Wie Sie besser schreiben

Eine Deutsch-Stilkunde in 20 Lektionen
Von Wolf Schneider
Mai 2012

Mit Beiträgen von Uwe Timm, Ulrich Stock, Anna von Münchhausen, Miriam Meckel und Ulrich Greiner

Nr. 20

67. Jahrgang

EDITORIAL

Triffst du nur das Zauberwort
Man kann sprachlos sein vor Glück, sprachlos vor Erstaunen, sprachlos vor Entsetzen. Man sollte möglichst nicht sprachlos sein, weil einem die richtigen Worte nicht zu Gebote stehen; weil man die richtigen Worte nicht zu klaren, verständlichen Sätzen formen kann; oder weil sich die Sätze nicht zu einem liebevollen Brief, einem klugen Aufsatz, einem lebendigen Zeitungsartikel fügen. Gut zu sprechen und zu schreiben ist eine Kunst, die man lernen kann. Man wird es nicht unbedingt zur Meisterschaft eines Heinrich Heine oder Georg Büchner bringen, aber nach Ausdrucksvermögen und eigenem Stil darf man schon streben. Der Aufklärer und Aphoristiker Georg Christoph Lichtenberg sagte es so: »Ich mag immer den Mann lieber, der so schreibt, dass es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist.« Wie aus gutem ein besseres Deutsch werden kann – damit beschäftigt sich diese ZEIT-Beilage. Wolf Schneider, der Autor unserer Stilkunde, ist ein bewährter Sprachlehrer. Generationen von angehenden Journalisten sind durch seine Schule gegangen und haben unter seiner Maxime gestöhnt: »Qualität kommt von Qual!« Für diese Beilage gilt das ausdrücklich nicht. Sie soll Freude machen, dabei auch gern ein wenig Ehrgeiz wecken. Gerade durch die Beispiele der großen Meister, denen wir zwar immer vergeblich nacheifern werden, die uns aber zeigen, welcher Schatz unsere Sprache ist. Wie finden Autoren und Journalisten zum besseren Deutsch und zum guten Stil? Darum geht es im zweiten Teil unserer Beilage. Der Erzähler und Romancier Uwe Timm lobt in seinem Beitrag die Schreibwerkstatt, in der sich Schriftsteller vervollkommnen können. Wie wir Journalisten im Zeitungsalltag nach dem passenden, dem richtigen, dem besten Wort suchen, schildert Ulrich Stock. Anna von Münchhausen singt das Hohelied des guten Redigierens, jenes demutsvollen Feilens am Text, das ihn – wie einen geschliffenen Diamanten – erst zum Leuchten bringt. Ulrich Greiner hat schon von Marcel Reich-Ranicki gelernt, wie hilfreich es sein kann, wenn der Autor sich seinen Text selbst vorliest. Schließlich die Frage, wie sich die deutsche Sprache durch das digitale Schreiben, durch Chat und Tweet, verändern wird. Was passiert, wenn wir nicht mehr mit der Hand schreiben, sondern nur noch auf der Tastatur herumhämmern? Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel gibt, ein wenig melancholisch, Entwarnung: Natürlich wandelt sich unsere Sprache, wenn das Schreiben zur Textverarbeitung wird, aber zugrunde geht sie nicht. Selbst wenn Joseph von Eichendorff eines Tages vergessen sein sollte, werden Menschen noch immer das »Zauberwort« treffen MATTHIAS NASS – »und die Welt hebt an zu singen«.

DIE ZEIT

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D E R I N H A LT

D I E S P R AC H E I ST E I N E WA F F E
Seien wir gut zu ihr – eine Einführung von Wolf Schneider SEITE 4

Titelbild: designed by m-inspira/www.m-inspira.com; Inhalt: Heimo Zobernig, Ohne Titel (REAL)/VG Bild-Kunst, Bonn 2012; Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung; Ohlbaum/laif (v. o.)

E I N E STI L K U N D E
20 Lektionen von Wolf Schneider SEITE 8 bis 31

DI E S P R AC H M E I ST E R
Sieben Virtuosen der deutschen Literatur SEITE 13, 16, 20, 23, 29, 32

ÜBER DAS SCH REI BEN
Ein Lob der Werkstatt SEITE 36
VON UWE TIMM

Wenn das Schreiben nicht wäre SEITE 38
VON ULRICH STOCK

Was machen die da? SEITE 40
VON ANNA v. MÜNCHHAUSEN

Sich die Welt erschreiben SEITE 42
VON MIRIAM MECKEL

Von der Kraft des Mündlichen SEITE 46
VON ULRICH GREINER

Impressum SEITE 46

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DIE ZEIT

EINFÜHRUNG

W

as wir hören, was wir lesen, wie wir sprechen, wie wir schreiben: Nichts formt uns und bewegt uns, nichts bereichert uns mehr, nichts prägt unsere Rolle unter den Menschen stärker als unser Umgang mit der Sprache. Sie ist das gewaltige Erbe, in das wir hineingeboren worden sind – in tausend Generationen aufgehäuft und fortentwickelt, beladen mit allen Irrtümern und Vorurteilen unserer Ahnen, beflügelt von ihren Träumen, Visionen, Ideen. Begriffe bilden, Ideale aufstellen und mit ihnen die Wirklichkeit verändern: Das ist, weit über die Verständigung hinaus, die wichtigste Leistung der Sprache. Gerechtigkeit! Finden wir sie etwa in der Natur? Sind wir uns auch nur einig darüber, was sie im konkreten Fall bedeuten soll? Aber das große Wort ist da, als Banner steht es über uns, und so trägt es dazu bei, dem Ideal, das da kühn und unscharf ins Wort gehoben worden ist, ein wenig näher zu kommen, als wenn wir es in unserem Wortschatz nicht vorgefunden hätten. Es gehört zu jenem »ungeheure[n] Gebälk und Bretterwerk der Begriffe, an das sich klammernd der bedürftige Mensch sich durch das Leben rettet«, sagt Nietzsche. Oft gehen wir so weit, der Wirklichkeit mit unseren Wörtern Eigenschaften vorzuschreiben, die sie nicht hat: Ist die Natur denn bereit, am 1. Juni (meteorologisch) oder am 21. Juni (astronomisch, kurios genug) mit dem »Sommer« zu beginnen – bloß weil wir das Wort in die Welt gesetzt haben und es noch dazu mit der Erwartung von ständiger Sonne und Wärme verknüpfen, aller deutschen Wahrscheinlichkeit zuwider? Wir können wetten: Irgendwann im Juli werden Journalisten und Fernsehmeteorologen tadelnd fragen, wo »der Sommer« bleibt. Nichts zeigt die Macht der Sprache eklatanter: Wie wir etwas nennen, ist uns wichtiger, als wie es ist. Mit unseren Wörtern etikettieren wir die Fülle der Erscheinungen und erwarten dafür Gehorsam von ihnen. Wörter sind heilig. Sie tragen unsere Hoffnungen und unsere Ängste, unsere Wünsche und Gebete und unseren Trost; mit ihnen erschaffen wir die Philosophie und die Utopie, die Poesie und den Witz. Dieses schillernde, grandiose Erbe zu vergeuden oder gar zu verhunzen ist die größte Torheit, die wir begehen können. Aber begangen wird sie.
Vier Entwicklungen vor allem müssen jedem Freund der Sprache Sorgen machen. Die erste Entwicklung: Auch dort, wo die Schreiber

Die Sprache ist eine Waffe
Aber sie lässt uns auch träumen, sie erklärt uns die Welt. Seien wir gut zu ihr!
VON WOL F S C H N E I DE R

die Sprache noch pfleglich behandeln wie in der Mehrzahl der DruckErzeugnisse, findet seit Jahrzehnten ein Wortschwund oder eine Wortverfälschung statt. Dass »scheinbar« »dem falschen Anschein nach« bedeutet und folglich nie mit »anscheinend« verwechselt werden darf, ist immer weniger Deutschen geläufig. »Wähnen« liest man im Dutzend in der Zeitung, wo »glauben« gemeint ist – und es heißt doch: »fälschlich glauben«, »sich einer Wahnvorstellung hingeben«! Hören solche Schreiber sich selber nicht mehr zu? »Die Passagiere der Titanic wähnten sich in Sicherheit« – wie viel Kraft, wie viel Information in nur zwei Silben! Ähnlich schlimm: »Vermeintlich« findet man mit »vermutlich« verwechselt, und es besagt doch das Gegenteil – der vermutliche Täter war es wahrscheinlich, der vermeintliche war es gerade nicht. Woher solcher Absturz? Immer mehr junge Leute (fast die Hälfte, wird geschätzt) lesen keine Bücher mehr, und an deutschen Schulen regiere, sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, jene »Spaßpädagogik«, die den Schülern jegliche Mühe ersparen wolle. Man komme nicht mit der beliebten Redensart: »Die Sprache entwickelt sich eben.« Wo die Entwicklung eine Verarmung wäre, da sollten bei allen Deutschen die Alarmglocken läuten. Vor allem aber: Das »sich« in dieser Schutzbehauptung ist einfach falsch – als ob die Sprache ein abgehobenes Medium wäre, das sich Entwicklungen leistet! Sie wird entwickelt mit allem, was wir sagen oder nicht sagen, schreiben oder nicht schreiben – manchmal sogar von einer einzelnen Person: Bismarck hat der Deutschen Reichspost nicht weniger als 760 Eindeutschungen aufgenötigt – und noch heute hat niemand etwas dagegen, dass wir nicht mehr »rekommandieren«, sondern »einschreiben« sagen und nicht mehr »poste restante«, sondern »postlagernd«. Alice Schwarzer hat an der Spitze einer kleinen Gruppe von Feministinnen erzwingen können, dass jede deutsche Behörde und die meisten Unternehmen den Mitarbeitern heute bei jeder Nennung die Mitarbeiterinnen ausdrücklich zur Seite stellen. Also: Entwickeln wir mit! Halten wir die Sprache lebendig! Treten wir ihrer Verarmung und Verschandelung entgegen, und hören wir auf, vor jedem modischen Unfug in die Knie zu gehen.

DIE ZEIT

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Der hat sich die geschriebene damit angenähert – mit allen Vorzügen der Spontaneität und allen Nachteilen der Schwatzhaftigkeit. Journalisten wissen: Wenn ihre Texte zu 20 Prozent gelesen werden. der sie befolgt. die der Freund der Sprache nicht begrüßen kann. dass man ein paar dieser Lektionen aus jedem der Meister destillieren könnte.Die zweite Entwicklung. Chat haben die Zahl der geschriebenen Wörter dramatisch vermehrt und die Sorgfalt im Umgang mit ihnen dramatisch vermindert. Die Mailer und die Seriösen unter den Bloggern (die gibt es ja) können zwei Nachteile kaum bestreiten: Man huscht über die Tasten eines Geräts. Das verbinde sich oft mit »einer zunehmenden Enthemmung im Schutze einer tapfer verteidigten Anonymität«. geradezu ein Vorbild für die überfällige Vereinfachung der deutschen Grammatik. dazu mit dem schönen Gefühl: Und beim Empfänger kommt das Geschriebene sofort an. die unsere Sprache lieben (und zugleich kein Problem mit korrekten Genitiven haben). Ein großes Unternehmen bereicherte das Deutsche vor Kurzem um das kostbare Wortgebilde CorporateSocial-Responsibility-Aktivitäten. Jahrhundert das statistische Normalverhalten. mahnte Tucholsky. sondern ein »innovativer Dialekt« des Deutschen. und was seit 1954 Eurovision hieß. müssen sie schon zufrieden sein. ja dass es Sprachwissenschaftler gibt. jedenfalls das Nicht-zu-Ende-Lesen war schon im 20. ermuntert und darin fördert. Wie schön aber. mit Farbe. ist der immer noch anhaltende Siegeszug der unsinnigen unter den Anglizismen. Der eine: Es stellt einige der großartigsten Meister des Deutschen vor. geht neuerdings als »Jurowischn« über die Sender. März im Rückblick auf den Sturz des Bundespräsidenten Wulff ). vorzugsweise von unter Zwanzigjährigen gesprochen: »Ich mach dich Messer.: akg-images/© VG Bild-Kunst. sondern von anderen. dass wir sie uns beim Werben um Leser zum Vorbild nehmen können: glasklar verständlich. Machen wir davon Gebrauch! »Die Sprache ist eine Waffe. dass man alle. die allen Freunden der Sprache Sorgen machen muss. die in Deutschland wohnen. Als ob man sich des Deutschen schämen müsste! Es war und ist eine der großen Kultursprachen auf Erden. Iwan Puni: »Stilleben mit Buchstaben und Krug«. den Wortschatz zu pflegen und die Grammatik zu beherrschen. vom Kuvert zu schweigen. und mit der elektronischen Wortexplosion hat das Missverhältnis zwischen Geschriebenhaben und Gelesenwerden sich drastisch verstärkt. die Sprache mit Migrationshintergrund. Tweet. Die vierte Entwicklung: das »Kiezdeutsch«. Nicht-mehr-Korrigierens. der nicht nur von seinem Lehrer oder Professor. Bonn 2012 . die an unseren Schulen und Universitäten ein Kümmerdasein fristet: dass jeder. so wie die gesprochene Sprache. als Aperitif und Ermutigung. die früher allenfalls dem Ohr zugemutet wurden – dem Auge nie. um die Leser werben muss – und dass es dafür nicht genügt. Blog. nur aus dem Englischen und dem Französischen werden noch mehr Bücher als aus dem Deutschen in andere Sprachen übersetzt. ist mit dem Internet über uns hereingebrochen: Mail. Saturn 2012). Werben also: um Aufmerksamkeit. in die große Sprache »Deutsch« hineinzuwachsen! Zwei Beiträge dazu leistet dieses Heft. ist nicht das Problem – sondern dass in solcher Stummelsprache schon geworben wird (»Soo! muss Technik«. Haltet sie scharf!«. spottete Bundestagspräsident Lammert (am 18. idealerweise um Sympathie! Aber wie macht man das? Dafür werden in dieser Beilage 20 praktikable. versucht es für eine Einsicht zu gewinnen. sich ums Hochdeutsche gar nicht zu bemühen – statt dass man das Mögliche tut. loszupoltern. Nicht-mehr-Feilens. des Nicht-mehr-Zögerns. mit Feuer und mit Kraft. sich der Chancengleichheit dadurch zu nähern. Der andere: Alle. deutsch ausgesprochen wie der Euro noch heute. Nur auf Englisch und Chinesisch erscheinen noch mehr Bücher als in deutscher Sprache. die Sprache also in Tiefen zu zerren. die diesen Slang loben: Er sei kein Kauderwelsch. Aus beiden Nachteilen folgt millionenfach die Versuchung. das immer auf dem Schreibtisch steht – kein Papier mehr zurechtlegen. um Zuwendung. Den hier vorgestellten sieben »Großmeistern« nähert sich natürlich noch keiner. ziemlich bewährte Rezepte angeboten. Die dritte Entwicklung. 1919 5 DIE ZEIT Abb. ja herumzupöbeln.« Dass sie so reden. vielleicht sogar von vielen gelesen werden möchte. Das Blog hat anstelle des Adressaten ein diffuses Publikum. das Nichtlesen. Die Kiezdeutsch-Sprecher werden also ermutigt. Und zwei – Heine und Kafka – haben sogar durchweg so geschrieben. und der Absender muss sich nicht identifizieren.

21 12. Misstrauen wir den Synonymen S. Franz Kafka: Der heimliche König S. König der Sätze S. 15 7. 30 20. Vermeiden wir den Überdruss S. Im Anfang war das Tun S. Der Wille zum Verzicht S. Geizen wir mit Adjektiven S. 1919/20 7 ZEITWISSEN . 17 9. Die schöne heikle Nebensache S. Nennen wir’s beim Namen S. 21 13. 29 VI. Die Kunst des Anfangs S.E I N E ST I L K U N D E VON WOL F SC H N E I DE R 2 0 LEKTIONEN 1. 22 14. 31 DIE SPRACHMEISTER I. 26 17. 25 16. Nur für Gedächtniskünstler S. Die Krone der Hässlichkeit S. Heinrich von Kleist: Der Maßlose S. 20 IV. 8 2. Bonn 2012 Max Ernst: »Kleine Maschine. 11 4. 17 8. Warum wir am Passiv leiden S. Seien wir ein bisschen unbequem S. 14 6. Thomas Mann: Der Alleskönner S. 10 3. Zählen wir die Silben S. Heinrich Heine: Der brillante Zyniker S. Wie lang darf ein Satz sein? S. Die Kraft der Bilder S. konstruiert von Minimax Dadamax persönlich«. 13 II. 19 11. 18 10. 26 18. Wörter in Bewegung S. 32 Abb. Verachten wir den Wissenschaftsjargon S. 16 III. Gliedern kann nicht schaden S. Goethe und Schiller: Große Prosaisten S.: akg-images/VG Bild-Kunst. 12 5. 22 15. 23 V. 28 19. Friedrich Nietzsche: Der Virtuose S. Mit Satzzeichen Musik machen S.

« Ulysses Grant hat das gesagt. sie sind folglich zweite Wahl: vorliegen. summen. Pfosten stürzen. Mark Twain und Jorge Luis Borges haben das Deutsche geradezu bewundert für seinen Reichtum an Nacht. Aber was geht uns das an? Es ist eine starke Metapher dafür. die Frucht muss treiben. die Tuwörter. aufgreifen – oder warum nicht einfach: Darüber sollten wir mal reden. Muss wetten und wagen. was Verben leisten können. rauschen. die besten. Zum Ersten: Lebhaft nutze man die Chancen des Verbums. knistern. rascheln. tuscheln. surren. das Glück zu erjagen. bewirken) oder implementieren (für einführen. Fenster klirren. Balken krachen. raunen. Kinder jammern. ich bin ein Verbum und kein Personalpronomen. und statt des beliebten Thematisierens könnte man schließlich sagen: zum Thema machen. erzeugen. Zum Zweiten: Es möge Ihnen Spaß machen. die Liebe muss bleiben: Die Blume verblüht. erlisten. Ebenso sind das Stigmatisieren und das Sensibilisieren nichts. flüstern.« Natürlich: Für unsern Alltag taugt das nicht. in unserem schönen Wortvorrat zu baden. Auch ist Bewegung allein kein Gütesiegel: Schwerfüßige Verben gibt es wie durchführen und bewerkstelligen. sich handeln um. was Goethe geduldet hätte oder Günter Grass dulden würde. »Kochend wie aus Ofens Rachen Glühn die Lüfte. Mütter irren …« Nun wäre es traurig. umsetzen. wispern. sirren. ist von viererlei Art. plätschern. bürokratische wie beauskunften und bezuschussen. wenn wir Leser fesseln wollen: Bewegung! Interessanter als »Das Haus ist schön« liest sich nun mal »Es ging in Flammen auf«. DIE ZEIT 8 .und Waldgeräuschen: fächeln. Auch und gerade in den leisen Verben zeigt er sich.DIE WÖRTER LEKTION 1 Im Anfang war das Tun Warum wir die Verben lieben sollten »Ich glaube. vorhanden sein. säuseln. die die Sprache lieben und sich zugleich Leser wünschen. lispeln. verwirklichen). hauchen. Was also tun? Der Rat für Schreiber. gluckern. der Oberbefehlshaber der Nordstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg – und damit ein Bild gefunden für das Vorwärtsstürmen. wie Grundschüler sagen. gurren. Imponiervokabeln wie generieren (für machen. Viele Verben drücken nicht einmal eine Tätigkeit aus. schwirren. Muss wirken und streben Und pflanzen und schaffen. wo es als Retter aus zwei Fallen der deutschen Grammatik dienen kann: den garstigen Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den rasselnden Ketten vorangestellter Attribute ¤ Lektion 13. wenn das Verbum sich erst in der Katastrophe bewährte. murmeln. erraffen. Doch im selben LIED VON DER GLOCKE hat Schiller auch im scheinbar Statischen die Bewegung aufgespürt: »Die Leidenschaft flieht. rieseln. das ihn zum Sieg führte. schaffen. Der Mann muss hinaus ins feindliche Leben.

gerannt und geladen …« Und selbst ein einziges Verb kann uns verblüffen. Wolken tragend. andere zerrten die Maultiere aus den Ställen. durch die Gänge huschten die aufgeregten Mägde. Nur von den Bergen noch rauschet der Wald. 8–30: fotografiert von Nico Baldauf für DIE ZEIT . als könnte er eine ungeheure Faust hinauf in den Himmel ballen und Gott herbeireißen und zwischen seinen Wolken schleifen. treppauf. Blaue Sonnenbahn bereitet. erfrischen. wenn sich nichts bewegt. Näher an unseren Wünschen und Möglichkeiten ist das fröhliche Getrappel. sie verjagend. Knechte liefen um die Pferde. Die Nacht bedecket die Runde. wenn man es setzt wie Ringelnatz: Ein Leierkasten »wringt sich aus und klingt nach Leben und Sterben«. Buchstaben-Arrangements S. Das Heidelberger Schloss. Da blitzten viel Reiter. in den Kellergewölben klapperten die Schlüssel des Lagerverwalters. Ich hörte die Vögel schlagen.« Der vierte. die gigantische Burg. war alles verhallt. mit nicht weniger als zwölf dynamischen Verben: »Mitten in der Nacht erwachte das Haus in der Rue Droite zu emsigem Leben. In der Küche flammten die Feuer auf.« Oder die Bewegung gar so dramatisch zu beschreiben wie Hölderlin: »Und in frostiger Nacht zanken Orkane sich nur. gesattelt. freilich der schwierigste Rat: Nach Bewegung fahnden. Das war ein lustiges Jagen! Und eh’ ich’s gedacht.Der dritte Rat: Wo eine Bewegung offenkundig ist. wie Goethe: »Wenn der Äther. im Hof leuchteten Fackeln. von den Wettern zerrissen« (noch mal Hölderlin). Und mich schauert im Herzensgrunde.« Dies als Extrembeispiel dafür. »hing nieder bis auf den Grund. …« Oder wie Eichendorff: »Es zog eine Hochzeit den Berg entlang. da versuche man sie farbig. Georg Büchner ließ seinen Lenz einen »Triumphgesang der Hölle« anstimmen: »Es war ihm. zu welcher Kraft die Sprache sich mit Verben steigern lässt – sogar dann. von dem Patrick Süskind im PARFUM erzählt. es wurde gezäumt. treppab eilte der Diener. Mit den klaren Tagen streitet Und ein Ostwind. als könnte er die Welt mit den Zähnen zermalmen und sie dem Schöpfer ins Gesicht speien. ja drastisch zu benennen. das Waldhorn klang. auch wo scheinbar keine ist.

