Wie Sie besser schreiben

Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen
Von Wolf Schneider
Mai 2012

Mit Beiträgen von Uwe Timm, Ulrich Stock, Anna von Münchhausen, Miriam Meckel und Ulrich Greiner

Nr. 20

67. Jahrgang

EDITORIAL

Triffst du nur das Zauberwort
Man kann sprachlos sein vor Glück, sprachlos vor Erstaunen, sprachlos vor Entsetzen. Man sollte möglichst nicht sprachlos sein, weil einem die richtigen Worte nicht zu Gebote stehen; weil man die richtigen Worte nicht zu klaren, verständlichen Sätzen formen kann; oder weil sich die Sätze nicht zu einem liebevollen Brief, einem klugen Aufsatz, einem lebendigen Zeitungsartikel fügen. Gut zu sprechen und zu schreiben ist eine Kunst, die man lernen kann. Man wird es nicht unbedingt zur Meisterschaft eines Heinrich Heine oder Georg Büchner bringen, aber nach Ausdrucksvermögen und eigenem Stil darf man schon streben. Der Aufklärer und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg sagte es so: »Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, dass es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist.« Wie aus gutem ein besseres Deutsch werden kann – damit beschäftigt sich diese ZEIT-Beilage. Wolf Schneider, der Autor unserer Stilkunde, ist ein bewährter Sprachlehrer. Generationen von angehenden Journalisten sind durch seine Schule gegangen und haben unter seiner Maxime gestöhnt: »Qualität kommt von Qual!« Für diese Beilage gilt das ausdrücklich nicht. Sie soll Freude machen, dabei auch gern ein wenig Ehrgeiz wecken. Gerade durch die Beispiele der großen Meister, denen wir zwar immer vergeblich nacheifern werden, die uns aber zeigen, welcher Schatz unsere Sprache ist. Wie finden Autoren und Journalisten zum besseren Deutsch und zum guten Stil? Darum geht es im zweiten Teil unserer Beilage. Der Erzähler und Romancier Uwe Timm lobt in seinem Beitrag die Schreibwerkstatt, in der sich Schriftsteller vervollkommnen können. Wie wir Journalisten im Zeitungsalltag nach dem passenden, dem richtigen, dem besten Wort suchen, schildert Ulrich Stock. Anna von Münchhausen singt das Hohelied des guten Redigierens, jenes demutsvollen Feilens am Text, das ihn – wie einen geschliffenen Diamanten – erst zum Leuchten bringt. Ulrich Greiner hat schon von Marcel Reich-Ranicki gelernt, wie hilfreich es sein kann, wenn der Autor sich seinen Text selbst vorliest. Schließlich die Frage, wie sich die deutsche Sprache durch das digitale Schreiben, durch Chat und Tweet, verändern wird. Was passiert, wenn wir nicht mehr mit der Hand schreiben, sondern nur noch auf der Tastatur herumhämmern? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gibt, ein wenig melancholisch, Entwarnung: Natürlich wandelt sich unsere Sprache, wenn das Schreiben zur Textverarbeitung wird, aber zugrunde geht sie nicht. Selbst wenn Joseph von Eichendorff eines Tages vergessen sein sollte, werden Menschen noch immer das »Zauberwort« treffen MATTHIAS NASS – »und die Welt hebt an zu singen«.

DIE ZEIT

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D E R I N H A LT

D I E S P R AC H E I ST E I N E WA F F E
Seien wir gut zu ihr – eine Einführung von Wolf Schneider SEITE 4

Titelbild: designed by m-inspira/www.m-inspira.com; Inhalt: Heimo Zobernig, Ohne Titel (REAL)/VG Bild-Kunst, Bonn 2012; Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung; Ohlbaum/laif (v. o.)

E I N E STI L K U N D E
20 Lektionen von Wolf Schneider SEITE 8 bis 31

DI E S P R AC H M E I ST E R
Sieben Virtuosen der deutschen Literatur SEITE 13, 16, 20, 23, 29, 32

ÜBER DAS SCH REI BEN
Ein Lob der Werkstatt SEITE 36
VON UWE TIMM

Wenn das Schreiben nicht wäre SEITE 38
VON ULRICH STOCK

Was machen die da? SEITE 40
VON ANNA v. MÜNCHHAUSEN

Sich die Welt erschreiben SEITE 42
VON MIRIAM MECKEL

Von der Kraft des Mündlichen SEITE 46
VON ULRICH GREINER

Impressum SEITE 46

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DIE ZEIT

EINFÜHRUNG

W

as wir hören, was wir lesen, wie wir sprechen, wie wir schreiben: Nichts formt uns und bewegt uns, nichts bereichert uns mehr, nichts prägt unsere Rolle unter den Menschen stärker als unser Umgang mit der Sprache. Sie ist das gewaltige Erbe, in das wir hineingeboren worden sind – in tausend Generationen aufgehäuft und fortentwickelt, beladen mit allen Irrtümern und Vorurteilen unserer Ahnen, beflügelt von ihren Träumen, Visionen, Ideen. Begriffe bilden, Ideale aufstellen und mit ihnen die Wirklichkeit verändern: Das ist, weit über die Verständigung hinaus, die wichtigste Leistung der Sprache. Gerechtigkeit! Finden wir sie etwa in der Natur? Sind wir uns auch nur einig darüber, was sie im konkreten Fall bedeuten soll? Aber das große Wort ist da, als Banner steht es über uns, und so trägt es dazu bei, dem Ideal, das da kühn und unscharf ins Wort gehoben worden ist, ein wenig näher zu kommen, als wenn wir es in unserem Wortschatz nicht vorgefunden hätten. Es gehört zu jenem »ungeheure[n] Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet«, sagt Nietzsche. Oft gehen wir so weit, der Wirklichkeit mit unseren Wörtern Eigenschaften vorzuschreiben, die sie nicht hat: Ist die Natur denn bereit, am 1. Juni (meteorologisch) oder am 21. Juni (astronomisch, kurios genug) mit dem »Sommer« zu beginnen – bloß weil wir das Wort in die Welt gesetzt haben und es noch dazu mit der Erwartung von ständiger Sonne und Wärme verknüpfen, aller deutschen Wahrscheinlichkeit zuwider? Wir können wetten: Irgendwann im Juli werden Journalisten und Fernsehmeteorologen tadelnd fragen, wo »der Sommer« bleibt. Nichts zeigt die Macht der Sprache eklatanter: Wie wir etwas nennen, ist uns wichtiger, als wie es ist. Mit unseren Wörtern etikettieren wir die Fülle der Erscheinungen und erwarten dafür Gehorsam von ihnen. Wörter sind heilig. Sie tragen unsere Hoffnungen und unsere Ängste, unsere Wünsche und Gebete und unseren Trost; mit ihnen erschaffen wir die Philosophie und die Utopie, die Poesie und den Witz. Dieses schillernde, grandiose Erbe zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.
Vier Entwicklungen vor allem müssen jedem Freund der Sprache Sorgen machen. Die erste Entwicklung: Auch dort, wo die Schreiber

Die Sprache ist eine Waffe
Aber sie lässt uns auch träumen, sie erklärt uns die Welt. Seien wir gut zu ihr!
VON WOL F S C H N E I DE R

die Sprache noch pfleglich behandeln wie in der Mehrzahl der DruckErzeugnisse, findet seit Jahrzehnten ein Wortschwund oder eine Wortverfälschung statt. Dass »scheinbar« »dem falschen Anschein nach« bedeutet und folglich nie mit »anscheinend« verwechselt werden darf, ist immer weniger Deutschen geläufig. »Wähnen« liest man im Dutzend in der Zeitung, wo »glauben« gemeint ist – und es heißt doch: »fälschlich glauben«, »sich einer Wahnvorstellung hingeben«! Hören solche Schreiber sich selber nicht mehr zu? »Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit« – wie viel Kraft, wie viel Information in nur zwei Silben! Ähnlich schlimm: »Vermeintlich« findet man mit »vermutlich« verwechselt, und es besagt doch das Gegenteil – der vermutliche Täter war es wahrscheinlich, der vermeintliche war es gerade nicht. Woher solcher Absturz? Immer mehr junge Leute (fast die Hälfte, wird geschätzt) lesen keine Bücher mehr, und an deutschen Schulen regiere, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jene »Spaßpädagogik«, die den Schülern jegliche Mühe ersparen wolle. Man komme nicht mit der beliebten Redensart: »Die Sprache entwickelt sich eben.« Wo die Entwicklung eine Verarmung wäre, da sollten bei allen Deutschen die Alarmglocken läuten. Vor allem aber: Das »sich« in dieser Schutzbehauptung ist einfach falsch – als ob die Sprache ein abgehobenes Medium wäre, das sich Entwicklungen leistet! Sie wird entwickelt mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt – und noch heute hat niemand etwas dagegen, dass wir nicht mehr »rekommandieren«, sondern »einschreiben« sagen und nicht mehr »poste restante«, sondern »postlagernd«. Alice Schwarzer hat an der Spitze einer kleinen Gruppe von Feministinnen erzwingen können, dass jede deutsche Behörde und die meisten Unternehmen den Mitarbeitern heute bei jeder Nennung die Mitarbeiterinnen ausdrücklich zur Seite stellen. Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen.

DIE ZEIT

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1919 5 DIE ZEIT Abb. Die Kiezdeutsch-Sprecher werden also ermutigt. loszupoltern. dazu mit dem schönen Gefühl: Und beim Empfänger kommt das Geschriebene sofort an. dass wir sie uns beim Werben um Leser zum Vorbild nehmen können: glasklar verständlich. die Sprache mit Migrationshintergrund. die unsere Sprache lieben (und zugleich kein Problem mit korrekten Genitiven haben).Die zweite Entwicklung.« Dass sie so reden. Haltet sie scharf!«. vielleicht sogar von vielen gelesen werden möchte. Bonn 2012 . müssen sie schon zufrieden sein. als Aperitif und Ermutigung. dass man alle. der nicht nur von seinem Lehrer oder Professor. Die dritte Entwicklung. versucht es für eine Einsicht zu gewinnen. März im Rückblick auf den Sturz des Bundespräsidenten Wulff ). in die große Sprache »Deutsch« hineinzuwachsen! Zwei Beiträge dazu leistet dieses Heft. Den hier vorgestellten sieben »Großmeistern« nähert sich natürlich noch keiner. Werben also: um Aufmerksamkeit. der sie befolgt. Tweet. ist der immer noch anhaltende Siegeszug der unsinnigen unter den Anglizismen. deutsch ausgesprochen wie der Euro noch heute. vorzugsweise von unter Zwanzigjährigen gesprochen: »Ich mach dich Messer. die an unseren Schulen und Universitäten ein Kümmerdasein fristet: dass jeder. Iwan Puni: »Stilleben mit Buchstaben und Krug«. die der Freund der Sprache nicht begrüßen kann. Das Blog hat anstelle des Adressaten ein diffuses Publikum. vom Kuvert zu schweigen. jedenfalls das Nicht-zu-Ende-Lesen war schon im 20. geht neuerdings als »Jurowischn« über die Sender. die Sprache also in Tiefen zu zerren. das immer auf dem Schreibtisch steht – kein Papier mehr zurechtlegen. die früher allenfalls dem Ohr zugemutet wurden – dem Auge nie. idealerweise um Sympathie! Aber wie macht man das? Dafür werden in dieser Beilage 20 praktikable. Die Mailer und die Seriösen unter den Bloggern (die gibt es ja) können zwei Nachteile kaum bestreiten: Man huscht über die Tasten eines Geräts. den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. ja dass es Sprachwissenschaftler gibt. Blog. ermuntert und darin fördert. sondern von anderen. und mit der elektronischen Wortexplosion hat das Missverhältnis zwischen Geschriebenhaben und Gelesenwerden sich drastisch verstärkt. das Nichtlesen. spottete Bundestagspräsident Lammert (am 18. mit Farbe. Die vierte Entwicklung: das »Kiezdeutsch«. Als ob man sich des Deutschen schämen müsste! Es war und ist eine der großen Kultursprachen auf Erden. ist nicht das Problem – sondern dass in solcher Stummelsprache schon geworben wird (»Soo! muss Technik«. Nicht-mehr-Korrigierens. mit Feuer und mit Kraft. so wie die gesprochene Sprache. die allen Freunden der Sprache Sorgen machen muss. Nicht-mehr-Feilens. sich ums Hochdeutsche gar nicht zu bemühen – statt dass man das Mögliche tut. Ein großes Unternehmen bereicherte das Deutsche vor Kurzem um das kostbare Wortgebilde CorporateSocial-Responsibility-Aktivitäten. die diesen Slang loben: Er sei kein Kauderwelsch. Journalisten wissen: Wenn ihre Texte zu 20 Prozent gelesen werden. ist mit dem Internet über uns hereingebrochen: Mail. Der hat sich die geschriebene damit angenähert – mit allen Vorzügen der Spontaneität und allen Nachteilen der Schwatzhaftigkeit. Der eine: Es stellt einige der großartigsten Meister des Deutschen vor. dass man ein paar dieser Lektionen aus jedem der Meister destillieren könnte.: akg-images/© VG Bild-Kunst. nur aus dem Englischen und dem Französischen werden noch mehr Bücher als aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt. ja herumzupöbeln. sondern ein »innovativer Dialekt« des Deutschen. Chat haben die Zahl der geschriebenen Wörter dramatisch vermehrt und die Sorgfalt im Umgang mit ihnen dramatisch vermindert. Saturn 2012). Aus beiden Nachteilen folgt millionenfach die Versuchung. Nur auf Englisch und Chinesisch erscheinen noch mehr Bücher als in deutscher Sprache. und was seit 1954 Eurovision hieß. um Zuwendung. Wie schön aber. ziemlich bewährte Rezepte angeboten. geradezu ein Vorbild für die überfällige Vereinfachung der deutschen Grammatik. des Nicht-mehr-Zögerns. Jahrhundert das statistische Normalverhalten. Machen wir davon Gebrauch! »Die Sprache ist eine Waffe. Das verbinde sich oft mit »einer zunehmenden Enthemmung im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität«. sich der Chancengleichheit dadurch zu nähern. die in Deutschland wohnen. um die Leser werben muss – und dass es dafür nicht genügt. Der andere: Alle. und der Absender muss sich nicht identifizieren. mahnte Tucholsky. Und zwei – Heine und Kafka – haben sogar durchweg so geschrieben.

Die Kunst des Anfangs S. Verachten wir den Wissenschaftsjargon S. Die Kraft der Bilder S. 14 6. König der Sätze S. 22 15. Nennen wir’s beim Namen S. 19 11. konstruiert von Minimax Dadamax persönlich«. Mit Satzzeichen Musik machen S. Der Wille zum Verzicht S. 26 18. Wie lang darf ein Satz sein? S. Thomas Mann: Der Alleskönner S. 22 14. Vermeiden wir den Überdruss S. Zählen wir die Silben S. 1919/20 7 ZEITWISSEN . 26 17. Wörter in Bewegung S. 17 8. 29 VI.: akg-images/VG Bild-Kunst. 16 III. 21 13. 10 3. 13 II. 23 V. Warum wir am Passiv leiden S. 11 4. Die schöne heikle Nebensache S. 17 9. 15 7. Franz Kafka: Der heimliche König S. 30 20. Geizen wir mit Adjektiven S. Die Krone der Hässlichkeit S. 8 2. Gliedern kann nicht schaden S. 21 12. Friedrich Nietzsche: Der Virtuose S. 18 10. Bonn 2012 Max Ernst: »Kleine Maschine.E I N E ST I L K U N D E VON WOL F SC H N E I DE R 2 0 LEKTIONEN 1. 32 Abb. Goethe und Schiller: Große Prosaisten S. 20 IV. Im Anfang war das Tun S. 28 19. Heinrich Heine: Der brillante Zyniker S. Seien wir ein bisschen unbequem S. 12 5. Misstrauen wir den Synonymen S. Nur für Gedächtniskünstler S. Heinrich von Kleist: Der Maßlose S. 25 16. 31 DIE SPRACHMEISTER I.

erlisten. die Liebe muss bleiben: Die Blume verblüht. die besten. der Oberbefehlshaber der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg – und damit ein Bild gefunden für das Vorwärtsstürmen. sirren. was Verben leisten können. rascheln. wo es als Retter aus zwei Fallen der deutschen Grammatik dienen kann: den garstigen Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den rasselnden Ketten vorangestellter Attribute ¤ Lektion 13. erzeugen. und statt des beliebten Thematisierens könnte man schließlich sagen: zum Thema machen. Doch im selben LIED VON DER GLOCKE hat Schiller auch im scheinbar Statischen die Bewegung aufgespürt: »Die Leidenschaft flieht. gurren. schaffen. Fenster klirren. hauchen. säuseln. rauschen. knistern. Imponiervokabeln wie generieren (für machen. Viele Verben drücken nicht einmal eine Tätigkeit aus. vorhanden sein. das ihn zum Sieg führte. flüstern. erraffen. »Kochend wie aus Ofens Rachen Glühn die Lüfte. bewirken) oder implementieren (für einführen. raunen. surren. wie Grundschüler sagen. aufgreifen – oder warum nicht einfach: Darüber sollten wir mal reden. das Glück zu erjagen.« Ulysses Grant hat das gesagt. umsetzen. Muss wetten und wagen. Pfosten stürzen. rieseln. ich bin ein Verbum und kein Personalpronomen.DIE WÖRTER LEKTION 1 Im Anfang war das Tun Warum wir die Verben lieben sollten »Ich glaube. bürokratische wie beauskunften und bezuschussen. murmeln. wispern.und Waldgeräuschen: fächeln. tuscheln.« Natürlich: Für unsern Alltag taugt das nicht. wenn das Verbum sich erst in der Katastrophe bewährte. wenn wir Leser fesseln wollen: Bewegung! Interessanter als »Das Haus ist schön« liest sich nun mal »Es ging in Flammen auf«. Ebenso sind das Stigmatisieren und das Sensibilisieren nichts. plätschern. lispeln. Mark Twain und Jorge Luis Borges haben das Deutsche geradezu bewundert für seinen Reichtum an Nacht. was Goethe geduldet hätte oder Günter Grass dulden würde. sie sind folglich zweite Wahl: vorliegen. gluckern. Mütter irren …« Nun wäre es traurig. Zum Ersten: Lebhaft nutze man die Chancen des Verbums. schwirren. Aber was geht uns das an? Es ist eine starke Metapher dafür. die Frucht muss treiben. Muss wirken und streben Und pflanzen und schaffen. verwirklichen). Was also tun? Der Rat für Schreiber. Auch ist Bewegung allein kein Gütesiegel: Schwerfüßige Verben gibt es wie durchführen und bewerkstelligen. Kinder jammern. Auch und gerade in den leisen Verben zeigt er sich. die Tuwörter. Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben. summen. Zum Zweiten: Es möge Ihnen Spaß machen. die die Sprache lieben und sich zugleich Leser wünschen. ist von viererlei Art. DIE ZEIT 8 . Balken krachen. in unserem schönen Wortvorrat zu baden. sich handeln um.

von den Wettern zerrissen« (noch mal Hölderlin). auch wo scheinbar keine ist. Näher an unseren Wünschen und Möglichkeiten ist das fröhliche Getrappel. die gigantische Burg. treppauf. zu welcher Kraft die Sprache sich mit Verben steigern lässt – sogar dann. In der Küche flammten die Feuer auf. wenn sich nichts bewegt. das Waldhorn klang. war alles verhallt.« Der vierte.« Dies als Extrembeispiel dafür. …« Oder wie Eichendorff: »Es zog eine Hochzeit den Berg entlang. ja drastisch zu benennen. Buchstaben-Arrangements S. Das Heidelberger Schloss. »hing nieder bis auf den Grund. Georg Büchner ließ seinen Lenz einen »Triumphgesang der Hölle« anstimmen: »Es war ihm. Ich hörte die Vögel schlagen. es wurde gezäumt. Mit den klaren Tagen streitet Und ein Ostwind. Nur von den Bergen noch rauschet der Wald. Und mich schauert im Herzensgrunde. Da blitzten viel Reiter. freilich der schwierigste Rat: Nach Bewegung fahnden. da versuche man sie farbig. gerannt und geladen …« Und selbst ein einziges Verb kann uns verblüffen. Knechte liefen um die Pferde. von dem Patrick Süskind im PARFUM erzählt. Blaue Sonnenbahn bereitet. in den Kellergewölben klapperten die Schlüssel des Lagerverwalters. im Hof leuchteten Fackeln.« Oder die Bewegung gar so dramatisch zu beschreiben wie Hölderlin: »Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur. andere zerrten die Maultiere aus den Ställen. Das war ein lustiges Jagen! Und eh’ ich’s gedacht. als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien. sie verjagend. durch die Gänge huschten die aufgeregten Mägde. als könnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen.Der dritte Rat: Wo eine Bewegung offenkundig ist. gesattelt. treppab eilte der Diener. erfrischen. Die Nacht bedecket die Runde. 8–30: fotografiert von Nico Baldauf für DIE ZEIT . wenn man es setzt wie Ringelnatz: Ein Leierkasten »wringt sich aus und klingt nach Leben und Sterben«. Wolken tragend. wie Goethe: »Wenn der Äther. mit nicht weniger als zwölf dynamischen Verben: »Mitten in der Nacht erwachte das Haus in der Rue Droite zu emsigem Leben.

der bedenke: Laien verstehen nichts.: akg-images/© VG Bild-Kunst. Museumslandschaft Hessen Kassel/bpk/© VG Bild-Kunst. Nobelpreisträger für Literatur. tears and sweat« versprach. Neid. Tisch und Bett. das meiste. Bonn 2012 (S. Blut. ob er nicht zur Abwechslung als Umdenken. heißt es im Stilkodex des Londoner ECONOMIST. »Die alten Wörter sind die besten. desto unanschaulicher«. Was folgt daraus? Wer immer vorhat. Bonn 2012 (S. Leid. Schwenk bezeichnet werden könnte? Was unterscheidet die Witterungsbedingungen vom Wetter und das Gefährdungspotenzial von der Gefahr? (Die doch keine wäre. wenn sie nicht das Potenzial hätte. der halte sich an Schopenhauers Kernsatz: »Man denke wie die wenigsten und rede wie die meisten. Schweiß – und ihnen damit Kraft gab zum Widerstand. Wald und Feld. und die kurzen alten Wörter sind die allerbesten«. Qual. ist zu einsilbigen Wörtern geronnen – und erst recht sind es fast alle starken Gefühle: Angst. mit Wörtern wie Effizienzsteigerungsprogramm oder Energieverbrauchsflexibilität zu operieren. Robert Indiana: »Love«.) Und muss sich der schlappe Service der Deutschen Post hinter dem Elfsilber Telekommunikationsdienstleistungen verstecken? Bedenken wir: Kopf und Herz. Hass. »Benutze nie ein langes Wort. wenn sie inmitten ihrer Silbengebirge statt gefährlich starker Rauchentwicklung einfach mal »Qualm« lesen könnten. Sprachfreunde stößt er ab – und vielleicht wären sogar Fachleute angenehm berührt. Weib und Kind.DIE WÖRTER LEKTION 2 Zählen wir die Silben Kurze Wörter bleiben hängen Ein Wort ist umso verständlicher. Mühsal. Gier. Man brauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge. Hand und Fuß. Kehrtwende. je weniger Silben es hat. Wut. Das klingt erschreckend simpel. woraus wir sind und womit wir leben. toil. schrieb Jean Paul in seiner VORSCHULE DER ÄSTHETIK. 1966 DIE ZEIT 10 Abb. wenn ein kurzes es auch tut«.« So. eine zu sein. Pein. Wer gelesen werden und wirken will. Tränen. wie Churchill den Engländern 1940 nichts als »blood. 10). sagte Winston Churchill. sagt die Verständlichkeitsforschung. 11) . Doch die Stilistik hakt nach: und kraftvoller auch! »Je länger aber ein Wort. Vielleicht ist ja was dran? Vielleicht sollten wir die Thrombozytenaggressionshemmer nur seufzend in Kauf nehmen – den von unseren gehobenen Feuilletons gehätschelten Paradigmenwechsel aber schon mal darauf abklopfen. Goethes Ballade DER FISCHER besteht zu 76 Prozent aus einsilbigen Wörtern – genau wie die berühmte GETTYSBURG AD DRESS des US-Präsidenten Lincoln (amerikanische Stillehrer haben es bewundernd nachgezählt).

