Wie Sie besser schreiben

Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen
Von Wolf Schneider
Mai 2012

Mit Beiträgen von Uwe Timm, Ulrich Stock, Anna von Münchhausen, Miriam Meckel und Ulrich Greiner

Nr. 20

67. Jahrgang

EDITORIAL

Triffst du nur das Zauberwort
Man kann sprachlos sein vor Glück, sprachlos vor Erstaunen, sprachlos vor Entsetzen. Man sollte möglichst nicht sprachlos sein, weil einem die richtigen Worte nicht zu Gebote stehen; weil man die richtigen Worte nicht zu klaren, verständlichen Sätzen formen kann; oder weil sich die Sätze nicht zu einem liebevollen Brief, einem klugen Aufsatz, einem lebendigen Zeitungsartikel fügen. Gut zu sprechen und zu schreiben ist eine Kunst, die man lernen kann. Man wird es nicht unbedingt zur Meisterschaft eines Heinrich Heine oder Georg Büchner bringen, aber nach Ausdrucksvermögen und eigenem Stil darf man schon streben. Der Aufklärer und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg sagte es so: »Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, dass es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist.« Wie aus gutem ein besseres Deutsch werden kann – damit beschäftigt sich diese ZEIT-Beilage. Wolf Schneider, der Autor unserer Stilkunde, ist ein bewährter Sprachlehrer. Generationen von angehenden Journalisten sind durch seine Schule gegangen und haben unter seiner Maxime gestöhnt: »Qualität kommt von Qual!« Für diese Beilage gilt das ausdrücklich nicht. Sie soll Freude machen, dabei auch gern ein wenig Ehrgeiz wecken. Gerade durch die Beispiele der großen Meister, denen wir zwar immer vergeblich nacheifern werden, die uns aber zeigen, welcher Schatz unsere Sprache ist. Wie finden Autoren und Journalisten zum besseren Deutsch und zum guten Stil? Darum geht es im zweiten Teil unserer Beilage. Der Erzähler und Romancier Uwe Timm lobt in seinem Beitrag die Schreibwerkstatt, in der sich Schriftsteller vervollkommnen können. Wie wir Journalisten im Zeitungsalltag nach dem passenden, dem richtigen, dem besten Wort suchen, schildert Ulrich Stock. Anna von Münchhausen singt das Hohelied des guten Redigierens, jenes demutsvollen Feilens am Text, das ihn – wie einen geschliffenen Diamanten – erst zum Leuchten bringt. Ulrich Greiner hat schon von Marcel Reich-Ranicki gelernt, wie hilfreich es sein kann, wenn der Autor sich seinen Text selbst vorliest. Schließlich die Frage, wie sich die deutsche Sprache durch das digitale Schreiben, durch Chat und Tweet, verändern wird. Was passiert, wenn wir nicht mehr mit der Hand schreiben, sondern nur noch auf der Tastatur herumhämmern? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gibt, ein wenig melancholisch, Entwarnung: Natürlich wandelt sich unsere Sprache, wenn das Schreiben zur Textverarbeitung wird, aber zugrunde geht sie nicht. Selbst wenn Joseph von Eichendorff eines Tages vergessen sein sollte, werden Menschen noch immer das »Zauberwort« treffen MATTHIAS NASS – »und die Welt hebt an zu singen«.

DIE ZEIT

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D E R I N H A LT

D I E S P R AC H E I ST E I N E WA F F E
Seien wir gut zu ihr – eine Einführung von Wolf Schneider SEITE 4

Titelbild: designed by m-inspira/www.m-inspira.com; Inhalt: Heimo Zobernig, Ohne Titel (REAL)/VG Bild-Kunst, Bonn 2012; Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung; Ohlbaum/laif (v. o.)

E I N E STI L K U N D E
20 Lektionen von Wolf Schneider SEITE 8 bis 31

DI E S P R AC H M E I ST E R
Sieben Virtuosen der deutschen Literatur SEITE 13, 16, 20, 23, 29, 32

ÜBER DAS SCH REI BEN
Ein Lob der Werkstatt SEITE 36
VON UWE TIMM

Wenn das Schreiben nicht wäre SEITE 38
VON ULRICH STOCK

Was machen die da? SEITE 40
VON ANNA v. MÜNCHHAUSEN

Sich die Welt erschreiben SEITE 42
VON MIRIAM MECKEL

Von der Kraft des Mündlichen SEITE 46
VON ULRICH GREINER

Impressum SEITE 46

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DIE ZEIT

EINFÜHRUNG

W

as wir hören, was wir lesen, wie wir sprechen, wie wir schreiben: Nichts formt uns und bewegt uns, nichts bereichert uns mehr, nichts prägt unsere Rolle unter den Menschen stärker als unser Umgang mit der Sprache. Sie ist das gewaltige Erbe, in das wir hineingeboren worden sind – in tausend Generationen aufgehäuft und fortentwickelt, beladen mit allen Irrtümern und Vorurteilen unserer Ahnen, beflügelt von ihren Träumen, Visionen, Ideen. Begriffe bilden, Ideale aufstellen und mit ihnen die Wirklichkeit verändern: Das ist, weit über die Verständigung hinaus, die wichtigste Leistung der Sprache. Gerechtigkeit! Finden wir sie etwa in der Natur? Sind wir uns auch nur einig darüber, was sie im konkreten Fall bedeuten soll? Aber das große Wort ist da, als Banner steht es über uns, und so trägt es dazu bei, dem Ideal, das da kühn und unscharf ins Wort gehoben worden ist, ein wenig näher zu kommen, als wenn wir es in unserem Wortschatz nicht vorgefunden hätten. Es gehört zu jenem »ungeheure[n] Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet«, sagt Nietzsche. Oft gehen wir so weit, der Wirklichkeit mit unseren Wörtern Eigenschaften vorzuschreiben, die sie nicht hat: Ist die Natur denn bereit, am 1. Juni (meteorologisch) oder am 21. Juni (astronomisch, kurios genug) mit dem »Sommer« zu beginnen – bloß weil wir das Wort in die Welt gesetzt haben und es noch dazu mit der Erwartung von ständiger Sonne und Wärme verknüpfen, aller deutschen Wahrscheinlichkeit zuwider? Wir können wetten: Irgendwann im Juli werden Journalisten und Fernsehmeteorologen tadelnd fragen, wo »der Sommer« bleibt. Nichts zeigt die Macht der Sprache eklatanter: Wie wir etwas nennen, ist uns wichtiger, als wie es ist. Mit unseren Wörtern etikettieren wir die Fülle der Erscheinungen und erwarten dafür Gehorsam von ihnen. Wörter sind heilig. Sie tragen unsere Hoffnungen und unsere Ängste, unsere Wünsche und Gebete und unseren Trost; mit ihnen erschaffen wir die Philosophie und die Utopie, die Poesie und den Witz. Dieses schillernde, grandiose Erbe zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.
Vier Entwicklungen vor allem müssen jedem Freund der Sprache Sorgen machen. Die erste Entwicklung: Auch dort, wo die Schreiber

Die Sprache ist eine Waffe
Aber sie lässt uns auch träumen, sie erklärt uns die Welt. Seien wir gut zu ihr!
VON WOL F S C H N E I DE R

die Sprache noch pfleglich behandeln wie in der Mehrzahl der DruckErzeugnisse, findet seit Jahrzehnten ein Wortschwund oder eine Wortverfälschung statt. Dass »scheinbar« »dem falschen Anschein nach« bedeutet und folglich nie mit »anscheinend« verwechselt werden darf, ist immer weniger Deutschen geläufig. »Wähnen« liest man im Dutzend in der Zeitung, wo »glauben« gemeint ist – und es heißt doch: »fälschlich glauben«, »sich einer Wahnvorstellung hingeben«! Hören solche Schreiber sich selber nicht mehr zu? »Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit« – wie viel Kraft, wie viel Information in nur zwei Silben! Ähnlich schlimm: »Vermeintlich« findet man mit »vermutlich« verwechselt, und es besagt doch das Gegenteil – der vermutliche Täter war es wahrscheinlich, der vermeintliche war es gerade nicht. Woher solcher Absturz? Immer mehr junge Leute (fast die Hälfte, wird geschätzt) lesen keine Bücher mehr, und an deutschen Schulen regiere, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jene »Spaßpädagogik«, die den Schülern jegliche Mühe ersparen wolle. Man komme nicht mit der beliebten Redensart: »Die Sprache entwickelt sich eben.« Wo die Entwicklung eine Verarmung wäre, da sollten bei allen Deutschen die Alarmglocken läuten. Vor allem aber: Das »sich« in dieser Schutzbehauptung ist einfach falsch – als ob die Sprache ein abgehobenes Medium wäre, das sich Entwicklungen leistet! Sie wird entwickelt mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt – und noch heute hat niemand etwas dagegen, dass wir nicht mehr »rekommandieren«, sondern »einschreiben« sagen und nicht mehr »poste restante«, sondern »postlagernd«. Alice Schwarzer hat an der Spitze einer kleinen Gruppe von Feministinnen erzwingen können, dass jede deutsche Behörde und die meisten Unternehmen den Mitarbeitern heute bei jeder Nennung die Mitarbeiterinnen ausdrücklich zur Seite stellen. Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen.

DIE ZEIT

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dass man ein paar dieser Lektionen aus jedem der Meister destillieren könnte. Nicht-mehr-Feilens. Den hier vorgestellten sieben »Großmeistern« nähert sich natürlich noch keiner. die in Deutschland wohnen. um Zuwendung. müssen sie schon zufrieden sein. Die Kiezdeutsch-Sprecher werden also ermutigt. Aus beiden Nachteilen folgt millionenfach die Versuchung. Wie schön aber.Die zweite Entwicklung. ist mit dem Internet über uns hereingebrochen: Mail. Jahrhundert das statistische Normalverhalten. Als ob man sich des Deutschen schämen müsste! Es war und ist eine der großen Kultursprachen auf Erden. deutsch ausgesprochen wie der Euro noch heute. Der andere: Alle. vorzugsweise von unter Zwanzigjährigen gesprochen: »Ich mach dich Messer. ja dass es Sprachwissenschaftler gibt. die früher allenfalls dem Ohr zugemutet wurden – dem Auge nie. Der hat sich die geschriebene damit angenähert – mit allen Vorzügen der Spontaneität und allen Nachteilen der Schwatzhaftigkeit. ist nicht das Problem – sondern dass in solcher Stummelsprache schon geworben wird (»Soo! muss Technik«. sondern von anderen. Ein großes Unternehmen bereicherte das Deutsche vor Kurzem um das kostbare Wortgebilde CorporateSocial-Responsibility-Aktivitäten. ziemlich bewährte Rezepte angeboten. Nicht-mehr-Korrigierens.: akg-images/© VG Bild-Kunst. um die Leser werben muss – und dass es dafür nicht genügt. das Nichtlesen. vielleicht sogar von vielen gelesen werden möchte. mit Farbe. der sie befolgt. Tweet. vom Kuvert zu schweigen. sich ums Hochdeutsche gar nicht zu bemühen – statt dass man das Mögliche tut. den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. in die große Sprache »Deutsch« hineinzuwachsen! Zwei Beiträge dazu leistet dieses Heft. Blog. 1919 5 DIE ZEIT Abb. Die dritte Entwicklung. dass wir sie uns beim Werben um Leser zum Vorbild nehmen können: glasklar verständlich. als Aperitif und Ermutigung. Und zwei – Heine und Kafka – haben sogar durchweg so geschrieben. das immer auf dem Schreibtisch steht – kein Papier mehr zurechtlegen. Chat haben die Zahl der geschriebenen Wörter dramatisch vermehrt und die Sorgfalt im Umgang mit ihnen dramatisch vermindert. ja herumzupöbeln. des Nicht-mehr-Zögerns. Iwan Puni: »Stilleben mit Buchstaben und Krug«. Haltet sie scharf!«. Bonn 2012 . Das Blog hat anstelle des Adressaten ein diffuses Publikum. Die Mailer und die Seriösen unter den Bloggern (die gibt es ja) können zwei Nachteile kaum bestreiten: Man huscht über die Tasten eines Geräts. idealerweise um Sympathie! Aber wie macht man das? Dafür werden in dieser Beilage 20 praktikable. ermuntert und darin fördert. spottete Bundestagspräsident Lammert (am 18. die Sprache mit Migrationshintergrund. versucht es für eine Einsicht zu gewinnen. mahnte Tucholsky. jedenfalls das Nicht-zu-Ende-Lesen war schon im 20. loszupoltern. mit Feuer und mit Kraft. Nur auf Englisch und Chinesisch erscheinen noch mehr Bücher als in deutscher Sprache. Saturn 2012). so wie die gesprochene Sprache. Machen wir davon Gebrauch! »Die Sprache ist eine Waffe. Das verbinde sich oft mit »einer zunehmenden Enthemmung im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität«. Der eine: Es stellt einige der großartigsten Meister des Deutschen vor. der nicht nur von seinem Lehrer oder Professor. Werben also: um Aufmerksamkeit. und der Absender muss sich nicht identifizieren. sondern ein »innovativer Dialekt« des Deutschen. die allen Freunden der Sprache Sorgen machen muss. geht neuerdings als »Jurowischn« über die Sender. sich der Chancengleichheit dadurch zu nähern. dass man alle. Journalisten wissen: Wenn ihre Texte zu 20 Prozent gelesen werden. März im Rückblick auf den Sturz des Bundespräsidenten Wulff ). dazu mit dem schönen Gefühl: Und beim Empfänger kommt das Geschriebene sofort an. die an unseren Schulen und Universitäten ein Kümmerdasein fristet: dass jeder. und mit der elektronischen Wortexplosion hat das Missverhältnis zwischen Geschriebenhaben und Gelesenwerden sich drastisch verstärkt. die der Freund der Sprache nicht begrüßen kann.« Dass sie so reden. die diesen Slang loben: Er sei kein Kauderwelsch. geradezu ein Vorbild für die überfällige Vereinfachung der deutschen Grammatik. und was seit 1954 Eurovision hieß. Die vierte Entwicklung: das »Kiezdeutsch«. ist der immer noch anhaltende Siegeszug der unsinnigen unter den Anglizismen. nur aus dem Englischen und dem Französischen werden noch mehr Bücher als aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt. die Sprache also in Tiefen zu zerren. die unsere Sprache lieben (und zugleich kein Problem mit korrekten Genitiven haben).

28 19. 1919/20 7 ZEITWISSEN . Geizen wir mit Adjektiven S. Die Krone der Hässlichkeit S. Friedrich Nietzsche: Der Virtuose S. Thomas Mann: Der Alleskönner S. 22 15. Heinrich Heine: Der brillante Zyniker S.E I N E ST I L K U N D E VON WOL F SC H N E I DE R 2 0 LEKTIONEN 1. 10 3. 26 18. 25 16. Im Anfang war das Tun S. Wörter in Bewegung S. 14 6. Warum wir am Passiv leiden S. 15 7. Der Wille zum Verzicht S. 17 8. 12 5. 19 11. 26 17. konstruiert von Minimax Dadamax persönlich«. Nennen wir’s beim Namen S. Mit Satzzeichen Musik machen S. 16 III. Heinrich von Kleist: Der Maßlose S. Die Kunst des Anfangs S. 21 12. Franz Kafka: Der heimliche König S. Wie lang darf ein Satz sein? S. Zählen wir die Silben S. 29 VI. 30 20. Nur für Gedächtniskünstler S. 17 9. 8 2. Misstrauen wir den Synonymen S. Gliedern kann nicht schaden S. 13 II. 18 10. 23 V. Seien wir ein bisschen unbequem S. Bonn 2012 Max Ernst: »Kleine Maschine. 11 4. 32 Abb. 31 DIE SPRACHMEISTER I. 21 13. 22 14. 20 IV. Die schöne heikle Nebensache S. Verachten wir den Wissenschaftsjargon S. König der Sätze S. Vermeiden wir den Überdruss S. Goethe und Schiller: Große Prosaisten S.: akg-images/VG Bild-Kunst. Die Kraft der Bilder S.

summen. Doch im selben LIED VON DER GLOCKE hat Schiller auch im scheinbar Statischen die Bewegung aufgespürt: »Die Leidenschaft flieht. Imponiervokabeln wie generieren (für machen. raunen. umsetzen. bürokratische wie beauskunften und bezuschussen. erzeugen. »Kochend wie aus Ofens Rachen Glühn die Lüfte.und Waldgeräuschen: fächeln. erlisten. schaffen. Pfosten stürzen. wo es als Retter aus zwei Fallen der deutschen Grammatik dienen kann: den garstigen Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den rasselnden Ketten vorangestellter Attribute ¤ Lektion 13. Kinder jammern. bewirken) oder implementieren (für einführen. hauchen. Aber was geht uns das an? Es ist eine starke Metapher dafür. was Goethe geduldet hätte oder Günter Grass dulden würde. Mark Twain und Jorge Luis Borges haben das Deutsche geradezu bewundert für seinen Reichtum an Nacht. wenn wir Leser fesseln wollen: Bewegung! Interessanter als »Das Haus ist schön« liest sich nun mal »Es ging in Flammen auf«. gurren. tuscheln. sich handeln um. Muss wirken und streben Und pflanzen und schaffen. ich bin ein Verbum und kein Personalpronomen.DIE WÖRTER LEKTION 1 Im Anfang war das Tun Warum wir die Verben lieben sollten »Ich glaube. Viele Verben drücken nicht einmal eine Tätigkeit aus. der Oberbefehlshaber der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg – und damit ein Bild gefunden für das Vorwärtsstürmen. die die Sprache lieben und sich zugleich Leser wünschen. vorhanden sein. die Liebe muss bleiben: Die Blume verblüht. ist von viererlei Art. Zum Zweiten: Es möge Ihnen Spaß machen. DIE ZEIT 8 . knistern.« Natürlich: Für unsern Alltag taugt das nicht. Balken krachen. schwirren. Ebenso sind das Stigmatisieren und das Sensibilisieren nichts. das Glück zu erjagen. Auch und gerade in den leisen Verben zeigt er sich. Was also tun? Der Rat für Schreiber. lispeln. erraffen. rauschen. die besten.« Ulysses Grant hat das gesagt. murmeln. wie Grundschüler sagen. säuseln. aufgreifen – oder warum nicht einfach: Darüber sollten wir mal reden. flüstern. sie sind folglich zweite Wahl: vorliegen. gluckern. sirren. die Tuwörter. Auch ist Bewegung allein kein Gütesiegel: Schwerfüßige Verben gibt es wie durchführen und bewerkstelligen. rieseln. surren. Muss wetten und wagen. die Frucht muss treiben. wenn das Verbum sich erst in der Katastrophe bewährte. verwirklichen). in unserem schönen Wortvorrat zu baden. Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben. und statt des beliebten Thematisierens könnte man schließlich sagen: zum Thema machen. rascheln. Fenster klirren. Zum Ersten: Lebhaft nutze man die Chancen des Verbums. Mütter irren …« Nun wäre es traurig. wispern. das ihn zum Sieg führte. plätschern. was Verben leisten können.

andere zerrten die Maultiere aus den Ställen. zu welcher Kraft die Sprache sich mit Verben steigern lässt – sogar dann. als könnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen. »hing nieder bis auf den Grund. es wurde gezäumt. sie verjagend. wie Goethe: »Wenn der Äther.« Dies als Extrembeispiel dafür. treppauf. Ich hörte die Vögel schlagen. gerannt und geladen …« Und selbst ein einziges Verb kann uns verblüffen. das Waldhorn klang. Das war ein lustiges Jagen! Und eh’ ich’s gedacht. Mit den klaren Tagen streitet Und ein Ostwind. durch die Gänge huschten die aufgeregten Mägde. gesattelt. Knechte liefen um die Pferde. Und mich schauert im Herzensgrunde. da versuche man sie farbig. …« Oder wie Eichendorff: »Es zog eine Hochzeit den Berg entlang. in den Kellergewölben klapperten die Schlüssel des Lagerverwalters. von den Wettern zerrissen« (noch mal Hölderlin). Blaue Sonnenbahn bereitet. 8–30: fotografiert von Nico Baldauf für DIE ZEIT . Da blitzten viel Reiter.Der dritte Rat: Wo eine Bewegung offenkundig ist.« Oder die Bewegung gar so dramatisch zu beschreiben wie Hölderlin: »Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur. wenn sich nichts bewegt. Das Heidelberger Schloss. erfrischen. Näher an unseren Wünschen und Möglichkeiten ist das fröhliche Getrappel. im Hof leuchteten Fackeln. die gigantische Burg. In der Küche flammten die Feuer auf. freilich der schwierigste Rat: Nach Bewegung fahnden.« Der vierte. Buchstaben-Arrangements S. ja drastisch zu benennen. Georg Büchner ließ seinen Lenz einen »Triumphgesang der Hölle« anstimmen: »Es war ihm. als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien. wenn man es setzt wie Ringelnatz: Ein Leierkasten »wringt sich aus und klingt nach Leben und Sterben«. Die Nacht bedecket die Runde. auch wo scheinbar keine ist. war alles verhallt. treppab eilte der Diener. mit nicht weniger als zwölf dynamischen Verben: »Mitten in der Nacht erwachte das Haus in der Rue Droite zu emsigem Leben. Nur von den Bergen noch rauschet der Wald. Wolken tragend. von dem Patrick Süskind im PARFUM erzählt.

und die kurzen alten Wörter sind die allerbesten«. Wer gelesen werden und wirken will. Weib und Kind. toil. Man brauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge. Wut. Neid. wie Churchill den Engländern 1940 nichts als »blood. 1966 DIE ZEIT 10 Abb. Tränen. woraus wir sind und womit wir leben. Bonn 2012 (S. Tisch und Bett. Gier. 11) . »Die alten Wörter sind die besten. Schweiß – und ihnen damit Kraft gab zum Widerstand. das meiste. »Benutze nie ein langes Wort. Wald und Feld.DIE WÖRTER LEKTION 2 Zählen wir die Silben Kurze Wörter bleiben hängen Ein Wort ist umso verständlicher. wenn ein kurzes es auch tut«. mit Wörtern wie Effizienzsteigerungsprogramm oder Energieverbrauchsflexibilität zu operieren. sagte Winston Churchill. Blut. Was folgt daraus? Wer immer vorhat. Qual. Bonn 2012 (S. Hass. der bedenke: Laien verstehen nichts. schrieb Jean Paul in seiner VORSCHULE DER ÄSTHETIK. Doch die Stilistik hakt nach: und kraftvoller auch! »Je länger aber ein Wort. Leid. sagt die Verständlichkeitsforschung. der halte sich an Schopenhauers Kernsatz: »Man denke wie die wenigsten und rede wie die meisten. desto unanschaulicher«. ist zu einsilbigen Wörtern geronnen – und erst recht sind es fast alle starken Gefühle: Angst. eine zu sein. Pein. Hand und Fuß.) Und muss sich der schlappe Service der Deutschen Post hinter dem Elfsilber Telekommunikationsdienstleistungen verstecken? Bedenken wir: Kopf und Herz.« So.: akg-images/© VG Bild-Kunst. Museumslandschaft Hessen Kassel/bpk/© VG Bild-Kunst. Kehrtwende. Nobelpreisträger für Literatur. Goethes Ballade DER FISCHER besteht zu 76 Prozent aus einsilbigen Wörtern – genau wie die berühmte GETTYSBURG AD DRESS des US-Präsidenten Lincoln (amerikanische Stillehrer haben es bewundernd nachgezählt). heißt es im Stilkodex des Londoner ECONOMIST. Vielleicht ist ja was dran? Vielleicht sollten wir die Thrombozytenaggressionshemmer nur seufzend in Kauf nehmen – den von unseren gehobenen Feuilletons gehätschelten Paradigmenwechsel aber schon mal darauf abklopfen. Robert Indiana: »Love«. wenn sie nicht das Potenzial hätte. tears and sweat« versprach. ob er nicht zur Abwechslung als Umdenken. Mühsal. 10). Das klingt erschreckend simpel. Sprachfreunde stößt er ab – und vielleicht wären sogar Fachleute angenehm berührt. je weniger Silben es hat. Schwenk bezeichnet werden könnte? Was unterscheidet die Witterungsbedingungen vom Wetter und das Gefährdungspotenzial von der Gefahr? (Die doch keine wäre. wenn sie inmitten ihrer Silbengebirge statt gefährlich starker Rauchentwicklung einfach mal »Qualm« lesen könnten.