der bedenke: Laien verstehen nichts. Mühsal. der halte sich an Schopenhauers Kernsatz: »Man denke wie die wenigsten und rede wie die meisten.: akg-images/© VG Bild-Kunst. Robert Indiana: »Love«. Bonn 2012 (S. Neid.) Und muss sich der schlappe Service der Deutschen Post hinter dem Elfsilber Telekommunikationsdienstleistungen verstecken? Bedenken wir: Kopf und Herz. Weib und Kind. schrieb Jean Paul in seiner VORSCHULE DER ÄSTHETIK. desto unanschaulicher«. wie Churchill den Engländern 1940 nichts als »blood. Das klingt erschreckend simpel. Leid. Tränen. Goethes Ballade DER FISCHER besteht zu 76 Prozent aus einsilbigen Wörtern – genau wie die berühmte GETTYSBURG AD DRESS des US-Präsidenten Lincoln (amerikanische Stillehrer haben es bewundernd nachgezählt). Gier. Wald und Feld. Tisch und Bett. Schweiß – und ihnen damit Kraft gab zum Widerstand. sagt die Verständlichkeitsforschung. Kehrtwende. Qual.« So. und die kurzen alten Wörter sind die allerbesten«. Wer gelesen werden und wirken will. Man brauche gewöhnliche Wörter und sage ungewöhnliche Dinge. woraus wir sind und womit wir leben. »Benutze nie ein langes Wort.DIE WÖRTER LEKTION 2 Zählen wir die Silben Kurze Wörter bleiben hängen Ein Wort ist umso verständlicher. Museumslandschaft Hessen Kassel/bpk/© VG Bild-Kunst. »Die alten Wörter sind die besten. Hass. Nobelpreisträger für Literatur. Wut. 1966 DIE ZEIT 10 Abb. eine zu sein. sagte Winston Churchill. Vielleicht ist ja was dran? Vielleicht sollten wir die Thrombozytenaggressionshemmer nur seufzend in Kauf nehmen – den von unseren gehobenen Feuilletons gehätschelten Paradigmenwechsel aber schon mal darauf abklopfen. Schwenk bezeichnet werden könnte? Was unterscheidet die Witterungsbedingungen vom Wetter und das Gefährdungspotenzial von der Gefahr? (Die doch keine wäre. tears and sweat« versprach. wenn sie nicht das Potenzial hätte. toil. Bonn 2012 (S. Blut. Hand und Fuß. je weniger Silben es hat. ist zu einsilbigen Wörtern geronnen – und erst recht sind es fast alle starken Gefühle: Angst. Doch die Stilistik hakt nach: und kraftvoller auch! »Je länger aber ein Wort. ob er nicht zur Abwechslung als Umdenken. mit Wörtern wie Effizienzsteigerungsprogramm oder Energieverbrauchsflexibilität zu operieren. wenn ein kurzes es auch tut«. Pein. wenn sie inmitten ihrer Silbengebirge statt gefährlich starker Rauchentwicklung einfach mal »Qualm« lesen könnten. 11) . Sprachfreunde stößt er ab – und vielleicht wären sogar Fachleute angenehm berührt. das meiste. heißt es im Stilkodex des Londoner ECONOMIST. Was folgt daraus? Wer immer vorhat. 10).

11 DIE ZEIT .« Sympathisch war das nicht.« Sprach Martin Luther. und die ganze Philosophie müsste zumachen. Gewiss. Belangen und Strukturen. wenn sie nicht in Abstraktionen schwelgen dürfte. gewiss. das Detail benennen. zwischen 1978 und 1989 Bürgermeister von New York. Aber etwas zum Weitererzählen. die Wörter. wurde seinem Ruf.« Bei der Gleichheit. beneide er die Leute von der Müllabfuhr. »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«. Martin Walser lässt einen Literaturkritiker sagen: »Wenn er ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratur lesen müsse. schrien Georg Büchner und F. auch für konkrete Dinge brauchen wir abstrakte Dachbegriffe. hätten sie geschrieben: »Als Erstes brach ein Wasserrohr« – wir hätten uns sogleich mit ihnen solidarisiert. Möbel zum Beispiel. die man lehren will«. mit Sinneseindrücken versehen. »Je abstrakter die Wahrheit ist. die Leser interessieren möchten. anspruchsvoller. sagt Nietzsche. der Magengeschwüre bekommt. Doch wo es durchaus ginge. »umso mehr muss man erst die Sinne zu ihr verführen.« Ed Koch. Ich verursache sie.« Das hat Kraft – mehr. Damit können wir leben. Eine Vorstellung müssen sie uns vermitteln. Weidig 1834 in die Welt hinaus – und eben nicht: Verschont die Wohnstätten der Unterprivilegierten. Nur sollten wir immer parat haben. als hätte der Herr mit angemessenen Verwüstungen gedroht. Farben zum Leuchten bringen: Das ist für alle. mit dem Spruch gerecht: »Ich bin nicht der Typ. ja manche lieben ebendiese. 1987 LEKTION 3 Nennen wir’s beim Namen Konkrete Wörter haften besser »Die Wörter müssen Hände und Füße haben. bei der Gerechtigkeit geht das nicht. Moralische Gebote wie Ehrlichkeit sind konkret gar nicht zu erfassen. wenn sie uns fesseln sollen. und Jesaja 14.23 übersetzte er so: »Und ich will Babel machen zum Erbe für die Igel und zum Wassersumpf und will es mit einem Besen des Verderbens kehren. Konkret schreiben. L. grimmig und rabiat zu sein. von allerlei Misshelligkeiten. das oberste Stilgebot. neigen viele dennoch zu abstrakter Ausdrucksweise: Sie tummeln sich zwischen Bereichen. Da mailen uns Freunde von viel Ärger in der Ferienwohnung oder.DIE WÖRTER Alighiero Boetti: »Untitled«. dass Wolkenbruch besser ist als widrige Witterungsumstände und eine triefende Nase anschaulicher als jeder grippale Infekt.

Wissenschaft und Bürokratie hat sich in den letzten Jahrzehnten die Wahnvorstellung ausgebreitet. sagt Günter Grass in seinem Gedicht EHE. sollten sie anklopfen. In Wirtschaft. Nur dass Adjektive zugleich die am meisten überschätzte. 13 (Ausschnitt): Keystone Schweiz (Schiller und Goethe im Garten der Villa Lengefeld in Rudolstadt um 1794) DIE ZEIT 12 . dass Mephisto mit Worten stritt – verbal täte er das heute! Nicht nur unschön. mit warmen Würstchenverkäufern und rostfreien Stahlhändlern im Bunde. am meisten missbrauchte Wortgattung sind: oft tautologisch. oft lächerlich und manchmal einfach falsch – nicht gerechnet. Wo so viel Fantasie nicht vorhanden ist oder wo sie fehl am Platze wäre. alle Federn aufgebauscht«. über die wir leider nichts erfahren. Franz Kafka schrieb seiner fernen Freundin Milena (in Partizipien. immer häufiger akademisch-bürokratisch gespreizt. und wo sie einer dümmlichen Mode dienen: draußen bleiben. die polizia stradale die Straßenpolizei und der lucky star absolut kein glücklicher Stern. spähend. S. miesepetrig zu beschreiben. dem kritischen Hinterfragen. halben Adjektiven also). Abb. Eine wahre Affenliebe zum Adjektiv hat sich da zulasten der Logik breitgemacht. sondern die Bibel ist ihr Objekt. wichtigen Meilensteinen. nicht das rote. Wo sie bloß schmücken wollen. Vollends lächerlich wird sie. hartgesotten. Tautologisch. dass jedes Wort etwas zu sagen hat – »that every word tell«. anschmiegsam! »Unser Hass ist witterungsbeständig«. horchend. mit einem schönen archaischen Imperativ formuliert in der klassischen amerikanischen Stillehre von Strunk und White. Eau potable ist eben nicht das trinkbare. er lese ihre Briefe. sondern das Trinkwasser. »wie der Spatz die Krumen in meinem Zimmer aufklaubt: zitternd. Überdies beschädigen hohle Adjektive einen Eckpfeiler aller erfolgreichen Kommunikation: dafür zu sorgen. die sich einer nicht näher bezeichneten Energie annimmt. Von der fossilen Energielobby müssen wir lesen – von einer fossilen Lobby also. einen missmutigen Menschen zur Abwechslung als griesgrämig.DIE WÖRTER LEKTION 4 Geizen wir mit Adjektiven Überflüssig sind erstaunlich viele Ja. wenn er sich doch mit situativen Gegebenheiten schmücken kann? Wie altmodisch. einem wesentlichen Eckpfeiler. sauertöpfisch. nachgedacht hat der Schreiber nicht. aus der Schule der schulische Bereich. wo sie den sprachlichen Zusammenhang auf den Kopf stellt. kraftvolle Adjektive: tückisch.« Leere Adjektive sind indessen nicht die schlimmsten. dass das Deutsche sie häufig gar nicht vorsieht. doppelt gemoppelt: Da lesen wir von harter Knochenarbeit. das Adjektiv sei die überlegene Wortgattung: Aus dem Elternhaus ist das elterliche Haus geworden. auch bei koalitionären Rücksichten und kombinativen Möglichkeiten sind die Adjektive nicht die Eigenschaften. sondern einfach regelwidrig ist eine weitere modische Marotte: Bei biblischen Verfilmungen ist biblisch eben nicht die Eigenschaft der Verfilmung. Solche Doppelungen geben dem aufmerksamen Leser das Signal: Also.. Der kolumbianische Aphoristiker Gómez Dávila sagt es so: »Für jedes überflüssige Wort verliert der Schriftsteller einen Sündennachlass von einem Monat. Und es gibt doch so farbige. im Marketing vom üblichen Versprechen qualitativ hochwertiger Produkte und gezielter Maßnahmen. da hilft die Faustregel: Adjektive dienen der Unterscheidung – das gelbe Kleid. Von erzieherischem Kontrollverlust sprach die FAZ – was eindeutig der erzieherische Verlust einer Kontrolle ist. hasenherzig. Flüssige Textverfasser müssen da am Werk gewesen sein. das betriebliche Ergebnis folgt ihnen auf dem Fuße – und welcher werdende Doktor würde noch von der Lage sprechen. es ist schönes altes Deutsch.

.. So fiel Wallenstein. Goethe und er entwickelten eine einander ergänzende freundschaftliche Produktivität. zerbrechen die Bilder der Heiligen und treten sie mit Füßen. Im Austausch mit Schiller entstand eine Literaturauf fassung. an dessen Folgen er mit nur 45 Jahren in Weimar starb. Universalgelehrter. in die Flecken und Dörfer bei St. mit Keulen. dass ihn dieser Feind überlebte und seine Geschichte schrieb. Leitern und Strängen versehen. Zwanzig Jahre zuvor. nicht aber. hatte Goethe frisch und böse aus der Schweiz geschrieben: »Frei wären die Schweizer? Frei diese wohlhabenden Bürger in den verschlossenen Städten? Frei diese armen Teufel an ihren Klippen und Felsen? Was man dem Menschen nicht alles weismachen kann! Besonders. . ruckweiser Sturmwind. mit 26. Der Kaiser weihte dem Schicksal Wallensteins eine Träne und ließ für den Ermordeten zu Wien dreitausend Seelenmessen lesen. Über Wallenstein und den deutschen Kaiser aber ist nie hintersinniger geschrieben worden: »Indem Wallenstein von Eger aus die Unterhandlungen mit dem Feinde lebhaft betrieb. er betrieb umfangreiche ästhetische und naturforschende Studien. Rings die Herrlichkeit der Welt. stürzen die Altäre. sich vor der zuschlagenden Falle einer weiblichen Umarmung zu hüten«.« Das waren die Niederlande. Minister und Italienreisender.und herbeiführend. wenn man so ein altes Märchen in Spiritus aufbewahrt. Schiffern und Bauern.. die Sterne befragte und frischen Hoffnungen Raum gab. die zu lesen lohnt. Dignitäten und Rittergütern zu belohnen. Herder und Wieland gehörte er zum Viergestirn der Weimarer Klassik Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) war Dichter und Dramatiker. und so ist’s gut.« So allwissend kann eine Theaterfigur nicht reden und so viel Feuer ein Jambus kaum haben. abseits ihrer berühmten Dramen und Gedichte. Dramen und Balladen. die Schauspielerin. Hämmern.« Überwältigt jedoch war er von den Bergen. werfen sich. sprengen die Pforten der Kirchen und der Klöster.SPRACHMEISTER (I) GOETHE UND SCHILLER G ROS S E P ROSA I S TE N W as soll man über die beiden noch sagen! Außer dass sie. der seinem Leben ein Ende machte. wie Pfeile schnellen sie von der Sehne: »Eine rasende Rotte von Handwerkern. Vorreiter des Sturm und Drang.. durchaus nicht altväterliche Stücke deutscher Prosa hinterlassen haben. einige eindrucksvolle. zugleich aber vergaß er nicht. . ihren Zuschauern nachsagt: »Sie meinen es gut und werden mich noch umbringen«. nicht weil er Rebell war. mit öffentlichen Dirnen. Wolken heran. erstach der Bösewicht sich selbst. Das ist hier sonst nicht Mode: Der Mörder erreicht eine Kirche. Neben Goethe.« Und überraschend ironisch begegnet uns Goethe in der ITALIENISCHEN REISE: »Der Mörder gab ihm an die zwanzig Stiche. Geräusch der Wasserfälle. wenn Aurelie.« Über das letzte Stück Wegs zum Gotthard: »Nackte wie bemooste Felsen mit Schnee bedeckt. auf dem Rigi: »Die Höhe in Wolken und Nebel. Sollte man vielleicht den Prosa-Schiller lesen in der Schule? Friedrich Schiller (1759–1805) schrieb Gedichte. selbst lange Sätze bremsen es nicht. von fanatischer Wut begeistert. weil er fiel. oder wenn Philine Wilhelm anherrscht: »Wenn ich dich lieb habe – was geht’s dich an?« Er wiederum »war dem Gelübde treu geblieben. historische und philosophischästhetische Schriften. die Mörder mit goldenen Gnadenketten. das Klingeln der Saumrosse in der höchsten Öde. Äxten. dass er eine siegende Partei sich zum Feinde gemacht hatte – ein Unglück für den Toten. Von 1791 an schwächte ihn ein Lungenleiden. Wenn es in WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE heißt: »Er bildete den Wahn des Moments so poetisch als möglich aus« – dann fühlen wir uns um 200 Jahre zurückversetzt. die als Weimarer Klassik in die Epochenbeschreibung Eingang fand 13 DIE ZEIT . Omer. und da die Wache hinzukam. sondern er rebellierte. Bettlern und Raubgesindel untermischt.« Schiller erreicht in seinen beiden historischen Werken. der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE und der DES DREISSIGJÄHRIGEN KRIEGES ein Tempo. wurde beinahe unter seinen Augen der Dolch geschliffen. mit dem kein Drama mithalten kann. Ein Unglück für den Lebenden.

aus allen Wolken fallen. sie passt in viele Lebenslagen. heute meist verglast. man sollte. sich solche Sprachklischees ausdrücklich verboten haben. 1999 LEKTION 5 Seien wir ein bisschen unbequem Redensarten schläfern uns ein Unsern Wortschatz erben wir von den Eltern.« Dem Berliner TAGESSPIEGEL fiel zu einem Politiker. dass etliche Redaktionen. In der FAZ verkündete ein Berufsberater: »Vertrauen ist gut – Kontrolle macht Arbeit. oft: verzichten. es endlich mal den Pilzen gönnen. vor die er seine Perlen werfen kann. Er versteht sie sofort. der zerbreche fröhlich die Klischees. aus allen Nähten platzen. sie erregen nicht seine Aufmerksamkeit. unter den Teppich kehren. zum Beispiel – oft ein durchaus treffendes Bild. der einen anderen Menschen zum Gegenteil verführen möchte – zum Gern-Weiterlesen –. der sollte zögern. die kostbare Verteidigung ein: »Verrückt ist er nicht. was gemeint ist. Werbeagenturen ebenfalls. Jeder. Was tut unsereiner? Im Alltag: zögern. das Handtuch werfen (oder die Flinte ins Korn). müssen wir das Wort Fenster nicht erfinden. verrückt zu sein. der öffentlich verdächtigt worden war. Schon Karl Kraus schlug im Ersten Weltkrieg vor. den Gürtel enger schnallen. Er suche zuerst ein bisschen nach den Säuen. je mehr Bücher und Zeitungen wir lesen. dass sie ihrerseits wie die Munitionsfabriken aus dem Boden schössen. Nur ist es genau dieser Umstand. ehe er allzu bekannte Sprachfiguren wie diese niederschreibt: ins Fettnäpfchen treten. von SPIEGEL ONLINE bis zur TAZ. mit drei Vorzügen: Auch diese Wortfolge brauchen wir uns nicht erst auszudenken.DIE WÖRTER Heimo Zobernig: »Ohne Titel (REAL)«. Bequemer kann Sprache nicht sein. Aber die Tassen in seinem Schrank werden weniger. das Tanzbein schwingen. Leser bei der Stange halten ist die Kunst. Fantasie ist besser. Als Heranwachsenden fällt uns zudem ein Erbe an Redensarten zu – umso mehr davon. falls wir uns Leser wünschen: Die überlieferten Floskeln sind dermaßen geläufig. von den Ahnen: Für eine Öffnung in der Hauswand. dass sie im Leser eine Reaktion nahe null auslösen. Es ist erzvernünftig. nachdem so viele Munitionsfabriken wie die Pilze aus dem Boden geschossen seien.« Routine ist gut. und jeder versteht. er stutzt nicht. »Das hat wie eine Bombe eingeschlagen«. Aber wer Lust hat und wer’s kann. der uns misstrauisch stimmen sollte. Jüngst versah die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG einen Bericht über den drohenden Wählerschwund der CSU mit der Überschrift: »Der Tunnel am Ende des Lichts«. aus dem Nähkästchen plaudern. DIE ZEIT 14 .

die Schaffenslust – allesamt von einem törichten Plural verschlungen. Zweitens ist die Aktivität im engeren Sinne ein Singularetantum. dass nachvollziehen mit fühlen überhaupt nichts zu tun hat. also ein Wort. der Strafvollzug sind extrem gefühlsarm. billigen – sondern es nachvollziehen? Seit etwa zwanzig Jahren hat sich diese Mode durch den deutschen Sprachraum gefressen. kapieren. Dynamik. dass Millionen Deutsche nichts mehr verstehen. das Engagement. und gemeinsam ist ihnen derselbe Nachteil wie den ausgeleierten Redensarten ¤ Lektion 5: Sie verplempern das Kostbarste. Viele Modewörter also sind ziemlich albern. zu dem es einen Plural gar nicht gibt – so wenig wie zu Stolz. 1919 Abb. Bonn 2012 (2) 15 DIE ZEIT . (S. wenn der Bürgermeister am Ort der Untat sagt. farbige Wörter im Dutzend niedergewalzt. Was wir hundertmal gelesen haben. Oft wird es an längst komplette Aussagen zwanghaft angekoppelt: Marketingaktivitäten sind Standard. begreifen. was da offenbar gesagt werden muss: »Ich kann dieses schreckliche Verbrechen nicht nachvollziehen. nachempfinden. nachfühlen. Iwan Puni: »Neue Kunst«. Herr Bürgermeister. Gesiegt hat sie sogar über die Einsicht. die Tatkraft. einsehen. Eine Aktivität kann aus hundert Aktionen bestehen (die ohnehin meistens gemeint sind) oder sie kann die Haltung des Aktivseins benennen. Könnte er das einleuchtend finden? Vielleicht. Aufmerksamkeit. erkennen. sondern alles mit machen: Der Gerichtsvollzieher. was ein Schreiber erreichen kann – Zuwendung. In der Wirtschaft brüstet man sich unterdessen mit Aktivitäten – einem Modewort mit gleich zwei Nachteilen. Glück oder Passivität. sich klarmachen. Tüchtigkeit. aber handlungsstark. die Mehrzahl treibt also Unfug mit Logik und Grammatik. den Elan. manche auch noch widersinnig. 14+15): akg-images/© VG Bild-Kunst. Auch hartnäckige Nachvollzieher stutzen. hat auch keiner von Ihnen erwartet. das gähnt uns an. Energie.« Das. Aber »nachvollziehbar« müsste er sagen. Milch. und wie jede Mode war sie eines Tages schrecklich alt.DIE WÖRTER LEKTION 6 Vermeiden wir den Überdruss Modewörter sind meistens albern Wer eigentlich hat entschieden. Wie jede Mode hat sie schöne. den Schwung. obwohl das Marketing (das Schaffen und Pflegen eines Marktes durch ein Bündel von Aktionen) durch keine Aktivität ge- steigert werden kann.