Doch wo es durchaus ginge. 11 DIE ZEIT . anspruchsvoller. Eine Vorstellung müssen sie uns vermitteln.« Ed Koch. 1987 LEKTION 3 Nennen wir’s beim Namen Konkrete Wörter haften besser »Die Wörter müssen Hände und Füße haben. zwischen 1978 und 1989 Bürgermeister von New York. auch für konkrete Dinge brauchen wir abstrakte Dachbegriffe.« Das hat Kraft – mehr. die Wörter. Weidig 1834 in die Welt hinaus – und eben nicht: Verschont die Wohnstätten der Unterprivilegierten. dass Wolkenbruch besser ist als widrige Witterungsumstände und eine triefende Nase anschaulicher als jeder grippale Infekt. wurde seinem Ruf. Ich verursache sie. Nur sollten wir immer parat haben. von allerlei Misshelligkeiten. schrien Georg Büchner und F.DIE WÖRTER Alighiero Boetti: »Untitled«. das oberste Stilgebot. hätten sie geschrieben: »Als Erstes brach ein Wasserrohr« – wir hätten uns sogleich mit ihnen solidarisiert. als hätte der Herr mit angemessenen Verwüstungen gedroht. neigen viele dennoch zu abstrakter Ausdrucksweise: Sie tummeln sich zwischen Bereichen.« Bei der Gleichheit. L.« Sprach Martin Luther. die man lehren will«. das Detail benennen. sagt Nietzsche. Belangen und Strukturen. wenn sie nicht in Abstraktionen schwelgen dürfte. bei der Gerechtigkeit geht das nicht. Gewiss. beneide er die Leute von der Müllabfuhr. ja manche lieben ebendiese. und die ganze Philosophie müsste zumachen. wenn sie uns fesseln sollen. »Je abstrakter die Wahrheit ist. Moralische Gebote wie Ehrlichkeit sind konkret gar nicht zu erfassen. und Jesaja 14. der Magengeschwüre bekommt. Martin Walser lässt einen Literaturkritiker sagen: »Wenn er ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratur lesen müsse. die Leser interessieren möchten.23 übersetzte er so: »Und ich will Babel machen zum Erbe für die Igel und zum Wassersumpf und will es mit einem Besen des Verderbens kehren. Möbel zum Beispiel. »umso mehr muss man erst die Sinne zu ihr verführen. mit Sinneseindrücken versehen. Konkret schreiben. mit dem Spruch gerecht: »Ich bin nicht der Typ.« Sympathisch war das nicht. Da mailen uns Freunde von viel Ärger in der Ferienwohnung oder. gewiss. Aber etwas zum Weitererzählen. Damit können wir leben. »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«. grimmig und rabiat zu sein. Farben zum Leuchten bringen: Das ist für alle.

über die wir leider nichts erfahren. halben Adjektiven also). miesepetrig zu beschreiben. In Wirtschaft. Und es gibt doch so farbige. einen missmutigen Menschen zur Abwechslung als griesgrämig. sondern einfach regelwidrig ist eine weitere modische Marotte: Bei biblischen Verfilmungen ist biblisch eben nicht die Eigenschaft der Verfilmung. Wissenschaft und Bürokratie hat sich in den letzten Jahrzehnten die Wahnvorstellung ausgebreitet. hartgesotten. sauertöpfisch. spähend. Nur dass Adjektive zugleich die am meisten überschätzte. oft lächerlich und manchmal einfach falsch – nicht gerechnet. hasenherzig. Eau potable ist eben nicht das trinkbare. Von der fossilen Energielobby müssen wir lesen – von einer fossilen Lobby also.DIE WÖRTER LEKTION 4 Geizen wir mit Adjektiven Überflüssig sind erstaunlich viele Ja. am meisten missbrauchte Wortgattung sind: oft tautologisch. Von erzieherischem Kontrollverlust sprach die FAZ – was eindeutig der erzieherische Verlust einer Kontrolle ist. horchend. kraftvolle Adjektive: tückisch. die sich einer nicht näher bezeichneten Energie annimmt. auch bei koalitionären Rücksichten und kombinativen Möglichkeiten sind die Adjektive nicht die Eigenschaften. doppelt gemoppelt: Da lesen wir von harter Knochenarbeit. Flüssige Textverfasser müssen da am Werk gewesen sein. alle Federn aufgebauscht«. Eine wahre Affenliebe zum Adjektiv hat sich da zulasten der Logik breitgemacht. Vollends lächerlich wird sie. im Marketing vom üblichen Versprechen qualitativ hochwertiger Produkte und gezielter Maßnahmen. das Adjektiv sei die überlegene Wortgattung: Aus dem Elternhaus ist das elterliche Haus geworden. wo sie den sprachlichen Zusammenhang auf den Kopf stellt. die polizia stradale die Straßenpolizei und der lucky star absolut kein glücklicher Stern. sollten sie anklopfen. Solche Doppelungen geben dem aufmerksamen Leser das Signal: Also. sondern das Trinkwasser. mit warmen Würstchenverkäufern und rostfreien Stahlhändlern im Bunde. Überdies beschädigen hohle Adjektive einen Eckpfeiler aller erfolgreichen Kommunikation: dafür zu sorgen. »wie der Spatz die Krumen in meinem Zimmer aufklaubt: zitternd. nicht das rote. aus der Schule der schulische Bereich. sagt Günter Grass in seinem Gedicht EHE. das betriebliche Ergebnis folgt ihnen auf dem Fuße – und welcher werdende Doktor würde noch von der Lage sprechen. wichtigen Meilensteinen. und wo sie einer dümmlichen Mode dienen: draußen bleiben. Wo sie bloß schmücken wollen.« Leere Adjektive sind indessen nicht die schlimmsten. einem wesentlichen Eckpfeiler. Franz Kafka schrieb seiner fernen Freundin Milena (in Partizipien. sondern die Bibel ist ihr Objekt. dem kritischen Hinterfragen. dass Mephisto mit Worten stritt – verbal täte er das heute! Nicht nur unschön. Tautologisch. dass das Deutsche sie häufig gar nicht vorsieht. da hilft die Faustregel: Adjektive dienen der Unterscheidung – das gelbe Kleid. Abb. Der kolumbianische Aphoristiker Gómez Dávila sagt es so: »Für jedes überflüssige Wort verliert der Schriftsteller einen Sündennachlass von einem Monat. S. immer häufiger akademisch-bürokratisch gespreizt. Wo so viel Fantasie nicht vorhanden ist oder wo sie fehl am Platze wäre. es ist schönes altes Deutsch. er lese ihre Briefe. nachgedacht hat der Schreiber nicht. mit einem schönen archaischen Imperativ formuliert in der klassischen amerikanischen Stillehre von Strunk und White.. anschmiegsam! »Unser Hass ist witterungsbeständig«. dass jedes Wort etwas zu sagen hat – »that every word tell«. 13 (Ausschnitt): Keystone Schweiz (Schiller und Goethe im Garten der Villa Lengefeld in Rudolstadt um 1794) DIE ZEIT 12 . wenn er sich doch mit situativen Gegebenheiten schmücken kann? Wie altmodisch.

auf dem Rigi: »Die Höhe in Wolken und Nebel. mit dem kein Drama mithalten kann.« Und überraschend ironisch begegnet uns Goethe in der ITALIENISCHEN REISE: »Der Mörder gab ihm an die zwanzig Stiche. zerbrechen die Bilder der Heiligen und treten sie mit Füßen. Universalgelehrter. abseits ihrer berühmten Dramen und Gedichte. die Mörder mit goldenen Gnadenketten. Vorreiter des Sturm und Drang. Minister und Italienreisender.« Schiller erreicht in seinen beiden historischen Werken. Goethe und er entwickelten eine einander ergänzende freundschaftliche Produktivität.. einige eindrucksvolle. die Schauspielerin. So fiel Wallenstein. Geräusch der Wasserfälle. in die Flecken und Dörfer bei St. nicht aber. Neben Goethe. und so ist’s gut.« So allwissend kann eine Theaterfigur nicht reden und so viel Feuer ein Jambus kaum haben. die als Weimarer Klassik in die Epochenbeschreibung Eingang fand 13 DIE ZEIT . Dignitäten und Rittergütern zu belohnen. wurde beinahe unter seinen Augen der Dolch geschliffen. Über Wallenstein und den deutschen Kaiser aber ist nie hintersinniger geschrieben worden: »Indem Wallenstein von Eger aus die Unterhandlungen mit dem Feinde lebhaft betrieb. Hämmern. mit Keulen. historische und philosophischästhetische Schriften. stürzen die Altäre. Der Kaiser weihte dem Schicksal Wallensteins eine Träne und ließ für den Ermordeten zu Wien dreitausend Seelenmessen lesen. sondern er rebellierte. Das ist hier sonst nicht Mode: Der Mörder erreicht eine Kirche. ihren Zuschauern nachsagt: »Sie meinen es gut und werden mich noch umbringen«. wenn Aurelie. das Klingeln der Saumrosse in der höchsten Öde.« Überwältigt jedoch war er von den Bergen. Leitern und Strängen versehen.SPRACHMEISTER (I) GOETHE UND SCHILLER G ROS S E P ROSA I S TE N W as soll man über die beiden noch sagen! Außer dass sie. an dessen Folgen er mit nur 45 Jahren in Weimar starb. Wenn es in WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE heißt: »Er bildete den Wahn des Moments so poetisch als möglich aus« – dann fühlen wir uns um 200 Jahre zurückversetzt. Zwanzig Jahre zuvor. Von 1791 an schwächte ihn ein Lungenleiden. mit öffentlichen Dirnen. werfen sich. die zu lesen lohnt. ruckweiser Sturmwind. Omer. Sollte man vielleicht den Prosa-Schiller lesen in der Schule? Friedrich Schiller (1759–1805) schrieb Gedichte. Rings die Herrlichkeit der Welt.« Das waren die Niederlande. weil er fiel. Ein Unglück für den Lebenden. oder wenn Philine Wilhelm anherrscht: »Wenn ich dich lieb habe – was geht’s dich an?« Er wiederum »war dem Gelübde treu geblieben.und herbeiführend. der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE und der DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES ein Tempo.. . durchaus nicht altväterliche Stücke deutscher Prosa hinterlassen haben. der seinem Leben ein Ende machte. selbst lange Sätze bremsen es nicht. zugleich aber vergaß er nicht. und da die Wache hinzukam. Im Austausch mit Schiller entstand eine Literaturauf fassung. sich vor der zuschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten«. dass er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte – ein Unglück für den Toten. sprengen die Pforten der Kirchen und der Klöster. dass ihn dieser Feind überlebte und seine Geschichte schrieb.. von fanatischer Wut begeistert. mit 26. wie Pfeile schnellen sie von der Sehne: »Eine rasende Rotte von Handwerkern. erstach der Bösewicht sich selbst. wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt.. Herder und Wieland gehörte er zum Viergestirn der Weimarer Klassik Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war Dichter und Dramatiker. . Dramen und Balladen. nicht weil er Rebell war. Äxten. er betrieb umfangreiche ästhetische und naturforschende Studien. die Sterne befragte und frischen Hoffnungen Raum gab. Schiffern und Bauern.« Über das letzte Stück Wegs zum Gotthard: »Nackte wie bemooste Felsen mit Schnee bedeckt. hatte Goethe frisch und böse aus der Schweiz geschrieben: »Frei wären die Schweizer? Frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? Frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weismachen kann! Besonders. Bettlern und Raubgesindel untermischt. Wolken heran.

dass sie ihrerseits wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schössen. »Das hat wie eine Bombe eingeschlagen«. man sollte. unter den Teppich kehren. die kostbare Verteidigung ein: »Verrückt ist er nicht. Aber wer Lust hat und wer’s kann. von SPIEGEL ONLINE bis zur TAZ. Als Heranwachsenden fällt uns zudem ein Erbe an Redensarten zu – umso mehr davon. falls wir uns Leser wünschen: Die überlieferten Floskeln sind dermaßen geläufig. je mehr Bücher und Zeitungen wir lesen. müssen wir das Wort Fenster nicht erfinden. er stutzt nicht. es endlich mal den Pilzen gönnen.DIE WÖRTER Heimo Zobernig: »Ohne Titel (REAL)«. oft: verzichten.« Dem Berliner TAGESSPIEGEL fiel zu einem Politiker. aus allen Nähten platzen. Jüngst versah die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen Bericht über den drohenden Wählerschwund der CSU mit der Überschrift: »Der Tunnel am Ende des Lichts«. Er suche zuerst ein bisschen nach den Säuen. Nur ist es genau dieser Umstand. vor die er seine Perlen werfen kann. das Handtuch werfen (oder die Flinte ins Korn).« Routine ist gut. aus allen Wolken fallen. Er versteht sie sofort. ehe er allzu bekannte Sprachfiguren wie diese niederschreibt: ins Fettnäpfchen treten. heute meist verglast. Werbeagenturen ebenfalls. was gemeint ist. dass etliche Redaktionen. zum Beispiel – oft ein durchaus treffendes Bild. der sollte zögern. den Gürtel enger schnallen. der einen anderen Menschen zum Gegenteil verführen möchte – zum Gern-Weiterlesen –. nachdem so viele Munitionsfabriken wie die Pilze aus dem Boden geschossen seien. 1999 LEKTION 5 Seien wir ein bisschen unbequem Redensarten schläfern uns ein Unsern Wortschatz erben wir von den Eltern. dass sie im Leser eine Reaktion nahe null auslösen. Jeder. Schon Karl Kraus schlug im Ersten Weltkrieg vor. Fantasie ist besser. aus dem Nähkästchen plaudern. mit drei Vorzügen: Auch diese Wortfolge brauchen wir uns nicht erst auszudenken. Leser bei der Stange halten ist die Kunst. von den Ahnen: Für eine Öffnung in der Hauswand. Bequemer kann Sprache nicht sein. sie passt in viele Lebenslagen. Es ist erzvernünftig. Was tut unsereiner? Im Alltag: zögern. sich solche Sprachklischees ausdrücklich verboten haben. der öffentlich verdächtigt worden war. In der FAZ verkündete ein Berufsberater: »Vertrauen ist gut – Kontrolle macht Arbeit. der uns misstrauisch stimmen sollte. der zerbreche fröhlich die Klischees. Aber die Tassen in seinem Schrank werden weniger. sie erregen nicht seine Aufmerksamkeit. verrückt zu sein. und jeder versteht. das Tanzbein schwingen. DIE ZEIT 14 .

die Mehrzahl treibt also Unfug mit Logik und Grammatik. der Strafvollzug sind extrem gefühlsarm. was ein Schreiber erreichen kann – Zuwendung. Wie jede Mode hat sie schöne. Auch hartnäckige Nachvollzieher stutzen. 1919 Abb. die Tatkraft. Tüchtigkeit. Oft wird es an längst komplette Aussagen zwanghaft angekoppelt: Marketingaktivitäten sind Standard. und wie jede Mode war sie eines Tages schrecklich alt. nachfühlen. kapieren. aber handlungsstark. farbige Wörter im Dutzend niedergewalzt. begreifen. Bonn 2012 (2) 15 DIE ZEIT . nachempfinden. sondern alles mit machen: Der Gerichtsvollzieher. dass Millionen Deutsche nichts mehr verstehen. hat auch keiner von Ihnen erwartet. Viele Modewörter also sind ziemlich albern. 14+15): akg-images/© VG Bild-Kunst. In der Wirtschaft brüstet man sich unterdessen mit Aktivitäten – einem Modewort mit gleich zwei Nachteilen. Glück oder Passivität. Aufmerksamkeit. Was wir hundertmal gelesen haben. Könnte er das einleuchtend finden? Vielleicht. wenn der Bürgermeister am Ort der Untat sagt. Energie. billigen – sondern es nachvollziehen? Seit etwa zwanzig Jahren hat sich diese Mode durch den deutschen Sprachraum gefressen.DIE WÖRTER LEKTION 6 Vermeiden wir den Überdruss Modewörter sind meistens albern Wer eigentlich hat entschieden. Eine Aktivität kann aus hundert Aktionen bestehen (die ohnehin meistens gemeint sind) oder sie kann die Haltung des Aktivseins benennen. Milch. Dynamik. die Schaffenslust – allesamt von einem törichten Plural verschlungen. sich klarmachen. Gesiegt hat sie sogar über die Einsicht. was da offenbar gesagt werden muss: »Ich kann dieses schreckliche Verbrechen nicht nachvollziehen. Herr Bürgermeister. den Elan. dass nachvollziehen mit fühlen überhaupt nichts zu tun hat. den Schwung. das gähnt uns an. Aber »nachvollziehbar« müsste er sagen. zu dem es einen Plural gar nicht gibt – so wenig wie zu Stolz.« Das. und gemeinsam ist ihnen derselbe Nachteil wie den ausgeleierten Redensarten ¤ Lektion 5: Sie verplempern das Kostbarste. Zweitens ist die Aktivität im engeren Sinne ein Singularetantum. das Engagement. einsehen. manche auch noch widersinnig. erkennen. Iwan Puni: »Neue Kunst«. obwohl das Marketing (das Schaffen und Pflegen eines Marktes durch ein Bündel von Aktionen) durch keine Aktivität ge- steigert werden kann. (S. also ein Wort.

