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Wie Sie Besser Schreiben

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Wie Sie besser schreiben

Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen
Von Wolf Schneider
Mai 2012

Mit Beiträgen von Uwe Timm, Ulrich Stock, Anna von Münchhausen, Miriam Meckel und Ulrich Greiner

Nr. 20

67. Jahrgang

EDITORIAL

Triffst du nur das Zauberwort
Man kann sprachlos sein vor Glück, sprachlos vor Erstaunen, sprachlos vor Entsetzen. Man sollte möglichst nicht sprachlos sein, weil einem die richtigen Worte nicht zu Gebote stehen; weil man die richtigen Worte nicht zu klaren, verständlichen Sätzen formen kann; oder weil sich die Sätze nicht zu einem liebevollen Brief, einem klugen Aufsatz, einem lebendigen Zeitungsartikel fügen. Gut zu sprechen und zu schreiben ist eine Kunst, die man lernen kann. Man wird es nicht unbedingt zur Meisterschaft eines Heinrich Heine oder Georg Büchner bringen, aber nach Ausdrucksvermögen und eigenem Stil darf man schon streben. Der Aufklärer und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg sagte es so: »Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, dass es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist.« Wie aus gutem ein besseres Deutsch werden kann – damit beschäftigt sich diese ZEIT-Beilage. Wolf Schneider, der Autor unserer Stilkunde, ist ein bewährter Sprachlehrer. Generationen von angehenden Journalisten sind durch seine Schule gegangen und haben unter seiner Maxime gestöhnt: »Qualität kommt von Qual!« Für diese Beilage gilt das ausdrücklich nicht. Sie soll Freude machen, dabei auch gern ein wenig Ehrgeiz wecken. Gerade durch die Beispiele der großen Meister, denen wir zwar immer vergeblich nacheifern werden, die uns aber zeigen, welcher Schatz unsere Sprache ist. Wie finden Autoren und Journalisten zum besseren Deutsch und zum guten Stil? Darum geht es im zweiten Teil unserer Beilage. Der Erzähler und Romancier Uwe Timm lobt in seinem Beitrag die Schreibwerkstatt, in der sich Schriftsteller vervollkommnen können. Wie wir Journalisten im Zeitungsalltag nach dem passenden, dem richtigen, dem besten Wort suchen, schildert Ulrich Stock. Anna von Münchhausen singt das Hohelied des guten Redigierens, jenes demutsvollen Feilens am Text, das ihn – wie einen geschliffenen Diamanten – erst zum Leuchten bringt. Ulrich Greiner hat schon von Marcel Reich-Ranicki gelernt, wie hilfreich es sein kann, wenn der Autor sich seinen Text selbst vorliest. Schließlich die Frage, wie sich die deutsche Sprache durch das digitale Schreiben, durch Chat und Tweet, verändern wird. Was passiert, wenn wir nicht mehr mit der Hand schreiben, sondern nur noch auf der Tastatur herumhämmern? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gibt, ein wenig melancholisch, Entwarnung: Natürlich wandelt sich unsere Sprache, wenn das Schreiben zur Textverarbeitung wird, aber zugrunde geht sie nicht. Selbst wenn Joseph von Eichendorff eines Tages vergessen sein sollte, werden Menschen noch immer das »Zauberwort« treffen MATTHIAS NASS – »und die Welt hebt an zu singen«.

DIE ZEIT

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D E R I N H A LT

D I E S P R AC H E I ST E I N E WA F F E
Seien wir gut zu ihr – eine Einführung von Wolf Schneider SEITE 4

Titelbild: designed by m-inspira/www.m-inspira.com; Inhalt: Heimo Zobernig, Ohne Titel (REAL)/VG Bild-Kunst, Bonn 2012; Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung; Ohlbaum/laif (v. o.)

E I N E STI L K U N D E
20 Lektionen von Wolf Schneider SEITE 8 bis 31

DI E S P R AC H M E I ST E R
Sieben Virtuosen der deutschen Literatur SEITE 13, 16, 20, 23, 29, 32

ÜBER DAS SCH REI BEN
Ein Lob der Werkstatt SEITE 36
VON UWE TIMM

Wenn das Schreiben nicht wäre SEITE 38
VON ULRICH STOCK

Was machen die da? SEITE 40
VON ANNA v. MÜNCHHAUSEN

Sich die Welt erschreiben SEITE 42
VON MIRIAM MECKEL

Von der Kraft des Mündlichen SEITE 46
VON ULRICH GREINER

Impressum SEITE 46

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DIE ZEIT

EINFÜHRUNG

W

as wir hören, was wir lesen, wie wir sprechen, wie wir schreiben: Nichts formt uns und bewegt uns, nichts bereichert uns mehr, nichts prägt unsere Rolle unter den Menschen stärker als unser Umgang mit der Sprache. Sie ist das gewaltige Erbe, in das wir hineingeboren worden sind – in tausend Generationen aufgehäuft und fortentwickelt, beladen mit allen Irrtümern und Vorurteilen unserer Ahnen, beflügelt von ihren Träumen, Visionen, Ideen. Begriffe bilden, Ideale aufstellen und mit ihnen die Wirklichkeit verändern: Das ist, weit über die Verständigung hinaus, die wichtigste Leistung der Sprache. Gerechtigkeit! Finden wir sie etwa in der Natur? Sind wir uns auch nur einig darüber, was sie im konkreten Fall bedeuten soll? Aber das große Wort ist da, als Banner steht es über uns, und so trägt es dazu bei, dem Ideal, das da kühn und unscharf ins Wort gehoben worden ist, ein wenig näher zu kommen, als wenn wir es in unserem Wortschatz nicht vorgefunden hätten. Es gehört zu jenem »ungeheure[n] Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet«, sagt Nietzsche. Oft gehen wir so weit, der Wirklichkeit mit unseren Wörtern Eigenschaften vorzuschreiben, die sie nicht hat: Ist die Natur denn bereit, am 1. Juni (meteorologisch) oder am 21. Juni (astronomisch, kurios genug) mit dem »Sommer« zu beginnen – bloß weil wir das Wort in die Welt gesetzt haben und es noch dazu mit der Erwartung von ständiger Sonne und Wärme verknüpfen, aller deutschen Wahrscheinlichkeit zuwider? Wir können wetten: Irgendwann im Juli werden Journalisten und Fernsehmeteorologen tadelnd fragen, wo »der Sommer« bleibt. Nichts zeigt die Macht der Sprache eklatanter: Wie wir etwas nennen, ist uns wichtiger, als wie es ist. Mit unseren Wörtern etikettieren wir die Fülle der Erscheinungen und erwarten dafür Gehorsam von ihnen. Wörter sind heilig. Sie tragen unsere Hoffnungen und unsere Ängste, unsere Wünsche und Gebete und unseren Trost; mit ihnen erschaffen wir die Philosophie und die Utopie, die Poesie und den Witz. Dieses schillernde, grandiose Erbe zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.
Vier Entwicklungen vor allem müssen jedem Freund der Sprache Sorgen machen. Die erste Entwicklung: Auch dort, wo die Schreiber

Die Sprache ist eine Waffe
Aber sie lässt uns auch träumen, sie erklärt uns die Welt. Seien wir gut zu ihr!
VON WOL F S C H N E I DE R

die Sprache noch pfleglich behandeln wie in der Mehrzahl der DruckErzeugnisse, findet seit Jahrzehnten ein Wortschwund oder eine Wortverfälschung statt. Dass »scheinbar« »dem falschen Anschein nach« bedeutet und folglich nie mit »anscheinend« verwechselt werden darf, ist immer weniger Deutschen geläufig. »Wähnen« liest man im Dutzend in der Zeitung, wo »glauben« gemeint ist – und es heißt doch: »fälschlich glauben«, »sich einer Wahnvorstellung hingeben«! Hören solche Schreiber sich selber nicht mehr zu? »Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit« – wie viel Kraft, wie viel Information in nur zwei Silben! Ähnlich schlimm: »Vermeintlich« findet man mit »vermutlich« verwechselt, und es besagt doch das Gegenteil – der vermutliche Täter war es wahrscheinlich, der vermeintliche war es gerade nicht. Woher solcher Absturz? Immer mehr junge Leute (fast die Hälfte, wird geschätzt) lesen keine Bücher mehr, und an deutschen Schulen regiere, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jene »Spaßpädagogik«, die den Schülern jegliche Mühe ersparen wolle. Man komme nicht mit der beliebten Redensart: »Die Sprache entwickelt sich eben.« Wo die Entwicklung eine Verarmung wäre, da sollten bei allen Deutschen die Alarmglocken läuten. Vor allem aber: Das »sich« in dieser Schutzbehauptung ist einfach falsch – als ob die Sprache ein abgehobenes Medium wäre, das sich Entwicklungen leistet! Sie wird entwickelt mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt – und noch heute hat niemand etwas dagegen, dass wir nicht mehr »rekommandieren«, sondern »einschreiben« sagen und nicht mehr »poste restante«, sondern »postlagernd«. Alice Schwarzer hat an der Spitze einer kleinen Gruppe von Feministinnen erzwingen können, dass jede deutsche Behörde und die meisten Unternehmen den Mitarbeitern heute bei jeder Nennung die Mitarbeiterinnen ausdrücklich zur Seite stellen. Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen.

DIE ZEIT

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sondern von anderen. ziemlich bewährte Rezepte angeboten. Iwan Puni: »Stilleben mit Buchstaben und Krug«. 1919 5 DIE ZEIT Abb. jedenfalls das Nicht-zu-Ende-Lesen war schon im 20. ermuntert und darin fördert. und was seit 1954 Eurovision hieß. Die Kiezdeutsch-Sprecher werden also ermutigt. Wie schön aber. Der hat sich die geschriebene damit angenähert – mit allen Vorzügen der Spontaneität und allen Nachteilen der Schwatzhaftigkeit. Jahrhundert das statistische Normalverhalten. vielleicht sogar von vielen gelesen werden möchte. März im Rückblick auf den Sturz des Bundespräsidenten Wulff ). als Aperitif und Ermutigung. die in Deutschland wohnen. Werben also: um Aufmerksamkeit. ja herumzupöbeln. die früher allenfalls dem Ohr zugemutet wurden – dem Auge nie. des Nicht-mehr-Zögerns.« Dass sie so reden. und der Absender muss sich nicht identifizieren. Ein großes Unternehmen bereicherte das Deutsche vor Kurzem um das kostbare Wortgebilde CorporateSocial-Responsibility-Aktivitäten. Aus beiden Nachteilen folgt millionenfach die Versuchung. ist der immer noch anhaltende Siegeszug der unsinnigen unter den Anglizismen. das immer auf dem Schreibtisch steht – kein Papier mehr zurechtlegen. geht neuerdings als »Jurowischn« über die Sender. mit Feuer und mit Kraft. Den hier vorgestellten sieben »Großmeistern« nähert sich natürlich noch keiner. sich ums Hochdeutsche gar nicht zu bemühen – statt dass man das Mögliche tut. um die Leser werben muss – und dass es dafür nicht genügt. müssen sie schon zufrieden sein. dazu mit dem schönen Gefühl: Und beim Empfänger kommt das Geschriebene sofort an. mahnte Tucholsky. Nicht-mehr-Feilens. die der Freund der Sprache nicht begrüßen kann. der nicht nur von seinem Lehrer oder Professor. deutsch ausgesprochen wie der Euro noch heute. ist nicht das Problem – sondern dass in solcher Stummelsprache schon geworben wird (»Soo! muss Technik«. geradezu ein Vorbild für die überfällige Vereinfachung der deutschen Grammatik. in die große Sprache »Deutsch« hineinzuwachsen! Zwei Beiträge dazu leistet dieses Heft. sich der Chancengleichheit dadurch zu nähern. die unsere Sprache lieben (und zugleich kein Problem mit korrekten Genitiven haben). Blog. dass wir sie uns beim Werben um Leser zum Vorbild nehmen können: glasklar verständlich. Bonn 2012 . und mit der elektronischen Wortexplosion hat das Missverhältnis zwischen Geschriebenhaben und Gelesenwerden sich drastisch verstärkt. Journalisten wissen: Wenn ihre Texte zu 20 Prozent gelesen werden. Und zwei – Heine und Kafka – haben sogar durchweg so geschrieben. nur aus dem Englischen und dem Französischen werden noch mehr Bücher als aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt. Die vierte Entwicklung: das »Kiezdeutsch«.Die zweite Entwicklung. dass man alle. die allen Freunden der Sprache Sorgen machen muss. Chat haben die Zahl der geschriebenen Wörter dramatisch vermehrt und die Sorgfalt im Umgang mit ihnen dramatisch vermindert. idealerweise um Sympathie! Aber wie macht man das? Dafür werden in dieser Beilage 20 praktikable. Haltet sie scharf!«. Die dritte Entwicklung. sondern ein »innovativer Dialekt« des Deutschen. ja dass es Sprachwissenschaftler gibt. vorzugsweise von unter Zwanzigjährigen gesprochen: »Ich mach dich Messer. die Sprache also in Tiefen zu zerren. den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. die Sprache mit Migrationshintergrund. dass man ein paar dieser Lektionen aus jedem der Meister destillieren könnte. so wie die gesprochene Sprache.: akg-images/© VG Bild-Kunst. der sie befolgt. die diesen Slang loben: Er sei kein Kauderwelsch. ist mit dem Internet über uns hereingebrochen: Mail. spottete Bundestagspräsident Lammert (am 18. Die Mailer und die Seriösen unter den Bloggern (die gibt es ja) können zwei Nachteile kaum bestreiten: Man huscht über die Tasten eines Geräts. um Zuwendung. Saturn 2012). vom Kuvert zu schweigen. Als ob man sich des Deutschen schämen müsste! Es war und ist eine der großen Kultursprachen auf Erden. die an unseren Schulen und Universitäten ein Kümmerdasein fristet: dass jeder. Der andere: Alle. mit Farbe. Nicht-mehr-Korrigierens. Machen wir davon Gebrauch! »Die Sprache ist eine Waffe. Der eine: Es stellt einige der großartigsten Meister des Deutschen vor. versucht es für eine Einsicht zu gewinnen. loszupoltern. Nur auf Englisch und Chinesisch erscheinen noch mehr Bücher als in deutscher Sprache. das Nichtlesen. Das verbinde sich oft mit »einer zunehmenden Enthemmung im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität«. Das Blog hat anstelle des Adressaten ein diffuses Publikum. Tweet.

26 17. 12 5. Vermeiden wir den Überdruss S. Thomas Mann: Der Alleskönner S. Der Wille zum Verzicht S. Nur für Gedächtniskünstler S. 32 Abb. 26 18. Friedrich Nietzsche: Der Virtuose S. 21 12. 29 VI. Die Kraft der Bilder S. 31 DIE SPRACHMEISTER I. Misstrauen wir den Synonymen S. 20 IV. 15 7. 17 8. Wie lang darf ein Satz sein? S. 25 16. konstruiert von Minimax Dadamax persönlich«. Gliedern kann nicht schaden S. Wörter in Bewegung S.: akg-images/VG Bild-Kunst. Verachten wir den Wissenschaftsjargon S. Nennen wir’s beim Namen S. Heinrich Heine: Der brillante Zyniker S. 11 4. 10 3. 22 15. König der Sätze S. 13 II. 23 V. Die schöne heikle Nebensache S. Mit Satzzeichen Musik machen S. Zählen wir die Silben S. Franz Kafka: Der heimliche König S. 21 13. 19 11. 14 6. 1919/20 7 ZEITWISSEN . Die Kunst des Anfangs S. 22 14. 16 III. Bonn 2012 Max Ernst: »Kleine Maschine. Seien wir ein bisschen unbequem S. Heinrich von Kleist: Der Maßlose S. 17 9.E I N E ST I L K U N D E VON WOL F SC H N E I DE R 2 0 LEKTIONEN 1. 30 20. 28 19. 18 10. Geizen wir mit Adjektiven S. Im Anfang war das Tun S. 8 2. Warum wir am Passiv leiden S. Die Krone der Hässlichkeit S. Goethe und Schiller: Große Prosaisten S.

Fenster klirren. lispeln. Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben. das ihn zum Sieg führte. umsetzen. sirren. wie Grundschüler sagen. wenn das Verbum sich erst in der Katastrophe bewährte. schaffen. was Verben leisten können. wispern. erlisten. Viele Verben drücken nicht einmal eine Tätigkeit aus. bürokratische wie beauskunften und bezuschussen. sich handeln um. rieseln. Zum Ersten: Lebhaft nutze man die Chancen des Verbums. flüstern. surren. erraffen. erzeugen. vorhanden sein. hauchen. Muss wetten und wagen.« Natürlich: Für unsern Alltag taugt das nicht. summen. verwirklichen). Auch und gerade in den leisen Verben zeigt er sich. wenn wir Leser fesseln wollen: Bewegung! Interessanter als »Das Haus ist schön« liest sich nun mal »Es ging in Flammen auf«.und Waldgeräuschen: fächeln. die besten. das Glück zu erjagen. Aber was geht uns das an? Es ist eine starke Metapher dafür. Balken krachen. knistern. sie sind folglich zweite Wahl: vorliegen. Was also tun? Der Rat für Schreiber. DIE ZEIT 8 . die die Sprache lieben und sich zugleich Leser wünschen. Doch im selben LIED VON DER GLOCKE hat Schiller auch im scheinbar Statischen die Bewegung aufgespürt: »Die Leidenschaft flieht. murmeln. Zum Zweiten: Es möge Ihnen Spaß machen. Imponiervokabeln wie generieren (für machen. die Frucht muss treiben. Muss wirken und streben Und pflanzen und schaffen. wo es als Retter aus zwei Fallen der deutschen Grammatik dienen kann: den garstigen Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den rasselnden Ketten vorangestellter Attribute ¤ Lektion 13. ich bin ein Verbum und kein Personalpronomen. plätschern. in unserem schönen Wortvorrat zu baden. gluckern. schwirren. ist von viererlei Art. der Oberbefehlshaber der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg – und damit ein Bild gefunden für das Vorwärtsstürmen. aufgreifen – oder warum nicht einfach: Darüber sollten wir mal reden.DIE WÖRTER LEKTION 1 Im Anfang war das Tun Warum wir die Verben lieben sollten »Ich glaube. rascheln. Mark Twain und Jorge Luis Borges haben das Deutsche geradezu bewundert für seinen Reichtum an Nacht. Kinder jammern. »Kochend wie aus Ofens Rachen Glühn die Lüfte.« Ulysses Grant hat das gesagt. säuseln. Ebenso sind das Stigmatisieren und das Sensibilisieren nichts. Pfosten stürzen. die Tuwörter. gurren. Mütter irren …« Nun wäre es traurig. tuscheln. die Liebe muss bleiben: Die Blume verblüht. was Goethe geduldet hätte oder Günter Grass dulden würde. raunen. rauschen. Auch ist Bewegung allein kein Gütesiegel: Schwerfüßige Verben gibt es wie durchführen und bewerkstelligen. und statt des beliebten Thematisierens könnte man schließlich sagen: zum Thema machen. bewirken) oder implementieren (für einführen.

Mit den klaren Tagen streitet Und ein Ostwind. Die Nacht bedecket die Runde. zu welcher Kraft die Sprache sich mit Verben steigern lässt – sogar dann. Blaue Sonnenbahn bereitet. erfrischen. mit nicht weniger als zwölf dynamischen Verben: »Mitten in der Nacht erwachte das Haus in der Rue Droite zu emsigem Leben. durch die Gänge huschten die aufgeregten Mägde. treppab eilte der Diener. als könnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen. Ich hörte die Vögel schlagen. auch wo scheinbar keine ist. In der Küche flammten die Feuer auf. Wolken tragend. andere zerrten die Maultiere aus den Ställen. 8–30: fotografiert von Nico Baldauf für DIE ZEIT . in den Kellergewölben klapperten die Schlüssel des Lagerverwalters. ja drastisch zu benennen. es wurde gezäumt. sie verjagend.« Dies als Extrembeispiel dafür. gerannt und geladen …« Und selbst ein einziges Verb kann uns verblüffen. Näher an unseren Wünschen und Möglichkeiten ist das fröhliche Getrappel.Der dritte Rat: Wo eine Bewegung offenkundig ist.« Oder die Bewegung gar so dramatisch zu beschreiben wie Hölderlin: »Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur. wie Goethe: »Wenn der Äther. Nur von den Bergen noch rauschet der Wald. da versuche man sie farbig. als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien. Buchstaben-Arrangements S. »hing nieder bis auf den Grund. treppauf. Knechte liefen um die Pferde. Das Heidelberger Schloss. Das war ein lustiges Jagen! Und eh’ ich’s gedacht. Und mich schauert im Herzensgrunde. das Waldhorn klang. im Hof leuchteten Fackeln. Da blitzten viel Reiter. Georg Büchner ließ seinen Lenz einen »Triumphgesang der Hölle« anstimmen: »Es war ihm. …« Oder wie Eichendorff: »Es zog eine Hochzeit den Berg entlang. wenn sich nichts bewegt. wenn man es setzt wie Ringelnatz: Ein Leierkasten »wringt sich aus und klingt nach Leben und Sterben«. die gigantische Burg.« Der vierte. freilich der schwierigste Rat: Nach Bewegung fahnden. von den Wettern zerrissen« (noch mal Hölderlin). gesattelt. von dem Patrick Süskind im PARFUM erzählt. war alles verhallt.

