Sie sind auf Seite 1von 8

 

  

Eisig streicht die feuchte Novemberluft durch den schmalen Spalt im Fenster der
kleinen unbeheizten Kammer. Die Öffnung haben die Brüder mit Stroh wohl verwahrt.
Die Flammen von Talklicht und Kien drohen im Luftzug zu erlöschen. Wie lange noch
werden sie dem frostigen Wind widerstehen?
Rudolf genießt jeden Hauch, der ihn trifft; kühlt er doch die Glut in seinem Körper
und hält ihn bei klarem Verstand. Bruder Martin, der schon die halbe Nacht bei ihm
ausharrt, hat soeben das Stundenglas zum dritten Mal nach der Mette umgedreht. Es
ist also die zwölfte Stunde. Nun wird es nicht mehr lange dauern! Doch will er offenen
Auges hinüber gehen – nur nicht dahin dämmern. Vielleicht wird er dort seinen
Richter treffen; einen gerechten, keinen vom Feinde berufnen.
Martin zieht ihm den Lumpen von der Stirn, taucht ihn in den Holzeimer voll
frischem, kaltem Bachwasser und legt das feuchte Tuch behutsam zurück auf
Rudolfs fieberheißes Haupt. Eine gute Seele ist der Bruder Martin, so wie es die
meisten der Pater hier im Tal der Salm sind.
In den knapp vier Jahren, die Rudolf nun schon hier zubrachte, musste er sich
schon arg verstellen. Zu verschieden ist seine Natur von jener der anderen.
Zeitlebens verstand er sich auf seine List; nur auf diese Weise konnte er all die Jahre
sorgenfrei hier leben. Wie hätte er wohl sonst ohne diesen Sinn Aufnahme im
Kloster Himmerod gefunden. In den Jahren davor hatte er sich oft mit seinen
Mannen gewaltsam Zugang verschafft und Speis und Trank erpresst, wenn ein
Beutegang an der Weinstraße, ganz in der Nähe bei Kail, keinen messbaren Erfolg
hatte. So manches Mal fanden sich unter der Kutte des Abts einige brauchbare
Münzen, Auch derer soll man nicht verschmähen, so sie einem feilgeboten werden.
Die Erinnerung an seinen Ahn Kuno den Großen ist unter den älteren Brüdern
noch nicht verblast. Vom Kreuzzug heimgekehrt, wendete er sich einem geistlichen
Leben zu. Durch die Fürsprache Bernhardts von Clairvaux, der ihn wenige Jahre
zuvor in den Krieg gegen die heidnischen Sarazenen und zur Befreiung des heiligen
Landes von den Ungläubigen schickte, hatte auch er hier Aufnahme gefunden.
Später erinnerte man sich seiner adligen Herkunft als es darum ging die Ansprüche
des Klosters wider einen Pferdedieb, der einen dem Kloster gehörigen Hengst
gestohlen hatte, einzufordern. Der gestellte Dieb verlangte ein Gottesgericht, dem
der greise, von Krankheiten aus dem Orient gezeichnete, Kuno nicht standhalten
konnte und so Anno 1180 zu Ehren Gottes des Allmächtigen dahingeschlachtet
wurde.

Vor vier Jahren stand also auch er, Rudolf, der im Reichsbann stehende
Raubritter vor der Klosterpforte und „bat“ um Einlass! Angstvoll blickte ein
verschrecktes Augenpaar durch den schmalen Sehschlitz zu ihm hinaus, als der
Bruder hinter der Tür gewahr wurde, wer ihm da in Kampfkluft, Kettenhemd und mit
voller Bewaffnung gegenüber stand. Selbst die Sturmglocke haben sie seinetwegen
geläutet. Die ganze Nacht und den nächsten Tag haben sie ihn vor dem Tor warten
lassen bevor sie ihn aufnahmen. Erst hatten sie sich vergewissern müssen, das
seine Mannen nicht im Hinterhalt lauerten.

