Wie Sie besser schreiben

Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen
Von Wolf Schneider
Mai 2012

Mit Beiträgen von Uwe Timm, Ulrich Stock, Anna von Münchhausen, Miriam Meckel und Ulrich Greiner

Nr. 20

67. Jahrgang

EDITORIAL

Triffst du nur das Zauberwort
Man kann sprachlos sein vor Glück, sprachlos vor Erstaunen, sprachlos vor Entsetzen. Man sollte möglichst nicht sprachlos sein, weil einem die richtigen Worte nicht zu Gebote stehen; weil man die richtigen Worte nicht zu klaren, verständlichen Sätzen formen kann; oder weil sich die Sätze nicht zu einem liebevollen Brief, einem klugen Aufsatz, einem lebendigen Zeitungsartikel fügen. Gut zu sprechen und zu schreiben ist eine Kunst, die man lernen kann. Man wird es nicht unbedingt zur Meisterschaft eines Heinrich Heine oder Georg Büchner bringen, aber nach Ausdrucksvermögen und eigenem Stil darf man schon streben. Der Aufklärer und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg sagte es so: »Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, dass es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist.« Wie aus gutem ein besseres Deutsch werden kann – damit beschäftigt sich diese ZEIT-Beilage. Wolf Schneider, der Autor unserer Stilkunde, ist ein bewährter Sprachlehrer. Generationen von angehenden Journalisten sind durch seine Schule gegangen und haben unter seiner Maxime gestöhnt: »Qualität kommt von Qual!« Für diese Beilage gilt das ausdrücklich nicht. Sie soll Freude machen, dabei auch gern ein wenig Ehrgeiz wecken. Gerade durch die Beispiele der großen Meister, denen wir zwar immer vergeblich nacheifern werden, die uns aber zeigen, welcher Schatz unsere Sprache ist. Wie finden Autoren und Journalisten zum besseren Deutsch und zum guten Stil? Darum geht es im zweiten Teil unserer Beilage. Der Erzähler und Romancier Uwe Timm lobt in seinem Beitrag die Schreibwerkstatt, in der sich Schriftsteller vervollkommnen können. Wie wir Journalisten im Zeitungsalltag nach dem passenden, dem richtigen, dem besten Wort suchen, schildert Ulrich Stock. Anna von Münchhausen singt das Hohelied des guten Redigierens, jenes demutsvollen Feilens am Text, das ihn – wie einen geschliffenen Diamanten – erst zum Leuchten bringt. Ulrich Greiner hat schon von Marcel Reich-Ranicki gelernt, wie hilfreich es sein kann, wenn der Autor sich seinen Text selbst vorliest. Schließlich die Frage, wie sich die deutsche Sprache durch das digitale Schreiben, durch Chat und Tweet, verändern wird. Was passiert, wenn wir nicht mehr mit der Hand schreiben, sondern nur noch auf der Tastatur herumhämmern? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gibt, ein wenig melancholisch, Entwarnung: Natürlich wandelt sich unsere Sprache, wenn das Schreiben zur Textverarbeitung wird, aber zugrunde geht sie nicht. Selbst wenn Joseph von Eichendorff eines Tages vergessen sein sollte, werden Menschen noch immer das »Zauberwort« treffen MATTHIAS NASS – »und die Welt hebt an zu singen«.

DIE ZEIT

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D E R I N H A LT

D I E S P R AC H E I ST E I N E WA F F E
Seien wir gut zu ihr – eine Einführung von Wolf Schneider SEITE 4

Titelbild: designed by m-inspira/www.m-inspira.com; Inhalt: Heimo Zobernig, Ohne Titel (REAL)/VG Bild-Kunst, Bonn 2012; Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung; Ohlbaum/laif (v. o.)

E I N E STI L K U N D E
20 Lektionen von Wolf Schneider SEITE 8 bis 31

DI E S P R AC H M E I ST E R
Sieben Virtuosen der deutschen Literatur SEITE 13, 16, 20, 23, 29, 32

ÜBER DAS SCH REI BEN
Ein Lob der Werkstatt SEITE 36
VON UWE TIMM

Wenn das Schreiben nicht wäre SEITE 38
VON ULRICH STOCK

Was machen die da? SEITE 40
VON ANNA v. MÜNCHHAUSEN

Sich die Welt erschreiben SEITE 42
VON MIRIAM MECKEL

Von der Kraft des Mündlichen SEITE 46
VON ULRICH GREINER

Impressum SEITE 46

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DIE ZEIT

EINFÜHRUNG

W

as wir hören, was wir lesen, wie wir sprechen, wie wir schreiben: Nichts formt uns und bewegt uns, nichts bereichert uns mehr, nichts prägt unsere Rolle unter den Menschen stärker als unser Umgang mit der Sprache. Sie ist das gewaltige Erbe, in das wir hineingeboren worden sind – in tausend Generationen aufgehäuft und fortentwickelt, beladen mit allen Irrtümern und Vorurteilen unserer Ahnen, beflügelt von ihren Träumen, Visionen, Ideen. Begriffe bilden, Ideale aufstellen und mit ihnen die Wirklichkeit verändern: Das ist, weit über die Verständigung hinaus, die wichtigste Leistung der Sprache. Gerechtigkeit! Finden wir sie etwa in der Natur? Sind wir uns auch nur einig darüber, was sie im konkreten Fall bedeuten soll? Aber das große Wort ist da, als Banner steht es über uns, und so trägt es dazu bei, dem Ideal, das da kühn und unscharf ins Wort gehoben worden ist, ein wenig näher zu kommen, als wenn wir es in unserem Wortschatz nicht vorgefunden hätten. Es gehört zu jenem »ungeheure[n] Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet«, sagt Nietzsche. Oft gehen wir so weit, der Wirklichkeit mit unseren Wörtern Eigenschaften vorzuschreiben, die sie nicht hat: Ist die Natur denn bereit, am 1. Juni (meteorologisch) oder am 21. Juni (astronomisch, kurios genug) mit dem »Sommer« zu beginnen – bloß weil wir das Wort in die Welt gesetzt haben und es noch dazu mit der Erwartung von ständiger Sonne und Wärme verknüpfen, aller deutschen Wahrscheinlichkeit zuwider? Wir können wetten: Irgendwann im Juli werden Journalisten und Fernsehmeteorologen tadelnd fragen, wo »der Sommer« bleibt. Nichts zeigt die Macht der Sprache eklatanter: Wie wir etwas nennen, ist uns wichtiger, als wie es ist. Mit unseren Wörtern etikettieren wir die Fülle der Erscheinungen und erwarten dafür Gehorsam von ihnen. Wörter sind heilig. Sie tragen unsere Hoffnungen und unsere Ängste, unsere Wünsche und Gebete und unseren Trost; mit ihnen erschaffen wir die Philosophie und die Utopie, die Poesie und den Witz. Dieses schillernde, grandiose Erbe zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.
Vier Entwicklungen vor allem müssen jedem Freund der Sprache Sorgen machen. Die erste Entwicklung: Auch dort, wo die Schreiber

Die Sprache ist eine Waffe
Aber sie lässt uns auch träumen, sie erklärt uns die Welt. Seien wir gut zu ihr!
VON WOL F S C H N E I DE R

die Sprache noch pfleglich behandeln wie in der Mehrzahl der DruckErzeugnisse, findet seit Jahrzehnten ein Wortschwund oder eine Wortverfälschung statt. Dass »scheinbar« »dem falschen Anschein nach« bedeutet und folglich nie mit »anscheinend« verwechselt werden darf, ist immer weniger Deutschen geläufig. »Wähnen« liest man im Dutzend in der Zeitung, wo »glauben« gemeint ist – und es heißt doch: »fälschlich glauben«, »sich einer Wahnvorstellung hingeben«! Hören solche Schreiber sich selber nicht mehr zu? »Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit« – wie viel Kraft, wie viel Information in nur zwei Silben! Ähnlich schlimm: »Vermeintlich« findet man mit »vermutlich« verwechselt, und es besagt doch das Gegenteil – der vermutliche Täter war es wahrscheinlich, der vermeintliche war es gerade nicht. Woher solcher Absturz? Immer mehr junge Leute (fast die Hälfte, wird geschätzt) lesen keine Bücher mehr, und an deutschen Schulen regiere, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jene »Spaßpädagogik«, die den Schülern jegliche Mühe ersparen wolle. Man komme nicht mit der beliebten Redensart: »Die Sprache entwickelt sich eben.« Wo die Entwicklung eine Verarmung wäre, da sollten bei allen Deutschen die Alarmglocken läuten. Vor allem aber: Das »sich« in dieser Schutzbehauptung ist einfach falsch – als ob die Sprache ein abgehobenes Medium wäre, das sich Entwicklungen leistet! Sie wird entwickelt mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt – und noch heute hat niemand etwas dagegen, dass wir nicht mehr »rekommandieren«, sondern »einschreiben« sagen und nicht mehr »poste restante«, sondern »postlagernd«. Alice Schwarzer hat an der Spitze einer kleinen Gruppe von Feministinnen erzwingen können, dass jede deutsche Behörde und die meisten Unternehmen den Mitarbeitern heute bei jeder Nennung die Mitarbeiterinnen ausdrücklich zur Seite stellen. Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen.

DIE ZEIT

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die Sprache also in Tiefen zu zerren. müssen sie schon zufrieden sein. Jahrhundert das statistische Normalverhalten. der sie befolgt. mahnte Tucholsky. Nur auf Englisch und Chinesisch erscheinen noch mehr Bücher als in deutscher Sprache. sondern von anderen. die früher allenfalls dem Ohr zugemutet wurden – dem Auge nie. die an unseren Schulen und Universitäten ein Kümmerdasein fristet: dass jeder. idealerweise um Sympathie! Aber wie macht man das? Dafür werden in dieser Beilage 20 praktikable. 1919 5 DIE ZEIT Abb. Nicht-mehr-Korrigierens. dass wir sie uns beim Werben um Leser zum Vorbild nehmen können: glasklar verständlich. Der andere: Alle.« Dass sie so reden. ziemlich bewährte Rezepte angeboten. um die Leser werben muss – und dass es dafür nicht genügt. Blog. geht neuerdings als »Jurowischn« über die Sender. des Nicht-mehr-Zögerns. und was seit 1954 Eurovision hieß. die diesen Slang loben: Er sei kein Kauderwelsch. Der eine: Es stellt einige der großartigsten Meister des Deutschen vor. ist mit dem Internet über uns hereingebrochen: Mail. März im Rückblick auf den Sturz des Bundespräsidenten Wulff ). vielleicht sogar von vielen gelesen werden möchte. versucht es für eine Einsicht zu gewinnen. sich der Chancengleichheit dadurch zu nähern. die Sprache mit Migrationshintergrund. Die dritte Entwicklung. als Aperitif und Ermutigung. Aus beiden Nachteilen folgt millionenfach die Versuchung. nur aus dem Englischen und dem Französischen werden noch mehr Bücher als aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt. der nicht nur von seinem Lehrer oder Professor. Als ob man sich des Deutschen schämen müsste! Es war und ist eine der großen Kultursprachen auf Erden. ist der immer noch anhaltende Siegeszug der unsinnigen unter den Anglizismen. Die vierte Entwicklung: das »Kiezdeutsch«. sondern ein »innovativer Dialekt« des Deutschen. die allen Freunden der Sprache Sorgen machen muss. und der Absender muss sich nicht identifizieren. Tweet. Iwan Puni: »Stilleben mit Buchstaben und Krug«. den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. das Nichtlesen. Bonn 2012 . dass man ein paar dieser Lektionen aus jedem der Meister destillieren könnte. Das Blog hat anstelle des Adressaten ein diffuses Publikum. ist nicht das Problem – sondern dass in solcher Stummelsprache schon geworben wird (»Soo! muss Technik«. sich ums Hochdeutsche gar nicht zu bemühen – statt dass man das Mögliche tut. geradezu ein Vorbild für die überfällige Vereinfachung der deutschen Grammatik. dazu mit dem schönen Gefühl: Und beim Empfänger kommt das Geschriebene sofort an. ja herumzupöbeln. um Zuwendung. Und zwei – Heine und Kafka – haben sogar durchweg so geschrieben. Das verbinde sich oft mit »einer zunehmenden Enthemmung im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität«. Wie schön aber.: akg-images/© VG Bild-Kunst. ermuntert und darin fördert. jedenfalls das Nicht-zu-Ende-Lesen war schon im 20. Haltet sie scharf!«. vorzugsweise von unter Zwanzigjährigen gesprochen: »Ich mach dich Messer. Ein großes Unternehmen bereicherte das Deutsche vor Kurzem um das kostbare Wortgebilde CorporateSocial-Responsibility-Aktivitäten. mit Farbe. die der Freund der Sprache nicht begrüßen kann. Nicht-mehr-Feilens. Chat haben die Zahl der geschriebenen Wörter dramatisch vermehrt und die Sorgfalt im Umgang mit ihnen dramatisch vermindert. Saturn 2012). mit Feuer und mit Kraft. Der hat sich die geschriebene damit angenähert – mit allen Vorzügen der Spontaneität und allen Nachteilen der Schwatzhaftigkeit. so wie die gesprochene Sprache. die in Deutschland wohnen. und mit der elektronischen Wortexplosion hat das Missverhältnis zwischen Geschriebenhaben und Gelesenwerden sich drastisch verstärkt. ja dass es Sprachwissenschaftler gibt.Die zweite Entwicklung. Machen wir davon Gebrauch! »Die Sprache ist eine Waffe. das immer auf dem Schreibtisch steht – kein Papier mehr zurechtlegen. Werben also: um Aufmerksamkeit. Die Mailer und die Seriösen unter den Bloggern (die gibt es ja) können zwei Nachteile kaum bestreiten: Man huscht über die Tasten eines Geräts. Den hier vorgestellten sieben »Großmeistern« nähert sich natürlich noch keiner. Die Kiezdeutsch-Sprecher werden also ermutigt. dass man alle. deutsch ausgesprochen wie der Euro noch heute. vom Kuvert zu schweigen. loszupoltern. spottete Bundestagspräsident Lammert (am 18. in die große Sprache »Deutsch« hineinzuwachsen! Zwei Beiträge dazu leistet dieses Heft. Journalisten wissen: Wenn ihre Texte zu 20 Prozent gelesen werden. die unsere Sprache lieben (und zugleich kein Problem mit korrekten Genitiven haben).

28 19. 14 6. Heinrich von Kleist: Der Maßlose S. 31 DIE SPRACHMEISTER I. Die Kunst des Anfangs S. Gliedern kann nicht schaden S. 21 12. 18 10. 17 9. 12 5. 26 17. König der Sätze S. Goethe und Schiller: Große Prosaisten S. Heinrich Heine: Der brillante Zyniker S. 32 Abb. Im Anfang war das Tun S. Die Krone der Hässlichkeit S. Mit Satzzeichen Musik machen S.: akg-images/VG Bild-Kunst. Nennen wir’s beim Namen S. 26 18. konstruiert von Minimax Dadamax persönlich«. Vermeiden wir den Überdruss S. 10 3. Verachten wir den Wissenschaftsjargon S. Friedrich Nietzsche: Der Virtuose S. Der Wille zum Verzicht S. Zählen wir die Silben S. 21 13. Misstrauen wir den Synonymen S. 29 VI. 25 16. Seien wir ein bisschen unbequem S. 8 2. 22 15. Die schöne heikle Nebensache S. 30 20. 23 V. Die Kraft der Bilder S. 19 11. 11 4. Wörter in Bewegung S. 16 III. 22 14. 20 IV. 15 7. Geizen wir mit Adjektiven S. Thomas Mann: Der Alleskönner S. 17 8. Franz Kafka: Der heimliche König S. 1919/20 7 ZEITWISSEN . Nur für Gedächtniskünstler S. 13 II. Bonn 2012 Max Ernst: »Kleine Maschine.E I N E ST I L K U N D E VON WOL F SC H N E I DE R 2 0 LEKTIONEN 1. Wie lang darf ein Satz sein? S. Warum wir am Passiv leiden S.

Kinder jammern. Balken krachen. flüstern. sirren. Fenster klirren. Was also tun? Der Rat für Schreiber. rascheln. Viele Verben drücken nicht einmal eine Tätigkeit aus. Mark Twain und Jorge Luis Borges haben das Deutsche geradezu bewundert für seinen Reichtum an Nacht. Doch im selben LIED VON DER GLOCKE hat Schiller auch im scheinbar Statischen die Bewegung aufgespürt: »Die Leidenschaft flieht. Mütter irren …« Nun wäre es traurig. summen. Ebenso sind das Stigmatisieren und das Sensibilisieren nichts. vorhanden sein.« Natürlich: Für unsern Alltag taugt das nicht. schwirren. bewirken) oder implementieren (für einführen. murmeln. erraffen. raunen. Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben. tuscheln. Zum Zweiten: Es möge Ihnen Spaß machen. schaffen.« Ulysses Grant hat das gesagt. die die Sprache lieben und sich zugleich Leser wünschen. knistern. Imponiervokabeln wie generieren (für machen. was Verben leisten können. lispeln. ich bin ein Verbum und kein Personalpronomen. plätschern. Aber was geht uns das an? Es ist eine starke Metapher dafür.und Waldgeräuschen: fächeln. die Liebe muss bleiben: Die Blume verblüht. Muss wetten und wagen. bürokratische wie beauskunften und bezuschussen. das ihn zum Sieg führte. Zum Ersten: Lebhaft nutze man die Chancen des Verbums.DIE WÖRTER LEKTION 1 Im Anfang war das Tun Warum wir die Verben lieben sollten »Ich glaube. sie sind folglich zweite Wahl: vorliegen. rauschen. hauchen. die Frucht muss treiben. erlisten. Auch und gerade in den leisen Verben zeigt er sich. rieseln. der Oberbefehlshaber der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg – und damit ein Bild gefunden für das Vorwärtsstürmen. sich handeln um. »Kochend wie aus Ofens Rachen Glühn die Lüfte. wo es als Retter aus zwei Fallen der deutschen Grammatik dienen kann: den garstigen Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den rasselnden Ketten vorangestellter Attribute ¤ Lektion 13. Muss wirken und streben Und pflanzen und schaffen. aufgreifen – oder warum nicht einfach: Darüber sollten wir mal reden. wenn das Verbum sich erst in der Katastrophe bewährte. wie Grundschüler sagen. was Goethe geduldet hätte oder Günter Grass dulden würde. säuseln. wenn wir Leser fesseln wollen: Bewegung! Interessanter als »Das Haus ist schön« liest sich nun mal »Es ging in Flammen auf«. DIE ZEIT 8 . verwirklichen). die Tuwörter. umsetzen. ist von viererlei Art. gurren. wispern. das Glück zu erjagen. die besten. in unserem schönen Wortvorrat zu baden. Auch ist Bewegung allein kein Gütesiegel: Schwerfüßige Verben gibt es wie durchführen und bewerkstelligen. und statt des beliebten Thematisierens könnte man schließlich sagen: zum Thema machen. gluckern. Pfosten stürzen. surren. erzeugen.