»umso mehr muss man erst die Sinne zu ihr verführen. das oberste Stilgebot. zwischen 1978 und 1989 Bürgermeister von New York. Konkret schreiben. und die ganze Philosophie müsste zumachen. sagt Nietzsche. das Detail benennen. dass Wolkenbruch besser ist als widrige Witterungsumstände und eine triefende Nase anschaulicher als jeder grippale Infekt. Martin Walser lässt einen Literaturkritiker sagen: »Wenn er ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratur lesen müsse. wurde seinem Ruf. Möbel zum Beispiel.« Sprach Martin Luther. anspruchsvoller. als hätte der Herr mit angemessenen Verwüstungen gedroht. neigen viele dennoch zu abstrakter Ausdrucksweise: Sie tummeln sich zwischen Bereichen. gewiss.« Das hat Kraft – mehr. Farben zum Leuchten bringen: Das ist für alle. wenn sie uns fesseln sollen. und Jesaja 14. Aber etwas zum Weitererzählen. Weidig 1834 in die Welt hinaus – und eben nicht: Verschont die Wohnstätten der Unterprivilegierten. Ich verursache sie. Doch wo es durchaus ginge. die Leser interessieren möchten. Moralische Gebote wie Ehrlichkeit sind konkret gar nicht zu erfassen. »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«. Da mailen uns Freunde von viel Ärger in der Ferienwohnung oder. mit dem Spruch gerecht: »Ich bin nicht der Typ. die man lehren will«. 1987 LEKTION 3 Nennen wir’s beim Namen Konkrete Wörter haften besser »Die Wörter müssen Hände und Füße haben. die Wörter. wenn sie nicht in Abstraktionen schwelgen dürfte. hätten sie geschrieben: »Als Erstes brach ein Wasserrohr« – wir hätten uns sogleich mit ihnen solidarisiert. »Je abstrakter die Wahrheit ist. schrien Georg Büchner und F. mit Sinneseindrücken versehen. von allerlei Misshelligkeiten.« Sympathisch war das nicht. ja manche lieben ebendiese. Nur sollten wir immer parat haben. Damit können wir leben. Belangen und Strukturen. beneide er die Leute von der Müllabfuhr. auch für konkrete Dinge brauchen wir abstrakte Dachbegriffe. L.« Ed Koch.« Bei der Gleichheit. 11 DIE ZEIT . Gewiss. der Magengeschwüre bekommt.DIE WÖRTER Alighiero Boetti: »Untitled«. bei der Gerechtigkeit geht das nicht. grimmig und rabiat zu sein. Eine Vorstellung müssen sie uns vermitteln.23 übersetzte er so: »Und ich will Babel machen zum Erbe für die Igel und zum Wassersumpf und will es mit einem Besen des Verderbens kehren.

im Marketing vom üblichen Versprechen qualitativ hochwertiger Produkte und gezielter Maßnahmen. miesepetrig zu beschreiben. horchend.DIE WÖRTER LEKTION 4 Geizen wir mit Adjektiven Überflüssig sind erstaunlich viele Ja. »wie der Spatz die Krumen in meinem Zimmer aufklaubt: zitternd. dass jedes Wort etwas zu sagen hat – »that every word tell«. die polizia stradale die Straßenpolizei und der lucky star absolut kein glücklicher Stern. er lese ihre Briefe. In Wirtschaft. wichtigen Meilensteinen. es ist schönes altes Deutsch. das betriebliche Ergebnis folgt ihnen auf dem Fuße – und welcher werdende Doktor würde noch von der Lage sprechen. Nur dass Adjektive zugleich die am meisten überschätzte. und wo sie einer dümmlichen Mode dienen: draußen bleiben. alle Federn aufgebauscht«. aus der Schule der schulische Bereich. Franz Kafka schrieb seiner fernen Freundin Milena (in Partizipien. Von erzieherischem Kontrollverlust sprach die FAZ – was eindeutig der erzieherische Verlust einer Kontrolle ist. das Adjektiv sei die überlegene Wortgattung: Aus dem Elternhaus ist das elterliche Haus geworden. doppelt gemoppelt: Da lesen wir von harter Knochenarbeit. Eau potable ist eben nicht das trinkbare. Von der fossilen Energielobby müssen wir lesen – von einer fossilen Lobby also. anschmiegsam! »Unser Hass ist witterungsbeständig«. Überdies beschädigen hohle Adjektive einen Eckpfeiler aller erfolgreichen Kommunikation: dafür zu sorgen. halben Adjektiven also). spähend. Abb. oft lächerlich und manchmal einfach falsch – nicht gerechnet. Vollends lächerlich wird sie. da hilft die Faustregel: Adjektive dienen der Unterscheidung – das gelbe Kleid. einem wesentlichen Eckpfeiler. Wo so viel Fantasie nicht vorhanden ist oder wo sie fehl am Platze wäre. Der kolumbianische Aphoristiker Gómez Dávila sagt es so: »Für jedes überflüssige Wort verliert der Schriftsteller einen Sündennachlass von einem Monat. nachgedacht hat der Schreiber nicht. Wissenschaft und Bürokratie hat sich in den letzten Jahrzehnten die Wahnvorstellung ausgebreitet. sagt Günter Grass in seinem Gedicht EHE. wenn er sich doch mit situativen Gegebenheiten schmücken kann? Wie altmodisch. Und es gibt doch so farbige. einen missmutigen Menschen zur Abwechslung als griesgrämig. kraftvolle Adjektive: tückisch. auch bei koalitionären Rücksichten und kombinativen Möglichkeiten sind die Adjektive nicht die Eigenschaften. sauertöpfisch. dass das Deutsche sie häufig gar nicht vorsieht. mit warmen Würstchenverkäufern und rostfreien Stahlhändlern im Bunde. sollten sie anklopfen. Tautologisch. Flüssige Textverfasser müssen da am Werk gewesen sein. die sich einer nicht näher bezeichneten Energie annimmt. sondern einfach regelwidrig ist eine weitere modische Marotte: Bei biblischen Verfilmungen ist biblisch eben nicht die Eigenschaft der Verfilmung. wo sie den sprachlichen Zusammenhang auf den Kopf stellt.« Leere Adjektive sind indessen nicht die schlimmsten. Wo sie bloß schmücken wollen. am meisten missbrauchte Wortgattung sind: oft tautologisch. S. sondern die Bibel ist ihr Objekt. Solche Doppelungen geben dem aufmerksamen Leser das Signal: Also. dass Mephisto mit Worten stritt – verbal täte er das heute! Nicht nur unschön. mit einem schönen archaischen Imperativ formuliert in der klassischen amerikanischen Stillehre von Strunk und White. 13 (Ausschnitt): Keystone Schweiz (Schiller und Goethe im Garten der Villa Lengefeld in Rudolstadt um 1794) DIE ZEIT 12 . hasenherzig. über die wir leider nichts erfahren. Eine wahre Affenliebe zum Adjektiv hat sich da zulasten der Logik breitgemacht. sondern das Trinkwasser. dem kritischen Hinterfragen. nicht das rote. hartgesotten.. immer häufiger akademisch-bürokratisch gespreizt.

Im Austausch mit Schiller entstand eine Literaturauf fassung. das Klingeln der Saumrosse in der höchsten Öde. Dramen und Balladen. Das ist hier sonst nicht Mode: Der Mörder erreicht eine Kirche.« Schiller erreicht in seinen beiden historischen Werken. Omer. sondern er rebellierte. Universalgelehrter. Dignitäten und Rittergütern zu belohnen. mit Keulen. werfen sich. nicht weil er Rebell war. wie Pfeile schnellen sie von der Sehne: »Eine rasende Rotte von Handwerkern. Über Wallenstein und den deutschen Kaiser aber ist nie hintersinniger geschrieben worden: »Indem Wallenstein von Eger aus die Unterhandlungen mit dem Feinde lebhaft betrieb. Wenn es in WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE heißt: »Er bildete den Wahn des Moments so poetisch als möglich aus« – dann fühlen wir uns um 200 Jahre zurückversetzt. auf dem Rigi: »Die Höhe in Wolken und Nebel.« Das waren die Niederlande. . einige eindrucksvolle. mit öffentlichen Dirnen. sich vor der zuschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten«. Von 1791 an schwächte ihn ein Lungenleiden. . an dessen Folgen er mit nur 45 Jahren in Weimar starb. So fiel Wallenstein. Der Kaiser weihte dem Schicksal Wallensteins eine Träne und ließ für den Ermordeten zu Wien dreitausend Seelenmessen lesen.« Über das letzte Stück Wegs zum Gotthard: »Nackte wie bemooste Felsen mit Schnee bedeckt. oder wenn Philine Wilhelm anherrscht: »Wenn ich dich lieb habe – was geht’s dich an?« Er wiederum »war dem Gelübde treu geblieben.« So allwissend kann eine Theaterfigur nicht reden und so viel Feuer ein Jambus kaum haben. Goethe und er entwickelten eine einander ergänzende freundschaftliche Produktivität. weil er fiel. wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt. wenn Aurelie. Zwanzig Jahre zuvor. durchaus nicht altväterliche Stücke deutscher Prosa hinterlassen haben. hatte Goethe frisch und böse aus der Schweiz geschrieben: »Frei wären die Schweizer? Frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? Frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weismachen kann! Besonders. nicht aber. historische und philosophischästhetische Schriften.« Und überraschend ironisch begegnet uns Goethe in der ITALIENISCHEN REISE: »Der Mörder gab ihm an die zwanzig Stiche. Hämmern.. und da die Wache hinzukam. der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE und der DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES ein Tempo. Leitern und Strängen versehen. die Sterne befragte und frischen Hoffnungen Raum gab. die als Weimarer Klassik in die Epochenbeschreibung Eingang fand 13 DIE ZEIT .. erstach der Bösewicht sich selbst. Bettlern und Raubgesindel untermischt. Minister und Italienreisender. die Schauspielerin. in die Flecken und Dörfer bei St. Äxten.SPRACHMEISTER (I) GOETHE UND SCHILLER G ROS S E P ROSA I S TE N W as soll man über die beiden noch sagen! Außer dass sie.und herbeiführend. von fanatischer Wut begeistert. Herder und Wieland gehörte er zum Viergestirn der Weimarer Klassik Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war Dichter und Dramatiker. Wolken heran. zugleich aber vergaß er nicht. die zu lesen lohnt. Vorreiter des Sturm und Drang. Schiffern und Bauern. er betrieb umfangreiche ästhetische und naturforschende Studien. selbst lange Sätze bremsen es nicht. ihren Zuschauern nachsagt: »Sie meinen es gut und werden mich noch umbringen«. die Mörder mit goldenen Gnadenketten. wurde beinahe unter seinen Augen der Dolch geschliffen. und so ist’s gut. Geräusch der Wasserfälle. Rings die Herrlichkeit der Welt.« Überwältigt jedoch war er von den Bergen. Neben Goethe. stürzen die Altäre. dass ihn dieser Feind überlebte und seine Geschichte schrieb. Ein Unglück für den Lebenden. ruckweiser Sturmwind. dass er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte – ein Unglück für den Toten. zerbrechen die Bilder der Heiligen und treten sie mit Füßen. der seinem Leben ein Ende machte. sprengen die Pforten der Kirchen und der Klöster... abseits ihrer berühmten Dramen und Gedichte. mit 26. Sollte man vielleicht den Prosa-Schiller lesen in der Schule? Friedrich Schiller (1759–1805) schrieb Gedichte. mit dem kein Drama mithalten kann.

Jüngst versah die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen Bericht über den drohenden Wählerschwund der CSU mit der Überschrift: »Der Tunnel am Ende des Lichts«. dass sie im Leser eine Reaktion nahe null auslösen. ehe er allzu bekannte Sprachfiguren wie diese niederschreibt: ins Fettnäpfchen treten. der zerbreche fröhlich die Klischees. dass etliche Redaktionen. die kostbare Verteidigung ein: »Verrückt ist er nicht. oft: verzichten. der einen anderen Menschen zum Gegenteil verführen möchte – zum Gern-Weiterlesen –. aus allen Wolken fallen.« Routine ist gut. Werbeagenturen ebenfalls. aus allen Nähten platzen. der öffentlich verdächtigt worden war. In der FAZ verkündete ein Berufsberater: »Vertrauen ist gut – Kontrolle macht Arbeit. Jeder. verrückt zu sein. dass sie ihrerseits wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schössen. »Das hat wie eine Bombe eingeschlagen«. mit drei Vorzügen: Auch diese Wortfolge brauchen wir uns nicht erst auszudenken. Er suche zuerst ein bisschen nach den Säuen. der sollte zögern. das Handtuch werfen (oder die Flinte ins Korn). Bequemer kann Sprache nicht sein. Was tut unsereiner? Im Alltag: zögern. zum Beispiel – oft ein durchaus treffendes Bild. Schon Karl Kraus schlug im Ersten Weltkrieg vor. es endlich mal den Pilzen gönnen. heute meist verglast. den Gürtel enger schnallen. je mehr Bücher und Zeitungen wir lesen. das Tanzbein schwingen. was gemeint ist. und jeder versteht. Es ist erzvernünftig. Nur ist es genau dieser Umstand. falls wir uns Leser wünschen: Die überlieferten Floskeln sind dermaßen geläufig. Aber die Tassen in seinem Schrank werden weniger. DIE ZEIT 14 . sie passt in viele Lebenslagen. Leser bei der Stange halten ist die Kunst. vor die er seine Perlen werfen kann. man sollte. aus dem Nähkästchen plaudern.DIE WÖRTER Heimo Zobernig: »Ohne Titel (REAL)«. Fantasie ist besser. nachdem so viele Munitionsfabriken wie die Pilze aus dem Boden geschossen seien. müssen wir das Wort Fenster nicht erfinden.« Dem Berliner TAGESSPIEGEL fiel zu einem Politiker. Als Heranwachsenden fällt uns zudem ein Erbe an Redensarten zu – umso mehr davon. von den Ahnen: Für eine Öffnung in der Hauswand. Er versteht sie sofort. der uns misstrauisch stimmen sollte. Aber wer Lust hat und wer’s kann. sich solche Sprachklischees ausdrücklich verboten haben. er stutzt nicht. 1999 LEKTION 5 Seien wir ein bisschen unbequem Redensarten schläfern uns ein Unsern Wortschatz erben wir von den Eltern. unter den Teppich kehren. sie erregen nicht seine Aufmerksamkeit. von SPIEGEL ONLINE bis zur TAZ.

dass Millionen Deutsche nichts mehr verstehen. Aber »nachvollziehbar« müsste er sagen. hat auch keiner von Ihnen erwartet. (S. den Elan. sich klarmachen. aber handlungsstark. das gähnt uns an. billigen – sondern es nachvollziehen? Seit etwa zwanzig Jahren hat sich diese Mode durch den deutschen Sprachraum gefressen. und wie jede Mode war sie eines Tages schrecklich alt. die Mehrzahl treibt also Unfug mit Logik und Grammatik. Viele Modewörter also sind ziemlich albern. 14+15): akg-images/© VG Bild-Kunst. obwohl das Marketing (das Schaffen und Pflegen eines Marktes durch ein Bündel von Aktionen) durch keine Aktivität ge- steigert werden kann. der Strafvollzug sind extrem gefühlsarm.DIE WÖRTER LEKTION 6 Vermeiden wir den Überdruss Modewörter sind meistens albern Wer eigentlich hat entschieden. Wie jede Mode hat sie schöne. das Engagement. die Schaffenslust – allesamt von einem törichten Plural verschlungen. und gemeinsam ist ihnen derselbe Nachteil wie den ausgeleierten Redensarten ¤ Lektion 5: Sie verplempern das Kostbarste. Milch. nachempfinden. Auch hartnäckige Nachvollzieher stutzen. Dynamik. den Schwung. Zweitens ist die Aktivität im engeren Sinne ein Singularetantum. nachfühlen. was da offenbar gesagt werden muss: »Ich kann dieses schreckliche Verbrechen nicht nachvollziehen. Aufmerksamkeit. was ein Schreiber erreichen kann – Zuwendung. die Tatkraft. begreifen. sondern alles mit machen: Der Gerichtsvollzieher. wenn der Bürgermeister am Ort der Untat sagt. Oft wird es an längst komplette Aussagen zwanghaft angekoppelt: Marketingaktivitäten sind Standard. Iwan Puni: »Neue Kunst«. Eine Aktivität kann aus hundert Aktionen bestehen (die ohnehin meistens gemeint sind) oder sie kann die Haltung des Aktivseins benennen. dass nachvollziehen mit fühlen überhaupt nichts zu tun hat. einsehen. kapieren. 1919 Abb. Könnte er das einleuchtend finden? Vielleicht. In der Wirtschaft brüstet man sich unterdessen mit Aktivitäten – einem Modewort mit gleich zwei Nachteilen. Tüchtigkeit.« Das. farbige Wörter im Dutzend niedergewalzt. Glück oder Passivität. Gesiegt hat sie sogar über die Einsicht. manche auch noch widersinnig. also ein Wort. zu dem es einen Plural gar nicht gibt – so wenig wie zu Stolz. erkennen. Bonn 2012 (2) 15 DIE ZEIT . Herr Bürgermeister. Energie. Was wir hundertmal gelesen haben.