Manfred Dziallas 1 von 8


Dabei hatte er sich solch eine schöne Geschichte einfallen lassen, die davon
handelte wie er des abends ein ganzes Stück hinter seinen Männern zurück
geblieben war, als sie gerade in der Nähe des Klosters vorbeistreiften. Wie er so
gedankenversunken vorbeiritt, lauschte er mehr zufällig dem Gesang der Mönche,
als plötzlich ein Ruck sein Herz durchfuhr. Da wollte er seinem jetzigen Leben
abschwören und ein frommes, gottesfürchtiges Dasein beginnen. Doch dann ergriffen
ihn wieder die alten Zweifel und er schwor, dass eher sein Pferd durch den Baum vor
ihm gehe, als dass er von seinem Weg weiche. Da sei aus heiterem Himmel ein Blitz
in das Holz gefahren, der die Eiche spaltete und sein Pferd sprang ohne sein Zutun
hindurch. Das war ein Zeichen des Herrn und so ward Rudolf von Gott bestimmt, in
welche Richtung er nun sein Lebensweg führen sollte. Zum Beweis lag ganz in der
Nähe eine unlängst vom Blitz gespaltene Eiche. Es fügte sich eins ins andere.
Die Brüder glaubten ihm endlich seine Geschichte und ließen ihn ein; ja sie
sorgten gar dafür, dass sich die Mär von seiner wundersamen Errettung in
Windeseile in der ganzen Gegend verbreitete. Rudolf hatte schon bemerkt, dass sie
in den kommenden Wochen jeden seiner Schritte überwachten und bei Nacht eine
Wache vor seine Kammertür und unter sein Fenster stellten. Der Abt war ein
frommer, aber kein naiver Mensch. Vielleicht durfte Rudolf auch deshalb seinen
Namen behalten, damit es nicht zu schlimmen Verwechslungen kommt.
Von langer Hand vorbereitet, hat Rudolf diesen Schritt geplant! Die Herrschaft
Malberg weiß er bei seinem Sohn Vogt Rüdiger in besten Händen. Er hat den
Namen seines Ziehvaters, dem alten Vogt erhalten. Der wird die Ausbildung der
Knappen überwachen, bis sie zum Manne gereift. Dann sollen sie zeigen, dass sie
aus dem gleichen Holz geschnitzt sind, wie ihr Vater und dem alten ehrwürdigen
Geschlecht derer von Malberg alle Ehre erweisen.
Vor nun schon sieben Jahren war Rudolfs Weib an den Blattern gestorben. Das
halbe Dorf ist dahingerafft. Auch viele seiner tapferen Kämpen hat der schwarze Tod
mit sich davon genommen. Manche Feuerstätte ist verwaist und die Dächer
verfallen. Nur langsam erholt sich das Land. Die Untertanen eines Vogelfreien trifft
solches Leid um so mehr. Niemand wird ihnen Beistand gewähren. Der Schönecker
weilt auch nicht mehr unter den Lebenden; Rudolf ist alt und krank. Rheuma und
Gicht plagen ihn gar sehr. Der alte Karren ist abgewirtschaftet. „De krackelechst
Korren loffen om langsten!“, heißt es, aber er sein „Lebenskarren“ ist zerbrochen.
Sein wildes Leben fordert nun seinen Tribut. Wo wäre er denn besser untergebracht
als hier!? Jeder kümmert sich um seinen Mitbruder. Leichte Gartenarbeiten konnte er
bis vor kurzem, als ihn das Fieber auf das Lager drückte, noch erledigen.
Weggenommen ist ihm die Last und die Sorge, was der nächste Tag bringt. Keine
Verantwortung für das eigene Volk lastet nunmehr auf seinen Schultern.
Ein Bildnis des Gekreuzigten hängt Rudolf gegenüber oberhalb der Tür. Das
schwache flackernde Licht zeichnet bizarre Schatten auf das Antlitz des sterbenden
Jesus. Ein Lächeln überfliegt Rudolfs Gesicht. „Er schaut schon Gottes
Herrlichkeit!“, raunt Bruder Martin dem Abt Winfried zu, der kurz zuvor den Raum,
leise wie auf Katzenpfoten, betreten hat. „Oh du einfacher Mensch!“, denkt sich
Rudolf. So weit ist es noch nicht! Mit den Pfaffen hat es Rudolf nie gehalten und zu
den Menschen, die dem lieben Gott die Zehen abbeten hat er nie gehört! Und doch
hielt er an seinen Glauben. Soll er in seinen letzten Stunden aus Angst vor dem, was
jetzt folgt, heuchlerisch zu Kreuze kriechen? Zu dem, was er getan, steht er – um
Vergebung heischen wird er nicht – auch nicht vor dem Herrn im Himmel!