das Kleist nicht zur Verfügung stand. sank es. drohten klirrend. tödlich zu verwunden«. durch sieben Nebensätze mit 14 Kommas mehrstufig zerrissen und zu einem zerschrundenen Satzgebirge aufgetürmt. wenn sich die Seele in irgendeinem anderen Punkt befindet als in dem Schwerpunkt der Bewegung. DIE ZEIT 16 Abb. wo er die Gegensätze zum Extremen treiben kann. Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust.. Im FINDLING schreit der Priester dem Mörder die Schrecknisse der Hölle »mit der Lunge der letzten Posaune« entgegen. dem lebendigen Tänzer voraushabe? »Zuvörderst ein negativer: nämlich dieser. Zu Lebzeiten hatte er keinen literarischen Erfolg und wurde kaum aufgeführt.. »zuckte mitten durch den Schmerz. wenn sie zur eisigen Winterzeit das Firmament anbrüllen . missvergnügt murmelnd im Osten herab. da sie ihn in den Staub trat. und er »jauchzte« über seine Macht. aber auch historische Dramen wie »Das Käthchen von Heilbronn« und das Lustspiel »Der zerbrochne Krug« sowie die Erzählung »Michael Kohlhaas«. schrieb seine erste Tragödie (»Die Familie Schroffenstein«). von ihrer Lunge sichtbarem Atem getroffen. Es geschah vor diesem Hintergrund.. Einen solchen Schrei gibt es keinen zweiten in der deutschen Literatur. eine vortreffliche Eigenschaft. dunkelschwarz.. zusammenzubrechen.« Hellsichtig und böse schrieb er in seinem LEHRBUCH DER FRANZÖSISCHEN JOURNALISTIK: »Was man dem Volk dreimal sagt. »seines Feindes Ferse in dem Augenblick. sich am Junker von Tronka für dessen Willkür zu rächen. dass Kleist die gewaltigsten und gewaltsamsten Sätze deutscher Prosa meißelte. und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere. die an Fäden hängt. überhastete Sätze. Sein Freund Achim von Arnim schrieb das über ihn. im Hintergrunde . wo der Dom stand. Um in den Stand der Unschuld zurückzufallen. die man vergebens bei dem größesten Teil unserer Tänzer sucht«..« In derselben Novelle zieht in die Natur der Friede ein – aber was für einer: »Dabei stand ein Gewitter. den eine Puppe. zu Dünsten aufgelöst.« Kein Stilmittel. Bei denen nämlich habe das Bewusstsein »Unordnungen in der natürlichen Grazie« angerichtet.« Da der Puppenspieler nur diesen Punkt kontrolliere. reine Pendel. die Rüstung ihm vom Leibe reißend. Denn Ziererei erscheint. als habe Kleist sich die Sprache »von der Brust heruntergehustet«. (Ausschnitt): Fine Art Images . die innerliche Zufriedenheit empor. als ob man Hände voll schweren Sandes gegen ihre Fläche würfe. bis große dramatische Werke entstanden wie »Amphitryon« und »Penthesilea«. seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen«. die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken. berstend vor Kraft. »sind alle übrigen Glieder. oft zu verstörenden Bildern verdichtet wie dem vom Gesang der wahnsinnigen Brüder in der HEILIGEN CÄCILIE: »So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen.« Ein Lehrstück graziöser Argumentation finden wir im MARIONETTENTHEATER. wurde als Spion verhaftet.SPRACHMEISTER (II) HEINRICH VON KLEIST D E R M A S S L O S E E Heinrich von Kleist (1777–1811) quittierte früh den Armeedienst. die Vertracktheit der deutschen Syntax mutwillig zum Äußersten treibend: Hauptsätze von gerade mal acht oder neun Wörtern. Als Michael Kohlhaas beschlossen hatte. dass sie sich niemals zierte. wie er das für seine Penthesilea selbst in Anspruch nahm: »Sie schlägt. er fühlte sich unverstanden und nahm sich am Ufer des Kleinen Wannsees das Leben r war »von einer gewissen Unbestimmtheit der Rede. Es ist. 1810 erschienen in seinen BERLINER ABENDBLÄTTERN: Was sei denn der Vorteil. und nachdem es noch einige kraftlose Blitze gegen die Richtung. die sich dem Stammeln nähert«. verfasste Gedichte und gab Zeitschriften (»Phöbus«) heraus. geschleudert hatte. Kleists Leidenschaft aber bewährt sich dort. was sie sein sollen: tot.. Lapidare Sätze wie 1809 in der Ankündigung der GERMANIA (die nie erschien): »Diese Zeitschrift soll der erste Atemzug der deutschen Freiheit sein. und die Fenster. hält das Volk für wahr. mit vergoldeten Rändern.« Verknotete. »müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen«.

Das ist auch zweimal richtig. alle Leser selbstverständlich haben: dass einer. von »Jetzt wird aufgeräumt!« bis »Sie werden hiermit aufgefordert. nur etwas anderes meinen kann. sondern es durch doch.. Aber was sollte dann aus unseren Talkrunden werden. Viele sinnverwandte Wörter sind. weiß noch keiner. Nicht für Tisch zum Beispiel (Vierbeiner wäre zwar korrekt. jedoch. man dürfe in einem Text nicht mehrfach dasselbe Wort verwenden. Oft folgt. leidet selten. Und es dient sogar der Einschüchterung. bis . das Wort Wahl hundertmal zu hören und zu sagen. wer im Kochbuch liest: »Der Teig wird so lange gerührt. Den Radiosprecher. Kindern erst spät begreiflich zu machen.DIE WÖRTER LEKTION 7 Warum wir am Passiv leiden Es ist die hässlichste Form des Verbs Die sogenannte Leideform des Verbums ist oft vernünftig. allerdings. Nicht für Wind. zum Zweiten. das hält den Text lebendig. Erstens: Für die meisten konkreten Dinge sind Synonyme einfach nicht vorhanden. Fresse und Visage. Das unvermeidliche Passiv ist Alltag im Polizeibericht: Ein Mensch ist überfallen worden.. und kein Weihnachtsbaum hat je darauf gewartet. Erstes Ärgernis: Es dient dem Befehl. wie Journalisten es lieben. denn Sturm ist mehr und Brise weniger. stört es zu Hause am Wahlabend nicht im Geringsten. Das ärgerliche Passiv ist von dreierlei Art. auch die Substantive. aber von wem. Verwirrend aber ist es. das alle Hörer. hässlich obendrein: »Seitens des Vorstands wird die Herausforderung darin gesehen . aus der Bundesbank die Währungshüter. drittens. was ist das genau? Und wer eigentlich soll es verdrängt haben? Wer die Verdränger entweder nicht kennt oder sie nicht identifizieren möchte. die uns nicht zu interessieren brauchen (»Das Museum wird um 10 Uhr geöffnet«).. das Gesicht nicht gegen Fratze. Das Vierte. die tragenden Begriffe eines Textes. LEKTION 8 Misstrauen wir den Synonymen Nur Deutschlehrer lieben sie Als eine »schwer griechisch klingende Journalistenkrankheit« verspottete die SÜDDEUTSCHE ZEI TUNG jüngst die »Synonymitis«: die verbreitete Vorstellung nämlich.« Dies ist das vernünftige Passiv – die Verbform für Gebrauchsanweisungen also. auch für Gesetzestexte (»Mit Freiheitsentzug nicht unter fünf Jahren wird bestraft. und schon gar nicht. wer gelobt wird. ist aber schon für den Hund vergeben).. sprach sie. ohne weitere Erklärung – ein Satz. Verschickt eine deutsche Bank doch wirklich Briefe. absolut nicht austauschbar: der Hund nicht gegen den Köter. Goethe ist Goethe – und weder der Dichterfürst noch der Wirkliche Geheime Rat. ekelhaft. . nur mit »Leiden« hat sie nicht viel zu tun.. oft unvermeidlich und ziemlich oft ein Ärgernis. Zweites Ärgernis: Viele Berufsschreiber betrachten das Passiv ohne Not als gleichberechtigte Form des Verbums. ebenso für Personen oder Institutionen. aus der Wahl wird der Urnengang. der könnte ja schweigen.« Für das dritte Ärgernis lieferte die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein Beispiel in der Talksendung von Günther Jauch: »Das Ethische ist in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt worden«. in der Lyrik so gut wie unbekannt. wenn er plötzlich etwas anderes sagt. Aber viermal ist es falsch. Es ist richtig. selbstverständlich auch dasselbe sagt – und dass er. Wer geliebt wird.. aus der Synonymitis eine vorhersehbare Zwangshandlung: Aus der Polizei werden die Ordnungshüter. obwohl es doch dessen entmenschlichte Variante ist: unanschaulich. abscheulich sagen kann. der diese Missgeburt über den Sender lassen musste. dass Deutschlehrer ihre Schüler das Forschen nach Synonymen lehren.. dass man statt widerlich auch mal abstoßend. um sie in die Fülle unseres Wortschatzes einzuführen – ihnen beispielsweise nahebringen. dass er in der Zeitung als der nadlige Geselle aus den heimischen Wäldern wiederkehrt. der lexikalischen Varianz zu unterwerfen. dagegen zu ersetzen. die mit dem Satz beginnen: »Die Geschäftsbedingungen sind geändert worden« – juristisch die pure Unverschämtheit. wer . der gleich zwei Rätsel aufgibt: »Das Ethische«. der dasselbe meint. das Schlimmste aber: Schon die Suche nach einem Tauschbegriff verletzt das Urvertrauen in die Sprache. Und richtig bleibt es. sondern müsse den Wechsel im Ausdruck pflegen..«). 17 DIE ZEIT . albern gleich aus vier Gründen. in zwei Sätzen nicht zweimal aber zu schreiben. da der Kunde nur um seine Zustimmung zu einer Änderung gebeten werden kann.«.

Informatiker haben es schwer. das überwältigend Neue lasse sich nicht einfach sagen. enthalten ein sozialrevolutionäres Potenzial. 1920 (Detail) LEKTION 9 Verachten wir den Wissenschaftsjargon Über Laien schießt er hochnäsig hinweg Dass die Sprache »die große Gesellerin der Menschen« sei. Sigmund Freud zum Beispiel hat ebendies geschafft: umstürzende Einsichten in durchweg elegantem Deutsch. Wollen Philosophen. Ebenso wenn Linguisten von »Linearisierungsoptionen an der Satzperipherie« sprechen oder Pädagogen von den »Neudiskursivierungen des Raumparadigmas«. Vielleicht waren sie ja falsch. wenn sie sich verständlich machte? Was dachte sich jene Professorin von der Universität Konstanz. ob es nicht besser gelingen könnte. Mathematiker. von ihrer Wissenschaft bliebe nicht genügend übrig.« Da sind wir baff. Gerade in ihnen aber fehlt er oft. Grandios! Nur sollten wir ihnen kein Wort glauben. DIE ZEIT 18 . als er den Umsturz des überlieferten Weltbilds durch Kopernikus darlegte? »Kopernikus. das auch für identitätspolitische Zwecke nutzbar gemacht werden kann. versuchte. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. der explizite Traditionen und implizite Selbstverständlichkeiten als von Interessen gesteuert durchleuchtet. die Affirmation von Differenz und der dekonstruktivistische Blick. dass viele Leute – und Deutsche mehr als Engländer und Franzosen – gern alles für erhaben halten. muss deshalb auch nicht richtig sein. dass interessierte Laien ihnen folgen können. nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte. wie Johann Gottfried Herder 1785 schrieb. als sie in einem Vortrag sagte: »Die emphatische Standortbezogenheit. Hat nicht selbst Immanuel Kant sich schlicht und farbig ausgedrückt. ihre Einsichten so zu formulieren. und aus der Pubertät haben sie die »adoleszente Identitätsfindung« gemacht. wenn sie behaupten.DIE WÖRTER Abb. Psychologen überhaupt verstanden werden? Oder vertrauen sie darauf. Soziologen. Doch ein etwas größeres Bemühen darum dürfen wir uns wünschen. Verfluchung und Befehl – schon damals übertrieben. Bonn 2012 László Moholy-Nagy: »The Great Railroad«.und Wissenschaftsjargons ist die Sprache weithin in die Rolle der Spalterin geschlüpft. was sie nicht verstehen? Oder treibt sie gar die Sorge um. Aber was wir gar nicht erst verstehen. das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer.« Viel bewirken jedoch könnte guter Wille in den Geisteswissenschaften. war – denkt man an Beschimpfung. im Zeitalter unseres Technokraten. Natürlich: Physiker. wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe. wenn er annahm.

1925) »Sometime they’ll give a war. 19 DIE ZEIT . in der Werbung und in der mündlichen Rede. über seine Studienreise durch China. Und das wollte ich. knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu. exer zierte jeden Tag seine Truppen und kannte nur ein Vergnügen: Europa zittern zu machen..« (Voltaire über Karl XII.« (Rosa Luxemburg über die Gewinne der deutschen Rüstungsindustrie. schlug einen messingnen Kamm in sein Haar. der .« (Georg Büchner. sie denken nicht daran und wissen nicht. 1786) In äußerster Rechthaberei: »In diesem Ton schreckt man auch ab. Dann bekämpfen sie dich. als die urtümlichste und bis heute kraftvollste Form.« (Klage des Oskar Matzerath in der BLECHTROMMEL von Günter Grass.« (Rousseau. und die Proletarier fallen. DER GESELL SCHAFTSVERTRAG. 1731) »Praise the Lord and pass the ammunition. trank keinen Wein. ob sein Vetter noch schlief – und dann ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu. LENZ.« (Lessing an Pastor Goeze.« (Mahatma Gandhi über den passiven Widerstand. und der alte einäugige Pudel begleitete ihn.« Von den Chancen (und Tücken!) der Nebensätze später ¤ Lektion 14. wie. 1959) »Bastian galt als von Moskau bezahlt. 1961) »I have seen the future. dafür ein paar klassische Beispiele – krass gemischt.« (Paul Krugman. 1992) Temporeich: »Er stand früh um 4 auf. Hilferufen und Befehlen. 1825) »Zudem hatte die Hebamme mich schon abgenabelt. und alles war ruhig und still und kalt. mir wird nichts mangeln. 1915) »Zuerst ignorieren sie dich. und der Mond schien die ganze Nacht und stand über den Bergen. als beherrschendes in der Lyrik. Wir vergessen nichts. kleidete sich selbst an. den elastischen und musikalischen ebenso wie den ärgerlichen und deplatzierten. Nobelpreisträger für Wirtschaft. 1936) »Wir danken allen. Dann hast du gewonnen. wird der Wächter vor der Höhle gerufen haben. um 1835) »Er stand auf. ritt dreimal täglich. von Schweden. die gelesen werden wollen. Natürlich: Nicht jeder Satz ist gut. 2009) Ironisch: »Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern. Auf ein paar hässliche Formen kommt gleich die Sprache ¤ Lektion 12. etwas zu sagen. sind Hauptsätze folglich immer erste Wahl. and nobody will come. and it won’t work. Abschrecken wollte ich. sah. 1762) »Die Dividenden steigen. NEW YORK TIMES. ehe wir uns den Nebensätzen ¤ Lektion 14 widmen. Wir vergessen keinen.« (Goethe über Byron.« »Lobet den Herrn und her mit der Munition!« (Der amerikanische Militärgeistliche Howell Forgy beim japanischen Überfall auf Pearl Harbor.« (Psalm 23. Für Schreiber. von der DDR gelenkt und von allen guten Geistern verlassen. Hier werden die Hauptsätze gewürdigt: als Grundpfeiler aller Kommunikation. als alleiniges Satzmodell bei Sprichwörtern. Was sie leisten können. bis der Nebensatz erfunden war: »Ein Löwe. 1941) In schöner Ruhe: »So lag er nun da allein. zu Eckermann. es war nichts mehr zu machen. Lapidar: »Der Herr ist mein Hirte. 1778) All dies können Hauptsätze leisten. saß nur eine Viertelstunde an der Tafel. »Löwe!«.DIE SÄTZE LEKTION 10 König der Sätze Der Hauptsatz ist der älteste – und immer erste Wahl Erst lange nach den Wörtern kamen die Sätze.« (Carl Sandburg. die vielleicht sogar eine Botschaft haben.« (Der SPIEGEL über den Selbstmord des ehemaligen Bundeswehrgenerals. Dann lachen sie dich aus.« (Karl Philipp Moritz in seinem Roman ANDREAS HARTKNOPF.« (Abschiedsgruß der SPD an ihre Ostberliner Genossen nach dem Bau der Mauer.1) »Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. bloß weil er ein Hauptsatz ist. Jahrtausende bevor zum ersten Mal ein Satz erklang: »Da schleicht ein Löwe auf uns zu!« Und wiederum Jahrtausende..

« Die Ironie war sein Lebenselixier: Der Herzog von Nemours »ist ein vorzüglicher Jäger und soll jüngst einen Bären in sehr große Gefahr gebracht haben«. der die Sprache liebt.« Dann wieder ein fast zärtlicher Zynismus. gegen den »Packpapierstil« des Immanuel Kant. und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen. auf nichts festzulegen. habe »der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert. Wenn er selber über den Philosophen (und dessen Diener Lampe) schrieb. das dem Deutschen von Professoren.« Oder über die Art. Die letzten acht Lebensjahre verbrachte er krank überwiegend im Bett DIE ZEIT 20 Abb.SPRACHMEISTER (III) HEINRICH HEINE D E R B R I LL A NTE Z Y N I K E R K arl Kraus mochte ihn nicht. mit allen Wassern gewaschen. für alle Höhenflüge gerüstet – so hat Heine die deutsche Sprache bereichert. Und infam konnte er werden – so über einen Handelsvertreter. So in seiner Warnung von 1834 vor einer Revolution. leichtsinnig. sie elastischer. Reisefeuilletons und Satiren. Jurist und Journalist. Er schrieb Gedichte. und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm als betrübter Zuschauer. hielt er entgegen: »Doch konnt’ ich wissen. dass sie gelauscht. dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können«.« So zog er gegen die »hofmännisch abgeklärte Kanzleisprache« zu Felde. von glühender Liebe berauscht. wie er sie nannte. Von Herzen.« Und zum Donnergrollen konnte er die Sprache steigern. der ihm im Restaurant lästig fiel: »Er sah aus wie ein Affe. wie Goethe sich von den Brüdern Schlegel zum Olympier stilisieren ließ: »Sie bauten ihm einen Altar und räucherten ihm und ließen das Volk vor ihm knien. größrem Leiden. Alle Ladenschwengel also. Heinrich Heine (1797–1856) war Kaufmann. der nackten Bosheit fähig. Leichtfüßig. bevor der in Weimar zum Geheimrat aufstieg. er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen. Von ihm lernen kann jeder. ging er 1831 als Zeitungskorrespondent nach Paris. es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr. Theologen. böser. Sie hatten sich auch an Schiller gemacht. in den Spott verliebt. Balladen und Lieder. die sich schlecht vertragen Und dennoch brechen. aber dieser war ein ehrlicher Mann und wollte nichts von ihnen wissen. Ministerialbeamten und vaterländischen Dichtern verpasst worden war – verwandt darin dem jungen Goethe. keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit. was Zynismus. Des abends in der Schenke: Das fördert die Verdauungskraft Und würzet die Getränke. der eine rote Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. Mag sein. der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute. sagte er. Heine. mit der Deutschland Europa erschüttern werde: »Die alten steinernen Götter erheben sich aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen. er habe ein Mädchen mit seinen Liebesschwüren genarrt. fröhlicher. keine Vatergüte. Als seine Schriften zensiert wurden und ihm die Verhaftung drohte. klang es anders: »Melodisch kann ich wieder klagen Von großem Lieben. (Ausschnitt): Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung . Mit den Sternen droben gesprochen?« Wenn er selber liebte und litt. was Sozialkritik in diesen Versen? »Der Knecht singt gern ein Freiheitslied. Was ist Mitleid. tänzerisch serviert – dem Vorwurf. weltläufiger gemacht. dann las sich das so: »Er hat den Himmel gestürmt. und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. wenn sie scheiden.« Man muss ihn nicht mögen. Als ich. Mit seinem kritisch-polemischen Stil schuf er eine moderne feuilletonistische Prosa. Nur hatte Heine damit das Korsett gesprengt.