Mühsal. und die kurzen alten Wörter sind die allerbesten«. Pein. sagte Winston Churchill. toil.) Und muss sich der schlappe Service der Deutschen Post hinter dem Elfsilber Telekommunikationsdienstleistungen verstecken? Bedenken wir: Kopf und Herz. Nobelpreisträger für Literatur. Leid. wie Churchill den Engländern 1940 nichts als »blood. »Die alten Wörter sind die besten. Goethes Ballade DER FISCHER besteht zu 76 Prozent aus einsilbigen Wörtern – genau wie die berühmte GETTYSBURG AD DRESS des US-Präsidenten Lincoln (amerikanische Stillehrer haben es bewundernd nachgezählt).DIE WÖRTER LEKTION 2 Zählen wir die Silben Kurze Wörter bleiben hängen Ein Wort ist umso verständlicher. ist zu einsilbigen Wörtern geronnen – und erst recht sind es fast alle starken Gefühle: Angst. Schwenk bezeichnet werden könnte? Was unterscheidet die Witterungsbedingungen vom Wetter und das Gefährdungspotenzial von der Gefahr? (Die doch keine wäre. Bonn 2012 (S. Das klingt erschreckend simpel. Man brauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge. Sprachfreunde stößt er ab – und vielleicht wären sogar Fachleute angenehm berührt. Vielleicht ist ja was dran? Vielleicht sollten wir die Thrombozytenaggressionshemmer nur seufzend in Kauf nehmen – den von unseren gehobenen Feuilletons gehätschelten Paradigmenwechsel aber schon mal darauf abklopfen. mit Wörtern wie Effizienzsteigerungsprogramm oder Energieverbrauchsflexibilität zu operieren. Doch die Stilistik hakt nach: und kraftvoller auch! »Je länger aber ein Wort. heißt es im Stilkodex des Londoner ECONOMIST. desto unanschaulicher«. der bedenke: Laien verstehen nichts. eine zu sein. tears and sweat« versprach. je weniger Silben es hat. 10). woraus wir sind und womit wir leben. Museumslandschaft Hessen Kassel/bpk/© VG Bild-Kunst. 1966 DIE ZEIT 10 Abb. wenn ein kurzes es auch tut«.« So. Wut. wenn sie inmitten ihrer Silbengebirge statt gefährlich starker Rauchentwicklung einfach mal »Qualm« lesen könnten. Neid. Gier. Schweiß – und ihnen damit Kraft gab zum Widerstand. wenn sie nicht das Potenzial hätte. Robert Indiana: »Love«. Tränen. Wald und Feld. »Benutze nie ein langes Wort. Blut. Tisch und Bett. 11) . Weib und Kind. schrieb Jean Paul in seiner VORSCHULE DER ÄSTHETIK. sagt die Verständlichkeitsforschung. Wer gelesen werden und wirken will. das meiste. der halte sich an Schopenhauers Kernsatz: »Man denke wie die wenigsten und rede wie die meisten. Hand und Fuß. Kehrtwende. Hass. ob er nicht zur Abwechslung als Umdenken.: akg-images/© VG Bild-Kunst. Qual. Was folgt daraus? Wer immer vorhat. Bonn 2012 (S.

Konkret schreiben. Belangen und Strukturen. beneide er die Leute von der Müllabfuhr. dass Wolkenbruch besser ist als widrige Witterungsumstände und eine triefende Nase anschaulicher als jeder grippale Infekt. auch für konkrete Dinge brauchen wir abstrakte Dachbegriffe. mit dem Spruch gerecht: »Ich bin nicht der Typ. 11 DIE ZEIT . wurde seinem Ruf. Doch wo es durchaus ginge. Nur sollten wir immer parat haben. »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«.DIE WÖRTER Alighiero Boetti: »Untitled«. gewiss. »umso mehr muss man erst die Sinne zu ihr verführen. Gewiss. Möbel zum Beispiel. von allerlei Misshelligkeiten.« Das hat Kraft – mehr. ja manche lieben ebendiese. Aber etwas zum Weitererzählen. sagt Nietzsche. grimmig und rabiat zu sein. Eine Vorstellung müssen sie uns vermitteln. neigen viele dennoch zu abstrakter Ausdrucksweise: Sie tummeln sich zwischen Bereichen. Da mailen uns Freunde von viel Ärger in der Ferienwohnung oder. das oberste Stilgebot.« Sprach Martin Luther. bei der Gerechtigkeit geht das nicht. Damit können wir leben. Farben zum Leuchten bringen: Das ist für alle. Ich verursache sie. schrien Georg Büchner und F.« Sympathisch war das nicht. Martin Walser lässt einen Literaturkritiker sagen: »Wenn er ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratur lesen müsse. wenn sie nicht in Abstraktionen schwelgen dürfte.« Ed Koch. hätten sie geschrieben: »Als Erstes brach ein Wasserrohr« – wir hätten uns sogleich mit ihnen solidarisiert. zwischen 1978 und 1989 Bürgermeister von New York. das Detail benennen. als hätte der Herr mit angemessenen Verwüstungen gedroht. der Magengeschwüre bekommt. die Wörter. mit Sinneseindrücken versehen. L. Moralische Gebote wie Ehrlichkeit sind konkret gar nicht zu erfassen.« Bei der Gleichheit. anspruchsvoller. »Je abstrakter die Wahrheit ist. und Jesaja 14.23 übersetzte er so: »Und ich will Babel machen zum Erbe für die Igel und zum Wassersumpf und will es mit einem Besen des Verderbens kehren. die man lehren will«. Weidig 1834 in die Welt hinaus – und eben nicht: Verschont die Wohnstätten der Unterprivilegierten. 1987 LEKTION 3 Nennen wir’s beim Namen Konkrete Wörter haften besser »Die Wörter müssen Hände und Füße haben. wenn sie uns fesseln sollen. die Leser interessieren möchten. und die ganze Philosophie müsste zumachen.

mit einem schönen archaischen Imperativ formuliert in der klassischen amerikanischen Stillehre von Strunk und White. Vollends lächerlich wird sie. sondern einfach regelwidrig ist eine weitere modische Marotte: Bei biblischen Verfilmungen ist biblisch eben nicht die Eigenschaft der Verfilmung. sondern die Bibel ist ihr Objekt. Wo sie bloß schmücken wollen. dass jedes Wort etwas zu sagen hat – »that every word tell«.DIE WÖRTER LEKTION 4 Geizen wir mit Adjektiven Überflüssig sind erstaunlich viele Ja. im Marketing vom üblichen Versprechen qualitativ hochwertiger Produkte und gezielter Maßnahmen. oft lächerlich und manchmal einfach falsch – nicht gerechnet. nicht das rote. wichtigen Meilensteinen. spähend. am meisten missbrauchte Wortgattung sind: oft tautologisch. Wissenschaft und Bürokratie hat sich in den letzten Jahrzehnten die Wahnvorstellung ausgebreitet. sollten sie anklopfen. aus der Schule der schulische Bereich. Eau potable ist eben nicht das trinkbare. sondern das Trinkwasser. er lese ihre Briefe. horchend. Nur dass Adjektive zugleich die am meisten überschätzte. 13 (Ausschnitt): Keystone Schweiz (Schiller und Goethe im Garten der Villa Lengefeld in Rudolstadt um 1794) DIE ZEIT 12 . doppelt gemoppelt: Da lesen wir von harter Knochenarbeit. Von erzieherischem Kontrollverlust sprach die FAZ – was eindeutig der erzieherische Verlust einer Kontrolle ist. mit warmen Würstchenverkäufern und rostfreien Stahlhändlern im Bunde. das Adjektiv sei die überlegene Wortgattung: Aus dem Elternhaus ist das elterliche Haus geworden. Von der fossilen Energielobby müssen wir lesen – von einer fossilen Lobby also. Überdies beschädigen hohle Adjektive einen Eckpfeiler aller erfolgreichen Kommunikation: dafür zu sorgen. dass Mephisto mit Worten stritt – verbal täte er das heute! Nicht nur unschön. miesepetrig zu beschreiben. In Wirtschaft. und wo sie einer dümmlichen Mode dienen: draußen bleiben. Der kolumbianische Aphoristiker Gómez Dávila sagt es so: »Für jedes überflüssige Wort verliert der Schriftsteller einen Sündennachlass von einem Monat. wo sie den sprachlichen Zusammenhang auf den Kopf stellt. über die wir leider nichts erfahren. Franz Kafka schrieb seiner fernen Freundin Milena (in Partizipien. sagt Günter Grass in seinem Gedicht EHE. Flüssige Textverfasser müssen da am Werk gewesen sein. immer häufiger akademisch-bürokratisch gespreizt. dass das Deutsche sie häufig gar nicht vorsieht. dem kritischen Hinterfragen. hasenherzig. sauertöpfisch. Wo so viel Fantasie nicht vorhanden ist oder wo sie fehl am Platze wäre. die polizia stradale die Straßenpolizei und der lucky star absolut kein glücklicher Stern. Eine wahre Affenliebe zum Adjektiv hat sich da zulasten der Logik breitgemacht.« Leere Adjektive sind indessen nicht die schlimmsten. einen missmutigen Menschen zur Abwechslung als griesgrämig. Abb. es ist schönes altes Deutsch. S. kraftvolle Adjektive: tückisch. das betriebliche Ergebnis folgt ihnen auf dem Fuße – und welcher werdende Doktor würde noch von der Lage sprechen. Und es gibt doch so farbige. einem wesentlichen Eckpfeiler.. »wie der Spatz die Krumen in meinem Zimmer aufklaubt: zitternd. wenn er sich doch mit situativen Gegebenheiten schmücken kann? Wie altmodisch. da hilft die Faustregel: Adjektive dienen der Unterscheidung – das gelbe Kleid. nachgedacht hat der Schreiber nicht. halben Adjektiven also). Tautologisch. Solche Doppelungen geben dem aufmerksamen Leser das Signal: Also. die sich einer nicht näher bezeichneten Energie annimmt. hartgesotten. auch bei koalitionären Rücksichten und kombinativen Möglichkeiten sind die Adjektive nicht die Eigenschaften. alle Federn aufgebauscht«. anschmiegsam! »Unser Hass ist witterungsbeständig«.

Wolken heran. Minister und Italienreisender. von fanatischer Wut begeistert. wurde beinahe unter seinen Augen der Dolch geschliffen. Vorreiter des Sturm und Drang. werfen sich. und da die Wache hinzukam. der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE und der DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES ein Tempo. Omer.« Über das letzte Stück Wegs zum Gotthard: »Nackte wie bemooste Felsen mit Schnee bedeckt. auf dem Rigi: »Die Höhe in Wolken und Nebel. Ein Unglück für den Lebenden. die Mörder mit goldenen Gnadenketten. dass ihn dieser Feind überlebte und seine Geschichte schrieb. mit 26. sich vor der zuschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten«.« Und überraschend ironisch begegnet uns Goethe in der ITALIENISCHEN REISE: »Der Mörder gab ihm an die zwanzig Stiche. So fiel Wallenstein. zugleich aber vergaß er nicht. er betrieb umfangreiche ästhetische und naturforschende Studien. Goethe und er entwickelten eine einander ergänzende freundschaftliche Produktivität. die zu lesen lohnt. und so ist’s gut. Über Wallenstein und den deutschen Kaiser aber ist nie hintersinniger geschrieben worden: »Indem Wallenstein von Eger aus die Unterhandlungen mit dem Feinde lebhaft betrieb. die Schauspielerin. Universalgelehrter. Dignitäten und Rittergütern zu belohnen. oder wenn Philine Wilhelm anherrscht: »Wenn ich dich lieb habe – was geht’s dich an?« Er wiederum »war dem Gelübde treu geblieben. durchaus nicht altväterliche Stücke deutscher Prosa hinterlassen haben. Geräusch der Wasserfälle. erstach der Bösewicht sich selbst. historische und philosophischästhetische Schriften. nicht weil er Rebell war. Sollte man vielleicht den Prosa-Schiller lesen in der Schule? Friedrich Schiller (1759–1805) schrieb Gedichte.SPRACHMEISTER (I) GOETHE UND SCHILLER G ROS S E P ROSA I S TE N W as soll man über die beiden noch sagen! Außer dass sie. Bettlern und Raubgesindel untermischt. wenn Aurelie.« Das waren die Niederlande. Leitern und Strängen versehen. ruckweiser Sturmwind.. der seinem Leben ein Ende machte. Von 1791 an schwächte ihn ein Lungenleiden.. Im Austausch mit Schiller entstand eine Literaturauf fassung. sprengen die Pforten der Kirchen und der Klöster. . das Klingeln der Saumrosse in der höchsten Öde. Zwanzig Jahre zuvor. Neben Goethe. . nicht aber. zerbrechen die Bilder der Heiligen und treten sie mit Füßen.und herbeiführend. stürzen die Altäre. wie Pfeile schnellen sie von der Sehne: »Eine rasende Rotte von Handwerkern.. mit Keulen. hatte Goethe frisch und böse aus der Schweiz geschrieben: »Frei wären die Schweizer? Frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? Frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weismachen kann! Besonders. Das ist hier sonst nicht Mode: Der Mörder erreicht eine Kirche. mit öffentlichen Dirnen.. Dramen und Balladen. die als Weimarer Klassik in die Epochenbeschreibung Eingang fand 13 DIE ZEIT . ihren Zuschauern nachsagt: »Sie meinen es gut und werden mich noch umbringen«.« Schiller erreicht in seinen beiden historischen Werken. Äxten. Rings die Herrlichkeit der Welt. die Sterne befragte und frischen Hoffnungen Raum gab.« Überwältigt jedoch war er von den Bergen. Wenn es in WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE heißt: »Er bildete den Wahn des Moments so poetisch als möglich aus« – dann fühlen wir uns um 200 Jahre zurückversetzt.« So allwissend kann eine Theaterfigur nicht reden und so viel Feuer ein Jambus kaum haben. in die Flecken und Dörfer bei St. mit dem kein Drama mithalten kann. wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt. sondern er rebellierte. selbst lange Sätze bremsen es nicht. weil er fiel. dass er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte – ein Unglück für den Toten. abseits ihrer berühmten Dramen und Gedichte. einige eindrucksvolle. Hämmern. Herder und Wieland gehörte er zum Viergestirn der Weimarer Klassik Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war Dichter und Dramatiker. Der Kaiser weihte dem Schicksal Wallensteins eine Träne und ließ für den Ermordeten zu Wien dreitausend Seelenmessen lesen. Schiffern und Bauern. an dessen Folgen er mit nur 45 Jahren in Weimar starb.

der einen anderen Menschen zum Gegenteil verführen möchte – zum Gern-Weiterlesen –.« Routine ist gut. das Tanzbein schwingen. von SPIEGEL ONLINE bis zur TAZ. Er suche zuerst ein bisschen nach den Säuen. Er versteht sie sofort. das Handtuch werfen (oder die Flinte ins Korn). aus allen Nähten platzen. unter den Teppich kehren. verrückt zu sein. ehe er allzu bekannte Sprachfiguren wie diese niederschreibt: ins Fettnäpfchen treten. 1999 LEKTION 5 Seien wir ein bisschen unbequem Redensarten schläfern uns ein Unsern Wortschatz erben wir von den Eltern. sich solche Sprachklischees ausdrücklich verboten haben. Fantasie ist besser. falls wir uns Leser wünschen: Die überlieferten Floskeln sind dermaßen geläufig. der zerbreche fröhlich die Klischees. Leser bei der Stange halten ist die Kunst. vor die er seine Perlen werfen kann. oft: verzichten. es endlich mal den Pilzen gönnen. man sollte. sie erregen nicht seine Aufmerksamkeit. er stutzt nicht. Was tut unsereiner? Im Alltag: zögern. der sollte zögern. aus dem Nähkästchen plaudern. der öffentlich verdächtigt worden war. der uns misstrauisch stimmen sollte. sie passt in viele Lebenslagen. und jeder versteht. nachdem so viele Munitionsfabriken wie die Pilze aus dem Boden geschossen seien. In der FAZ verkündete ein Berufsberater: »Vertrauen ist gut – Kontrolle macht Arbeit. heute meist verglast. Es ist erzvernünftig. Nur ist es genau dieser Umstand. Jeder. müssen wir das Wort Fenster nicht erfinden. dass sie im Leser eine Reaktion nahe null auslösen.« Dem Berliner TAGESSPIEGEL fiel zu einem Politiker. aus allen Wolken fallen. dass sie ihrerseits wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schössen. die kostbare Verteidigung ein: »Verrückt ist er nicht. mit drei Vorzügen: Auch diese Wortfolge brauchen wir uns nicht erst auszudenken. Schon Karl Kraus schlug im Ersten Weltkrieg vor. zum Beispiel – oft ein durchaus treffendes Bild. je mehr Bücher und Zeitungen wir lesen. von den Ahnen: Für eine Öffnung in der Hauswand. den Gürtel enger schnallen. Aber wer Lust hat und wer’s kann. Jüngst versah die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen Bericht über den drohenden Wählerschwund der CSU mit der Überschrift: »Der Tunnel am Ende des Lichts«. DIE ZEIT 14 . Bequemer kann Sprache nicht sein. Als Heranwachsenden fällt uns zudem ein Erbe an Redensarten zu – umso mehr davon.DIE WÖRTER Heimo Zobernig: »Ohne Titel (REAL)«. dass etliche Redaktionen. »Das hat wie eine Bombe eingeschlagen«. Werbeagenturen ebenfalls. was gemeint ist. Aber die Tassen in seinem Schrank werden weniger.

In der Wirtschaft brüstet man sich unterdessen mit Aktivitäten – einem Modewort mit gleich zwei Nachteilen. Zweitens ist die Aktivität im engeren Sinne ein Singularetantum. die Mehrzahl treibt also Unfug mit Logik und Grammatik. obwohl das Marketing (das Schaffen und Pflegen eines Marktes durch ein Bündel von Aktionen) durch keine Aktivität ge- steigert werden kann. dass nachvollziehen mit fühlen überhaupt nichts zu tun hat. nachempfinden. den Schwung. also ein Wort. das gähnt uns an. was da offenbar gesagt werden muss: »Ich kann dieses schreckliche Verbrechen nicht nachvollziehen. was ein Schreiber erreichen kann – Zuwendung. begreifen. Oft wird es an längst komplette Aussagen zwanghaft angekoppelt: Marketingaktivitäten sind Standard. Tüchtigkeit. Milch. Iwan Puni: »Neue Kunst«. wenn der Bürgermeister am Ort der Untat sagt. nachfühlen. die Schaffenslust – allesamt von einem törichten Plural verschlungen.DIE WÖRTER LEKTION 6 Vermeiden wir den Überdruss Modewörter sind meistens albern Wer eigentlich hat entschieden. den Elan. erkennen. Auch hartnäckige Nachvollzieher stutzen.« Das. dass Millionen Deutsche nichts mehr verstehen. farbige Wörter im Dutzend niedergewalzt. Bonn 2012 (2) 15 DIE ZEIT . Was wir hundertmal gelesen haben. Wie jede Mode hat sie schöne. Aufmerksamkeit. Dynamik. hat auch keiner von Ihnen erwartet. Herr Bürgermeister. zu dem es einen Plural gar nicht gibt – so wenig wie zu Stolz. sich klarmachen. billigen – sondern es nachvollziehen? Seit etwa zwanzig Jahren hat sich diese Mode durch den deutschen Sprachraum gefressen. einsehen. manche auch noch widersinnig. Gesiegt hat sie sogar über die Einsicht. sondern alles mit machen: Der Gerichtsvollzieher. Könnte er das einleuchtend finden? Vielleicht. 1919 Abb. kapieren. der Strafvollzug sind extrem gefühlsarm. das Engagement. (S. aber handlungsstark. die Tatkraft. und wie jede Mode war sie eines Tages schrecklich alt. Energie. Glück oder Passivität. Eine Aktivität kann aus hundert Aktionen bestehen (die ohnehin meistens gemeint sind) oder sie kann die Haltung des Aktivseins benennen. Viele Modewörter also sind ziemlich albern. Aber »nachvollziehbar« müsste er sagen. und gemeinsam ist ihnen derselbe Nachteil wie den ausgeleierten Redensarten ¤ Lektion 5: Sie verplempern das Kostbarste. 14+15): akg-images/© VG Bild-Kunst.