Manfred Dziallas 2 von 8


Von seiner Kindheit weiß er nicht mehr viel zu sagen. Von seinem Ahn, dem
großen Kuno erzählte ihm der Vater aus dessen Erinnerungen, als er noch ein
Knabe war. Da saß Kuno von edlen Rittern umringt auf seinem Roß im inneren Hof
der Oberburg in vollem Harnisch. Alle trugen weite Mäntel und ein Leinenhemd mit
großem aufgenähtem Kreuz über dem Brustpanzer. Es war der Tag ihres Aufbruchs
in das heilige Land. Die Herren aus dem Westen holten ihn mit sich fort. In den
vorangegangenen Tagen hatten sich immer mehr Ritter aus dem Umland
eingefunden und nun zogen sie gemeinsam weiter in ein unbekanntes Land. Das
Erzählte erscheint Rudolf noch heute wie ein Traum. Hat er das alles nur gehört oder
in Wirklichkeit selbst erlebt?
Kurze Zeit später starb die Mutter und Rudolf wurde als Knappe zu den Herren
von Falkenstein gesandt. Einem Krähennest gleich liegt die Burg auf einer weit vor
kragenden Felsnase hoch über dem Tal der Our; nur einige Minuten entfernt, auf der
gegenüberliegenden Flussseite der Herrschaft Vianden. Der Falkensteiner war ein
gestrengen Herr! Hier erlernte Rudolf das Waffenhandwerk, aber auch höfische Sitte,
und das es besser ist mit dem Gesinde zu verfahren, wie mit seinem besten Hund.
„Befehlige beide – Hund und Gesinde! Zeige ihnen wer der Herr ist! Aber streichle sie
auch! Den ersten mit der Hand; die letzteren mit Worten. So werden sie dir auf immer
Treue bezeugen!“, ermahnte er Rudolf immer wieder aufs neue.
In all diesen Jahren hat Rudolf die Burg Malberg nicht mehr gesehen. Sie
befand sich nach Kunos Gang nach Himmerod im Besitz seiner Tante Agnes. Sein
Vater Johann hatte keinen Anteil an der Herrschaft. Auch er war inzwischen
verstorben. Oheim Philipp war ihm bald auf dem gleichen Weg gefolgt und hatte sein
Weib kinderlos zurück gelassen. Nur spärlich drangen die Gerüchte über den
Zustand der Herrschaft Malberg bis zu ihm. Tante Agnes ging offensichtlich recht
großzügig mit den ihr anvertrauten Gütern um. Ihr Beichtvater trieb sie zu immer
größerem religiösem Eifer. Bei Erlesbura hatten sich vor vielen Jahren in Waldhütten
lebende Nonnen eingefunden. Ihnen ließ Agnes eine feste Kirche auf eigenem Grund
errichten. Den vollständigen Nordostteil der Herrschaft hatte sie an diese
verschenkt.
Inzwischen ist Rudolf zum Manne gereift und zu Lützelburg (Luxemburg) hat er
den Ritterschlag erhalten. Ein feiner Ritter war er! Ohne Lehen stand er da. So
musste er sich bei seinem Herren Walram Herzog von Limburg, Graf zu Lützelburg
als Recke verdingen. Dem hat er viele Jahre treu im Waffenhandwerk gedient.
Schneller als es Rudolf gedacht, wendete sich das Blatt nun zu seinen Gunsten.
Tante Agnes hatte ihren Lebensabend als Klosterfrau zu Erlesbura zugebracht. Das
Kloster trägt den Namen St. Thomas nach Thomas Beckett, einem Bischof in
Angelland, den seine Gegner vor langer Zeit aus dem Weg geräumt hatten. Agnes
hatte man gar noch zur Äbtissin gemacht, was sicherlich ihrer Freigiebigkeit keinen
Abbruch tat, und ist 1236 eines frommen Todes gestorben. Rudolf ist der nächste
Nachfahr. Auf Betreiben Walrams gelingt es auch gegen die Einwände des ewig
streitsüchtigen Nachbarn Kurfürst und Erzbischof Theoderich II von Trier die
Herrschaft Malberg zum Lehen zu erhalten.
Auf Malberg angekommen, wird er mit großem Jubel empfangen. Fast will es
scheinen, dass die Burgmannen, wie nach einer langen Belagerung dem Befreier
huldigen. Bald wird Rudolf gewahr, was die Menschen so freundlich stimmt. Mauern
und Gebäude sind in einem verwahrlosten Zustand. Ein Teil des äußeren Burgrings
ist bereits eingebrochen und nur notdürftig mit Holzpalisaden versperrt. Agnes hat ihr
gesamtes Hab und Gut im religiösen Wahn dem Kloster St. Thomas zugeführt und
die Burg immer mehr verfallen lassen. Den Bergfried zu betreten bedarf es schon