. und eine Republik steigt aus Morästen empor« (nun erst das Subjekt). der wäre noch besser beraten.. dass man einen Nebensatz anhängt (einen von den guten.DIE SÄTZE LEKTION 11 Wörter in Bewegung Wie wir den Satzanfang variieren können »Den Letzten beißen die Hunde«. Nichts nämlich langweilt uns beim Lesen schneller als eine Abfolge von Sätzen. Ausweg 2: Man verkürze den Hauptsatz und verwandle die hässlichen Nomina dadurch in Verben.. Und stünde bei den Reiseabfällen einfach »sonst kriegen Sie Ärger!«. überlange Substantive. Die einfachste und eine meist unbedenkliche Art. und »angezeigt« wäre sowieso das bessere Deutsch. eine Abwechslung in die Satzmelodie. Ausweg 1: Man setze Verben an die Stelle der gespreizten. der über die Leistungserstellung disponieren kann. ist es. abstoßendes Deutsch – in Formulierungen zumal. Noch um Mitternacht wollte er .« Kurios genug: Eine erlaubte Sondernutzung wäre ja für die Einbringung einer Anzeige keine hinlängliche Begründung. Nicht: »Ich habe deshalb« – sondern: »Deshalb habe ich beschlossen. einem Großmeister auch der Prosa.« Ein solcher Auftakt zieht die Vertauschung von Subjekt und Prädikat nach sich. Es bringt... die Engländern und Franzosen nicht zur Verfügung steht: Erschöpft kam er . 2012 liest sich das auf Abfallkörben an deutschen Autobahnparkplätzen so: »Nur Reiseabfälle. so wäre nicht nur das Deutsch drastisch besser. »deshalb ich habe« sagen sie zumeist.« Bürokratenjargon nennen wir dergleichen. Dass die Zusammenarbeit eine echte Materialisierung erfuhr (Managerdeutsch)... liest sich das (in der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE so: »Jetzt werden Seehelden aus Korsaren (Zeitangabe mit Inversion). erfreulicherweise. dieses Satzmuster ist eine deutsche Besonderheit und eine höchst erfreuliche dazu. verwirklichte. 21 DIE ZEIT . den Satzbeginn zu variieren. Zielerreichung und Kenntniserlangung bis ins Vorstandsdeutsch hinein.«. wenn er grübelte. selbst wo wir in lauter Hauptsätzen schreiben. »Den Einkünfteerzielungstatbestand« zum Beispiel »erfüllt derjenige. In Berlin bezog sie . vorzugsweise solche. der Kunst der Verständlichkeit und der Leserfreundlichkeit des Schreibens widmen möchte. die Inversion. bringt Leben in den Text. So viel Beweglichkeit lässt die Grammatik zu – nutzen wir sie! LEKTION 12 Die Krone der Hässlichkeit Bürokraten sind in sie vernarrt Auch in Hauptsätzen lässt sich Unrat produzieren: schwer verständliches. sondern: . dass die Letzten nicht die Gebissenen. Deutsch sprechenden Ausländern macht das Mühe.. zeigte. ist. das Objekt also vorn. auf erkünstelte. gequälten Substantive. aus Raubschiffen zieht sich eine Marine zusammen (Umstandsangabe mit Inversion). Nutzanwendung – mit dem Objekt eröffnen dürfen wir einen Satz nur dann. Im Grenzfall – der sogenannten Ausdrucksstellung – dürfen wir einen Satz sogar mit dem Verbum eröffnen: Verloren haben wir wenigstens nicht. Bei Schiller. die anstehenden Probleme zu lösen. Kanzleistil. dass Leser es verstehen können und es lesen mögen. ließe sich ja so sagen: dass sie sich materialisierte. ¤ Lektion 14). die mit Er – Er – Er oder mit Meier tat dies – Müller tat das – Schulze tat jenes beginnen.. sondern die Beißenden sind. die mit -ung enden: Inverkehrbringung und Beampelung in der Straßenverkehrsordnung. entwickelte. dass wir mit einer Umstandsangabe oder einem Adverb einsteigen. Also nicht: Unsere Aufgabe ist die Lösung der anstehenden Probleme. »Den Anfang machte . Dann aber kann die Abwandlung des häufigsten Satzbaumodells die reine Wohltat sein. Zuwiderhandlungen werden als unerlaubte Sondernutzung zur Anzeige gebracht. Verbieten aber müssen wir uns die Mehrzahl davon: »Die Letzten beißen die Hunde« – das lässt ja die Deutung zu. »deren mehrmalige Verlesung die Zimmerpflanzen zum Verdorren bringt« (wie es in einem STREIFLICHT der SÜD DEUTSCHEN ZEITUNG hieß). . Oder mit dem Adjektiv: Schnell bist du nicht gerade gekommen. die sogleich deutlich macht: Hier wird abgewichen von der üblichen Wortstellung Subjekt – Prädikat – Objekt (Der Hund beißt Max).. das sagen wir mitunter. wie man so schreiben kann. Doch Behörden und Juristen sind auf den Nominalstil versessen. Beamtendeutsch. sondern vermutlich würde sich auch die Zahl der unerwünschten Sondernutzungen deutlich verringern. wenn uns eine Deklinationsform zur Verfügung steht (den Letzten). Und wer sich...

. Kraftvoll sind die. die die Wirkung der anderen Satzhälfte beschreiben. Die letzte Spielart ist die häufigste.. Kraftvoll sind auch die sogenannten Modalsätze: Nebensätze. was die Grammatik uns erlaubt. die in der Grammatik zwar Nebensätze heißen. Liest er also zurück? Ja. sonst vielleicht als einer unter hundert. dass es eine ist. der angehängte Nebensatz! Er ist es nicht immer. ¤ Lektion 14 LEKTION 14 Die schöne heikle Nebensache Wie wir mit Nebensätzen umgehen sollten Es gibt kraftvolle Nebensätze. Keine Handlung mehr. weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren. schlüssiges. wie wir fürchten. meist von feindseligen Gefühlen gegen jemand oder etwas geprägte Meinung«. die die Mittel.. die dem Leser gleichsam auf dem Gnadenwege doch noch übermittelt wird. die . dass die Nachbarn . der am Fenster sitzt und die Kinder winseln hört. die . wie er in der Linguistik heißt. noch. und dies bis zur Lächerlichkeit. Eine Meinung. sondern eine Pause. erschuf Gott den Nebensatz: Er sah. Bei Matthias Claudius: »Der Mann ohne die Frau ist ein alter Junggeselle. bei »Meinung« angekommen. Der Sender. was er alles über sie gelesen hat? Natürlich nicht. wie wir’s von ihnen glaubten. Besser: »Eine Kritik. In einer renommierten deutschen Zeitung so: »Die fast ausschließlich ästhetisch argumentierende und ob der Koproduktion von naturgemäß hehrem Kino und selbstredend unfeinem Fernsehen pikiert die Nase rümpfende Kritik .. angemessene.« Sigmund Freud schrieb 1915 in einem Brief an Albert Einstein: Die schmerzliche Enttäuschung »über das unkulturelle Benehmen unserer Weltmitbürger« habe auf einer Illusion beruht: »In Wahrheit sind sie nicht so tief gesunken. oder: »Er schrie so laut. nicht einmal ein Gedächtniskünstler würde das schaffen. nach Logik und Gewicht aber die andere Hälfte eines Hauptsatzes bilden: »Wer nicht hören will. S. »dass das Licht gut war«.« Konsekutivsätze heißen diese Sätze. willkommene – und ärgerliche auch. in sieben Hauptsätzen vollzogen.« (Fortsetzung auf Seite 24) DIE ZEIT 22 Foto. als wäre ich Luft. Weiß er. muss fühlen«. das dieses Problem auf Anhieb löst. definiert er das Vorurteil? Es ist »eine ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene. hat also den Empfänger entweder geärgert oder vollkommen an ihm vorbeigeschrieben...« 20 Wörter zur näheren Bestimmungen einer unbekannten Sache. die er hätte haben können. die wir in beliebiger Menge zwischen Artikel und Substantiv schieben dürfen. keine Hauptsache. die Umstände jener Handlung benennen. eine Erläuterung: Das ist die klassische Funktion eines angemessenen Nebensatzes. angenehm zu lesendes Satzmodell. die sich im Hauptsatz vollzieht: »Sie ging an mir vorbei. Der Schreiber nennt erst die Sache oder die Person – und dann ihre Eigenschaften: »Ein Vorurteil ist eine Meinung. aha! Nach nicht weniger als 18 Wörtern zur näheren Bestimmung erfährt der Leser. Nach den Schöpfungsakten des ersten Tages.« Doch mit erhabener Gleichgültigkeit gegenüber dem Leser (oder mit perversem Stolz auf die souveräne Beherrschung eines grammatisch abgesegneten Unfugs) zelebrieren viele Berufsschreiber das Unzumutbare..« Der typische angemessene Nebensatz ist der achte Satz des ALTEN TESTAMENTS. Wie. Und dies ohne jede Not! Es gibt ein so einfaches. zum Beispiel. Klarheit schaffendes Instrument kann er sein. 23 (Ausschnitt): Sammlung Rauch/Interfoto . der Duden selber verwendet sie.. Ihre Häufung markiert einen Tiefpunkt der Verständigung und wird doch unter Sprachfreunden selten beklagt – ja.« Was für ein schönes.DIE SÄTZE LEKTION 13 Nur für Gedächtniskünstler Die vermaledeiten vorangestellten Attribute Zum Schlimmsten. gehören die vorangestellten Attribute: die Beifügungen aus allen Wortarten. Aber mit ein paar großartigen Exemplaren fangen wir an. wenn er wirklich interessiert ist.

und im Jahr danach: »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum..« Das war er.« Doch er zog die Entzückungen der großen Prosa vor: »Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer. Lebensjahr geben mir Gelehrte der Basler Universität in aller Gutmütigkeit zu verstehen. verfolgte. welche die Wellen des Daseins bisher ans Ufer gespült haben. den er an seinen väterlichen Freund Jacob Burckhardt richtete: »Da ich verurteilt bin.. wo der große Befreier über mich kam: jener Gedanke. dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund stoßende Tier. Er kritisierte die traditionellen Moralvorstellungen und wurde zum Wortführer des aufkommenden Nihilismus in Europa. sein Zustand wäre! Aber . Er lebte von 1869 an in der Schweiz. Zu seinen Haupt werken zählen »Also sprach Zarathustra«. 1889 erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und war fortan arbeitsunfähig. dem Feuerwerk der Ideen. eine Folterstätte. nicht ein Verhängnis. verführerisch. dem Burckhardt nachrief: »Nietzsche hat die Freiheit in der Welt vermehrt.. auf jede heitere Musik hinhorchen . der Zwischentöne. eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr.« Und im letzten Brief.. die ihm den Weltruhm eintrug. dass das alles gerade sein Besitz. Mutter und Schwester pflegten ihn bis zu seinem frühen Tod. für Gottfried Benn »seit Luther das größte deutsche Sprachgenie«. »Noch in meinem 45.« (Was er damit begründen wollte. Ja.. die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit. annagte. kühnen. »Was wollt ihr eigentlich Neues? – Wir wollen nicht mehr die Ursachen zu Sünden und die Folgen zu Henkern machen«. verheißend. »Der Antichrist« und »Ecce homo« 23 DIE ZEIT . Die Luft dünn und rein. schamhaft. die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten . widerstrebend.« Als der große Psychologe der Moral schrieb er so: »Der Mensch. die literarische Form meiner Schriften sei der Grund.. und alle Himmel freuen sich. immer zum Äußersten bereit wie zu einem Feste und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren. mitleidig. dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangene wurde der Erfinder des ›schlechten Gewissens‹ . das man ›zähmen‹ will.SPRACHMEISTER (IV) FRIEDRICH NIETZSCHE D E R V I R T U OS E H at man bemerkt. aufstörte. das Leben ist ein Weib!« Alles Glück aber ist ein Risiko: »Einer starken.« Aufregender aber Nietzsches andere Sprache: die mit der Üppigkeit der Farben und der Klänge. und Thomas Mann resümierte: »Goethe und Nietzsche führten die deutsche Sprache zur Vollendung.« Leser fand er zu Lebzeiten wenige. »Vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: Es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm.. verwegenen Seele genießen. und im tiefsten Genusse des Augenblicks überwältigt werden von Tränen und von der ganzen purpurnen Schwermut des Glücklichen: Wer möchte nicht. dass im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?«. Das war der Stil. dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte.) Also vielleicht doch ein interessanter Mensch im Himmel? Jedenfalls einer.« Nicht nur in den rauschhaften Eruptionen der Sprache – auch in kargen Sätzen war Nietzsche Meister. »Zur Genealogie der Moral«. mit ruhigem Auge und festem Schritt durch das Leben gehen.. warum man mich nicht lese«.« Friedrich Nietzsche (1844–1900) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen. zog er die Summe seiner Lehre. ungeduldig selbst zerriss. dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht. mit diesem Glück Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne! Und nur um diesen Preis kauft man die kostbarste Muschel. notierte er 1887. Menschen und Göttern. »der Virtuose ohnegleichen«.. der Kapriolen. wie er ihn seinen Zarathustra fordern ließ: »Sprüche sollen Gipfel sein. schrieb er ein Vierteljahr vor dem Ende – »ich sollte es anders machen. eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte. der aus sich selbst ein Abenteuer. aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen. nicht eine Betrügerei!« Noch aus seinen Briefen vor dem Zusammenbruch im Januar 1889 leuchten Sätze hervor wie der Hymnus »Singe mir ein neues Lied! Die Welt ist verklärt. wie Walter Jens ihn nannte. misshandelte. erfahren wir nicht mehr. der sich. dieser unheimlichsten und interessantesten Pflanze unserer irdischen Vegetation. begehrenswerter und geheimnisvoller – von jenem Tage an. spöttisch. später in Italien und Jena.

und schön gesagt ist es sowieso. Paul Klee: »Villa R«.« Meist sollte man es bleiben lassen. Das kann man meistern wie Siegfried Kracauer: »An das Nichtmalenkönnen werden. Simultandolmetscher: Aus dem Deutschen zu übersetzen ist wahrlich eine Katastrophe. hängt der Schreiber sogleich einen Nebensatz von 15 Wörtern an.« Relation Hauptsatz : Nebensatz – 6 : 53.«– über so viel Hauptsatz offenbar erschrocken. dem man einen frühen Tod geweissagt hatte und dem es gelang. »eine Phrase in die andere ge- leimt«. »Sie glauben gar nicht. .DIE SÄTZE (Fortsetzung von Seite 22) Willkommen sind Nebensätze.« damit ist der Hauptsatz beendet. Aber Zeitungen und erst recht Protokolle schmücken sich gern mit der Relation 2 : 50. mit Büchern wie EINE KURZE GESCHICHTE DER ZEIT zu Hilfe kam. 1919 (Detail) Abb. das Verhältnis ist 4 : 9.« 4. Leser: weg. die heute zerstritten sind« – statt: »und heute sind sie zerstritten«. Sie enthalten. Autor: vermutlich stolz.. Die ärgerlichen Nebensätze sind von fünferlei Art: 1. »Meyer betonte. und alles Wichtige – nämlich das. An den Hauptsatz ist eine Nebensache angekleistert. dass das Nachbarhaus in Flammen stand«) – oder eine gleichberechtigte zweite Hauptsache: »Zehn Jahre lang führten die Firma zwei Brüder. Beispiel von 2012 aus einer renommierten deutschen Zeitung: Der Satz beginnt mit einem vorangestellten Nebensatz von 9 Wörtern. und schriftlich hat man damit. durch einen eingeschobenen Unternebensatz von 10 Wörtern verschönert – »dass derselbe Mann Leuten. in den ein Unterunternebensatz von 8 Wörtern eingeschoben ist: »Dass ein Mann. wenn sie den Satz von zwei Missbräuchen befreien: den Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den gehäuft vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. im Gewirr der Wörter nicht ganz leicht zu finden – »ist so erfreulich wie die Tatsache. eine Handlung – oder gar die Hauptsache (»Ich entdeckte. seit es eine eigene Kunstform geworden ist. die keinen Bezug zur Hauptsache hat – ein Klassiker in Geburtstagswürdigungen. 3. Wissenschaft und Feuilleton. 5. dies mit menschlicher. BUCH MOSE. (Ausschnitt): akg-images DIE ZEIT 24 . 6 Wörter lang. immer höhere Anforderungen gestellt. der fließend Chinesisch spricht. Der Nebensatz wird in den Hauptsatz hineingezwängt: Der Schreiber unterbricht den eigenen Textfluss durch die Abfolge A1 – B – A2. anders als im 1. In freier Rede ist das fast unbekannt. Sie sind länger als der Hauptsatz. was Meyer betonte – wird in einen Bandwurm von Nebensatz geschoben. technischer Hilfe Lügen zu strafen. Ein spärlicher Hauptsatz wird in einem Sumpf von Nebensätzen ersäuft – ein beliebtes Modell in Wirtschaft. dass er auf dem Hochseil der Grammatik Pirouetten drehen kann. nach Schopenhauer.. 2. welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist« (Joseph Roth) – das geht noch. die Niederlagenstimmung der Physik überwinden half.« – nun folgt der Hauptsatz. wenn der Autor ein Detail noch unterbringen möchte: »In der Rolle des Hamlet brillierte wie immer Max Meyer. deren Handicap beim Verstehen des Kosmos größer ist als seines. in den ein Unternebensatz von 11 Wörtern eingeschoben ist.

»der sich vor dem Hintergrund einer . nicht Thomas Bernhard. die unverkrampft und ans Mündliche angelehnt.und ich pries und suchte sie. ja »ein feindseliger Dämon« sei – mit dem Fazit: »Es handelt sich ja bloß darum. also leserfreundlich wäre – und zum Zweiten die Kenntnis der Grundeinsicht einer exakten Wissenschaft. Da will uns die BROCKHAUS ENZYKLOPÄ DIE von 2006 die »Erinnerungskultur« definieren. berechnet für eine diffuse Leserschaft. in beliebigem Abstand nachhinken lassen dürfen. die Bereitschaft zu geruhsamem Lesen aber im Gleichschritt vermindert. ein Vogelzug formiert sich..« Natürlich: 7 Wörter.. die Fähigkeit also.. mit welcher Gleichgültigkeit gegen den Leser viele Schreiber zu Werke gehen. Vorwärtstreibend schrieben sie: Wie Schiller in der GESCHICHTE DES AB FALLS DER NIEDERLANDE: »Die Mannschaft war zahlreich. das ist eine grobe Zahl. dass jeder Hans seine Grete finde. 25 DIE ZEIT . die 7 Wörter. Im Deutschen steht dem eine Tücke der Grammatik entgegen. »Freundschaft. zweitens. um 27 Wörter zum Beispiel in einem Geschäftsbericht von 2012: »In dem Magazin werden mittels modernster Internet-Technologie die Megatrends der Zukunft wie beispielsweise eine steigende Anzahl von Herz-Kreislauf-Krankheiten. nicht Thomas Mann. (und nach 63 Wörtern) entwickelt hat«. als sie ein verschachteltes Satzgebilde etwa von 40 Wörtern – Alltag im Amtsdeutsch – zuverlässig verhindert.. das Schilf rauscht. der Verständlichkeitsforschung (niemand bestreitet sie. Sie wird vorgestellt als ein Begriff der Kulturwissenschaft. aber ach: Ich fand sie nie. zu einem Schlüsselbegriff der Diskussionen um . Sie beherrschen sollte auch heißen: sie zähmen können. die in Redaktionen und Stilfibeln gilt. vorwärtstreibend.« Das war 1968. ich habe meinem Vater geholfen). ebenso wie für die Poesie: Fettfrei sollten die Sätze sein.. und auch in der Prosa sollten wir uns dem zu nähern versuchen. fest ihr Vertrauen auf Entsatz und ihr Hass gegen die katholische Religion aufs Äußerste gestiegen. sowie die Bedeutung von . doch die meisten eben – haben sich vor aller Wissenschaft instinktsicher genau so verhalten. Einer der übermütigsten Sätze deutscher Sprache besteht aus sage und schreibe 187 Wörtern und ist von Schopenhauer. und auch muttersprachliche Leser scheucht sie häufig aus dem Text: dass wir die Teile eines zweiteiligen Verbums (ich werde .DIE SÄTZE LEKTION 15 Wie lang darf ein Satz sein? So lang.« Für unsern Alltag gilt. Wir haben also allen Grund. Kurios nur: Die meisten großen Autoren deutscher Sprache – nicht Kleist. auch die Deutschlehrer ignorieren sie): Die Speicherkapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses. weil gar nicht die Länge eines Satzes über seine Verstehbarkeit und seine Kraft entscheidet.. und seitdem hat sich das Textangebot mithilfe des Internets vervielfacht. So zum Beispiel: »Mittels modernster InternetTechnologie werden in dem Magazin die Megatrends der Zukunft angesprochen. die für die Forschung ein Gesetz sind.« Was hier fehlt. zwei Wörter als zusammengehörig zu erkennen. nicht behängt mit den Girlanden eingeschobener Nebensätze ¤ Lektion 14. sondern die Frage. Deshalb bestehe ich auf einem drückenden Himmel. verpflichtet zu nichts. die erst den Sinn stiftet. wie ihn unser Atem trägt Höchstens 15 oder 20 Wörter! So lautet eine Faustregel. Erstens. die Deutsch lernende Ausländer zur Verzweiflung treibt. beispielsweise . Pervertierung der deutschen Grammatik.. ich lasse uns arbeiten unter den Geräuschen einer gemäßigten Brandung. auf verschleierter Luft und schwacher Sonne.. kommen.. das Moor kocht seine blasige Suppe. ganz richtig ist sie nicht. machen) nicht beisammen lassen müssen (I have helped my father. weil auch kurze Sätze hässlich sein können (»Vor dem Verzehr vor dem Essen wird gewarnt«). temporeich und von Heinrich Heine. ein wachsender Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und die Kohlendioxyd-Problematik angesprochen..Vernünftig ist sie insofern. im Hinblick auf .. In seiner META PHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE häuft er zwischen zwei Punkten 16 Gründe.. Stein der Weisen.. ja die zweite Hälfte des Verbums... ob er schlank und überschaubar ist.. Liebe. ihr Mut verzweifelt.« Simpel.« Wie Siegfried Lenz in der DEUTSCHSTUN DE: »Ich erzähle keine beliebige Geschichte. warum die Liebe eine Verirrung. wie es die zwei Teile eines Verbums sind – sie endet bei 6 bis 7 Wörtern. ich möchte . in Anschluss an . wenigstens als Faustregel in Ehren zu halten. nicht vollgestopft mit vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. ist zum Ersten jeder Instinkt für eine Ausdrucksweise. denn was beliebig ist. aber die meisten Berufsschreiber. Sie gilt ebenso für den Abstand zwischen Subjekt und Prädikat. für die Antwort auf die Frage also: Wer tut was? Und es ist kaum zu fassen. diese dreie hört’ ich preisen.

