu noch den Rucksack. Das machte sich unangenehm bemerkbar, zumindest dann, wenn man stundenlang ü ber einen Gebirgspfad geklettert war. Der R ü ckweg w ürde sie, da es dann bergauf ging, noch mehr schlauchen. Schließlich fiel Alexander ein, daß er Hunger hatte. Er holte eine Schachtel mit kalten Kartoffelpuffern heraus, die ihnen Karlie vorsorglich eingepackt

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hatte, und begann, wie ein Hö hlenb ä r zu schmatzen. Kichernd folgten die anderen seinem Beispiel. Harpo war schließlich der erste, der sich aufrichtete und sagte: „Bharos wollte sich doch bestimmt nur ganz kurz umsehen und zur ückkommen! Da muß etwas passiert sein. Junge, Junge, jetzt haben wir auch Bharos verloren!“ „Nun mal langsam“, meinte Alexander. „Ihr wißt doch, daß sich Bharos meistens zu helfen weiß, wenn er in Schwierigkeiten kommt. Ein bißchen sollten wir noch warten.“ „Hmmm“, brummte Harpo, „warten wir noch f ü nf Minuten, dann machen wir uns aber auf die Socken. Irgend etwas stimmt da wirklich nicht.“ Er schwieg und ü berlegte kurz, ob er Bharos über Funk suchen sollte. Aber das war wohl sinnlos, da auch die Helmfunkger ä te eine begrenzte Reichweite hatten. Anders w äre das nat ü rlich gewesen, wenn sich die EUKALYPTUS mit

ihren m ä chtigen Verst ä rkern in der N ä he aufgehalten h ä tte. Dank Schwatz­ mauls Unterst ü tzung h ä tten sie dann auch ü ber weitere Strecken mitein­ ander sprechen k ö nnen. Die Funkwellen wurden in einem solchen Fall vom Bordcomputer aufgesp ü rt, verstä rkt und wieder abgestrahlt. Die fünf Minuten vergingen, ohne daß Bharos zur ü ckkehrte. „Also los“, meinte Alexander und setzte sich als erster in Bewegung. Lonzo heftete sich voller Tatendrang sofort an seine Fersen. Die anderen folgten den beiden mit eher gemischten Gef ühlen. Die Straße f ü hrte geradewegs auf die phantastische Stadt zu. Immer deutli­ cher wurde beim N ä herkommen, wie stark der Zahn der Zeit an den T ü rmen, Br ü cken und Gebä uden genagt hatte. Einzelne T ü rme waren zu­ sammengefallen, und das silberne Netz der Br ü cken sah aus, als h ä tte ein Sturm in einem Spinnennetz gew ütet. Verbindungsstreben hingen herab, zerborstene Metallgitter ächzten im Wind, und an einigen Stellen gab es nur noch Fragmente der einstigen Netz­ struktur. Rußgeschw ä rzter Stahl zeigte an, daß hier ein gewaltiges Feuer ge­

w ü tet hatte. Aber nicht allein die Zerstö rungen fielen den Ank ö mmlingen auf. Die Mauern einiger m ä chtiger Geb ä ude wirkten so makellos glatt, als h ätten unbekannte Baumeister sie erst vor wenigen Tagen in die H ö he gezogen. Zwischen zwei Gebä udebl ö cken dieser Art führte die Straße schnurgerade in die Stadt hinein. Hoch ü ber den K öpfen der Expeditionsmitglieder öffneten sich die ansonsten fensterlosen Gebä ude zu Balkons, Galerien und Platt­ formen mit dahinterliegenden dunklen Tunnelh öhlen. „Was h ä ltst du davon?“ fragte Anca, tippte Harpo auf die Schulter und deu­ tete auf die in luftiger H ö he angebrachten Terrassen. „Wer sich dort hinaufwagt, muß schwindelfrei sein.“ „Nicht nur das“, warf Trompo ein. „Bei dem Wind muß man ganz schön aufpassen, daß man nicht weggeweht wird.“ „Vielleicht besaßen die Bewohner dieser Stadt Fl ügel“, vermutete Anca. „Kann sein“, meinte Harpo.

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„Wahrscheinlich ist die Lö sung viel einfacher“, mischte sich nun Alexander ein. „Von hier unten sehen die Plattformen klein aus, in Wahrheit sind sie aber vielleicht so groß, daß Hubschrauber auf ihnen landen k ö nnen.“ „Schon m ö glich“, sagte Harpo. Seine Worte wurden beinahe von den Ge­

r ä uschen der singenden Türme verschluckt, die jetzt wieder zu einem phan­

tastischen Konzert ansetzten. Eine Weile hatten sie nur still vor sich hin gesummt, aber jetzt stimmten mehrere von ihnen zugleich ein Klagelied an. Als sie das Eingangsgeb ä ude hinter sich gelassen hatten, passierten sie eine Br ü cke. Darunter floß ein dunkles Gewä sser. Die Straße schraubte sich nun langsam h ö her und f ü hrte in tausend Ver ä stelungen zu den silbernen Br ü cken empor und von dort aus zu den Türmen. Unter ihnen lag ein Gewirr von Kanä len, auf deren schwarzer Wasseroberfl ä che die d ü steren Reflexe der roten Sonne glitzerten. „Wie sollen wir in diesem Durcheinander von Straßen und Br ü cken Bharos oder gar Ollie finden?“ fragte Alexander. „Am besten ü berlegen wir uns, welche Geb äude Ollie oder Bharos am meisten interessiert haben kö nnten“, schlug Anca vor. „Und dort suchen wir sie zuerst!“ „Klar!“ stimmte Harpo zu. „Erst mal dorthin, wo es am geheimnisvollsten aussieht. Ich w ü rde sagen: Schauen wir uns den n ä chstgelegenen Turm mal von innen an.“ „Endlich!“ sagte pl ö tzlich hinter ihnen eine vertraute Stimme, und alle fuh­ ren wie elektrisiert herum. Nur wenige Meter von ihnen entfernt war Bharos aufgetaucht und l ä chelte ihnen zu. Von Ollie war jedoch keine Spur. „Tut mir leid, daß ich so pl ötzlich verschwunden bin“, sagte Bharos zer­ knirscht. „Aber vielleicht versteht ihr mich, wenn ich euch gestehe, daß die Neugierde mit mir durchgegangen ist. Ich konnte mich einfach nicht beherr­ schen!“ „Du hast einen Schatz gewittert, wetten?“ kr ä hte Lonzo rostig. „Das ent­ schuldigt nat ü rlich alles! Captain Kidd erging es genauso: Ihm mochten schon die Kanonenkugeln um die Ohren fliegen – wenn er auf einen Schatz gestoßen war, ließ er alles stehen und liegen und starrte ihn erst einmal eine Stunde und neunundzwanzig Sekunden lang in stummer Andacht an.“ “

„Du hast Ollie gefunden!“ triumphierte Alexander. Ehe ein allgemeiner Jubel ausbrechen konnte, sch ü ttelte der Akkai rasch den Kopf, um nicht falsche Hoffnungen in den Kindern zu wecken. „Leider nein“, fuhr er fort, „aber ich weiß inzwischen, daß er hier nicht war! Das war auch der Hauptgrund f ü r meine unbeabsichtigt lange Abwesenheit. Ich bin aus purem Zufall in eine Art Informationszentrum geraten, wo bereits beim Eintritt eine Lautsprecherstimme auf mich einredete. Sie wurde von einem Computer erzeugt, und mit Hilfe meines Translators gelang es mir, die Spra­ che zu übersetzen. Trotzdem dauerte es eine ganze Weile, bis ich begriff, was dieser Computer mir mitteilen wollte. Er ü bersch ü ttete mich förmlich mit In­ formationen. Als ich dann begann, gezielte Fragen zu stellen, erfuhr ich, daß der letzte Besucher vor uns vor sechsundsiebzig Jahren die Stadt betreten

