Wie Sie besser schreiben

Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen
Von Wolf Schneider
Mai 2012

Mit Beiträgen von Uwe Timm, Ulrich Stock, Anna von Münchhausen, Miriam Meckel und Ulrich Greiner

Nr. 20

67. Jahrgang

EDITORIAL

Triffst du nur das Zauberwort
Man kann sprachlos sein vor Glück, sprachlos vor Erstaunen, sprachlos vor Entsetzen. Man sollte möglichst nicht sprachlos sein, weil einem die richtigen Worte nicht zu Gebote stehen; weil man die richtigen Worte nicht zu klaren, verständlichen Sätzen formen kann; oder weil sich die Sätze nicht zu einem liebevollen Brief, einem klugen Aufsatz, einem lebendigen Zeitungsartikel fügen. Gut zu sprechen und zu schreiben ist eine Kunst, die man lernen kann. Man wird es nicht unbedingt zur Meisterschaft eines Heinrich Heine oder Georg Büchner bringen, aber nach Ausdrucksvermögen und eigenem Stil darf man schon streben. Der Aufklärer und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg sagte es so: »Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, dass es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist.« Wie aus gutem ein besseres Deutsch werden kann – damit beschäftigt sich diese ZEIT-Beilage. Wolf Schneider, der Autor unserer Stilkunde, ist ein bewährter Sprachlehrer. Generationen von angehenden Journalisten sind durch seine Schule gegangen und haben unter seiner Maxime gestöhnt: »Qualität kommt von Qual!« Für diese Beilage gilt das ausdrücklich nicht. Sie soll Freude machen, dabei auch gern ein wenig Ehrgeiz wecken. Gerade durch die Beispiele der großen Meister, denen wir zwar immer vergeblich nacheifern werden, die uns aber zeigen, welcher Schatz unsere Sprache ist. Wie finden Autoren und Journalisten zum besseren Deutsch und zum guten Stil? Darum geht es im zweiten Teil unserer Beilage. Der Erzähler und Romancier Uwe Timm lobt in seinem Beitrag die Schreibwerkstatt, in der sich Schriftsteller vervollkommnen können. Wie wir Journalisten im Zeitungsalltag nach dem passenden, dem richtigen, dem besten Wort suchen, schildert Ulrich Stock. Anna von Münchhausen singt das Hohelied des guten Redigierens, jenes demutsvollen Feilens am Text, das ihn – wie einen geschliffenen Diamanten – erst zum Leuchten bringt. Ulrich Greiner hat schon von Marcel Reich-Ranicki gelernt, wie hilfreich es sein kann, wenn der Autor sich seinen Text selbst vorliest. Schließlich die Frage, wie sich die deutsche Sprache durch das digitale Schreiben, durch Chat und Tweet, verändern wird. Was passiert, wenn wir nicht mehr mit der Hand schreiben, sondern nur noch auf der Tastatur herumhämmern? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gibt, ein wenig melancholisch, Entwarnung: Natürlich wandelt sich unsere Sprache, wenn das Schreiben zur Textverarbeitung wird, aber zugrunde geht sie nicht. Selbst wenn Joseph von Eichendorff eines Tages vergessen sein sollte, werden Menschen noch immer das »Zauberwort« treffen MATTHIAS NASS – »und die Welt hebt an zu singen«.

DIE ZEIT

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D E R I N H A LT

D I E S P R AC H E I ST E I N E WA F F E
Seien wir gut zu ihr – eine Einführung von Wolf Schneider SEITE 4

Titelbild: designed by m-inspira/www.m-inspira.com; Inhalt: Heimo Zobernig, Ohne Titel (REAL)/VG Bild-Kunst, Bonn 2012; Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung; Ohlbaum/laif (v. o.)

E I N E STI L K U N D E
20 Lektionen von Wolf Schneider SEITE 8 bis 31

DI E S P R AC H M E I ST E R
Sieben Virtuosen der deutschen Literatur SEITE 13, 16, 20, 23, 29, 32

ÜBER DAS SCH REI BEN
Ein Lob der Werkstatt SEITE 36
VON UWE TIMM

Wenn das Schreiben nicht wäre SEITE 38
VON ULRICH STOCK

Was machen die da? SEITE 40
VON ANNA v. MÜNCHHAUSEN

Sich die Welt erschreiben SEITE 42
VON MIRIAM MECKEL

Von der Kraft des Mündlichen SEITE 46
VON ULRICH GREINER

Impressum SEITE 46

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DIE ZEIT

EINFÜHRUNG

W

as wir hören, was wir lesen, wie wir sprechen, wie wir schreiben: Nichts formt uns und bewegt uns, nichts bereichert uns mehr, nichts prägt unsere Rolle unter den Menschen stärker als unser Umgang mit der Sprache. Sie ist das gewaltige Erbe, in das wir hineingeboren worden sind – in tausend Generationen aufgehäuft und fortentwickelt, beladen mit allen Irrtümern und Vorurteilen unserer Ahnen, beflügelt von ihren Träumen, Visionen, Ideen. Begriffe bilden, Ideale aufstellen und mit ihnen die Wirklichkeit verändern: Das ist, weit über die Verständigung hinaus, die wichtigste Leistung der Sprache. Gerechtigkeit! Finden wir sie etwa in der Natur? Sind wir uns auch nur einig darüber, was sie im konkreten Fall bedeuten soll? Aber das große Wort ist da, als Banner steht es über uns, und so trägt es dazu bei, dem Ideal, das da kühn und unscharf ins Wort gehoben worden ist, ein wenig näher zu kommen, als wenn wir es in unserem Wortschatz nicht vorgefunden hätten. Es gehört zu jenem »ungeheure[n] Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet«, sagt Nietzsche. Oft gehen wir so weit, der Wirklichkeit mit unseren Wörtern Eigenschaften vorzuschreiben, die sie nicht hat: Ist die Natur denn bereit, am 1. Juni (meteorologisch) oder am 21. Juni (astronomisch, kurios genug) mit dem »Sommer« zu beginnen – bloß weil wir das Wort in die Welt gesetzt haben und es noch dazu mit der Erwartung von ständiger Sonne und Wärme verknüpfen, aller deutschen Wahrscheinlichkeit zuwider? Wir können wetten: Irgendwann im Juli werden Journalisten und Fernsehmeteorologen tadelnd fragen, wo »der Sommer« bleibt. Nichts zeigt die Macht der Sprache eklatanter: Wie wir etwas nennen, ist uns wichtiger, als wie es ist. Mit unseren Wörtern etikettieren wir die Fülle der Erscheinungen und erwarten dafür Gehorsam von ihnen. Wörter sind heilig. Sie tragen unsere Hoffnungen und unsere Ängste, unsere Wünsche und Gebete und unseren Trost; mit ihnen erschaffen wir die Philosophie und die Utopie, die Poesie und den Witz. Dieses schillernde, grandiose Erbe zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.
Vier Entwicklungen vor allem müssen jedem Freund der Sprache Sorgen machen. Die erste Entwicklung: Auch dort, wo die Schreiber

Die Sprache ist eine Waffe
Aber sie lässt uns auch träumen, sie erklärt uns die Welt. Seien wir gut zu ihr!
VON WOL F S C H N E I DE R

die Sprache noch pfleglich behandeln wie in der Mehrzahl der DruckErzeugnisse, findet seit Jahrzehnten ein Wortschwund oder eine Wortverfälschung statt. Dass »scheinbar« »dem falschen Anschein nach« bedeutet und folglich nie mit »anscheinend« verwechselt werden darf, ist immer weniger Deutschen geläufig. »Wähnen« liest man im Dutzend in der Zeitung, wo »glauben« gemeint ist – und es heißt doch: »fälschlich glauben«, »sich einer Wahnvorstellung hingeben«! Hören solche Schreiber sich selber nicht mehr zu? »Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit« – wie viel Kraft, wie viel Information in nur zwei Silben! Ähnlich schlimm: »Vermeintlich« findet man mit »vermutlich« verwechselt, und es besagt doch das Gegenteil – der vermutliche Täter war es wahrscheinlich, der vermeintliche war es gerade nicht. Woher solcher Absturz? Immer mehr junge Leute (fast die Hälfte, wird geschätzt) lesen keine Bücher mehr, und an deutschen Schulen regiere, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jene »Spaßpädagogik«, die den Schülern jegliche Mühe ersparen wolle. Man komme nicht mit der beliebten Redensart: »Die Sprache entwickelt sich eben.« Wo die Entwicklung eine Verarmung wäre, da sollten bei allen Deutschen die Alarmglocken läuten. Vor allem aber: Das »sich« in dieser Schutzbehauptung ist einfach falsch – als ob die Sprache ein abgehobenes Medium wäre, das sich Entwicklungen leistet! Sie wird entwickelt mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt – und noch heute hat niemand etwas dagegen, dass wir nicht mehr »rekommandieren«, sondern »einschreiben« sagen und nicht mehr »poste restante«, sondern »postlagernd«. Alice Schwarzer hat an der Spitze einer kleinen Gruppe von Feministinnen erzwingen können, dass jede deutsche Behörde und die meisten Unternehmen den Mitarbeitern heute bei jeder Nennung die Mitarbeiterinnen ausdrücklich zur Seite stellen. Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen.

DIE ZEIT

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Bonn 2012 . Tweet. Das verbinde sich oft mit »einer zunehmenden Enthemmung im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität«. Die Mailer und die Seriösen unter den Bloggern (die gibt es ja) können zwei Nachteile kaum bestreiten: Man huscht über die Tasten eines Geräts. Blog. mit Feuer und mit Kraft. vorzugsweise von unter Zwanzigjährigen gesprochen: »Ich mach dich Messer. Der hat sich die geschriebene damit angenähert – mit allen Vorzügen der Spontaneität und allen Nachteilen der Schwatzhaftigkeit. sondern ein »innovativer Dialekt« des Deutschen. der sie befolgt. März im Rückblick auf den Sturz des Bundespräsidenten Wulff ). das immer auf dem Schreibtisch steht – kein Papier mehr zurechtlegen. und der Absender muss sich nicht identifizieren. ja dass es Sprachwissenschaftler gibt. dass man alle. Nicht-mehr-Korrigierens. 1919 5 DIE ZEIT Abb. Nicht-mehr-Feilens. Nur auf Englisch und Chinesisch erscheinen noch mehr Bücher als in deutscher Sprache. geradezu ein Vorbild für die überfällige Vereinfachung der deutschen Grammatik. Ein großes Unternehmen bereicherte das Deutsche vor Kurzem um das kostbare Wortgebilde CorporateSocial-Responsibility-Aktivitäten. spottete Bundestagspräsident Lammert (am 18. und mit der elektronischen Wortexplosion hat das Missverhältnis zwischen Geschriebenhaben und Gelesenwerden sich drastisch verstärkt. die Sprache mit Migrationshintergrund. Chat haben die Zahl der geschriebenen Wörter dramatisch vermehrt und die Sorgfalt im Umgang mit ihnen dramatisch vermindert. mit Farbe.Die zweite Entwicklung. Als ob man sich des Deutschen schämen müsste! Es war und ist eine der großen Kultursprachen auf Erden. Machen wir davon Gebrauch! »Die Sprache ist eine Waffe. sich der Chancengleichheit dadurch zu nähern. der nicht nur von seinem Lehrer oder Professor. so wie die gesprochene Sprache. vielleicht sogar von vielen gelesen werden möchte. mahnte Tucholsky. Die dritte Entwicklung. ja herumzupöbeln. die unsere Sprache lieben (und zugleich kein Problem mit korrekten Genitiven haben). sich ums Hochdeutsche gar nicht zu bemühen – statt dass man das Mögliche tut. und was seit 1954 Eurovision hieß. versucht es für eine Einsicht zu gewinnen. das Nichtlesen. in die große Sprache »Deutsch« hineinzuwachsen! Zwei Beiträge dazu leistet dieses Heft. ermuntert und darin fördert. die in Deutschland wohnen. ziemlich bewährte Rezepte angeboten. Die Kiezdeutsch-Sprecher werden also ermutigt. müssen sie schon zufrieden sein. die diesen Slang loben: Er sei kein Kauderwelsch. loszupoltern. Der andere: Alle. dass man ein paar dieser Lektionen aus jedem der Meister destillieren könnte. Werben also: um Aufmerksamkeit. Saturn 2012). als Aperitif und Ermutigung. Haltet sie scharf!«. Die vierte Entwicklung: das »Kiezdeutsch«. sondern von anderen. ist der immer noch anhaltende Siegeszug der unsinnigen unter den Anglizismen. Aus beiden Nachteilen folgt millionenfach die Versuchung. ist nicht das Problem – sondern dass in solcher Stummelsprache schon geworben wird (»Soo! muss Technik«. die der Freund der Sprache nicht begrüßen kann. des Nicht-mehr-Zögerns. die früher allenfalls dem Ohr zugemutet wurden – dem Auge nie. deutsch ausgesprochen wie der Euro noch heute. vom Kuvert zu schweigen. Journalisten wissen: Wenn ihre Texte zu 20 Prozent gelesen werden. Iwan Puni: »Stilleben mit Buchstaben und Krug«.« Dass sie so reden. die Sprache also in Tiefen zu zerren. jedenfalls das Nicht-zu-Ende-Lesen war schon im 20.: akg-images/© VG Bild-Kunst. den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. dazu mit dem schönen Gefühl: Und beim Empfänger kommt das Geschriebene sofort an. geht neuerdings als »Jurowischn« über die Sender. um Zuwendung. Und zwei – Heine und Kafka – haben sogar durchweg so geschrieben. dass wir sie uns beim Werben um Leser zum Vorbild nehmen können: glasklar verständlich. ist mit dem Internet über uns hereingebrochen: Mail. nur aus dem Englischen und dem Französischen werden noch mehr Bücher als aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt. Das Blog hat anstelle des Adressaten ein diffuses Publikum. Jahrhundert das statistische Normalverhalten. die an unseren Schulen und Universitäten ein Kümmerdasein fristet: dass jeder. die allen Freunden der Sprache Sorgen machen muss. idealerweise um Sympathie! Aber wie macht man das? Dafür werden in dieser Beilage 20 praktikable. Den hier vorgestellten sieben »Großmeistern« nähert sich natürlich noch keiner. Wie schön aber. Der eine: Es stellt einige der großartigsten Meister des Deutschen vor. um die Leser werben muss – und dass es dafür nicht genügt.

14 6. Friedrich Nietzsche: Der Virtuose S. Bonn 2012 Max Ernst: »Kleine Maschine. Die Krone der Hässlichkeit S. konstruiert von Minimax Dadamax persönlich«. Nennen wir’s beim Namen S. Goethe und Schiller: Große Prosaisten S. Die Kunst des Anfangs S. Seien wir ein bisschen unbequem S. 13 II. 19 11. 26 18. König der Sätze S.E I N E ST I L K U N D E VON WOL F SC H N E I DE R 2 0 LEKTIONEN 1. Misstrauen wir den Synonymen S. Wie lang darf ein Satz sein? S. 1919/20 7 ZEITWISSEN . Zählen wir die Silben S. 26 17. 28 19. Vermeiden wir den Überdruss S. 12 5. 21 13. 31 DIE SPRACHMEISTER I. 22 14. Der Wille zum Verzicht S. 10 3. 8 2. 21 12. Die schöne heikle Nebensache S. 25 16. Im Anfang war das Tun S.: akg-images/VG Bild-Kunst. 11 4. Verachten wir den Wissenschaftsjargon S. 30 20. 20 IV. Heinrich von Kleist: Der Maßlose S. Warum wir am Passiv leiden S. 16 III. Franz Kafka: Der heimliche König S. 17 8. Wörter in Bewegung S. 17 9. 22 15. Die Kraft der Bilder S. 15 7. 29 VI. Heinrich Heine: Der brillante Zyniker S. 23 V. Mit Satzzeichen Musik machen S. Gliedern kann nicht schaden S. Thomas Mann: Der Alleskönner S. Geizen wir mit Adjektiven S. 18 10. Nur für Gedächtniskünstler S. 32 Abb.

der Oberbefehlshaber der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg – und damit ein Bild gefunden für das Vorwärtsstürmen.DIE WÖRTER LEKTION 1 Im Anfang war das Tun Warum wir die Verben lieben sollten »Ich glaube. sich handeln um. lispeln. schaffen. Zum Zweiten: Es möge Ihnen Spaß machen. umsetzen. Auch ist Bewegung allein kein Gütesiegel: Schwerfüßige Verben gibt es wie durchführen und bewerkstelligen. Ebenso sind das Stigmatisieren und das Sensibilisieren nichts. Viele Verben drücken nicht einmal eine Tätigkeit aus. Auch und gerade in den leisen Verben zeigt er sich. die besten. Zum Ersten: Lebhaft nutze man die Chancen des Verbums. bürokratische wie beauskunften und bezuschussen. summen. »Kochend wie aus Ofens Rachen Glühn die Lüfte. sie sind folglich zweite Wahl: vorliegen. schwirren. tuscheln. Muss wetten und wagen. Was also tun? Der Rat für Schreiber. säuseln. Imponiervokabeln wie generieren (für machen. rauschen. was Verben leisten können. murmeln. Mark Twain und Jorge Luis Borges haben das Deutsche geradezu bewundert für seinen Reichtum an Nacht. DIE ZEIT 8 .« Ulysses Grant hat das gesagt. wenn das Verbum sich erst in der Katastrophe bewährte. wo es als Retter aus zwei Fallen der deutschen Grammatik dienen kann: den garstigen Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den rasselnden Ketten vorangestellter Attribute ¤ Lektion 13. Fenster klirren. das Glück zu erjagen. Kinder jammern. die Tuwörter. Muss wirken und streben Und pflanzen und schaffen. bewirken) oder implementieren (für einführen. flüstern. hauchen. was Goethe geduldet hätte oder Günter Grass dulden würde. gluckern. Pfosten stürzen. raunen. die Liebe muss bleiben: Die Blume verblüht. und statt des beliebten Thematisierens könnte man schließlich sagen: zum Thema machen. in unserem schönen Wortvorrat zu baden. ich bin ein Verbum und kein Personalpronomen. aufgreifen – oder warum nicht einfach: Darüber sollten wir mal reden. knistern. Mütter irren …« Nun wäre es traurig.und Waldgeräuschen: fächeln. Balken krachen. wie Grundschüler sagen. erlisten. surren. ist von viererlei Art. plätschern. Doch im selben LIED VON DER GLOCKE hat Schiller auch im scheinbar Statischen die Bewegung aufgespürt: »Die Leidenschaft flieht. verwirklichen). Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben. wispern.« Natürlich: Für unsern Alltag taugt das nicht. vorhanden sein. Aber was geht uns das an? Es ist eine starke Metapher dafür. rieseln. die die Sprache lieben und sich zugleich Leser wünschen. das ihn zum Sieg führte. die Frucht muss treiben. erraffen. erzeugen. gurren. rascheln. sirren. wenn wir Leser fesseln wollen: Bewegung! Interessanter als »Das Haus ist schön« liest sich nun mal »Es ging in Flammen auf«.

Näher an unseren Wünschen und Möglichkeiten ist das fröhliche Getrappel. es wurde gezäumt. war alles verhallt. 8–30: fotografiert von Nico Baldauf für DIE ZEIT . Knechte liefen um die Pferde. ja drastisch zu benennen. Buchstaben-Arrangements S. treppab eilte der Diener. in den Kellergewölben klapperten die Schlüssel des Lagerverwalters. da versuche man sie farbig. Nur von den Bergen noch rauschet der Wald. als könnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen. durch die Gänge huschten die aufgeregten Mägde. von den Wettern zerrissen« (noch mal Hölderlin). mit nicht weniger als zwölf dynamischen Verben: »Mitten in der Nacht erwachte das Haus in der Rue Droite zu emsigem Leben.Der dritte Rat: Wo eine Bewegung offenkundig ist. Blaue Sonnenbahn bereitet.« Dies als Extrembeispiel dafür. wenn sich nichts bewegt. wie Goethe: »Wenn der Äther. In der Küche flammten die Feuer auf. gesattelt. als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien.« Der vierte. erfrischen. Und mich schauert im Herzensgrunde. treppauf. von dem Patrick Süskind im PARFUM erzählt. …« Oder wie Eichendorff: »Es zog eine Hochzeit den Berg entlang. Das Heidelberger Schloss. Das war ein lustiges Jagen! Und eh’ ich’s gedacht.« Oder die Bewegung gar so dramatisch zu beschreiben wie Hölderlin: »Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur. sie verjagend. Ich hörte die Vögel schlagen. Georg Büchner ließ seinen Lenz einen »Triumphgesang der Hölle« anstimmen: »Es war ihm. »hing nieder bis auf den Grund. freilich der schwierigste Rat: Nach Bewegung fahnden. die gigantische Burg. zu welcher Kraft die Sprache sich mit Verben steigern lässt – sogar dann. Mit den klaren Tagen streitet Und ein Ostwind. gerannt und geladen …« Und selbst ein einziges Verb kann uns verblüffen. andere zerrten die Maultiere aus den Ställen. wenn man es setzt wie Ringelnatz: Ein Leierkasten »wringt sich aus und klingt nach Leben und Sterben«. Da blitzten viel Reiter. das Waldhorn klang. Wolken tragend. auch wo scheinbar keine ist. im Hof leuchteten Fackeln. Die Nacht bedecket die Runde.

