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Einleitung

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1 Überblick über das Studienfach Betriebswirtschaftslehre

Deutschsprachige Lehrbuchautoren differenzieren das Fach Betriebswirtschaftslehre in Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und spezielle Betriebswirtschaftslehren. Die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre beschäftigt sich mit wirtschaftlichen Sachverhal- ten, die in allen Betrieben 1 relevant sind. Sie stellt ein Rahmenwerk zur Verfügung, das eine Einordnung der speziellen Betriebswirtschaftslehren in einen Gesamtzusammen- hang gestattet, und liefert die gemeinsamen Grundlagen für Betriebswirtschaftslehren, von denen aus Spezialisierungen ermöglicht werden.

Anders als die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre gehen die speziellen Betriebswirt- schaftslehren auf die Besonderheiten bestimmter Betriebstypen ein und/oder widmen sich einzelnen Funktionsbereichen der Betriebe. So beschäftigt sich beispielsweise die Mittelstandsökonomie mit den ökonomischen Zusammenhängen in mittelständischen Unternehmen. 2 Die öffentliche Betriebswirtschaftslehre befasst sich mit Betrieben der öffentlichen Hand (Verkehrs-, Entsorgungs-, Kulturbetriebe, Krankenhäuser usw.) und der öffentlichen Verwaltung (Bundes-, Landes-, Kommunalverwaltungen; Parafisci wie z.B. Sozialversicherungen, Kammern). 3 Die Industriebetriebslehre, die Bankbe- triebslehre, die Versicherungsbetriebslehre u.Ä. stellen auf Wirtschaftszweige bezoge- ne Betriebswirtschaftslehren dar. Als Beispiel für eine Betriebswirtschaftslehre, die sich auf eine spezielle Rechtsform bezieht, sei die Betriebswirtschaftslehre der Genossen- schaften genannt.

Weitere spezielle Betriebswirtschaftslehren konzentrieren sich auf unterschiedliche betriebliche Funktionsbereiche. So kann zwischen der Lehre der Beschaffungs-, der Produktions-, der Absatz-, der Investitions- und Finanzwirtschaft, des Marketings, des Rechnungswesens und der Lehre von der Unternehmensführung unterschieden wer- den.

Das Verhältnis von Allgemeiner Betriebswirtschaftslehre und speziellen Betriebswirt- schaftslehren wird unterschiedlich beurteilt. Für einige Lehrbuchautoren sind die Lehren von den betrieblichen Funktionsbereichen (inklusive der Lehre von der Unter-

1 Die Begriffe „Betrieb“ und „Unternehmen“ werden an späterer Stelle definiert und bis dahin zunächst im alltagssprachlichen Verständnis benutzt. Gleiches gilt für den Begriff des „Wirt- schaftens“.

2 Zur Mittelstandsökonomie vgl. Mugler (2008).

3 Zur öffentlichen Betriebswirtschaftslehre vgl. Brede (2005).

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öffentlichen Betriebswirtschaftslehre vgl. Brede (2005). 1 M. Bardmann, Grundlagen der Allgemeinen

M. Bardmann, Grundlagen der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, DOI 10.1007/978-3-8349-6517-2_1, © Gabler Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

Einleitung nehmensführung) Bestandteile der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre. 4 Dieser Ansicht folgt das

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nehmensführung) Bestandteile der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre. 4 Dieser Ansicht folgt das vorliegende Lehrbuch nicht. Zwar muss die Allgemeine Betriebs- wirtschaftslehre, nach der hier vertretenen Auffassung, grundlegende Aussagen zu den Funktionen, die ein Betrieb zu erfüllen hat, beinhalten und auch das Zusammen- wirken betrieblicher Funktionen verdeutlichen, für spezielle Funktionslehren bietet die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre allerdings keinen Platz.

