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Im Eifeldorf

Die ersten Dinge aus meiner frühen Kindheit, an die ich mich erinnere, liegen
dem Novembernebel gleich, wenn er schwermütig das Kylltal durchstreift, hinter
einem dichten grauen Schleier verborgen. Oft weiß ich nicht: Ist es meine Phantasie
oder hat es sich wirklich so zugetragen.
Am Anfang war, und so wird es bei den meisten Menschen sein, „unser“ Haus
der Dreh- und Angelpunkt meiner Welt. Darinnen wohnten neben meinen Eltern und
den älteren Geschwistern noch die Großeltern. Damals war eine solche Großfamilie
nichts außergewöhnliches. In fast jedem Haus im Dorf lebten drei, ja manchmal gar
vier Generationen unter einem Dach. Heute ist das eher die Ausnahme. Die
Menschen waren genügsam und bescheiden; und doch mit dem wenigen zufrieden.
Das Wort Konsum existierte nicht in ihrem Sprachgebrauch.

Wir waren unserer fünf und „hausten“ in zwei Zimmern. Das erste war die
Wohnküche. Darinnen stand ein Schrank, ein Tisch mit vier Stühlen und einer
gemütlichen, weich gefederten Couch. Ihr gegenüber, auf einem Bord, stand ein
großes Röhrenradio mit „magischem Auge“ der Marke Löwe - Opta. Neben dem Sofa
war der Wandschrank eingemauert. In ihm blieb die Butter auch im Sommer frisch.
Und im Eck war der Spülstein, dessen Wasserhahn als einzige Wasserquelle diente;
an dem sich alle wuschen, wo Kaffeewasser und Badewasser für das samstägliche
Bad in der Zinkwanne entnommen wurde, und der das Nass zum Spülen und Putzen
spendete. An der Trennwand zum anderen Zimmer stand endlich noch der große
eiserne Herd auf gedrehten Füßen mit umlaufender Stange und gekachelter
Rückwand. Vor dem Ofenrohr befand sich das „Schiffchen“, in dem allzeit heißes
Wasser aufbereitet wurde. Auf einem Gitter aus Drahtgeflecht stand die emaillierte
Kaffeekanne aus Blech, in der tagsüber Muckefuck warm gehalten wurde.
Kaffee gab es nur morgens und man tat gut daran die Zähne zusammen zu
beißen, damit der Satz in der Tasse blieb. Filtertüten wurden nur an hohen
Feiertagen für hochgeschätzte Gäste benutzt – aber der gefilterte Kaffee von heute
kann geschmacklich an den morgendlichen Genuss aus alter Zeit nicht heran
reichen.
Unter dem Herd war der Backofen, in den man auch mal nach einem Tag in Eis
und Kälte die Füße steckte; und auf dem Boden stand der Kohlenwagen, gut mit
Brikett und Holz befüllt. Als letztes gab es daneben noch den selbst gezimmerten
Holzkasten, der nicht nur aus selben gebaut und mit PVC überzogen war, sondern
auch mit Feuerholz bestückt. Er wurde an langen Winterabenden gern von allen als
alternative Sitzgelegenheit genutzt. Schließlich war er nicht nur Vorratsbehälter; nein
– der Deckel konnte über zwei Scharniere verschlossen werden und diente dann als
Stuhl. Im Rücken den warmen Schornstein und zur rechten den heißen Herd – Wer
hätte dort nicht sitzen wollen?!
Der zweite Raum war die Schlafkammer. Darinnen befanden sich neben den
Attributen eines vollständig eingerichteten Schlafzimmers für Eheleute noch ein
Dauerbrenner, der aber seinem Namen keine Ehre machte und den Raum nur für
wenige Stunden erwärmen durfte und lange ausgebrannt war, wenn wir zu Bett
gingen. Dann war da noch das Kinderbett meiner schwerkranken Schwester und an
einer Wand hingen die Bilder meiner Großeltern, einige Hochzeitsfotos der Eltern,
Tanten und Onkeln, sowie Erinnerungen an Mittenwald in Niederschlesien, der
Heimat meines Vaters, die er seit der Vertreibung 1945 nie mehr gesehen hat und an

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der sein Herz bis zum letzten Atemzug mit tausend Banden hing. Mein Bruder und
ich schliefen mit im Ehebett bei den Eltern.