Leid. Robert Indiana: »Love«. Wald und Feld. eine zu sein. Museumslandschaft Hessen Kassel/bpk/© VG Bild-Kunst. wenn ein kurzes es auch tut«. Bonn 2012 (S. ist zu einsilbigen Wörtern geronnen – und erst recht sind es fast alle starken Gefühle: Angst. Bonn 2012 (S. Das klingt erschreckend simpel. Wut. Pein. Weib und Kind. Schweiß – und ihnen damit Kraft gab zum Widerstand. Kehrtwende. Wer gelesen werden und wirken will. Blut. schrieb Jean Paul in seiner VORSCHULE DER ÄSTHETIK. Tisch und Bett.« So. Neid. das meiste. Vielleicht ist ja was dran? Vielleicht sollten wir die Thrombozytenaggressionshemmer nur seufzend in Kauf nehmen – den von unseren gehobenen Feuilletons gehätschelten Paradigmenwechsel aber schon mal darauf abklopfen. Doch die Stilistik hakt nach: und kraftvoller auch! »Je länger aber ein Wort. toil. mit Wörtern wie Effizienzsteigerungsprogramm oder Energieverbrauchsflexibilität zu operieren. Mühsal. Hass. 11) . tears and sweat« versprach. heißt es im Stilkodex des Londoner ECONOMIST. ob er nicht zur Abwechslung als Umdenken. der bedenke: Laien verstehen nichts. wenn sie inmitten ihrer Silbengebirge statt gefährlich starker Rauchentwicklung einfach mal »Qualm« lesen könnten. wenn sie nicht das Potenzial hätte. Schwenk bezeichnet werden könnte? Was unterscheidet die Witterungsbedingungen vom Wetter und das Gefährdungspotenzial von der Gefahr? (Die doch keine wäre. sagt die Verständlichkeitsforschung.DIE WÖRTER LEKTION 2 Zählen wir die Silben Kurze Wörter bleiben hängen Ein Wort ist umso verständlicher. Man brauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge. Qual. »Die alten Wörter sind die besten. 10). Tränen. desto unanschaulicher«. je weniger Silben es hat. sagte Winston Churchill. wie Churchill den Engländern 1940 nichts als »blood. der halte sich an Schopenhauers Kernsatz: »Man denke wie die wenigsten und rede wie die meisten. Sprachfreunde stößt er ab – und vielleicht wären sogar Fachleute angenehm berührt. woraus wir sind und womit wir leben. 1966 DIE ZEIT 10 Abb. »Benutze nie ein langes Wort. und die kurzen alten Wörter sind die allerbesten«. Nobelpreisträger für Literatur. Hand und Fuß. Goethes Ballade DER FISCHER besteht zu 76 Prozent aus einsilbigen Wörtern – genau wie die berühmte GETTYSBURG AD DRESS des US-Präsidenten Lincoln (amerikanische Stillehrer haben es bewundernd nachgezählt).: akg-images/© VG Bild-Kunst.) Und muss sich der schlappe Service der Deutschen Post hinter dem Elfsilber Telekommunikationsdienstleistungen verstecken? Bedenken wir: Kopf und Herz. Gier. Was folgt daraus? Wer immer vorhat.

« Bei der Gleichheit. sagt Nietzsche. ja manche lieben ebendiese. »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«. wurde seinem Ruf. wenn sie uns fesseln sollen. Moralische Gebote wie Ehrlichkeit sind konkret gar nicht zu erfassen. dass Wolkenbruch besser ist als widrige Witterungsumstände und eine triefende Nase anschaulicher als jeder grippale Infekt. Möbel zum Beispiel. mit dem Spruch gerecht: »Ich bin nicht der Typ. Da mailen uns Freunde von viel Ärger in der Ferienwohnung oder.« Sprach Martin Luther. von allerlei Misshelligkeiten.« Ed Koch. Martin Walser lässt einen Literaturkritiker sagen: »Wenn er ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratur lesen müsse. Ich verursache sie. Aber etwas zum Weitererzählen. gewiss. neigen viele dennoch zu abstrakter Ausdrucksweise: Sie tummeln sich zwischen Bereichen. hätten sie geschrieben: »Als Erstes brach ein Wasserrohr« – wir hätten uns sogleich mit ihnen solidarisiert. zwischen 1978 und 1989 Bürgermeister von New York. die Wörter.DIE WÖRTER Alighiero Boetti: »Untitled«. wenn sie nicht in Abstraktionen schwelgen dürfte. die Leser interessieren möchten. Weidig 1834 in die Welt hinaus – und eben nicht: Verschont die Wohnstätten der Unterprivilegierten. Konkret schreiben. 1987 LEKTION 3 Nennen wir’s beim Namen Konkrete Wörter haften besser »Die Wörter müssen Hände und Füße haben. Nur sollten wir immer parat haben.« Sympathisch war das nicht.« Das hat Kraft – mehr. und Jesaja 14. als hätte der Herr mit angemessenen Verwüstungen gedroht. Farben zum Leuchten bringen: Das ist für alle. »umso mehr muss man erst die Sinne zu ihr verführen. Doch wo es durchaus ginge. »Je abstrakter die Wahrheit ist. grimmig und rabiat zu sein. der Magengeschwüre bekommt. und die ganze Philosophie müsste zumachen. Gewiss. bei der Gerechtigkeit geht das nicht. 11 DIE ZEIT . auch für konkrete Dinge brauchen wir abstrakte Dachbegriffe. Eine Vorstellung müssen sie uns vermitteln. Belangen und Strukturen. schrien Georg Büchner und F. mit Sinneseindrücken versehen. beneide er die Leute von der Müllabfuhr. Damit können wir leben. die man lehren will«. das oberste Stilgebot. L. anspruchsvoller.23 übersetzte er so: »Und ich will Babel machen zum Erbe für die Igel und zum Wassersumpf und will es mit einem Besen des Verderbens kehren. das Detail benennen.

Und es gibt doch so farbige. doppelt gemoppelt: Da lesen wir von harter Knochenarbeit. wichtigen Meilensteinen. sondern einfach regelwidrig ist eine weitere modische Marotte: Bei biblischen Verfilmungen ist biblisch eben nicht die Eigenschaft der Verfilmung. Abb. die sich einer nicht näher bezeichneten Energie annimmt. dass das Deutsche sie häufig gar nicht vorsieht. alle Federn aufgebauscht«. Der kolumbianische Aphoristiker Gómez Dávila sagt es so: »Für jedes überflüssige Wort verliert der Schriftsteller einen Sündennachlass von einem Monat. er lese ihre Briefe. sauertöpfisch. Wissenschaft und Bürokratie hat sich in den letzten Jahrzehnten die Wahnvorstellung ausgebreitet. anschmiegsam! »Unser Hass ist witterungsbeständig«. horchend. am meisten missbrauchte Wortgattung sind: oft tautologisch. im Marketing vom üblichen Versprechen qualitativ hochwertiger Produkte und gezielter Maßnahmen. immer häufiger akademisch-bürokratisch gespreizt. 13 (Ausschnitt): Keystone Schweiz (Schiller und Goethe im Garten der Villa Lengefeld in Rudolstadt um 1794) DIE ZEIT 12 . da hilft die Faustregel: Adjektive dienen der Unterscheidung – das gelbe Kleid. S. mit einem schönen archaischen Imperativ formuliert in der klassischen amerikanischen Stillehre von Strunk und White. In Wirtschaft. hartgesotten. kraftvolle Adjektive: tückisch. Wo sie bloß schmücken wollen. einem wesentlichen Eckpfeiler. einen missmutigen Menschen zur Abwechslung als griesgrämig. sondern das Trinkwasser. Vollends lächerlich wird sie. Wo so viel Fantasie nicht vorhanden ist oder wo sie fehl am Platze wäre. wo sie den sprachlichen Zusammenhang auf den Kopf stellt.. und wo sie einer dümmlichen Mode dienen: draußen bleiben. das Adjektiv sei die überlegene Wortgattung: Aus dem Elternhaus ist das elterliche Haus geworden. hasenherzig. halben Adjektiven also). mit warmen Würstchenverkäufern und rostfreien Stahlhändlern im Bunde. es ist schönes altes Deutsch. sollten sie anklopfen. oft lächerlich und manchmal einfach falsch – nicht gerechnet. sondern die Bibel ist ihr Objekt. Von erzieherischem Kontrollverlust sprach die FAZ – was eindeutig der erzieherische Verlust einer Kontrolle ist. spähend. dass jedes Wort etwas zu sagen hat – »that every word tell«. Tautologisch. Eine wahre Affenliebe zum Adjektiv hat sich da zulasten der Logik breitgemacht. die polizia stradale die Straßenpolizei und der lucky star absolut kein glücklicher Stern.« Leere Adjektive sind indessen nicht die schlimmsten. wenn er sich doch mit situativen Gegebenheiten schmücken kann? Wie altmodisch. Von der fossilen Energielobby müssen wir lesen – von einer fossilen Lobby also. Solche Doppelungen geben dem aufmerksamen Leser das Signal: Also. dass Mephisto mit Worten stritt – verbal täte er das heute! Nicht nur unschön. nachgedacht hat der Schreiber nicht. Flüssige Textverfasser müssen da am Werk gewesen sein. Überdies beschädigen hohle Adjektive einen Eckpfeiler aller erfolgreichen Kommunikation: dafür zu sorgen.DIE WÖRTER LEKTION 4 Geizen wir mit Adjektiven Überflüssig sind erstaunlich viele Ja. nicht das rote. das betriebliche Ergebnis folgt ihnen auf dem Fuße – und welcher werdende Doktor würde noch von der Lage sprechen. miesepetrig zu beschreiben. sagt Günter Grass in seinem Gedicht EHE. Eau potable ist eben nicht das trinkbare. über die wir leider nichts erfahren. Nur dass Adjektive zugleich die am meisten überschätzte. Franz Kafka schrieb seiner fernen Freundin Milena (in Partizipien. aus der Schule der schulische Bereich. »wie der Spatz die Krumen in meinem Zimmer aufklaubt: zitternd. auch bei koalitionären Rücksichten und kombinativen Möglichkeiten sind die Adjektive nicht die Eigenschaften. dem kritischen Hinterfragen.

zerbrechen die Bilder der Heiligen und treten sie mit Füßen. mit öffentlichen Dirnen.. Sollte man vielleicht den Prosa-Schiller lesen in der Schule? Friedrich Schiller (1759–1805) schrieb Gedichte. Wolken heran. Ein Unglück für den Lebenden. erstach der Bösewicht sich selbst.SPRACHMEISTER (I) GOETHE UND SCHILLER G ROS S E P ROSA I S TE N W as soll man über die beiden noch sagen! Außer dass sie. ihren Zuschauern nachsagt: »Sie meinen es gut und werden mich noch umbringen«. abseits ihrer berühmten Dramen und Gedichte. Der Kaiser weihte dem Schicksal Wallensteins eine Träne und ließ für den Ermordeten zu Wien dreitausend Seelenmessen lesen. sich vor der zuschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten«. dass er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte – ein Unglück für den Toten.« So allwissend kann eine Theaterfigur nicht reden und so viel Feuer ein Jambus kaum haben. stürzen die Altäre. die Sterne befragte und frischen Hoffnungen Raum gab. Dramen und Balladen.. und so ist’s gut. sondern er rebellierte. der seinem Leben ein Ende machte. Geräusch der Wasserfälle. Äxten. das Klingeln der Saumrosse in der höchsten Öde. einige eindrucksvolle. So fiel Wallenstein. in die Flecken und Dörfer bei St. durchaus nicht altväterliche Stücke deutscher Prosa hinterlassen haben. hatte Goethe frisch und böse aus der Schweiz geschrieben: »Frei wären die Schweizer? Frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? Frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weismachen kann! Besonders. Von 1791 an schwächte ihn ein Lungenleiden. Zwanzig Jahre zuvor. Herder und Wieland gehörte er zum Viergestirn der Weimarer Klassik Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war Dichter und Dramatiker. mit 26. Schiffern und Bauern. nicht weil er Rebell war. ruckweiser Sturmwind. Im Austausch mit Schiller entstand eine Literaturauf fassung. und da die Wache hinzukam. . Rings die Herrlichkeit der Welt. Das ist hier sonst nicht Mode: Der Mörder erreicht eine Kirche.« Und überraschend ironisch begegnet uns Goethe in der ITALIENISCHEN REISE: »Der Mörder gab ihm an die zwanzig Stiche. nicht aber. . werfen sich. selbst lange Sätze bremsen es nicht. wurde beinahe unter seinen Augen der Dolch geschliffen. der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE und der DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES ein Tempo. Wenn es in WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE heißt: »Er bildete den Wahn des Moments so poetisch als möglich aus« – dann fühlen wir uns um 200 Jahre zurückversetzt.. dass ihn dieser Feind überlebte und seine Geschichte schrieb. Über Wallenstein und den deutschen Kaiser aber ist nie hintersinniger geschrieben worden: »Indem Wallenstein von Eger aus die Unterhandlungen mit dem Feinde lebhaft betrieb. die als Weimarer Klassik in die Epochenbeschreibung Eingang fand 13 DIE ZEIT . die zu lesen lohnt.« Über das letzte Stück Wegs zum Gotthard: »Nackte wie bemooste Felsen mit Schnee bedeckt. Neben Goethe. Leitern und Strängen versehen.« Das waren die Niederlande.« Schiller erreicht in seinen beiden historischen Werken. wie Pfeile schnellen sie von der Sehne: »Eine rasende Rotte von Handwerkern..« Überwältigt jedoch war er von den Bergen. wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt. Omer. an dessen Folgen er mit nur 45 Jahren in Weimar starb. weil er fiel. zugleich aber vergaß er nicht. die Schauspielerin. Minister und Italienreisender. von fanatischer Wut begeistert. sprengen die Pforten der Kirchen und der Klöster. Vorreiter des Sturm und Drang. wenn Aurelie. er betrieb umfangreiche ästhetische und naturforschende Studien. die Mörder mit goldenen Gnadenketten. Bettlern und Raubgesindel untermischt. Goethe und er entwickelten eine einander ergänzende freundschaftliche Produktivität. Universalgelehrter. oder wenn Philine Wilhelm anherrscht: »Wenn ich dich lieb habe – was geht’s dich an?« Er wiederum »war dem Gelübde treu geblieben. Hämmern. Dignitäten und Rittergütern zu belohnen. mit Keulen. historische und philosophischästhetische Schriften. mit dem kein Drama mithalten kann.und herbeiführend. auf dem Rigi: »Die Höhe in Wolken und Nebel.

Jüngst versah die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen Bericht über den drohenden Wählerschwund der CSU mit der Überschrift: »Der Tunnel am Ende des Lichts«. Aber wer Lust hat und wer’s kann. sich solche Sprachklischees ausdrücklich verboten haben. müssen wir das Wort Fenster nicht erfinden. Bequemer kann Sprache nicht sein.« Routine ist gut. den Gürtel enger schnallen. er stutzt nicht. die kostbare Verteidigung ein: »Verrückt ist er nicht. der öffentlich verdächtigt worden war. Es ist erzvernünftig. verrückt zu sein. vor die er seine Perlen werfen kann. unter den Teppich kehren. das Handtuch werfen (oder die Flinte ins Korn). dass etliche Redaktionen. falls wir uns Leser wünschen: Die überlieferten Floskeln sind dermaßen geläufig. der uns misstrauisch stimmen sollte. Fantasie ist besser. Schon Karl Kraus schlug im Ersten Weltkrieg vor. 1999 LEKTION 5 Seien wir ein bisschen unbequem Redensarten schläfern uns ein Unsern Wortschatz erben wir von den Eltern. mit drei Vorzügen: Auch diese Wortfolge brauchen wir uns nicht erst auszudenken. Jeder. DIE ZEIT 14 .DIE WÖRTER Heimo Zobernig: »Ohne Titel (REAL)«. zum Beispiel – oft ein durchaus treffendes Bild. der einen anderen Menschen zum Gegenteil verführen möchte – zum Gern-Weiterlesen –. Er suche zuerst ein bisschen nach den Säuen. das Tanzbein schwingen. es endlich mal den Pilzen gönnen. der sollte zögern. aus allen Wolken fallen. Nur ist es genau dieser Umstand. man sollte. aus allen Nähten platzen. von den Ahnen: Für eine Öffnung in der Hauswand. und jeder versteht. oft: verzichten. heute meist verglast. In der FAZ verkündete ein Berufsberater: »Vertrauen ist gut – Kontrolle macht Arbeit. je mehr Bücher und Zeitungen wir lesen. Leser bei der Stange halten ist die Kunst. dass sie im Leser eine Reaktion nahe null auslösen. Werbeagenturen ebenfalls. »Das hat wie eine Bombe eingeschlagen«. Aber die Tassen in seinem Schrank werden weniger. Was tut unsereiner? Im Alltag: zögern. was gemeint ist. Er versteht sie sofort. der zerbreche fröhlich die Klischees. dass sie ihrerseits wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schössen. sie erregen nicht seine Aufmerksamkeit. von SPIEGEL ONLINE bis zur TAZ. ehe er allzu bekannte Sprachfiguren wie diese niederschreibt: ins Fettnäpfchen treten. nachdem so viele Munitionsfabriken wie die Pilze aus dem Boden geschossen seien. Als Heranwachsenden fällt uns zudem ein Erbe an Redensarten zu – umso mehr davon. aus dem Nähkästchen plaudern.« Dem Berliner TAGESSPIEGEL fiel zu einem Politiker. sie passt in viele Lebenslagen.

sondern alles mit machen: Der Gerichtsvollzieher. Dynamik. dass nachvollziehen mit fühlen überhaupt nichts zu tun hat. Könnte er das einleuchtend finden? Vielleicht. Glück oder Passivität. Wie jede Mode hat sie schöne. und gemeinsam ist ihnen derselbe Nachteil wie den ausgeleierten Redensarten ¤ Lektion 5: Sie verplempern das Kostbarste. manche auch noch widersinnig. und wie jede Mode war sie eines Tages schrecklich alt.DIE WÖRTER LEKTION 6 Vermeiden wir den Überdruss Modewörter sind meistens albern Wer eigentlich hat entschieden. wenn der Bürgermeister am Ort der Untat sagt. In der Wirtschaft brüstet man sich unterdessen mit Aktivitäten – einem Modewort mit gleich zwei Nachteilen. Oft wird es an längst komplette Aussagen zwanghaft angekoppelt: Marketingaktivitäten sind Standard. einsehen. die Tatkraft. sich klarmachen. das gähnt uns an. den Schwung. 14+15): akg-images/© VG Bild-Kunst. kapieren. Bonn 2012 (2) 15 DIE ZEIT . der Strafvollzug sind extrem gefühlsarm. Herr Bürgermeister. zu dem es einen Plural gar nicht gibt – so wenig wie zu Stolz. nachfühlen. hat auch keiner von Ihnen erwartet. also ein Wort. Gesiegt hat sie sogar über die Einsicht. 1919 Abb. Zweitens ist die Aktivität im engeren Sinne ein Singularetantum. obwohl das Marketing (das Schaffen und Pflegen eines Marktes durch ein Bündel von Aktionen) durch keine Aktivität ge- steigert werden kann. das Engagement. nachempfinden. Viele Modewörter also sind ziemlich albern. die Mehrzahl treibt also Unfug mit Logik und Grammatik. Auch hartnäckige Nachvollzieher stutzen. Milch. Tüchtigkeit. dass Millionen Deutsche nichts mehr verstehen. die Schaffenslust – allesamt von einem törichten Plural verschlungen. was da offenbar gesagt werden muss: »Ich kann dieses schreckliche Verbrechen nicht nachvollziehen. den Elan. billigen – sondern es nachvollziehen? Seit etwa zwanzig Jahren hat sich diese Mode durch den deutschen Sprachraum gefressen. Energie. Aufmerksamkeit. Eine Aktivität kann aus hundert Aktionen bestehen (die ohnehin meistens gemeint sind) oder sie kann die Haltung des Aktivseins benennen. erkennen. Iwan Puni: »Neue Kunst«. (S.« Das. Was wir hundertmal gelesen haben. begreifen. Aber »nachvollziehbar« müsste er sagen. aber handlungsstark. was ein Schreiber erreichen kann – Zuwendung. farbige Wörter im Dutzend niedergewalzt.

