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Krzysztof Konwerski (Pfarrmoderator, Pfarre zur Heiligen Familie, Puchsbaumplatz 9)

12.4.2012, 8.57, Büro des Pfarrers

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[lachen] TW: Worüber würden Sie gerne sprechen? KK: Es ist früher Morgen. Ich hab´ keine Idee! [lachen] TW: Ist es zu früh für ein Thema? KK: Genau --------------------- Über unsere Pfarre, oder --- keine Ahnung. TW: Ja? Wenn Sie wollen. KK: Überhaupt ---- Schlagen Sie etwas vor. TW: Was macht Ihre Pfarre aus? Was macht sie beson- ders? KK: Haaaah ------ Wie jede Pfarre --- die Seelsorge. Was die Menschen in der Kirche suchen, davon gehen wir aus --- helfen, gemeinsam beten -- die ganze Liturgie. TW: Mhm, mhm. KK: Alles, was zur Pfarre gehört. TW: Mhm. Ist es eine besondere Pfarre für Sie? Was macht sie speziell? KK: [1:00] Für mich ist es eine besondere Pfarre, weil es meine erste als Pfarrer ist. Ich bin seit September hier. Vorher war ich zwei Jahre im 5. Bezirk, in der Pfarre „St. Josef zu Margareten“, und im September bin ich hierher in die Pfarre „Zur Heiligen Familie“ gekommen. Als Pfarrmoderator. Das ist wie Pfarrer. TW: Warum heißt es Pfarrmoderator? Ich kenne den Begriff nicht. KK: Das ist wegen der ganzen Dekanatsumstrukturie- rung und so weiter. Seit, ich weiß nicht genau, einem

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oder zwei Jahren nominiert der Kardinal nur Pfarr- moderatoren. Das ist wegen dem kirchlichen Recht:

Pfarrer kann man theoretisch nicht so leicht in andere Pfarren versetzen, aber bei Pfarrmoderatoren ist das jeden Moment möglich. TW: Aha, um flexibler zu bleiben. KK: Genau, genau. TW: Das sind ja richtig kapitalistische [lachen]

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KK: [2:00] Warum kapitalistisch? ---------- [lachen] TW: Aber ihre erste Pfarre – wie ist das mit einer ersten Pfarre? KK: Haaah ---- wie ist das mit der ersten Pfarre? Alles ist neu. Ich muss viel lernen, aufpassen, dass ich keinen Fehler mache. Das ist selbstverständlich un- möglich – keinen Fehler zu machen. Aber ich versuche es, die Pfarre gut zu leiten und mit den Menschen zu reden. Was kann man sagen? TW: Wie hat es Sie denn überhaupt nach Wien ver- schlagen? Sie haben doch in Polen studiert, oder? KK: Ja, ich wurde im Jahr 2000 zum Priester geweiht. In Polen, Oberschlesien, Erzdiözese Katowice. Und

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nach zehn [3:00] Jahren hatte ich die Idee, nach Ös- terreich zu gehen. Weil es bei uns in Polen, in Ober- schlesien wirklich viele Priester gibt. Und das ist kein Spaß, kein Witz, aber ich müsste dort bis zum Ende meines Lebens als Kaplan arbeiten. Kann also nicht ein bissl selbständig sein als Pfarrer, als Pfarrmodera- tor. Das ist in meiner Erzdiözese Kattowitz unmöglich. TW: Ah, wirklich? KK: Es gibt zu viele Priester. TW: Der Woytila-Effekt. KK: Genau. Das ist der Woytila-Effekt. Wirklich.

Langsam, langsam geht das zurück, aber das ist der Woytila-Effekt. TW: Sein Geburtsort ist ja auch in der Nähe, glaube ich. KK: Der liegt 50, 60 Kilometer von Krakau. [KK lacht] TW: War das für Sie auch ein Beweggrund, eine Moti- vation? Oder – KK: [4:00] Heeeee -- Warum ich hierher gekommen bin? TW: Nein, um Priester zu werden vielleicht -- KK: Das war seit meiner Kindheit die Idee. TW: Mhm. KK: Aber es war schwer zu beurteilen, ob es wirklich eine echte Berufung zum Priester war oder nicht. Aber nach langen, langen Zeiten, in denen ich selbst in meinem Inneren nachgeschaut habe, habe ich die Antwort gefunden: Ja, ich will Priester werden. TW: Mhm. KK: Und das war so. TW: Mhm. KK: Ah --- Und warum nach Österreich? Weil meine Großmutter preussische Würzeln – oder wie man das nennt – hatte. Oberschlesien war früher zum Teil österreichisch, zum Teil preussisch – und ich TW: Wurzeln meinen Sie! KK: Genau. TW: Aha, aha. KK: Und ich hatte immer [5:00] Kontakte mit Deutschland, habe die deutsche Sprache in der Mittel- schule gelernt. Und ich wollte in ein deutschsprachiges Land gehen. Meine erste Idee war es, in die Schweiz zu gehen [KK lacht]. Aber dann suchte ich den Kon- takt mit einem Priester hier in Wien, Österreich, und

in die Schweiz zu gehen [KK lacht] . Aber dann suchte ich den Kon- takt mit

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dann ging das schnell. So, das war es. TW: Und Ihre erste Pfarre ist auch relativ groß

KK: Ist eine relativ große Pfarre --- Das macht mir ein bissl Angst: wie ich diese Pfarre leiten und führen könnte. Aber bis jetzt geht’s gut. TW: Mhm. Wie groß, kann man das sagen, wie groß ist die Gemeinde? KK: Wir haben circa 6500 Gläubige in unserer Pfarre

---

TW: Und wer kommt so zu Ihnen?

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KK: [6:00] Na, manche Leute sind aus der älteren Generation. Leider gibt es wenige Kinder, weniger Ju- gendliche. Das ist das allgemeine Problem der Kirche in Österreich, Wien. TW: Mhm. KK: Wir versuchen, auch mit den Jugendlichen zu arbeiten und sie für die Kirche zu interessieren. Aber das ist nicht leicht. Das ist unsere große Aufgabe, die vor uns steht --------- TW: Mhm -------- Bei mir war das in der Schule die Religionslehrerin. Ich war dann lange Ministrant – bei den Minoriten, in der Mariahilferkirche in Graz. Da ging es über die Schule --- das war eine andere Zeit

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--- ist bei mir auch schon mehr als dreißig Jahre [7:00] her. KK: Bei mir war das genau so. Der erste Kontakt mit Geistlichen, Ordensschwestern, mit Priestern, das war die erste Sache, die meine Beziehung zur Kirche geprägt hat. Aber meine Meinung ist – ich weiß nicht, wie es genau ist –, aber meine Meinung ist, dass die Jugendlichen heute keine --- Beispiele ----- Vorbilder mehr suchen. Und das ist das Problem. Es ist ein bissl eine andere Mentalität. TW: Weil sie selber glauben, dass sie schon alles

KK: Genau, genau. TW: Mhm --------- mhm ---------------------- Noch einmal [8:00] zur ersten Frage: Wie sind Sie auch so auf- genommen worden? Wie, wie haben Sie sich in die Gegend eingelebt? Wohnen Sie auch hier? KK: Nein, das erste Mal. Nein [KK lacht] TW: Wie, das erste Mal? [TW lacht] KK: Mmm --- muss ich den Bezirk vergleichen, würde ich sagen, dass er von außen ein bissl schmutziger ist als der 5. [lachen]. Das war die erste Erfahrung. Aber dann habe ich den Böhmischen Prater gefunden und andere Gegenden wie Oberlaa und so weiter. Das gefällt mir besser. Und die Menschen sind ganz nett,

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da kann ich nicht

Nur im ersten Augenblick und mit

dem Blick von Außen – da war es schmutzig. TW: Sie haben die Gegend natürlich gar nicht gekannt, als Sie gekommen sind. Mhm. Dafür ist die Kirche wirklich wahnsinnig schön, diese [9:00]

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Holzmeister-Kirche. KK: Modern, aber interessant. TW: Ich finde sehr schön, wie sie in den Wohnblock eingebaut ist, ins Wohnen richtig übergeht. KK: Das war auch eine große Überraschung. Als ich das erste Mal hierher gekommen bin, sehe ich ein Blockhaus wie in der ganzen Umgebung auch. Nur der Turm kennzeichnet die Kirche. So ist es. TW: Mhm. Mhm. Und wie ist die Konkurrenz im Vier- tel? Es gibt sehr viele Religionsgemeinschaften. KK: Hmmm --- aber meinen Sie die anderen christli- chen Gemeinden? TW: Alle Weltreligionen sind auf kleinstem Raum vertreten. Oder? Es gibt ganz viele muslimische Gebetshäuser, es gibt [10:00] nichtchristliche Kirchen, evangelikale in der Quellenstraße

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KK: Mit der evangelischen Kirche haben wir sehr gute ökumenische Kontakte. Das ist wirklich sehr schön, sehr gut. Davon bin ich positiv überrascht. TW: Ja? KK: Die ökumenische Woche und so weiter. Alles ist wirklich gut, funktioniert. Und viele, viele Kontakte, nicht nur in der ökumenischen Woche, sondern das ganze Jahr über. TW: Im Bezirk. KK: Im Bezirk. Es gibt Evangelische mit Augsburger Bekenntnis und Reformierte – vielleicht die einzige Pfarre in ganz Wien. TW: Die einzige? Wo ist die?

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KK: Wie der Platz heißt? Joijoijoijoi [11:00]. Wo der Bus 14 a zur Gudrunstraße fährt, ist vorne ein Platz TW: Das ist der Keplerplatz? Nein. Egal. KK: Das ist auch in einem Blockhaus, und ganz unten im Erdgeschoß ist die Kapelle. TW: Mhm. KK: Und mit anderen Religionen haben wir keine besonderen Kontakte als Pfarre. Mit den Muslimen zum Beispiel. TW: Gleich vorne an der Straße ist die Süleymaniye Moschee. KK: Ja, da ist etwas. Und hier an der Ecke Leimä- ckergasse, Kudlichgasse ist ein Hochzeitssaal für die Muslime.

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TW: [12:00] Aber da kommt man sich nicht besuchen zwischendurch? [TW lacht] KK: Nein, nein. Wir sind offen, ich bin persönlich of- fen für jeden Menschen, wenn er etwas sucht ----- Das war auch eine eigene Sache. Ich weiß nicht, ob ich das sagen soll. Wir hatten Probleme mit den Kindern, den muslimischen.

TW: Im Park? KK: Vom Park. Im Oktober. Sie kommen in die

Kirche, schreien und laufen weg. Ein paar Mal hab ich gesagt: „Passt auf“ und so weiter. Und einmal habe ich ein Kind geschnappt und die Polizei angerufen. Aber

das sind

Jetzt ist es wieder ruhig. Keine Probleme.

TW: Mhm. Mhm. [lachen] TW: Und was sind so, in der Seelsorge auch, die gro- ßen Themen, die Sie interessieren? KK: [13:00] Die großen Themen --- das ist die ganze Umstrukturierung im 10. Bezirk. Wegen der sinken- den Zahlen der Katholiken müssen wir Kooperatio- nen mit anderen Pfarren überlegen und so weiter. Das steht vor uns. Und wie das wird, wissen wir nicht. TW: Das passiert heuer noch? Dieses Jahr? KK: Ja, das dauert. Der ganze Dialogprozess im Deka- nat dauert bis Ende August und dann geht es weiter im Ordinariat. TW: Und was kann da passieren? Dass auch eine Pfar- re zugesperrt oder einfach zusammengeschlossen wird mit einer anderen? KK: Ich denke, zusammengeschlossen. Weil jeder ist, die Menschen haben eine intensive [14:00] Beziehung zur eigenen Pfarre, zur eigenen Kirche. Und ich den- ke, die Kirche in Österreich will es nicht so machen wie zum Beispiel in Deutschland oder anderen Län- dern, wo Kirchen zugesperrt werden. Wir probieren, die Kosten zu reduzieren und so weiter, zu überlegen, was mit Kooperationen mit anderen Pfarren möglich ist und so weiter --- TW: Mhm. Ich habe nur gesehen, gegenüber von unserem – im Sinne auch von finanzielle Aspekte – gegenüber der Gebietsbetreuung gibt es noch einen

gegenüber von unserem – im Sinne auch von finanzielle Aspekte – gegenüber der Gebietsbetreuung gibt es

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großen Ziegelbau, das ist eine Freikirche. Kennen Sie die? „cig“ heißt sie. KK: Nein, ist das in Wien? TW: Ja, gleich in der Quellenstraße. Groß, riesengro- ßer Veranstaltungsraum, ich glaube es ist eine Pfingst- gemeinde. Die scheinen eher zu expandieren.

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KK: In der [15:00] Quellenstraße gibt es an katholi- schen Kirchen nur die „Königin des Friedens“-Kirche. TW: Genau. Und die „Dreimal Wunderbare Muttergottes“-Kirche. KK: Muttergottes. Aber die ist nicht in der Quellen- straße, sondern bissl TW: … gleich ums Eck. Aber auf dieser Höhe unge- fähr ist, gleich daneben ist unsere Redaktion, und genau gegenüber ist ein riesengroßer Veranstaltungs- raum dieser Freikirche. KK: Ich weiß nicht, ob das nicht der Saal der Zeugen Jehovas ist. TW: Nein, die heißen „cig“. Warum funktioniert das so gut? Kann man nicht sagen ------- Sehen Sie das als Konkurrenz? KK: Nein, ich denke nicht. Das ist keine Konkurrenz. Hmmm. Jeder Menschen ist frei und – wir müssen uns

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auch um [16:00] unsere Gläubigen kümmern, unsere Kirche. Man kann nicht von Konkurrenz sprechen. TW: Es ist ein Nebeneinander einfach? KK: Genau. TW: Und was meinen Sie, was kann man tun, um Jugendliche zu interessieren? KK: Hmmm. Das ist die große Frage, eine gute Frage. Schwer zu beantworten. Aber man kann es mit verschiedenen Treffen mit der Jugend probieren oder Spielen. Was kann man noch tun? --------- Ich denke, Jugendliche überhaupt suchen keine Religion. Sie

haben Fragen. Und das ist auch das Wichtigste: auf die Fragen der Jugend aufzupassen. Aber zum Glauben, zur Religion haben sie eine große Distanz. TW: Mhm. [17:00] Mhm. KK: Das ist ein Problem -------- TW: Bei Ihnen hat, das habe ich auf der Website der Kirche gelesen, die Jugendbewegung Taizé eine große Rolle gespielt. KK: Genau! Am Anfang, ich war in meiner Kindheit auch Ministrant. Und in Polen gab es eine Bewegung – „Licht und Leben“ TW: Da wollte ich Sie eh frage. Da schreiben Sie im Internet, dass ein Verwandter von Ihnen diese Bewe- gung gegründet hat KK: Genau, genau, genau, genau. Und das hat wirk- lich meine Beziehung zur Kirche ausgemacht. Dort in dieser Gruppe konnte ich Antworten auf meine Fragen finden, [18:00] das war sehr wichtig in meinem Leben. TW: Das war auch noch im Kommunismus sozusagen. KK: Es war das Ende des Kommunismus. TW: Mhm. KK: Das war so. Aber ich kann nicht sagen, ich hatte das Gefühl, dass wir in einem kommunistischen Lager waren. Die Kontakte mit dem Westen waren immer aufrecht. Meine Großmutter lebte in Deutschland, in Nordrhein-Westfalen. Wir haben die Großmutter immer besucht [KK lacht]. Ich weiß, wie die Außen- welt aussieht. TW: Und diese Bewegung – was hat die ausgemacht? Was hat Sie daran begeistert? KK: Die hatten ein besonderes Programm: Leben mit der Bibel [19:00], Bibelkreise und so weiter. Und für diese Bewegung waren auch gemeinsame Exerzitien

Leben mit der Bibel [19:00] , Bibelkreise und so weiter. Und für diese Bewegung waren auch
Leben mit der Bibel [19:00] , Bibelkreise und so weiter. Und für diese Bewegung waren auch

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wichtig, einmal pro Jahr, gemeinsam mit anderen Ju- gendlichen ---- Wir sind mit dem Leiter dieser Gruppe immer irgendwohin gefahren TW: … in die Karpaten KK: Genau. Besonders in die Berge.

TW: Zakopane

KK: Wir haben die Schlesischen Beskiden. Weichsel,

Ustron, Bielitz, die Gegend. Das sind die Schlesischen Beskiden. Aber Zakopane ist auch in der Nähe. TW: Ich war nur einmal länger in der Gegend – über

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drei Wochen in Krakau auf einem [20:00] Sommer- kurs von der Uni. Da gab es auch eine Fahrt in die Karpaten. Und eine nach Auschwitz. Seither war ich nur noch einmal in Polen, in Warschau. KK: Warschau ---------- TW: Sind Sie oft zu Hause – also in Polen?

KK: Wenn ich es brauche

Einmal, zweimal im Mo-

nat. Ich fühle mich nicht wie im Ausland [KK lacht]. Nur die Sprache! Weil mit diesen offenen Grenzen in der EU, kann man jeden Moment fahren, wenn man

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es braucht. [21:00] Und die Telefone, Internet TW: Muss man gar nicht KK: … genau ---------------- [lachen] TW: Ich wollte eigentlich gar nicht dauernd fragen. Aber es liegt wohl in mir. Aber es ist vielleicht gar nicht so einfach – Sie wissen ja nichts von mir. Sie kön- nen gar nichts fragen. Oder? Haben Sie eine Frage an mich? [TW lacht] Oder wollen Sie lieber über etwas anderes sprechen? KK: Nein, nein. Ich hab´ keine Idee! ----- TW: Ich versuche ja gerade, die Quellenstraße zu ver- stehen. Haben Sie verstanden, wie sie funktioniert, die einzelnen Gemeinschaften?

KK: Nein, nein. Ich habe es noch nicht bemerkt. TW: Es ist kompliziert. KK: Ich sehe nur, dass [22:00] es viele Schulen in der Nähe gibt. Viel Jugend. TW: Mir ist als erstes aufgefallen, dass es so viele Frisöre gibt. Direkt in der Quellenstraße sind es 25, wenn man die in den Seitenstraßen mitrechnet, sind es fast 50. KK: Aha! TW: Das finde ich nett, weil das auch Treffpunkte sind. KK: Aber kommen Sie aus Graz? TW: Ja, aus Graz. Mhm. Für mich war das auch neu. KK: Gibt es einen großen Unterschied zwischen dem Leben in Graz und in Wien? [KK lacht] TW: Graz ist entschieden kleiner. So etwas wie Favo- riten gibt es nicht, Favoriten ist als Bezirk fast so groß wie Graz [23:00]. Da kann Graz nicht mithalten, Graz ist viel beschaulicher bis zu einem gewissen Grad. Schon eine schöne Stadt, aber keine Großstadt. KK: Was ist interessant in Graz? TW: Ich hab´ mich immer sehr für das kulturelle Leben in Graz interessiert. Da war Graz bekannt dafür, dass es in den Sechzigerjahren so ein liberales Klima gegeben hat. Da war viel möglich im Rahmen des Festivals steirischer herbst, da war sehr viel an Experiment möglich und an neuen Formen – sowohl in der Bildenden Kunst, in der Musik. Und ich hab´ im kulturellen Bereich immer sehr den Versuch gemocht, Neues zu schaffen [24:00]. Das mag ich sehr gern dran. Und manchmal kommt mir die Stadt auch zu kleinmü- tig vor. Auch politisch ist mir das manchmal einfach zu eng. Sonst ist in Graz super, man ist – ähnlich wie hier im Böhmischen Prater – sofort draußen: aus der Stadt in den Bergen oder in der Südsteiermark am Land.

wie hier im Böhmischen Prater – sofort draußen: aus der Stadt in den Bergen oder in
wie hier im Böhmischen Prater – sofort draußen: aus der Stadt in den Bergen oder in

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Das mag ich auch: dass man schnell flüchten kann. [lachen]

KK: Das ist schon an der Grenze zu Slowenien? TW: Ja. Nach Maribor fährt man vielleicht 40 Minuten.

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Und trotzdem kommt man relativ [25:00] selten hin. Das ist ähnlich wie in Wien mit Bratislava. KK: Mhm. TW: Ist auch ganz nah, und fährt man trotzdem nicht KK: Pressburg. [lachen]

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TW: Und Sie waren vorher im 2. Bezirk? KK: Im 5. TW: Ok, das ist schon ein Unterschied. Und wohnen Sie im 10. jetzt oder auch in einem anderen Bezirk? KK: Nein, hier wohne ich! TW: Ah, eh hier! Ah, das habe ich vorher falsch ver- standen -------- KK: Im 5. – die Kirche war alt, eine Patronatskirche vom Staat, aus josefinischen Zeiten, für die Armen.

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[26:00] Dort gibt es auch die Franz-Schubert-Ge- dächtnisorgel und Schubert-Konzerte. Anders als hier war das Leben. Aber auch schön. TW: Gibt es Orte im Viertel, die Sie gerne mögen – eben wie den Böhmischen Prater zum Beispiel? KK: Ahhhh --- im Bezirk? TW: Ja. KK: Im Bezirk. Oberlaa, Wienerberg. TW: Ein Naturkind. KK: Ich mag spazieren, auf Wanderwegen. Das macht mir Spaß, Freude. Ich bin auch oft auf der Donauinsel zum Spazieren. Aber das ist leider nicht unser Bezirk [KK lacht] TW: Wie weit kann man es sich eigentlich aussuchen?

Hat man Möglichkeiten, ja oder nein zu sagen, wenn man einen Vorschlag bekommt? [27:00] Als Priester? KK: Ja?! TW: Kann man sagen, dahin will ich nicht? KK: Mit Wandern? Oder TW: Nein, wenn man eine Pfarre in einem anderen Bezirk angeboten bekommt, hat man da eine Wahl- möglichkeit? Kann man sagen KK: Hmmmmmmm TW: Hätten Sie sagen können, nein, ich will jetzt nicht in die Pfarre „Zur Heiligen Familie“? KK: Das ist das Wienerische Jein [lachen]. Äh. Ich kann den Bischof immer bitten um einen Tausch. Wenn eine Pfarre zum Beispiel gerade zu überneh- men ist, kann man um diese Pfarre bitten. TW: Mhm. KK: Aber die Entscheidung liegt beim [28:00] Erzbi- schof. Aber es ist in Österreich, in Wien so, dass der Erzbischof nichts dagegen hat. Da muss wirklich ein Grund vorliegen, dass er nein sagt ------------- Am Anfang wollte ich aufs Land gehen. Aber je länger ich in Wien bin desto besser gefällt mir die Stadt. Ich habe mir gesagt, es ist besser für´s Deutschlernen, dass ich noch in Wien bleibe am An- fang. Wie lange, schauen wir einmal. Ist so ---- TW: Wenn Sie es vergleichen wollten mit Polen, die [29:00] Religiosität hier – ist das sehr anders? KK: Ganz anders. Die Polen sind traditioneller, besuchen viel mehr die Kirche. Die ganze Finanzie- rung der Kirche ist eine andere. Das ist nicht leicht zu vergleichen. Nein --- Die Kirche hier müssen wir lie- ben, wie sie ist. Es geht nicht anders. Man kann nicht immer alles vergleichen, das sind zwei verschiedene Geschichten – die Kirche, das Land und so weiter. Ist

Man kann nicht immer alles vergleichen, das sind zwei verschiedene Geschichten – die Kirche, das Land
Man kann nicht immer alles vergleichen, das sind zwei verschiedene Geschichten – die Kirche, das Land

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anders! Nicht ganz, weil der Glaube der gleiche ist, und die Strukturen der Kirche sind die gleichen.