Irgendwann wurde mir das „Hausrevier“ zu klein und es zog mich nach draußen.
Zu sehr lockte das Rauschen, welches man laut und klar durch die dünnen Scheiben
der beiden einfach verglasten Fenster vernahm. Was sich dahinter verbarg, konnte
ich nur erahnen, aber nicht sehen. Aus dieser Zeit stammen meine ersten deutlichen
und zusammenhängenden Erinnerungen.
Ich war noch keine drei Jahre alt, als meine Schwester starb. Bruchstückhaft
weiß ich noch von der Zeit zuvor, doch von ihrer Beerdigung ist mir alles im
Gedächtnis. Wenngleich ich auch damals noch nicht verstand, wo sie hin gegangen
war, oder warum sie drei Tage lang in Omas guter Stube in ihrem weißen Sarg
schlief. Damals blieben die Toten noch bis zu ihrem letzten Gang zu Hause. Man
wurde zu Hause geboren, und man starb auch dort; bei seiner Familie, nicht in einer
kalten, sterilen Klinik.

Kurze Zeit später bekamen wir unseren ersten Fernseher. Selbstverständlich


war es noch ein Schwarz/Weißgerät der Marke SABA, welches ganz oben auf dem
Küchenschrank stand, unzugänglich für ungeschickte Kinderhände und nur durch die
Eltern zu bedienen. Programme gab es damals nur zwei –ARD und ZDF- und die
waren im engen Kylltal von Malberg von mäßiger Bildqualität. Die beiden Sender
waren sich damals nicht sonderlich „grün“, und von Zuschauern, die bei beiden „in
der ersten Reihe sitzen“ war noch keine Rede.
Erst der Umsetzer auf dem Taubenberg brachte eine spürbare Verbesserung der
Bildschärfe. Zuvor behalf man sich mit Stanniol aus Schokoladenpapier, das um die
Antennenkabel gewickelt, je nach Wetterlage, verschoben werden musste. Half das
nicht, ging mein Vater auf den Speicher um die Antennen zu drehen. Diese Arbeit
führte er nach den Zurufen meiner Mutter aus. Wichtig war die richtige Antenne zum
zugehörigen Sender auszurichten, sonst konnte das Ergebnis schlimmer sein als
zuvor.
Das Fernsehprogramm begann erst nach 17:00 Uhr, doch vor „sieben“ wurde
selten eingeschaltet. Kurz vor 20:00 Uhr wurde es unruhig im Haus. Dann kamen die
Großeltern und die Nachbarn: Karpen Pitt mit Maree, der Garcon und Marie, seltener
sah man Sehns. Sie alle wollten die Tagesschau sehen und blieben dann bis der
anschließend gezeigte Film, oder das Fußballländerspiel aus waren. Von diesen
Dingen bekam ich zu jener Zeit nichts mit. Man hatte mich vorher ins Bett gesteckt,
doch die Stimmen hinter der Tür klangen verzerrt und fremd zu mir hinein.
Die Autos im Dorf konnte man noch an einer Hand abzählen. Ich erinnere mich
an die BMW Isetta, die bei Nachbar Kohl in der Scheune stand. Auf der anderen
Straßenseite nannten sich Schusters und unterhalb Kappes stolze Besitzer von je
einem VW Käfer. Und bei Bell gab es ein Goggomobil mit „Selbstmördertüren“. Ein
Großteil der Menschen fuhr Moped oder Motorrad. Mein Vater hatte eine NSU
Quicklie; später kam noch eine Kreidler Florett hinzu. Wer weiter weg wollte fuhr mit
dem Zug oder dem Bus. In dringenden Ausnahmefällen wurde ein Nachbar gefragt,
ob er jemanden hier oder dort hinfahren könnte. Eine Ausnahme machten die
Amerikaner, die im Dorf wohnten. Die waren ausnahmslos motorisiert und schienen