und nachdem es noch einige kraftlose Blitze gegen die Richtung. Um in den Stand der Unschuld zurückzufallen. aber auch historische Dramen wie »Das Käthchen von Heilbronn« und das Lustspiel »Der zerbrochne Krug« sowie die Erzählung »Michael Kohlhaas«.. zusammenzubrechen. drohten klirrend. »zuckte mitten durch den Schmerz. Zu Lebzeiten hatte er keinen literarischen Erfolg und wurde kaum aufgeführt. durch sieben Nebensätze mit 14 Kommas mehrstufig zerrissen und zu einem zerschrundenen Satzgebirge aufgetürmt.« Da der Puppenspieler nur diesen Punkt kontrolliere. berstend vor Kraft. Kleists Leidenschaft aber bewährt sich dort.. die Vertracktheit der deutschen Syntax mutwillig zum Äußersten treibend: Hauptsätze von gerade mal acht oder neun Wörtern.« Kein Stilmittel.« Ein Lehrstück graziöser Argumentation finden wir im MARIONETTENTHEATER. den eine Puppe. überhastete Sätze. Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust. wurde als Spion verhaftet. als ob man Hände voll schweren Sandes gegen ihre Fläche würfe. und die Fenster. die man vergebens bei dem größesten Teil unserer Tänzer sucht«. die an Fäden hängt. Einen solchen Schrei gibt es keinen zweiten in der deutschen Literatur. Im FINDLING schreit der Priester dem Mörder die Schrecknisse der Hölle »mit der Lunge der letzten Posaune« entgegen. die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken.. sich am Junker von Tronka für dessen Willkür zu rächen. dass Kleist die gewaltigsten und gewaltsamsten Sätze deutscher Prosa meißelte. die sich dem Stammeln nähert«. wo er die Gegensätze zum Extremen treiben kann. missvergnügt murmelnd im Osten herab. Sein Freund Achim von Arnim schrieb das über ihn. dass sie sich niemals zierte. reine Pendel. das Kleist nicht zur Verfügung stand. Als Michael Kohlhaas beschlossen hatte. wenn sie zur eisigen Winterzeit das Firmament anbrüllen . Es geschah vor diesem Hintergrund. von ihrer Lunge sichtbarem Atem getroffen. mit vergoldeten Rändern. oft zu verstörenden Bildern verdichtet wie dem vom Gesang der wahnsinnigen Brüder in der HEILIGEN CÄCILIE: »So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen.. »seines Feindes Ferse in dem Augenblick. dem lebendigen Tänzer voraushabe? »Zuvörderst ein negativer: nämlich dieser. dunkelschwarz. eine vortreffliche Eigenschaft.. (Ausschnitt): Fine Art Images . verfasste Gedichte und gab Zeitschriften (»Phöbus«) heraus. »müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen«. was sie sein sollen: tot. geschleudert hatte. im Hintergrunde . Lapidare Sätze wie 1809 in der Ankündigung der GERMANIA (die nie erschien): »Diese Zeitschrift soll der erste Atemzug der deutschen Freiheit sein. wenn sich die Seele in irgendeinem anderen Punkt befindet als in dem Schwerpunkt der Bewegung. wie er das für seine Penthesilea selbst in Anspruch nahm: »Sie schlägt. da sie ihn in den Staub trat. sank es. bis große dramatische Werke entstanden wie »Amphitryon« und »Penthesilea«. zu Dünsten aufgelöst. er fühlte sich unverstanden und nahm sich am Ufer des Kleinen Wannsees das Leben r war »von einer gewissen Unbestimmtheit der Rede. DIE ZEIT 16 Abb.. »sind alle übrigen Glieder. als habe Kleist sich die Sprache »von der Brust heruntergehustet«. schrieb seine erste Tragödie (»Die Familie Schroffenstein«). hält das Volk für wahr. tödlich zu verwunden«.« In derselben Novelle zieht in die Natur der Friede ein – aber was für einer: »Dabei stand ein Gewitter. wo der Dom stand. und er »jauchzte« über seine Macht.« Verknotete. die Rüstung ihm vom Leibe reißend.« Hellsichtig und böse schrieb er in seinem LEHRBUCH DER FRANZÖSISCHEN JOURNALISTIK: »Was man dem Volk dreimal sagt. Bei denen nämlich habe das Bewusstsein »Unordnungen in der natürlichen Grazie« angerichtet.SPRACHMEISTER (II) HEINRICH VON KLEIST D E R M A S S L O S E E Heinrich von Kleist (1777–1811) quittierte früh den Armeedienst. 1810 erschienen in seinen BERLINER ABENDBLÄTTERN: Was sei denn der Vorteil. Denn Ziererei erscheint. Es ist. die innerliche Zufriedenheit empor. und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere. seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen«.

leidet selten. Verschickt eine deutsche Bank doch wirklich Briefe. ohne weitere Erklärung – ein Satz. und kein Weihnachtsbaum hat je darauf gewartet. Erstens: Für die meisten konkreten Dinge sind Synonyme einfach nicht vorhanden. sondern es durch doch.DIE WÖRTER LEKTION 7 Warum wir am Passiv leiden Es ist die hässlichste Form des Verbs Die sogenannte Leideform des Verbums ist oft vernünftig. die mit dem Satz beginnen: »Die Geschäftsbedingungen sind geändert worden« – juristisch die pure Unverschämtheit.. die uns nicht zu interessieren brauchen (»Das Museum wird um 10 Uhr geöffnet«).«). Erstes Ärgernis: Es dient dem Befehl. Verwirrend aber ist es. das Schlimmste aber: Schon die Suche nach einem Tauschbegriff verletzt das Urvertrauen in die Sprache. Es ist richtig. abscheulich sagen kann. das Gesicht nicht gegen Fratze.. Nicht für Tisch zum Beispiel (Vierbeiner wäre zwar korrekt. . der gleich zwei Rätsel aufgibt: »Das Ethische«. in der Lyrik so gut wie unbekannt.. Das unvermeidliche Passiv ist Alltag im Polizeibericht: Ein Mensch ist überfallen worden. Das ist auch zweimal richtig. der könnte ja schweigen. Aber was sollte dann aus unseren Talkrunden werden. das hält den Text lebendig. in zwei Sätzen nicht zweimal aber zu schreiben. wie Journalisten es lieben. die tragenden Begriffe eines Textes.« Dies ist das vernünftige Passiv – die Verbform für Gebrauchsanweisungen also. Und es dient sogar der Einschüchterung. der lexikalischen Varianz zu unterwerfen.« Für das dritte Ärgernis lieferte die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein Beispiel in der Talksendung von Günther Jauch: »Das Ethische ist in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt worden«. sprach sie. denn Sturm ist mehr und Brise weniger. Fresse und Visage. aus der Bundesbank die Währungshüter. aus der Synonymitis eine vorhersehbare Zwangshandlung: Aus der Polizei werden die Ordnungshüter. stört es zu Hause am Wahlabend nicht im Geringsten. Oft folgt. Kindern erst spät begreiflich zu machen.. sondern müsse den Wechsel im Ausdruck pflegen. auch für Gesetzestexte (»Mit Freiheitsentzug nicht unter fünf Jahren wird bestraft. Goethe ist Goethe – und weder der Dichterfürst noch der Wirkliche Geheime Rat. 17 DIE ZEIT . albern gleich aus vier Gründen. ist aber schon für den Hund vergeben). selbstverständlich auch dasselbe sagt – und dass er. allerdings. der diese Missgeburt über den Sender lassen musste. aber von wem. nur mit »Leiden« hat sie nicht viel zu tun. dass Deutschlehrer ihre Schüler das Forschen nach Synonymen lehren. wer im Kochbuch liest: »Der Teig wird so lange gerührt. Und richtig bleibt es. ebenso für Personen oder Institutionen. und schon gar nicht. zum Zweiten. das Wort Wahl hundertmal zu hören und zu sagen... Den Radiosprecher. der dasselbe meint. weiß noch keiner. obwohl es doch dessen entmenschlichte Variante ist: unanschaulich. bis . Das ärgerliche Passiv ist von dreierlei Art. dagegen zu ersetzen. drittens. aus der Wahl wird der Urnengang. absolut nicht austauschbar: der Hund nicht gegen den Köter. das alle Hörer. nur etwas anderes meinen kann. Nicht für Wind. dass man statt widerlich auch mal abstoßend. um sie in die Fülle unseres Wortschatzes einzuführen – ihnen beispielsweise nahebringen. auch die Substantive. von »Jetzt wird aufgeräumt!« bis »Sie werden hiermit aufgefordert.. wer . LEKTION 8 Misstrauen wir den Synonymen Nur Deutschlehrer lieben sie Als eine »schwer griechisch klingende Journalistenkrankheit« verspottete die SÜDDEUTSCHE ZEI TUNG jüngst die »Synonymitis«: die verbreitete Vorstellung nämlich. ekelhaft. Wer geliebt wird. da der Kunde nur um seine Zustimmung zu einer Änderung gebeten werden kann. jedoch. wenn er plötzlich etwas anderes sagt. wer gelobt wird. Zweites Ärgernis: Viele Berufsschreiber betrachten das Passiv ohne Not als gleichberechtigte Form des Verbums. hässlich obendrein: »Seitens des Vorstands wird die Herausforderung darin gesehen . man dürfe in einem Text nicht mehrfach dasselbe Wort verwenden.«. Viele sinnverwandte Wörter sind. Aber viermal ist es falsch. oft unvermeidlich und ziemlich oft ein Ärgernis. alle Leser selbstverständlich haben: dass einer. Das Vierte. dass er in der Zeitung als der nadlige Geselle aus den heimischen Wäldern wiederkehrt. was ist das genau? Und wer eigentlich soll es verdrängt haben? Wer die Verdränger entweder nicht kennt oder sie nicht identifizieren möchte..

das auch für identitätspolitische Zwecke nutzbar gemacht werden kann. Informatiker haben es schwer. im Zeitalter unseres Technokraten. Gerade in ihnen aber fehlt er oft. Sigmund Freud zum Beispiel hat ebendies geschafft: umstürzende Einsichten in durchweg elegantem Deutsch. wie Johann Gottfried Herder 1785 schrieb. war – denkt man an Beschimpfung. versuchte. wenn er annahm. als sie in einem Vortrag sagte: »Die emphatische Standortbezogenheit. Natürlich: Physiker. dass interessierte Laien ihnen folgen können. von ihrer Wissenschaft bliebe nicht genügend übrig. Bonn 2012 László Moholy-Nagy: »The Great Railroad«.« Viel bewirken jedoch könnte guter Wille in den Geisteswissenschaften. Psychologen überhaupt verstanden werden? Oder vertrauen sie darauf. dass viele Leute – und Deutsche mehr als Engländer und Franzosen – gern alles für erhaben halten. Verfluchung und Befehl – schon damals übertrieben. Mathematiker. enthalten ein sozialrevolutionäres Potenzial. ihre Einsichten so zu formulieren.und Wissenschaftsjargons ist die Sprache weithin in die Rolle der Spalterin geschlüpft.« Da sind wir baff. wenn sie sich verständlich machte? Was dachte sich jene Professorin von der Universität Konstanz. wenn sie behaupten. das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. Wollen Philosophen. muss deshalb auch nicht richtig sein. Hat nicht selbst Immanuel Kant sich schlicht und farbig ausgedrückt. Soziologen. wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe. was sie nicht verstehen? Oder treibt sie gar die Sorge um. das überwältigend Neue lasse sich nicht einfach sagen. nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte. ob es nicht besser gelingen könnte. Grandios! Nur sollten wir ihnen kein Wort glauben. Ebenso wenn Linguisten von »Linearisierungsoptionen an der Satzperipherie« sprechen oder Pädagogen von den »Neudiskursivierungen des Raumparadigmas«. Doch ein etwas größeres Bemühen darum dürfen wir uns wünschen. der explizite Traditionen und implizite Selbstverständlichkeiten als von Interessen gesteuert durchleuchtet. und aus der Pubertät haben sie die »adoleszente Identitätsfindung« gemacht. DIE ZEIT 18 . Vielleicht waren sie ja falsch. als er den Umsturz des überlieferten Weltbilds durch Kopernikus darlegte? »Kopernikus.DIE WÖRTER Abb. die Affirmation von Differenz und der dekonstruktivistische Blick. Aber was wir gar nicht erst verstehen. 1920 (Detail) LEKTION 9 Verachten wir den Wissenschaftsjargon Über Laien schießt er hochnäsig hinweg Dass die Sprache »die große Gesellerin der Menschen« sei.

»Löwe!«. 1992) Temporeich: »Er stand früh um 4 auf. 1825) »Zudem hatte die Hebamme mich schon abgenabelt. bis der Nebensatz erfunden war: »Ein Löwe. 2009) Ironisch: »Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern. Auf ein paar hässliche Formen kommt gleich die Sprache ¤ Lektion 12.« (Rosa Luxemburg über die Gewinne der deutschen Rüstungsindustrie. knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu.DIE SÄTZE LEKTION 10 König der Sätze Der Hauptsatz ist der älteste – und immer erste Wahl Erst lange nach den Wörtern kamen die Sätze. 1961) »I have seen the future. Wir vergessen keinen.« (Klage des Oskar Matzerath in der BLECHTROMMEL von Günter Grass.« (Rousseau.« (Karl Philipp Moritz in seinem Roman ANDREAS HARTKNOPF. etwas zu sagen. Nobelpreisträger für Wirtschaft. in der Werbung und in der mündlichen Rede. Abschrecken wollte ich. den elastischen und musikalischen ebenso wie den ärgerlichen und deplatzierten. von Schweden. saß nur eine Viertelstunde an der Tafel. wird der Wächter vor der Höhle gerufen haben. Jahrtausende bevor zum ersten Mal ein Satz erklang: »Da schleicht ein Löwe auf uns zu!« Und wiederum Jahrtausende. exer zierte jeden Tag seine Truppen und kannte nur ein Vergnügen: Europa zittern zu machen. 1762) »Die Dividenden steigen. 1786) In äußerster Rechthaberei: »In diesem Ton schreckt man auch ab. Dann bekämpfen sie dich. als beherrschendes in der Lyrik. LENZ. Wir vergessen nichts. wie.« (Voltaire über Karl XII. Und das wollte ich. 1936) »Wir danken allen.« (Georg Büchner. als alleiniges Satzmodell bei Sprichwörtern. Hier werden die Hauptsätze gewürdigt: als Grundpfeiler aller Kommunikation.« (Goethe über Byron. und der alte einäugige Pudel begleitete ihn. ritt dreimal täglich. und alles war ruhig und still und kalt. 1731) »Praise the Lord and pass the ammunition. 1959) »Bastian galt als von Moskau bezahlt. ehe wir uns den Nebensätzen ¤ Lektion 14 widmen. and it won’t work.« (Psalm 23. 19 DIE ZEIT .« »Lobet den Herrn und her mit der Munition!« (Der amerikanische Militärgeistliche Howell Forgy beim japanischen Überfall auf Pearl Harbor. Lapidar: »Der Herr ist mein Hirte. zu Eckermann.. und die Proletarier fallen. sie denken nicht daran und wissen nicht.« (Der SPIEGEL über den Selbstmord des ehemaligen Bundeswehrgenerals. der .« (Mahatma Gandhi über den passiven Widerstand. die gelesen werden wollen. sind Hauptsätze folglich immer erste Wahl. schlug einen messingnen Kamm in sein Haar.« (Carl Sandburg. dafür ein paar klassische Beispiele – krass gemischt. Für Schreiber.1) »Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. kleidete sich selbst an. bloß weil er ein Hauptsatz ist. DER GESELL SCHAFTSVERTRAG.« (Paul Krugman. NEW YORK TIMES. mir wird nichts mangeln. als die urtümlichste und bis heute kraftvollste Form. sah.« Von den Chancen (und Tücken!) der Nebensätze später ¤ Lektion 14. ob sein Vetter noch schlief – und dann ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu. es war nichts mehr zu machen. Natürlich: Nicht jeder Satz ist gut. 1941) In schöner Ruhe: »So lag er nun da allein. Dann hast du gewonnen. um 1835) »Er stand auf. 1778) All dies können Hauptsätze leisten.. Hilferufen und Befehlen. and nobody will come. trank keinen Wein. 1915) »Zuerst ignorieren sie dich. von der DDR gelenkt und von allen guten Geistern verlassen. über seine Studienreise durch China. 1925) »Sometime they’ll give a war. die vielleicht sogar eine Botschaft haben.« (Lessing an Pastor Goeze. Dann lachen sie dich aus. Was sie leisten können. und der Mond schien die ganze Nacht und stand über den Bergen.« (Abschiedsgruß der SPD an ihre Ostberliner Genossen nach dem Bau der Mauer.

der ihm im Restaurant lästig fiel: »Er sah aus wie ein Affe. von glühender Liebe berauscht. wie Goethe sich von den Brüdern Schlegel zum Olympier stilisieren ließ: »Sie bauten ihm einen Altar und räucherten ihm und ließen das Volk vor ihm knien. Theologen. Mit den Sternen droben gesprochen?« Wenn er selber liebte und litt. Von Herzen.« Dann wieder ein fast zärtlicher Zynismus. (Ausschnitt): Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung . Des abends in der Schenke: Das fördert die Verdauungskraft Und würzet die Getränke. dass sie gelauscht.« Und zum Donnergrollen konnte er die Sprache steigern. Als ich. keine Vatergüte. dann las sich das so: »Er hat den Himmel gestürmt. Was ist Mitleid. Reisefeuilletons und Satiren. Mit seinem kritisch-polemischen Stil schuf er eine moderne feuilletonistische Prosa. die sich schlecht vertragen Und dennoch brechen. für alle Höhenflüge gerüstet – so hat Heine die deutsche Sprache bereichert. So in seiner Warnung von 1834 vor einer Revolution. hielt er entgegen: »Doch konnt’ ich wissen. Und infam konnte er werden – so über einen Handelsvertreter.« So zog er gegen die »hofmännisch abgeklärte Kanzleisprache« zu Felde. klang es anders: »Melodisch kann ich wieder klagen Von großem Lieben. Er schrieb Gedichte. was Zynismus. ging er 1831 als Zeitungskorrespondent nach Paris. habe »der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert. Mag sein. mit allen Wassern gewaschen. mit der Deutschland Europa erschüttern werde: »Die alten steinernen Götter erheben sich aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen. die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen. Heinrich Heine (1797–1856) war Kaufmann. bevor der in Weimar zum Geheimrat aufstieg.« Man muss ihn nicht mögen. er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen. sagte er. er habe ein Mädchen mit seinen Liebesschwüren genarrt. und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. Alle Ladenschwengel also. und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm als betrübter Zuschauer. keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit.« Oder über die Art. Von ihm lernen kann jeder. der nackten Bosheit fähig. der die Sprache liebt. Leichtfüßig. tänzerisch serviert – dem Vorwurf.« Die Ironie war sein Lebenselixier: Der Herzog von Nemours »ist ein vorzüglicher Jäger und soll jüngst einen Bären in sehr große Gefahr gebracht haben«. sie elastischer. auf nichts festzulegen. der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute. Heine. das dem Deutschen von Professoren. in den Spott verliebt. Nur hatte Heine damit das Korsett gesprengt.SPRACHMEISTER (III) HEINRICH HEINE D E R B R I LL A NTE Z Y N I K E R K arl Kraus mochte ihn nicht. was Sozialkritik in diesen Versen? »Der Knecht singt gern ein Freiheitslied. Ministerialbeamten und vaterländischen Dichtern verpasst worden war – verwandt darin dem jungen Goethe. Sie hatten sich auch an Schiller gemacht. wenn sie scheiden. Jurist und Journalist. fröhlicher. größrem Leiden. Wenn er selber über den Philosophen (und dessen Diener Lampe) schrieb. weltläufiger gemacht. Balladen und Lieder. Die letzten acht Lebensjahre verbrachte er krank überwiegend im Bett DIE ZEIT 20 Abb. Als seine Schriften zensiert wurden und ihm die Verhaftung drohte. wie er sie nannte. der eine rote Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr. aber dieser war ein ehrlicher Mann und wollte nichts von ihnen wissen. und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können«. leichtsinnig. gegen den »Packpapierstil« des Immanuel Kant. böser.

der wäre noch besser beraten.. . 2012 liest sich das auf Abfallkörben an deutschen Autobahnparkplätzen so: »Nur Reiseabfälle. Ausweg 2: Man verkürze den Hauptsatz und verwandle die hässlichen Nomina dadurch in Verben. dass man einen Nebensatz anhängt (einen von den guten. ¤ Lektion 14).« Kurios genug: Eine erlaubte Sondernutzung wäre ja für die Einbringung einer Anzeige keine hinlängliche Begründung. dass wir mit einer Umstandsangabe oder einem Adverb einsteigen. Die einfachste und eine meist unbedenkliche Art. und eine Republik steigt aus Morästen empor« (nun erst das Subjekt). Nutzanwendung – mit dem Objekt eröffnen dürfen wir einen Satz nur dann. ließe sich ja so sagen: dass sie sich materialisierte. ist es. Zuwiderhandlungen werden als unerlaubte Sondernutzung zur Anzeige gebracht. die anstehenden Probleme zu lösen.« Bürokratenjargon nennen wir dergleichen. die Engländern und Franzosen nicht zur Verfügung steht: Erschöpft kam er . auf erkünstelte. ist. die sogleich deutlich macht: Hier wird abgewichen von der üblichen Wortstellung Subjekt – Prädikat – Objekt (Der Hund beißt Max). dass Leser es verstehen können und es lesen mögen. den Satzbeginn zu variieren. gequälten Substantive. Nicht: »Ich habe deshalb« – sondern: »Deshalb habe ich beschlossen. Beamtendeutsch. eine Abwechslung in die Satzmelodie.«. Nichts nämlich langweilt uns beim Lesen schneller als eine Abfolge von Sätzen. Doch Behörden und Juristen sind auf den Nominalstil versessen. das Objekt also vorn.. Dass die Zusammenarbeit eine echte Materialisierung erfuhr (Managerdeutsch). Und wer sich. die Inversion. 21 DIE ZEIT .. wenn er grübelte. dieses Satzmuster ist eine deutsche Besonderheit und eine höchst erfreuliche dazu. Deutsch sprechenden Ausländern macht das Mühe. Es bringt. So viel Beweglichkeit lässt die Grammatik zu – nutzen wir sie! LEKTION 12 Die Krone der Hässlichkeit Bürokraten sind in sie vernarrt Auch in Hauptsätzen lässt sich Unrat produzieren: schwer verständliches. wenn uns eine Deklinationsform zur Verfügung steht (den Letzten). die mit -ung enden: Inverkehrbringung und Beampelung in der Straßenverkehrsordnung.. Also nicht: Unsere Aufgabe ist die Lösung der anstehenden Probleme. das sagen wir mitunter. so wäre nicht nur das Deutsch drastisch besser. bringt Leben in den Text. sondern die Beißenden sind. Oder mit dem Adjektiv: Schnell bist du nicht gerade gekommen.. wie man so schreiben kann... entwickelte. verwirklichte. Im Grenzfall – der sogenannten Ausdrucksstellung – dürfen wir einen Satz sogar mit dem Verbum eröffnen: Verloren haben wir wenigstens nicht. »Den Anfang machte . Verbieten aber müssen wir uns die Mehrzahl davon: »Die Letzten beißen die Hunde« – das lässt ja die Deutung zu. der Kunst der Verständlichkeit und der Leserfreundlichkeit des Schreibens widmen möchte. überlange Substantive. die mit Er – Er – Er oder mit Meier tat dies – Müller tat das – Schulze tat jenes beginnen. Zielerreichung und Kenntniserlangung bis ins Vorstandsdeutsch hinein. Dann aber kann die Abwandlung des häufigsten Satzbaumodells die reine Wohltat sein... vorzugsweise solche. aus Raubschiffen zieht sich eine Marine zusammen (Umstandsangabe mit Inversion). und »angezeigt« wäre sowieso das bessere Deutsch. dass die Letzten nicht die Gebissenen. »Den Einkünfteerzielungstatbestand« zum Beispiel »erfüllt derjenige. In Berlin bezog sie . der über die Leistungserstellung disponieren kann. »deren mehrmalige Verlesung die Zimmerpflanzen zum Verdorren bringt« (wie es in einem STREIFLICHT der SÜD DEUTSCHEN ZEITUNG hieß). erfreulicherweise. Bei Schiller. Kanzleistil. selbst wo wir in lauter Hauptsätzen schreiben. Noch um Mitternacht wollte er . »deshalb ich habe« sagen sie zumeist.. Und stünde bei den Reiseabfällen einfach »sonst kriegen Sie Ärger!«. sondern: . abstoßendes Deutsch – in Formulierungen zumal.« Ein solcher Auftakt zieht die Vertauschung von Subjekt und Prädikat nach sich. zeigte..DIE SÄTZE LEKTION 11 Wörter in Bewegung Wie wir den Satzanfang variieren können »Den Letzten beißen die Hunde«. Ausweg 1: Man setze Verben an die Stelle der gespreizten.. liest sich das (in der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE so: »Jetzt werden Seehelden aus Korsaren (Zeitangabe mit Inversion). einem Großmeister auch der Prosa. sondern vermutlich würde sich auch die Zahl der unerwünschten Sondernutzungen deutlich verringern.