„Nein, nein“, wehrte Bharos lachend ab. „Ich

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hat. Ollie war also nicht hier. Ja, und dann habe ich euch gesucht und konnte euch zun ä chst nicht finden. Wie ihr merkt, hat es eine Weile gedauert, bis ich euch auf die Spur kam.“ „Es war trotzdem nicht richtig, einfach wortlos zu verschwinden“, schimpf­ te Anca. „Wirklich, Bharos, du h ä ttest uns vorher Bescheid geben sollen. Wir haben uns große Sorgen gemacht!“ „Du hast ja v ö llig recht, Anca“, gab Bharos kleinlaut zu. „Ich will so etwas auch nicht wieder tun. Da habt ihr es: Obwohl ich euer Urururgroßvater sein

k ö nnte, benehme ich mich manchmal nicht anders als der kleine Oliver!“

„Hmmmm“, machte Harpo. „Dann k ö nnen wir uns jedenfalls weiteres Su­ chen in der Stadt ersparen. Machen wir uns auf die Socken. Zur ü ck zum Transmitter! Wir m ü ssen Ollie finden – und wir m ü ssen ihn bald finden. Wenn allerdings unsere Pechstr ä hne anh ä lt, dann Die Gruppe setzte sich in Bewegung. „Und unterwegs kannst du uns erzä hlen, was du ü ber die seltsame Stadt erfahren hast“, meinte Anca. „Sicher“, antwortete Bharos. „Mach’ ich.“ „Was sollen die T ü rme?“ fragte Alexander neugierig. „Und warum diese Musik?“ „Oh“, sagte Bharos. „Was wir von der Musik h ören, ist nur noch ein Rest der fr ü heren Klangfülle. Stellt euch vor: Diese Stadt wurde erbaut, um Musik zu machen. Windmaschinen, von Computern gesteuert, ließen den Wind gegen die T ü rme blasen und erzeugten damit T öne, die sich zu einem Musik­ st ü ck zusammenfü gten.“ „Aber warum?“ fragte Harpo ungeduldig. „Das habe ich Martin auch gefragt. Er zeigte mir „He!“ unterbrach Alexander. „Wer ist Martin? Lebt doch jemand in der Stadt?“ „Ach, entschuldigt“, antwortete Bharos. „Martin – so habe ich den Compu­ ter genannt, als ich mich mit ihm unterhielt. Wie gesagt, er zeigte mir Filme aus der Vergangenheit der Stadt. Ich sah Menschen, es m ü ssen Menschen von eurer Erde gewesen sein! Sie erbauten diese Stadt, um ein Fest zu feiern. “

Dieser Planet, den sie Worlorn nannten

„Aber es kö nnen doch unm ö glich Menschen von der Erde gewesen sein!“ protestierte Anca. „Nun laß ihn doch mal ausreden!“ schimpfte Harpo. „Nun, dieser Planet ist ein kosmischer Vagabund, der nur zuf ällig in den Anziehungsbereich der roten Sonne geriet und sich bereits wieder von ihr entfernt. Offenbar gibt es in der N ä he mehrere bewohnte Planeten. Die Be­ wohner nutzten die Gelegenheit, um ein großes Fest zu feiern. Jeder Planet baute eine Stadt, nur f ü r diesen Zweck. Dann ü berließ man alles sich selbst. “

Was wir sehen, sind die Reste dieses großen Ereignisses

„Also gibt es noch andere Stä dte?“ Das war wieder Anca, die fragte. „Ja, aber sie sehen nicht viel anders aus als diese hier. Der Planet stirbt, die Menschen haben ihn aufgegeben.“

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„So was“, sagte Harpo kopfschü ttelnd. „Eine ganze Stadt als Musikinstru­ ment zu bauen.“ Inzwischen hatten sie den Rand der Stadt erreicht und betraten die rissige Straße, die in die Berge f ü hrte. Bald schon sahen die T ü rme nur noch wie Spielzeug aus, und die Musik wurde zu einem leisen S ä useln. Dann begann der m ü hselige Aufstieg zum Transmitter. „Seltsam“, sagte Harpo, den die Geschichte dieser Stadt noch immer nicht losließ. „Du sagst, daß die Leute in diesen Filmen wie Menschen aussahen. Ich frage mich, ob es tats ä chlich Menschen waren.“ „Seltsam w ä re das schon“, sagte Bharos und runzelte die Stirn. „Schau mal“, versuchte Harpo zu verdeutlichen, „wir wissen ja bereits seit geraumer Zeit, daß wir Menschen nicht die einzigen intelligenten Wesen im All sind. Wir haben auf unserer bisherigen Reise zwar schon mehr als ein halbes Dutzend V ö lker kennengelernt, aber nie waren Wesen dabei, die uns zum Verwechseln ä hnlich sahen!“ „Was willst du damit sagen?“ fragte Alexander, der Harpos Worten mit besonderem Interesse gelauscht hatte. „Daß es keine anderen Wesen gibt, die genau wie ihr aussehen?“ Harpo zuckte mit den Schultern und machte sich

an den Aufstieg. „Ich weiß nicht. Vielleicht sind wir wirklich die einzigen, die so aussehen, und die Bewohner dieser Stadt waren tats ä chlich Menschen, nur andere eben.“ „Hmm“, machten Bharos, Anca und Lonzo gleichzeitig. „Wer weiß, ob uns der Transmitter vielleicht nicht nur durch den Raum f ü hrte, sondern auch noch durch die Zeit. Vielleicht hat Bharos Szenen aus einer fernen Zukunft der Menschheit gesehen, die f ü r uns nun bereits Vergangenheit ist. Man h ä tte den Computer fragen sollen, ob er den Namen Erde kennt.“

“ begann Anca, doch dann verstummte sie. Eigentlich hatte sie

fragen wollen, wovon ü berhaupt die Rede war. Aber gerade noch rechtzeitig war ihr eingefallen, daß sie nicht zum erstenmal seltsame Erfahrungen mit dem Ablauf der Zeit machten. Sie selbst wußte aus den Physikstunden unter Schwatzmauls Anleitung, daß ein fester Zeitablauf mit einem bestimmten Ort im Universum, zum Beispiel dem Planeten Erde, verbunden war. Relative Zeit nannte man das. Wie der große Physiker Einstein herausgefunden hatte, ver ä nderte sich der Ablauf der Zeit, wenn man sich in einem Raumschiff vom urspr ü nglichen Bezugssystem l ö ste und dabei in die Nä he der Lichtge­ schwindigkeit kam. An Bord herrschte dann eine eigene Zeit, die viel lang­ samer als die auf dem Planeten Erde verlief, obwohl die Beteiligten selbst nichts davon bemerkten. Erst nach der R ü ckkehr wurde deutlich, was passiert war – wenn auf der Erde vielleicht schon einige hundert Jahre verstri­ chen waren, w ä hrend die Raumfahrer nur wenige Jahre im Weltraum verlebt hatten. Richtig bunt wurde es jedoch erst, wenn die Lichtgeschwindigkeit – die Einstein noch als h ö chstm ö gliche Geschwindigkeit im Universum ange­ sehen hatte – überschritten oder, das war Thunderclaps Theorie, durch die Existenz von Raum­Zeit­Falten überlistet wurde. Dann n ä mlich schienen alle