« Verknotete.« Kein Stilmittel. aber auch historische Dramen wie »Das Käthchen von Heilbronn« und das Lustspiel »Der zerbrochne Krug« sowie die Erzählung »Michael Kohlhaas«. zusammenzubrechen. die Rüstung ihm vom Leibe reißend. als ob man Hände voll schweren Sandes gegen ihre Fläche würfe. drohten klirrend. er fühlte sich unverstanden und nahm sich am Ufer des Kleinen Wannsees das Leben r war »von einer gewissen Unbestimmtheit der Rede. die sich dem Stammeln nähert«. oft zu verstörenden Bildern verdichtet wie dem vom Gesang der wahnsinnigen Brüder in der HEILIGEN CÄCILIE: »So mögen sich Leoparden und Wölfe anhören lassen. Kleists Leidenschaft aber bewährt sich dort. und die Fenster. die man vergebens bei dem größesten Teil unserer Tänzer sucht«. verfasste Gedichte und gab Zeitschriften (»Phöbus«) heraus. tödlich zu verwunden«. 1810 erschienen in seinen BERLINER ABENDBLÄTTERN: Was sei denn der Vorteil. die an Fäden hängt. missvergnügt murmelnd im Osten herab. die Welt in einer so ungeheuren Unordnung zu erblicken. mit vergoldeten Rändern. überhastete Sätze. dass Kleist die gewaltigsten und gewaltsamsten Sätze deutscher Prosa meißelte. Bei denen nämlich habe das Bewusstsein »Unordnungen in der natürlichen Grazie« angerichtet. da sie ihn in den Staub trat. das Kleist nicht zur Verfügung stand. hält das Volk für wahr. Es geschah vor diesem Hintergrund.. und er »jauchzte« über seine Macht. und nachdem es noch einige kraftlose Blitze gegen die Richtung.« Ein Lehrstück graziöser Argumentation finden wir im MARIONETTENTHEATER. die Vertracktheit der deutschen Syntax mutwillig zum Äußersten treibend: Hauptsätze von gerade mal acht oder neun Wörtern. wie er das für seine Penthesilea selbst in Anspruch nahm: »Sie schlägt. die innerliche Zufriedenheit empor. eine vortreffliche Eigenschaft. von ihrer Lunge sichtbarem Atem getroffen. wurde als Spion verhaftet. reine Pendel. zu Dünsten aufgelöst. schrieb seine erste Tragödie (»Die Familie Schroffenstein«). sich am Junker von Tronka für dessen Willkür zu rächen.. Sein Freund Achim von Arnim schrieb das über ihn. Im FINDLING schreit der Priester dem Mörder die Schrecknisse der Hölle »mit der Lunge der letzten Posaune« entgegen. Denn Ziererei erscheint. (Ausschnitt): Fine Art Images . wo er die Gegensätze zum Extremen treiben kann.. geschleudert hatte. was sie sein sollen: tot. Um in den Stand der Unschuld zurückzufallen.. dunkelschwarz. den eine Puppe. Den Zahn schlägt sie in seine weiße Brust. Einen solchen Schrei gibt es keinen zweiten in der deutschen Literatur. »seines Feindes Ferse in dem Augenblick. »sind alle übrigen Glieder. »müssten wir wieder von dem Baum der Erkenntnis essen«. wenn sich die Seele in irgendeinem anderen Punkt befindet als in dem Schwerpunkt der Bewegung. bis große dramatische Werke entstanden wie »Amphitryon« und »Penthesilea«. sank es. wenn sie zur eisigen Winterzeit das Firmament anbrüllen . DIE ZEIT 16 Abb.SPRACHMEISTER (II) HEINRICH VON KLEIST D E R M A S S L O S E E Heinrich von Kleist (1777–1811) quittierte früh den Armeedienst. als habe Kleist sich die Sprache »von der Brust heruntergehustet«. seine eigne Brust nunmehr in Ordnung zu sehen«..« Da der Puppenspieler nur diesen Punkt kontrolliere. Zu Lebzeiten hatte er keinen literarischen Erfolg und wurde kaum aufgeführt. wo der Dom stand. Lapidare Sätze wie 1809 in der Ankündigung der GERMANIA (die nie erschien): »Diese Zeitschrift soll der erste Atemzug der deutschen Freiheit sein.. durch sieben Nebensätze mit 14 Kommas mehrstufig zerrissen und zu einem zerschrundenen Satzgebirge aufgetürmt. »zuckte mitten durch den Schmerz. Es ist. im Hintergrunde .« Hellsichtig und böse schrieb er in seinem LEHRBUCH DER FRANZÖSISCHEN JOURNALISTIK: »Was man dem Volk dreimal sagt. dem lebendigen Tänzer voraushabe? »Zuvörderst ein negativer: nämlich dieser.« In derselben Novelle zieht in die Natur der Friede ein – aber was für einer: »Dabei stand ein Gewitter. berstend vor Kraft. dass sie sich niemals zierte. und folgen dem bloßen Gesetz der Schwere. Als Michael Kohlhaas beschlossen hatte.

zum Zweiten. in der Lyrik so gut wie unbekannt. dass man statt widerlich auch mal abstoßend. absolut nicht austauschbar: der Hund nicht gegen den Köter. Das ist auch zweimal richtig. in zwei Sätzen nicht zweimal aber zu schreiben. Kindern erst spät begreiflich zu machen. dass Deutschlehrer ihre Schüler das Forschen nach Synonymen lehren. man dürfe in einem Text nicht mehrfach dasselbe Wort verwenden. wer gelobt wird. obwohl es doch dessen entmenschlichte Variante ist: unanschaulich. der lexikalischen Varianz zu unterwerfen. das hält den Text lebendig. da der Kunde nur um seine Zustimmung zu einer Änderung gebeten werden kann. um sie in die Fülle unseres Wortschatzes einzuführen – ihnen beispielsweise nahebringen. wer .. ebenso für Personen oder Institutionen. Aber viermal ist es falsch. Erstes Ärgernis: Es dient dem Befehl.. selbstverständlich auch dasselbe sagt – und dass er. 17 DIE ZEIT . jedoch.. Das unvermeidliche Passiv ist Alltag im Polizeibericht: Ein Mensch ist überfallen worden.«. und schon gar nicht. was ist das genau? Und wer eigentlich soll es verdrängt haben? Wer die Verdränger entweder nicht kennt oder sie nicht identifizieren möchte. ohne weitere Erklärung – ein Satz. die uns nicht zu interessieren brauchen (»Das Museum wird um 10 Uhr geöffnet«). aus der Wahl wird der Urnengang. Nicht für Tisch zum Beispiel (Vierbeiner wäre zwar korrekt. dagegen zu ersetzen. aus der Synonymitis eine vorhersehbare Zwangshandlung: Aus der Polizei werden die Ordnungshüter. Es ist richtig. wer im Kochbuch liest: »Der Teig wird so lange gerührt. Erstens: Für die meisten konkreten Dinge sind Synonyme einfach nicht vorhanden. Verschickt eine deutsche Bank doch wirklich Briefe. dass er in der Zeitung als der nadlige Geselle aus den heimischen Wäldern wiederkehrt.. sondern es durch doch. Und richtig bleibt es.«).DIE WÖRTER LEKTION 7 Warum wir am Passiv leiden Es ist die hässlichste Form des Verbs Die sogenannte Leideform des Verbums ist oft vernünftig. sondern müsse den Wechsel im Ausdruck pflegen. und kein Weihnachtsbaum hat je darauf gewartet. Viele sinnverwandte Wörter sind.« Dies ist das vernünftige Passiv – die Verbform für Gebrauchsanweisungen also. Das ärgerliche Passiv ist von dreierlei Art. nur mit »Leiden« hat sie nicht viel zu tun.. leidet selten. stört es zu Hause am Wahlabend nicht im Geringsten. von »Jetzt wird aufgeräumt!« bis »Sie werden hiermit aufgefordert. auch die Substantive. Wer geliebt wird. Das Vierte. bis . das Wort Wahl hundertmal zu hören und zu sagen. denn Sturm ist mehr und Brise weniger. das alle Hörer. aber von wem. Fresse und Visage. albern gleich aus vier Gründen. oft unvermeidlich und ziemlich oft ein Ärgernis.. nur etwas anderes meinen kann. das Gesicht nicht gegen Fratze. abscheulich sagen kann. der könnte ja schweigen. ekelhaft. allerdings. Und es dient sogar der Einschüchterung. Aber was sollte dann aus unseren Talkrunden werden. LEKTION 8 Misstrauen wir den Synonymen Nur Deutschlehrer lieben sie Als eine »schwer griechisch klingende Journalistenkrankheit« verspottete die SÜDDEUTSCHE ZEI TUNG jüngst die »Synonymitis«: die verbreitete Vorstellung nämlich. Nicht für Wind. . ist aber schon für den Hund vergeben). der diese Missgeburt über den Sender lassen musste. alle Leser selbstverständlich haben: dass einer. wie Journalisten es lieben. weiß noch keiner. der dasselbe meint. drittens.. das Schlimmste aber: Schon die Suche nach einem Tauschbegriff verletzt das Urvertrauen in die Sprache. hässlich obendrein: »Seitens des Vorstands wird die Herausforderung darin gesehen . die mit dem Satz beginnen: »Die Geschäftsbedingungen sind geändert worden« – juristisch die pure Unverschämtheit. die tragenden Begriffe eines Textes. Oft folgt. auch für Gesetzestexte (»Mit Freiheitsentzug nicht unter fünf Jahren wird bestraft. Goethe ist Goethe – und weder der Dichterfürst noch der Wirkliche Geheime Rat.. aus der Bundesbank die Währungshüter. Den Radiosprecher. sprach sie. wenn er plötzlich etwas anderes sagt. Zweites Ärgernis: Viele Berufsschreiber betrachten das Passiv ohne Not als gleichberechtigte Form des Verbums.« Für das dritte Ärgernis lieferte die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth ein Beispiel in der Talksendung von Günther Jauch: »Das Ethische ist in unserer Gesellschaft weitgehend verdrängt worden«. Verwirrend aber ist es. der gleich zwei Rätsel aufgibt: »Das Ethische«.

Aber was wir gar nicht erst verstehen. Bonn 2012 László Moholy-Nagy: »The Great Railroad«. ihre Einsichten so zu formulieren. im Zeitalter unseres Technokraten. Wollen Philosophen. der explizite Traditionen und implizite Selbstverständlichkeiten als von Interessen gesteuert durchleuchtet. muss deshalb auch nicht richtig sein. wenn er annahm. Grandios! Nur sollten wir ihnen kein Wort glauben. wenn sie behaupten. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. ob es nicht besser gelingen könnte. Informatiker haben es schwer. war – denkt man an Beschimpfung. Doch ein etwas größeres Bemühen darum dürfen wir uns wünschen. Soziologen. nachdem es mit der Erklärung der Himmelsbewegungen nicht gut fortwollte. die Affirmation von Differenz und der dekonstruktivistische Blick. das überwältigend Neue lasse sich nicht einfach sagen.DIE WÖRTER Abb. Vielleicht waren sie ja falsch. Hat nicht selbst Immanuel Kant sich schlicht und farbig ausgedrückt. 1920 (Detail) LEKTION 9 Verachten wir den Wissenschaftsjargon Über Laien schießt er hochnäsig hinweg Dass die Sprache »die große Gesellerin der Menschen« sei.« Da sind wir baff. versuchte. enthalten ein sozialrevolutionäres Potenzial. Psychologen überhaupt verstanden werden? Oder vertrauen sie darauf. wie Johann Gottfried Herder 1785 schrieb. Verfluchung und Befehl – schon damals übertrieben. Mathematiker. als sie in einem Vortrag sagte: »Die emphatische Standortbezogenheit. DIE ZEIT 18 . was sie nicht verstehen? Oder treibt sie gar die Sorge um.und Wissenschaftsjargons ist die Sprache weithin in die Rolle der Spalterin geschlüpft. von ihrer Wissenschaft bliebe nicht genügend übrig. und aus der Pubertät haben sie die »adoleszente Identitätsfindung« gemacht. als er den Umsturz des überlieferten Weltbilds durch Kopernikus darlegte? »Kopernikus. Ebenso wenn Linguisten von »Linearisierungsoptionen an der Satzperipherie« sprechen oder Pädagogen von den »Neudiskursivierungen des Raumparadigmas«. wenn sie sich verständlich machte? Was dachte sich jene Professorin von der Universität Konstanz. wenn er den Zuschauer sich drehen und dagegen die Sterne in Ruhe ließe. Natürlich: Physiker. dass viele Leute – und Deutsche mehr als Engländer und Franzosen – gern alles für erhaben halten. das ganze Sternenheer drehe sich um den Zuschauer. dass interessierte Laien ihnen folgen können.« Viel bewirken jedoch könnte guter Wille in den Geisteswissenschaften. Sigmund Freud zum Beispiel hat ebendies geschafft: umstürzende Einsichten in durchweg elegantem Deutsch. Gerade in ihnen aber fehlt er oft. das auch für identitätspolitische Zwecke nutzbar gemacht werden kann.

« (Georg Büchner. etwas zu sagen. ritt dreimal täglich.1) »Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. 2009) Ironisch: »Zu seinen Sachen kam er wie die Weiber zu schönen Kindern.. 1961) »I have seen the future. um 1835) »Er stand auf.« (Paul Krugman.« Von den Chancen (und Tücken!) der Nebensätze später ¤ Lektion 14. und der alte einäugige Pudel begleitete ihn. sie denken nicht daran und wissen nicht. Für Schreiber. die gelesen werden wollen. schlug einen messingnen Kamm in sein Haar. exer zierte jeden Tag seine Truppen und kannte nur ein Vergnügen: Europa zittern zu machen. knöpfte seinen Rock von oben bis unten zu.« (Carl Sandburg. und der Mond schien die ganze Nacht und stand über den Bergen. 1936) »Wir danken allen. Dann bekämpfen sie dich. wie. Dann hast du gewonnen.« (Psalm 23. 1941) In schöner Ruhe: »So lag er nun da allein. bloß weil er ein Hauptsatz ist. von Schweden. als die urtümlichste und bis heute kraftvollste Form. Wir vergessen keinen. und die Proletarier fallen. dafür ein paar klassische Beispiele – krass gemischt. zu Eckermann. 1762) »Die Dividenden steigen.« (Rosa Luxemburg über die Gewinne der deutschen Rüstungsindustrie. als alleiniges Satzmodell bei Sprichwörtern.« (Der SPIEGEL über den Selbstmord des ehemaligen Bundeswehrgenerals.« (Abschiedsgruß der SPD an ihre Ostberliner Genossen nach dem Bau der Mauer. LENZ. saß nur eine Viertelstunde an der Tafel. DER GESELL SCHAFTSVERTRAG.« (Karl Philipp Moritz in seinem Roman ANDREAS HARTKNOPF. 1925) »Sometime they’ll give a war. ehe wir uns den Nebensätzen ¤ Lektion 14 widmen. trank keinen Wein. Jahrtausende bevor zum ersten Mal ein Satz erklang: »Da schleicht ein Löwe auf uns zu!« Und wiederum Jahrtausende. NEW YORK TIMES. mir wird nichts mangeln.« (Voltaire über Karl XII. der . and nobody will come.DIE SÄTZE LEKTION 10 König der Sätze Der Hauptsatz ist der älteste – und immer erste Wahl Erst lange nach den Wörtern kamen die Sätze. wird der Wächter vor der Höhle gerufen haben. als beherrschendes in der Lyrik.. 1992) Temporeich: »Er stand früh um 4 auf. und alles war ruhig und still und kalt.« (Mahatma Gandhi über den passiven Widerstand. von der DDR gelenkt und von allen guten Geistern verlassen. and it won’t work. kleidete sich selbst an. Wir vergessen nichts. Lapidar: »Der Herr ist mein Hirte. 19 DIE ZEIT . Natürlich: Nicht jeder Satz ist gut. es war nichts mehr zu machen.« (Lessing an Pastor Goeze. über seine Studienreise durch China. sind Hauptsätze folglich immer erste Wahl. Hier werden die Hauptsätze gewürdigt: als Grundpfeiler aller Kommunikation. Auf ein paar hässliche Formen kommt gleich die Sprache ¤ Lektion 12. bis der Nebensatz erfunden war: »Ein Löwe.« (Rousseau. sah.« »Lobet den Herrn und her mit der Munition!« (Der amerikanische Militärgeistliche Howell Forgy beim japanischen Überfall auf Pearl Harbor. 1786) In äußerster Rechthaberei: »In diesem Ton schreckt man auch ab. 1959) »Bastian galt als von Moskau bezahlt. 1778) All dies können Hauptsätze leisten. den elastischen und musikalischen ebenso wie den ärgerlichen und deplatzierten. Und das wollte ich. 1825) »Zudem hatte die Hebamme mich schon abgenabelt. Dann lachen sie dich aus.« (Goethe über Byron. »Löwe!«.« (Klage des Oskar Matzerath in der BLECHTROMMEL von Günter Grass. Nobelpreisträger für Wirtschaft. Was sie leisten können. die vielleicht sogar eine Botschaft haben. Abschrecken wollte ich. 1915) »Zuerst ignorieren sie dich. Hilferufen und Befehlen. in der Werbung und in der mündlichen Rede. ob sein Vetter noch schlief – und dann ließ er ihn ruhig schlafen und wanderte an seinem Stabe in der kühlen Morgenluft dem geliebten Hügel zu. 1731) »Praise the Lord and pass the ammunition.

sie elastischer. fröhlicher. hielt er entgegen: »Doch konnt’ ich wissen. das dem Deutschen von Professoren. er hat die ganze Besatzung über die Klinge springen lassen. für alle Höhenflüge gerüstet – so hat Heine die deutsche Sprache bereichert. böser. tänzerisch serviert – dem Vorwurf. der Oberherr der Welt schwimmt unbewiesen in seinem Blute. Des abends in der Schenke: Das fördert die Verdauungskraft Und würzet die Getränke. Leichtfüßig. Er schrieb Gedichte. Wenn er selber über den Philosophen (und dessen Diener Lampe) schrieb. es gibt jetzt keine Allbarmherzigkeit mehr. Nur hatte Heine damit das Korsett gesprengt. dass sie gelauscht. Heine. leichtsinnig. und der alte Lampe steht dabei mit seinem Regenschirm unterm Arm als betrübter Zuschauer. er habe ein Mädchen mit seinen Liebesschwüren genarrt. die Unsterblichkeit der Seele liegt in den letzten Zügen. Ministerialbeamten und vaterländischen Dichtern verpasst worden war – verwandt darin dem jungen Goethe. was Zynismus. der die Sprache liebt. der eine rote Jacke angezogen hat und nun zu sich selber sagt: Kleider machen Leute. dann las sich das so: »Er hat den Himmel gestürmt. mit allen Wassern gewaschen. der ihm im Restaurant lästig fiel: »Er sah aus wie ein Affe. habe »der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert. mit der Deutschland Europa erschüttern werde: »Die alten steinernen Götter erheben sich aus dem verschollenen Schutt und reiben sich den tausendjährigen Staub aus den Augen. dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern können«.« Und zum Donnergrollen konnte er die Sprache steigern. größrem Leiden. Von Herzen. Die letzten acht Lebensjahre verbrachte er krank überwiegend im Bett DIE ZEIT 20 Abb. Was ist Mitleid. auf nichts festzulegen. ging er 1831 als Zeitungskorrespondent nach Paris. wie Goethe sich von den Brüdern Schlegel zum Olympier stilisieren ließ: »Sie bauten ihm einen Altar und räucherten ihm und ließen das Volk vor ihm knien. wie er sie nannte. gegen den »Packpapierstil« des Immanuel Kant. die sich schlecht vertragen Und dennoch brechen. Alle Ladenschwengel also. Von ihm lernen kann jeder. wenn sie scheiden. Mit den Sternen droben gesprochen?« Wenn er selber liebte und litt. Und infam konnte er werden – so über einen Handelsvertreter.« Man muss ihn nicht mögen. (Ausschnitt): Rue des Archives/Süddeutsche Zeitung . bevor der in Weimar zum Geheimrat aufstieg. klang es anders: »Melodisch kann ich wieder klagen Von großem Lieben. aber dieser war ein ehrlicher Mann und wollte nichts von ihnen wissen. weltläufiger gemacht. keine jenseitige Belohnung für diesseitige Enthaltsamkeit. Mag sein. und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome. von glühender Liebe berauscht. Theologen.« Dann wieder ein fast zärtlicher Zynismus. Als seine Schriften zensiert wurden und ihm die Verhaftung drohte. Mit seinem kritisch-polemischen Stil schuf er eine moderne feuilletonistische Prosa. Jurist und Journalist. Reisefeuilletons und Satiren. sagte er. und Angstschweiß und Tränen rinnen ihm vom Gesichte.SPRACHMEISTER (III) HEINRICH HEINE D E R B R I LL A NTE Z Y N I K E R K arl Kraus mochte ihn nicht.« Oder über die Art. Als ich. Heinrich Heine (1797–1856) war Kaufmann.« So zog er gegen die »hofmännisch abgeklärte Kanzleisprache« zu Felde. was Sozialkritik in diesen Versen? »Der Knecht singt gern ein Freiheitslied. Sie hatten sich auch an Schiller gemacht. keine Vatergüte. in den Spott verliebt. So in seiner Warnung von 1834 vor einer Revolution.« Die Ironie war sein Lebenselixier: Der Herzog von Nemours »ist ein vorzüglicher Jäger und soll jüngst einen Bären in sehr große Gefahr gebracht haben«. der nackten Bosheit fähig. Balladen und Lieder.