Sogar das Semikolon sei empfohlen: »Ich habe es satt. ein Beispiel: »Dafür sprechen drei Gründe.und Ausrufezeichen zeigt uns das Spanische: So wichtig kann man es finden. nicht nur die Wörter.« Den Doppelpunkt zu unterschlagen. um die Melodie der mündlichen Rede in den geschriebenen Text zu holen. »Contra« und »Conclusio« – über die 1984 aktuelle Frage »Soll es Soldatinnen geben?« zum Beispiel so: Pro: Gleichberechtigung.« Der Strichpunkt gibt das Signal: Hole kurz Atem – aber zu Ende ist mein Gedanke nicht! Elias Canetti hat (zugegeben. DIE ZEIT 26 . aus einer Fülle von Aspekten einen Brei anzurühren kann bis zur völligen Zerstörung des Kommunikationszwecks führen – wie im BROCKHAUS unter »Fremdenfeindlichkeit«. einen Text zu lesen. was meinen Leser animieren könnte. Kommas nach Gusto.« Einladung an alle Schreiber. senke die Stimme. Conclusio: Die Forderung nach Soldatinnen überschreite »die schmale Grenze zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei«. Zu deren Erklärung werden »mangelnde politische Bildung in Bezug auf Toleranz und Zusammenleben in einer offenen. Da das Nichtweiterlesen. auch schläfrige Leser aufzuwecken! Ja.. mir sein Interesse zu gönnen. Ist es nicht eine Wohltat. haben sich dem Gegenteil verschrieben: Punkte sonder Zahl. ersäuft in einem Sumpf von 42 Wörtern. Kommentare. dessen Schreiber offensichtlich nachgedacht hat. Deutsche Schreiber. ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. dann schreiben Wer einem anderen schriftlich mehr als einen Gedanken übermitteln will (zwei oder drei etwa. dem Leser schon am Anfang des Satzes das Signal zu geben: »Hebe die Stimme!« Denn in beiden Fällen tun wir das. den die Grammatik eben hier vorsieht. die anderen fünf Satzzeichen am besten überhaupt nicht mehr. Hätte die Fülle der Gründe nicht nach einem Doppelpunkt gerufen mit vier Sätzen dahinter – oder nach Spiegelstrichen? Einem optischen Zwang zur Gliederung unterwarf sich einst Rudolf Walter Leonhardt in der ZEIT: Seine Kommentare waren gegliedert in »Pro«. bevor er ihn in die Schreibmaschine hämmerte? Dass es mit dem Computer dramatisch viel einfacher geworden ist. pluralistischen Gesellschaft. die sich Leser wünschen: Messen Sie an diesem Beispiel. sie erkennbar zu gliedern: zwei zum Beispiel durch ein »zwar . dem Sechsfachen unseres Aufnahmevermögens ¤ Lektion 15. und das ehrt ihn ja). die Textblöcke nachträglich neu zu gruppieren. es ist so leicht. auf dem Bildschirm und bei unverlangten Briefen das statistische Normalverhalten ist. So viel Überschaubarkeit bleibt vorbildlich. Dies zu unterlassen. man muss lesen. ob Sie schon genug gesagt haben. ist grotesk: Nun folgen sie doch. nicht speziell für diesen Satz) den Nobelpreis bekommen. auch die Satzzeichen. Zu wenig Bildung. aber«. auch wenn sie sich nicht in Zwischenüberschriften mitteilt. Der Punkt gibt das gegenteilige Signal: Ein Gedanke ist offenbar abgeschlossen. Bindekraft und Steuerung und dazu Manipulation: vier Gründe also. der tut gut daran. die drei Gründe! Jeder Leser würde das im Augenwinkel spüren und so durch den Text gezogen werden. natürlich. zur jeweils eigenen Interessendurchsetzung« genannt.. hole Luft. Contra: Aber für diesen Fall ist sie im Grundgesetz eben nicht vorgesehen. »So nicht. hat neben seinen Vorzügen einen Nachteil: die Versuchung. LEKTION 17 Gliedern kann nicht schaden Erst denken. was durchs Internet geistert. die schwindende Bindekraft der herkömmlichen Parteien und politischen Lager und nicht zuletzt mangelnde politische Steuerung oder die mehr oder weniger bewusste Manipulation von F. zumal der jüngeren Generation. sich die Mühe des Denkens vor dem Schreiben zu ersparen. die Gedanken. Wer fünf davon ignoriert. geeignet. drei. die Menschen zu durchschauen. und es führt zu nichts. Sieben Satzzeichen haben wir.. unwillkürlich auch beim stummen Lesen.DIE SÄTZE LEKTION 16 Mit Satzzeichen Musik machen Es gibt mehr als Punkt und Komma »Irme yo con él más? Mal año!« Ein muchacho ruft das in DON QUIJOTE: »Ich noch mit ihm gehen? O weh!« Mit den doppelt gesetzten Frage. Bewerbungen sind die ohnehin das ideale Maß. sollte jeder Schreiber den Punkt als Problem erkennen: Habe ich schon etwas gesagt. auch über diese kleine Zäsur hinweg? Rousseau hätte seinen GESELLSCHAFTS VERTRAG natürlich so eröffnen können: »Der Mensch ist frei geboren. Vieles. ist auch danach. damit der Leser Ihren Punkt nicht als Einladung zum Aufhören benutzt.. jedenfalls das Nichtzuendelesen in der Zeitung. indem er sie auf drei Absätze verteilt – für Briefe. schrie sie« – als ob wir nicht ein Schreizeichen hätten.« Aber das wäre eine Allerweltsbehauptung gewesen. nachdem er eine Spannung aufgebaut hatte: ». Und so setzte er den Punkt erst. ist entweder schlecht beraten oder an Lesern nicht ernstlich interessiert.

« Schon ist der Text seriös geworden.« Grandios in Kafkas VERWANDLUNG: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte. neigt freilich immer noch dazu. und ob er verführte oder bezahlte.« Und einen wirklich hübschen Einfall hatte Johannes Mario Simmel. Mit Friedrich dem Großen schlenderte er durch den Park von Sanssouci. Bücherleser sind meist geduldiger und mit einem Satz noch nicht zu verscheuchen – wohl aber kaum animiert.« Schön. als er seinen Bestseller von 1960 (ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN) mit dem Satz eröffnete: »Wir Deutschen. Und wirklich: Mit 350 Zeichen lässt sich viel erzählen.« (408 Zeichen) Wer so zunächst gewonnen ist. so bleibt dem Schreiber eine Chance. aber keinen Salat. In zwei Porträts historischer Figuren zum Beispiel so – in der Zeitschrift P. müssen wir mit unseren Kunden umgehen: In jedem Brief. Lotterie-Einnehmer. c’est la question.« Frech im BUTT von Günter Grass: »Ilsebill salzte nach. Falschspieler. Hochstapler. wenn selbst Bücher so beginnen. Bevor gezeugt wurde. sonnte sich im Weltruhm als Erbauer des Suezkanals und heiratete mit 65 eine 20-jährige üppige Schönheit aus Martinique. können ein Wirtschaftswunder machen. heißt die Nutzanwendung. »You never get a second chance to make a first impression«. Wie man dem entgegenwirken kann. Vom Sex war er besessen. den Düwel ook. gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen. Angebot. das die Praxis erprobt und die Wissenschaft ermittelt hat. viele irritiert. die meisten aber wären neugierig auf die Fortsetzung. Kondome. Genua und Lucca sind weiter nichts als Apanagegüter der Familie Bonaparte. Ritter des päpstlichen Ordens vom Goldenen Sporn und Geheimagent der venezianischen Inquisition. Zwei Päpste und eine Kaiserin empfingen ihn. gelesenen 350 Zeichen fällt die Entscheidung – ein durchschnittliches Leseverhalten. davon gleich mehr. obwohl sie den Paukenschlag weniger nötig haben. und etwas Kostbares hat er gewonnen: Aufmerksamkeit! Dafür hat er keinen zweiten Anlauf frei. Prospekte. Für alle kürzeren Texte gilt: Schreckt der erste Satz wenigstens nicht ab (durch Kopfgeburten der Grammatik. Meist erst nach gehörten 20 Sekunden. Zeitungsleser hüpfen dann rasch zum nächsten Text. wenn sie in KRIEG UND FRIEDEN als Erstes lesen müssen: »Eh bien. Amerikanische Firmen rüsten sich dafür mit dem Bild vom elevator check: Der kleine Angestellte trifft im Fahrstuhl den großen Chef und hat nun realistisch geschätzte 20 Sekunden Zeit. Prospekt müssen sie binnen 350 Zeichen erfahren haben. Er hieß Ferdinand Vicomte de Lesseps.« Moderner schon in ANNA KARENINA: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich. ¤ Lektion 19 und 20 DIE ZEIT 28 . mon prince. was Brüssel in seiner Kompetenzgier nicht regeln will. fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Je. Genau so. zwölf an der Zahl. die drei Könige gar nicht gerechnet. und gedruckte Briefe. und würde man ihn ausgerechnet in der FAZ vermuten? Einige Leser wären angewidert. und sie stand im selben ersten Satz: »– es gibt nichts. unglücklich ist jede auf ihre eigene Art. Kruzifixe« – darf ein Zeitungsartikel so beginnen.: »Dies ist ein Drama aus Tollkühnheit. der er emsig Kinder machte. heißt ein Leitspruch amerikanischer Journalisten. Inhaltslosigkeit oder drei asiatische Eigennamen). später irgendwo mit dem Lesen aufzuhören.M. Korruption und massenhaftem Sterben – geschrieben von einem der begabtesten Traumtänzer der Weltgeschichte.« Oder in den BUDDENBROOKS: »Was ist das? Was – ist – das.« (351 Zeichen) Oder ein Porträt des Casanova in der WELTWOCHE: »Er war Doktor beider Rechte. und sie haben recht. Bewerber mindern ihre Chancen.DIE HOHE SCHULE LEKTION 18 Die Kunst des Anfangs Nach 20 Sekunden ist alles vorbei Alle Zuwendung an den Leser lässt sich mit einem einzigen Satz zunichtemachen: dem ersten – wenn er abstoßend oder zum Gähnen ist. schien ihm fast egal. um sich oder sein Anliegen bei ihm interessant zu machen. das Weiterlesen zu erlisten. was wir bieten und warum sie weiterlesen sollen. liebe Kitty. »Käse. Angebote sind schon zum Papierkorb unterwegs.

« Und: »Gute Nacht. Nichtschlafen heißt ja fragen. »aber wenn ich es nicht hören sollte.. an der er mit 40 Jahren starb. In allen Briefen.« Über seine Magerkeit (an Milena wieder): »Wissen Sie denn nicht. dass man eine so große Stadt aufgebaut hat.. niemals eine akademische Floskel. ehe es sich von mir niederschreiben lässt. in dem er aufwuchs. Jahrhundert der großartigste Beitrag der deutschen Sprache zur Weltliteratur war.« Bildhaft tastete Kafka sich auch an das Unsagbare heran: »Wenn man schlecht geschlafen hat. mein liebstes Mädchen. hätte man die Antwort. dass ich Dir angehöre wie ein beliebiges Ding. ›So geht es nicht weiter‹. gab posthum die zumeist unvollendeten Romane heraus edes Wort. sieht sich zuerst nach allen Seiten um. in Wien zu besuchen. einen Augenblick lang schien es mir unverständlich. am Gefängnis seines mageren. schrieb er aus dem Sanatorium an seine Schwester Ottla. Man ist eben als biblische Taube ausgeschickt worden.« In einem Brief an die Schwester aus dem Sanatorium zog er Bilanz: »Die Anstalt ist für mich wie ein Federbett. dass nur die Dicken vertrauenswürdig sind? Nur in diesen starkwandigen Gefäßen wird alles zu Ende gekocht. Kafkas Wortschatz war unauffällig. neben – viele sagen: vor – Thomas Mann.. »der man höchstens einmal im Jahr erlauben kann. nämlich ein Grab mit ein paar welken Blumen.. Feurigeres kann niemand im Glase haben. die Verheiratete. dass Kafka »der heimliche König der deutschen Prosa« wurde (so Hermann Hesse) und dass sein Werk im 20.. immer Farbe. zu helfen. in der Verzweiflung oder im Galgenhumor.« Überwältigend naiv reduzierte er eine Riesenstadt auf die paar Quadratmeter. offen. Bilder.. schrieb er an Felice. hat das Gehirn gesagt. bleibe mir treu. Er war Jurist und Versicherungsbeamter und litt die letzten sieben Lebensjahre an den Folgen einer Kehlkopftuberkulose. mit der er zweimal verlobt war. Er veröffentlichte nur einige wenige Erzählungen. die dazu beitrug. an der ganzen Unheimlichkeit der Welt. schrieb er an Max Brod: »Manchmal scheint es mir. die ihn nur deswegen faszinierten.« Milena aber. in den Werken ebenso. das Du in Deinem Zimmer hast.« Während die Tuberkulose voranschritt. und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt. käme ich sofort in die Gefahr.. abgetrotzt. und sie allein sind als eigentliche Erdenbürger auf der ganzen Erde verwendbar.« Foto (Ausschnitt): Fototeca/Leemage 29 DIE ZEIT . während Du doch nur ein Zimmer brauchst. solange es Dir keinen übergroßen Schaden bringt. wenn man früh aufwacht.. weil seine Brieffreundin Milena dort wohnte: »Ich sah heute einen Plan von Wien. denn im Norden wärmen sie und im Süden geben sie Schatten. nur diese Kapitalisten des Luftraums sind . schliefe man . seinen Freund und späteren Herausgeber – eine klassische Einladung an alle. wenn ich höre. Ewig wollte man fragen. Manchmal. Überraschung. zum Aufnehmen bereit .. Kraft – ob in der Liebe. der Schriftsteller Max Brod. der Stoff seiner Briefe vor allem das Leiden: an seinem vierschrötigen Vater. und wisse. so schwer wie warm. und an der hoffnungslosen Liebe. die Wahrheit sei knapp neben dem Bett. »Ich erschrecke. Wenn ich hinauskriechen würde. das hieße: Er würde nur die Maus sein.. »Silvester«. dem tschechisch-jüdischen Milieu. Die Welt ist nicht geheizt. geschützt vor Sorgen und Wahnsinn . indem ich aufgestanden bin und dem Neuen Jahr die Stehlampe entgegengehalten habe. ausgedrückt in einem verblüffenden Bild vor einem Hintergrund von Angst – in jener Mischung also. der ihn verachtete. sein Satzbau unprätentiös. »habe ich gefeiert. glaubt man. offen quer über den Teppich zu laufen«. mich zu verkühlen. es beim Schreiben ebenso zu halten. fragt man und weiß nicht was. Seine Schreibweise ist von einer Lakonie. wollte ich sterben. hat nichts Grünes gefunden und schlüpft nun wieder in die dunkle Arche. Sein Freund. Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt.SPRACHMEISTER (V) FRANZ KAFKA D E R H E I M LI C H E KÖ N I G J Franz Kafka (1883–1924) wurde in Prag geboren und entstammt einer bürgerlichen jüdischen Familie. kranken Leibes.« Das schrieb Franz Kafka an Max Brod. dass Du mich liebst«. niemals ein abstraktes Wort.. die düster und unheilvoll den gesellschaftlich entwurzelten Menschen beschreibt. die die Sprache lieben.

« Ein »wie«. eignen sie sich kaum. die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken. So vom STERN. wäre nicht nur die schlichtere. der einem ungarischen Gentleman das Kurzporträt widmete: »Er sah aus wie eine Kreuzung aus dem Polizeipräsidenten von Budapest mit einem. wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.DIE HOHE SCHULE LEKTION 19 Die Kraft der Bilder Sie schaffen Farbe und Wärme »Hinter dieser kalten Frackbrust schlägt ein Herz aus Stein. der mit dem Unterschied zwischen Mozart und Mozartkugeln zusammenhängt. Denn immer geht es darum. Geschrei und Weinen die Abfahrt ankündigten. und tatsächlich: Etliche Menschen rüsten sich dafür.« nach einem besonders gut versteckten Osterei«.« Oder einst von dem Wiener Feuilletonisten Anton Kuh.« Zum Schluss die Frage: Wie könnte man am farbigsten den Weltuntergang beschreiben? Am 21. bis es ihn nicht mehr gab. und wir fuhren. es müsse sich dabei um eine gigantische Inszenierung handeln. Rolle. Gott sei Dank. trat. Wie in dieser klassischen Passage aus der BLECHTROMMEL: »Wir kamen in den viertletzten Wagen. dass man sich diese Scheußlichkeit nicht ausmalt. als polnische Kommandos. dem Reiseproviant noch ein Paket mit Desinfektionsmitteln hinzu – Lysol ist wichtiger als das Leben –. Herr Fajngold stand mit dünnem rötlich wehendem Haar unter uns auf den Gleisen. wie es sich bei der Abfahrt von Zügen gehört.« Ungebremst böse Walter Benjamin: »Echte Polemik nimmt ein Buch sich so vor. Aber als Leuchtfeuer sollten wir sie benutzen. aus dem Überdruss an ihm ist die spöttische Abwandlung entstanden: »Auch Eisberge kochen nur mit Wasser. Es gibt abgedroschene Vergleiche wie den von der »Spitze des Eisbergs«. den neuen Chef der Deutschen Bank: »Er beantwortet Mails so schnell. als er an die Thessalonicher schrieb: »Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.« Auch werden neue Bilder gemalt wie im SpontiSpruch über die Zeitmode »Selbstfindung«: Das heiße offenbar »nach sich selber suchen wie DIE ZEIT 30 . den er sucht. als er kürzlich Anshu Jain porträtierte. »würde ich die Anwesenheit einer Frau störender finden als die Anwesenheit eines Germanisten im Schlafzimmer. Auf der Welt und bei ihrem Untergang. Intendant der New Yorker Metropolitan Opera von 1950 bis 1972 – und eines mit Sicherheit bewirkt: Dergleichen überhört und überliest man nicht. Neben vielen anderen Irrtümern erliegen sie vermutlich auch diesem: Sie meinen. sondern auch die prallere Ausdrucksweise. Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein antwortete auf die Frage »Was ist eigentlich Kultur?«: »Ich habe einen Verdacht. »einen eiskalten Leser zu wärmen. Journalisten erfinden in jedem Winter die »Kältewelle«.« Und nicht aus warmen Worten – aus Bildern steigt die Wärme auf. mit rötlich wehendem Haar immer kleiner wurde. dann fünf einsilbige Wörter – das gibt ein Bild: So macht man das. fügte. Eher aber könnte der Apostel Paulus recht gehabt haben.« Mit dramatischer Wucht in der Charakteristik Lenins durch Vladimir Nabokov: »Er war eine Milchkanne voll menschlicher Freundlichkeit mit einer toten Ratte am Boden. der auch richtig und ordnungsgemäß. Bedeutung wirken inzwischen vergleichsweise frisch. da ist gegen den stets fluchtbereiten Leser die Angel ausgeworfen. dass da Menschen erfroren sind. und nicht jede bildhafte Sprache ist gut. als die Lokomotive durch einen Stoß ihre Ankunft verriet. Nobelpreisträger 2011. Sogar von hässlichen Bildern sind wir umstellt wie in der Redensart »Alles in Butter«: Sie lebt geradezu davon. Eine Journalistenweisheit ist plastisch geblieben: »Ein Dementi ist der Versuch. wie Karl Kraus: »Nachts am Schreibtisch«.« Zynisch hat das über sich selbst Rudolf Bing gesagt. bloß weil sie das Simple in ein Gleichnis oder eine Metapher übersetzt. die Maya haben das angeblich prophezeit in ihrer rätselhaften Schrift.« Intellektuelle lieben sie. ruft die Wirklichkeit nicht oft.« In Sprichwörtern sind die Bilder ohnehin zu Hause wie in dem aus Russland: »In des anderen Weib tut der Teufel einen Löffel Honig.« Ähnlich bei der längst überreizten Metapher »Stellenwert«: Die früher genutzten Wörter Rang. schrieb er. Wo die Anschaulichkeit der Wörter (¤ Lektion 3) sich zur Bildhaftigkeit der Aussage steigert.« Die Beispiele haben eine Schwäche: Für das. nur noch aus Winken bestand. eine Art Hundert-Milliarden-Dollar-Produktion aus Hollywood. reichte Maria drei Päckchen Margarine und zwei Päckchen Kunsthonig. Er ist ja nicht bereit. sagt der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer. Dezember dieses Jahres soll die Welt ja mal wieder untergehen. näher heran. wie eine Kobra zubeißt. ließen den Herrn Fajngold zurück. Nach solchen Bildern. die Todesopfer »fordert«. Bilder sind gut und verblüffende Bilder noch besser. was unsereiner so schreibt. Alle Wärme muss sich im Text finden.