« In derselben Novelle zieht in die Natur der Friede ein – aber was für einer: »Dabei stand ein Gewitter. im Hintergrunde . wenn sie zur eisigen Winterzeit das Firmament anbrüllen . reine Pendel. Als Michael Kohlhaas beschlossen hatte. wenn sich die Seele in irgendeinem anderen Punkt befindet als in dem Schwerpunkt der Bewegung. tödlich zu verwunden«. die sich dem Stammeln nähert«.« Hellsichtig und böse schrieb er in seinem LEHRBUCH DER FRANZÖSISCHEN JOURNALISTIK: »Was man dem Volk dreimal sagt... dass sie sich niemals zierte. dass Kleist die gewaltigsten und gewaltsamsten Sätze deutscher Prosa meißelte. oft zu verstörenden Bildern verdichtet wie dem vom Gesang der wahnsinnigen Brüder in der HEILIGEN CÄCILIE: »So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen. sich am Junker von Tronka für dessen Willkür zu rächen. wie er das für seine Penthesilea selbst in Anspruch nahm: »Sie schlägt. Sein Freund Achim von Arnim schrieb das über ihn.. überhastete Sätze. und die Fenster.. Lapidare Sätze wie 1809 in der Ankündigung der GERMANIA (die nie erschien): »Diese Zeitschrift soll der erste Atemzug der deutschen Freiheit sein. die Vertracktheit der deutschen Syntax mutwillig zum Äußersten treibend: Hauptsätze von gerade mal acht oder neun Wörtern. berstend vor Kraft. von ihrer Lunge sichtbarem Atem getroffen. als habe Kleist sich die Sprache »von der Brust heruntergehustet«. eine vortreffliche Eigenschaft. das Kleist nicht zur Verfügung stand. 1810 erschienen in seinen BERLINER ABENDBLÄTTERN: Was sei denn der Vorteil. Bei denen nämlich habe das Bewusstsein »Unordnungen in der natürlichen Grazie« angerichtet. hält das Volk für wahr. drohten klirrend.« Da der Puppenspieler nur diesen Punkt kontrolliere. dunkelschwarz.SPRACHMEISTER (II) HEINRICH VON KLEIST D E R M A S S L O S E E Heinrich von Kleist (1777–1811) quittierte früh den Armeedienst. und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere. Um in den Stand der Unschuld zurückzufallen. bis große dramatische Werke entstanden wie »Amphitryon« und »Penthesilea«. verfasste Gedichte und gab Zeitschriften (»Phöbus«) heraus. die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken. Einen solchen Schrei gibt es keinen zweiten in der deutschen Literatur. Kleists Leidenschaft aber bewährt sich dort. DIE ZEIT 16 Abb. die an Fäden hängt.« Ein Lehrstück graziöser Argumentation finden wir im MARIONETTENTHEATER. missvergnügt murmelnd im Osten herab. da sie ihn in den Staub trat.. Zu Lebzeiten hatte er keinen literarischen Erfolg und wurde kaum aufgeführt. was sie sein sollen: tot. Es geschah vor diesem Hintergrund. zu Dünsten aufgelöst. »müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen«.. er fühlte sich unverstanden und nahm sich am Ufer des Kleinen Wannsees das Leben r war »von einer gewissen Unbestimmtheit der Rede. (Ausschnitt): Fine Art Images . als ob man Hände voll schweren Sandes gegen ihre Fläche würfe. die innerliche Zufriedenheit empor. durch sieben Nebensätze mit 14 Kommas mehrstufig zerrissen und zu einem zerschrundenen Satzgebirge aufgetürmt. Denn Ziererei erscheint. dem lebendigen Tänzer voraushabe? »Zuvörderst ein negativer: nämlich dieser. aber auch historische Dramen wie »Das Käthchen von Heilbronn« und das Lustspiel »Der zerbrochne Krug« sowie die Erzählung »Michael Kohlhaas«. sank es. seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen«. schrieb seine erste Tragödie (»Die Familie Schroffenstein«). Es ist. wurde als Spion verhaftet. Im FINDLING schreit der Priester dem Mörder die Schrecknisse der Hölle »mit der Lunge der letzten Posaune« entgegen. geschleudert hatte. Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust. die man vergebens bei dem größesten Teil unserer Tänzer sucht«. »seines Feindes Ferse in dem Augenblick. die Rüstung ihm vom Leibe reißend. den eine Puppe.« Verknotete. wo der Dom stand. »zuckte mitten durch den Schmerz. und nachdem es noch einige kraftlose Blitze gegen die Richtung.« Kein Stilmittel. zusammenzubrechen. wo er die Gegensätze zum Extremen treiben kann. und er »jauchzte« über seine Macht. »sind alle übrigen Glieder. mit vergoldeten Rändern.

wenn er plötzlich etwas anderes sagt.«. oft unvermeidlich und ziemlich oft ein Ärgernis. Aber viermal ist es falsch. jedoch. Nicht für Wind. Das Vierte. der lexikalischen Varianz zu unterwerfen. Verschickt eine deutsche Bank doch wirklich Briefe.. nur mit »Leiden« hat sie nicht viel zu tun. das alle Hörer. Kindern erst spät begreiflich zu machen.. das Schlimmste aber: Schon die Suche nach einem Tauschbegriff verletzt das Urvertrauen in die Sprache. ebenso für Personen oder Institutionen.«). absolut nicht austauschbar: der Hund nicht gegen den Köter. leidet selten.. der diese Missgeburt über den Sender lassen musste.« Dies ist das vernünftige Passiv – die Verbform für Gebrauchsanweisungen also. Aber was sollte dann aus unseren Talkrunden werden..DIE WÖRTER LEKTION 7 Warum wir am Passiv leiden Es ist die hässlichste Form des Verbs Die sogenannte Leideform des Verbums ist oft vernünftig. dass Deutschlehrer ihre Schüler das Forschen nach Synonymen lehren. auch für Gesetzestexte (»Mit Freiheitsentzug nicht unter fünf Jahren wird bestraft.. drittens. das hält den Text lebendig.. der gleich zwei Rätsel aufgibt: »Das Ethische«. Den Radiosprecher. LEKTION 8 Misstrauen wir den Synonymen Nur Deutschlehrer lieben sie Als eine »schwer griechisch klingende Journalistenkrankheit« verspottete die SÜDDEUTSCHE ZEI TUNG jüngst die »Synonymitis«: die verbreitete Vorstellung nämlich. sprach sie. Oft folgt. denn Sturm ist mehr und Brise weniger. was ist das genau? Und wer eigentlich soll es verdrängt haben? Wer die Verdränger entweder nicht kennt oder sie nicht identifizieren möchte. wer gelobt wird. zum Zweiten. ist aber schon für den Hund vergeben). dagegen zu ersetzen. obwohl es doch dessen entmenschlichte Variante ist: unanschaulich. selbstverständlich auch dasselbe sagt – und dass er. wie Journalisten es lieben. ohne weitere Erklärung – ein Satz. hässlich obendrein: »Seitens des Vorstands wird die Herausforderung darin gesehen . von »Jetzt wird aufgeräumt!« bis »Sie werden hiermit aufgefordert. dass er in der Zeitung als der nadlige Geselle aus den heimischen Wäldern wiederkehrt. nur etwas anderes meinen kann. die mit dem Satz beginnen: »Die Geschäftsbedingungen sind geändert worden« – juristisch die pure Unverschämtheit. der dasselbe meint. sondern müsse den Wechsel im Ausdruck pflegen. und schon gar nicht. Das ist auch zweimal richtig. allerdings. Viele sinnverwandte Wörter sind. Goethe ist Goethe – und weder der Dichterfürst noch der Wirkliche Geheime Rat. in der Lyrik so gut wie unbekannt. Und es dient sogar der Einschüchterung.. Es ist richtig. Das unvermeidliche Passiv ist Alltag im Polizeibericht: Ein Mensch ist überfallen worden. Zweites Ärgernis: Viele Berufsschreiber betrachten das Passiv ohne Not als gleichberechtigte Form des Verbums. das Gesicht nicht gegen Fratze. Fresse und Visage. Und richtig bleibt es. ekelhaft. aber von wem. die tragenden Begriffe eines Textes. aus der Bundesbank die Währungshüter. und kein Weihnachtsbaum hat je darauf gewartet. der könnte ja schweigen. Erstes Ärgernis: Es dient dem Befehl. wer im Kochbuch liest: »Der Teig wird so lange gerührt. Nicht für Tisch zum Beispiel (Vierbeiner wäre zwar korrekt.« Für das dritte Ärgernis lieferte die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein Beispiel in der Talksendung von Günther Jauch: »Das Ethische ist in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt worden«. dass man statt widerlich auch mal abstoßend. aus der Synonymitis eine vorhersehbare Zwangshandlung: Aus der Polizei werden die Ordnungshüter. Erstens: Für die meisten konkreten Dinge sind Synonyme einfach nicht vorhanden. die uns nicht zu interessieren brauchen (»Das Museum wird um 10 Uhr geöffnet«). alle Leser selbstverständlich haben: dass einer. Das ärgerliche Passiv ist von dreierlei Art. weiß noch keiner. wer . . Wer geliebt wird. aus der Wahl wird der Urnengang. albern gleich aus vier Gründen. man dürfe in einem Text nicht mehrfach dasselbe Wort verwenden. stört es zu Hause am Wahlabend nicht im Geringsten. um sie in die Fülle unseres Wortschatzes einzuführen – ihnen beispielsweise nahebringen. in zwei Sätzen nicht zweimal aber zu schreiben. das Wort Wahl hundertmal zu hören und zu sagen. sondern es durch doch. bis . 17 DIE ZEIT . da der Kunde nur um seine Zustimmung zu einer Änderung gebeten werden kann. Verwirrend aber ist es. abscheulich sagen kann.. auch die Substantive.

wie Johann Gottfried Herder 1785 schrieb. war – denkt man an Beschimpfung. das überwältigend Neue lasse sich nicht einfach sagen. Grandios! Nur sollten wir ihnen kein Wort glauben. wenn sie behaupten. wenn sie sich verständlich machte? Was dachte sich jene Professorin von der Universität Konstanz. Ebenso wenn Linguisten von »Linearisierungsoptionen an der Satzperipherie« sprechen oder Pädagogen von den »Neudiskursivierungen des Raumparadigmas«. ihre Einsichten so zu formulieren. Verfluchung und Befehl – schon damals übertrieben. Vielleicht waren sie ja falsch. was sie nicht verstehen? Oder treibt sie gar die Sorge um. von ihrer Wissenschaft bliebe nicht genügend übrig.und Wissenschaftsjargons ist die Sprache weithin in die Rolle der Spalterin geschlüpft. die Affirmation von Differenz und der dekonstruktivistische Blick. Bonn 2012 László Moholy-Nagy: »The Great Railroad«. ob es nicht besser gelingen könnte. im Zeitalter unseres Technokraten. 1920 (Detail) LEKTION 9 Verachten wir den Wissenschaftsjargon Über Laien schießt er hochnäsig hinweg Dass die Sprache »die große Gesellerin der Menschen« sei. Psychologen überhaupt verstanden werden? Oder vertrauen sie darauf. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. versuchte. das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer. muss deshalb auch nicht richtig sein. Aber was wir gar nicht erst verstehen. Gerade in ihnen aber fehlt er oft. das auch für identitätspolitische Zwecke nutzbar gemacht werden kann. Hat nicht selbst Immanuel Kant sich schlicht und farbig ausgedrückt. Natürlich: Physiker. Informatiker haben es schwer. wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe. Wollen Philosophen. wenn er annahm.« Da sind wir baff. der explizite Traditionen und implizite Selbstverständlichkeiten als von Interessen gesteuert durchleuchtet. enthalten ein sozialrevolutionäres Potenzial. und aus der Pubertät haben sie die »adoleszente Identitätsfindung« gemacht. DIE ZEIT 18 . als sie in einem Vortrag sagte: »Die emphatische Standortbezogenheit. Sigmund Freud zum Beispiel hat ebendies geschafft: umstürzende Einsichten in durchweg elegantem Deutsch. dass interessierte Laien ihnen folgen können. dass viele Leute – und Deutsche mehr als Engländer und Franzosen – gern alles für erhaben halten. Doch ein etwas größeres Bemühen darum dürfen wir uns wünschen. nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte. als er den Umsturz des überlieferten Weltbilds durch Kopernikus darlegte? »Kopernikus. Soziologen. Mathematiker.« Viel bewirken jedoch könnte guter Wille in den Geisteswissenschaften.DIE WÖRTER Abb.

als alleiniges Satzmodell bei Sprichwörtern. Und das wollte ich. sah. als die urtümlichste und bis heute kraftvollste Form. 1825) »Zudem hatte die Hebamme mich schon abgenabelt.« (Georg Büchner. bloß weil er ein Hauptsatz ist. Was sie leisten können. den elastischen und musikalischen ebenso wie den ärgerlichen und deplatzierten. 1778) All dies können Hauptsätze leisten. zu Eckermann. 1961) »I have seen the future. kleidete sich selbst an. 1936) »Wir danken allen.« (Rousseau. 1786) In äußerster Rechthaberei: »In diesem Ton schreckt man auch ab. Natürlich: Nicht jeder Satz ist gut. 1992) Temporeich: »Er stand früh um 4 auf. Dann hast du gewonnen. Dann bekämpfen sie dich. 2009) Ironisch: »Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern.« (Voltaire über Karl XII. um 1835) »Er stand auf. ehe wir uns den Nebensätzen ¤ Lektion 14 widmen.DIE SÄTZE LEKTION 10 König der Sätze Der Hauptsatz ist der älteste – und immer erste Wahl Erst lange nach den Wörtern kamen die Sätze.1) »Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. »Löwe!«. und der alte einäugige Pudel begleitete ihn. 1959) »Bastian galt als von Moskau bezahlt. die vielleicht sogar eine Botschaft haben. Nobelpreisträger für Wirtschaft. von der DDR gelenkt und von allen guten Geistern verlassen. und die Proletarier fallen. ritt dreimal täglich. wie.« (Karl Philipp Moritz in seinem Roman ANDREAS HARTKNOPF. dafür ein paar klassische Beispiele – krass gemischt. es war nichts mehr zu machen. Lapidar: »Der Herr ist mein Hirte. and it won’t work. mir wird nichts mangeln.« (Lessing an Pastor Goeze. Wir vergessen keinen..« »Lobet den Herrn und her mit der Munition!« (Der amerikanische Militärgeistliche Howell Forgy beim japanischen Überfall auf Pearl Harbor. 1731) »Praise the Lord and pass the ammunition.« (Abschiedsgruß der SPD an ihre Ostberliner Genossen nach dem Bau der Mauer.« (Klage des Oskar Matzerath in der BLECHTROMMEL von Günter Grass. DER GESELL SCHAFTSVERTRAG. LENZ. der . etwas zu sagen.« (Psalm 23. Für Schreiber. Hilferufen und Befehlen.« Von den Chancen (und Tücken!) der Nebensätze später ¤ Lektion 14. bis der Nebensatz erfunden war: »Ein Löwe.« (Carl Sandburg. sie denken nicht daran und wissen nicht. von Schweden. sind Hauptsätze folglich immer erste Wahl. exer zierte jeden Tag seine Truppen und kannte nur ein Vergnügen: Europa zittern zu machen. und der Mond schien die ganze Nacht und stand über den Bergen. wird der Wächter vor der Höhle gerufen haben. über seine Studienreise durch China. als beherrschendes in der Lyrik. und alles war ruhig und still und kalt. 1941) In schöner Ruhe: »So lag er nun da allein.« (Der SPIEGEL über den Selbstmord des ehemaligen Bundeswehrgenerals. schlug einen messingnen Kamm in sein Haar.. in der Werbung und in der mündlichen Rede. Auf ein paar hässliche Formen kommt gleich die Sprache ¤ Lektion 12. 1762) »Die Dividenden steigen.« (Goethe über Byron. 1915) »Zuerst ignorieren sie dich. Hier werden die Hauptsätze gewürdigt: als Grundpfeiler aller Kommunikation.« (Paul Krugman. Abschrecken wollte ich. NEW YORK TIMES. saß nur eine Viertelstunde an der Tafel. ob sein Vetter noch schlief – und dann ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu. and nobody will come. knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu.« (Mahatma Gandhi über den passiven Widerstand. Dann lachen sie dich aus. Wir vergessen nichts. trank keinen Wein. 1925) »Sometime they’ll give a war.« (Rosa Luxemburg über die Gewinne der deutschen Rüstungsindustrie. 19 DIE ZEIT . die gelesen werden wollen. Jahrtausende bevor zum ersten Mal ein Satz erklang: »Da schleicht ein Löwe auf uns zu!« Und wiederum Jahrtausende.

Theologen. mit der Deutschland Europa erschüttern werde: »Die alten steinernen Götter erheben sich aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen. und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte. der ihm im Restaurant lästig fiel: »Er sah aus wie ein Affe. Des abends in der Schenke: Das fördert die Verdauungskraft Und würzet die Getränke. böser. das dem Deutschen von Professoren. Sie hatten sich auch an Schiller gemacht. Was ist Mitleid. Als ich. dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können«. bevor der in Weimar zum Geheimrat aufstieg. Leichtfüßig. wie er sie nannte. Alle Ladenschwengel also. sie elastischer. der die Sprache liebt. dann las sich das so: »Er hat den Himmel gestürmt. Jurist und Journalist.SPRACHMEISTER (III) HEINRICH HEINE D E R B R I LL A NTE Z Y N I K E R K arl Kraus mochte ihn nicht. und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm als betrübter Zuschauer. der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute. ging er 1831 als Zeitungskorrespondent nach Paris. Er schrieb Gedichte. Heinrich Heine (1797–1856) war Kaufmann. es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr. hielt er entgegen: »Doch konnt’ ich wissen. in den Spott verliebt. fröhlicher. von glühender Liebe berauscht. Heine. auf nichts festzulegen. aber dieser war ein ehrlicher Mann und wollte nichts von ihnen wissen. Von Herzen. und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. wenn sie scheiden. Von ihm lernen kann jeder. er habe ein Mädchen mit seinen Liebesschwüren genarrt. Ministerialbeamten und vaterländischen Dichtern verpasst worden war – verwandt darin dem jungen Goethe. die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen. Nur hatte Heine damit das Korsett gesprengt. er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen. keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit. Mag sein. gegen den »Packpapierstil« des Immanuel Kant. was Sozialkritik in diesen Versen? »Der Knecht singt gern ein Freiheitslied.« Die Ironie war sein Lebenselixier: Der Herzog von Nemours »ist ein vorzüglicher Jäger und soll jüngst einen Bären in sehr große Gefahr gebracht haben«. Mit den Sternen droben gesprochen?« Wenn er selber liebte und litt.« Man muss ihn nicht mögen. was Zynismus. klang es anders: »Melodisch kann ich wieder klagen Von großem Lieben. wie Goethe sich von den Brüdern Schlegel zum Olympier stilisieren ließ: »Sie bauten ihm einen Altar und räucherten ihm und ließen das Volk vor ihm knien. Mit seinem kritisch-polemischen Stil schuf er eine moderne feuilletonistische Prosa. Balladen und Lieder. die sich schlecht vertragen Und dennoch brechen.« Dann wieder ein fast zärtlicher Zynismus. sagte er. Wenn er selber über den Philosophen (und dessen Diener Lampe) schrieb. leichtsinnig. für alle Höhenflüge gerüstet – so hat Heine die deutsche Sprache bereichert. dass sie gelauscht. Die letzten acht Lebensjahre verbrachte er krank überwiegend im Bett DIE ZEIT 20 Abb. Reisefeuilletons und Satiren. (Ausschnitt): Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung .« Oder über die Art. Als seine Schriften zensiert wurden und ihm die Verhaftung drohte. So in seiner Warnung von 1834 vor einer Revolution. größrem Leiden. Und infam konnte er werden – so über einen Handelsvertreter. mit allen Wassern gewaschen. keine Vatergüte. tänzerisch serviert – dem Vorwurf. weltläufiger gemacht.« Und zum Donnergrollen konnte er die Sprache steigern. der nackten Bosheit fähig.« So zog er gegen die »hofmännisch abgeklärte Kanzleisprache« zu Felde. der eine rote Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. habe »der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert.