ist. dieses Satzmuster ist eine deutsche Besonderheit und eine höchst erfreuliche dazu. »deshalb ich habe« sagen sie zumeist. dass Leser es verstehen können und es lesen mögen. Die einfachste und eine meist unbedenkliche Art. Zuwiderhandlungen werden als unerlaubte Sondernutzung zur Anzeige gebracht. Dann aber kann die Abwandlung des häufigsten Satzbaumodells die reine Wohltat sein. überlange Substantive. vorzugsweise solche.« Ein solcher Auftakt zieht die Vertauschung von Subjekt und Prädikat nach sich.. die Inversion.«. Verbieten aber müssen wir uns die Mehrzahl davon: »Die Letzten beißen die Hunde« – das lässt ja die Deutung zu.. die mit Er – Er – Er oder mit Meier tat dies – Müller tat das – Schulze tat jenes beginnen.. verwirklichte. der Kunst der Verständlichkeit und der Leserfreundlichkeit des Schreibens widmen möchte. aus Raubschiffen zieht sich eine Marine zusammen (Umstandsangabe mit Inversion). Und stünde bei den Reiseabfällen einfach »sonst kriegen Sie Ärger!«. Kanzleistil.« Kurios genug: Eine erlaubte Sondernutzung wäre ja für die Einbringung einer Anzeige keine hinlängliche Begründung. »deren mehrmalige Verlesung die Zimmerpflanzen zum Verdorren bringt« (wie es in einem STREIFLICHT der SÜD DEUTSCHEN ZEITUNG hieß). Und wer sich.DIE SÄTZE LEKTION 11 Wörter in Bewegung Wie wir den Satzanfang variieren können »Den Letzten beißen die Hunde«. Es bringt. Oder mit dem Adjektiv: Schnell bist du nicht gerade gekommen. Also nicht: Unsere Aufgabe ist die Lösung der anstehenden Probleme.. auf erkünstelte.. entwickelte.« Bürokratenjargon nennen wir dergleichen.. so wäre nicht nur das Deutsch drastisch besser. liest sich das (in der GESCHICHTE DES ABFALLS DER NIEDERLANDE so: »Jetzt werden Seehelden aus Korsaren (Zeitangabe mit Inversion). abstoßendes Deutsch – in Formulierungen zumal. und eine Republik steigt aus Morästen empor« (nun erst das Subjekt). die mit -ung enden: Inverkehrbringung und Beampelung in der Straßenverkehrsordnung. die Engländern und Franzosen nicht zur Verfügung steht: Erschöpft kam er . das sagen wir mitunter. die sogleich deutlich macht: Hier wird abgewichen von der üblichen Wortstellung Subjekt – Prädikat – Objekt (Der Hund beißt Max). bringt Leben in den Text.. Ausweg 2: Man verkürze den Hauptsatz und verwandle die hässlichen Nomina dadurch in Verben. Ausweg 1: Man setze Verben an die Stelle der gespreizten. In Berlin bezog sie . erfreulicherweise. 2012 liest sich das auf Abfallkörben an deutschen Autobahnparkplätzen so: »Nur Reiseabfälle. sondern die Beißenden sind.. Zielerreichung und Kenntniserlangung bis ins Vorstandsdeutsch hinein. Dass die Zusammenarbeit eine echte Materialisierung erfuhr (Managerdeutsch). ¤ Lektion 14). ließe sich ja so sagen: dass sie sich materialisierte. Bei Schiller. zeigte. Nichts nämlich langweilt uns beim Lesen schneller als eine Abfolge von Sätzen. . wenn uns eine Deklinationsform zur Verfügung steht (den Letzten). wie man so schreiben kann. der wäre noch besser beraten. Deutsch sprechenden Ausländern macht das Mühe. das Objekt also vorn. Beamtendeutsch. dass die Letzten nicht die Gebissenen. den Satzbeginn zu variieren.. ist es. Im Grenzfall – der sogenannten Ausdrucksstellung – dürfen wir einen Satz sogar mit dem Verbum eröffnen: Verloren haben wir wenigstens nicht. wenn er grübelte. sondern: ... einem Großmeister auch der Prosa.. Doch Behörden und Juristen sind auf den Nominalstil versessen. und »angezeigt« wäre sowieso das bessere Deutsch. Nicht: »Ich habe deshalb« – sondern: »Deshalb habe ich beschlossen. Noch um Mitternacht wollte er . sondern vermutlich würde sich auch die Zahl der unerwünschten Sondernutzungen deutlich verringern. 21 DIE ZEIT . gequälten Substantive. »Den Anfang machte . eine Abwechslung in die Satzmelodie. die anstehenden Probleme zu lösen. dass man einen Nebensatz anhängt (einen von den guten. »Den Einkünfteerzielungstatbestand« zum Beispiel »erfüllt derjenige. So viel Beweglichkeit lässt die Grammatik zu – nutzen wir sie! LEKTION 12 Die Krone der Hässlichkeit Bürokraten sind in sie vernarrt Auch in Hauptsätzen lässt sich Unrat produzieren: schwer verständliches. der über die Leistungserstellung disponieren kann. dass wir mit einer Umstandsangabe oder einem Adverb einsteigen. Nutzanwendung – mit dem Objekt eröffnen dürfen wir einen Satz nur dann. selbst wo wir in lauter Hauptsätzen schreiben.

Ihre Häufung markiert einen Tiefpunkt der Verständigung und wird doch unter Sprachfreunden selten beklagt – ja. Liest er also zurück? Ja. ¤ Lektion 14 LEKTION 14 Die schöne heikle Nebensache Wie wir mit Nebensätzen umgehen sollten Es gibt kraftvolle Nebensätze. 23 (Ausschnitt): Sammlung Rauch/Interfoto .. hat also den Empfänger entweder geärgert oder vollkommen an ihm vorbeigeschrieben. Weiß er. der angehängte Nebensatz! Er ist es nicht immer. muss fühlen«.. was er alles über sie gelesen hat? Natürlich nicht. In einer renommierten deutschen Zeitung so: »Die fast ausschließlich ästhetisch argumentierende und ob der Koproduktion von naturgemäß hehrem Kino und selbstredend unfeinem Fernsehen pikiert die Nase rümpfende Kritik . »dass das Licht gut war«..« Doch mit erhabener Gleichgültigkeit gegenüber dem Leser (oder mit perversem Stolz auf die souveräne Beherrschung eines grammatisch abgesegneten Unfugs) zelebrieren viele Berufsschreiber das Unzumutbare.« 20 Wörter zur näheren Bestimmungen einer unbekannten Sache.. Und dies ohne jede Not! Es gibt ein so einfaches. dass die Nachbarn . zum Beispiel. wenn er wirklich interessiert ist. Bei Matthias Claudius: »Der Mann ohne die Frau ist ein alter Junggeselle. definiert er das Vorurteil? Es ist »eine ohne Prüfung der objektiven Tatsachen voreilig gefasste oder übernommene. die er hätte haben können. in sieben Hauptsätzen vollzogen. die wir in beliebiger Menge zwischen Artikel und Substantiv schieben dürfen.. noch. Keine Handlung mehr. Wie. Besser: »Eine Kritik. und dies bis zur Lächerlichkeit. Die letzte Spielart ist die häufigste. erschuf Gott den Nebensatz: Er sah. die dem Leser gleichsam auf dem Gnadenwege doch noch übermittelt wird. willkommene – und ärgerliche auch. bei »Meinung« angekommen. dass es eine ist. der Duden selber verwendet sie. als wäre ich Luft.« Der typische angemessene Nebensatz ist der achte Satz des ALTEN TESTAMENTS. S. die . die in der Grammatik zwar Nebensätze heißen.« Sigmund Freud schrieb 1915 in einem Brief an Albert Einstein: Die schmerzliche Enttäuschung »über das unkulturelle Benehmen unserer Weltmitbürger« habe auf einer Illusion beruht: »In Wahrheit sind sie nicht so tief gesunken. Der Schreiber nennt erst die Sache oder die Person – und dann ihre Eigenschaften: »Ein Vorurteil ist eine Meinung. keine Hauptsache. angenehm zu lesendes Satzmodell.« Konsekutivsätze heißen diese Sätze.. Der Sender. die die Mittel. die die Wirkung der anderen Satzhälfte beschreiben.. schlüssiges. Kraftvoll sind die.. Eine Meinung.« (Fortsetzung auf Seite 24) DIE ZEIT 22 Foto. die Umstände jener Handlung benennen. sonst vielleicht als einer unter hundert. Aber mit ein paar großartigen Exemplaren fangen wir an. eine Erläuterung: Das ist die klassische Funktion eines angemessenen Nebensatzes. der am Fenster sitzt und die Kinder winseln hört. aha! Nach nicht weniger als 18 Wörtern zur näheren Bestimmung erfährt der Leser. nicht einmal ein Gedächtniskünstler würde das schaffen. die . oder: »Er schrie so laut. nach Logik und Gewicht aber die andere Hälfte eines Hauptsatzes bilden: »Wer nicht hören will. weil sie gar nicht so hoch gestiegen waren. die sich im Hauptsatz vollzieht: »Sie ging an mir vorbei. meist von feindseligen Gefühlen gegen jemand oder etwas geprägte Meinung«.« Was für ein schönes.DIE SÄTZE LEKTION 13 Nur für Gedächtniskünstler Die vermaledeiten vorangestellten Attribute Zum Schlimmsten. Klarheit schaffendes Instrument kann er sein. wie wir fürchten. sondern eine Pause. Nach den Schöpfungsakten des ersten Tages. angemessene. das dieses Problem auf Anhieb löst. wie wir’s von ihnen glaubten. Kraftvoll sind auch die sogenannten Modalsätze: Nebensätze. wie er in der Linguistik heißt. gehören die vorangestellten Attribute: die Beifügungen aus allen Wortarten. was die Grammatik uns erlaubt.

warum man mich nicht lese«.« Nicht nur in den rauschhaften Eruptionen der Sprache – auch in kargen Sätzen war Nietzsche Meister. mit ruhigem Auge und festem Schritt durch das Leben gehen. sein Zustand wäre! Aber . verführerisch.. das man ›zähmen‹ will. dass das alles gerade sein Besitz. dem Burckhardt nachrief: »Nietzsche hat die Freiheit in der Welt vermehrt. Die Luft dünn und rein.) Also vielleicht doch ein interessanter Mensch im Himmel? Jedenfalls einer. dieser unheimlichsten und interessantesten Pflanze unserer irdischen Vegetation.. und im Jahr danach: »Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum. die Gefahr nahe und der Geist voll einer fröhlichen Bosheit. dass das Leben ein Experiment des Erkennenden sein dürfe – und nicht eine Pflicht. aus Mangel an äußeren Feinden und Widerständen. »Noch in meinem 45.. »der Virtuose ohnegleichen«. die literarische Form meiner Schriften sei der Grund. »Zur Genealogie der Moral«.« Friedrich Nietzsche (1844–1900) gilt als einer der bedeutendsten Philosophen. Zu seinen Haupt werken zählen »Also sprach Zarathustra«.« Doch er zog die Entzückungen der großen Prosa vor: »Nein! Das Leben hat mich nicht enttäuscht! Von Jahr zu Jahr finde ich es vielmehr wahrer. dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte.. annagte. schrieb er ein Vierteljahr vor dem Ende – »ich sollte es anders machen. der sich. wie Walter Jens ihn nannte... die nächste Ewigkeit durch schlechte Witze zu unterhalten . aufstörte.SPRACHMEISTER (IV) FRIEDRICH NIETZSCHE D E R V I R T U OS E H at man bemerkt. nicht eine Betrügerei!« Noch aus seinen Briefen vor dem Zusammenbruch im Januar 1889 leuchten Sätze hervor wie der Hymnus »Singe mir ein neues Lied! Die Welt ist verklärt. welche die Wellen des Daseins bisher ans Ufer gespült haben. widerstrebend. »Vielleicht ist dies der stärkste Zauber des Lebens: Es liegt ein golddurchwirkter Schleier von schönen Möglichkeiten über ihm. die ihm den Weltruhm eintrug. Ja. begehrenswerter und geheimnisvoller – von jenem Tage an. den er an seinen väterlichen Freund Jacob Burckhardt richtete: »Da ich verurteilt bin. verheißend.. der Kapriolen. erfahren wir nicht mehr. schamhaft.« Aufregender aber Nietzsches andere Sprache: die mit der Üppigkeit der Farben und der Klänge. Lebensjahr geben mir Gelehrte der Basler Universität in aller Gutmütigkeit zu verstehen. nicht ein Verhängnis. wo der große Befreier über mich kam: jener Gedanke. immer zum Äußersten bereit wie zu einem Feste und voll des Verlangens nach unentdeckten Welten und Meeren. »Was wollt ihr eigentlich Neues? – Wir wollen nicht mehr die Ursachen zu Sünden und die Folgen zu Henkern machen«. Mutter und Schwester pflegten ihn bis zu seinem frühen Tod. und alle Himmel freuen sich. der Zwischentöne. Menschen und Göttern. und Thomas Mann resümierte: »Goethe und Nietzsche führten die deutsche Sprache zur Vollendung. ungeduldig selbst zerriss. eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr. und im tiefsten Genusse des Augenblicks überwältigt werden von Tränen und von der ganzen purpurnen Schwermut des Glücklichen: Wer möchte nicht. dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wund stoßende Tier. dem Feuerwerk der Ideen..« Leser fand er zu Lebzeiten wenige. kühnen. verwegenen Seele genießen. auf jede heitere Musik hinhorchen .« Und im letzten Brief. Er kritisierte die traditionellen Moralvorstellungen und wurde zum Wortführer des aufkommenden Nihilismus in Europa. später in Italien und Jena. notierte er 1887. mit diesem Glück Homers in der Seele ist man auch das leidensfähigste Geschöpf unter der Sonne! Und nur um diesen Preis kauft man die kostbarste Muschel. 1889 erlitt er einen psychischen Zusammenbruch und war fortan arbeitsunfähig. misshandelte.. »Der Antichrist« und »Ecce homo« 23 DIE ZEIT . verfolgte. eine Folterstätte. für Gottfried Benn »seit Luther das größte deutsche Sprachgenie«.« Das war er. Das war der Stil. eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte.« Als der große Psychologe der Moral schrieb er so: »Der Mensch. der aus sich selbst ein Abenteuer. spöttisch. dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangene wurde der Erfinder des ›schlechten Gewissens‹ . dass im Himmel alle interessanten Menschen fehlen?«. das Leben ist ein Weib!« Alles Glück aber ist ein Risiko: »Einer starken. zog er die Summe seiner Lehre. Er lebte von 1869 an in der Schweiz. wie er ihn seinen Zarathustra fordern ließ: »Sprüche sollen Gipfel sein. mitleidig.« (Was er damit begründen wollte.

»eine Phrase in die andere ge- leimt«. der fließend Chinesisch spricht. deren Handicap beim Verstehen des Kosmos größer ist als seines. »Meyer betonte.« – nun folgt der Hauptsatz. und schön gesagt ist es sowieso. Die ärgerlichen Nebensätze sind von fünferlei Art: 1. immer höhere Anforderungen gestellt. Leser: weg. BUCH MOSE. und schriftlich hat man damit. durch einen eingeschobenen Unternebensatz von 10 Wörtern verschönert – »dass derselbe Mann Leuten. seit es eine eigene Kunstform geworden ist.«– über so viel Hauptsatz offenbar erschrocken. dies mit menschlicher. Beispiel von 2012 aus einer renommierten deutschen Zeitung: Der Satz beginnt mit einem vorangestellten Nebensatz von 9 Wörtern. Sie enthalten. 2. Simultandolmetscher: Aus dem Deutschen zu übersetzen ist wahrlich eine Katastrophe. was Meyer betonte – wird in einen Bandwurm von Nebensatz geschoben. Autor: vermutlich stolz. dass das Nachbarhaus in Flammen stand«) – oder eine gleichberechtigte zweite Hauptsache: »Zehn Jahre lang führten die Firma zwei Brüder.« Meist sollte man es bleiben lassen. dass er auf dem Hochseil der Grammatik Pirouetten drehen kann. die Niederlagenstimmung der Physik überwinden half. im Gewirr der Wörter nicht ganz leicht zu finden – »ist so erfreulich wie die Tatsache.. technischer Hilfe Lügen zu strafen. 3. dem man einen frühen Tod geweissagt hatte und dem es gelang. An den Hauptsatz ist eine Nebensache angekleistert. Sie sind länger als der Hauptsatz. 6 Wörter lang. wenn sie den Satz von zwei Missbräuchen befreien: den Nominalkonstruktionen ¤ Lektion 12 und den gehäuft vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. mit Büchern wie EINE KURZE GESCHICHTE DER ZEIT zu Hilfe kam. 1919 (Detail) Abb. (Ausschnitt): akg-images DIE ZEIT 24 . die heute zerstritten sind« – statt: »und heute sind sie zerstritten«.« Relation Hauptsatz : Nebensatz – 6 : 53. Das kann man meistern wie Siegfried Kracauer: »An das Nichtmalenkönnen werden. Aber Zeitungen und erst recht Protokolle schmücken sich gern mit der Relation 2 : 50. In freier Rede ist das fast unbekannt. »Sie glauben gar nicht. Wissenschaft und Feuilleton. in den ein Unternebensatz von 11 Wörtern eingeschoben ist.DIE SÄTZE (Fortsetzung von Seite 22) Willkommen sind Nebensätze. Der Nebensatz wird in den Hauptsatz hineingezwängt: Der Schreiber unterbricht den eigenen Textfluss durch die Abfolge A1 – B – A2. . das Verhältnis ist 4 : 9. und alles Wichtige – nämlich das. die keinen Bezug zur Hauptsache hat – ein Klassiker in Geburtstagswürdigungen. hängt der Schreiber sogleich einen Nebensatz von 15 Wörtern an. welch ein elender Abklatsch schlechter Romane das Leben ist« (Joseph Roth) – das geht noch. 5. Ein spärlicher Hauptsatz wird in einem Sumpf von Nebensätzen ersäuft – ein beliebtes Modell in Wirtschaft. nach Schopenhauer. in den ein Unterunternebensatz von 8 Wörtern eingeschoben ist: »Dass ein Mann.« damit ist der Hauptsatz beendet. wenn der Autor ein Detail noch unterbringen möchte: »In der Rolle des Hamlet brillierte wie immer Max Meyer.. anders als im 1. eine Handlung – oder gar die Hauptsache (»Ich entdeckte.« 4. Paul Klee: »Villa R«.

. diese dreie hört’ ich preisen. In seiner META PHYSIK DER GESCHLECHTSLIEBE häuft er zwischen zwei Punkten 16 Gründe. Liebe. in beliebigem Abstand nachhinken lassen dürfen.« Wie Siegfried Lenz in der DEUTSCHSTUN DE: »Ich erzähle keine beliebige Geschichte. zu einem Schlüsselbegriff der Diskussionen um . ja die zweite Hälfte des Verbums. wie es die zwei Teile eines Verbums sind – sie endet bei 6 bis 7 Wörtern.. in Anschluss an . (und nach 63 Wörtern) entwickelt hat«. Vorwärtstreibend schrieben sie: Wie Schiller in der GESCHICHTE DES AB FALLS DER NIEDERLANDE: »Die Mannschaft war zahlreich. ich möchte . ist zum Ersten jeder Instinkt für eine Ausdrucksweise. ja »ein feindseliger Dämon« sei – mit dem Fazit: »Es handelt sich ja bloß darum. zweitens. Erstens. berechnet für eine diffuse Leserschaft. aber ach: Ich fand sie nie. Sie beherrschen sollte auch heißen: sie zähmen können. die in Redaktionen und Stilfibeln gilt.und ich pries und suchte sie. Im Deutschen steht dem eine Tücke der Grammatik entgegen. die erst den Sinn stiftet. nicht Thomas Bernhard. für die Antwort auf die Frage also: Wer tut was? Und es ist kaum zu fassen. aber die meisten Berufsschreiber. das Moor kocht seine blasige Suppe. weil auch kurze Sätze hässlich sein können (»Vor dem Verzehr vor dem Essen wird gewarnt«). sondern die Frage.. die für die Forschung ein Gesetz sind. Sie gilt ebenso für den Abstand zwischen Subjekt und Prädikat. ebenso wie für die Poesie: Fettfrei sollten die Sätze sein. Wir haben also allen Grund. und auch in der Prosa sollten wir uns dem zu nähern versuchen.« Das war 1968. ein wachsender Bedarf an hochwertigen Nahrungsmitteln und die Kohlendioxyd-Problematik angesprochen.« Was hier fehlt. Da will uns die BROCKHAUS ENZYKLOPÄ DIE von 2006 die »Erinnerungskultur« definieren.. Pervertierung der deutschen Grammatik.« Natürlich: 7 Wörter.. weil gar nicht die Länge eines Satzes über seine Verstehbarkeit und seine Kraft entscheidet. ich lasse uns arbeiten unter den Geräuschen einer gemäßigten Brandung. fest ihr Vertrauen auf Entsatz und ihr Hass gegen die katholische Religion aufs Äußerste gestiegen. Kurios nur: Die meisten großen Autoren deutscher Sprache – nicht Kleist. temporeich und von Heinrich Heine.. ihr Mut verzweifelt. warum die Liebe eine Verirrung. das ist eine grobe Zahl.DIE SÄTZE LEKTION 15 Wie lang darf ein Satz sein? So lang. »der sich vor dem Hintergrund einer . die Deutsch lernende Ausländer zur Verzweiflung treibt. denn was beliebig ist.Vernünftig ist sie insofern.. nicht behängt mit den Girlanden eingeschobener Nebensätze ¤ Lektion 14. als sie ein verschachteltes Satzgebilde etwa von 40 Wörtern – Alltag im Amtsdeutsch – zuverlässig verhindert. die Bereitschaft zu geruhsamem Lesen aber im Gleichschritt vermindert.« Simpel.. die Fähigkeit also. mit welcher Gleichgültigkeit gegen den Leser viele Schreiber zu Werke gehen. doch die meisten eben – haben sich vor aller Wissenschaft instinktsicher genau so verhalten. Sie wird vorgestellt als ein Begriff der Kulturwissenschaft. wenigstens als Faustregel in Ehren zu halten. also leserfreundlich wäre – und zum Zweiten die Kenntnis der Grundeinsicht einer exakten Wissenschaft.. »Freundschaft. auch die Deutschlehrer ignorieren sie): Die Speicherkapazität unseres Kurzzeitgedächtnisses. vorwärtstreibend. Einer der übermütigsten Sätze deutscher Sprache besteht aus sage und schreibe 187 Wörtern und ist von Schopenhauer. zwei Wörter als zusammengehörig zu erkennen. wie ihn unser Atem trägt Höchstens 15 oder 20 Wörter! So lautet eine Faustregel.. das Schilf rauscht. Deshalb bestehe ich auf einem drückenden Himmel. und seitdem hat sich das Textangebot mithilfe des Internets vervielfacht. ob er schlank und überschaubar ist.. nicht Thomas Mann. um 27 Wörter zum Beispiel in einem Geschäftsbericht von 2012: »In dem Magazin werden mittels modernster Internet-Technologie die Megatrends der Zukunft wie beispielsweise eine steigende Anzahl von Herz-Kreislauf-Krankheiten. ganz richtig ist sie nicht.. die 7 Wörter. die unverkrampft und ans Mündliche angelehnt.« Für unsern Alltag gilt. beispielsweise . kommen. im Hinblick auf . und auch muttersprachliche Leser scheucht sie häufig aus dem Text: dass wir die Teile eines zweiteiligen Verbums (ich werde . So zum Beispiel: »Mittels modernster InternetTechnologie werden in dem Magazin die Megatrends der Zukunft angesprochen. sowie die Bedeutung von . der Verständlichkeitsforschung (niemand bestreitet sie. 25 DIE ZEIT .. verpflichtet zu nichts... dass jeder Hans seine Grete finde. Stein der Weisen. nicht vollgestopft mit vorangestellten Attributen ¤ Lektion 13. machen) nicht beisammen lassen müssen (I have helped my father.. ein Vogelzug formiert sich. ich habe meinem Vater geholfen). auf verschleierter Luft und schwacher Sonne.