mit ihren riesigen Straßenkreuzern ständig unterwegs zu sein.
Ähnlich sah es mit den Telefonen aus. Nur wenige leisteten sich den Luxus eines
eigen Hausanschlusses ; und das auch nur, wenn sie es beruflich brauchten. Einmal
im Jahr, zumeist Weihnachten besuchte man die Telefonzelle an der Schule, um weit
entfernt wohnende Verwandte anzurufen. In einer Zeit wo schon Vorschulkinder mit
dem Handy am Ohr rumlaufen, ist das kaum mehr vorstellbar.
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Im Winter gingen die älteren Jungs „an de Burschwies“ zum Schlittenfahren.
Breit und mächtig liegt die Schlossanlage auf dem Bergrücken, der sich der Kyll in
den Weg stellt, dass sie in weit geschwungenen Mäandern ausweichen muss. An der
steilen Bergwiese neben dem Burgtor hatten sich die Burschen eine breite
Schlittenbahn gefahren; mancher fand sich nach missglückter Abfahrt im Wasser des
alten Mühlendeichs wieder. Hier zog es auch meinen Bruder zum Wintervergnügen
hin. Ich war damals für solche weiten Touren und großen Gefahren noch zu klein, wie
meine Mutter meinte. Unter ihrer Aufsicht durfte ich über das sanfte Gefälle in
unserer Wiese hinterm Haus fahren. An diesem Tag kam ich endlich hinter das
Geheimnis des Rauschens, das mich andauernd begleitete. Es war der Neidenbach,
der unser Grundstück durchschneidet und dann nach wenigen hundert Metern,
nachdem er das Dorf durchflossen, in der Kyll mündet.
In den folgenden Jahren bin ich niemals in der Burgwiese Schlitten gefahren.
Wer nimmt schon seinen kleinen Bruder mit zum Rodeln zu den gleichaltrigen
Freunden? Später waren die Winter zu mild für ein solches Vergnügen. Viele Jahre
schneite es gar nicht oder nur wenig; und das wenige taute sehr schnell weg.
Eine besondere Freude bereitete mir das ehemalige Hühnerhäuschen. Es war
nur ein niedriger Bretterverschlag. Zur Bachseite war die Tür und daran im Anschluss
hatte man einstmals einen alten ausgemusterten Fensterflügel waagerecht
eingehängt, den man bei Bedarf öffnen und hochgeklappt an einem Haken einriegeln
konnte. Das Federvieh war schon vor meiner Zeit in einen geräumigen Stall
umgezogen und das aufgelassene Häuschen diente nun zur Bevorratung von allerlei
Spielzeug. Ich erinnere mich an zwei Hubschrauber, ein großes, weißes Mercedes
Cabriolet mit Drahtfernsteuerung, eine Gräder – Straßenbaumaschine zum
Schieben; die hatte mir mal unser Nachbar Leo geschenkt, einen Roboter von Onkel
Hein und eine Eisenbahn. Alles war aus Blech gefertigt und heute, wäre es noch
vorhanden, ein kleines Vermögen wert. Dann hatte ich noch zwei Plastikschiffe und
einen Gummiball. Doch was zählt schon alles Spielzeug, wenn man sich anderweitig
beschäftigen und seiner Phantasie freien Lauf lassen kann!? Und so verwandelte
sich der alte windschiefe Stall sehr oft in den Führerstand der allgegenwärtigen
Dampfloks. Wenn dann der Wind die Schneeflocken aufwirbelte, war mir als
Lokführer klar, dass meine Maschine in höllischer Fahrt über die Gleise tobte. Ich
hantierte mit Hebeln und Handrädern von deren Gebrauch ich keine Ahnung hatte.