Da blitzten viel Reiter. Ich hörte die Vögel schlagen. da versuche man sie farbig. »hing nieder bis auf den Grund.« Dies als Extrembeispiel dafür. erfrischen.« Oder die Bewegung gar so dramatisch zu beschreiben wie Hölderlin: »Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur. war alles verhallt. auch wo scheinbar keine ist. Mit den klaren Tagen streitet Und ein Ostwind. die gigantische Burg. zu welcher Kraft die Sprache sich mit Verben steigern lässt – sogar dann. Knechte liefen um die Pferde. ja drastisch zu benennen. wenn man es setzt wie Ringelnatz: Ein Leierkasten »wringt sich aus und klingt nach Leben und Sterben«. …« Oder wie Eichendorff: »Es zog eine Hochzeit den Berg entlang. Blaue Sonnenbahn bereitet. Georg Büchner ließ seinen Lenz einen »Triumphgesang der Hölle« anstimmen: »Es war ihm. als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien. treppauf. gesattelt. Die Nacht bedecket die Runde. andere zerrten die Maultiere aus den Ställen. In der Küche flammten die Feuer auf. als könnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen. durch die Gänge huschten die aufgeregten Mägde. Das war ein lustiges Jagen! Und eh’ ich’s gedacht. das Waldhorn klang. von den Wettern zerrissen« (noch mal Hölderlin). 8–30: fotografiert von Nico Baldauf für DIE ZEIT . von dem Patrick Süskind im PARFUM erzählt. wie Goethe: »Wenn der Äther. treppab eilte der Diener. im Hof leuchteten Fackeln. Nur von den Bergen noch rauschet der Wald. Näher an unseren Wünschen und Möglichkeiten ist das fröhliche Getrappel.Der dritte Rat: Wo eine Bewegung offenkundig ist. Wolken tragend. mit nicht weniger als zwölf dynamischen Verben: »Mitten in der Nacht erwachte das Haus in der Rue Droite zu emsigem Leben. gerannt und geladen …« Und selbst ein einziges Verb kann uns verblüffen. freilich der schwierigste Rat: Nach Bewegung fahnden. Und mich schauert im Herzensgrunde. wenn sich nichts bewegt. in den Kellergewölben klapperten die Schlüssel des Lagerverwalters. Das Heidelberger Schloss. es wurde gezäumt. sie verjagend.« Der vierte. Buchstaben-Arrangements S.

je weniger Silben es hat. Wald und Feld. ob er nicht zur Abwechslung als Umdenken.« So. Tränen. Leid. woraus wir sind und womit wir leben. Museumslandschaft Hessen Kassel/bpk/© VG Bild-Kunst. Robert Indiana: »Love«. Nobelpreisträger für Literatur. mit Wörtern wie Effizienzsteigerungsprogramm oder Energieverbrauchsflexibilität zu operieren. Bonn 2012 (S. wenn ein kurzes es auch tut«. Wut. »Die alten Wörter sind die besten. ist zu einsilbigen Wörtern geronnen – und erst recht sind es fast alle starken Gefühle: Angst. Man brauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge. wenn sie nicht das Potenzial hätte. Hand und Fuß.: akg-images/© VG Bild-Kunst. Mühsal. wie Churchill den Engländern 1940 nichts als »blood. 11) . Schwenk bezeichnet werden könnte? Was unterscheidet die Witterungsbedingungen vom Wetter und das Gefährdungspotenzial von der Gefahr? (Die doch keine wäre. heißt es im Stilkodex des Londoner ECONOMIST. Sprachfreunde stößt er ab – und vielleicht wären sogar Fachleute angenehm berührt. Kehrtwende. tears and sweat« versprach. Neid. und die kurzen alten Wörter sind die allerbesten«. Weib und Kind. 10). Das klingt erschreckend simpel. 1966 DIE ZEIT 10 Abb. toil. eine zu sein. Goethes Ballade DER FISCHER besteht zu 76 Prozent aus einsilbigen Wörtern – genau wie die berühmte GETTYSBURG AD DRESS des US-Präsidenten Lincoln (amerikanische Stillehrer haben es bewundernd nachgezählt). Bonn 2012 (S. Tisch und Bett. der bedenke: Laien verstehen nichts. Vielleicht ist ja was dran? Vielleicht sollten wir die Thrombozytenaggressionshemmer nur seufzend in Kauf nehmen – den von unseren gehobenen Feuilletons gehätschelten Paradigmenwechsel aber schon mal darauf abklopfen. schrieb Jean Paul in seiner VORSCHULE DER ÄSTHETIK. Doch die Stilistik hakt nach: und kraftvoller auch! »Je länger aber ein Wort.DIE WÖRTER LEKTION 2 Zählen wir die Silben Kurze Wörter bleiben hängen Ein Wort ist umso verständlicher. wenn sie inmitten ihrer Silbengebirge statt gefährlich starker Rauchentwicklung einfach mal »Qualm« lesen könnten. Gier. sagte Winston Churchill. das meiste.) Und muss sich der schlappe Service der Deutschen Post hinter dem Elfsilber Telekommunikationsdienstleistungen verstecken? Bedenken wir: Kopf und Herz. Pein. der halte sich an Schopenhauers Kernsatz: »Man denke wie die wenigsten und rede wie die meisten. sagt die Verständlichkeitsforschung. »Benutze nie ein langes Wort. Blut. Was folgt daraus? Wer immer vorhat. Qual. desto unanschaulicher«. Hass. Schweiß – und ihnen damit Kraft gab zum Widerstand. Wer gelesen werden und wirken will.

als hätte der Herr mit angemessenen Verwüstungen gedroht. beneide er die Leute von der Müllabfuhr.« Bei der Gleichheit.« Sprach Martin Luther. grimmig und rabiat zu sein. wurde seinem Ruf. ja manche lieben ebendiese. und Jesaja 14. Eine Vorstellung müssen sie uns vermitteln. von allerlei Misshelligkeiten. das Detail benennen. hätten sie geschrieben: »Als Erstes brach ein Wasserrohr« – wir hätten uns sogleich mit ihnen solidarisiert. »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«. neigen viele dennoch zu abstrakter Ausdrucksweise: Sie tummeln sich zwischen Bereichen. Doch wo es durchaus ginge.« Ed Koch. wenn sie nicht in Abstraktionen schwelgen dürfte. schrien Georg Büchner und F.DIE WÖRTER Alighiero Boetti: »Untitled«.« Sympathisch war das nicht. zwischen 1978 und 1989 Bürgermeister von New York. die Wörter. und die ganze Philosophie müsste zumachen. mit Sinneseindrücken versehen. L. wenn sie uns fesseln sollen. die Leser interessieren möchten. sagt Nietzsche. Martin Walser lässt einen Literaturkritiker sagen: »Wenn er ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratur lesen müsse. Ich verursache sie. »umso mehr muss man erst die Sinne zu ihr verführen. Damit können wir leben. mit dem Spruch gerecht: »Ich bin nicht der Typ.23 übersetzte er so: »Und ich will Babel machen zum Erbe für die Igel und zum Wassersumpf und will es mit einem Besen des Verderbens kehren. Da mailen uns Freunde von viel Ärger in der Ferienwohnung oder. anspruchsvoller. die man lehren will«. dass Wolkenbruch besser ist als widrige Witterungsumstände und eine triefende Nase anschaulicher als jeder grippale Infekt. das oberste Stilgebot. 11 DIE ZEIT . Gewiss. »Je abstrakter die Wahrheit ist. Weidig 1834 in die Welt hinaus – und eben nicht: Verschont die Wohnstätten der Unterprivilegierten.« Das hat Kraft – mehr. 1987 LEKTION 3 Nennen wir’s beim Namen Konkrete Wörter haften besser »Die Wörter müssen Hände und Füße haben. Farben zum Leuchten bringen: Das ist für alle. Nur sollten wir immer parat haben. Belangen und Strukturen. Moralische Gebote wie Ehrlichkeit sind konkret gar nicht zu erfassen. Aber etwas zum Weitererzählen. der Magengeschwüre bekommt. Möbel zum Beispiel. bei der Gerechtigkeit geht das nicht. Konkret schreiben. gewiss. auch für konkrete Dinge brauchen wir abstrakte Dachbegriffe.

Abb. nicht das rote. S. kraftvolle Adjektive: tückisch. Eine wahre Affenliebe zum Adjektiv hat sich da zulasten der Logik breitgemacht. das Adjektiv sei die überlegene Wortgattung: Aus dem Elternhaus ist das elterliche Haus geworden. halben Adjektiven also). nachgedacht hat der Schreiber nicht. Eau potable ist eben nicht das trinkbare. im Marketing vom üblichen Versprechen qualitativ hochwertiger Produkte und gezielter Maßnahmen. aus der Schule der schulische Bereich. dass das Deutsche sie häufig gar nicht vorsieht. er lese ihre Briefe. Wissenschaft und Bürokratie hat sich in den letzten Jahrzehnten die Wahnvorstellung ausgebreitet. es ist schönes altes Deutsch. sondern die Bibel ist ihr Objekt. anschmiegsam! »Unser Hass ist witterungsbeständig«. dass Mephisto mit Worten stritt – verbal täte er das heute! Nicht nur unschön. alle Federn aufgebauscht«. Solche Doppelungen geben dem aufmerksamen Leser das Signal: Also. wenn er sich doch mit situativen Gegebenheiten schmücken kann? Wie altmodisch.« Leere Adjektive sind indessen nicht die schlimmsten. oft lächerlich und manchmal einfach falsch – nicht gerechnet. Wo sie bloß schmücken wollen. horchend. die sich einer nicht näher bezeichneten Energie annimmt. mit einem schönen archaischen Imperativ formuliert in der klassischen amerikanischen Stillehre von Strunk und White. wo sie den sprachlichen Zusammenhang auf den Kopf stellt. da hilft die Faustregel: Adjektive dienen der Unterscheidung – das gelbe Kleid. sondern einfach regelwidrig ist eine weitere modische Marotte: Bei biblischen Verfilmungen ist biblisch eben nicht die Eigenschaft der Verfilmung. hasenherzig. 13 (Ausschnitt): Keystone Schweiz (Schiller und Goethe im Garten der Villa Lengefeld in Rudolstadt um 1794) DIE ZEIT 12 . Tautologisch. doppelt gemoppelt: Da lesen wir von harter Knochenarbeit. Flüssige Textverfasser müssen da am Werk gewesen sein. Von der fossilen Energielobby müssen wir lesen – von einer fossilen Lobby also. immer häufiger akademisch-bürokratisch gespreizt. Franz Kafka schrieb seiner fernen Freundin Milena (in Partizipien. auch bei koalitionären Rücksichten und kombinativen Möglichkeiten sind die Adjektive nicht die Eigenschaften. und wo sie einer dümmlichen Mode dienen: draußen bleiben. das betriebliche Ergebnis folgt ihnen auf dem Fuße – und welcher werdende Doktor würde noch von der Lage sprechen. dass jedes Wort etwas zu sagen hat – »that every word tell«. spähend. Wo so viel Fantasie nicht vorhanden ist oder wo sie fehl am Platze wäre. Überdies beschädigen hohle Adjektive einen Eckpfeiler aller erfolgreichen Kommunikation: dafür zu sorgen. sauertöpfisch. über die wir leider nichts erfahren.. einem wesentlichen Eckpfeiler. hartgesotten. sondern das Trinkwasser. einen missmutigen Menschen zur Abwechslung als griesgrämig. sagt Günter Grass in seinem Gedicht EHE. Der kolumbianische Aphoristiker Gómez Dávila sagt es so: »Für jedes überflüssige Wort verliert der Schriftsteller einen Sündennachlass von einem Monat. Von erzieherischem Kontrollverlust sprach die FAZ – was eindeutig der erzieherische Verlust einer Kontrolle ist.DIE WÖRTER LEKTION 4 Geizen wir mit Adjektiven Überflüssig sind erstaunlich viele Ja. miesepetrig zu beschreiben. sollten sie anklopfen. In Wirtschaft. wichtigen Meilensteinen. »wie der Spatz die Krumen in meinem Zimmer aufklaubt: zitternd. Vollends lächerlich wird sie. Und es gibt doch so farbige. die polizia stradale die Straßenpolizei und der lucky star absolut kein glücklicher Stern. Nur dass Adjektive zugleich die am meisten überschätzte. mit warmen Würstchenverkäufern und rostfreien Stahlhändlern im Bunde. am meisten missbrauchte Wortgattung sind: oft tautologisch. dem kritischen Hinterfragen.

wurde beinahe unter seinen Augen der Dolch geschliffen. . Wenn es in WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE heißt: »Er bildete den Wahn des Moments so poetisch als möglich aus« – dann fühlen wir uns um 200 Jahre zurückversetzt. abseits ihrer berühmten Dramen und Gedichte. wie Pfeile schnellen sie von der Sehne: »Eine rasende Rotte von Handwerkern. in die Flecken und Dörfer bei St. Minister und Italienreisender. . Ein Unglück für den Lebenden. Sollte man vielleicht den Prosa-Schiller lesen in der Schule? Friedrich Schiller (1759–1805) schrieb Gedichte. Das ist hier sonst nicht Mode: Der Mörder erreicht eine Kirche.SPRACHMEISTER (I) GOETHE UND SCHILLER G ROS S E P ROSA I S TE N W as soll man über die beiden noch sagen! Außer dass sie. durchaus nicht altväterliche Stücke deutscher Prosa hinterlassen haben. Dramen und Balladen. Zwanzig Jahre zuvor. werfen sich. Hämmern. auf dem Rigi: »Die Höhe in Wolken und Nebel.« Überwältigt jedoch war er von den Bergen. mit Keulen. weil er fiel. das Klingeln der Saumrosse in der höchsten Öde. Vorreiter des Sturm und Drang.« Schiller erreicht in seinen beiden historischen Werken. die Sterne befragte und frischen Hoffnungen Raum gab. sprengen die Pforten der Kirchen und der Klöster. selbst lange Sätze bremsen es nicht.und herbeiführend. sondern er rebellierte. er betrieb umfangreiche ästhetische und naturforschende Studien.« So allwissend kann eine Theaterfigur nicht reden und so viel Feuer ein Jambus kaum haben. mit 26. nicht aber. mit öffentlichen Dirnen.« Über das letzte Stück Wegs zum Gotthard: »Nackte wie bemooste Felsen mit Schnee bedeckt. die Schauspielerin. sich vor der zuschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten«. Universalgelehrter. zugleich aber vergaß er nicht. Bettlern und Raubgesindel untermischt. Über Wallenstein und den deutschen Kaiser aber ist nie hintersinniger geschrieben worden: »Indem Wallenstein von Eger aus die Unterhandlungen mit dem Feinde lebhaft betrieb. Neben Goethe.« Und überraschend ironisch begegnet uns Goethe in der ITALIENISCHEN REISE: »Der Mörder gab ihm an die zwanzig Stiche. So fiel Wallenstein.. von fanatischer Wut begeistert. wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt. ruckweiser Sturmwind. und da die Wache hinzukam. Goethe und er entwickelten eine einander ergänzende freundschaftliche Produktivität. dass ihn dieser Feind überlebte und seine Geschichte schrieb. Geräusch der Wasserfälle. historische und philosophischästhetische Schriften. Herder und Wieland gehörte er zum Viergestirn der Weimarer Klassik Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war Dichter und Dramatiker.. Der Kaiser weihte dem Schicksal Wallensteins eine Träne und ließ für den Ermordeten zu Wien dreitausend Seelenmessen lesen. Leitern und Strängen versehen. die zu lesen lohnt. stürzen die Altäre.. die Mörder mit goldenen Gnadenketten. Schiffern und Bauern. der seinem Leben ein Ende machte. an dessen Folgen er mit nur 45 Jahren in Weimar starb. ihren Zuschauern nachsagt: »Sie meinen es gut und werden mich noch umbringen«.. hatte Goethe frisch und böse aus der Schweiz geschrieben: »Frei wären die Schweizer? Frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? Frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weismachen kann! Besonders.« Das waren die Niederlande. Im Austausch mit Schiller entstand eine Literaturauf fassung. der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE und der DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES ein Tempo. die als Weimarer Klassik in die Epochenbeschreibung Eingang fand 13 DIE ZEIT . oder wenn Philine Wilhelm anherrscht: »Wenn ich dich lieb habe – was geht’s dich an?« Er wiederum »war dem Gelübde treu geblieben. Von 1791 an schwächte ihn ein Lungenleiden. nicht weil er Rebell war. wenn Aurelie. Dignitäten und Rittergütern zu belohnen. zerbrechen die Bilder der Heiligen und treten sie mit Füßen. einige eindrucksvolle. Rings die Herrlichkeit der Welt. Wolken heran. Äxten. Omer. erstach der Bösewicht sich selbst. dass er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte – ein Unglück für den Toten. mit dem kein Drama mithalten kann. und so ist’s gut.

DIE ZEIT 14 .« Dem Berliner TAGESSPIEGEL fiel zu einem Politiker. was gemeint ist. Jüngst versah die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen Bericht über den drohenden Wählerschwund der CSU mit der Überschrift: »Der Tunnel am Ende des Lichts«. Aber wer Lust hat und wer’s kann. von SPIEGEL ONLINE bis zur TAZ. Leser bei der Stange halten ist die Kunst. der einen anderen Menschen zum Gegenteil verführen möchte – zum Gern-Weiterlesen –. aus allen Nähten platzen. Fantasie ist besser. nachdem so viele Munitionsfabriken wie die Pilze aus dem Boden geschossen seien. der öffentlich verdächtigt worden war. dass sie im Leser eine Reaktion nahe null auslösen. ehe er allzu bekannte Sprachfiguren wie diese niederschreibt: ins Fettnäpfchen treten. sie passt in viele Lebenslagen. Er suche zuerst ein bisschen nach den Säuen. oft: verzichten. je mehr Bücher und Zeitungen wir lesen. man sollte. er stutzt nicht. Bequemer kann Sprache nicht sein. unter den Teppich kehren. mit drei Vorzügen: Auch diese Wortfolge brauchen wir uns nicht erst auszudenken. heute meist verglast. »Das hat wie eine Bombe eingeschlagen«. aus allen Wolken fallen. Jeder. Aber die Tassen in seinem Schrank werden weniger. Als Heranwachsenden fällt uns zudem ein Erbe an Redensarten zu – umso mehr davon. den Gürtel enger schnallen. und jeder versteht. müssen wir das Wort Fenster nicht erfinden. sie erregen nicht seine Aufmerksamkeit. von den Ahnen: Für eine Öffnung in der Hauswand. vor die er seine Perlen werfen kann. Er versteht sie sofort. Nur ist es genau dieser Umstand. falls wir uns Leser wünschen: Die überlieferten Floskeln sind dermaßen geläufig. In der FAZ verkündete ein Berufsberater: »Vertrauen ist gut – Kontrolle macht Arbeit. dass etliche Redaktionen. Schon Karl Kraus schlug im Ersten Weltkrieg vor. verrückt zu sein. 1999 LEKTION 5 Seien wir ein bisschen unbequem Redensarten schläfern uns ein Unsern Wortschatz erben wir von den Eltern. dass sie ihrerseits wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schössen. aus dem Nähkästchen plaudern. der zerbreche fröhlich die Klischees. der uns misstrauisch stimmen sollte. die kostbare Verteidigung ein: »Verrückt ist er nicht. sich solche Sprachklischees ausdrücklich verboten haben. es endlich mal den Pilzen gönnen. Was tut unsereiner? Im Alltag: zögern.DIE WÖRTER Heimo Zobernig: »Ohne Titel (REAL)«. der sollte zögern. zum Beispiel – oft ein durchaus treffendes Bild. Es ist erzvernünftig. Werbeagenturen ebenfalls. das Tanzbein schwingen. das Handtuch werfen (oder die Flinte ins Korn).« Routine ist gut.

Glück oder Passivität. das Engagement. nachempfinden. also ein Wort. Auch hartnäckige Nachvollzieher stutzen. farbige Wörter im Dutzend niedergewalzt. Gesiegt hat sie sogar über die Einsicht. Viele Modewörter also sind ziemlich albern. der Strafvollzug sind extrem gefühlsarm. dass Millionen Deutsche nichts mehr verstehen. Bonn 2012 (2) 15 DIE ZEIT . und wie jede Mode war sie eines Tages schrecklich alt. sondern alles mit machen: Der Gerichtsvollzieher. was da offenbar gesagt werden muss: »Ich kann dieses schreckliche Verbrechen nicht nachvollziehen. Könnte er das einleuchtend finden? Vielleicht. Was wir hundertmal gelesen haben. erkennen. obwohl das Marketing (das Schaffen und Pflegen eines Marktes durch ein Bündel von Aktionen) durch keine Aktivität ge- steigert werden kann. kapieren. die Schaffenslust – allesamt von einem törichten Plural verschlungen.« Das. wenn der Bürgermeister am Ort der Untat sagt. Aber »nachvollziehbar« müsste er sagen. 14+15): akg-images/© VG Bild-Kunst. den Elan. Wie jede Mode hat sie schöne. sich klarmachen. die Tatkraft. manche auch noch widersinnig. aber handlungsstark. begreifen. und gemeinsam ist ihnen derselbe Nachteil wie den ausgeleierten Redensarten ¤ Lektion 5: Sie verplempern das Kostbarste. Herr Bürgermeister. Milch. Eine Aktivität kann aus hundert Aktionen bestehen (die ohnehin meistens gemeint sind) oder sie kann die Haltung des Aktivseins benennen. Energie. den Schwung. Zweitens ist die Aktivität im engeren Sinne ein Singularetantum. das gähnt uns an. Oft wird es an längst komplette Aussagen zwanghaft angekoppelt: Marketingaktivitäten sind Standard. zu dem es einen Plural gar nicht gibt – so wenig wie zu Stolz. die Mehrzahl treibt also Unfug mit Logik und Grammatik. dass nachvollziehen mit fühlen überhaupt nichts zu tun hat. (S. In der Wirtschaft brüstet man sich unterdessen mit Aktivitäten – einem Modewort mit gleich zwei Nachteilen. billigen – sondern es nachvollziehen? Seit etwa zwanzig Jahren hat sich diese Mode durch den deutschen Sprachraum gefressen. einsehen. was ein Schreiber erreichen kann – Zuwendung.DIE WÖRTER LEKTION 6 Vermeiden wir den Überdruss Modewörter sind meistens albern Wer eigentlich hat entschieden. Dynamik. Iwan Puni: »Neue Kunst«. Tüchtigkeit. nachfühlen. 1919 Abb. Aufmerksamkeit. hat auch keiner von Ihnen erwartet.