reine Pendel. missvergnügt murmelnd im Osten herab. DIE ZEIT 16 Abb. wenn sie zur eisigen Winterzeit das Firmament anbrüllen . die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken. dem lebendigen Tänzer voraushabe? »Zuvörderst ein negativer: nämlich dieser.. die Vertracktheit der deutschen Syntax mutwillig zum Äußersten treibend: Hauptsätze von gerade mal acht oder neun Wörtern. Als Michael Kohlhaas beschlossen hatte.. Es geschah vor diesem Hintergrund. »sind alle übrigen Glieder. und er »jauchzte« über seine Macht. berstend vor Kraft. die an Fäden hängt. da sie ihn in den Staub trat.. wie er das für seine Penthesilea selbst in Anspruch nahm: »Sie schlägt. durch sieben Nebensätze mit 14 Kommas mehrstufig zerrissen und zu einem zerschrundenen Satzgebirge aufgetürmt. und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere. geschleudert hatte. tödlich zu verwunden«. Zu Lebzeiten hatte er keinen literarischen Erfolg und wurde kaum aufgeführt. hält das Volk für wahr. zusammenzubrechen. er fühlte sich unverstanden und nahm sich am Ufer des Kleinen Wannsees das Leben r war »von einer gewissen Unbestimmtheit der Rede. die Rüstung ihm vom Leibe reißend. »zuckte mitten durch den Schmerz. Um in den Stand der Unschuld zurückzufallen.. dass Kleist die gewaltigsten und gewaltsamsten Sätze deutscher Prosa meißelte. als habe Kleist sich die Sprache »von der Brust heruntergehustet«. Bei denen nämlich habe das Bewusstsein »Unordnungen in der natürlichen Grazie« angerichtet.« Verknotete. die man vergebens bei dem größesten Teil unserer Tänzer sucht«. wurde als Spion verhaftet. drohten klirrend. die innerliche Zufriedenheit empor. überhastete Sätze. eine vortreffliche Eigenschaft.« Kein Stilmittel. und nachdem es noch einige kraftlose Blitze gegen die Richtung. verfasste Gedichte und gab Zeitschriften (»Phöbus«) heraus. Einen solchen Schrei gibt es keinen zweiten in der deutschen Literatur. Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust. oft zu verstörenden Bildern verdichtet wie dem vom Gesang der wahnsinnigen Brüder in der HEILIGEN CÄCILIE: »So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen. wenn sich die Seele in irgendeinem anderen Punkt befindet als in dem Schwerpunkt der Bewegung. zu Dünsten aufgelöst. was sie sein sollen: tot. 1810 erschienen in seinen BERLINER ABENDBLÄTTERN: Was sei denn der Vorteil. Im FINDLING schreit der Priester dem Mörder die Schrecknisse der Hölle »mit der Lunge der letzten Posaune« entgegen. dunkelschwarz. aber auch historische Dramen wie »Das Käthchen von Heilbronn« und das Lustspiel »Der zerbrochne Krug« sowie die Erzählung »Michael Kohlhaas«. »müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen«. und die Fenster. wo der Dom stand.« In derselben Novelle zieht in die Natur der Friede ein – aber was für einer: »Dabei stand ein Gewitter. dass sie sich niemals zierte. den eine Puppe. Lapidare Sätze wie 1809 in der Ankündigung der GERMANIA (die nie erschien): »Diese Zeitschrift soll der erste Atemzug der deutschen Freiheit sein. sich am Junker von Tronka für dessen Willkür zu rächen. (Ausschnitt): Fine Art Images . von ihrer Lunge sichtbarem Atem getroffen.SPRACHMEISTER (II) HEINRICH VON KLEIST D E R M A S S L O S E E Heinrich von Kleist (1777–1811) quittierte früh den Armeedienst..« Hellsichtig und böse schrieb er in seinem LEHRBUCH DER FRANZÖSISCHEN JOURNALISTIK: »Was man dem Volk dreimal sagt. als ob man Hände voll schweren Sandes gegen ihre Fläche würfe. Denn Ziererei erscheint. mit vergoldeten Rändern. Sein Freund Achim von Arnim schrieb das über ihn. wo er die Gegensätze zum Extremen treiben kann. »seines Feindes Ferse in dem Augenblick. sank es. das Kleist nicht zur Verfügung stand.. bis große dramatische Werke entstanden wie »Amphitryon« und »Penthesilea«. schrieb seine erste Tragödie (»Die Familie Schroffenstein«). Es ist. im Hintergrunde .« Ein Lehrstück graziöser Argumentation finden wir im MARIONETTENTHEATER. seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen«.« Da der Puppenspieler nur diesen Punkt kontrolliere. die sich dem Stammeln nähert«. Kleists Leidenschaft aber bewährt sich dort.

« Für das dritte Ärgernis lieferte die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein Beispiel in der Talksendung von Günther Jauch: »Das Ethische ist in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt worden«. sondern müsse den Wechsel im Ausdruck pflegen. um sie in die Fülle unseres Wortschatzes einzuführen – ihnen beispielsweise nahebringen. ekelhaft.« Dies ist das vernünftige Passiv – die Verbform für Gebrauchsanweisungen also.. das hält den Text lebendig. auch für Gesetzestexte (»Mit Freiheitsentzug nicht unter fünf Jahren wird bestraft. Erstens: Für die meisten konkreten Dinge sind Synonyme einfach nicht vorhanden. 17 DIE ZEIT . das Schlimmste aber: Schon die Suche nach einem Tauschbegriff verletzt das Urvertrauen in die Sprache. aus der Bundesbank die Währungshüter. nur mit »Leiden« hat sie nicht viel zu tun.. Das ist auch zweimal richtig.. Nicht für Tisch zum Beispiel (Vierbeiner wäre zwar korrekt. der könnte ja schweigen. da der Kunde nur um seine Zustimmung zu einer Änderung gebeten werden kann. Das ärgerliche Passiv ist von dreierlei Art.. die mit dem Satz beginnen: »Die Geschäftsbedingungen sind geändert worden« – juristisch die pure Unverschämtheit. die uns nicht zu interessieren brauchen (»Das Museum wird um 10 Uhr geöffnet«). selbstverständlich auch dasselbe sagt – und dass er. dagegen zu ersetzen. bis . Zweites Ärgernis: Viele Berufsschreiber betrachten das Passiv ohne Not als gleichberechtigte Form des Verbums. nur etwas anderes meinen kann. Nicht für Wind. von »Jetzt wird aufgeräumt!« bis »Sie werden hiermit aufgefordert. Es ist richtig. das alle Hörer. aber von wem. wer . Viele sinnverwandte Wörter sind. Oft folgt. leidet selten. hässlich obendrein: »Seitens des Vorstands wird die Herausforderung darin gesehen . der dasselbe meint. das Wort Wahl hundertmal zu hören und zu sagen.«. allerdings. weiß noch keiner.«). ist aber schon für den Hund vergeben). Wer geliebt wird. der lexikalischen Varianz zu unterwerfen. absolut nicht austauschbar: der Hund nicht gegen den Köter. Das unvermeidliche Passiv ist Alltag im Polizeibericht: Ein Mensch ist überfallen worden. zum Zweiten. und schon gar nicht. Verwirrend aber ist es. dass er in der Zeitung als der nadlige Geselle aus den heimischen Wäldern wiederkehrt. wer im Kochbuch liest: »Der Teig wird so lange gerührt. dass man statt widerlich auch mal abstoßend. Und es dient sogar der Einschüchterung. auch die Substantive. Erstes Ärgernis: Es dient dem Befehl. dass Deutschlehrer ihre Schüler das Forschen nach Synonymen lehren. wer gelobt wird. LEKTION 8 Misstrauen wir den Synonymen Nur Deutschlehrer lieben sie Als eine »schwer griechisch klingende Journalistenkrankheit« verspottete die SÜDDEUTSCHE ZEI TUNG jüngst die »Synonymitis«: die verbreitete Vorstellung nämlich. oft unvermeidlich und ziemlich oft ein Ärgernis. Aber viermal ist es falsch. denn Sturm ist mehr und Brise weniger. sprach sie. Aber was sollte dann aus unseren Talkrunden werden. der gleich zwei Rätsel aufgibt: »Das Ethische«. drittens.. in zwei Sätzen nicht zweimal aber zu schreiben. aus der Synonymitis eine vorhersehbare Zwangshandlung: Aus der Polizei werden die Ordnungshüter. wie Journalisten es lieben. Den Radiosprecher. . Fresse und Visage. in der Lyrik so gut wie unbekannt. die tragenden Begriffe eines Textes. Kindern erst spät begreiflich zu machen. Und richtig bleibt es.. ebenso für Personen oder Institutionen. wenn er plötzlich etwas anderes sagt. sondern es durch doch. Verschickt eine deutsche Bank doch wirklich Briefe. und kein Weihnachtsbaum hat je darauf gewartet. albern gleich aus vier Gründen. man dürfe in einem Text nicht mehrfach dasselbe Wort verwenden.DIE WÖRTER LEKTION 7 Warum wir am Passiv leiden Es ist die hässlichste Form des Verbs Die sogenannte Leideform des Verbums ist oft vernünftig.. Goethe ist Goethe – und weder der Dichterfürst noch der Wirkliche Geheime Rat. Das Vierte. jedoch. aus der Wahl wird der Urnengang. der diese Missgeburt über den Sender lassen musste. alle Leser selbstverständlich haben: dass einer.. stört es zu Hause am Wahlabend nicht im Geringsten. das Gesicht nicht gegen Fratze. was ist das genau? Und wer eigentlich soll es verdrängt haben? Wer die Verdränger entweder nicht kennt oder sie nicht identifizieren möchte. obwohl es doch dessen entmenschlichte Variante ist: unanschaulich. abscheulich sagen kann. ohne weitere Erklärung – ein Satz.

DIE ZEIT 18 . das auch für identitätspolitische Zwecke nutzbar gemacht werden kann. nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte. als sie in einem Vortrag sagte: »Die emphatische Standortbezogenheit. Bonn 2012 László Moholy-Nagy: »The Great Railroad«. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst.« Da sind wir baff. wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe. Verfluchung und Befehl – schon damals übertrieben. die Affirmation von Differenz und der dekonstruktivistische Blick. Mathematiker. wenn er annahm. der explizite Traditionen und implizite Selbstverständlichkeiten als von Interessen gesteuert durchleuchtet. muss deshalb auch nicht richtig sein. ob es nicht besser gelingen könnte. das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer. als er den Umsturz des überlieferten Weltbilds durch Kopernikus darlegte? »Kopernikus. war – denkt man an Beschimpfung. enthalten ein sozialrevolutionäres Potenzial. wie Johann Gottfried Herder 1785 schrieb. dass viele Leute – und Deutsche mehr als Engländer und Franzosen – gern alles für erhaben halten.und Wissenschaftsjargons ist die Sprache weithin in die Rolle der Spalterin geschlüpft. Soziologen. und aus der Pubertät haben sie die »adoleszente Identitätsfindung« gemacht.« Viel bewirken jedoch könnte guter Wille in den Geisteswissenschaften. Vielleicht waren sie ja falsch. 1920 (Detail) LEKTION 9 Verachten wir den Wissenschaftsjargon Über Laien schießt er hochnäsig hinweg Dass die Sprache »die große Gesellerin der Menschen« sei. Natürlich: Physiker. das überwältigend Neue lasse sich nicht einfach sagen. Gerade in ihnen aber fehlt er oft. wenn sie behaupten. Ebenso wenn Linguisten von »Linearisierungsoptionen an der Satzperipherie« sprechen oder Pädagogen von den »Neudiskursivierungen des Raumparadigmas«. ihre Einsichten so zu formulieren. Psychologen überhaupt verstanden werden? Oder vertrauen sie darauf. Doch ein etwas größeres Bemühen darum dürfen wir uns wünschen.DIE WÖRTER Abb. Grandios! Nur sollten wir ihnen kein Wort glauben. Aber was wir gar nicht erst verstehen. dass interessierte Laien ihnen folgen können. von ihrer Wissenschaft bliebe nicht genügend übrig. Sigmund Freud zum Beispiel hat ebendies geschafft: umstürzende Einsichten in durchweg elegantem Deutsch. Wollen Philosophen. versuchte. Informatiker haben es schwer. im Zeitalter unseres Technokraten. was sie nicht verstehen? Oder treibt sie gar die Sorge um. Hat nicht selbst Immanuel Kant sich schlicht und farbig ausgedrückt. wenn sie sich verständlich machte? Was dachte sich jene Professorin von der Universität Konstanz.

Hilferufen und Befehlen. knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu. 2009) Ironisch: »Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern. und der Mond schien die ganze Nacht und stand über den Bergen. Lapidar: »Der Herr ist mein Hirte. von der DDR gelenkt und von allen guten Geistern verlassen. Jahrtausende bevor zum ersten Mal ein Satz erklang: »Da schleicht ein Löwe auf uns zu!« Und wiederum Jahrtausende. Was sie leisten können.. ritt dreimal täglich. den elastischen und musikalischen ebenso wie den ärgerlichen und deplatzierten. 1825) »Zudem hatte die Hebamme mich schon abgenabelt. 1762) »Die Dividenden steigen. saß nur eine Viertelstunde an der Tafel. Wir vergessen nichts.« (Lessing an Pastor Goeze. and nobody will come.« (Klage des Oskar Matzerath in der BLECHTROMMEL von Günter Grass. and it won’t work. sind Hauptsätze folglich immer erste Wahl. Wir vergessen keinen. es war nichts mehr zu machen. 1941) In schöner Ruhe: »So lag er nun da allein. wird der Wächter vor der Höhle gerufen haben. Dann bekämpfen sie dich. zu Eckermann. Nobelpreisträger für Wirtschaft. 1961) »I have seen the future. Natürlich: Nicht jeder Satz ist gut. und die Proletarier fallen.« (Psalm 23. Dann hast du gewonnen. wie.« (Karl Philipp Moritz in seinem Roman ANDREAS HARTKNOPF. Hier werden die Hauptsätze gewürdigt: als Grundpfeiler aller Kommunikation.« (Abschiedsgruß der SPD an ihre Ostberliner Genossen nach dem Bau der Mauer. 1959) »Bastian galt als von Moskau bezahlt. und der alte einäugige Pudel begleitete ihn. dafür ein paar klassische Beispiele – krass gemischt.« »Lobet den Herrn und her mit der Munition!« (Der amerikanische Militärgeistliche Howell Forgy beim japanischen Überfall auf Pearl Harbor. exer zierte jeden Tag seine Truppen und kannte nur ein Vergnügen: Europa zittern zu machen. sah. als die urtümlichste und bis heute kraftvollste Form.« (Rosa Luxemburg über die Gewinne der deutschen Rüstungsindustrie. bloß weil er ein Hauptsatz ist. 1915) »Zuerst ignorieren sie dich.« (Voltaire über Karl XII. DER GESELL SCHAFTSVERTRAG. 1778) All dies können Hauptsätze leisten. Für Schreiber.1) »Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. etwas zu sagen. LENZ. um 1835) »Er stand auf.« Von den Chancen (und Tücken!) der Nebensätze später ¤ Lektion 14.DIE SÄTZE LEKTION 10 König der Sätze Der Hauptsatz ist der älteste – und immer erste Wahl Erst lange nach den Wörtern kamen die Sätze.. NEW YORK TIMES. 1731) »Praise the Lord and pass the ammunition. »Löwe!«.« (Der SPIEGEL über den Selbstmord des ehemaligen Bundeswehrgenerals. 1925) »Sometime they’ll give a war. die vielleicht sogar eine Botschaft haben. und alles war ruhig und still und kalt. trank keinen Wein. der . mir wird nichts mangeln.« (Goethe über Byron.« (Mahatma Gandhi über den passiven Widerstand.« (Rousseau. Dann lachen sie dich aus. als alleiniges Satzmodell bei Sprichwörtern. schlug einen messingnen Kamm in sein Haar.« (Georg Büchner. von Schweden. ehe wir uns den Nebensätzen ¤ Lektion 14 widmen. bis der Nebensatz erfunden war: »Ein Löwe. 1936) »Wir danken allen.« (Paul Krugman. Auf ein paar hässliche Formen kommt gleich die Sprache ¤ Lektion 12. die gelesen werden wollen. 19 DIE ZEIT . in der Werbung und in der mündlichen Rede. ob sein Vetter noch schlief – und dann ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu. kleidete sich selbst an.« (Carl Sandburg. 1992) Temporeich: »Er stand früh um 4 auf. als beherrschendes in der Lyrik. Abschrecken wollte ich. Und das wollte ich. über seine Studienreise durch China. sie denken nicht daran und wissen nicht. 1786) In äußerster Rechthaberei: »In diesem Ton schreckt man auch ab.

hielt er entgegen: »Doch konnt’ ich wissen. keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit. für alle Höhenflüge gerüstet – so hat Heine die deutsche Sprache bereichert. und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm als betrübter Zuschauer. Wenn er selber über den Philosophen (und dessen Diener Lampe) schrieb. tänzerisch serviert – dem Vorwurf. Sie hatten sich auch an Schiller gemacht. der ihm im Restaurant lästig fiel: »Er sah aus wie ein Affe.« Die Ironie war sein Lebenselixier: Der Herzog von Nemours »ist ein vorzüglicher Jäger und soll jüngst einen Bären in sehr große Gefahr gebracht haben«. mit allen Wassern gewaschen. Theologen. wenn sie scheiden. Reisefeuilletons und Satiren. dass sie gelauscht. Mag sein. aber dieser war ein ehrlicher Mann und wollte nichts von ihnen wissen. der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute. Von ihm lernen kann jeder.« Dann wieder ein fast zärtlicher Zynismus. was Sozialkritik in diesen Versen? »Der Knecht singt gern ein Freiheitslied. von glühender Liebe berauscht. Von Herzen. Was ist Mitleid. keine Vatergüte. der eine rote Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. leichtsinnig. klang es anders: »Melodisch kann ich wieder klagen Von großem Lieben.SPRACHMEISTER (III) HEINRICH HEINE D E R B R I LL A NTE Z Y N I K E R K arl Kraus mochte ihn nicht. Heinrich Heine (1797–1856) war Kaufmann.« So zog er gegen die »hofmännisch abgeklärte Kanzleisprache« zu Felde. Als seine Schriften zensiert wurden und ihm die Verhaftung drohte. mit der Deutschland Europa erschüttern werde: »Die alten steinernen Götter erheben sich aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen. die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen. in den Spott verliebt. dann las sich das so: »Er hat den Himmel gestürmt. Mit den Sternen droben gesprochen?« Wenn er selber liebte und litt. sagte er. sie elastischer. der die Sprache liebt. gegen den »Packpapierstil« des Immanuel Kant. So in seiner Warnung von 1834 vor einer Revolution. das dem Deutschen von Professoren. Balladen und Lieder.« Oder über die Art. der nackten Bosheit fähig. er habe ein Mädchen mit seinen Liebesschwüren genarrt. wie Goethe sich von den Brüdern Schlegel zum Olympier stilisieren ließ: »Sie bauten ihm einen Altar und räucherten ihm und ließen das Volk vor ihm knien. bevor der in Weimar zum Geheimrat aufstieg. größrem Leiden. Jurist und Journalist. Des abends in der Schenke: Das fördert die Verdauungskraft Und würzet die Getränke. dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können«. habe »der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert. die sich schlecht vertragen Und dennoch brechen. Alle Ladenschwengel also. Und infam konnte er werden – so über einen Handelsvertreter.« Und zum Donnergrollen konnte er die Sprache steigern. Nur hatte Heine damit das Korsett gesprengt. (Ausschnitt): Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung . Als ich. auf nichts festzulegen. Ministerialbeamten und vaterländischen Dichtern verpasst worden war – verwandt darin dem jungen Goethe. fröhlicher. und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr. ging er 1831 als Zeitungskorrespondent nach Paris.« Man muss ihn nicht mögen. Die letzten acht Lebensjahre verbrachte er krank überwiegend im Bett DIE ZEIT 20 Abb. Er schrieb Gedichte. Mit seinem kritisch-polemischen Stil schuf er eine moderne feuilletonistische Prosa. und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen. weltläufiger gemacht. was Zynismus. wie er sie nannte. Leichtfüßig. Heine. böser.

