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Und wieder nichts

Ich bin schon fast an der Tür. Der Wachmann hat mich nicht gesehen und auch den Kameras konnte ich auswei- chen. Tagsüber brauche ich nicht einmal fünf Minuten um den großen Parkplatz zu überqueren. Aber dann habe ich ja auch nichts Besonderes vor. Jetzt darf mich niemand se- hen. Deshalb habe ich achtzehn Minuten und zweiunddrei- ßig Sekunden gebraucht, um über den Parkplatz zu kom- men. Das war ganz schön schwierig, denn ich konnte mich nicht hinter irgendwelchen Autos verstecken. Es sind näm- lich keine da. Aber jetzt bin ich an der Tür. Den Code weiß ich, aber bevor ich ihn eingeben kann, muss ich zuerst das Alarmsys- tem auf der anderen Seite des Gebäudes austricksen, so- dass der Wachmann drinnen nicht mitbekommt, dass ich die Tür öffne. Langsam bewege ich mich am Rand des Gebäudes ent- lang und achte darauf, dass ich nicht in das Sichtfeld einer Kamera gerate. Nach weiteren neun Minuten und siebzehn Sekunden habe ich den Sicherungskasten erreicht. Naja. Nicht ganz. Der Kasten hängt in etwa fünfzehn Metern Höhe an der Außenwand. Ich mache mich auf einen an- strengenden und gefährlichen Aufstieg bereit. Aber ich habe das ja zweiundsiebzig Mal geübt. Davon hat es zwölf Mal nicht geklappt und sechzig Mal ging es gut. Ich klettere und klettere und als ich nach vier Minuten und dreiundzwanzig Sekunden am Kasten angekommen bin, ist es für mich ein leichtes, zuerst das grüne und an- schließend das rote Kabel durchzuschneiden. Ich klettere schnell wieder nach unten und breche dabei meinen Re- kord von zwei Minuten achtundfünfzig um dreizehn Sekun- den. Wieder schleiche ich um das Gebäude herum und als ich wieder an der Tür ankomme, gebe ich den achtstelligen Zahlencode ein. Die Tür wird entriegelt, ich öffne sie und nach einen prüfenden Blick in den dahinter liegenden Raum, schlüpfe ich schließlich durch die Tür. Drinnen muss ich erst einmal durchatmen. Nicht, dass ich nervös wäre. Nein. Aber anstrengend ist es trotzdem und es erfordet eine Menge Konzentration, nicht entdeckt zu werden. Genau zwei Minuten später gehe ich durch die Tür, die auf der anderen Seite des Raumes liegt und stehe in einem langen Gang, der durch einzelne Neonröhren er- leuchtet ist. Kaum zu glauben, dass hinter der dritten Tür auf der rechten Seite die wunderschöne Empfangshalle ist, die ich am Tag sehe und jetzt, mitten in der Nacht, stehe ich in diesem tristen Gang. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Ich gehe den Gang entlang, bis ich durch die achtundzwanzigs-