aus einer Fülle von Aspekten einen Brei anzurühren kann bis zur völligen Zerstörung des Kommunikationszwecks führen – wie im BROCKHAUS unter »Fremdenfeindlichkeit«. Hätte die Fülle der Gründe nicht nach einem Doppelpunkt gerufen mit vier Sätzen dahinter – oder nach Spiegelstrichen? Einem optischen Zwang zur Gliederung unterwarf sich einst Rudolf Walter Leonhardt in der ZEIT: Seine Kommentare waren gegliedert in »Pro«. die Textblöcke nachträglich neu zu gruppieren. Zu deren Erklärung werden »mangelnde politische Bildung in Bezug auf Toleranz und Zusammenleben in einer offenen. ist auch danach. die schwindende Bindekraft der herkömmlichen Parteien und politischen Lager und nicht zuletzt mangelnde politische Steuerung oder die mehr oder weniger bewusste Manipulation von F. Kommentare. natürlich. dem Sechsfachen unseres Aufnahmevermögens ¤ Lektion 15. die Menschen zu durchschauen. Kommas nach Gusto. Conclusio: Die Forderung nach Soldatinnen überschreite »die schmale Grenze zwischen Gleichberechtigung und Gleichmacherei«. aber«. bevor er ihn in die Schreibmaschine hämmerte? Dass es mit dem Computer dramatisch viel einfacher geworden ist. schrie sie« – als ob wir nicht ein Schreizeichen hätten. dem Leser schon am Anfang des Satzes das Signal zu geben: »Hebe die Stimme!« Denn in beiden Fällen tun wir das. So viel Überschaubarkeit bleibt vorbildlich. haben sich dem Gegenteil verschrieben: Punkte sonder Zahl. unwillkürlich auch beim stummen Lesen. jedenfalls das Nichtzuendelesen in der Zeitung. senke die Stimme. Bindekraft und Steuerung und dazu Manipulation: vier Gründe also. ist entweder schlecht beraten oder an Lesern nicht ernstlich interessiert. was durchs Internet geistert. »Contra« und »Conclusio« – über die 1984 aktuelle Frage »Soll es Soldatinnen geben?« zum Beispiel so: Pro: Gleichberechtigung. zumal der jüngeren Generation..DIE SÄTZE LEKTION 16 Mit Satzzeichen Musik machen Es gibt mehr als Punkt und Komma »Irme yo con él más? Mal año!« Ein muchacho ruft das in DON QUIJOTE: »Ich noch mit ihm gehen? O weh!« Mit den doppelt gesetzten Frage. auch wenn sie sich nicht in Zwischenüberschriften mitteilt. was meinen Leser animieren könnte. Vieles. und es führt zu nichts.. ist grotesk: Nun folgen sie doch. den die Grammatik eben hier vorsieht. Und so setzte er den Punkt erst. dessen Schreiber offensichtlich nachgedacht hat. nicht speziell für diesen Satz) den Nobelpreis bekommen. geeignet. Sieben Satzzeichen haben wir. Sogar das Semikolon sei empfohlen: »Ich habe es satt. DIE ZEIT 26 . LEKTION 17 Gliedern kann nicht schaden Erst denken. damit der Leser Ihren Punkt nicht als Einladung zum Aufhören benutzt. einen Text zu lesen. auch über diese kleine Zäsur hinweg? Rousseau hätte seinen GESELLSCHAFTS VERTRAG natürlich so eröffnen können: »Der Mensch ist frei geboren. pluralistischen Gesellschaft. sie erkennbar zu gliedern: zwei zum Beispiel durch ein »zwar .« Der Strichpunkt gibt das Signal: Hole kurz Atem – aber zu Ende ist mein Gedanke nicht! Elias Canetti hat (zugegeben.und Ausrufezeichen zeigt uns das Spanische: So wichtig kann man es finden. drei. sich die Mühe des Denkens vor dem Schreiben zu ersparen. Der Punkt gibt das gegenteilige Signal: Ein Gedanke ist offenbar abgeschlossen. mir sein Interesse zu gönnen. Bewerbungen sind die ohnehin das ideale Maß. ein Beispiel: »Dafür sprechen drei Gründe. der tut gut daran. Da das Nichtweiterlesen. Ist es nicht eine Wohltat. die Gedanken. Deutsche Schreiber. um die Melodie der mündlichen Rede in den geschriebenen Text zu holen. Wer fünf davon ignoriert. indem er sie auf drei Absätze verteilt – für Briefe. zur jeweils eigenen Interessendurchsetzung« genannt. Zu wenig Bildung. und das ehrt ihn ja). hat neben seinen Vorzügen einen Nachteil: die Versuchung. auf dem Bildschirm und bei unverlangten Briefen das statistische Normalverhalten ist. auch die Satzzeichen. man muss lesen. auch schläfrige Leser aufzuwecken! Ja. die drei Gründe! Jeder Leser würde das im Augenwinkel spüren und so durch den Text gezogen werden..« Den Doppelpunkt zu unterschlagen. nachdem er eine Spannung aufgebaut hatte: ». hole Luft. ersäuft in einem Sumpf von 42 Wörtern. dann schreiben Wer einem anderen schriftlich mehr als einen Gedanken übermitteln will (zwei oder drei etwa.« Aber das wäre eine Allerweltsbehauptung gewesen. ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten. nicht nur die Wörter.. Contra: Aber für diesen Fall ist sie im Grundgesetz eben nicht vorgesehen. Dies zu unterlassen. die anderen fünf Satzzeichen am besten überhaupt nicht mehr. es ist so leicht. ob Sie schon genug gesagt haben. sollte jeder Schreiber den Punkt als Problem erkennen: Habe ich schon etwas gesagt. »So nicht. die sich Leser wünschen: Messen Sie an diesem Beispiel.« Einladung an alle Schreiber.

« (351 Zeichen) Oder ein Porträt des Casanova in der WELTWOCHE: »Er war Doktor beider Rechte. Mit Friedrich dem Großen schlenderte er durch den Park von Sanssouci. neigt freilich immer noch dazu. Vom Sex war er besessen. sonnte sich im Weltruhm als Erbauer des Suezkanals und heiratete mit 65 eine 20-jährige üppige Schönheit aus Martinique. Hochstapler. Prospekte. Meist erst nach gehörten 20 Sekunden.DIE HOHE SCHULE LEKTION 18 Die Kunst des Anfangs Nach 20 Sekunden ist alles vorbei Alle Zuwendung an den Leser lässt sich mit einem einzigen Satz zunichtemachen: dem ersten – wenn er abstoßend oder zum Gähnen ist. Bewerber mindern ihre Chancen. können ein Wirtschaftswunder machen.« Oder in den BUDDENBROOKS: »Was ist das? Was – ist – das. »You never get a second chance to make a first impression«. wenn selbst Bücher so beginnen. wenn sie in KRIEG UND FRIEDEN als Erstes lesen müssen: »Eh bien. Falschspieler. Kruzifixe« – darf ein Zeitungsartikel so beginnen. Lotterie-Einnehmer. um sich oder sein Anliegen bei ihm interessant zu machen. und etwas Kostbares hat er gewonnen: Aufmerksamkeit! Dafür hat er keinen zweiten Anlauf frei. Bevor gezeugt wurde. Prospekt müssen sie binnen 350 Zeichen erfahren haben. was wir bieten und warum sie weiterlesen sollen. müssen wir mit unseren Kunden umgehen: In jedem Brief. mon prince. Genua und Lucca sind weiter nichts als Apanagegüter der Familie Bonaparte. die meisten aber wären neugierig auf die Fortsetzung. so bleibt dem Schreiber eine Chance.: »Dies ist ein Drama aus Tollkühnheit. und gedruckte Briefe. Kondome. Er hieß Ferdinand Vicomte de Lesseps. Für alle kürzeren Texte gilt: Schreckt der erste Satz wenigstens nicht ab (durch Kopfgeburten der Grammatik. als er seinen Bestseller von 1960 (ES MUSS NICHT IMMER KAVIAR SEIN) mit dem Satz eröffnete: »Wir Deutschen. den Düwel ook. In zwei Porträts historischer Figuren zum Beispiel so – in der Zeitschrift P. heißt die Nutzanwendung. schien ihm fast egal. fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen. Ritter des päpstlichen Ordens vom Goldenen Sporn und Geheimagent der venezianischen Inquisition.« (408 Zeichen) Wer so zunächst gewonnen ist. und ob er verführte oder bezahlte.« Und einen wirklich hübschen Einfall hatte Johannes Mario Simmel. Wie man dem entgegenwirken kann. das Weiterlesen zu erlisten. Bücherleser sind meist geduldiger und mit einem Satz noch nicht zu verscheuchen – wohl aber kaum animiert.« Schon ist der Text seriös geworden. und würde man ihn ausgerechnet in der FAZ vermuten? Einige Leser wären angewidert. Angebot. und sie haben recht.M. gelesenen 350 Zeichen fällt die Entscheidung – ein durchschnittliches Leseverhalten. viele irritiert. das die Praxis erprobt und die Wissenschaft ermittelt hat. Je.« Frech im BUTT von Günter Grass: »Ilsebill salzte nach. heißt ein Leitspruch amerikanischer Journalisten.« Moderner schon in ANNA KARENINA: »Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich.« Schön. c’est la question. später irgendwo mit dem Lesen aufzuhören. unglücklich ist jede auf ihre eigene Art. Genau so. Zeitungsleser hüpfen dann rasch zum nächsten Text. Amerikanische Firmen rüsten sich dafür mit dem Bild vom elevator check: Der kleine Angestellte trifft im Fahrstuhl den großen Chef und hat nun realistisch geschätzte 20 Sekunden Zeit. »Käse. und sie stand im selben ersten Satz: »– es gibt nichts. ¤ Lektion 19 und 20 DIE ZEIT 28 . Angebote sind schon zum Papierkorb unterwegs. davon gleich mehr. aber keinen Salat. die drei Könige gar nicht gerechnet. Inhaltslosigkeit oder drei asiatische Eigennamen). zwölf an der Zahl.« Grandios in Kafkas VERWANDLUNG: »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte. was Brüssel in seiner Kompetenzgier nicht regeln will. Korruption und massenhaftem Sterben – geschrieben von einem der begabtesten Traumtänzer der Weltgeschichte. Und wirklich: Mit 350 Zeichen lässt sich viel erzählen. obwohl sie den Paukenschlag weniger nötig haben. liebe Kitty. Zwei Päpste und eine Kaiserin empfingen ihn. der er emsig Kinder machte.

nämlich ein Grab mit ein paar welken Blumen. es beim Schreiben ebenso zu halten.. dass Kafka »der heimliche König der deutschen Prosa« wurde (so Hermann Hesse) und dass sein Werk im 20. offen. die Wahrheit sei knapp neben dem Bett. Manchmal. indem ich aufgestanden bin und dem Neuen Jahr die Stehlampe entgegengehalten habe. ausgedrückt in einem verblüffenden Bild vor einem Hintergrund von Angst – in jener Mischung also.. nur diese Kapitalisten des Luftraums sind . offen quer über den Teppich zu laufen«. Bilder. Sein Freund. immer Farbe. glaubt man... niemals ein abstraktes Wort. die düster und unheilvoll den gesellschaftlich entwurzelten Menschen beschreibt.« Foto (Ausschnitt): Fototeca/Leemage 29 DIE ZEIT . ›So geht es nicht weiter‹. Er veröffentlichte nur einige wenige Erzählungen. in dem er aufwuchs. solange es Dir keinen übergroßen Schaden bringt. Gehirn und Lunge hätten sich ohne mein Wissen verständigt. Kafkas Wortschatz war unauffällig.« Überwältigend naiv reduzierte er eine Riesenstadt auf die paar Quadratmeter.« Über seine Magerkeit (an Milena wieder): »Wissen Sie denn nicht. und nach fünf Jahren hat sich die Lunge bereit erklärt. Man ist eben als biblische Taube ausgeschickt worden. fragt man und weiß nicht was. und an der hoffnungslosen Liebe. weil seine Brieffreundin Milena dort wohnte: »Ich sah heute einen Plan von Wien. Kraft – ob in der Liebe.« Das schrieb Franz Kafka an Max Brod. der Schriftsteller Max Brod. hat das Gehirn gesagt.. ehe es sich von mir niederschreiben lässt. sein Satzbau unprätentiös. sieht sich zuerst nach allen Seiten um. »habe ich gefeiert. Jahrhundert der großartigste Beitrag der deutschen Sprache zur Weltliteratur war.« Bildhaft tastete Kafka sich auch an das Unsagbare heran: »Wenn man schlecht geschlafen hat. wollte ich sterben.. dass nur die Dicken vertrauenswürdig sind? Nur in diesen starkwandigen Gefäßen wird alles zu Ende gekocht. Überraschung.. der Stoff seiner Briefe vor allem das Leiden: an seinem vierschrötigen Vater. kranken Leibes. so schwer wie warm. bleibe mir treu. wenn man früh aufwacht. neben – viele sagen: vor – Thomas Mann.« Während die Tuberkulose voranschritt. Feurigeres kann niemand im Glase haben. schliefe man . und wisse. abgetrotzt. die Verheiratete. zu helfen. in Wien zu besuchen.. geschützt vor Sorgen und Wahnsinn . zum Aufnehmen bereit . die ihn nur deswegen faszinierten..« Und: »Gute Nacht. die die Sprache lieben.. dass ich Dir angehöre wie ein beliebiges Ding. mit der er zweimal verlobt war. schrieb er an Max Brod: »Manchmal scheint es mir. Er war Jurist und Versicherungsbeamter und litt die letzten sieben Lebensjahre an den Folgen einer Kehlkopftuberkulose. Seine Schreibweise ist von einer Lakonie. und sie allein sind als eigentliche Erdenbürger auf der ganzen Erde verwendbar.. »Ich erschrecke. in den Werken ebenso.SPRACHMEISTER (V) FRANZ KAFKA D E R H E I M LI C H E KÖ N I G J Franz Kafka (1883–1924) wurde in Prag geboren und entstammt einer bürgerlichen jüdischen Familie. während Du doch nur ein Zimmer brauchst.« Milena aber. käme ich sofort in die Gefahr. dem tschechisch-jüdischen Milieu. einen Augenblick lang schien es mir unverständlich. In allen Briefen. dass Du mich liebst«. seinen Freund und späteren Herausgeber – eine klassische Einladung an alle. denn im Norden wärmen sie und im Süden geben sie Schatten. am Gefängnis seines mageren. »Silvester«. »der man höchstens einmal im Jahr erlauben kann.« In einem Brief an die Schwester aus dem Sanatorium zog er Bilanz: »Die Anstalt ist für mich wie ein Federbett. die dazu beitrug. das Du in Deinem Zimmer hast. an der ganzen Unheimlichkeit der Welt. »aber wenn ich es nicht hören sollte. an der er mit 40 Jahren starb. Nichtschlafen heißt ja fragen. schrieb er aus dem Sanatorium an seine Schwester Ottla. Ewig wollte man fragen. schrieb er an Felice. Wenn ich hinauskriechen würde. gab posthum die zumeist unvollendeten Romane heraus edes Wort. hätte man die Antwort. niemals eine akademische Floskel. wenn ich höre. dass man eine so große Stadt aufgebaut hat. mein liebstes Mädchen. in der Verzweiflung oder im Galgenhumor. das hieße: Er würde nur die Maus sein. Die Welt ist nicht geheizt. der ihn verachtete. mich zu verkühlen. hat nichts Grünes gefunden und schlüpft nun wieder in die dunkle Arche.

« Oder einst von dem Wiener Feuilletonisten Anton Kuh. bis es ihn nicht mehr gab. »einen eiskalten Leser zu wärmen. Wie in dieser klassischen Passage aus der BLECHTROMMEL: »Wir kamen in den viertletzten Wagen. nur noch aus Winken bestand. wie eine Kobra zubeißt.« Auch werden neue Bilder gemalt wie im SpontiSpruch über die Zeitmode »Selbstfindung«: Das heiße offenbar »nach sich selber suchen wie DIE ZEIT 30 . Intendant der New Yorker Metropolitan Opera von 1950 bis 1972 – und eines mit Sicherheit bewirkt: Dergleichen überhört und überliest man nicht. der mit dem Unterschied zwischen Mozart und Mozartkugeln zusammenhängt. die Zahnpasta in die Tube zurückzudrücken. als er an die Thessalonicher schrieb: »Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Der Büchner-Preisträger Durs Grünbein antwortete auf die Frage »Was ist eigentlich Kultur?«: »Ich habe einen Verdacht. reichte Maria drei Päckchen Margarine und zwei Päckchen Kunsthonig. eine Art Hundert-Milliarden-Dollar-Produktion aus Hollywood. eignen sie sich kaum. es müsse sich dabei um eine gigantische Inszenierung handeln. dann fünf einsilbige Wörter – das gibt ein Bild: So macht man das. aus dem Überdruss an ihm ist die spöttische Abwandlung entstanden: »Auch Eisberge kochen nur mit Wasser.« Ähnlich bei der längst überreizten Metapher »Stellenwert«: Die früher genutzten Wörter Rang. und nicht jede bildhafte Sprache ist gut. Bilder sind gut und verblüffende Bilder noch besser. Denn immer geht es darum. Auf der Welt und bei ihrem Untergang. Nach solchen Bildern. Eher aber könnte der Apostel Paulus recht gehabt haben. trat. der einem ungarischen Gentleman das Kurzporträt widmete: »Er sah aus wie eine Kreuzung aus dem Polizeipräsidenten von Budapest mit einem. sagt der schwedische Lyriker Tomas Tranströmer.« Zum Schluss die Frage: Wie könnte man am farbigsten den Weltuntergang beschreiben? Am 21. dass man sich diese Scheußlichkeit nicht ausmalt. wäre nicht nur die schlichtere. mit rötlich wehendem Haar immer kleiner wurde. als die Lokomotive durch einen Stoß ihre Ankunft verriet. Dezember dieses Jahres soll die Welt ja mal wieder untergehen. dem Reiseproviant noch ein Paket mit Desinfektionsmitteln hinzu – Lysol ist wichtiger als das Leben –.« Ein »wie«. Rolle.« Ungebremst böse Walter Benjamin: »Echte Polemik nimmt ein Buch sich so vor. wie Karl Kraus: »Nachts am Schreibtisch«. da ist gegen den stets fluchtbereiten Leser die Angel ausgeworfen. den er sucht. Journalisten erfinden in jedem Winter die »Kältewelle«. Es gibt abgedroschene Vergleiche wie den von der »Spitze des Eisbergs«. ließen den Herrn Fajngold zurück. und wir fuhren. schrieb er. »würde ich die Anwesenheit einer Frau störender finden als die Anwesenheit eines Germanisten im Schlafzimmer. sondern auch die prallere Ausdrucksweise.« nach einem besonders gut versteckten Osterei«.« In Sprichwörtern sind die Bilder ohnehin zu Hause wie in dem aus Russland: »In des anderen Weib tut der Teufel einen Löffel Honig. ruft die Wirklichkeit nicht oft. wie ein Kannibale sich einen Säugling zurüstet. Wo die Anschaulichkeit der Wörter (¤ Lektion 3) sich zur Bildhaftigkeit der Aussage steigert. die Maya haben das angeblich prophezeit in ihrer rätselhaften Schrift.« Die Beispiele haben eine Schwäche: Für das. den neuen Chef der Deutschen Bank: »Er beantwortet Mails so schnell. der auch richtig und ordnungsgemäß. Gott sei Dank. die Todesopfer »fordert«. Geschrei und Weinen die Abfahrt ankündigten. und tatsächlich: Etliche Menschen rüsten sich dafür. Neben vielen anderen Irrtümern erliegen sie vermutlich auch diesem: Sie meinen. Aber als Leuchtfeuer sollten wir sie benutzen. Er ist ja nicht bereit. was unsereiner so schreibt. Sogar von hässlichen Bildern sind wir umstellt wie in der Redensart »Alles in Butter«: Sie lebt geradezu davon. Bedeutung wirken inzwischen vergleichsweise frisch.« Zynisch hat das über sich selbst Rudolf Bing gesagt.« Intellektuelle lieben sie. wie es sich bei der Abfahrt von Zügen gehört.« Mit dramatischer Wucht in der Charakteristik Lenins durch Vladimir Nabokov: »Er war eine Milchkanne voll menschlicher Freundlichkeit mit einer toten Ratte am Boden. Eine Journalistenweisheit ist plastisch geblieben: »Ein Dementi ist der Versuch. dass da Menschen erfroren sind. näher heran. Herr Fajngold stand mit dünnem rötlich wehendem Haar unter uns auf den Gleisen. Alle Wärme muss sich im Text finden. Nobelpreisträger 2011. als polnische Kommandos.DIE HOHE SCHULE LEKTION 19 Die Kraft der Bilder Sie schaffen Farbe und Wärme »Hinter dieser kalten Frackbrust schlägt ein Herz aus Stein. als er kürzlich Anshu Jain porträtierte. So vom STERN. bloß weil sie das Simple in ein Gleichnis oder eine Metapher übersetzt. fügte.« Und nicht aus warmen Worten – aus Bildern steigt die Wärme auf.

einen schwierigen Sachverhalt in einem zweiten Anlauf zu erläutern oder durch ein Beispiel zu beleben. Die Floskel »der langen Rede kurzer Sinn« zum Beispiel sollten wir nie niederschreiben. sollten wir die Kraft haben. doch. Aus den Parlamenten kennen wir die Sprechblasen. unkorrigiert. 4«. Bonn 2012 31 DIE ZEIT . einen kurzen Sinn zuvor zu einer langen Rede ausgewalzt zu haben. die wir uns als Zuhörer oder Leser wünschen. sozusagen. Von den Füllwörtern. O. Mit Schwätzern und Langweilern haben Leser keine Geduld.« Wunderbar! Da greift Schopenhauers »erste Regel des guten Stils: dass man etwas zu sagen habe.DIE HOHE SCHULE LEKTION 20 Der Wille zum Verzicht Wenn alles gesagt ist. (Ausschnitt): Bridgemanart/© VG Bild-Kunst. Wer aber gelesen werden will. was ich noch schreiben soll. nun. Und schon wirkt die Beiläufigkeit des Gebloggten. die Würzwörter zu heißen verdienen. denn ich weiß nicht mehr. ungeplant. den die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG kürzlich publizierte. eine Neuigkeit. begann mit dem Satz: »Seit etwa drei Jahren habe ich keinen Artikel mehr geschrieben. 1947 (Detail) Abb. denn damit hätten wir uns bezichtigt. die auf Erden täglich geplappert werden. stört viele Blogger offensichtlich nicht. Meistens schreiben wir zu viel (vom Reden zu schweigen) – gemessen am Interesse jener Menschen. brauchen uns nicht zu interessieren. Wer twittert. damit kommt man weit!« Stuart Davis: »Pad No. mehr scheint es ihnen darauf anzukommen. irgendwie). sollte der Text enden Manchmal schreiben wir zu wenig: wenn wir es nämlich unterlassen. das geblähte Nichts: dass einer sich dem hohen Gut der Volksgesundheit voll und ganz verpflichtet fühlt! Auch die Billionen Wörter. Ein Text des Schriftstellers Ingo Schulze. »dass sie ihre Existenz weit und breit um sich kundmachen« – Immanuel Kant sagte das 1786 allen »lärmenden Unterhaltungen« nach. Dass sie oft schon für ihren zweiten Satz keinen Leser mehr finden werden. der sollte die Worte wägen. Und wenn alles gesagt ist. aufzuhören. der oft schlaffe Wunsch nach Lesern aufs Geschriebene zurück. von denen die mündliche Rede überquillt (ja. sollten wir nur die zulassen. muss das sowieso. zwischen Gesprochenem und Geschriebenem fast keine Grenze mehr. in der Stilistik Abtönungspartikel genannt: ein »nämlich« oder »eigentlich« zur rechten Zeit. Blogger haben alle Freiheit – und nutzen sie: beliebige Länge.