Manfred Dziallas 3 von 8


großen Muts. Die Treppen sind morsch und die Bastionen eingestürzt. Es würde
großer Anstrengungen bedürfen die Wehrhaftigkeit der Anlage wieder herzustellen.
Die Leute zu Malberg erhofften sich von Rudolf bessere Zeiten und das die alte
Herrlichkeit wieder eintreten möge. Glücklicherweise hatte Theoderich II dessen
Besitzungen nur einen Steinwurf entfernt, südöstlich bis auf und um den Kiliberg
reichen, offensichtlich noch nichts vom derzeitigen Zustand des Gemäuers erfahren.
Es wäre ihm ein leichtes gewesen die Burg im Handstreich zu nehmen.
Rudolf wusste, dass er schnellstens Abhilfe schaffen musste. Doch woher sollte
er die nötigen Mittel nehmen? Walram würde ihm sicher zur Seite stehen; schließlich
bildete Malberg einen wichtigen Eckpfeiler in seinem Herrschaftsgebiet! Würde ihn
Rudolf aber um Beistand bitten, bekäme Theoderich bald Wind davon – schlafende
Hunde soll man nicht wecken! Die Schatztruhen der Feste Malberg waren leer und
der Großteil des Landes und der Hofgüter an das Kloster St. Thomas verloren. Nun
hatte er noch wenige Fronbauern deren Herr er war. Der Burscheider war ein
getreuer Diener, der ihn nicht im Stich lassen würde. Sogleich bot er sich selbst zum
Spanndienst, zwei seiner besten Knechte und seinen ältesten Sohn zum Errichten
neuer Wehr- und Trutzmauern an. Die Bauern in Weich (Malbergweich) und in
Niedernbuch (Neidenbach) willigten nur unter Androhung von Strafe ein, beim
Wiederaufbau der Burganlage mitzutun. Sie meinten, sie hätten in den vergangenen
Jahren weit mehr als den Zehnten an die frommen Frauen in Erlesbura abgeliefert,
weil es die Herrin zu Malberg verlangte! Ihre Scheunen seien leer und das meiste
Vieh fortgeführt. Dabei sahen sie gar nicht so schlecht genährt aus. Rudolfs Gefolge
in Malberg befand sich in einem weitaus elenderem Zustand. Ihre ausgemergelten
Körper konnten sich kaum auf den Beinen halten.
Rudolf ging zu den Menschen im Dorf, besuchte sie in ihren Häusern unterhalb
des Burgbergs und befragte sie nach ihrem Stand und Gewerbe. Die meisten von
ihnen waren Schwertmänner. Doch von diesem Handwerk allein konnten sie nicht
leben und so ging ein jeder einem oder mehreren weiteren Gewerben nach. So
fertigten sie irdenes Geschirr, schnitzten Holzlöffel, flochten Körbe, spannen und
webten grobes Leinenzeugs und so weiter. Einige hatten sich dem Hopfenanbau
verschrieben und den Hopfen lieferten sie an die Burgbrauerei. In einer kleinen
Hütte, abseits der anderen Häuser nahe der Mündung des Bachs in die Kyll, wohnte
ein alter, hagerer Greis; das Alter zog ihn schon zu Boden. Er war damals der
Waffenschmied der Herrschaft. Rudolf konnte sich seiner noch aus Kindheitstagen
erinnern. Einst war er ein Hüne und wenn er den Hammer auf das glühende Eisen
sausen ließ, spritzten die Funken, dass man glaubte der ganze Berg zittere unter
seinen Schlägen. Was hatte die Zeit aus diesem dereinst stolzen Mann gemacht!?
Tante Agnes hatte ihn schon vor geraumer Zeit von der Burg gejagt. Einen Mann fürs
Mordwerkzeug brauche sie nicht. Rudolf aber benötigte sein Wissen und Können um
den Stahl. Dieses Wissen musste der alte Eckehard an einen jüngeren weitergeben.
Männer mit dem rechten Geschick zu finden wird kein leichtes sein. Die Gesellen
hatten die Herrschaft bald verlassen, nachdem Agnes sich ihrer Dienste entledigte.
Aus der Tür trat ein blutjunges, aber doch schon früh zur Frau gereiftes und
wohlgeformtes, Mädchen. Im gleichen Augenblick sahen sie einander in die Augen
und ein heißes Feuer voller Sehnsucht durchfuhr Rudolfs Körper. Auch sie starrte
lange, wie bebannt, in sein Gesicht, bevor sie züchtig die hellblauen Augen
niederschlug und den Kopf mit dem flachsblonden Schopf senkte. Es war Kunigunde,
die Tochter Eckehards. Mit ihr hatte Rudolf, als sie noch Kinder waren, im Gemäuer
der Burg gespielt. Nun holte er beide wieder zu sich dorthin, hoch überm Tal, wo sie
dereinst sorglos herum getollt hatten.