und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere. wo der Dom stand. wie er das für seine Penthesilea selbst in Anspruch nahm: »Sie schlägt. geschleudert hatte. schrieb seine erste Tragödie (»Die Familie Schroffenstein«). das Kleist nicht zur Verfügung stand. da sie ihn in den Staub trat. was sie sein sollen: tot. 1810 erschienen in seinen BERLINER ABENDBLÄTTERN: Was sei denn der Vorteil. »seines Feindes Ferse in dem Augenblick. und er »jauchzte« über seine Macht. Kleists Leidenschaft aber bewährt sich dort. »sind alle übrigen Glieder. Lapidare Sätze wie 1809 in der Ankündigung der GERMANIA (die nie erschien): »Diese Zeitschrift soll der erste Atemzug der deutschen Freiheit sein. Zu Lebzeiten hatte er keinen literarischen Erfolg und wurde kaum aufgeführt. Einen solchen Schrei gibt es keinen zweiten in der deutschen Literatur. tödlich zu verwunden«. sich am Junker von Tronka für dessen Willkür zu rächen. seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen«. eine vortreffliche Eigenschaft. »zuckte mitten durch den Schmerz. missvergnügt murmelnd im Osten herab.. mit vergoldeten Rändern.. wenn sie zur eisigen Winterzeit das Firmament anbrüllen . im Hintergrunde .« Ein Lehrstück graziöser Argumentation finden wir im MARIONETTENTHEATER.SPRACHMEISTER (II) HEINRICH VON KLEIST D E R M A S S L O S E E Heinrich von Kleist (1777–1811) quittierte früh den Armeedienst. Im FINDLING schreit der Priester dem Mörder die Schrecknisse der Hölle »mit der Lunge der letzten Posaune« entgegen. von ihrer Lunge sichtbarem Atem getroffen. Denn Ziererei erscheint. wo er die Gegensätze zum Extremen treiben kann. wenn sich die Seele in irgendeinem anderen Punkt befindet als in dem Schwerpunkt der Bewegung. den eine Puppe.. Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust. dass Kleist die gewaltigsten und gewaltsamsten Sätze deutscher Prosa meißelte.« Da der Puppenspieler nur diesen Punkt kontrolliere. verfasste Gedichte und gab Zeitschriften (»Phöbus«) heraus. dass sie sich niemals zierte. überhastete Sätze. und nachdem es noch einige kraftlose Blitze gegen die Richtung. reine Pendel. die Vertracktheit der deutschen Syntax mutwillig zum Äußersten treibend: Hauptsätze von gerade mal acht oder neun Wörtern. DIE ZEIT 16 Abb.« In derselben Novelle zieht in die Natur der Friede ein – aber was für einer: »Dabei stand ein Gewitter. Als Michael Kohlhaas beschlossen hatte. bis große dramatische Werke entstanden wie »Amphitryon« und »Penthesilea«. Sein Freund Achim von Arnim schrieb das über ihn. die Rüstung ihm vom Leibe reißend. »müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen«. die innerliche Zufriedenheit empor. und die Fenster. aber auch historische Dramen wie »Das Käthchen von Heilbronn« und das Lustspiel »Der zerbrochne Krug« sowie die Erzählung »Michael Kohlhaas«.« Kein Stilmittel. zusammenzubrechen. dunkelschwarz. wurde als Spion verhaftet. hält das Volk für wahr. dem lebendigen Tänzer voraushabe? »Zuvörderst ein negativer: nämlich dieser. Um in den Stand der Unschuld zurückzufallen. Es ist.« Verknotete. durch sieben Nebensätze mit 14 Kommas mehrstufig zerrissen und zu einem zerschrundenen Satzgebirge aufgetürmt. Bei denen nämlich habe das Bewusstsein »Unordnungen in der natürlichen Grazie« angerichtet. die sich dem Stammeln nähert«.. als habe Kleist sich die Sprache »von der Brust heruntergehustet«. die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken.. er fühlte sich unverstanden und nahm sich am Ufer des Kleinen Wannsees das Leben r war »von einer gewissen Unbestimmtheit der Rede. als ob man Hände voll schweren Sandes gegen ihre Fläche würfe. sank es.« Hellsichtig und böse schrieb er in seinem LEHRBUCH DER FRANZÖSISCHEN JOURNALISTIK: »Was man dem Volk dreimal sagt. berstend vor Kraft. die an Fäden hängt.. oft zu verstörenden Bildern verdichtet wie dem vom Gesang der wahnsinnigen Brüder in der HEILIGEN CÄCILIE: »So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen. zu Dünsten aufgelöst. drohten klirrend. (Ausschnitt): Fine Art Images . die man vergebens bei dem größesten Teil unserer Tänzer sucht«. Es geschah vor diesem Hintergrund.

albern gleich aus vier Gründen. Aber viermal ist es falsch. wer gelobt wird. dagegen zu ersetzen. absolut nicht austauschbar: der Hund nicht gegen den Köter. drittens. Nicht für Tisch zum Beispiel (Vierbeiner wäre zwar korrekt. ohne weitere Erklärung – ein Satz. dass Deutschlehrer ihre Schüler das Forschen nach Synonymen lehren. dass man statt widerlich auch mal abstoßend. das alle Hörer. LEKTION 8 Misstrauen wir den Synonymen Nur Deutschlehrer lieben sie Als eine »schwer griechisch klingende Journalistenkrankheit« verspottete die SÜDDEUTSCHE ZEI TUNG jüngst die »Synonymitis«: die verbreitete Vorstellung nämlich. ist aber schon für den Hund vergeben). Es ist richtig. der dasselbe meint. man dürfe in einem Text nicht mehrfach dasselbe Wort verwenden. Kindern erst spät begreiflich zu machen.« Für das dritte Ärgernis lieferte die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein Beispiel in der Talksendung von Günther Jauch: »Das Ethische ist in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt worden«. und schon gar nicht. Nicht für Wind. das Wort Wahl hundertmal zu hören und zu sagen. die mit dem Satz beginnen: »Die Geschäftsbedingungen sind geändert worden« – juristisch die pure Unverschämtheit.. die uns nicht zu interessieren brauchen (»Das Museum wird um 10 Uhr geöffnet«). hässlich obendrein: »Seitens des Vorstands wird die Herausforderung darin gesehen . in zwei Sätzen nicht zweimal aber zu schreiben. um sie in die Fülle unseres Wortschatzes einzuführen – ihnen beispielsweise nahebringen. aber von wem. stört es zu Hause am Wahlabend nicht im Geringsten. Zweites Ärgernis: Viele Berufsschreiber betrachten das Passiv ohne Not als gleichberechtigte Form des Verbums. und kein Weihnachtsbaum hat je darauf gewartet. Verwirrend aber ist es. Den Radiosprecher. wenn er plötzlich etwas anderes sagt. ebenso für Personen oder Institutionen.«). 17 DIE ZEIT .« Dies ist das vernünftige Passiv – die Verbform für Gebrauchsanweisungen also. sprach sie. auch für Gesetzestexte (»Mit Freiheitsentzug nicht unter fünf Jahren wird bestraft. oft unvermeidlich und ziemlich oft ein Ärgernis. die tragenden Begriffe eines Textes. aus der Wahl wird der Urnengang. sondern es durch doch. aus der Bundesbank die Währungshüter.. selbstverständlich auch dasselbe sagt – und dass er. Und es dient sogar der Einschüchterung. jedoch.«.. der gleich zwei Rätsel aufgibt: »Das Ethische«. abscheulich sagen kann. Aber was sollte dann aus unseren Talkrunden werden. Goethe ist Goethe – und weder der Dichterfürst noch der Wirkliche Geheime Rat. bis . wer im Kochbuch liest: »Der Teig wird so lange gerührt. Wer geliebt wird. aus der Synonymitis eine vorhersehbare Zwangshandlung: Aus der Polizei werden die Ordnungshüter. der könnte ja schweigen. dass er in der Zeitung als der nadlige Geselle aus den heimischen Wäldern wiederkehrt. Erstes Ärgernis: Es dient dem Befehl. denn Sturm ist mehr und Brise weniger. auch die Substantive.. alle Leser selbstverständlich haben: dass einer. Das ärgerliche Passiv ist von dreierlei Art.. Viele sinnverwandte Wörter sind. leidet selten. von »Jetzt wird aufgeräumt!« bis »Sie werden hiermit aufgefordert. in der Lyrik so gut wie unbekannt. obwohl es doch dessen entmenschlichte Variante ist: unanschaulich. das Schlimmste aber: Schon die Suche nach einem Tauschbegriff verletzt das Urvertrauen in die Sprache. . Fresse und Visage. da der Kunde nur um seine Zustimmung zu einer Änderung gebeten werden kann.. zum Zweiten. das hält den Text lebendig. allerdings. wer . Das unvermeidliche Passiv ist Alltag im Polizeibericht: Ein Mensch ist überfallen worden. Verschickt eine deutsche Bank doch wirklich Briefe. wie Journalisten es lieben.DIE WÖRTER LEKTION 7 Warum wir am Passiv leiden Es ist die hässlichste Form des Verbs Die sogenannte Leideform des Verbums ist oft vernünftig. nur mit »Leiden« hat sie nicht viel zu tun. Das ist auch zweimal richtig. Und richtig bleibt es. ekelhaft. Oft folgt. der diese Missgeburt über den Sender lassen musste. was ist das genau? Und wer eigentlich soll es verdrängt haben? Wer die Verdränger entweder nicht kennt oder sie nicht identifizieren möchte. nur etwas anderes meinen kann. Das Vierte. Erstens: Für die meisten konkreten Dinge sind Synonyme einfach nicht vorhanden. weiß noch keiner.. sondern müsse den Wechsel im Ausdruck pflegen.. das Gesicht nicht gegen Fratze. der lexikalischen Varianz zu unterwerfen.

Hat nicht selbst Immanuel Kant sich schlicht und farbig ausgedrückt. wenn sie sich verständlich machte? Was dachte sich jene Professorin von der Universität Konstanz. als sie in einem Vortrag sagte: »Die emphatische Standortbezogenheit. Vielleicht waren sie ja falsch. Natürlich: Physiker. das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer. nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte. war – denkt man an Beschimpfung. die Affirmation von Differenz und der dekonstruktivistische Blick. im Zeitalter unseres Technokraten. Grandios! Nur sollten wir ihnen kein Wort glauben. versuchte. und aus der Pubertät haben sie die »adoleszente Identitätsfindung« gemacht. Informatiker haben es schwer. Soziologen. ob es nicht besser gelingen könnte. dass interessierte Laien ihnen folgen können. Mathematiker. Wollen Philosophen. Aber was wir gar nicht erst verstehen. dass viele Leute – und Deutsche mehr als Engländer und Franzosen – gern alles für erhaben halten. das auch für identitätspolitische Zwecke nutzbar gemacht werden kann. als er den Umsturz des überlieferten Weltbilds durch Kopernikus darlegte? »Kopernikus. Sigmund Freud zum Beispiel hat ebendies geschafft: umstürzende Einsichten in durchweg elegantem Deutsch. DIE ZEIT 18 . wenn er annahm. enthalten ein sozialrevolutionäres Potenzial.DIE WÖRTER Abb. von ihrer Wissenschaft bliebe nicht genügend übrig. Psychologen überhaupt verstanden werden? Oder vertrauen sie darauf. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. muss deshalb auch nicht richtig sein. was sie nicht verstehen? Oder treibt sie gar die Sorge um. Gerade in ihnen aber fehlt er oft. Ebenso wenn Linguisten von »Linearisierungsoptionen an der Satzperipherie« sprechen oder Pädagogen von den »Neudiskursivierungen des Raumparadigmas«. Verfluchung und Befehl – schon damals übertrieben. wie Johann Gottfried Herder 1785 schrieb. ihre Einsichten so zu formulieren. 1920 (Detail) LEKTION 9 Verachten wir den Wissenschaftsjargon Über Laien schießt er hochnäsig hinweg Dass die Sprache »die große Gesellerin der Menschen« sei. das überwältigend Neue lasse sich nicht einfach sagen.« Da sind wir baff. wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe. der explizite Traditionen und implizite Selbstverständlichkeiten als von Interessen gesteuert durchleuchtet.« Viel bewirken jedoch könnte guter Wille in den Geisteswissenschaften. Bonn 2012 László Moholy-Nagy: »The Great Railroad«. wenn sie behaupten. Doch ein etwas größeres Bemühen darum dürfen wir uns wünschen.und Wissenschaftsjargons ist die Sprache weithin in die Rolle der Spalterin geschlüpft.

kleidete sich selbst an. Nobelpreisträger für Wirtschaft. 1778) All dies können Hauptsätze leisten. wie. 1925) »Sometime they’ll give a war. die vielleicht sogar eine Botschaft haben. sie denken nicht daran und wissen nicht.« (Georg Büchner. dafür ein paar klassische Beispiele – krass gemischt. wird der Wächter vor der Höhle gerufen haben. Was sie leisten können.« (Lessing an Pastor Goeze. bis der Nebensatz erfunden war: »Ein Löwe. ehe wir uns den Nebensätzen ¤ Lektion 14 widmen. ob sein Vetter noch schlief – und dann ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu. exer zierte jeden Tag seine Truppen und kannte nur ein Vergnügen: Europa zittern zu machen. 1959) »Bastian galt als von Moskau bezahlt. mir wird nichts mangeln. 1762) »Die Dividenden steigen. 1961) »I have seen the future. bloß weil er ein Hauptsatz ist. knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu. über seine Studienreise durch China. Dann hast du gewonnen. 19 DIE ZEIT . schlug einen messingnen Kamm in sein Haar. als die urtümlichste und bis heute kraftvollste Form.« »Lobet den Herrn und her mit der Munition!« (Der amerikanische Militärgeistliche Howell Forgy beim japanischen Überfall auf Pearl Harbor. Wir vergessen keinen. 1786) In äußerster Rechthaberei: »In diesem Ton schreckt man auch ab. trank keinen Wein. zu Eckermann. etwas zu sagen. 1825) »Zudem hatte die Hebamme mich schon abgenabelt.. als alleiniges Satzmodell bei Sprichwörtern. den elastischen und musikalischen ebenso wie den ärgerlichen und deplatzierten.« (Abschiedsgruß der SPD an ihre Ostberliner Genossen nach dem Bau der Mauer. 1936) »Wir danken allen.« (Psalm 23. Wir vergessen nichts.« Von den Chancen (und Tücken!) der Nebensätze später ¤ Lektion 14. der . Hier werden die Hauptsätze gewürdigt: als Grundpfeiler aller Kommunikation. Auf ein paar hässliche Formen kommt gleich die Sprache ¤ Lektion 12.. and it won’t work. um 1835) »Er stand auf. Für Schreiber. »Löwe!«.« (Rousseau.« (Carl Sandburg.« (Paul Krugman. und der alte einäugige Pudel begleitete ihn. saß nur eine Viertelstunde an der Tafel. Jahrtausende bevor zum ersten Mal ein Satz erklang: »Da schleicht ein Löwe auf uns zu!« Und wiederum Jahrtausende. sah. als beherrschendes in der Lyrik.« (Der SPIEGEL über den Selbstmord des ehemaligen Bundeswehrgenerals. und der Mond schien die ganze Nacht und stand über den Bergen. ritt dreimal täglich. LENZ. Hilferufen und Befehlen. in der Werbung und in der mündlichen Rede.« (Mahatma Gandhi über den passiven Widerstand. Lapidar: »Der Herr ist mein Hirte. Natürlich: Nicht jeder Satz ist gut. es war nichts mehr zu machen.« (Klage des Oskar Matzerath in der BLECHTROMMEL von Günter Grass. 2009) Ironisch: »Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern. Dann bekämpfen sie dich. and nobody will come. 1941) In schöner Ruhe: »So lag er nun da allein. und alles war ruhig und still und kalt.« (Karl Philipp Moritz in seinem Roman ANDREAS HARTKNOPF. DER GESELL SCHAFTSVERTRAG. Dann lachen sie dich aus.1) »Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. Und das wollte ich. und die Proletarier fallen. sind Hauptsätze folglich immer erste Wahl. 1731) »Praise the Lord and pass the ammunition. NEW YORK TIMES. 1915) »Zuerst ignorieren sie dich. Abschrecken wollte ich. 1992) Temporeich: »Er stand früh um 4 auf. von Schweden.DIE SÄTZE LEKTION 10 König der Sätze Der Hauptsatz ist der älteste – und immer erste Wahl Erst lange nach den Wörtern kamen die Sätze. die gelesen werden wollen.« (Rosa Luxemburg über die Gewinne der deutschen Rüstungsindustrie.« (Voltaire über Karl XII.« (Goethe über Byron. von der DDR gelenkt und von allen guten Geistern verlassen.

Mit seinem kritisch-polemischen Stil schuf er eine moderne feuilletonistische Prosa. Alle Ladenschwengel also.« So zog er gegen die »hofmännisch abgeklärte Kanzleisprache« zu Felde. Als seine Schriften zensiert wurden und ihm die Verhaftung drohte. (Ausschnitt): Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung . Die letzten acht Lebensjahre verbrachte er krank überwiegend im Bett DIE ZEIT 20 Abb. das dem Deutschen von Professoren. Von Herzen. es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr. Des abends in der Schenke: Das fördert die Verdauungskraft Und würzet die Getränke.« Man muss ihn nicht mögen. sagte er. keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit. der eine rote Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. er habe ein Mädchen mit seinen Liebesschwüren genarrt. wenn sie scheiden. Mit den Sternen droben gesprochen?« Wenn er selber liebte und litt. Leichtfüßig.« Und zum Donnergrollen konnte er die Sprache steigern. für alle Höhenflüge gerüstet – so hat Heine die deutsche Sprache bereichert. leichtsinnig. Er schrieb Gedichte.« Oder über die Art. der ihm im Restaurant lästig fiel: »Er sah aus wie ein Affe. Heinrich Heine (1797–1856) war Kaufmann. und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm als betrübter Zuschauer. bevor der in Weimar zum Geheimrat aufstieg. gegen den »Packpapierstil« des Immanuel Kant. und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. was Sozialkritik in diesen Versen? »Der Knecht singt gern ein Freiheitslied. der die Sprache liebt. Heine. Reisefeuilletons und Satiren. von glühender Liebe berauscht. auf nichts festzulegen. Als ich. So in seiner Warnung von 1834 vor einer Revolution. wie er sie nannte. Sie hatten sich auch an Schiller gemacht.« Die Ironie war sein Lebenselixier: Der Herzog von Nemours »ist ein vorzüglicher Jäger und soll jüngst einen Bären in sehr große Gefahr gebracht haben«. ging er 1831 als Zeitungskorrespondent nach Paris. sie elastischer. klang es anders: »Melodisch kann ich wieder klagen Von großem Lieben.SPRACHMEISTER (III) HEINRICH HEINE D E R B R I LL A NTE Z Y N I K E R K arl Kraus mochte ihn nicht. dass sie gelauscht. dann las sich das so: »Er hat den Himmel gestürmt. der nackten Bosheit fähig. aber dieser war ein ehrlicher Mann und wollte nichts von ihnen wissen. keine Vatergüte. Jurist und Journalist.« Dann wieder ein fast zärtlicher Zynismus. fröhlicher. hielt er entgegen: »Doch konnt’ ich wissen. Mag sein. dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können«. tänzerisch serviert – dem Vorwurf. böser. weltläufiger gemacht. mit der Deutschland Europa erschüttern werde: »Die alten steinernen Götter erheben sich aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen. wie Goethe sich von den Brüdern Schlegel zum Olympier stilisieren ließ: »Sie bauten ihm einen Altar und räucherten ihm und ließen das Volk vor ihm knien. die sich schlecht vertragen Und dennoch brechen. mit allen Wassern gewaschen. größrem Leiden. Und infam konnte er werden – so über einen Handelsvertreter. in den Spott verliebt. Balladen und Lieder. Wenn er selber über den Philosophen (und dessen Diener Lampe) schrieb. habe »der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert. und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. Nur hatte Heine damit das Korsett gesprengt. Theologen. was Zynismus. der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute. die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen. Was ist Mitleid. er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen. Ministerialbeamten und vaterländischen Dichtern verpasst worden war – verwandt darin dem jungen Goethe. Von ihm lernen kann jeder.