Anfang Januar kamen die heiligen drei Könige ins Haus. Ich vermied es nach
Möglichkeit ihnen zu begegnen. Ich fürchtete sie nicht; sie machten mir keine Angst,
aber dieser penetrante Weihrauchgeruch hatte auf mich die Wirkung, die Knoblauch
auf Vampire hat. In der heutigen Zeit empfange ich die Sternsinger gern, doch hüt ich
mich sie ins Haus zu lassen: Mögen sie auch noch so sehr frieren.

In der Winterzeit wurden alljährlich zwei Schweine, die wir übers Jahr mästeten,
geschlachtet. Zwei Tage lang kam dann der Metzger ins Haus, um Blut- und
Leberwurst, Pökelfleisch, Kotelett und Schinken zuzubereiten. Die Holzspäne im
Räucherschrank wurden entzündet und das „Solperfass“ befüllt. Am besten
schmeckte jedoch die zum Feierabend gereichte Wurstbrühe und die darin
schwimmenden Brotkrumen.
Mitten zur kalten Jahreszeit fertigte mein Opa Reisigbesen. Im Herbst hatte er
Birkenreis geschnitten, Stiele aus Eschenholz geschält und angespitzt. Nun setzte er
sich in die warme Stube mit dem Fußboden aus alten grob abgerichteten Dielen und
band mit festem Draht und viel Geschick das lose Reisig, das er tags zuvor schon in
einen Kessel voll Wasser gestellt hatte, zu großen Besen. Mit der Gartenschere
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brachte er die vorstehenden hinteren Enden auf ein gefälliges Maß. Dort steckte er
die Spitze des Stiels hinein und klopfte ihn draußen auf dem Kopfsteinpflaster vor der
Haustür solange mit dem stumpfen Ende auf den Boden, bis er sicher steckte. Das
gab dem Besen zusätzliche Spannung, eine feste Struktur und Halt. Hatte er eine
ganze Anzahl fertig, wurden diese geschultert und er ging ins Dorf. Schon nach
kurzer Zeit kehrte er zurück und hatte alle verkauft.
Mein Vater hatte sich aufs Korbflechten verlegt. Doch er fertigte nur für den
eigenen Hausgebrauch. Und so nannten wir eine stattliche Anzahl unser eigen. Sie
wurden für Obst, Gemüse und Feldfrüchte gebraucht. Es wurde fast alles selbst
angebaut und nur das nötigste gekauft.

Sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen lockten, spielten wir Kinder in der
Wiese. Joggy, unsere Ziege wurde an die Apfel- oder Pflaumenbäume angebunden
und graste das Grünzeug ab. Sie war Eigentum meiner Oma. Wir Kinder mochten
die Ziegenmilch, ihres bitteres Nachgeschmacks wegen, nicht sonderlich. Joggy war
die letzte Ziege im Dorf und hat im hohen Alter noch Karriere gemacht. Sie war eines
der ersten Tiere im Eifelzoo Lünebach – Pronsfeld. Damals hatte er noch keinen
Namen und befand sich gerade erst im Aufbau. Sie hat hoffentlich ein gutes
Gnadenbrot gefunden und noch viele schöne Jahre gehabt?! Ob ihr das raue Klima
dort oben geschadet hat? Mir hat es immer leid getan, wenn wir ein Tier verkauft
haben Es war für mich, als ob man einen guten Freund weggibt.
Zu jener Zeit bin ich mit meinem Vater, den Leiterwagen hinter uns her ziehend,
nach Kyllburg auf den Marktplatz gegangen. Da haben wir zwei Ferkel erstanden.
Der Kauf wurde per Handschlag besiegelt und die beiden Steckdosennasen gingen
in unseren Besitz über. Neben Ziegen, Schweinen, Karnickeln, Meerschweinchen,
Hühnern, Gänsen und Enten hatten wir zumeist noch eine ganze Schar Katzen und
auch mal einen Hund. Es war eine heile Welt für uns Kinder.

Ein altes Tau am starken Ast des Apfelbaums diente als Liane und das
gefundene Bajonett eines K 98 war ein perfekter Dolch. Einem Leben als Tarzan
stand nichts mehr im Wege. Selbstgefertigte Holzschwerter, eine Büchse oder Pfeil
und Bogen mit einer Sehne aus Strohseilen untermauerten den Anspruch der Ritter
Kuno, oder Cowboy und Indianer zu sein. Wir hatten keinen gameboy oder
Computer. Wir schufen uns unsere Helden selbst.
Von Zeit zu Zeit trafen sich die Jungs bei den Bunkern in der Sandkaule. Die
hatte die Malberger Bevölkerung mit eigenen Händen als Luftschutzbunker während
des Kriegs aus dem Sandstein gehauen und mit Balken ausgesteift. Das Holz war
zwischenzeitlich verschwunden; doch wer hat je solch schöne Höhlen wie unsere
„Straßenbande“ als Unterschlupf und Hauptquartier besessen. Und so wurden
wochenlang ganze Nachmittage oder während der Ferien auch der ganze Tag dort
zugebracht. Im linken Bunker sprudelte eine kleine Quelle aus dem Erdreich und der
kleine Tümpel, der dadurch entstand, wimmelte zeitweise von Molchen. Das war der
„Wasserbunker“. Hier hielten wir uns nie lange auf. Der andere konnte trockenen
Fußes betreten werden. Nach einigen Metern wendet er sich nach rechts und dann
gleich scharf nach links. Von dieser Stelle an kommt kein Tageslicht mehr in den
Tunnel. Man tut gut daran eine künstliche Lichtquelle mit sich zu führen. Beide
Bunker sollten wohl einst zusammengeführt werden. Gemeinsam bilden sie die Form
eines Omegas. Das Vorhaben wurde nicht verwirklicht. Doch trennt sie an ihren
Enden nur eine dünne Wand. Der Vortrieb des rechten diente uns als eine Art Altar
auf dem eine Menge Kerzen brannten. Dazu qualmten die „Räucherfässer“. Die
Feuchtigkeit in der Luft, die der satt wassergetränkte Sandstein lieferte, schufen ein