Manfred Dziallas 4 von 8


Nur schleppend gingen die Arbeiten am äußeren Bering voran. Schnellstens
mussten die Breschen in der Mauer geschlossen werden. Der Bergfried hatte zu
warten! Die Wächter bezogen ihre Posten im Dachgestühl des Palas in der
Oberburg. Diesen hatte ein Vorfahr Rudolfs dereinst als Turmhaus errichten lassen
und er hatte schon in alter Zeit als Aussichtskanzel gedient. Er bot einen weiten
Ausblick über die gesamte Gegend in drei der vier Himmelsrichtungen. Von Norden
her war keine Gefahr zu erwarten.
Bald sollte sich unerwarteter Beistand einfinden. Auf der Straße von Weich her
kam ein kleiner Trupp bewaffneter Reiter gen Malberg gezogen. Ein Feind schien da
nicht des Weges geritten zu kommen!? Niemals würde der auf dem breiten Fuhrweg
ohne Deckung, den Bogen und Armbrüsten Rudolfs schutzlos ausgeliefert, daher
trotten!
Es war der Schönecker mit Gefolge, der sich von Rudolf Gastrecht erbat. An die
vier deutsche Meilen (1 dt. Meile = 7,5327 km) entfernt, liegt seine Burg gen Norden,
oberhalb des Nimsbachtals. Einen Besuch dieses Herrn hätte Rudolf in diesem
Leben nicht erwartet. Der Schönecker war kein Mann vieler Worte. Schnell offenbarte
er was ihn bewogen hatte, sich auf den beschwerlichen Weg zu machen. Er bot dem
Herrn von Malberg Beistand und Hilfe beim Aufbau des maroden Gemäuers an.
Fronbauern und Laibeigene hatte er in Scharen. Diese wollte er Rudolf, natürlich
gegen ein entsprechendes Entgeld, zur freien Verfügung stellen bis die
Wehrhaftigkeit der Anlage wieder hergestellt sei.
Bis nach Schönecken hatte sich also schon herum gesprochen, wie es um die
Herrschaft Malberg stand. Dann konnte es nicht mehr lange dauern, bis die Kunde
nach Trier dringt. Nun ist Rudolf mehr Haudegen als taktierender Diplomat, und doch
mahnt ihn seine Listigkeit zur Vorsicht. Er wusste wohl um die seit Generationen
ererbten Feindseligkeiten zwischen Kurtrier und den freien Herren von Schönecken.
Auch sein Gegenüber, Dietrich, schien gerissen zu sein. Rudolf wollte nicht beim
Katz- und Mausspiel die Maus sein. Er musste erst die genauen Bedingungen
kennen, bevor er sich auf diesen Handel einließ. Dietrich nannte sie frei heraus; er
brauchte Rudolfs Rückendeckung bei Überfällen auf fahrende Händler, die sich in
der Umgegend seiner Lande bewegten. Das konnte andere Herren verärgern, so tat
aller Beistand gut. Auf der anderen Seite mochte Rudolf das gleiche von ihm
erwarten, wenn der sich auf den Weg machte die Pfeffersäcke von „unnötigen
Ballast“ zu befreien. Die Mittel, die Rudolf brauchte um des Schöneckers Leute zu
versorgen, könne er sich ja bei den frommen Frauen zu Erlesbura holen. Das war
also der Handel! Ein Raubritter sollte er werden!
Den Klosterfrauen wollte er schon lange einen Besuch abstatten; jetzt würde
sich eine günstige Gelegenheit bieten. Doch womit sollte er Dietrich bezahlen?
Ermattet teilte er diesem seine Bedenken mit. Der wiegelte aber ab, ja spornte
Rudolf gar zu raschem Handeln an.
Kaum das Dietrich wieder seiner Wege gezogen war, standen auch schon die
ersten seiner Männer da und nahmen die Arbeit auf. Dietrich hatte Wort gehalten,
nun war es an Rudolf ein gleiches zu tun. Erst sollten jedoch die Arbeiten an der
Burg vollendet werden. Als letzte Gewerke ließ er in der Oberburg mehrere Zisternen
anlegen und den eingestürzten Brunnen frei graben. Kurz nach der Ankunft in
Malberg wurde Rudolf gewahr,, dass die Quelle im Keller des Vogthauses immer
noch Wasser führte. Also sollte der gut fünfzehn Klafter (1 Klafter = 1,9 m) tiefe
Brunnen oberhalb im Burghof noch vom Wasservorrat im Berg gespeist werden.
Rudolf sorgte für die Zukunft vor. Wie würden die Reaktionen der hohen Herren sein,