Also nicht: Unsere Aufgabe ist die Lösung der anstehenden Probleme... und eine Republik steigt aus Morästen empor« (nun erst das Subjekt). 2012 liest sich das auf Abfallkörben an deutschen Autobahnparkplätzen so: »Nur Reiseabfälle. das Objekt also vorn. ¤ Lektion 14). die Inversion. Doch Behörden und Juristen sind auf den Nominalstil versessen. einem Großmeister auch der Prosa.. selbst wo wir in lauter Hauptsätzen schreiben. erfreulicherweise. dass Leser es verstehen können und es lesen mögen. sondern vermutlich würde sich auch die Zahl der unerwünschten Sondernutzungen deutlich verringern. 21 DIE ZEIT . Zielerreichung und Kenntniserlangung bis ins Vorstandsdeutsch hinein... Zuwiderhandlungen werden als unerlaubte Sondernutzung zur Anzeige gebracht. dieses Satzmuster ist eine deutsche Besonderheit und eine höchst erfreuliche dazu. So viel Beweglichkeit lässt die Grammatik zu – nutzen wir sie! LEKTION 12 Die Krone der Hässlichkeit Bürokraten sind in sie vernarrt Auch in Hauptsätzen lässt sich Unrat produzieren: schwer verständliches. Nicht: »Ich habe deshalb« – sondern: »Deshalb habe ich beschlossen.. der wäre noch besser beraten. den Satzbeginn zu variieren. der über die Leistungserstellung disponieren kann. »Den Anfang machte .«. dass wir mit einer Umstandsangabe oder einem Adverb einsteigen. entwickelte.. der Kunst der Verständlichkeit und der Leserfreundlichkeit des Schreibens widmen möchte. und »angezeigt« wäre sowieso das bessere Deutsch. Und stünde bei den Reiseabfällen einfach »sonst kriegen Sie Ärger!«.« Kurios genug: Eine erlaubte Sondernutzung wäre ja für die Einbringung einer Anzeige keine hinlängliche Begründung. Nichts nämlich langweilt uns beim Lesen schneller als eine Abfolge von Sätzen. eine Abwechslung in die Satzmelodie. Nutzanwendung – mit dem Objekt eröffnen dürfen wir einen Satz nur dann.. die mit Er – Er – Er oder mit Meier tat dies – Müller tat das – Schulze tat jenes beginnen. liest sich das (in der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE so: »Jetzt werden Seehelden aus Korsaren (Zeitangabe mit Inversion). auf erkünstelte. wenn uns eine Deklinationsform zur Verfügung steht (den Letzten). sondern: . verwirklichte.. Es bringt. Dass die Zusammenarbeit eine echte Materialisierung erfuhr (Managerdeutsch). gequälten Substantive.« Ein solcher Auftakt zieht die Vertauschung von Subjekt und Prädikat nach sich. das sagen wir mitunter. Verbieten aber müssen wir uns die Mehrzahl davon: »Die Letzten beißen die Hunde« – das lässt ja die Deutung zu. die mit -ung enden: Inverkehrbringung und Beampelung in der Straßenverkehrsordnung.« Bürokratenjargon nennen wir dergleichen.. »deren mehrmalige Verlesung die Zimmerpflanzen zum Verdorren bringt« (wie es in einem STREIFLICHT der SÜD DEUTSCHEN ZEITUNG hieß). ist. Die einfachste und eine meist unbedenkliche Art. wenn er grübelte. In Berlin bezog sie . überlange Substantive.. Und wer sich. wie man so schreiben kann. Oder mit dem Adjektiv: Schnell bist du nicht gerade gekommen. sondern die Beißenden sind. Kanzleistil. Dann aber kann die Abwandlung des häufigsten Satzbaumodells die reine Wohltat sein.DIE SÄTZE LEKTION 11 Wörter in Bewegung Wie wir den Satzanfang variieren können »Den Letzten beißen die Hunde«. vorzugsweise solche. ließe sich ja so sagen: dass sie sich materialisierte. die anstehenden Probleme zu lösen. so wäre nicht nur das Deutsch drastisch besser. Beamtendeutsch.. zeigte. Ausweg 2: Man verkürze den Hauptsatz und verwandle die hässlichen Nomina dadurch in Verben. die sogleich deutlich macht: Hier wird abgewichen von der üblichen Wortstellung Subjekt – Prädikat – Objekt (Der Hund beißt Max). . »Den Einkünfteerzielungstatbestand« zum Beispiel »erfüllt derjenige. ist es. die Engländern und Franzosen nicht zur Verfügung steht: Erschöpft kam er . aus Raubschiffen zieht sich eine Marine zusammen (Umstandsangabe mit Inversion). dass man einen Nebensatz anhängt (einen von den guten. Bei Schiller. abstoßendes Deutsch – in Formulierungen zumal. »deshalb ich habe« sagen sie zumeist. bringt Leben in den Text. Ausweg 1: Man setze Verben an die Stelle der gespreizten. Noch um Mitternacht wollte er . dass die Letzten nicht die Gebissenen. Deutsch sprechenden Ausländern macht das Mühe. Im Grenzfall – der sogenannten Ausdrucksstellung – dürfen wir einen Satz sogar mit dem Verbum eröffnen: Verloren haben wir wenigstens nicht.

hat also den Empfänger entweder geärgert oder vollkommen an ihm vorbeigeschrieben. bei »Meinung« angekommen. In einer renommierten deutschen Zeitung so: »Die fast ausschließlich ästhetisch argumentierende und ob der Koproduktion von naturgemäß hehrem Kino und selbstredend unfeinem Fernsehen pikiert die Nase rümpfende Kritik . »dass das Licht gut war«. ¤ Lektion 14 LEKTION 14 Die schöne heikle Nebensache Wie wir mit Nebensätzen umgehen sollten Es gibt kraftvolle Nebensätze. angenehm zu lesendes Satzmodell.. Eine Meinung. die sich im Hauptsatz vollzieht: »Sie ging an mir vorbei. in sieben Hauptsätzen vollzogen. Kraftvoll sind die. die die Mittel.« 20 Wörter zur näheren Bestimmungen einer unbekannten Sache. muss fühlen«. meist von feindseligen Gefühlen gegen jemand oder etwas geprägte Meinung«. die die Wirkung der anderen Satzhälfte beschreiben. wie wir fürchten. was die Grammatik uns erlaubt. Klarheit schaffendes Instrument kann er sein.« Doch mit erhabener Gleichgültigkeit gegenüber dem Leser (oder mit perversem Stolz auf die souveräne Beherrschung eines grammatisch abgesegneten Unfugs) zelebrieren viele Berufsschreiber das Unzumutbare.« Sigmund Freud schrieb 1915 in einem Brief an Albert Einstein: Die schmerzliche Enttäuschung »über das unkulturelle Benehmen unserer Weltmitbürger« habe auf einer Illusion beruht: »In Wahrheit sind sie nicht so tief gesunken. oder: »Er schrie so laut. nach Logik und Gewicht aber die andere Hälfte eines Hauptsatzes bilden: »Wer nicht hören will. noch. dass die Nachbarn . wie wir’s von ihnen glaubten. wenn er wirklich interessiert ist.. Der Schreiber nennt erst die Sache oder die Person – und dann ihre Eigenschaften: »Ein Vorurteil ist eine Meinung. Bei Matthias Claudius: »Der Mann ohne die Frau ist ein alter Junggeselle. S. angemessene. erschuf Gott den Nebensatz: Er sah. die Umstände jener Handlung benennen.DIE SÄTZE LEKTION 13 Nur für Gedächtniskünstler Die vermaledeiten vorangestellten Attribute Zum Schlimmsten. sondern eine Pause.« Der typische angemessene Nebensatz ist der achte Satz des ALTEN TESTAMENTS. die in der Grammatik zwar Nebensätze heißen. der Duden selber verwendet sie. aha! Nach nicht weniger als 18 Wörtern zur näheren Bestimmung erfährt der Leser. was er alles über sie gelesen hat? Natürlich nicht. Die letzte Spielart ist die häufigste. Kraftvoll sind auch die sogenannten Modalsätze: Nebensätze. Der Sender. definiert er das Vorurteil? Es ist »eine ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene. Besser: »Eine Kritik. die . als wäre ich Luft. die er hätte haben können. keine Hauptsache. Wie. die .« Was für ein schönes.. Und dies ohne jede Not! Es gibt ein so einfaches.. Liest er also zurück? Ja. weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren. Nach den Schöpfungsakten des ersten Tages. der angehängte Nebensatz! Er ist es nicht immer. willkommene – und ärgerliche auch. dass es eine ist. die dem Leser gleichsam auf dem Gnadenwege doch noch übermittelt wird. Ihre Häufung markiert einen Tiefpunkt der Verständigung und wird doch unter Sprachfreunden selten beklagt – ja. Keine Handlung mehr.« Konsekutivsätze heißen diese Sätze. eine Erläuterung: Das ist die klassische Funktion eines angemessenen Nebensatzes. das dieses Problem auf Anhieb löst.« (Fortsetzung auf Seite 24) DIE ZEIT 22 Foto. 23 (Ausschnitt): Sammlung Rauch/Interfoto .. nicht einmal ein Gedächtniskünstler würde das schaffen. zum Beispiel. wie er in der Linguistik heißt. und dies bis zur Lächerlichkeit.. schlüssiges.. Aber mit ein paar großartigen Exemplaren fangen wir an. sonst vielleicht als einer unter hundert. gehören die vorangestellten Attribute: die Beifügungen aus allen Wortarten. die wir in beliebiger Menge zwischen Artikel und Substantiv schieben dürfen. der am Fenster sitzt und die Kinder winseln hört.. Weiß er.

dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht. Mutter und Schwester pflegten ihn bis zu seinem frühen Tod.SPRACHMEISTER (IV) FRIEDRICH NIETZSCHE D E R V I R T U OS E H at man bemerkt. misshandelte. spöttisch.« Aufregender aber Nietzsches andere Sprache: die mit der Üppigkeit der Farben und der Klänge. Die Luft dünn und rein. dem Feuerwerk der Ideen. »Der Antichrist« und »Ecce homo« 23 DIE ZEIT . »der Virtuose ohnegleichen«. das Leben ist ein Weib!« Alles Glück aber ist ein Risiko: »Einer starken.) Also vielleicht doch ein interessanter Mensch im Himmel? Jedenfalls einer. kühnen. Er lebte von 1869 an in der Schweiz.« Friedrich Nietzsche (1844–1900) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen. verheißend.« Doch er zog die Entzückungen der großen Prosa vor: »Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer. die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit. der Zwischentöne. der Kapriolen. die ihm den Weltruhm eintrug. und Thomas Mann resümierte: »Goethe und Nietzsche führten die deutsche Sprache zur Vollendung. Zu seinen Haupt werken zählen »Also sprach Zarathustra«. warum man mich nicht lese«. dass das alles gerade sein Besitz. notierte er 1887. nicht eine Betrügerei!« Noch aus seinen Briefen vor dem Zusammenbruch im Januar 1889 leuchten Sätze hervor wie der Hymnus »Singe mir ein neues Lied! Die Welt ist verklärt. aufstörte. welche die Wellen des Daseins bisher ans Ufer gespült haben. aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen. ungeduldig selbst zerriss. eine Folterstätte. mit ruhigem Auge und festem Schritt durch das Leben gehen. dass im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?«. sein Zustand wäre! Aber . zog er die Summe seiner Lehre.« Nicht nur in den rauschhaften Eruptionen der Sprache – auch in kargen Sätzen war Nietzsche Meister. mit diesem Glück Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne! Und nur um diesen Preis kauft man die kostbarste Muschel. verführerisch.« Und im letzten Brief. erfahren wir nicht mehr. die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten . annagte. immer zum Äußersten bereit wie zu einem Feste und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren. schamhaft.... nicht ein Verhängnis.. dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund stoßende Tier. und im Jahr danach: »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. der aus sich selbst ein Abenteuer. den er an seinen väterlichen Freund Jacob Burckhardt richtete: »Da ich verurteilt bin.« Leser fand er zu Lebzeiten wenige.. »Noch in meinem 45. für Gottfried Benn »seit Luther das größte deutsche Sprachgenie«. Das war der Stil. wo der große Befreier über mich kam: jener Gedanke. das man ›zähmen‹ will. und im tiefsten Genusse des Augenblicks überwältigt werden von Tränen und von der ganzen purpurnen Schwermut des Glücklichen: Wer möchte nicht. dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangene wurde der Erfinder des ›schlechten Gewissens‹ . Er kritisierte die traditionellen Moralvorstellungen und wurde zum Wortführer des aufkommenden Nihilismus in Europa. widerstrebend. die literarische Form meiner Schriften sei der Grund. dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte. und alle Himmel freuen sich. »Vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: Es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm... »Was wollt ihr eigentlich Neues? – Wir wollen nicht mehr die Ursachen zu Sünden und die Folgen zu Henkern machen«. eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte. wie Walter Jens ihn nannte. 1889 erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und war fortan arbeitsunfähig. mitleidig. »Zur Genealogie der Moral«. begehrenswerter und geheimnisvoller – von jenem Tage an. wie er ihn seinen Zarathustra fordern ließ: »Sprüche sollen Gipfel sein. Menschen und Göttern.« (Was er damit begründen wollte.« Das war er. schrieb er ein Vierteljahr vor dem Ende – »ich sollte es anders machen. später in Italien und Jena. dieser unheimlichsten und interessantesten Pflanze unserer irdischen Vegetation. der sich. dem Burckhardt nachrief: »Nietzsche hat die Freiheit in der Welt vermehrt.« Als der große Psychologe der Moral schrieb er so: »Der Mensch. auf jede heitere Musik hinhorchen . verwegenen Seele genießen. verfolgte. eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr... Ja. Lebensjahr geben mir Gelehrte der Basler Universität in aller Gutmütigkeit zu verstehen.

in den ein Unterunternebensatz von 8 Wörtern eingeschoben ist: »Dass ein Mann. das Verhältnis ist 4 : 9. »eine Phrase in die andere ge- leimt«. 5. Der Nebensatz wird in den Hauptsatz hineingezwängt: Der Schreiber unterbricht den eigenen Textfluss durch die Abfolge A1 – B – A2. und alles Wichtige – nämlich das. durch einen eingeschobenen Unternebensatz von 10 Wörtern verschönert – »dass derselbe Mann Leuten. und schön gesagt ist es sowieso.« damit ist der Hauptsatz beendet. was Meyer betonte – wird in einen Bandwurm von Nebensatz geschoben. dem man einen frühen Tod geweissagt hatte und dem es gelang. welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist« (Joseph Roth) – das geht noch. An den Hauptsatz ist eine Nebensache angekleistert.. anders als im 1. 6 Wörter lang.« 4. mit Büchern wie EINE KURZE GESCHICHTE DER ZEIT zu Hilfe kam. dies mit menschlicher. Sie sind länger als der Hauptsatz. Aber Zeitungen und erst recht Protokolle schmücken sich gern mit der Relation 2 : 50. Simultandolmetscher: Aus dem Deutschen zu übersetzen ist wahrlich eine Katastrophe. Das kann man meistern wie Siegfried Kracauer: »An das Nichtmalenkönnen werden. die keinen Bezug zur Hauptsache hat – ein Klassiker in Geburtstagswürdigungen.« Relation Hauptsatz : Nebensatz – 6 : 53. 3. dass er auf dem Hochseil der Grammatik Pirouetten drehen kann. in den ein Unternebensatz von 11 Wörtern eingeschoben ist.« – nun folgt der Hauptsatz. In freier Rede ist das fast unbekannt. Sie enthalten. Ein spärlicher Hauptsatz wird in einem Sumpf von Nebensätzen ersäuft – ein beliebtes Modell in Wirtschaft. Die ärgerlichen Nebensätze sind von fünferlei Art: 1. BUCH MOSE. immer höhere Anforderungen gestellt. der fließend Chinesisch spricht. (Ausschnitt): akg-images DIE ZEIT 24 . deren Handicap beim Verstehen des Kosmos größer ist als seines. Wissenschaft und Feuilleton. eine Handlung – oder gar die Hauptsache (»Ich entdeckte. technischer Hilfe Lügen zu strafen. »Meyer betonte. 2. Leser: weg. nach Schopenhauer.« Meist sollte man es bleiben lassen. Paul Klee: »Villa R«. die Niederlagenstimmung der Physik überwinden half.«– über so viel Hauptsatz offenbar erschrocken. Beispiel von 2012 aus einer renommierten deutschen Zeitung: Der Satz beginnt mit einem vorangestellten Nebensatz von 9 Wörtern. 1919 (Detail) Abb. »Sie glauben gar nicht. . seit es eine eigene Kunstform geworden ist. im Gewirr der Wörter nicht ganz leicht zu finden – »ist so erfreulich wie die Tatsache. Autor: vermutlich stolz. hängt der Schreiber sogleich einen Nebensatz von 15 Wörtern an. und schriftlich hat man damit. wenn der Autor ein Detail noch unterbringen möchte: »In der Rolle des Hamlet brillierte wie immer Max Meyer.. die heute zerstritten sind« – statt: »und heute sind sie zerstritten«.DIE SÄTZE (Fortsetzung von Seite 22) Willkommen sind Nebensätze. dass das Nachbarhaus in Flammen stand«) – oder eine gleichberechtigte zweite Hauptsache: »Zehn Jahre lang führten die Firma zwei Brüder. wenn sie den Satz von zwei Missbräuchen befreien: den Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den gehäuft vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13.

. der Verständlichkeitsforschung (niemand bestreitet sie. ob er schlank und überschaubar ist. Deshalb bestehe ich auf einem drückenden Himmel. »Freundschaft. ganz richtig ist sie nicht. das ist eine grobe Zahl. auf verschleierter Luft und schwacher Sonne. ihr Mut verzweifelt. ist zum Ersten jeder Instinkt für eine Ausdrucksweise. diese dreie hört’ ich preisen. doch die meisten eben – haben sich vor aller Wissenschaft instinktsicher genau so verhalten. mit welcher Gleichgültigkeit gegen den Leser viele Schreiber zu Werke gehen.. Erstens. nicht Thomas Mann. »der sich vor dem Hintergrund einer . und seitdem hat sich das Textangebot mithilfe des Internets vervielfacht.« Was hier fehlt.... So zum Beispiel: »Mittels modernster InternetTechnologie werden in dem Magazin die Megatrends der Zukunft angesprochen. die für die Forschung ein Gesetz sind. sondern die Frage. ein Vogelzug formiert sich. in beliebigem Abstand nachhinken lassen dürfen.« Das war 1968. ich habe meinem Vater geholfen).DIE SÄTZE LEKTION 15 Wie lang darf ein Satz sein? So lang. die Deutsch lernende Ausländer zur Verzweiflung treibt. vorwärtstreibend. und auch in der Prosa sollten wir uns dem zu nähern versuchen. die unverkrampft und ans Mündliche angelehnt. die Fähigkeit also. wie es die zwei Teile eines Verbums sind – sie endet bei 6 bis 7 Wörtern. 25 DIE ZEIT .. nicht Thomas Bernhard. Kurios nur: Die meisten großen Autoren deutscher Sprache – nicht Kleist. als sie ein verschachteltes Satzgebilde etwa von 40 Wörtern – Alltag im Amtsdeutsch – zuverlässig verhindert. Wir haben also allen Grund. fest ihr Vertrauen auf Entsatz und ihr Hass gegen die katholische Religion aufs Äußerste gestiegen.« Natürlich: 7 Wörter. weil gar nicht die Länge eines Satzes über seine Verstehbarkeit und seine Kraft entscheidet. Stein der Weisen. die erst den Sinn stiftet. das Moor kocht seine blasige Suppe.. dass jeder Hans seine Grete finde. die Bereitschaft zu geruhsamem Lesen aber im Gleichschritt vermindert.« Simpel. also leserfreundlich wäre – und zum Zweiten die Kenntnis der Grundeinsicht einer exakten Wissenschaft.« Wie Siegfried Lenz in der DEUTSCHSTUN DE: »Ich erzähle keine beliebige Geschichte. zwei Wörter als zusammengehörig zu erkennen. ein wachsender Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und die Kohlendioxyd-Problematik angesprochen. wie ihn unser Atem trägt Höchstens 15 oder 20 Wörter! So lautet eine Faustregel. Pervertierung der deutschen Grammatik. zu einem Schlüsselbegriff der Diskussionen um . um 27 Wörter zum Beispiel in einem Geschäftsbericht von 2012: »In dem Magazin werden mittels modernster Internet-Technologie die Megatrends der Zukunft wie beispielsweise eine steigende Anzahl von Herz-Kreislauf-Krankheiten. Sie gilt ebenso für den Abstand zwischen Subjekt und Prädikat.. ja »ein feindseliger Dämon« sei – mit dem Fazit: »Es handelt sich ja bloß darum. die 7 Wörter. ich lasse uns arbeiten unter den Geräuschen einer gemäßigten Brandung.Vernünftig ist sie insofern. Da will uns die BROCKHAUS ENZYKLOPÄ DIE von 2006 die »Erinnerungskultur« definieren. zweitens..« Für unsern Alltag gilt.. Einer der übermütigsten Sätze deutscher Sprache besteht aus sage und schreibe 187 Wörtern und ist von Schopenhauer.. (und nach 63 Wörtern) entwickelt hat«. nicht vollgestopft mit vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. Vorwärtstreibend schrieben sie: Wie Schiller in der GESCHICHTE DES AB FALLS DER NIEDERLANDE: »Die Mannschaft war zahlreich. warum die Liebe eine Verirrung. Liebe. ich möchte . ja die zweite Hälfte des Verbums. die in Redaktionen und Stilfibeln gilt. und auch muttersprachliche Leser scheucht sie häufig aus dem Text: dass wir die Teile eines zweiteiligen Verbums (ich werde . aber die meisten Berufsschreiber. Sie wird vorgestellt als ein Begriff der Kulturwissenschaft. wenigstens als Faustregel in Ehren zu halten. kommen. Sie beherrschen sollte auch heißen: sie zähmen können. beispielsweise . weil auch kurze Sätze hässlich sein können (»Vor dem Verzehr vor dem Essen wird gewarnt«). berechnet für eine diffuse Leserschaft. für die Antwort auf die Frage also: Wer tut was? Und es ist kaum zu fassen. in Anschluss an . verpflichtet zu nichts..und ich pries und suchte sie. aber ach: Ich fand sie nie. machen) nicht beisammen lassen müssen (I have helped my father. denn was beliebig ist.. das Schilf rauscht... auch die Deutschlehrer ignorieren sie): Die Speicherkapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses. Im Deutschen steht dem eine Tücke der Grammatik entgegen. nicht behängt mit den Girlanden eingeschobener Nebensätze ¤ Lektion 14. im Hinblick auf .. temporeich und von Heinrich Heine. In seiner META PHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE häuft er zwischen zwei Punkten 16 Gründe. ebenso wie für die Poesie: Fettfrei sollten die Sätze sein. sowie die Bedeutung von .