„Aber

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bekannten Gesetze ü ber Raum und Zeit verr ückt zu spielen. So etwas war passiert, als sich die EUKALYPTUS aus dem Erdumlauf gel ö st hatte. Und anderen war es ähnlich ergangen. Wie w ä re es sonst zu erkl ä ren gewesen, daß die Schiffbr ü chigen der AESCLIPUS – mit denen die Besatzung der EUKA­ LYPTUS in einem ihrer letzten Abenteuer zusammengetroffen war – 128 Jah­ re vor der EUKALYPTUS gestartet waren? Daß sie sich in einem Raumsektor aufhielten, den ihre kleine Raumjacht zu Lebzeiten der Besatzung niemals

h ä tte erreichen k ö nnen, wenn sie innerhalb der Lichtgeschwindigkeit ge­

blieben w ä re? „Noch ist Gelegenheit, die vers ä umten Fragen nachzuholen“, meinte Bha­ “

ros. „Wir k ö nnten umkehren

Harpo dachte an die zerfallenen T ü rme und die traurige Musik. Er sch ü ttelte sich. „Nein“, sagte er dann seufzend, „man muß nicht jedes Rä tsel

l ö sen wollen. Laßt uns lieber alles daransetzen, unseren verschwundenen Kumpel Ollie wiederzufinden.“

Der Große Shuubuu

Obwohl der Bildw ü rfel des Transmitters eine freundliche, sonnenbe­ schienene Waldlandschaft gezeigt hatte, durchquerten sie das Tor zwischen den Welten dennoch mit geschlossenen Helmen. Kaum lagen sie auf der Plattform der Empfangsstation, als Lonzo auch schon Entwarnung si­ gnalisierte. Seine Meßinstrumente hatten blitzschnell die Atmosph ä re analysiert. Die Luft war also atembar. Anca klappte den Raumhelm als erste nach hinten. Dabei streifte ihr Blick den Himmel ü ber dem Transmitter. „He! Seht euch das Netzdach an. Wenn das die Plattform vor dem Regen schützen soll, sehe ich schwarz!“ Daß dieses engmaschige Netz nicht als Regenschutz gedacht war, erwies sich kaum eine Sekunde spä ter. Das Netz senkte sich mit ungeheurer Schnel­ ligkeit auf die vö llig verdutzte Gruppe hinab. Alle purzelten durcheinander. „Verrat!“ schrie Lonzo und versuchte, auf die Beine zu kommen. „Wetzt die

Messer, Matrosen! Alle Mann an Deck! Feindliche Piraten wollen uns ans Le­ der!“ Er schlug wild um sich und versuchte unter Einsatz aller Tentakel, das Netz zu heben. Aber sein Widerstand hatte nur den sichtbaren Erfolg, daß er sich hoffnungslos verhedderte. Wieselflinke kleine Wesen rannten hinter einer Buschkette hervor, ergriffen herabh ä ngende Leinen des Netzes und zogen es blitzschnell unter den zappelnden K ö rpern der Gefangenen hindurch. Ehe die Expeditionsteil­ nehmer auch nur einen klaren Gedanken fassen konnten, war aus dem Netz ein Beutel geworden, der mitsamt Inhalt mit einem primitiven Baum in die

H ö he gezogen und aus dem Transmitterfeld herausgeschwenkt wurde.

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Immer mehr der fremden Wesen eilten hinter den Büschen hervor. Sie halfen dabei, das Netz noch enger zu verschn ü ren und mit Stricken zu verst ä rken. „Da hinten muß ein Nest sein“, meinte Alexander st ö hnend. „Die haben uns hereingelegt“, knirschte Harpo w ü tend. „Die B ü sche sind nur Tarnung, dahinter steht ein Geb ä ude, das wie ein Bunker aussieht. Man kann deutlich Treppen erkennen.“ „Die machen bestimmt nicht zum ersten Mal auf diese Weise Beute“, knurrte der sonst nicht so leicht aus der Ruhe zu bringende Bharos. „Wenn “

sie den Kleinen auch so empfangen haben „Kannst du dich nicht wegteleportieren?“ fragte Harpo. „Das kann ich schon“, erwiderte Bharos, „aber diese Knilche behalten uns ziemlich genau im Auge. Ich f ü rchte, sie werden sich dann an euch r ächen, wenn ich jetzt abhaue, um aus dem Dunkel heraus zu operieren.“

„Chissimatucki!“ fluchte Lonzo. „Wenn der alte Captain Kidd das miterlebt

h ä tte, w ä re ich jetzt aber ganz schö n blamiert!“ Er zw ä ngte seine Tentakel in

die Netzmaschen und versuchte, diese zu zerreißen. Er mußte sich gewaltig anstrengen, weil das Material z ä her als erwartet war. Schließlich riß das Netz an zwei Stellen, was aber nicht ausreichte, um Lonzo durchzulassen. Auch Bharos und die anderen versuchten nun, das Netz anzureißen. Ohne Erfolg. Da mußte man schon Kr ä fte wie Lonzo haben. Alexander fletschte die Z ä hne und zerrte an den Maschen, was das Zeug hielt, aber auch seiner Kraft waren Grenzen gesetzt. So begn ü gte er sich damit, die wild her­ umtanzende und johlende Meute ihrer Peiniger zu beschimpfen. „Dreck­ spatzen“ war noch der freundlichste der saftigen Ausdr ü cke, die er ihnen an die K öpfe warf. Lonzo zerriß ä chzend eine weitere Masche. Das h ä tte er besser nicht tun sollen, denn nun waren die Angreifer auf ihn aufmerksam geworden. Mindes­ tens zehn von ihnen k ü mmerten sich um den Roboter, indem sie dicke Stri­ cke um seinen kugelfö rmigen Leib schlangen und ihn in Windeseile zu einem handlichen Paket verschn ü rten, aus dem nur noch der Kopf hervorsah. Sogar die Matrosenm ütze war ihm in der Hektik vom Kopf gerutscht. „Ist das ein feines Benehmen?“ kreischte Lonzo. „Ihr habt wohl überhaupt keine Bildung, was? Was soll ich mit dieser Strickweste? Mir ist doch über­ haupt nicht kalt, ihr Schneckengesichter! Chissimatucki! Captain Kidd! H ö l­ lengeister! Wo seid ihr? Kommt uns zu Hilfe! Ein Fä ßchen Rum f ü r jeden, der uns aus der Patsche haut! Selbst f ü r gelbe und gr üne Teufel!“ Aber nirgends waren Teufel zu sichten. Nur die quirligen Wesen, die Lonzo nicht zu Unrecht als Schneckengesichter bezeichnet hatte, flitzten unter ih­ nen hin und her, schnitten Lonzo aus dem Netz heraus und flickten die L ü cke mit Stricken. „Junge, Junge“, rief Bharos keuchend, „da sind wir ja sch ö n in was reinge­ schlittert!“ Alexander knurrte: „Frechheit! Ist das eine Art, frage ich euch? Ist das eine Art? Keine gute Kinderstube, sage ich euch, gar nichts!“ Er wollte vor Emp ö ­ rung den Kopf sch ütteln, was ihm aber wegen der herrschenden Enge nicht