Aus den Parlamenten kennen wir die Sprechblasen. die auf Erden täglich geplappert werden. nun. sozusagen. muss das sowieso. Ein Text des Schriftstellers Ingo Schulze. Und schon wirkt die Beiläufigkeit des Gebloggten. aufzuhören. ungeplant. die Würzwörter zu heißen verdienen. der sollte die Worte wägen. die wir uns als Zuhörer oder Leser wünschen. der oft schlaffe Wunsch nach Lesern aufs Geschriebene zurück. einen kurzen Sinn zuvor zu einer langen Rede ausgewalzt zu haben. sollten wir nur die zulassen. damit kommt man weit!« Stuart Davis: »Pad No. doch. das geblähte Nichts: dass einer sich dem hohen Gut der Volksgesundheit voll und ganz verpflichtet fühlt! Auch die Billionen Wörter. einen schwierigen Sachverhalt in einem zweiten Anlauf zu erläutern oder durch ein Beispiel zu beleben. Und wenn alles gesagt ist. 4«. 1947 (Detail) Abb. brauchen uns nicht zu interessieren. mehr scheint es ihnen darauf anzukommen. denn damit hätten wir uns bezichtigt. »dass sie ihre Existenz weit und breit um sich kundmachen« – Immanuel Kant sagte das 1786 allen »lärmenden Unterhaltungen« nach.DIE HOHE SCHULE LEKTION 20 Der Wille zum Verzicht Wenn alles gesagt ist. unkorrigiert. Bonn 2012 31 DIE ZEIT . zwischen Gesprochenem und Geschriebenem fast keine Grenze mehr. Mit Schwätzern und Langweilern haben Leser keine Geduld. eine Neuigkeit. sollten wir die Kraft haben. Die Floskel »der langen Rede kurzer Sinn« zum Beispiel sollten wir nie niederschreiben. was ich noch schreiben soll. Blogger haben alle Freiheit – und nutzen sie: beliebige Länge. Dass sie oft schon für ihren zweiten Satz keinen Leser mehr finden werden. Meistens schreiben wir zu viel (vom Reden zu schweigen) – gemessen am Interesse jener Menschen. Von den Füllwörtern. von denen die mündliche Rede überquillt (ja. O. den die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kürzlich publizierte.« Wunderbar! Da greift Schopenhauers »erste Regel des guten Stils: dass man etwas zu sagen habe. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. in der Stilistik Abtönungspartikel genannt: ein »nämlich« oder »eigentlich« zur rechten Zeit. irgendwie). stört viele Blogger offensichtlich nicht. Wer aber gelesen werden will. Wer twittert. denn ich weiß nicht mehr. sollte der Text enden Manchmal schreiben wir zu wenig: wenn wir es nämlich unterlassen. begann mit dem Satz: »Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben.

der aller Welt Hass und Abscheu machte und alle Welt hineinlegte. Thomas Mann (1875–1955) wurde in Lübeck geboren und emigrierte zur NS-Zeit. Ein dritter Satz? Ein neues Anheben – nach diesem Abschied? Ein Wiederkommen – nach dieser Trennung? Unmöglich! Es sei geschehen.Oh du Beseliger! . dies auch auf Reisen: so in Schweden am 3. den umzubringen hundert Millionen Menschen sich vergebens ermatteten . ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit. nicht anders meinend. worauf er unter Zurücklassung eines Kinderleibes wieder entschwand.. Wollust sich vergeudenden Welt.« 500 Seiten vorher aber waren wir Zeuge. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. boshafter Troll. notierte Thomas Mann im Tagebuch: »Das Alter zeigt sich darin. erlesenen Gemeinde eine Stunde und im Buch sieben Seiten lang erklärte. zu Ende auf Nimmerwiederkehr. an – kurz bevor sie ihn anschmachtet: »Ah.. als England und Frankreich Hitler den Krieg erklärten (»Ich schrieb meine Seite wie gewohnt«). sich nie daraus zu lösen. . aber getötet zu haben höchst grässlich ist und dass du nicht töten sollst. kühner Knecht?« So herrscht Madame Houpflé Felix Krull.SPRACHMEISTER (VI) THOMAS MANN D E R A LLE S KÖ N N E R D u entkleidest mich. Erika. »um große. Vormittags. dass die Liebe von mir gewichen scheint und ich seit Langem kein Menschenantlitz mehr sah.. Den Gestürzten. verliebt und verlumpt. Gebot und Verbot. das Stück nur zu hören brauchen. in c-moll. roh. ein ungeschlechtlicher. feilend. wild. zerknirscht am Ende und gründlich müde einer in Blut. die doppelbödige Behäbigkeit und das blanke Feuer gleichermaßen gebietet. notierte er 1928. höchstens anderthalb. als überlieferte Kunstform. sondern er meine die Sonate überhaupt. Ausschnitt).. kehrt. ein genialer Komponist. in die Obhut seiner Mutter zurück: »Meine Überzeugung aber ist.« Ebenso die schauerliche Würdigung Friedrichs des Großen. Er tötete früh im Auflodern. aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden. dass Töten zwar köstlich. den er 1915 zwar zu einem »Beauftragten des Schicksals« ernannte.« Fünf Jahre später. ah. 32. Duze mich derb zu meiner Erniedrigung!« Mehr Satire war nie in der Liebe. notwendige Erdendinge in die Wege zu leiten« – dem er aber zugleich den Abgesang bereitete: »Zuweilen möchte man glauben. zunächst in die Schweiz. warum Beethoven zu seiner Sonate OPUS 111 keinen dritten Satz geschrieben habe: »Wir hätten. Für seinen ersten Roman »Buddenbrooks« (1901) erhielt er 1929 den Literaturnobelpreis. diesem enormen. Nie setzte er dabei auf Inspiration: »Der Einfall als Überfall ist mir unbekannt«. Du junger Teufel.. darum liebte er leidenschaftlich Ordnung. als Gattung.. er sei ein Kobold gewesen. darum wusste er besser als jeder Unerfahrene. Aber was ist sie zugleich? »Die Sympathie mit dem Organischen. Die Spannweite seiner Sprachkunst demonstrierte Thomas Mann noch einmal im DOKTOR FAUSTUS von 1947.. das Unverbrüchliche. Raub. nicht ohne Zufriedenheit erfährt.. den Hotelboy. Einen Sturzbach lässt er auf den Leser niederprasseln in seinem Lobgesang auf Grimmelshausens SIMPLICISSIMUS: »Es ist ein Literatur. Klaus und Golo. 33) .« Seine Meisterschaft rang Thomas Mann unerbittlich den Vormittagen ab: Von neun bis zwölf schrieb er eine Seite Prosa. September 1939. grübelnd.und Lebens-Denkmal der seltensten Art.. Fishman/ullstein (S. amüsant. Sein älterer Bruder Heinrich und drei seiner sechs Kinder. wie der stotternde Künstler Wendell Kretzschmar einer kleinen. alles verzeihend. mit Tod und Teufel auf du und du. . um uns die Frage selbst beantworten zu können. waren ebenfalls Schriftsteller DIE ZEIT 32 Fotos: Bettmann/Corbis (S. Das ist ja das Eindrucksvollste an Thomas Mann: wie er über das Tragische und das Ironische. ›das arme. als dass er besser getan hätte. sich zu Ende geführt habe. glatter Knabe. mit 77. das rührend-wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten« (im ZAUBERBERG).. kochend von Leben. Und wenn er sage ›Die Sonate‹. Vernichteten. sagte er. so meine er nicht diese nur. um das ich trauern könnte. ausgesandt. Der.« Doch den FELIX KRULL schrieb er weiter. 1933. dass die Sonate im zweiten Satz. dann in die USA. in ihren Schoß zurück.« Von ähnlicher Spannung vibrieren seine Porträts – das des Moses am Anfang der Erzählung DAS GESETZ: »Seine Geburt war unordentlich. liebe Kind!‹ nimmt sie. umnachtet und gebrochen. bunt. dass das Mütterliche solche tragische Heimkehr bei allem Jammer nicht ohne Genugtuung.

Auflage. Schneider ist Autor von 28 Sachbüchern. Auflage. Und 2011 wurde er für sein publizistisches Lebenswerk mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. 16. 7. im Juli erscheint das nächste Buch: Die Wahrheit über die Lüge. ist Sprachlehrer in Wirtschaft. Verlagsleiter des sterns. Christian Morgenstern oder Heinrich Heine vor – für einen Zehnjährigen kein schlechter Start in die deutsche Sprache.»P L AG T E UC H !« Ein klares. Rowohlt. schönes Deutsch – das ist Wolf Schneiders Lebensthema Der Vater trug beim Sonntagsfrühstück gern Fröhliches und Freches von Wilhelm Busch. »Plagt euch. Ein klares. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 87. impfte er seinen Eleven ein. Piper. 1994 erhielt er den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. selbst ein großer Schriftsteller zu werden. Seit 2007 ist er Honorarprofessor der Universität Salzburg. Reinbek 2009 . Stattdessen wurde er Journalist: Nachrichtenchef und Washington-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Die neue Stilkunde«. sonst müssen sich die Leser plagen«. Schneider leitete die spätere Henri-Nannen-Schule bis 1995. Reporter bei Geo. München 2011 Wolf Schneider: »Deutsch für Kenner. die Hamburger Journalistenschule aufzubauen. Weiterlesen Wolf Schneider: »Wörter machen Leute – Magie und Macht der Sprache«. Geburtstag. Seit dem Abschied von der Henri-Nannen-Schule bildet er weiter Journalisten in Deutschland. 3. 1979 bat ihn der Verleger Henri Nannen. Mit 14 las Wolf Schneider die Buddenbrooks und träumte davon. Chefredakteur der Welt. Österreich und der Schweiz aus. Medien und Behörden. München 2011 Wolf Schneider: »Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen«. schönes Deutsch zu lehren – das wurde sein Lebensthema. Moderator der NDR Talk Show. Piper. Auflage.

Dagegen dieser erste Satz der Erzählung Nachtmantel aus dem Band Einer bleibt übrig. was. zumindest hier in Deutschland. damit er berichte von dem großen. sich immer wieder infrage stellt. und doch alles falsch. dass ich immer wieder beim Konstruieren stutzte. Journalist oder Literaturwissenschaftler werden. Satz. eigene Sprache gefunden? Auch die Wahl des Themas – Formalisten wollen das nicht wahrhaben – hat ihre ästhetische Bedeutung. wie ist die Sprache organisiert. die mittels eines Griffels oder Bleistifts gleichsam als Verlängerung der Hand gemacht werden. Auch sie haben ein handwerkliches Fundament. wie das Handwerk in die Künste hineinreicht. damit gesagt werden kann. Deren Arbeit kennt dann wiederum die Qual der Suche nach dem richtigen Wort. der eine Begabung in sich trägt. genäht wurden. um ein guter Schriftsteller zu werden VON U W E T I M M K Denkwerkzeug Der Schreibtisch von Uwe Timm ann man Schreiben lernen? Ja. Auch Goethe war einmal Lehrling. jedenfalls für mich. auch im Französischen. Eine Lakonie für das Unfassliche. aber darüber hinaus. Wie die Felle sortiert wurden. des Spiels und die Frage nach existenziellem Sinn. die von Meistern an Gesellen und Lehrlinge weitergegeben wurden. Das Gedachte und Gefühlte. wie im Fall Hebbel. das heute fast ausgestorben ist: die Kürschnerei. Aber Begabung allein reicht auch nicht. Die Frage nach der Begabung lässt sich allein vom literarischen Text beantworten. was sprachlich gelungen oder nicht gelungen ist. Das Erlernen des Alphabets. So kann denn auch das. Und dann: Ist es richtig und gut? Nicht alles. Camus erzählt in dem Roman Die Pest von einem Mann. es ging um Erfahrungen und Kenntnisse. Falsifikation und Verifikation begreifen das Phänomen der literarischen Wahrheit nicht. Und zu der Arbeit gehörte ganz wesentlich. und etwas. stillen Christoph Meckel: »Als er anfing zu sterben. Eine Verstörung in der Sprache. sondern die- se winzige Verschiebung weg vom Erwartbaren. oder aber er wird es. der einen Roman schreiben will. bestimmte Formen waren nicht zu erzwingen. Gedrängt steht dem finiten Verb »anfangen« das infinite »sterben« gegenüber. In der kindlichen Wahrnehmung zeigte sich jedoch jener Taumel vor dem Abgrund. Etwas. sondern. aber über den ersten Satz nicht hinauskommt. Er ist vollgestopft mit Klischees. was einem nicht zufällt. Wieso »anfing zu sterben«? Eine Krankheit? Der Entschluss zur Selbsttötung? Flucht? Dieses »anfing zu sterben« ist sprachlich überraschend. Und Nachtmantel erzählt von der Verstörung eines Mannes. sondern nur durch die Schnitttechnik zu entwickeln. das heilige Feuer muss auf ihn kommen. ist einfach Teil des Handwerks des Schreibens. unterbrochen durch eine Apposition über den sozialen Hintergrund des Wohnens.und Wieder-Auseinanderschieben hatte etwas Spielerisches. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch Handwerk darüber geschrieben. wer das Schreiben mühevoll gelernt hat. eingeleitet durch den temporalen Nebensatz. all das war zu lernen. Brecht weniger. der Regeln. so zu fragen. Absatz. in der Normsprache ein Regelverstoß sein. diese Vorstellung vom Dichter. wäre die Qualität von Sprache ablesbar an dem Falschen. Von diesem ersten Satz weiß man: Das Buch muss man nicht lesen. das lernt sich nicht von allein. weil unüblich. Ich höre noch Professor Kunisch in der Aula der Universität München unter dem Goldmosaik von Helios rufen: »Der Dichter ist geschlagen. Warum ist dieser Satz gut? Nach einem naturwissenschaftlichen Wahrheitsmodell kann man seine Qualität nicht beweisen. Dieses Zusammen. zweiter Stock. in die Musik und in die Malerei. Zu jedem Handwerk gehört dieser lange Prozess des Übens. den der Widerstreit zwischen der Sprache und der Dingwelt auslöst. die man aber auch anhand alter Mäntel und Stolen studieren konnte. DIE ZEIT 36 . also Schriftsteller. wie sie kompliziert zusammengeschnitten. ihren Weg zum Ausdruck findet. Nicht zu vergleichen mit Schreibübungen. wird in drei gereihten Hauptsätzen die Abgeschlossenheit einer Existenz beschrieben und zugleich infrage gestellt. die auch Ausnahmen kennen. da er ihn immer wieder um. die Freiheit der unbegrenzten Variation. die auch unter widrigsten Umständen. Gemessen daran. dem Material zu »gehorchen«. es ist gut. das nicht Selbstverständliche von Sprache und Schreiben. dritter Hinterhof. für den Tod. Benn auch. Warum zum Beispiel schreibt sich der Schwan mit einem A und nicht mit zwei. Kann man das literarische Schreiben lernen? Literaturkritiker. Wie ist er gestaltet. sagen meist Nein. wie schadhafte Stücke ersetzt wurden. spielerisch korrigierte Übung. ausgelassen. Vielleicht ist diese aus der Not geborene Methode schuld daran. Alphabetisierung ist Arbeit. wo er doch zwei Flügel hat. Konstruktives und zugleich Dinghaftes. durch Übung. Ich habe ein altes Handwerk gelernt. ist eine besondere. was in der Literatur angemessen ist. wie zum Trotz.« In einer drängenden Knappheit. Syntax. zu seinem Beruf machen. was in der Sprache richtig ist.« An dem Satz ist alles richtig. »An einem schönen Morgen im Mai ritt eine elegante Amazone auf einer herrlichen Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne. verließ er die Wohnung. wie im Handwerk. Döblin gar nicht.« Hölderlin war geschlagen. Er ist eine Parodie auf einen Romananfang und eine raffiniert von Camus eingeschleuste Anspielung – denn schon Valéry hatte ähnlich einen Romananfang parodiert. Das meint nicht falsche Orthografie. verschloss die Tür mit dem einzigen Schlüssel und warf ihn durch die Briefklappe in den Flur. Selbstverständlich ist es töricht. Es ist nur selbst wieder in Sprache zu beschreiben. möglicherweise nicht mehr schreiben. Wie Sprache aufgeraut oder geschmeidig gemacht wird.ÜBER DAS SCHREIBEN Lob der Werkstatt Sprachliche Potenz ist nicht erlernbar.und umschreibt. durch ebendiese Distanz. Das liegt in einer deutschen romantischen Tradition. Die Zeichen sind arbiträr. es gab kein Papier und keine Schiefertafeln. Das Erlernen des Sprechens geschieht durch die langsame. der Grammatik. muss auch literarisch gut sein. durch Anleitung des Lehrers oder des Meisters. und das unterscheidet sie von der auf bloßen Nutzen und Gebrauch ausgerichteten Arbeit. das Erlebte und Erinnerte sollen in abstrakte Zeichen überführt werden. mittels kleiner Buchstabenplättchen gelernt. Interpunktion. Ich habe das Schreiben 1946. Nicht zufällig wird.

dass er wiedergibt. die Musikalität und diese Klarheit. des Gefühlten kann. Nochmals gefragt: Kann man das literarische Schreiben lernen? Nicht erlernbar ist die sprachliche Potenz. zahlreiche literarische Schreibwerkstätten und Studiengänge an den Universitäten. das Lächeln hingegen kommt aus dem Vorsprachlichen. üppiger als in den literarisch so mageren siebziger und achtziger Jahren. Tolstoi ist. nein. Das Schreiben der Sätze ist begleitet von einem: Nein. Millionenauflagen.Ich sagte. darin eingelagert. in denen die Sprache auf sich selbst zu hören scheint. er ist gut und das heißt auch wahr. 36. kann seine Kenntnisse bei Harald Weinrich. Auch die Zahl der jährlich erscheinenden Romane und Erzählungen. die Verbesserung durch Ändern. richtig im Sinne. was in der Vorstellung. es ist dieses Warten. kann ich sagen. bald zurück. auch diesen. ein Ja. die jemand mitbringen muss. der Absatz gut für mich. nein. Er zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Mimik des Lesenden verrät es. Zu der Verbreitung der Literatur beim jungen Publikum hat sicherlich die Popliteratur der neunziger Jahre beigetragen. Meckel arbeitet mit Verknappungen. Ich schreibe einen Satz. sind die Dialoge in der zeitgenössischen deutschen Prosa meist stumpf. mit Auslassungen und einem gestischen Sprechen. die Anlass für das Schreiben sind. Worüber man lacht. das Gestische. Lektoren und Lesern. Poetry-Slams sind nach wie vor überfüllt. Es gibt momentan ein reges Interesse an der deutschen Sprache und Literatur. Die Wiederholung. eine halbe. Die gesprochene Sprache ist aber wie ein Humus für die Hochsprache. lässt sich schnell sagen. Jürgen Trabant oder Peter Eisenberg wissenschaftlich vertiefen. Erst wenn beides erreicht ist. mögen sie zuweilen auch vereinfachend sein. die elliptische Form der gesprochenen Sprache und. was jetzt alles auf den Markt kommt? Was wird bleiben? Schaun mer mal. die literarische Sprache in ihrer Körperlichkeit leisten. viele Stipendien und Preise. die Geduld. Um noch ein Beispiel aus der Erzählung Nachtmantel von Christoph Meckel zu nehmen: »Vor einem Gasthof machte das Taxi halt. den Verbesserungen und Änderungen. er steht fest.« Eigentümlich genug. der staatlich geförderte Literaturfonds.und Umschreiben gut klingen. Kritikern. dann ganze Stunde verging ohne Zeit. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Freitisch« (2011) Fotos: Isolde Ohlbaum/laif. bekannte wie neu gegründete. das heißt. das Motiv des Rauschens. Wie erreichen. sagt Nabokov. Jürgen Bauer (S. der Chauffeur wollte eine Pause von zehn Minuten – in dem Lokal dort. Der Satz soll nicht nur richtig sein. und der Taxifunk rauschte. Privatsache. das langsam hervorbricht. durch das Um.« Zwei Sätze. In George Steiners Gedanken dichten steht der schöne Satz: »Die Stummheit der Tiere hat als Spur in uns überdauert. Wer will. damit es in der Sprache auftaucht. das Aufschieben. Regen schlug schwer auf das Blech. Ein Lob aber der Werkstattarbeit. die auf der Suche nach jungen Talenten die Nachfrage gleichermaßen bedienen und stimulieren. die Zahl der jungen Autorinnen und Autoren ist erstaunlich groß. die ohne die Brechung ins Alltägliche leicht steif und gipsern wirkt. die Tolstoi unter dem Einfluss seiner Frau vorgenommen hat. der Taxifunk rauschte. das wiederum für sich selbst beschrieben werden müsste. Und dann ist der Satz. der Chauffeur kam nicht zurück. die spricht. etwas. Man sehe sich die Umarbeitungen von Anna Karenina an. Das ist die lustvolle Überwindung der Stummheit. die Organisation von Sprache und Text. auch nicht die Radikalität und nicht die Verstörung. Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Diese an Jazz erinnernden syntaktischen Stopps. in der Anmutung noch recht dunkel war. viele Nein. Ausschnitt) 37 DIE ZEIT . Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Kollegen. vor allem die Verlage. Und die Ebene? Das. oft geradezu hilflos ausführlich. und höre meine Stimme. neue Zeitschriften und Literaturagenturen tragen zur Verbreitung bei. Das Lächeln. Bastian Sicks Bücher mit Sprachkommentaren erreichen. der Stimmung. was als Vorstellung vorangeht? Die Beschreibung des Gedachten. Hinzu kommen. ein Gebirge. sondern er muss durch Arbeit. anders als Philosophie und Soziologie.

U L R I C H S TO C K tut es hier mal DIE ZEIT 38 Foto: Vera Tammen für DIE ZEIT .ÜBER DAS SCHREIBEN Wenn das Schreiben nicht wäre Über ihr Eigentliches reden die Zeitungsleute selten.