Oder mit dem Adjektiv: Schnell bist du nicht gerade gekommen. Es bringt. 2012 liest sich das auf Abfallkörben an deutschen Autobahnparkplätzen so: »Nur Reiseabfälle. Deutsch sprechenden Ausländern macht das Mühe. Also nicht: Unsere Aufgabe ist die Lösung der anstehenden Probleme. bringt Leben in den Text. Doch Behörden und Juristen sind auf den Nominalstil versessen. und eine Republik steigt aus Morästen empor« (nun erst das Subjekt). auf erkünstelte.«. wie man so schreiben kann. verwirklichte. und »angezeigt« wäre sowieso das bessere Deutsch.« Kurios genug: Eine erlaubte Sondernutzung wäre ja für die Einbringung einer Anzeige keine hinlängliche Begründung.. aus Raubschiffen zieht sich eine Marine zusammen (Umstandsangabe mit Inversion). So viel Beweglichkeit lässt die Grammatik zu – nutzen wir sie! LEKTION 12 Die Krone der Hässlichkeit Bürokraten sind in sie vernarrt Auch in Hauptsätzen lässt sich Unrat produzieren: schwer verständliches. Ausweg 1: Man setze Verben an die Stelle der gespreizten. zeigte. Zuwiderhandlungen werden als unerlaubte Sondernutzung zur Anzeige gebracht. die mit -ung enden: Inverkehrbringung und Beampelung in der Straßenverkehrsordnung.. »Den Einkünfteerzielungstatbestand« zum Beispiel »erfüllt derjenige. dass man einen Nebensatz anhängt (einen von den guten. Nichts nämlich langweilt uns beim Lesen schneller als eine Abfolge von Sätzen. ließe sich ja so sagen: dass sie sich materialisierte. wenn er grübelte.. abstoßendes Deutsch – in Formulierungen zumal. überlange Substantive. dass Leser es verstehen können und es lesen mögen. dieses Satzmuster ist eine deutsche Besonderheit und eine höchst erfreuliche dazu.. die mit Er – Er – Er oder mit Meier tat dies – Müller tat das – Schulze tat jenes beginnen. das Objekt also vorn.. In Berlin bezog sie . die Inversion.« Ein solcher Auftakt zieht die Vertauschung von Subjekt und Prädikat nach sich. so wäre nicht nur das Deutsch drastisch besser. die Engländern und Franzosen nicht zur Verfügung steht: Erschöpft kam er . Beamtendeutsch. das sagen wir mitunter. Bei Schiller. die anstehenden Probleme zu lösen. gequälten Substantive. Zielerreichung und Kenntniserlangung bis ins Vorstandsdeutsch hinein. sondern die Beißenden sind. Die einfachste und eine meist unbedenkliche Art.. . 21 DIE ZEIT . Ausweg 2: Man verkürze den Hauptsatz und verwandle die hässlichen Nomina dadurch in Verben. Und stünde bei den Reiseabfällen einfach »sonst kriegen Sie Ärger!«. vorzugsweise solche. liest sich das (in der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE so: »Jetzt werden Seehelden aus Korsaren (Zeitangabe mit Inversion). selbst wo wir in lauter Hauptsätzen schreiben. der Kunst der Verständlichkeit und der Leserfreundlichkeit des Schreibens widmen möchte. der wäre noch besser beraten. Dann aber kann die Abwandlung des häufigsten Satzbaumodells die reine Wohltat sein.. sondern: .. erfreulicherweise. Verbieten aber müssen wir uns die Mehrzahl davon: »Die Letzten beißen die Hunde« – das lässt ja die Deutung zu. Nutzanwendung – mit dem Objekt eröffnen dürfen wir einen Satz nur dann. Kanzleistil. wenn uns eine Deklinationsform zur Verfügung steht (den Letzten). »Den Anfang machte . ¤ Lektion 14). Nicht: »Ich habe deshalb« – sondern: »Deshalb habe ich beschlossen.DIE SÄTZE LEKTION 11 Wörter in Bewegung Wie wir den Satzanfang variieren können »Den Letzten beißen die Hunde«. ist.. einem Großmeister auch der Prosa. Im Grenzfall – der sogenannten Ausdrucksstellung – dürfen wir einen Satz sogar mit dem Verbum eröffnen: Verloren haben wir wenigstens nicht. Und wer sich.« Bürokratenjargon nennen wir dergleichen. dass wir mit einer Umstandsangabe oder einem Adverb einsteigen. Dass die Zusammenarbeit eine echte Materialisierung erfuhr (Managerdeutsch). sondern vermutlich würde sich auch die Zahl der unerwünschten Sondernutzungen deutlich verringern. die sogleich deutlich macht: Hier wird abgewichen von der üblichen Wortstellung Subjekt – Prädikat – Objekt (Der Hund beißt Max). »deren mehrmalige Verlesung die Zimmerpflanzen zum Verdorren bringt« (wie es in einem STREIFLICHT der SÜD DEUTSCHEN ZEITUNG hieß). den Satzbeginn zu variieren. »deshalb ich habe« sagen sie zumeist. der über die Leistungserstellung disponieren kann. eine Abwechslung in die Satzmelodie. Noch um Mitternacht wollte er . ist es. dass die Letzten nicht die Gebissenen.. entwickelte...

bei »Meinung« angekommen. meist von feindseligen Gefühlen gegen jemand oder etwas geprägte Meinung«. zum Beispiel. oder: »Er schrie so laut. Klarheit schaffendes Instrument kann er sein. Kraftvoll sind die. der angehängte Nebensatz! Er ist es nicht immer.« 20 Wörter zur näheren Bestimmungen einer unbekannten Sache. nicht einmal ein Gedächtniskünstler würde das schaffen. In einer renommierten deutschen Zeitung so: »Die fast ausschließlich ästhetisch argumentierende und ob der Koproduktion von naturgemäß hehrem Kino und selbstredend unfeinem Fernsehen pikiert die Nase rümpfende Kritik .« (Fortsetzung auf Seite 24) DIE ZEIT 22 Foto.. schlüssiges. die wir in beliebiger Menge zwischen Artikel und Substantiv schieben dürfen. als wäre ich Luft. keine Hauptsache.« Doch mit erhabener Gleichgültigkeit gegenüber dem Leser (oder mit perversem Stolz auf die souveräne Beherrschung eines grammatisch abgesegneten Unfugs) zelebrieren viele Berufsschreiber das Unzumutbare. Bei Matthias Claudius: »Der Mann ohne die Frau ist ein alter Junggeselle. sonst vielleicht als einer unter hundert. angemessene. Kraftvoll sind auch die sogenannten Modalsätze: Nebensätze. Weiß er.. die Umstände jener Handlung benennen. aha! Nach nicht weniger als 18 Wörtern zur näheren Bestimmung erfährt der Leser. wie wir’s von ihnen glaubten.DIE SÄTZE LEKTION 13 Nur für Gedächtniskünstler Die vermaledeiten vorangestellten Attribute Zum Schlimmsten. definiert er das Vorurteil? Es ist »eine ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene. willkommene – und ärgerliche auch.. Der Schreiber nennt erst die Sache oder die Person – und dann ihre Eigenschaften: »Ein Vorurteil ist eine Meinung. wie wir fürchten.. dass es eine ist. die die Wirkung der anderen Satzhälfte beschreiben. der Duden selber verwendet sie. das dieses Problem auf Anhieb löst.. der am Fenster sitzt und die Kinder winseln hört.« Der typische angemessene Nebensatz ist der achte Satz des ALTEN TESTAMENTS. dass die Nachbarn . Wie. die . die die Mittel. Und dies ohne jede Not! Es gibt ein so einfaches. »dass das Licht gut war«. wie er in der Linguistik heißt. die er hätte haben können. eine Erläuterung: Das ist die klassische Funktion eines angemessenen Nebensatzes. ¤ Lektion 14 LEKTION 14 Die schöne heikle Nebensache Wie wir mit Nebensätzen umgehen sollten Es gibt kraftvolle Nebensätze. sondern eine Pause. 23 (Ausschnitt): Sammlung Rauch/Interfoto . S... und dies bis zur Lächerlichkeit. wenn er wirklich interessiert ist. Ihre Häufung markiert einen Tiefpunkt der Verständigung und wird doch unter Sprachfreunden selten beklagt – ja. Eine Meinung. die . weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren. Aber mit ein paar großartigen Exemplaren fangen wir an. Der Sender.« Sigmund Freud schrieb 1915 in einem Brief an Albert Einstein: Die schmerzliche Enttäuschung »über das unkulturelle Benehmen unserer Weltmitbürger« habe auf einer Illusion beruht: »In Wahrheit sind sie nicht so tief gesunken. hat also den Empfänger entweder geärgert oder vollkommen an ihm vorbeigeschrieben. Nach den Schöpfungsakten des ersten Tages. erschuf Gott den Nebensatz: Er sah. Liest er also zurück? Ja. was er alles über sie gelesen hat? Natürlich nicht. in sieben Hauptsätzen vollzogen. angenehm zu lesendes Satzmodell. die sich im Hauptsatz vollzieht: »Sie ging an mir vorbei. die dem Leser gleichsam auf dem Gnadenwege doch noch übermittelt wird. gehören die vorangestellten Attribute: die Beifügungen aus allen Wortarten. nach Logik und Gewicht aber die andere Hälfte eines Hauptsatzes bilden: »Wer nicht hören will.« Was für ein schönes. was die Grammatik uns erlaubt.« Konsekutivsätze heißen diese Sätze. Die letzte Spielart ist die häufigste. die in der Grammatik zwar Nebensätze heißen. Keine Handlung mehr. Besser: »Eine Kritik.. noch. muss fühlen«.

dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte. verwegenen Seele genießen.. eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte.« Als der große Psychologe der Moral schrieb er so: »Der Mensch. Die Luft dünn und rein. warum man mich nicht lese«. verheißend. dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund stoßende Tier.« (Was er damit begründen wollte. eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr.. welche die Wellen des Daseins bisher ans Ufer gespült haben. wie Walter Jens ihn nannte. der aus sich selbst ein Abenteuer. schamhaft. immer zum Äußersten bereit wie zu einem Feste und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren. die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit.« Und im letzten Brief. »Zur Genealogie der Moral«.. spöttisch. das man ›zähmen‹ will. dem Burckhardt nachrief: »Nietzsche hat die Freiheit in der Welt vermehrt. mitleidig. Menschen und Göttern. auf jede heitere Musik hinhorchen . die literarische Form meiner Schriften sei der Grund. Zu seinen Haupt werken zählen »Also sprach Zarathustra«. ungeduldig selbst zerriss. mit ruhigem Auge und festem Schritt durch das Leben gehen. und im Jahr danach: »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.« Nicht nur in den rauschhaften Eruptionen der Sprache – auch in kargen Sätzen war Nietzsche Meister. und im tiefsten Genusse des Augenblicks überwältigt werden von Tränen und von der ganzen purpurnen Schwermut des Glücklichen: Wer möchte nicht. »Noch in meinem 45. Er kritisierte die traditionellen Moralvorstellungen und wurde zum Wortführer des aufkommenden Nihilismus in Europa.. verfolgte. »Was wollt ihr eigentlich Neues? – Wir wollen nicht mehr die Ursachen zu Sünden und die Folgen zu Henkern machen«. zog er die Summe seiner Lehre. dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangene wurde der Erfinder des ›schlechten Gewissens‹ . Er lebte von 1869 an in der Schweiz. wie er ihn seinen Zarathustra fordern ließ: »Sprüche sollen Gipfel sein.. nicht eine Betrügerei!« Noch aus seinen Briefen vor dem Zusammenbruch im Januar 1889 leuchten Sätze hervor wie der Hymnus »Singe mir ein neues Lied! Die Welt ist verklärt. kühnen.. annagte. nicht ein Verhängnis.« Friedrich Nietzsche (1844–1900) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen. eine Folterstätte. erfahren wir nicht mehr.« Leser fand er zu Lebzeiten wenige. dieser unheimlichsten und interessantesten Pflanze unserer irdischen Vegetation.. dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht. »Vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: Es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm. wo der große Befreier über mich kam: jener Gedanke. aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen.) Also vielleicht doch ein interessanter Mensch im Himmel? Jedenfalls einer. 1889 erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und war fortan arbeitsunfähig. dass im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?«. die ihm den Weltruhm eintrug.SPRACHMEISTER (IV) FRIEDRICH NIETZSCHE D E R V I R T U OS E H at man bemerkt. Ja. aufstörte.« Aufregender aber Nietzsches andere Sprache: die mit der Üppigkeit der Farben und der Klänge. notierte er 1887.. »Der Antichrist« und »Ecce homo« 23 DIE ZEIT . der Zwischentöne. die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten . dass das alles gerade sein Besitz. der sich. Mutter und Schwester pflegten ihn bis zu seinem frühen Tod. verführerisch.« Das war er. sein Zustand wäre! Aber . Lebensjahr geben mir Gelehrte der Basler Universität in aller Gutmütigkeit zu verstehen. mit diesem Glück Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne! Und nur um diesen Preis kauft man die kostbarste Muschel. für Gottfried Benn »seit Luther das größte deutsche Sprachgenie«. schrieb er ein Vierteljahr vor dem Ende – »ich sollte es anders machen. den er an seinen väterlichen Freund Jacob Burckhardt richtete: »Da ich verurteilt bin.« Doch er zog die Entzückungen der großen Prosa vor: »Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer. »der Virtuose ohnegleichen«. dem Feuerwerk der Ideen.. das Leben ist ein Weib!« Alles Glück aber ist ein Risiko: »Einer starken. begehrenswerter und geheimnisvoller – von jenem Tage an. später in Italien und Jena. misshandelte. der Kapriolen. Das war der Stil. und alle Himmel freuen sich. und Thomas Mann resümierte: »Goethe und Nietzsche führten die deutsche Sprache zur Vollendung. widerstrebend.

wenn der Autor ein Detail noch unterbringen möchte: »In der Rolle des Hamlet brillierte wie immer Max Meyer. in den ein Unternebensatz von 11 Wörtern eingeschoben ist. An den Hauptsatz ist eine Nebensache angekleistert.« damit ist der Hauptsatz beendet. Autor: vermutlich stolz. technischer Hilfe Lügen zu strafen. Die ärgerlichen Nebensätze sind von fünferlei Art: 1. . durch einen eingeschobenen Unternebensatz von 10 Wörtern verschönert – »dass derselbe Mann Leuten. dass er auf dem Hochseil der Grammatik Pirouetten drehen kann. seit es eine eigene Kunstform geworden ist. der fließend Chinesisch spricht. das Verhältnis ist 4 : 9. die heute zerstritten sind« – statt: »und heute sind sie zerstritten«. Das kann man meistern wie Siegfried Kracauer: »An das Nichtmalenkönnen werden. 6 Wörter lang. die Niederlagenstimmung der Physik überwinden half. hängt der Schreiber sogleich einen Nebensatz von 15 Wörtern an.« Meist sollte man es bleiben lassen. 1919 (Detail) Abb. »Sie glauben gar nicht. BUCH MOSE. Sie sind länger als der Hauptsatz. Der Nebensatz wird in den Hauptsatz hineingezwängt: Der Schreiber unterbricht den eigenen Textfluss durch die Abfolge A1 – B – A2. in den ein Unterunternebensatz von 8 Wörtern eingeschoben ist: »Dass ein Mann.« Relation Hauptsatz : Nebensatz – 6 : 53. was Meyer betonte – wird in einen Bandwurm von Nebensatz geschoben. »eine Phrase in die andere ge- leimt«..«– über so viel Hauptsatz offenbar erschrocken. und schriftlich hat man damit. immer höhere Anforderungen gestellt.« – nun folgt der Hauptsatz. deren Handicap beim Verstehen des Kosmos größer ist als seines. Beispiel von 2012 aus einer renommierten deutschen Zeitung: Der Satz beginnt mit einem vorangestellten Nebensatz von 9 Wörtern. welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist« (Joseph Roth) – das geht noch.« 4. anders als im 1. dem man einen frühen Tod geweissagt hatte und dem es gelang. mit Büchern wie EINE KURZE GESCHICHTE DER ZEIT zu Hilfe kam. (Ausschnitt): akg-images DIE ZEIT 24 . Sie enthalten. und alles Wichtige – nämlich das. 5. 2. und schön gesagt ist es sowieso. 3. In freier Rede ist das fast unbekannt. Ein spärlicher Hauptsatz wird in einem Sumpf von Nebensätzen ersäuft – ein beliebtes Modell in Wirtschaft. Leser: weg.DIE SÄTZE (Fortsetzung von Seite 22) Willkommen sind Nebensätze. wenn sie den Satz von zwei Missbräuchen befreien: den Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den gehäuft vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. nach Schopenhauer. »Meyer betonte. Simultandolmetscher: Aus dem Deutschen zu übersetzen ist wahrlich eine Katastrophe. im Gewirr der Wörter nicht ganz leicht zu finden – »ist so erfreulich wie die Tatsache. Wissenschaft und Feuilleton. Paul Klee: »Villa R«. dies mit menschlicher. eine Handlung – oder gar die Hauptsache (»Ich entdeckte. dass das Nachbarhaus in Flammen stand«) – oder eine gleichberechtigte zweite Hauptsache: »Zehn Jahre lang führten die Firma zwei Brüder.. die keinen Bezug zur Hauptsache hat – ein Klassiker in Geburtstagswürdigungen. Aber Zeitungen und erst recht Protokolle schmücken sich gern mit der Relation 2 : 50.

also leserfreundlich wäre – und zum Zweiten die Kenntnis der Grundeinsicht einer exakten Wissenschaft. vorwärtstreibend. wie ihn unser Atem trägt Höchstens 15 oder 20 Wörter! So lautet eine Faustregel.. In seiner META PHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE häuft er zwischen zwei Punkten 16 Gründe. Pervertierung der deutschen Grammatik.. machen) nicht beisammen lassen müssen (I have helped my father. wie es die zwei Teile eines Verbums sind – sie endet bei 6 bis 7 Wörtern.. verpflichtet zu nichts. weil gar nicht die Länge eines Satzes über seine Verstehbarkeit und seine Kraft entscheidet. Sie wird vorgestellt als ein Begriff der Kulturwissenschaft.. ja »ein feindseliger Dämon« sei – mit dem Fazit: »Es handelt sich ja bloß darum. Erstens.. das ist eine grobe Zahl. aber die meisten Berufsschreiber. die Bereitschaft zu geruhsamem Lesen aber im Gleichschritt vermindert. warum die Liebe eine Verirrung. Deshalb bestehe ich auf einem drückenden Himmel. in beliebigem Abstand nachhinken lassen dürfen. Stein der Weisen. und auch in der Prosa sollten wir uns dem zu nähern versuchen. das Schilf rauscht. auf verschleierter Luft und schwacher Sonne. zweitens. Vorwärtstreibend schrieben sie: Wie Schiller in der GESCHICHTE DES AB FALLS DER NIEDERLANDE: »Die Mannschaft war zahlreich..« Das war 1968. berechnet für eine diffuse Leserschaft. aber ach: Ich fand sie nie..« Natürlich: 7 Wörter. diese dreie hört’ ich preisen. dass jeder Hans seine Grete finde. und seitdem hat sich das Textangebot mithilfe des Internets vervielfacht. beispielsweise . weil auch kurze Sätze hässlich sein können (»Vor dem Verzehr vor dem Essen wird gewarnt«). nicht behängt mit den Girlanden eingeschobener Nebensätze ¤ Lektion 14.Vernünftig ist sie insofern. ob er schlank und überschaubar ist. Liebe. ein wachsender Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und die Kohlendioxyd-Problematik angesprochen. in Anschluss an .. Im Deutschen steht dem eine Tücke der Grammatik entgegen.DIE SÄTZE LEKTION 15 Wie lang darf ein Satz sein? So lang. für die Antwort auf die Frage also: Wer tut was? Und es ist kaum zu fassen. sowie die Bedeutung von . doch die meisten eben – haben sich vor aller Wissenschaft instinktsicher genau so verhalten. ein Vogelzug formiert sich.« Für unsern Alltag gilt. ich möchte . fest ihr Vertrauen auf Entsatz und ihr Hass gegen die katholische Religion aufs Äußerste gestiegen.. kommen.. denn was beliebig ist. ist zum Ersten jeder Instinkt für eine Ausdrucksweise. wenigstens als Faustregel in Ehren zu halten.. die für die Forschung ein Gesetz sind. Wir haben also allen Grund..« Wie Siegfried Lenz in der DEUTSCHSTUN DE: »Ich erzähle keine beliebige Geschichte. nicht Thomas Bernhard. ebenso wie für die Poesie: Fettfrei sollten die Sätze sein. »der sich vor dem Hintergrund einer . Sie gilt ebenso für den Abstand zwischen Subjekt und Prädikat.. zu einem Schlüsselbegriff der Diskussionen um . So zum Beispiel: »Mittels modernster InternetTechnologie werden in dem Magazin die Megatrends der Zukunft angesprochen. (und nach 63 Wörtern) entwickelt hat«. temporeich und von Heinrich Heine.. nicht Thomas Mann. die in Redaktionen und Stilfibeln gilt. 25 DIE ZEIT . das Moor kocht seine blasige Suppe. Einer der übermütigsten Sätze deutscher Sprache besteht aus sage und schreibe 187 Wörtern und ist von Schopenhauer. die unverkrampft und ans Mündliche angelehnt. ich habe meinem Vater geholfen). im Hinblick auf . die 7 Wörter. die Fähigkeit also.und ich pries und suchte sie. die Deutsch lernende Ausländer zur Verzweiflung treibt. ja die zweite Hälfte des Verbums. nicht vollgestopft mit vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. ihr Mut verzweifelt. ich lasse uns arbeiten unter den Geräuschen einer gemäßigten Brandung. um 27 Wörter zum Beispiel in einem Geschäftsbericht von 2012: »In dem Magazin werden mittels modernster Internet-Technologie die Megatrends der Zukunft wie beispielsweise eine steigende Anzahl von Herz-Kreislauf-Krankheiten. die erst den Sinn stiftet. Sie beherrschen sollte auch heißen: sie zähmen können.. zwei Wörter als zusammengehörig zu erkennen. mit welcher Gleichgültigkeit gegen den Leser viele Schreiber zu Werke gehen.« Was hier fehlt..« Simpel. Da will uns die BROCKHAUS ENZYKLOPÄ DIE von 2006 die »Erinnerungskultur« definieren. der Verständlichkeitsforschung (niemand bestreitet sie. und auch muttersprachliche Leser scheucht sie häufig aus dem Text: dass wir die Teile eines zweiteiligen Verbums (ich werde . auch die Deutschlehrer ignorieren sie): Die Speicherkapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses. »Freundschaft. als sie ein verschachteltes Satzgebilde etwa von 40 Wörtern – Alltag im Amtsdeutsch – zuverlässig verhindert. sondern die Frage. Kurios nur: Die meisten großen Autoren deutscher Sprache – nicht Kleist. ganz richtig ist sie nicht.