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gelang. „O du heiliger Eisberg“, schwor er, „wenn ich hier je wieder rauskom­ me und diese Burschen entschuldigen sich nicht, werde ich ihnen den Hin­ tern versohlen!“ Harpo gab das Zappeln auf, weil es ja doch nichts half. Statt dessen be­ trachtete er die fremden Wesen, die jetzt etwas gelassener wurden, weil sie

sahen, daß die Gefangenen nicht mehr fliehen konnten. Keines der Gesch ö pfe war grö ßer als einen Meter f ü nfzig, und keines trug Kleider. Am auffä lligsten war die blaue, schuppige und faltige Haut ihrer K ö r­ per und der Stützschwanz, der auf den ersten Blick wie ein verkürztes drittes Bein wirkte. Die Gesichter der Wesen waren seltsam ausdruckslos und schwammig. Die Haut schien st ä ndig in Bewegung zu sein; nur die beiden runden Reptilienaugen und die mund ä hnliche Ö ffnung darunter wirkten starr. Aus dem oberen Kopfteil ragten zwei F ü hler, die sich dauernd verform­ ten und manchmal fast ganz im Kopf verschwanden. Die Beine dieser Krea­ turen waren st ä mmig und muskul ös, w ä hrend die Arme zierlich aussahen. Daß sie damit dennoch kr ä ftig zupacken konnten, hatten sie zur Gen ü ge be­ wiesen. Die F ü ße hatten vorne zwei Zehen und hinten einen kr ä ftigen, krallenartigen Dorn. Vermutlich waren die Fremden gute Kletterer. Auff ä llig war, daß die ganze Aktion beinahe lautlos erfolgt war. Die Be­ wohner dieser Welt bewegten sich ger ä uschlos und schienen gut aufeinander eingespielt zu sein, so daß es keiner Befehle bedurfte. Man h ä tte annehmen

k ö nnen, daß sie gar nicht fä hig waren, sich sprachlich auszudr ücken, aber das erwies sich wenig später als Trugschluß. Eine Kolonne niedriger Kastenwagen, die von jeweils vier st ä mmigen, po­

nygroßen Echsen gezogen wurden, kam in das Blickfeld der Gefangenen. Die

Zugtiere blickten ziemlich stumpfsinnig drein, hatten schuppige, gelbgr ü ne

K örper und sehr kleine K ö pfe. Den Z ä hnen nach zu urteilen handelte es sich

bei ihnen um Pflanzenfresser.

W ä hrend auf den hinteren Wagen nur Wagenlenker saßen, hob sich das

erste Gespann deutlich von den anderen ab. Die Zugtiere trugen reichver­ ziertes Geschirr, der Wagen war mit fremdartigen Symbolen verziert und zu­ dem von einem Baldachin überdacht. Drei fremde Wesen kletterten von diesem Wagen herunter. Auf den ersten Blick unterschieden sie sich nicht von den anderen, aber als sie n ä herkamen, erkannte Harpo, daß ihre St ü tz­ schw ä nze von bronzenen Ringen umschlossen waren. Die Neuank ö mmlinge wurden mit sichtlichem Respekt behandelt. Das Wesen mit dem breitesten Schwanzring ergriff die Initiative, trat an das Netz heran, das jetzt in seine H öhe gehievt wurde, und kniff Anca in die Wange. „Autsch!“ schrie das M ädchen. „Was will der Kerl von mir?“ Obwohl ihm eigentlich ganz und gar nicht lustig zumute war, mußte Harpo an das M ä r­ chen von H ä nsel und Gretel denken. Grinsend meinte er: „Er hat wohl gleich erkannt, daß an dir am meisten dran ist, Schwesterlein. Aber tr öste dich:

Wenn der wirklich vorhat, uns in einen Kochtopf zu stecken, wird er dich fü r die Feiertage aufheben.“

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„Erz ä hl doch nicht so ‘n Mist!“ zeterte Alexander aufgebracht. Im n ächsten Moment wurde er selbst pr üfend am Arm bef ü hlt. „Pfoten weg!“ rief er erbost, aber das half ihm wenig. Immerhin zeigte sich das Wesen – ob es der K üchenchef war? – von Alexanders K ö rperbau beein­ druckt, was sich in einem Ger ä usch ä ußerte, das einem anerkennenden Zungenschnalzen nicht un ä hnlich war. Es musterte Alexander vom Scheitel bis zur Sohle und zischte den Umstehenden etwas zu. Ein allgemeines Zischen und Schnalzen setzte ein, das f ü r Sekunden zu einem Orkan an­ schwoll, als unterhielte man sich hier in aller Gemü tsruhe ü ber die Beute. Harpo zerrte so lange an dem Netz herum, bis es ihm gelang, die rechte Hand an das linke Handgelenk zu bringen. Dort dr ü ckte er den Einschalt­ knopf des Translators. Nun mußte er die Wesen veranlassen, etwas lauter zu reden, damit das intelligente Maschinchen Vokabeln sammeln konnte. Da es – einmal betriebsbereit – die Aufmerksamkeit ohnehin auf sich lenken w ü rde, beschloß Harpo, sich jetzt schon ins Rampenlicht zu stellen. „Schneidet mich los, ihr feigen Gesellen!“ rief er. „Ich will mit euch boxen!“ Geschnatter war die Antwort. „Ehrlich?“ Alexander staunte. „Was ist denn mit dir los?“ fragte Anca. „Er will, daß sie etwas lauter reden“, flü sterte Trompo. „Gute Idee!“ lobte Bharos. „Aber du mußt sie ein bißchen frecher reizen.“ „Was ist nun?“ tobte Harpo weiter. „Wir k ä mpfen über zw ölf Runden. Der Sieger bekommt eine Dose Bratfisch!“ „Mit Ö ffner!“ f ü gte Lonzo hinzu, der jetzt auch erkannt hatte, was Harpo beabsichtigte. „Eine Dose Bratfisch mit Ö ffner! Wer kann da noch nein sagen? Nur ein Feigling kann das!“ Der Anfü hrer – oder K üchenchef – starrte Harpo mit seinen unbeweglichen Augen an und zischte seinen Begleitern erneut etwas zu. Und das h ö rte sich so an, als w ü rde eine vorsintflutliche Dampflokomotive in einen Bahnhof

einfahren. Als einer der Begleiter antwortete, war der Translator schon in der gl ü cklichen Lage, ü bersetzen zu kö nnen.

habt

ihr

pschffft

mein Erhabener

pschffft

gute Sklaven

pschffft

„Sklaven? Was heißt hier Sklaven?“ schnaufte Alexander. „Die haben wohl nicht alle Pfannen auf dem Dach!“ „Immer noch besser als Schaschlik!“ juxte Anca. „Keine Sorge, Seeleute“, drö hnte jetzt Lonzos Baß zu ihnen her über, „ich werde nicht zulassen, daß mir etwas B ö ses geschieht!“ Er kicherte aus seinem verschn ürten B ü ndel heraus wie ü ber einen guten Witz. Der Translator be­ eilte sich, soweit er mit den wenigen Vokabeln dazu in der Lage war, alles in die Sprache der Fremden zu ü bersetzen. Der Anfü hrer schien gute Ohren zu haben, obwohl man die nicht sehen konnte. Er erkannte sofort, daß die Worte von Harpo ausgingen, und fixierte den Jungen mit starrem Blick. Geistesgegenw ä rtig bewegte Harpo die Lippen,

viele

pschffft

44

w ä hrend der Translator zischte. Er mußte unter allen Umst ä nden vermeiden, daß Freund Schneckengesicht merkte, wer hier in Wirklichkeit sprach, und ihm das Ger ä t wegnahm. „Aha“, sagte der Anfü hrer – zumindest wurde seine Bemerkung so ü ber­

setzt –‚ „ pschffft

„Aber wir kommen von einem anderen Planeten, einer Welt, die weit begann Harpo, aber der andere zischte so zornig, daß er verstummte. „Schweig!“ übersetzte der Translator. Harpo drehte ihn so leise, daß er nicht mehr zu h ö ren war. Offenbar war der Anführer nicht in Verhandlungslaune. Vielleicht ergab sich sp ä ter eine bessere Mö glichkeit. Dann kam eines der anderen Wesen n äher. Rasch drehte Harpo die Laut­ st ä rke wieder hoch. „Wenn ich den Erhabenen auf diesen anderen Gefangenen aufmerksam machen darf“, sagte es. Der Erhabene geruhte, sich Lonzo zuzuwenden, den man unter all den Stri­ cken kaum noch erkennen konnte. Als er ihn betrachtete, wirkte er seltsam aufgeregt. Sein Stummelschwanz zuckte. Sein blaues Gesicht wurde beinahe schwarz. „L ö st einige Fesseln!“ herrschte er einen Untergebenen an, der sofort ein Messer zü ckte und sich daranmachte, Lonzo zur Hä lfte auszuwickeln, wobei

pschffft. Kann ihm nicht

Sklave versteht

pschffft

Sprache der

helfen. Trotzdem

pschffft

Sklavenmarkt.“

er jedoch sorgf ä ltig darauf achtete, daß er die Tentakel nicht mit befreite. „Er ist es!“ zischte der Anfü hrer der Schneckengesichter leise. Lonzo, der ü ber Funk die Ü bersetzung des Translators an Harpos Handge­ lenk mith ö rte, schrie: „Hach! Endlich erkennt man den Gef ä hrten von Cap­ tain Kidd! Das wurde aber auch Zeit. Hallo, Herr Erhabener! Wie geht es dir?“ Da der Roboter keinen eigenen Translator besaß, konnte der Anf ü hrer nichts von seinen Worten verstehen. Immerhin starrte er Lonzo verz ü ckt an. „Soll ich den Translator wieder etwas lauter stellen?“ fragte Harpo.