Es wird auch der Vorstellung widersprochen, die Betriebswirtschaftslehre setze sich aus verschiedenen Teilfunktionslehren zusammen 5 , denn die Betriebswirtschaftslehre umfasst in mehrfacher Hinsicht mehr als nur die Funktionslehren. Zum einen gehören neben den auf Funktionen bezogenen speziellen Betriebswirtschaftslehren die Lehren, die sich auf bestimmte Betriebstypen 6 konzentrieren, mit zur Betriebswirtschaftslehre. Darüber hinaus potenziert eine Kombination von Funktionen und Betriebstypen (Insti- tutionen) die Möglichkeit der Spezialisierung innerhalb der Betriebswirtschaftslehre. Aber auch sämtliche spezielle Betriebswirtschaftslehren zusammengenommen füllen nicht den Raum aus, den die Betriebswirtschaftslehre für sich beanspruchen kann, denn neben den speziellen Betriebswirtschaftslehren gibt es noch die Allgemeine Be- triebswirtschaftslehre.

Eine weitere Position, der sich der Autor dieses Lehrbuchs ebenfalls nicht anschließt, greift eine bestimmte Teilfunktionslehre heraus und setzt sie mit Betriebswirtschafts- lehre gleich. Zumeist ist es die Lehre von der Unternehmensführung, von der behaup- tet wird, sie umfasse die gesamte Betriebswirtschaftslehre, 7 also auch die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. Es ist dann nicht mehr der Aspekt des Wirtschaftens, sondern der des Führens, der die Auswahl der Probleme, mit denen sich Betriebswirtschaftsleh- re beschäftigt, steuert. 8 Betriebswirtschaftslehre wird so zu einer Verwandten der angelsächsischen „Business Administration“.

Das vorliegende Lehrbuch geht davon aus, dass die Allgemeine Betriebswirtschafts- lehre eigenständige Fragenkomplexe zu bearbeiten hat, die sich von den Problemstel- lungen der speziellen Betriebswirtschaftslehren unterscheiden. Sie hat sich mit Fundamenten und tragenden Teilen des Lehr- und Forschungsgebäudes Betriebs- wirtschaftslehre zu befassen. Dazu gehören auch geschichtliche Aspekte einzelwirt- schaftlichen Denkens, die verdeutlichen, wie die Betriebswirtschaftslehre zu einer wissen-schaftlichen Disziplin wurde. Weitere Schwerpunkte bilden die Erforschung des Gegenstandes der Betriebswirtschaftslehre und Theoriekonzepte, mit denen unter- schiedliche Betriebswirtschaftslehren ihren Untersuchungsgegenstand analysieren.

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Vgl. Bea/Friedl/Schweitzer (2009) oder Thommen/Achleitner (2009).

Vgl. Schreyögg/Koch (2007) S. 9.

Mit dem Begriff Betriebstyp soll in Abgrenzung zur funktionalen Betrachtung der institutio- nelle Aspekt von Betrieben hervorgehoben werden.

Vgl. Ulrich, H. (1970) S. 319, und weiter Kirsch/Seidel/Aaken (2009) S. 4. Protagonisten des Marketings meinen, Betriebswirtschaftslehre mit Marketing gleichsetzen zu können.

Vgl. Ulrich, H. (1981) S. 3.

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Die wissenschaftliche Beschäftigung mit diesen drei Themenkomplexen bildet die Basis für die Entwicklung spezieller Betriebswirtschaftslehren.

Neben der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre und den speziellen Betriebswirt- schaftslehren betrachtet die einschlägige Literatur Betriebstechniken als Teilbereiche der Betriebswirtschaftslehre. Hierunter werden Fachgebiete zusammengefasst, die Hilfsfunktionen für die Betriebswirtschaftslehre leisten. Zu nennen sind einerseits Verfahrenstechniken wie Buchhaltung und Bilanzierung und andererseits Ausschnitte aus anderen Wissenschaften. Hierzu zählen insbesondere Mathematik, Statistik, In- formatik usw.