« Doch den FELIX KRULL schrieb er weiter.. »um große. Gebot und Verbot. ausgesandt. Für seinen ersten Roman »Buddenbrooks« (1901) erhielt er 1929 den Literaturnobelpreis. notwendige Erdendinge in die Wege zu leiten« – dem er aber zugleich den Abgesang bereitete: »Zuweilen möchte man glauben.SPRACHMEISTER (VI) THOMAS MANN D E R A LLE S KÖ N N E R D u entkleidest mich.. 1933. Fishman/ullstein (S. Einen Sturzbach lässt er auf den Leser niederprasseln in seinem Lobgesang auf Grimmelshausens SIMPLICISSIMUS: »Es ist ein Literatur. bunt. 33) . ›das arme. in ihren Schoß zurück. 32. darum liebte er leidenschaftlich Ordnung. September 1939. Du junger Teufel. aber unsterblich in der elenden Pracht seiner Sünden. verliebt und verlumpt. den umzubringen hundert Millionen Menschen sich vergebens ermatteten . Er tötete früh im Auflodern.« Fünf Jahre später. liebe Kind!‹ nimmt sie. ein ungeschlechtlicher. erlesenen Gemeinde eine Stunde und im Buch sieben Seiten lang erklärte. kochend von Leben. Nie setzte er dabei auf Inspiration: »Der Einfall als Überfall ist mir unbekannt«. Duze mich derb zu meiner Erniedrigung!« Mehr Satire war nie in der Liebe.. als Gattung. Vormittags. er sei ein Kobold gewesen. warum Beethoven zu seiner Sonate OPUS 111 keinen dritten Satz geschrieben habe: »Wir hätten.. . mit 77. grübelnd.. so meine er nicht diese nur. wie der stotternde Künstler Wendell Kretzschmar einer kleinen. als dass er besser getan hätte. ah. zerknirscht am Ende und gründlich müde einer in Blut. das Stück nur zu hören brauchen.« Ebenso die schauerliche Würdigung Friedrichs des Großen. sagte er. dass die Liebe von mir gewichen scheint und ich seit Langem kein Menschenantlitz mehr sah. alles verzeihend.« Seine Meisterschaft rang Thomas Mann unerbittlich den Vormittagen ab: Von neun bis zwölf schrieb er eine Seite Prosa. Wollust sich vergeudenden Welt. Klaus und Golo. Thomas Mann (1875–1955) wurde in Lübeck geboren und emigrierte zur NS-Zeit.. in die Obhut seiner Mutter zurück: »Meine Überzeugung aber ist. die doppelbödige Behäbigkeit und das blanke Feuer gleichermaßen gebietet. Der.. amüsant. das Unverbrüchliche. Und wenn er sage ›Die Sonate‹. umnachtet und gebrochen. nicht anders meinend.. boshafter Troll. Erika. mit Tod und Teufel auf du und du.« Von ähnlicher Spannung vibrieren seine Porträts – das des Moses am Anfang der Erzählung DAS GESETZ: »Seine Geburt war unordentlich. den Hotelboy. diesem enormen. in c-moll. dass das Mütterliche solche tragische Heimkehr bei allem Jammer nicht ohne Genugtuung. zunächst in die Schweiz. Aber was ist sie zugleich? »Die Sympathie mit dem Organischen.. um uns die Frage selbst beantworten zu können. waren ebenfalls Schriftsteller DIE ZEIT 32 Fotos: Bettmann/Corbis (S.Oh du Beseliger! . Ausschnitt). dass Töten zwar köstlich. als England und Frankreich Hitler den Krieg erklärten (»Ich schrieb meine Seite wie gewohnt«). Sein älterer Bruder Heinrich und drei seiner sechs Kinder. zu Ende auf Nimmerwiederkehr. an – kurz bevor sie ihn anschmachtet: »Ah. dann in die USA. Raub. worauf er unter Zurücklassung eines Kinderleibes wieder entschwand. darum wusste er besser als jeder Unerfahrene. aber getötet zu haben höchst grässlich ist und dass du nicht töten sollst. das rührend-wollüstige Umfangen des zur Verwesung Bestimmten« (im ZAUBERBERG). kehrt. Die Spannweite seiner Sprachkunst demonstrierte Thomas Mann noch einmal im DOKTOR FAUSTUS von 1947. notierte er 1928.und Lebens-Denkmal der seltensten Art. ein Erzählwerk von unwillkürlichster Großartigkeit. um das ich trauern könnte. dass die Sonate im zweiten Satz. Den Gestürzten. Vernichteten. ein genialer Komponist. höchstens anderthalb. als überlieferte Kunstform. sich nie daraus zu lösen.. notierte Thomas Mann im Tagebuch: »Das Alter zeigt sich darin. glatter Knabe. Das ist ja das Eindrucksvollste an Thomas Mann: wie er über das Tragische und das Ironische. sondern er meine die Sonate überhaupt. kühner Knecht?« So herrscht Madame Houpflé Felix Krull. nicht ohne Zufriedenheit erfährt. wild. 1944 wurde er amerikanischer Staatsbürger. sich zu Ende geführt habe. Ein dritter Satz? Ein neues Anheben – nach diesem Abschied? Ein Wiederkommen – nach dieser Trennung? Unmöglich! Es sei geschehen. dies auch auf Reisen: so in Schweden am 3. feilend. roh. . den er 1915 zwar zu einem »Beauftragten des Schicksals« ernannte. der aller Welt Hass und Abscheu machte und alle Welt hineinlegte.« 500 Seiten vorher aber waren wir Zeuge.

Medien und Behörden. 3. Rowohlt. ist Sprachlehrer in Wirtschaft. Ein klares. München 2011 Wolf Schneider: »Gewönne doch der Konjunktiv! Sprachwitz in 66 Lektionen«. Schneider leitete die spätere Henri-Nannen-Schule bis 1995. Reinbek 2009 . 1979 bat ihn der Verleger Henri Nannen. Seit dem Abschied von der Henri-Nannen-Schule bildet er weiter Journalisten in Deutschland. selbst ein großer Schriftsteller zu werden. im Juli erscheint das nächste Buch: Die Wahrheit über die Lüge. Schneider ist Autor von 28 Sachbüchern. impfte er seinen Eleven ein. »Plagt euch. Vor wenigen Tagen feierte er seinen 87. Verlagsleiter des sterns. Piper. Reporter bei Geo. 16. Die neue Stilkunde«. Moderator der NDR Talk Show. Auflage. 1994 erhielt er den Medienpreis für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache. Mit 14 las Wolf Schneider die Buddenbrooks und träumte davon. Geburtstag. Seit 2007 ist er Honorarprofessor der Universität Salzburg. Auflage. 7. Stattdessen wurde er Journalist: Nachrichtenchef und Washington-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Weiterlesen Wolf Schneider: »Wörter machen Leute – Magie und Macht der Sprache«. die Hamburger Journalistenschule aufzubauen. Österreich und der Schweiz aus. Piper. München 2011 Wolf Schneider: »Deutsch für Kenner.»P L AG T E UC H !« Ein klares. Und 2011 wurde er für sein publizistisches Lebenswerk mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Christian Morgenstern oder Heinrich Heine vor – für einen Zehnjährigen kein schlechter Start in die deutsche Sprache. sonst müssen sich die Leser plagen«. schönes Deutsch zu lehren – das wurde sein Lebensthema. schönes Deutsch – das ist Wolf Schneiders Lebensthema Der Vater trug beim Sonntagsfrühstück gern Fröhliches und Freches von Wilhelm Busch. Auflage. Chefredakteur der Welt.

dass ich immer wieder beim Konstruieren stutzte. Das Erlernen des Sprechens geschieht durch die langsame. eingeleitet durch den temporalen Nebensatz. Von diesem ersten Satz weiß man: Das Buch muss man nicht lesen. aber darüber hinaus. wäre die Qualität von Sprache ablesbar an dem Falschen. In der kindlichen Wahrnehmung zeigte sich jedoch jener Taumel vor dem Abgrund. der Regeln. Und dann: Ist es richtig und gut? Nicht alles. sondern die- se winzige Verschiebung weg vom Erwartbaren. dritter Hinterhof. das nicht Selbstverständliche von Sprache und Schreiben. Nicht zu vergleichen mit Schreibübungen.ÜBER DAS SCHREIBEN Lob der Werkstatt Sprachliche Potenz ist nicht erlernbar. verließ er die Wohnung. sich immer wieder infrage stellt. jedenfalls für mich. aber über den ersten Satz nicht hinauskommt. zweiter Stock. die von Meistern an Gesellen und Lehrlinge weitergegeben wurden. verschloss die Tür mit dem einzigen Schlüssel und warf ihn durch die Briefklappe in den Flur. Und Nachtmantel erzählt von der Verstörung eines Mannes. wo er doch zwei Flügel hat. das Erlebte und Erinnerte sollen in abstrakte Zeichen überführt werden. ist einfach Teil des Handwerks des Schreibens. Und zu der Arbeit gehörte ganz wesentlich. oder aber er wird es. und doch alles falsch. was sprachlich gelungen oder nicht gelungen ist. Selbstverständlich ist es töricht. die man aber auch anhand alter Mäntel und Stolen studieren konnte. Auch Goethe war einmal Lehrling. Kann man das literarische Schreiben lernen? Literaturkritiker. Camus erzählt in dem Roman Die Pest von einem Mann. der einen Roman schreiben will. Das meint nicht falsche Orthografie. damit gesagt werden kann. Aber Begabung allein reicht auch nicht. sondern nur durch die Schnitttechnik zu entwickeln. um ein guter Schriftsteller zu werden VON U W E T I M M K Denkwerkzeug Der Schreibtisch von Uwe Timm ann man Schreiben lernen? Ja. was. wie sie kompliziert zusammengeschnitten. Die Frage nach der Begabung lässt sich allein vom literarischen Text beantworten. Gedrängt steht dem finiten Verb »anfangen« das infinite »sterben« gegenüber. Die Zeichen sind arbiträr. und das unterscheidet sie von der auf bloßen Nutzen und Gebrauch ausgerichteten Arbeit. weil unüblich. dem Material zu »gehorchen«. es ging um Erfahrungen und Kenntnisse. Falsifikation und Verifikation begreifen das Phänomen der literarischen Wahrheit nicht. Wie Sprache aufgeraut oder geschmeidig gemacht wird. mittels kleiner Buchstabenplättchen gelernt. Ich habe das Schreiben 1946. Nicht zufällig wird. ausgelassen. Wieso »anfing zu sterben«? Eine Krankheit? Der Entschluss zur Selbsttötung? Flucht? Dieses »anfing zu sterben« ist sprachlich überraschend. so zu fragen.« In einer drängenden Knappheit. was in der Literatur angemessen ist. für den Tod. und etwas. sondern. wie im Fall Hebbel. durch Übung. sagen meist Nein. wird in drei gereihten Hauptsätzen die Abgeschlossenheit einer Existenz beschrieben und zugleich infrage gestellt. der Grammatik. Vielleicht ist diese aus der Not geborene Methode schuld daran. Eine Lakonie für das Unfassliche. Wie die Felle sortiert wurden. So kann denn auch das. die auch Ausnahmen kennen. Zu jedem Handwerk gehört dieser lange Prozess des Übens. bestimmte Formen waren nicht zu erzwingen. Brecht weniger.« Hölderlin war geschlagen.und umschreibt. Das Gedachte und Gefühlte. es gab kein Papier und keine Schiefertafeln. Etwas. Interpunktion. Alphabetisierung ist Arbeit. eigene Sprache gefunden? Auch die Wahl des Themas – Formalisten wollen das nicht wahrhaben – hat ihre ästhetische Bedeutung. Dagegen dieser erste Satz der Erzählung Nachtmantel aus dem Band Einer bleibt übrig. es ist gut. das heilige Feuer muss auf ihn kommen. was einem nicht zufällt. in der Normsprache ein Regelverstoß sein. durch Anleitung des Lehrers oder des Meisters.« An dem Satz ist alles richtig. wie das Handwerk in die Künste hineinreicht. Es ist nur selbst wieder in Sprache zu beschreiben. die mittels eines Griffels oder Bleistifts gleichsam als Verlängerung der Hand gemacht werden. Der amerikanische Soziologe Richard Sennett hat in seinem Buch Handwerk darüber geschrieben. was in der Sprache richtig ist. Journalist oder Literaturwissenschaftler werden. auch im Französischen. Warum zum Beispiel schreibt sich der Schwan mit einem A und nicht mit zwei. Satz. Eine Verstörung in der Sprache. Er ist vollgestopft mit Klischees. der eine Begabung in sich trägt. wie ist die Sprache organisiert. wie zum Trotz. wie schadhafte Stücke ersetzt wurden. zu seinem Beruf machen. Warum ist dieser Satz gut? Nach einem naturwissenschaftlichen Wahrheitsmodell kann man seine Qualität nicht beweisen. Ich höre noch Professor Kunisch in der Aula der Universität München unter dem Goldmosaik von Helios rufen: »Der Dichter ist geschlagen. Das liegt in einer deutschen romantischen Tradition. diese Vorstellung vom Dichter. genäht wurden. spielerisch korrigierte Übung. möglicherweise nicht mehr schreiben. Dieses Zusammen. ihren Weg zum Ausdruck findet. zumindest hier in Deutschland. das lernt sich nicht von allein. die auch unter widrigsten Umständen. des Spiels und die Frage nach existenziellem Sinn. »An einem schönen Morgen im Mai ritt eine elegante Amazone auf einer herrlichen Fuchsstute durch die blühenden Alleen des Bois de Boulogne. Das Erlernen des Alphabets. muss auch literarisch gut sein. unterbrochen durch eine Apposition über den sozialen Hintergrund des Wohnens. Syntax. stillen Christoph Meckel: »Als er anfing zu sterben. das heute fast ausgestorben ist: die Kürschnerei. den der Widerstreit zwischen der Sprache und der Dingwelt auslöst.und Wieder-Auseinanderschieben hatte etwas Spielerisches. Er ist eine Parodie auf einen Romananfang und eine raffiniert von Camus eingeschleuste Anspielung – denn schon Valéry hatte ähnlich einen Romananfang parodiert. wie im Handwerk. ist eine besondere. DIE ZEIT 36 . Ich habe ein altes Handwerk gelernt. Auch sie haben ein handwerkliches Fundament. Absatz. da er ihn immer wieder um. Wie ist er gestaltet. Gemessen daran. all das war zu lernen. Benn auch. die Freiheit der unbegrenzten Variation. durch ebendiese Distanz. wer das Schreiben mühevoll gelernt hat. Deren Arbeit kennt dann wiederum die Qual der Suche nach dem richtigen Wort. damit er berichte von dem großen. Döblin gar nicht. also Schriftsteller. in die Musik und in die Malerei. Konstruktives und zugleich Dinghaftes.

ein Ja. neue Zeitschriften und Literaturagenturen tragen zur Verbreitung bei. Die gesprochene Sprache ist aber wie ein Humus für die Hochsprache. auch nicht die Radikalität und nicht die Verstörung. In George Steiners Gedanken dichten steht der schöne Satz: »Die Stummheit der Tiere hat als Spur in uns überdauert. den Verbesserungen und Änderungen.« Zwei Sätze. Millionenauflagen. was als Vorstellung vorangeht? Die Beschreibung des Gedachten. Zu der Verbreitung der Literatur beim jungen Publikum hat sicherlich die Popliteratur der neunziger Jahre beigetragen. bekannte wie neu gegründete. Die Mimik des Lesenden verrät es. was in der Vorstellung. Privatsache. der Absatz gut für mich. Der Satz soll nicht nur richtig sein. Ich schreibe einen Satz. des Gefühlten kann. der Chauffeur kam nicht zurück. Lektoren und Lesern. viele Stipendien und Preise. das langsam hervorbricht. darin eingelagert. Es gibt momentan ein reges Interesse an der deutschen Sprache und Literatur. dann ganze Stunde verging ohne Zeit. der staatlich geförderte Literaturfonds. Auch die Zahl der jährlich erscheinenden Romane und Erzählungen. Das Schreiben der Sätze ist begleitet von einem: Nein. bald zurück. Ein Lob aber der Werkstattarbeit. ein Gebirge. die jemand mitbringen muss. dass er wiedergibt. die Verbesserung durch Ändern. Die Wiederholung. die auf der Suche nach jungen Talenten die Nachfrage gleichermaßen bedienen und stimulieren. sondern er muss durch Arbeit. die Tolstoi unter dem Einfluss seiner Frau vorgenommen hat. nein. vor allem die Verlage. kann seine Kenntnisse bei Harald Weinrich. eine halbe. die elliptische Form der gesprochenen Sprache und. sagt Nabokov. richtig im Sinne. Und die Ebene? Das. auch diesen. Ausschnitt) 37 DIE ZEIT . der Taxifunk rauschte. die Organisation von Sprache und Text. das Lächeln hingegen kommt aus dem Vorsprachlichen. sind die Dialoge in der zeitgenössischen deutschen Prosa meist stumpf. er ist gut und das heißt auch wahr. üppiger als in den literarisch so mageren siebziger und achtziger Jahren. Er zählt zu den wichtigsten Autoren der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Erst wenn beides erreicht ist. Uwe Timm wurde 1940 in Hamburg geboren. lässt sich schnell sagen. die Zahl der jungen Autorinnen und Autoren ist erstaunlich groß. kann ich sagen. Man sehe sich die Umarbeitungen von Anna Karenina an. Worüber man lacht. das Motiv des Rauschens. Tolstoi ist. Meckel arbeitet mit Verknappungen. der Chauffeur wollte eine Pause von zehn Minuten – in dem Lokal dort. der Stimmung. Und dann ist der Satz. er steht fest. etwas. Wie erreichen. zahlreiche literarische Schreibwerkstätten und Studiengänge an den Universitäten. oft geradezu hilflos ausführlich. es ist dieses Warten. die Geduld. die Musikalität und diese Klarheit. Zu dieser Arbeit gehört auch das Gespräch mit Kollegen. Nochmals gefragt: Kann man das literarische Schreiben lernen? Nicht erlernbar ist die sprachliche Potenz. Kritikern. das Gestische. das heißt. Jürgen Bauer (S. die ohne die Brechung ins Alltägliche leicht steif und gipsern wirkt. nein. Hinzu kommen. Um noch ein Beispiel aus der Erzählung Nachtmantel von Christoph Meckel zu nehmen: »Vor einem Gasthof machte das Taxi halt.« Eigentümlich genug. in denen die Sprache auf sich selbst zu hören scheint. und der Taxifunk rauschte. Bastian Sicks Bücher mit Sprachkommentaren erreichen. durch das Um. und höre meine Stimme. mögen sie zuweilen auch vereinfachend sein.Ich sagte. Regen schlug schwer auf das Blech. damit es in der Sprache auftaucht.und Umschreiben gut klingen. viele Nein. Jürgen Trabant oder Peter Eisenberg wissenschaftlich vertiefen. das wiederum für sich selbst beschrieben werden müsste. die spricht. Zuletzt erschien von ihm die Novelle »Freitisch« (2011) Fotos: Isolde Ohlbaum/laif. die literarische Sprache in ihrer Körperlichkeit leisten. anders als Philosophie und Soziologie. 36. Diese an Jazz erinnernden syntaktischen Stopps. die Anlass für das Schreiben sind. das Aufschieben. in der Anmutung noch recht dunkel war. was jetzt alles auf den Markt kommt? Was wird bleiben? Schaun mer mal. mit Auslassungen und einem gestischen Sprechen. Poetry-Slams sind nach wie vor überfüllt. Das Lächeln. Wer will. Das ist die lustvolle Überwindung der Stummheit.

U L R I C H S TO C K tut es hier mal DIE ZEIT 38 Foto: Vera Tammen für DIE ZEIT .ÜBER DAS SCHREIBEN Wenn das Schreiben nicht wäre Über ihr Eigentliches reden die Zeitungsleute selten.