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besonderes Raumklima. Es herrschte ein „unheimliches“ Gefühl der Zufriedenheit
unter den Anwesenden.
Unterhalb dieses Versammlungsorts an der Hauptstraße befand sich der große
Heizöltank von „Bulldogs Karel“, einem kleinen ortsansässigen Kohlen- und
Heizölhändlers, der diesen Namen von seinem Lanz Bulldog ererbt hatte. Den
Traktor gab es noch. Verrostet, mit Zeltplanen abgedeckt und mit „Plattfüßen“ wartete
er „op da Kipp“ auf bessere Zeiten. Die kamen Ende der siebziger Jahre als Manfred,
Karls Sohn den Bulldog an einem Samstag zu neuem Leben erweckte. In den steilen
Wegen zum Hochplateau sah man ihn oft lange nicht, doch man hörte sein Stampfen
und die Rauchwolken stoben hoch zu Himmel.
Nun, dieser besagte Heizöltank diente als Vorratsbehälter für die wenigen
Zentralheizungen im Ort, war nicht verschlossen und die „braven“ Buben entnahmen
sich ungehindert das benötigte Gut für ihre „Räucherfässer“. Das waren
Einmachdosen aus Weißblech, denen Deckel und Spannring abhanden gekommen,
dafür jedoch zum Ausgleich einige Zuglöcher oberhalb des Bodens verpasst worden
waren. Diese Büchsen hingen an einem Draht, und der wiederum an einem kurzen
Querholz. Sie waren mit alten Lappen befüllt. Das Heizöl wurde darüber geträufelt,
dann wurde die ganze Sache angezündet und wieder ausgeblasen, so dass die Glut
eine extreme Rauchentwicklung förderte. Die Fässer räucherten und hatten neben
einer „sakralen“ auch noch eine „heilende“ Wirkung.
Ich erinnere mich, dass mein Bruder dereinst just vor Ort vom Baum gefallen war
und er einen starken Schmerz im Unterarm verspürte. Der Arm wurde auch sogleich
von den anwesenden Gefährten „geräuchert“! Allerdings waren den eingeleiteten
Sofortmaßnahmen in diesem Fall nur ein mäßiger Erfolg beschieden. Die Schmerzen
wurden schlimmer. Vermutlich war der Patient ungläubig. Dieser wurde dann von
meiner Mutter zum „Kesch“ , dem selbsternannten Dorfbader geschleppt, der
schließlich die Diagnose der vorbehandelnden Kollegen bestätigte und ausführte der
Arm sei nicht gebrochen, nur verstaucht. Der Arzt zu Kyllburg, zu dem mein Vater
meinen Bruder, nach Feierabend in der Malberger Hütte, brachte war jedoch anderer
Meinung und gipste den Arm kurzerhand, entgegen der besseren Diagnose der
Vorbehandelnden, ein.
In der Nähe der Bunker ein Stück nordwärts liegt ein großer blanker Fels,
schräg gegen den Berg gelehnt. An seiner Oberseite bildet er eine Brüstung hinter
der man sich wunderbar verstecken kann. Unterhalb befindet sich eine Wiese am
Bach. Auf dieser mähte der Garcon Gras. Er mochte keine Kinder und sein tägliches
Geschäft bestand ganz offensichtlich nur darin uns ständig zu beschimpfen. Als er
wieder mal die Sense schwang, versammelten sich die älteren oben hinterm Fels
und schossen mit Katapulten und Klickern bewaffnet auf das Sensenblatt, dass die
Funken stoben. Er konnte noch so sehr fluchen, wo die Geschosse her kamen hat er
niemals erfahren.

Von Karfreitag an gehen in vielen Eifeldörfern die Klapperjungen; so auch in


Malberg. Es war ein gewaltiger Haufen, der sich da in drei Abteilungen gegliedert
durch den Ort schob. Deren Zahl war so groß und zeitweise erging das Gebot, dass
nur Messdiener „klappern“ gehen durften. In Jedem Haus fand sich ein Klapper. So
befand meine Mutter, dass ich, da nun mein Bruder diesem Alter entwachsen sei, für
den Fortbestand der Tradition zu sorgen habe. So wurde ich halt gut gerüstet
losgeschickt und bat missmutig –da mir solche Auftritte gar nicht liegen- um
Aufnahme im „verlorenen Haufen“. Ich habe auch dann brav gedient -meine Laune
besserte sich dadurch nicht wesentlich- und zwei Tage lang früh, Mittag, Andacht und
Betglocke ausgerufen.