Abbildung 1:

Bereiche der Betriebswirtschaftslehre

 

Allgemeine

Betriebswirtschaftslehre

 

Betriebswirtschaftslehre

 

als Wissenschaft

Gegenstand der

BetriebswirtschaftslehreGegenstand der

Konzepte der  

 

Betriebswirtschaftslehre

Spezielle

Betriebswirtschaftslehren

Lehre von den

Spezielle Betriebswirtschaftslehren Lehre von den Funktionsbereichen Lehre von der Unternehmensführung

FunktionsbereichenSpezielle Betriebswirtschaftslehren Lehre von den Lehre von der Unternehmensführung

Lehre von der UnternehmensführungBetriebswirtschaftslehren Lehre von den Funktionsbereichen Betriebswirtschaftslehren gegliedert nach:

Betriebswirtschaftslehren

gegliedert nach:

Betriebsgrößen

Rechtsformen

etc.

Wirtschaftszweigengegliedert nach: Betriebsgrößen Rechtsformen etc. Betriebstechniken   Verfahrenstechniken

Betriebstechniken

 

Verfahrenstechniken

Hilfswissenschaften

2 Inhalte des Lehrbuchs

Aus vorstehender Abbildung ergibt sich der grundlegende Aufbau dieses Lehrbuchs. Es ist in vier Teile gegliedert. Die ersten drei Teile sind geschichtlichen Aspekten ein- zelwirtschaftlichen Denkens, Überlegungen zum Gegenstand der Betriebswirtschafts- lehre und theoretischen Konzepten zur Erfassung des Gegenstandes gewidmet. In einem vierten Schlussteil werden Unternehmen als produktive und soziale Systeme betrachtet.

In Teil 1 wird verdeutlicht, dass die Betriebswirtschaftslehre eine wissenschaftliche Diszip- lin darstellt und wie sie sich dazu entwickelte. Dabei werden die historischen Wurzeln unterschiedlicher Richtungen der heutigen Betriebswirtschaftslehre offen gelegt und

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werden die historischen Wurzeln unterschiedlicher Richtungen der heutigen Betriebswirtschaftslehre offen gelegt und 3
Einleitung die Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft qualifiziert. Hierzu wird auf unter- schiedliche

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die Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft qualifiziert. Hierzu wird auf unter- schiedliche Bedeutungen des Wissenschaftsbegriffs zurückgegriffen und es werden kontroverse Auffassungen von Fachvertretern über Methoden, Aufgaben und Prob- lemstellungen einer wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre vorgestellt. Sie ver- deutlichen, dass die methodologische Diskussion bis heute nicht abgeschlossen ist und von einem einheitlichen Wissenschafts- und Lehrgebäude Betriebswirtschaftslehre keine Rede sein kann.

An die Ausführungen über die Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als eigenstän- dige Wissenschaft schließen sich ihre Einordnung in das Wissenschaftssystem und die Darstellung ihres Verhältnisses zu Nachbarwissenschaften an. Insbesondere werden die Hauptgebiete der Volkswirtschaftslehre: Wirtschaftstheorie, Theorie der Wirt- schaftspolitik und Wirtschaftsethik daraufhin befragt, ob die auf sie bezogenen For- schungsergebnisse einen Beitrag zur wissenschaftlichen Erkundung von Betriebswirt- schaften leisten und Anregungen für die Entwicklung von Unternehmenstheorien, Theorien der Unternehmenspolitik und Unternehmensethiken liefern. Die Frage, ob die Betriebswirtschaftslehre als Teilgebiet der Volkswirtschaftslehre angesehen werden kann, wird mit guten Argumenten verneint.

Der erste Teil des vorliegenden Buches schließt ab mit der Darstellung unterschiedli- cher Wissenschaftskonzepte, Methoden und Modelle der Betriebswirtschaftslehre. Die Unterschiedlichkeit der Wissenschaftskonzepte wird mit der Verschiedenheit von grundlegenden Weltanschauungen begründet. Abhängig von dem zum Ein- satz gebrachten Wissenschaftskonzept variieren geforderte Methoden zur Erkenntnis- gewinnung und -überprüfung. Um das betriebswirtschaftliche Denken in Modellen zu veranschaulichen, wird die grundlegende Architektur wirtschaftswissenschaftlicher Modellbildung herausgearbeitet.