liest sich das (in der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE so: »Jetzt werden Seehelden aus Korsaren (Zeitangabe mit Inversion).« Bürokratenjargon nennen wir dergleichen.. »Den Einkünfteerzielungstatbestand« zum Beispiel »erfüllt derjenige. Deutsch sprechenden Ausländern macht das Mühe. Zuwiderhandlungen werden als unerlaubte Sondernutzung zur Anzeige gebracht.. das sagen wir mitunter. selbst wo wir in lauter Hauptsätzen schreiben. vorzugsweise solche. . 2012 liest sich das auf Abfallkörben an deutschen Autobahnparkplätzen so: »Nur Reiseabfälle. die Inversion.«. der Kunst der Verständlichkeit und der Leserfreundlichkeit des Schreibens widmen möchte. die Engländern und Franzosen nicht zur Verfügung steht: Erschöpft kam er . Nutzanwendung – mit dem Objekt eröffnen dürfen wir einen Satz nur dann. sondern die Beißenden sind.. In Berlin bezog sie . das Objekt also vorn. Ausweg 2: Man verkürze den Hauptsatz und verwandle die hässlichen Nomina dadurch in Verben. wenn er grübelte. entwickelte.. Beamtendeutsch. Doch Behörden und Juristen sind auf den Nominalstil versessen.« Ein solcher Auftakt zieht die Vertauschung von Subjekt und Prädikat nach sich. wie man so schreiben kann. Noch um Mitternacht wollte er . eine Abwechslung in die Satzmelodie. Dann aber kann die Abwandlung des häufigsten Satzbaumodells die reine Wohltat sein. und eine Republik steigt aus Morästen empor« (nun erst das Subjekt). Im Grenzfall – der sogenannten Ausdrucksstellung – dürfen wir einen Satz sogar mit dem Verbum eröffnen: Verloren haben wir wenigstens nicht. wenn uns eine Deklinationsform zur Verfügung steht (den Letzten). so wäre nicht nur das Deutsch drastisch besser. und »angezeigt« wäre sowieso das bessere Deutsch. ist es. Verbieten aber müssen wir uns die Mehrzahl davon: »Die Letzten beißen die Hunde« – das lässt ja die Deutung zu.. zeigte. Und wer sich. Kanzleistil. »Den Anfang machte . die mit -ung enden: Inverkehrbringung und Beampelung in der Straßenverkehrsordnung. die mit Er – Er – Er oder mit Meier tat dies – Müller tat das – Schulze tat jenes beginnen. die anstehenden Probleme zu lösen. bringt Leben in den Text. die sogleich deutlich macht: Hier wird abgewichen von der üblichen Wortstellung Subjekt – Prädikat – Objekt (Der Hund beißt Max). den Satzbeginn zu variieren. verwirklichte. dieses Satzmuster ist eine deutsche Besonderheit und eine höchst erfreuliche dazu.. gequälten Substantive. erfreulicherweise. So viel Beweglichkeit lässt die Grammatik zu – nutzen wir sie! LEKTION 12 Die Krone der Hässlichkeit Bürokraten sind in sie vernarrt Auch in Hauptsätzen lässt sich Unrat produzieren: schwer verständliches. abstoßendes Deutsch – in Formulierungen zumal. dass die Letzten nicht die Gebissenen. Zielerreichung und Kenntniserlangung bis ins Vorstandsdeutsch hinein. der über die Leistungserstellung disponieren kann. sondern vermutlich würde sich auch die Zahl der unerwünschten Sondernutzungen deutlich verringern. überlange Substantive.. dass wir mit einer Umstandsangabe oder einem Adverb einsteigen. Ausweg 1: Man setze Verben an die Stelle der gespreizten. Bei Schiller. dass man einen Nebensatz anhängt (einen von den guten. der wäre noch besser beraten. aus Raubschiffen zieht sich eine Marine zusammen (Umstandsangabe mit Inversion). Die einfachste und eine meist unbedenkliche Art. ¤ Lektion 14). Nicht: »Ich habe deshalb« – sondern: »Deshalb habe ich beschlossen. Also nicht: Unsere Aufgabe ist die Lösung der anstehenden Probleme. Es bringt. einem Großmeister auch der Prosa. Oder mit dem Adjektiv: Schnell bist du nicht gerade gekommen. 21 DIE ZEIT .« Kurios genug: Eine erlaubte Sondernutzung wäre ja für die Einbringung einer Anzeige keine hinlängliche Begründung.. Nichts nämlich langweilt uns beim Lesen schneller als eine Abfolge von Sätzen... auf erkünstelte. dass Leser es verstehen können und es lesen mögen..DIE SÄTZE LEKTION 11 Wörter in Bewegung Wie wir den Satzanfang variieren können »Den Letzten beißen die Hunde«. Dass die Zusammenarbeit eine echte Materialisierung erfuhr (Managerdeutsch).. ließe sich ja so sagen: dass sie sich materialisierte. ist. »deren mehrmalige Verlesung die Zimmerpflanzen zum Verdorren bringt« (wie es in einem STREIFLICHT der SÜD DEUTSCHEN ZEITUNG hieß). Und stünde bei den Reiseabfällen einfach »sonst kriegen Sie Ärger!«. sondern: . »deshalb ich habe« sagen sie zumeist.

der am Fenster sitzt und die Kinder winseln hört. gehören die vorangestellten Attribute: die Beifügungen aus allen Wortarten. wie wir fürchten. sondern eine Pause. das dieses Problem auf Anhieb löst. Der Sender. keine Hauptsache. Keine Handlung mehr. definiert er das Vorurteil? Es ist »eine ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene. Kraftvoll sind auch die sogenannten Modalsätze: Nebensätze. die die Mittel.« 20 Wörter zur näheren Bestimmungen einer unbekannten Sache. der Duden selber verwendet sie. erschuf Gott den Nebensatz: Er sah. willkommene – und ärgerliche auch. eine Erläuterung: Das ist die klassische Funktion eines angemessenen Nebensatzes. die sich im Hauptsatz vollzieht: »Sie ging an mir vorbei. muss fühlen«.. zum Beispiel. die Umstände jener Handlung benennen.. Liest er also zurück? Ja. Eine Meinung. als wäre ich Luft. in sieben Hauptsätzen vollzogen.« Der typische angemessene Nebensatz ist der achte Satz des ALTEN TESTAMENTS. meist von feindseligen Gefühlen gegen jemand oder etwas geprägte Meinung«.« Was für ein schönes. 23 (Ausschnitt): Sammlung Rauch/Interfoto . was die Grammatik uns erlaubt. Kraftvoll sind die... dass es eine ist.. wie wir’s von ihnen glaubten.« Doch mit erhabener Gleichgültigkeit gegenüber dem Leser (oder mit perversem Stolz auf die souveräne Beherrschung eines grammatisch abgesegneten Unfugs) zelebrieren viele Berufsschreiber das Unzumutbare. Bei Matthias Claudius: »Der Mann ohne die Frau ist ein alter Junggeselle. was er alles über sie gelesen hat? Natürlich nicht. Die letzte Spielart ist die häufigste. die er hätte haben können. die in der Grammatik zwar Nebensätze heißen.« (Fortsetzung auf Seite 24) DIE ZEIT 22 Foto. noch. die . wenn er wirklich interessiert ist. angemessene. Der Schreiber nennt erst die Sache oder die Person – und dann ihre Eigenschaften: »Ein Vorurteil ist eine Meinung. »dass das Licht gut war«.« Sigmund Freud schrieb 1915 in einem Brief an Albert Einstein: Die schmerzliche Enttäuschung »über das unkulturelle Benehmen unserer Weltmitbürger« habe auf einer Illusion beruht: »In Wahrheit sind sie nicht so tief gesunken. Aber mit ein paar großartigen Exemplaren fangen wir an.. nicht einmal ein Gedächtniskünstler würde das schaffen. S. die . wie er in der Linguistik heißt. schlüssiges. weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren. angenehm zu lesendes Satzmodell. aha! Nach nicht weniger als 18 Wörtern zur näheren Bestimmung erfährt der Leser. und dies bis zur Lächerlichkeit. Besser: »Eine Kritik. Klarheit schaffendes Instrument kann er sein. In einer renommierten deutschen Zeitung so: »Die fast ausschließlich ästhetisch argumentierende und ob der Koproduktion von naturgemäß hehrem Kino und selbstredend unfeinem Fernsehen pikiert die Nase rümpfende Kritik . dass die Nachbarn . die die Wirkung der anderen Satzhälfte beschreiben. die wir in beliebiger Menge zwischen Artikel und Substantiv schieben dürfen. ¤ Lektion 14 LEKTION 14 Die schöne heikle Nebensache Wie wir mit Nebensätzen umgehen sollten Es gibt kraftvolle Nebensätze.DIE SÄTZE LEKTION 13 Nur für Gedächtniskünstler Die vermaledeiten vorangestellten Attribute Zum Schlimmsten.« Konsekutivsätze heißen diese Sätze.. sonst vielleicht als einer unter hundert. oder: »Er schrie so laut. der angehängte Nebensatz! Er ist es nicht immer. Weiß er. Ihre Häufung markiert einen Tiefpunkt der Verständigung und wird doch unter Sprachfreunden selten beklagt – ja.. hat also den Empfänger entweder geärgert oder vollkommen an ihm vorbeigeschrieben. die dem Leser gleichsam auf dem Gnadenwege doch noch übermittelt wird. nach Logik und Gewicht aber die andere Hälfte eines Hauptsatzes bilden: »Wer nicht hören will. Nach den Schöpfungsakten des ersten Tages. Wie. Und dies ohne jede Not! Es gibt ein so einfaches. bei »Meinung« angekommen.

.« Nicht nur in den rauschhaften Eruptionen der Sprache – auch in kargen Sätzen war Nietzsche Meister. der Zwischentöne. Er kritisierte die traditionellen Moralvorstellungen und wurde zum Wortführer des aufkommenden Nihilismus in Europa.« Doch er zog die Entzückungen der großen Prosa vor: »Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer. eine Folterstätte. der sich.. ungeduldig selbst zerriss. auf jede heitere Musik hinhorchen . Lebensjahr geben mir Gelehrte der Basler Universität in aller Gutmütigkeit zu verstehen. dieser unheimlichsten und interessantesten Pflanze unserer irdischen Vegetation. das man ›zähmen‹ will. dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund stoßende Tier. notierte er 1887. die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten . nicht eine Betrügerei!« Noch aus seinen Briefen vor dem Zusammenbruch im Januar 1889 leuchten Sätze hervor wie der Hymnus »Singe mir ein neues Lied! Die Welt ist verklärt. mit diesem Glück Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne! Und nur um diesen Preis kauft man die kostbarste Muschel. der Kapriolen. wo der große Befreier über mich kam: jener Gedanke. warum man mich nicht lese«.« (Was er damit begründen wollte. später in Italien und Jena. dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht.. sein Zustand wäre! Aber . dem Feuerwerk der Ideen. begehrenswerter und geheimnisvoller – von jenem Tage an. wie er ihn seinen Zarathustra fordern ließ: »Sprüche sollen Gipfel sein. die literarische Form meiner Schriften sei der Grund. und alle Himmel freuen sich. verwegenen Seele genießen. schamhaft.« Das war er. mitleidig. Zu seinen Haupt werken zählen »Also sprach Zarathustra«. wie Walter Jens ihn nannte. »Was wollt ihr eigentlich Neues? – Wir wollen nicht mehr die Ursachen zu Sünden und die Folgen zu Henkern machen«.SPRACHMEISTER (IV) FRIEDRICH NIETZSCHE D E R V I R T U OS E H at man bemerkt. spöttisch. für Gottfried Benn »seit Luther das größte deutsche Sprachgenie«. die ihm den Weltruhm eintrug. schrieb er ein Vierteljahr vor dem Ende – »ich sollte es anders machen. eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte. den er an seinen väterlichen Freund Jacob Burckhardt richtete: »Da ich verurteilt bin.« Leser fand er zu Lebzeiten wenige..« Als der große Psychologe der Moral schrieb er so: »Der Mensch..) Also vielleicht doch ein interessanter Mensch im Himmel? Jedenfalls einer.. Ja. Er lebte von 1869 an in der Schweiz. »Der Antichrist« und »Ecce homo« 23 DIE ZEIT . »Vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: Es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm. annagte. immer zum Äußersten bereit wie zu einem Feste und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren. Die Luft dünn und rein.« Und im letzten Brief. und im Jahr danach: »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. verführerisch.« Aufregender aber Nietzsches andere Sprache: die mit der Üppigkeit der Farben und der Klänge.. verheißend. dem Burckhardt nachrief: »Nietzsche hat die Freiheit in der Welt vermehrt. welche die Wellen des Daseins bisher ans Ufer gespült haben. »der Virtuose ohnegleichen«. dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte. »Zur Genealogie der Moral«. und im tiefsten Genusse des Augenblicks überwältigt werden von Tränen und von der ganzen purpurnen Schwermut des Glücklichen: Wer möchte nicht. verfolgte. der aus sich selbst ein Abenteuer. das Leben ist ein Weib!« Alles Glück aber ist ein Risiko: »Einer starken. 1889 erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und war fortan arbeitsunfähig. misshandelte. zog er die Summe seiner Lehre. Menschen und Göttern. kühnen. »Noch in meinem 45. dass das alles gerade sein Besitz. dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangene wurde der Erfinder des ›schlechten Gewissens‹ . aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen.« Friedrich Nietzsche (1844–1900) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen.. mit ruhigem Auge und festem Schritt durch das Leben gehen. und Thomas Mann resümierte: »Goethe und Nietzsche führten die deutsche Sprache zur Vollendung. nicht ein Verhängnis. eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr. die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit.. dass im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?«. widerstrebend. Das war der Stil. Mutter und Schwester pflegten ihn bis zu seinem frühen Tod. aufstörte. erfahren wir nicht mehr.

Ein spärlicher Hauptsatz wird in einem Sumpf von Nebensätzen ersäuft – ein beliebtes Modell in Wirtschaft. dass das Nachbarhaus in Flammen stand«) – oder eine gleichberechtigte zweite Hauptsache: »Zehn Jahre lang führten die Firma zwei Brüder. Wissenschaft und Feuilleton. wenn sie den Satz von zwei Missbräuchen befreien: den Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den gehäuft vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13.« – nun folgt der Hauptsatz. dies mit menschlicher. was Meyer betonte – wird in einen Bandwurm von Nebensatz geschoben. In freier Rede ist das fast unbekannt. technischer Hilfe Lügen zu strafen. deren Handicap beim Verstehen des Kosmos größer ist als seines. »eine Phrase in die andere ge- leimt«. die heute zerstritten sind« – statt: »und heute sind sie zerstritten«. Autor: vermutlich stolz. dem man einen frühen Tod geweissagt hatte und dem es gelang. hängt der Schreiber sogleich einen Nebensatz von 15 Wörtern an. eine Handlung – oder gar die Hauptsache (»Ich entdeckte. die Niederlagenstimmung der Physik überwinden half. Simultandolmetscher: Aus dem Deutschen zu übersetzen ist wahrlich eine Katastrophe. die keinen Bezug zur Hauptsache hat – ein Klassiker in Geburtstagswürdigungen. und schön gesagt ist es sowieso. Paul Klee: »Villa R«. und alles Wichtige – nämlich das. Leser: weg. nach Schopenhauer. 3. (Ausschnitt): akg-images DIE ZEIT 24 ..« Relation Hauptsatz : Nebensatz – 6 : 53.«– über so viel Hauptsatz offenbar erschrocken. welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist« (Joseph Roth) – das geht noch. und schriftlich hat man damit. Sie sind länger als der Hauptsatz. Beispiel von 2012 aus einer renommierten deutschen Zeitung: Der Satz beginnt mit einem vorangestellten Nebensatz von 9 Wörtern.« damit ist der Hauptsatz beendet. durch einen eingeschobenen Unternebensatz von 10 Wörtern verschönert – »dass derselbe Mann Leuten. BUCH MOSE. Sie enthalten. 6 Wörter lang. Der Nebensatz wird in den Hauptsatz hineingezwängt: Der Schreiber unterbricht den eigenen Textfluss durch die Abfolge A1 – B – A2. seit es eine eigene Kunstform geworden ist. An den Hauptsatz ist eine Nebensache angekleistert.« 4. »Meyer betonte. der fließend Chinesisch spricht.DIE SÄTZE (Fortsetzung von Seite 22) Willkommen sind Nebensätze.« Meist sollte man es bleiben lassen. 5. wenn der Autor ein Detail noch unterbringen möchte: »In der Rolle des Hamlet brillierte wie immer Max Meyer.. immer höhere Anforderungen gestellt. »Sie glauben gar nicht. . 2. dass er auf dem Hochseil der Grammatik Pirouetten drehen kann. in den ein Unterunternebensatz von 8 Wörtern eingeschoben ist: »Dass ein Mann. Die ärgerlichen Nebensätze sind von fünferlei Art: 1. mit Büchern wie EINE KURZE GESCHICHTE DER ZEIT zu Hilfe kam. Aber Zeitungen und erst recht Protokolle schmücken sich gern mit der Relation 2 : 50. anders als im 1. das Verhältnis ist 4 : 9. Das kann man meistern wie Siegfried Kracauer: »An das Nichtmalenkönnen werden. im Gewirr der Wörter nicht ganz leicht zu finden – »ist so erfreulich wie die Tatsache. 1919 (Detail) Abb. in den ein Unternebensatz von 11 Wörtern eingeschoben ist.

ich möchte . weil gar nicht die Länge eines Satzes über seine Verstehbarkeit und seine Kraft entscheidet.« Für unsern Alltag gilt. sondern die Frage. ich habe meinem Vater geholfen).. »Freundschaft.. ganz richtig ist sie nicht.« Was hier fehlt.« Das war 1968. Erstens.. Sie beherrschen sollte auch heißen: sie zähmen können. wenigstens als Faustregel in Ehren zu halten.. nicht Thomas Bernhard. Sie gilt ebenso für den Abstand zwischen Subjekt und Prädikat. diese dreie hört’ ich preisen. und auch muttersprachliche Leser scheucht sie häufig aus dem Text: dass wir die Teile eines zweiteiligen Verbums (ich werde .. warum die Liebe eine Verirrung. die erst den Sinn stiftet.und ich pries und suchte sie. in Anschluss an . sowie die Bedeutung von .. Stein der Weisen.DIE SÄTZE LEKTION 15 Wie lang darf ein Satz sein? So lang. Vorwärtstreibend schrieben sie: Wie Schiller in der GESCHICHTE DES AB FALLS DER NIEDERLANDE: »Die Mannschaft war zahlreich. und auch in der Prosa sollten wir uns dem zu nähern versuchen. in beliebigem Abstand nachhinken lassen dürfen. wie ihn unser Atem trägt Höchstens 15 oder 20 Wörter! So lautet eine Faustregel.« Simpel. So zum Beispiel: »Mittels modernster InternetTechnologie werden in dem Magazin die Megatrends der Zukunft angesprochen.. Deshalb bestehe ich auf einem drückenden Himmel. nicht Thomas Mann.« Wie Siegfried Lenz in der DEUTSCHSTUN DE: »Ich erzähle keine beliebige Geschichte. die Deutsch lernende Ausländer zur Verzweiflung treibt. also leserfreundlich wäre – und zum Zweiten die Kenntnis der Grundeinsicht einer exakten Wissenschaft. die für die Forschung ein Gesetz sind. ein Vogelzug formiert sich. Im Deutschen steht dem eine Tücke der Grammatik entgegen. kommen. weil auch kurze Sätze hässlich sein können (»Vor dem Verzehr vor dem Essen wird gewarnt«). In seiner META PHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE häuft er zwischen zwei Punkten 16 Gründe. Kurios nur: Die meisten großen Autoren deutscher Sprache – nicht Kleist.. mit welcher Gleichgültigkeit gegen den Leser viele Schreiber zu Werke gehen. die unverkrampft und ans Mündliche angelehnt. Pervertierung der deutschen Grammatik. ja »ein feindseliger Dämon« sei – mit dem Fazit: »Es handelt sich ja bloß darum.. denn was beliebig ist. nicht vollgestopft mit vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. temporeich und von Heinrich Heine. »der sich vor dem Hintergrund einer . machen) nicht beisammen lassen müssen (I have helped my father. aber die meisten Berufsschreiber. die Fähigkeit also. ja die zweite Hälfte des Verbums. verpflichtet zu nichts. vorwärtstreibend. ist zum Ersten jeder Instinkt für eine Ausdrucksweise. berechnet für eine diffuse Leserschaft. zwei Wörter als zusammengehörig zu erkennen.Vernünftig ist sie insofern. das Moor kocht seine blasige Suppe. die in Redaktionen und Stilfibeln gilt. ein wachsender Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und die Kohlendioxyd-Problematik angesprochen. Wir haben also allen Grund. aber ach: Ich fand sie nie. Einer der übermütigsten Sätze deutscher Sprache besteht aus sage und schreibe 187 Wörtern und ist von Schopenhauer. auch die Deutschlehrer ignorieren sie): Die Speicherkapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses. Sie wird vorgestellt als ein Begriff der Kulturwissenschaft. die 7 Wörter. ebenso wie für die Poesie: Fettfrei sollten die Sätze sein. ob er schlank und überschaubar ist.. (und nach 63 Wörtern) entwickelt hat«. um 27 Wörter zum Beispiel in einem Geschäftsbericht von 2012: »In dem Magazin werden mittels modernster Internet-Technologie die Megatrends der Zukunft wie beispielsweise eine steigende Anzahl von Herz-Kreislauf-Krankheiten. doch die meisten eben – haben sich vor aller Wissenschaft instinktsicher genau so verhalten.. als sie ein verschachteltes Satzgebilde etwa von 40 Wörtern – Alltag im Amtsdeutsch – zuverlässig verhindert. das Schilf rauscht. wie es die zwei Teile eines Verbums sind – sie endet bei 6 bis 7 Wörtern.. ich lasse uns arbeiten unter den Geräuschen einer gemäßigten Brandung. das ist eine grobe Zahl. Liebe.. für die Antwort auf die Frage also: Wer tut was? Und es ist kaum zu fassen. im Hinblick auf ... und seitdem hat sich das Textangebot mithilfe des Internets vervielfacht. zu einem Schlüsselbegriff der Diskussionen um . die Bereitschaft zu geruhsamem Lesen aber im Gleichschritt vermindert. auf verschleierter Luft und schwacher Sonne.. der Verständlichkeitsforschung (niemand bestreitet sie. beispielsweise . zweitens.« Natürlich: 7 Wörter. dass jeder Hans seine Grete finde. Da will uns die BROCKHAUS ENZYKLOPÄ DIE von 2006 die »Erinnerungskultur« definieren. 25 DIE ZEIT . fest ihr Vertrauen auf Entsatz und ihr Hass gegen die katholische Religion aufs Äußerste gestiegen. nicht behängt mit den Girlanden eingeschobener Nebensätze ¤ Lektion 14. ihr Mut verzweifelt.