TW: [30:00] Setzt man sich als Priester auch konkrete Ziele, wo man denkt: In einem Jahr will ich erreichen, dass so und so etwas passiert. Haben Sie konkrete Ziele für Ihre Arbeit hier? KK: Hier in Wien? TW: Ja. In der Pfarre. KK: Ich probiere noch, das Ganze zusammen

TW: … zu holen. KK: Das ist meine erste Pfarre, wo ich als Pfarrer bin, da lerne ich noch. TW: Klar. KK: So. Ich kann nicht sagen, ich weiß schon, wie es

geht: Ich bin der Pfarrer und zeige allen

TW: Das waren jetzt auch die ersten Ostern, die Sie alleine gestaltet haben. KK: Genau. TW: Das stelle ich mir sehr anstrengend vor, das war für Sie wohl eine intensive Zeit. KK: Genau. Und ich war auch das erste Mal als Pries-

ter [31:00] verantwortlich, nicht nur als Pfarrer. Zuvor war ich immer mit anderen Kaplänen und Pfarrern und wir haben uns die Arbeit geteilt: Jeden Tag hält

ein anderer die Predigt, hat ein anderer die Leitung der Liturgie. Und jetzt muss ich das alles selber schaf- fen. Das war ein bissl streng für mich. Aber! [KK lacht] TW: Liegt Ihnen das eigentlich – Predigen? Mögen Sie das? Machen Sie es gerne und gut?

KK: Haaa

Angst, aber Gott sei Dank habe ich Personen, die

---

Nein.

Das macht mir auch immer Stress und

TW: Bereiten Sie das ganz genau vor? KK: Ja, ja. Ich bereite vor, schreibe, wie ich kann, dann ist die Korrektur, und ich lerne. So sieht das aus. TW: Was sind die Themen, die Sie gerne predigen? KK: Verschiedene. Das ist TW: Das hängt ab von der Jahreszeit KK: Genau, von der Jahreszeit, von den verschie- denen Situationen, die wir in der Welt und im Land hören und sehen, in der Stadt. Von konkreten Stellen im Evangelium oder den Lesungen. Das ist so. TW: Ist die soziale Situation auch so ein Thema? KK: Kann sein. TW: Armut zum Beispiel. KK: Genau, genau, genau. Das sind wichtige Sachen. TW: Im Bezirk, wenn ich es richtig verstehe, ist die Arbeitslosigkeit sehr hoch, glaube [33:00] ich. KK: Und ich denke, der Bezirk hat diese --- mhhhh ---- besondere -- wie soll ich sagen, war immer ein Ar- beiterbezirk. Es gibt hier diese Geschichte von Arbeit und Armut. TW: Spürt man das noch? KK: Ich denke ja. Auch dass unter den Ausländern viele arbeitslos sind. TW: Mhm ----------- Ja. [lachen] KK: Was kann ich noch Interessantes sagen? TW: Ich will nicht zu viele Fragen stellen, [34:00] ich muss mich eher zurückhalten. Gibt’s Fragen, die Sie sich stellen, über die Straße, die Quellenstraße stellen? Oder zum Bezirk, die Sie gerne beantwortet hätten? Gibt’s da Fragen? KK: Momentan nein [lachen] ------------ TW: Mhm --------------------- KK: Ich weiß nicht ------

Gibt’s da Fragen? KK: Momentan nein [lachen] ------------ TW: Mhm --------------------- KK: Ich weiß nicht ------

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TW: Mhm. Das ist eine persönliche Geschichte, aber es gibt so Fragen, die eine beschäftigen. Fragen, die einen begleiten. Sind das bei Ihnen oft sehr glaubens- bezogene? Oder auch ganz konkrete, die Gemeinde

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betreffende? ---- Die Fragen, [35:00] die Sie intensiv beschäftigen, bei denen Sie gerne weiterkommen wür- den – drehen sich diese Fragen vor allem um Glau-

bensdinge, um Religiosität, oder sind das auch sehr oft weltliche Dinge? KK: Das ist gemischt. Komplett gemischt. Das geht um Finanzen, um Glauben, um alles. TW: Weil Sie auch alles machen müssen als Pfarrer. KK: Genau. TW: Da sind Sie auch für das Budget verantwortlich. KK: Ja. TW: Müssen auch Buchhaltung machen. KK: Genau. Gott sei Dank habe ich große Hilfe durch meine Sekretärin, wirklich große Hilfe. TW: Mhm. KK: Wenn ich das selber machen müsste, wäre das

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schwer [36:00]. Wir haben als neue Pfarrer von der Diözese auch Begleitkreise. TW: Ok. KK: Das ist auch eine große Hilfe. In einem Moment alle wissen und lernen, das ist nicht leicht. Gott sein Dank kommen die Menschen einem zur Hilfe. TW: Zum Schluss eine Frage: Ist Zweifel etwas, das Sie begleitet in Ihrem Leben?

KK: Zwei

Ich verstehe nicht.

TW: Zweifel. Ähm. Zweifeln. To Doubt? Zweifeln ----- ----- Ich denke, das beantwortet die Frage eh schon. KK: Bab.la [KK nimmt sein Handy zur Hilfe] [lachen] TW: Sehr gut. KK: ------------------------------ Mit wem zweifeln?

TW: Ganz allgemein: [37:00] Ist es ein Thema, das Sie

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begleitet in Bezug auf Ihre Religiosität, Ihr Können? KK: Nein ---- TW: Nein. KK: Nein. TW: Sie sind mit großem Selbstbewusstsein ausgestat- tet. KK: Mmmmh. Der Glaube und das, was jeder von uns von der Kirche bekommt, ist auch eine große Hilfe für die neuen Aufgaben, die uns erwarten. Und TW: Mhm. Zweifeln wäre für mich auch nicht das Gegenteil von Glauben, aber vielleicht das Messen von Glauben. Weil man oft nicht sicher ist vielleicht. [38:00] Dieses Unsichersein. Das wäre oft mein Bild

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vom Priesteramt: Wenn man nicht sehr gefestigt ist, sehr sehr tief – man kann gar nicht glauben ohne zu zweifeln, hätte ich jetzt gedacht. KK: Ich habe nicht gut verstanden TW: Aber Sie zweifeln nicht? KK: Jeder Mensch hat diese Momente des Zweifelns, das hat auch jeder Priester in seinem Leben ----- Wir müssen immer versuchen, von diesen Zweifeln aus weiterzugehen TW: Spazierengehen dann [39:00] [lachen] KK: Wenn das jemandem hilft, warum nicht? TW: Na gut, vielen Dank. KK: Ich danke Ihnen.

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Adil Elmas (Editör, Avusturya Günlüg˘ü bzw. Kanal 7 int; TRT-Korrespondent) Ladis Demirkol (Projekte, Öffentlichkeitsarbeit, Elmas Media Productions) 12.4.2012, 10.56, Elmas Media Productions, Quel- lenstraße 60

TW: Worüber wollen Sie sprechen? [LD übersetzt ins Türkische]

AE: Integration. TW: Bitte? AE: Integration. LD: Integration. TW: Integration, ja. Aaaaaaaahm. Warum beschäftigt Sie das? -- Oder was beschäftigt Sie an Integration? [LD übersetzt ins Türkische] [AE antwortet Türkisch]

040.13 LD: [40:13] Er meint jetzt, er sagt es auf Türkisch, und ich soll es auf Deutsch übersetzen. TW: Aha! -- Wollen Sie wirklich? Ich glaube, es geht sicher gut genug. AE: Besser wäre es. TW: Ich glaube, es ist besser, wenn wir das Gespräch direkt führen, und Sie können den Text nachher noch

einmal

LD: Ja? [AE spricht Türkisch] [LD spricht Türkisch] TW: Da kann nichts schief gehen. [LD spricht Türkisch] TW: Es kommt nicht auf jedes Wort jetzt an. Man kann die Sätze dann vervollständigen oder richtigstel- len. Das mache ich, da redigiere ich einmal drüber, schicke es Ihnen zur Ansicht, Sie können es nochmal

dann

Ich schick´ Ihnen den

kontrollieren. Damit da auch nichts schief geht. Weil sonst ist es fast besser direkt. [LD übersetzt ins Türkische] TW: Wenn das ok ist. Ja? Ja? AE: Mhm. TW: Sind die Medienprojekte, die Sie machen, sind das auch zum Teil Integrationsprojekte? Oder haben [41:13] [LD übersetzt ins Türkische] [AE spricht Türkisch] AE: In Österreich leben ungefähr 250.000 Leute ---

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TW:

die

Türkisch sprechen sozusagen

AE: Ja. Aber seit fünfzig Jahren hat die türkische Be-

 

völkerung kein einziges TV-Programm in türkischer Sprache. Wir machen seit -- ähhh -- acht Jahren ein eigenes TV-Programm. Wir haben schon TW: Seit acht Jahren schon? AE: Acht Jahre. Und bis jetzt haben wir schon unge- fähr 299 TV-Programme gemacht. TW: Wirklich? Einzelne Sendungen? AE: Ja. TW: [42:13] Aha. Dann gibt´s bald die dreihundertste!

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[lachen] AE: Die kommt, die dreihundertste! Und unser Pro- gramm hat schon sehr viele Themen behandelt - zum Beispiel die Wahlen oder andere Dinge, die unsere türkische Bevölkerung interessieren. TW: Sie suchen nach Themen, die die Bevölkerung interessieren, und manchmal sind das politische AE: Politische, kulturelle, soziale Themen – zu allen Themen, die unsere türkische Bevölkerung interessie- ren, haben wir schon Nachrichten gebracht. TW: Und das ist dieses Programm „Merhaba“, oder? Avusturya.tv LD: Nein [43:13]. Wir sind Avusturya Günlüg˘ü.

043.13

AE: Avusturya Günlüg˘ü. LD: Ein Österreich-Tagesjournal. AE: Tagesjournal.

TW: Aber es gibt

seite, dieses avusturya.tv? Nein? AE: Nein, avusturya.tv ist nicht unsere Seite, das macht ein Kollege. TW: Aha, ok, also hat gar nichts zu tun AE: Wir waren die Ersten, die ein TV-Programm

gemacht haben. Nachher, zwei, drei Jahre später hat ein Kollege TW: Aha. Also deswegen heißt Ihres Avusturya gun güng LD: Günlüg˘ü. AE: Günlüg˘ü. TW: Aha. Ok. Super. AE: Und wir haben auch eine monatliche Zeitung TW: Sabah?

AE:

Nein, Sabah ist eine Tageszeitung, für Sabah machen wir die Österreichvertretung. Und ich bin auch TRT- Korrespondent in Wien. TW: Wirklich! Ah, super, das ist interessant! [TW

Ist das nicht die gleiche Internet-

Avusturya Günlüg˘ü. Mit dem gleichen Namen.

044.13 lacht] [44:13] AE: Dieses Büro haben wir 2008 eröffnet, damals hat Herr Bürgermeister Michael Häupl die Eröffnung vorgenommen. TW: Er war zur Eröffnung da. AE: Und unser türkischer Botschafter auch. TW: Mhm, mhm. Und warum haben Sie damals angefangen? Was war der Auslöser, dass Sie damals angefangen haben 2008? [LD übersetzt ins Türkische]

fernsehsender und vier Radiosender. Aber hier gibt es keine Privatsender. TW: Nur Okto. AE: Ja, Okto. Aber auch das gibt es erst seit sechs Jahren oder so. TW: Ja. Mhm. AE: Früher gab es nichts. Für unsere erste Generation ist das sehr wichtig, zu wissen, was in Österreich den ganzen Tag passiert. Im ORF und auf anderen Kanä- len wird nur auf Deutsch berichtet und nur sehr kurz. TW: Aha, die Nachrichten sind zu kurz. AE: Ja. Die Nachrichten sind in zehn Minuten vorbei, [46:13] da erfährt unsere Bevölkerung nicht, was los ist oder was das wichtigste Thema ist. Deswegen haben wir angefangen und seither sehr viele Berichte gemacht. TW: Jede Woche gibt es ein Programm, oder? AE: Ja, jede Woche eines. TW: Und wo kann ich es empfangen? LD: Kanal 7 auf dem türkischen Sat. TW: Aha. LD: Kanal 7, Sonntag um 11:00 fängt es immer an. TW: Sonntag um 11:00. Und dauert eine Stunde? AE: Eine Stunde. TW: Und was waren letzte Woche zum Beispiel die Themen? AE: Wir berichten schon seit vielen Jahren darüber, was es in der Woche im Parlament Neues gegeben hat. Zum Beispiel. TW: [47:13] Mhm. AE: Und wir bringen auch Gesundheitsthemen. TW: Gesundheitstipps, Service. Mhm. Ok. LD: Genau. AE: Zum Beispiel wo es türkische Ärzte gibt

auch Gesundheitsthemen. TW: Gesundheitstipps, Service. Mhm. Ok. LD: Genau. AE: Zum Beispiel wo es türkische Ärzte

046.13

047.13

LD:

che sprechen kann. TW: Und das Programm ist rein türkischsprachig, oder? LD: Rein türkischsprachig. AE: Oder wenn Deutsch gesprochen wird, wird es ins Türkische übersetzt. Wir haben auch einen Rechts- anwalt, der zum Beispiel über Visumsprobleme oder dergleichen informiert.

mit denen man in der türkischen Mutterspra-

048.13

TW: [48:13] Aha. Ein bisschen wie ein Ombudsmann. LD: Ja, zum Thema Visum zum Beispiel. Oder für Studenten, um ihnen zu erklären, welche Rechte sie haben.

TW: Und

Ich kenne mich mit Satellitenfernsehen

nicht

Der Kanal 7 ist ---?

LD: Das geht auch über das Internet, wenn Sie das raussuchen, Kanal 7. TW: Was ist da sonst am Kanal 7? AE: Kanal 7 ist ein Privatsender in der Türkei. TW: Und der hat einen Österreichslot, oder? AE: Nein, er erreicht die ganze Welt ------ TW: Aha. AE: Die ganze Welt. Und am Sonntag machen wir eine Stunde Programm aus Österreich. TW: Die sieht man aber nur in Österreich, oder, die Stunde?

049.13

LD: [49:13] Auf der ganzen Welt, doch. TW: Ok. Ach so, verstehe. Wahnsinn. Und das ist ein privater Sender. LD: Ein Privatsender. Kanal 7. AE: In der Türkei ist es der größte Privatsender und sendet europaweit TW: Aha. Ok. Und gibt es auch Programm aus Deutschland?

LD: Also die Sendung, die wir am Sonntag machen, kann man in Deutschland auch sehen. TW: Und gibt es in Deutschland auch eine Redaktion? LD: [50:13] Es gibt schon auch eine Redaktion, die Programm macht. TW: Und gibt es ungefähr so --- was ist so Reichweite? Kann man das sagen? Wie viele Leute, wie viele Seher erreicht Kanal 7? Wie viele Leute schauen sich das regelmäßig an? [AE antwortet Türkisch] LD: Unterschiedlich, meint er. AE: Das ist unterschiedlich. Aber unser TV-Pro- gramm ist für die türkischsprachige Bevölkerung in Österreich das meistgesehene. TW: Das wichtigste. AE: Ja, das wichtigste. TW: Interessant, ich habe es nicht [51:13] gekannt. [lachen] AE: Und am Sonntag senden wir, weil das die Zeit ist, zu der die ganze Familie zu Hause ist. Wir wissen, dass die Leute gerne fernsehen, wenn sie frühstücken. LD: Da schaut man gerne fern. Das ist genau der Zeitpunkt, wo wirklich alle unsere Landsleute fern- sehen. Wir hören immer wieder, dass das der richtige Zeitpunkt ist. Es ist nicht früh, es ist nicht spät, es ist gerade am Sonntag angenehm zu frühstücken vor dem Fernseher. TW: Mhm. Es gibt ja jeden Menge Mediennutzungs- studien, und die Stadt Wien hat, glaube ich, eine Medi- ennutzungs[52:13]studie vor kurzem einmal herausge- bracht. Da steht eben drinnen, dass vor allem Leute, die aus der Türkei ursprünglich -- keine Ahnung, türkischsprechend sind – erste Informationsquelle ist Fernsehen, vor Zeitung ist Fernsehen das absolut

-- keine Ahnung, türkischsprechend sind – erste Informationsquelle ist Fernsehen, vor Zeitung ist Fernsehen das absolut
-- keine Ahnung, türkischsprechend sind – erste Informationsquelle ist Fernsehen, vor Zeitung ist Fernsehen das absolut

050.13

051.13

052.13

wichtigste, also Sie sind eigentlich ein zentrales Medi- um für die Community wahrscheinlich. Das stelle ich

mir gar nicht leicht vor, weil, was man unter türkischer Community versteht, sind ja auch ganz viele verschie-

dene Gruppen, Interessen, Kulturen

da überhaupt ein Programm für all diese unterschied- lichen Interessen? LD: Wie unterschiedlich meinen Sie? TW: Allein, wenn man sich die Verein im Bezirk anschaut: Da gibt es kurdische Vereine, kemalistische und politische und konservative und liberale. LD: Unsere Sendung schauen sich alle an. Da gibt es keine Unterschiede - egal ob kurdisch, Atatürk oder

Wie macht man

053.13

[53:13] islamisch. TW: Wie machen Sie das? AE: Wir berichten einfach. Wir haben nur kein Interesse an den Radikalen. Aber berichten über den Atatürk Kulturverein genauso wie über einen aleviti- schen Verein. Nur an Propaganda, an radikalen oder terroristischen Gruppen haben wir kein Interesse, zum Beispiel an der PKK. TW: Sind Sie redaktionell komplett unabhängig? LD: Ja. AE: Mhm.

054.13

TW: [54:13] Können Sie komplett frei entscheiden. Machen Sie auch lokale Berichte – über Favoriten, über Wien? Oder eher Bundespolitik? [LD übersetzt ins Türkische] AE: Das ist gemischt. Wenn es im 10. Bezirk eine Veranstaltung gibt oder so etwas, berichten wir auch darüber. Oder aus dem Rathaus. Oder dem Parlament. LD: Überall, wo es etwas zu berichten gibt, sind wir dort. TW: Wie groß ist Ihre Redaktion? Wieviele Leute

[55:13] arbeiten an dieser Sendung? AE: Wir sind drei Personen. Ich habe aber auch in der Türkei ein Team, dort habe ich auch eine Firma. TW: Aha, ok.

055.13

AE: Dort findet der Schnitt und die Endproduktion statt. Dort ist auch die Endredaktion. Und der Haupt- sitz unseres Senders ist in Istanbul, dorthin leiten wir das Material dann weiter. TW: Sind das dieselben Berichte, die Sie auch für TRT machen oder eigene? AE: Wenn es ein interessantes Thema gibt, also wenn zum Beispiel unser Außenminister Davutoğlu im Land ist [56:13] wie vor zwei Wochen, machen wir

056.13

auch für TRT einen Beitrag. TW: Das ist dann exklusiv für TRT. AE: Exklusiv. TW: Haben Sie immer schon Fernsehen gemacht? Als Journalist? [LD übersetzt ins Türkische] AE: Ich habe mit zwölf Jahren zu arbeiten begon- nen. Da habe ich bei einem Radiosender in Ordu am Schwarzen Meer gearbeitet, mit zwölf Jahren als -- [57:13] -- Radiosprecher und DJ. TW: Wirklich? AE: Unser Radiosender hatte auch eine Wochenzei- tung, dadurch habe ich sehr viel gelernt.

057.13

TW: Ok. Ich habe auch nie Journalismus

Ich unter-

richte zwar, habe es aber nie studiert. Bei der Kleinen Zeitung in der Steiermark habe ich in der Außenpoli- tik angefangen, zuletzt war ich sechs Jahre beim Falter in der Steiermark [58:13]. Und Sie wollten immer schon Journalist werden? AE: Ja, genau. Mein türkischer Lehrer hat schon gesagt, dass das der richtige Beruf für mich ist. Und

058.13

dann habe ich mit zwölf begonnen zu arbeiten. TW: Mit zwölf Jahren im Radio. Da haben Sie vor allem Musik aufgelegt?

053.13059.13

AE: Ich habe auch schon --------- [59:13] [AE spricht Türkisch] LD: Er hat Nachrichten gemacht und Musik gespielt. TW: Und welche Musik haben Sie gespielt? AE: Türkische Popmusik, Volksmusik. LD: Das hing von den Hörerwünschen ab. Da wurde angerufen und dann der Wunsch gespielt.

1.00.13

AE: Wenn sich unsere [1:00:13] Zuhörerinnen und Zuhörer am Telefon Popmusik gewünscht haben TW: Aber es ist ungewöhnlich - in dem jungen Alter schon im Radio. Wie ist das gegangen? [LD übersetzt ins Türkische] [AE spricht Türkisch] LD: Er meint, es gab damals nicht sehr viele Privatra- dios, aber der Zufall wollte es, dass genau dort, wo er

1.01.13

damals wohnte, eines eröffnete [1:01:13]. Und dann hat er dort angefangen. TW: Lustig! Und sind Sie, Ihrem eigenen Gefühl nach, ein sehr kritischer Journalist? [LD übersetzt ins Türkische] AE: Ja -------- TW: Es ist ja oft nicht leicht kritisch zu sein, man kann in alle Richtungen kritisch sein. Wie zeigt sich Kritik bei Ihnen? Was ist Ihr Berufsverständnis? Was ist für Sie wichtig, welche Geschichten? Was ist Ihnen per- sönlich im journalistischen Arbeiten wichtig?

1.02.13

[LD übersetzt ins [1:02:13] Türkische] [AE spricht Türkisch]

1.03.13

LD: Ihm [1:03:13] ist sehr wichtig, dass er das, was in der Welt an --- Wichtigem -- passiert, für seine Mit- menschen veröffentlicht. TW: Mhm.