mir sein Interesse zu gönnen. zumal der jüngeren Generation. die anderen fünf Satzzeichen am besten überhaupt nicht mehr. ist auch danach. ist entweder schlecht beraten oder an Lesern nicht ernstlich interessiert. auch wenn sie sich nicht in Zwischenüberschriften mitteilt.« Aber das wäre eine Allerweltsbehauptung gewesen. Sogar das Semikolon sei empfohlen: »Ich habe es satt. nicht speziell für diesen Satz) den Nobelpreis bekommen. sich die Mühe des Denkens vor dem Schreiben zu ersparen. Wer fünf davon ignoriert. Der Punkt gibt das gegenteilige Signal: Ein Gedanke ist offenbar abgeschlossen.« Der Strichpunkt gibt das Signal: Hole kurz Atem – aber zu Ende ist mein Gedanke nicht! Elias Canetti hat (zugegeben. dem Sechsfachen unseres Aufnahmevermögens ¤ Lektion 15. dessen Schreiber offensichtlich nachgedacht hat. ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. LEKTION 17 Gliedern kann nicht schaden Erst denken. aber«. Conclusio: Die Forderung nach Soldatinnen überschreite »die schmale Grenze zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei«.« Den Doppelpunkt zu unterschlagen. zur jeweils eigenen Interessendurchsetzung« genannt.. indem er sie auf drei Absätze verteilt – für Briefe. die schwindende Bindekraft der herkömmlichen Parteien und politischen Lager und nicht zuletzt mangelnde politische Steuerung oder die mehr oder weniger bewusste Manipulation von F. der tut gut daran. Kommas nach Gusto. pluralistischen Gesellschaft.. Deutsche Schreiber.DIE SÄTZE LEKTION 16 Mit Satzzeichen Musik machen Es gibt mehr als Punkt und Komma »Irme yo con él más? Mal año!« Ein muchacho ruft das in DON QUIJOTE: »Ich noch mit ihm gehen? O weh!« Mit den doppelt gesetzten Frage. sie erkennbar zu gliedern: zwei zum Beispiel durch ein »zwar . aus einer Fülle von Aspekten einen Brei anzurühren kann bis zur völligen Zerstörung des Kommunikationszwecks führen – wie im BROCKHAUS unter »Fremdenfeindlichkeit«. Contra: Aber für diesen Fall ist sie im Grundgesetz eben nicht vorgesehen. auch schläfrige Leser aufzuwecken! Ja. auch die Satzzeichen. die sich Leser wünschen: Messen Sie an diesem Beispiel. die Textblöcke nachträglich neu zu gruppieren.« Einladung an alle Schreiber. haben sich dem Gegenteil verschrieben: Punkte sonder Zahl. Ist es nicht eine Wohltat. man muss lesen. bevor er ihn in die Schreibmaschine hämmerte? Dass es mit dem Computer dramatisch viel einfacher geworden ist. einen Text zu lesen. »Contra« und »Conclusio« – über die 1984 aktuelle Frage »Soll es Soldatinnen geben?« zum Beispiel so: Pro: Gleichberechtigung. damit der Leser Ihren Punkt nicht als Einladung zum Aufhören benutzt. die Menschen zu durchschauen. Bindekraft und Steuerung und dazu Manipulation: vier Gründe also. jedenfalls das Nichtzuendelesen in der Zeitung.und Ausrufezeichen zeigt uns das Spanische: So wichtig kann man es finden. dem Leser schon am Anfang des Satzes das Signal zu geben: »Hebe die Stimme!« Denn in beiden Fällen tun wir das. schrie sie« – als ob wir nicht ein Schreizeichen hätten. und es führt zu nichts. ersäuft in einem Sumpf von 42 Wörtern. senke die Stimme. ob Sie schon genug gesagt haben. es ist so leicht. DIE ZEIT 26 . auf dem Bildschirm und bei unverlangten Briefen das statistische Normalverhalten ist. Dies zu unterlassen.. nachdem er eine Spannung aufgebaut hatte: ». den die Grammatik eben hier vorsieht. die Gedanken. hole Luft. dann schreiben Wer einem anderen schriftlich mehr als einen Gedanken übermitteln will (zwei oder drei etwa. »So nicht. So viel Überschaubarkeit bleibt vorbildlich. ist grotesk: Nun folgen sie doch. Kommentare. um die Melodie der mündlichen Rede in den geschriebenen Text zu holen. was durchs Internet geistert. auch über diese kleine Zäsur hinweg? Rousseau hätte seinen GESELLSCHAFTS VERTRAG natürlich so eröffnen können: »Der Mensch ist frei geboren. natürlich. Zu deren Erklärung werden »mangelnde politische Bildung in Bezug auf Toleranz und Zusammenleben in einer offenen. die drei Gründe! Jeder Leser würde das im Augenwinkel spüren und so durch den Text gezogen werden.. Zu wenig Bildung. was meinen Leser animieren könnte. Vieles. hat neben seinen Vorzügen einen Nachteil: die Versuchung. sollte jeder Schreiber den Punkt als Problem erkennen: Habe ich schon etwas gesagt. und das ehrt ihn ja). Da das Nichtweiterlesen. Und so setzte er den Punkt erst. ein Beispiel: »Dafür sprechen drei Gründe. nicht nur die Wörter. unwillkürlich auch beim stummen Lesen. drei. Sieben Satzzeichen haben wir. Hätte die Fülle der Gründe nicht nach einem Doppelpunkt gerufen mit vier Sätzen dahinter – oder nach Spiegelstrichen? Einem optischen Zwang zur Gliederung unterwarf sich einst Rudolf Walter Leonhardt in der ZEIT: Seine Kommentare waren gegliedert in »Pro«. geeignet. Bewerbungen sind die ohnehin das ideale Maß.

« Moderner schon in ANNA KARENINA: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich. der er emsig Kinder machte. ¤ Lektion 19 und 20 DIE ZEIT 28 . und etwas Kostbares hat er gewonnen: Aufmerksamkeit! Dafür hat er keinen zweiten Anlauf frei. und würde man ihn ausgerechnet in der FAZ vermuten? Einige Leser wären angewidert. das Weiterlesen zu erlisten. um sich oder sein Anliegen bei ihm interessant zu machen. Angebot.« Oder in den BUDDENBROOKS: »Was ist das? Was – ist – das.« Und einen wirklich hübschen Einfall hatte Johannes Mario Simmel. liebe Kitty. Meist erst nach gehörten 20 Sekunden. Bücherleser sind meist geduldiger und mit einem Satz noch nicht zu verscheuchen – wohl aber kaum animiert. Amerikanische Firmen rüsten sich dafür mit dem Bild vom elevator check: Der kleine Angestellte trifft im Fahrstuhl den großen Chef und hat nun realistisch geschätzte 20 Sekunden Zeit. obwohl sie den Paukenschlag weniger nötig haben. und gedruckte Briefe. Bewerber mindern ihre Chancen. Kruzifixe« – darf ein Zeitungsartikel so beginnen. und ob er verführte oder bezahlte.« Schon ist der Text seriös geworden.« Frech im BUTT von Günter Grass: »Ilsebill salzte nach. das die Praxis erprobt und die Wissenschaft ermittelt hat. später irgendwo mit dem Lesen aufzuhören. Für alle kürzeren Texte gilt: Schreckt der erste Satz wenigstens nicht ab (durch Kopfgeburten der Grammatik. Inhaltslosigkeit oder drei asiatische Eigennamen). Zwei Päpste und eine Kaiserin empfingen ihn. Wie man dem entgegenwirken kann. Mit Friedrich dem Großen schlenderte er durch den Park von Sanssouci. Und wirklich: Mit 350 Zeichen lässt sich viel erzählen. Korruption und massenhaftem Sterben – geschrieben von einem der begabtesten Traumtänzer der Weltgeschichte. Ritter des päpstlichen Ordens vom Goldenen Sporn und Geheimagent der venezianischen Inquisition. und sie stand im selben ersten Satz: »– es gibt nichts. den Düwel ook.« Schön. Genau so.: »Dies ist ein Drama aus Tollkühnheit. schien ihm fast egal. wenn selbst Bücher so beginnen. wenn sie in KRIEG UND FRIEDEN als Erstes lesen müssen: »Eh bien. heißt ein Leitspruch amerikanischer Journalisten. »You never get a second chance to make a first impression«.« Grandios in Kafkas VERWANDLUNG: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte. Falschspieler. müssen wir mit unseren Kunden umgehen: In jedem Brief. mon prince. sonnte sich im Weltruhm als Erbauer des Suezkanals und heiratete mit 65 eine 20-jährige üppige Schönheit aus Martinique. so bleibt dem Schreiber eine Chance. Genua und Lucca sind weiter nichts als Apanagegüter der Familie Bonaparte. gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen. was wir bieten und warum sie weiterlesen sollen. c’est la question. zwölf an der Zahl. können ein Wirtschaftswunder machen. Zeitungsleser hüpfen dann rasch zum nächsten Text. heißt die Nutzanwendung. gelesenen 350 Zeichen fällt die Entscheidung – ein durchschnittliches Leseverhalten. Prospekt müssen sie binnen 350 Zeichen erfahren haben. die meisten aber wären neugierig auf die Fortsetzung. fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Angebote sind schon zum Papierkorb unterwegs.DIE HOHE SCHULE LEKTION 18 Die Kunst des Anfangs Nach 20 Sekunden ist alles vorbei Alle Zuwendung an den Leser lässt sich mit einem einzigen Satz zunichtemachen: dem ersten – wenn er abstoßend oder zum Gähnen ist. Je. Er hieß Ferdinand Vicomte de Lesseps. als er seinen Bestseller von 1960 (ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN) mit dem Satz eröffnete: »Wir Deutschen. neigt freilich immer noch dazu. In zwei Porträts historischer Figuren zum Beispiel so – in der Zeitschrift P.« (351 Zeichen) Oder ein Porträt des Casanova in der WELTWOCHE: »Er war Doktor beider Rechte. Bevor gezeugt wurde. was Brüssel in seiner Kompetenzgier nicht regeln will.« (408 Zeichen) Wer so zunächst gewonnen ist. viele irritiert. die drei Könige gar nicht gerechnet. und sie haben recht. Kondome. Lotterie-Einnehmer. Hochstapler. Prospekte. »Käse. unglücklich ist jede auf ihre eigene Art. aber keinen Salat. Vom Sex war er besessen.M. davon gleich mehr.

Feurigeres kann niemand im Glase haben.. »der man höchstens einmal im Jahr erlauben kann. immer Farbe. in den Werken ebenso. In allen Briefen. Wenn ich hinauskriechen würde. so schwer wie warm.« Milena aber. schrieb er an Max Brod: »Manchmal scheint es mir..« In einem Brief an die Schwester aus dem Sanatorium zog er Bilanz: »Die Anstalt ist für mich wie ein Federbett. sieht sich zuerst nach allen Seiten um. käme ich sofort in die Gefahr. dass Kafka »der heimliche König der deutschen Prosa« wurde (so Hermann Hesse) und dass sein Werk im 20. Bilder. »aber wenn ich es nicht hören sollte. der ihn verachtete. indem ich aufgestanden bin und dem Neuen Jahr die Stehlampe entgegengehalten habe. Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. »habe ich gefeiert. niemals eine akademische Floskel. abgetrotzt. »Silvester«. der Stoff seiner Briefe vor allem das Leiden: an seinem vierschrötigen Vater. das hieße: Er würde nur die Maus sein. Sein Freund. gab posthum die zumeist unvollendeten Romane heraus edes Wort. der Schriftsteller Max Brod. die düster und unheilvoll den gesellschaftlich entwurzelten Menschen beschreibt... Jahrhundert der großartigste Beitrag der deutschen Sprache zur Weltliteratur war. hätte man die Antwort. Man ist eben als biblische Taube ausgeschickt worden.« Und: »Gute Nacht. einen Augenblick lang schien es mir unverständlich. zum Aufnehmen bereit . sein Satzbau unprätentiös. Die Welt ist nicht geheizt. Seine Schreibweise ist von einer Lakonie. Kraft – ob in der Liebe. Kafkas Wortschatz war unauffällig. seinen Freund und späteren Herausgeber – eine klassische Einladung an alle. in dem er aufwuchs. Überraschung. hat das Gehirn gesagt. Er war Jurist und Versicherungsbeamter und litt die letzten sieben Lebensjahre an den Folgen einer Kehlkopftuberkulose.« Das schrieb Franz Kafka an Max Brod. wenn man früh aufwacht. Manchmal. neben – viele sagen: vor – Thomas Mann. dass nur die Dicken vertrauenswürdig sind? Nur in diesen starkwandigen Gefäßen wird alles zu Ende gekocht. dem tschechisch-jüdischen Milieu. schrieb er aus dem Sanatorium an seine Schwester Ottla. nämlich ein Grab mit ein paar welken Blumen.« Bildhaft tastete Kafka sich auch an das Unsagbare heran: »Wenn man schlecht geschlafen hat.. mein liebstes Mädchen. und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt.. in der Verzweiflung oder im Galgenhumor. das Du in Deinem Zimmer hast. dass Du mich liebst«. denn im Norden wärmen sie und im Süden geben sie Schatten. solange es Dir keinen übergroßen Schaden bringt.. Er veröffentlichte nur einige wenige Erzählungen. Ewig wollte man fragen.. dass ich Dir angehöre wie ein beliebiges Ding. glaubt man. niemals ein abstraktes Wort. nur diese Kapitalisten des Luftraums sind . bleibe mir treu.« Überwältigend naiv reduzierte er eine Riesenstadt auf die paar Quadratmeter. die die Sprache lieben. wollte ich sterben. während Du doch nur ein Zimmer brauchst. und wisse. zu helfen. »Ich erschrecke.. an der er mit 40 Jahren starb. in Wien zu besuchen. die dazu beitrug. kranken Leibes. und an der hoffnungslosen Liebe.. fragt man und weiß nicht was. die Verheiratete. schliefe man . die ihn nur deswegen faszinierten. an der ganzen Unheimlichkeit der Welt. die Wahrheit sei knapp neben dem Bett. weil seine Brieffreundin Milena dort wohnte: »Ich sah heute einen Plan von Wien. offen. mich zu verkühlen. ehe es sich von mir niederschreiben lässt. geschützt vor Sorgen und Wahnsinn . und sie allein sind als eigentliche Erdenbürger auf der ganzen Erde verwendbar.« Über seine Magerkeit (an Milena wieder): »Wissen Sie denn nicht. ausgedrückt in einem verblüffenden Bild vor einem Hintergrund von Angst – in jener Mischung also. dass man eine so große Stadt aufgebaut hat. schrieb er an Felice. Nichtschlafen heißt ja fragen.. offen quer über den Teppich zu laufen«. hat nichts Grünes gefunden und schlüpft nun wieder in die dunkle Arche.« Während die Tuberkulose voranschritt. mit der er zweimal verlobt war. am Gefängnis seines mageren. wenn ich höre. ›So geht es nicht weiter‹.SPRACHMEISTER (V) FRANZ KAFKA D E R H E I M LI C H E KÖ N I G J Franz Kafka (1883–1924) wurde in Prag geboren und entstammt einer bürgerlichen jüdischen Familie.« Foto (Ausschnitt): Fototeca/Leemage 29 DIE ZEIT . es beim Schreiben ebenso zu halten.

was unsereiner so schreibt.« Oder einst von dem Wiener Feuilletonisten Anton Kuh. als er kürzlich Anshu Jain porträtierte. mit rötlich wehendem Haar immer kleiner wurde. Nobelpreisträger 2011. eignen sie sich kaum. und nicht jede bildhafte Sprache ist gut. Aber als Leuchtfeuer sollten wir sie benutzen. Herr Fajngold stand mit dünnem rötlich wehendem Haar unter uns auf den Gleisen. bloß weil sie das Simple in ein Gleichnis oder eine Metapher übersetzt. Alle Wärme muss sich im Text finden. die Todesopfer »fordert«. fügte. Eine Journalistenweisheit ist plastisch geblieben: »Ein Dementi ist der Versuch. da ist gegen den stets fluchtbereiten Leser die Angel ausgeworfen.« Ungebremst böse Walter Benjamin: »Echte Polemik nimmt ein Buch sich so vor. dann fünf einsilbige Wörter – das gibt ein Bild: So macht man das. schrieb er. Er ist ja nicht bereit.« In Sprichwörtern sind die Bilder ohnehin zu Hause wie in dem aus Russland: »In des anderen Weib tut der Teufel einen Löffel Honig.« Ähnlich bei der längst überreizten Metapher »Stellenwert«: Die früher genutzten Wörter Rang. und wir fuhren. die Maya haben das angeblich prophezeit in ihrer rätselhaften Schrift. Auf der Welt und bei ihrem Untergang. sagt der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer. Journalisten erfinden in jedem Winter die »Kältewelle«. die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken. Bedeutung wirken inzwischen vergleichsweise frisch. Gott sei Dank. den neuen Chef der Deutschen Bank: »Er beantwortet Mails so schnell. Bilder sind gut und verblüffende Bilder noch besser. der mit dem Unterschied zwischen Mozart und Mozartkugeln zusammenhängt. als er an die Thessalonicher schrieb: »Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Sogar von hässlichen Bildern sind wir umstellt wie in der Redensart »Alles in Butter«: Sie lebt geradezu davon. Wie in dieser klassischen Passage aus der BLECHTROMMEL: »Wir kamen in den viertletzten Wagen. Rolle. »einen eiskalten Leser zu wärmen. »würde ich die Anwesenheit einer Frau störender finden als die Anwesenheit eines Germanisten im Schlafzimmer. Dezember dieses Jahres soll die Welt ja mal wieder untergehen. Denn immer geht es darum. Intendant der New Yorker Metropolitan Opera von 1950 bis 1972 – und eines mit Sicherheit bewirkt: Dergleichen überhört und überliest man nicht. trat.« Die Beispiele haben eine Schwäche: Für das. dass man sich diese Scheußlichkeit nicht ausmalt.« Mit dramatischer Wucht in der Charakteristik Lenins durch Vladimir Nabokov: »Er war eine Milchkanne voll menschlicher Freundlichkeit mit einer toten Ratte am Boden.« Zynisch hat das über sich selbst Rudolf Bing gesagt. es müsse sich dabei um eine gigantische Inszenierung handeln. ruft die Wirklichkeit nicht oft.« Zum Schluss die Frage: Wie könnte man am farbigsten den Weltuntergang beschreiben? Am 21. der auch richtig und ordnungsgemäß. sondern auch die prallere Ausdrucksweise.« nach einem besonders gut versteckten Osterei«.« Intellektuelle lieben sie. Es gibt abgedroschene Vergleiche wie den von der »Spitze des Eisbergs«. reichte Maria drei Päckchen Margarine und zwei Päckchen Kunsthonig. wäre nicht nur die schlichtere. nur noch aus Winken bestand. und tatsächlich: Etliche Menschen rüsten sich dafür. bis es ihn nicht mehr gab. näher heran. Geschrei und Weinen die Abfahrt ankündigten. der einem ungarischen Gentleman das Kurzporträt widmete: »Er sah aus wie eine Kreuzung aus dem Polizeipräsidenten von Budapest mit einem. aus dem Überdruss an ihm ist die spöttische Abwandlung entstanden: »Auch Eisberge kochen nur mit Wasser.« Ein »wie«. Eher aber könnte der Apostel Paulus recht gehabt haben. eine Art Hundert-Milliarden-Dollar-Produktion aus Hollywood. wie es sich bei der Abfahrt von Zügen gehört. ließen den Herrn Fajngold zurück. Neben vielen anderen Irrtümern erliegen sie vermutlich auch diesem: Sie meinen. Nach solchen Bildern. wie eine Kobra zubeißt. wie Karl Kraus: »Nachts am Schreibtisch«. So vom STERN. als die Lokomotive durch einen Stoß ihre Ankunft verriet.« Und nicht aus warmen Worten – aus Bildern steigt die Wärme auf. wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet.« Auch werden neue Bilder gemalt wie im SpontiSpruch über die Zeitmode »Selbstfindung«: Das heiße offenbar »nach sich selber suchen wie DIE ZEIT 30 . Wo die Anschaulichkeit der Wörter (¤ Lektion 3) sich zur Bildhaftigkeit der Aussage steigert. dem Reiseproviant noch ein Paket mit Desinfektionsmitteln hinzu – Lysol ist wichtiger als das Leben –.DIE HOHE SCHULE LEKTION 19 Die Kraft der Bilder Sie schaffen Farbe und Wärme »Hinter dieser kalten Frackbrust schlägt ein Herz aus Stein. den er sucht. Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein antwortete auf die Frage »Was ist eigentlich Kultur?«: »Ich habe einen Verdacht. als polnische Kommandos. dass da Menschen erfroren sind.