aus einer Fülle von Aspekten einen Brei anzurühren kann bis zur völligen Zerstörung des Kommunikationszwecks führen – wie im BROCKHAUS unter »Fremdenfeindlichkeit«. Bewerbungen sind die ohnehin das ideale Maß. ist grotesk: Nun folgen sie doch.. man muss lesen. Dies zu unterlassen. Der Punkt gibt das gegenteilige Signal: Ein Gedanke ist offenbar abgeschlossen. ist auch danach. sie erkennbar zu gliedern: zwei zum Beispiel durch ein »zwar . »Contra« und »Conclusio« – über die 1984 aktuelle Frage »Soll es Soldatinnen geben?« zum Beispiel so: Pro: Gleichberechtigung. was durchs Internet geistert. einen Text zu lesen. ersäuft in einem Sumpf von 42 Wörtern.. schrie sie« – als ob wir nicht ein Schreizeichen hätten. Sieben Satzzeichen haben wir. dem Leser schon am Anfang des Satzes das Signal zu geben: »Hebe die Stimme!« Denn in beiden Fällen tun wir das. die Gedanken.. auch die Satzzeichen. der tut gut daran. was meinen Leser animieren könnte. die schwindende Bindekraft der herkömmlichen Parteien und politischen Lager und nicht zuletzt mangelnde politische Steuerung oder die mehr oder weniger bewusste Manipulation von F. haben sich dem Gegenteil verschrieben: Punkte sonder Zahl. hole Luft. natürlich. sich die Mühe des Denkens vor dem Schreiben zu ersparen. Sogar das Semikolon sei empfohlen: »Ich habe es satt. die Textblöcke nachträglich neu zu gruppieren. LEKTION 17 Gliedern kann nicht schaden Erst denken.« Aber das wäre eine Allerweltsbehauptung gewesen. auch schläfrige Leser aufzuwecken! Ja. Kommentare. damit der Leser Ihren Punkt nicht als Einladung zum Aufhören benutzt. Deutsche Schreiber. drei. aber«. Zu wenig Bildung.« Einladung an alle Schreiber. dem Sechsfachen unseres Aufnahmevermögens ¤ Lektion 15. und es führt zu nichts. Contra: Aber für diesen Fall ist sie im Grundgesetz eben nicht vorgesehen. hat neben seinen Vorzügen einen Nachteil: die Versuchung. dann schreiben Wer einem anderen schriftlich mehr als einen Gedanken übermitteln will (zwei oder drei etwa. und das ehrt ihn ja). geeignet. zumal der jüngeren Generation. unwillkürlich auch beim stummen Lesen. sollte jeder Schreiber den Punkt als Problem erkennen: Habe ich schon etwas gesagt. ein Beispiel: »Dafür sprechen drei Gründe. nicht nur die Wörter. jedenfalls das Nichtzuendelesen in der Zeitung. So viel Überschaubarkeit bleibt vorbildlich. ob Sie schon genug gesagt haben.DIE SÄTZE LEKTION 16 Mit Satzzeichen Musik machen Es gibt mehr als Punkt und Komma »Irme yo con él más? Mal año!« Ein muchacho ruft das in DON QUIJOTE: »Ich noch mit ihm gehen? O weh!« Mit den doppelt gesetzten Frage. »So nicht. die anderen fünf Satzzeichen am besten überhaupt nicht mehr. mir sein Interesse zu gönnen. Hätte die Fülle der Gründe nicht nach einem Doppelpunkt gerufen mit vier Sätzen dahinter – oder nach Spiegelstrichen? Einem optischen Zwang zur Gliederung unterwarf sich einst Rudolf Walter Leonhardt in der ZEIT: Seine Kommentare waren gegliedert in »Pro«. Kommas nach Gusto. auch über diese kleine Zäsur hinweg? Rousseau hätte seinen GESELLSCHAFTS VERTRAG natürlich so eröffnen können: »Der Mensch ist frei geboren. die drei Gründe! Jeder Leser würde das im Augenwinkel spüren und so durch den Text gezogen werden. Conclusio: Die Forderung nach Soldatinnen überschreite »die schmale Grenze zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei«. indem er sie auf drei Absätze verteilt – für Briefe. zur jeweils eigenen Interessendurchsetzung« genannt. Wer fünf davon ignoriert. dessen Schreiber offensichtlich nachgedacht hat. bevor er ihn in die Schreibmaschine hämmerte? Dass es mit dem Computer dramatisch viel einfacher geworden ist. Und so setzte er den Punkt erst. senke die Stimme. ist entweder schlecht beraten oder an Lesern nicht ernstlich interessiert. pluralistischen Gesellschaft. auch wenn sie sich nicht in Zwischenüberschriften mitteilt. Da das Nichtweiterlesen. nachdem er eine Spannung aufgebaut hatte: ». den die Grammatik eben hier vorsieht. ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. die Menschen zu durchschauen. die sich Leser wünschen: Messen Sie an diesem Beispiel. Vieles.« Den Doppelpunkt zu unterschlagen. es ist so leicht. Ist es nicht eine Wohltat.. auf dem Bildschirm und bei unverlangten Briefen das statistische Normalverhalten ist. DIE ZEIT 26 . Bindekraft und Steuerung und dazu Manipulation: vier Gründe also.und Ausrufezeichen zeigt uns das Spanische: So wichtig kann man es finden. nicht speziell für diesen Satz) den Nobelpreis bekommen. um die Melodie der mündlichen Rede in den geschriebenen Text zu holen.« Der Strichpunkt gibt das Signal: Hole kurz Atem – aber zu Ende ist mein Gedanke nicht! Elias Canetti hat (zugegeben. Zu deren Erklärung werden »mangelnde politische Bildung in Bezug auf Toleranz und Zusammenleben in einer offenen.

schien ihm fast egal. gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen.« Moderner schon in ANNA KARENINA: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich. der er emsig Kinder machte. als er seinen Bestseller von 1960 (ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN) mit dem Satz eröffnete: »Wir Deutschen.« Und einen wirklich hübschen Einfall hatte Johannes Mario Simmel. »You never get a second chance to make a first impression«. und gedruckte Briefe. Je. Er hieß Ferdinand Vicomte de Lesseps. später irgendwo mit dem Lesen aufzuhören. Prospekte.M. Genua und Lucca sind weiter nichts als Apanagegüter der Familie Bonaparte. wenn selbst Bücher so beginnen. das die Praxis erprobt und die Wissenschaft ermittelt hat. Lotterie-Einnehmer. die meisten aber wären neugierig auf die Fortsetzung. gelesenen 350 Zeichen fällt die Entscheidung – ein durchschnittliches Leseverhalten. was Brüssel in seiner Kompetenzgier nicht regeln will. Hochstapler. Ritter des päpstlichen Ordens vom Goldenen Sporn und Geheimagent der venezianischen Inquisition. können ein Wirtschaftswunder machen. den Düwel ook. und ob er verführte oder bezahlte.« Schon ist der Text seriös geworden. unglücklich ist jede auf ihre eigene Art. In zwei Porträts historischer Figuren zum Beispiel so – in der Zeitschrift P. müssen wir mit unseren Kunden umgehen: In jedem Brief.« Schön. c’est la question.DIE HOHE SCHULE LEKTION 18 Die Kunst des Anfangs Nach 20 Sekunden ist alles vorbei Alle Zuwendung an den Leser lässt sich mit einem einzigen Satz zunichtemachen: dem ersten – wenn er abstoßend oder zum Gähnen ist. Korruption und massenhaftem Sterben – geschrieben von einem der begabtesten Traumtänzer der Weltgeschichte.: »Dies ist ein Drama aus Tollkühnheit. heißt ein Leitspruch amerikanischer Journalisten. Wie man dem entgegenwirken kann. aber keinen Salat. Bevor gezeugt wurde. neigt freilich immer noch dazu. Amerikanische Firmen rüsten sich dafür mit dem Bild vom elevator check: Der kleine Angestellte trifft im Fahrstuhl den großen Chef und hat nun realistisch geschätzte 20 Sekunden Zeit. Inhaltslosigkeit oder drei asiatische Eigennamen). Kruzifixe« – darf ein Zeitungsartikel so beginnen. heißt die Nutzanwendung. obwohl sie den Paukenschlag weniger nötig haben. und etwas Kostbares hat er gewonnen: Aufmerksamkeit! Dafür hat er keinen zweiten Anlauf frei. Kondome. und sie haben recht. davon gleich mehr. Prospekt müssen sie binnen 350 Zeichen erfahren haben. was wir bieten und warum sie weiterlesen sollen. um sich oder sein Anliegen bei ihm interessant zu machen. liebe Kitty. Für alle kürzeren Texte gilt: Schreckt der erste Satz wenigstens nicht ab (durch Kopfgeburten der Grammatik. ¤ Lektion 19 und 20 DIE ZEIT 28 . zwölf an der Zahl. und sie stand im selben ersten Satz: »– es gibt nichts. Zwei Päpste und eine Kaiserin empfingen ihn.« Oder in den BUDDENBROOKS: »Was ist das? Was – ist – das. mon prince.« (408 Zeichen) Wer so zunächst gewonnen ist. fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Falschspieler.« (351 Zeichen) Oder ein Porträt des Casanova in der WELTWOCHE: »Er war Doktor beider Rechte. und würde man ihn ausgerechnet in der FAZ vermuten? Einige Leser wären angewidert. Genau so. die drei Könige gar nicht gerechnet. Bücherleser sind meist geduldiger und mit einem Satz noch nicht zu verscheuchen – wohl aber kaum animiert. wenn sie in KRIEG UND FRIEDEN als Erstes lesen müssen: »Eh bien.« Grandios in Kafkas VERWANDLUNG: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte.« Frech im BUTT von Günter Grass: »Ilsebill salzte nach. Bewerber mindern ihre Chancen. Zeitungsleser hüpfen dann rasch zum nächsten Text. »Käse. Angebot. sonnte sich im Weltruhm als Erbauer des Suezkanals und heiratete mit 65 eine 20-jährige üppige Schönheit aus Martinique. das Weiterlesen zu erlisten. Meist erst nach gehörten 20 Sekunden. so bleibt dem Schreiber eine Chance. viele irritiert. Mit Friedrich dem Großen schlenderte er durch den Park von Sanssouci. Vom Sex war er besessen. Und wirklich: Mit 350 Zeichen lässt sich viel erzählen. Angebote sind schon zum Papierkorb unterwegs.

. kranken Leibes. »Silvester«. Überraschung. seinen Freund und späteren Herausgeber – eine klassische Einladung an alle.« Foto (Ausschnitt): Fototeca/Leemage 29 DIE ZEIT . es beim Schreiben ebenso zu halten. und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt.. Nichtschlafen heißt ja fragen. Kafkas Wortschatz war unauffällig. mich zu verkühlen. solange es Dir keinen übergroßen Schaden bringt. wenn man früh aufwacht. schrieb er an Felice. an der er mit 40 Jahren starb. Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. Sein Freund. nämlich ein Grab mit ein paar welken Blumen. dass Kafka »der heimliche König der deutschen Prosa« wurde (so Hermann Hesse) und dass sein Werk im 20. in dem er aufwuchs. indem ich aufgestanden bin und dem Neuen Jahr die Stehlampe entgegengehalten habe. wollte ich sterben. »habe ich gefeiert. ehe es sich von mir niederschreiben lässt.« Milena aber. während Du doch nur ein Zimmer brauchst.. Ewig wollte man fragen. in den Werken ebenso. käme ich sofort in die Gefahr. dass nur die Dicken vertrauenswürdig sind? Nur in diesen starkwandigen Gefäßen wird alles zu Ende gekocht. fragt man und weiß nicht was.. hätte man die Antwort... schliefe man . gab posthum die zumeist unvollendeten Romane heraus edes Wort. Seine Schreibweise ist von einer Lakonie. in Wien zu besuchen. glaubt man. mein liebstes Mädchen. offen quer über den Teppich zu laufen«. ausgedrückt in einem verblüffenden Bild vor einem Hintergrund von Angst – in jener Mischung also. dem tschechisch-jüdischen Milieu. immer Farbe. hat nichts Grünes gefunden und schlüpft nun wieder in die dunkle Arche. schrieb er an Max Brod: »Manchmal scheint es mir. mit der er zweimal verlobt war. niemals ein abstraktes Wort. wenn ich höre. Manchmal. dass Du mich liebst«. und wisse. an der ganzen Unheimlichkeit der Welt. einen Augenblick lang schien es mir unverständlich. offen. die ihn nur deswegen faszinierten.. bleibe mir treu. Wenn ich hinauskriechen würde. die Verheiratete. Man ist eben als biblische Taube ausgeschickt worden. nur diese Kapitalisten des Luftraums sind . Die Welt ist nicht geheizt. und an der hoffnungslosen Liebe. Kraft – ob in der Liebe. die die Sprache lieben.« Das schrieb Franz Kafka an Max Brod. ›So geht es nicht weiter‹. abgetrotzt. weil seine Brieffreundin Milena dort wohnte: »Ich sah heute einen Plan von Wien. sieht sich zuerst nach allen Seiten um.« Überwältigend naiv reduzierte er eine Riesenstadt auf die paar Quadratmeter. hat das Gehirn gesagt.. zum Aufnehmen bereit . »der man höchstens einmal im Jahr erlauben kann. sein Satzbau unprätentiös. zu helfen. die düster und unheilvoll den gesellschaftlich entwurzelten Menschen beschreibt. Bilder. das hieße: Er würde nur die Maus sein.« Bildhaft tastete Kafka sich auch an das Unsagbare heran: »Wenn man schlecht geschlafen hat.« Und: »Gute Nacht. niemals eine akademische Floskel. In allen Briefen. »aber wenn ich es nicht hören sollte. in der Verzweiflung oder im Galgenhumor. denn im Norden wärmen sie und im Süden geben sie Schatten. so schwer wie warm. der ihn verachtete. Feurigeres kann niemand im Glase haben.« Über seine Magerkeit (an Milena wieder): »Wissen Sie denn nicht. das Du in Deinem Zimmer hast. geschützt vor Sorgen und Wahnsinn . dass man eine so große Stadt aufgebaut hat. Er war Jurist und Versicherungsbeamter und litt die letzten sieben Lebensjahre an den Folgen einer Kehlkopftuberkulose.. die Wahrheit sei knapp neben dem Bett. »Ich erschrecke. die dazu beitrug. dass ich Dir angehöre wie ein beliebiges Ding.« Während die Tuberkulose voranschritt. Jahrhundert der großartigste Beitrag der deutschen Sprache zur Weltliteratur war.. der Stoff seiner Briefe vor allem das Leiden: an seinem vierschrötigen Vater. und sie allein sind als eigentliche Erdenbürger auf der ganzen Erde verwendbar.SPRACHMEISTER (V) FRANZ KAFKA D E R H E I M LI C H E KÖ N I G J Franz Kafka (1883–1924) wurde in Prag geboren und entstammt einer bürgerlichen jüdischen Familie. der Schriftsteller Max Brod.« In einem Brief an die Schwester aus dem Sanatorium zog er Bilanz: »Die Anstalt ist für mich wie ein Federbett. Er veröffentlichte nur einige wenige Erzählungen. schrieb er aus dem Sanatorium an seine Schwester Ottla. neben – viele sagen: vor – Thomas Mann. am Gefängnis seines mageren..

« Intellektuelle lieben sie. Journalisten erfinden in jedem Winter die »Kältewelle«. nur noch aus Winken bestand. es müsse sich dabei um eine gigantische Inszenierung handeln. ließen den Herrn Fajngold zurück.« Zum Schluss die Frage: Wie könnte man am farbigsten den Weltuntergang beschreiben? Am 21. die Todesopfer »fordert«. Neben vielen anderen Irrtümern erliegen sie vermutlich auch diesem: Sie meinen.« Oder einst von dem Wiener Feuilletonisten Anton Kuh. der mit dem Unterschied zwischen Mozart und Mozartkugeln zusammenhängt. mit rötlich wehendem Haar immer kleiner wurde.« Und nicht aus warmen Worten – aus Bildern steigt die Wärme auf. wie Karl Kraus: »Nachts am Schreibtisch«. den er sucht. Bilder sind gut und verblüffende Bilder noch besser. und tatsächlich: Etliche Menschen rüsten sich dafür. »einen eiskalten Leser zu wärmen. trat. was unsereiner so schreibt. den neuen Chef der Deutschen Bank: »Er beantwortet Mails so schnell. als er kürzlich Anshu Jain porträtierte. schrieb er.« Zynisch hat das über sich selbst Rudolf Bing gesagt. wäre nicht nur die schlichtere. Alle Wärme muss sich im Text finden. Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein antwortete auf die Frage »Was ist eigentlich Kultur?«: »Ich habe einen Verdacht. Bedeutung wirken inzwischen vergleichsweise frisch. Herr Fajngold stand mit dünnem rötlich wehendem Haar unter uns auf den Gleisen.« Ungebremst böse Walter Benjamin: »Echte Polemik nimmt ein Buch sich so vor. dann fünf einsilbige Wörter – das gibt ein Bild: So macht man das. »würde ich die Anwesenheit einer Frau störender finden als die Anwesenheit eines Germanisten im Schlafzimmer. Wie in dieser klassischen Passage aus der BLECHTROMMEL: »Wir kamen in den viertletzten Wagen. aus dem Überdruss an ihm ist die spöttische Abwandlung entstanden: »Auch Eisberge kochen nur mit Wasser. Sogar von hässlichen Bildern sind wir umstellt wie in der Redensart »Alles in Butter«: Sie lebt geradezu davon. und wir fuhren. Dezember dieses Jahres soll die Welt ja mal wieder untergehen. der auch richtig und ordnungsgemäß. sondern auch die prallere Ausdrucksweise. dass man sich diese Scheußlichkeit nicht ausmalt.« nach einem besonders gut versteckten Osterei«. Eher aber könnte der Apostel Paulus recht gehabt haben.« Mit dramatischer Wucht in der Charakteristik Lenins durch Vladimir Nabokov: »Er war eine Milchkanne voll menschlicher Freundlichkeit mit einer toten Ratte am Boden. bis es ihn nicht mehr gab. Nobelpreisträger 2011. eine Art Hundert-Milliarden-Dollar-Produktion aus Hollywood. Wo die Anschaulichkeit der Wörter (¤ Lektion 3) sich zur Bildhaftigkeit der Aussage steigert. da ist gegen den stets fluchtbereiten Leser die Angel ausgeworfen. Es gibt abgedroschene Vergleiche wie den von der »Spitze des Eisbergs«. Geschrei und Weinen die Abfahrt ankündigten. bloß weil sie das Simple in ein Gleichnis oder eine Metapher übersetzt. dem Reiseproviant noch ein Paket mit Desinfektionsmitteln hinzu – Lysol ist wichtiger als das Leben –.« Auch werden neue Bilder gemalt wie im SpontiSpruch über die Zeitmode »Selbstfindung«: Das heiße offenbar »nach sich selber suchen wie DIE ZEIT 30 . als polnische Kommandos. Eine Journalistenweisheit ist plastisch geblieben: »Ein Dementi ist der Versuch. ruft die Wirklichkeit nicht oft. Aber als Leuchtfeuer sollten wir sie benutzen. Rolle. Auf der Welt und bei ihrem Untergang. und nicht jede bildhafte Sprache ist gut. die Maya haben das angeblich prophezeit in ihrer rätselhaften Schrift. sagt der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer. als die Lokomotive durch einen Stoß ihre Ankunft verriet.« In Sprichwörtern sind die Bilder ohnehin zu Hause wie in dem aus Russland: »In des anderen Weib tut der Teufel einen Löffel Honig. So vom STERN. der einem ungarischen Gentleman das Kurzporträt widmete: »Er sah aus wie eine Kreuzung aus dem Polizeipräsidenten von Budapest mit einem. näher heran. reichte Maria drei Päckchen Margarine und zwei Päckchen Kunsthonig. Nach solchen Bildern. Er ist ja nicht bereit. wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet. eignen sie sich kaum. wie es sich bei der Abfahrt von Zügen gehört. Intendant der New Yorker Metropolitan Opera von 1950 bis 1972 – und eines mit Sicherheit bewirkt: Dergleichen überhört und überliest man nicht. als er an die Thessalonicher schrieb: »Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht.« Ein »wie«. die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken.DIE HOHE SCHULE LEKTION 19 Die Kraft der Bilder Sie schaffen Farbe und Wärme »Hinter dieser kalten Frackbrust schlägt ein Herz aus Stein. Denn immer geht es darum.« Ähnlich bei der längst überreizten Metapher »Stellenwert«: Die früher genutzten Wörter Rang.« Die Beispiele haben eine Schwäche: Für das. fügte. Gott sei Dank. dass da Menschen erfroren sind. wie eine Kobra zubeißt.