Erhabene

ja nicht weiß, daß wir in Wirklichkeit gar nichts von seinem Gezischel ver­ stehen. Wenn er tats ä chlich an Lonzo einen Narren gefressen hat, wird sich das ü ber kurz oder lang auch für uns auszahlen. Lonzo braucht nicht sehr lange, um eine fremde Sprache zu lernen.“ „Es ist der Große Shuubuu!“ heulte der Erhabene pl ötzlich auf. „Endlich, nach so langer Zeit, ist er wieder zu uns zur ückgekehrt! Und wir haben ihn gedem ütigt!“ Er verbeugte sich vor Lonzo und verfluchte seine Untertanen, die ihm das angetan hatten, bis ins siebte Glied. „Großer Shuubuu – verzeih deinen unw ürdigen Dienern. Sie haben dich nicht erkannt.“ Die anderen Wesen sanken zu Boden und verneigten sich so tief, daß sie ihre Gesichter geradezu in die Erde bohrten. „Ich werd’ verr ü ckt!“ sagte Anca. „Die halten Lonzo wohl f ü r einen ihrer G ötzen oder so was! Unser Lonzo als der Große Shuubuu – wer immer das sein mag! Ich werde auf der Stelle wahnsinnig!“

„Besser nicht“, riet Bharos, „weil dieser komische Kerl, dieser

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Unwillig drehte sich der Erhabene nach seinen Gefangenen um. „F ührt sie fort!“ donnerte er. „Sie st ö ren den Großen Shuubuu!“ Sofort sprangen mehrere Dutzend seiner Leute auf. „Weg da!“ keifte Lonzo. „Wagt es ja nicht, meinen Spießgesellen etwas anzutun! Chissimatucki! Mastbruch und tausend Klabauterm ä nner! Captain Kidd wird euch die Rumrationen k ürzen! Und zu Weihnachten gibt es weder N ü sse noch Ostereier, ihr Halunken!“ Aber der Erhabene sah ihn nur entgeistert an und fl ü sterte:

„Der Große Shuubuu spricht zu uns! Er hat uns verziehen!“ Dann fiel er in einen rituellen Singsang und tanzte um Lonzo herum, der gar nicht wußte, wie er sich verhalten sollte, da er zwar verstanden hatte, was der Erhabene gesagt hatte, dem wiederum aber in seiner Sprache nicht antworten konnte. Der Erhabene war so von seiner Entdeckung berauscht, daß er gar nicht merkte, daß der Angebetete immer noch halb gefesselt zu seinen Fü ßen lag. Und in dem allgemeinen Gekreische, das jetzt rundherum anhob, war es

sinnlos, den Translator auf volle Lautst ä rke zu stellen. Was Lonzo jetzt auch sagte oder schrie: Diesen H öllenl ä rm konnte auch sein Organ nicht mehr

ü bert ö nen.

„Mist!“ fluchten Bharos und Harpo im Chor. Daran war jetzt nichts mehr zu ä ndern. Die Untergebenen erhoben sich und k ü mmerten sich um die Beu­ te. Das Netz wurde zu Boden gelassen, und eine Armee fiel ü ber sie her. Mo­ ritz bellte w ü tend, und Alexander brü llte wie ein Grizzlyb ä r. Aber auch er konnte gegen die Ü bermacht nichts ausrichten. Weder Harpo noch einer der anderen hatte die Gelegenheit, den Translator zu bedienen. Alle Gefangenen wurden zu bewegungsunfä higen Paketen verschn ürt und auf zwei der wartenden Kastenwagen verladen. Auf einen schrillen Pfiff hin setzten sich die Zugechsen in Bewegung. „Haltet aus!“ schrie Lonzo hinter ihnen her. „Ich werde diesen verr ü ckten Erhabenen schon dazu bringen, euch wieder freizulassen!“ Die Wagen rumpelten davon. Zur ück blieben einige hundert heulende Derwische und ihr Anf ü hrer. Und der Große Shuubuu, der in einer ganz und gar unfrommen Weise alle Fl ü che herunterrasselte, die er im Laufe seines Lebens gelernt hatte.

Sklavenmarkt

„Hoffentlich ist es nicht mehr weit“, st ö hnte Alexander und wand sich auf dem nackten Holz des Kastenwagens, so gut es die Fesseln erlaubten. „Von Stoßdä mpfern haben die hier wohl auch noch nie was geh ört. Mir tun schon alle Knochen weh. Also ehrlich: Lieber als Sklave auf den Feldern schuften, als das hier!“

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„Na, warten wir mal ab, was du sagst, wenn du deinen Pelz beugen mußt, um Mohrr ü ben zu ziehen“, entgegnete Anca. „Aber recht hat er doch. Auch mir tut alles weh“, meinte Harpo.

„Wir m ü ssen bald am Ziel sein“, sagte Bharos tr ö stend. „Die ersten H ä user einer Stadt tauchen vor uns auf.“ Die beiden Wagen wurden von einer Hundertschaft zu Fuß eskortiert, was angenehmer war, als auf dem ruckelnden, ü ber jeden kleinen Stein hop­ senden Gef ä hrt zu sitzen. Und es strengte auch nicht an. Bei dem Schneck­ entempo der Echsen konnte jeder mithalten. Die Wachmannschaft trug Lanzen und schirmte die Wagen gegen die Um­ welt ab. Entweder traute man den eigenen Fesselungsk ünsten nicht ganz, oder man hatte Grund, einen Ü berfall zu bef ürchten. Von der Landschaft hatten die Gefangenen ihrer unbequemen Position wegen bisher recht wenig gesehen. Haupts ä chlich schwitzten sie in der prallen Sonne vor sich hin. Hier und da spendeten braungr ü ne Bl ätter baum­

ä hnlicher Gewä chse Schatten. Dem R ü tteln der Karren nach zu urteilen, mußten sie sich in h ügeligem Ge­ biet befinden. „Echsenkarren und Holperwege!“ nö rgelte Harpo. „Aber einen Transmitter m üssen sie haben!“ Mehrmals meldete sich Lonzo ü ber das Helmfunksystem und versuchte, sie aufzumuntern. Seine Stimme war wegen der zur ü ckgeklappten Helme schwer zu verstehen, aber es half ihnen allen schon sehr, sie ü berhaupt zu