LD: Zum Beispiel hat er eine Geschichte erzählt AE: Como, Italien. LD: Er war mit dem Auto in Italien und hat dort eine Froschwanderung gesehen. Und das hat ihn gerade

interessiert, er hat angehalten und das Ganze aufge- nommen. [lachen] AE: Auf TRT habe ich jeden Donnerstag auch ein Reiseprogramm, im zweiten Programm ist das. TW: Da machen Sie zusätzlich Reisefeatures? AE: Ja. Jede Woche eine Stadt. TW: [1:04:13] Das ist dann ein eigenes Team. [AE spricht Türkisch] AE: Ja. „Europa, Kunst und Kultur“ heißt die Sen- dung.

1.04.13

TW: Für dieses Reise eine Stunde? AE: 45 Minuten.

Mhm, mhm. Und das ist auch

TW: Ok. Jetzt stelle ich die ganzen Fragen, dabei

 

wollte ich eigentlich Integration gesagt

Aber Sie haben am Anfang Interessiert mich auch. Und ich

habe in den letzten paar Monaten versucht, die Straße, die Quellenstraße zu verstehen [1:05:13]. Ich verstehe sie eigentlich nicht wirklich, glaube ich, wie sie funk- tioniert. Verstehen Sie die Straße? Auch unter einem Integrationsgesichtspunkt LD: --- Wie --- TW: Wie sie funktioniert. Es gibt zum Beispiel ganz viele Religionsgemeinschaften in der Gegend - christ-

1.05.13

lich, freikirchlich, muslimisch

nander? LD: Die Kommunikation meinen Sie? TW: Ja, gibt es da Kommunikation in der Straße, oder läuft alles so nebeneinander?

Ist das alles nebenei-

[LD übersetzt ins Türkische]

1.06.13

[AE [1:06:13] spricht Türkisch]

LD: Er meint, durch diese ganze ---------- diese Kombi-

1.07.13

nation ---- Wenn wir nur die türkischen [1:07:13] Bür- ger nehmen, sie tun sich leicht, mit anderen Leuten zu kommunizieren. Und durch die Krise versuchen jetzt auch sehr viele, selbst ein Geschäft zu eröffnen, selbständig zu werden. Dadurch haben sie auch mehr Kommunikation mit den anderen Leuten. TW: Über die Geschäftslokale LD: So haben unsere Leute mit der Kommunikation keine Probleme. TW: Ich habe gar nicht speziell die türkischen --- son- dern allgemein LD: Allgemein, ja. TW: Genau. LD: Ich habe nur gemeint, dass unsere Leute keine Schwierigkeiten haben, mit den anderen zu kommu- nizieren. TW: Und diese Geschäftslokale sind vor allem ent- standen, seit die Arbeitslosigkeit LD: Seit diese Krise

1.08.13

[AE spricht [1:08:13] Türkisch] LD: Jetzt haben auch unsere Landsleute verstanden, dass sie nicht mehr zurückkehren können. Es ist ihre zweite Heimat, praktisch. TW: Ja. LD: Und sie wollen hier Geschäfte führen, weil sie eben nicht mehr zurückdenken. TW: Bei den alten Herren ist vielleicht noch ein biss- chen das Gefühl LD: In der ersten Generation? Die denken auch nicht

mehr

was mach´ ich dort, wenn alle meine Kinder hier sind?

Die sagen auch: Wenn ich jetzt zurückgehen -

Die denken jetzt auch so. TW: Mhm, mhm. [AE spricht Türkisch] LD: Es ist ja etwas Gutes für Österreich, wenn die „Ausländer“ hier ein Geschäft führen. TW: Ja, [1:09:13] finde ich auch. [AE spricht Türkisch] LD: Es gibt mehr Arbeitsplätze, wenn jeder ein Ge- schäft aufmacht und drei Personen einstellt. TW: Es gibt eigentlich kein leerstehendes Geschäftslo- kal in der Quellenstraße. Mhm, mhm ---------- In Ihrer Arbeit, spielt da eigentlich Religiosität eine Rolle? [LD übersetzt ins Türkische] AE: Nein. TW: [1:10:13] Ich habe nur gerade das Mohammed- Zitat auf der Urkunde da drüben gelesen. [lachen] AE: Das ist ein Verein, über den ich eine Sendung gemacht habe. Dann habe ich diese Urkunde be- kommen. Wir sind unabhängig. Uns ist die Religion egal. Mit radikalen Gruppen wollen wir nichts zu tun haben. TW: Sie sind unabhängig [1:11:13] sowohl was Religi- onsgemeinschaften als auch was Parteien angeht. AE: Ja. TW: Das ist wirklich schwierig. Auch wenn man sich die österreichischen Zeitungen ansieht. Würden Sie sagen, die sind unabhängig? Nicht unbedingt. Wer ist unabhängig? Schwierig, aber ein hoher Anspruch. AE: Mhm. [LD übersetzt ins Türkische] [AE spricht Türkisch] LD: Wenn wir abhängig wären, würde das Ganze nicht laufen.

Mhm. [LD übersetzt ins Türkische] [AE spricht Türkisch] LD: Wenn wir abhängig wären, würde das Ganze
Mhm. [LD übersetzt ins Türkische] [AE spricht Türkisch] LD: Wenn wir abhängig wären, würde das Ganze

1.09.13

1.10.13

1.11.13

TW: Obwohl, es gibt doch auch viele „abhängige“ Zeitungen. Solche, die von Gewerkschaften heraus-

gegeben werden, von traditionelleren, eher religiösen

1.12.13

Vereinen

Ist das nicht die [1:12:13] Mehrheit?

LD: Welche meinen Sie? Es gibt sehr viele. TW: Yeni Haraket, Yani Vatan LD: Die sind nicht abhängig.

TW: „Abhängig“ nicht in dem Sinn, dass sie einer Partei gehören. Sondern vielleicht, dass sie politisch

stark in eine Richtung schreiben

Aber der Versuch

ist, unabhängig zu sein. LD: Unabhängig.

1.13.13

TW: Und [1:13:13] dieses avusturya.tv ist aber auch ein Wiener Projekt, ja? LD: Avusturya - Merhaba. TW: Genau. Hat sich das abgespalten, oder ist das einfach ein ganz eigenes Projekt? AE: Ich weiß es nicht. TW: Der Name ist zufällig ähnlich. Ist das eine Kon- kurrenz? AE: Ich habe keine Konkurrenten. Ich war der erste, der dieses TV-Programm gemacht hat, die anderen waren zwei, drei Jahren nach mir. TW: Aber avusturya.tv ist nicht unabhängig, oder? Eher national, MHP

1.14.13

AE: „Avusturya“ [1:14:13] heißt Österreich - das wissen Sie? TW: Ja, aber ich meine, dieses avusturya.tv ist nicht unabhängig, sondern steht wohl der Partei MHP nahe. AE: Ich weiß es nicht. TW: Ja? Ok. Meine Wahrnehmung [LD spricht Türkische] [AE spricht Türkisch] LD: Er hat keinen Kontakt mit denen. Dazu kann er

jetzt nichts sagen. TW: Ist es kompliziert, über die anderen Gruppen zu reden? LD: In seiner Situation? TW: Ja. AE: Die Zeitung Aktüel zum Beispiel. Kennen Sie die? Ich habe mit ihnen eine Kooperation gemacht. Auch mit [1:15:13] Yeni Vatan, Yeni Nesil. TW: Warum gibt es so viele Zeitungen? AE: ---- Einige Zeitungen haben einen Verein im Hintergrund. TW: Ist das wirklich noch ein Geschäft – Zeitungen? Rein kommerziell, zahlt sich das aus? AE: Sie leben von der Werbung, die Zeitungen sind alle gratis. LD: Für uns ist es ein Nebenprodukt der TV-Sendung. Unsere Zeitung, die einmal im Monat erscheint – jetzt verzögert es sich gerade –, läuft nebenbei. TW: TV ist wichtiger. Und für die anderen: Ist es ein gutes [1:16:13] Geschäft? AE: Ich weiß es nicht. TW: Ich stelle es mir schwierig vor in einem Gratis- markt, wo so viele Zeitungen sind. LD: Ja. TW: Gut, Förderungen AE: Früher waren es zwanzig monatlich erscheinende Zeitungen. Jetzt sind es, ich glaube, nur mehr sieben oder acht. TW: Und Wochenzeitungen? AE: Zaman Avusturya. TW: Gibt es ein türkischsprachiges Radioprogramm? AE: Nein, momentan nicht. TW: Kann man machen! [lachen]

Avusturya. TW: Gibt es ein türkischsprachiges Radioprogramm? AE: Nein, momentan nicht. TW: Kann man machen! [lachen]

1.15.13

1.16.13

AE: Ich würde wollen, aber es ist sehr kompliziert, und ich glaube, man bekommt keine Frequenz. TW: Es ist kompliziert. Gut, Satelliten TV ist anders. Machen Sie viel online? AE: Wir sind auf Facebook TW: Mhm, mhm, hmmmmm. Wenn Sie Journalisten suchen, woher kommen die? Bilden Sie auch aus? AE: Die meisten Nachrichten mache ich selber. Für

1.17.13

die anderen habe ich angelernte [1:17:13] freie Mitar- beiter. TW: Haben Sie ein Lieblingsthema, wenn Sie jour- nalistisch arbeiten? Ist es Innenpolitik, Sport oder Reise? Was liegt Ihnen persönlich am besten? [LD übersetzt ins Türkische] [AE spricht Türkisch] AE: Innenpolitik ist interessant, Reise auch, Sport. TW: Ich habe viel gemacht. Sport nie, Sport muss einem liegen. Fußball, oder alles? AE: Fußball.

1.18.13

TW: [1:18:13] Mhm. Ok. Als allerletztes vielleicht noch: Haben Sie einen Lieblingsort in der Quellen- straße oder in der Gegend? [LD übersetzt ins Türkische] AE: Den Reumannplatz. TW: Den Reumannplatz? Warum? LD: Es ist viel los hier. AE: Es ist viel los, sehr lebendig. TW: Ok. Super. Danke!

1.19.01

[1:19:01]

Christine Scholten (Ärztin, Internistisch-Kardiologi- sche Gruppenpraxis, Dr. Ursula Klaar u. Dr. Christine Scholten, Pernerstorfergasse 20) 20.4. 2012, 8:00, Café Hegelhof, Johannesg. 16

TW: Worüber würden Sie gern sprechen? CS: Also das, was mich – sozusagen -- Erstens, ich bin aktiv dort in dieses Quellenstraßenviertel gezogen – nah? -- Ich habe mich vor zehn Jahren entschlossen,

ich will weg aus dem – ahm –

den 10. Bezirk. Ich bin hier gern, ich könnt´ eigentlich auch etwas mehr geben.

TW: Mhm.

CS:

Elfenbeinturm AKH in

und hab´ alles dran gesetzt, dort einen Vertrag

zu bekommen – und bin gleich bei der Quellenstraße in der Buchengasse gelandet, in einer alten Ordination --- die aber so schlecht sozusagen von der Infrastruk- tur her war, dass man – ah – es war klein, und es war

ein winziger Lift, wo kein Rollstuhl reingegangen ist und nix – ah –, und hab´ dann begonnen zu suchen und bin da neben der, neben der – ah – Favoritenstra- ße und U-Bahn wieder bei der Quellenstraße gelan-

det. Ah, ich

mehr [1:20:01] bei mir das Ziel meiner Arbeit ist, ist

abzulegen – den Punkt: Ich möchte gerne versuchen etwas beizutragen – ah – dass wir mehr geben und so- zusagen versuchen, Migranten und Migrantinnen, die ja dort einfach sozusagen eigentlich in der Überzahl leben, durch Einladen und Fördern und Motivieren, dass die dazu kommen zu sagen: Ich bin hier gern – und eigentlich nur mehr geben. Ich vergleich das im- mer, wenn – ein alter, ein sehr alter jüdischer Freund von uns hat uns irgendwann einmal gesagt: Der An- tisemitismus ist erst überwunden, wenn man mit Fug

Das, was in den letzten Jahren immer

1.20.01

und Recht und Überzeugung sagen kann, unter Juden gibt´s genauso viel Idioten wie unter Nicht-Juden. Und das ist mir irgendwann im Lauf meiner Arbeit so- zusagen immer mehr gekommen, weil ich ärger´ mich

1.21.01

tagtäglich derartig [1:21:01] über Menschen, die zu uns kommen und einfach sich fallenlassen und sagen:

„Ich will. Aber geben tu´ ich nicht einen Millimeter.“ TW: Mhm, mhm. CS: Und bin irgendwie in meiner Arbeit, die eben

sehr, sehr viel mit Migranten zu tun hat – ich bin auch am Schöpfwerk, da mache ich so eine Gesundheitsbe- ratung, das wieder ein ganz anderes Grätzel ist, so wie Sie es vorher gesagt haben, es hat jedes eine spezielle Note, das Schöpfwerk ist vollkommen anders als in der Quellenstraße – aber ich möchte versuchen, in dieser Arbeit, die ich da mach´– irgendwie die Migran- ten, die da sind, dazu zu locken, dass sie sich endlich selber hinstellen und sagen: „Ich bin da. Ihr braucht´s mich. Aber ich geb´ euch auch was.“ TW: Mhm, mhm. CS: Verstehen Sie, was ich mein´? TW: Es ist so ein bissl: selbstbewusst zu deklarieren

1.22.01

auch – so einen Tausch auch [1:22:01] einzugehen, eine Bereitschaft – meinen Sie das? – dass diese Be- reitschaft, CS: Eine Bereitschaft, ja

TW:

handeln CS: Es gibt Leute, die sitzen da und sagen: „Helfen Sie mir. Ich gebe meine Kinder in Ihre Hand. Machen Sie was aus ihnen.“ Und ich sag: „Na, das ist nicht mein Job, das sind Ihre Kinder. Ich kann Ihnen erklären oder Grundlagen bieten. Sie sind hier, weil es hier mehr Unterstützung gibt, und weil Sie es zu Haus´

auch zu artikulieren – und dann auch zu ver-

nicht so mochten. Hier gibt es sehr viel, was wir Ihnen zur Verfügung stellen können. Es tut mir wahnsinnig leid, dass sehr sehr viele unserer Mitbürger unerträg- lich zu Ihnen sind TW: Mhm.

CS:

Struktur ist da, Sie können sie nützen, sie dürfen sie

nützen, sie müssen sie nützen, sie sollen sie nützen -- aber – geben Sie auch etwas. Ich lerne Türkisch, lernen Sie Deutsch.“ TW: Tun Sie das? CS: Jaja. TW: Und – schon gut? CS: Ja, ich kann mit meinen Patienten reden. TW: Wirklich? Ja, super.

CS: Und

zwar zwei türkische Frauen [1:23:01] neben den ös- terreichischen als Ordinationshilfen, aber immer nur

über Dolmetsch – das ist nix. Und, also

kann jetzt kein tolles Gespräch führen, aber ich kann das sagen, was ich will. Und ich versteh´ weniger, weil

der Dialekt so irre ist, und ---- ich wenig versteh´. Und leider kann man auch nicht sagen „Schreiben Sie´s mir auf“ – weil die meisten sind Analphabeten. TW: Mhm, mhm.

CS: Und, aber

Ich mein´, ich

die Infrastruktur ist aber trotzdem da. Und die

Was mir sehr sehr wichtig ist, weil ich hab´

Dieses „Ich mach´ keinen Deutsch-

1.23.01

kurs, es ist mir wurscht, ob meine Kinder in die Sonderschule kommen oder nicht, es ist mir egal, ob ich blad und alt und fett und unbeweglich bin, und ich will zwar meinen Kindern keine Nachhilfe zahlen, aber Tschick kauf´ ich mir drei Packerln am Tag“ – das halt´ ich im Hirn nicht aus. TW: Mhm, mhm. Und das sind all diese Fragen, mit denen Sie auch in der Ordination einfach konfrontiert

sind. CS: Die ganze Zeit. TW: Aha, das ganze soziomedizinische Umfeld sozusa- gen. Es geht nicht nur um – ich kenne die Ordination

jetzt auch nicht – es ist doch schon, es ist doch interne Medizin eigentlich?

1.24.01

CS: Genau [1:24:01], ja. TW: Und da kommt aber immer gleich das ganze Paket mit – sozusagen. CS: Ja. TW: Ja, mhm, mhm.

CS: Da kommt das Paket mit und

Es ist so, dass

eben dadurch, dass wir zwei Dolmetschs haben und dadurch, dass sowohl meine Partnerin als auch ich

den Anspruch haben, wir sitzen extra da und nicht im

[lachen]

und unser Ziel ist sozusagen nicht

die gesellschaftliche Komponente, sondern, wenn wer krank ist, dann können wir helfen, so wie ein Schus- ter Schuh´ flickt. Ja, also – ich bin nicht da, um jetzt über das Umfeld zu reden, sondern den Leuten, die wirklich eh leider immer viel zu spät zum Arzt gehen,

ganz pragmatisch und wie wir´s gelernt haben, zu helfen und – schnell – natürlich ist es so, dass man oft sehr wenig Zeit hat, ja? – aber es geht da ja wirklich

1.25.01

so darum [1:25:01] – Wie wenn einer zum Billa geht und sagt „Ich brauch´ a Wurschtsemmel“, kommt einer und sagt „Mir tut´s da weh“, und wir schauen, was es ist, und dann gehen sie wieder --- Ah. Und so ist es,

dass sehr viele

men dann herein und sagen: „Türkenespresso gesagt, du gutes Doktor – ich bin da!“ [lachen] Es passiert dann natürlich auch, weil wir hauptsächlich Frauen sind – also ich hab´ eine Partne- rin seit drei Jahren, weil es irgendwann zu groß gewor-

vor allem türkische Patienten, kom-

den ist – da kommt dann ein türkischer Mann herein und kann nur sagen „Wo ist Doktor?“ Und ich sag´ TW: „Vor Ihnen!“

CS:

Oberkörper frei.“ Arrhhh! [lachen] Und es ist ein lustiges Zwischenspiel immer und eine wirklich lustige Interaktion. Und dadurch, dass wir bereit sind, sozusa- gen darauf einzusteigen und da was zu geben, sind wir auch der Ansicht, wir können auch was fordern. TW: [1:26:01] Mhm, mhm. CS: Ja. Und diese Einstellung, die man, also die ich zumindest mitbekommen habe: Wenn man eh das ganze Leben nix anderes getan hat als im Nutellafass zu sitzen TW: [TW lacht] Nutellfass! [lachen] CS: Also ich hab´ immer das Gefühl, das merk´ ich auch bei meinen Kindern, das versuch´ ich denen auch immer zu erklären und auseinanderzusetzen, dass wir – wir haben so viel an Glück mitgekriegt, und es ist ja nichts anderes als ein Glück, dass wir da geboren sind, wo wir geboren sind, und wie wir aufgewachsen sind und so weiter, dass wir – sozusagen – unsere Aufgabe im Leben ist, so viel an Bildung zu bekommen, dass wir imstande sind, etwas so weiter zu geben, dass wir anderen das Leben ein klein wenig erleichtern können. TW: Mhm, mhm. CS: Und wenn das noch dazu mit Freude an der Arbeit gepaart ist, dann kann man da – kann man sehr viel machen. TW: Mhm, mhm. CS: Nur. Ich hab´ immer mitgehabt, dieses, ich muss, sozusagen, mein schlechtes Gewissen abbauen und

auf

Türkisch „Guten Tag, machen Sie Ihren

1.26.01

1.27.01

da was tun – [1:27:01] und das verschwindet irgend-

wann. Und das finde ich eigentlich

dem Spruch von diesem alten Freund von uns so gut gefallen, dass man irgendwann dazu kommt, zu sagen:

„Meine Lieben, ihr müsst´s auch was tun. Weil das ist leider --- ah, das, das muss ich wirklich sagen, meine Hauptkritik an den Menschen, die – äh – kommen vor

allem aus den ländlichen Gebieten, ah, aus der Türkei, tragen mit dieses traditionelle Bewusstsein – pffff – die machen das TW: Man sagt dann immer, das ist ein Bildungspro- blem. Oder? Damit entschuldigt CS: Ja, ja.

man CS: Ja, ist sicher so. Aber hier kann ja, sozusagen, Bildung wahrgenommen werden, ja? Eine meiner größten Diskussionen in den letzten Tagen war mit einer türkischen Mutter, deren zweites Kind jetzt in einer sehr, sehr engagierten Volksschule im 12. Bezirk

TW:

das hat mir an

das auch

1.28.01 [1:28:01] aus der normalen Klasse in die Integrations- klasse kommen soll. Das erste ist schon in der Integra- tionsklasse. Und ich sag´ dieser Mutter immer: „Kein Kind ist dumm.“ Die Kinder sind nicht dumm, sie ha- ben nur keine Chance, wenn sie nur türkische Serien schauen, zu Hause nur Türkisch gesprochen wird, die Mutter nicht bereit ist, in einen Deutschkurs zu gehen, der Vater sich mit den Kindern nicht beschäftigt, und sie einfach durch noch 18 andere Kinder die größeren links liegen lasst und nichts passiert. Und dann sagen die Lehrer: „Bitte, das ist verhaltensauffällig das Kind, das geht nicht, das stört die ganze Klasse.“ Und dann ist noch das Beste zu sagen, in unserem Schulsystem:

Dann schauen wir, ob´s in der Integrationsklasse besser wird, und vielleicht kann´s dann in eine andere

Klasse aufsteigen, oder was immer. Was natürlich ein Mist ist. Aber wie soll denn ein Kind, das von zu Hau- se null an Aufgehobensein oder „Du bist was wert“ oder [1:29:01] „Geh´ kopfhoch durchs Leben“ – wenn die Mutter selber sagt – bitte, pffff TW: Mhm. Und was ich dann noch, ich will das jetzt gar nicht – ich halt´ nur so ein bisschen dagegen, die Frage halt immer, ob nicht auch die Möglichkeit Bil- dungschancen wahrzunehmen nicht was mit Bildungs- hintergund zu tun letztlich auch hat. CS: Natürlich! TW: Man kann alles sozusagen noch einmal drehen. CS: Nein, nein, natürlich hat´s mit Bildungshinter- grund zu tun. Aber das, was meine versuchte Arbeit ist, ist eben den Eltern, die keine Bildungschancen hatten, zu vermitteln: „Eure Kinder werden anders.“ Und in wöchentlichen großen Gruppen da am Schöpf- werk zum Beispiel versuch´ ich immer den Frauen, die

1.29.01

kommen und sagen: „Ich will aber jetzt was über Ba- byernährung wissen.“ – Sag´ ich: „Das ist mir egal, das kann ich Ihnen nur sagen, weil ich auch drei Kinder hab´, ja? Mein Punkt ist: ,Was wollen Sie im Leben? Schreiben Sie auf, was sind die Ziele, was möchten Sie für sich, was möchten Sie für Ihren Mann, was möchten Sie für Ihre Kinder, und dann schau ma, wie kommen wir dorthin, [1:30:01] na?´“ TW: Und das ist im Rahmen einer „Gesundheitsbera- tung“ unter Anführungszeichen?