Früher sprach man von der Angst vor dem weißen Blatt Papier. Aber jetzt nicht ablenken. um das andere Branchen uns zu Recht beneiden. rissen den Bogen aus der Maschine. schlafend. als habe der Text sich selber geschrieben. Der kundige Leser kennt alle Klischees. geschweige denn zum Lesen. sonst fließt nichts. Und wenn dann Widerspruch kommt. oder? Einem Arzt würde man es schon eher glauben: Praxis. Und zu den Konferenzen gibt es Kaffee und Kekse. auch der Form. mal Bartók. er sei der Redakteur. Aber die durch Neugierde legitimierte Annäherung ist ein Privileg. Die besten Autoren tun sich oft am schwersten. Der Mann war jung und gut.A Kaffee. Und der Tag morgen wird viel schöner. Klammern So sieht mancher Schreibtisch aus. wie praktisch. Gut und schnell. Dann. Die Entstehung eines Albums begleiten. nun endlich Gestalt annimmt. Es lebe die Reinheit und Perfektion. Aber das Schreiben. wären sie selber Klischee. und von früh bis spät jammern da welche. aber oft genug ist die Weisheit so wahr wie ihr Gegenteil.02 Uhr im Hamburger Pressehaus am Speersort. Ob ein solches Chaos kreativ macht. Geht nicht. Ich sah mir beim Schreiben zu. wenn das Fliegen nicht wäre. wenn das Schreiben nicht wäre. Einen fand man morgens. Der Fluss gehört zur Kreativität wie die Blockade. Man konnte Stunden später wiederkommen und fand sie im Halbkreis ihrer herausgerissenen Blätter sitzend. Über Tage hinweg versuchte ich etwas und fand es immer nur furchtbar. das kann man lehren und zum Teil auch lernen. Oder sollte der Journalist lieber auf den Jazz hören: Ein bisschen schmutzig. der kriegt keinen Satz mehr hin. kann sie getrost vergessen. weil. mal Reggae. Man kann ihn auch mögen. obwohl es eine ihrer wichtigsten Tätigkeiten ist. wenn nur die Patienten nicht wären. super. Heute blinkt einen der Cursor auf dem leeren Flachbildschirm an. auch bei der ZEIT. Der im Bett begonnene Text stand später genau so in der Zeitung. Gibt ja alles. Diesen Widerspruch muss man aushalten können. krabbelte zurück ins Bett und schrieb von Hand zehn Seiten. aber ich hatte Worte für ihn gefunden. auch von Lesern. und ich sah den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Fantastisch. wachte ich morgens auf.und Nachtzeit arbeiten. Langweilig. Ihre Qualitäten liegen woanders. Und alles wird geklickt! Einmal hatte ich über Monate hinweg Mal um Mal einen Musiker getroffen für eine große Reportage. Schönes Thema. der hält sich mit solchen Befindlichkeiten nicht auf. Nicht einen Blick hatte ich in mein Notizbuch geworfen. »Wir sagen immer«. Es gibt verschiedene Motive. zum Text sortiert. Tippen. staunend. die ich bewusst nicht ordnen konnte. aber sie ist immer noch da. gepaart mit einer gewissen Lässigkeit. und quick zu antworten macht dann einen besseren Eindruck. und noch im Halbschlaf hatte ich eine Idee für den Anfang des Textes. Er war verstummt. Zu billig. sondern ganz viele. denen es nur halb so schlecht geht wie einem selber. Sie können zu jeder Tages. wenige Tage vor Redaktionsschluss. Wer alle Regeln intus hat. in der Spürnase. Und dann lese ich so einen Text und denke: Versteh ich nicht. Vielleicht deshalb? Das Schreiben als das Eingemachte? Lieber nicht dran rühren? Hier wohnen Eitelkeit und Empfindlichkeit. Weil man die Welt verbessern will. in der kaum Zeit zum Schreiben ist. den ich seit Wochen schreiben will. wenn. da dieser Text. mal Glenn Miller – Verschiedenheit beugt der Langeweile vor. Je mehr ich von meinem Helden wusste. Ja.« Das löst zuverlässig Heiterkeit aus. In der redaktionellen Organisation. Überlegen. so wortgewaltig. wenn das andere Berufsgruppen sagten! Pilot. und es klingt gleich viel besser? Hauptsache. Zudem hat man als Journalist nette Kollegen. Diese Lust hat sich über die Jahrzehnte in Arbeit verwandelt. weil ich sie kennenlernen wollte. Als es vorbei war. Der erste Leser bin ich. an einem Sonntag. vor allem dankbar. Am Ende war ich vollkommen verzweifelt. Und es gibt eben nicht eine Art zu schreiben. und irgendwann nahte der Erscheinungstermin. Blöd. Tür auf. wenn das jetzt mal raus ist. Wer für eine schlecht ausgestattete Onlineredaktion arbeitet. hat es indes nicht leichter. Mist. In meinem Unterbewusstsein hatten sich die Eindrücke. wackelt und hat Luft – auch so eine alte Redaktionsweisheit ls Redakteur bei einer Wochenzeitung – wie ist das denn so?« Das werde ich gelegentlich gefragt. lasen ihn noch mal. stand ich auf und machte Frühstück. denn sobald sie zur Regel würden. Nun ist das ein Luxusproblem. mit dem Kopf auf der Tastatur. Wer hatte da geschrieben? War ich das gewesen? Mir kam es mehr vor. und dann schüttelten sie den Kopf. im Blattmachen. das treffende Wort? Schon möglich. wenn er nachts um drei beim vierten Bier seinen popkulturellen Ansatz erklärte. sage ich dann immer: »Journalismus wäre ein schöner Beruf. Ich musste nichts mehr ändern. die gar nichts mehr schreiben und es vielleicht auch nie konnten. sondern ungläubig. Man muss sich zwingen. als in ein tiefes Grübeln zu verfallen. Weder auf die Fragen noch auf die Antworten konnte ich mich so recht konzentrieren. Sachlich falsch. die aus Lust am Schreiben schreiben. Journalist zu werden. Langsam und schlecht. in diesem Moment. Denn für ihn hat eine durchtriebene Gerechtigkeit den ersten Leser geschaffen. was sonst tun. am Freitag. Ja. aber nicht kritisch. Widersprüchlich. Gibt auch tolle Journalisten. und die letzten Zeilen des unvollendeten Manuskriptes best nden nur no h aus löchrigen Wörte n. ließen ihn zu Boden segeln und spannten einen neuen Bogen ein. Doch auch die schöne Verallgemeinerung kann Wirkung zeigen. Kleckse. Sie können – so es ihre Zeitung ihnen ermöglicht – überall hinfahren und recherchieren. Ich holte Block und Bleistift. Ja. sonst kommt nichts. desto weniger wusste ich. beziehungsweise ist ein schöner Beruf. schlechter Schreiber. ich habe noch kein Abendbrot gegessen. Ich zähle mich zu denen. Weil man nicht weiß. Aber es macht gerade solchen Spaß. nicht einen Satz meines Helden hatte ich zitiert. Das weiße Papier ist verschwunden. ohne abzusetzen. langsamer Schreiber. Sie treffen außergewöhnliche Zeitgenossen. Ulrich Stock ist Redakteur der ZEIT und leitet das Ressort Wochenschau 39 DIE ZEIT . der Text passt. Aber dies kann keine Aufforderung zu Stilbruch und Schlendrian sein. wenn sie nicht gerade im Haifischbecken herumschwimmen. Manchmal dachte ich. den 13. Nur beliebig sollte es nicht werden. schöne Sache. neben einem halb geleerten Glas. Aber Sie haben schon verstanden: Journalismus wäre ein schöner Beruf. der Redakteur. Tür zu. man muss aber auch loslassen. was ich über ihn schreiben sollte. Mal hört man Hip-Hop. Alles toll. Selbstverliebt. Journalisten sind keine Schauspieler. dass dies keine Seltenheit ist. Noch mal. Mir fällt das Schreiben manchmal schwer. Wer sich beim Schreiben zu misstrauisch über die Schulter schaut. oder? Ich habe einmal eine Frau nur deshalb interviewt. Journalisten dürfen sich für alles interessieren. Wolf Schneider hört es nicht. Guter Schreiber. Über das Schreiben sprechen die Zeitungsleute kaum. Langsam und gut. Ich kritzelte Seite um Seite in mein Notizbuch. um 21. schrieben einen zweiten Satz hin. April. schreibt man gleich die Korrektur und hat den nächsten Artikel. müssen aber nie morgens um acht im Büro sein. Geht so gar nicht. Schon tausendmal gelesen. Konkretion ist oft gut. wie jetzt. die schrieben einen Satz hin. W as gutes Schreiben ausmacht. Kalender. weil in der Eile irgendetwas schiefgegangen ist. die Angst ist geblieben. man sollte ihm den Widerstand gegen den Text nicht zu leicht machen. dann lasen sie ihn. Ich weiß inzwischen von anderen. Schreiben ist wichtig nur als eines unter vielen. Schnell und schlecht. für das es auch Gründe gäbe. Skandale aufdecken. aber es zählt auch zum Schönsten. Schneller Schreiber. Der haut das Zeug einfach raus. Das hängt mit ihrer Fähigkeit zur Selbstkritik zusammen. Hauptsache. verkrampft auf ihre Maschine starrend. vielleicht noch einen dritten. Wer etwas hinschreibt und es gleich unglaublich toll findet. es ist eigentlich Wochenende. das bleibt jedem Kollegen selbst überlassen. unglaublich eloquent. Ich kannte Kollegen. Seine Meinung sagen.

denn was ihm vorgesetzt würde. der Tonfall der gefragten Textgattung? Nachrichten haben in nüchtern-sachlichem Gestus das Informationsbedürfnis zu bedienen. Aber wie funktioniert das? Nur mit System. was jetzt zu tun ist. »Nach zwei bis drei Rechtschreibreformen setzt man sicherheitshalber in dieser Hinsicht bei jüngeren Autoren nicht mehr allzu viel voraus«. Und um den geht es schließlich. was in diesem Fall heißt: Werden wir subjektiv. Es geht um Orthografie. verdammt noch mal?« Den leidenschaftlichen unter den Redakteuren tut es körperlich weh. wird in den Redaktionen höchst unterschiedlich gehandhabt – und wir verraten kein Geheimnis. Wie zu redigieren ist. Denn sie verhelfen den Texten von Reportern. kann tückisch sein. Der erste Lesedurchgang dient der oberflächlichen Einordnung und Kontrolle. was zuvor miteinander abgesprochen wurde? Folgt der Faktencheck. im Zweifel einmal mehr in den Duden zu schauen. wenn wir konstatieren. Was bleibt dem Redakteur in diesem Moment übrig? Da wird der Kollege sich darauf beschränken. und mitunter ist dieser Bericht 50 Zeilen länger als der Platz. sie könnten heute leider nicht zur Arbeit erscheinen – was wäre die Folge? Wäre das der MedienGAU. einen Text zu gliedern Fehlender Einzug Z. Wir schauen einer versierten und in Hunderten von Redigaturvorgängen gestählten Kollegin über die Schulter. Interpunktion. Dazu gleich ein Beispiel aus der Praxis: Im Nachrichtenraum einer überregionalen Tageszeitung kann es vorkommen.ÜBER DAS SCHREIBEN Was machen die da? Redakteure redigieren. kurzum: der Information. dass alle Tageszeitungen. der im Seitenlayout der Zeitung vorab dafür eingeräumt. wenn von Medien die Rede ist. Reportagen. Fragt man fünf von ihnen nach ihrer Arbeitsplatzbeschreibung. Orte. im Turbotempo zu überprüfen. erklärt die Redakteurin. und das wiederum ist abhängig von den Usancen der jeweiligen Redaktion. »freigeschlagen« worden ist. der Cursor flitzt nur so über die Zeilen. Bearbeitung und Pflege der Wörter. das Klara Stil irgendwann einmal von klugen. Der nächste Durchgang klingt nach Routine – und verdient doch volle Aufmerksamkeit. Rechtschreibfehler korrigieren – und da ruft ihm auch schon der Nachrichtenchef zu: »Warum ist denn der Beitrag aus Washington immer noch nicht im System. schlimmer noch. ausgelaugten Metaphern. Aufs Textkorrektorat darf sie sich nicht blind verlassen. dramaturgischen Saltos – oder. in der ersten Zeile eines Absatzes Schusterjunge Die erste Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt Hurenkind Die letzte Zeile eines Absatzes durch einen Spaltenwechsel abgetrennt DIE ZEIT 40 . Grossisten und Zusteller. dass es dabei mal pedantisch. Jahreszahlen und nicht zuletzt Zitate müssen korrekt wiedergegeben werden. Aus dem Schatzkästlein der vergangenen Monate nehmen wir mal ein paar Beispiele heraus: »Peter Steinbrück«? »Siegfried Gabriel«? »Sofie Rois«? Oder: Josef Stalin. Schließlich gibt es ja noch Reporter. Ein wichtiger Zwischenschritt wäre entfallen. sondern um sein Publikum glücklicher/ klüger/zufriedener zu machen. Moderatoren und Regisseure. den der Redakteur kennt (mit dessen Schwächen und Stärken)? Neigt der Autor zu Schachtelsätzen. mal hektisch und mal. die üblichen aktuellen Features. Da sitzt sie vor ihrem Schirm. nicht zu vergessen Drucker. erfahrenen Kollegen gelernt und im Lauf ihrer Berufsjahre verfeinert hat. Was also tun eigentlich Redakteure? Es gibt übrigens hierzulande so um die 30 000 davon. den lieben langen Tag. Natürlich soll der Beitrag aber noch in der aktuellen Ausgabe untergebracht werden. über die Dramaturgie der Geschichte verhandelt? Diese Fragen und Voraussetzungen zu bedenken erleichtert. dass ein Korrespondentenbericht aus Washington genau zehn Minuten vor Redaktionsschluss im Mail-Eingang des zuständigen Nachrichtenredakteurs landet. wäre – Rohware. Was simpel klingt. Kameraleute. nennen wir sie zur Tarnung Klara Stil. Ist das erledigt. Kommentare und Glossen gedruckt und ausgestrahlt würden und ihre Zielgruppe erreichten.und Fernsehnachrichten. Kollegen oder freien Autoren erst zu ihrer druck. der Aussagen und Argumente. ob »danksagen« jetzt in einem Wort und kleingeschrieben gehört. Hat der Autor das Thema erfasst. so arbeiten zu müssen. Und dennoch würde dem Publikum an diesem Tag mit Sicherheit Hören und Sehen vergehen. Kämmen und Aufbrezeln des Textmaterials? Stammt es von einem erfahrenen Autor. es gibt Sprecher. Nächster Arbeitsschritt: Entspricht die Sprachebene. mögliche Stolpersteine ausgeräumt. Alles vollzieht sich nach bewährtem Muster. des Content. nach einem Schema also. sagen wir. Wie viel Zeit bleibt für das Putzen. ob die Fakten stimmen und der Inhalt halbwegs luzide formuliert ist. liefert der Text. Verlassen wir die generelle Ebene und werden konkret. gönnt sich Frau Stil einen Kaffee. subengagiert zugeht. die Zahlenangaben sind jedoch widersprüchlich. Dafür werden sie von Autoren oftmals gehasst – und von Lesern nie gelobt VON A N N A VON M Ü NC H H AUSE N Kursivschrift Ein Wort soll schräg gesetzt sein Absatz anhängen Die Linie verbindet Ausgang und Einzug N ehmen wir doch mal etwas Verrücktes an: An einem Tag X rufen alle deutschen Redakteure und Redakteurinnen morgens im Büro an und teilen mit. abhängig davon. freie Autoren und Kommentatoren. um Grammatik. oder bliebe es nahezu unbemerkt? Gut möglich. Namen. gestorben 1946? Nein und nochmals nein. sämtliche Hörfunk. Wir hören an diesem Punkt die ersten Seufzer. wie es im Marketingdeutsch mittlerweile heißt. Er wird die letzten drei Absätze streichen. richtig? Stimmt. wird man eine ganze Bandbreite von Antworten bekommen. zur Langweiligkeit? Haben Redakteur und Autor vor Abgabe des Textes miteinander gesprochen. Nicht damit der Autor brillieren kann. Sie selbst ist sich allerdings nicht zu schade. nämlich die Prüfung. Glossen oder Reportagen genießen stilistische und metaphorische Freiheiten – und sollten diese Freiheiten unbedingt Zwiebelfische Aus anderen Schriften gesetzte Buchstaben Tilgungszeichen Für überflüssige Buchstaben oder Zeichen Umstellungszeichen Kennzeichnet verstellte Wörter Wortzwischenraum Zu weit (links) oder zu eng Absatz Hilft.oder sendefähigen Perfektion. wo sie eingesetzt sind.B. der Sätze.

die dem Leser einleuchten? Und fügen sie sich überzeugend in die Dramaturgie des Textes? Fließen soll er. Ein Steckenpferd unserer Kollegin ist übrigens. in einem Satz zusammengepresst. Absätze umgehoben. ohne überkandidelt zu klingen. Nach dem Motto: »Ganz fertig ist man mit dem Redigieren eigentlich nie. Das allerdings sollte die Ausnahme bleiben und führt fast immer zu heftigen Auseinandersetzungen mit den betroffenen Autoren. Irgendwann ist es dann nach manchmal stundenlanger Bearbeitung so weit: Klara Stil setzt den letzten Punkt und reicht das Opus weiter – zur Zweitredigatur. Ein weites Feld.. bremsen. aber der Fußballtrainer hörte nicht auf. Und.« Drei Bilder in einem Satz. ist entschlossenes Eingreifen gefragt. gehetzten. Weil das Deutsche so gern Nebensätze in den Hauptsatz einfügt und in den Nebensatz nach Möglichkeit noch eine per Reflexivpronomen angehängte Zusatzinformation drückt. abbruchwilligen! – Leser noch einmal neu einzufangen. Die nämlich sind selten bereit. nimmt sie das Material komplett auseinander und setzt aus den Bruchsteinen einen neuen Text zusammen. So etwas auseinanderzunehmen beschert ihr großes Vergnügen. Mag sein. zuzugeben. Schon an diesem Punkt übrigens kommt es häufig zum ersten Krach zwischen Redakteurin und Autor.. die wichtigste. An diesem Punkt kennt unsere Kollegin keine Gnade: Da werden Einschübe gestrichen. während die Freien wiederum den Redakteuren unterstellen. aufzuspüren. keinesfalls mit Details überfrachtet sein. blumig womöglich. Wenn es ganz schlimm kommt. Besonderes Augenmerk wird als Nächstes den Kernaussagen geschenkt: Sind sie klar erkennbar und mit Argumenten unterfüttert. Neulich hat Klara Stil einen Kisch-Preisträger erwischt mit folgendem Satz: »Der Gipfel seiner Anstrengungen stand auf dem Spiel. Es ist ein altbekannter Zwiespalt: Redakteure beneiden freie Autoren um einen Alltag ohne Chefs und Konferenzen. sich den Chef des Aufsichtsrats vorzuknöpfen . den Tag ausschließlich mit Zeitungslektüre und Autorenquälerei zu verbringen und dafür am Monatsende mit einem fürstlichen Gehalt belohnt zu werden. selbst Chefredakteure sollen nicht immun dagegen sein. Manche Schreiber haben ein verhängnisvolles Händchen dafür.klug nutzen. Klemmkonstruktionen klingen hässlich. dazu später mehr. dass der neue Text besser ist als die ursprüngliche Fassung. in die Breite gehen. ihr Kollege fängt dann noch einmal ganz von vorne an. was sie Metaphernpotpourri nennt: mehrere widersprüchliche Vergleiche. bloß nicht stocken. aneinandergekettete Nebensätze zerschlagen.« Anna von Münchhausen ist Redakteurin der ZEIT und hat als Textchefin vor allem ein Auge für die Aufmachung der Seiten und die Überschriften . tausendfach bewährte Regel: in jedem Absatz den – ungeduldigen.

erkannte ich ebenso die Schrift meiner Mutter wie in dem klassischen Schreibschrift-k. sie uns Zug um Zug erarbeiten müssen. Und jeder der 14 Buchstaben erinnert mich an sie. liegt in der Rolle. Mittags kam ich oft mit blau beschmierten Händen und blauen Flecken auf T-Shirt und Hose nach Hause. Auf ihr klebte ein Etikett. dass es eine Zeit in meinem Leben gab. warum ich immer weniger mit der Hand schreibe. machte ich eine Entdeckung. Nicht um zu lernen. so dahingeworfen und unleserlich ist meine Schrift. Ich erinnere mich daran. das immer ein wenig nach rechts verrutschte und dabei einen wunderbaren Extrabogen schlug. der vorsieht. Für alles andere war kaum Zeit. Es war. das im Moment des Zuschauens entstand. Als Kind habe ich meiner Mutter immer gerne beim Schreiben zugeschaut. als kehrte sich etwas Inneres nach außen. den Stift zu führen. Manchmal einfach in ein Kreuzworträtsel hinein – zu dem ich als kleines Kind immer »Kreuzverdrehtsel« sagte –. geschweige denn Muße. von wem die Mitteilung stammt. als ich dieses Wort las. um meine misslungenen Bögen oder Ausreißer beim t und f zu korrigieren. den einen Kindern so das Schreiben und den anderen das Lesen zu erleichtern – ein logischer Ansatz. Der andere. das für das jeweilige Ministerium vorgesehen ist. das l. zu dürfen. Nur als Alphabeten sind wir in der Lage. g oder h in den richtigen Proportionen auszuführen. dem fein geführten f und dem r. Das »Mitzeichnen« klingt fast künstlerisch. wenn sie handschriftliche Notizen von mir kriegen. vergilbten Kartons. das meine Mutter einst beschriftet haben muss. Aber sie wissen immer. Die »Mitzeichnung« war für mich gleichbedeutend mit der Bürokratisierung meiner Handschrift. symmetrischen V über a. Das »Mitzeichnen« hatte sie entzaubert. Es war ein warmes Gefühl. wie mühsam es anfangs war. Schreiben lernen war für mich ein mühsamer Prozess. war das Schreiben nicht mehr ohne Tintenkiller möglich. in meiner Grundschulzeit habe ich eine ein- zige ungenügende Bewertung bekommen – in Handschrift. Das liegt zum einen daran. die Bögen von f. Ich war damals Staatssekretärin in der Düsseldorfer Staatskanzlei. wie man richtig schreibt. aber er wird die Handschrift als Ausdruck des Einzelnen verändern. bevor es in den letzten Buchstaben des Wortes übergeht. Ich habe oft neben meiner Mutter am Tisch gesessen. die Schreibschrift wegzulassen. dass wir uns diese Fähigkeit mit unseren Fingern aneignen. Hammer und Zange befand sich auch eine Keksdose aus bunt bedrucktem Blech. n und i in die beiden geschwungenen ls führen. Meine Mutter lebt schon einige Jahre nicht mehr. Es könnte etwas bedeuten. die der Computer inzwischen in meinem Leben einnimmt. um das Wort erneut üben. »Vanillekipferl« steht darauf. an etwas sehr Privatem. sondern darum. Damit wurde es leichter. Dieses kleine handschriftliche Klebeetikett ist geblieben. Es war. immer in einer speziellen Farbe (in NRW war das für die Staatssekretäre Grün) und immer in dem Kästchen. in denen die Zeilen mit drei Linien geteilt waren. In dem hohen Stahlregal zwischen Konservendosen. Doch müssen wir darüber in Zeiten der Computerschrift streiten? Hat die Handschrift nicht längst ihre Bedeutung weitgehend eingebüßt? Ich gebe freimütig zu: Auch ich schreibe inzwischen weniger und weniger mit der Hand. nein. und wir haben geschrieben. als ob ich an einem besonderen Augenblick teilhaben durfte. und das Schreiben mit der Hand wurde im Wesentlichen auf den Akt des »Mitzeichnens« reduziert. kamen mir die Tränen. Und dass die Spuren dieses mühsamen Sich-in-die-WeltEinschreibens für immer in unserer individuellen Handschrift aufspürbar bleiben. Ich fühlte mich meiner Mutter sehr nah und verbunden. um sie wiederzuentdecken und neu zu beleben. Das Schreiben mit der Hand habe ich in der Grundschule gelernt. mithilfe von Schreibheften. die mich berührte. Viele Grundschulen in Deutschland arbeiten inzwischen mit der »Grundschrift«. Danach habe ich Jahre gebraucht. wichtigere Grund. dass man eine Akte in der »Mitzeichnungsleiste« mit seinem Kürzel abzeichnet. Der Grundschulverband betont. es gehe nicht darum. an allem im Leben teilzunehmen. die sich an Druckbuchstaben anlehnt und den Kindern das Schreibenlernen einfacher machen soll. Auch heute müssen Freunde und Mitarbeiter oft rätseln. Punkt für Punkt: Warum M I R I A M M E C K E L auch im digitalen Zeitalter ihren Füller niemals missen möchte A ls ich neulich im Keller meines Vaters nach etwas suchte. Als ich meinen ersten Füller bekam. In den Bögen. die von dem aufragenden. Schreiben und Lesen lernen ist ein lebenswichtiger Prozess. für einen Moment und nur für mich spürbar. Bogen für Bogen. DIE ZEIT 42 . ist aber ein Verwaltungsvorgang. also schreiben zu müssen. in der mir das Schreiben ein wenig verleidet wurde.ÜBER DAS SCHREIBEN Sich die Welt erschreiben Buchstabe für Buchstabe.