Teil 2 beschäftigt sich mit dem Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre. Die Bestandteile „Betrieb“ und „Wirtschaft“ des Wortes Betriebswirtschaft werden als empirische Phä- nomene, als Erfahrungsgegenstände, der Betriebswirtschaftslehre identifiziert. Einige Aspekte dieser „realen Erscheinungen“ werden hervorgehoben und tiefergehend theoretisch durchdrungen, um so den Erkenntnisgegenstand der Betriebswirtschafts- lehre zu bestimmen.

Zunächst wird das Wirtschaften einer isolierten Einzelwirtschaft in den Blick genom- men und vor dem Hintergrund gängiger Definitionsangebote ein eigenes Verständnis des Wirtschaftsbegriffs entwickelt. Hierzu werden Planung, Leitung und Organisation als alternative Entscheidungsmethoden herausgearbeitet und das ökonomische Prin- zip sowie der Rationalitätsbegriff diskutiert. Ein Ergebnis dieser Überlegungen ist, dass isolierte Einzelwirtschaften Entscheidungslogik anwenden, um Probleme zu lösen und dabei im Fall unsicherer Entscheidungssituationen neben zweckrationaler Planung weitere Entscheidungsmethoden einzusetzen, um auch bei unerwarteten Störungen weiter wirtschaftlich handeln zu können.

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Im Anschluss an diese Überlegungen wird Wirtschaften als soziale Veranstaltung qualifiziert, an der mehrere Wirtschaftssubjekte beteiligt sind. Damit wird die Kern- frage der Betriebswirtschaftslehre, wie jeder Sozialwissenschaft, aufgeworfen, nämlich die Frage, „wie ist soziale Ordnung möglich?“ bzw. „wie sind Sozial-, Wirtschaftsord- nung und Unternehmen möglich?“ Nachdem verdeutlicht worden ist, dass diese Zent- ralfragen dem Gefangenendilemma entsprechen, werden die Antworten der Wirt- schaftswissenschaft und alternative Lösungen des Ordnungsproblems sowie die grundsätzliche Problematik der angebotenen Antworten dargestellt und erklärt, dass Wirtschaften nur über den Umweg des Verständnisses der Wirtschaftsordnung ver- standen werden kann und reales Wirtschaften nur in einer, wie auch immer zustande gekommenen, Wirtschaftsordnung möglich ist. Die konkrete Ausprägung der Wirt- schaftsordnungselemente stellt den Bedingungskomplex dar, in dessen Grenzen das ökonomische Prinzip angewandt werden kann. In Marktmodellen realisiert es sich, wenn Haushalte und Einzelpersonen ihr Einkommen maximieren und Unternehmen ihre Gewinne.

Einkommens- und Gewinnmaximierung setzt voraus, dass geklärt ist, was unter Ein- kommen und Gewinn zu verstehen ist und wie sich diese Größen ermitteln lassen. Bei der Darstellung der Verfahren der Gewinnermittlung werden die Grundzüge des betrieblichen Rechnungswesens vermittelt, die Zusammenhänge zwischen den einzel- nen in Unternehmen eingesetzten Rechnungssystemen verdeutlicht und die Bedeu- tung zentraler Begriffe des Rechnungswesens erklärt. Es zeigt sich, dass es keine ein- heitliche Verwendung des Gewinnbegriffs und seiner Definitionsbestandteile gibt. Abhängig von der jeweiligen Gewinnvorstellung, die Eingang in die Zielsetzung von Unternehmen findet, ist unterschiedliches wirtschaftliches Handeln zu erwarten.