h ö ren. Offenbar machte der Erhabene noch immer keine Anstalten, seinen

geliebten Großen Shuubuu von den Fesseln zu befreien, sondern tanzte her­ um, stieß Beschw ö rungen aus und verfiel in trance ä hnliche Anbetung. Und Lonzos kleines Elektronengehirn sammelte inzwischen alle Sprachbrocken, die es aus seiner Umgebung aufnehmen konnte. Aber das war sicherlich nicht allzu viel, wenn man mal von Gebeten absah. Dann blieben Lonzos Nachrichten aus. Die Entfernung zwischen ihnen war zu groß geworden. Jetzt wurde deutlich, daß man sich einem Stadtzentrum nä herte. Es rum­ pelte nicht mehr so stark, und zu beiden Seiten waren die Umrisse klobiger Steinbauten auszumachen. Einmal geriet ein quadratischer Prachtbau in Harpos Blickfeld, der aus der Entfernung fugenlos glatt und makellos schö n wirkte. Ziers ä ulen und Reliefs schm ückten die Fassade; dahinter waren hohe, schmale Fensterschlitze erkennbar. Offenbar ein Tempel oder ein Re­ gierungsgeb ä ude. Vielleicht war das aber auch der Besitz des Erhabenen. Was Harpo jedoch vollst ä ndig den Atem raubte, befand sich unmittelbar vor dem Eingangsportal des bahnhofsgroßen Gebä udes. Er hatte hö chstens zwei Se­ kunden Zeit, um das Gebilde anzusehen, aber es gab keinerlei Zweifel: Das steinerne Ding bestand aus einem kleinen, daraus hervorragenden Kopf, spindeld ü rren Beinen und vier Tentakelarmen. Es sah dem guten Lonzo zum Verwechseln ä hnlich! „Habt ihr das gesehen?“ hauchte Harpo. „Was denn?“ fragten die anderen. „Ich habe eben eine Statue gesehen!“

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„Und ich den Weihnachtsmann!“ sagte Anca vorlaut. „Sei nicht albern! Da stand eine riesige Statue von Lonzo!“ „Von Lonzo? Du spinnst!“ „Na gut, dann eben nicht von Lonzo. Sagen wir mal: eine Statue vom Großen Shuubuu!“ „Jetzt verstehe ich ü berhaupt nix mehr!“ schimpfte Anca. Bharos l ächelte geheimnisvoll, w ä hrend Trompo, der zu einem kleinen rosa P ä ckchen verschn ürt neben Moritz lag, piepste: „Wie? Was?“ „Wuff!“ machte Moritz. „Ohooooo!“ Das war Alexander, dem pl ö tzlich ein Licht aufgegangen war.

„Jetzt wird mir alles klar! Die beten einen G ö tzen an, der zuf älligerweise un­ serem Lonzo zum Verwechseln ä hnlich sieht. Darum also der Terror am Transmitter, als dieser Erhabene unseren alten Kumpel entdeckte!“

„Ja, aber wieso

“ begann Anca.

„Das ist nat ürlich ein kurioser Zufall“, murmelte Bharos. „Andererseits Ihr habt ja gesehen, daß diese Geschö pfe darauf vorbereitet sind, am Trans­ mitter Beute zu machen. Wer weiß, was im Laufe der Zeit alles an fremden

Gesch ö pfen hierher verschlagen wurde? Wer weiß, ob darunter nicht auch ein Roboter war, der wie Lonzo aussah? Und der sich dank seiner besonderen

F ä higkeiten oder Kr ä fte den Ruf eines Gottes erwarb? Vielleicht war es nicht

einmal ein Roboter, sondern ein verirrter Raumfahrer. Oder nur ein Tier, das sich seltsam bewegte und angebetet wurde.“ Alle schwiegen nachdenklich, um diese Neuigkeit erst einmal zu verdauen. Dann kam der Kastenwagen zum Stillstand. Die Begleitmannschaft stellte die Lanzen ab und hob die Gefangenen vom Wagen. Jetzt, da nicht mehr die Seitenwand der Ladefl äche im Weg war, sahen die Freunde mehr von ihrer Umgebung. Sie befanden sich auf einem Platz, der von den schon vertrauten schlich­ ten, einst ö ckigen H ä usern und einigen Holzschuppen umstanden war. Auf dem Platz herrschte gesch ä ftiges Treiben. Allerlei seltsame Düfte lagen in der Luft; es roch nach Gew ürzen, gebratenem und ger ä uchertem Fleisch, nach Fisch und dem Mist von Tieren. Die sonst so stummen Wesen zischten und schnarrten durcheinander. Auf rohgezimmerten St ä nden, Podesten oder auch nur einfach ausgebrei­ teten Tierh ä uten lagen Lebensmittel, Tonwaren, Felle und undefinierbare Werkzeuge, die angepriesen wurden. In K ä figen fiepte und pfiff die lebendige, allerdings tierische Ware. Aber es gab auch andere K ä fige, solche, in denen Wesen jener blauh ä utigen Rasse zum Verkauf angeboten wurden: Sklaven. Es war für die Besatzung der EUKALYPTUS selbst in ihrer eigenen ungewissen Lage deprimierend, das anzusehen. „He“, sagte Harpo pl ö tzlich, „hier gibt es noch eine andere Rasse!“ Er machte eine Kopfbewegung und deutete damit die Blickrichtung an. Tats ä chlich! Zwischen den Blauh ä utigen bewegten sich einige d ü rre Gestalten, die einen Kopf grö ßer waren als die Schneckengesichter. Sie trugen Fellumh ä nge und erinnerten mit den knochigen Stelzenbeinen, den

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schnabel ä hnlichen M ü ndern und den stechenden Augen ein wenig an Raub­

v ö gel. Ihre Haut schimmerte blaßgr ü n und wirkte ebenfalls schuppig. Sie

stolzierten unnahbar durch das Gedr ä nge. Und man machte ihnen bereitwil­ lig Platz. Die Begleitmannschaft des Erhabenen hatte ihre Gefangenen auf die roh bearbeiteten Steinplatten des Marktes gelegt, w ä hrend die Wagenlenker ihre Gespanne fortbrachten. Nun wurden Harpo und die anderen von jeweils sechs Tr ä gern zugleich angehoben und in das Gewimmel hineingetragen. Lanzentr ä ger gingen voran und bahnten sich eine Gasse, indem sie mit den stumpfen Enden ihrer Waffen nach allen Seiten drohten. Moritz bellte und versuchte, seine beiden Tr ä ger mit den Zä hnen zu erwischen, was ihm aber nicht gelingen wollte. „Macht Platz für die Sklaven des Erhabenen“, zischte der erste W ä chter, und bald fielen auch die anderen in diese st ä ndig wiederholten Worte ein. Aber auch ohne die Ausrufe wurde den Gefangenen Aufmerksamkeit zuteil.

Viele Marktbesucher reckten die Hä lse und wollten sie sich aus der N ä he an­ sehen. Eine Sensation schienen sie allerdings nicht zu sein. Man staunte, das war alles. „Die Ungeheuer mit den Stachelschw ä nzen waren besser“, sagte jemand abf ä llig und wandte sich ab. Diese Äußerung zeigte, daß man damit vertraut war, daß unbekannte Lebewesen am Transmitter gefangen und als Sklaven verkauft wurden. Aber warum? Es mußte doch eher ein Zufall sein, wenn sich Tiere oder andere Lebe­ wesen hierher verirrten! „Wahrscheinlich werden doch noch einige Transmitterstationen regelm ä ­ ßig benutzt“, vermutete Bharos. „Wenn auch m ö glicherweise nicht mehr von den Erbauern.“ „Wie ist das denn mö glich?“ fragte Harpo. „Wo man doch nie wissen kann, wo man herauskommt.“ „Einige verstehen es wohl doch, die Maschinen zu steuern. Vielleicht ge­

h ö rt dieser komische Erhabene auch dazu. Aber es kann genausogut sein,

daß bestimmte Transmitterstationen nur mit zwei oder drei anderen Welten

verbunden sind. Da w ä re ein Sprung nicht so ein Lotteriespiel wie bei uns.“ „Findet ihr es nicht ungew öhnlich“, wandte nun Anca ein, „daß niemand eine flammende Rede h ält und berichtet, daß der Große Shuubuu zur ü ckge­ kehrt ist?“ „Stimmt. Die Nachricht m ü ßte sich doch wie ein Lauffeuer verbreitet

haben!“

„Was wissen wir schon ü ber diese Wesen und das Leben hier?“ gab Harpo zur ück. „Vielleicht kriegt jeder, der es wagt, dem Erhabenen die Schau zu stehlen, ganz einfach was auf den Deckel.“ Das Gesprä ch stockte, weil die ersten Kaufinteressenten an sie herantraten. Wieder war Anca das erste Opfer. Man f ü hlte durch die Stricke hindurch nach ihren Beinen. Das schien unbefriedigend zu sein, da der Bodyskinanzug nicht

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nachgab. Jetzt passierte es zum zweiten Mal, daß man sie in die Wange zwickte. „Das ist gemein!“ schimpfte Anca.