Manfred Dziallas 5 von 8


wenn er, der kleine Vasall, den Nonnen kräftig auf die Füße treten würde. Er wollte
einen gerechten Ausgleich mit den Frauen zu St. Thomas erreichen.
An einem kühlen Frühsommermorgen machte sich Rudolf mit fünf Getreuen auf
den Weg das Kloster aufzusuchen. Sie ritten den Teufelspfad entlang, schwenkten
dann jedoch nach Burscheid. Die Pferde prusteten, obwohl sie nur leichten Gang
liefen, den Berg seitwärts oberhalb der Hill hinauf. Das Baumharz legte einen
Wohlgeruch in den Wald und die Sonne trieb lange Strahlen zwischen die Bäume.
Gerne hätten sie den Tieren den beschwerlichen Weg erspart, jedoch der bequeme
entlang der Kyll führte über Trierer Gebiet und einen Streit wegen einer banalen
Grenzverletzung wollte er nicht herauf beschwören – noch nicht! Als sie die
Hochebene erreicht hatten, konnte sie in der Ferne das alte Bedaburg (Bitburg) und
wenige Ochsengespanne auf der Römerstraße nahe Hohnert erkennen. Nun lenkten
sie ihre Pferde gen Kasholz. Unterwegs gibt der Wald kurz den Blick auf Erlesbura
frei. Die wenigen Hütten waren seit Rudolfs Kindheit nicht mehr geworden. Jedoch
an Stelle der Waldsiedlung erhob sich eine fest gemauerte Kirche. An diese
angereiht stand ein Wohnhaus und mehrere Wirtschaftsgebäude. All das ist von
einer gut 10 Fuß (1 Fuß = 30 cm) hohen Mauer umgeben, die nur durch ein Tor und
den übermauerten Durchfluss des Heilenbachs unterbrochen ist. In der Meinung,
dass Rudolf das Grab Agnes in der Kirche besuchen möchte, lassen die Nonnen ihn
willig in den Innenraum einziehen. Er wird gar zur Äbtissin vorgelassen, wo er sein
Anliegen vortragen darf. Er möchte seine Hofgüter zurück und den Rest der Barschaft
Agnes, den sie ihm vorenthielten. Ein Großteil war wohl verloren; wer anders als
seine Tante hätte den Bau dieser Anlage finanzieren sollen. Er war gar bereit den
Nonnen einen Teil des Zehnten zu lassen auf das sie ihr gottesfürchtiges Leben auf
angenehme Art weiterführen können. Schroff wiesen sie ihn ab und warfen ihn samt
seiner Mannen aus dem Kloster. Er war in Frieden gekommen, aber sie wollten es
auf einen Kampf ankommen lassen. Er würde ihnen gebührend antworten. Rudolf
sah sich wohl gerüstet für eine Auseinandersetzung.
Die Bauern zu überzeugen, wohin sie nun wieder den zehnten Teil ihre Erträge
zu liefern hatten, bedurfte es keiner großen Kunst. Sie kamen seiner Aufforderung
gerne nach; zumal die Lasten geringer ausfielen als bei den frommen Weibern.
Diese zeigten jedoch eine erstaunliche Zähigkeit in ihrem Widerstand, die gar
Rudolf Respekt abverlangte. Um sie ständig zu belagern, dafür fehlten ihm die Mittel
und ein großes Gefolge. Aber kleine Stiche zu verteilen, brachte größeren Nutzen.
In den folgenden Jahren verstärkte Rudolf seine Bemühungen zusehend. Ewig
würde der Schönecker nicht mehr auf die Rendite warten. Steter Tropfen höhlt den
Stein und eines Tages melden seine Kundschafter den Abzug der Nonnen aus dem
Kloster, nachdem nachts zuvor unversehens der rote Hahn die Wirtschaftsgebäude
besucht hatte. Das Jahr neigte sich dem Ende zu und die Ernte ist in den Speichern
verbrannt.
Bei Bertert hat er ihnen den Weg verstellt und um allerlei gülden Tand erleichtert.
Was die Frauen für Verstecke wussten! Das hätte er den in geistiger Zucht lebenden
Weibern nicht zugetraut. Erleichtert von ihrer schweren Last hat er sie unbeschadet
ihres Weges ziehen lassen. Endlich kann Rudolf seine Schulden beim Schönecker
mit Zins und Zinseszins begleichen. Nun ist er nicht mehr an sein Wort gebunden.
Nach wenigen Wochen erreicht Rudolf eine Botschaft Walrams von Lützelburg.
Der warnt ihn, dass die Nonnen in ihr Mutterhaus nach Trier gezogen sind und
Theoderich II tagtäglich ihr Leid klagen und ihn um Beistand für eine baldige
Rückkehr bitten. Theoderich hat gar schon bei ihm, Walram, um Rechtshilfe gebeten.
Im Moment unternimmt Theoderich noch nichts. Wenn er ein Heer aufstellt und gen