Im Anschluss an die Diskussion unterschiedlicher Gewinnkategorien wird verdeut- licht, dass unternehmenspolitische Entscheidungen ganz wesentlich durch die Wirt- schaftsordnung, in die Unternehmen eingebettet sind, bestimmt werden. Um dies zu veranschaulichen, werden Ausprägungen eines Wirtschaftsordnungselementes, näm- lich die Marktformen Polypol, Monopol und Dyopol, betrachtet und es wird anhand von Marktmodellen verdeutlicht, wie Unternehmen in unterschiedlichen Marktformen auf vollkommenen und unvollkommenen Märkten das ökonomische Prinzip konkreti- sieren. Die Konfrontation der Modellergebnisse und der Voraussetzungen, unter de- nen sie abgeleitet wurden, mit der Unternehmenswirklichkeit leiten über zu einer Kritik an den Modellannahmen bezüglich des Informationsstandes und des Rationalverhaltens, auf denen die Hypothese der Gewinnmaximierung beruht. An- schließend werden die den absatzpolitischen Entscheidungen vorgelagerten Überle- gungen zur (Kosten-) Wirtschaftlichkeit und Produktivität skizziert und erläutert, warum das Ziel der Liquiditätssicherung in der Unternehmenspraxis eine hervorra- gende Stellung einnimmt.

Der Inhalt des folgenden Abschnitts befasst sich mit der Tatsache, dass alle Versuche, Einkommen bzw. Gewinn zu erzielen, mit dem Phänomen der Unsicherheit, insbe- sondere auch über das Verhalten der anderen Akteure, und der ungleichen Verteilung

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Phänomen der Unsicherheit, insbe- sondere auch über das Verhalten der anderen Akteure, und der ungleichen Verteilung
Einleitung des Wissens und Könnens unter den Wirtschaftssubjekten konfrontiert sind. Zeit und Unsicherheit werden als

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des Wissens und Könnens unter den Wirtschaftssubjekten konfrontiert sind. Zeit und Unsicherheit werden als konstitutive Elemente des Wirtschaftens herausgestellt.

Diese Erkenntnis bestätigt sich bei der Behandlung der Bedürfnis- und Güterkategorie. Nach einer Begriffsklärung und der Präsentation von Klassifikationsmöglichkeiten dieser Größen wird verdeutlicht, dass es beim Wirtschaften um zukünftige Bedürfnis- se an Gütern geht, deren Befriedigung gegenwärtig zu sichern ist, obwohl Unsicher- heit darüber besteht, wie denn der zukünftige Güterbedarf im Einzelnen aussehen wird. Diese Zukunftsvorsorge macht alle Güter knapp. Die damit verbundene Unsi- cherheit hinterlässt Probleme in der Sozialdimension. Immer wenn eigennützig und rational Handelnde in einem Unternehmen zusammenarbeiten, ist bei der Güterpro- duktion mit Drückebergern, Trittbrettfahrern, Außenseitern und Saboteuren zu rech- nen. Um ihr Überleben zu sichern, müssen Unternehmen Maßnahmen ergreifen, um individuelle Rationalität der Unternehmensmitglieder mit Systemrationalität auf Un- ternehmensebene zu koppeln.

Zum Abschluss des zweiten Teils werden die Begriffe Wirtschaftseinheit, Haushalt, Betrieb und Unternehmen definiert. Die Konzentration auf den Betriebsbegriff und dessen Abgrenzung zum Unternehmensbegriff veranschaulichen ihre uneinheitliche Verwendung.

Teil 3 liefert dem Leser einen Überblick und eine Bewertung der wichtigsten theoreti- schen Konzepte, mit denen die Betriebswirtschaftslehre ihren Gegenstand, das Wirt- schaften in Betrieben bzw. Unternehmen, bearbeitet oder bearbeiten könnte. Es werden die neoklassische Unternehmenstheorie, das faktortheoretische Konzept Gutenbergs, entscheidungstheoretische Konzepte, Konzepte der „Neuen Institutionen- ökonomik“ sowie systemtheoretische Konzepte vorgestellt. Bei der Behandlung der genannten Theorien werden ihre differenten Blickwinkel und Abstraktionsgrade sichtbar und deutlich, dass konzeptabhängig, und damit unterschiedlich, die Frage beantwortet wird, was in Unternehmen unter dem Aspekt des Wirtschaftens ge- schieht, und wie dieses Geschehen geordnet ist.