Die Floskel »der langen Rede kurzer Sinn« zum Beispiel sollten wir nie niederschreiben. einen kurzen Sinn zuvor zu einer langen Rede ausgewalzt zu haben. einen schwierigen Sachverhalt in einem zweiten Anlauf zu erläutern oder durch ein Beispiel zu beleben. Blogger haben alle Freiheit – und nutzen sie: beliebige Länge. Und wenn alles gesagt ist. die wir uns als Zuhörer oder Leser wünschen. 1947 (Detail) Abb. unkorrigiert. die Würzwörter zu heißen verdienen.« Wunderbar! Da greift Schopenhauers »erste Regel des guten Stils: dass man etwas zu sagen habe. Von den Füllwörtern. denn ich weiß nicht mehr. doch. was ich noch schreiben soll. Wer aber gelesen werden will. Ein Text des Schriftstellers Ingo Schulze. aufzuhören. O. nun. muss das sowieso. sozusagen. das geblähte Nichts: dass einer sich dem hohen Gut der Volksgesundheit voll und ganz verpflichtet fühlt! Auch die Billionen Wörter. denn damit hätten wir uns bezichtigt. Mit Schwätzern und Langweilern haben Leser keine Geduld. 4«. stört viele Blogger offensichtlich nicht. brauchen uns nicht zu interessieren. Dass sie oft schon für ihren zweiten Satz keinen Leser mehr finden werden. ungeplant. sollten wir die Kraft haben. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. Aus den Parlamenten kennen wir die Sprechblasen. irgendwie). »dass sie ihre Existenz weit und breit um sich kundmachen« – Immanuel Kant sagte das 1786 allen »lärmenden Unterhaltungen« nach. Und schon wirkt die Beiläufigkeit des Gebloggten. Bonn 2012 31 DIE ZEIT . Meistens schreiben wir zu viel (vom Reden zu schweigen) – gemessen am Interesse jener Menschen. der sollte die Worte wägen. sollten wir nur die zulassen. der oft schlaffe Wunsch nach Lesern aufs Geschriebene zurück. sollte der Text enden Manchmal schreiben wir zu wenig: wenn wir es nämlich unterlassen. mehr scheint es ihnen darauf anzukommen. zwischen Gesprochenem und Geschriebenem fast keine Grenze mehr. den die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kürzlich publizierte. in der Stilistik Abtönungspartikel genannt: ein »nämlich« oder »eigentlich« zur rechten Zeit. eine Neuigkeit. die auf Erden täglich geplappert werden. von denen die mündliche Rede überquillt (ja. damit kommt man weit!« Stuart Davis: »Pad No. begann mit dem Satz: »Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben.DIE HOHE SCHULE LEKTION 20 Der Wille zum Verzicht Wenn alles gesagt ist. Wer twittert.

so meine er nicht diese nur.. diesem enormen. aber getötet zu haben höchst grässlich ist und dass du nicht töten sollst. Und wenn er sage ›Die Sonate‹. kühner Knecht?« So herrscht Madame Houpflé Felix Krull. Er tötete früh im Auflodern. Gebot und Verbot.« Seine Meisterschaft rang Thomas Mann unerbittlich den Vormittagen ab: Von neun bis zwölf schrieb er eine Seite Prosa. Duze mich derb zu meiner Erniedrigung!« Mehr Satire war nie in der Liebe.. sagte er. den Hotelboy. glatter Knabe... Sein älterer Bruder Heinrich und drei seiner sechs Kinder. Raub. »um große.und Lebens-Denkmal der seltensten Art. mit 77.« Doch den FELIX KRULL schrieb er weiter. boshafter Troll. erlesenen Gemeinde eine Stunde und im Buch sieben Seiten lang erklärte. Klaus und Golo. der aller Welt Hass und Abscheu machte und alle Welt hineinlegte.. notwendige Erdendinge in die Wege zu leiten« – dem er aber zugleich den Abgesang bereitete: »Zuweilen möchte man glauben. Das ist ja das Eindrucksvollste an Thomas Mann: wie er über das Tragische und das Ironische. nicht ohne Zufriedenheit erfährt.« Fünf Jahre später. in die Obhut seiner Mutter zurück: »Meine Überzeugung aber ist. 1933. feilend. das Stück nur zu hören brauchen. sich nie daraus zu lösen. das Unverbrüchliche. als Gattung. amüsant. dies auch auf Reisen: so in Schweden am 3. Der. 32.Oh du Beseliger! . waren ebenfalls Schriftsteller DIE ZEIT 32 Fotos: Bettmann/Corbis (S. als dass er besser getan hätte. umnachtet und gebrochen.« 500 Seiten vorher aber waren wir Zeuge. 33) . wild.SPRACHMEISTER (VI) THOMAS MANN D E R A LLE S KÖ N N E R D u entkleidest mich. sondern er meine die Sonate überhaupt. nicht anders meinend. Vernichteten. ›das arme. Erika. . zu Ende auf Nimmerwiederkehr. um das ich trauern könnte. dann in die USA. er sei ein Kobold gewesen. kehrt. notierte Thomas Mann im Tagebuch: »Das Alter zeigt sich darin. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. als überlieferte Kunstform. ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit. Wollust sich vergeudenden Welt. sich zu Ende geführt habe. dass das Mütterliche solche tragische Heimkehr bei allem Jammer nicht ohne Genugtuung. liebe Kind!‹ nimmt sie. alles verzeihend. als England und Frankreich Hitler den Krieg erklärten (»Ich schrieb meine Seite wie gewohnt«). in ihren Schoß zurück. September 1939. darum wusste er besser als jeder Unerfahrene. um uns die Frage selbst beantworten zu können. grübelnd. ein genialer Komponist. verliebt und verlumpt. dass die Liebe von mir gewichen scheint und ich seit Langem kein Menschenantlitz mehr sah.. zunächst in die Schweiz. Aber was ist sie zugleich? »Die Sympathie mit dem Organischen.« Ebenso die schauerliche Würdigung Friedrichs des Großen. worauf er unter Zurücklassung eines Kinderleibes wieder entschwand.. wie der stotternde Künstler Wendell Kretzschmar einer kleinen. ausgesandt. zerknirscht am Ende und gründlich müde einer in Blut. darum liebte er leidenschaftlich Ordnung. roh. notierte er 1928. dass Töten zwar köstlich. an – kurz bevor sie ihn anschmachtet: »Ah. Einen Sturzbach lässt er auf den Leser niederprasseln in seinem Lobgesang auf Grimmelshausens SIMPLICISSIMUS: »Es ist ein Literatur. den umzubringen hundert Millionen Menschen sich vergebens ermatteten . dass die Sonate im zweiten Satz. den er 1915 zwar zu einem »Beauftragten des Schicksals« ernannte. ein ungeschlechtlicher. die doppelbödige Behäbigkeit und das blanke Feuer gleichermaßen gebietet. mit Tod und Teufel auf du und du. aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden. Ausschnitt). Die Spannweite seiner Sprachkunst demonstrierte Thomas Mann noch einmal im DOKTOR FAUSTUS von 1947. Für seinen ersten Roman »Buddenbrooks« (1901) erhielt er 1929 den Literaturnobelpreis. Ein dritter Satz? Ein neues Anheben – nach diesem Abschied? Ein Wiederkommen – nach dieser Trennung? Unmöglich! Es sei geschehen. Den Gestürzten.. höchstens anderthalb. bunt. ah.. Vormittags.. .« Von ähnlicher Spannung vibrieren seine Porträts – das des Moses am Anfang der Erzählung DAS GESETZ: »Seine Geburt war unordentlich. Du junger Teufel. Nie setzte er dabei auf Inspiration: »Der Einfall als Überfall ist mir unbekannt«. kochend von Leben. Fishman/ullstein (S. Thomas Mann (1875–1955) wurde in Lübeck geboren und emigrierte zur NS-Zeit. in c-moll. das rührend-wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten« (im ZAUBERBERG). warum Beethoven zu seiner Sonate OPUS 111 keinen dritten Satz geschrieben habe: »Wir hätten.

Weiterlesen Wolf Schneider: »Wörter machen Leute – Magie und Macht der Sprache«. Auflage. Schneider leitete die spätere Henri-Nannen-Schule bis 1995. Reinbek 2009 . Stattdessen wurde er Journalist: Nachrichtenchef und Washington-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. die Hamburger Journalistenschule aufzubauen. München 2011 Wolf Schneider: »Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen«. im Juli erscheint das nächste Buch: Die Wahrheit über die Lüge. Mit 14 las Wolf Schneider die Buddenbrooks und träumte davon. 3. Österreich und der Schweiz aus. Schneider ist Autor von 28 Sachbüchern. Seit 2007 ist er Honorarprofessor der Universität Salzburg. ist Sprachlehrer in Wirtschaft. 1994 erhielt er den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. Piper. Geburtstag. impfte er seinen Eleven ein. 1979 bat ihn der Verleger Henri Nannen. Christian Morgenstern oder Heinrich Heine vor – für einen Zehnjährigen kein schlechter Start in die deutsche Sprache. Rowohlt. Reporter bei Geo. »Plagt euch. schönes Deutsch – das ist Wolf Schneiders Lebensthema Der Vater trug beim Sonntagsfrühstück gern Fröhliches und Freches von Wilhelm Busch. schönes Deutsch zu lehren – das wurde sein Lebensthema. München 2011 Wolf Schneider: »Deutsch für Kenner. Piper. Verlagsleiter des sterns. Auflage. 7. Ein klares. Seit dem Abschied von der Henri-Nannen-Schule bildet er weiter Journalisten in Deutschland. Auflage. Die neue Stilkunde«. Medien und Behörden. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 87. Moderator der NDR Talk Show.»P L AG T E UC H !« Ein klares. Chefredakteur der Welt. 16. selbst ein großer Schriftsteller zu werden. sonst müssen sich die Leser plagen«. Und 2011 wurde er für sein publizistisches Lebenswerk mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet.

wie im Fall Hebbel. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch Handwerk darüber geschrieben. was in der Sprache richtig ist. Und zu der Arbeit gehörte ganz wesentlich. so zu fragen. also Schriftsteller. Journalist oder Literaturwissenschaftler werden. Wie Sprache aufgeraut oder geschmeidig gemacht wird. Das Erlernen des Alphabets. Gedrängt steht dem finiten Verb »anfangen« das infinite »sterben« gegenüber. Warum zum Beispiel schreibt sich der Schwan mit einem A und nicht mit zwei. Wieso »anfing zu sterben«? Eine Krankheit? Der Entschluss zur Selbsttötung? Flucht? Dieses »anfing zu sterben« ist sprachlich überraschend. der eine Begabung in sich trägt. verschloss die Tür mit dem einzigen Schlüssel und warf ihn durch die Briefklappe in den Flur. aber darüber hinaus. Ich habe ein altes Handwerk gelernt. So kann denn auch das.« An dem Satz ist alles richtig. Dieses Zusammen. mittels kleiner Buchstabenplättchen gelernt. dass ich immer wieder beim Konstruieren stutzte. Die Frage nach der Begabung lässt sich allein vom literarischen Text beantworten. wird in drei gereihten Hauptsätzen die Abgeschlossenheit einer Existenz beschrieben und zugleich infrage gestellt. das lernt sich nicht von allein. Aber Begabung allein reicht auch nicht. und etwas. des Spiels und die Frage nach existenziellem Sinn. Absatz. Und Nachtmantel erzählt von der Verstörung eines Mannes. wie im Handwerk. spielerisch korrigierte Übung. sich immer wieder infrage stellt. auch im Französischen. ausgelassen. Konstruktives und zugleich Dinghaftes. DIE ZEIT 36 . Das Erlernen des Sprechens geschieht durch die langsame. Satz. Es ist nur selbst wieder in Sprache zu beschreiben. Etwas. die Freiheit der unbegrenzten Variation. es ist gut. wer das Schreiben mühevoll gelernt hat. Döblin gar nicht. Benn auch. was sprachlich gelungen oder nicht gelungen ist. Eine Lakonie für das Unfassliche.ÜBER DAS SCHREIBEN Lob der Werkstatt Sprachliche Potenz ist nicht erlernbar. was. genäht wurden. Falsifikation und Verifikation begreifen das Phänomen der literarischen Wahrheit nicht. um ein guter Schriftsteller zu werden VON U W E T I M M K Denkwerkzeug Der Schreibtisch von Uwe Timm ann man Schreiben lernen? Ja. in die Musik und in die Malerei. wäre die Qualität von Sprache ablesbar an dem Falschen. die von Meistern an Gesellen und Lehrlinge weitergegeben wurden. muss auch literarisch gut sein. das heute fast ausgestorben ist: die Kürschnerei. damit er berichte von dem großen. die mittels eines Griffels oder Bleistifts gleichsam als Verlängerung der Hand gemacht werden. In der kindlichen Wahrnehmung zeigte sich jedoch jener Taumel vor dem Abgrund. wie das Handwerk in die Künste hineinreicht. ist eine besondere. diese Vorstellung vom Dichter. möglicherweise nicht mehr schreiben. Zu jedem Handwerk gehört dieser lange Prozess des Übens. Er ist eine Parodie auf einen Romananfang und eine raffiniert von Camus eingeschleuste Anspielung – denn schon Valéry hatte ähnlich einen Romananfang parodiert. stillen Christoph Meckel: »Als er anfing zu sterben. Wie die Felle sortiert wurden. jedenfalls für mich. wie sie kompliziert zusammengeschnitten. wo er doch zwei Flügel hat. eingeleitet durch den temporalen Nebensatz. Wie ist er gestaltet.« In einer drängenden Knappheit. Alphabetisierung ist Arbeit. und doch alles falsch. Syntax. Das Gedachte und Gefühlte. Warum ist dieser Satz gut? Nach einem naturwissenschaftlichen Wahrheitsmodell kann man seine Qualität nicht beweisen. Er ist vollgestopft mit Klischees. wie schadhafte Stücke ersetzt wurden. durch Anleitung des Lehrers oder des Meisters. aber über den ersten Satz nicht hinauskommt. was einem nicht zufällt. unterbrochen durch eine Apposition über den sozialen Hintergrund des Wohnens. und das unterscheidet sie von der auf bloßen Nutzen und Gebrauch ausgerichteten Arbeit. der Regeln. da er ihn immer wieder um. all das war zu lernen. Ich höre noch Professor Kunisch in der Aula der Universität München unter dem Goldmosaik von Helios rufen: »Der Dichter ist geschlagen. das heilige Feuer muss auf ihn kommen. das nicht Selbstverständliche von Sprache und Schreiben. Und dann: Ist es richtig und gut? Nicht alles. Nicht zufällig wird. Ich habe das Schreiben 1946. wie ist die Sprache organisiert.« Hölderlin war geschlagen. die auch unter widrigsten Umständen. Nicht zu vergleichen mit Schreibübungen. sondern die- se winzige Verschiebung weg vom Erwartbaren. damit gesagt werden kann. eigene Sprache gefunden? Auch die Wahl des Themas – Formalisten wollen das nicht wahrhaben – hat ihre ästhetische Bedeutung. zu seinem Beruf machen. sagen meist Nein. den der Widerstreit zwischen der Sprache und der Dingwelt auslöst. es gab kein Papier und keine Schiefertafeln. Auch Goethe war einmal Lehrling. dritter Hinterhof. Eine Verstörung in der Sprache. das Erlebte und Erinnerte sollen in abstrakte Zeichen überführt werden. durch Übung. Kann man das literarische Schreiben lernen? Literaturkritiker. Von diesem ersten Satz weiß man: Das Buch muss man nicht lesen. Das meint nicht falsche Orthografie. der einen Roman schreiben will. verließ er die Wohnung. Deren Arbeit kennt dann wiederum die Qual der Suche nach dem richtigen Wort. bestimmte Formen waren nicht zu erzwingen. sondern nur durch die Schnitttechnik zu entwickeln. der Grammatik. Brecht weniger. oder aber er wird es. was in der Literatur angemessen ist. Interpunktion. ihren Weg zum Ausdruck findet. Das liegt in einer deutschen romantischen Tradition. es ging um Erfahrungen und Kenntnisse.und umschreibt. für den Tod. die auch Ausnahmen kennen. Auch sie haben ein handwerkliches Fundament. Selbstverständlich ist es töricht.und Wieder-Auseinanderschieben hatte etwas Spielerisches. die man aber auch anhand alter Mäntel und Stolen studieren konnte. Die Zeichen sind arbiträr. ist einfach Teil des Handwerks des Schreibens. in der Normsprache ein Regelverstoß sein. wie zum Trotz. durch ebendiese Distanz. Gemessen daran. zweiter Stock. »An einem schönen Morgen im Mai ritt eine elegante Amazone auf einer herrlichen Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne. Dagegen dieser erste Satz der Erzählung Nachtmantel aus dem Band Einer bleibt übrig. Vielleicht ist diese aus der Not geborene Methode schuld daran. dem Material zu »gehorchen«. sondern. weil unüblich. Camus erzählt in dem Roman Die Pest von einem Mann. zumindest hier in Deutschland.

Die Wiederholung. kann seine Kenntnisse bei Harald Weinrich. lässt sich schnell sagen. das Lächeln hingegen kommt aus dem Vorsprachlichen. Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. Man sehe sich die Umarbeitungen von Anna Karenina an. Jürgen Bauer (S. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Freitisch« (2011) Fotos: Isolde Ohlbaum/laif. Ausschnitt) 37 DIE ZEIT . das wiederum für sich selbst beschrieben werden müsste. Das Schreiben der Sätze ist begleitet von einem: Nein. Erst wenn beides erreicht ist. der Stimmung. Zu der Verbreitung der Literatur beim jungen Publikum hat sicherlich die Popliteratur der neunziger Jahre beigetragen. Wer will. Das ist die lustvolle Überwindung der Stummheit. Auch die Zahl der jährlich erscheinenden Romane und Erzählungen. Diese an Jazz erinnernden syntaktischen Stopps. richtig im Sinne. kann ich sagen. des Gefühlten kann. die auf der Suche nach jungen Talenten die Nachfrage gleichermaßen bedienen und stimulieren. darin eingelagert.« Zwei Sätze. Wie erreichen.und Umschreiben gut klingen. die jemand mitbringen muss. der Taxifunk rauschte. das Motiv des Rauschens. was als Vorstellung vorangeht? Die Beschreibung des Gedachten. die literarische Sprache in ihrer Körperlichkeit leisten. eine halbe. ein Ja. die spricht. der Chauffeur kam nicht zurück. die Zahl der jungen Autorinnen und Autoren ist erstaunlich groß. Es gibt momentan ein reges Interesse an der deutschen Sprache und Literatur. Er zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. etwas. mit Auslassungen und einem gestischen Sprechen. üppiger als in den literarisch so mageren siebziger und achtziger Jahren. Poetry-Slams sind nach wie vor überfüllt. die elliptische Form der gesprochenen Sprache und. damit es in der Sprache auftaucht. das Gestische. sind die Dialoge in der zeitgenössischen deutschen Prosa meist stumpf. die Organisation von Sprache und Text. er steht fest. es ist dieses Warten.« Eigentümlich genug. und höre meine Stimme. Hinzu kommen. Ich schreibe einen Satz. der Chauffeur wollte eine Pause von zehn Minuten – in dem Lokal dort. nein. auch nicht die Radikalität und nicht die Verstörung. das langsam hervorbricht. Privatsache. neue Zeitschriften und Literaturagenturen tragen zur Verbreitung bei. Ein Lob aber der Werkstattarbeit. auch diesen. er ist gut und das heißt auch wahr. mögen sie zuweilen auch vereinfachend sein. viele Stipendien und Preise. der Absatz gut für mich. die Geduld. vor allem die Verlage. den Verbesserungen und Änderungen. Und die Ebene? Das. sagt Nabokov. nein. Um noch ein Beispiel aus der Erzählung Nachtmantel von Christoph Meckel zu nehmen: »Vor einem Gasthof machte das Taxi halt. in der Anmutung noch recht dunkel war. Tolstoi ist. viele Nein. die Verbesserung durch Ändern. Lektoren und Lesern. In George Steiners Gedanken dichten steht der schöne Satz: »Die Stummheit der Tiere hat als Spur in uns überdauert. die Musikalität und diese Klarheit. das Aufschieben. die Tolstoi unter dem Einfluss seiner Frau vorgenommen hat. anders als Philosophie und Soziologie. was in der Vorstellung. und der Taxifunk rauschte. oft geradezu hilflos ausführlich. die ohne die Brechung ins Alltägliche leicht steif und gipsern wirkt. Worüber man lacht. Regen schlug schwer auf das Blech. das heißt. Die gesprochene Sprache ist aber wie ein Humus für die Hochsprache. durch das Um. Jürgen Trabant oder Peter Eisenberg wissenschaftlich vertiefen. dass er wiedergibt. Das Lächeln. Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Kollegen. Millionenauflagen. Der Satz soll nicht nur richtig sein. der staatlich geförderte Literaturfonds. was jetzt alles auf den Markt kommt? Was wird bleiben? Schaun mer mal. zahlreiche literarische Schreibwerkstätten und Studiengänge an den Universitäten. die Anlass für das Schreiben sind. Und dann ist der Satz. 36. bald zurück. Kritikern. Nochmals gefragt: Kann man das literarische Schreiben lernen? Nicht erlernbar ist die sprachliche Potenz. Meckel arbeitet mit Verknappungen. sondern er muss durch Arbeit. bekannte wie neu gegründete. ein Gebirge. Die Mimik des Lesenden verrät es. in denen die Sprache auf sich selbst zu hören scheint. dann ganze Stunde verging ohne Zeit. Bastian Sicks Bücher mit Sprachkommentaren erreichen.Ich sagte.

U L R I C H S TO C K tut es hier mal DIE ZEIT 38 Foto: Vera Tammen für DIE ZEIT .ÜBER DAS SCHREIBEN Wenn das Schreiben nicht wäre Über ihr Eigentliches reden die Zeitungsleute selten.