sollte der Text enden Manchmal schreiben wir zu wenig: wenn wir es nämlich unterlassen. Und schon wirkt die Beiläufigkeit des Gebloggten. das geblähte Nichts: dass einer sich dem hohen Gut der Volksgesundheit voll und ganz verpflichtet fühlt! Auch die Billionen Wörter. brauchen uns nicht zu interessieren. sollten wir die Kraft haben. Ein Text des Schriftstellers Ingo Schulze. Bonn 2012 31 DIE ZEIT . den die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kürzlich publizierte. Aus den Parlamenten kennen wir die Sprechblasen. in der Stilistik Abtönungspartikel genannt: ein »nämlich« oder »eigentlich« zur rechten Zeit. was ich noch schreiben soll. stört viele Blogger offensichtlich nicht. mehr scheint es ihnen darauf anzukommen. die auf Erden täglich geplappert werden. die wir uns als Zuhörer oder Leser wünschen. muss das sowieso. 1947 (Detail) Abb. sollten wir nur die zulassen. Dass sie oft schon für ihren zweiten Satz keinen Leser mehr finden werden. Mit Schwätzern und Langweilern haben Leser keine Geduld. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. Die Floskel »der langen Rede kurzer Sinn« zum Beispiel sollten wir nie niederschreiben. der sollte die Worte wägen. Blogger haben alle Freiheit – und nutzen sie: beliebige Länge. Meistens schreiben wir zu viel (vom Reden zu schweigen) – gemessen am Interesse jener Menschen. Wer aber gelesen werden will. eine Neuigkeit. unkorrigiert. sozusagen. doch. denn damit hätten wir uns bezichtigt.« Wunderbar! Da greift Schopenhauers »erste Regel des guten Stils: dass man etwas zu sagen habe. begann mit dem Satz: »Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben. von denen die mündliche Rede überquillt (ja. einen kurzen Sinn zuvor zu einer langen Rede ausgewalzt zu haben. die Würzwörter zu heißen verdienen. zwischen Gesprochenem und Geschriebenem fast keine Grenze mehr. O. denn ich weiß nicht mehr. der oft schlaffe Wunsch nach Lesern aufs Geschriebene zurück.DIE HOHE SCHULE LEKTION 20 Der Wille zum Verzicht Wenn alles gesagt ist. nun. Wer twittert. einen schwierigen Sachverhalt in einem zweiten Anlauf zu erläutern oder durch ein Beispiel zu beleben. Und wenn alles gesagt ist. aufzuhören. irgendwie). ungeplant. 4«. Von den Füllwörtern. damit kommt man weit!« Stuart Davis: »Pad No. »dass sie ihre Existenz weit und breit um sich kundmachen« – Immanuel Kant sagte das 1786 allen »lärmenden Unterhaltungen« nach.

höchstens anderthalb. das Unverbrüchliche. Sein älterer Bruder Heinrich und drei seiner sechs Kinder.« Doch den FELIX KRULL schrieb er weiter. Nie setzte er dabei auf Inspiration: »Der Einfall als Überfall ist mir unbekannt«. als Gattung. als überlieferte Kunstform. mit 77. Duze mich derb zu meiner Erniedrigung!« Mehr Satire war nie in der Liebe. 1933. Das ist ja das Eindrucksvollste an Thomas Mann: wie er über das Tragische und das Ironische.. Den Gestürzten. Erika. roh. Einen Sturzbach lässt er auf den Leser niederprasseln in seinem Lobgesang auf Grimmelshausens SIMPLICISSIMUS: »Es ist ein Literatur. er sei ein Kobold gewesen. Gebot und Verbot. Vormittags. darum liebte er leidenschaftlich Ordnung. den er 1915 zwar zu einem »Beauftragten des Schicksals« ernannte. an – kurz bevor sie ihn anschmachtet: »Ah.und Lebens-Denkmal der seltensten Art. nicht anders meinend. Er tötete früh im Auflodern. 32. notierte Thomas Mann im Tagebuch: »Das Alter zeigt sich darin. dies auch auf Reisen: so in Schweden am 3.. darum wusste er besser als jeder Unerfahrene. Ein dritter Satz? Ein neues Anheben – nach diesem Abschied? Ein Wiederkommen – nach dieser Trennung? Unmöglich! Es sei geschehen. sich nie daraus zu lösen. sondern er meine die Sonate überhaupt. sagte er. in ihren Schoß zurück. September 1939. Aber was ist sie zugleich? »Die Sympathie mit dem Organischen. zu Ende auf Nimmerwiederkehr. worauf er unter Zurücklassung eines Kinderleibes wieder entschwand.« Seine Meisterschaft rang Thomas Mann unerbittlich den Vormittagen ab: Von neun bis zwölf schrieb er eine Seite Prosa. Du junger Teufel.« Von ähnlicher Spannung vibrieren seine Porträts – das des Moses am Anfang der Erzählung DAS GESETZ: »Seine Geburt war unordentlich.. Ausschnitt). ›das arme. feilend. Thomas Mann (1875–1955) wurde in Lübeck geboren und emigrierte zur NS-Zeit. dann in die USA.. glatter Knabe. den umzubringen hundert Millionen Menschen sich vergebens ermatteten . dass Töten zwar köstlich. grübelnd. die doppelbödige Behäbigkeit und das blanke Feuer gleichermaßen gebietet. bunt. als England und Frankreich Hitler den Krieg erklärten (»Ich schrieb meine Seite wie gewohnt«). der aller Welt Hass und Abscheu machte und alle Welt hineinlegte.. umnachtet und gebrochen. Wollust sich vergeudenden Welt. Vernichteten. um uns die Frage selbst beantworten zu können.« Fünf Jahre später.. das rührend-wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten« (im ZAUBERBERG). das Stück nur zu hören brauchen. kochend von Leben. ein ungeschlechtlicher. alles verzeihend. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger.Oh du Beseliger! .. amüsant. warum Beethoven zu seiner Sonate OPUS 111 keinen dritten Satz geschrieben habe: »Wir hätten. ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit.« 500 Seiten vorher aber waren wir Zeuge. zerknirscht am Ende und gründlich müde einer in Blut. erlesenen Gemeinde eine Stunde und im Buch sieben Seiten lang erklärte. boshafter Troll. dass die Sonate im zweiten Satz. Der. »um große. in c-moll. 33) . so meine er nicht diese nur. um das ich trauern könnte. ausgesandt. . zunächst in die Schweiz. notwendige Erdendinge in die Wege zu leiten« – dem er aber zugleich den Abgesang bereitete: »Zuweilen möchte man glauben. . wie der stotternde Künstler Wendell Kretzschmar einer kleinen. Raub. in die Obhut seiner Mutter zurück: »Meine Überzeugung aber ist. ein genialer Komponist. nicht ohne Zufriedenheit erfährt. mit Tod und Teufel auf du und du. diesem enormen. dass das Mütterliche solche tragische Heimkehr bei allem Jammer nicht ohne Genugtuung. Fishman/ullstein (S. liebe Kind!‹ nimmt sie. sich zu Ende geführt habe.. waren ebenfalls Schriftsteller DIE ZEIT 32 Fotos: Bettmann/Corbis (S. verliebt und verlumpt. kehrt. den Hotelboy. aber getötet zu haben höchst grässlich ist und dass du nicht töten sollst. aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden. ah. Und wenn er sage ›Die Sonate‹.SPRACHMEISTER (VI) THOMAS MANN D E R A LLE S KÖ N N E R D u entkleidest mich. Klaus und Golo. dass die Liebe von mir gewichen scheint und ich seit Langem kein Menschenantlitz mehr sah. Für seinen ersten Roman »Buddenbrooks« (1901) erhielt er 1929 den Literaturnobelpreis. Die Spannweite seiner Sprachkunst demonstrierte Thomas Mann noch einmal im DOKTOR FAUSTUS von 1947. als dass er besser getan hätte. kühner Knecht?« So herrscht Madame Houpflé Felix Krull...« Ebenso die schauerliche Würdigung Friedrichs des Großen. wild. notierte er 1928.

7. Reporter bei Geo. Und 2011 wurde er für sein publizistisches Lebenswerk mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Seit dem Abschied von der Henri-Nannen-Schule bildet er weiter Journalisten in Deutschland. Medien und Behörden. Stattdessen wurde er Journalist: Nachrichtenchef und Washington-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. selbst ein großer Schriftsteller zu werden. ist Sprachlehrer in Wirtschaft. Auflage. schönes Deutsch – das ist Wolf Schneiders Lebensthema Der Vater trug beim Sonntagsfrühstück gern Fröhliches und Freches von Wilhelm Busch. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 87. 3. Auflage. Geburtstag. Schneider leitete die spätere Henri-Nannen-Schule bis 1995. Österreich und der Schweiz aus. Die neue Stilkunde«. »Plagt euch.»P L AG T E UC H !« Ein klares. München 2011 Wolf Schneider: »Deutsch für Kenner. München 2011 Wolf Schneider: »Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen«. Verlagsleiter des sterns. Moderator der NDR Talk Show. 1994 erhielt er den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. Chefredakteur der Welt. Piper. Schneider ist Autor von 28 Sachbüchern. Seit 2007 ist er Honorarprofessor der Universität Salzburg. Rowohlt. Weiterlesen Wolf Schneider: »Wörter machen Leute – Magie und Macht der Sprache«. im Juli erscheint das nächste Buch: Die Wahrheit über die Lüge. Reinbek 2009 . sonst müssen sich die Leser plagen«. Piper. Auflage. 16. Christian Morgenstern oder Heinrich Heine vor – für einen Zehnjährigen kein schlechter Start in die deutsche Sprache. die Hamburger Journalistenschule aufzubauen. Mit 14 las Wolf Schneider die Buddenbrooks und träumte davon. 1979 bat ihn der Verleger Henri Nannen. impfte er seinen Eleven ein. Ein klares. schönes Deutsch zu lehren – das wurde sein Lebensthema.

Er ist eine Parodie auf einen Romananfang und eine raffiniert von Camus eingeschleuste Anspielung – denn schon Valéry hatte ähnlich einen Romananfang parodiert. bestimmte Formen waren nicht zu erzwingen. durch Anleitung des Lehrers oder des Meisters. Die Frage nach der Begabung lässt sich allein vom literarischen Text beantworten. genäht wurden. Wie Sprache aufgeraut oder geschmeidig gemacht wird. all das war zu lernen. Warum ist dieser Satz gut? Nach einem naturwissenschaftlichen Wahrheitsmodell kann man seine Qualität nicht beweisen. um ein guter Schriftsteller zu werden VON U W E T I M M K Denkwerkzeug Der Schreibtisch von Uwe Timm ann man Schreiben lernen? Ja. was in der Sprache richtig ist. sich immer wieder infrage stellt. Absatz. was einem nicht zufällt. was sprachlich gelungen oder nicht gelungen ist. Eine Lakonie für das Unfassliche. und etwas. ausgelassen. dritter Hinterhof.ÜBER DAS SCHREIBEN Lob der Werkstatt Sprachliche Potenz ist nicht erlernbar. zweiter Stock.« An dem Satz ist alles richtig. In der kindlichen Wahrnehmung zeigte sich jedoch jener Taumel vor dem Abgrund.« In einer drängenden Knappheit. verschloss die Tür mit dem einzigen Schlüssel und warf ihn durch die Briefklappe in den Flur. die mittels eines Griffels oder Bleistifts gleichsam als Verlängerung der Hand gemacht werden. Auch Goethe war einmal Lehrling. die Freiheit der unbegrenzten Variation. wie im Fall Hebbel. sondern die- se winzige Verschiebung weg vom Erwartbaren. Das Erlernen des Alphabets. stillen Christoph Meckel: »Als er anfing zu sterben. Vielleicht ist diese aus der Not geborene Methode schuld daran. möglicherweise nicht mehr schreiben. das heilige Feuer muss auf ihn kommen. Das meint nicht falsche Orthografie. wo er doch zwei Flügel hat. Wie die Felle sortiert wurden. Von diesem ersten Satz weiß man: Das Buch muss man nicht lesen. es ging um Erfahrungen und Kenntnisse. da er ihn immer wieder um. wie sie kompliziert zusammengeschnitten. Und Nachtmantel erzählt von der Verstörung eines Mannes. ist eine besondere. diese Vorstellung vom Dichter. der eine Begabung in sich trägt. Wie ist er gestaltet. und das unterscheidet sie von der auf bloßen Nutzen und Gebrauch ausgerichteten Arbeit. zu seinem Beruf machen.und Wieder-Auseinanderschieben hatte etwas Spielerisches. die auch Ausnahmen kennen. in der Normsprache ein Regelverstoß sein. der Regeln. Konstruktives und zugleich Dinghaftes. Gedrängt steht dem finiten Verb »anfangen« das infinite »sterben« gegenüber. Satz. was. Nicht zu vergleichen mit Schreibübungen. das heute fast ausgestorben ist: die Kürschnerei. Warum zum Beispiel schreibt sich der Schwan mit einem A und nicht mit zwei. wie im Handwerk. also Schriftsteller. wie schadhafte Stücke ersetzt wurden. Selbstverständlich ist es töricht. Er ist vollgestopft mit Klischees. wird in drei gereihten Hauptsätzen die Abgeschlossenheit einer Existenz beschrieben und zugleich infrage gestellt. aber über den ersten Satz nicht hinauskommt. damit er berichte von dem großen. Dagegen dieser erste Satz der Erzählung Nachtmantel aus dem Band Einer bleibt übrig. unterbrochen durch eine Apposition über den sozialen Hintergrund des Wohnens. ihren Weg zum Ausdruck findet. Etwas. Es ist nur selbst wieder in Sprache zu beschreiben. Journalist oder Literaturwissenschaftler werden. ist einfach Teil des Handwerks des Schreibens. die man aber auch anhand alter Mäntel und Stolen studieren konnte. es gab kein Papier und keine Schiefertafeln. Wieso »anfing zu sterben«? Eine Krankheit? Der Entschluss zur Selbsttötung? Flucht? Dieses »anfing zu sterben« ist sprachlich überraschend. verließ er die Wohnung. Brecht weniger. dem Material zu »gehorchen«. weil unüblich. Und dann: Ist es richtig und gut? Nicht alles. Gemessen daran. die von Meistern an Gesellen und Lehrlinge weitergegeben wurden. damit gesagt werden kann. es ist gut. wie ist die Sprache organisiert. »An einem schönen Morgen im Mai ritt eine elegante Amazone auf einer herrlichen Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne. Ich habe ein altes Handwerk gelernt. so zu fragen. wie das Handwerk in die Künste hineinreicht. durch ebendiese Distanz. Auch sie haben ein handwerkliches Fundament. Zu jedem Handwerk gehört dieser lange Prozess des Übens. Aber Begabung allein reicht auch nicht. dass ich immer wieder beim Konstruieren stutzte. Deren Arbeit kennt dann wiederum die Qual der Suche nach dem richtigen Wort.und umschreibt. Benn auch. Syntax. Die Zeichen sind arbiträr. Das liegt in einer deutschen romantischen Tradition. Kann man das literarische Schreiben lernen? Literaturkritiker. Döblin gar nicht. spielerisch korrigierte Übung. Ich habe das Schreiben 1946. mittels kleiner Buchstabenplättchen gelernt. die auch unter widrigsten Umständen. Alphabetisierung ist Arbeit. Dieses Zusammen. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch Handwerk darüber geschrieben. aber darüber hinaus. sondern. den der Widerstreit zwischen der Sprache und der Dingwelt auslöst. So kann denn auch das. wäre die Qualität von Sprache ablesbar an dem Falschen. für den Tod. das Erlebte und Erinnerte sollen in abstrakte Zeichen überführt werden. oder aber er wird es. in die Musik und in die Malerei. der Grammatik. Falsifikation und Verifikation begreifen das Phänomen der literarischen Wahrheit nicht. der einen Roman schreiben will. wie zum Trotz. Das Erlernen des Sprechens geschieht durch die langsame. DIE ZEIT 36 . das nicht Selbstverständliche von Sprache und Schreiben. jedenfalls für mich. was in der Literatur angemessen ist.« Hölderlin war geschlagen. des Spiels und die Frage nach existenziellem Sinn. Nicht zufällig wird. wer das Schreiben mühevoll gelernt hat. Eine Verstörung in der Sprache. auch im Französischen. muss auch literarisch gut sein. sagen meist Nein. Und zu der Arbeit gehörte ganz wesentlich. Ich höre noch Professor Kunisch in der Aula der Universität München unter dem Goldmosaik von Helios rufen: »Der Dichter ist geschlagen. sondern nur durch die Schnitttechnik zu entwickeln. eingeleitet durch den temporalen Nebensatz. und doch alles falsch. Interpunktion. eigene Sprache gefunden? Auch die Wahl des Themas – Formalisten wollen das nicht wahrhaben – hat ihre ästhetische Bedeutung. das lernt sich nicht von allein. zumindest hier in Deutschland. durch Übung. Camus erzählt in dem Roman Die Pest von einem Mann. Das Gedachte und Gefühlte.

in denen die Sprache auf sich selbst zu hören scheint. Um noch ein Beispiel aus der Erzählung Nachtmantel von Christoph Meckel zu nehmen: »Vor einem Gasthof machte das Taxi halt. die Verbesserung durch Ändern. das langsam hervorbricht. Regen schlug schwer auf das Blech. und höre meine Stimme. auch nicht die Radikalität und nicht die Verstörung. der Taxifunk rauschte. die auf der Suche nach jungen Talenten die Nachfrage gleichermaßen bedienen und stimulieren. üppiger als in den literarisch so mageren siebziger und achtziger Jahren. etwas. mit Auslassungen und einem gestischen Sprechen. bald zurück. die Organisation von Sprache und Text. Hinzu kommen.Ich sagte.« Zwei Sätze. in der Anmutung noch recht dunkel war. Die Mimik des Lesenden verrät es. der Stimmung. Millionenauflagen. Meckel arbeitet mit Verknappungen. der Absatz gut für mich. den Verbesserungen und Änderungen. sondern er muss durch Arbeit. Bastian Sicks Bücher mit Sprachkommentaren erreichen. Erst wenn beides erreicht ist. Das Schreiben der Sätze ist begleitet von einem: Nein. neue Zeitschriften und Literaturagenturen tragen zur Verbreitung bei. Die gesprochene Sprache ist aber wie ein Humus für die Hochsprache. was als Vorstellung vorangeht? Die Beschreibung des Gedachten. dann ganze Stunde verging ohne Zeit. Man sehe sich die Umarbeitungen von Anna Karenina an. er steht fest. Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Nochmals gefragt: Kann man das literarische Schreiben lernen? Nicht erlernbar ist die sprachliche Potenz. Das ist die lustvolle Überwindung der Stummheit.« Eigentümlich genug. Der Satz soll nicht nur richtig sein. Er zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. durch das Um. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Freitisch« (2011) Fotos: Isolde Ohlbaum/laif. das wiederum für sich selbst beschrieben werden müsste. Auch die Zahl der jährlich erscheinenden Romane und Erzählungen. lässt sich schnell sagen. Wer will. viele Stipendien und Preise.und Umschreiben gut klingen. die Anlass für das Schreiben sind. Und dann ist der Satz. der staatlich geförderte Literaturfonds. das Gestische. 36. darin eingelagert. das heißt. mögen sie zuweilen auch vereinfachend sein. Tolstoi ist. nein. das Lächeln hingegen kommt aus dem Vorsprachlichen. Jürgen Bauer (S. die literarische Sprache in ihrer Körperlichkeit leisten. Ein Lob aber der Werkstattarbeit. viele Nein. ein Gebirge. des Gefühlten kann. zahlreiche literarische Schreibwerkstätten und Studiengänge an den Universitäten. Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Kollegen. dass er wiedergibt. Wie erreichen. nein. In George Steiners Gedanken dichten steht der schöne Satz: »Die Stummheit der Tiere hat als Spur in uns überdauert. oft geradezu hilflos ausführlich. sind die Dialoge in der zeitgenössischen deutschen Prosa meist stumpf. die elliptische Form der gesprochenen Sprache und. der Chauffeur kam nicht zurück. bekannte wie neu gegründete. kann seine Kenntnisse bei Harald Weinrich. das Aufschieben. und der Taxifunk rauschte. kann ich sagen. vor allem die Verlage. es ist dieses Warten. Das Lächeln. Ausschnitt) 37 DIE ZEIT . die Geduld. eine halbe. auch diesen. damit es in der Sprache auftaucht. der Chauffeur wollte eine Pause von zehn Minuten – in dem Lokal dort. er ist gut und das heißt auch wahr. was in der Vorstellung. Diese an Jazz erinnernden syntaktischen Stopps. die Zahl der jungen Autorinnen und Autoren ist erstaunlich groß. anders als Philosophie und Soziologie. die spricht. das Motiv des Rauschens. die Musikalität und diese Klarheit. Und die Ebene? Das. was jetzt alles auf den Markt kommt? Was wird bleiben? Schaun mer mal. richtig im Sinne. Privatsache. Ich schreibe einen Satz. Die Wiederholung. ein Ja. die jemand mitbringen muss. Lektoren und Lesern. Kritikern. Zu der Verbreitung der Literatur beim jungen Publikum hat sicherlich die Popliteratur der neunziger Jahre beigetragen. sagt Nabokov. Poetry-Slams sind nach wie vor überfüllt. die Tolstoi unter dem Einfluss seiner Frau vorgenommen hat. die ohne die Brechung ins Alltägliche leicht steif und gipsern wirkt. Es gibt momentan ein reges Interesse an der deutschen Sprache und Literatur. Jürgen Trabant oder Peter Eisenberg wissenschaftlich vertiefen. Worüber man lacht.