„Ist es auch“, gab Harpo zu. „Niemand hat ein Recht dazu, intelligente Wesen zu verkaufen. Was ist das bloß fü r eine Gesellschaft, die so was zul ä ßt? Selbst ihre eigenen Leute verkaufen sie, als w ä ren sie eine Ware.“ „Auf der Erde war das aber fr ü her auch so“, erinnerte ihn Bharos, der sich

ü ber die irdische Geschichte informiert hatte. „Und ihr wißt, wie man eure

Eltern behandelt hat, bevor ihr auf die EUKALYPTUS kamt – zwar nicht direkt als Sklaven, aber als Versuchskaninchen f ü r irgendwelche verdammten Pillen, an denen sie zugrunde gingen oder wodurch ihre Kinder Mißbil­ “

dungen bekamen, als

„Ich weiß“, verteidigte sich Harpo. „Ich habe ja auch nicht behauptet, daß unsere eigenen Leute besser sind. Aber eins weiß ich: Hier wie auf der Erde ist unbedingt was nicht in Ordnung. Man muß etwas dagegen tun.“ „Wäre ich doch nur auf Nordpol geblieben!“ meinte Alexander seufzend und zerrte an seinen Fesseln. „Das ist ja nicht mehr zum Aushalten, der Pessimismus, der sich hier breitmacht! Habt ihr etwa schon aufgegeben, he?“ Harpo knuffte den breitschultrigen Rotpelz in die Seite. „Aufgeben? Wir?“ Die Umstehenden k ü mmerten sich kaum darum, daß sie sich unterhielten. Gerne h ä tten sie ihre Translatoren lauter gestellt und sich ü ber die un­ w ü rdige Behandlung beschwert, aber sie waren alle zu gut gefesselt, um sich wehren zu k ö nnen. Nun mußte Harpo trotz allem kichern. Der potentielle Kunde zog mit der Bemerkung ab, das fremde Ungeheuer – also Anca – sei zu mager und f ür harte Arbeit nicht zu gebrauchen. „Stell dir vor, Pummelchen“, prustete er los. „Er h ält dich f ü r zu mager! Ausgerechnet dich! Und außerdem bist du in seinen Augen ein Ungeheuer!“ „Harpo Trumpfffff“, zischte Anca, w ä hrend die anderen beinahe an einem Lachanfall erstickten, „du hast es nur dieser vertrackten Fesselung zu ver­ danken, daß ich dir jetzt nicht in den Hintern treten kann!“ Sie gab aber, humorig wie sie war, bald klein bei und amüsierte sich mit. „Immerhin“, keuchte sie zwischen zwei ziemlich langen Kicheranfä llen, „hat der Blaue ja die Wahrheit gesagt: Ich bin wirklich zu mager!“ „O weh!“ st öhnte Alexander ahnungsvoll und blickte auf. „Ich fü rchte, diese d ü rren Burschen mit den Raubvogelaugen interessieren sich f ü r uns. Bei denen werden wir bestimmt nichts zu lachen haben.“ Tats ä chlich verhandelten drei jener Wesen in den Fellumh ä ngen, die ihnen schon vorher aufgefallen waren, mit dem Anführer der Wache. Offenbar wurde nur noch um den Preis gefeilscht. Die Vogelwesen sprachen sehr leise und mit kehligem Akzent; zu leise, um die Membrane des Translators zu erreichen. Der Anführer der Wache schien jedoch erfreut zu sein und versuchte lediglich, einen kleinen Aufpreis her­ auszuschlagen.

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„Die Ungeheuer haben geheimnisvolle Talismane und seltsame H ä ute“, zischte er. „Das sollte euch mindestens eine halbe Schrubbel mehr wert sein!“ „Was soll das denn sein?“ fragte Anca verbl ü fft. „Eine halbe Schrubbel?“ „Das ist wohl eine Zahlungseinheit“, antwortete Harpo.

„Jetzt wird es aber wirklich brenzlig“, japste Trompo. „Hoffentlich ist Lonzo schon unterwegs, um uns zu befreien!“ Dann geschah etwas Merkwü rdiges. Die Umstehenden bildeten eine Gasse und wichen mit ängstlichen Gesich­ tern zur ü ck.

F ü nf d üstere Gestalten näherten sich. Ihre Statur glich der von Menschen.

Sie trugen Kutten aus schwarzem Stoff, die bis zum Boden reichten. Die Gesichter dieser Wesen waren hinter Kapuzen verborgen. Leuchtende Augen funkelten drohend. Eines der Vogelwesen sah die geheimnisvollen Kuttentr ä ger, brach abrupt die Verkaufsverhandlungen ab und suchte mit seinen Gef ä hrten eilig das Weite. Die Lanzentr ä ger des Erhabenen umfaßten zitternd ihre Waffen und drä ngten sich enger zusammen. Sie hatten ganz offensichtlich ein ungutes Gef ühl, trauten sich aber nicht, die Ware einfach stehenzulassen und davonzurennen. Das erste Kapuzenwesen schob einen tiefschwarzen, narbenbedeckten Arm mit zwei Gelenken unter dem Umhang hervor, ließ beinahe achtlos einen Lederbeutel fallen und zeigte auf die Freunde von der EUKALYPTUS. Seine Hand besaß f ü nf kurze, dicke Finger. Dann stieß es einen herrischen Knurrlaut aus. Der Anführer der Wachmannschaft ö ffnete mit zitternden Fingern den Le­ derbeutel und z ä hlte die darin befindlichen elfenbein ä hnlichen Kugeln. Schließlich nickte er und trat mit seinen Leuten erleichtert zur ück. Die Vermummten kamen heran, nahmen die Gefangenen und trugen sie zu einem der schon vertrauten Lastkarren in der N ä he. Die Sklaven hatten neue Herren gefunden. „Au, verdammt!“ murmelte Harpo.

Jetzt ist alles aus!

W ä hrend der nun folgenden Fahrt wechselten ihre unheimlichen Begleiter

nicht ein einziges Wort. Sogar ihre Zugechsen trieben sie wortlos mit einer Peitsche an. „Wenn ich mich nicht t ä usche“, fl ü sterte Harpo, „dann fahren wir den Weg zur ück, den wir gekommen sind.“ Aber das war mehr ein Gefühl als eine Tat­ sache, denn sie lagen jetzt wieder genauso wie auf der Hinfahrt auf einer Ladefl ä che, waren bewegungsunfä hig und konnten nur winzige Ausschnitte der Umgebung erkennen.