Vieles. den die Grammatik eben hier vorsieht. auch die Satzzeichen. sollte jeder Schreiber den Punkt als Problem erkennen: Habe ich schon etwas gesagt. ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. »So nicht. Wer fünf davon ignoriert. die anderen fünf Satzzeichen am besten überhaupt nicht mehr. »Contra« und »Conclusio« – über die 1984 aktuelle Frage »Soll es Soldatinnen geben?« zum Beispiel so: Pro: Gleichberechtigung. haben sich dem Gegenteil verschrieben: Punkte sonder Zahl.. auch schläfrige Leser aufzuwecken! Ja. dessen Schreiber offensichtlich nachgedacht hat. Bewerbungen sind die ohnehin das ideale Maß. drei. um die Melodie der mündlichen Rede in den geschriebenen Text zu holen. natürlich.und Ausrufezeichen zeigt uns das Spanische: So wichtig kann man es finden. schrie sie« – als ob wir nicht ein Schreizeichen hätten. dem Leser schon am Anfang des Satzes das Signal zu geben: »Hebe die Stimme!« Denn in beiden Fällen tun wir das. auch über diese kleine Zäsur hinweg? Rousseau hätte seinen GESELLSCHAFTS VERTRAG natürlich so eröffnen können: »Der Mensch ist frei geboren. auf dem Bildschirm und bei unverlangten Briefen das statistische Normalverhalten ist.. Der Punkt gibt das gegenteilige Signal: Ein Gedanke ist offenbar abgeschlossen. Dies zu unterlassen. Deutsche Schreiber. was durchs Internet geistert. Sieben Satzzeichen haben wir. ein Beispiel: »Dafür sprechen drei Gründe. ist grotesk: Nun folgen sie doch. mir sein Interesse zu gönnen. sie erkennbar zu gliedern: zwei zum Beispiel durch ein »zwar . ob Sie schon genug gesagt haben. die drei Gründe! Jeder Leser würde das im Augenwinkel spüren und so durch den Text gezogen werden. DIE ZEIT 26 . Da das Nichtweiterlesen.. Und so setzte er den Punkt erst. Kommentare. man muss lesen. die schwindende Bindekraft der herkömmlichen Parteien und politischen Lager und nicht zuletzt mangelnde politische Steuerung oder die mehr oder weniger bewusste Manipulation von F. indem er sie auf drei Absätze verteilt – für Briefe. nicht speziell für diesen Satz) den Nobelpreis bekommen. und es führt zu nichts. die Menschen zu durchschauen. Conclusio: Die Forderung nach Soldatinnen überschreite »die schmale Grenze zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei«. So viel Überschaubarkeit bleibt vorbildlich.« Den Doppelpunkt zu unterschlagen. die sich Leser wünschen: Messen Sie an diesem Beispiel.« Einladung an alle Schreiber. hat neben seinen Vorzügen einen Nachteil: die Versuchung. zur jeweils eigenen Interessendurchsetzung« genannt. sich die Mühe des Denkens vor dem Schreiben zu ersparen.« Der Strichpunkt gibt das Signal: Hole kurz Atem – aber zu Ende ist mein Gedanke nicht! Elias Canetti hat (zugegeben. dann schreiben Wer einem anderen schriftlich mehr als einen Gedanken übermitteln will (zwei oder drei etwa.« Aber das wäre eine Allerweltsbehauptung gewesen. LEKTION 17 Gliedern kann nicht schaden Erst denken. unwillkürlich auch beim stummen Lesen.. geeignet.DIE SÄTZE LEKTION 16 Mit Satzzeichen Musik machen Es gibt mehr als Punkt und Komma »Irme yo con él más? Mal año!« Ein muchacho ruft das in DON QUIJOTE: »Ich noch mit ihm gehen? O weh!« Mit den doppelt gesetzten Frage. Zu deren Erklärung werden »mangelnde politische Bildung in Bezug auf Toleranz und Zusammenleben in einer offenen. Contra: Aber für diesen Fall ist sie im Grundgesetz eben nicht vorgesehen. aber«. Zu wenig Bildung. und das ehrt ihn ja). es ist so leicht. einen Text zu lesen. Sogar das Semikolon sei empfohlen: »Ich habe es satt. pluralistischen Gesellschaft. die Textblöcke nachträglich neu zu gruppieren. zumal der jüngeren Generation. dem Sechsfachen unseres Aufnahmevermögens ¤ Lektion 15. aus einer Fülle von Aspekten einen Brei anzurühren kann bis zur völligen Zerstörung des Kommunikationszwecks führen – wie im BROCKHAUS unter »Fremdenfeindlichkeit«. Ist es nicht eine Wohltat. der tut gut daran. jedenfalls das Nichtzuendelesen in der Zeitung. ersäuft in einem Sumpf von 42 Wörtern. nicht nur die Wörter. bevor er ihn in die Schreibmaschine hämmerte? Dass es mit dem Computer dramatisch viel einfacher geworden ist. hole Luft. ist entweder schlecht beraten oder an Lesern nicht ernstlich interessiert. Hätte die Fülle der Gründe nicht nach einem Doppelpunkt gerufen mit vier Sätzen dahinter – oder nach Spiegelstrichen? Einem optischen Zwang zur Gliederung unterwarf sich einst Rudolf Walter Leonhardt in der ZEIT: Seine Kommentare waren gegliedert in »Pro«. Kommas nach Gusto. auch wenn sie sich nicht in Zwischenüberschriften mitteilt. die Gedanken. senke die Stimme. damit der Leser Ihren Punkt nicht als Einladung zum Aufhören benutzt. nachdem er eine Spannung aufgebaut hatte: ». ist auch danach. Bindekraft und Steuerung und dazu Manipulation: vier Gründe also. was meinen Leser animieren könnte.

Zeitungsleser hüpfen dann rasch zum nächsten Text. Je. liebe Kitty.« (408 Zeichen) Wer so zunächst gewonnen ist. Genua und Lucca sind weiter nichts als Apanagegüter der Familie Bonaparte. Kruzifixe« – darf ein Zeitungsartikel so beginnen. das die Praxis erprobt und die Wissenschaft ermittelt hat. In zwei Porträts historischer Figuren zum Beispiel so – in der Zeitschrift P. den Düwel ook. heißt ein Leitspruch amerikanischer Journalisten. gelesenen 350 Zeichen fällt die Entscheidung – ein durchschnittliches Leseverhalten. und sie haben recht. Amerikanische Firmen rüsten sich dafür mit dem Bild vom elevator check: Der kleine Angestellte trifft im Fahrstuhl den großen Chef und hat nun realistisch geschätzte 20 Sekunden Zeit. können ein Wirtschaftswunder machen. und würde man ihn ausgerechnet in der FAZ vermuten? Einige Leser wären angewidert. später irgendwo mit dem Lesen aufzuhören.« Schon ist der Text seriös geworden. Angebot. wenn selbst Bücher so beginnen. Bevor gezeugt wurde.« Frech im BUTT von Günter Grass: »Ilsebill salzte nach. sonnte sich im Weltruhm als Erbauer des Suezkanals und heiratete mit 65 eine 20-jährige üppige Schönheit aus Martinique. das Weiterlesen zu erlisten. Hochstapler. c’est la question. Genau so. »Käse. Lotterie-Einnehmer. wenn sie in KRIEG UND FRIEDEN als Erstes lesen müssen: »Eh bien.« Oder in den BUDDENBROOKS: »Was ist das? Was – ist – das. heißt die Nutzanwendung.« Moderner schon in ANNA KARENINA: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich. der er emsig Kinder machte.« (351 Zeichen) Oder ein Porträt des Casanova in der WELTWOCHE: »Er war Doktor beider Rechte. die meisten aber wären neugierig auf die Fortsetzung. Inhaltslosigkeit oder drei asiatische Eigennamen). Kondome. unglücklich ist jede auf ihre eigene Art. Meist erst nach gehörten 20 Sekunden. Er hieß Ferdinand Vicomte de Lesseps. neigt freilich immer noch dazu. die drei Könige gar nicht gerechnet. fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.« Und einen wirklich hübschen Einfall hatte Johannes Mario Simmel. Prospekte. und ob er verführte oder bezahlte. und sie stand im selben ersten Satz: »– es gibt nichts. Bewerber mindern ihre Chancen. so bleibt dem Schreiber eine Chance.« Grandios in Kafkas VERWANDLUNG: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte. ¤ Lektion 19 und 20 DIE ZEIT 28 . was wir bieten und warum sie weiterlesen sollen. Zwei Päpste und eine Kaiserin empfingen ihn. Falschspieler. und gedruckte Briefe. obwohl sie den Paukenschlag weniger nötig haben. schien ihm fast egal. Wie man dem entgegenwirken kann.M. mon prince. Für alle kürzeren Texte gilt: Schreckt der erste Satz wenigstens nicht ab (durch Kopfgeburten der Grammatik.: »Dies ist ein Drama aus Tollkühnheit. Vom Sex war er besessen. was Brüssel in seiner Kompetenzgier nicht regeln will. viele irritiert. um sich oder sein Anliegen bei ihm interessant zu machen. davon gleich mehr. Korruption und massenhaftem Sterben – geschrieben von einem der begabtesten Traumtänzer der Weltgeschichte.« Schön. Angebote sind schon zum Papierkorb unterwegs. gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen. Prospekt müssen sie binnen 350 Zeichen erfahren haben. zwölf an der Zahl. und etwas Kostbares hat er gewonnen: Aufmerksamkeit! Dafür hat er keinen zweiten Anlauf frei. »You never get a second chance to make a first impression«. aber keinen Salat. Bücherleser sind meist geduldiger und mit einem Satz noch nicht zu verscheuchen – wohl aber kaum animiert. Und wirklich: Mit 350 Zeichen lässt sich viel erzählen. müssen wir mit unseren Kunden umgehen: In jedem Brief. Ritter des päpstlichen Ordens vom Goldenen Sporn und Geheimagent der venezianischen Inquisition.DIE HOHE SCHULE LEKTION 18 Die Kunst des Anfangs Nach 20 Sekunden ist alles vorbei Alle Zuwendung an den Leser lässt sich mit einem einzigen Satz zunichtemachen: dem ersten – wenn er abstoßend oder zum Gähnen ist. als er seinen Bestseller von 1960 (ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN) mit dem Satz eröffnete: »Wir Deutschen. Mit Friedrich dem Großen schlenderte er durch den Park von Sanssouci.

nämlich ein Grab mit ein paar welken Blumen. schrieb er aus dem Sanatorium an seine Schwester Ottla. immer Farbe. Manchmal. die düster und unheilvoll den gesellschaftlich entwurzelten Menschen beschreibt. »aber wenn ich es nicht hören sollte. mich zu verkühlen. hat das Gehirn gesagt.« Während die Tuberkulose voranschritt.« Das schrieb Franz Kafka an Max Brod. ›So geht es nicht weiter‹. der Schriftsteller Max Brod. während Du doch nur ein Zimmer brauchst. schliefe man . käme ich sofort in die Gefahr. schrieb er an Felice.« In einem Brief an die Schwester aus dem Sanatorium zog er Bilanz: »Die Anstalt ist für mich wie ein Federbett. Wenn ich hinauskriechen würde.. ausgedrückt in einem verblüffenden Bild vor einem Hintergrund von Angst – in jener Mischung also.« Bildhaft tastete Kafka sich auch an das Unsagbare heran: »Wenn man schlecht geschlafen hat. seinen Freund und späteren Herausgeber – eine klassische Einladung an alle. neben – viele sagen: vor – Thomas Mann... glaubt man.« Milena aber. Bilder.« Über seine Magerkeit (an Milena wieder): »Wissen Sie denn nicht. Seine Schreibweise ist von einer Lakonie.. Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. niemals eine akademische Floskel.. das hieße: Er würde nur die Maus sein. die ihn nur deswegen faszinierten. Jahrhundert der großartigste Beitrag der deutschen Sprache zur Weltliteratur war. in der Verzweiflung oder im Galgenhumor.. einen Augenblick lang schien es mir unverständlich.« Überwältigend naiv reduzierte er eine Riesenstadt auf die paar Quadratmeter. indem ich aufgestanden bin und dem Neuen Jahr die Stehlampe entgegengehalten habe. und an der hoffnungslosen Liebe. in den Werken ebenso. Ewig wollte man fragen. niemals ein abstraktes Wort. »Silvester«. die Verheiratete. hat nichts Grünes gefunden und schlüpft nun wieder in die dunkle Arche. »habe ich gefeiert. es beim Schreiben ebenso zu halten. mit der er zweimal verlobt war. sieht sich zuerst nach allen Seiten um. dass nur die Dicken vertrauenswürdig sind? Nur in diesen starkwandigen Gefäßen wird alles zu Ende gekocht.« Und: »Gute Nacht.. ehe es sich von mir niederschreiben lässt. kranken Leibes. und wisse. dass Du mich liebst«. mein liebstes Mädchen. die Wahrheit sei knapp neben dem Bett. denn im Norden wärmen sie und im Süden geben sie Schatten. Überraschung. Die Welt ist nicht geheizt. Feurigeres kann niemand im Glase haben. schrieb er an Max Brod: »Manchmal scheint es mir. Sein Freund.« Foto (Ausschnitt): Fototeca/Leemage 29 DIE ZEIT . abgetrotzt.. wollte ich sterben. wenn man früh aufwacht. Er war Jurist und Versicherungsbeamter und litt die letzten sieben Lebensjahre an den Folgen einer Kehlkopftuberkulose. zum Aufnehmen bereit .SPRACHMEISTER (V) FRANZ KAFKA D E R H E I M LI C H E KÖ N I G J Franz Kafka (1883–1924) wurde in Prag geboren und entstammt einer bürgerlichen jüdischen Familie. Er veröffentlichte nur einige wenige Erzählungen. weil seine Brieffreundin Milena dort wohnte: »Ich sah heute einen Plan von Wien. »Ich erschrecke. solange es Dir keinen übergroßen Schaden bringt. dass man eine so große Stadt aufgebaut hat. nur diese Kapitalisten des Luftraums sind . dass Kafka »der heimliche König der deutschen Prosa« wurde (so Hermann Hesse) und dass sein Werk im 20. Kraft – ob in der Liebe. und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt. dem tschechisch-jüdischen Milieu. wenn ich höre. offen quer über den Teppich zu laufen«. geschützt vor Sorgen und Wahnsinn . In allen Briefen. an der er mit 40 Jahren starb. die dazu beitrug. das Du in Deinem Zimmer hast. fragt man und weiß nicht was. bleibe mir treu. an der ganzen Unheimlichkeit der Welt.. »der man höchstens einmal im Jahr erlauben kann. Kafkas Wortschatz war unauffällig. der ihn verachtete. dass ich Dir angehöre wie ein beliebiges Ding. zu helfen. gab posthum die zumeist unvollendeten Romane heraus edes Wort. Man ist eben als biblische Taube ausgeschickt worden. in dem er aufwuchs.. der Stoff seiner Briefe vor allem das Leiden: an seinem vierschrötigen Vater. Nichtschlafen heißt ja fragen. hätte man die Antwort. am Gefängnis seines mageren.. in Wien zu besuchen. so schwer wie warm. offen. die die Sprache lieben. sein Satzbau unprätentiös. und sie allein sind als eigentliche Erdenbürger auf der ganzen Erde verwendbar.

es müsse sich dabei um eine gigantische Inszenierung handeln. wie eine Kobra zubeißt. reichte Maria drei Päckchen Margarine und zwei Päckchen Kunsthonig. sagt der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer. Dezember dieses Jahres soll die Welt ja mal wieder untergehen. Wo die Anschaulichkeit der Wörter (¤ Lektion 3) sich zur Bildhaftigkeit der Aussage steigert. bloß weil sie das Simple in ein Gleichnis oder eine Metapher übersetzt. der mit dem Unterschied zwischen Mozart und Mozartkugeln zusammenhängt. ließen den Herrn Fajngold zurück. die Todesopfer »fordert«. eine Art Hundert-Milliarden-Dollar-Produktion aus Hollywood. was unsereiner so schreibt. dass da Menschen erfroren sind.« Ungebremst böse Walter Benjamin: »Echte Polemik nimmt ein Buch sich so vor.« Auch werden neue Bilder gemalt wie im SpontiSpruch über die Zeitmode »Selbstfindung«: Das heiße offenbar »nach sich selber suchen wie DIE ZEIT 30 . eignen sie sich kaum. wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet. Es gibt abgedroschene Vergleiche wie den von der »Spitze des Eisbergs«. die Maya haben das angeblich prophezeit in ihrer rätselhaften Schrift. die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken.« Oder einst von dem Wiener Feuilletonisten Anton Kuh. fügte. dem Reiseproviant noch ein Paket mit Desinfektionsmitteln hinzu – Lysol ist wichtiger als das Leben –. den neuen Chef der Deutschen Bank: »Er beantwortet Mails so schnell. Sogar von hässlichen Bildern sind wir umstellt wie in der Redensart »Alles in Butter«: Sie lebt geradezu davon. und tatsächlich: Etliche Menschen rüsten sich dafür.« In Sprichwörtern sind die Bilder ohnehin zu Hause wie in dem aus Russland: »In des anderen Weib tut der Teufel einen Löffel Honig. nur noch aus Winken bestand. als er an die Thessalonicher schrieb: »Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Denn immer geht es darum. wäre nicht nur die schlichtere. als er kürzlich Anshu Jain porträtierte. Rolle. So vom STERN.« Ähnlich bei der längst überreizten Metapher »Stellenwert«: Die früher genutzten Wörter Rang. sondern auch die prallere Ausdrucksweise. Journalisten erfinden in jedem Winter die »Kältewelle«. Alle Wärme muss sich im Text finden. schrieb er.« nach einem besonders gut versteckten Osterei«.« Zum Schluss die Frage: Wie könnte man am farbigsten den Weltuntergang beschreiben? Am 21. aus dem Überdruss an ihm ist die spöttische Abwandlung entstanden: »Auch Eisberge kochen nur mit Wasser. und nicht jede bildhafte Sprache ist gut. wie Karl Kraus: »Nachts am Schreibtisch«.« Mit dramatischer Wucht in der Charakteristik Lenins durch Vladimir Nabokov: »Er war eine Milchkanne voll menschlicher Freundlichkeit mit einer toten Ratte am Boden. dann fünf einsilbige Wörter – das gibt ein Bild: So macht man das. Eine Journalistenweisheit ist plastisch geblieben: »Ein Dementi ist der Versuch. Geschrei und Weinen die Abfahrt ankündigten. Gott sei Dank. der auch richtig und ordnungsgemäß. da ist gegen den stets fluchtbereiten Leser die Angel ausgeworfen. Nach solchen Bildern. Intendant der New Yorker Metropolitan Opera von 1950 bis 1972 – und eines mit Sicherheit bewirkt: Dergleichen überhört und überliest man nicht.« Zynisch hat das über sich selbst Rudolf Bing gesagt. »würde ich die Anwesenheit einer Frau störender finden als die Anwesenheit eines Germanisten im Schlafzimmer. Auf der Welt und bei ihrem Untergang.DIE HOHE SCHULE LEKTION 19 Die Kraft der Bilder Sie schaffen Farbe und Wärme »Hinter dieser kalten Frackbrust schlägt ein Herz aus Stein.« Die Beispiele haben eine Schwäche: Für das.« Intellektuelle lieben sie. Eher aber könnte der Apostel Paulus recht gehabt haben. Neben vielen anderen Irrtümern erliegen sie vermutlich auch diesem: Sie meinen. Aber als Leuchtfeuer sollten wir sie benutzen. Bedeutung wirken inzwischen vergleichsweise frisch. den er sucht.« Ein »wie«. »einen eiskalten Leser zu wärmen. trat. näher heran. Herr Fajngold stand mit dünnem rötlich wehendem Haar unter uns auf den Gleisen. und wir fuhren. Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein antwortete auf die Frage »Was ist eigentlich Kultur?«: »Ich habe einen Verdacht. dass man sich diese Scheußlichkeit nicht ausmalt. Wie in dieser klassischen Passage aus der BLECHTROMMEL: »Wir kamen in den viertletzten Wagen. Bilder sind gut und verblüffende Bilder noch besser. wie es sich bei der Abfahrt von Zügen gehört. als die Lokomotive durch einen Stoß ihre Ankunft verriet. Nobelpreisträger 2011. bis es ihn nicht mehr gab. ruft die Wirklichkeit nicht oft.« Und nicht aus warmen Worten – aus Bildern steigt die Wärme auf. mit rötlich wehendem Haar immer kleiner wurde. der einem ungarischen Gentleman das Kurzporträt widmete: »Er sah aus wie eine Kreuzung aus dem Polizeipräsidenten von Budapest mit einem. als polnische Kommandos. Er ist ja nicht bereit.

der sollte die Worte wägen. Mit Schwätzern und Langweilern haben Leser keine Geduld. Ein Text des Schriftstellers Ingo Schulze. denn damit hätten wir uns bezichtigt. Bonn 2012 31 DIE ZEIT . in der Stilistik Abtönungspartikel genannt: ein »nämlich« oder »eigentlich« zur rechten Zeit. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. Wer twittert. die Würzwörter zu heißen verdienen.DIE HOHE SCHULE LEKTION 20 Der Wille zum Verzicht Wenn alles gesagt ist. einen kurzen Sinn zuvor zu einer langen Rede ausgewalzt zu haben. der oft schlaffe Wunsch nach Lesern aufs Geschriebene zurück. 4«. begann mit dem Satz: »Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben. 1947 (Detail) Abb. ungeplant.« Wunderbar! Da greift Schopenhauers »erste Regel des guten Stils: dass man etwas zu sagen habe. mehr scheint es ihnen darauf anzukommen. doch. eine Neuigkeit. einen schwierigen Sachverhalt in einem zweiten Anlauf zu erläutern oder durch ein Beispiel zu beleben. die auf Erden täglich geplappert werden. aufzuhören. irgendwie). was ich noch schreiben soll. damit kommt man weit!« Stuart Davis: »Pad No. denn ich weiß nicht mehr. Von den Füllwörtern. Aus den Parlamenten kennen wir die Sprechblasen. Meistens schreiben wir zu viel (vom Reden zu schweigen) – gemessen am Interesse jener Menschen. brauchen uns nicht zu interessieren. sollten wir nur die zulassen. Blogger haben alle Freiheit – und nutzen sie: beliebige Länge. die wir uns als Zuhörer oder Leser wünschen. von denen die mündliche Rede überquillt (ja. Die Floskel »der langen Rede kurzer Sinn« zum Beispiel sollten wir nie niederschreiben. unkorrigiert. muss das sowieso. »dass sie ihre Existenz weit und breit um sich kundmachen« – Immanuel Kant sagte das 1786 allen »lärmenden Unterhaltungen« nach. sozusagen. sollten wir die Kraft haben. Und wenn alles gesagt ist. den die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kürzlich publizierte. nun. sollte der Text enden Manchmal schreiben wir zu wenig: wenn wir es nämlich unterlassen. Und schon wirkt die Beiläufigkeit des Gebloggten. Dass sie oft schon für ihren zweiten Satz keinen Leser mehr finden werden. O. stört viele Blogger offensichtlich nicht. Wer aber gelesen werden will. zwischen Gesprochenem und Geschriebenem fast keine Grenze mehr. das geblähte Nichts: dass einer sich dem hohen Gut der Volksgesundheit voll und ganz verpflichtet fühlt! Auch die Billionen Wörter.