Obwohl die neoklassische Unternehmenstheorie auf hochabstrakten Annahmen be- ruht und daher ihre Erkenntnisse für Betriebswirtschaftslehren, die eine realitätsnahe Unternehmenstheorie anstreben, nicht ausreichen, wird nachgewiesen, dass die neo- klassische Unternehmenstheorie trotzdem für betriebswirtschaftliche Theoriebildung und auch für die Unternehmenspraxis eine gewisse Relevanz besitzt.

Genau wie die neoklassische Unternehmenstheorie basiert der faktortheoretische An- satz Gutenbergs auf der Denkfigur des homo oeconomicus. Gutenbergs Unternehmens- theorie konzentriert sich zunächst auf die Planung der Funktionsbereiche ei- nes Unternehmens. Insbesondere ist sein theoretisches Interesse auf die Kombination der produktiven Faktoren durch den dispositiven Faktor gerichtet. Die Darstellung der von Gutenberg für Industriebetriebe entwickelten Produktionsfunktion, mit der er seine Kostentheorie produktionstheoretisch fundiert, leitet über zur Präsentation sei- ner Überlegungen zu den Funktionen Absatz und Finanzierung. Damit wird verdeut-

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licht, dass die Gutenbergsche Unternehmenstheorie Unternehmen als von allen Irra- tionalitäten befreite produktive Systeme begreift, die sich aus Variablen, die mit ma- thematischen Funktionen beschrieben werden, zusammensetzen.

Im Anschluss an die Darstellung der neoklassischen und Gutenbergschen Unterneh- menstheorie und hierauf aufbauend behandelt das Buch entscheidungstheoretische Konzepte in ihrer formalen und verhaltenswissenschaftlichen Ausprägung. Bevor auf Unterschiede der beiden Richtungen der Entscheidungstheorie eingegangen wird, werden das Grundmodell der Entscheidungstheorie und die Klassifikation von Ent- scheidungssituationen als Gemeinsamkeiten herausgestellt. Sodann zeigt sich, dass die grundlegende Modellarchitektur und die Annahmen, auf denen formalwissenschaftli- che Ansätze der Entscheidungstheorie ihre Gedankengebäude errichten, sich nicht von denen unterscheiden, auf denen die neoklassische und Gutenbergsche Unternehmens- theorie basieren. Die Darstellung von Entscheidungsregeln für Entscheidungen unter Sicherheit, Risiko und Ungewissheit verdeutlicht diese Einschätzung. Die Kritik an den Entscheidungsregeln bildet die Überleitung zu verhaltenswissenschaftlichen An- sätzen der Entscheidungstheorie.