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„Wenn’s doch stimmen wü rde“, seufzte Anca. „Dann h ä tten wir wenigstens die Chance, Lonzo zu begegnen.“ Sie hatten, als man sie auf den Karren geladen hatte, Gelegenheit gehabt, einem der Kapuzenmä nner etwas genauer ins Gesicht zu sehen, und waren dabei ganz geh ö rig erschrocken. Denn die Kreatur, deren Augen wie gl ü ­ hende Kohlen funkelten, tat gut daran, ihr Gesicht zu verh ü llen. Es war von schwarzen Narben bedeckt. „Wir sind sch ö ne Artisten“, jammerte Trompo. „Statt unseren Ollie zu retten, geraten wir in die Sklaverei und kö nnen jetzt selbst Hilfe brauchen!“ „Wuff!“ machte Moritz. „Solange in Alexander die Wut kocht“, knurrte der gefesselte Rotpelz, „ist noch keine Schlacht verloren.“ Er kicherte plö tzlich in sich hinein. „Sobald diese Halunken uns n ä mlich auspacken – und das m ü ssen sie, wenn sie uns

zum Arbeiten bringen wollen –‚ hat ihr letztes St ündlein geschlagen!“ Wie als Beweis daf ü r bewegte er seine m ä chtigen Muskeln, die den enganliegenden Raumanzug zu sprengen drohten. „Wenn Ollie ebenfalls auf dieser Welt gelandet ist“, piepste Trompo, „kö nnen wir lange suchen. Wer weiß, an wen man ihn verkauft hat! Er k ö nnte bereits auf der anderen Seite des Planeten sein.“ „Jetzt haben wir schon den dritten Planeten aufgesucht“, sagte Harpo. „Zweimal waren wir auf der falschen F ä hrte und dar über halb erleichtert und halb sauer. Hier aber m ü ssen wir tats ä chlich von Gl ü ck reden, wenn Ollie nicht in einen Schlamassel reingeraten ist. Ich frage mich, ob Thunderclap und die anderen uns von der EUKALYPTUS aus ü berhaupt anpeilen k ö nnen. Wenn ich daran denke, daß wir auf Worlorn am anderen Ende der Galaxis

Ich glaube, die Idee, daß die EUKALYPTUS uns anpeilt, war doch

waren

nicht so gut. Wir haben eben geglaubt, die Transmitterstationen würden viel n ä her beieinanderliegen.“

„Vielleicht liegen sie ja gar nicht so weit voneinander entfernt, wie du jetzt vermutest“, versuchte Bharos ihn zu tr östen. „Immerhin war Worlorn ja eine Art kosmischer Wanderer. Theoretisch w ä re es denkbar, daß er dem Raum­ sektor der Erbauer damals viel n äher war als heute.“

„Trotzdem

“ Harpo schwieg.

Die Wagenkolonne hielt an, und die Kuttentr ä ger eilten zu dem letzten Ge­ spann. Sie hantierten eine Weile herum und kamen dann zur ü ck. Zwei der Fremden trugen Armbr üste, die sie drohend vorgestreckt hielten, obwohl die Pfeile nicht direkt auf die Gefesselten gerichtet waren. Das sollte wohl eine Machtdemonstration sein. Die anderen drei Vermummten begannen nun, eine mitgebrachte Kutte in Streifen zu reißen. Dann packten sie Alexander und stopften ihm einen Knebel in den Mund. Alexander war so verdutzt, daß er nicht einmal einen Schrei ausstieß, als er es noch gekonnt h ä tte. „Diese ge­ meinen Kerle wollen uns zum Schweigen bringen“, emp örte sich Bharos. „Die ganze Zeit habe ich versucht, ihre Gedanken zu lesen, und kam einfach nicht durch. Aber jetzt spü re ich sie. Sie sind hä ßlich und gemein. Diese

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Wesen leben seit vielen tausend Jahren. Es sind Verfemte ihrer eigenen Rasse, Banditen, die nichts anderes als Unheil angerichtet –“ Bharos war der nächste, dem sie mit einem Tuch den Mund stopften. Dann war Anca dran, die einen schrillen Schrei ausstieß, was dazu f ü hrte, daß einer der Bewaffneten seine Armbrust auf sie richtete. “Sei keine Heldin“, fl üsterte Harpo. „Wir wollen hier lebendig wieder her­ auskommen. Bharos – kannst du nicht verschwinden und Hilfe holen?“ Bharos richtete sich halb auf und nickte mit blitzenden Augen. Dann schloß er sie, um sich zu konzentrieren. Anca h ö rte auf zu schreien und ließ widerstandslos zu, daß auch sie ge­ knebelt wurde. Kaum hatten die Vermummten ihre Arbeit erledigt, als sie sich umdrehten und erstarrten. Sie entdeckten, daß zwei ihrer Sklaven fehl­ ten. Bharos war fort! Und Alexander, der neben ihm gelegen hatte, ebenfalls. Der k ö rperliche Kontakt zwischen beiden war eng genug gewesen, um es Bharos zu erm ö glichen, den jungen Rotpelz mitzunehmen. Einen Moment

lang hoffte Harpo, Bharos w ü rde zur ü ckkehren, um ihn und die anderen zu holen. Aber dann sah er ein, daß dies f ü r alle Beteiligten sehr gef ä hrlich ge­ wesen w ä re. Und gefesselt konnte Bharos sowieso nichts unternehmen. Einer der Armbrustsch ü tzen machte eine ungeduldige Handbewegung, und die anderen Wesen erwachten aus ihrer Erstarrung. Offenbar hatten sie jetzt weder Zeit noch Lust, sich um das R ä tsel der Verschwundenen zu k ü m­ mern. Sie fuhren um so schneller mit ihrem Werk fort und hatten im Nu auch Harpo geknebelt. Da sie mit Moritz und Trompo nichts anzufangen wußten, banden sie ihnen kurzerhand die M äuler zu. Trompo ließ alles mit sich ge­ schehen, w ä hrend Moritz w ü tend nach seinen Peinigern schnappte, einen

Ä rmel erwischte und knurrend daran zerrte. Ein Vermummter versetzte ihm

einen rohen Klaps hinter die Ohren, und daraufhin gab Moritz Ruhe; sehr zur Beruhigung der Kinder, die bibbernd zusahen und schon um sein Leben

f ü rchteten. Erneut setzte sich der Karren in Bewegung. Er verließ einige Mi­ nuten spä ter den Holperweg und rumpelte in ein Waldst ück hinein. Die Sa­ che wurde immer r ä tselhafter. Nach weiteren zehn oder fü nfzehn Minuten Fahrt hielt die Kolonne an. Hastig und roh wurden die Gefangenen herausge­ hoben und unsanft auf den Waldboden geworfen. Zwei der Vermummten

k ü mmerten sich um die Gespanne und f ü hrten sie tief in das Unterholz hin­

ein. Die anderen schlichen geb ückt in die entgegengesetzte Richtung davon. Sie waren bald nicht mehr zu sehen, aber Harpo wurde das dumme Gef ü hl nicht los, daß sie dennoch in der N ä he waren. Verzweifelt zerrten sie an ihren Fesseln. Ein Pech, daß Bharos nun nicht mehr da war. Jetzt hä tte er eine Chance gehabt, sich nacheinander an seine Freunde heranzumachen, sie zu ber ü hren und per Teleportation wegzu­ bringen. Wahrscheinlich aber lag er jetzt irgendwo auf diesem Planeten im Gras und versuchte, seine Fesseln abzusch ü tteln. Vielleicht gelang es Alex­ ander, die Stricke mit den Z ä hnen durchzunagen. Wenn der Akkai auch teleportieren konnte – ein Entfesselungsk ünstler war er deshalb noch lange nicht.

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Sicher w ü rde Bharos sein Bestes tun, um Lonzo zu finden. Oder ihren Spuren folgen und einen Befreiungsversuch unternehmen. Alexander w ü rde bestimmt das letztere vorschlagen, denn wo es was zu raufen gab, konnte er nicht fehlen. Aber der Akkai und Alexander tauchten nicht auf. Statt dessen kehrten die beiden Vermummten zur ü ck, die sich um die Gespanne gek ü mmert hatten. Auff ä llig war, daß sie auch jetzt stumm blieben. Sie verst ä ndigten sich entwe­ der durch Zeichen oder waren Telepathen wie Bharos. Sie schnü rten mehrere B ü ndel auseinander, die sie vorhin von dem anderen Wagen abgeladen hatten. Metall klirrte, und Harpo erkannte aus den Augenwinkeln, daß es sich um R