ÜBER DAS SCHREIBEN Wenn das Schreiben nicht wäre Über ihr Eigentliches reden die Zeitungsleute selten. U L R I C H S TO C K tut es hier mal DIE ZEIT 38 Foto: Vera Tammen für DIE ZEIT .

in diesem Moment. Journalist zu werden. langsamer Schreiber. die aus Lust am Schreiben schreiben. Das weiße Papier ist verschwunden. denn sobald sie zur Regel würden. weil ich sie kennenlernen wollte. weil in der Eile irgendetwas schiefgegangen ist. und noch im Halbschlaf hatte ich eine Idee für den Anfang des Textes. Ich sah mir beim Schreiben zu. Schon tausendmal gelesen. stand ich auf und machte Frühstück. Der kundige Leser kennt alle Klischees. Widersprüchlich. das kann man lehren und zum Teil auch lernen. Gibt ja alles. Ja. Und der Tag morgen wird viel schöner. lasen ihn noch mal. Blöd. Es gibt verschiedene Motive. nun endlich Gestalt annimmt. Diesen Widerspruch muss man aushalten können. Und wenn dann Widerspruch kommt. im Blattmachen. Journalisten dürfen sich für alles interessieren. Sachlich falsch. Oder sollte der Journalist lieber auf den Jazz hören: Ein bisschen schmutzig. Zudem hat man als Journalist nette Kollegen. Schneller Schreiber. die gar nichts mehr schreiben und es vielleicht auch nie konnten. neben einem halb geleerten Glas. Aber es macht gerade solchen Spaß. Über Tage hinweg versuchte ich etwas und fand es immer nur furchtbar. Und alles wird geklickt! Einmal hatte ich über Monate hinweg Mal um Mal einen Musiker getroffen für eine große Reportage. Doch auch die schöne Verallgemeinerung kann Wirkung zeigen. was sonst tun. wenn das Fliegen nicht wäre. mit dem Kopf auf der Tastatur. so wortgewaltig. oder? Einem Arzt würde man es schon eher glauben: Praxis. Nur beliebig sollte es nicht werden. die schrieben einen Satz hin. Ich zähle mich zu denen. Die besten Autoren tun sich oft am schwersten. Geht nicht. wenige Tage vor Redaktionsschluss. zum Text sortiert. aber ich hatte Worte für ihn gefunden. Man muss sich zwingen. schreibt man gleich die Korrektur und hat den nächsten Artikel. mal Glenn Miller – Verschiedenheit beugt der Langeweile vor. Ja. Ulrich Stock ist Redakteur der ZEIT und leitet das Ressort Wochenschau 39 DIE ZEIT . man muss aber auch loslassen. Das hängt mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik zusammen. als habe der Text sich selber geschrieben. es ist eigentlich Wochenende. Der erste Leser bin ich. beziehungsweise ist ein schöner Beruf. ohne abzusetzen. Und dann lese ich so einen Text und denke: Versteh ich nicht. dann lasen sie ihn. den 13. wenn er nachts um drei beim vierten Bier seinen popkulturellen Ansatz erklärte. gepaart mit einer gewissen Lässigkeit. mal Bartók. Mir fällt das Schreiben manchmal schwer. Mal hört man Hip-Hop. Über das Schreiben sprechen die Zeitungsleute kaum. Konkretion ist oft gut. Langsam und schlecht. Tippen. Aber die durch Neugierde legitimierte Annäherung ist ein Privileg.« Das löst zuverlässig Heiterkeit aus. Gibt auch tolle Journalisten. Ihre Qualitäten liegen woanders. und irgendwann nahte der Erscheinungstermin. sonst kommt nichts. oder? Ich habe einmal eine Frau nur deshalb interviewt. das bleibt jedem Kollegen selbst überlassen. Ja. Der im Bett begonnene Text stand später genau so in der Zeitung. Sie können – so es ihre Zeitung ihnen ermöglicht – überall hinfahren und recherchieren. Der haut das Zeug einfach raus. wenn das jetzt mal raus ist. Sie treffen außergewöhnliche Zeitgenossen. Guter Schreiber. und von früh bis spät jammern da welche. wenn nur die Patienten nicht wären. Denn für ihn hat eine durchtriebene Gerechtigkeit den ersten Leser geschaffen. am Freitag. wenn sie nicht gerade im Haifischbecken herumschwimmen. Wer für eine schlecht ausgestattete Onlineredaktion arbeitet. auch bei der ZEIT. und die letzten Zeilen des unvollendeten Manuskriptes best nden nur no h aus löchrigen Wörte n. Gut und schnell. als in ein tiefes Grübeln zu verfallen. Ich kritzelte Seite um Seite in mein Notizbuch. geschweige denn zum Lesen. Manchmal dachte ich. Der Fluss gehört zur Kreativität wie die Blockade. wenn das andere Berufsgruppen sagten! Pilot. Heute blinkt einen der Cursor auf dem leeren Flachbildschirm an. Diese Lust hat sich über die Jahrzehnte in Arbeit verwandelt. die Angst ist geblieben. Man konnte Stunden später wiederkommen und fand sie im Halbkreis ihrer herausgerissenen Blätter sitzend. In der redaktionellen Organisation. Als es vorbei war. krabbelte zurück ins Bett und schrieb von Hand zehn Seiten. Fantastisch. wenn. Und zu den Konferenzen gibt es Kaffee und Kekse. Aber jetzt nicht ablenken. da dieser Text. schrieben einen zweiten Satz hin.02 Uhr im Hamburger Pressehaus am Speersort. mal Reggae. aber oft genug ist die Weisheit so wahr wie ihr Gegenteil. Weil man nicht weiß. vor allem dankbar. der kriegt keinen Satz mehr hin. In meinem Unterbewusstsein hatten sich die Eindrücke. Dann. auch der Form. Noch mal. sage ich dann immer: »Journalismus wäre ein schöner Beruf. er sei der Redakteur. und es klingt gleich viel besser? Hauptsache. Einen fand man morgens. hat es indes nicht leichter. Tür auf. Ob ein solches Chaos kreativ macht. sondern ungläubig. aber es zählt auch zum Schönsten. Weil man die Welt verbessern will. unglaublich eloquent. schlechter Schreiber. staunend. Früher sprach man von der Angst vor dem weißen Blatt Papier. kann sie getrost vergessen. Schönes Thema. sondern ganz viele. Wolf Schneider hört es nicht. müssen aber nie morgens um acht im Büro sein. wenn das Schreiben nicht wäre. obwohl es eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten ist. Wer alle Regeln intus hat. »Wir sagen immer«. dass dies keine Seltenheit ist. April. Alles toll. Sie können zu jeder Tages. Überlegen. um 21. Ich musste nichts mehr ändern. den ich seit Wochen schreiben will. an einem Sonntag. Tür zu. super. Und es gibt eben nicht eine Art zu schreiben. Je mehr ich von meinem Helden wusste. der Text passt. und dann schüttelten sie den Kopf. Hauptsache. wie jetzt. Geht so gar nicht. schlafend. Langsam und gut. ich habe noch kein Abendbrot gegessen.und Nachtzeit arbeiten. Journalisten sind keine Schauspieler. Der Mann war jung und gut. verkrampft auf ihre Maschine starrend. ließen ihn zu Boden segeln und spannten einen neuen Bogen ein. in der kaum Zeit zum Schreiben ist. Nicht einen Blick hatte ich in mein Notizbuch geworfen. Ich holte Block und Bleistift. W as gutes Schreiben ausmacht. um das andere Branchen uns zu Recht beneiden. denen es nur halb so schlecht geht wie einem selber. Wer sich beim Schreiben zu misstrauisch über die Schulter schaut. Zu billig. Klammern So sieht mancher Schreibtisch aus. Skandale aufdecken. Langweilig. Am Ende war ich vollkommen verzweifelt. der Redakteur. Aber dies kann keine Aufforderung zu Stilbruch und Schlendrian sein. Schreiben ist wichtig nur als eines unter vielen. auch von Lesern. rissen den Bogen aus der Maschine. Vielleicht deshalb? Das Schreiben als das Eingemachte? Lieber nicht dran rühren? Hier wohnen Eitelkeit und Empfindlichkeit. wachte ich morgens auf. Selbstverliebt. Wer hatte da geschrieben? War ich das gewesen? Mir kam es mehr vor. Es lebe die Reinheit und Perfektion. wackelt und hat Luft – auch so eine alte Redaktionsweisheit ls Redakteur bei einer Wochenzeitung – wie ist das denn so?« Das werde ich gelegentlich gefragt. vielleicht noch einen dritten. Die Entstehung eines Albums begleiten. Seine Meinung sagen. Man kann ihn auch mögen. der hält sich mit solchen Befindlichkeiten nicht auf. Er war verstummt. was ich über ihn schreiben sollte. schöne Sache. Aber Sie haben schon verstanden: Journalismus wäre ein schöner Beruf. Ich weiß inzwischen von anderen. die ich bewusst nicht ordnen konnte. Wer etwas hinschreibt und es gleich unglaublich toll findet. desto weniger wusste ich. und quick zu antworten macht dann einen besseren Eindruck. wären sie selber Klischee. Kalender. weil. Kleckse. sonst fließt nichts. das treffende Wort? Schon möglich. nicht einen Satz meines Helden hatte ich zitiert. aber nicht kritisch.A Kaffee. man sollte ihm den Widerstand gegen den Text nicht zu leicht machen. Nun ist das ein Luxusproblem. Ich kannte Kollegen. wie praktisch. Schnell und schlecht. in der Spürnase. Weder auf die Fragen noch auf die Antworten konnte ich mich so recht konzentrieren. und ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Aber das Schreiben. für das es auch Gründe gäbe. Mist. aber sie ist immer noch da.

der Tonfall der gefragten Textgattung? Nachrichten haben in nüchtern-sachlichem Gestus das Informationsbedürfnis zu bedienen. »freigeschlagen« worden ist. sagen wir. was in diesem Fall heißt: Werden wir subjektiv. der Aussagen und Argumente. in der ersten Zeile eines Absatzes Schusterjunge Die erste Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt Hurenkind Die letzte Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt DIE ZEIT 40 . Nicht damit der Autor brillieren kann. Kämmen und Aufbrezeln des Textmaterials? Stammt es von einem erfahrenen Autor. dass es dabei mal pedantisch. Der nächste Durchgang klingt nach Routine – und verdient doch volle Aufmerksamkeit. Wir schauen einer versierten und in Hunderten von Redigaturvorgängen gestählten Kollegin über die Schulter. Alles vollzieht sich nach bewährtem Muster. sondern um sein Publikum glücklicher/ klüger/zufriedener zu machen. im Turbotempo zu überprüfen. mal hektisch und mal.oder sendefähigen Perfektion. Schließlich gibt es ja noch Reporter. Orte. Nächster Arbeitsschritt: Entspricht die Sprachebene. Natürlich soll der Beitrag aber noch in der aktuellen Ausgabe untergebracht werden. Bearbeitung und Pflege der Wörter. was zuvor miteinander abgesprochen wurde? Folgt der Faktencheck. die üblichen aktuellen Features. Reportagen. wie es im Marketingdeutsch mittlerweile heißt. Grossisten und Zusteller. Wie zu redigieren ist. kurzum: der Information. das Klara Stil irgendwann einmal von klugen. Kommentare und Glossen gedruckt und ausgestrahlt würden und ihre Zielgruppe erreichten. abhängig davon. Rechtschreibfehler korrigieren – und da ruft ihm auch schon der Nachrichtenchef zu: »Warum ist denn der Beitrag aus Washington immer noch nicht im System. den der Redakteur kennt (mit dessen Schwächen und Stärken)? Neigt der Autor zu Schachtelsätzen. wird man eine ganze Bandbreite von Antworten bekommen. Kollegen oder freien Autoren erst zu ihrer druck. Es geht um Orthografie.B.und Fernsehnachrichten. »Nach zwei bis drei Rechtschreibreformen setzt man sicherheitshalber in dieser Hinsicht bei jüngeren Autoren nicht mehr allzu viel voraus«. erfahrenen Kollegen gelernt und im Lauf ihrer Berufsjahre verfeinert hat. Verlassen wir die generelle Ebene und werden konkret. erklärt die Redakteurin. dass alle Tageszeitungen. oder bliebe es nahezu unbemerkt? Gut möglich. ausgelaugten Metaphern. Fragt man fünf von ihnen nach ihrer Arbeitsplatzbeschreibung. verdammt noch mal?« Den leidenschaftlichen unter den Redakteuren tut es körperlich weh. Und dennoch würde dem Publikum an diesem Tag mit Sicherheit Hören und Sehen vergehen. einen Text zu gliedern Fehlender Einzug Z. sie könnten heute leider nicht zur Arbeit erscheinen – was wäre die Folge? Wäre das der MedienGAU. der Cursor flitzt nur so über die Zeilen. des Content. um Grammatik. richtig? Stimmt. Was bleibt dem Redakteur in diesem Moment übrig? Da wird der Kollege sich darauf beschränken. nicht zu vergessen Drucker. nennen wir sie zur Tarnung Klara Stil. Er wird die letzten drei Absätze streichen. so arbeiten zu müssen. Denn sie verhelfen den Texten von Reportern. Wie viel Zeit bleibt für das Putzen. ob »danksagen« jetzt in einem Wort und kleingeschrieben gehört. wäre – Rohware. zur Langweiligkeit? Haben Redakteur und Autor vor Abgabe des Textes miteinander gesprochen. über die Dramaturgie der Geschichte verhandelt? Diese Fragen und Voraussetzungen zu bedenken erleichtert. gönnt sich Frau Stil einen Kaffee. was jetzt zu tun ist. Hat der Autor das Thema erfasst.ÜBER DAS SCHREIBEN Was machen die da? Redakteure redigieren. der Sätze. schlimmer noch. denn was ihm vorgesetzt würde. Interpunktion. Glossen oder Reportagen genießen stilistische und metaphorische Freiheiten – und sollten diese Freiheiten unbedingt Zwiebelfische Aus anderen Schriften gesetzte Buchstaben Tilgungszeichen Für überflüssige Buchstaben oder Zeichen Umstellungszeichen Kennzeichnet verstellte Wörter Wortzwischenraum Zu weit (links) oder zu eng Absatz Hilft. Dazu gleich ein Beispiel aus der Praxis: Im Nachrichtenraum einer überregionalen Tageszeitung kann es vorkommen. Ist das erledigt. Und um den geht es schließlich. freie Autoren und Kommentatoren. wird in den Redaktionen höchst unterschiedlich gehandhabt – und wir verraten kein Geheimnis. Ein wichtiger Zwischenschritt wäre entfallen. Namen. wenn von Medien die Rede ist. Moderatoren und Regisseure. sämtliche Hörfunk. wenn wir konstatieren. Aufs Textkorrektorat darf sie sich nicht blind verlassen. es gibt Sprecher. im Zweifel einmal mehr in den Duden zu schauen. dass ein Korrespondentenbericht aus Washington genau zehn Minuten vor Redaktionsschluss im Mail-Eingang des zuständigen Nachrichtenredakteurs landet. dramaturgischen Saltos – oder. Sie selbst ist sich allerdings nicht zu schade. Aus dem Schatzkästlein der vergangenen Monate nehmen wir mal ein paar Beispiele heraus: »Peter Steinbrück«? »Siegfried Gabriel«? »Sofie Rois«? Oder: Josef Stalin. Wir hören an diesem Punkt die ersten Seufzer. gestorben 1946? Nein und nochmals nein. Der erste Lesedurchgang dient der oberflächlichen Einordnung und Kontrolle. der im Seitenlayout der Zeitung vorab dafür eingeräumt. und das wiederum ist abhängig von den Usancen der jeweiligen Redaktion. nach einem Schema also. Aber wie funktioniert das? Nur mit System. Da sitzt sie vor ihrem Schirm. ob die Fakten stimmen und der Inhalt halbwegs luzide formuliert ist. Dafür werden sie von Autoren oftmals gehasst – und von Lesern nie gelobt VON A N N A VON M Ü NC H H AUSE N Kursivschrift Ein Wort soll schräg gesetzt sein Absatz anhängen Die Linie verbindet Ausgang und Einzug N ehmen wir doch mal etwas Verrücktes an: An einem Tag X rufen alle deutschen Redakteure und Redakteurinnen morgens im Büro an und teilen mit. Jahreszahlen und nicht zuletzt Zitate müssen korrekt wiedergegeben werden. Kameraleute. subengagiert zugeht. Was simpel klingt. mögliche Stolpersteine ausgeräumt. die Zahlenangaben sind jedoch widersprüchlich. liefert der Text. wo sie eingesetzt sind. Was also tun eigentlich Redakteure? Es gibt übrigens hierzulande so um die 30 000 davon. den lieben langen Tag. nämlich die Prüfung. und mitunter ist dieser Bericht 50 Zeilen länger als der Platz. kann tückisch sein.

Mag sein. zuzugeben. gehetzten. was sie Metaphernpotpourri nennt: mehrere widersprüchliche Vergleiche.« Anna von Münchhausen ist Redakteurin der ZEIT und hat als Textchefin vor allem ein Auge für die Aufmachung der Seiten und die Überschriften . blumig womöglich. aufzuspüren. den Tag ausschließlich mit Zeitungslektüre und Autorenquälerei zu verbringen und dafür am Monatsende mit einem fürstlichen Gehalt belohnt zu werden. aneinandergekettete Nebensätze zerschlagen. selbst Chefredakteure sollen nicht immun dagegen sein. Weil das Deutsche so gern Nebensätze in den Hauptsatz einfügt und in den Nebensatz nach Möglichkeit noch eine per Reflexivpronomen angehängte Zusatzinformation drückt. Neulich hat Klara Stil einen Kisch-Preisträger erwischt mit folgendem Satz: »Der Gipfel seiner Anstrengungen stand auf dem Spiel. aber der Fußballtrainer hörte nicht auf. Und. dazu später mehr. in einem Satz zusammengepresst..klug nutzen. Manche Schreiber haben ein verhängnisvolles Händchen dafür. Es ist ein altbekannter Zwiespalt: Redakteure beneiden freie Autoren um einen Alltag ohne Chefs und Konferenzen. Irgendwann ist es dann nach manchmal stundenlanger Bearbeitung so weit: Klara Stil setzt den letzten Punkt und reicht das Opus weiter – zur Zweitredigatur. Besonderes Augenmerk wird als Nächstes den Kernaussagen geschenkt: Sind sie klar erkennbar und mit Argumenten unterfüttert. ist entschlossenes Eingreifen gefragt. Die nämlich sind selten bereit. in die Breite gehen. während die Freien wiederum den Redakteuren unterstellen. Ein weites Feld. nimmt sie das Material komplett auseinander und setzt aus den Bruchsteinen einen neuen Text zusammen. Wenn es ganz schlimm kommt. die wichtigste. ohne überkandidelt zu klingen. So etwas auseinanderzunehmen beschert ihr großes Vergnügen. ihr Kollege fängt dann noch einmal ganz von vorne an. Ein Steckenpferd unserer Kollegin ist übrigens. tausendfach bewährte Regel: in jedem Absatz den – ungeduldigen. Das allerdings sollte die Ausnahme bleiben und führt fast immer zu heftigen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Autoren. Absätze umgehoben. An diesem Punkt kennt unsere Kollegin keine Gnade: Da werden Einschübe gestrichen. keinesfalls mit Details überfrachtet sein. dass der neue Text besser ist als die ursprüngliche Fassung. die dem Leser einleuchten? Und fügen sie sich überzeugend in die Dramaturgie des Textes? Fließen soll er.« Drei Bilder in einem Satz.. Schon an diesem Punkt übrigens kommt es häufig zum ersten Krach zwischen Redakteurin und Autor. bremsen. Klemmkonstruktionen klingen hässlich. abbruchwilligen! – Leser noch einmal neu einzufangen. bloß nicht stocken. sich den Chef des Aufsichtsrats vorzuknöpfen . Nach dem Motto: »Ganz fertig ist man mit dem Redigieren eigentlich nie.