Und wenn dann Widerspruch kommt. um 21. Blöd. Einen fand man morgens. Der erste Leser bin ich. neben einem halb geleerten Glas. müssen aber nie morgens um acht im Büro sein. den ich seit Wochen schreiben will. wenn nur die Patienten nicht wären. Heute blinkt einen der Cursor auf dem leeren Flachbildschirm an. sonst fließt nichts. oder? Ich habe einmal eine Frau nur deshalb interviewt. Dann. weil. Geht so gar nicht. dann lasen sie ihn. Der kundige Leser kennt alle Klischees. desto weniger wusste ich. wenn sie nicht gerade im Haifischbecken herumschwimmen. schlafend. für das es auch Gründe gäbe. Die besten Autoren tun sich oft am schwersten. Alles toll. Journalisten sind keine Schauspieler. Ja. Schon tausendmal gelesen. Weder auf die Fragen noch auf die Antworten konnte ich mich so recht konzentrieren. krabbelte zurück ins Bett und schrieb von Hand zehn Seiten. Ob ein solches Chaos kreativ macht. auch der Form. der Text passt. Vielleicht deshalb? Das Schreiben als das Eingemachte? Lieber nicht dran rühren? Hier wohnen Eitelkeit und Empfindlichkeit. Diesen Widerspruch muss man aushalten können. oder? Einem Arzt würde man es schon eher glauben: Praxis. und irgendwann nahte der Erscheinungstermin.02 Uhr im Hamburger Pressehaus am Speersort. wie jetzt. geschweige denn zum Lesen. Ja. und dann schüttelten sie den Kopf. als in ein tiefes Grübeln zu verfallen. aber ich hatte Worte für ihn gefunden. und quick zu antworten macht dann einen besseren Eindruck. die ich bewusst nicht ordnen konnte. man muss aber auch loslassen. Langsam und gut. Weil man die Welt verbessern will. was ich über ihn schreiben sollte. Und dann lese ich so einen Text und denke: Versteh ich nicht. sage ich dann immer: »Journalismus wäre ein schöner Beruf. Wer für eine schlecht ausgestattete Onlineredaktion arbeitet. Ja. Konkretion ist oft gut. weil in der Eile irgendetwas schiefgegangen ist. Wer alle Regeln intus hat. sonst kommt nichts. und ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. schöne Sache. vor allem dankbar. Früher sprach man von der Angst vor dem weißen Blatt Papier. das treffende Wort? Schon möglich. Selbstverliebt. Mist. Widersprüchlich. Aber Sie haben schon verstanden: Journalismus wäre ein schöner Beruf. schreibt man gleich die Korrektur und hat den nächsten Artikel. Schnell und schlecht. stand ich auf und machte Frühstück. Und der Tag morgen wird viel schöner. Kleckse. in diesem Moment. Es gibt verschiedene Motive. Zudem hat man als Journalist nette Kollegen. gepaart mit einer gewissen Lässigkeit. mal Bartók. Ihre Qualitäten liegen woanders. Schreiben ist wichtig nur als eines unter vielen. aber nicht kritisch. Ich kritzelte Seite um Seite in mein Notizbuch. Tür auf. ließen ihn zu Boden segeln und spannten einen neuen Bogen ein. Der im Bett begonnene Text stand später genau so in der Zeitung. hat es indes nicht leichter. der hält sich mit solchen Befindlichkeiten nicht auf. Je mehr ich von meinem Helden wusste. Über Tage hinweg versuchte ich etwas und fand es immer nur furchtbar. Das hängt mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik zusammen. Überlegen. in der kaum Zeit zum Schreiben ist. wachte ich morgens auf.« Das löst zuverlässig Heiterkeit aus. Aber es macht gerade solchen Spaß. Hauptsache. Geht nicht. Diese Lust hat sich über die Jahrzehnte in Arbeit verwandelt. Als es vorbei war. mit dem Kopf auf der Tastatur. auch bei der ZEIT. mal Reggae. weil ich sie kennenlernen wollte. er sei der Redakteur. schlechter Schreiber. Wer etwas hinschreibt und es gleich unglaublich toll findet. die Angst ist geblieben. kann sie getrost vergessen. Sie können zu jeder Tages. Nur beliebig sollte es nicht werden. Weil man nicht weiß. Sachlich falsch. der Redakteur. die gar nichts mehr schreiben und es vielleicht auch nie konnten. Gibt ja alles. Nicht einen Blick hatte ich in mein Notizbuch geworfen. Er war verstummt. Mal hört man Hip-Hop. es ist eigentlich Wochenende. sondern ganz viele. man sollte ihm den Widerstand gegen den Text nicht zu leicht machen. Aber das Schreiben. Und zu den Konferenzen gibt es Kaffee und Kekse.und Nachtzeit arbeiten. Man kann ihn auch mögen. das kann man lehren und zum Teil auch lernen. zum Text sortiert. Denn für ihn hat eine durchtriebene Gerechtigkeit den ersten Leser geschaffen. dass dies keine Seltenheit ist. ohne abzusetzen. Gibt auch tolle Journalisten. als habe der Text sich selber geschrieben. was sonst tun. Ich kannte Kollegen. aber oft genug ist die Weisheit so wahr wie ihr Gegenteil. auch von Lesern. nicht einen Satz meines Helden hatte ich zitiert. W as gutes Schreiben ausmacht. Klammern So sieht mancher Schreibtisch aus. und noch im Halbschlaf hatte ich eine Idee für den Anfang des Textes. wenn das Fliegen nicht wäre. In meinem Unterbewusstsein hatten sich die Eindrücke. Sie treffen außergewöhnliche Zeitgenossen. Man konnte Stunden später wiederkommen und fand sie im Halbkreis ihrer herausgerissenen Blätter sitzend. und die letzten Zeilen des unvollendeten Manuskriptes best nden nur no h aus löchrigen Wörte n. die aus Lust am Schreiben schreiben. Noch mal. Ich musste nichts mehr ändern. mal Glenn Miller – Verschiedenheit beugt der Langeweile vor. Ich weiß inzwischen von anderen. Ulrich Stock ist Redakteur der ZEIT und leitet das Ressort Wochenschau 39 DIE ZEIT . Wolf Schneider hört es nicht. Die Entstehung eines Albums begleiten. aber es zählt auch zum Schönsten. beziehungsweise ist ein schöner Beruf. aber sie ist immer noch da. im Blattmachen. Es lebe die Reinheit und Perfektion. Aber jetzt nicht ablenken. das bleibt jedem Kollegen selbst überlassen. In der redaktionellen Organisation. den 13. rissen den Bogen aus der Maschine. an einem Sonntag. Oder sollte der Journalist lieber auf den Jazz hören: Ein bisschen schmutzig. und von früh bis spät jammern da welche. unglaublich eloquent. Ich zähle mich zu denen. Sie können – so es ihre Zeitung ihnen ermöglicht – überall hinfahren und recherchieren. Man muss sich zwingen. Der Fluss gehört zur Kreativität wie die Blockade. Langsam und schlecht. Skandale aufdecken. Tür zu. Und es gibt eben nicht eine Art zu schreiben. Zu billig. super. wenn das andere Berufsgruppen sagten! Pilot. Mir fällt das Schreiben manchmal schwer. denn sobald sie zur Regel würden. Langweilig. die schrieben einen Satz hin. Aber dies kann keine Aufforderung zu Stilbruch und Schlendrian sein. Schönes Thema. »Wir sagen immer«. wackelt und hat Luft – auch so eine alte Redaktionsweisheit ls Redakteur bei einer Wochenzeitung – wie ist das denn so?« Das werde ich gelegentlich gefragt. Der haut das Zeug einfach raus. Am Ende war ich vollkommen verzweifelt. langsamer Schreiber. Nun ist das ein Luxusproblem. Seine Meinung sagen. Der Mann war jung und gut. lasen ihn noch mal. wären sie selber Klischee. und es klingt gleich viel besser? Hauptsache. wenn das jetzt mal raus ist. wenn er nachts um drei beim vierten Bier seinen popkulturellen Ansatz erklärte. Über das Schreiben sprechen die Zeitungsleute kaum. Journalisten dürfen sich für alles interessieren. wenige Tage vor Redaktionsschluss. Wer sich beim Schreiben zu misstrauisch über die Schulter schaut. Ich sah mir beim Schreiben zu. so wortgewaltig. obwohl es eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten ist. Wer hatte da geschrieben? War ich das gewesen? Mir kam es mehr vor. nun endlich Gestalt annimmt. denen es nur halb so schlecht geht wie einem selber. ich habe noch kein Abendbrot gegessen. staunend. wie praktisch. Doch auch die schöne Verallgemeinerung kann Wirkung zeigen. wenn das Schreiben nicht wäre. Kalender. Tippen. am Freitag. April. Schneller Schreiber. wenn. der kriegt keinen Satz mehr hin. Aber die durch Neugierde legitimierte Annäherung ist ein Privileg.A Kaffee. schrieben einen zweiten Satz hin. Manchmal dachte ich. Fantastisch. verkrampft auf ihre Maschine starrend. Gut und schnell. Ich holte Block und Bleistift. Das weiße Papier ist verschwunden. da dieser Text. sondern ungläubig. in der Spürnase. Journalist zu werden. um das andere Branchen uns zu Recht beneiden. vielleicht noch einen dritten. Und alles wird geklickt! Einmal hatte ich über Monate hinweg Mal um Mal einen Musiker getroffen für eine große Reportage. Guter Schreiber.

»freigeschlagen« worden ist. über die Dramaturgie der Geschichte verhandelt? Diese Fragen und Voraussetzungen zu bedenken erleichtert. schlimmer noch. Aufs Textkorrektorat darf sie sich nicht blind verlassen. Kameraleute. Verlassen wir die generelle Ebene und werden konkret. richtig? Stimmt. Dazu gleich ein Beispiel aus der Praxis: Im Nachrichtenraum einer überregionalen Tageszeitung kann es vorkommen. der Cursor flitzt nur so über die Zeilen. Da sitzt sie vor ihrem Schirm. abhängig davon. subengagiert zugeht. Und um den geht es schließlich. es gibt Sprecher. Kommentare und Glossen gedruckt und ausgestrahlt würden und ihre Zielgruppe erreichten. denn was ihm vorgesetzt würde. Bearbeitung und Pflege der Wörter. sämtliche Hörfunk. Wir schauen einer versierten und in Hunderten von Redigaturvorgängen gestählten Kollegin über die Schulter. den lieben langen Tag. das Klara Stil irgendwann einmal von klugen.oder sendefähigen Perfektion. wie es im Marketingdeutsch mittlerweile heißt. was in diesem Fall heißt: Werden wir subjektiv. Jahreszahlen und nicht zuletzt Zitate müssen korrekt wiedergegeben werden. Wir hören an diesem Punkt die ersten Seufzer. Namen. Aus dem Schatzkästlein der vergangenen Monate nehmen wir mal ein paar Beispiele heraus: »Peter Steinbrück«? »Siegfried Gabriel«? »Sofie Rois«? Oder: Josef Stalin. nicht zu vergessen Drucker.und Fernsehnachrichten. Reportagen. wäre – Rohware. Grossisten und Zusteller. im Turbotempo zu überprüfen. des Content. sondern um sein Publikum glücklicher/ klüger/zufriedener zu machen. Dafür werden sie von Autoren oftmals gehasst – und von Lesern nie gelobt VON A N N A VON M Ü NC H H AUSE N Kursivschrift Ein Wort soll schräg gesetzt sein Absatz anhängen Die Linie verbindet Ausgang und Einzug N ehmen wir doch mal etwas Verrücktes an: An einem Tag X rufen alle deutschen Redakteure und Redakteurinnen morgens im Büro an und teilen mit. und das wiederum ist abhängig von den Usancen der jeweiligen Redaktion. Natürlich soll der Beitrag aber noch in der aktuellen Ausgabe untergebracht werden. Kämmen und Aufbrezeln des Textmaterials? Stammt es von einem erfahrenen Autor. gönnt sich Frau Stil einen Kaffee. Orte. wird in den Redaktionen höchst unterschiedlich gehandhabt – und wir verraten kein Geheimnis. kurzum: der Information. so arbeiten zu müssen. nach einem Schema also. nennen wir sie zur Tarnung Klara Stil. der Sätze. der Tonfall der gefragten Textgattung? Nachrichten haben in nüchtern-sachlichem Gestus das Informationsbedürfnis zu bedienen. dass alle Tageszeitungen. verdammt noch mal?« Den leidenschaftlichen unter den Redakteuren tut es körperlich weh. die Zahlenangaben sind jedoch widersprüchlich. und mitunter ist dieser Bericht 50 Zeilen länger als der Platz. Fragt man fünf von ihnen nach ihrer Arbeitsplatzbeschreibung. freie Autoren und Kommentatoren. im Zweifel einmal mehr in den Duden zu schauen. Denn sie verhelfen den Texten von Reportern. Der erste Lesedurchgang dient der oberflächlichen Einordnung und Kontrolle. Nächster Arbeitsschritt: Entspricht die Sprachebene. Wie viel Zeit bleibt für das Putzen. um Grammatik. dass es dabei mal pedantisch.ÜBER DAS SCHREIBEN Was machen die da? Redakteure redigieren. Aber wie funktioniert das? Nur mit System. in der ersten Zeile eines Absatzes Schusterjunge Die erste Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt Hurenkind Die letzte Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt DIE ZEIT 40 . Ein wichtiger Zwischenschritt wäre entfallen. Kollegen oder freien Autoren erst zu ihrer druck. Glossen oder Reportagen genießen stilistische und metaphorische Freiheiten – und sollten diese Freiheiten unbedingt Zwiebelfische Aus anderen Schriften gesetzte Buchstaben Tilgungszeichen Für überflüssige Buchstaben oder Zeichen Umstellungszeichen Kennzeichnet verstellte Wörter Wortzwischenraum Zu weit (links) oder zu eng Absatz Hilft. »Nach zwei bis drei Rechtschreibreformen setzt man sicherheitshalber in dieser Hinsicht bei jüngeren Autoren nicht mehr allzu viel voraus«. oder bliebe es nahezu unbemerkt? Gut möglich. ob »danksagen« jetzt in einem Wort und kleingeschrieben gehört. wenn wir konstatieren. Schließlich gibt es ja noch Reporter. der Aussagen und Argumente. Wie zu redigieren ist. wenn von Medien die Rede ist. dass ein Korrespondentenbericht aus Washington genau zehn Minuten vor Redaktionsschluss im Mail-Eingang des zuständigen Nachrichtenredakteurs landet. sie könnten heute leider nicht zur Arbeit erscheinen – was wäre die Folge? Wäre das der MedienGAU. der im Seitenlayout der Zeitung vorab dafür eingeräumt. nämlich die Prüfung. gestorben 1946? Nein und nochmals nein. kann tückisch sein. Moderatoren und Regisseure. dramaturgischen Saltos – oder. ob die Fakten stimmen und der Inhalt halbwegs luzide formuliert ist. Was also tun eigentlich Redakteure? Es gibt übrigens hierzulande so um die 30 000 davon. mögliche Stolpersteine ausgeräumt. erfahrenen Kollegen gelernt und im Lauf ihrer Berufsjahre verfeinert hat. einen Text zu gliedern Fehlender Einzug Z. Er wird die letzten drei Absätze streichen. Alles vollzieht sich nach bewährtem Muster. ausgelaugten Metaphern. was zuvor miteinander abgesprochen wurde? Folgt der Faktencheck. zur Langweiligkeit? Haben Redakteur und Autor vor Abgabe des Textes miteinander gesprochen. Was simpel klingt. was jetzt zu tun ist. mal hektisch und mal. Hat der Autor das Thema erfasst. erklärt die Redakteurin. liefert der Text. wird man eine ganze Bandbreite von Antworten bekommen. Ist das erledigt.B. Es geht um Orthografie. Rechtschreibfehler korrigieren – und da ruft ihm auch schon der Nachrichtenchef zu: »Warum ist denn der Beitrag aus Washington immer noch nicht im System. Sie selbst ist sich allerdings nicht zu schade. Und dennoch würde dem Publikum an diesem Tag mit Sicherheit Hören und Sehen vergehen. Was bleibt dem Redakteur in diesem Moment übrig? Da wird der Kollege sich darauf beschränken. Interpunktion. Nicht damit der Autor brillieren kann. Der nächste Durchgang klingt nach Routine – und verdient doch volle Aufmerksamkeit. den der Redakteur kennt (mit dessen Schwächen und Stärken)? Neigt der Autor zu Schachtelsätzen. wo sie eingesetzt sind. die üblichen aktuellen Features. sagen wir.

blumig womöglich. Das allerdings sollte die Ausnahme bleiben und führt fast immer zu heftigen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Autoren. was sie Metaphernpotpourri nennt: mehrere widersprüchliche Vergleiche. in die Breite gehen. Ein weites Feld.« Anna von Münchhausen ist Redakteurin der ZEIT und hat als Textchefin vor allem ein Auge für die Aufmachung der Seiten und die Überschriften . bremsen. Mag sein. Schon an diesem Punkt übrigens kommt es häufig zum ersten Krach zwischen Redakteurin und Autor. die wichtigste. während die Freien wiederum den Redakteuren unterstellen.klug nutzen. in einem Satz zusammengepresst. dass der neue Text besser ist als die ursprüngliche Fassung. So etwas auseinanderzunehmen beschert ihr großes Vergnügen. gehetzten. Ein Steckenpferd unserer Kollegin ist übrigens. ist entschlossenes Eingreifen gefragt. tausendfach bewährte Regel: in jedem Absatz den – ungeduldigen. die dem Leser einleuchten? Und fügen sie sich überzeugend in die Dramaturgie des Textes? Fließen soll er. Klemmkonstruktionen klingen hässlich.« Drei Bilder in einem Satz. Nach dem Motto: »Ganz fertig ist man mit dem Redigieren eigentlich nie. Weil das Deutsche so gern Nebensätze in den Hauptsatz einfügt und in den Nebensatz nach Möglichkeit noch eine per Reflexivpronomen angehängte Zusatzinformation drückt. Die nämlich sind selten bereit. dazu später mehr. aber der Fußballtrainer hörte nicht auf. Irgendwann ist es dann nach manchmal stundenlanger Bearbeitung so weit: Klara Stil setzt den letzten Punkt und reicht das Opus weiter – zur Zweitredigatur.. Und. aufzuspüren.. Neulich hat Klara Stil einen Kisch-Preisträger erwischt mit folgendem Satz: »Der Gipfel seiner Anstrengungen stand auf dem Spiel. Wenn es ganz schlimm kommt. abbruchwilligen! – Leser noch einmal neu einzufangen. Absätze umgehoben. sich den Chef des Aufsichtsrats vorzuknöpfen . zuzugeben. ihr Kollege fängt dann noch einmal ganz von vorne an. nimmt sie das Material komplett auseinander und setzt aus den Bruchsteinen einen neuen Text zusammen. An diesem Punkt kennt unsere Kollegin keine Gnade: Da werden Einschübe gestrichen. bloß nicht stocken. Es ist ein altbekannter Zwiespalt: Redakteure beneiden freie Autoren um einen Alltag ohne Chefs und Konferenzen. keinesfalls mit Details überfrachtet sein. Manche Schreiber haben ein verhängnisvolles Händchen dafür. selbst Chefredakteure sollen nicht immun dagegen sein. aneinandergekettete Nebensätze zerschlagen. Besonderes Augenmerk wird als Nächstes den Kernaussagen geschenkt: Sind sie klar erkennbar und mit Argumenten unterfüttert. den Tag ausschließlich mit Zeitungslektüre und Autorenquälerei zu verbringen und dafür am Monatsende mit einem fürstlichen Gehalt belohnt zu werden. ohne überkandidelt zu klingen.