Eine Meinung. Wie. Weiß er.. aha! Nach nicht weniger als 18 Wörtern zur näheren Bestimmung erfährt der Leser.. Klarheit schaffendes Instrument kann er sein. Bei Matthias Claudius: »Der Mann ohne die Frau ist ein alter Junggeselle. die wir in beliebiger Menge zwischen Artikel und Substantiv schieben dürfen. definiert er das Vorurteil? Es ist »eine ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene.« Doch mit erhabener Gleichgültigkeit gegenüber dem Leser (oder mit perversem Stolz auf die souveräne Beherrschung eines grammatisch abgesegneten Unfugs) zelebrieren viele Berufsschreiber das Unzumutbare. noch. Kraftvoll sind die.« Der typische angemessene Nebensatz ist der achte Satz des ALTEN TESTAMENTS. sonst vielleicht als einer unter hundert. die er hätte haben können. wie er in der Linguistik heißt. die . 23 (Ausschnitt): Sammlung Rauch/Interfoto . schlüssiges. bei »Meinung« angekommen. die .. Kraftvoll sind auch die sogenannten Modalsätze: Nebensätze. willkommene – und ärgerliche auch. die in der Grammatik zwar Nebensätze heißen. die dem Leser gleichsam auf dem Gnadenwege doch noch übermittelt wird. das dieses Problem auf Anhieb löst. Aber mit ein paar großartigen Exemplaren fangen wir an. Ihre Häufung markiert einen Tiefpunkt der Verständigung und wird doch unter Sprachfreunden selten beklagt – ja. in sieben Hauptsätzen vollzogen. was er alles über sie gelesen hat? Natürlich nicht.« (Fortsetzung auf Seite 24) DIE ZEIT 22 Foto. Und dies ohne jede Not! Es gibt ein so einfaches. zum Beispiel. wie wir’s von ihnen glaubten. eine Erläuterung: Das ist die klassische Funktion eines angemessenen Nebensatzes. der am Fenster sitzt und die Kinder winseln hört. wenn er wirklich interessiert ist. dass die Nachbarn . hat also den Empfänger entweder geärgert oder vollkommen an ihm vorbeigeschrieben.« Was für ein schönes. oder: »Er schrie so laut. »dass das Licht gut war«. Die letzte Spielart ist die häufigste. Nach den Schöpfungsakten des ersten Tages. muss fühlen«. die die Mittel. die sich im Hauptsatz vollzieht: »Sie ging an mir vorbei. dass es eine ist. was die Grammatik uns erlaubt. als wäre ich Luft.DIE SÄTZE LEKTION 13 Nur für Gedächtniskünstler Die vermaledeiten vorangestellten Attribute Zum Schlimmsten. Keine Handlung mehr.. nach Logik und Gewicht aber die andere Hälfte eines Hauptsatzes bilden: »Wer nicht hören will. der Duden selber verwendet sie. Der Sender. nicht einmal ein Gedächtniskünstler würde das schaffen. die die Wirkung der anderen Satzhälfte beschreiben..« Sigmund Freud schrieb 1915 in einem Brief an Albert Einstein: Die schmerzliche Enttäuschung »über das unkulturelle Benehmen unserer Weltmitbürger« habe auf einer Illusion beruht: »In Wahrheit sind sie nicht so tief gesunken.« Konsekutivsätze heißen diese Sätze. ¤ Lektion 14 LEKTION 14 Die schöne heikle Nebensache Wie wir mit Nebensätzen umgehen sollten Es gibt kraftvolle Nebensätze. der angehängte Nebensatz! Er ist es nicht immer. erschuf Gott den Nebensatz: Er sah.« 20 Wörter zur näheren Bestimmungen einer unbekannten Sache. gehören die vorangestellten Attribute: die Beifügungen aus allen Wortarten.. meist von feindseligen Gefühlen gegen jemand oder etwas geprägte Meinung«.. Besser: »Eine Kritik. In einer renommierten deutschen Zeitung so: »Die fast ausschließlich ästhetisch argumentierende und ob der Koproduktion von naturgemäß hehrem Kino und selbstredend unfeinem Fernsehen pikiert die Nase rümpfende Kritik . weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren. S. wie wir fürchten.. sondern eine Pause. Der Schreiber nennt erst die Sache oder die Person – und dann ihre Eigenschaften: »Ein Vorurteil ist eine Meinung. und dies bis zur Lächerlichkeit. keine Hauptsache. angemessene. angenehm zu lesendes Satzmodell. Liest er also zurück? Ja. die Umstände jener Handlung benennen.

eine Folterstätte..« Leser fand er zu Lebzeiten wenige. Die Luft dünn und rein. schamhaft.. verführerisch. mitleidig. schrieb er ein Vierteljahr vor dem Ende – »ich sollte es anders machen. ungeduldig selbst zerriss. Lebensjahr geben mir Gelehrte der Basler Universität in aller Gutmütigkeit zu verstehen. verwegenen Seele genießen. dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht. »Der Antichrist« und »Ecce homo« 23 DIE ZEIT . das man ›zähmen‹ will. warum man mich nicht lese«. dass das alles gerade sein Besitz. kühnen. »Was wollt ihr eigentlich Neues? – Wir wollen nicht mehr die Ursachen zu Sünden und die Folgen zu Henkern machen«. dass im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?«.« Das war er. eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte. Zu seinen Haupt werken zählen »Also sprach Zarathustra«. mit ruhigem Auge und festem Schritt durch das Leben gehen.. widerstrebend. die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit. dieser unheimlichsten und interessantesten Pflanze unserer irdischen Vegetation. und Thomas Mann resümierte: »Goethe und Nietzsche führten die deutsche Sprache zur Vollendung. wie Walter Jens ihn nannte. erfahren wir nicht mehr. dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangene wurde der Erfinder des ›schlechten Gewissens‹ . nicht ein Verhängnis. Mutter und Schwester pflegten ihn bis zu seinem frühen Tod. wie er ihn seinen Zarathustra fordern ließ: »Sprüche sollen Gipfel sein. 1889 erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und war fortan arbeitsunfähig. die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten . Er lebte von 1869 an in der Schweiz. das Leben ist ein Weib!« Alles Glück aber ist ein Risiko: »Einer starken. dem Feuerwerk der Ideen.« Nicht nur in den rauschhaften Eruptionen der Sprache – auch in kargen Sätzen war Nietzsche Meister.. der aus sich selbst ein Abenteuer. mit diesem Glück Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne! Und nur um diesen Preis kauft man die kostbarste Muschel.SPRACHMEISTER (IV) FRIEDRICH NIETZSCHE D E R V I R T U OS E H at man bemerkt. wo der große Befreier über mich kam: jener Gedanke. welche die Wellen des Daseins bisher ans Ufer gespült haben.) Also vielleicht doch ein interessanter Mensch im Himmel? Jedenfalls einer. begehrenswerter und geheimnisvoller – von jenem Tage an. nicht eine Betrügerei!« Noch aus seinen Briefen vor dem Zusammenbruch im Januar 1889 leuchten Sätze hervor wie der Hymnus »Singe mir ein neues Lied! Die Welt ist verklärt.. für Gottfried Benn »seit Luther das größte deutsche Sprachgenie«.« Doch er zog die Entzückungen der großen Prosa vor: »Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer. der Zwischentöne. auf jede heitere Musik hinhorchen . annagte. dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte. Er kritisierte die traditionellen Moralvorstellungen und wurde zum Wortführer des aufkommenden Nihilismus in Europa. misshandelte.« (Was er damit begründen wollte. den er an seinen väterlichen Freund Jacob Burckhardt richtete: »Da ich verurteilt bin.« Und im letzten Brief. und im Jahr danach: »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. Menschen und Göttern.. eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr. verheißend. aufstörte.. die ihm den Weltruhm eintrug. notierte er 1887.« Aufregender aber Nietzsches andere Sprache: die mit der Üppigkeit der Farben und der Klänge.. »der Virtuose ohnegleichen«. Das war der Stil.. »Vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: Es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm. sein Zustand wäre! Aber . und im tiefsten Genusse des Augenblicks überwältigt werden von Tränen und von der ganzen purpurnen Schwermut des Glücklichen: Wer möchte nicht.« Friedrich Nietzsche (1844–1900) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen. aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen. und alle Himmel freuen sich. verfolgte. Ja. »Noch in meinem 45. dem Burckhardt nachrief: »Nietzsche hat die Freiheit in der Welt vermehrt. spöttisch. der Kapriolen. dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund stoßende Tier. »Zur Genealogie der Moral«.« Als der große Psychologe der Moral schrieb er so: »Der Mensch. später in Italien und Jena. die literarische Form meiner Schriften sei der Grund. der sich. immer zum Äußersten bereit wie zu einem Feste und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren. zog er die Summe seiner Lehre.

eine Handlung – oder gar die Hauptsache (»Ich entdeckte. im Gewirr der Wörter nicht ganz leicht zu finden – »ist so erfreulich wie die Tatsache. dies mit menschlicher. anders als im 1.« damit ist der Hauptsatz beendet. Beispiel von 2012 aus einer renommierten deutschen Zeitung: Der Satz beginnt mit einem vorangestellten Nebensatz von 9 Wörtern. die heute zerstritten sind« – statt: »und heute sind sie zerstritten«. 1919 (Detail) Abb. In freier Rede ist das fast unbekannt. Paul Klee: »Villa R«. 3. Ein spärlicher Hauptsatz wird in einem Sumpf von Nebensätzen ersäuft – ein beliebtes Modell in Wirtschaft. Sie sind länger als der Hauptsatz. BUCH MOSE. 6 Wörter lang. Der Nebensatz wird in den Hauptsatz hineingezwängt: Der Schreiber unterbricht den eigenen Textfluss durch die Abfolge A1 – B – A2.DIE SÄTZE (Fortsetzung von Seite 22) Willkommen sind Nebensätze. Leser: weg.. deren Handicap beim Verstehen des Kosmos größer ist als seines. dass er auf dem Hochseil der Grammatik Pirouetten drehen kann. seit es eine eigene Kunstform geworden ist. »eine Phrase in die andere ge- leimt«. . die keinen Bezug zur Hauptsache hat – ein Klassiker in Geburtstagswürdigungen.«– über so viel Hauptsatz offenbar erschrocken. was Meyer betonte – wird in einen Bandwurm von Nebensatz geschoben. Aber Zeitungen und erst recht Protokolle schmücken sich gern mit der Relation 2 : 50. durch einen eingeschobenen Unternebensatz von 10 Wörtern verschönert – »dass derselbe Mann Leuten. und schön gesagt ist es sowieso. die Niederlagenstimmung der Physik überwinden half. in den ein Unterunternebensatz von 8 Wörtern eingeschoben ist: »Dass ein Mann. wenn sie den Satz von zwei Missbräuchen befreien: den Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den gehäuft vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. Autor: vermutlich stolz. 5. Wissenschaft und Feuilleton. Die ärgerlichen Nebensätze sind von fünferlei Art: 1. in den ein Unternebensatz von 11 Wörtern eingeschoben ist. 2. nach Schopenhauer.. und schriftlich hat man damit. hängt der Schreiber sogleich einen Nebensatz von 15 Wörtern an. (Ausschnitt): akg-images DIE ZEIT 24 . welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist« (Joseph Roth) – das geht noch.« Relation Hauptsatz : Nebensatz – 6 : 53. »Sie glauben gar nicht. »Meyer betonte. Sie enthalten. dem man einen frühen Tod geweissagt hatte und dem es gelang. das Verhältnis ist 4 : 9.« – nun folgt der Hauptsatz. immer höhere Anforderungen gestellt. der fließend Chinesisch spricht.« Meist sollte man es bleiben lassen. wenn der Autor ein Detail noch unterbringen möchte: »In der Rolle des Hamlet brillierte wie immer Max Meyer. mit Büchern wie EINE KURZE GESCHICHTE DER ZEIT zu Hilfe kam. Das kann man meistern wie Siegfried Kracauer: »An das Nichtmalenkönnen werden. dass das Nachbarhaus in Flammen stand«) – oder eine gleichberechtigte zweite Hauptsache: »Zehn Jahre lang führten die Firma zwei Brüder. und alles Wichtige – nämlich das.« 4. technischer Hilfe Lügen zu strafen. An den Hauptsatz ist eine Nebensache angekleistert. Simultandolmetscher: Aus dem Deutschen zu übersetzen ist wahrlich eine Katastrophe.

Erstens. Da will uns die BROCKHAUS ENZYKLOPÄ DIE von 2006 die »Erinnerungskultur« definieren. das Moor kocht seine blasige Suppe. beispielsweise .« Simpel. (und nach 63 Wörtern) entwickelt hat«. der Verständlichkeitsforschung (niemand bestreitet sie.« Wie Siegfried Lenz in der DEUTSCHSTUN DE: »Ich erzähle keine beliebige Geschichte. die für die Forschung ein Gesetz sind. denn was beliebig ist. 25 DIE ZEIT . Sie gilt ebenso für den Abstand zwischen Subjekt und Prädikat. doch die meisten eben – haben sich vor aller Wissenschaft instinktsicher genau so verhalten. diese dreie hört’ ich preisen. Im Deutschen steht dem eine Tücke der Grammatik entgegen. dass jeder Hans seine Grete finde. in beliebigem Abstand nachhinken lassen dürfen. auch die Deutschlehrer ignorieren sie): Die Speicherkapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses. ebenso wie für die Poesie: Fettfrei sollten die Sätze sein. die Fähigkeit also. für die Antwort auf die Frage also: Wer tut was? Und es ist kaum zu fassen. Wir haben also allen Grund. die in Redaktionen und Stilfibeln gilt.. und seitdem hat sich das Textangebot mithilfe des Internets vervielfacht. ein Vogelzug formiert sich. ich lasse uns arbeiten unter den Geräuschen einer gemäßigten Brandung. ich möchte . ein wachsender Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und die Kohlendioxyd-Problematik angesprochen.« Natürlich: 7 Wörter.Vernünftig ist sie insofern. »der sich vor dem Hintergrund einer .. das Schilf rauscht.. also leserfreundlich wäre – und zum Zweiten die Kenntnis der Grundeinsicht einer exakten Wissenschaft. in Anschluss an . ob er schlank und überschaubar ist. mit welcher Gleichgültigkeit gegen den Leser viele Schreiber zu Werke gehen. auf verschleierter Luft und schwacher Sonne. als sie ein verschachteltes Satzgebilde etwa von 40 Wörtern – Alltag im Amtsdeutsch – zuverlässig verhindert. und auch muttersprachliche Leser scheucht sie häufig aus dem Text: dass wir die Teile eines zweiteiligen Verbums (ich werde . um 27 Wörter zum Beispiel in einem Geschäftsbericht von 2012: »In dem Magazin werden mittels modernster Internet-Technologie die Megatrends der Zukunft wie beispielsweise eine steigende Anzahl von Herz-Kreislauf-Krankheiten. nicht Thomas Bernhard. machen) nicht beisammen lassen müssen (I have helped my father.. die Deutsch lernende Ausländer zur Verzweiflung treibt.. ist zum Ersten jeder Instinkt für eine Ausdrucksweise. sowie die Bedeutung von .. wenigstens als Faustregel in Ehren zu halten. warum die Liebe eine Verirrung. Sie wird vorgestellt als ein Begriff der Kulturwissenschaft. »Freundschaft. Pervertierung der deutschen Grammatik. Stein der Weisen.. ja die zweite Hälfte des Verbums. wie ihn unser Atem trägt Höchstens 15 oder 20 Wörter! So lautet eine Faustregel. weil auch kurze Sätze hässlich sein können (»Vor dem Verzehr vor dem Essen wird gewarnt«). aber die meisten Berufsschreiber. weil gar nicht die Länge eines Satzes über seine Verstehbarkeit und seine Kraft entscheidet. ja »ein feindseliger Dämon« sei – mit dem Fazit: »Es handelt sich ja bloß darum. die 7 Wörter.« Für unsern Alltag gilt.« Das war 1968. die erst den Sinn stiftet.. nicht Thomas Mann... ich habe meinem Vater geholfen). wie es die zwei Teile eines Verbums sind – sie endet bei 6 bis 7 Wörtern.. kommen. temporeich und von Heinrich Heine. verpflichtet zu nichts. aber ach: Ich fand sie nie. im Hinblick auf .und ich pries und suchte sie.. zu einem Schlüsselbegriff der Diskussionen um ... fest ihr Vertrauen auf Entsatz und ihr Hass gegen die katholische Religion aufs Äußerste gestiegen. zwei Wörter als zusammengehörig zu erkennen. und auch in der Prosa sollten wir uns dem zu nähern versuchen. Liebe. nicht vollgestopft mit vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. die unverkrampft und ans Mündliche angelehnt.DIE SÄTZE LEKTION 15 Wie lang darf ein Satz sein? So lang. zweitens. vorwärtstreibend. Sie beherrschen sollte auch heißen: sie zähmen können. nicht behängt mit den Girlanden eingeschobener Nebensätze ¤ Lektion 14. ganz richtig ist sie nicht. Einer der übermütigsten Sätze deutscher Sprache besteht aus sage und schreibe 187 Wörtern und ist von Schopenhauer. ihr Mut verzweifelt.« Was hier fehlt. So zum Beispiel: »Mittels modernster InternetTechnologie werden in dem Magazin die Megatrends der Zukunft angesprochen. In seiner META PHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE häuft er zwischen zwei Punkten 16 Gründe.. das ist eine grobe Zahl.. Deshalb bestehe ich auf einem drückenden Himmel. Kurios nur: Die meisten großen Autoren deutscher Sprache – nicht Kleist. berechnet für eine diffuse Leserschaft. Vorwärtstreibend schrieben sie: Wie Schiller in der GESCHICHTE DES AB FALLS DER NIEDERLANDE: »Die Mannschaft war zahlreich. sondern die Frage. die Bereitschaft zu geruhsamem Lesen aber im Gleichschritt vermindert.