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Vor dem letzten Klappern am Karsamstag erklärte mir dann der „Hauptmann“
Klaus, dass ich nur den soundsovielten Teil –ich glaube es waren zwei Ostereier-
erhalten würde, die ich dann am Abend im Pfarrsälchen abholen solle. Dort liegen sie
wohl heute noch? Auf alle Fälle war mein Anteil wesentlich geringen als der den die
„eingefleischten“ Klapperjungen bekamen. Ich habe abends die Klapper ins Eck
gelegt und nie wieder angerührt!

Jedes Dorf hat seine Originale! Heute ist dies leider eine Art, die vom Aussterben
bedroht scheint! In unserer Straße gab es derer gleich drei. Eigentlich waren sie gar
keine Originale im herkömmlichen Sinn. Doch sorgten sie durch ihre Leiden für so
manches Schmunzeln. Im ersten Haus wohnte der Hansi. Er war nicht der klügsten
einer, doch fragte er viel, gab aber niemals Antwort wenn ihm eine Frage gestellt
wurde. Im vierten Haus wohnte mein Opa. Er war nach einem Dampfkesselzerknall
in der Malberger Hütte in den zwanziger Jahren invalide geworden. Er war
vollkommen taub. Seine Trommelfelle waren bei dem Unglück geplatzt. Und er sah
auch sehr schlecht. Der austretende Heißdampf hatte ihm die Augen verbrüht. Im
achten Haus endlich lebte Michel mit Frau. Er hatte nach einem Schlaganfall die
Fähigkeit zu sprechen verloren. Nun, die drei hielten sich meist vor ihren Häusern an
der Straße auf. Die beiden alten Männer fanden stets eine Arbeit; war es
Holzhacken, Sense dengeln, oder Wein schneiden. Hansi spähte nach einem Opfer
aus, welches er mit Fragen löchern konnte.
Es begab sich, dass sich ein Auto aus Richtung Bitburg kommend, dem
Ortsschild näherte. Offensichtlich kannte der Fahrer nicht den Weg zu seinem Ziel
und so hielt er bei Hansi an. Der antwortete aber nicht auf die gestellte Frage,
sondern stellte selbst Frage um Frage zu allen möglichen Themen, nur gab er keinen
Bescheid, der dem Mann weiter half. Irgendwann gab der genervt auf, ließ Hansi
stehen und fuhr weiter bis zu meinem Opa! Der verstand sich zwar darauf die Worte
von ihm bekannten Personen vom Mund abzulesen, nachzusprechen und bei
richtiger Deutung mit einem Nicken belohnt zu werden. Wir Kinder kannten das nicht
anders, für uns war das normal und wenn er etwas falsches nachsprach, schüttelten
wir mit dem Kopf und wiederholten so lange bis er verstand, oder schrieben es auf
einen Zettel. Nur in diesem Fall half das alles nicht, der Autofahrer hatte wohl nichts
von meines Großvaters Taubheit bemerkt. Opa zuckte nur mit den Schultern und der
arme Mann fuhr nun schon ein wenig verzweifelt zum nächsten. Aller guten Dinge
sind drei und endlich war Michel an der Reihe. Der konnte ihm zwar mit den Armen
den Weg weisen aber keinen verständlichen Laut dazu von sich geben. Dem armen
Autofahrer muss es wohl bange geworden sein. Wo war er hier nur hingeraten? Sehr
schnell verließ er den Ort des Geschehens.