Und der eine so breite Feder hat. Deshalb sprechen wir vom Schreiben als einer Kulturtechnik. Das verfügt nämlich bis ins hohe Alter über neuronale Plastizität. Vielleicht mit meinem Füller von Montblanc. eines Gedankens gesetzt. Davon erzählt auch das Wort »begreifen« im Sinne von verstehen: Nur wer etwas physisch-materiell wirklich an-fassen kann. schreibe ich einen Brief – per Hand. Selbst kleine Notizen. dass selbst meine krakelige Schrift zu einem Ensemble von Buchstabenbögen wird. um einem einzelnen Wort Nachdruck zu verleihen. die nur durch eine flüchtige Berührung der Tastatur entstehen«. weil ich neben den im Brief enthaltenen Botschaften eine unausgesprochene übermittle: Du bist mir wichtig. was wir schreiben. Der Stift berührt das Papier. Nicht nur. auf dem iPad. Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns«. übertrage ich später dann mit dem iPhone in Evernote.Auch ich schreibe immer mehr mit einer echten oder virtuellen Tastatur. die Schrift nach rechts oder links kippen lassen oder auch fest aufdrücken. Wort für Wort. »was mittels eines Stifts in vermittelten Zügen niedergeschrieben wird. mit dem iPhone. dass jugendliche Powersimser einen messbaren Zuwachs der Hirnareale aufweisen. Zeilenverlauf. Dabei geht es nicht um die irrwitzigen Annahmen der Grafologie. auf dem Laptop. Was also macht das Schreiben mit uns? Wenn ich einen Stift zur Hand nehme und zu schreiben beginne. wir bezeichnen sie und bilden dabei auch unsere eigene aus. Wir können unterschiedliche Schrifttypen auswählen und sogar Schreibschrift maschinell imitieren. der so wunderbar schwer in der Hand liegt und das Schreiben zu einer körperlichen und sehr sinnlichen Erfahrung macht. Darum nennt sich das Schreiben am Computer – sehr technisch – Textverarbeitung. Buchstabe für Buchstabe. Schweiz. wie wir schreiben. Entpersönlicht und für ewig gespeichert. und dann schreibe ich es mit der Hand auf. eine ungleich intensivere körperliche Spur legt. Computerschrift ist standardisiert. und in diesem Moment ist der Anfang eines Buchstabens. man könne Persönlichkeitsmerkmale eines Menschen aus seiner Handschrift herauslesen. bis das Papier reißt. Wenn wir also handschriftlich schreiben. sowie Faculty Associate am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University. und ich bin nicht sicher. Ich nehme mir die Zeit. Dabei bringe ich etwas auf den Punkt – im direkten Sinne des Wortes. Times Modern sozusagen im übertragenen Sinne. die manche Empfänger als schön empfinden. dass wir mit der körperlichen Bewegung Spuren in unserem Gehirn anlegen. anders. intensiver vernetzen. Oder durchs Schreiben. Zuletzt erschien von ihr das Buch »Next. Sondern auch. einzelne Nervenzellen oder ganze Hirnareale können sich immer wieder neu. was ich dir sagen möchte. verfügbar und doch sehr fern. Der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther hat nachgewiesen. Der Name sagt es: Dort werden die Notate digital abgelegt und in die »Cloud« entlassen – die ewige Notiz. ob dies nur einen Impact auf die formale Dimension des Schreibens hat. Will ich aber jemanden wirklich erreichen. das an meinem Bett liegt. lote ich meine Gedanken förmlich in allen drei Dimensionen des Raumes aus: Ich kann die Buchstaben nach oben oder unten in die Länge ziehen. um sich aus meiner Welt in die der anderen fortzusetzen. Das handschriftliche Verfassen eines Texts ist die materielle Erschaffung von Sprache und setzt eine be- Miriam Meckel ist Professorin für Corporate Communication und Direktorin am Institut für Medienund Kommunikationsmanagement der Universität St. erfassen wir die Welt zweifach: in ihrer abstrakt-sprachlichen Bedeutung und dadurch. Gallen. Rowohlt. die wiederum dessen Funktionsweise beeinflussen. Aber damit ist die Individualisierung der Schrift auch schon fast erschöpft. Die Futura gehört dem Computer. Wir sind auch. Abstände und andere Formatierungen. Bogen für Bogen. dass alles. Es geht vielmehr um physiologische Vorgänge im Gehirn. weil er beim Adressaten zwischen Hunderten digitaler Mails und unnützen analogen Postwurfsendungen Aufmerksamkeit erzeugt. eines Wortes. die den Daumen steuern. mich hinzusetzen und darüber nachzudenken. Farbe. die ebenso wie das Lesen Voraussetzung für viele andere Techniken und Fertigkeiten des Menschen ist. die am frühen Morgen oder späten Abend noch ihren Weg per Bleistift in ein kleines Notizheft finden. die sich im Gedächtnis einlagern kann. Palanikumar/13Photo . Wir bestimmen Größe. Durch das Schreiben mit der Hand be-greifen wir die Wirklichkeit. das heißt. Ähnliches geschieht durch Klavierüben. es zu er-fassen. Reinbek 2011 43 DIE ZEIT Foto (Ausschnitt): R. Vielleicht lässt sich dieser Zusammenhang des Anfassens als Erfassen mit den für das Schreiben abgewandelten Worten der amerikanischen Leseforscherin Maryanne Wolf erklären: Wir sind nicht nur. Wir zeichnen sie nach. in einer Wolke. Die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff sagt. ist auch in der Lage. als Wörter und Sätze.

als wenn man nur die Computertasten drückt. das Herumschieben von Sätzen. merken sich mehr! Wenn das auch für Fremdsprachen gilt. zu spät). Dann fällt das Lernen leichter. dass sie im Internet nachschauen. mit einem Stift oder einem Füller auf das Papier oder mit Kreide auf die Tafel geschrieben werden. Heute können wir mithilfe von Google Translator deutsche Texte in 65 Sprachen übersetzen lassen.« Die Quantität des Geschriebenen wächst also mit dem PC. Sogar die Textinhalte werden durchforstet. die Signifikanten. wenn sie wissen. nothing there. also googeln können. warum das Programm Textverarbeitung heißt. Unsere Sprache verpixelt zusehends. Dabei entstehen zuweilen lustige Fehler. Der Anfang des Alten Testaments lautet dann etwa so: »Number one. erlaube uns hingegen die diachrone Verarbeitung der Information. Unter der Bezeichnung »Globalese« hat sich eine Rudimentärsprache entwickelt. Zuweilen besteht sie nur noch aus Buchstaben. wenn man die Pünktchen vergrößert. Absätzen oder kompletten Abschnitten. und das sei ihrer Komplexität eher angemessen. lauthals lachen). Also too dark. Das Schreiben mit der Hand erzeugt also mehr als einen Text. muss es aber nicht so sein. Ein Text. Die Qualität des Geschriebenen bleibt bei den Mädchen konstant. Und wenn selbst die zu viel sind. uns als schreibende eibende Individuen auszumachen. God make heaven and earth. en. Tucholsky lässt grüßen: »Ich hatte leider keine Zeit. das der Kommunikationsphilosoph Vilém Flusser schon 1978 in Die kodifizierte Welt kritisiert hat. God make avatar go look-see waterfront. Wir bringen Dinge dann anders auf den Punkt: direkter. dass Mädchen und Jungen deutlich mehr schreiben. an Bedeutung und lässt sich im Lichte der Digitalisierung wiederum neu deuten. egal. simpler. greifen wir auf die Zeichen erster Ordnung zurück – die Icons. Bestandteile verschiedener Sprachen zu einer neuen Sprache zu verbinden. Doch bei allen guten Argumenten für das Schreiben mit Hand und Füller gibt es auch Gründe. Aus der Forschung wissen wir. Die Welt besteht und entsteht aus Pixeln. aber auch nur zwei Buchstaben. Light on. wie wir unsere Schriftsprache noch nicht vollständig in ein banales digitales »Globalese« überführt haben. weil sie uns manches im Alltag erleichtert. die auf einen Blick erfasst wird und die komplexe Informationen synchronisiert. Die Jungen jedoch verbessern sich wesentlich. dass Menschen weniger bereit sind. Antworte so bald wie möglich). mit dem wiederum weitere Texte desselben Individuums iduums im Internet gesucht und erkannt werden können. auf wenige Punkte zusammen. Copy-and-paste. forstet. werden wir bald alle einsprachig. in Bildpunkten. zur Zeit des sogenannten pictorial turn. In dieser Entwicklung liegt ein belustigender Widerspruch: Je mehr unser Schreiben sich der digitalen Sprachevolution unterwirft. wenn der Computer im Spiel ist. Mehr als 400 Parameter werden dafür für ausgelotet: Syntax und Zeichensetzung. sie schrumpft. das neben den Text und dann vor den Text zu rücken drohte. bitte Antwort asap (Answer as soon as possible. doch die spielen längst nicht mehr die Hauptrolle olle bei diesen Analysen. Das Schreibenlernen gelingt leichter. wenn sie tippen. Der Computer macht es möglich. aber auch der Wortschatz. auf denen die Signifikanten abgedruckt sind. Diejenigen. es hat sich eingeschrieben. Damals ging es um das Bild. Wortlängen tlängen und Buchstabenhäufigkeit. Monitoren und Displays gibt. Irgendwann wird der datenbasierte »Schreibabdruck« bdruck« als individualisierte Repräsentation des Schreibens bens die Handschrift ersetzen. Das Lernen geht nicht nur schneller. en. Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Kinder.« Das ist nicht unbedingt literarisch. Flusser sah im technischen Bild die Oberfläche. reduzierter. Zwischen HDGDL (Hab dich ganz doll lieb) und HDF (Halt die Fresse) liegen zwar immer noch Gefühlswelten. Wir zeigen auf diesen Seiten Ausschnitte aus ihrem Notizbuch 45 DIE ZEIT . 2L8 (too late. dann schreiben.stimmte Reihenfolge voraus: erst denken. Eine amerikanische Studie hat aber auch ergeben. die selbst dem Computer das Unterscheiden cheiden unmöglich machen. das in Form von Buchstaben Gelernte bleibt auch besser haften. das sich nach Standards andards richtet. dass sie nicht nachgucken können. wenn Hand und Hirn im Zusammenspiel ein Bild der Sprache erzeugen. um die menschliche Computerschriftsprache ache zu sezieren. ob sie mit der Hand oder am Computer schreiben. Das gelingt vermutlich nur so lange. zum Beispiel die Verständigung. Earth not very nice. Light on. So lässt sich mithilfe des Computers der individudividuelle »Schreibabdruck« eines Menschen berechnen. von denen es Millionen auf Bildschirmen. Im Labor für Künstliche nstliche e Intelligenz an der Universität von Arizona setzen Wissenschaftler inzwischen komplexe Algorithmen ithmen ein. bei Jungen wie Mädchen. Doch Sprachkompetenz erwerben wir so natürlich nicht. LOL (laughing out loud. Die Sprache des Computers erscheint uns in Pixeln. Mit der wachsenden Digitalisierung unserer Kulturtechniken erleben wir etwas neu. God say. dann wird das Schreiben damit für Miriam Meckel zu einem sehr sinnlichen Erlebnis. wenn die Buchstaben. mich kurz zu fassen. aber fast überall verständlich. Was ich dann auf der Keksdose eksdose im Keller meines Vaters statt des Aufklebers mit dem m Wort »Vanillekipferl« finden würde? Vielleicht ht eine lange. bringt zum Ausdruck. die Digitalisierung der Sprache gutzuheißen. die als Mischung aus englischer Grundsprache mit den einfachen Strukturen chinesischer Grammatik und einigen indischen Spracheinflüssen entstanden ist. den wir lesen. Hingekritzelt Wenn der Füller schwer in der Hand liegt. die wissen. desto weniger g wird es dem Computer gelingen. Diese Kulturkritik Flussers gewann in den neunziger Jahren. einzigartige Reihe aus binären Zahlen: 01110110 110110 01100001 01101110 01101001 01101100 01101100 01100101 01101011 01101001 01110000 01100110 01100101 01110010 01101100. Alles andere steht ja im Netz oder macht der Computer. sich Dinge zu merken. Bei der Textverarbeitung am Computer kann.

Ulrich Greiner ist Autor der ZEIT und Herausgeber Zwar sind wir heutzutage auf solche Hilfsmittel des Magazins ZEIT LITERATUR.de Artikelabfrage aus dem Archiv: Fax: 040/32 80 404 E-Mail: archiv@zeit. dass er mir zuhört. Hella Kemper Gestaltung: Julika Altmann Bildredaktion: Ellen Dietrich (verantwortlich). Ich wurde rot vor Scham. Kurhessenstr. später auch gereimt. In jedem Fall aber sollte der Text elegant und verständlich sein. dass etwa lich und auf gewinnende Weise vortragen. Gerade deshalb aber neigen wir dazu. den Empfänger unserer Texte zu vergessen. als es simplen Hauptsätzen gelingen könnte. dass die Münd- IMPRESSUM Gründungsverleger 1946–1995: Gerd Bucerius † Herausgeber: Dr. Er hat viele Jahre das nicht mehr angewiesen. dass ihm zu folgen eine Qual ist. und der Hörer kann ihm leichter folgen. dem. Anzeigen: DIE ZEIT. dass der Text hinund bei nicht wenigen Beispielen einer missglückten ten und vorne hakte. wie Mark Twain einmal her entgangen sind. das Prädikat am Ende des Satzes »mit merken Sie neue und andere Qualitäten. würden sie nur gesprochen und hätten wir nicht den gedruckten Text vor uns.ÜBER DAS SCHREIBEN VON DE R K R A F T DES MÜ N DLICHE N Warum sich U L R IC H GR E I N E R seine Texte selbst vorliest gibt. die Ihnen vordem Fernrohr zu suchen«. dass der Verfasser nicht laut. aber innerlich) meine Texte vor. die Anmut oder gar Schönheit eines sprachlichen Gefüges betrifft. müssen unsere Rede angenehm. Er schreibt unihnen eine Art Rhythmus. die Tür hinter Angemessenheit richtet sich natürlich nach dem mir zu schließen und Platz zu nehmen. Früher übrigens verstehen wir auch. die wir den freien. damit das Professoren geben. und dieser lichkeit sehr viel älter ist als die Schriftlichkeit. Helmut Schmidt. Das weiß ich aus Alberto nicht verstehen könnten. dann beuns Zeit gibt. Zweck. laut zu lesen. BLZ 200 100 20 Leserbriefe: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. Seitdem lese ich mir (nicht Sprache kann man sehen. Konto-Nr. Ich hatte ihm meine erste größere Literaturkritik hineingereicht und war nun gespannt sagen will. ich versuche. unbeholfenen Sätze. Mark Spörrle Assistenz: Gabriele Sommer Redaktion: Matthias Naß (verantwortlich). und zuweilen eben auch Mängel. Nie werde ich vergessen. gründlich genug nachgedacht hat. was man junger Redakteur. so leise und so kompliziert zu verdankt sich keineswegs einer Mode oder Laune. Verständlich für Stentorstimme vor. Singen allerdings müssen wir sie nicht.de DIE ZEIT 46 . BLZ 600 400 71 Postbank Hamburg. Ich hörte das Gestammel und Geholper meiner andere kann er nur sein. eine gewisse verständlich. Er war damals neuer Literaturchef der FAZ. dem Lehrer vor seiner Klasse oder dem imaginierten Mündlichkeit zu tun. Wenn Sie Bücher laut lesen (oder anderen vorlesen). Geschmeidigkeit beizubringen. Dass die ältesten Verteidiger vor Gericht. wenn ich ihn selber verstehe. warum wir bestimmte Sätze gar war es üblich. weil er sich selber nicht verstanden hat. den Leser dafür zu gewinnen. Nur der wahrhaft Mächtige literarischen Texte einer festgelegten Form folgen. 64546 MörfeldenWalldorf Axel Springer Verlag AG. erlauben. die erst später niedergeschriebenen Texte Homers ihre mündliche Überlieferung so lange überdauert haben. Matthias Weidling. KG. Dr. Hamburg Geschäftsführer: Dr. Einen derart melodisch und rhythmisch ge selligen Austausch der Meinungen und Argumente strukturierten Text kann man sich leichter merken als schätzen. 22926 Ahrensburg Für unverlangt eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Marion Gräfin Dönhoff † (1909–2002). deren Satzkonstrukgeschriebenem. Denn mein Ziel Was aber nun die Eleganz. Der Liebesbrief verlangt eine andere Sprache Er nahm mein Manuskript und las es mir mit als das Bewerbungsschreiben. Eingang Speersort 1. Es soll waren rhythmisiert. Pressehaus. der Manguels großartiger Geschichte des Lesens. wie Marcel tionen im glücklichen Fall eine höhere Genauigkeit Reich-Ranicki mich einmal in sein Zimmer bat. Empfehlungsanzeigen: iq media marketing. Kornkamp 11. 1290 00 207. Bernd Ulrich Chef vom Dienst: Iris Mainka (verantwortlich). weil es Bücher und Computer Literaturressort und das Feuilleton geleitet WENN wir uns vor Augen halten. Darin gleiche ich dem Pfarrer vor seiner diese höchst erwünschten Eigenschaften viel mit einer Gemeinde. Sie reden.de © Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. 525 52 52. kann es sich erlauben. Rainer Esser Verlagsleitung: Stefanie Hauer Vertrieb: Jürgen Jacobs Marketing: Nils von der Kall Unternehmenskommunikation und Veranstaltungen: Silvie Rundel Herstellung/ Schlussgrafik: Wolfgang Wagener (verantwortlich) Druck: Frankfurter Societäts-Druckerei GmbH. eine angemessene Gestalt zu geben. 20095 Hamburg Telefon: 040/32 80 0 Fax: 040/32 71 11 E-Mail: DieZeit@zeit. ich sein Aber die meisten von uns Irdischen heißen nicht Hegel oder Kleist. spottete. Gedächtnis des Erzählers oder Sängers Haltepunkte Wir anderen aber. Nur so lässt sich das Wunder erklären. die sich darin gefallen. Damit will ich nichts gegen die Sprache der Ich empfehle diese Übung vor allem bei SelbstJuristen oder Philosophen sagen. KG. 20079 Hamburg Fax: 040/32 80 404 E-Mail: leserbriefe@zeit. Axel Kuhlmann Sonderpreisliste ZEIT-Tabloid 2012 Anzeigenstruktur: Helmut Michaelis Bankverbindungen: Commerzbank Stuttgart. den vorfand. verständschlichte Prosa. Josef Joffe Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo Stellvertretende Chefredakteure: Moritz Müller-Wirth. Reich-Ranicki bat mich. Melanie Böge Dokumentation: Mirjam Zimmer (verantwortlich) Korrektorat: Mechthild Warmbier (verantwortlich) Verlag und Redaktion: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. dann Empfänger ist immer auch ein Hörer. und es empfiehlt sich. Konto-Nr. KG. ich merkte. Buceriusstraße. so haben lautet. 4–6. Die auf das Urteil.

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