« Aber das wäre eine Allerweltsbehauptung gewesen. die Menschen zu durchschauen. Hätte die Fülle der Gründe nicht nach einem Doppelpunkt gerufen mit vier Sätzen dahinter – oder nach Spiegelstrichen? Einem optischen Zwang zur Gliederung unterwarf sich einst Rudolf Walter Leonhardt in der ZEIT: Seine Kommentare waren gegliedert in »Pro«. um die Melodie der mündlichen Rede in den geschriebenen Text zu holen. auch schläfrige Leser aufzuwecken! Ja.und Ausrufezeichen zeigt uns das Spanische: So wichtig kann man es finden. Deutsche Schreiber. aber«. dann schreiben Wer einem anderen schriftlich mehr als einen Gedanken übermitteln will (zwei oder drei etwa. nachdem er eine Spannung aufgebaut hatte: ». hat neben seinen Vorzügen einen Nachteil: die Versuchung. Wer fünf davon ignoriert. So viel Überschaubarkeit bleibt vorbildlich. Der Punkt gibt das gegenteilige Signal: Ein Gedanke ist offenbar abgeschlossen. die drei Gründe! Jeder Leser würde das im Augenwinkel spüren und so durch den Text gezogen werden. sich die Mühe des Denkens vor dem Schreiben zu ersparen.DIE SÄTZE LEKTION 16 Mit Satzzeichen Musik machen Es gibt mehr als Punkt und Komma »Irme yo con él más? Mal año!« Ein muchacho ruft das in DON QUIJOTE: »Ich noch mit ihm gehen? O weh!« Mit den doppelt gesetzten Frage. ein Beispiel: »Dafür sprechen drei Gründe. Contra: Aber für diesen Fall ist sie im Grundgesetz eben nicht vorgesehen. die sich Leser wünschen: Messen Sie an diesem Beispiel. natürlich. Zu deren Erklärung werden »mangelnde politische Bildung in Bezug auf Toleranz und Zusammenleben in einer offenen. Kommas nach Gusto. nicht speziell für diesen Satz) den Nobelpreis bekommen.« Einladung an alle Schreiber. geeignet. was durchs Internet geistert. bevor er ihn in die Schreibmaschine hämmerte? Dass es mit dem Computer dramatisch viel einfacher geworden ist. jedenfalls das Nichtzuendelesen in der Zeitung. Und so setzte er den Punkt erst. dem Sechsfachen unseres Aufnahmevermögens ¤ Lektion 15. indem er sie auf drei Absätze verteilt – für Briefe. mir sein Interesse zu gönnen. den die Grammatik eben hier vorsieht. Bewerbungen sind die ohnehin das ideale Maß.. hole Luft. auch wenn sie sich nicht in Zwischenüberschriften mitteilt. ersäuft in einem Sumpf von 42 Wörtern. Dies zu unterlassen. schrie sie« – als ob wir nicht ein Schreizeichen hätten. ob Sie schon genug gesagt haben.. Ist es nicht eine Wohltat. dessen Schreiber offensichtlich nachgedacht hat.« Den Doppelpunkt zu unterschlagen. damit der Leser Ihren Punkt nicht als Einladung zum Aufhören benutzt. Sogar das Semikolon sei empfohlen: »Ich habe es satt. senke die Stimme. die anderen fünf Satzzeichen am besten überhaupt nicht mehr. sie erkennbar zu gliedern: zwei zum Beispiel durch ein »zwar . »Contra« und »Conclusio« – über die 1984 aktuelle Frage »Soll es Soldatinnen geben?« zum Beispiel so: Pro: Gleichberechtigung.. man muss lesen. der tut gut daran. Kommentare. LEKTION 17 Gliedern kann nicht schaden Erst denken. aus einer Fülle von Aspekten einen Brei anzurühren kann bis zur völligen Zerstörung des Kommunikationszwecks führen – wie im BROCKHAUS unter »Fremdenfeindlichkeit«. und es führt zu nichts. und das ehrt ihn ja). unwillkürlich auch beim stummen Lesen. drei. auch die Satzzeichen. haben sich dem Gegenteil verschrieben: Punkte sonder Zahl. Sieben Satzzeichen haben wir. die Textblöcke nachträglich neu zu gruppieren. Zu wenig Bildung. DIE ZEIT 26 . Da das Nichtweiterlesen. auch über diese kleine Zäsur hinweg? Rousseau hätte seinen GESELLSCHAFTS VERTRAG natürlich so eröffnen können: »Der Mensch ist frei geboren. die schwindende Bindekraft der herkömmlichen Parteien und politischen Lager und nicht zuletzt mangelnde politische Steuerung oder die mehr oder weniger bewusste Manipulation von F.« Der Strichpunkt gibt das Signal: Hole kurz Atem – aber zu Ende ist mein Gedanke nicht! Elias Canetti hat (zugegeben. Conclusio: Die Forderung nach Soldatinnen überschreite »die schmale Grenze zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei«. die Gedanken. einen Text zu lesen. auf dem Bildschirm und bei unverlangten Briefen das statistische Normalverhalten ist. Bindekraft und Steuerung und dazu Manipulation: vier Gründe also. was meinen Leser animieren könnte. ist entweder schlecht beraten oder an Lesern nicht ernstlich interessiert. ist grotesk: Nun folgen sie doch. pluralistischen Gesellschaft. Vieles. ist auch danach. zumal der jüngeren Generation. ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. zur jeweils eigenen Interessendurchsetzung« genannt. nicht nur die Wörter. »So nicht. sollte jeder Schreiber den Punkt als Problem erkennen: Habe ich schon etwas gesagt. es ist so leicht.. dem Leser schon am Anfang des Satzes das Signal zu geben: »Hebe die Stimme!« Denn in beiden Fällen tun wir das.

« Schon ist der Text seriös geworden. und ob er verführte oder bezahlte. Genau so. In zwei Porträts historischer Figuren zum Beispiel so – in der Zeitschrift P. als er seinen Bestseller von 1960 (ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN) mit dem Satz eröffnete: »Wir Deutschen. und sie stand im selben ersten Satz: »– es gibt nichts. so bleibt dem Schreiber eine Chance. Falschspieler. schien ihm fast egal. unglücklich ist jede auf ihre eigene Art. heißt die Nutzanwendung. wenn selbst Bücher so beginnen. später irgendwo mit dem Lesen aufzuhören.: »Dies ist ein Drama aus Tollkühnheit. sonnte sich im Weltruhm als Erbauer des Suezkanals und heiratete mit 65 eine 20-jährige üppige Schönheit aus Martinique.« Schön.DIE HOHE SCHULE LEKTION 18 Die Kunst des Anfangs Nach 20 Sekunden ist alles vorbei Alle Zuwendung an den Leser lässt sich mit einem einzigen Satz zunichtemachen: dem ersten – wenn er abstoßend oder zum Gähnen ist.« Und einen wirklich hübschen Einfall hatte Johannes Mario Simmel. Amerikanische Firmen rüsten sich dafür mit dem Bild vom elevator check: Der kleine Angestellte trifft im Fahrstuhl den großen Chef und hat nun realistisch geschätzte 20 Sekunden Zeit.« Grandios in Kafkas VERWANDLUNG: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte. Und wirklich: Mit 350 Zeichen lässt sich viel erzählen.« (351 Zeichen) Oder ein Porträt des Casanova in der WELTWOCHE: »Er war Doktor beider Rechte. »You never get a second chance to make a first impression«. aber keinen Salat.« Frech im BUTT von Günter Grass: »Ilsebill salzte nach. c’est la question.« (408 Zeichen) Wer so zunächst gewonnen ist. Ritter des päpstlichen Ordens vom Goldenen Sporn und Geheimagent der venezianischen Inquisition. Prospekt müssen sie binnen 350 Zeichen erfahren haben. und sie haben recht. fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. liebe Kitty. können ein Wirtschaftswunder machen. was Brüssel in seiner Kompetenzgier nicht regeln will. Meist erst nach gehörten 20 Sekunden. gelesenen 350 Zeichen fällt die Entscheidung – ein durchschnittliches Leseverhalten. Kondome. Zwei Päpste und eine Kaiserin empfingen ihn. und würde man ihn ausgerechnet in der FAZ vermuten? Einige Leser wären angewidert. Hochstapler. wenn sie in KRIEG UND FRIEDEN als Erstes lesen müssen: »Eh bien. ¤ Lektion 19 und 20 DIE ZEIT 28 . das die Praxis erprobt und die Wissenschaft ermittelt hat. heißt ein Leitspruch amerikanischer Journalisten. um sich oder sein Anliegen bei ihm interessant zu machen. Kruzifixe« – darf ein Zeitungsartikel so beginnen. Angebot. Wie man dem entgegenwirken kann. zwölf an der Zahl. Korruption und massenhaftem Sterben – geschrieben von einem der begabtesten Traumtänzer der Weltgeschichte. das Weiterlesen zu erlisten. und etwas Kostbares hat er gewonnen: Aufmerksamkeit! Dafür hat er keinen zweiten Anlauf frei. Bücherleser sind meist geduldiger und mit einem Satz noch nicht zu verscheuchen – wohl aber kaum animiert. gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen. Vom Sex war er besessen. müssen wir mit unseren Kunden umgehen: In jedem Brief. Zeitungsleser hüpfen dann rasch zum nächsten Text. Je. mon prince.M. Er hieß Ferdinand Vicomte de Lesseps. davon gleich mehr. obwohl sie den Paukenschlag weniger nötig haben. Lotterie-Einnehmer. viele irritiert. und gedruckte Briefe. die meisten aber wären neugierig auf die Fortsetzung. »Käse.« Moderner schon in ANNA KARENINA: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich. Inhaltslosigkeit oder drei asiatische Eigennamen). Bewerber mindern ihre Chancen. Mit Friedrich dem Großen schlenderte er durch den Park von Sanssouci. Bevor gezeugt wurde. den Düwel ook. was wir bieten und warum sie weiterlesen sollen. der er emsig Kinder machte. Prospekte. neigt freilich immer noch dazu. Genua und Lucca sind weiter nichts als Apanagegüter der Familie Bonaparte. Für alle kürzeren Texte gilt: Schreckt der erste Satz wenigstens nicht ab (durch Kopfgeburten der Grammatik.« Oder in den BUDDENBROOKS: »Was ist das? Was – ist – das. die drei Könige gar nicht gerechnet. Angebote sind schon zum Papierkorb unterwegs.

« Bildhaft tastete Kafka sich auch an das Unsagbare heran: »Wenn man schlecht geschlafen hat.« Milena aber. bleibe mir treu. zum Aufnehmen bereit . die die Sprache lieben. In allen Briefen. mich zu verkühlen.. und sie allein sind als eigentliche Erdenbürger auf der ganzen Erde verwendbar. der ihn verachtete..« In einem Brief an die Schwester aus dem Sanatorium zog er Bilanz: »Die Anstalt ist für mich wie ein Federbett.. nämlich ein Grab mit ein paar welken Blumen. »Silvester«. hat das Gehirn gesagt. käme ich sofort in die Gefahr. kranken Leibes. Jahrhundert der großartigste Beitrag der deutschen Sprache zur Weltliteratur war. dass Kafka »der heimliche König der deutschen Prosa« wurde (so Hermann Hesse) und dass sein Werk im 20. niemals eine akademische Floskel. Ewig wollte man fragen. neben – viele sagen: vor – Thomas Mann. seinen Freund und späteren Herausgeber – eine klassische Einladung an alle.« Über seine Magerkeit (an Milena wieder): »Wissen Sie denn nicht. Kraft – ob in der Liebe. dass Du mich liebst«. am Gefängnis seines mageren. »Ich erschrecke. immer Farbe. ausgedrückt in einem verblüffenden Bild vor einem Hintergrund von Angst – in jener Mischung also. ehe es sich von mir niederschreiben lässt. an der er mit 40 Jahren starb. einen Augenblick lang schien es mir unverständlich. offen quer über den Teppich zu laufen«. gab posthum die zumeist unvollendeten Romane heraus edes Wort. die Verheiratete. Seine Schreibweise ist von einer Lakonie.. Nichtschlafen heißt ja fragen.SPRACHMEISTER (V) FRANZ KAFKA D E R H E I M LI C H E KÖ N I G J Franz Kafka (1883–1924) wurde in Prag geboren und entstammt einer bürgerlichen jüdischen Familie. Man ist eben als biblische Taube ausgeschickt worden. zu helfen. hat nichts Grünes gefunden und schlüpft nun wieder in die dunkle Arche. das hieße: Er würde nur die Maus sein. hätte man die Antwort. der Schriftsteller Max Brod.. in den Werken ebenso. dass man eine so große Stadt aufgebaut hat.« Während die Tuberkulose voranschritt. Kafkas Wortschatz war unauffällig. dass ich Dir angehöre wie ein beliebiges Ding. wollte ich sterben. es beim Schreiben ebenso zu halten. der Stoff seiner Briefe vor allem das Leiden: an seinem vierschrötigen Vater. weil seine Brieffreundin Milena dort wohnte: »Ich sah heute einen Plan von Wien. in Wien zu besuchen. die düster und unheilvoll den gesellschaftlich entwurzelten Menschen beschreibt. niemals ein abstraktes Wort. dem tschechisch-jüdischen Milieu. mit der er zweimal verlobt war. in dem er aufwuchs. abgetrotzt. schrieb er an Max Brod: »Manchmal scheint es mir.. Sein Freund. Er war Jurist und Versicherungsbeamter und litt die letzten sieben Lebensjahre an den Folgen einer Kehlkopftuberkulose.. sieht sich zuerst nach allen Seiten um. und an der hoffnungslosen Liebe. dass nur die Dicken vertrauenswürdig sind? Nur in diesen starkwandigen Gefäßen wird alles zu Ende gekocht. Bilder. »der man höchstens einmal im Jahr erlauben kann. Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. geschützt vor Sorgen und Wahnsinn . indem ich aufgestanden bin und dem Neuen Jahr die Stehlampe entgegengehalten habe. fragt man und weiß nicht was. schrieb er an Felice.. Manchmal. denn im Norden wärmen sie und im Süden geben sie Schatten.« Und: »Gute Nacht. nur diese Kapitalisten des Luftraums sind . die dazu beitrug. die Wahrheit sei knapp neben dem Bett. »habe ich gefeiert. glaubt man. Wenn ich hinauskriechen würde. Überraschung.« Überwältigend naiv reduzierte er eine Riesenstadt auf die paar Quadratmeter. solange es Dir keinen übergroßen Schaden bringt. und wisse. Er veröffentlichte nur einige wenige Erzählungen. offen. »aber wenn ich es nicht hören sollte. so schwer wie warm. in der Verzweiflung oder im Galgenhumor. wenn ich höre.. ›So geht es nicht weiter‹. mein liebstes Mädchen. sein Satzbau unprätentiös.« Foto (Ausschnitt): Fototeca/Leemage 29 DIE ZEIT . wenn man früh aufwacht. schrieb er aus dem Sanatorium an seine Schwester Ottla. und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt. schliefe man . an der ganzen Unheimlichkeit der Welt. Feurigeres kann niemand im Glase haben.« Das schrieb Franz Kafka an Max Brod. die ihn nur deswegen faszinierten. während Du doch nur ein Zimmer brauchst... Die Welt ist nicht geheizt. das Du in Deinem Zimmer hast.

Bedeutung wirken inzwischen vergleichsweise frisch. ruft die Wirklichkeit nicht oft. Auf der Welt und bei ihrem Untergang. sondern auch die prallere Ausdrucksweise.« Zum Schluss die Frage: Wie könnte man am farbigsten den Weltuntergang beschreiben? Am 21. Intendant der New Yorker Metropolitan Opera von 1950 bis 1972 – und eines mit Sicherheit bewirkt: Dergleichen überhört und überliest man nicht. Aber als Leuchtfeuer sollten wir sie benutzen. wäre nicht nur die schlichtere.« Die Beispiele haben eine Schwäche: Für das. die Maya haben das angeblich prophezeit in ihrer rätselhaften Schrift. als polnische Kommandos. den er sucht. Wie in dieser klassischen Passage aus der BLECHTROMMEL: »Wir kamen in den viertletzten Wagen. und nicht jede bildhafte Sprache ist gut. reichte Maria drei Päckchen Margarine und zwei Päckchen Kunsthonig. »würde ich die Anwesenheit einer Frau störender finden als die Anwesenheit eines Germanisten im Schlafzimmer. eine Art Hundert-Milliarden-Dollar-Produktion aus Hollywood. eignen sie sich kaum.« Auch werden neue Bilder gemalt wie im SpontiSpruch über die Zeitmode »Selbstfindung«: Das heiße offenbar »nach sich selber suchen wie DIE ZEIT 30 . Sogar von hässlichen Bildern sind wir umstellt wie in der Redensart »Alles in Butter«: Sie lebt geradezu davon.« Ähnlich bei der längst überreizten Metapher »Stellenwert«: Die früher genutzten Wörter Rang. der auch richtig und ordnungsgemäß. wie Karl Kraus: »Nachts am Schreibtisch«. als er an die Thessalonicher schrieb: »Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Es gibt abgedroschene Vergleiche wie den von der »Spitze des Eisbergs«. Wo die Anschaulichkeit der Wörter (¤ Lektion 3) sich zur Bildhaftigkeit der Aussage steigert.« Mit dramatischer Wucht in der Charakteristik Lenins durch Vladimir Nabokov: »Er war eine Milchkanne voll menschlicher Freundlichkeit mit einer toten Ratte am Boden. dem Reiseproviant noch ein Paket mit Desinfektionsmitteln hinzu – Lysol ist wichtiger als das Leben –. Nach solchen Bildern.« Ungebremst böse Walter Benjamin: »Echte Polemik nimmt ein Buch sich so vor. dass man sich diese Scheußlichkeit nicht ausmalt. Neben vielen anderen Irrtümern erliegen sie vermutlich auch diesem: Sie meinen.« Intellektuelle lieben sie. Er ist ja nicht bereit. Denn immer geht es darum. und wir fuhren. So vom STERN.« Zynisch hat das über sich selbst Rudolf Bing gesagt.DIE HOHE SCHULE LEKTION 19 Die Kraft der Bilder Sie schaffen Farbe und Wärme »Hinter dieser kalten Frackbrust schlägt ein Herz aus Stein. der mit dem Unterschied zwischen Mozart und Mozartkugeln zusammenhängt. Eher aber könnte der Apostel Paulus recht gehabt haben. was unsereiner so schreibt. Bilder sind gut und verblüffende Bilder noch besser. Dezember dieses Jahres soll die Welt ja mal wieder untergehen. nur noch aus Winken bestand. Gott sei Dank. wie es sich bei der Abfahrt von Zügen gehört. dass da Menschen erfroren sind. mit rötlich wehendem Haar immer kleiner wurde. dann fünf einsilbige Wörter – das gibt ein Bild: So macht man das. schrieb er.« Und nicht aus warmen Worten – aus Bildern steigt die Wärme auf. Journalisten erfinden in jedem Winter die »Kältewelle«.« Ein »wie«. als die Lokomotive durch einen Stoß ihre Ankunft verriet. Alle Wärme muss sich im Text finden. wie eine Kobra zubeißt. »einen eiskalten Leser zu wärmen. der einem ungarischen Gentleman das Kurzporträt widmete: »Er sah aus wie eine Kreuzung aus dem Polizeipräsidenten von Budapest mit einem.« Oder einst von dem Wiener Feuilletonisten Anton Kuh. Nobelpreisträger 2011. da ist gegen den stets fluchtbereiten Leser die Angel ausgeworfen. näher heran. sagt der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer. fügte. wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet. die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken. es müsse sich dabei um eine gigantische Inszenierung handeln. Rolle. aus dem Überdruss an ihm ist die spöttische Abwandlung entstanden: »Auch Eisberge kochen nur mit Wasser.« In Sprichwörtern sind die Bilder ohnehin zu Hause wie in dem aus Russland: »In des anderen Weib tut der Teufel einen Löffel Honig.« nach einem besonders gut versteckten Osterei«. trat. ließen den Herrn Fajngold zurück. bloß weil sie das Simple in ein Gleichnis oder eine Metapher übersetzt. Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein antwortete auf die Frage »Was ist eigentlich Kultur?«: »Ich habe einen Verdacht. Geschrei und Weinen die Abfahrt ankündigten. und tatsächlich: Etliche Menschen rüsten sich dafür. die Todesopfer »fordert«. den neuen Chef der Deutschen Bank: »Er beantwortet Mails so schnell. bis es ihn nicht mehr gab. Eine Journalistenweisheit ist plastisch geblieben: »Ein Dementi ist der Versuch. Herr Fajngold stand mit dünnem rötlich wehendem Haar unter uns auf den Gleisen. als er kürzlich Anshu Jain porträtierte.

damit kommt man weit!« Stuart Davis: »Pad No. die wir uns als Zuhörer oder Leser wünschen. die auf Erden täglich geplappert werden. Und wenn alles gesagt ist. denn ich weiß nicht mehr. nun. brauchen uns nicht zu interessieren. sollten wir nur die zulassen. begann mit dem Satz: »Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben. der oft schlaffe Wunsch nach Lesern aufs Geschriebene zurück. unkorrigiert. Blogger haben alle Freiheit – und nutzen sie: beliebige Länge. muss das sowieso. ungeplant. was ich noch schreiben soll. den die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kürzlich publizierte. sozusagen. Ein Text des Schriftstellers Ingo Schulze. Aus den Parlamenten kennen wir die Sprechblasen. zwischen Gesprochenem und Geschriebenem fast keine Grenze mehr. sollten wir die Kraft haben. denn damit hätten wir uns bezichtigt.DIE HOHE SCHULE LEKTION 20 Der Wille zum Verzicht Wenn alles gesagt ist. einen kurzen Sinn zuvor zu einer langen Rede ausgewalzt zu haben. »dass sie ihre Existenz weit und breit um sich kundmachen« – Immanuel Kant sagte das 1786 allen »lärmenden Unterhaltungen« nach. Wer twittert. 4«. Wer aber gelesen werden will. in der Stilistik Abtönungspartikel genannt: ein »nämlich« oder »eigentlich« zur rechten Zeit. von denen die mündliche Rede überquillt (ja. irgendwie). mehr scheint es ihnen darauf anzukommen. Meistens schreiben wir zu viel (vom Reden zu schweigen) – gemessen am Interesse jener Menschen. O. Und schon wirkt die Beiläufigkeit des Gebloggten. Bonn 2012 31 DIE ZEIT . aufzuhören. die Würzwörter zu heißen verdienen. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. sollte der Text enden Manchmal schreiben wir zu wenig: wenn wir es nämlich unterlassen. das geblähte Nichts: dass einer sich dem hohen Gut der Volksgesundheit voll und ganz verpflichtet fühlt! Auch die Billionen Wörter. Dass sie oft schon für ihren zweiten Satz keinen Leser mehr finden werden. Die Floskel »der langen Rede kurzer Sinn« zum Beispiel sollten wir nie niederschreiben. der sollte die Worte wägen. doch. eine Neuigkeit.« Wunderbar! Da greift Schopenhauers »erste Regel des guten Stils: dass man etwas zu sagen habe. Mit Schwätzern und Langweilern haben Leser keine Geduld. 1947 (Detail) Abb. einen schwierigen Sachverhalt in einem zweiten Anlauf zu erläutern oder durch ein Beispiel zu beleben. Von den Füllwörtern. stört viele Blogger offensichtlich nicht.