1.30.01

CS: Nein, das mach´ ich einfach

Das war Festwo-

chen

gemacht, dort waren wir, und dort hab´ ich die Renate Schnee kennengelernt, das ist die Sozialarbeiterin vom Schöpfwerk, und seit jetzt zwei Jahren mach´ ich – und hab´ dort eine türkische Frau angestellt, die meine

– ja, die Festwochen haben am Schöpfwerk was

Dolmetscherin sozusagen ist und die türkischen Frau- en auch motiviert zu kommen, es ist eine Beratung für türkische Frauen, und jetzt haben wir noch eine Arabisch sprechende Frau dazu, um auch die Arabisch sprechende Bevölkerung zu erreichen, die ja dort auch sehr zahlreich ist. Und über eine Produktion der Festwochen ist das dort entstanden, was wirklich eine tolle Sache ist. TW: Mhm, mhm. CS: Aber das, was eben mein Ziel ist, ist ein bissl

Sticheln – im Sinn von: „Was wollt´s? Ihr könnt´s doch

nicht sagen: Meine Kindern

Da sind wirklich Frauen,

die sagen: ,Wir weigern uns, zu Hause Deutsch zu sprechen. Mein Mann will nicht, dass dieses Kind Deutsch spricht.´“

1.31.01 TW: [1:31:01] Wie sagen Sie es Ihnen dann? Welche Art zu kommunizieren hat dann auch vielleicht Er-

folg? Oder welche

rungen so

CS; Ja, schon, indem ich halt sag´: „Ok, wenn ihr jetzt

beginnt

ich schauen, dass das Kind einen Kindergartenplatz bekommt.“ Das geht nicht anders, das geht nur, wenn die Frau einen Deutschkurs macht oder was arbeitet. Sonst ist die Chance auf einen Kindergartenplatz ganz gering. TW: Mhm. CS: Und alle diese Frauen sagen: „Ich bin im Haushalt ausgelastet, und daneben laufen noch die kleinen Kin- der.“ Sag ich: „Ja, weniger ausgelastet ist man, wenn man am Vormittag frei hat. Und am Vormittag frei, heißt Kind im Kindergarten. Das geht aber nur, wenn Sie sich jetzt beim Deutschkurs anmelden.“ TW: Mhm.

Gibt’s da Tricks, die diese Forde-

so

so nachvollziehbar zu machen, dass

Sie gehen in den Deutschkurs, dann kann

CS: „Dann haben wir jede Chance.“ So ist Schritt für

Schritt

ein paar, ein bissl rauszuholen. Und diese türkische Frau, die ich da angestellt habe, ist ein unfassbares

Beispiel dafür. Mittlerweile spricht sie ausgezeichnet

kann man da versuchen sozusagen, zumindest

[1:32:01] Deutsch, hat jetzt versucht

die Studien-

1.32.01

berechtigungsprüfung nachgemacht, und

hat jetzt

versucht, einen Fachhochschulplatz für Sozialarbeit zu bekommen, ist bei einem kleinen Test durchgefallen, macht jetzt Lebens- und Sozialberatung und ist, ist

unfassbar unterwegs in der Welt --- Also, es ist

Auch

diese Diskussion Kopftuch oder nicht Kopftuch ist

 

für mich schon so – ah – ich bin so überdrüssig dieser Diskussion. Es kommen Frauen herein, die sich uns vorstellen, um bei uns zu arbeiten mit einem Schal um den Hals. Und nach einem Gespräch von zehn

Minuten, wo sie merken, wir sind offen

allem, ja?,

und sagen: „Dürfte ich beim Arbeiten eventuell das Kopftuch tragen? Ich hab´s jetzt runtergenommen, weil ich hab´ schon die Erfahrung, dass ich sofort wieder rausg´haut werde.“

TW: Mhm, ja, ein Wahnsinn. CS: Und die, die glauben, sie sind – da habe ich mit ein paar Journalistinnen ganz schreckliche Erfahrungen gemacht, die das Gefühl haben, sie haben die Weisheit mit dem Löffel [1:33:01] gefressen, und sagen: „Jede Kopftuchträgerin ist unterdrückt und hat von Eman- zipation keine Ahnung.“ Stimmt nicht, stimmt einfach nicht. Das ist so blablabla.

1.33.01

TW: Auch

CS: Schon! TW: Ja, auch, genau. CS: Das ist eine Oberflächlichkeit, die ich nur TW: Das ist schon auch, Journalismus – das sieht man

Bildungsproblem.

eh, wenn man Medien anschaut – wie durchdrungen sind die von der Gesellschaft, sag´ ich einmal, in der man lebt? Auch wenn man sich die Bezirkszeitungen anschaut, und man versucht zu schauen, welches Bild vom Bezirk da vermittelt wird und welches Bild sich einem selbst aber darbietet, da ist schon ein Wahn- sinnsgap. CS: Ganz, ganz groß. Und auch Bezirkspolitik, und das, was sich da im Bezirk bietet. Also die Bezirks- politik vom 10. Bezirk hat mit dem Bezirk nichts zu

tun, zum Beispiel. Also da

Politik. Ich kann mich erinnern, wie ich da angekom-

Auch die Vertreter der

1.34.01 men bin, hat mein [1:34:01] Mann irgendwann einmal einen Abgeordneten aus dem 10. Bezirk getroffen und gesagt: „Übrigens, meine Frau ist ja jetzt bei euch.“ – Sagt er: „Des waß i längst, der 10. Bezirk ist wie Moskau.“ [lachen]

TW: Den Eindruck hab´ich auch schon gehabt. [la- chen] Was mich noch interessieren würde: Wer kommt denn jetzt zu Ihnen? Wie hat sich das auch entwickelt, als sie begonnen haben – in den letzten acht Jahren? CS: Am Anfang war das schlicht und einfach die Kli- entel meines Vorgängers TW: Mhm. CS: … die von ihm die Auflage hatten, wenn sie aus der Ordination gegangen sind, durften sie nicht ohne Termin im nächsten Quartal raus – egal ob sie, sozusa- gen, das erste Mal vor zwanzig Jahren mit Blähungen

gekommen sind und nichts mehr hatten, oder

wurscht, das war einfach TW: Kundenbindungsmaßnahme. CS: Ja, genau. Und waren bass erstaunt, wenn ich gesagt habe: „Ich seh´ sie in zwei Jahren wieder“

völlig

[1:35:01] oder „Kommen Sie, wenn Sie ein Problem haben“ oder, was weiß ich: „Jedes Auto fährt einmal im Jahr zum Pickerl, so können Sie´s auch halten.“ Und so. Ah. Dadurch sind manche einfach weggeblie- ben, nach einem Quartal habe ich das Gefühl gehabt „So, geht mein Betrieb jetzt baden, weil ich so viele rausgehaut hab´? Wie geht’s jetzt weiter?“ – habe eine

1.35.01

kurze Angstphase gehabt und hab´ mir gedacht: „Gut, ich hab´s mir anders vorgestellt, ich glaube, ich muss ins AKH zurück.“ Und dann sind sie, haben sie plötz- lich begonnen zu strömen, sind sie gekommen – und es war einfach Mundpropaganda. Und zugleich, als ich dort übernommen habe, bin ich spazierengegangen dort in dem Grätzel und hab´ versucht, ein Gassenlo-

kal zu finden, das

wo man eben hineinfahren kann

mit dem Rollstuhl und hab´ das gefunden, wo ich jetzt da bin, und es war, ich weiß nicht, wie es gekommen ist, aber es hat sich sozusagen von 90 Prozent „ty-

 

pischen“ [1:36:01] österreichischen Favoritnern, wo man weiß, jeder Dritte ist ein FPÖler, gewandelt in wahrscheinlich 50 Prozent Österreicher und 50 Pro-

1.36.01

zent Migranten. Und – ähm – es ist auch so, es bleibt ja so, dass jeder Dritte ein FPÖler ist, ja [lachen], wir zählen immer wieder durch [lachen] TW: Gar nicht lustig. CS: Aber es gibt halt welche, die kommen dann halt nicht mehr, ist mir doch wurscht, wenn sie merken, dass sie genauso warten wie alle anderen. Wir sind so, dass wir prinzipiell Privatpatienten nicht nehmen

– außer es ist halt jemand nur privat versichert und

hat keine andere Versicherung, oder es gibt Leute, die

sind nicht versichert, die behandeln wir dann so, wenn wir das Gefühl haben, wie soll denn der was zahlen

– aber es hat sich so, dadurch, dass wir vollkommen

1.37.01

gleichwertig sehen, ob das [1:37:01] jetzt der Herr Dr. Wasweißichwas ist oder die Frau Stankovic oder der Herr Özgan, das ist uns eben vollkommen Powidl, und daher kommen viele Özgans. TW: Mhm. [lachen] Das würde mich auch interessieren: Vermutlich er- schließt sich dann aus den Patientinnen und Patienten, die dann kommen, erschließt sich dann so etwas wie eine Gesundheitslandkarte von einer Geographie auch. CS: Mhm. TW: Können Sie die umreißen, das würde mich inter- essieren? CS: Ahm TW: Wie gesund ist das Viertel? CS: Sehr krank. Leider sehr krank. Ganz furchtbare Lebensstildinge, wo wir – sozusagen jeder zweite Arztbrief – weil jeder geht hier mit einem Arztbrief hinaus – endet mit den Worten: „Dringendst wurde zur Lebensstilmigration geraten“. Rauchen aufhören, abnehmen, bewegen. TW: Mhm, mhm. CS: Gesünder essen, Medikamente sollten künftig eingenommen werden, im Ramadan dürfen Medika- mente nicht abgesetzt werden, die zu hohen Blutdruck haben, dürfen keinen Ramadan halten. Ich hab´

1.38.01

[1:38:01] mittlerweile den Koran aufgelegt – dort, of- fen – damit ich jedem Vollidioten zeigen kann, dass sie nicht die Medikamente den ganzen Tag nicht nehmen dürfen, am Bau stehen ohne zu trinken, und in der Nacht hauen sie sich alle Blutdruckpulver rein. Also es ist wirklich so, dass das Bewusstsein – Ich möchte, wenn ich schon älter werde, gesund älter werden.

Ja? Jedem zweiten erkläre ich: „Wenn Sie nicht zum Pflegefall werden wollen, dann zahren Sie jetzt an.“ Gestern habe ich den Letzten einfach rausgehaut, der da alle zwei Monate sitzt und sagt: „Da tut´s weh, und da tut´s weh“, aber er raucht drei Packln Tschick am Tag, bewegt sich nicht, ist 34 mit Herzinfarkt, sind wirklich schwerkranke Leute, die überhaupt nicht auf

die Gesundheit achten – sowohl Österreicher als auch Migranten. Es sind aber viele motivierbar. Es sind vie- le so, denen ich sag´: „Dieses Packl Tschick [1:39:01], da kommt jetzt Wasser rein – und weg, dann kann “

man sie nicht mehr rauchen TW: [TW lacht] Gute Methode! CS: Ich hab´, also ich hab´ja wirklich eine ganz große Freude an meiner Arbeit, das finde ich ja eines der schönsten Privilegien, die ich hab´ im Leben, dass man auch mit viel Witz mit Menschen umgehen kann. Manche nehmen´s an, manche nicht – was soll man

machen? Es gibt so viele, dass mir´s wurscht ist, wenn

[lachen] TW: Mhm, mhm.

CS: Aber ich weiß nicht, ob man nicht auch von

politischer Seite

nicht, in Polen hat man irgendwann begonnen, dass man von Seiten der Politik mehr für Obsteinfuhr – ah –, höhere Preise für ungesunde Fertignahrung und so weiter, also wirklich ganz ordentliche Strukturen, wo sich schlagartig der Gesundheitszustand wirklich verändert hat. TW: Also, da kann [1:40:01] man steuern CS: Man könnte es wirklich steuern. Also das, was ich da am Schöpfwerk anbiete – wir machen auch Einkaufberatung. Sehr viele der Frauen sagen: „Ich

Es gibt so viele Studien. Ich weiß

1.39.01

1.40.01

hab´ kein Geld, gutes Essen zu kaufen.“ Es gibt aber auf jedem Markt eine Ecke, wo man zu bestimmten Zeiten sehr günstig gute Sachen kaufen kann. Und da machen wir Einkaufsberatung und Kochberatung und

solche Sachen, damit das irgendwie

nehmen es an. Es gibt wirklich, allerdings mehr arabi- sche Familien, die sich echt einlassen darauf, dass sie sagen: „Ok, geht auch anders.“ TW: Auch interessant. CS: Die sind viel mehr auf Bildung aus. TW: Mhm. CS: Viel mehr. Sind viel happiger auch drauf, dass ihre Kinder was erreichen, fördern viel mehr sozusagen Bei denen ist dann natürlich wieder das Problem, dass – da versuch´ ich jetzt dann anzusetzen: dass man zehn-, zwölfjährige Mädchen abholt und den Eltern

Und manchen

1.41.01 sagt, wir wollen gerne mit denen etwas [1:41:01] machen – Gesundheits- und Bildungsberatung –, weil die werden aus den Jugendzentren abgezogen, dürfen dort nicht mehr hin, kriegen das Kopftuch aufgesetzt und dürfen nicht mehr mit Burschen in Kontakt. Und denen zu sagen, den Mädeln nämlich, ohne sie aus den Familien zu entreißen: „Ihr seid´s ihr, ihr braucht´s weitere Bildung, und euer Punkt ist nicht, mit 14 einen Mann zu kriegen“, TW: Mhm mhm. CS: … ist sozusagen das, wo man bei ihnen ansetzen kann. Das ist bei türkischen Familien nicht so sehr. Da ist schon mehr Freiheit. TW: Ich denk´mir immer – diese generationelle Ab- löse – ein Prozess, dass der ja vielleicht lange dauert, dass der aber schon automatisch passiert, oder nicht? Wenn man da nicht dran bleibt, CS: Dann eher nicht

TW: Perpetuieren sich eher die Muster? CS: Ja, weil es ist einfach so, dass sozusagen – bei der dritten Generation ist es so, da vermischt es sich total. Obwohl man sagen muss, dass es bei den Schulen, die

im 10., 12., 15. sind, sind so viel an – [1:42:01] Serben- gruppe, Anatoliengruppe, was weiß ich, die wieder nur untereinander sind, also, ich weiß nicht. Junge türkische Frauen kommen prinzipiell mit jungen tür- kischen Männern. Das ist so wie, ich weiß nicht, ja, jü- dische Frauen haben jüdische Männer. Ich weiß nicht, und jüdische Bekannte von uns sagen: „Und hoffent- lich nimmt meine Tochter einen jüdischen Mann!“ Ja, das ist immer noch so – ganz aufgeklärte Leute, ganz aufgeklärte, moderne Leute, sind da so verhaftet. So wie Österreicher, die wir kennen, die sagen: „Ich hätte ein Problem, wenn jetzt meine Tochter mit einem Schwarzen daherkommt.“ An sich sonst überall ganz

1.42.01

liberal, aber da wird’s dann

[lachen] Es ist komisch,

 

aber es ist so. TW: Mhm, mhm. CS: Also, ich hab´ unlängst mit Freunden von uns

[1:43:01] ein Gespräch darüber geführt. Eine unserer

1.43.01

Töchter ist eine echt wilde Hummel, die wird jetzt 16,

und die ist einfach unfassbar drauf, toll, irre selbstbe-

wusst, super in der Schule, jeden Tag bis ich weiß nicht

wann weg, jeden Tag 14 Freunde bei uns zu Haus´, es

 

schaut aus, es ist unbeschreiblich, unfassbar, aber sie

hat keinen Freund ---- Und ich bin dann gefragt wor-

den, ob sie vielleicht geheim irgendwo einen Freund

hat, und ich hab´ dann gesagt: „Ich hab´oft genug mit

 

ihr darüber geredet, also: ,Sag´ mir doch endlich ein- mal – es ist mir doch wurscht, in wen du dich verliebst, ´“

Sie

ich möchte es genießen, dass du mir erzählst

 

an, wie kompliziert das alles ist. Ich hab´ einmal mit

dem, mal mit dem

Dramen, lauter Dramen, ich brauch´ kein Drama.“ Und ich hab´ dann diesen Freunden gesagt: „Ja, viel- leicht kommt sie irgendwann auch mit einem Mädel “

daher, freut mich doch, is doch wunderbar

[lachen] Schau sie dir an, lauter

„Was!!!“

1.44.01

[1:44:01] [lachen] Da hört dann irgendwo sozusagen die Bereitschaft auf. TW: Mhm, mhm. Vielleicht sonst zur Quellenstraße – wie halten Sie´s da? Da fahren Sie in der Früh in die Ordination CS: Mhm. TW: … da geht’s rund den ganzen Tag CS: Mhm. TW: … und dann

CS: Und dann – was ich ja – ich liebe diese Zeit jetzt:

Man geht raus und hat das Gefühl, man ist auf Urlaub.

Die Gegend, man kriegt türkische Zeitungen

an

meinem Lieblingsstandl am Victor-Adler-Markt, ne- ben dem bin ich, sind alles Leute, die bei mir ein und aus gehen. Es ist einfach wunderbar! Es ist so – man geht durch die Straße und hört nur fremde Sprachen – ah – es ist vollkommen klar, dass man das beste Essen bekommt, weil es kommt von dort, wo es her ist – und

1.45.01

nicht [1:45:01] von jemand, der sagt: „Ich hab´ im Kochbuch auch gelernt, wie man Döner macht.“ [la- chen] Und dieses Marktgetreibe, dieses wilde Auf-der- Straße-Herumgestreite und so weiter – ich mein´

TW: Ja eh, beruhigte Zone sonst überall

Leibnizgasse ist wahnsinnig speziell. Unglaublich. CS: Das ist doch unglaublich, oder? Da gibt es diesen Markt dort am Vormittag. Da hab´ ich, ich hab´ in der Gegend dort was gesucht und finde diesen Markt, und habe meinen Mann angerufen und nur gesagt:

--- Die

„Hör zu, da will ich her“ – „Drei Gurke – ein Euro!“ [lachen] Ist doch einfach wunderbar, oder? TW: Super, ja. CS: Und das gibt’s sonst nicht. Ich war am Schwender-

markt und was weiß ich wo überall, habe ich versucht, dort Leute zu vertreten, um zu schauen, wo will ich eigentlich hin, und bin dann im 10. gelandet. [1:46:01]

1.46.01

Und dieses Auf-die-Straße-Gehen, einfach das pure Leben – wie im hintersten Park irgendwo in – im Au- ßenrandbezirk von Istanbul, ja? [lachen] Das ist das, wo ich das Gefühl hab´, das genieß´ ich so. Und das ist im Frühling und im Sommer, ich sitz´ dann einfach im Kaffeehaus und schau´ vor mich hin. Weil´s einfach so, es macht so ein irrsinnig angenehmes, warmes Gefühl, in diesem Leben zu sein. Und das ist das, was ich mein´ zur Quellenstraße: Das ist so eine bunte, schöne Gegend, mit diesen Geschäften, die alle nicht so aufgemotzt sind TW: Ja, stimmt. CS: Da geht einer rein, hängt ein Schild auf und sperrt ein Geschäft auf. TW: Funktional, stimmt. Wobei es auch aus den Bio- grafien kommt, denke ich mir, dieses Kleinunterneh- mertum, dass es halt keine regulären Job gibt. CS: Ja, ganz genau. Und das ist etwas, wo man schon merkt [1:47:01] seit zwei oder drei Jahren, das wird immer mehr. Und wir haben, wir merken das ja anhand der Krankenkassen. Ah, das was immer wird, sind die Gewerbliche-Wirtschaft-Leute, wo man

1.47.01

auch

Da versuch´ ich auch, sehr aufzupassen, was die

Kassenverträge betrifft, da bezahlt die Gebietskran-

kenkasse ja alles, auch wenn es Kontingente gibt – wir haben pro Jahr, was weiß ich, 10.000 Erstbesuche.

Das sind so viele

Daher ist es mir auch wurscht,

ob welche bleiben oder nicht. [lacht] Alle werden ersetzt! Aber bei der Gewerblichen Wirtschaft haben

die Leute zwanzig Prozent Selbstbehalt, dafür gibt’s

keine Limits. Und was jetzt

Bezirk sind die Gewerbliche Wirtschaft Steuerberater,

zum Beispiel im 18., 19.

1.48.01

Rechtsanwälte, [1:48:01] was weiß ich was – die kann man schröpfen – da kann man eine Untersuchung nach der anderen machen, und TW: Die zahlen Länge mal Breite CS: Bei denen, die zu uns kommen, muss man wahn- sinnig aufpassen. Für die ist ein Arztbesuch, wo man mit Fug und Recht, wenn sie krank sind, machen wür- de diese Untersuchung und diese Untersuchung und diese Untersuchung, ein echter Einschnitt. Ja, weil zwanzig Prozent ist sehr viel. Das sind aber immer – es kommen wahnsinnig viele – ich weiß nicht, wie viel Prozent, weil das können wir nicht ausrechnen anhand der Karteien – aber es sind pro Tag wahrscheinlich fünfzig, sechzig Prozent der Patienten AMS. TW: Ah. CS: Und der Rest sind kleine Gewerbetreibende, die aber, wenn man sie fragt: „Was tun Sie?“ – Gewerb- liche Wirtschaft – beliefern den Markt. Das ist ein Ein-Mann-Betrieb, der fahrt auf den Großgrünmarkt

1.49.01

in der Früh [1:49:01], und bringt um 5 Uhr in der Früh für den Herrn Iman, auch türkischer Kleingewerbe- treibender am Markt, das Gemüse. Der hat einfach nichts, gar nicht, und muss schauen sozusagen, dass er halt seine fünf Kinder irgendwie groß bringt, weil sei- ne Frau darf nicht arbeiten. Das will er nicht, und sie will auch nicht. Das ist schon schwierig dann zu sagen:

„Und wenn Sie jetzt aufhören täten zu rauchen, Sie ersparen sich schlicht und einfach zehn Euro am Tag.“ Und das ist so ein Prozess, der muss erst langsam ----

[lachen] ---- TW: Mhm ----- mhm ------

CS: Was gibt’s, was Sie sonst sozusagen noch TW: Pffff, es ist --- gibt’s was, das Ihnen --- dass Ihnen, ähm, [1:50:01] das sich noch nicht erschlossen hat, das sich noch nicht verständlich gemacht hat in der Ge- gend, seit Sie da arbeiten. Dinge, die Sie einfach nicht verstehen, wo Sie sich fragen CS: Na, was ich nicht verstehe und nicht verstehen will

1.50.01

ja? – ist diese Abgeschlossenheit – ja? Es stehen vor

einem Eduscho oder was immer – wo auch im Winter Stehtische auf der Straße sind, damit geraucht werden

 

kann, steht ein Tisch Türken, ein Tisch Österreicher

beide reden über die gleichen Sachen, beide haben

die gleichen Probleme, alle Frauen haben die gleichen Probleme mit ihren Kindern, alle Männer haben die gleichen Probleme mit ihren Frauen und Kindern – aber sie würden nie miteinander reden. Ich versteh´s

 

einfach nicht! TW: Wenigstens murmeln CS: Nix! Es ist ein [1:51:01] „Guten Tag“ – wenn

1.51.01

überhaupt. Wenn, ich weiß nicht, ein österreichischer Mann hebt einer türkischen Frau was auf, wenn was runterfallt. Aber es würde nie ein Witz fallen, der genauso als blöder Schmäh unter Österreichern lauft.