te Tür auf der linken Seite gehe. Jetzt befinde ich mich sieben Stockwerke unter dem Tresor. Hier lasse ich einen Teil meiner Ausrüstung stehen. Ich will ja nicht al- les mit mir herum tragen. Ich gehe wieder zurück auf den schwach beleuchteten Gang und durch die siebzehnte Tür auf der rechten Seite. Hier befinden sich keine Kameras. Jetzt stehe ich in der Empfangshalle. Nachts sieht sie anders aus. Nachts wu- seln keine Kunden und Mitarbeiter herum und es ist ein- fach nur ruhig. Mich überkommt ein vertrautes Gefühl. Wieder stehe ich nachts an einem Ort, an dem ich nicht sein sollte und genau dieses Gefühl liebe ich so. Das ist meine Freiheit und dieses Mal lasse ich sie mir nicht nehmen! Ich renne auf leisen Sohlen durch die Empfangshalle und weiche allen möglichen Kameras aus. Ich habe das ja schon so oft geübt, dass ich mir dieses Mal auch wirk- lich sicher sein kann, nicht entdeckt zu werden. Als ich an der gelben Tür mit der Aufschrift „Aufzug“ ankomme, bleibe ich kurz stehen und drehe mich um. Ich habe nichts verloren und auch sonst keine Spuren hinterlassen. Um ganz sicher zu gehen, ob auch alles wie immer ist, beobachte ich die Lichter der Kameras. So- bald diese rot sind, nehmen sie auf. Die Reihenfolge ist richtig, also verschwinde ich durch die grüne Tür mit der Aufschrift „Treppe“. Jetzt gehe ich sechs Stockwerke nach oben. Hier sind zum Glück keine Kameras, sodass ich nicht allzu aufmerksam sein muss. Als ich im sechsten Stock bin, lausche ich an der Tür. In siebenundvierzig Sekunden müsste der Wachmann hier vorbei kommen. Und tatsächlich. Nach genau vier- zig Sekunden höre ich ihn näher kommen und zwanzig Sekunden später ist er um die nächste Ecke gebogen und somit habe ich freie Bahn. Denn seine nächste Runde macht er erst wieder in einer halben Stunde. Ich öffne die Tür einen Spalt und vergewissere mich, dass der Wachmann auch wirklich nirgends zu sehen ist. Wieder stehe ich auf einem Gang und gehe durch die Tür, die schräg gegenüber des Treppenhauses liegt. Hier befindet sich eine Treppe in das siebte Stockwerk. Die Tür ist verschlossen und ich öffne sie in sechzehn Sekun- den mit meinem Spezialwerkzeug. Drinnen halte ich einen Moment inne. Wieder atme ich durch und lausche. Doch es ist nichts zu hören. Ich steige die Wendeltreppe nach oben und stehe im Vorzimmer des Büros des Ge- schäftsführers. Leise husche ich durch die rechte Tür auf den Gang nach draußen. Zum Chef will ich ja nicht. Drei Türen weiter gebe ich zuerst den Code ein und öffne dann in siebzehn Sekunden das Schloss der Tür.

Während ich sechs Sekunden warte, bis der Bewe- gungsmelder ausgeschaltet wird, ärgere ich mich dar- über, dass ich meinen Rekord im Türöffnen wohl nicht mehr knacken werden. Jedenfalls nicht heute Nacht. Denn das war die letzte Tür, die ich öffnen musste. Die nächste war die Tresortür und deren Zah- lenkombination hatte ich. Ich gehe durch den Raum und gebe den Code für den Tresor ein, welcher an der Wand steht. Als die Tür freigegeben wird, warte ich acht Sekunden, damit der Alarm nicht aktiviert wird. Im Grunde ist diese Verzögerungstaktik ja nicht schlecht, aber mich kann sie nicht aufhalten. Dafür ist sie dann eben doch zu einfach. Ich öffne den Tresor und nehme den Schmuck und das Geld heraus. Meine Tasche ist groß genug, sodass alles hinein passt. Es wäre auch wirklich ärgerlich ge- wesen, wenn dies nicht der Fall gewesen wäre. Als ich fertig bin, schließe ich den Tresor wieder, gehe auf den Gang, verschließe auch die Tür des Tresorraums wie- der und mache mich auf den Weg nach unten. Alle Tü- ren, die ich geöffnet habe, schließe ich auch wieder. Als ich im Treppenhaus bin atme ich erneut tief durch. Jetzt ist es ein Kinderspiel nach draußen zu kommen. Ich gehe die Treppen langsam nach unten und im dritten Stockwerk bleibe ich plötzlich stehen. War da nicht ein Auto auf den Parkplatz gefahren? Ich lausche. Tatsächlich. Aber es scheint mir so, als seien es mehrere Autos. Mich beschleicht ein ungutes Ge- fühl. Schnell renne ich die Treppe nach unten und öff- ne die Tür zur Empfangshalle einen kleinen Spalt. Ich blinzle hindurch und als ich sehe, dass sich die Emp- fangshalle mit Polizisten füllt, schließe ich dir Tür wie- der. Erschöpft steige ich die Treppe in den Keller hin- unter und verstecke mich dort hinter der zwölften Tür. Zweiundzwanzig Minuten später höre ich Schritte nä- her kommen. Meine Beute habe ich vorsichtshalber versteckt. Vielleicht komme ich ja mit meiner Ausre- de, ich sei Obdachlos und habe Unterschlupf gesucht, davon. Große Hoffnung habe ich jedoch nicht. Es scheint so, als hätte es auch dieses Mal nicht geklappt.