dass wir uns diese Fähigkeit mit unseren Fingern aneignen. machte ich eine Entdeckung. den Stift zu führen. Das liegt zum einen daran. so dahingeworfen und unleserlich ist meine Schrift. mithilfe von Schreibheften. »Vanillekipferl« steht darauf. Auf ihr klebte ein Etikett. von wem die Mitteilung stammt. Für alles andere war kaum Zeit. an allem im Leben teilzunehmen. Schreiben und Lesen lernen ist ein lebenswichtiger Prozess. Bogen für Bogen. Viele Grundschulen in Deutschland arbeiten inzwischen mit der »Grundschrift«. der vorsieht. Der andere.ÜBER DAS SCHREIBEN Sich die Welt erschreiben Buchstabe für Buchstabe. es gehe nicht darum. in der mir das Schreiben ein wenig verleidet wurde. die von dem aufragenden. Ich erinnere mich daran. das l. Aber sie wissen immer. Ich war damals Staatssekretärin in der Düsseldorfer Staatskanzlei. dass es eine Zeit in meinem Leben gab. wie mühsam es anfangs war. in denen die Zeilen mit drei Linien geteilt waren. Das »Mitzeichnen« hatte sie entzaubert. als ob ich an einem besonderen Augenblick teilhaben durfte. um meine misslungenen Bögen oder Ausreißer beim t und f zu korrigieren. Als Kind habe ich meiner Mutter immer gerne beim Schreiben zugeschaut. in meiner Grundschulzeit habe ich eine ein- zige ungenügende Bewertung bekommen – in Handschrift. kamen mir die Tränen. Ich habe oft neben meiner Mutter am Tisch gesessen. aber er wird die Handschrift als Ausdruck des Einzelnen verändern. Auch heute müssen Freunde und Mitarbeiter oft rätseln. die Schreibschrift wegzulassen. und wir haben geschrieben. Es war. Doch müssen wir darüber in Zeiten der Computerschrift streiten? Hat die Handschrift nicht längst ihre Bedeutung weitgehend eingebüßt? Ich gebe freimütig zu: Auch ich schreibe inzwischen weniger und weniger mit der Hand. DIE ZEIT 42 . das für das jeweilige Ministerium vorgesehen ist. dem fein geführten f und dem r. den einen Kindern so das Schreiben und den anderen das Lesen zu erleichtern – ein logischer Ansatz. liegt in der Rolle. die der Computer inzwischen in meinem Leben einnimmt. Das Schreiben mit der Hand habe ich in der Grundschule gelernt. an etwas sehr Privatem. wie man richtig schreibt. Es war ein warmes Gefühl. Meine Mutter lebt schon einige Jahre nicht mehr. wenn sie handschriftliche Notizen von mir kriegen. und das Schreiben mit der Hand wurde im Wesentlichen auf den Akt des »Mitzeichnens« reduziert. geschweige denn Muße. Mittags kam ich oft mit blau beschmierten Händen und blauen Flecken auf T-Shirt und Hose nach Hause. das meine Mutter einst beschriftet haben muss. Es war. ist aber ein Verwaltungsvorgang. sondern darum. Damit wurde es leichter. Ich fühlte mich meiner Mutter sehr nah und verbunden. um sie wiederzuentdecken und neu zu beleben. immer in einer speziellen Farbe (in NRW war das für die Staatssekretäre Grün) und immer in dem Kästchen. Die »Mitzeichnung« war für mich gleichbedeutend mit der Bürokratisierung meiner Handschrift. als ich dieses Wort las. war das Schreiben nicht mehr ohne Tintenkiller möglich. also schreiben zu müssen. symmetrischen V über a. Hammer und Zange befand sich auch eine Keksdose aus bunt bedrucktem Blech. Schreiben lernen war für mich ein mühsamer Prozess. bevor es in den letzten Buchstaben des Wortes übergeht. wichtigere Grund. das im Moment des Zuschauens entstand. Punkt für Punkt: Warum M I R I A M M E C K E L auch im digitalen Zeitalter ihren Füller niemals missen möchte A ls ich neulich im Keller meines Vaters nach etwas suchte. die sich an Druckbuchstaben anlehnt und den Kindern das Schreibenlernen einfacher machen soll. warum ich immer weniger mit der Hand schreibe. als kehrte sich etwas Inneres nach außen. dass man eine Akte in der »Mitzeichnungsleiste« mit seinem Kürzel abzeichnet. In dem hohen Stahlregal zwischen Konservendosen. vergilbten Kartons. erkannte ich ebenso die Schrift meiner Mutter wie in dem klassischen Schreibschrift-k. Das »Mitzeichnen« klingt fast künstlerisch. n und i in die beiden geschwungenen ls führen. Der Grundschulverband betont. sie uns Zug um Zug erarbeiten müssen. Nur als Alphabeten sind wir in der Lage. Als ich meinen ersten Füller bekam. das immer ein wenig nach rechts verrutschte und dabei einen wunderbaren Extrabogen schlug. die Bögen von f. Es könnte etwas bedeuten. um das Wort erneut üben. für einen Moment und nur für mich spürbar. In den Bögen. Manchmal einfach in ein Kreuzworträtsel hinein – zu dem ich als kleines Kind immer »Kreuzverdrehtsel« sagte –. zu dürfen. g oder h in den richtigen Proportionen auszuführen. nein. Dieses kleine handschriftliche Klebeetikett ist geblieben. Und dass die Spuren dieses mühsamen Sich-in-die-WeltEinschreibens für immer in unserer individuellen Handschrift aufspürbar bleiben. Danach habe ich Jahre gebraucht. Nicht um zu lernen. die mich berührte. Und jeder der 14 Buchstaben erinnert mich an sie.

die am frühen Morgen oder späten Abend noch ihren Weg per Bleistift in ein kleines Notizheft finden. Will ich aber jemanden wirklich erreichen. Dabei geht es nicht um die irrwitzigen Annahmen der Grafologie. schreibe ich einen Brief – per Hand. Zeilenverlauf. wir bezeichnen sie und bilden dabei auch unsere eigene aus. Reinbek 2011 43 DIE ZEIT Foto (Ausschnitt): R. das an meinem Bett liegt. Abstände und andere Formatierungen. Nicht nur. die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen«. dass selbst meine krakelige Schrift zu einem Ensemble von Buchstabenbögen wird. Was also macht das Schreiben mit uns? Wenn ich einen Stift zur Hand nehme und zu schreiben beginne. Der Name sagt es: Dort werden die Notate digital abgelegt und in die »Cloud« entlassen – die ewige Notiz. Das handschriftliche Verfassen eines Texts ist die materielle Erschaffung von Sprache und setzt eine be- Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication und Direktorin am Institut für Medienund Kommunikationsmanagement der Universität St. Durch das Schreiben mit der Hand be-greifen wir die Wirklichkeit. Dabei bringe ich etwas auf den Punkt – im direkten Sinne des Wortes. man könne Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen aus seiner Handschrift herauslesen. Davon erzählt auch das Wort »begreifen« im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich an-fassen kann. die manche Empfänger als schön empfinden. Schweiz. Ähnliches geschieht durch Klavierüben. Wir bestimmen Größe. was wir schreiben. Aber damit ist die Individualisierung der Schrift auch schon fast erschöpft. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat nachgewiesen. erfassen wir die Welt zweifach: in ihrer abstrakt-sprachlichen Bedeutung und dadurch. Wir sind auch. Ich nehme mir die Zeit. Vielleicht mit meinem Füller von Montblanc. Und der eine so breite Feder hat. auf dem iPad. als Wörter und Sätze. Computerschrift ist standardisiert. und dann schreibe ich es mit der Hand auf. Wir zeichnen sie nach. intensiver vernetzen. wie wir schreiben. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns«. das heißt. Gallen. die sich im Gedächtnis einlagern kann. Farbe. übertrage ich später dann mit dem iPhone in Evernote. um einem einzelnen Wort Nachdruck zu verleihen. anders. Wort für Wort. Das verfügt nämlich bis ins hohe Alter über neuronale Plastizität. eine ungleich intensivere körperliche Spur legt. dass wir mit der körperlichen Bewegung Spuren in unserem Gehirn anlegen. ob dies nur einen Impact auf die formale Dimension des Schreibens hat. was ich dir sagen möchte. bis das Papier reißt. Palanikumar/13Photo . Selbst kleine Notizen. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Next. dass alles. weil er beim Adressaten zwischen Hunderten digitaler Mails und unnützen analogen Postwurfsendungen Aufmerksamkeit erzeugt. auf dem Laptop. Wenn wir also handschriftlich schreiben. Der Stift berührt das Papier. mich hinzusetzen und darüber nachzudenken. und ich bin nicht sicher. Vielleicht lässt sich dieser Zusammenhang des Anfassens als Erfassen mit den für das Schreiben abgewandelten Worten der amerikanischen Leseforscherin Maryanne Wolf erklären: Wir sind nicht nur. mit dem iPhone. die Schrift nach rechts oder links kippen lassen oder auch fest aufdrücken. Oder durchs Schreiben. sowie Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University. Darum nennt sich das Schreiben am Computer – sehr technisch – Textverarbeitung. verfügbar und doch sehr fern. und in diesem Moment ist der Anfang eines Buchstabens. die wiederum dessen Funktionsweise beeinflussen. die den Daumen steuern. die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. eines Gedankens gesetzt. Times Modern sozusagen im übertragenen Sinne.Auch ich schreibe immer mehr mit einer echten oder virtuellen Tastatur. dass jugendliche Powersimser einen messbaren Zuwachs der Hirnareale aufweisen. weil ich neben den im Brief enthaltenen Botschaften eine unausgesprochene übermittle: Du bist mir wichtig. Buchstabe für Buchstabe. Es geht vielmehr um physiologische Vorgänge im Gehirn. der so wunderbar schwer in der Hand liegt und das Schreiben zu einer körperlichen und sehr sinnlichen Erfahrung macht. »was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird. Rowohlt. es zu er-fassen. Entpersönlicht und für ewig gespeichert. Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer Kulturtechnik. Bogen für Bogen. Wir können unterschiedliche Schrifttypen auswählen und sogar Schreibschrift maschinell imitieren. lote ich meine Gedanken förmlich in allen drei Dimensionen des Raumes aus: Ich kann die Buchstaben nach oben oder unten in die Länge ziehen. Sondern auch. eines Wortes. einzelne Nervenzellen oder ganze Hirnareale können sich immer wieder neu. Die Futura gehört dem Computer. ist auch in der Lage. in einer Wolke. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sagt. um sich aus meiner Welt in die der anderen fortzusetzen.

forstet. Zuweilen besteht sie nur noch aus Buchstaben. Alles andere steht ja im Netz oder macht der Computer. uns als schreibende eibende Individuen auszumachen. aber auch nur zwei Buchstaben. Wir zeigen auf diesen Seiten Ausschnitte aus ihrem Notizbuch 45 DIE ZEIT . Dann fällt das Lernen leichter. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder. Flusser sah im technischen Bild die Oberfläche. das Herumschieben von Sätzen. zur Zeit des sogenannten pictorial turn.« Die Quantität des Geschriebenen wächst also mit dem PC. es hat sich eingeschrieben. das sich nach Standards andards richtet. Das gelingt vermutlich nur so lange. muss es aber nicht so sein. Tucholsky lässt grüßen: »Ich hatte leider keine Zeit. Doch bei allen guten Argumenten für das Schreiben mit Hand und Füller gibt es auch Gründe. Der Anfang des Alten Testaments lautet dann etwa so: »Number one. God make heaven and earth. auf wenige Punkte zusammen. Und wenn selbst die zu viel sind. doch die spielen längst nicht mehr die Hauptrolle olle bei diesen Analysen. nothing there. bringt zum Ausdruck. egal. Eine amerikanische Studie hat aber auch ergeben. desto weniger g wird es dem Computer gelingen. God make avatar go look-see waterfront. Diese Kulturkritik Flussers gewann in den neunziger Jahren. Im Labor für Künstliche nstliche e Intelligenz an der Universität von Arizona setzen Wissenschaftler inzwischen komplexe Algorithmen ithmen ein. und das sei ihrer Komplexität eher angemessen. zu spät). Die Jungen jedoch verbessern sich wesentlich. greifen wir auf die Zeichen erster Ordnung zurück – die Icons. die Signifikanten. 2L8 (too late. Copy-and-paste. Also too dark. Das Schreibenlernen gelingt leichter. an Bedeutung und lässt sich im Lichte der Digitalisierung wiederum neu deuten. Das Lernen geht nicht nur schneller. dass Mädchen und Jungen deutlich mehr schreiben. wenn der Computer im Spiel ist. Der Computer macht es möglich. werden wir bald alle einsprachig. Bei der Textverarbeitung am Computer kann. In dieser Entwicklung liegt ein belustigender Widerspruch: Je mehr unser Schreiben sich der digitalen Sprachevolution unterwirft. LOL (laughing out loud. das neben den Text und dann vor den Text zu rücken drohte. merken sich mehr! Wenn das auch für Fremdsprachen gilt. Ein Text. Irgendwann wird der datenbasierte »Schreibabdruck« bdruck« als individualisierte Repräsentation des Schreibens bens die Handschrift ersetzen. Unsere Sprache verpixelt zusehends. ob sie mit der Hand oder am Computer schreiben. erlaube uns hingegen die diachrone Verarbeitung der Information. das in Form von Buchstaben Gelernte bleibt auch besser haften. wie wir unsere Schriftsprache noch nicht vollständig in ein banales digitales »Globalese« überführt haben. bei Jungen wie Mädchen. reduzierter. bitte Antwort asap (Answer as soon as possible. God say. mit einem Stift oder einem Füller auf das Papier oder mit Kreide auf die Tafel geschrieben werden. weil sie uns manches im Alltag erleichtert. Light on. einzigartige Reihe aus binären Zahlen: 01110110 110110 01100001 01101110 01101001 01101100 01101100 01100101 01101011 01101001 01110000 01100110 01100101 01110010 01101100. Bestandteile verschiedener Sprachen zu einer neuen Sprache zu verbinden. den wir lesen. wenn die Buchstaben. en. zum Beispiel die Verständigung. aber auch der Wortschatz. also googeln können. Mit der wachsenden Digitalisierung unserer Kulturtechniken erleben wir etwas neu. Light on. Sogar die Textinhalte werden durchforstet. Wortlängen tlängen und Buchstabenhäufigkeit.« Das ist nicht unbedingt literarisch. um die menschliche Computerschriftsprache ache zu sezieren. aber fast überall verständlich. die Digitalisierung der Sprache gutzuheißen. mich kurz zu fassen. auf denen die Signifikanten abgedruckt sind. das der Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser schon 1978 in Die kodifizierte Welt kritisiert hat. Heute können wir mithilfe von Google Translator deutsche Texte in 65 Sprachen übersetzen lassen. Antworte so bald wie möglich). als wenn man nur die Computertasten drückt. sie schrumpft. So lässt sich mithilfe des Computers der individudividuelle »Schreibabdruck« eines Menschen berechnen. Die Welt besteht und entsteht aus Pixeln. die als Mischung aus englischer Grundsprache mit den einfachen Strukturen chinesischer Grammatik und einigen indischen Spracheinflüssen entstanden ist. von denen es Millionen auf Bildschirmen. Monitoren und Displays gibt. Das Schreiben mit der Hand erzeugt also mehr als einen Text. warum das Programm Textverarbeitung heißt. Diejenigen. mit dem wiederum weitere Texte desselben Individuums iduums im Internet gesucht und erkannt werden können. dann wird das Schreiben damit für Miriam Meckel zu einem sehr sinnlichen Erlebnis. wenn man die Pünktchen vergrößert. Was ich dann auf der Keksdose eksdose im Keller meines Vaters statt des Aufklebers mit dem m Wort »Vanillekipferl« finden würde? Vielleicht ht eine lange. wenn sie tippen. Wir bringen Dinge dann anders auf den Punkt: direkter. lauthals lachen). Absätzen oder kompletten Abschnitten. Die Qualität des Geschriebenen bleibt bei den Mädchen konstant. dann schreiben. die wissen. dass sie nicht nachgucken können. simpler. Earth not very nice. Damals ging es um das Bild. Dabei entstehen zuweilen lustige Fehler. Doch Sprachkompetenz erwerben wir so natürlich nicht. sich Dinge zu merken. Aus der Forschung wissen wir. wenn Hand und Hirn im Zusammenspiel ein Bild der Sprache erzeugen. die selbst dem Computer das Unterscheiden cheiden unmöglich machen.stimmte Reihenfolge voraus: erst denken. dass Menschen weniger bereit sind. wenn sie wissen. in Bildpunkten. dass sie im Internet nachschauen. Die Sprache des Computers erscheint uns in Pixeln. Hingekritzelt Wenn der Füller schwer in der Hand liegt. die auf einen Blick erfasst wird und die komplexe Informationen synchronisiert. en. Mehr als 400 Parameter werden dafür für ausgelotet: Syntax und Zeichensetzung. Zwischen HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) und HDF (Halt die Fresse) liegen zwar immer noch Gefühlswelten. Unter der Bezeichnung »Globalese« hat sich eine Rudimentärsprache entwickelt.

dann beuns Zeit gibt. Josef Joffe Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo Stellvertretende Chefredakteure: Moritz Müller-Wirth. erlauben. Er war damals neuer Literaturchef der FAZ. dass die Münd- IMPRESSUM Gründungsverleger 1946–1995: Gerd Bucerius † Herausgeber: Dr. Helmut Schmidt. so leise und so kompliziert zu verdankt sich keineswegs einer Mode oder Laune. KG. Anzeigen: DIE ZEIT. Zweck. Singen allerdings müssen wir sie nicht. die Anmut oder gar Schönheit eines sprachlichen Gefüges betrifft. dass der Verfasser nicht laut. Konto-Nr. 20079 Hamburg Fax: 040/32 80 404 E-Mail: leserbriefe@zeit. dass ihm zu folgen eine Qual ist.de DIE ZEIT 46 . und zuweilen eben auch Mängel. 525 52 52. In jedem Fall aber sollte der Text elegant und verständlich sein. Wenn Sie Bücher laut lesen (oder anderen vorlesen). ich merkte. was man junger Redakteur. die Ihnen vordem Fernrohr zu suchen«. Gerade deshalb aber neigen wir dazu. Hella Kemper Gestaltung: Julika Altmann Bildredaktion: Ellen Dietrich (verantwortlich). verständschlichte Prosa. die erst später niedergeschriebenen Texte Homers ihre mündliche Überlieferung so lange überdauert haben. Der Liebesbrief verlangt eine andere Sprache Er nahm mein Manuskript und las es mir mit als das Bewerbungsschreiben. gründlich genug nachgedacht hat. Er schreibt unihnen eine Art Rhythmus. kann es sich erlauben. BLZ 600 400 71 Postbank Hamburg. ich sein Aber die meisten von uns Irdischen heißen nicht Hegel oder Kleist. den Leser dafür zu gewinnen. KG. KG. die sich darin gefallen. damit das Professoren geben. Melanie Böge Dokumentation: Mirjam Zimmer (verantwortlich) Korrektorat: Mechthild Warmbier (verantwortlich) Verlag und Redaktion: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Mark Spörrle Assistenz: Gabriele Sommer Redaktion: Matthias Naß (verantwortlich). Marion Gräfin Dönhoff † (1909–2002). Ich hatte ihm meine erste größere Literaturkritik hineingereicht und war nun gespannt sagen will. Konto-Nr. Nie werde ich vergessen. dem. Rainer Esser Verlagsleitung: Stefanie Hauer Vertrieb: Jürgen Jacobs Marketing: Nils von der Kall Unternehmenskommunikation und Veranstaltungen: Silvie Rundel Herstellung/ Schlussgrafik: Wolfgang Wagener (verantwortlich) Druck: Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH. und dieser lichkeit sehr viel älter ist als die Schriftlichkeit. dann Empfänger ist immer auch ein Hörer. BLZ 200 100 20 Leserbriefe: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co.ÜBER DAS SCHREIBEN VON DE R K R A F T DES MÜ N DLICHE N Warum sich U L R IC H GR E I N E R seine Texte selbst vorliest gibt. Axel Kuhlmann Sonderpreisliste ZEIT-Tabloid 2012 Anzeigenstruktur: Helmut Michaelis Bankverbindungen: Commerzbank Stuttgart. aber innerlich) meine Texte vor. 64546 MörfeldenWalldorf Axel Springer Verlag AG. eine angemessene Gestalt zu geben. als es simplen Hauptsätzen gelingen könnte. Es soll waren rhythmisiert. Die auf das Urteil. die Tür hinter Angemessenheit richtet sich natürlich nach dem mir zu schließen und Platz zu nehmen. Einen derart melodisch und rhythmisch ge selligen Austausch der Meinungen und Argumente strukturierten Text kann man sich leichter merken als schätzen. warum wir bestimmte Sätze gar war es üblich.de Artikelabfrage aus dem Archiv: Fax: 040/32 80 404 E-Mail: archiv@zeit. Verständlich für Stentorstimme vor. Denn mein Ziel Was aber nun die Eleganz. dem Lehrer vor seiner Klasse oder dem imaginierten Mündlichkeit zu tun. 22926 Ahrensburg Für unverlangt eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. dass der Text hinund bei nicht wenigen Beispielen einer missglückten ten und vorne hakte. Reich-Ranicki bat mich. Ich wurde rot vor Scham. wie Marcel tionen im glücklichen Fall eine höhere Genauigkeit Reich-Ranicki mich einmal in sein Zimmer bat. Eingang Speersort 1. wenn ich ihn selber verstehe. 4–6. Kornkamp 11. Buceriusstraße. Seitdem lese ich mir (nicht Sprache kann man sehen. Nur so lässt sich das Wunder erklären. Sie reden. Darin gleiche ich dem Pfarrer vor seiner diese höchst erwünschten Eigenschaften viel mit einer Gemeinde. Das weiß ich aus Alberto nicht verstehen könnten. eine gewisse verständlich. müssen unsere Rede angenehm. Empfehlungsanzeigen: iq media marketing. Dr. und der Hörer kann ihm leichter folgen. dass er mir zuhört. das Prädikat am Ende des Satzes »mit merken Sie neue und andere Qualitäten. Damit will ich nichts gegen die Sprache der Ich empfehle diese Übung vor allem bei SelbstJuristen oder Philosophen sagen. weil es Bücher und Computer Literaturressort und das Feuilleton geleitet WENN wir uns vor Augen halten. so haben lautet. den vorfand. laut zu lesen. Nur der wahrhaft Mächtige literarischen Texte einer festgelegten Form folgen. Dass die ältesten Verteidiger vor Gericht. Er hat viele Jahre das nicht mehr angewiesen. ich versuche. dass etwa lich und auf gewinnende Weise vortragen. Matthias Weidling. wie Mark Twain einmal her entgangen sind. Kurhessenstr. Ich hörte das Gestammel und Geholper meiner andere kann er nur sein. Geschmeidigkeit beizubringen. weil er sich selber nicht verstanden hat. und es empfiehlt sich. Bernd Ulrich Chef vom Dienst: Iris Mainka (verantwortlich). Pressehaus. Ulrich Greiner ist Autor der ZEIT und Herausgeber Zwar sind wir heutzutage auf solche Hilfsmittel des Magazins ZEIT LITERATUR. 1290 00 207. die wir den freien. spottete. würden sie nur gesprochen und hätten wir nicht den gedruckten Text vor uns. Gedächtnis des Erzählers oder Sängers Haltepunkte Wir anderen aber. deren Satzkonstrukgeschriebenem. der Manguels großartiger Geschichte des Lesens. 20095 Hamburg Telefon: 040/32 80 0 Fax: 040/32 71 11 E-Mail: DieZeit@zeit.de © Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. den Empfänger unserer Texte zu vergessen. Hamburg Geschäftsführer: Dr. später auch gereimt. Früher übrigens verstehen wir auch. unbeholfenen Sätze.

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