Manfred Dziallas 6 von 8


Malberg zieht, weiß er die Truppen Walrams in seinem Rücken. Wegen weniger
Nonnen riskiert er keinen großen Feldzug mit vielen Toten und ungewissem Ausgang.
Walram drängt Rudolf zur Heirat der Tochter des Ritters von Neuenburg.
Verbündete kann man in diesen unsicheren Zeiten nicht genug haben. Rudolf willigt
ein. Eine Hochzeit mit Kunigunde, der Frau die er liebt und die sein Kind unter dem
Herzen trägt, verbietet ihm sein Stand. Sie ist nur die Tochter eines einfachen Freien
und nicht wie er von adliger Herkunft. Vogt Rüdiger wird ihr ein guter Mann sein. Und
sie bleibt in seiner Nähe; ihren Rat kann und will er auch fürderhin nicht missen.
Das Blatt wendet sich zu Rudolfs Ungunsten als Walram in Fehde mit Engelbert
von Berg, Herr des Erzstiftes Köln liegt. Kaum das der Krieg begonnen, schickt
Theoderich ein starkes Heer gen Malberg. Beim ersten Anzeichen für das
Erscheinen des anrückenden Feindes finden sich alle Schwertmänner in der Burg
ein und verstärken die aus gewöhnlich zwölf Bewohnern bestehende Mannschaft.
Erste Versuche die Burg zu erstürmen, scheitern kläglich. Auf drei Seiten durch steil
abfallende Klippen geschützt, ist die Abschnittsburg nur von Norden her verwundbar.
Aber dort ist sie gut befestigt. Der Wallgraben mit spanischen Reitern trennt den
Zugang vom Umland. Die Zugbrücke ist hochgezogen und das eisenbeschlagene Tor
dahinter wohl verwahrt. Nun zeigt sich Rudolfs Weitsicht Zisternen und Brunnen
anzulegen. Fällt der Brunnen in der Glut der Sommersonne trocken, bleibt immer
noch das Wasser im Speicher. Essen herbeischaffen und die Bewegungen des
Feindes beobachten, geschieht nachts durch den geheimen Gang, den die Ahnen
dereinst durch den Fels unter der Erde versteckt bis in den Wald kyllabwärts
getrieben haben. Lage würden sie so ausharren können; aber wer wollte so leben:
eingesperrt auf dem Bergsporn, nur im verborgenen unterwegs im Land.
In einer klaren Nacht leuchtete heller Schein von mehreren Plätzen der
Hochebene. Die Trierer hatten die umliegenden, zur Herrschaft gehörigen, Dörfer
angesteckt; die Bauern waren mit dem Vieh in die Wälder geflohen. Schließlich
lenkte Rudolf in dem Streit ein, gestand den Nonnen alle ihre alten Rechte zu und
gelobte sie nicht mehr zu unterdrücken. Nur das wenige an Edelschmuck, das ihm
geblieben war, rückte er nicht wieder heraus. Einen Vorteil musste auch er aus der
ganzen Geschichte ziehen.
Alsbald zogen die Truppen des Erzstifts Trier ab. Ein Teil blieb aber auf dem
Kiliberg und begann mit dem Bau der Kyllburg. Auf diese Weise wollte Theoderich
Rudolfs Schritte kontrollieren. Diese Burg war Rudolf ein schmerzender Dorn im
Fleisch; gegen ihren Bau konnte er nichts unternehmen.
Rudolf war seiner Schulden ledig, aber auch fast wieder mittellos. So sann er
auf andere Art den Unterhalt der Herrschaft zu sichern. Ihm fiel auf, dass der Kot den
die Belagerer auf der Turnierwiese zurückgelassen hatten und der ihres Viehs das
Gras, wo er gefallen, zu größerem Wuchs veranlasste. So wies er die Bauern an, all
ihren Mist auf ihre Felder zu streuen. Die taten nur widerwillig, wie ihnen geheißen,
doch bald stellte sich eine gute Ernte ein und der tote steinige Boden zu Malberg
brachte ansehnliche Frucht.
Nun erinnerte er sich der Worte Dietrichs von Schönecken und er begann in
fremde Gebiete einzufallen, zu rauben und zu plündern. Er holte sich den fehlenden
Zehnt auf seine Weise. Rudolf fand Gefallen daran sich den Blicken seiner Bewacher
immer wieder zu entziehen. Er verlegte sein Operationsgebiet mehr und mehr nach
Osten. Auf der Weinstraße, die von der Mosel her nach Norden führt, fanden sich
immer Händler, die sich über die weggenommene überzählige Last „freuten“. Auch
bare Münze verschmähte Rudolf nicht. Trug sie sich doch weitaus bequemer als
volle Futtersäcke. Um die Wächter auf der Kyllburg zu täuschen, musste er