Das ist

TW: Ich war gestern bei ATIB, beim Kulturverant- wortlichen. Und er hat gemeint: „Ja, wir haben eh probiert immer, andere Leute auch einmal einzuladen, aber es kommt irgendwie auch niemand.“ CS: Ja, das ist echt schwierig. Wir haben gemacht – die Sonja Ablinger ist Ihnen ein Begriff? TW: Ja, ja. CS: Mit der habe ich so zwei-, dreimal bis jetzt so

ist nicht möglich. Und ich versteh´ das nicht.

Runden gemacht zum Thema Kopftuch. Eingeladen waren sowohl Kopftuchträgerinnen als auch Nicht- Kopftuch-tragende Moslems und Österreicher. Aach.

1.52.01

Zweimal [1:52:01] sind, glaube ich, einige Kopftuch- trägerinnen auch gekommen und zwar darunter Frau- en, die ohne Kopftuch aufgewachsen sind TW: Mhm. CS: … und sich dann entschlossen haben, Kopftuch zu tragen. Ah. Und es war irgendwie, es waren durchaus

total offene Leute da. Und trotzdem war eine ganz breite Kluft. Ja? Und es waren so absurde Gespräche. Ich weiß nicht – die Frau Korun, die dann sagt: „Die Geschichte mit den Burkaträgerinnen, das sind doch immer nur Touristinnen, die gibt’s nicht bei uns.“ Sag´ ich: „´tschuldigung, soll ich´s Foto bringen?“ Ich kenn´ einige, und mit denen bin ich prinzipiell im Clinch. Die kommen bei der Tür herein, sie treffen sich alle am Schöpfwerk, dort feinden sie die türkischen Frau- en an, weil sie sich zu wenig verhüllen. Und dann kom- men sie bei der Ordinationstür herein und verlangen,

1.53.01

dass [1:53:01] bei ihnen nur eine moslemische Frau mit zuen Augen unter der Burka das EKG anhängt. Und dann hau´ ich sie raus und sag´ nein. Es gibt Din- ge, da gibt’s eine Grenze. Wenn sie was wollen, dann sollen sie sich normal benehmen. Es wird sicher kein Mann im Zimmer sein und nix, aber es gibt irgendwie, ah, Grenzen. Aber dass dort dann - sitzt eine an sich

– vom grünen Standpunkt her

„Das gibt’s bei uns eh nicht.“ TW: Das ist dieser Menschenrechtsstandpunkt, der all diese Graubereiche ein wenig ausblendet. CS: Es gibt null an, an: „Ich geh´ jetzt an die Basis.“ Es gibt immer dieses: „Ich mach´ jetzt dieses White Ribbon, was weiß ich.“ Ja? Aber: Wozu – und gibt es

Frau Korun und sagt:

hier überhaupt – gerade dieses White Ribbon, das beschäftigt mich jetzt sehr und hab´ nächste Woche einen --- sehr haarigen Termin mit einer Lehrerin, die sagt, sie [1:54:01] hat in der Schule es soll Mädchen geben, die werden im Sommer in Ägypten beschnit- ten ------ Das – wird es geben. Und es ist aber bei uns möglich, das strafrechtlich zu verfolgen. Wir müssen

1.54.01

nur eine Punkt finden – es gibt das Gesetz, es gibt nur nicht, es gibt, seit es das Gesetz gibt, nicht einen Fall der Verfolgung. Obwohl relativ offen ist, dass wir in Österreich wahrscheinlich 8000 beschnittene Frauen haben. Und die Mädchen werden in der Volksschule – die kommen nach den Ferien völlig verändert, völlig sozusagen entkindet zurück, und es ist ein Eindruck, dem muss man irgendwie nachgehen beziehungsweise vorher zu vermitteln – den Kindern kann man nicht sagen: „Lasst´s euch nicht angreifen“. Aber man muss ja den Eltern doch irgendwie versuchen können zu vermitteln: „Scheißt´s auf diese Tradition. Das hat ja nichts mit irgendwelchen [1:55:01] religiösen Dingen zu tun, das ist ja nur traditionell – nur dieses Glauben:

1.55.01

„Sonst kriegt´s kan Mann, und was mach ich mit ihr, wenn sie mit 30 noch immer zu Hause sitzt.“ Es gibt

aber soundsoviele Leute

das ist jetzt gar nicht The-

ma

„Ich mach´ jetzt White Ribbon“ - Na gut, mach´!

 

Aber es wird den Mädchen nicht nützen. TW: Es ist natürlich schwierig, um es rechtlich schla- gend zu machen, braucht es wen, der es auch öffent- lich macht. Und wer macht das dann? CS: Ich denke, man hätte langsam entwickeln können eine Regel, die heißt: Mädchen werden das erste Mal mit Schuleintritt, das nächste Mal zwei Jahre später pflichtuntersucht. TW: [1:56:01] Das gibt’s gar nicht?

1.56.01

CS: Na, schon: Mach´ den Mund auf – ah! Sind die Zähne schwarz oder nicht? Impfen – ja oder nein? Aber wenn Eltern wissen – und ich mein´, wir können nicht dazu führen, dass prinzipiell alle muslimischen Männer nur mehr sagen: „Ich heirate nur mehr unbe- schnittene Mädchen“. Das werden wir nicht schaffen. Dann wär´s weg. Aber, wenn zuerst einmal über die Sorge „Wenn mein Kind gesehen wird, beschnitten, dann hab´ ich ein Problem“, wenn der Staat recht- lich verfolgt, dann ist vielleicht das erste Umdenken einmal da. Und nachdem die ja eh in Österreich aufwachsen, ah, ist es ja nicht so, denke ich, dass es prinzipiell so ist, dass ein arabischsprechender Mann keine - sozusagen nur beschnittene Mädchen heiratet

– dann kann´s vielleicht ein bissl in Bewegung geraten.

1.57.01

Aber solange es so ist

[1:57:01] In Ägypten ist es ja

angeblich so, dass - 95 Prozent aller Frauen sind be- schnitten. In den unterschiedlichsten Ausprägungen. Also – fürchterlich. Nach dem Motto: Wir machen´s eh medizinisch so, dass es nicht so viele Infektionen gibt. Und dass das hier in Österreich stattfinden darf --- also ---- TW: Ja, danke. Haben Sie noch eine Frage? CS: Haben Sie das Gefühl, dass sozusagen, was ich Ihnen da so erzähle, sich deckt? TW: Es war wirklich interessant. Man kommt sonst nicht so nahe ran.

1.57.41

[1:57:41]

Alfred Graf (1. Obmann, Briefmarkensammler Verein Favoriten, Zur Spinnerin 37) 20.04.2012, 13:00, Hof der Gebietsbetreuung 10, Quellenstraße 149

DH: Worüber würden Sie gerne sprechen?

AG: An und für sich – kurz einmal

hier im Bezirk ist – außer Wohnen – die Betreuung des Briefmarkensammler Vereins in Favoriten hier. Hat den Nachteil – er ist im gleichen Haus – der ist im ersten Stock, ich bin im dritten – und das kettet natürlich. Außerdem bin ich bei dem Verein seit Jahr- zehnten, und wir sind der größte Briefmarkensamm- lerverein in Österreich überhaupt – da in Favoriten angesiedelt. Einzelsammlerverein – es gibt größere. Wenn man von den Sektionen absieht, die gehen von Wien bis Vorarlberg, das ist der der SPÖ naheste- hende Arbeiterbriefmarkensammlerverein, der der rechten Reichshälfte nahestehende BSV Donau und – mit uns etwa gleich groß – der Sammlerverein für Christliche Motive in [1:58:41] Sankt Gabriel. Aber wie gesagt, die haben in ganz Österreich ihre Tausch- stellen und Sektionen. Wir sind nur hier, in Favoriten, angesiedelt, und bieten jede Woche zweimal – jeden Sonntagvormittag von 8 bis 12 und jeden Mittwoch- nachmittag ab 3, offiziell ab 4 – mit unseren über 400 Mitgliedern immerhin die Möglichkeit zur Kommuni- kation. Besucheranzahl an Sonntagvormittagen: bis zu 100. Gott sei Dank nicht gleichzeitig! Wissen´s eh, das ist wie mit der Kirche: Wenn alle rein gehen, gehen nicht alle rein, aber wenn dann nicht alle rein gehen, gehen alle rein! Die ersten kommen schon um halb 8 oder um 7 zum Frühstücken und gehen dann schon wieder zum nächsten Verein. Das sind die, die nicht

Meine Tätigkeit

1.58.41

1.59.41

genug kriegen. Aber Sonntagvormittag [1:59:41] sind so zwischen 60 --- wenn keine Länder-Match sind oder Ski-Übertragung, dann sind´s bis zu 100 Leute. DH: Wie kann man sich so ein Treffen vorstellen, wenn 100 Leute kommen, wird dann über Briefmarken fachgesimpelt? AG: Die Philatelie ist, gut, die Briefmarke. Ja, und dann kommt die Arbeit mit der Briefmarke, und das ist grenzenlos. Da gibt´s keine Einschränkungen. Es

wird bei uns politisiert und fachgesimpelt über Punkte auf Marken, über Druckabarten, über Papiersorten, über Motive natürlich, die Zusammenhänge… Sie finden bei uns über – wenn man beim Negativen

anfangen

– vom KZ Brief, das müssen´s erst einmal

lesen, über Feldpostbriefe bis herauf zu modernerem Ersttagskitsch. Die Palette ist unglaublich breit und

2.00.41

unheimlich weit gefächert, also es [2:00:41] gibt da keine Grenzen, und es gibt auch keine bestimmten Gesprächsthemen. Wenn man anfängt, bei einer Brief- marke irgendwas zu reden, wie gesagt, man landet ganz wo anders. DH: Wie sind Ihre Mitglieder so? AG: Hmmm --- der Mitgliederstand hat einen großen Nachteil: Unser Durchschnittsalter liegt – erm – über- haupt von den gesamten Mitgliedern sind 70 Prozent zwischen 61 und 70. Beziehungsweise, wenn man die dazu rechnet, die drüber sind, ich bin 71 und rechne mich noch zu den 70-jährigen. Jugend: fast nichts. Wir hatten mal eine wunderbare Jugendgruppe. Aber bedingt durch die Überfremdung, die hier im Bezirk herrscht, ist an diese Jugendlichen nicht heran zukom- men. DH: Tun Sie aktiv was für die Jugendarbeit? AG: Ja, Sie werden´s nicht glauben: In Stockerau und

in Korneuburg. Auf der einen Seite. Und auf der ande- ren Seite – ich bin außerdem engagiert in dem Ver- band Österreichischer Philatelistenvereine und – ich [2:01:41] bin also zuständig für sämtliche Vereine hier in Wien. Und es gibt in Wien gute Jugendvereine, eine gut geführte Jugendgruppe von der BSV Donau. Also eher rechte Reichshälfte. Da gibt’s nur einheimische Kinder. Also – Kinder ohne Migrationshintergrund, weil an Kinder mit Migrationshintergrund kommen Sie ganz einfach nicht heran. DH: Warum, glauben Sie, ist das so? AG: Erstens mal schotten sie sich ab. Mir brauchen´s nix vormachen. Sie – wir waren vor zwei – erm – ein Jahr ist es her, zum 50. Maturajubiläum im RG 10. Haben uns die Schule angeschaut. Jetzt war ja der tür- kische Außenminister dort – und da hab´ ich die Di- rektorin gefragt – weil da hab´ ich Mädchen mit Kopf- tüchern herumgehen sehen – wir haben sie gefragt, wie sich denn das Problem [2:02:41] mit den Migra- tionskindern stellt. Sie hat gesagt, das Problem stelle sich nicht, denn sie haben keine inländischen Kinder. Sie haben nur Kinder mit Migrationshintergrund. Und, wie gesagt, an die kommen wir interessanter- weise nicht heran. Ich beteilige mich an dem Projekt „Wir in Favoriten“. Schon das dritte Jahr, versuche also dort Kontakt aufzunehmen. Wir haben Kontakt mit diesem Atatürk Verein, der bei der Antonskirche beheimatet ist. Und dieser Kontakt ist interessanter- weise so entstanden, dass ich ihnen mal Briefmarken gezeigt hab´ vom Kaiser Franz Josef. Und sie haben gesagt: „Ja und?“ Und ich hab´ gesagt, sie sollen sich mal die Stempel anschauen. Da steht drauf Konstanti- nopel, Smyrna, da steht drauf Beirut, Jerusalem. Und über diese gemeinsame Geschichte – dass Österreich

Konstanti- nopel, Smyrna, da steht drauf Beirut, Jerusalem. Und über diese gemeinsame Geschichte – dass Österreich

2.01.41

2.02.41

die Auslandspost über die Türkei betrieben hat. Hab ich ihm gesagt, da steht „Para“ und „Piaster“. Piaster,

2.03.41

[2:03:41] ja das kennt er, Para war die Kleinmünze. Dann hab´ ich ihn gefragt, wie viel Para einen Piaster ergaben. Sagt er: „Naja, hundert, so wie bei uns.“ Sag´ ich „Schmarrn! Das waren nur 40, nicht?“ Und da hab´ ich ihnen ein bisserl was über osmanische Geschichte, außer Türkenbelagerung – das ist nämlich das Einzige, was sie kennen – nahegebracht. Und seitdem sind die Kontakte ein bisserl besser. Und heuer hab ich mir wieder was ausgedacht. Sie wissen ja, im Jahr 1928 ist die Türkei abgesprungen von der arabischen Schrift, und da hat der Atatürk die latei- nische Schrift eingeführt. Dasselbe ist ja uns passiert, hier in Wien – und in Deutschland, im Jahr 1941. Dass die Frakturschrift, also die Kurrentschrift, verboten wurde, abgeschafft wurde vom Hitler. Und seitdem haben wir nur noch die Druckschrift beziehungsweise die deutsche Schulschrift, wie wir sie heute lernen. Also, auch da haben wir eine Gemeinsamkeit zwi- schen Türkei und Österreich. Und das werde ich ihnen heuer unter die Nase reiben – bin neugierig, wie sie sich dazu äußern.

2.04.41

DH: Aber gerade wenn da so viel [2:04:41] Histo- risches, also auch mit der Verbindung Österreich –Türkei, oder Österreich und die ehemaligen k .u. k. Länder, erm, da jetzt mit Briefmarken praktisch ge- zeigt werden kann, müsste es ja nicht so schwierig sein, dass man Kinder mit Migrationshintergrund… AG: Kommen Sie nicht heran, kommen Sie nicht heran. Gehen Sie mal in einen Park und trauen sich einmal – also, in meiner Position überhaupt, als Mann, älterer – Sie wissen eh, die G´schicht mit der Kirche und und und – und mit dem Kindermissbrauch…

Also, ich wage nicht, ein Kind mit Migrationshinter- grund da in der Öffentlichkeit anzusprechen. Sind Sie sofort in einem schiefen Licht. Ganz unmöglich! DH: Aus Angst – einfach weil Sie ein Mann sind?

AG: Selbstverständlich, selbstverständlich. Wie gesagt, jetzt eben mit dem Kindermissbrauch – noch dazu in der Situation, in der wir sind, mit der unglücklichen

Haltung der katholischen Kirche…Gut ich bin

ich

sagen Ihnen ganz offen: [2:05:41] Ich bin, Gott sei

2.05.41

Dank, nicht katholisch. Ja. Ich bin also, ohne… – o.B. erzogen worden. DH: Atheistisch? AG: Und bin aus Überzeugung o.B. Mmm – ich bin heilfroh, dass ich mit dieser Organisation nichts zu tun habe. DH: Mhm. Mit Überzeugung ungläubig? AG: Nicht ungläubig, das hat mit dem nichts zu tun, nur nicht katholisch! Aus Überzeugung nicht katho- lisch, sagen wir´s so! DH: Ihr Vereinslokal ist 200 Quadratmeter groß. Briefmarken sind aber doch relativ klein. Warum braucht man so ein großes Vereinslokal? AG: Erstens mal, um so viele Leute unterzubringen. Und: Briefmarken sind nicht klein. Denn so eine Briefmarkensammlung besteht ja aus einer Fülle an Briefmarken. Also – keiner von uns weiß natürlich, wie viel er hat, weil´s keiner zählt. Aber, so Sammlun- gen sind schon umfangreich und schwer. Wie gesagt, gewichtsmäßig können wir mit der Numismatik nicht konkurrieren, aber, ja, das sind schon große Akten- taschen, [2:06:41] die dann herumgeschleppt werden, bei jedem Treffen. Das ist bei uns gang und gäbe. Außerdem, die vielen Leute – wir haben 50 Tische und 175 Sessel. Um die herum gruppiert sich das Ganze.

2.06.41

DH: Erm, sind Sie überhaupt – oder: Wann und wie sind Sie dazu gekommen, Briefmarken zu sammeln?

AG: Mit dem Briefmarkensammeln

Noch einmal,

der Schritt zum Briefmarkensammeln war eigentlich ganz einfach bei mir. Das muss in der Volksschule gewesen sein, vielleicht dritte, vierte Klasse. Da ist mir das Briefmarkenalbum meines Vaters – hab´ ich durchgeblättert und es ist mir hinuntergefallen, und die Marken waren natürlich alle heraußen. Dann hab ich begonnen die einzuordnen. Und das war das Ord- nungsprinzip, damit hat´s anscheinend begonnen. DH: Also schon sehr jung? AG: Ja, ja, ja, schon von Kind auf an. Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr in Briefmarkensammelverei- nen, hab´ selber Jugendgruppen gehabt. Die hatten da eine wunderbare Jugendgruppe im 10. Bezirk, über dreißig Kinder, jahrelang! Wie gesagt, die Kinder sind

2.07.41 uns dann abhanden [2:07:41] gekommen, die sind erwachsen geworden in der Zwischenzeit. Wir haben sehr viele noch behalten, die als Senioren… Nach der Familiengründung ist die Pause, dann Berufseinstieg. Aber so um die 30, 40 herum kommen sie wieder, und dann sammelt man wieder, wobei weniger das Sammeln der Marke im Vordergrund steht als die Be- schäftigung mit der Marke, nicht? Das Hinterfragen der Marke. Ausgabeanlass, Darstellung, Geschichte rundherum, Zeitgeschichte. DH: Dann wird man praktisch zum Historiker? AG: Das wird man zwangsläufig! Also, ohne Histori- sches – auch, wenn Sie sich mit Münzen beschäftigen, und nicht mindestens von Maria Theresia hinauf alle Kaiser wissen – und das Gleiche ist es in Österreich. Obwohl es die Briefmarke seit 1850 in Österreich gibt. Aber trotzdem ist es gut, wenn man ein bisserl über

die Geschichte Bescheid weiß. Wiewohl die Briefmar- ke als solches an der eigentlichen Zeit immer vor-

beigegangen ist. [2:08:41] Wenn Sie die Zeit nehmen

2.08.41

von 1945 bis 47, das war der Hungerwinter. 47 sind

wir in die Schule gegangen, da hatten wir keine Bänke, sind auf Polstern im Türkensitz am Boden gesessen, von Tischen ganz zu schweigen. Die Fenster waren mit Pappendeckel verklebt. Da gab´s die schönsten Marken. DH: Pappendeckel? AG: Ja, z´sammpickt mit so einem durchscheinenden Papier. DH: Weil´s kein Glas gegeben hat? AG: Weil´s kein Glas geben hat. Haben Sie schon mal die erste Rede vom Figl gehört, die Weihnachtsrede? DH: Ich glaub´ nicht. AG: „Ich hab´ kein Glas zum Einschneiden. Ich kann euch kein Glas geben zum Einschneiden.“ Also zum Ersetzen der Fenster. Die waren also ziemlich lang

 

so ein durchscheinendes Papier, Drahtgitter, damit

waren unsere Fenster verpickt. Ganz klar, durch die Bomben, durch die Luftanschläge war alles [2:09:41] hin. DH: Mmh. AG: Aber sei´s drum! Wissen Sie, auch zum Beispiel die Vertreibung der Deutschen aus dem Sudetenland, oder, wie sie´s heute nennen, Südböhmen, Südmäh- ren – diese ganze Geschichte. Das äußert sich in den Briefmarken überhaupt nicht. Oder der Verlust der deutschen Ostgebiete, wenn man das jetzt im Großen sieht. 1945 kommen wir aus dem Deutschen Reich heraus, da gab´s ja keine österreichischen Briefmar- ken. Aber wie gesagt, die Tradition der Philatelie ging natürlich weiter. Und – diese vielen, vielen Notaus-

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gaben, die es da gegeben hat, Spekulationsausgaben, wunderschöne Briefmarken, die der Zeit überhaupt nicht entsprochen haben. DH: Aber ist das nicht, weil sich Briefmarken immer

auf, sagen wir, etwas heroische Ereignisse oder Perso- nen der Geschichte beziehen? AG: Na, nicht heroisch! Das ist von der Eröffnung der U-Bahn – das seh´ ich nicht gerade heroisch, bis zur Türkenbelagerung – klar, die ist heroisch – bis zum Katastrophenschutz, die haben wir jetzt grad gehabt

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[2:10:41] – auch nicht gerade heroisch. Und Geburts- tag des Herrn Bundeskanzler – wenn Sie wollen, ist auch nicht gerade heroisch. DH: [DH lacht] Ja. AG: Aber schauen Sie – jetzt nehmen wir mal – gehen wir zurück – 1948. Da gab´s eine wunderschöne Serie „Tuberkulosehilfe.“ Da hat man nicht die Verhun- gerten und die abgemagerten Kinder dargestellt, nein! Sondern wunderschöne Blumen, Alpenblumen. Oder Heimkehrerhilfe: nicht der verhungerte Heim- kehrer, der ausgemergelte. Na. Die Entwicklung des österreichischen Staatswappens hat man als Motiv

genommen. Also so vorbeigegangen

Natürlich waren

die Alliierten dahinter, die haben politische Motive verboten, aber das ist ein zweites Kapitel. Aber, wie gesagt – das ist, wissen Sie, da fängt die Philatelie an:

Die Beschäftigung mit der Marke, die Beurteilung der Marke. Vor allem Drucktechniken – wie sie ausschau-

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en – [2:11:41] Vergleich, internationaler Vergleich. Erinnern Sie sich zurück: Jetzt, Ende der Sowjetunion, Fall der Mauer, Entstehen der neuen Staaten, Zerfall von Jugoslawien, Tschechoslowakei. Das Erste, was sie herausgebracht haben, waren Briefmarken, diese Länder – Baltikum, Tschechoslowakei. Das Zweite

waren Reisepässe. Das Dritte, da gab’s Dokumente. Dann kam das Papiergeld, dann kam das Münzgeld. DH: Mhm. AG: Also, in der Reihenfolge haben sie ihre Selbst- ständigkeit dokumentiert. DH: Also, die Briefmarke an oberster Stelle. AG: Das war das allererste! DH: Ist das nicht auch, weil´s am einfachsten zu ma- chen ist und am schnellsten? AG: Ja, ja, am einfachsten und schnellsten. Da haben´s einfach die bestehenden Bestände genommen und überdruckt. So haben´s die baltischen Staaten teilwei- se – zum Beispiel die Ukraine, gemacht. DH: Wer entscheidet das denn überhaupt, was auf eine Briefmarke kommt? AG: Das ist von Land zu Land verschieden. Das ist in Deutschland ein Künstlerbeirat. Bei uns in Österreich ist das die Post. Die Post… Bis voriges [2:12:41] Jahr saß ich im Philateliebeirat, da haben wir beschlossen, welche Motive kommen, die wurden eingereicht. Jetzt ist diese Entscheidung – der Pölzl lässt sich´s nicht nehmen – ein bisschen abgerückt. Und wir, wir neh- men, was wir kriegen, sagen wir´s so. DH: Aber Sie haben ein bisschen Mitspracherecht? AG: Nicht. Genau das haben wir nicht! Bei dieser ersten Philateliebeiratssitzung bin ich fürchterlich auf die Nase gefallen. Aus folgendem Grund: Ich hab´ mich nämlich vorbereitet, hab´ versucht, dort meinen Standpunkt darzulegen und bin über den ersten Satz nicht hinaus gekommen – und war schon Schluss und Aus. Also, das ist nicht gewünscht, das ist nicht Sinn und Zweck des Philateliebeirates. Wir haben uns dort hinzusetzen und zuzuhören. Und anzuschauen, was präsentiert wird.