warum Beethoven zu seiner Sonate OPUS 111 keinen dritten Satz geschrieben habe: »Wir hätten. kochend von Leben. Wollust sich vergeudenden Welt. worauf er unter Zurücklassung eines Kinderleibes wieder entschwand. verliebt und verlumpt. ah.« Seine Meisterschaft rang Thomas Mann unerbittlich den Vormittagen ab: Von neun bis zwölf schrieb er eine Seite Prosa. mit Tod und Teufel auf du und du. als dass er besser getan hätte. 1933. in c-moll. Klaus und Golo.« Doch den FELIX KRULL schrieb er weiter. alles verzeihend. 33) . darum wusste er besser als jeder Unerfahrene. als Gattung. Das ist ja das Eindrucksvollste an Thomas Mann: wie er über das Tragische und das Ironische. Aber was ist sie zugleich? »Die Sympathie mit dem Organischen. diesem enormen. aber getötet zu haben höchst grässlich ist und dass du nicht töten sollst. roh.. feilend.SPRACHMEISTER (VI) THOMAS MANN D E R A LLE S KÖ N N E R D u entkleidest mich. Den Gestürzten. »um große. bunt. Ausschnitt). das Stück nur zu hören brauchen.. Er tötete früh im Auflodern.. ein ungeschlechtlicher. den umzubringen hundert Millionen Menschen sich vergebens ermatteten . Thomas Mann (1875–1955) wurde in Lübeck geboren und emigrierte zur NS-Zeit. den Hotelboy. die doppelbödige Behäbigkeit und das blanke Feuer gleichermaßen gebietet. notierte Thomas Mann im Tagebuch: »Das Alter zeigt sich darin. . in ihren Schoß zurück.. das rührend-wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten« (im ZAUBERBERG). mit 77. Vernichteten. sagte er. an – kurz bevor sie ihn anschmachtet: »Ah. er sei ein Kobold gewesen. amüsant. der aller Welt Hass und Abscheu machte und alle Welt hineinlegte. Für seinen ersten Roman »Buddenbrooks« (1901) erhielt er 1929 den Literaturnobelpreis.. sich nie daraus zu lösen.« 500 Seiten vorher aber waren wir Zeuge. ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit. liebe Kind!‹ nimmt sie. nicht ohne Zufriedenheit erfährt. so meine er nicht diese nur. Erika. 32. als überlieferte Kunstform. Und wenn er sage ›Die Sonate‹. aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden.. erlesenen Gemeinde eine Stunde und im Buch sieben Seiten lang erklärte. höchstens anderthalb. wild. .. Nie setzte er dabei auf Inspiration: »Der Einfall als Überfall ist mir unbekannt«.« Ebenso die schauerliche Würdigung Friedrichs des Großen. Vormittags. grübelnd. dass das Mütterliche solche tragische Heimkehr bei allem Jammer nicht ohne Genugtuung.und Lebens-Denkmal der seltensten Art. ein genialer Komponist.Oh du Beseliger! . den er 1915 zwar zu einem »Beauftragten des Schicksals« ernannte. Du junger Teufel.. Sein älterer Bruder Heinrich und drei seiner sechs Kinder. Der. September 1939... 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. dass die Sonate im zweiten Satz. waren ebenfalls Schriftsteller DIE ZEIT 32 Fotos: Bettmann/Corbis (S. nicht anders meinend. sondern er meine die Sonate überhaupt.« Von ähnlicher Spannung vibrieren seine Porträts – das des Moses am Anfang der Erzählung DAS GESETZ: »Seine Geburt war unordentlich. dann in die USA. Gebot und Verbot.« Fünf Jahre später. notwendige Erdendinge in die Wege zu leiten« – dem er aber zugleich den Abgesang bereitete: »Zuweilen möchte man glauben. glatter Knabe. Fishman/ullstein (S. ausgesandt. wie der stotternde Künstler Wendell Kretzschmar einer kleinen. zunächst in die Schweiz. zerknirscht am Ende und gründlich müde einer in Blut. Ein dritter Satz? Ein neues Anheben – nach diesem Abschied? Ein Wiederkommen – nach dieser Trennung? Unmöglich! Es sei geschehen. dass die Liebe von mir gewichen scheint und ich seit Langem kein Menschenantlitz mehr sah. um uns die Frage selbst beantworten zu können. kehrt. umnachtet und gebrochen. um das ich trauern könnte. sich zu Ende geführt habe. in die Obhut seiner Mutter zurück: »Meine Überzeugung aber ist. dies auch auf Reisen: so in Schweden am 3. boshafter Troll. das Unverbrüchliche. Duze mich derb zu meiner Erniedrigung!« Mehr Satire war nie in der Liebe. Einen Sturzbach lässt er auf den Leser niederprasseln in seinem Lobgesang auf Grimmelshausens SIMPLICISSIMUS: »Es ist ein Literatur. darum liebte er leidenschaftlich Ordnung. dass Töten zwar köstlich. Raub. ›das arme. Die Spannweite seiner Sprachkunst demonstrierte Thomas Mann noch einmal im DOKTOR FAUSTUS von 1947. als England und Frankreich Hitler den Krieg erklärten (»Ich schrieb meine Seite wie gewohnt«). kühner Knecht?« So herrscht Madame Houpflé Felix Krull. notierte er 1928. zu Ende auf Nimmerwiederkehr.

München 2011 Wolf Schneider: »Deutsch für Kenner. ist Sprachlehrer in Wirtschaft.»P L AG T E UC H !« Ein klares. schönes Deutsch – das ist Wolf Schneiders Lebensthema Der Vater trug beim Sonntagsfrühstück gern Fröhliches und Freches von Wilhelm Busch. im Juli erscheint das nächste Buch: Die Wahrheit über die Lüge. »Plagt euch. Auflage. Piper. Auflage. Weiterlesen Wolf Schneider: »Wörter machen Leute – Magie und Macht der Sprache«. 7. Seit 2007 ist er Honorarprofessor der Universität Salzburg. Seit dem Abschied von der Henri-Nannen-Schule bildet er weiter Journalisten in Deutschland. Stattdessen wurde er Journalist: Nachrichtenchef und Washington-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. 3. die Hamburger Journalistenschule aufzubauen. Verlagsleiter des sterns. Schneider ist Autor von 28 Sachbüchern. München 2011 Wolf Schneider: »Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen«. Schneider leitete die spätere Henri-Nannen-Schule bis 1995. Mit 14 las Wolf Schneider die Buddenbrooks und träumte davon. Reporter bei Geo. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 87. Chefredakteur der Welt. Reinbek 2009 . impfte er seinen Eleven ein. selbst ein großer Schriftsteller zu werden. Ein klares. Piper. Christian Morgenstern oder Heinrich Heine vor – für einen Zehnjährigen kein schlechter Start in die deutsche Sprache. 1994 erhielt er den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. 16. schönes Deutsch zu lehren – das wurde sein Lebensthema. Österreich und der Schweiz aus. Moderator der NDR Talk Show. Die neue Stilkunde«. Und 2011 wurde er für sein publizistisches Lebenswerk mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Geburtstag. Rowohlt. Auflage. 1979 bat ihn der Verleger Henri Nannen. Medien und Behörden. sonst müssen sich die Leser plagen«.

zweiter Stock. So kann denn auch das. Wieso »anfing zu sterben«? Eine Krankheit? Der Entschluss zur Selbsttötung? Flucht? Dieses »anfing zu sterben« ist sprachlich überraschend. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch Handwerk darüber geschrieben. In der kindlichen Wahrnehmung zeigte sich jedoch jener Taumel vor dem Abgrund.« Hölderlin war geschlagen. Und Nachtmantel erzählt von der Verstörung eines Mannes. und doch alles falsch. da er ihn immer wieder um. zu seinem Beruf machen. Kann man das literarische Schreiben lernen? Literaturkritiker. Absatz. Er ist vollgestopft mit Klischees. zumindest hier in Deutschland. Warum ist dieser Satz gut? Nach einem naturwissenschaftlichen Wahrheitsmodell kann man seine Qualität nicht beweisen. um ein guter Schriftsteller zu werden VON U W E T I M M K Denkwerkzeug Der Schreibtisch von Uwe Timm ann man Schreiben lernen? Ja. wie im Handwerk. wie schadhafte Stücke ersetzt wurden. verließ er die Wohnung. die Freiheit der unbegrenzten Variation. was in der Sprache richtig ist. Gemessen daran. wer das Schreiben mühevoll gelernt hat. es ist gut. möglicherweise nicht mehr schreiben. sich immer wieder infrage stellt. der eine Begabung in sich trägt. Das Gedachte und Gefühlte. und das unterscheidet sie von der auf bloßen Nutzen und Gebrauch ausgerichteten Arbeit. Nicht zufällig wird. sondern. den der Widerstreit zwischen der Sprache und der Dingwelt auslöst. Das Erlernen des Alphabets. Er ist eine Parodie auf einen Romananfang und eine raffiniert von Camus eingeschleuste Anspielung – denn schon Valéry hatte ähnlich einen Romananfang parodiert. aber über den ersten Satz nicht hinauskommt. dritter Hinterhof. diese Vorstellung vom Dichter. auch im Französischen. Etwas. Von diesem ersten Satz weiß man: Das Buch muss man nicht lesen. das heilige Feuer muss auf ihn kommen. wäre die Qualität von Sprache ablesbar an dem Falschen. damit er berichte von dem großen. Wie ist er gestaltet. für den Tod. Vielleicht ist diese aus der Not geborene Methode schuld daran.« In einer drängenden Knappheit. sondern nur durch die Schnitttechnik zu entwickeln. oder aber er wird es. bestimmte Formen waren nicht zu erzwingen. was in der Literatur angemessen ist. mittels kleiner Buchstabenplättchen gelernt. Interpunktion. Döblin gar nicht. DIE ZEIT 36 . das lernt sich nicht von allein. Auch Goethe war einmal Lehrling. Warum zum Beispiel schreibt sich der Schwan mit einem A und nicht mit zwei. Auch sie haben ein handwerkliches Fundament. Nicht zu vergleichen mit Schreibübungen. wird in drei gereihten Hauptsätzen die Abgeschlossenheit einer Existenz beschrieben und zugleich infrage gestellt. wie ist die Sprache organisiert. in die Musik und in die Malerei. des Spiels und die Frage nach existenziellem Sinn. durch Übung. stillen Christoph Meckel: »Als er anfing zu sterben. also Schriftsteller. spielerisch korrigierte Übung. ihren Weg zum Ausdruck findet.und Wieder-Auseinanderschieben hatte etwas Spielerisches. die mittels eines Griffels oder Bleistifts gleichsam als Verlängerung der Hand gemacht werden. muss auch literarisch gut sein. die man aber auch anhand alter Mäntel und Stolen studieren konnte. Wie die Felle sortiert wurden. Das liegt in einer deutschen romantischen Tradition. wo er doch zwei Flügel hat. der Grammatik. aber darüber hinaus.« An dem Satz ist alles richtig. Und dann: Ist es richtig und gut? Nicht alles. Es ist nur selbst wieder in Sprache zu beschreiben. Zu jedem Handwerk gehört dieser lange Prozess des Übens. Die Zeichen sind arbiträr. Alphabetisierung ist Arbeit. Selbstverständlich ist es töricht. Das Erlernen des Sprechens geschieht durch die langsame. wie sie kompliziert zusammengeschnitten. so zu fragen. das nicht Selbstverständliche von Sprache und Schreiben. Satz. dass ich immer wieder beim Konstruieren stutzte. was sprachlich gelungen oder nicht gelungen ist. Konstruktives und zugleich Dinghaftes. ist eine besondere. Falsifikation und Verifikation begreifen das Phänomen der literarischen Wahrheit nicht. wie das Handwerk in die Künste hineinreicht.und umschreibt. Benn auch. genäht wurden. ist einfach Teil des Handwerks des Schreibens. Ich habe ein altes Handwerk gelernt. die auch Ausnahmen kennen. Syntax. es ging um Erfahrungen und Kenntnisse. Deren Arbeit kennt dann wiederum die Qual der Suche nach dem richtigen Wort. Gedrängt steht dem finiten Verb »anfangen« das infinite »sterben« gegenüber. Camus erzählt in dem Roman Die Pest von einem Mann. Journalist oder Literaturwissenschaftler werden. Das meint nicht falsche Orthografie. Die Frage nach der Begabung lässt sich allein vom literarischen Text beantworten. ausgelassen. all das war zu lernen. die auch unter widrigsten Umständen. was einem nicht zufällt. was. weil unüblich. und etwas. der Regeln. Und zu der Arbeit gehörte ganz wesentlich. durch ebendiese Distanz. wie im Fall Hebbel. durch Anleitung des Lehrers oder des Meisters. Ich habe das Schreiben 1946. das heute fast ausgestorben ist: die Kürschnerei. wie zum Trotz. sondern die- se winzige Verschiebung weg vom Erwartbaren. unterbrochen durch eine Apposition über den sozialen Hintergrund des Wohnens. Brecht weniger. Aber Begabung allein reicht auch nicht. eigene Sprache gefunden? Auch die Wahl des Themas – Formalisten wollen das nicht wahrhaben – hat ihre ästhetische Bedeutung.ÜBER DAS SCHREIBEN Lob der Werkstatt Sprachliche Potenz ist nicht erlernbar. in der Normsprache ein Regelverstoß sein. die von Meistern an Gesellen und Lehrlinge weitergegeben wurden. es gab kein Papier und keine Schiefertafeln. Eine Lakonie für das Unfassliche. Dieses Zusammen. Dagegen dieser erste Satz der Erzählung Nachtmantel aus dem Band Einer bleibt übrig. Ich höre noch Professor Kunisch in der Aula der Universität München unter dem Goldmosaik von Helios rufen: »Der Dichter ist geschlagen. eingeleitet durch den temporalen Nebensatz. dem Material zu »gehorchen«. jedenfalls für mich. das Erlebte und Erinnerte sollen in abstrakte Zeichen überführt werden. »An einem schönen Morgen im Mai ritt eine elegante Amazone auf einer herrlichen Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne. damit gesagt werden kann. sagen meist Nein. Eine Verstörung in der Sprache. der einen Roman schreiben will. verschloss die Tür mit dem einzigen Schlüssel und warf ihn durch die Briefklappe in den Flur. Wie Sprache aufgeraut oder geschmeidig gemacht wird.

Nochmals gefragt: Kann man das literarische Schreiben lernen? Nicht erlernbar ist die sprachliche Potenz. In George Steiners Gedanken dichten steht der schöne Satz: »Die Stummheit der Tiere hat als Spur in uns überdauert. Jürgen Trabant oder Peter Eisenberg wissenschaftlich vertiefen. er steht fest. der Absatz gut für mich. die Zahl der jungen Autorinnen und Autoren ist erstaunlich groß. vor allem die Verlage. er ist gut und das heißt auch wahr. sind die Dialoge in der zeitgenössischen deutschen Prosa meist stumpf. zahlreiche literarische Schreibwerkstätten und Studiengänge an den Universitäten. viele Nein. Jürgen Bauer (S. die jemand mitbringen muss. Und die Ebene? Das. Die Mimik des Lesenden verrät es. Regen schlug schwer auf das Blech. Es gibt momentan ein reges Interesse an der deutschen Sprache und Literatur. das Gestische. bekannte wie neu gegründete. Zu der Verbreitung der Literatur beim jungen Publikum hat sicherlich die Popliteratur der neunziger Jahre beigetragen. die Geduld. anders als Philosophie und Soziologie. der Taxifunk rauschte. Meckel arbeitet mit Verknappungen. in denen die Sprache auf sich selbst zu hören scheint. Ausschnitt) 37 DIE ZEIT . damit es in der Sprache auftaucht. das Motiv des Rauschens. Auch die Zahl der jährlich erscheinenden Romane und Erzählungen. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Freitisch« (2011) Fotos: Isolde Ohlbaum/laif. den Verbesserungen und Änderungen. und höre meine Stimme. Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Poetry-Slams sind nach wie vor überfüllt. was in der Vorstellung. der Chauffeur kam nicht zurück. oft geradezu hilflos ausführlich. Millionenauflagen. ein Ja. die Musikalität und diese Klarheit. Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Kollegen. mit Auslassungen und einem gestischen Sprechen. Man sehe sich die Umarbeitungen von Anna Karenina an. Das Lächeln.« Zwei Sätze. durch das Um. bald zurück. dass er wiedergibt. die auf der Suche nach jungen Talenten die Nachfrage gleichermaßen bedienen und stimulieren. das langsam hervorbricht. Das Schreiben der Sätze ist begleitet von einem: Nein. 36. und der Taxifunk rauschte. was als Vorstellung vorangeht? Die Beschreibung des Gedachten. die Tolstoi unter dem Einfluss seiner Frau vorgenommen hat. neue Zeitschriften und Literaturagenturen tragen zur Verbreitung bei.und Umschreiben gut klingen. Ein Lob aber der Werkstattarbeit. Wie erreichen. Diese an Jazz erinnernden syntaktischen Stopps. die spricht. auch diesen. Lektoren und Lesern. die Anlass für das Schreiben sind. das Aufschieben.« Eigentümlich genug. der Chauffeur wollte eine Pause von zehn Minuten – in dem Lokal dort. die ohne die Brechung ins Alltägliche leicht steif und gipsern wirkt. Erst wenn beides erreicht ist. Der Satz soll nicht nur richtig sein. die Verbesserung durch Ändern. auch nicht die Radikalität und nicht die Verstörung. darin eingelagert. richtig im Sinne.Ich sagte. ein Gebirge. kann seine Kenntnisse bei Harald Weinrich. Hinzu kommen. die literarische Sprache in ihrer Körperlichkeit leisten. Die gesprochene Sprache ist aber wie ein Humus für die Hochsprache. kann ich sagen. Tolstoi ist. das Lächeln hingegen kommt aus dem Vorsprachlichen. das wiederum für sich selbst beschrieben werden müsste. sagt Nabokov. mögen sie zuweilen auch vereinfachend sein. Bastian Sicks Bücher mit Sprachkommentaren erreichen. Kritikern. Er zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. viele Stipendien und Preise. die elliptische Form der gesprochenen Sprache und. Wer will. dann ganze Stunde verging ohne Zeit. eine halbe. sondern er muss durch Arbeit. lässt sich schnell sagen. üppiger als in den literarisch so mageren siebziger und achtziger Jahren. der staatlich geförderte Literaturfonds. Und dann ist der Satz. etwas. des Gefühlten kann. Um noch ein Beispiel aus der Erzählung Nachtmantel von Christoph Meckel zu nehmen: »Vor einem Gasthof machte das Taxi halt. nein. Ich schreibe einen Satz. der Stimmung. in der Anmutung noch recht dunkel war. die Organisation von Sprache und Text. was jetzt alles auf den Markt kommt? Was wird bleiben? Schaun mer mal. Worüber man lacht. Die Wiederholung. Das ist die lustvolle Überwindung der Stummheit. nein. das heißt. es ist dieses Warten. Privatsache.