Klaus und Golo... waren ebenfalls Schriftsteller DIE ZEIT 32 Fotos: Bettmann/Corbis (S. als überlieferte Kunstform. höchstens anderthalb. mit Tod und Teufel auf du und du. dann in die USA. Fishman/ullstein (S. umnachtet und gebrochen. Für seinen ersten Roman »Buddenbrooks« (1901) erhielt er 1929 den Literaturnobelpreis. notwendige Erdendinge in die Wege zu leiten« – dem er aber zugleich den Abgesang bereitete: »Zuweilen möchte man glauben. Der..« Von ähnlicher Spannung vibrieren seine Porträts – das des Moses am Anfang der Erzählung DAS GESETZ: »Seine Geburt war unordentlich. in c-moll. feilend. als England und Frankreich Hitler den Krieg erklärten (»Ich schrieb meine Seite wie gewohnt«). zerknirscht am Ende und gründlich müde einer in Blut. ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit. 33) . 32. ausgesandt. notierte Thomas Mann im Tagebuch: »Das Alter zeigt sich darin. so meine er nicht diese nur. worauf er unter Zurücklassung eines Kinderleibes wieder entschwand. Raub. das Unverbrüchliche. ›das arme. Vormittags. nicht anders meinend. an – kurz bevor sie ihn anschmachtet: »Ah. Duze mich derb zu meiner Erniedrigung!« Mehr Satire war nie in der Liebe. . sondern er meine die Sonate überhaupt. Gebot und Verbot.« Seine Meisterschaft rang Thomas Mann unerbittlich den Vormittagen ab: Von neun bis zwölf schrieb er eine Seite Prosa. in die Obhut seiner Mutter zurück: »Meine Überzeugung aber ist. er sei ein Kobold gewesen. mit 77.« Fünf Jahre später.SPRACHMEISTER (VI) THOMAS MANN D E R A LLE S KÖ N N E R D u entkleidest mich. Erika. in ihren Schoß zurück. kochend von Leben..« 500 Seiten vorher aber waren wir Zeuge. Einen Sturzbach lässt er auf den Leser niederprasseln in seinem Lobgesang auf Grimmelshausens SIMPLICISSIMUS: »Es ist ein Literatur. wie der stotternde Künstler Wendell Kretzschmar einer kleinen. nicht ohne Zufriedenheit erfährt. Nie setzte er dabei auf Inspiration: »Der Einfall als Überfall ist mir unbekannt«. verliebt und verlumpt. das rührend-wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten« (im ZAUBERBERG). Ausschnitt). um uns die Frage selbst beantworten zu können. zunächst in die Schweiz. Thomas Mann (1875–1955) wurde in Lübeck geboren und emigrierte zur NS-Zeit. September 1939. notierte er 1928. boshafter Troll. Den Gestürzten. den er 1915 zwar zu einem »Beauftragten des Schicksals« ernannte. kühner Knecht?« So herrscht Madame Houpflé Felix Krull. dass die Sonate im zweiten Satz. kehrt. Vernichteten.und Lebens-Denkmal der seltensten Art. glatter Knabe. dass Töten zwar köstlich. Und wenn er sage ›Die Sonate‹. roh. Aber was ist sie zugleich? »Die Sympathie mit dem Organischen. Sein älterer Bruder Heinrich und drei seiner sechs Kinder. Das ist ja das Eindrucksvollste an Thomas Mann: wie er über das Tragische und das Ironische. darum wusste er besser als jeder Unerfahrene. warum Beethoven zu seiner Sonate OPUS 111 keinen dritten Satz geschrieben habe: »Wir hätten. 1933. Ein dritter Satz? Ein neues Anheben – nach diesem Abschied? Ein Wiederkommen – nach dieser Trennung? Unmöglich! Es sei geschehen. aber getötet zu haben höchst grässlich ist und dass du nicht töten sollst. sagte er. den umzubringen hundert Millionen Menschen sich vergebens ermatteten . als Gattung. das Stück nur zu hören brauchen. erlesenen Gemeinde eine Stunde und im Buch sieben Seiten lang erklärte.. aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden.« Ebenso die schauerliche Würdigung Friedrichs des Großen. den Hotelboy.. dass die Liebe von mir gewichen scheint und ich seit Langem kein Menschenantlitz mehr sah. .Oh du Beseliger! . »um große. Er tötete früh im Auflodern. Wollust sich vergeudenden Welt. zu Ende auf Nimmerwiederkehr. grübelnd. Die Spannweite seiner Sprachkunst demonstrierte Thomas Mann noch einmal im DOKTOR FAUSTUS von 1947.. ein ungeschlechtlicher... amüsant. um das ich trauern könnte. bunt. liebe Kind!‹ nimmt sie. die doppelbödige Behäbigkeit und das blanke Feuer gleichermaßen gebietet. alles verzeihend.« Doch den FELIX KRULL schrieb er weiter. diesem enormen. dass das Mütterliche solche tragische Heimkehr bei allem Jammer nicht ohne Genugtuung. der aller Welt Hass und Abscheu machte und alle Welt hineinlegte. darum liebte er leidenschaftlich Ordnung. sich zu Ende geführt habe. sich nie daraus zu lösen.. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. als dass er besser getan hätte. Du junger Teufel. ein genialer Komponist. ah. wild. dies auch auf Reisen: so in Schweden am 3.

Auflage. impfte er seinen Eleven ein. Christian Morgenstern oder Heinrich Heine vor – für einen Zehnjährigen kein schlechter Start in die deutsche Sprache. Seit 2007 ist er Honorarprofessor der Universität Salzburg. schönes Deutsch – das ist Wolf Schneiders Lebensthema Der Vater trug beim Sonntagsfrühstück gern Fröhliches und Freches von Wilhelm Busch. Reporter bei Geo. im Juli erscheint das nächste Buch: Die Wahrheit über die Lüge. »Plagt euch. Schneider ist Autor von 28 Sachbüchern. Seit dem Abschied von der Henri-Nannen-Schule bildet er weiter Journalisten in Deutschland. Geburtstag. München 2011 Wolf Schneider: »Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen«. Ein klares. selbst ein großer Schriftsteller zu werden. 3.»P L AG T E UC H !« Ein klares. 1994 erhielt er den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. 1979 bat ihn der Verleger Henri Nannen. Die neue Stilkunde«. 7. Chefredakteur der Welt. 16. Moderator der NDR Talk Show. Reinbek 2009 . Stattdessen wurde er Journalist: Nachrichtenchef und Washington-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Auflage. Weiterlesen Wolf Schneider: »Wörter machen Leute – Magie und Macht der Sprache«. Österreich und der Schweiz aus. Piper. Verlagsleiter des sterns. München 2011 Wolf Schneider: »Deutsch für Kenner. schönes Deutsch zu lehren – das wurde sein Lebensthema. die Hamburger Journalistenschule aufzubauen. Piper. Medien und Behörden. Rowohlt. sonst müssen sich die Leser plagen«. Schneider leitete die spätere Henri-Nannen-Schule bis 1995. ist Sprachlehrer in Wirtschaft. Mit 14 las Wolf Schneider die Buddenbrooks und träumte davon. Und 2011 wurde er für sein publizistisches Lebenswerk mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 87. Auflage.

Ich habe ein altes Handwerk gelernt. Brecht weniger. jedenfalls für mich. Alphabetisierung ist Arbeit. die auch Ausnahmen kennen. Döblin gar nicht. den der Widerstreit zwischen der Sprache und der Dingwelt auslöst. Wie Sprache aufgeraut oder geschmeidig gemacht wird. Aber Begabung allein reicht auch nicht. durch Anleitung des Lehrers oder des Meisters. Die Zeichen sind arbiträr. wie im Handwerk. wer das Schreiben mühevoll gelernt hat. Wie ist er gestaltet. sich immer wieder infrage stellt. wo er doch zwei Flügel hat. für den Tod. Er ist vollgestopft mit Klischees. Kann man das literarische Schreiben lernen? Literaturkritiker. in der Normsprache ein Regelverstoß sein. wird in drei gereihten Hauptsätzen die Abgeschlossenheit einer Existenz beschrieben und zugleich infrage gestellt.und Wieder-Auseinanderschieben hatte etwas Spielerisches. Gemessen daran. sondern nur durch die Schnitttechnik zu entwickeln. spielerisch korrigierte Übung. So kann denn auch das. sagen meist Nein. genäht wurden. verließ er die Wohnung. zweiter Stock. Camus erzählt in dem Roman Die Pest von einem Mann. mittels kleiner Buchstabenplättchen gelernt. der Grammatik. Das liegt in einer deutschen romantischen Tradition. des Spiels und die Frage nach existenziellem Sinn. es ist gut. damit gesagt werden kann. Und zu der Arbeit gehörte ganz wesentlich. das heute fast ausgestorben ist: die Kürschnerei.ÜBER DAS SCHREIBEN Lob der Werkstatt Sprachliche Potenz ist nicht erlernbar. stillen Christoph Meckel: »Als er anfing zu sterben. dritter Hinterhof. möglicherweise nicht mehr schreiben. um ein guter Schriftsteller zu werden VON U W E T I M M K Denkwerkzeug Der Schreibtisch von Uwe Timm ann man Schreiben lernen? Ja. was in der Sprache richtig ist. Zu jedem Handwerk gehört dieser lange Prozess des Übens. Das Erlernen des Alphabets. Das meint nicht falsche Orthografie. Auch sie haben ein handwerkliches Fundament. Nicht zufällig wird. Eine Lakonie für das Unfassliche. wie ist die Sprache organisiert. wie zum Trotz.« An dem Satz ist alles richtig. wie das Handwerk in die Künste hineinreicht. aber darüber hinaus. ist einfach Teil des Handwerks des Schreibens. all das war zu lernen. Von diesem ersten Satz weiß man: Das Buch muss man nicht lesen. Selbstverständlich ist es töricht. das nicht Selbstverständliche von Sprache und Schreiben. was einem nicht zufällt. die auch unter widrigsten Umständen. Absatz. das heilige Feuer muss auf ihn kommen. die man aber auch anhand alter Mäntel und Stolen studieren konnte. Das Gedachte und Gefühlte. da er ihn immer wieder um. Es ist nur selbst wieder in Sprache zu beschreiben. Warum zum Beispiel schreibt sich der Schwan mit einem A und nicht mit zwei. wie schadhafte Stücke ersetzt wurden. Vielleicht ist diese aus der Not geborene Methode schuld daran. Wie die Felle sortiert wurden. Warum ist dieser Satz gut? Nach einem naturwissenschaftlichen Wahrheitsmodell kann man seine Qualität nicht beweisen. aber über den ersten Satz nicht hinauskommt. was. das Erlebte und Erinnerte sollen in abstrakte Zeichen überführt werden. der eine Begabung in sich trägt. muss auch literarisch gut sein. das lernt sich nicht von allein. es ging um Erfahrungen und Kenntnisse. Dagegen dieser erste Satz der Erzählung Nachtmantel aus dem Band Einer bleibt übrig. und das unterscheidet sie von der auf bloßen Nutzen und Gebrauch ausgerichteten Arbeit. Etwas. verschloss die Tür mit dem einzigen Schlüssel und warf ihn durch die Briefklappe in den Flur. Syntax. dem Material zu »gehorchen«. durch Übung. unterbrochen durch eine Apposition über den sozialen Hintergrund des Wohnens. ist eine besondere. eingeleitet durch den temporalen Nebensatz. die mittels eines Griffels oder Bleistifts gleichsam als Verlängerung der Hand gemacht werden. der Regeln. es gab kein Papier und keine Schiefertafeln. Gedrängt steht dem finiten Verb »anfangen« das infinite »sterben« gegenüber. in die Musik und in die Malerei. wie im Fall Hebbel. ausgelassen. Und Nachtmantel erzählt von der Verstörung eines Mannes. bestimmte Formen waren nicht zu erzwingen. Ich habe das Schreiben 1946. was sprachlich gelungen oder nicht gelungen ist. Interpunktion. ihren Weg zum Ausdruck findet. wäre die Qualität von Sprache ablesbar an dem Falschen. DIE ZEIT 36 . Satz. oder aber er wird es. Benn auch. diese Vorstellung vom Dichter. dass ich immer wieder beim Konstruieren stutzte.und umschreibt. weil unüblich. Deren Arbeit kennt dann wiederum die Qual der Suche nach dem richtigen Wort. Wieso »anfing zu sterben«? Eine Krankheit? Der Entschluss zur Selbsttötung? Flucht? Dieses »anfing zu sterben« ist sprachlich überraschend. durch ebendiese Distanz. was in der Literatur angemessen ist. Auch Goethe war einmal Lehrling. also Schriftsteller. »An einem schönen Morgen im Mai ritt eine elegante Amazone auf einer herrlichen Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne. zu seinem Beruf machen. auch im Französischen. Konstruktives und zugleich Dinghaftes. Dieses Zusammen. Und dann: Ist es richtig und gut? Nicht alles. Er ist eine Parodie auf einen Romananfang und eine raffiniert von Camus eingeschleuste Anspielung – denn schon Valéry hatte ähnlich einen Romananfang parodiert. und etwas. und doch alles falsch. der einen Roman schreiben will. Das Erlernen des Sprechens geschieht durch die langsame. zumindest hier in Deutschland. Falsifikation und Verifikation begreifen das Phänomen der literarischen Wahrheit nicht. Journalist oder Literaturwissenschaftler werden. Nicht zu vergleichen mit Schreibübungen. Ich höre noch Professor Kunisch in der Aula der Universität München unter dem Goldmosaik von Helios rufen: »Der Dichter ist geschlagen. In der kindlichen Wahrnehmung zeigte sich jedoch jener Taumel vor dem Abgrund. sondern. die von Meistern an Gesellen und Lehrlinge weitergegeben wurden. eigene Sprache gefunden? Auch die Wahl des Themas – Formalisten wollen das nicht wahrhaben – hat ihre ästhetische Bedeutung.« In einer drängenden Knappheit.« Hölderlin war geschlagen. die Freiheit der unbegrenzten Variation. wie sie kompliziert zusammengeschnitten. so zu fragen. sondern die- se winzige Verschiebung weg vom Erwartbaren. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch Handwerk darüber geschrieben. damit er berichte von dem großen. Eine Verstörung in der Sprache. Die Frage nach der Begabung lässt sich allein vom literarischen Text beantworten.

die Zahl der jungen Autorinnen und Autoren ist erstaunlich groß. die Musikalität und diese Klarheit.und Umschreiben gut klingen. Jürgen Trabant oder Peter Eisenberg wissenschaftlich vertiefen. Der Satz soll nicht nur richtig sein. damit es in der Sprache auftaucht. die elliptische Form der gesprochenen Sprache und. der Stimmung. dass er wiedergibt. ein Ja. eine halbe. darin eingelagert. die literarische Sprache in ihrer Körperlichkeit leisten. Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Kollegen. üppiger als in den literarisch so mageren siebziger und achtziger Jahren. durch das Um. etwas. was jetzt alles auf den Markt kommt? Was wird bleiben? Schaun mer mal. Ein Lob aber der Werkstattarbeit. Zu der Verbreitung der Literatur beim jungen Publikum hat sicherlich die Popliteratur der neunziger Jahre beigetragen. dann ganze Stunde verging ohne Zeit. zahlreiche literarische Schreibwerkstätten und Studiengänge an den Universitäten. die Organisation von Sprache und Text. Man sehe sich die Umarbeitungen von Anna Karenina an. das Aufschieben. Das Schreiben der Sätze ist begleitet von einem: Nein. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Freitisch« (2011) Fotos: Isolde Ohlbaum/laif. und der Taxifunk rauschte. die ohne die Brechung ins Alltägliche leicht steif und gipsern wirkt. Privatsache. Kritikern. Erst wenn beides erreicht ist. es ist dieses Warten. ein Gebirge. bald zurück. Worüber man lacht. kann ich sagen. anders als Philosophie und Soziologie. die auf der Suche nach jungen Talenten die Nachfrage gleichermaßen bedienen und stimulieren. viele Nein.« Zwei Sätze. das Lächeln hingegen kommt aus dem Vorsprachlichen. auch nicht die Radikalität und nicht die Verstörung. 36. der Chauffeur kam nicht zurück. Und dann ist der Satz. Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. sondern er muss durch Arbeit. Nochmals gefragt: Kann man das literarische Schreiben lernen? Nicht erlernbar ist die sprachliche Potenz. Meckel arbeitet mit Verknappungen. Bastian Sicks Bücher mit Sprachkommentaren erreichen. Lektoren und Lesern. er steht fest. der Chauffeur wollte eine Pause von zehn Minuten – in dem Lokal dort. Wie erreichen. Jürgen Bauer (S. Die gesprochene Sprache ist aber wie ein Humus für die Hochsprache. Die Wiederholung. Er zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. auch diesen. bekannte wie neu gegründete. neue Zeitschriften und Literaturagenturen tragen zur Verbreitung bei. das Gestische. lässt sich schnell sagen. Die Mimik des Lesenden verrät es. richtig im Sinne. Tolstoi ist.« Eigentümlich genug. das langsam hervorbricht. Poetry-Slams sind nach wie vor überfüllt. was in der Vorstellung. oft geradezu hilflos ausführlich. Es gibt momentan ein reges Interesse an der deutschen Sprache und Literatur. Das Lächeln. und höre meine Stimme. der staatlich geförderte Literaturfonds. die Tolstoi unter dem Einfluss seiner Frau vorgenommen hat. die Verbesserung durch Ändern. er ist gut und das heißt auch wahr. in denen die Sprache auf sich selbst zu hören scheint. in der Anmutung noch recht dunkel war. die jemand mitbringen muss. die spricht. sagt Nabokov. In George Steiners Gedanken dichten steht der schöne Satz: »Die Stummheit der Tiere hat als Spur in uns überdauert. der Absatz gut für mich. das Motiv des Rauschens. vor allem die Verlage. mit Auslassungen und einem gestischen Sprechen. nein. Millionenauflagen. des Gefühlten kann. Das ist die lustvolle Überwindung der Stummheit. sind die Dialoge in der zeitgenössischen deutschen Prosa meist stumpf. Wer will. Regen schlug schwer auf das Blech. die Anlass für das Schreiben sind. Auch die Zahl der jährlich erscheinenden Romane und Erzählungen. nein. viele Stipendien und Preise. das heißt. den Verbesserungen und Änderungen. Hinzu kommen. Ich schreibe einen Satz. mögen sie zuweilen auch vereinfachend sein. kann seine Kenntnisse bei Harald Weinrich. Ausschnitt) 37 DIE ZEIT . das wiederum für sich selbst beschrieben werden müsste. Und die Ebene? Das.Ich sagte. die Geduld. Diese an Jazz erinnernden syntaktischen Stopps. der Taxifunk rauschte. was als Vorstellung vorangeht? Die Beschreibung des Gedachten. Um noch ein Beispiel aus der Erzählung Nachtmantel von Christoph Meckel zu nehmen: »Vor einem Gasthof machte das Taxi halt.

ÜBER DAS SCHREIBEN Wenn das Schreiben nicht wäre Über ihr Eigentliches reden die Zeitungsleute selten. U L R I C H S TO C K tut es hier mal DIE ZEIT 38 Foto: Vera Tammen für DIE ZEIT .