Journalisten sind keine Schauspieler. aber nicht kritisch. super. Fantastisch. Er war verstummt. die ich bewusst nicht ordnen konnte. Schon tausendmal gelesen. ohne abzusetzen. Ich weiß inzwischen von anderen. sondern ganz viele. Diese Lust hat sich über die Jahrzehnte in Arbeit verwandelt. Zu billig. sonst kommt nichts. In meinem Unterbewusstsein hatten sich die Eindrücke. Widersprüchlich. ich habe noch kein Abendbrot gegessen. Je mehr ich von meinem Helden wusste. oder? Ich habe einmal eine Frau nur deshalb interviewt. Und alles wird geklickt! Einmal hatte ich über Monate hinweg Mal um Mal einen Musiker getroffen für eine große Reportage. der Redakteur. Geht nicht. Ich kritzelte Seite um Seite in mein Notizbuch. denen es nur halb so schlecht geht wie einem selber. Überlegen. mal Reggae. als habe der Text sich selber geschrieben. Geht so gar nicht. Der Fluss gehört zur Kreativität wie die Blockade. Klammern So sieht mancher Schreibtisch aus. Als es vorbei war. wenn das jetzt mal raus ist. Langweilig. auch bei der ZEIT. schöne Sache.A Kaffee. Wer für eine schlecht ausgestattete Onlineredaktion arbeitet. in der Spürnase. Ja. auch der Form. und die letzten Zeilen des unvollendeten Manuskriptes best nden nur no h aus löchrigen Wörte n. rissen den Bogen aus der Maschine. als in ein tiefes Grübeln zu verfallen. Ja. kann sie getrost vergessen. dass dies keine Seltenheit ist. und ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. gepaart mit einer gewissen Lässigkeit. verkrampft auf ihre Maschine starrend. Mal hört man Hip-Hop. Ich musste nichts mehr ändern. wackelt und hat Luft – auch so eine alte Redaktionsweisheit ls Redakteur bei einer Wochenzeitung – wie ist das denn so?« Das werde ich gelegentlich gefragt. Journalisten dürfen sich für alles interessieren. staunend. und noch im Halbschlaf hatte ich eine Idee für den Anfang des Textes. das treffende Wort? Schon möglich. Sie können zu jeder Tages. Weder auf die Fragen noch auf die Antworten konnte ich mich so recht konzentrieren. sage ich dann immer: »Journalismus wäre ein schöner Beruf. Tippen. wenn er nachts um drei beim vierten Bier seinen popkulturellen Ansatz erklärte. Sachlich falsch. Mist. Ulrich Stock ist Redakteur der ZEIT und leitet das Ressort Wochenschau 39 DIE ZEIT . Am Ende war ich vollkommen verzweifelt. wie praktisch. Ja. Man muss sich zwingen. Wer alle Regeln intus hat. um das andere Branchen uns zu Recht beneiden. Einen fand man morgens. Dann.02 Uhr im Hamburger Pressehaus am Speersort. es ist eigentlich Wochenende. Denn für ihn hat eine durchtriebene Gerechtigkeit den ersten Leser geschaffen. Und dann lese ich so einen Text und denke: Versteh ich nicht. Guter Schreiber. Ich zähle mich zu denen. Früher sprach man von der Angst vor dem weißen Blatt Papier. wenn das andere Berufsgruppen sagten! Pilot. aber oft genug ist die Weisheit so wahr wie ihr Gegenteil. Aber dies kann keine Aufforderung zu Stilbruch und Schlendrian sein.und Nachtzeit arbeiten. man sollte ihm den Widerstand gegen den Text nicht zu leicht machen. nicht einen Satz meines Helden hatte ich zitiert. beziehungsweise ist ein schöner Beruf. mit dem Kopf auf der Tastatur. Über Tage hinweg versuchte ich etwas und fand es immer nur furchtbar. oder? Einem Arzt würde man es schon eher glauben: Praxis. vielleicht noch einen dritten. in der kaum Zeit zum Schreiben ist. im Blattmachen. Der erste Leser bin ich. da dieser Text. Ich sah mir beim Schreiben zu. wie jetzt. Gibt ja alles. Man kann ihn auch mögen. Sie können – so es ihre Zeitung ihnen ermöglicht – überall hinfahren und recherchieren. denn sobald sie zur Regel würden. hat es indes nicht leichter. Die Entstehung eines Albums begleiten. Kalender. Nun ist das ein Luxusproblem. April. Der Mann war jung und gut. desto weniger wusste ich. was sonst tun. die schrieben einen Satz hin. Aber das Schreiben. Das weiße Papier ist verschwunden. der hält sich mit solchen Befindlichkeiten nicht auf. um 21. das bleibt jedem Kollegen selbst überlassen. Über das Schreiben sprechen die Zeitungsleute kaum. was ich über ihn schreiben sollte. in diesem Moment. Nicht einen Blick hatte ich in mein Notizbuch geworfen. so wortgewaltig. langsamer Schreiber. Und zu den Konferenzen gibt es Kaffee und Kekse. den ich seit Wochen schreiben will. Alles toll. und es klingt gleich viel besser? Hauptsache. Skandale aufdecken. vor allem dankbar. Wolf Schneider hört es nicht. wenn das Fliegen nicht wäre. und irgendwann nahte der Erscheinungstermin. das kann man lehren und zum Teil auch lernen. Ich holte Block und Bleistift. Weil man nicht weiß. Journalist zu werden. Und wenn dann Widerspruch kommt. Aber es macht gerade solchen Spaß. schrieben einen zweiten Satz hin. aber sie ist immer noch da. Vielleicht deshalb? Das Schreiben als das Eingemachte? Lieber nicht dran rühren? Hier wohnen Eitelkeit und Empfindlichkeit. Mir fällt das Schreiben manchmal schwer. Gibt auch tolle Journalisten. Der kundige Leser kennt alle Klischees. die gar nichts mehr schreiben und es vielleicht auch nie konnten. Noch mal. müssen aber nie morgens um acht im Büro sein. Ob ein solches Chaos kreativ macht. auch von Lesern. Schneller Schreiber. Ich kannte Kollegen. Man konnte Stunden später wiederkommen und fand sie im Halbkreis ihrer herausgerissenen Blätter sitzend. weil. Hauptsache. neben einem halb geleerten Glas. Kleckse. wenn. Der im Bett begonnene Text stand später genau so in der Zeitung. schlafend. Die besten Autoren tun sich oft am schwersten. Der haut das Zeug einfach raus. schreibt man gleich die Korrektur und hat den nächsten Artikel. Wer sich beim Schreiben zu misstrauisch über die Schulter schaut. Wer etwas hinschreibt und es gleich unglaublich toll findet. Langsam und gut. geschweige denn zum Lesen. Nur beliebig sollte es nicht werden. für das es auch Gründe gäbe. Selbstverliebt. aber ich hatte Worte für ihn gefunden. unglaublich eloquent. wären sie selber Klischee. man muss aber auch loslassen. Und es gibt eben nicht eine Art zu schreiben. Es gibt verschiedene Motive. Manchmal dachte ich. an einem Sonntag. wenn das Schreiben nicht wäre. Zudem hat man als Journalist nette Kollegen. wenige Tage vor Redaktionsschluss. und dann schüttelten sie den Kopf. Das hängt mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik zusammen. Und der Tag morgen wird viel schöner. In der redaktionellen Organisation. Tür auf. W as gutes Schreiben ausmacht. Seine Meinung sagen. Tür zu. wenn sie nicht gerade im Haifischbecken herumschwimmen. weil ich sie kennenlernen wollte. sonst fließt nichts. Diesen Widerspruch muss man aushalten können. Ihre Qualitäten liegen woanders. Doch auch die schöne Verallgemeinerung kann Wirkung zeigen. stand ich auf und machte Frühstück. wachte ich morgens auf. weil in der Eile irgendetwas schiefgegangen ist. krabbelte zurück ins Bett und schrieb von Hand zehn Seiten. und von früh bis spät jammern da welche. ließen ihn zu Boden segeln und spannten einen neuen Bogen ein. Heute blinkt einen der Cursor auf dem leeren Flachbildschirm an. nun endlich Gestalt annimmt. Schreiben ist wichtig nur als eines unter vielen. »Wir sagen immer«. mal Bartók. der kriegt keinen Satz mehr hin. Sie treffen außergewöhnliche Zeitgenossen. wenn nur die Patienten nicht wären. Weil man die Welt verbessern will.« Das löst zuverlässig Heiterkeit aus. Wer hatte da geschrieben? War ich das gewesen? Mir kam es mehr vor. zum Text sortiert. Gut und schnell. Blöd. Langsam und schlecht. Aber Sie haben schon verstanden: Journalismus wäre ein schöner Beruf. und quick zu antworten macht dann einen besseren Eindruck. die Angst ist geblieben. Konkretion ist oft gut. er sei der Redakteur. schlechter Schreiber. den 13. Aber die durch Neugierde legitimierte Annäherung ist ein Privileg. sondern ungläubig. dann lasen sie ihn. am Freitag. der Text passt. Es lebe die Reinheit und Perfektion. Oder sollte der Journalist lieber auf den Jazz hören: Ein bisschen schmutzig. die aus Lust am Schreiben schreiben. lasen ihn noch mal. obwohl es eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten ist. mal Glenn Miller – Verschiedenheit beugt der Langeweile vor. aber es zählt auch zum Schönsten. Schönes Thema. Schnell und schlecht. Aber jetzt nicht ablenken.

Ein wichtiger Zwischenschritt wäre entfallen. so arbeiten zu müssen. der im Seitenlayout der Zeitung vorab dafür eingeräumt. Kommentare und Glossen gedruckt und ausgestrahlt würden und ihre Zielgruppe erreichten. Hat der Autor das Thema erfasst. Aus dem Schatzkästlein der vergangenen Monate nehmen wir mal ein paar Beispiele heraus: »Peter Steinbrück«? »Siegfried Gabriel«? »Sofie Rois«? Oder: Josef Stalin. Es geht um Orthografie. schlimmer noch. der Cursor flitzt nur so über die Zeilen. wenn wir konstatieren. Kollegen oder freien Autoren erst zu ihrer druck. Alles vollzieht sich nach bewährtem Muster.oder sendefähigen Perfektion. es gibt Sprecher. Wir schauen einer versierten und in Hunderten von Redigaturvorgängen gestählten Kollegin über die Schulter. die Zahlenangaben sind jedoch widersprüchlich. dramaturgischen Saltos – oder. Orte. Wie zu redigieren ist. Der nächste Durchgang klingt nach Routine – und verdient doch volle Aufmerksamkeit. das Klara Stil irgendwann einmal von klugen. ob die Fakten stimmen und der Inhalt halbwegs luzide formuliert ist. Namen. Nächster Arbeitsschritt: Entspricht die Sprachebene. Dazu gleich ein Beispiel aus der Praxis: Im Nachrichtenraum einer überregionalen Tageszeitung kann es vorkommen. Der erste Lesedurchgang dient der oberflächlichen Einordnung und Kontrolle. Was simpel klingt. Jahreszahlen und nicht zuletzt Zitate müssen korrekt wiedergegeben werden.und Fernsehnachrichten. Sie selbst ist sich allerdings nicht zu schade. richtig? Stimmt. Kämmen und Aufbrezeln des Textmaterials? Stammt es von einem erfahrenen Autor. und das wiederum ist abhängig von den Usancen der jeweiligen Redaktion. einen Text zu gliedern Fehlender Einzug Z. Kameraleute. gönnt sich Frau Stil einen Kaffee. kann tückisch sein. über die Dramaturgie der Geschichte verhandelt? Diese Fragen und Voraussetzungen zu bedenken erleichtert. subengagiert zugeht. mögliche Stolpersteine ausgeräumt. wenn von Medien die Rede ist. ausgelaugten Metaphern. in der ersten Zeile eines Absatzes Schusterjunge Die erste Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt Hurenkind Die letzte Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt DIE ZEIT 40 . Wir hören an diesem Punkt die ersten Seufzer. den der Redakteur kennt (mit dessen Schwächen und Stärken)? Neigt der Autor zu Schachtelsätzen. wäre – Rohware. Moderatoren und Regisseure. mal hektisch und mal. Verlassen wir die generelle Ebene und werden konkret. dass es dabei mal pedantisch. im Zweifel einmal mehr in den Duden zu schauen. und mitunter ist dieser Bericht 50 Zeilen länger als der Platz. erklärt die Redakteurin. Natürlich soll der Beitrag aber noch in der aktuellen Ausgabe untergebracht werden. ob »danksagen« jetzt in einem Wort und kleingeschrieben gehört. sagen wir. Bearbeitung und Pflege der Wörter. nicht zu vergessen Drucker. die üblichen aktuellen Features. kurzum: der Information. wird in den Redaktionen höchst unterschiedlich gehandhabt – und wir verraten kein Geheimnis. wie es im Marketingdeutsch mittlerweile heißt. Reportagen. »Nach zwei bis drei Rechtschreibreformen setzt man sicherheitshalber in dieser Hinsicht bei jüngeren Autoren nicht mehr allzu viel voraus«. was jetzt zu tun ist. Und um den geht es schließlich. denn was ihm vorgesetzt würde. den lieben langen Tag.ÜBER DAS SCHREIBEN Was machen die da? Redakteure redigieren. Fragt man fünf von ihnen nach ihrer Arbeitsplatzbeschreibung. Interpunktion. was in diesem Fall heißt: Werden wir subjektiv. Er wird die letzten drei Absätze streichen. der Sätze. Grossisten und Zusteller. Dafür werden sie von Autoren oftmals gehasst – und von Lesern nie gelobt VON A N N A VON M Ü NC H H AUSE N Kursivschrift Ein Wort soll schräg gesetzt sein Absatz anhängen Die Linie verbindet Ausgang und Einzug N ehmen wir doch mal etwas Verrücktes an: An einem Tag X rufen alle deutschen Redakteure und Redakteurinnen morgens im Büro an und teilen mit. nämlich die Prüfung. liefert der Text. sie könnten heute leider nicht zur Arbeit erscheinen – was wäre die Folge? Wäre das der MedienGAU. Und dennoch würde dem Publikum an diesem Tag mit Sicherheit Hören und Sehen vergehen. Glossen oder Reportagen genießen stilistische und metaphorische Freiheiten – und sollten diese Freiheiten unbedingt Zwiebelfische Aus anderen Schriften gesetzte Buchstaben Tilgungszeichen Für überflüssige Buchstaben oder Zeichen Umstellungszeichen Kennzeichnet verstellte Wörter Wortzwischenraum Zu weit (links) oder zu eng Absatz Hilft. wo sie eingesetzt sind. der Aussagen und Argumente. erfahrenen Kollegen gelernt und im Lauf ihrer Berufsjahre verfeinert hat. nach einem Schema also. sondern um sein Publikum glücklicher/ klüger/zufriedener zu machen. Nicht damit der Autor brillieren kann. sämtliche Hörfunk. Da sitzt sie vor ihrem Schirm. Ist das erledigt. um Grammatik. zur Langweiligkeit? Haben Redakteur und Autor vor Abgabe des Textes miteinander gesprochen. Rechtschreibfehler korrigieren – und da ruft ihm auch schon der Nachrichtenchef zu: »Warum ist denn der Beitrag aus Washington immer noch nicht im System. Wie viel Zeit bleibt für das Putzen. Was bleibt dem Redakteur in diesem Moment übrig? Da wird der Kollege sich darauf beschränken. Aber wie funktioniert das? Nur mit System. nennen wir sie zur Tarnung Klara Stil. Aufs Textkorrektorat darf sie sich nicht blind verlassen. verdammt noch mal?« Den leidenschaftlichen unter den Redakteuren tut es körperlich weh. freie Autoren und Kommentatoren. der Tonfall der gefragten Textgattung? Nachrichten haben in nüchtern-sachlichem Gestus das Informationsbedürfnis zu bedienen. »freigeschlagen« worden ist. Denn sie verhelfen den Texten von Reportern. was zuvor miteinander abgesprochen wurde? Folgt der Faktencheck. im Turbotempo zu überprüfen. Was also tun eigentlich Redakteure? Es gibt übrigens hierzulande so um die 30 000 davon. dass ein Korrespondentenbericht aus Washington genau zehn Minuten vor Redaktionsschluss im Mail-Eingang des zuständigen Nachrichtenredakteurs landet.B. abhängig davon. gestorben 1946? Nein und nochmals nein. dass alle Tageszeitungen. des Content. wird man eine ganze Bandbreite von Antworten bekommen. oder bliebe es nahezu unbemerkt? Gut möglich. Schließlich gibt es ja noch Reporter.

Und. Ein weites Feld. nimmt sie das Material komplett auseinander und setzt aus den Bruchsteinen einen neuen Text zusammen. den Tag ausschließlich mit Zeitungslektüre und Autorenquälerei zu verbringen und dafür am Monatsende mit einem fürstlichen Gehalt belohnt zu werden. zuzugeben. Neulich hat Klara Stil einen Kisch-Preisträger erwischt mit folgendem Satz: »Der Gipfel seiner Anstrengungen stand auf dem Spiel. die wichtigste. Wenn es ganz schlimm kommt. dazu später mehr. Absätze umgehoben. aufzuspüren. abbruchwilligen! – Leser noch einmal neu einzufangen. Ein Steckenpferd unserer Kollegin ist übrigens. keinesfalls mit Details überfrachtet sein.« Drei Bilder in einem Satz. bloß nicht stocken. ohne überkandidelt zu klingen. Mag sein. in einem Satz zusammengepresst. gehetzten.klug nutzen. Irgendwann ist es dann nach manchmal stundenlanger Bearbeitung so weit: Klara Stil setzt den letzten Punkt und reicht das Opus weiter – zur Zweitredigatur. Das allerdings sollte die Ausnahme bleiben und führt fast immer zu heftigen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Autoren. in die Breite gehen. was sie Metaphernpotpourri nennt: mehrere widersprüchliche Vergleiche. Weil das Deutsche so gern Nebensätze in den Hauptsatz einfügt und in den Nebensatz nach Möglichkeit noch eine per Reflexivpronomen angehängte Zusatzinformation drückt. aber der Fußballtrainer hörte nicht auf. bremsen. selbst Chefredakteure sollen nicht immun dagegen sein.« Anna von Münchhausen ist Redakteurin der ZEIT und hat als Textchefin vor allem ein Auge für die Aufmachung der Seiten und die Überschriften . Die nämlich sind selten bereit. tausendfach bewährte Regel: in jedem Absatz den – ungeduldigen. So etwas auseinanderzunehmen beschert ihr großes Vergnügen. Manche Schreiber haben ein verhängnisvolles Händchen dafür. dass der neue Text besser ist als die ursprüngliche Fassung... Nach dem Motto: »Ganz fertig ist man mit dem Redigieren eigentlich nie. aneinandergekettete Nebensätze zerschlagen. ist entschlossenes Eingreifen gefragt. An diesem Punkt kennt unsere Kollegin keine Gnade: Da werden Einschübe gestrichen. Klemmkonstruktionen klingen hässlich. sich den Chef des Aufsichtsrats vorzuknöpfen . blumig womöglich. Besonderes Augenmerk wird als Nächstes den Kernaussagen geschenkt: Sind sie klar erkennbar und mit Argumenten unterfüttert. Schon an diesem Punkt übrigens kommt es häufig zum ersten Krach zwischen Redakteurin und Autor. während die Freien wiederum den Redakteuren unterstellen. Es ist ein altbekannter Zwiespalt: Redakteure beneiden freie Autoren um einen Alltag ohne Chefs und Konferenzen. ihr Kollege fängt dann noch einmal ganz von vorne an. die dem Leser einleuchten? Und fügen sie sich überzeugend in die Dramaturgie des Textes? Fließen soll er.

immer in einer speziellen Farbe (in NRW war das für die Staatssekretäre Grün) und immer in dem Kästchen. Und jeder der 14 Buchstaben erinnert mich an sie. machte ich eine Entdeckung. dass es eine Zeit in meinem Leben gab. Ich erinnere mich daran. Ich habe oft neben meiner Mutter am Tisch gesessen. dem fein geführten f und dem r. bevor es in den letzten Buchstaben des Wortes übergeht. Damit wurde es leichter. es gehe nicht darum. Der andere. In dem hohen Stahlregal zwischen Konservendosen. sie uns Zug um Zug erarbeiten müssen. um sie wiederzuentdecken und neu zu beleben. Als ich meinen ersten Füller bekam. Danach habe ich Jahre gebraucht. die der Computer inzwischen in meinem Leben einnimmt. n und i in die beiden geschwungenen ls führen. als ob ich an einem besonderen Augenblick teilhaben durfte. den einen Kindern so das Schreiben und den anderen das Lesen zu erleichtern – ein logischer Ansatz. für einen Moment und nur für mich spürbar. also schreiben zu müssen. nein. Nicht um zu lernen. das l. Bogen für Bogen. an etwas sehr Privatem. die Bögen von f. Für alles andere war kaum Zeit. Schreiben lernen war für mich ein mühsamer Prozess. von wem die Mitteilung stammt. Auf ihr klebte ein Etikett. warum ich immer weniger mit der Hand schreibe. Ich war damals Staatssekretärin in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Punkt für Punkt: Warum M I R I A M M E C K E L auch im digitalen Zeitalter ihren Füller niemals missen möchte A ls ich neulich im Keller meines Vaters nach etwas suchte. in denen die Zeilen mit drei Linien geteilt waren. war das Schreiben nicht mehr ohne Tintenkiller möglich. die mich berührte. als kehrte sich etwas Inneres nach außen. dass man eine Akte in der »Mitzeichnungsleiste« mit seinem Kürzel abzeichnet. Die »Mitzeichnung« war für mich gleichbedeutend mit der Bürokratisierung meiner Handschrift. liegt in der Rolle. an allem im Leben teilzunehmen. um das Wort erneut üben. symmetrischen V über a. wichtigere Grund. Dieses kleine handschriftliche Klebeetikett ist geblieben. Es könnte etwas bedeuten. Auch heute müssen Freunde und Mitarbeiter oft rätseln. Und dass die Spuren dieses mühsamen Sich-in-die-WeltEinschreibens für immer in unserer individuellen Handschrift aufspürbar bleiben. mithilfe von Schreibheften. das für das jeweilige Ministerium vorgesehen ist. wenn sie handschriftliche Notizen von mir kriegen. Aber sie wissen immer.ÜBER DAS SCHREIBEN Sich die Welt erschreiben Buchstabe für Buchstabe. so dahingeworfen und unleserlich ist meine Schrift. in meiner Grundschulzeit habe ich eine ein- zige ungenügende Bewertung bekommen – in Handschrift. Manchmal einfach in ein Kreuzworträtsel hinein – zu dem ich als kleines Kind immer »Kreuzverdrehtsel« sagte –. ist aber ein Verwaltungsvorgang. Nur als Alphabeten sind wir in der Lage. um meine misslungenen Bögen oder Ausreißer beim t und f zu korrigieren. sondern darum. als ich dieses Wort las. in der mir das Schreiben ein wenig verleidet wurde. kamen mir die Tränen. DIE ZEIT 42 . Das liegt zum einen daran. Viele Grundschulen in Deutschland arbeiten inzwischen mit der »Grundschrift«. zu dürfen. Ich fühlte mich meiner Mutter sehr nah und verbunden. Hammer und Zange befand sich auch eine Keksdose aus bunt bedrucktem Blech. Es war ein warmes Gefühl. vergilbten Kartons. Es war. wie man richtig schreibt. Doch müssen wir darüber in Zeiten der Computerschrift streiten? Hat die Handschrift nicht längst ihre Bedeutung weitgehend eingebüßt? Ich gebe freimütig zu: Auch ich schreibe inzwischen weniger und weniger mit der Hand. Mittags kam ich oft mit blau beschmierten Händen und blauen Flecken auf T-Shirt und Hose nach Hause. Es war. Das »Mitzeichnen« hatte sie entzaubert. Meine Mutter lebt schon einige Jahre nicht mehr. den Stift zu führen. das immer ein wenig nach rechts verrutschte und dabei einen wunderbaren Extrabogen schlug. Das Schreiben mit der Hand habe ich in der Grundschule gelernt. »Vanillekipferl« steht darauf. aber er wird die Handschrift als Ausdruck des Einzelnen verändern. und wir haben geschrieben. die Schreibschrift wegzulassen. Als Kind habe ich meiner Mutter immer gerne beim Schreiben zugeschaut. dass wir uns diese Fähigkeit mit unseren Fingern aneignen. das im Moment des Zuschauens entstand. das meine Mutter einst beschriftet haben muss. wie mühsam es anfangs war. Schreiben und Lesen lernen ist ein lebenswichtiger Prozess. geschweige denn Muße. Das »Mitzeichnen« klingt fast künstlerisch. erkannte ich ebenso die Schrift meiner Mutter wie in dem klassischen Schreibschrift-k. der vorsieht. Der Grundschulverband betont. die sich an Druckbuchstaben anlehnt und den Kindern das Schreibenlernen einfacher machen soll. g oder h in den richtigen Proportionen auszuführen. die von dem aufragenden. In den Bögen. und das Schreiben mit der Hand wurde im Wesentlichen auf den Akt des »Mitzeichnens« reduziert.