U L R I C H S TO C K tut es hier mal DIE ZEIT 38 Foto: Vera Tammen für DIE ZEIT .ÜBER DAS SCHREIBEN Wenn das Schreiben nicht wäre Über ihr Eigentliches reden die Zeitungsleute selten.

wie praktisch. wachte ich morgens auf. mal Reggae. Und zu den Konferenzen gibt es Kaffee und Kekse. man sollte ihm den Widerstand gegen den Text nicht zu leicht machen. der hält sich mit solchen Befindlichkeiten nicht auf. Der haut das Zeug einfach raus. Und wenn dann Widerspruch kommt. Widersprüchlich. im Blattmachen. Ich sah mir beim Schreiben zu. Kalender. Der Mann war jung und gut. Aber Sie haben schon verstanden: Journalismus wäre ein schöner Beruf. nicht einen Satz meines Helden hatte ich zitiert. Der Fluss gehört zur Kreativität wie die Blockade. Ulrich Stock ist Redakteur der ZEIT und leitet das Ressort Wochenschau 39 DIE ZEIT . Zudem hat man als Journalist nette Kollegen. Das hängt mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik zusammen. Sie treffen außergewöhnliche Zeitgenossen. Schneller Schreiber. ließen ihn zu Boden segeln und spannten einen neuen Bogen ein. Zu billig. an einem Sonntag. Ob ein solches Chaos kreativ macht. wenn sie nicht gerade im Haifischbecken herumschwimmen. oder? Ich habe einmal eine Frau nur deshalb interviewt. Mir fällt das Schreiben manchmal schwer. und irgendwann nahte der Erscheinungstermin. müssen aber nie morgens um acht im Büro sein. Wer etwas hinschreibt und es gleich unglaublich toll findet. unglaublich eloquent. Gibt ja alles. Geht nicht. in diesem Moment. beziehungsweise ist ein schöner Beruf. ich habe noch kein Abendbrot gegessen. aber nicht kritisch. aber sie ist immer noch da. Weder auf die Fragen noch auf die Antworten konnte ich mich so recht konzentrieren. man muss aber auch loslassen. Aber die durch Neugierde legitimierte Annäherung ist ein Privileg. weil. und noch im Halbschlaf hatte ich eine Idee für den Anfang des Textes. Nicht einen Blick hatte ich in mein Notizbuch geworfen. Konkretion ist oft gut. Gut und schnell. die aus Lust am Schreiben schreiben. In meinem Unterbewusstsein hatten sich die Eindrücke. Journalisten sind keine Schauspieler. Schreiben ist wichtig nur als eines unter vielen. lasen ihn noch mal. neben einem halb geleerten Glas. was ich über ihn schreiben sollte. Man kann ihn auch mögen. Es gibt verschiedene Motive. der Redakteur. Langsam und schlecht. in der kaum Zeit zum Schreiben ist. schlafend. Tippen. die ich bewusst nicht ordnen konnte. Weil man nicht weiß. Man konnte Stunden später wiederkommen und fand sie im Halbkreis ihrer herausgerissenen Blätter sitzend. Schon tausendmal gelesen. Klammern So sieht mancher Schreibtisch aus. oder? Einem Arzt würde man es schon eher glauben: Praxis. Tür auf. nun endlich Gestalt annimmt. Weil man die Welt verbessern will. wenn er nachts um drei beim vierten Bier seinen popkulturellen Ansatz erklärte. Gibt auch tolle Journalisten. aber oft genug ist die Weisheit so wahr wie ihr Gegenteil. Ja. Blöd. zum Text sortiert. weil in der Eile irgendetwas schiefgegangen ist. der Text passt. Wer sich beim Schreiben zu misstrauisch über die Schulter schaut. Manchmal dachte ich. Ihre Qualitäten liegen woanders. Kleckse. Überlegen. Die besten Autoren tun sich oft am schwersten. verkrampft auf ihre Maschine starrend. stand ich auf und machte Frühstück. hat es indes nicht leichter. Ich kritzelte Seite um Seite in mein Notizbuch. Schönes Thema. Ich musste nichts mehr ändern. wenn das jetzt mal raus ist. Der kundige Leser kennt alle Klischees. Denn für ihn hat eine durchtriebene Gerechtigkeit den ersten Leser geschaffen.und Nachtzeit arbeiten. Als es vorbei war. was sonst tun. weil ich sie kennenlernen wollte. wenn nur die Patienten nicht wären. dann lasen sie ihn. Das weiße Papier ist verschwunden. sonst kommt nichts. vielleicht noch einen dritten. kann sie getrost vergessen. Guter Schreiber. sonst fließt nichts. mal Bartók. wie jetzt. und dann schüttelten sie den Kopf. Heute blinkt einen der Cursor auf dem leeren Flachbildschirm an. Hauptsache. Und alles wird geklickt! Einmal hatte ich über Monate hinweg Mal um Mal einen Musiker getroffen für eine große Reportage. wackelt und hat Luft – auch so eine alte Redaktionsweisheit ls Redakteur bei einer Wochenzeitung – wie ist das denn so?« Das werde ich gelegentlich gefragt. Journalist zu werden. wenn das Schreiben nicht wäre. die Angst ist geblieben. schreibt man gleich die Korrektur und hat den nächsten Artikel. gepaart mit einer gewissen Lässigkeit. um das andere Branchen uns zu Recht beneiden. Langsam und gut. staunend. Noch mal. Der im Bett begonnene Text stand später genau so in der Zeitung. Sie können – so es ihre Zeitung ihnen ermöglicht – überall hinfahren und recherchieren. Er war verstummt. Diesen Widerspruch muss man aushalten können. Langweilig. ohne abzusetzen. wären sie selber Klischee. den ich seit Wochen schreiben will. sondern ganz viele. für das es auch Gründe gäbe. Aber dies kann keine Aufforderung zu Stilbruch und Schlendrian sein. super. und von früh bis spät jammern da welche. Geht so gar nicht. Oder sollte der Journalist lieber auf den Jazz hören: Ein bisschen schmutzig. Über das Schreiben sprechen die Zeitungsleute kaum. Schnell und schlecht. Man muss sich zwingen. Ich kannte Kollegen. als habe der Text sich selber geschrieben. am Freitag. denn sobald sie zur Regel würden. geschweige denn zum Lesen. Selbstverliebt. er sei der Redakteur. Ja. es ist eigentlich Wochenende. Sachlich falsch. um 21. Fantastisch. krabbelte zurück ins Bett und schrieb von Hand zehn Seiten. Und der Tag morgen wird viel schöner. so wortgewaltig. Ich zähle mich zu denen. Alles toll. Der erste Leser bin ich. Ich holte Block und Bleistift. Nur beliebig sollte es nicht werden. denen es nur halb so schlecht geht wie einem selber. Es lebe die Reinheit und Perfektion. Aber das Schreiben. Tür zu. da dieser Text. Mal hört man Hip-Hop. dass dies keine Seltenheit ist. »Wir sagen immer«. langsamer Schreiber.A Kaffee. In der redaktionellen Organisation. mal Glenn Miller – Verschiedenheit beugt der Langeweile vor. das kann man lehren und zum Teil auch lernen. Über Tage hinweg versuchte ich etwas und fand es immer nur furchtbar. in der Spürnase. Wer für eine schlecht ausgestattete Onlineredaktion arbeitet. Und es gibt eben nicht eine Art zu schreiben. Ja.02 Uhr im Hamburger Pressehaus am Speersort. Früher sprach man von der Angst vor dem weißen Blatt Papier. Einen fand man morgens. schlechter Schreiber. Je mehr ich von meinem Helden wusste. obwohl es eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten ist. auch von Lesern. Am Ende war ich vollkommen verzweifelt. Mist. desto weniger wusste ich. W as gutes Schreiben ausmacht.« Das löst zuverlässig Heiterkeit aus. Wer hatte da geschrieben? War ich das gewesen? Mir kam es mehr vor. aber es zählt auch zum Schönsten. sage ich dann immer: »Journalismus wäre ein schöner Beruf. das treffende Wort? Schon möglich. Journalisten dürfen sich für alles interessieren. Aber jetzt nicht ablenken. Und dann lese ich so einen Text und denke: Versteh ich nicht. auch bei der ZEIT. als in ein tiefes Grübeln zu verfallen. vor allem dankbar. den 13. schöne Sache. und ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Seine Meinung sagen. das bleibt jedem Kollegen selbst überlassen. mit dem Kopf auf der Tastatur. die schrieben einen Satz hin. schrieben einen zweiten Satz hin. und die letzten Zeilen des unvollendeten Manuskriptes best nden nur no h aus löchrigen Wörte n. sondern ungläubig. Die Entstehung eines Albums begleiten. und quick zu antworten macht dann einen besseren Eindruck. auch der Form. wenn das Fliegen nicht wäre. Ich weiß inzwischen von anderen. wenn das andere Berufsgruppen sagten! Pilot. wenn. April. Diese Lust hat sich über die Jahrzehnte in Arbeit verwandelt. aber ich hatte Worte für ihn gefunden. Skandale aufdecken. Dann. Aber es macht gerade solchen Spaß. Vielleicht deshalb? Das Schreiben als das Eingemachte? Lieber nicht dran rühren? Hier wohnen Eitelkeit und Empfindlichkeit. Wolf Schneider hört es nicht. der kriegt keinen Satz mehr hin. wenige Tage vor Redaktionsschluss. die gar nichts mehr schreiben und es vielleicht auch nie konnten. Wer alle Regeln intus hat. Doch auch die schöne Verallgemeinerung kann Wirkung zeigen. Sie können zu jeder Tages. und es klingt gleich viel besser? Hauptsache. Nun ist das ein Luxusproblem. rissen den Bogen aus der Maschine.

der im Seitenlayout der Zeitung vorab dafür eingeräumt. der Cursor flitzt nur so über die Zeilen. Aus dem Schatzkästlein der vergangenen Monate nehmen wir mal ein paar Beispiele heraus: »Peter Steinbrück«? »Siegfried Gabriel«? »Sofie Rois«? Oder: Josef Stalin. Da sitzt sie vor ihrem Schirm. im Zweifel einmal mehr in den Duden zu schauen. wäre – Rohware. ausgelaugten Metaphern. Was simpel klingt. Der nächste Durchgang klingt nach Routine – und verdient doch volle Aufmerksamkeit. wird man eine ganze Bandbreite von Antworten bekommen. des Content. Wir hören an diesem Punkt die ersten Seufzer. es gibt Sprecher. dramaturgischen Saltos – oder.B. Jahreszahlen und nicht zuletzt Zitate müssen korrekt wiedergegeben werden. nicht zu vergessen Drucker. ob die Fakten stimmen und der Inhalt halbwegs luzide formuliert ist. Orte. nach einem Schema also. um Grammatik. in der ersten Zeile eines Absatzes Schusterjunge Die erste Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt Hurenkind Die letzte Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt DIE ZEIT 40 . Fragt man fünf von ihnen nach ihrer Arbeitsplatzbeschreibung. liefert der Text. subengagiert zugeht. abhängig davon. den lieben langen Tag. dass alle Tageszeitungen. Was also tun eigentlich Redakteure? Es gibt übrigens hierzulande so um die 30 000 davon. gönnt sich Frau Stil einen Kaffee. richtig? Stimmt. »Nach zwei bis drei Rechtschreibreformen setzt man sicherheitshalber in dieser Hinsicht bei jüngeren Autoren nicht mehr allzu viel voraus«. was in diesem Fall heißt: Werden wir subjektiv. über die Dramaturgie der Geschichte verhandelt? Diese Fragen und Voraussetzungen zu bedenken erleichtert. sämtliche Hörfunk. Der erste Lesedurchgang dient der oberflächlichen Einordnung und Kontrolle. Kollegen oder freien Autoren erst zu ihrer druck. Was bleibt dem Redakteur in diesem Moment übrig? Da wird der Kollege sich darauf beschränken. im Turbotempo zu überprüfen. Dazu gleich ein Beispiel aus der Praxis: Im Nachrichtenraum einer überregionalen Tageszeitung kann es vorkommen. Schließlich gibt es ja noch Reporter. wie es im Marketingdeutsch mittlerweile heißt. Kameraleute. mögliche Stolpersteine ausgeräumt. schlimmer noch. denn was ihm vorgesetzt würde. Reportagen. Aber wie funktioniert das? Nur mit System. wo sie eingesetzt sind. Wie zu redigieren ist. sie könnten heute leider nicht zur Arbeit erscheinen – was wäre die Folge? Wäre das der MedienGAU. der Tonfall der gefragten Textgattung? Nachrichten haben in nüchtern-sachlichem Gestus das Informationsbedürfnis zu bedienen. Und um den geht es schließlich. Nicht damit der Autor brillieren kann. den der Redakteur kennt (mit dessen Schwächen und Stärken)? Neigt der Autor zu Schachtelsätzen. Alles vollzieht sich nach bewährtem Muster. Er wird die letzten drei Absätze streichen. Wir schauen einer versierten und in Hunderten von Redigaturvorgängen gestählten Kollegin über die Schulter. Kommentare und Glossen gedruckt und ausgestrahlt würden und ihre Zielgruppe erreichten. so arbeiten zu müssen. erklärt die Redakteurin. Sie selbst ist sich allerdings nicht zu schade. der Sätze. freie Autoren und Kommentatoren. Verlassen wir die generelle Ebene und werden konkret. Und dennoch würde dem Publikum an diesem Tag mit Sicherheit Hören und Sehen vergehen. zur Langweiligkeit? Haben Redakteur und Autor vor Abgabe des Textes miteinander gesprochen. nämlich die Prüfung. und mitunter ist dieser Bericht 50 Zeilen länger als der Platz. Grossisten und Zusteller. Namen. mal hektisch und mal. ob »danksagen« jetzt in einem Wort und kleingeschrieben gehört. Dafür werden sie von Autoren oftmals gehasst – und von Lesern nie gelobt VON A N N A VON M Ü NC H H AUSE N Kursivschrift Ein Wort soll schräg gesetzt sein Absatz anhängen Die Linie verbindet Ausgang und Einzug N ehmen wir doch mal etwas Verrücktes an: An einem Tag X rufen alle deutschen Redakteure und Redakteurinnen morgens im Büro an und teilen mit. oder bliebe es nahezu unbemerkt? Gut möglich. erfahrenen Kollegen gelernt und im Lauf ihrer Berufsjahre verfeinert hat. Glossen oder Reportagen genießen stilistische und metaphorische Freiheiten – und sollten diese Freiheiten unbedingt Zwiebelfische Aus anderen Schriften gesetzte Buchstaben Tilgungszeichen Für überflüssige Buchstaben oder Zeichen Umstellungszeichen Kennzeichnet verstellte Wörter Wortzwischenraum Zu weit (links) oder zu eng Absatz Hilft. kann tückisch sein. Nächster Arbeitsschritt: Entspricht die Sprachebene. Kämmen und Aufbrezeln des Textmaterials? Stammt es von einem erfahrenen Autor.ÜBER DAS SCHREIBEN Was machen die da? Redakteure redigieren. Es geht um Orthografie. und das wiederum ist abhängig von den Usancen der jeweiligen Redaktion. die Zahlenangaben sind jedoch widersprüchlich. wenn von Medien die Rede ist. Ein wichtiger Zwischenschritt wäre entfallen. dass ein Korrespondentenbericht aus Washington genau zehn Minuten vor Redaktionsschluss im Mail-Eingang des zuständigen Nachrichtenredakteurs landet. Hat der Autor das Thema erfasst. Natürlich soll der Beitrag aber noch in der aktuellen Ausgabe untergebracht werden. dass es dabei mal pedantisch. Rechtschreibfehler korrigieren – und da ruft ihm auch schon der Nachrichtenchef zu: »Warum ist denn der Beitrag aus Washington immer noch nicht im System. kurzum: der Information. einen Text zu gliedern Fehlender Einzug Z. gestorben 1946? Nein und nochmals nein. Denn sie verhelfen den Texten von Reportern. Aufs Textkorrektorat darf sie sich nicht blind verlassen. Bearbeitung und Pflege der Wörter.und Fernsehnachrichten. was jetzt zu tun ist. nennen wir sie zur Tarnung Klara Stil. Ist das erledigt.oder sendefähigen Perfektion. Wie viel Zeit bleibt für das Putzen. verdammt noch mal?« Den leidenschaftlichen unter den Redakteuren tut es körperlich weh. sondern um sein Publikum glücklicher/ klüger/zufriedener zu machen. Moderatoren und Regisseure. sagen wir. Interpunktion. wird in den Redaktionen höchst unterschiedlich gehandhabt – und wir verraten kein Geheimnis. »freigeschlagen« worden ist. die üblichen aktuellen Features. wenn wir konstatieren. das Klara Stil irgendwann einmal von klugen. was zuvor miteinander abgesprochen wurde? Folgt der Faktencheck. der Aussagen und Argumente.

Die nämlich sind selten bereit... Und. sich den Chef des Aufsichtsrats vorzuknöpfen . ist entschlossenes Eingreifen gefragt. Klemmkonstruktionen klingen hässlich. Ein weites Feld. zuzugeben. An diesem Punkt kennt unsere Kollegin keine Gnade: Da werden Einschübe gestrichen. abbruchwilligen! – Leser noch einmal neu einzufangen. ohne überkandidelt zu klingen. tausendfach bewährte Regel: in jedem Absatz den – ungeduldigen. was sie Metaphernpotpourri nennt: mehrere widersprüchliche Vergleiche. Mag sein. selbst Chefredakteure sollen nicht immun dagegen sein. keinesfalls mit Details überfrachtet sein. dazu später mehr. Es ist ein altbekannter Zwiespalt: Redakteure beneiden freie Autoren um einen Alltag ohne Chefs und Konferenzen. blumig womöglich. bloß nicht stocken. in die Breite gehen.klug nutzen. die dem Leser einleuchten? Und fügen sie sich überzeugend in die Dramaturgie des Textes? Fließen soll er. So etwas auseinanderzunehmen beschert ihr großes Vergnügen. die wichtigste.« Drei Bilder in einem Satz. aber der Fußballtrainer hörte nicht auf. den Tag ausschließlich mit Zeitungslektüre und Autorenquälerei zu verbringen und dafür am Monatsende mit einem fürstlichen Gehalt belohnt zu werden. Absätze umgehoben. während die Freien wiederum den Redakteuren unterstellen. bremsen. Weil das Deutsche so gern Nebensätze in den Hauptsatz einfügt und in den Nebensatz nach Möglichkeit noch eine per Reflexivpronomen angehängte Zusatzinformation drückt. Schon an diesem Punkt übrigens kommt es häufig zum ersten Krach zwischen Redakteurin und Autor. Neulich hat Klara Stil einen Kisch-Preisträger erwischt mit folgendem Satz: »Der Gipfel seiner Anstrengungen stand auf dem Spiel. in einem Satz zusammengepresst. Das allerdings sollte die Ausnahme bleiben und führt fast immer zu heftigen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Autoren. Besonderes Augenmerk wird als Nächstes den Kernaussagen geschenkt: Sind sie klar erkennbar und mit Argumenten unterfüttert. nimmt sie das Material komplett auseinander und setzt aus den Bruchsteinen einen neuen Text zusammen. ihr Kollege fängt dann noch einmal ganz von vorne an. aneinandergekettete Nebensätze zerschlagen.« Anna von Münchhausen ist Redakteurin der ZEIT und hat als Textchefin vor allem ein Auge für die Aufmachung der Seiten und die Überschriften . dass der neue Text besser ist als die ursprüngliche Fassung. gehetzten. Nach dem Motto: »Ganz fertig ist man mit dem Redigieren eigentlich nie. aufzuspüren. Wenn es ganz schlimm kommt. Irgendwann ist es dann nach manchmal stundenlanger Bearbeitung so weit: Klara Stil setzt den letzten Punkt und reicht das Opus weiter – zur Zweitredigatur. Ein Steckenpferd unserer Kollegin ist übrigens. Manche Schreiber haben ein verhängnisvolles Händchen dafür.

mithilfe von Schreibheften. das l. die Schreibschrift wegzulassen. Und jeder der 14 Buchstaben erinnert mich an sie. Schreiben lernen war für mich ein mühsamer Prozess. als ob ich an einem besonderen Augenblick teilhaben durfte. bevor es in den letzten Buchstaben des Wortes übergeht. Aber sie wissen immer. sondern darum. warum ich immer weniger mit der Hand schreibe. dass es eine Zeit in meinem Leben gab. Ich erinnere mich daran. für einen Moment und nur für mich spürbar. Mittags kam ich oft mit blau beschmierten Händen und blauen Flecken auf T-Shirt und Hose nach Hause. In den Bögen. Danach habe ich Jahre gebraucht. die von dem aufragenden. geschweige denn Muße. Dieses kleine handschriftliche Klebeetikett ist geblieben. es gehe nicht darum. Punkt für Punkt: Warum M I R I A M M E C K E L auch im digitalen Zeitalter ihren Füller niemals missen möchte A ls ich neulich im Keller meines Vaters nach etwas suchte. Es könnte etwas bedeuten. Als ich meinen ersten Füller bekam. Auf ihr klebte ein Etikett. die mich berührte. und das Schreiben mit der Hand wurde im Wesentlichen auf den Akt des »Mitzeichnens« reduziert. um das Wort erneut üben. kamen mir die Tränen. Nur als Alphabeten sind wir in der Lage. Viele Grundschulen in Deutschland arbeiten inzwischen mit der »Grundschrift«. Bogen für Bogen. der vorsieht. und wir haben geschrieben. in der mir das Schreiben ein wenig verleidet wurde. also schreiben zu müssen. Schreiben und Lesen lernen ist ein lebenswichtiger Prozess. dem fein geführten f und dem r. Es war. erkannte ich ebenso die Schrift meiner Mutter wie in dem klassischen Schreibschrift-k. von wem die Mitteilung stammt. Das »Mitzeichnen« hatte sie entzaubert. als ich dieses Wort las. vergilbten Kartons. Doch müssen wir darüber in Zeiten der Computerschrift streiten? Hat die Handschrift nicht längst ihre Bedeutung weitgehend eingebüßt? Ich gebe freimütig zu: Auch ich schreibe inzwischen weniger und weniger mit der Hand. immer in einer speziellen Farbe (in NRW war das für die Staatssekretäre Grün) und immer in dem Kästchen. Nicht um zu lernen. Als Kind habe ich meiner Mutter immer gerne beim Schreiben zugeschaut. Es war ein warmes Gefühl.ÜBER DAS SCHREIBEN Sich die Welt erschreiben Buchstabe für Buchstabe. Es war. das meine Mutter einst beschriftet haben muss. nein. als kehrte sich etwas Inneres nach außen. Die »Mitzeichnung« war für mich gleichbedeutend mit der Bürokratisierung meiner Handschrift. an etwas sehr Privatem. Ich war damals Staatssekretärin in der Düsseldorfer Staatskanzlei. an allem im Leben teilzunehmen. den einen Kindern so das Schreiben und den anderen das Lesen zu erleichtern – ein logischer Ansatz. Auch heute müssen Freunde und Mitarbeiter oft rätseln. aber er wird die Handschrift als Ausdruck des Einzelnen verändern. sie uns Zug um Zug erarbeiten müssen. Das »Mitzeichnen« klingt fast künstlerisch. war das Schreiben nicht mehr ohne Tintenkiller möglich. Der andere. Damit wurde es leichter. In dem hohen Stahlregal zwischen Konservendosen. den Stift zu führen. Für alles andere war kaum Zeit. zu dürfen. dass wir uns diese Fähigkeit mit unseren Fingern aneignen. n und i in die beiden geschwungenen ls führen. wichtigere Grund. wie man richtig schreibt. Ich fühlte mich meiner Mutter sehr nah und verbunden. Hammer und Zange befand sich auch eine Keksdose aus bunt bedrucktem Blech. um meine misslungenen Bögen oder Ausreißer beim t und f zu korrigieren. das für das jeweilige Ministerium vorgesehen ist. DIE ZEIT 42 . das immer ein wenig nach rechts verrutschte und dabei einen wunderbaren Extrabogen schlug. die Bögen von f. die der Computer inzwischen in meinem Leben einnimmt. in meiner Grundschulzeit habe ich eine ein- zige ungenügende Bewertung bekommen – in Handschrift. Meine Mutter lebt schon einige Jahre nicht mehr. Der Grundschulverband betont. g oder h in den richtigen Proportionen auszuführen. in denen die Zeilen mit drei Linien geteilt waren. Ich habe oft neben meiner Mutter am Tisch gesessen. Das Schreiben mit der Hand habe ich in der Grundschule gelernt. symmetrischen V über a. um sie wiederzuentdecken und neu zu beleben. dass man eine Akte in der »Mitzeichnungsleiste« mit seinem Kürzel abzeichnet. ist aber ein Verwaltungsvorgang. wenn sie handschriftliche Notizen von mir kriegen. Und dass die Spuren dieses mühsamen Sich-in-die-WeltEinschreibens für immer in unserer individuellen Handschrift aufspürbar bleiben. machte ich eine Entdeckung. die sich an Druckbuchstaben anlehnt und den Kindern das Schreibenlernen einfacher machen soll. wie mühsam es anfangs war. so dahingeworfen und unleserlich ist meine Schrift. »Vanillekipferl« steht darauf. Das liegt zum einen daran. das im Moment des Zuschauens entstand. Manchmal einfach in ein Kreuzworträtsel hinein – zu dem ich als kleines Kind immer »Kreuzverdrehtsel« sagte –. liegt in der Rolle.