Die verhaltenswissenschaftliche Richtung der Entscheidungstheorie propagiert eine Anreicherung der Betriebswirtschaftslehre mit verhaltenswissenschaftlichen Erkennt- nissen, die insbesondere von den Disziplinen Psychologie und Soziologie erwartet werden. Es wird eine Integration psychologischer Modelle zur Erklärung individuel- len menschlichen Verhaltens in die Betriebswirtschaftslehre angestrebt. Daher werden Instinkttheorien, Triebtheorien, Motivationstheorien (in ihrer Ausprägung als Inhalts-, Prozess-, Erwartungs-, Gleichgewichts- und Attributionstheorien), Persönlichkeitsthe- orien und Theorien über Menschenbilder behandelt, mit denen das individuelle menschliche Arbeitsverhalten in Unternehmen erklärt werden soll. Einen Schwer- punkt bei der Behandlung der psychologischen Teilaspekte menschlichen Verhaltens bildet die „prospect theory“ die sich als Alternative zur Erwartungsnutzentheorie versteht. Sie relativiert die gängigen Annahmen der ökonomischen Theorie über Ego- ismus, Rationalität und Präferenzen, indem sie sie durch realitätsnähere ersetzt sowie mit Wahrnehmungsverzerrungen begründet und damit verdeutlicht, dass emotionale Vorurteile das Entscheidungsverhalten in Unternehmen beeinflussen. Zum Abschluss der Überlegungen zu den psychologischen Aspekten menschlichen Verhaltens wird begründet, wieso eine gemeinsame Theorie des menschlichen Verhaltens der Diszipli- nen Psychologie und Betriebswirtschaftslehre nicht zu erwarten ist, und festgestellt, dass Psychologie nicht die Basis einer sozalwissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre bilden kann.

Anschließend wird das nicht unproblematische Verhältnis von Soziologie und Wirt- schaftswissenschaft thematisiert und das Modell des homo organisans vorgestellt, das als Gegenentwurf zum homo oeconomicus konzipiert wurde. Die Diskussion der Ergeb- nisse der Hawthorne-Experimente, die Betrachtung von Unternehmen als Handlungs- bzw. Entscheidungssysteme, die es ermöglichen, Unternehmen als Koalitionen zu

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von Unternehmen als Handlungs- bzw. Entscheidungssysteme, die es ermöglichen, Unternehmen als Koalitionen zu 7
Einleitung qualifizieren, sowie die Beschäftigung mit Unternehmenszielen klären, dass Unter- nehmen als soziale Systeme

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qualifizieren, sowie die Beschäftigung mit Unternehmenszielen klären, dass Unter- nehmen als soziale Systeme beobachtet werden können.

Das Kapitel, das der „Neuen Institutionenökonomik“ gewidmet ist, beginnt mit der Darstellung des „Alten Institutionalismus“. Die Grundzüge der „älteren“ und „jünge- ren“ „Deutschen historischen Schule“ und des „amerikanischen Institutionalismus“ werden nachgezeichnet und die unterschiedliche Verwendung des Begriffs Institution wird problematisiert. Indem nachgewiesen wird, dass die „Neue Institutionen- ökonomik“ grundlegende Annahmen der neoklassischen Ökonomik, wie den metho- dologischen Individualismus, die Eigennutzthese und die These begrenzter Rationali- tät, auf Institutionen anwendet, wird gleichzeitig eine Abgrenzung zum „Alten Institutionalismus“ erreicht. Nachdem externe Effekte, Transaktionskosten, Verträge, Verfügungs- und Handlungsrechte sowie Beziehungen zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer thematisiert worden sind, werden die Grundzüge des Transanktions- kosten-, „property-rights“- und des „principal-agent“-Ansatzes dargestellt und auf Möglichkeiten hingewiesen, die Existenz und die innere Struktur von Unternehmen unter Rückgriff auf diese Konzepte zu begründen.

Die anschließenden Abschnitte des Buches beschäftigen sich mit systemtheoretischen Konzepten. Zunächst werden die Grundlagen wirtschaftswissenschaftlicher System- ansätze erarbeitet, indem der klassische Systembegriff vorgestellt wird und die Grundzüge von Gleichgewichts- und Ungleichgewichtstheorien, von Theorien ge- schlossener und offener Systeme, von Input-Output- und kybernetischen Modellen skizziert werden. Sodann werden auf die Gesamtwirtschaft und auf Betriebswirtschaf- ten bezogene Systemkonzepte präsentiert, die veranschaulichen, dass der Systemge- danke seit langem Bestand betriebswirtschaftlicher Theoriebildung ist.