war das Schreiben nicht mehr ohne Tintenkiller möglich. die Bögen von f. Das Schreiben mit der Hand habe ich in der Grundschule gelernt. sondern darum. die von dem aufragenden. und wir haben geschrieben. und das Schreiben mit der Hand wurde im Wesentlichen auf den Akt des »Mitzeichnens« reduziert. Punkt für Punkt: Warum M I R I A M M E C K E L auch im digitalen Zeitalter ihren Füller niemals missen möchte A ls ich neulich im Keller meines Vaters nach etwas suchte. warum ich immer weniger mit der Hand schreibe. der vorsieht. In dem hohen Stahlregal zwischen Konservendosen. den einen Kindern so das Schreiben und den anderen das Lesen zu erleichtern – ein logischer Ansatz. aber er wird die Handschrift als Ausdruck des Einzelnen verändern. wenn sie handschriftliche Notizen von mir kriegen. vergilbten Kartons. Für alles andere war kaum Zeit. Und jeder der 14 Buchstaben erinnert mich an sie. Nur als Alphabeten sind wir in der Lage. in meiner Grundschulzeit habe ich eine ein- zige ungenügende Bewertung bekommen – in Handschrift. Das »Mitzeichnen« hatte sie entzaubert. in der mir das Schreiben ein wenig verleidet wurde. wie man richtig schreibt. symmetrischen V über a. Bogen für Bogen.ÜBER DAS SCHREIBEN Sich die Welt erschreiben Buchstabe für Buchstabe. Damit wurde es leichter. In den Bögen. immer in einer speziellen Farbe (in NRW war das für die Staatssekretäre Grün) und immer in dem Kästchen. es gehe nicht darum. Schreiben und Lesen lernen ist ein lebenswichtiger Prozess. ist aber ein Verwaltungsvorgang. als ob ich an einem besonderen Augenblick teilhaben durfte. Ich habe oft neben meiner Mutter am Tisch gesessen. Ich erinnere mich daran. in denen die Zeilen mit drei Linien geteilt waren. Dieses kleine handschriftliche Klebeetikett ist geblieben. Danach habe ich Jahre gebraucht. die mich berührte. dem fein geführten f und dem r. kamen mir die Tränen. nein. Es könnte etwas bedeuten. das für das jeweilige Ministerium vorgesehen ist. das immer ein wenig nach rechts verrutschte und dabei einen wunderbaren Extrabogen schlug. Nicht um zu lernen. Ich war damals Staatssekretärin in der Düsseldorfer Staatskanzlei. als ich dieses Wort las. erkannte ich ebenso die Schrift meiner Mutter wie in dem klassischen Schreibschrift-k. die Schreibschrift wegzulassen. Der Grundschulverband betont. Das »Mitzeichnen« klingt fast künstlerisch. dass es eine Zeit in meinem Leben gab. machte ich eine Entdeckung. um meine misslungenen Bögen oder Ausreißer beim t und f zu korrigieren. für einen Moment und nur für mich spürbar. mithilfe von Schreibheften. n und i in die beiden geschwungenen ls führen. wie mühsam es anfangs war. Der andere. Es war. Schreiben lernen war für mich ein mühsamer Prozess. Auf ihr klebte ein Etikett. an allem im Leben teilzunehmen. an etwas sehr Privatem. Viele Grundschulen in Deutschland arbeiten inzwischen mit der »Grundschrift«. wichtigere Grund. also schreiben zu müssen. dass wir uns diese Fähigkeit mit unseren Fingern aneignen. Und dass die Spuren dieses mühsamen Sich-in-die-WeltEinschreibens für immer in unserer individuellen Handschrift aufspürbar bleiben. zu dürfen. die sich an Druckbuchstaben anlehnt und den Kindern das Schreibenlernen einfacher machen soll. DIE ZEIT 42 . Die »Mitzeichnung« war für mich gleichbedeutend mit der Bürokratisierung meiner Handschrift. Meine Mutter lebt schon einige Jahre nicht mehr. Ich fühlte mich meiner Mutter sehr nah und verbunden. Auch heute müssen Freunde und Mitarbeiter oft rätseln. Es war ein warmes Gefühl. sie uns Zug um Zug erarbeiten müssen. Hammer und Zange befand sich auch eine Keksdose aus bunt bedrucktem Blech. Das liegt zum einen daran. Aber sie wissen immer. die der Computer inzwischen in meinem Leben einnimmt. Als Kind habe ich meiner Mutter immer gerne beim Schreiben zugeschaut. das meine Mutter einst beschriftet haben muss. Doch müssen wir darüber in Zeiten der Computerschrift streiten? Hat die Handschrift nicht längst ihre Bedeutung weitgehend eingebüßt? Ich gebe freimütig zu: Auch ich schreibe inzwischen weniger und weniger mit der Hand. Als ich meinen ersten Füller bekam. dass man eine Akte in der »Mitzeichnungsleiste« mit seinem Kürzel abzeichnet. das l. von wem die Mitteilung stammt. liegt in der Rolle. g oder h in den richtigen Proportionen auszuführen. als kehrte sich etwas Inneres nach außen. bevor es in den letzten Buchstaben des Wortes übergeht. Manchmal einfach in ein Kreuzworträtsel hinein – zu dem ich als kleines Kind immer »Kreuzverdrehtsel« sagte –. das im Moment des Zuschauens entstand. Es war. um das Wort erneut üben. Mittags kam ich oft mit blau beschmierten Händen und blauen Flecken auf T-Shirt und Hose nach Hause. um sie wiederzuentdecken und neu zu beleben. »Vanillekipferl« steht darauf. den Stift zu führen. geschweige denn Muße. so dahingeworfen und unleserlich ist meine Schrift.

die wiederum dessen Funktionsweise beeinflussen. weil ich neben den im Brief enthaltenen Botschaften eine unausgesprochene übermittle: Du bist mir wichtig. Wir zeichnen sie nach. dass selbst meine krakelige Schrift zu einem Ensemble von Buchstabenbögen wird. Zeilenverlauf. dass alles. das heißt. bis das Papier reißt. Will ich aber jemanden wirklich erreichen. dass jugendliche Powersimser einen messbaren Zuwachs der Hirnareale aufweisen. um einem einzelnen Wort Nachdruck zu verleihen. Computerschrift ist standardisiert. Buchstabe für Buchstabe. Wort für Wort. und in diesem Moment ist der Anfang eines Buchstabens. Wenn wir also handschriftlich schreiben. Wir können unterschiedliche Schrifttypen auswählen und sogar Schreibschrift maschinell imitieren. Rowohlt. Was also macht das Schreiben mit uns? Wenn ich einen Stift zur Hand nehme und zu schreiben beginne. der so wunderbar schwer in der Hand liegt und das Schreiben zu einer körperlichen und sehr sinnlichen Erfahrung macht. Es geht vielmehr um physiologische Vorgänge im Gehirn. Die Futura gehört dem Computer. es zu er-fassen. Der Name sagt es: Dort werden die Notate digital abgelegt und in die »Cloud« entlassen – die ewige Notiz. Times Modern sozusagen im übertragenen Sinne. Nicht nur. um sich aus meiner Welt in die der anderen fortzusetzen. Farbe. und dann schreibe ich es mit der Hand auf. Das verfügt nämlich bis ins hohe Alter über neuronale Plastizität. ob dies nur einen Impact auf die formale Dimension des Schreibens hat. auf dem Laptop. Und der eine so breite Feder hat. die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen«. und ich bin nicht sicher. Vielleicht mit meinem Füller von Montblanc. verfügbar und doch sehr fern. die manche Empfänger als schön empfinden. erfassen wir die Welt zweifach: in ihrer abstrakt-sprachlichen Bedeutung und dadurch. man könne Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen aus seiner Handschrift herauslesen. Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer Kulturtechnik. Dabei bringe ich etwas auf den Punkt – im direkten Sinne des Wortes. Reinbek 2011 43 DIE ZEIT Foto (Ausschnitt): R. Vielleicht lässt sich dieser Zusammenhang des Anfassens als Erfassen mit den für das Schreiben abgewandelten Worten der amerikanischen Leseforscherin Maryanne Wolf erklären: Wir sind nicht nur. die den Daumen steuern. Gallen. Der Stift berührt das Papier. schreibe ich einen Brief – per Hand. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Next. was ich dir sagen möchte. Abstände und andere Formatierungen. die sich im Gedächtnis einlagern kann. übertrage ich später dann mit dem iPhone in Evernote. das an meinem Bett liegt. Oder durchs Schreiben. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat nachgewiesen. eine ungleich intensivere körperliche Spur legt. mit dem iPhone. Durch das Schreiben mit der Hand be-greifen wir die Wirklichkeit. Ich nehme mir die Zeit. die Schrift nach rechts oder links kippen lassen oder auch fest aufdrücken. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sagt. als Wörter und Sätze. eines Wortes. wie wir schreiben. weil er beim Adressaten zwischen Hunderten digitaler Mails und unnützen analogen Postwurfsendungen Aufmerksamkeit erzeugt. Entpersönlicht und für ewig gespeichert. in einer Wolke. mich hinzusetzen und darüber nachzudenken. Bogen für Bogen. auf dem iPad. ist auch in der Lage. sowie Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University. Davon erzählt auch das Wort »begreifen« im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich an-fassen kann.Auch ich schreibe immer mehr mit einer echten oder virtuellen Tastatur. Wir bestimmen Größe. eines Gedankens gesetzt. Aber damit ist die Individualisierung der Schrift auch schon fast erschöpft. Schweiz. »was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird. Wir sind auch. intensiver vernetzen. einzelne Nervenzellen oder ganze Hirnareale können sich immer wieder neu. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns«. wir bezeichnen sie und bilden dabei auch unsere eigene aus. die am frühen Morgen oder späten Abend noch ihren Weg per Bleistift in ein kleines Notizheft finden. Darum nennt sich das Schreiben am Computer – sehr technisch – Textverarbeitung. Das handschriftliche Verfassen eines Texts ist die materielle Erschaffung von Sprache und setzt eine be- Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication und Direktorin am Institut für Medienund Kommunikationsmanagement der Universität St. Selbst kleine Notizen. Palanikumar/13Photo . Sondern auch. anders. Ähnliches geschieht durch Klavierüben. lote ich meine Gedanken förmlich in allen drei Dimensionen des Raumes aus: Ich kann die Buchstaben nach oben oder unten in die Länge ziehen. die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. was wir schreiben. dass wir mit der körperlichen Bewegung Spuren in unserem Gehirn anlegen. Dabei geht es nicht um die irrwitzigen Annahmen der Grafologie.

Aus der Forschung wissen wir. lauthals lachen). muss es aber nicht so sein. den wir lesen. Diejenigen. Der Computer macht es möglich. die Signifikanten. Hingekritzelt Wenn der Füller schwer in der Hand liegt. die Digitalisierung der Sprache gutzuheißen. also googeln können. mit dem wiederum weitere Texte desselben Individuums iduums im Internet gesucht und erkannt werden können. Flusser sah im technischen Bild die Oberfläche. zu spät). sie schrumpft. desto weniger g wird es dem Computer gelingen. nothing there. und das sei ihrer Komplexität eher angemessen. Bestandteile verschiedener Sprachen zu einer neuen Sprache zu verbinden. das Herumschieben von Sätzen. reduzierter. uns als schreibende eibende Individuen auszumachen. das neben den Text und dann vor den Text zu rücken drohte. merken sich mehr! Wenn das auch für Fremdsprachen gilt. Heute können wir mithilfe von Google Translator deutsche Texte in 65 Sprachen übersetzen lassen. Unsere Sprache verpixelt zusehends. So lässt sich mithilfe des Computers der individudividuelle »Schreibabdruck« eines Menschen berechnen. Mehr als 400 Parameter werden dafür für ausgelotet: Syntax und Zeichensetzung. wenn man die Pünktchen vergrößert.stimmte Reihenfolge voraus: erst denken. Copy-and-paste. Also too dark. das der Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser schon 1978 in Die kodifizierte Welt kritisiert hat. es hat sich eingeschrieben. Dann fällt das Lernen leichter.« Das ist nicht unbedingt literarisch. Absätzen oder kompletten Abschnitten. Und wenn selbst die zu viel sind. Im Labor für Künstliche nstliche e Intelligenz an der Universität von Arizona setzen Wissenschaftler inzwischen komplexe Algorithmen ithmen ein. Wortlängen tlängen und Buchstabenhäufigkeit. bringt zum Ausdruck. das in Form von Buchstaben Gelernte bleibt auch besser haften. auf wenige Punkte zusammen. Zwischen HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) und HDF (Halt die Fresse) liegen zwar immer noch Gefühlswelten. Light on. Wir bringen Dinge dann anders auf den Punkt: direkter. die selbst dem Computer das Unterscheiden cheiden unmöglich machen. greifen wir auf die Zeichen erster Ordnung zurück – die Icons. Die Welt besteht und entsteht aus Pixeln. LOL (laughing out loud. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder. Earth not very nice. Bei der Textverarbeitung am Computer kann. Das Schreibenlernen gelingt leichter. bitte Antwort asap (Answer as soon as possible. Eine amerikanische Studie hat aber auch ergeben. dann schreiben. wenn sie wissen. aber auch der Wortschatz. an Bedeutung und lässt sich im Lichte der Digitalisierung wiederum neu deuten. Was ich dann auf der Keksdose eksdose im Keller meines Vaters statt des Aufklebers mit dem m Wort »Vanillekipferl« finden würde? Vielleicht ht eine lange. Die Jungen jedoch verbessern sich wesentlich. dann wird das Schreiben damit für Miriam Meckel zu einem sehr sinnlichen Erlebnis. Unter der Bezeichnung »Globalese« hat sich eine Rudimentärsprache entwickelt. egal. wenn Hand und Hirn im Zusammenspiel ein Bild der Sprache erzeugen. In dieser Entwicklung liegt ein belustigender Widerspruch: Je mehr unser Schreiben sich der digitalen Sprachevolution unterwirft. Das Schreiben mit der Hand erzeugt also mehr als einen Text. Die Sprache des Computers erscheint uns in Pixeln. um die menschliche Computerschriftsprache ache zu sezieren. forstet. Monitoren und Displays gibt. die als Mischung aus englischer Grundsprache mit den einfachen Strukturen chinesischer Grammatik und einigen indischen Spracheinflüssen entstanden ist. die auf einen Blick erfasst wird und die komplexe Informationen synchronisiert. von denen es Millionen auf Bildschirmen. erlaube uns hingegen die diachrone Verarbeitung der Information. wenn der Computer im Spiel ist. en. Antworte so bald wie möglich). werden wir bald alle einsprachig. Diese Kulturkritik Flussers gewann in den neunziger Jahren. mit einem Stift oder einem Füller auf das Papier oder mit Kreide auf die Tafel geschrieben werden. Ein Text. in Bildpunkten. warum das Programm Textverarbeitung heißt. Alles andere steht ja im Netz oder macht der Computer. simpler. zum Beispiel die Verständigung. Dabei entstehen zuweilen lustige Fehler. Das gelingt vermutlich nur so lange. Das Lernen geht nicht nur schneller. aber auch nur zwei Buchstaben. die wissen. doch die spielen längst nicht mehr die Hauptrolle olle bei diesen Analysen. Wir zeigen auf diesen Seiten Ausschnitte aus ihrem Notizbuch 45 DIE ZEIT . Der Anfang des Alten Testaments lautet dann etwa so: »Number one. God say. Sogar die Textinhalte werden durchforstet. aber fast überall verständlich. Tucholsky lässt grüßen: »Ich hatte leider keine Zeit. auf denen die Signifikanten abgedruckt sind. ob sie mit der Hand oder am Computer schreiben. sich Dinge zu merken. Doch Sprachkompetenz erwerben wir so natürlich nicht. Die Qualität des Geschriebenen bleibt bei den Mädchen konstant. en. Zuweilen besteht sie nur noch aus Buchstaben. einzigartige Reihe aus binären Zahlen: 01110110 110110 01100001 01101110 01101001 01101100 01101100 01100101 01101011 01101001 01110000 01100110 01100101 01110010 01101100. wenn die Buchstaben. Irgendwann wird der datenbasierte »Schreibabdruck« bdruck« als individualisierte Repräsentation des Schreibens bens die Handschrift ersetzen. zur Zeit des sogenannten pictorial turn. 2L8 (too late. als wenn man nur die Computertasten drückt. God make heaven and earth. weil sie uns manches im Alltag erleichtert. dass sie im Internet nachschauen. God make avatar go look-see waterfront.« Die Quantität des Geschriebenen wächst also mit dem PC. das sich nach Standards andards richtet. dass Menschen weniger bereit sind. wie wir unsere Schriftsprache noch nicht vollständig in ein banales digitales »Globalese« überführt haben. Mit der wachsenden Digitalisierung unserer Kulturtechniken erleben wir etwas neu. Light on. bei Jungen wie Mädchen. dass Mädchen und Jungen deutlich mehr schreiben. dass sie nicht nachgucken können. Doch bei allen guten Argumenten für das Schreiben mit Hand und Füller gibt es auch Gründe. mich kurz zu fassen. wenn sie tippen. Damals ging es um das Bild.

als es simplen Hauptsätzen gelingen könnte. Ich wurde rot vor Scham. Marion Gräfin Dönhoff † (1909–2002). ich merkte. dass der Text hinund bei nicht wenigen Beispielen einer missglückten ten und vorne hakte. ich versuche. Es soll waren rhythmisiert. Rainer Esser Verlagsleitung: Stefanie Hauer Vertrieb: Jürgen Jacobs Marketing: Nils von der Kall Unternehmenskommunikation und Veranstaltungen: Silvie Rundel Herstellung/ Schlussgrafik: Wolfgang Wagener (verantwortlich) Druck: Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH. 20079 Hamburg Fax: 040/32 80 404 E-Mail: leserbriefe@zeit. weil er sich selber nicht verstanden hat. 4–6.de © Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Geschmeidigkeit beizubringen. BLZ 200 100 20 Leserbriefe: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. später auch gereimt. Die auf das Urteil. weil es Bücher und Computer Literaturressort und das Feuilleton geleitet WENN wir uns vor Augen halten. ich sein Aber die meisten von uns Irdischen heißen nicht Hegel oder Kleist. 20095 Hamburg Telefon: 040/32 80 0 Fax: 040/32 71 11 E-Mail: DieZeit@zeit. In jedem Fall aber sollte der Text elegant und verständlich sein. Mark Spörrle Assistenz: Gabriele Sommer Redaktion: Matthias Naß (verantwortlich). 64546 MörfeldenWalldorf Axel Springer Verlag AG. KG.ÜBER DAS SCHREIBEN VON DE R K R A F T DES MÜ N DLICHE N Warum sich U L R IC H GR E I N E R seine Texte selbst vorliest gibt. dass ihm zu folgen eine Qual ist. Gerade deshalb aber neigen wir dazu. Früher übrigens verstehen wir auch. Wenn Sie Bücher laut lesen (oder anderen vorlesen). verständschlichte Prosa. die Tür hinter Angemessenheit richtet sich natürlich nach dem mir zu schließen und Platz zu nehmen. spottete. Pressehaus. Reich-Ranicki bat mich. damit das Professoren geben. Bernd Ulrich Chef vom Dienst: Iris Mainka (verantwortlich). Hamburg Geschäftsführer: Dr. Nur der wahrhaft Mächtige literarischen Texte einer festgelegten Form folgen. warum wir bestimmte Sätze gar war es üblich. und dieser lichkeit sehr viel älter ist als die Schriftlichkeit. laut zu lesen. Eingang Speersort 1. Er war damals neuer Literaturchef der FAZ. 22926 Ahrensburg Für unverlangt eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. die Ihnen vordem Fernrohr zu suchen«. Josef Joffe Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo Stellvertretende Chefredakteure: Moritz Müller-Wirth. Kurhessenstr. wenn ich ihn selber verstehe. Empfehlungsanzeigen: iq media marketing. Ich hörte das Gestammel und Geholper meiner andere kann er nur sein. eine gewisse verständlich. und der Hörer kann ihm leichter folgen. den vorfand. die Anmut oder gar Schönheit eines sprachlichen Gefüges betrifft. Denn mein Ziel Was aber nun die Eleganz. kann es sich erlauben. und zuweilen eben auch Mängel. Axel Kuhlmann Sonderpreisliste ZEIT-Tabloid 2012 Anzeigenstruktur: Helmut Michaelis Bankverbindungen: Commerzbank Stuttgart. so haben lautet. Das weiß ich aus Alberto nicht verstehen könnten. Anzeigen: DIE ZEIT. den Empfänger unserer Texte zu vergessen.de Artikelabfrage aus dem Archiv: Fax: 040/32 80 404 E-Mail: archiv@zeit. was man junger Redakteur. das Prädikat am Ende des Satzes »mit merken Sie neue und andere Qualitäten. KG. Nur so lässt sich das Wunder erklären. Einen derart melodisch und rhythmisch ge selligen Austausch der Meinungen und Argumente strukturierten Text kann man sich leichter merken als schätzen. den Leser dafür zu gewinnen. dem Lehrer vor seiner Klasse oder dem imaginierten Mündlichkeit zu tun. Buceriusstraße. erlauben. dass die Münd- IMPRESSUM Gründungsverleger 1946–1995: Gerd Bucerius † Herausgeber: Dr. Dass die ältesten Verteidiger vor Gericht. Er schreibt unihnen eine Art Rhythmus. Seitdem lese ich mir (nicht Sprache kann man sehen. BLZ 600 400 71 Postbank Hamburg. der Manguels großartiger Geschichte des Lesens. die sich darin gefallen. Gedächtnis des Erzählers oder Sängers Haltepunkte Wir anderen aber. Nie werde ich vergessen. Konto-Nr.de DIE ZEIT 46 . deren Satzkonstrukgeschriebenem. Hella Kemper Gestaltung: Julika Altmann Bildredaktion: Ellen Dietrich (verantwortlich). und es empfiehlt sich. 525 52 52. eine angemessene Gestalt zu geben. dem. wie Marcel tionen im glücklichen Fall eine höhere Genauigkeit Reich-Ranicki mich einmal in sein Zimmer bat. dann beuns Zeit gibt. Sie reden. Singen allerdings müssen wir sie nicht. Konto-Nr. gründlich genug nachgedacht hat. KG. dass er mir zuhört. Damit will ich nichts gegen die Sprache der Ich empfehle diese Übung vor allem bei SelbstJuristen oder Philosophen sagen. Ich hatte ihm meine erste größere Literaturkritik hineingereicht und war nun gespannt sagen will. Darin gleiche ich dem Pfarrer vor seiner diese höchst erwünschten Eigenschaften viel mit einer Gemeinde. Ulrich Greiner ist Autor der ZEIT und Herausgeber Zwar sind wir heutzutage auf solche Hilfsmittel des Magazins ZEIT LITERATUR. wie Mark Twain einmal her entgangen sind. unbeholfenen Sätze. dann Empfänger ist immer auch ein Hörer. so leise und so kompliziert zu verdankt sich keineswegs einer Mode oder Laune. Zweck. Matthias Weidling. Er hat viele Jahre das nicht mehr angewiesen. würden sie nur gesprochen und hätten wir nicht den gedruckten Text vor uns. Kornkamp 11. Dr. die erst später niedergeschriebenen Texte Homers ihre mündliche Überlieferung so lange überdauert haben. Verständlich für Stentorstimme vor. Helmut Schmidt. 1290 00 207. Der Liebesbrief verlangt eine andere Sprache Er nahm mein Manuskript und las es mir mit als das Bewerbungsschreiben. dass der Verfasser nicht laut. die wir den freien. müssen unsere Rede angenehm. aber innerlich) meine Texte vor. dass etwa lich und auf gewinnende Weise vortragen. Melanie Böge Dokumentation: Mirjam Zimmer (verantwortlich) Korrektorat: Mechthild Warmbier (verantwortlich) Verlag und Redaktion: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co.

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