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DH: Entscheidet der Pölzl das dann allein? AG: Auch. Offensichtlich – ja. Das sieht man ja bei der jetzigen Serie, die bei den Philatelisten ja ganz schlecht angekommen ist und von vornherein verpatzt war. DH: Was ist das für eine Serie? AG: Na, diese bunten Marken, mit dieser Strichzeich-

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nung [2:13:41] von den modernen Häusern. DH: Hab´ ich noch nicht gesehen, muss ich zugeben. AG: Na, [AG lacht] da haben Sie nix versäumt. Das Lustige an der Geschichte ist das: Die hat ein gewisser Herr Prohaska gezeichnet, hat bis dahin kein Mensch je gekannt. Und abgesehen davon, dass er gewisse Häuser falsch benannt hat, haben die Architekten mit Klage gedroht. Haben sie gesagt: „Da steht groß drun- ter Prohaska, das Haus ist aber von mir.“ Und jetzt erscheint diese ganze Serie noch einmal, mit zusätzli- chen Namen des Architekten. [lachen] DH: Da wird das ganze ja fast zum Politikum. AG: Die Post ist wenigsten so fair und schenkt den Abonnenten die neuen Marken, damit die nicht noch- mal zahlen müssen dafür. DH: Das heißt – die alten dürfen gar nicht mehr ver- wendet werden? AG: Doch, doch, die laufen halt aus. Aber stillschwei- gend untergejubelt kriegen wir jetzt dieselben Marken mit dem Namen des Architekten dabei. DH: Mhm. Welche Marken oder – was für Motive kommen denn gut an bei den Sammlern?

2.14.41

AG: Wir haben… Also grob… [2:14:41] Machen wir´s anders: Wir haben thematische Sammlungen, wo eben das Thema im Vordergrund steht, und wir haben postgeschichtliche Sammlungen. Da gehören die

Ländersammlungen dazu – da ist egal, wo es erscheint, da geht´s ums jeweilige Land, das gesammelt wird von den Leuten. Themensammlungen, da geht´s dann um die einzelnen Motive. Das geht von der Eisenbahn und Schiffen über Blumen und Tiere… wobei Tiere zu groß gewählt ist, das muss man schon spezialisieren. Das geht von Ärzten – also berühmte Persönlich- keiten – Künstler, Gemälde – man kann also ohne

weiteres

mich spezialisieren auf die eines bestimmten Künstlers zum Beispiel. DH: Was ist Ihr Spezialgebiet? AG: Ganz ein anderes, ganz ein anderes. Mein Spezi- algebiet sind die politischen Veränderungen während des Zweiten Weltkriegs. Also die Besetzungsausga- ben [2:15:41] speziell, einerseits von den Deutschen, andererseits auch, wo sich die Länder dann wieder verändert haben. DH: Fehlt Ihnen da noch etwas Wichtiges in der Sammlung? AG: Komplett wird man nie. DH: Nie? AG: Nein, nein, nein, nein, nein. Komplettsammlung gibt’s nicht. DH: Aber wenn man ein spezifisches Thema hat, das grenzt man dann ja ein von einem Datum zum nächs- ten… AG: Aber man wird nicht komplett. Es gibt sicherlich da drinnen Raritäten, wo ich nicht gewillt bin dafür so viel Geld hinzulegen. DH: Wie viel wär´ das? AG: Das geht in die Tausender. Aber das hat keinen Sinn, also, soweit geht meine Liebe zur Philatelie nicht. Aber immerhin, es ist recht interessant, Briefe

Wenn ich heute Gemälde sammle, muss ich

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aus dem zweiten Weltkrieg zu finden. Ich hab einmal ausgestellt – die hab´ ich mir geborgt, die Sammlung von einem Schätzmeister beim Dorotheum. Das waren Briefe, die von Leuten geschrieben wurden – aus dem südböhmischen Raum oder Mähren, kurz vor oder während deren Vertreibung. Da ging die

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Post nach Wien, nach Österreich noch, und [2:16:41] die Tschechen haben die Post dann ja eingestellt. Beziehungsweise mitgeschmuggelt. Die haben´s nach Ostdeutschland geschickt und von Ostdeutschland nach Wien, über solche Umwege – das ging. Da hab´ ich drei Nächte durchgelesen! Und da wird´s dann – dass man so Sachen sucht und sich damit beschäftigt – da wird´s dann interessant. DH: Also, wenn Sie Briefmarken aus dieser Zeit krie- gen, dann ist das meistens mit dem Brief? AG: Ja. Das hat sich überhaupt in letzter Zeit etwas gewandelt. Die Briefmarke als solches, da sie ja als Massenware gehandelt wird, wird in erste Linie als komplettes Dokument gesammelt. Also, so wie der Brief damals aufgegeben wird, zur Post gegeben wurde. DH: Also mit Stempel? AG: So wie sie ist. Als Brief.

2.17.41

DH: Weil – mir ist mal gesagt worden, wenn [2:17:41] eine Briefmarke einen Stempel hat, dann ist sie nix mehr wert. AG: Das ist nicht wahr, das ist nicht wahr. [DH lacht] Es gibt also Briefmarken, gestempelt sind die Auk-

tionsstücke. Das gibt´s auch. Ich denk´ nur an die Schweiz. Bei uns weniger, in Österreich. Aber auch da, also aus Zeiten der Monarchie, gibt´s genügend Mar-

ken, die postfrisch

Weltkrieges, wo so endlos lange Serien mit dem

– speziell gegen Ende des Ersten

Kaiserkopf erschienen sind für Rumänien, für Italien – Feldpostausgaben, die kein Mensch gebraucht hat. Das waren reine Spendenmarken. Die sind nie nach Rumänien gekommen, dort runter, nie nach Italien. Zumindest wenn, dann nur ganz teilweise. Und da sind die gestempelten gesuchter als das Zeugs, das hier am Fleischmarkt oder in der Wollzeile damals verkauft wurde als Kriegsspende. DH: [2:18:41] Wo kriegt man dann so was her – einen Brief von sagen wir 1918 inklusive Briefmarke – an sich? AG: Ich hab´ zum Beispiel mal ein Zeitdokument – bisschen auszuholen – ich hab´ mal eine Postkarte gefunden, eine simple Korrespondenzkarte aus dem Generalgouvernement, kennen Sie das? Das war im damaligen Polen. Polen ist ja dann dreigeteilt worden, die Hälfte hat sich Russland unter den Nagel gerissen, entlang der Curzon-Linie – bis heute noch. Und die übrige Hälfte wurde wieder aufgeteilt. Direkt dem Deutschen Reich angeschlossen, das ist das Gebiet rund um Posen gewesen. Und der Rest Polens, rund um Krakau, Warschau, Radom, das war das General- gouvernement. Die hatten wunderschöne Marken, fantastische Marken, und weil die Marken eben so schön sind, sind relativ viele übriggeblieben. Und da [2:19:41] hab ich mir ein Packerl gekauft, und da waren mehrere an den Herrn Horner in der Prinz- Eugen-Straße. Hat sich herausgestellt, das war damals die türkische Botschaft. Und da schreibt einer, er fleht um Hilfe, denn die haben die Nachricht bekommen, sie müssen demnächst ins Ghetto übersiedeln, und das will er nicht. Die Karte wäre unscheinbar, wäre längst weggeworfen worden und im Altpapier gelandet, hätte sie nicht so einen schönen Briefmarkeneindruck. Und

wäre längst weggeworfen worden und im Altpapier gelandet, hätte sie nicht so einen schönen Briefmarkeneindruck. Und

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das hat uns diese Karte erhalten. Es sind mehrere gewesen, die nächste kam dann schon aus Lemberg, aus dem Ghetto. Und aus Auschwitz hat’s ja keine Post gegeben. DH: Sie sagen, Sie haben die „gefunden,“ aber, wo findet man so was? AG: Ja! Wo findet man so was! Das sind Nachlässe, die oft kofferweise auftauchen. Die man erst lüften

2.20.41 muss, dass der Kellermief vergeht. Aber [2:20:41] es ist relativ viel, aus manchen Perioden fast alles. Also fast alles, was eine Briefmarke trägt, ist aufgehoben worden. Und die eine, bin ich überzeugt, ist deswegen aufgehoben worden, weil die Briefmarke sehr schön ist. Zeigt den Innenhof des damaligen deutschen Hau- ses mit dem Kopernikus-Denkmal. Drucktechnisch wie gesagt hervorragend, weil es ist „Made in Austria“, in Wien gedruckt. Und so bleibt das erhalten. DH: Und solche Sachen stellen Sie im Vereinslokal aus? AG: Nein. Wir stellen es nicht aus, dafür haben wir den Platz nicht. Da gibt´s große Ausstellungen. Wettbewerbsausstellung. 2008 war die letzte große im Austria Center. DH: Wettbewerbsausstellungen? AG: Das sind Wettbewerbsausstellungen. DH: Wo eine Briefmarke mit der nächsten… AG: Naja, es gibt Klassen: nationale, internationale… DH: Und da konkurrieren die Sammler miteinander? AG: Ja. DH: Nach welchen Kriterien? AG: Da sind… Bitte? DH: Nach welchen Kriterien? AG: Naja, das sind ausgebildete Juroren. Das wird also ganz genau, mit verschiedenen Punktesystemen

– ziemlich komplizierte Geschichte – beurteilt. Und, damit Sie sich vorstellen können – vom Umfang – das geht – Ausstellungsfläche 3000 Quadratmeter aufwärts etwa. DH: Wow, das ist ziemlich groß. AG: Ja. Also, die Sammlungen werden in so quadrat- metergroßen Flächen, in Rahmen, aufgebaut. Damals in Wien, glaub´ ich, waren´s 5500 Quadratmeter. Das sind fünf große Schrebergärten. DH: Das ist sehr groß, ja. AG: Ja! Nur senkrecht stehend, an der Wand. DH: Steht dann neben jeder Marke ein Zettelchen mit der Geschichte der Marke? AG: Na, also die Sammlung muss aufgebaut sein, die muss logisch sein, mit Sammlungsplan. Nur die Marke ausstellen, das [2:21:41] ist zu wenig. Man muss die Arbeit, die dahinter steht, und den geistigen Aufbau, erkennen können. DH: Eine Frage muss ich stellen, die ist sehr aufgelegt:

Was ist Ihre teuerste Briefmarke? AG: Danach fragt keiner. Danach fragt keiner. Wenn er sie einmal hat, dann ist das uninteressant. DH: Ich formulier es um. Sagen wir: die, für die Sie damals am meisten ausgegeben haben? AG: Ja, ja. Interessant ist die Marke nur dann, wenn man sie kaufen will. Für die, für die ich am meisten ausgegeben habe, das darf ich meiner Frau gar nicht sagen… Die ist so unscheinbar. Das ist eine franzö- sische Freimarke, die beim Einmarsch der deutschen Truppen überdruckt wurde und für die damalige Landespost gegolten hat. Heut würd´ ich´s mir nicht mehr kaufen. Weil der Wert der Marken ins Boden- los gesunken ist. Weil eben so viel am Markt ist. Ich kann Ihnen nur eins sagen, ich hab in meiner Jugend

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[2:22:41] von der Sammlung „Erste Republik“ ge- träumt. War für mich damals unerreichbar, unmöglich. Das kann ich heute spielend an einem Nachmittag bei uns im Vereinslokal kaufen. Und muss mich gar nicht finanziell sehr anstrengen. DH: Wie viel hat die überdruckte Marke gekostet? AG: Das hat mir damals wehgetan. Das ist allerdings schon 25 Jahre her und hat damals 5000 Schilling gekostet. Das war, naja, ich hab´ ein bisschen besser verdient, das muss ich dazu sagen. Weil sonst hätt´ ich´s meiner Frau vom Wirtschaftsgeld nicht abzwi- cken können. [DH lacht] Aber das war ein gutes hal- bes Monatsgehalt. Also, ich würd´ es heute nicht mehr tun. Also, bitteschön, hie und da schau´ ich mir die Marke noch an, sie liegt drinnen im Album, ich war damals wahnsinnig stolz drauf. Und ja, sie ist heute

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auch noch ein Aufputz. [2:23:41] Aber ich würd´s heut nicht mehr tun. DH: Was sagen die Frauen generell dazu, zum Sam- meln? AG: Ja, was sagen die Frauen? DH: Ist es generell ein männlich geprägtes Hobby, oder? AG: Wir sind – von den 13.000 Sammlern in Öster- reich sind keine 200 Frauen. Also, das ist ein männero- rientiertes Hobby. Ginge allerdings ohne die Toleranz der Frauen nicht. Also, die müssen das schon tolerie- ren. DH: Toleranz. AG: Ja. Einerseits sind sie schon froh, dass Sie Sonn- tagvormittag weg sind, da haben sie die heilige Ruhe, aber dann kommen die Männer nach Hause, und dann muss das Essen am Tisch stehen. Also, wenn da die Frauen nicht mitmachen – der engagierten Philate-

listen – dann würde das Hobby nicht funktionieren. Schauen Sie, wenn wir jetzt zurück schauen: [2:24:41] Briefmarkensammeln ist so alt wie die Briefmarke selber. Also, die ist gleich von Anfang an gesammelt worden – und gefälscht worden. DH: Wie alt ist die Briefmarke? AG: 1840 in London die erste, in England. Dann kam´s sukzessive. In Österreich hat man ja andere Sorgen gehabt als Briefmarken einzuführen, in der Metternich Ära. Dann haben sich die Postpächter noch dazu geweigert, es war nämlich eine Vereinheit- lichung und Vereinfachung. Und 1850 kam die erste Serie. Detail am Rande: Es ist damals so viel gedruckt worden, dass in der gesamten Monarchie der Brief- markenvorrat zwei Jahre gereicht hätte. Er war in drei Monaten ausverkauft. Das heißt, sehr viel haben sich die damaligen Postpächter unter den Nagel gerissen und den Fiskus [2:25:41] geschädigt. DH: Also, das waren die ersten Sammler? AG: Nein, nein. Das waren die Postillione, die den Brief befördert haben von A nach B, und nicht an den Fiskus abgeliefert haben sondern in die eigene Tasche gesteckt haben. Da haben sie sich also lange gewehrt, aber 1850 kam auch bei uns die erste Briefmarke. Wir waren ein bisschen später dran, die Bayern waren vor uns, die Schweizer Kantone – Zürich war vor uns zum Beispiel. Aber das war ein, zwei Jahre. 1848 – Revo- lution, wer hat denn da an Briefmarken und solche Scherze gedacht? 1850 war´s dann so weit. DH: Ihr Vereinslokal ist Zur Spinnerin 37. Was, glau- ben Sie, hat Ihr Verein für eine Bedeutung für den Bezirk? AG: Wir, ha! Für den Bezirk… Wir haben vor zwei Jahren [2:26:41] unser achtzigjähriges Jubiläum im

den Bezirk? AG: Wir, ha! Für den Bezirk… Wir haben vor zwei Jahren [2:26:41] unser achtzigjähriges
den Bezirk? AG: Wir, ha! Für den Bezirk… Wir haben vor zwei Jahren [2:26:41] unser achtzigjähriges

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Wasserturm oben gefeiert. Und die Frau Bezirksvor- steherin, die Frau Mospointner, war uns besuchen. Und wie sie sich die Ausstellungsobjekte angeschaut hat – Alt Favoriten, Wien – wir arbeiten auch mit dem Bezirksmuseum eng zusammen, wir kennen uns gegenseitig –, da ist ihr erst bewusst geworden, welche Bedeutung wir da oben eigentlich haben. Von unseren 400 Mitgliedern sind, kann man sagen, 200 aus Favori- ten. Der Rest rekrutiert in Meidling, Liesing, Umge- bung. Und bedingt durch die Tangente haben wir jetzt auch einen starken Zulauf aus dem 22. und 3. Bezirk, weil die über die Tangente herüberkommen. DH: Aber alles Altwiener, kann man sagen? AG: Wir haben – ältere Leute mit Migrationshin- tergrund haben wir. Wir haben Polen, Jugoslawen,

2.27.41 Tschechen, die wir [2:27:41] allesamt als Dolmetscher natürlich benützen, wenn wir fremdsprachige Belege bekommen, und die sich seit Jahrzehnten bei uns eingelebt haben. Aber nur, wie gesagt, an die Migrati- onsjugend, da kommen wir nicht heran. DH: Was glauben Sie, wie sieht dann die Zukunft des Vereins in 15, 20 Jahren aus? AG: Das ist ein Problem. Wir haben nicht nur Nach- wuchsprobleme, was die Jugend anbelangt, sondern auch mit den Funktionären. Speziell im Verband. Viele Vereine in Wien, nicht nur in Wien, sondern auch in den Provinzen, müssen schließen, weil sie niemanden finden, der im Stande ist, so einen Verein zu führen. Wie gesagt, 400 Leute und eigenes Heim – wir haben noch dazu ein Buffet, ein bewilligtes Buffet. Wir zah- len Kammerumlage, sind allerdings steuerbefreit, wie

AG: Ja, ja, ja, ich dürfte einen Würstelstand eröffnen! DH: Haben Sie mal einen Würstelstand gehabt? AG: Nein, nein, nein. Nie. DH: Nur die Konzession? AG: Darum dürfen wir auch keinen Wein verkau- fen. Nur Getränke in geschlossener Form. Also Bier, Fruchtsäfte und kleine Speisen. Haben wir vom Ma- gistrat die Bewilligung. Also. Außerdem schreib´ ich viermal im Jahr eine Zeitung. Allgemein über Vereins- nachrichten. Wir kriegen Spenden. Warum spendet der? Weil er sich gern in der Zeitung liest. Warum schreibt der uns Kartengrüße aus der ganzen Welt? Weil er sich gern in der Zeitung liest. Noch dazu: Wir haben Generalversammlung – wir müssen einladen. Das geht mittels Zeitung. Wir müssen das Protokoll verschicken [2:29:41], als Verein: Das ist die zweite Nummer. Wir müssen Weihnachtsgrüße schicken: Das ist die dritte Nummer. Und die vierte Nummer, die füllt eben das Sommerloch. DH: Ja. AG: Aber, es gehen sich immer zehn eng beschriebene Din A4 Seiten aus. DH: Mhm. AG: Das mach´ ich seit 1982. DH: Das ist schon lang. AG: Ich schau´ mir die Augen aus, wer das nach mir machen könnte. Wenn ich eines Tages aufhören muss… Und das wird --- in den nächsten vier, fünf Jahren wird mal Schluss sein. Werden wir sehen, wie es dann weiter läuft. Die größeren Probleme, die ich habe: Wer führt den Verein weiter? Sie müssen ja für das Buffet sorgen, für die Reinigung, Restaurierungen, und und und. DH: Wär´s dann nicht ein Anreiz, in eine Schule zu

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gehen? AG: Wird gegangen, wird gegangen! Ich war auch.