Manfred Dziallas 7 von 8


manche List anwenden. Mal schlug er die Eisen an den Pferdehufen falsch und dann
wieder richtig herum an. Nie wussten seine Verfolger woran sie waren
Vor Sankt Thomas ließ er sich nur selten sehen. Doch wenn er dort vorbei zog,
ließ er die frommen Frauen wissen, dass er ganz in der Nähe sei. Sie sollten ihn
nicht so schnell aus dem Gedächtnis verlieren. Ihre Habsucht hatte seinen
Lebensweg bestimmt. Bei gütlicher Einigung hätten alle vom Ertrag, den sie und er
erwirtschaftet hätten, gut gelebt.
Nur selten noch kam es zu kleinen Scharmützeln mit Mannen derer von Kayle
oder denen von Trier. Theoderich ärgerte es, dass er es nicht geschafft hatte diesen
kleinen Ritter aus dem Felde zu schlagen. So setzte er all sein Können daran durch
die Verbreitung von Lügen und Halbwahrheiten Rudolf verächtlich zu machen. 1254
hatte er es endlich geschafft, als die Reichsacht über Rudolf verhängt wurde. Der
war damals schon ein alter Mann und sehnte sich mehr nach dem wärmenden
Feuer als nach einem Beutegang. Den Bannbrief warf er ins Feuer und den
kaiserlichen Boten jagte er mit einem Fußtritt von der Burg. All diese Lügen
kümmerten ihn nicht. Aber die Unwahrheiten über ihn und Kunigunde schmerzten ihn
sehr. Ihre Liebe wurde mit Füßen getreten. Er habe auf das uralte Recht der ersten
Nacht bestanden, dass die Landesherren schon seit langem nicht mehr praktizierten,
und dem eigenen Vogt die Frau vorenthalten. Kein Unrecht war schlecht genug um
es ihm nicht anzudichten!
Die Reichsacht verfehlte jedoch die erhoffte Wirkung. Die
Lehensabhängigkeiten der einzelnen Herrschaften in der Nähe Malbergs sind
derart verworren und in einander verflochten, dass sich keiner der Herren zum
offenen Kampf gegen ihn stellt oder für ihn eintritt. Sie müssten fürchten das Erzstift
Trier oder Lützelburg gegen sich zu haben. Mit solch mächtigen Gegnern legt sich
niemand freiwillig an. Zum andern bewundern sie Rudolf wegen seines Widerstands
gegen die geistliche Obrigkeit, die ihnen zum Teil große Opfer abverlangt.
Die letzte Sauhatz mit dem Schönecker in den riesigen Wäldern des Nordens
ließ Rudolf erahnen, dass er bald den Freund verlieren würde. Nur wenige Tage nach
der Jagd erhielt er die Botschaft von dessen Tod.
Rudolf hat vor wenigen Tagen erst der Veräußerung der Güter Agnes, durch die
Nonnen von Sankt Thomas, bei Rossporten zugestimmt. Von dem Erlös von 200
Gulden wurde ihm vor vielen Jahren die Kyllburg vor die Nase gebaut. Er wollte
Frieden für seine Nachkommen. Sie sollten sich nicht mit alten Zwistigkeiten der
Väter herum schlagen müssen.

Nun war es an Rudolf den Weg in die Unergründlichkeit zu gehen. Es geht auf
drei, Bruder Martin ist auf dem Hocker eingenickt, gleich erlischt das Talklicht. Rudolf
spürt die Leichtigkeit die ihn erfasst. Er schwebt wie ein Blatt im Wind. Befreit von der
Last des alten, welken Körpers tritt er durch einen Schleier. Hinten warten sie, die
Ahnen und Gefährten, welche ihm voran gegangen sind. Kunigunde und sein Weib
Irmine winken ihm freundlich zu. Und er geht – froh und ohne Schmerz!

Manfred Dziallas 8 von 8