Wir sind auch. die am frühen Morgen oder späten Abend noch ihren Weg per Bleistift in ein kleines Notizheft finden. Reinbek 2011 43 DIE ZEIT Foto (Ausschnitt): R. als Wörter und Sätze. bis das Papier reißt. Zeilenverlauf. Selbst kleine Notizen. Dabei bringe ich etwas auf den Punkt – im direkten Sinne des Wortes. um einem einzelnen Wort Nachdruck zu verleihen. Wir zeichnen sie nach. dass wir mit der körperlichen Bewegung Spuren in unserem Gehirn anlegen. einzelne Nervenzellen oder ganze Hirnareale können sich immer wieder neu. das heißt. und dann schreibe ich es mit der Hand auf. Es geht vielmehr um physiologische Vorgänge im Gehirn. die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. Wenn wir also handschriftlich schreiben. mit dem iPhone. auf dem iPad. wie wir schreiben. wir bezeichnen sie und bilden dabei auch unsere eigene aus. Oder durchs Schreiben. weil er beim Adressaten zwischen Hunderten digitaler Mails und unnützen analogen Postwurfsendungen Aufmerksamkeit erzeugt. Palanikumar/13Photo . Vielleicht mit meinem Füller von Montblanc. Abstände und andere Formatierungen. um sich aus meiner Welt in die der anderen fortzusetzen. Ich nehme mir die Zeit. Und der eine so breite Feder hat. dass jugendliche Powersimser einen messbaren Zuwachs der Hirnareale aufweisen. Computerschrift ist standardisiert. es zu er-fassen. Vielleicht lässt sich dieser Zusammenhang des Anfassens als Erfassen mit den für das Schreiben abgewandelten Worten der amerikanischen Leseforscherin Maryanne Wolf erklären: Wir sind nicht nur. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns«. Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer Kulturtechnik. die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen«. Das verfügt nämlich bis ins hohe Alter über neuronale Plastizität. ist auch in der Lage. Dabei geht es nicht um die irrwitzigen Annahmen der Grafologie. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sagt. verfügbar und doch sehr fern. in einer Wolke. Durch das Schreiben mit der Hand be-greifen wir die Wirklichkeit. Ähnliches geschieht durch Klavierüben. Schweiz. Die Futura gehört dem Computer. der so wunderbar schwer in der Hand liegt und das Schreiben zu einer körperlichen und sehr sinnlichen Erfahrung macht. Darum nennt sich das Schreiben am Computer – sehr technisch – Textverarbeitung. dass alles. Gallen. Rowohlt. erfassen wir die Welt zweifach: in ihrer abstrakt-sprachlichen Bedeutung und dadurch. Der Name sagt es: Dort werden die Notate digital abgelegt und in die »Cloud« entlassen – die ewige Notiz. die manche Empfänger als schön empfinden. Will ich aber jemanden wirklich erreichen.Auch ich schreibe immer mehr mit einer echten oder virtuellen Tastatur. die Schrift nach rechts oder links kippen lassen oder auch fest aufdrücken. die wiederum dessen Funktionsweise beeinflussen. Wir können unterschiedliche Schrifttypen auswählen und sogar Schreibschrift maschinell imitieren. anders. das an meinem Bett liegt. Wort für Wort. Was also macht das Schreiben mit uns? Wenn ich einen Stift zur Hand nehme und zu schreiben beginne. lote ich meine Gedanken förmlich in allen drei Dimensionen des Raumes aus: Ich kann die Buchstaben nach oben oder unten in die Länge ziehen. mich hinzusetzen und darüber nachzudenken. Times Modern sozusagen im übertragenen Sinne. Nicht nur. Bogen für Bogen. Davon erzählt auch das Wort »begreifen« im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich an-fassen kann. und in diesem Moment ist der Anfang eines Buchstabens. die den Daumen steuern. was ich dir sagen möchte. Das handschriftliche Verfassen eines Texts ist die materielle Erschaffung von Sprache und setzt eine be- Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication und Direktorin am Institut für Medienund Kommunikationsmanagement der Universität St. Der Stift berührt das Papier. Entpersönlicht und für ewig gespeichert. man könne Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen aus seiner Handschrift herauslesen. Wir bestimmen Größe. eines Wortes. eines Gedankens gesetzt. die sich im Gedächtnis einlagern kann. sowie Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University. »was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird. auf dem Laptop. Buchstabe für Buchstabe. dass selbst meine krakelige Schrift zu einem Ensemble von Buchstabenbögen wird. ob dies nur einen Impact auf die formale Dimension des Schreibens hat. Aber damit ist die Individualisierung der Schrift auch schon fast erschöpft. Farbe. weil ich neben den im Brief enthaltenen Botschaften eine unausgesprochene übermittle: Du bist mir wichtig. intensiver vernetzen. übertrage ich später dann mit dem iPhone in Evernote. was wir schreiben. Sondern auch. eine ungleich intensivere körperliche Spur legt. schreibe ich einen Brief – per Hand. und ich bin nicht sicher. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat nachgewiesen. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Next.

das neben den Text und dann vor den Text zu rücken drohte. egal. die als Mischung aus englischer Grundsprache mit den einfachen Strukturen chinesischer Grammatik und einigen indischen Spracheinflüssen entstanden ist. sie schrumpft. ob sie mit der Hand oder am Computer schreiben. Die Sprache des Computers erscheint uns in Pixeln. das sich nach Standards andards richtet. Der Computer macht es möglich. Sogar die Textinhalte werden durchforstet. Unsere Sprache verpixelt zusehends.« Die Quantität des Geschriebenen wächst also mit dem PC. 2L8 (too late. bei Jungen wie Mädchen. Diejenigen. Also too dark. Antworte so bald wie möglich). Was ich dann auf der Keksdose eksdose im Keller meines Vaters statt des Aufklebers mit dem m Wort »Vanillekipferl« finden würde? Vielleicht ht eine lange. Light on. Das Schreiben mit der Hand erzeugt also mehr als einen Text. Unter der Bezeichnung »Globalese« hat sich eine Rudimentärsprache entwickelt. nothing there. wenn der Computer im Spiel ist. Wir bringen Dinge dann anders auf den Punkt: direkter. wenn Hand und Hirn im Zusammenspiel ein Bild der Sprache erzeugen. bringt zum Ausdruck. das Herumschieben von Sätzen. zur Zeit des sogenannten pictorial turn. die selbst dem Computer das Unterscheiden cheiden unmöglich machen. die wissen. wenn man die Pünktchen vergrößert. auf denen die Signifikanten abgedruckt sind. Hingekritzelt Wenn der Füller schwer in der Hand liegt. zum Beispiel die Verständigung. die Digitalisierung der Sprache gutzuheißen. das in Form von Buchstaben Gelernte bleibt auch besser haften. an Bedeutung und lässt sich im Lichte der Digitalisierung wiederum neu deuten. reduzierter. Der Anfang des Alten Testaments lautet dann etwa so: »Number one. en. Doch bei allen guten Argumenten für das Schreiben mit Hand und Füller gibt es auch Gründe. Im Labor für Künstliche nstliche e Intelligenz an der Universität von Arizona setzen Wissenschaftler inzwischen komplexe Algorithmen ithmen ein. um die menschliche Computerschriftsprache ache zu sezieren. merken sich mehr! Wenn das auch für Fremdsprachen gilt.« Das ist nicht unbedingt literarisch. uns als schreibende eibende Individuen auszumachen. doch die spielen längst nicht mehr die Hauptrolle olle bei diesen Analysen. sich Dinge zu merken.stimmte Reihenfolge voraus: erst denken. muss es aber nicht so sein. Diese Kulturkritik Flussers gewann in den neunziger Jahren. dann schreiben. in Bildpunkten. Wortlängen tlängen und Buchstabenhäufigkeit. en. Ein Text. Damals ging es um das Bild. Die Qualität des Geschriebenen bleibt bei den Mädchen konstant. wenn die Buchstaben. wenn sie tippen. dann wird das Schreiben damit für Miriam Meckel zu einem sehr sinnlichen Erlebnis. Das gelingt vermutlich nur so lange. wenn sie wissen. Und wenn selbst die zu viel sind. auf wenige Punkte zusammen. Wir zeigen auf diesen Seiten Ausschnitte aus ihrem Notizbuch 45 DIE ZEIT . Das Schreibenlernen gelingt leichter. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder. God make avatar go look-see waterfront. Dann fällt das Lernen leichter. God say. Earth not very nice. forstet. greifen wir auf die Zeichen erster Ordnung zurück – die Icons. In dieser Entwicklung liegt ein belustigender Widerspruch: Je mehr unser Schreiben sich der digitalen Sprachevolution unterwirft. dass Mädchen und Jungen deutlich mehr schreiben. LOL (laughing out loud. also googeln können. einzigartige Reihe aus binären Zahlen: 01110110 110110 01100001 01101110 01101001 01101100 01101100 01100101 01101011 01101001 01110000 01100110 01100101 01110010 01101100. Zuweilen besteht sie nur noch aus Buchstaben. Die Jungen jedoch verbessern sich wesentlich. Irgendwann wird der datenbasierte »Schreibabdruck« bdruck« als individualisierte Repräsentation des Schreibens bens die Handschrift ersetzen. Bestandteile verschiedener Sprachen zu einer neuen Sprache zu verbinden. Alles andere steht ja im Netz oder macht der Computer. zu spät). Dabei entstehen zuweilen lustige Fehler. mit dem wiederum weitere Texte desselben Individuums iduums im Internet gesucht und erkannt werden können. werden wir bald alle einsprachig. Bei der Textverarbeitung am Computer kann. aber auch nur zwei Buchstaben. von denen es Millionen auf Bildschirmen. Die Welt besteht und entsteht aus Pixeln. mit einem Stift oder einem Füller auf das Papier oder mit Kreide auf die Tafel geschrieben werden. aber auch der Wortschatz. die auf einen Blick erfasst wird und die komplexe Informationen synchronisiert. wie wir unsere Schriftsprache noch nicht vollständig in ein banales digitales »Globalese« überführt haben. weil sie uns manches im Alltag erleichtert. So lässt sich mithilfe des Computers der individudividuelle »Schreibabdruck« eines Menschen berechnen. Mit der wachsenden Digitalisierung unserer Kulturtechniken erleben wir etwas neu. bitte Antwort asap (Answer as soon as possible. dass Menschen weniger bereit sind. mich kurz zu fassen. als wenn man nur die Computertasten drückt. dass sie nicht nachgucken können. Monitoren und Displays gibt. Eine amerikanische Studie hat aber auch ergeben. aber fast überall verständlich. Doch Sprachkompetenz erwerben wir so natürlich nicht. simpler. Flusser sah im technischen Bild die Oberfläche. den wir lesen. lauthals lachen). die Signifikanten. Aus der Forschung wissen wir. es hat sich eingeschrieben. Heute können wir mithilfe von Google Translator deutsche Texte in 65 Sprachen übersetzen lassen. das der Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser schon 1978 in Die kodifizierte Welt kritisiert hat. God make heaven and earth. desto weniger g wird es dem Computer gelingen. Das Lernen geht nicht nur schneller. warum das Programm Textverarbeitung heißt. Copy-and-paste. Mehr als 400 Parameter werden dafür für ausgelotet: Syntax und Zeichensetzung. Tucholsky lässt grüßen: »Ich hatte leider keine Zeit. dass sie im Internet nachschauen. erlaube uns hingegen die diachrone Verarbeitung der Information. Zwischen HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) und HDF (Halt die Fresse) liegen zwar immer noch Gefühlswelten. Absätzen oder kompletten Abschnitten. und das sei ihrer Komplexität eher angemessen. Light on.

Marion Gräfin Dönhoff † (1909–2002). Verständlich für Stentorstimme vor. Früher übrigens verstehen wir auch. 1290 00 207. Der Liebesbrief verlangt eine andere Sprache Er nahm mein Manuskript und las es mir mit als das Bewerbungsschreiben. BLZ 600 400 71 Postbank Hamburg. Axel Kuhlmann Sonderpreisliste ZEIT-Tabloid 2012 Anzeigenstruktur: Helmut Michaelis Bankverbindungen: Commerzbank Stuttgart. die Anmut oder gar Schönheit eines sprachlichen Gefüges betrifft. Konto-Nr. Singen allerdings müssen wir sie nicht. eine gewisse verständlich. Ich wurde rot vor Scham. Wenn Sie Bücher laut lesen (oder anderen vorlesen). den Leser dafür zu gewinnen. gründlich genug nachgedacht hat. die Tür hinter Angemessenheit richtet sich natürlich nach dem mir zu schließen und Platz zu nehmen. Denn mein Ziel Was aber nun die Eleganz. ich sein Aber die meisten von uns Irdischen heißen nicht Hegel oder Kleist. dass der Text hinund bei nicht wenigen Beispielen einer missglückten ten und vorne hakte. verständschlichte Prosa. so haben lautet. Seitdem lese ich mir (nicht Sprache kann man sehen. Ich hatte ihm meine erste größere Literaturkritik hineingereicht und war nun gespannt sagen will. dass ihm zu folgen eine Qual ist. Bernd Ulrich Chef vom Dienst: Iris Mainka (verantwortlich). Buceriusstraße. Dass die ältesten Verteidiger vor Gericht. wie Marcel tionen im glücklichen Fall eine höhere Genauigkeit Reich-Ranicki mich einmal in sein Zimmer bat. Pressehaus. als es simplen Hauptsätzen gelingen könnte. 64546 MörfeldenWalldorf Axel Springer Verlag AG. 20095 Hamburg Telefon: 040/32 80 0 Fax: 040/32 71 11 E-Mail: DieZeit@zeit. Nur so lässt sich das Wunder erklären. KG. Empfehlungsanzeigen: iq media marketing. Reich-Ranicki bat mich. Er schreibt unihnen eine Art Rhythmus. Matthias Weidling.de Artikelabfrage aus dem Archiv: Fax: 040/32 80 404 E-Mail: archiv@zeit. die erst später niedergeschriebenen Texte Homers ihre mündliche Überlieferung so lange überdauert haben. müssen unsere Rede angenehm. dann Empfänger ist immer auch ein Hörer. warum wir bestimmte Sätze gar war es üblich. KG. Melanie Böge Dokumentation: Mirjam Zimmer (verantwortlich) Korrektorat: Mechthild Warmbier (verantwortlich) Verlag und Redaktion: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Mark Spörrle Assistenz: Gabriele Sommer Redaktion: Matthias Naß (verantwortlich). aber innerlich) meine Texte vor. den Empfänger unserer Texte zu vergessen. die Ihnen vordem Fernrohr zu suchen«. KG. und zuweilen eben auch Mängel. würden sie nur gesprochen und hätten wir nicht den gedruckten Text vor uns. Es soll waren rhythmisiert. erlauben. dass der Verfasser nicht laut. Konto-Nr. so leise und so kompliziert zu verdankt sich keineswegs einer Mode oder Laune. Damit will ich nichts gegen die Sprache der Ich empfehle diese Übung vor allem bei SelbstJuristen oder Philosophen sagen. und es empfiehlt sich. 20079 Hamburg Fax: 040/32 80 404 E-Mail: leserbriefe@zeit. Darin gleiche ich dem Pfarrer vor seiner diese höchst erwünschten Eigenschaften viel mit einer Gemeinde. Zweck. die wir den freien. weil es Bücher und Computer Literaturressort und das Feuilleton geleitet WENN wir uns vor Augen halten. 4–6. Geschmeidigkeit beizubringen. Er hat viele Jahre das nicht mehr angewiesen. Kornkamp 11. deren Satzkonstrukgeschriebenem. und dieser lichkeit sehr viel älter ist als die Schriftlichkeit. Nur der wahrhaft Mächtige literarischen Texte einer festgelegten Form folgen. damit das Professoren geben. spottete. Dr. ich versuche. wie Mark Twain einmal her entgangen sind. Gedächtnis des Erzählers oder Sängers Haltepunkte Wir anderen aber. Die auf das Urteil. Nie werde ich vergessen. Gerade deshalb aber neigen wir dazu. später auch gereimt. Einen derart melodisch und rhythmisch ge selligen Austausch der Meinungen und Argumente strukturierten Text kann man sich leichter merken als schätzen. wenn ich ihn selber verstehe. Anzeigen: DIE ZEIT. das Prädikat am Ende des Satzes »mit merken Sie neue und andere Qualitäten. In jedem Fall aber sollte der Text elegant und verständlich sein. dem Lehrer vor seiner Klasse oder dem imaginierten Mündlichkeit zu tun.de © Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. dem. BLZ 200 100 20 Leserbriefe: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. die sich darin gefallen. Sie reden. Josef Joffe Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo Stellvertretende Chefredakteure: Moritz Müller-Wirth. den vorfand. Ulrich Greiner ist Autor der ZEIT und Herausgeber Zwar sind wir heutzutage auf solche Hilfsmittel des Magazins ZEIT LITERATUR. weil er sich selber nicht verstanden hat. Rainer Esser Verlagsleitung: Stefanie Hauer Vertrieb: Jürgen Jacobs Marketing: Nils von der Kall Unternehmenskommunikation und Veranstaltungen: Silvie Rundel Herstellung/ Schlussgrafik: Wolfgang Wagener (verantwortlich) Druck: Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH.ÜBER DAS SCHREIBEN VON DE R K R A F T DES MÜ N DLICHE N Warum sich U L R IC H GR E I N E R seine Texte selbst vorliest gibt. dass etwa lich und auf gewinnende Weise vortragen. dass er mir zuhört. und der Hörer kann ihm leichter folgen. Das weiß ich aus Alberto nicht verstehen könnten. Er war damals neuer Literaturchef der FAZ. 22926 Ahrensburg Für unverlangt eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. was man junger Redakteur. dass die Münd- IMPRESSUM Gründungsverleger 1946–1995: Gerd Bucerius † Herausgeber: Dr.de DIE ZEIT 46 . der Manguels großartiger Geschichte des Lesens. Helmut Schmidt. 525 52 52. dann beuns Zeit gibt. eine angemessene Gestalt zu geben. Eingang Speersort 1. unbeholfenen Sätze. ich merkte. laut zu lesen. kann es sich erlauben. Kurhessenstr. Hella Kemper Gestaltung: Julika Altmann Bildredaktion: Ellen Dietrich (verantwortlich). Hamburg Geschäftsführer: Dr. Ich hörte das Gestammel und Geholper meiner andere kann er nur sein.