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[2:30:41] Ich selber war auch. Allerdings dann nimmer im 10. Bezirk. Wir haben jetzt auch vom Verband Ös- terreichischer Philatelistenvereine ein neues Jugend- konzept und gehen in die Schulen. Das hat begonnen im Gymnasium drüben in der Krottenbachstraße, da hat das einer gemacht. Auch unsere Jugendgruppe, die wir betreuen, ist in einer Schule in Stockerau und in einem kleinen Nebenort von Stockerau. Also, wir ge- hen auch in die Schulen. Und Philatelie wird teilweise „unterrichtet“ – unter Anführungszeichen. Also, den Kindern wird über die Briefmarke das Lernen beige- bracht. Ich selber zum Beispiel bin mal angeschrieben worden, da gäbe es eine Briefmarke mit dem Py- thagoräischen Lehrsatz. Die gibt’s wirklich, ist eine griechische. Die habe ich dann auch aufgetrieben und ihnen geschickt. Also, wenn man da eine Marke hat…

2.31.41

Da wird [2:31:41] versucht, dass man das gleich in Form eines kleinen Unterrichts, oder nicht-merkbaren Unterrichts vermengt. DH: Spielerisch eher. AG: Spielerisch eher. Wenn´s eine Briefmarke haben mit Viktor Kaplan, natürlich, kommt die Kaplan- Turbine herein. „Warst schon mal im Technischen Museum? Da steht eine davor.“ Und und und. Also, das ergibt sich dann zwangsläufig. Aber es wird unter- richtet in den Schulen. Die Kinder nehmen das sehr gern an. DH: Aber sie fangen nicht an zu sammeln? AG: Doch doch doch. Doch doch doch. DH: Ach so, schon? AG: Ja. Aber das ist Sammeln! Und sie beschäftigen sich nur mittelbar mit den Marken.

DH: Aber sie sind dann nicht richtig im Verein tätig? AG: Nein. Dann haben sie auch die Motorik noch nicht, mit der Pinzetten umzugehen. Also, Briefmar- ken werden prinzipiell mit Pinzetten angegriffen. Wie wollen Sie so ein Papierl nehmen? Also, da fehlt´s noch, das kommt dann aber schön langsam. DH: Mhm. Gibt´s noch etwas, was Sie mir über den Bezirk oder den Verein sagen wollen? AG: [2:32:41] Bezirk? -------- Meine Aufgabe bei der WIPA, das war die große internationale Ausstellung 2008 im Austria Center, war „Wien und seine Bezir- ke.“ Also, das lässt sich natürlich philatelistisch wun- derbar belegen. Innenstadt, dann Eingliederung der Vorstädte, Eingliederung der Vororte. 1874 Favoriten als erster Bezirk außerhalb der Linien. DH: Das kann man alles über Briefmarken nach- schauen? AG: Das kann man. Stempel natürlich. Abgestempel- te Marken. Wir waren damals eingeladen, 100 Jahre Postamt in der Buchengasse, das war Favoriten zwei. Ich war dort eine ganze Woche mit dem Verein. Sie sehen auf unserem Emblem, wir haben die Spinnerin, und wir haben den Wasserturm als unser Vereinsemb- lem. [2:33:41] Unser internes Logo, wenn man so will. DH: Gibt’s eine Briefmarke mit ihrem Logo? AG: Ja gibt’s auch, gibt’s auch. DH: Echt, gibt’s? AG: Ja, seit 2003 kann sich ja jeder eine Briefmarke machen lassen. Brauchen Sie nur ins Internet gehen – „Meine Marke“. DH: Ach so. AG: Ja ja, fotografieren Sie. Könne Sie jederzeit, auch die E-Postkarte, können Sie sich selber eine Postkarte machen lassen.

2.32.41

2.33.41

DH: Mhm. AG: Und wir waren der erste Verein, der so eine per- sonalisierte Marke hat machen lassen. DH: Hängt das dann noch mit der Post zusammen? AG: Ja, das war damals, der Dr. Haas hat das erfun- den. Das war anfangs geplant für Großfirmen. Dass Großfirmen also ihre Sendungen mit diesen Marken

2.34.41

frankieren. [2:34:41] Deshalb war die Versuchsphase

20.000

Stück mindestens.

DH: Das ist ja riesig. AG: Ja, das ist riesig. Die Briefmarke hätte demnach ungefähr einen Euro gekostet. Also, 20.000 Euro – das ist ein Vermögen. DH: Das wird nicht so oft gemacht worden sein. AG: Ich hab´ sie wenigsten hinuntergedrückt auf die Hälfte. DH: Mhm. AG: Wir haben dann 10.000 Stück gemacht, haben

12.000

gebraucht, mussten nachbestellen. Und das war

sozusagen der Versuch, ob die Philatelie auf diese per- sonalisierten, selbstgemachten Briefmarken einsteigt. Und sie ist eingestiegen, also ohne dem ginge es heute überhaupt nicht. Das finden Sie auf jedem Postamt. Brauchen Sie nur aufs Postamt gehen, da haben Sie diese Bücher, diese bunten Bücher, und da finden Sie diese personalisierten Briefmarken drin. DH: Was ist das mindeste, das ich mir drucken lassen kann? AG: Das mindeste, glaub ich --- sind --- hundert Stück? Ja.

2.35.41

DH: Das könnt ich mir selbst [2:35:41] also mit einem Bild von mir leisten? AG: Ja, aber es muss nicht mal sein. Es gibt Veran- staltungen, Ausstellungen, das ist die Numiphil, die ist

jedes Jahr vor Weihnachten im Kursalon, da gibt es die Briefmarkenstraße. Da können Sie sich zwanzig Stück auch kaufen. Da werden Sie fotografiert an Ort und Stelle, und fünf Minuten später haben Sie so einen Bogen mit Briefmarken mit ihrem Konterfeit in der Hand. [DH lacht] Das kostet, glaub´ ich… so um die 1,20 Euro herum, weil die sind steuerpflichtig.

[2:36:01]

2.36.01

Robert Prokop (Pastor, Christliche Internationale Gemeinde – cig) Mary Prokop (Member Care Director, Bibellehrerin, Frauendienst- und Jugendleiterin, cig) 20.4.2012, 15:30, Büro im Dachgeschoß der cig, Leebgasse 34

TW: Worüber würden Sie gerne sprechen? RP: Ihr Ziel ist – Information? TW: Das Gespräch sollte sich darum drehen, was hier passiert. Sehr unmittelbar hier oder – auch im Bezirk, in der Straße, ganz wie Sie wollen. Es kann aber auch ein anderes Thema sein, wenn Sie sagen, Sie würden lieber über das diskutieren, weil das ist wichtiger [2:37:01], könnten wir auch das tun. RP: Wer wird das lesen oder hören? TW: Aus diesen zehn Gesprächen wird ein kleines – es wird kein Buch –, so eine gebundene Publikation, wo

2.37.01

diese zehn Gespräche alle – eins zu eins, ohne Kür- zung – abgedruckt nebeneinander sind. Und es liegt

auf – da weiß ich noch nicht genau – entweder in der

Ausstellungszentrale in der Gebietsbetreuung

wird es in ein oder zwei Exemplaren geben, nur als Buchobjekt, nicht massiv jetzt gedruckt. Man kann es nur in der Ausstellung anschauen und dort lesen. MP: Mhm. RP: So. Jemand nimmt das Buch, und darin steht

Verschiedenes über den Bezirk? MP: Interviews. TW: Genau, es sind nur Interviews. Zehn Interviews. Ja, genau. RP: Was würden Sie raten, worüber wir reden sollen? TW: Bffff. RP: Unsere Geschichte, unsere Ziele, unsere Zwecke?

Das

2.38.01 TW: [2:38:01] Mich würde das alles interessieren, zum Beispiel. Wenn Sie mich fragen, was mich interessiert, würde ich sagen: Mich interessiert sehr, was Sie hier

machen. Ganz einfach

MP: Mhm. RP: Ok. TW: Ja? RP: So. Wir sind eine internationale, überkonfessio- nelle, evangelikale – nein, nicht evangelikale, na MP: Freikirche. RP: Freikirche. Wir sind eine überkonfessionelle, internationale Freikirche. TW: Mhm. RP: Das heißt, wir haben Mitglieder aus ungefähr 25 verschiedenen christlichen Gemeinschaften. TW: Mhm. RP: Methodist, Presbyterian, Catholic, Baptist, Pfingstgemeinde, Charismatiker, Konservative. Wir

Wenn Sie´s erklären wollen.

sind eine [2:39:01] große Mischung. TW: Mhm.

2.39.01

RP: Wir sind nicht einkonfessionell, wir sind nicht Baptisten oder Pfingstler, wir sind eine Mischung von allem. Das ist auch ein bisschen, wie sagt man, eigenartig TW: Besonders? RP: Ja, besonders. TW: Mhm, mhm. Special.

RP: Ja. Und dann

des Christentums zu behalten, die eine Seite ebenso zu respektieren wie die andere. Wir sind nicht mit allem einverstanden, aber wir respektieren es. Wir sa- gen: Wir nehmen das Gute von allen, und wir richten niemanden. TW: Mhm. RP: Die sind mehr emotional – ist ok. Die sind mehr traditionell – ist ok. Die sind eher auf Gebet oder Hei-

lung oder das oder das oder das – und wir versuchen,

das Beste

Christentums, auch Katholiken. TW: Mhm. RP: [2:40:01] Und dann, auf der anderen Seite, kommen unsere Mitglieder aus 25 verschiedenen Nati- onen. Und – ich kann sie nennen: aus Finnland, aus Deutschland, aus Korea, aus Kenia, aus Indonesien, aus Südamerika auch – und überall. Und MP: Wir haben eigentlich angefangen 1985, in unserer Wohnung, mit einer kleinen Bibelrunde. TW: Auch in Wien schon? MP: Nein, in Baden, wir haben damals in Baden gewohnt. RP: Beim Flüchtlingslager. MP: Ja.

Wir versuchen das volle Spektrum

Und wir haben Leute aus allen Ecken des

2.40.01

TW: In der Nähe vom Flüchtlingslager? RP: Ja, wir haben mit ein paar Flüchtlingen angefan- gen, und dann sind Österreicher dazugekommen. MP: Und weil dann eigentlich alle aus Wien gekom- men sind, sind wir nach etwa einem Jahr nach Wien gezogen und haben das noch immer bei uns in der

2.41.01 Wohnung gehabt. Und dann [2:41:01], nach – weiß ich nicht – ein paar Jahren, waren wir zu RP: Wir waren fünfzig Leute in der Wohnung. [TW, MP lachen] Das war zu viel. TW: Zu viel, ja. RP: Und dann haben wir eine kleine Werkstatt genommen im Keller, siebzig Quadratmeter, und dort waren wir dann mehr als hundert Leute im Keller. MP: Wir haben das renoviert, das war eine Werkstatt. RP: Siebzig Quadratmeter, sehr klein, aber mit einer Küche. TW: Mhm, mhm.

RP: Und dann war es ganz voll, und

CVJM gegangen und haben das gemietet TW: Zum was gegangen, Entschuldigung? RP: CVJM – Christlicher äh MP: … Verein junger Männer. Es ist in der RP: … Kenyongasse MP: … Kenyongasse, ja RP: Wir haben das für fünf Jahre gemietet, aber es war schmutzig, es war keine schöne Atmosphäre in dem Gebäude. Dann mit MP: Would you quit doing that? It´s going to make a noise TW: Don´t worry, I think it´s ok.

Wir sind zum

noch immer hundert Leute nach fünf Jahren, es war schwer zu wachsen da – es gab keine Räumlichkeiten für die Kinder oder für Aktivitäten nachher, für einen Tee oder einen Kaffee. Wir haben die Idee gehabt, ein größeres Objekt zu nehmen, und dann haben wir dieses Haus gefunden. Aber die Miete war zu teuer, also haben wir gedacht, wir müssen noch etwas dazu machen. Und jemand hatte die Idee, dass wir viel- leicht einen Kindergarten dazu machen. Also haben wir auch einen Kindergarten. Wir nutzen die Räume zu neunzig Prozent zweimal [2:43:01], am werktags hat der Kindergarten neunzig Prozent des Hauses, und am Wochenende, Samstag nach drei Uhr und am Sonntag haben wir neunzig Prozent des Hauses. Und wir nutzen fast alle Räume des Kindergartens für die Sonntagsschule. TW: Sonntagsschule gibt’s auch, ok. RP: Ja, wir haben an die sechzig Kinder.

2.43.01

MP: Es ist so wie ein Kindergottesdienst, geeignet für ihr Alter. TW: Mhm, mhm. RP: Die Kinder sind in kleinen Gruppen

MP: … gleichzeitig

ja, gleichzeitig

RP: Sie lernen Geschichte, sie singen, dafür gibt es

 

besondere Lehrer. Wir sind in dieses Haus mit 110 Leuten gekommen, und jetzt sind wir ungefähr 400 Leute. Wenn jeder auf einmal kommt, sind wir 450, am Sonntag kommen 360 oder so zum Gottesdienst

[2:44:01].

2.44.01

TW: Mhm.

RP: Und das ist

Wir sind 1998 hierher gekommen,

sind also seit 14 Jahren hier, und --- TW: Das ist ein schöner Erfolg. MP: Ja.

RP: Und 2005 haben wir das Haus gekauft, es war eine Tanzschule im Erdgeschoß, die sind raus, und so- fort nachdem sie ausgezogen sind, haben wir das Haus gekauft. Das war ein großer Schritt, weil wir die Bank überzeugen mussten – Es war – ein Wunder. Dass wir das Haus gekauft haben. Und danach haben wir ande- re Projekte begonnen, zum Beispiel in Liberia. TW: Liberia, ich hab´s auf der Webseite gesehen. RP: Ja. Und seit

TW: Ist das eine Mission – mehr oder weniger?

2.45.01

RP: Ja. Seit [2:45:01] 2010, seit 2009, ja. Im März sind wir das erste Mal TW: Sie haben eine Reise dahin gemacht? RP: Wir waren eingeladen, Liberia zu besuchen, und dann haben wir – CRCA, das heißt Christliche Revival

Church Association von Liberia

Und die hatte ich

überhaupt nicht gekannt, die haben uns eingeladen, wir sind in den Dschungel gefahren. Und das war ein

Abenteuer, ich hab´ das überhaupt nicht erwartet.

Und wir waren auf dem Weg zum sata

– wie sagt

man? – most satanic Dorf in Liberia. TW: Mhm. Warum war das satanisch? RP: Die haben – ah – Leute MP: … Menschenopfer RP: … Menschenopfer gemacht

2.46.01

TW: [2:46:01] Oh. MP: … vor ein paar Jahren TW: Im Bürgerkrieg, oder? RP: Dieses ganze Gebiet ist berühmt für Menschen-

opfer, ich hab´ Fotos von dem Altar, wo die Leute ge-

opfert haben. Das war

gehabt, dorthin zu fahren. Und Dennis Aggrey – er ist der – Direktor von CRCA, er hat so achtzig Pastoren und hat fünfzig Gemeinden gegründet, er ist dorthin

Die Liberianer haben Angst

gegangen mit zehn Leuten und hat das Dorf besucht.

Und dann

Der Älteste hat gesagt: „Ich habe gebetet,

dass Gott jemanden schickt.“ Aber er hat das nicht so- fort gesagt. Dennis ist gekommen und hat gesagt: „Wir möchten etwas für euch tun. Wir können Zinkdächer für euch machen.“ Wenn es dort regnet, [2:47:01] dann

2.47.01

regnet es sehr stark und ist ziemlich kalt am Berg, es liegt auf einem Berg. Er hat das für sie gemacht, sie haben mit einem Helikopter die Dinge reingebracht, und die Leute haben es selbst gemacht, sie haben es gezeigt, wie es geht. Und sie waren danach so zufrie- den. Dann hat Dennis gefragt, ob sie noch was tun könnten. Und der Älteste hat gesagt: „Ja, ihr könnt eine christliche Gemeinde für uns bauen --- Weil ich habe eine Vision“ – oder gebetet – „und Gott hat mir gezeigt, dass jemand kommt mit der Wahrheit. Und das bist du.“ Und dann haben wir das Dorf evangeli- siert. Ich habe eine zweite Reise dorthin gemacht, und jetzt hat das Dorf viele [2:48:01] Tochtergemeinden und ist so ein --- Light on the Hill TW: Ein Licht am Hügel? RP: Am Hügel, ja, für die ganze Gegend. Und jetzt

2.48.01

gehen wir

– 14 Jahre war Krieg – und durch den Krieg haben die Leute erkannt, dass Hexerei niemanden vor dem Krieg schützt. TW: Mhm. RP: Die Soldaten sind gekommen und haben alle getötet, auch die witch doctors. TW: Mhm. RP: Sie haben Schutz und Kraft verloren, obwohl es Kraft in der Hexerei gibt. Die Soldaten sind zu den witch doctors gekommen, um Schutz zu bekommen, einen Segen, damit sie nicht sterben

Alle anderen Dörfer, die in dem Krieg

TW: Damit sie unsterblich RP: … unsichtbar sind im Krieg. TW: Mhm.

2.49.01

RP: [2:49:01] Und für eine Zeit, haben sie gesagt, konnten sie nicht erschossen werden. Aber nach eini- ger Zeit ist dieser Schutz immer schwächer geworden. Diese ganze Gegend ist derart bereit für etwas Neues. Sie leben in Armut, die witch doctors haben den Leuten verboten Kleider zu tragen, also müssen sie in

der Kälte nackt schlafen, auch in der Hütte. Wir sind gekommen mit Kleidern, guter Nachricht und Hilfe, mit allem Möglichen. Wir machen Brunnen, bauen in

2.50.01

der Gemeinde [2:50:01] Häuser, eine Schule und jetzt auch eine Klinik. An der Grenze von Guinea und Li- beria, genau an der Grenze, hundert Meter, eigentlich ein bisschen mehr, 500 Meter von der Grenze bauen wir eine Klinik. Es gibt keine in der Gegend, auf der anderen Seite der Grenze ist zwar ein großes Dorf, Fassangouni, und auf dieser Seite, Kpasagizia, das sind zwei sehr große – 8000 und 4000 Menschen, und es gibt keine Klinik in der Nähe. Das ist für unsere cig-Gemeinde – wir haben dieses Dorf in Liberia adoptiert. TW: Wie heißt das Dorf noch einmal? RP: Es heißt Kpasagizia. TW: Pasageesia.

2.51.01

RP: Mit k – [2:51:01] K-pasagizia – aber das „K“ ist

leise. Und Kpasagizia

TW: Und das schaffen Sie nur aus der Gemeinde heraus? MP: Wir arbeiten mit CRCA, die haben Leute vor Ort. RP: CRCA ist – the spearhead TW: Die Speerspitze

Und in dem Dorf

RP: Und wir kommen hinterher. Die haben Leute, die die Sprache sprechen. Wir sind die Unterstützung. Und dann haben wir ein Grundstück mit CRCA ge- kauft, ein Grundstück in Liberia. Das ist – ah MP: … in der Nähe von Monrovia. RP: Und das nutzen wir, um die Leute darin zu trai- nieren, wie --- MP: Landwirtschaft. TW: [2:52:01] Mhm, mhm. RP: Man würde denken, sie kennen sich aus. Aber in Wirklichkeit kennen sie sich nicht aus. TW: Mhm. RP. Und dann --- Und Festus arbeitet für Österreich, die Regierung MP: Er ist von der Gemeinde und er arbeitet als RP: Er ist aus Nigeria, aber er ist Wissenschaftler MP: Agrar.

2.52.01

RP: Und er – ahm – er hat diese

[RP zeigt ein Video

auf seinem Laptop] – Das ist eine Stunde von MP: Das ist Festus. RP: Zwanzig Hektar.

 

TW: Mhm. Da machen Sie so eine Musterfarm, oder? RP: Ja. MP: Wir trainieren die Einheimischen, sie brauchen Know How. RP: [2:53:01] Zum Beispiel MP: Ja. RP: … achtzig Prozent ihrer Hasen sterben. Und keine von unseren sind gestorben. TW: Woran liegt das?

2.53.01

RP: Festus hat einen von Wind

Die Leute haben keine Ahnung

MP:

oder

Sonne

RP:

Sonne,

oder irgendetwas.

MP: What are they building here? RP: Sie bauen eine Scheune für die Ziegen. MP: Zuerst haben sie einen Hasenstall gebaut. RP: Und es gibt Schlangen. Und die Idee war, eine Scheune zu bauen, einen Meter hoch, mit Plastik

2.54.01

TW: [2:54:01] … damit die Schlangen abrutschen. RP: Festus hat auch mit Sierra Leone gearbeitet. Wenn man Ananas, no, Mangos in Sierra Leone kauft – das ist sein Projekt.

TW: Wirklich? RP: Ja. Er hat sie das gelehrt. MP: Er hilft Ihnen einfach, selbst TW: Mhm. RP: Er will nicht, dass sie abhängig sind. Er macht eine Musterfarm MP: Und er ist auch Ältester in der Gemeinde. TW: Und er lebt aber nicht in Wien, sondern MP: Nein, er arbeitet hier, hat in Innsbruck studiert, eine Familie gegründet TW: … und lebt vorübergehend dort.

2.55.01

MP: Nein, nein, nein, [2:55:01] er war nur RP: Zwei Wochen, er hat das in zwei Wochen ge- macht. MP: Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von Gän- serndorf. TW: Ok. MP: Aber er ist Teil unserer Gemeinde ------- RP: Er hat viele Ideen. Wie sie die Ananas expor-

tieren können, er hat so viel

Hasen von hier nach ganz Afrika schicken

MP: Das ist Michi, er ist auch von uns, er war ein Mo-

nat dort, ist im März zurückgekommen und hat dort in der Schule unterrichtet. RP: Wir bauen gerade jetzt zwei Häuser für die Leute,

Oder: „Wir könnten “

die dort wohnen. TW: [2:56:01] Und das ist nur entstanden aus dieser einen Begegnung, die Sie beeindruckt hat MP: Diese eine Reise. TW: Wahnsinn. Mhm. RP: Ich bin schon vier Mal gefahren, und wir haben jetzt an die zehn verschiedene Teams. Morgen geht ein junger Mann von einer anderen Gemeinde, auch eine Freikirche – er hat gehört, dass wir in Liberia ar- beiten, er war zwei Mal in Äthiopien und hat gefragt, ob er unser Projekt für einen Monat besuchen kann. Insgesamt haben wir also zehn Mal zwischen einem und zehn Personen geschickt. TW: Ist das auch – und ich weiß wirklich sehr wenig über Freikirchen – ist das auch, weil Community Service so ein ganz zentraler, ein zentrales Thema im Glauben auch ist. Hat das [2:57:01] damit zu tun oder ist das … MP: Mhm. RP: Ahm. MP: Ja, soziale Projekte RP: Unbedingt. MP: Wir glauben, dass die Gemeinde nicht nur das Evangelium predigen sondern auch etwas anbieten soll, sozial. Deswegen ist Dennis in dieses kleine Dorf gegangen, in dem ihn niemand wirklich gekannt hat und das angeboten: „Hey, wir können Dächer für euch bauen!“ TW: Mhm. RP: Dieses – das ist ein Überblick über alles, was mir da machen [zeigt ein anderes Video auf seinem Lap- top]. Wir können es einfach laufen lassen. TW: Wer macht diese Filme? RP: Ich habe diesen Film gemacht ------- [2:58:01] Das

können es einfach laufen lassen. TW: Wer macht diese Filme? RP: Ich habe diesen Film gemacht
können es einfach laufen lassen. TW: Wer macht diese Filme? RP: Ich habe diesen Film gemacht

2.56.01

2.57.01

2.58.01

ist Malawu, das satanische Dorf. TW: Malawu.