Auch ich schreibe immer mehr mit einer echten oder virtuellen Tastatur. die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. erfassen wir die Welt zweifach: in ihrer abstrakt-sprachlichen Bedeutung und dadurch. Ich nehme mir die Zeit. Durch das Schreiben mit der Hand be-greifen wir die Wirklichkeit. eine ungleich intensivere körperliche Spur legt. Wort für Wort. dass selbst meine krakelige Schrift zu einem Ensemble von Buchstabenbögen wird. Und der eine so breite Feder hat. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Next. Reinbek 2011 43 DIE ZEIT Foto (Ausschnitt): R. dass wir mit der körperlichen Bewegung Spuren in unserem Gehirn anlegen. Schweiz. Will ich aber jemanden wirklich erreichen. Wir können unterschiedliche Schrifttypen auswählen und sogar Schreibschrift maschinell imitieren. was ich dir sagen möchte. Wir sind auch. Der Stift berührt das Papier. »was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird. wie wir schreiben. verfügbar und doch sehr fern. die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen«. intensiver vernetzen. es zu er-fassen. Aber damit ist die Individualisierung der Schrift auch schon fast erschöpft. weil er beim Adressaten zwischen Hunderten digitaler Mails und unnützen analogen Postwurfsendungen Aufmerksamkeit erzeugt. Bogen für Bogen. dass alles. man könne Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen aus seiner Handschrift herauslesen. Abstände und andere Formatierungen. dass jugendliche Powersimser einen messbaren Zuwachs der Hirnareale aufweisen. Dabei bringe ich etwas auf den Punkt – im direkten Sinne des Wortes. sowie Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University. Buchstabe für Buchstabe. Gallen. was wir schreiben. Rowohlt. übertrage ich später dann mit dem iPhone in Evernote. Das verfügt nämlich bis ins hohe Alter über neuronale Plastizität. Selbst kleine Notizen. anders. Davon erzählt auch das Wort »begreifen« im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich an-fassen kann. eines Gedankens gesetzt. als Wörter und Sätze. mich hinzusetzen und darüber nachzudenken. und in diesem Moment ist der Anfang eines Buchstabens. einzelne Nervenzellen oder ganze Hirnareale können sich immer wieder neu. Wir bestimmen Größe. Sondern auch. Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer Kulturtechnik. Wenn wir also handschriftlich schreiben. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns«. schreibe ich einen Brief – per Hand. und ich bin nicht sicher. Entpersönlicht und für ewig gespeichert. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sagt. Computerschrift ist standardisiert. Es geht vielmehr um physiologische Vorgänge im Gehirn. Darum nennt sich das Schreiben am Computer – sehr technisch – Textverarbeitung. Wir zeichnen sie nach. Nicht nur. das an meinem Bett liegt. ob dies nur einen Impact auf die formale Dimension des Schreibens hat. Vielleicht mit meinem Füller von Montblanc. Dabei geht es nicht um die irrwitzigen Annahmen der Grafologie. Farbe. eines Wortes. auf dem iPad. auf dem Laptop. die den Daumen steuern. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat nachgewiesen. Oder durchs Schreiben. Vielleicht lässt sich dieser Zusammenhang des Anfassens als Erfassen mit den für das Schreiben abgewandelten Worten der amerikanischen Leseforscherin Maryanne Wolf erklären: Wir sind nicht nur. Palanikumar/13Photo . weil ich neben den im Brief enthaltenen Botschaften eine unausgesprochene übermittle: Du bist mir wichtig. der so wunderbar schwer in der Hand liegt und das Schreiben zu einer körperlichen und sehr sinnlichen Erfahrung macht. die sich im Gedächtnis einlagern kann. die Schrift nach rechts oder links kippen lassen oder auch fest aufdrücken. Das handschriftliche Verfassen eines Texts ist die materielle Erschaffung von Sprache und setzt eine be- Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication und Direktorin am Institut für Medienund Kommunikationsmanagement der Universität St. um sich aus meiner Welt in die der anderen fortzusetzen. in einer Wolke. die manche Empfänger als schön empfinden. die am frühen Morgen oder späten Abend noch ihren Weg per Bleistift in ein kleines Notizheft finden. Der Name sagt es: Dort werden die Notate digital abgelegt und in die »Cloud« entlassen – die ewige Notiz. das heißt. und dann schreibe ich es mit der Hand auf. Die Futura gehört dem Computer. bis das Papier reißt. Zeilenverlauf. lote ich meine Gedanken förmlich in allen drei Dimensionen des Raumes aus: Ich kann die Buchstaben nach oben oder unten in die Länge ziehen. wir bezeichnen sie und bilden dabei auch unsere eigene aus. mit dem iPhone. ist auch in der Lage. Was also macht das Schreiben mit uns? Wenn ich einen Stift zur Hand nehme und zu schreiben beginne. die wiederum dessen Funktionsweise beeinflussen. Times Modern sozusagen im übertragenen Sinne. Ähnliches geschieht durch Klavierüben. um einem einzelnen Wort Nachdruck zu verleihen.

sie schrumpft. Also too dark. Zwischen HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) und HDF (Halt die Fresse) liegen zwar immer noch Gefühlswelten. in Bildpunkten. LOL (laughing out loud. bei Jungen wie Mädchen. an Bedeutung und lässt sich im Lichte der Digitalisierung wiederum neu deuten. Unsere Sprache verpixelt zusehends. wenn man die Pünktchen vergrößert. en. mit einem Stift oder einem Füller auf das Papier oder mit Kreide auf die Tafel geschrieben werden. die Signifikanten. zum Beispiel die Verständigung. Dann fällt das Lernen leichter.« Die Quantität des Geschriebenen wächst also mit dem PC. die auf einen Blick erfasst wird und die komplexe Informationen synchronisiert. Dabei entstehen zuweilen lustige Fehler. Bestandteile verschiedener Sprachen zu einer neuen Sprache zu verbinden. bitte Antwort asap (Answer as soon as possible. aber auch der Wortschatz. egal. Aus der Forschung wissen wir. Doch Sprachkompetenz erwerben wir so natürlich nicht. Der Computer macht es möglich. sich Dinge zu merken. Die Jungen jedoch verbessern sich wesentlich. das neben den Text und dann vor den Text zu rücken drohte. Die Welt besteht und entsteht aus Pixeln. greifen wir auf die Zeichen erster Ordnung zurück – die Icons. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder. Das gelingt vermutlich nur so lange. God say. simpler. Im Labor für Künstliche nstliche e Intelligenz an der Universität von Arizona setzen Wissenschaftler inzwischen komplexe Algorithmen ithmen ein. dass Mädchen und Jungen deutlich mehr schreiben. Hingekritzelt Wenn der Füller schwer in der Hand liegt. wenn sie tippen. auf denen die Signifikanten abgedruckt sind. Mehr als 400 Parameter werden dafür für ausgelotet: Syntax und Zeichensetzung. von denen es Millionen auf Bildschirmen. Zuweilen besteht sie nur noch aus Buchstaben. Wortlängen tlängen und Buchstabenhäufigkeit. dass sie im Internet nachschauen. forstet. als wenn man nur die Computertasten drückt. mit dem wiederum weitere Texte desselben Individuums iduums im Internet gesucht und erkannt werden können. wenn Hand und Hirn im Zusammenspiel ein Bild der Sprache erzeugen. aber fast überall verständlich. Was ich dann auf der Keksdose eksdose im Keller meines Vaters statt des Aufklebers mit dem m Wort »Vanillekipferl« finden würde? Vielleicht ht eine lange. In dieser Entwicklung liegt ein belustigender Widerspruch: Je mehr unser Schreiben sich der digitalen Sprachevolution unterwirft. Absätzen oder kompletten Abschnitten. Damals ging es um das Bild. Heute können wir mithilfe von Google Translator deutsche Texte in 65 Sprachen übersetzen lassen. 2L8 (too late. dann schreiben.« Das ist nicht unbedingt literarisch. es hat sich eingeschrieben. desto weniger g wird es dem Computer gelingen. zur Zeit des sogenannten pictorial turn. zu spät). So lässt sich mithilfe des Computers der individudividuelle »Schreibabdruck« eines Menschen berechnen. Earth not very nice. en. Diejenigen. merken sich mehr! Wenn das auch für Fremdsprachen gilt. die wissen. das der Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser schon 1978 in Die kodifizierte Welt kritisiert hat. Der Anfang des Alten Testaments lautet dann etwa so: »Number one. muss es aber nicht so sein. um die menschliche Computerschriftsprache ache zu sezieren. Wir zeigen auf diesen Seiten Ausschnitte aus ihrem Notizbuch 45 DIE ZEIT . Und wenn selbst die zu viel sind. das Herumschieben von Sätzen. die selbst dem Computer das Unterscheiden cheiden unmöglich machen. Eine amerikanische Studie hat aber auch ergeben. dass Menschen weniger bereit sind. Die Qualität des Geschriebenen bleibt bei den Mädchen konstant. mich kurz zu fassen. Wir bringen Dinge dann anders auf den Punkt: direkter. Bei der Textverarbeitung am Computer kann. doch die spielen längst nicht mehr die Hauptrolle olle bei diesen Analysen. bringt zum Ausdruck. einzigartige Reihe aus binären Zahlen: 01110110 110110 01100001 01101110 01101001 01101100 01101100 01100101 01101011 01101001 01110000 01100110 01100101 01110010 01101100. Ein Text. God make heaven and earth. wenn der Computer im Spiel ist. die Digitalisierung der Sprache gutzuheißen. wenn sie wissen. weil sie uns manches im Alltag erleichtert. erlaube uns hingegen die diachrone Verarbeitung der Information. dann wird das Schreiben damit für Miriam Meckel zu einem sehr sinnlichen Erlebnis. warum das Programm Textverarbeitung heißt.stimmte Reihenfolge voraus: erst denken. Mit der wachsenden Digitalisierung unserer Kulturtechniken erleben wir etwas neu. Monitoren und Displays gibt. Doch bei allen guten Argumenten für das Schreiben mit Hand und Füller gibt es auch Gründe. und das sei ihrer Komplexität eher angemessen. Tucholsky lässt grüßen: »Ich hatte leider keine Zeit. Sogar die Textinhalte werden durchforstet. werden wir bald alle einsprachig. wenn die Buchstaben. Das Schreibenlernen gelingt leichter. Diese Kulturkritik Flussers gewann in den neunziger Jahren. Flusser sah im technischen Bild die Oberfläche. Die Sprache des Computers erscheint uns in Pixeln. die als Mischung aus englischer Grundsprache mit den einfachen Strukturen chinesischer Grammatik und einigen indischen Spracheinflüssen entstanden ist. den wir lesen. wie wir unsere Schriftsprache noch nicht vollständig in ein banales digitales »Globalese« überführt haben. also googeln können. das sich nach Standards andards richtet. Copy-and-paste. Das Lernen geht nicht nur schneller. Antworte so bald wie möglich). Das Schreiben mit der Hand erzeugt also mehr als einen Text. Light on. Unter der Bezeichnung »Globalese« hat sich eine Rudimentärsprache entwickelt. lauthals lachen). reduzierter. uns als schreibende eibende Individuen auszumachen. dass sie nicht nachgucken können. ob sie mit der Hand oder am Computer schreiben. God make avatar go look-see waterfront. das in Form von Buchstaben Gelernte bleibt auch besser haften. Alles andere steht ja im Netz oder macht der Computer. auf wenige Punkte zusammen. Light on. nothing there. aber auch nur zwei Buchstaben. Irgendwann wird der datenbasierte »Schreibabdruck« bdruck« als individualisierte Repräsentation des Schreibens bens die Handschrift ersetzen.

würden sie nur gesprochen und hätten wir nicht den gedruckten Text vor uns. wie Marcel tionen im glücklichen Fall eine höhere Genauigkeit Reich-Ranicki mich einmal in sein Zimmer bat. dass der Verfasser nicht laut. die sich darin gefallen. dem Lehrer vor seiner Klasse oder dem imaginierten Mündlichkeit zu tun. Er hat viele Jahre das nicht mehr angewiesen. BLZ 200 100 20 Leserbriefe: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. was man junger Redakteur. so leise und so kompliziert zu verdankt sich keineswegs einer Mode oder Laune. eine gewisse verständlich. BLZ 600 400 71 Postbank Hamburg. unbeholfenen Sätze. Hella Kemper Gestaltung: Julika Altmann Bildredaktion: Ellen Dietrich (verantwortlich). dass ihm zu folgen eine Qual ist. wenn ich ihn selber verstehe. die wir den freien. dass die Münd- IMPRESSUM Gründungsverleger 1946–1995: Gerd Bucerius † Herausgeber: Dr. aber innerlich) meine Texte vor. 64546 MörfeldenWalldorf Axel Springer Verlag AG. Sie reden. der Manguels großartiger Geschichte des Lesens. dass er mir zuhört.ÜBER DAS SCHREIBEN VON DE R K R A F T DES MÜ N DLICHE N Warum sich U L R IC H GR E I N E R seine Texte selbst vorliest gibt. Ich hatte ihm meine erste größere Literaturkritik hineingereicht und war nun gespannt sagen will. 1290 00 207. die Tür hinter Angemessenheit richtet sich natürlich nach dem mir zu schließen und Platz zu nehmen. Früher übrigens verstehen wir auch. Verständlich für Stentorstimme vor. als es simplen Hauptsätzen gelingen könnte. Kurhessenstr. Er war damals neuer Literaturchef der FAZ. Marion Gräfin Dönhoff † (1909–2002). KG. den vorfand. Josef Joffe Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo Stellvertretende Chefredakteure: Moritz Müller-Wirth. und der Hörer kann ihm leichter folgen. 22926 Ahrensburg Für unverlangt eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Bernd Ulrich Chef vom Dienst: Iris Mainka (verantwortlich). dann Empfänger ist immer auch ein Hörer. Eingang Speersort 1. weil es Bücher und Computer Literaturressort und das Feuilleton geleitet WENN wir uns vor Augen halten.de DIE ZEIT 46 . Wenn Sie Bücher laut lesen (oder anderen vorlesen). dann beuns Zeit gibt. weil er sich selber nicht verstanden hat. so haben lautet. Singen allerdings müssen wir sie nicht. Ich wurde rot vor Scham. Anzeigen: DIE ZEIT. Darin gleiche ich dem Pfarrer vor seiner diese höchst erwünschten Eigenschaften viel mit einer Gemeinde. wie Mark Twain einmal her entgangen sind. dem. Rainer Esser Verlagsleitung: Stefanie Hauer Vertrieb: Jürgen Jacobs Marketing: Nils von der Kall Unternehmenskommunikation und Veranstaltungen: Silvie Rundel Herstellung/ Schlussgrafik: Wolfgang Wagener (verantwortlich) Druck: Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH. kann es sich erlauben. KG. und es empfiehlt sich. Reich-Ranicki bat mich. verständschlichte Prosa. Nur der wahrhaft Mächtige literarischen Texte einer festgelegten Form folgen. Gerade deshalb aber neigen wir dazu. Dr. Melanie Böge Dokumentation: Mirjam Zimmer (verantwortlich) Korrektorat: Mechthild Warmbier (verantwortlich) Verlag und Redaktion: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Hamburg Geschäftsführer: Dr. Ich hörte das Gestammel und Geholper meiner andere kann er nur sein. Denn mein Ziel Was aber nun die Eleganz. 4–6. das Prädikat am Ende des Satzes »mit merken Sie neue und andere Qualitäten. und zuweilen eben auch Mängel. Der Liebesbrief verlangt eine andere Sprache Er nahm mein Manuskript und las es mir mit als das Bewerbungsschreiben. die Anmut oder gar Schönheit eines sprachlichen Gefüges betrifft. Matthias Weidling. Kornkamp 11. warum wir bestimmte Sätze gar war es üblich. 20095 Hamburg Telefon: 040/32 80 0 Fax: 040/32 71 11 E-Mail: DieZeit@zeit. spottete. Konto-Nr. müssen unsere Rede angenehm.de Artikelabfrage aus dem Archiv: Fax: 040/32 80 404 E-Mail: archiv@zeit. später auch gereimt. deren Satzkonstrukgeschriebenem. Mark Spörrle Assistenz: Gabriele Sommer Redaktion: Matthias Naß (verantwortlich). Dass die ältesten Verteidiger vor Gericht. Buceriusstraße. Nie werde ich vergessen. Es soll waren rhythmisiert. ich sein Aber die meisten von uns Irdischen heißen nicht Hegel oder Kleist. Er schreibt unihnen eine Art Rhythmus. Empfehlungsanzeigen: iq media marketing. Damit will ich nichts gegen die Sprache der Ich empfehle diese Übung vor allem bei SelbstJuristen oder Philosophen sagen. Ulrich Greiner ist Autor der ZEIT und Herausgeber Zwar sind wir heutzutage auf solche Hilfsmittel des Magazins ZEIT LITERATUR. Gedächtnis des Erzählers oder Sängers Haltepunkte Wir anderen aber. KG. gründlich genug nachgedacht hat. dass etwa lich und auf gewinnende Weise vortragen.de © Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Pressehaus. Das weiß ich aus Alberto nicht verstehen könnten. Axel Kuhlmann Sonderpreisliste ZEIT-Tabloid 2012 Anzeigenstruktur: Helmut Michaelis Bankverbindungen: Commerzbank Stuttgart. 20079 Hamburg Fax: 040/32 80 404 E-Mail: leserbriefe@zeit. und dieser lichkeit sehr viel älter ist als die Schriftlichkeit. den Leser dafür zu gewinnen. die erst später niedergeschriebenen Texte Homers ihre mündliche Überlieferung so lange überdauert haben. eine angemessene Gestalt zu geben. 525 52 52. den Empfänger unserer Texte zu vergessen. Helmut Schmidt. dass der Text hinund bei nicht wenigen Beispielen einer missglückten ten und vorne hakte. In jedem Fall aber sollte der Text elegant und verständlich sein. ich versuche. Nur so lässt sich das Wunder erklären. erlauben. laut zu lesen. Einen derart melodisch und rhythmisch ge selligen Austausch der Meinungen und Argumente strukturierten Text kann man sich leichter merken als schätzen. die Ihnen vordem Fernrohr zu suchen«. damit das Professoren geben. Zweck. ich merkte. Seitdem lese ich mir (nicht Sprache kann man sehen. Geschmeidigkeit beizubringen. Die auf das Urteil. Konto-Nr.

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