Im Frühjahr ging es raus aufs Feld. Zum einen hatten meine Großeltern ihre
Äcker auf dem „Flur“ in der Gemarkung Langmauer (Lahnmauer) und auf dem
Hasenknopp. Sie setzten in der Hauptsache Kartoffeln. Meine Eltern hatten zwei
Felder in Mohrweiler „auf Blickland“ gepachtet. Sie bauten außer Kartoffeln für
Mensch und Schwein noch Kohl und in größeren Mengen Weizen und Gerste an.
Letztere diente zum einen dem Federvieh als Futter. Zum anderen verkauften sie
einen Teil an die Kyllburger Mühle.
Egal ob Frühjahr, Sommer oder Herbst- beim Gang in die Felder wurde schon in
der Früh im Wald nach „Ruhnen“ –von den Bäumen herabgefallene vertrocknete
Buchenäste, manchmal gar eine junge vertrocknete Buche selbst- Ausschau
gehalten. Diese wurden dann am Abend beim Heimgang aufgelesen und hinterher
geschleift. Und so ging jeder mit mindestens einem Ast unterm Arm heim. Die
Erwachsenen trugen zudem noch eine oder zwei Hacken über der rechten Schulter.
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Pech hat nur, wer das in der Früh auserkorene Stück des abends nicht mehr wieder
fand. Da hatte dann jemand anders das Holz für gut befunden und mit sich fort
geschleppt. Viele Leute im Dorf taten dergleichen und stockten auf diese Weise ihren
Hausbrand auf. Da war beispielsweise „Niklachen“, der brachte jeden Tag einen Ast
heim. Die Straße wies an ihrem Rand eine Spur von den abgeriebenen Holzspänen
auf.

Im Juni war Heumonat. Das Heu machten wir selbst auf der Wiese „hinter der
Haardt“. Das Gras wurde mit der Sense gemäht, mit der Gabel gewendet und mit
dem Handrechen zusammen gerecht. Mittags gab es Brote und kalten, gezuckerten
Kaffee aus der Aluminiumfeldflasche. Es wurde gewendet und gestreut, Maden und
Haufen gemacht. Am nächsten Tag ging alles von vorne los.
Ich entsinne mich des klaren Echos, welches der Berg in Richtung des Bachs
zurück wirft. Am Abend wurden die Hohen Kiepen –„Hoat oder Raufen“ genannt-
befüllt und gestopft. Dabei wurde versehentlich manche Blindschleiche, die sich auf
der kurzgeschnittenen Wiese in der Sonne aufwärmte, miteingepackt. Die ganze
Ladung kam dann zu Hause in die Scheune wo die Tiere eilends davon krochen.
Draußen wurden sie dann zumeist von unseren Hühnern gefressen, die sie wohl für
besonders gut gewachsene Würmer hielten, bei denen es sich lohnte der Konkurrenz
die Beute abzujagen.

Im Abstand weniger Jahre ersteigerte mein Vater immer wieder mal einen
Holzschlag. Das waren Kahlschläge in denen das minderwertigere Astholz von
privater Hand ausgeputzt wurde. Sie waren wesentlich billiger als das am Wegrand
aufgestapelte Feuerholz. Im späten Herbst und während des ganzen Winters wurden
die freien Samstage genutzt um den Wald zu „säubern“ und das abgelängte Holz zu
stapeln. Der Wald war früher sauberer und geputzt!.