Kalender. Wer sich beim Schreiben zu misstrauisch über die Schulter schaut. super. Ihre Qualitäten liegen woanders. Schneller Schreiber. denen es nur halb so schlecht geht wie einem selber. Journalisten dürfen sich für alles interessieren. Der haut das Zeug einfach raus. schreibt man gleich die Korrektur und hat den nächsten Artikel. vielleicht noch einen dritten. unglaublich eloquent. Und es gibt eben nicht eine Art zu schreiben. Ob ein solches Chaos kreativ macht.A Kaffee. neben einem halb geleerten Glas. in diesem Moment. und irgendwann nahte der Erscheinungstermin. Aber die durch Neugierde legitimierte Annäherung ist ein Privileg. der hält sich mit solchen Befindlichkeiten nicht auf. Nur beliebig sollte es nicht werden. im Blattmachen. dass dies keine Seltenheit ist. vor allem dankbar. wenn das Fliegen nicht wäre. Sie können zu jeder Tages. Früher sprach man von der Angst vor dem weißen Blatt Papier. Ich sah mir beim Schreiben zu. das treffende Wort? Schon möglich. sonst fließt nichts. die ich bewusst nicht ordnen konnte. Mist. Sie treffen außergewöhnliche Zeitgenossen. man muss aber auch loslassen. sonst kommt nichts. Aber jetzt nicht ablenken. Ich zähle mich zu denen. Journalist zu werden. Blöd. desto weniger wusste ich. Geht nicht. als in ein tiefes Grübeln zu verfallen. die schrieben einen Satz hin. ich habe noch kein Abendbrot gegessen. aber sie ist immer noch da. Zudem hat man als Journalist nette Kollegen. schlechter Schreiber. Tippen. er sei der Redakteur. wenn er nachts um drei beim vierten Bier seinen popkulturellen Ansatz erklärte. wenn das jetzt mal raus ist. Schnell und schlecht. beziehungsweise ist ein schöner Beruf. Langsam und gut. Am Ende war ich vollkommen verzweifelt. Und der Tag morgen wird viel schöner. nicht einen Satz meines Helden hatte ich zitiert. Wolf Schneider hört es nicht. wie praktisch. staunend. Vielleicht deshalb? Das Schreiben als das Eingemachte? Lieber nicht dran rühren? Hier wohnen Eitelkeit und Empfindlichkeit. Konkretion ist oft gut. und ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. man sollte ihm den Widerstand gegen den Text nicht zu leicht machen. es ist eigentlich Wochenende. Hauptsache. Seine Meinung sagen.02 Uhr im Hamburger Pressehaus am Speersort. kann sie getrost vergessen. Langsam und schlecht. April. mal Reggae.und Nachtzeit arbeiten. Gut und schnell. aber es zählt auch zum Schönsten. Wer für eine schlecht ausgestattete Onlineredaktion arbeitet. schrieben einen zweiten Satz hin. Über das Schreiben sprechen die Zeitungsleute kaum. Oder sollte der Journalist lieber auf den Jazz hören: Ein bisschen schmutzig. Je mehr ich von meinem Helden wusste. am Freitag. wenn sie nicht gerade im Haifischbecken herumschwimmen. ohne abzusetzen. nun endlich Gestalt annimmt. Langweilig. Geht so gar nicht. Sachlich falsch. den ich seit Wochen schreiben will. auch der Form. Man konnte Stunden später wiederkommen und fand sie im Halbkreis ihrer herausgerissenen Blätter sitzend. die aus Lust am Schreiben schreiben. Fantastisch. Heute blinkt einen der Cursor auf dem leeren Flachbildschirm an. Gibt ja alles. Es lebe die Reinheit und Perfektion. Ich kritzelte Seite um Seite in mein Notizbuch. für das es auch Gründe gäbe. Und dann lese ich so einen Text und denke: Versteh ich nicht. aber oft genug ist die Weisheit so wahr wie ihr Gegenteil. Ich musste nichts mehr ändern. weil. Diesen Widerspruch muss man aushalten können. mal Glenn Miller – Verschiedenheit beugt der Langeweile vor. Und zu den Konferenzen gibt es Kaffee und Kekse. das kann man lehren und zum Teil auch lernen. W as gutes Schreiben ausmacht. Skandale aufdecken. schöne Sache. Die Entstehung eines Albums begleiten. Ich weiß inzwischen von anderen. aber ich hatte Worte für ihn gefunden. Und wenn dann Widerspruch kommt.« Das löst zuverlässig Heiterkeit aus. In meinem Unterbewusstsein hatten sich die Eindrücke. oder? Einem Arzt würde man es schon eher glauben: Praxis. Man kann ihn auch mögen. Klammern So sieht mancher Schreibtisch aus. Ja. und noch im Halbschlaf hatte ich eine Idee für den Anfang des Textes. Diese Lust hat sich über die Jahrzehnte in Arbeit verwandelt. wenn. Schreiben ist wichtig nur als eines unter vielen. in der Spürnase. Gibt auch tolle Journalisten. Denn für ihn hat eine durchtriebene Gerechtigkeit den ersten Leser geschaffen. sondern ganz viele. »Wir sagen immer«. Guter Schreiber. und quick zu antworten macht dann einen besseren Eindruck. Es gibt verschiedene Motive. Ja. stand ich auf und machte Frühstück. schlafend. Mir fällt das Schreiben manchmal schwer. und von früh bis spät jammern da welche. Er war verstummt. Ich holte Block und Bleistift. Weder auf die Fragen noch auf die Antworten konnte ich mich so recht konzentrieren. Aber das Schreiben. wenige Tage vor Redaktionsschluss. oder? Ich habe einmal eine Frau nur deshalb interviewt. mit dem Kopf auf der Tastatur. wenn nur die Patienten nicht wären. langsamer Schreiber. Man muss sich zwingen. die gar nichts mehr schreiben und es vielleicht auch nie konnten. Dann. In der redaktionellen Organisation. verkrampft auf ihre Maschine starrend. wären sie selber Klischee. da dieser Text. weil in der Eile irgendetwas schiefgegangen ist. Als es vorbei war. Der Mann war jung und gut. Zu billig. hat es indes nicht leichter. Überlegen. ließen ihn zu Boden segeln und spannten einen neuen Bogen ein. sage ich dann immer: »Journalismus wäre ein schöner Beruf. und dann schüttelten sie den Kopf. und die letzten Zeilen des unvollendeten Manuskriptes best nden nur no h aus löchrigen Wörte n. Tür auf. Einen fand man morgens. Ulrich Stock ist Redakteur der ZEIT und leitet das Ressort Wochenschau 39 DIE ZEIT . Wer hatte da geschrieben? War ich das gewesen? Mir kam es mehr vor. Kleckse. aber nicht kritisch. zum Text sortiert. wachte ich morgens auf. das bleibt jedem Kollegen selbst überlassen. der Redakteur. geschweige denn zum Lesen. sondern ungläubig. der kriegt keinen Satz mehr hin. Aber Sie haben schon verstanden: Journalismus wäre ein schöner Beruf. Weil man nicht weiß. auch von Lesern. was sonst tun. Der kundige Leser kennt alle Klischees. Mal hört man Hip-Hop. Ich kannte Kollegen. Widersprüchlich. obwohl es eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten ist. rissen den Bogen aus der Maschine. wackelt und hat Luft – auch so eine alte Redaktionsweisheit ls Redakteur bei einer Wochenzeitung – wie ist das denn so?« Das werde ich gelegentlich gefragt. Wer etwas hinschreibt und es gleich unglaublich toll findet. um 21. Und alles wird geklickt! Einmal hatte ich über Monate hinweg Mal um Mal einen Musiker getroffen für eine große Reportage. Über Tage hinweg versuchte ich etwas und fand es immer nur furchtbar. was ich über ihn schreiben sollte. wie jetzt. Selbstverliebt. gepaart mit einer gewissen Lässigkeit. der Text passt. in der kaum Zeit zum Schreiben ist. auch bei der ZEIT. mal Bartók. weil ich sie kennenlernen wollte. Nicht einen Blick hatte ich in mein Notizbuch geworfen. krabbelte zurück ins Bett und schrieb von Hand zehn Seiten. Weil man die Welt verbessern will. lasen ihn noch mal. Tür zu. Der Fluss gehört zur Kreativität wie die Blockade. und es klingt gleich viel besser? Hauptsache. Das weiße Papier ist verschwunden. Das hängt mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik zusammen. Doch auch die schöne Verallgemeinerung kann Wirkung zeigen. denn sobald sie zur Regel würden. an einem Sonntag. Die besten Autoren tun sich oft am schwersten. um das andere Branchen uns zu Recht beneiden. Sie können – so es ihre Zeitung ihnen ermöglicht – überall hinfahren und recherchieren. Alles toll. Schon tausendmal gelesen. Der erste Leser bin ich. Noch mal. die Angst ist geblieben. Der im Bett begonnene Text stand später genau so in der Zeitung. wenn das andere Berufsgruppen sagten! Pilot. Wer alle Regeln intus hat. Manchmal dachte ich. so wortgewaltig. Aber dies kann keine Aufforderung zu Stilbruch und Schlendrian sein. wenn das Schreiben nicht wäre. als habe der Text sich selber geschrieben. Nun ist das ein Luxusproblem. müssen aber nie morgens um acht im Büro sein. Journalisten sind keine Schauspieler. Aber es macht gerade solchen Spaß. Schönes Thema. dann lasen sie ihn. Ja. den 13.

Kameraleute. was in diesem Fall heißt: Werden wir subjektiv. der Sätze. wo sie eingesetzt sind. nennen wir sie zur Tarnung Klara Stil. in der ersten Zeile eines Absatzes Schusterjunge Die erste Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt Hurenkind Die letzte Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt DIE ZEIT 40 . schlimmer noch. wenn von Medien die Rede ist. im Turbotempo zu überprüfen. Fragt man fünf von ihnen nach ihrer Arbeitsplatzbeschreibung. über die Dramaturgie der Geschichte verhandelt? Diese Fragen und Voraussetzungen zu bedenken erleichtert. das Klara Stil irgendwann einmal von klugen.ÜBER DAS SCHREIBEN Was machen die da? Redakteure redigieren. mögliche Stolpersteine ausgeräumt. nicht zu vergessen Drucker. Nächster Arbeitsschritt: Entspricht die Sprachebene. um Grammatik. verdammt noch mal?« Den leidenschaftlichen unter den Redakteuren tut es körperlich weh. Dafür werden sie von Autoren oftmals gehasst – und von Lesern nie gelobt VON A N N A VON M Ü NC H H AUSE N Kursivschrift Ein Wort soll schräg gesetzt sein Absatz anhängen Die Linie verbindet Ausgang und Einzug N ehmen wir doch mal etwas Verrücktes an: An einem Tag X rufen alle deutschen Redakteure und Redakteurinnen morgens im Büro an und teilen mit. Aufs Textkorrektorat darf sie sich nicht blind verlassen. den der Redakteur kennt (mit dessen Schwächen und Stärken)? Neigt der Autor zu Schachtelsätzen. der Cursor flitzt nur so über die Zeilen. den lieben langen Tag. ob die Fakten stimmen und der Inhalt halbwegs luzide formuliert ist. Hat der Autor das Thema erfasst. Schließlich gibt es ja noch Reporter. sie könnten heute leider nicht zur Arbeit erscheinen – was wäre die Folge? Wäre das der MedienGAU. der im Seitenlayout der Zeitung vorab dafür eingeräumt. Interpunktion. ausgelaugten Metaphern. sämtliche Hörfunk. wird man eine ganze Bandbreite von Antworten bekommen. Grossisten und Zusteller.B. Wie zu redigieren ist. Der nächste Durchgang klingt nach Routine – und verdient doch volle Aufmerksamkeit. Wir hören an diesem Punkt die ersten Seufzer. Namen. denn was ihm vorgesetzt würde. Sie selbst ist sich allerdings nicht zu schade. und das wiederum ist abhängig von den Usancen der jeweiligen Redaktion.und Fernsehnachrichten. gestorben 1946? Nein und nochmals nein. abhängig davon.oder sendefähigen Perfektion. es gibt Sprecher. Wir schauen einer versierten und in Hunderten von Redigaturvorgängen gestählten Kollegin über die Schulter. Alles vollzieht sich nach bewährtem Muster. die Zahlenangaben sind jedoch widersprüchlich. Und um den geht es schließlich. subengagiert zugeht. Natürlich soll der Beitrag aber noch in der aktuellen Ausgabe untergebracht werden. richtig? Stimmt. Der erste Lesedurchgang dient der oberflächlichen Einordnung und Kontrolle. Was also tun eigentlich Redakteure? Es gibt übrigens hierzulande so um die 30 000 davon. im Zweifel einmal mehr in den Duden zu schauen. Aber wie funktioniert das? Nur mit System. Moderatoren und Regisseure. die üblichen aktuellen Features. wäre – Rohware. Kollegen oder freien Autoren erst zu ihrer druck. Ist das erledigt. gönnt sich Frau Stil einen Kaffee. und mitunter ist dieser Bericht 50 Zeilen länger als der Platz. freie Autoren und Kommentatoren. dass ein Korrespondentenbericht aus Washington genau zehn Minuten vor Redaktionsschluss im Mail-Eingang des zuständigen Nachrichtenredakteurs landet. Nicht damit der Autor brillieren kann. nämlich die Prüfung. Er wird die letzten drei Absätze streichen. Ein wichtiger Zwischenschritt wäre entfallen. Kommentare und Glossen gedruckt und ausgestrahlt würden und ihre Zielgruppe erreichten. Kämmen und Aufbrezeln des Textmaterials? Stammt es von einem erfahrenen Autor. Da sitzt sie vor ihrem Schirm. Glossen oder Reportagen genießen stilistische und metaphorische Freiheiten – und sollten diese Freiheiten unbedingt Zwiebelfische Aus anderen Schriften gesetzte Buchstaben Tilgungszeichen Für überflüssige Buchstaben oder Zeichen Umstellungszeichen Kennzeichnet verstellte Wörter Wortzwischenraum Zu weit (links) oder zu eng Absatz Hilft. sondern um sein Publikum glücklicher/ klüger/zufriedener zu machen. nach einem Schema also. Was bleibt dem Redakteur in diesem Moment übrig? Da wird der Kollege sich darauf beschränken. liefert der Text. einen Text zu gliedern Fehlender Einzug Z. wie es im Marketingdeutsch mittlerweile heißt. wenn wir konstatieren. der Aussagen und Argumente. kurzum: der Information. dass es dabei mal pedantisch. Und dennoch würde dem Publikum an diesem Tag mit Sicherheit Hören und Sehen vergehen. ob »danksagen« jetzt in einem Wort und kleingeschrieben gehört. wird in den Redaktionen höchst unterschiedlich gehandhabt – und wir verraten kein Geheimnis. »Nach zwei bis drei Rechtschreibreformen setzt man sicherheitshalber in dieser Hinsicht bei jüngeren Autoren nicht mehr allzu viel voraus«. Aus dem Schatzkästlein der vergangenen Monate nehmen wir mal ein paar Beispiele heraus: »Peter Steinbrück«? »Siegfried Gabriel«? »Sofie Rois«? Oder: Josef Stalin. Dazu gleich ein Beispiel aus der Praxis: Im Nachrichtenraum einer überregionalen Tageszeitung kann es vorkommen. so arbeiten zu müssen. Bearbeitung und Pflege der Wörter. was zuvor miteinander abgesprochen wurde? Folgt der Faktencheck. Es geht um Orthografie. des Content. Was simpel klingt. dass alle Tageszeitungen. Verlassen wir die generelle Ebene und werden konkret. Jahreszahlen und nicht zuletzt Zitate müssen korrekt wiedergegeben werden. Denn sie verhelfen den Texten von Reportern. erklärt die Redakteurin. mal hektisch und mal. was jetzt zu tun ist. der Tonfall der gefragten Textgattung? Nachrichten haben in nüchtern-sachlichem Gestus das Informationsbedürfnis zu bedienen. »freigeschlagen« worden ist. Reportagen. kann tückisch sein. erfahrenen Kollegen gelernt und im Lauf ihrer Berufsjahre verfeinert hat. dramaturgischen Saltos – oder. sagen wir. oder bliebe es nahezu unbemerkt? Gut möglich. Rechtschreibfehler korrigieren – und da ruft ihm auch schon der Nachrichtenchef zu: »Warum ist denn der Beitrag aus Washington immer noch nicht im System. zur Langweiligkeit? Haben Redakteur und Autor vor Abgabe des Textes miteinander gesprochen. Orte. Wie viel Zeit bleibt für das Putzen.

Das allerdings sollte die Ausnahme bleiben und führt fast immer zu heftigen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Autoren. tausendfach bewährte Regel: in jedem Absatz den – ungeduldigen. bremsen. gehetzten. bloß nicht stocken. An diesem Punkt kennt unsere Kollegin keine Gnade: Da werden Einschübe gestrichen. Mag sein. dass der neue Text besser ist als die ursprüngliche Fassung.« Drei Bilder in einem Satz. aber der Fußballtrainer hörte nicht auf. Schon an diesem Punkt übrigens kommt es häufig zum ersten Krach zwischen Redakteurin und Autor. Absätze umgehoben. Es ist ein altbekannter Zwiespalt: Redakteure beneiden freie Autoren um einen Alltag ohne Chefs und Konferenzen. nimmt sie das Material komplett auseinander und setzt aus den Bruchsteinen einen neuen Text zusammen. Manche Schreiber haben ein verhängnisvolles Händchen dafür. aneinandergekettete Nebensätze zerschlagen. Wenn es ganz schlimm kommt. abbruchwilligen! – Leser noch einmal neu einzufangen. aufzuspüren. Weil das Deutsche so gern Nebensätze in den Hauptsatz einfügt und in den Nebensatz nach Möglichkeit noch eine per Reflexivpronomen angehängte Zusatzinformation drückt. in einem Satz zusammengepresst. ihr Kollege fängt dann noch einmal ganz von vorne an. dazu später mehr. Ein Steckenpferd unserer Kollegin ist übrigens. Neulich hat Klara Stil einen Kisch-Preisträger erwischt mit folgendem Satz: »Der Gipfel seiner Anstrengungen stand auf dem Spiel. Ein weites Feld.. keinesfalls mit Details überfrachtet sein. ohne überkandidelt zu klingen. selbst Chefredakteure sollen nicht immun dagegen sein.« Anna von Münchhausen ist Redakteurin der ZEIT und hat als Textchefin vor allem ein Auge für die Aufmachung der Seiten und die Überschriften . was sie Metaphernpotpourri nennt: mehrere widersprüchliche Vergleiche.klug nutzen. zuzugeben. blumig womöglich. Besonderes Augenmerk wird als Nächstes den Kernaussagen geschenkt: Sind sie klar erkennbar und mit Argumenten unterfüttert. in die Breite gehen. Nach dem Motto: »Ganz fertig ist man mit dem Redigieren eigentlich nie. die dem Leser einleuchten? Und fügen sie sich überzeugend in die Dramaturgie des Textes? Fließen soll er. So etwas auseinanderzunehmen beschert ihr großes Vergnügen. Und. Die nämlich sind selten bereit.. die wichtigste. während die Freien wiederum den Redakteuren unterstellen. den Tag ausschließlich mit Zeitungslektüre und Autorenquälerei zu verbringen und dafür am Monatsende mit einem fürstlichen Gehalt belohnt zu werden. sich den Chef des Aufsichtsrats vorzuknöpfen . ist entschlossenes Eingreifen gefragt. Klemmkonstruktionen klingen hässlich. Irgendwann ist es dann nach manchmal stundenlanger Bearbeitung so weit: Klara Stil setzt den letzten Punkt und reicht das Opus weiter – zur Zweitredigatur.