RP: Nachher kommt auch ein Foto von dem

MP:

Altar

RP:

Altar.

Das ist überall – Hexerei.

TW: Mhm ------------- RP: Sie wurde getötet, weil sie gedacht haben, wir

nehmen sie als Waisin mit. Das wollten wir nicht, aber sie haben das gedacht. Jemand hat ihr Gift gegeben. TW: Was? MP: Das machen sie dort, aus RP: Sie haben sie vergiftet.

MP:

TW: Sie haben gedacht, Sie wollen sie adoptieren RP: Ja. MP: Der andere Mann. TW: Uuuh, oje. Und sie ist wirklich gestorben? RP: Ja ja.

MP: Sie war vier Jahre alt.

RP: Zwei Wochen bevor wir dorthin gegangen sind

– zum zweiten Mal

Eifersucht.

Und Dennis hat gesagt, ein

2.59.01 [2:59:01] Nachbar hat ihr Gift gegeben, weil sie eifer- süchtig war. Sie wollte vielleicht, dass wir – wenn das Mädchen stirbt – ihr Kind nehmen. TW: Ojeoje ----------- RP: Das sind die Leute, die früher alle Leute getötet haben. Und das ist unsere – jetzt – auf dem Hügel TW: The Light RP: Ja ------------------------------------- TW: Das machen Sie dann auch physisch alles selbst? RP: Wir haben MP: Arbeiter

RP:

pro Tag.

aus

Monrovia. Und die arbeiten für fünf Dollar

TW: Mhm. MP: Das ist viel für sie. RP: Sie sind sehr glücklich ------ TW: Mhm, hm ------------ mhm --------------------

[3:00:01] hm --- RP: Das ist Dennis, er ist der Direktor. Die sind sehr weit in den Wald hinein gegangen. Das war sieben, acht Stunden

3.00.01

MP:

zu

Fuß

RP: … zu Fuß, aber sehr schnell. Er ist ein Fußball- spieler, aber er hat gesagt: „Ich bin nicht mitgekom- men.“ Die Liberianer gehen wie Hirsche durch den Dschungel ------------ TW: Mhm, mhm. MP: Er ist auch aus Wien ----- RP: Wir haben zwei Russen mitgebracht MP: Belorus. RP: Und ich bin der Gastprediger ----------------- [3:01:01] --------- In diesem Dorf machen wir jetzt

3.01.01

einen Brunnen, weil sie zur Zeit noch vom dreckigen Wasser aus dem Sumpf trinken müssen ---- Ist fast vorbei ----- Und er ist bei der Pfingstfreikirche TW: Wie kommt´s, dass aus so vielen Bereichen die Leute zu Ihnen kommen – aus so vielen unterschied- lichen Kirchen? Warum kommen sie zu Ihnen und gehen nicht – warum kommen Sie gerne zu Ihnen? RP: [3:02:01] Ahm. Ich glaube, wir sind ein bisschen mehr

3.02.01

MP:

international

RP:

international

zuerst – und ein bisschen mehr

tolerant von ---- differences --- Wir betonen nicht

unsere….

TW:

RP: Wir betonen, was wir gleich haben.

Unterschiede

MP: Ich weiß nicht, manche Leute haben ein Bild von Christen, dass sie sehr eng sind, nicht tolerant und – ja. Und wenn man Jesus anschaut in der Bibel, dann sieht man, dass alle Leute zu ihm hingezogen waren, weil er einfach diese – Annahme ausgedrückt hat. Ja?

3.03.01

Das heißt: [3:03:01] Er war immer mit den Huren und den Söldnern, wirklich dem Dreck der Gesellschaft, und die religiösen Leute waren sehr aufgeregt darüber

die damaligen Anführer

RP: Manche sagen, dass wir wachsen, weil wir alles erlauben. Aber wir erlauben nicht alles. Wir sind nur Wir möchten eine Kultur, wo wir alle umarmen. TW: Mhm. MP: Do you have one of theses cards? --- „Come as you are.“ Unser Motto ist „Come as you are.“ RP: Und wir sind alle in einem Prozess, wie Jesus zu sein. Daher laden wir die Leute dazu ein, in diesen Prozess mit uns zu gehen. TW: Mhm, mhm.

3.04.01

RP: Nicht – wie kann man es sagen [3:04:01] --- Wie ich gesagt habe: Ich will eine [unverständlich]

Gemeinde habe, wo

Wir betonen – wir betonen ---

Freiheit und Verschiedenheit und – ahm – wir finden unsere Stärke darin, dass wir verschieden sind. Keine

enge Gemeinde, wo wir Angst hätten, unsere Kultur

würde überlaufen. Aber wir sind so

Wir wissen, dass

wir glauben. Wir glauben an Jesus, und wir glauben an

an die Freiheit, an die Erlösung.

TW: Ja. RP: Ich freue mich, ich freue mich sehr, wenn Punkers

3.05.01

kommen, und sie lassen [3:05:01] ein wenig von ihrer Kultur hier. Und es freut mich, wenn jemand mit uns singt, der violette Haare hat oder so. Ich freue mich, ich denke, es ist so cool, dass verschiedene Leute – ich

will nicht, dass jeder hier dieselbe Frisur hat wie ich. Da will ich lieber meine Haare wie sie! [lachen] Damit ich ein bisschen meiner Kultur auskomme, meiner natürlichen Kultur. Dass wir an Jesus glauben, er ist der Erretter dieser Welt, und wir betonen eine persön- liche Beziehung mit ihm. Dass ich ihm durch Gnade und Glauben begegnen kann, und jeder soll ihm

durch Glauben begegnen, er ist da. Die Schrift

geschrieben, dass Jesus sagte: „Ich stehe vor dem Tor

Es ist

[3:06:01] und klopfe an. Wenn jemand die Tür öffnet, komme ich rein.“ So bitten wir – wir sagen das immer im Gottesdienst: „Nimm Jesus auf, und fange mit ihm

3.06.01

eine persönliche Beziehung an.“ Das hat nichts zu tun mit unserer Gemeinde, ihr könnt eine andere Ge- meinde suchen, es gibt viele. Findet eine Gemeinde, wo ihr

TW:

euch

wohl fühlt.

RP: Ja. Manche gehen zu den Katholiken, die fühlen

sich wohler in einem contemplative setting. Wir sind nicht einverstanden mit der katholischen Lehre. Mit Maria und so weiter. Aber es gibt viele TW: Ja gerne, danke.

RP:

schöne

Glauben der Katholiken, wirklich

wirklich [3:07:01] gute [unverständlich] des Glaubens,

3.07.01

Priester, die wirklich an Gott glauben und eine gute Arbeit leisten. Wir sind auch tolerant in diese Rich- tung. Jeder, der an Jesus glaubt, ist mein Bruder. TW: Mhm, mhm. RP: So. TW: Kommen auch Leute aus dem Viertel zu Ihnen – aus Favoriten? MP: Viele kommen aus dem zehnten Bezirk. RP: Ich weiß es nicht. MP: Ja.

RP: Unser Hintergrund ist auch ein bisschen mehr konservativ. TW: Ihr persönlicher, meinen Sie? RP: Ja. Und wir möchten mit fortschreitender Reife

3.08.01

mehr und mehr umarmen. Und so [3:08:01] weiter. TW: Und, wenn ich fragen darf: Wo hat Ihr Weg ange- fangen? RP: Ich bin katholisch aufgewachsen, hab´ immer an Gott geglaubt. Mein Vater war in China – Kriegsge- fangener – im Korea-Krieg wurde er von den Chine- sen festgenommen. TW: In China, aha. RP: Danach war er dreieinhalb Jahre in China – in Korea und China. Als er nach Hause kam, hat er meine Mutter geheiratet --- beide sind aus der Slo- wakei – obwohl mein Vater in den USA geboren ist. Und dann --- und dann – er war ziemlich gewalttätig zu Hause. Er hat uns immer verprügelt. Er hat meine Mutter verprügelt. Und dadurch habe ich angefangen

3.09.01

zu beten, auf meinen Knien, dass Gott uns [3:09:01] hilft und uns vor meinem Vater schützt. Seit ich fünf Jahre alt bin habe ich immer Alpträume gehabt, weil mein Vater immer am Abend – alle sechs Wochen hat er das Haus verwüstet. Ich war so – ich konnte nicht schlafen, ich hab´ das immer erwartet, hab´ Alpträume. Und dann mit 18 – ich hab immer auf den Knien gebetet: „Jesus, hilf uns, schütze uns!“ – und dann mit 18 ging ich auf die Uni. Ich hatte mein katholisches Kreuz, eine Frau hat es gesehen und ist zu mir gekommen – sie war so 35, ich war 18 – sie hat gesagt: „Junger Mann, was bedeutet dieses Kreuz?“ Und ich hab´ gesagt: „Es bedeutet alles.“ Und sie hat gesagt: „Kennst du Jesus Christus persönlich? Bist du wiedergeboren?“ Ich hatte keine Ahnung, wovon sie

redet. [3:10:01] Dann hat sie gesagt: „Hast du Zeit um

3.10.01

elf Uhr? Du kannst uns besuchen, wir haben einen kleinen Bibelkreis. Ich bin dorthin gegangen, dann ha- ben die mir erklärt – von Johannes 3 – dass jemand dass man das Königreich nicht sehen kann, bis man wiedergeboren ist vom Geist. Das war so ganz neu, und dann dieser Vers aus der Offenbarung 23 – dass Jesus sagt „Ich stehe vor der Tür und klopfe an und wenn jemand die Tür öffnet komme ich rein – ich hab´ gedacht: „Ok: Jesus will dir begegnen.“ --- wirst du ihn einladen in dein Leben? Ich habe also gebetet: „Jesus, komm in mein Herzen, komm in mein Leben, und schenk´ mir ein neues Leben, ich will dich kennenler- nen.“ Und seit dieser Zeit hab´ ich keine Alpträume mehr. Die sind fort. Und dann am Abend bin ich nach Hause und habe so [unverständlich] [3:11:01], und die nächste Woche darauf haben sie mich gefragt, wie es war, und ich habe gesagt: „Ich bin so – ich hab´ so einen Frieden.“ Sie haben mir gezeigt, dass Frieden die Frucht des Heiligen Geistes ist, und mir gesagt: „Du bist wiedergeboren.“ TW: Friede ist die Frucht des Heiligen Geistes? RP: Liebe, Freude und Frieden sind die ersten drei Früchte des Heiligen Geistes TW: Aha. RP: … die Gegenwart Gottes in deinem Leben. Ich hab´ gesagt: „Ich hab´ das nicht gewusst.“ Sie haben gesagt: „Der Geist Gottes ist jetzt in deinem Leben.“ TW: Mhm. RP: Der Frieden ist das Zeichen. Ich hab´ gedacht:

3.11.01

„Unglaublich, unglaublich!“ Ich habe also ein neues Leben gehabt, und dann habe ich angefangen, das anderen Leuten zu sagen – die waren damit nicht sehr glücklich. Ich war sofort ein Evangelist – ich hab´ gar

nicht gewusst, was das ist. Ich habe nur anderen Leu-

3.12.01

ten meine Geschichte erzählt [3:12:01] und erzähle diese Geschichte seit 35 Jahren. Das Christentum ist nicht etwas, das ich tue. Das Christentum ist eine Begegnung mit Gott. Ich bin ihm wirklich begegnet. Und an diesem Tag war ich – ahm – traurig, und ich war --- dann war ich froh – ich war bitter, dann froh;

ich war unvergeben und schuldig, dann vergeben; ich war, ich war voller Furcht, dann hatte ich Frieden; ich hab´ gehasst, dann war ich voll Liebe. Es war wirklich ein Wandel von einem Tag auf den anderen durch Gott in meinem Leben. So hat es angefangen. Ich war noch in der katholischen Kirche, habe in der Messe

Gitarre gespielt, gesungen, zwei Jahre später

Ich bin

vielen anderen Christen begegnet, die wiedergeboren waren, und die waren nicht Katholiken. Und dann hat

3.13.01

sich eine ganze neue Welt geöffnet: [3:13:01] Es gibt Christen, die große Konzerte veranstalten. Ich war in

Pennsylvania mit 30.000 Jugendlichen im Jahr 1978 und habe gedacht: „Die sind alle Christen wie ich! Unglaublich! Eine neue Welt!“ Und dann habe ich angefangen zu mischen, und dann war ich nicht mehr

nur katholisch, ich war ein Christ. Mit Baptisten. Me-

thodisten, Presbyterianern und allen möglichen

Wir

sind auf die großen Konzerte gegangen, und niemand hat gefragt: „Aus welcher Gemeinde bist du?“ Wir waren lieb zu Jesus. ich liebe Jesus – ich bin ein Christ. Dann haben wir nur mehr gesagt: „Ja, ich bin ein Christ.“ Nicht mehr: „Ich bin Baptist.“ Oder: „Ich bin Pentecoastal.“ Dann bin ich in eine Bibelschule gegan-

3.14.01

gen, drei Jahre, und dann habe ich Mary [3:14:01] 1977 kennengelernt, vier Jahre später haben wir geheiratet, und dann haben wir unser Hochzeitsgeld gespart TW: Ja?

RP: … für eine Reise nach Europa. Und dann haben wir 1985 die Entscheidung getroffen, nach Österreich zu ziehen. TW: Mhm. RP: Dann hatten wir eine kleine Wohnung, eine Woh- nung neben Traiskirchen. Und wir haben gedacht, wir fangen an! Irgendwie. Und wir haben Leute

TW: Weil Sie Traiskirchen so beeindruckt hat? Deswe- gen? RP: Ahm, Traiskirchen war damals sehr lebendig. Es gab 3000 Flüchtlinge, und es war ziemlich leicht, in eine Unterhaltung oder in ein Gespräch zu kommen. Die Leute saßen da [3:15:01], draußen, wir haben einen Büchertisch gehabt, wir waren dort und haben mit Leuten aus Polen und der Slowakei gesprochen. Ich konnte auch ein bisschen Slowakisch, meine Eltern waren von da, das war ein Zugang. Wir haben mit Polen angefangen, dann hat Mary eine Koreanerin in der Schule kennengelernt, ich habe eine Tschechen kennengelernt, einen Slowaken im Deutsch-Kurs, und schön langsam wurden es mehr und mehr – Polen und Slowaken, dann kam ein Österreicher, dann

3.15.01

mehr Österreicher, dann waren wir eine

Jemand hat

gesagt, dass das unmöglich ist: Ein Österreicher und ein Flüchtling würden nie in denselben Gottesdienst kommen. TW: Mhm. RP: Dann waren wir eben eine Ausnahme. Jedes Jahr waren wir zehn Leute mehr. Erstes Jahr zehn – zwan- zig – dreißig. Nach zehn Jahren waren es hundert Leute. Und dann sind wir fünf Jahre nicht gewachsen. Und in diesem Haus [3:16:01] sind wir von 110 auf 400 Leute TW: Kommen aus der türkischen Community Leute

3.16.01

zu Ihnen, oder ist das – ? RP: Ahm – ahm – nicht so, nicht so. MP: Nicht so viele. RP: Nicht so viele, nein --- MP: Ali. Seine Frau. [lachen] TW: Ali, ja.

MP: Nein, sie besuchen eine andere Gemeinde, aber ab und zu sehen wir sie hier. RP: Wir haben Ali unterstützt. Ahm – ich bin ein MP: Tischler

RP:

Meistertischler, ich war ein Zimmermann. MP: Er hat das alles gebaut.

RP: Meine Hände haben viele Narben hier. Von der

[TW lacht] Gestern habe ich bis elf Uhr

Flex – und

am Abend gearbeitet, und um 7 war ich schon wieder da. TW: Mhm. RP: Ich habe hier alles gemacht – diese Wände, alles,

Tischler,

Zimmermann. Mein Vater war ein

3.17.01 was man sieht. Und dann – [3:17:01] ich habe Ali geholfen. TW: Ich kenne das Umbau-Video. [Mary lacht] Das ist super. RP: Ich bin dort hingegangen, ich habe gesagt, gefragt:

„Was macht ihr?“ „Wir renovieren.“ Ich hab´ gesagt:

„Wir renovieren.“ Dschordschi hat gesagt – ich und Ali MP: Georg. TW: Mhm. RP: Ich hab´ gesagt: „Dschordschi, du musst alles rausreißen, du musst – gut!“ Alles, alles TW: Entkernen. RP: Ja, entkernen. Und dann war ich sofort am Tele-

fon, habe einen Installateur, einen

MP:

Elektriker

RP:

Elektriker,

ich habe fünf Leute von fünf

verschiedenen Fächern angerufen und gesagt: „Wir

machen eine Teestube. Kommt, helft mir.“ Mit fünf anderen Leuten haben wir alles gemacht – Elektriker, Installateur, Spachtler, Maler, Eisenarbeiter. In drei Wochen war alles fertig. TW: Super. RP: [3:18:01] Ich hab´ neue Wände gemacht, die Wän-

3.18.01

de waren so dreckig, ich habe Holz und Gips

Ich war

so zufrieden, dass er etwas für die Gesellschaft macht, für die Muslime. TW: Mhm. Weil es einfach ein offener Raum ist. RP: Ja, super. Ja. Der Kindergarten! 140 Kinder und ein Drittel sind Muslime. MP: Die kommen aus Favoriten. RP: Ein Drittel ist international, ein Drittel Österrei-

 

cher. Sie versuchen so, diese drei Kategorien MP: Wollen Sie die anderen Teile des Gebäudes noch anschauen?

TW: Ahm, gerne, wenn wir vielleicht noch ganz kurz Wir können das Gespräch gerne auch – Wenn wir viel- leicht ein paar Minuten noch sprechen – je nachdem wie viel Zeit [3:19:01] Sie auch haben.

3.19.01

RP: Ich warte

MP: Ab sechs haben wir die Worship-Abend-Vorbe- reitung. TW: Klar. RP: Da haben wir noch eineinhalb Stunden. TW: Mhm. MP: Nur haben wir keinen Schlüssel für alle Räum- lichkeiten. Ich habe gedacht – bevor sie schließen. TW: Vielleicht können wir eh – Sie haben schon sehr

Ich habe nichts anderes zu tun.

viel erzählt – was mich interessiert, eine Frage, die noch ist: Es ist doch eine sehr arme Gegen hier auch MP: Mhm. RP: Mhm.

TW: … ist dieser Kindergarten dann auch so ein Com- munty Service Projekt? Wenn Sie sagen, da ist auch Platz für die Kinder aus den türkischen Familien. Wird das gefördert? MP: Ja. RP: Ist gefördert. MP: Von der Stadt. TW: Ah so, es ist dann günstiger für einkommens- schwache Familien. RP: Jajajajaja. MP: Es ist nicht nur für eine Oberschicht, obwohl es privat ist.

3.20.01

TW: Verstehe. Mhm. [3:20:01] Und ist Ihre Gemeinde sonst noch im Bezirk aktiv, hier in der Gegend, oder? MP: Wir haben eine Gruppe für den Dienst an der Gemeinde – die heißt Next Generation. Did you bring your [unverständlich]? Das ist so Training für Leiter- schaft. RP: Ich leite das, und wir versuchen, Projekte in der Community zu machen. TW: Mhm. RP: Wir haben „Bibles and Blankets“ für die armen Leute, die auf der Straße leben. Und um die Leute hier kennenzulernen, haben wir die Fenster aller Geschäfte

MP:

auf

der Quellenstraße

3.21.01

RP:

gewaschen,

einfach gewaschen. [3:21:01] Nur

um die Leute kennenzulernen. „Wir sind die cig.“ Ich hab´ die jungen Leute geschickt mit Eimern MP: Manche wollten das nicht haben, manche schon.

RP: Die haben dadurch sehr viele Freunde kennenge- lernt. Und jetzt sind wir dabei, den Keller auszubauen. Also: Unsere Energie ist im Keller. Und wenn der

Keller fertig ist, werden wir wieder

Ich will, dass sich

die jungen Leute in der Gesellschaft – nicht um die Muslime zu evangelisieren. Sondern sich anzufreun- den. MP: Zu dienen. RP: Zu dienen. Zu respektieren. Aber wir kommen nicht mit Bibeln und Traktaten. Einfach um einander Respekt zu erweisen. [3:22:01] Und wenn jemand

3.22.01

Interesse hat, dann ok, wir sind da. Wir möchten, dass unsere Werke gut … als Beispiel erscheinen. TW: Mhm. MP: I didn´t understand that. RP: Dass unsere guten Werke – our goodness TW: Mhm. RP: Eine Demonstration. Wir zeigen die Liebe Gottes durch gute MP: Wir machen auch einmal im Monat ins Kol- pinghaus, in der Nähe vom Verteilerkreis. [3:23:01] Zuerst ist die Jugend dorthin gegangen, sie haben für die alten Leute gesungen, mit ihnen geplaudert, ihnen Sachen geschenkt, Spiele mit ihnen gespielt oder sind zusammen nach Schönbrunn gegangen. Das machen wir seit fast einem Jahr. Zur Zeit sind weniger Jugend- liche, weil sie haben alle Schule, und es ist immer am Freitag. Jetzt gibt es ältere Leute, die das machen. RP: Ich hab´ gerade ein Video darüber gemacht, was unsere Gemeinde tut. TW: Aha, wirklich. RP: Ja [RP spielt ein Video von seinem Laptop]. MP: Because it shows the Next Generation – very shortly.

3.23.01

RP: Ja, es zeigt alles. TW: Sind die auch auf der Website? MP: Dieses nicht. RP: Es ist erst eine Woche alt.

3.24.01

TW: [3:24:01] Sie sind ein sehr aktiver Filmer. MP: Das ist jetzt sein Hobby. TW: Mhm ----------------------- hm ---------------------------

----------------------------------------- ------------------------ Es gibt auch einen Frauenkreis? MP: Mhm. Das ist das Kolpinghaus. TW: Aha, ja ------------------------------------------------------

-----------------------------------------

MP: Why is it doing that?

3.25.01

RP: It never did it [3:25:01] before ------------------------

-----------------

 

TW: Hmm. Das ist im großen Veranstaltungssaal unten? MP: Ja ---------------- Das ist im Keller.

TW: Wow, construction work! RP: Das ist meine

MP:

specialty

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TW: Hm.