Im September war Kartoffelernte und wir Kinder mussten die Früchte, welche
die Erwachsenen ausgehoben hatten, aufraffen und in Körbe legen. Dann trugen wir
sie zu den Säcken, wo wir sie umfüllten. Das war eine ganz schön harte Arbeit. Wir
waren gerade erst, oder noch gar nicht in der Schule. Und dann fielen auch mal ein
paar Kartoffeln neben den Sack. Da war das Geschrei groß. Am meisten regte sich
meine Mutter über solch ein banales Missgeschick auf. Mein Vater mimte den
ruhenden Gegenpol und meinte sie solle nicht immer gleich aus einer Mücke einen
Elefanten machen.
Wie still es hier oben in Mohrweiler war. Den ganzen Tag hörte man keinen Ton;
in Malberg war man ständig von Geräuschen umgeben. Nur manchmal erklang das
Lied einer Lerche. Und dann waren da noch Pieter und Stefelchen –Vater und
Sohn-, die sich gegenseitig beschimpften, dass ihre Wortfetzen vom Dorf zu uns
rüber schallten. Da konnte ich einige neue Schimpfwörter erlernen. Einmal am Tag
wurde ich zusammen mit meiner Cousine Sonja den staubigen Feldweg hoch nach
Mohrweiler geschickt. Dort kauften wir in der einzigen Dorfkneipe eine Flasche (0,7l)
Orangenlimonade. Ihr Inhalt wurde unter allen Anwesenden aufgeteilt. Es war nur ein
Tropfen auf den heißen Stein und doch ein unwiederbringlicher Genuss.
Am Abend des letzten Tages wurde das trockne Kartoffelkraut zu einen Haufen
zusammengetragen und anschließend verbrannt. In der Glut garten die rohen,
ungeschälten Knollen auf einen Stock gesteckt. Wer hat heute noch so etwas gutes
zu essen?
Beim Heimgang stand das Abendrot dunkel überm Waldessaum. Dann sagte
meine Oma: „Et Christkindchen bacht!“ Dann wussten wir, dass es nun nicht mehr
weit bis Weihnachten war.
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Im Herbst half ich meinem Opa oft die Anlagen „auf den sieben Kaulen“ oder das
Kriegerdenkmal auf Vordermann zu bringen. So verdiente er sich ein paar Pfennige
zu seiner kargen Rente hinzu. Für den alteingesessenen „Landadel“ von Kyllburg
(oder für die, die sich dafür hielten) pflückte er auf deren Bergwiesen –dereinst waren
es Hopfengärten- Äpfel der Sorten Boskop und Eifeler Riesenrambur. Sein Lohn war
ein Teil der Ernte und nebenbei viel unnützlicher Tand, nachdem man sich heut zu
tag auf Flohmärkten die Finger lecken würde. Damals wurde alles alte achtlos weg
geworfen; man war ja so modern und wollte nicht hinten anstehen. Meist landete
alles im Küchenherd. Da diente er einem guten Zweck und spendete zumindest eine
wohlige Wärme. Die mitgebrachten Äpfel wurden zu den hauseigenen auf dem
Speicher ausgebreitet. Nur die Sorte „Kaiser Wilhelm“ war nicht lange haltbar und so
wurden ein Großteil zu Mus verarbeitet oder in Stücken eingeweckt.
Im November stellten wir Kinder, in Ermangelung eines Kürbisses, eine
ausgehöhlte Futterrübe mit einer Kerze drinnen ins Küchenfenster. Dann kam wie
anderswo auch Sankt Martin. Opa fertigte aus einer leeren Rolle Sternzwirn und
einem angespitzten Holzpflock einen Kreisel für meine inzwischen geborene jüngere
Schwester. Ihrer Geburt verdankten wir immerhin die Zuweisung einer dritten
Kammer. Also muss ich ihr heute noch dankbar sein.
Ende November ging ich mit Opa zusammen in den Wald Moos für die
Weihnachtskrippe suchen. Wenn jeder einen ordentlichen Korb voll gestochen hatte,
trugen wir es heim und legten es auf Zeitungen ausgebreitet auf den Boden neben
die Äpfel, wo es ungestört trocknete.
Bald kam St. Nikolaus mit Knecht Ruprecht, Engeln und mindestens einem
„Pelzenbock“. Untrügliches Zeichen dafür, daß es bald so weit war, war die große
Nikolausfigur in „Schmitten Mätthis“ Schaufenster, die immer freundlich zu mir rüber
nickte.
Es folgte das Weihnachtsfest, welches wohl niemals schöner als in der Kindheit
ist. Dann kam die Familie Hehn, gute Bekannte meiner Eltern zu Besuch, die uns
immer reich beschenkten. So schließt sich der Jahreskreis.

Malberg war damals ein Dorf mit einer intakten Struktur. Es gab ein wenig
Industrie, ein Schmied, einen Schuster, einen Metzger, zwei Bäcker, fünf
Gemischtwarenhändler, fünf Kneipen, zwei Hotels, eine eigene Post und noch vieles
andere mehr. Zudem lieferten der Thul im rostbraunen Opel Kapitän, Hänschen vom
Deckert aus Kyllburg im VW Bus und „Bruhtjäppchen“ aus Malbergweich im
quietschgelben Ford Konsul mehrmals wöchentlich Brot und Kuchen. Streit Jakob
aus Kyllburg brachte Milcherzeugnisse im VW Käfer. Aus dem hatte er den
Beifahrersitz ausgebaut. Heute denke ich oft daran, wenn der schwergewichtige
Kommissar in einer bekannten bayerischen Krimireihe in der gleichen Weise durch
das Tölzer Land kurvt
Ich hatte das Glück in dieser Zeit aufzuwachsen. Aber sie veränderte sich
unaufhaltsam und auf dramatische Weise. Viele meiner gleichaltrigen
Schulkameraden haben das nie so erfahren dürfen. Sie rümpften die Nase, wenn sie
jemandem aus meinen „Kreisen“ begegneten. Das Leben war zum Teil hart, doch
möchte ich diese Erfahrungen niemals missen; und langweilig war es nie!

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