Es war ein warmes Gefühl. warum ich immer weniger mit der Hand schreibe. Das »Mitzeichnen« klingt fast künstlerisch. Es könnte etwas bedeuten. an allem im Leben teilzunehmen. Es war. Ich fühlte mich meiner Mutter sehr nah und verbunden. ist aber ein Verwaltungsvorgang. Das »Mitzeichnen« hatte sie entzaubert. an etwas sehr Privatem. so dahingeworfen und unleserlich ist meine Schrift. vergilbten Kartons. die von dem aufragenden. Und jeder der 14 Buchstaben erinnert mich an sie. g oder h in den richtigen Proportionen auszuführen. als kehrte sich etwas Inneres nach außen. Mittags kam ich oft mit blau beschmierten Händen und blauen Flecken auf T-Shirt und Hose nach Hause. liegt in der Rolle. Das liegt zum einen daran. geschweige denn Muße. erkannte ich ebenso die Schrift meiner Mutter wie in dem klassischen Schreibschrift-k. Es war. kamen mir die Tränen. wichtigere Grund. die der Computer inzwischen in meinem Leben einnimmt. Als Kind habe ich meiner Mutter immer gerne beim Schreiben zugeschaut. n und i in die beiden geschwungenen ls führen. Ich erinnere mich daran. bevor es in den letzten Buchstaben des Wortes übergeht. um meine misslungenen Bögen oder Ausreißer beim t und f zu korrigieren. das für das jeweilige Ministerium vorgesehen ist. Dieses kleine handschriftliche Klebeetikett ist geblieben. das meine Mutter einst beschriftet haben muss. Der andere. das immer ein wenig nach rechts verrutschte und dabei einen wunderbaren Extrabogen schlug. nein. die mich berührte. machte ich eine Entdeckung. in der mir das Schreiben ein wenig verleidet wurde. Die »Mitzeichnung« war für mich gleichbedeutend mit der Bürokratisierung meiner Handschrift. Ich war damals Staatssekretärin in der Düsseldorfer Staatskanzlei. Nicht um zu lernen. das im Moment des Zuschauens entstand. mithilfe von Schreibheften. das l. »Vanillekipferl« steht darauf. Das Schreiben mit der Hand habe ich in der Grundschule gelernt. Schreiben und Lesen lernen ist ein lebenswichtiger Prozess. Punkt für Punkt: Warum M I R I A M M E C K E L auch im digitalen Zeitalter ihren Füller niemals missen möchte A ls ich neulich im Keller meines Vaters nach etwas suchte. immer in einer speziellen Farbe (in NRW war das für die Staatssekretäre Grün) und immer in dem Kästchen. den Stift zu führen. Auch heute müssen Freunde und Mitarbeiter oft rätseln. Viele Grundschulen in Deutschland arbeiten inzwischen mit der »Grundschrift«. Und dass die Spuren dieses mühsamen Sich-in-die-WeltEinschreibens für immer in unserer individuellen Handschrift aufspürbar bleiben.ÜBER DAS SCHREIBEN Sich die Welt erschreiben Buchstabe für Buchstabe. in meiner Grundschulzeit habe ich eine ein- zige ungenügende Bewertung bekommen – in Handschrift. Für alles andere war kaum Zeit. sie uns Zug um Zug erarbeiten müssen. In dem hohen Stahlregal zwischen Konservendosen. DIE ZEIT 42 . als ob ich an einem besonderen Augenblick teilhaben durfte. Manchmal einfach in ein Kreuzworträtsel hinein – zu dem ich als kleines Kind immer »Kreuzverdrehtsel« sagte –. als ich dieses Wort las. Als ich meinen ersten Füller bekam. sondern darum. Der Grundschulverband betont. um das Wort erneut üben. dass es eine Zeit in meinem Leben gab. Schreiben lernen war für mich ein mühsamer Prozess. wie man richtig schreibt. die Schreibschrift wegzulassen. von wem die Mitteilung stammt. wie mühsam es anfangs war. war das Schreiben nicht mehr ohne Tintenkiller möglich. Aber sie wissen immer. für einen Moment und nur für mich spürbar. der vorsieht. den einen Kindern so das Schreiben und den anderen das Lesen zu erleichtern – ein logischer Ansatz. Meine Mutter lebt schon einige Jahre nicht mehr. dass man eine Akte in der »Mitzeichnungsleiste« mit seinem Kürzel abzeichnet. die sich an Druckbuchstaben anlehnt und den Kindern das Schreibenlernen einfacher machen soll. zu dürfen. Bogen für Bogen. wenn sie handschriftliche Notizen von mir kriegen. symmetrischen V über a. In den Bögen. und wir haben geschrieben. Danach habe ich Jahre gebraucht. Hammer und Zange befand sich auch eine Keksdose aus bunt bedrucktem Blech. Ich habe oft neben meiner Mutter am Tisch gesessen. Nur als Alphabeten sind wir in der Lage. dem fein geführten f und dem r. um sie wiederzuentdecken und neu zu beleben. in denen die Zeilen mit drei Linien geteilt waren. aber er wird die Handschrift als Ausdruck des Einzelnen verändern. also schreiben zu müssen. dass wir uns diese Fähigkeit mit unseren Fingern aneignen. es gehe nicht darum. die Bögen von f. und das Schreiben mit der Hand wurde im Wesentlichen auf den Akt des »Mitzeichnens« reduziert. Auf ihr klebte ein Etikett. Damit wurde es leichter. Doch müssen wir darüber in Zeiten der Computerschrift streiten? Hat die Handschrift nicht längst ihre Bedeutung weitgehend eingebüßt? Ich gebe freimütig zu: Auch ich schreibe inzwischen weniger und weniger mit der Hand.

Vielleicht mit meinem Füller von Montblanc. Wir können unterschiedliche Schrifttypen auswählen und sogar Schreibschrift maschinell imitieren. Die Futura gehört dem Computer. mit dem iPhone. Das verfügt nämlich bis ins hohe Alter über neuronale Plastizität. mich hinzusetzen und darüber nachzudenken. dass jugendliche Powersimser einen messbaren Zuwachs der Hirnareale aufweisen. als Wörter und Sätze. und ich bin nicht sicher. weil ich neben den im Brief enthaltenen Botschaften eine unausgesprochene übermittle: Du bist mir wichtig. Schweiz. Wir zeichnen sie nach. lote ich meine Gedanken förmlich in allen drei Dimensionen des Raumes aus: Ich kann die Buchstaben nach oben oder unten in die Länge ziehen. was ich dir sagen möchte. wie wir schreiben. übertrage ich später dann mit dem iPhone in Evernote. Durch das Schreiben mit der Hand be-greifen wir die Wirklichkeit. »was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird. Computerschrift ist standardisiert. die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. Und der eine so breite Feder hat. dass wir mit der körperlichen Bewegung Spuren in unserem Gehirn anlegen. Sondern auch. Abstände und andere Formatierungen. Der Name sagt es: Dort werden die Notate digital abgelegt und in die »Cloud« entlassen – die ewige Notiz. verfügbar und doch sehr fern. Was also macht das Schreiben mit uns? Wenn ich einen Stift zur Hand nehme und zu schreiben beginne. das an meinem Bett liegt. dass selbst meine krakelige Schrift zu einem Ensemble von Buchstabenbögen wird. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns«. Farbe. intensiver vernetzen. Times Modern sozusagen im übertragenen Sinne. Palanikumar/13Photo . auf dem Laptop. ob dies nur einen Impact auf die formale Dimension des Schreibens hat. in einer Wolke. die den Daumen steuern. sowie Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University. man könne Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen aus seiner Handschrift herauslesen. die am frühen Morgen oder späten Abend noch ihren Weg per Bleistift in ein kleines Notizheft finden. die sich im Gedächtnis einlagern kann. Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer Kulturtechnik. dass alles. Oder durchs Schreiben. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat nachgewiesen. die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen«. Darum nennt sich das Schreiben am Computer – sehr technisch – Textverarbeitung. Aber damit ist die Individualisierung der Schrift auch schon fast erschöpft. Ich nehme mir die Zeit. die wiederum dessen Funktionsweise beeinflussen. Davon erzählt auch das Wort »begreifen« im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich an-fassen kann. Wir bestimmen Größe. erfassen wir die Welt zweifach: in ihrer abstrakt-sprachlichen Bedeutung und dadurch. bis das Papier reißt. ist auch in der Lage. Nicht nur. weil er beim Adressaten zwischen Hunderten digitaler Mails und unnützen analogen Postwurfsendungen Aufmerksamkeit erzeugt. Wort für Wort. Will ich aber jemanden wirklich erreichen. Bogen für Bogen.Auch ich schreibe immer mehr mit einer echten oder virtuellen Tastatur. die manche Empfänger als schön empfinden. schreibe ich einen Brief – per Hand. Es geht vielmehr um physiologische Vorgänge im Gehirn. Dabei geht es nicht um die irrwitzigen Annahmen der Grafologie. eines Wortes. Entpersönlicht und für ewig gespeichert. Wenn wir also handschriftlich schreiben. wir bezeichnen sie und bilden dabei auch unsere eigene aus. Reinbek 2011 43 DIE ZEIT Foto (Ausschnitt): R. und dann schreibe ich es mit der Hand auf. eines Gedankens gesetzt. Rowohlt. Wir sind auch. Gallen. um sich aus meiner Welt in die der anderen fortzusetzen. Ähnliches geschieht durch Klavierüben. anders. Zeilenverlauf. es zu er-fassen. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Next. Selbst kleine Notizen. Vielleicht lässt sich dieser Zusammenhang des Anfassens als Erfassen mit den für das Schreiben abgewandelten Worten der amerikanischen Leseforscherin Maryanne Wolf erklären: Wir sind nicht nur. Das handschriftliche Verfassen eines Texts ist die materielle Erschaffung von Sprache und setzt eine be- Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication und Direktorin am Institut für Medienund Kommunikationsmanagement der Universität St. das heißt. Der Stift berührt das Papier. einzelne Nervenzellen oder ganze Hirnareale können sich immer wieder neu. die Schrift nach rechts oder links kippen lassen oder auch fest aufdrücken. der so wunderbar schwer in der Hand liegt und das Schreiben zu einer körperlichen und sehr sinnlichen Erfahrung macht. eine ungleich intensivere körperliche Spur legt. um einem einzelnen Wort Nachdruck zu verleihen. auf dem iPad. und in diesem Moment ist der Anfang eines Buchstabens. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sagt. was wir schreiben. Buchstabe für Buchstabe. Dabei bringe ich etwas auf den Punkt – im direkten Sinne des Wortes.

Das gelingt vermutlich nur so lange. dass sie im Internet nachschauen. Mit der wachsenden Digitalisierung unserer Kulturtechniken erleben wir etwas neu. Light on. Hingekritzelt Wenn der Füller schwer in der Hand liegt. Earth not very nice. aber fast überall verständlich. Diejenigen. Tucholsky lässt grüßen: »Ich hatte leider keine Zeit. zur Zeit des sogenannten pictorial turn. en. Wir bringen Dinge dann anders auf den Punkt: direkter. Was ich dann auf der Keksdose eksdose im Keller meines Vaters statt des Aufklebers mit dem m Wort »Vanillekipferl« finden würde? Vielleicht ht eine lange. die als Mischung aus englischer Grundsprache mit den einfachen Strukturen chinesischer Grammatik und einigen indischen Spracheinflüssen entstanden ist. Zwischen HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) und HDF (Halt die Fresse) liegen zwar immer noch Gefühlswelten. die wissen. die selbst dem Computer das Unterscheiden cheiden unmöglich machen. mich kurz zu fassen. als wenn man nur die Computertasten drückt. wenn Hand und Hirn im Zusammenspiel ein Bild der Sprache erzeugen. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder.stimmte Reihenfolge voraus: erst denken. und das sei ihrer Komplexität eher angemessen. mit dem wiederum weitere Texte desselben Individuums iduums im Internet gesucht und erkannt werden können. God make heaven and earth. God make avatar go look-see waterfront. wenn der Computer im Spiel ist. Bei der Textverarbeitung am Computer kann. greifen wir auf die Zeichen erster Ordnung zurück – die Icons. bringt zum Ausdruck. So lässt sich mithilfe des Computers der individudividuelle »Schreibabdruck« eines Menschen berechnen. werden wir bald alle einsprachig. dann schreiben. zu spät). God say.« Die Quantität des Geschriebenen wächst also mit dem PC. LOL (laughing out loud. Das Lernen geht nicht nur schneller. die auf einen Blick erfasst wird und die komplexe Informationen synchronisiert. Das Schreibenlernen gelingt leichter. Antworte so bald wie möglich). um die menschliche Computerschriftsprache ache zu sezieren. auf denen die Signifikanten abgedruckt sind. das Herumschieben von Sätzen. Absätzen oder kompletten Abschnitten. sich Dinge zu merken. also googeln können. mit einem Stift oder einem Füller auf das Papier oder mit Kreide auf die Tafel geschrieben werden. von denen es Millionen auf Bildschirmen. Alles andere steht ja im Netz oder macht der Computer. Der Computer macht es möglich. Mehr als 400 Parameter werden dafür für ausgelotet: Syntax und Zeichensetzung. Eine amerikanische Studie hat aber auch ergeben. In dieser Entwicklung liegt ein belustigender Widerspruch: Je mehr unser Schreiben sich der digitalen Sprachevolution unterwirft. en. desto weniger g wird es dem Computer gelingen. Und wenn selbst die zu viel sind. Damals ging es um das Bild. die Signifikanten. Flusser sah im technischen Bild die Oberfläche. das neben den Text und dann vor den Text zu rücken drohte. forstet. warum das Programm Textverarbeitung heißt. Die Qualität des Geschriebenen bleibt bei den Mädchen konstant. ob sie mit der Hand oder am Computer schreiben. Im Labor für Künstliche nstliche e Intelligenz an der Universität von Arizona setzen Wissenschaftler inzwischen komplexe Algorithmen ithmen ein. auf wenige Punkte zusammen. einzigartige Reihe aus binären Zahlen: 01110110 110110 01100001 01101110 01101001 01101100 01101100 01100101 01101011 01101001 01110000 01100110 01100101 01110010 01101100. wenn sie wissen. Aus der Forschung wissen wir. Das Schreiben mit der Hand erzeugt also mehr als einen Text. das der Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser schon 1978 in Die kodifizierte Welt kritisiert hat. Zuweilen besteht sie nur noch aus Buchstaben. die Digitalisierung der Sprache gutzuheißen. Der Anfang des Alten Testaments lautet dann etwa so: »Number one. Dann fällt das Lernen leichter. muss es aber nicht so sein. Sogar die Textinhalte werden durchforstet. aber auch nur zwei Buchstaben. lauthals lachen). das in Form von Buchstaben Gelernte bleibt auch besser haften. den wir lesen. wenn sie tippen. dass sie nicht nachgucken können. dann wird das Schreiben damit für Miriam Meckel zu einem sehr sinnlichen Erlebnis. merken sich mehr! Wenn das auch für Fremdsprachen gilt. weil sie uns manches im Alltag erleichtert. erlaube uns hingegen die diachrone Verarbeitung der Information. egal. nothing there. Ein Text. reduzierter. Also too dark. dass Mädchen und Jungen deutlich mehr schreiben. doch die spielen längst nicht mehr die Hauptrolle olle bei diesen Analysen. Copy-and-paste. Die Jungen jedoch verbessern sich wesentlich. Bestandteile verschiedener Sprachen zu einer neuen Sprache zu verbinden. Unsere Sprache verpixelt zusehends. Monitoren und Displays gibt. Die Welt besteht und entsteht aus Pixeln. sie schrumpft. Diese Kulturkritik Flussers gewann in den neunziger Jahren. das sich nach Standards andards richtet. in Bildpunkten. bitte Antwort asap (Answer as soon as possible. dass Menschen weniger bereit sind. uns als schreibende eibende Individuen auszumachen. Dabei entstehen zuweilen lustige Fehler. an Bedeutung und lässt sich im Lichte der Digitalisierung wiederum neu deuten. Die Sprache des Computers erscheint uns in Pixeln. simpler. wie wir unsere Schriftsprache noch nicht vollständig in ein banales digitales »Globalese« überführt haben. Irgendwann wird der datenbasierte »Schreibabdruck« bdruck« als individualisierte Repräsentation des Schreibens bens die Handschrift ersetzen.« Das ist nicht unbedingt literarisch. zum Beispiel die Verständigung. Unter der Bezeichnung »Globalese« hat sich eine Rudimentärsprache entwickelt. wenn die Buchstaben. Light on. Doch bei allen guten Argumenten für das Schreiben mit Hand und Füller gibt es auch Gründe. aber auch der Wortschatz. Wir zeigen auf diesen Seiten Ausschnitte aus ihrem Notizbuch 45 DIE ZEIT . wenn man die Pünktchen vergrößert. Doch Sprachkompetenz erwerben wir so natürlich nicht. Wortlängen tlängen und Buchstabenhäufigkeit. bei Jungen wie Mädchen. es hat sich eingeschrieben. 2L8 (too late. Heute können wir mithilfe von Google Translator deutsche Texte in 65 Sprachen übersetzen lassen.

Helmut Schmidt. Kurhessenstr. wie Mark Twain einmal her entgangen sind. dass die Münd- IMPRESSUM Gründungsverleger 1946–1995: Gerd Bucerius † Herausgeber: Dr. wie Marcel tionen im glücklichen Fall eine höhere Genauigkeit Reich-Ranicki mich einmal in sein Zimmer bat. Die auf das Urteil.de Artikelabfrage aus dem Archiv: Fax: 040/32 80 404 E-Mail: archiv@zeit. das Prädikat am Ende des Satzes »mit merken Sie neue und andere Qualitäten. 64546 MörfeldenWalldorf Axel Springer Verlag AG. dass der Text hinund bei nicht wenigen Beispielen einer missglückten ten und vorne hakte. Er schreibt unihnen eine Art Rhythmus. Dr. wenn ich ihn selber verstehe. 20095 Hamburg Telefon: 040/32 80 0 Fax: 040/32 71 11 E-Mail: DieZeit@zeit. dann beuns Zeit gibt. Hella Kemper Gestaltung: Julika Altmann Bildredaktion: Ellen Dietrich (verantwortlich). dem. KG. kann es sich erlauben. laut zu lesen. gründlich genug nachgedacht hat. Buceriusstraße. und dieser lichkeit sehr viel älter ist als die Schriftlichkeit. Verständlich für Stentorstimme vor.ÜBER DAS SCHREIBEN VON DE R K R A F T DES MÜ N DLICHE N Warum sich U L R IC H GR E I N E R seine Texte selbst vorliest gibt. Ich wurde rot vor Scham. die Ihnen vordem Fernrohr zu suchen«. als es simplen Hauptsätzen gelingen könnte. Zweck. und zuweilen eben auch Mängel. die sich darin gefallen. später auch gereimt. Ich hörte das Gestammel und Geholper meiner andere kann er nur sein. Er war damals neuer Literaturchef der FAZ. 1290 00 207. die Anmut oder gar Schönheit eines sprachlichen Gefüges betrifft. weil es Bücher und Computer Literaturressort und das Feuilleton geleitet WENN wir uns vor Augen halten. Darin gleiche ich dem Pfarrer vor seiner diese höchst erwünschten Eigenschaften viel mit einer Gemeinde.de DIE ZEIT 46 . 22926 Ahrensburg Für unverlangt eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sie reden. die wir den freien. Denn mein Ziel Was aber nun die Eleganz. dass der Verfasser nicht laut. Wenn Sie Bücher laut lesen (oder anderen vorlesen). Früher übrigens verstehen wir auch. KG. Seitdem lese ich mir (nicht Sprache kann man sehen. den Empfänger unserer Texte zu vergessen. 4–6. erlauben. ich sein Aber die meisten von uns Irdischen heißen nicht Hegel oder Kleist. die Tür hinter Angemessenheit richtet sich natürlich nach dem mir zu schließen und Platz zu nehmen. Gerade deshalb aber neigen wir dazu. so leise und so kompliziert zu verdankt sich keineswegs einer Mode oder Laune. weil er sich selber nicht verstanden hat. Einen derart melodisch und rhythmisch ge selligen Austausch der Meinungen und Argumente strukturierten Text kann man sich leichter merken als schätzen. Der Liebesbrief verlangt eine andere Sprache Er nahm mein Manuskript und las es mir mit als das Bewerbungsschreiben. und der Hörer kann ihm leichter folgen. Er hat viele Jahre das nicht mehr angewiesen. würden sie nur gesprochen und hätten wir nicht den gedruckten Text vor uns. den Leser dafür zu gewinnen. Ulrich Greiner ist Autor der ZEIT und Herausgeber Zwar sind wir heutzutage auf solche Hilfsmittel des Magazins ZEIT LITERATUR. so haben lautet. Nie werde ich vergessen.de © Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Marion Gräfin Dönhoff † (1909–2002). warum wir bestimmte Sätze gar war es üblich. In jedem Fall aber sollte der Text elegant und verständlich sein. Gedächtnis des Erzählers oder Sängers Haltepunkte Wir anderen aber. Konto-Nr. aber innerlich) meine Texte vor. 525 52 52. dass etwa lich und auf gewinnende Weise vortragen. Pressehaus. Dass die ältesten Verteidiger vor Gericht. Es soll waren rhythmisiert. verständschlichte Prosa. ich merkte. dass ihm zu folgen eine Qual ist. BLZ 200 100 20 Leserbriefe: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Nur so lässt sich das Wunder erklären. Konto-Nr. Reich-Ranicki bat mich. dem Lehrer vor seiner Klasse oder dem imaginierten Mündlichkeit zu tun. ich versuche. KG. dann Empfänger ist immer auch ein Hörer. was man junger Redakteur. dass er mir zuhört. unbeholfenen Sätze. Singen allerdings müssen wir sie nicht. spottete. Kornkamp 11. Rainer Esser Verlagsleitung: Stefanie Hauer Vertrieb: Jürgen Jacobs Marketing: Nils von der Kall Unternehmenskommunikation und Veranstaltungen: Silvie Rundel Herstellung/ Schlussgrafik: Wolfgang Wagener (verantwortlich) Druck: Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH. Nur der wahrhaft Mächtige literarischen Texte einer festgelegten Form folgen. die erst später niedergeschriebenen Texte Homers ihre mündliche Überlieferung so lange überdauert haben. eine gewisse verständlich. Ich hatte ihm meine erste größere Literaturkritik hineingereicht und war nun gespannt sagen will. Empfehlungsanzeigen: iq media marketing. müssen unsere Rede angenehm. Geschmeidigkeit beizubringen. Axel Kuhlmann Sonderpreisliste ZEIT-Tabloid 2012 Anzeigenstruktur: Helmut Michaelis Bankverbindungen: Commerzbank Stuttgart. Bernd Ulrich Chef vom Dienst: Iris Mainka (verantwortlich). Josef Joffe Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo Stellvertretende Chefredakteure: Moritz Müller-Wirth. Mark Spörrle Assistenz: Gabriele Sommer Redaktion: Matthias Naß (verantwortlich). der Manguels großartiger Geschichte des Lesens. Eingang Speersort 1. BLZ 600 400 71 Postbank Hamburg. Anzeigen: DIE ZEIT. und es empfiehlt sich. Matthias Weidling. eine angemessene Gestalt zu geben. deren Satzkonstrukgeschriebenem. Melanie Böge Dokumentation: Mirjam Zimmer (verantwortlich) Korrektorat: Mechthild Warmbier (verantwortlich) Verlag und Redaktion: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. damit das Professoren geben. Das weiß ich aus Alberto nicht verstehen könnten. den vorfand. 20079 Hamburg Fax: 040/32 80 404 E-Mail: leserbriefe@zeit. Hamburg Geschäftsführer: Dr. Damit will ich nichts gegen die Sprache der Ich empfehle diese Übung vor allem bei SelbstJuristen oder Philosophen sagen.

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