Anschließend geht es um die Darstellung neuerer Entwicklungen auf der Ebene der Allgemeinen Systemtheorie. Hier wird der Leser mit einer gewöhnungsbedürftigen Begrifflichkeit konfrontiert, da auf den eigenartigen Begriffsapparat, den Niklas Luh- mann entwickelt hat, zurückgegriffen wird, um Systeme zu beschreiben. Der diffe- renztheoretische Blick auf Systeme, die Konzepte der operativen Geschlossenheit, der Autopoiese, der Beobachtung, der Systemgrenzen und Systembeziehungen sowie der Komplexität werden, da sie Betriebswirten kaum bekannt sind, ausführlich dargestellt. Hierauf aufbauend wird die Anwendung des Luhmannschen Begriffsapparats auf soziale Systeme vorgeführt, die Verortung des Menschen in die Umwelt sozialer Sys- teme begründet, die Luhmannschen Vorstellungen von Sinn, Handlung und Kommu- nikation erläutert, da sie gängigem betriebswirtschaftlichem Gedankengut diametral zuwiderlaufen. In den hierauf folgenden Abschnitten werden das Gesellschaftssystem, das Wirtschaftssystem als eines seiner Subsysteme, Interaktionen, Organisationen und Unternehmen mit den Luhmannschen Begriffen beschrieben.

In Teil 4 werden Unternehmen, abhängig von der Betrachtungsperspektive, als offene produktive und als operativ geschlossene soziale Systeme beobachtet. Beide Ansichten haben ihre Berechtigung. Auf der produktiven Ebene, auf der Güter bewegt werden,

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und auf der Ebene der monetären Bewertung der Güterbewegungen sind Unterneh- men offene Systeme, die durch Güter- und Geldströme mit ihrer Umwelt verbunden sind. Auf ihrer sozialen Ebene lassen sich Unternehmen, einer Anregung der neueren Systemtheorie folgend, als operativ geschlossene Systeme begreifen. Dabei spielt es zunächst keine Rolle, ob man sich Unternehmen aus Handlungen, Entscheidungen oder Kommunikationen zusammengesetzt denkt. Indem eine der aufgeführten Kate- gorien herausgegriffen wird und entweder alle Handlungen oder alle Entscheidungen oder alle Kommunikationen, die sich auf ähnliche Sachverhalte beziehen, zusammen- gefasst werden, können zunächst drei Unternehmenssphären unterschieden werden:

die Realgüter-, die Nominalgüter- sowie die Steuer- und Regelsphäre. Die nochmalige Anwendung des Differenzierungskriteriums auf die Unternehmenssphären liefert Funktionsbereiche des Unternehmens. 9

Nachdem ein Überblick über die Funktionsbereiche eines Unternehmens und ihrem Zusammenspiel verschafft worden ist, bilden die Funktionsbereiche der Steuer- und Regelsphäre, nämlich die „primäre“ und „sekundäre“ Steuerung und Regelung, einen Schwerpunkt der weiteren Betrachtungen. Zunächst werden die Begriffe Planung, Leitung, Organisation und Kontrolle inhaltlich als alternative Entscheidungsmethoden und Subsysteme der Unternehmensführung bestimmt. Daran schließt sich eine Ein- ordnung der genannten Entscheidungsmethoden in einen Regelkreis der Unterneh- mensführung an, womit eine Beschreibung der primären Steuerung und Regelung gelingt. In mehreren Richtungen werden die bis dahin entwickelten Vorstellungen über den Funktionsbereich Unternehmensführung erweitert. Einerseits wird die Einbindung des Regelkreises der Unternehmensführung in weitere Regelkreise veranschaulicht. In diesem Zusammenhang wird ein Regelkreis, der in das Gesell- schaftssystem eingebunden ist, von einem zweiten unterschieden, der sich auf indivi- duelle Motive bezieht. Damit wird bereits auf Umweltelemente des Unternehmens hingewiesen. Andererseits wird das Verhältnis von primärer und sekundärer Steue- rung klargestellt. Während die Führungssubsysteme Planung, Leitung, Organisation und Kontrolle auf der Ebene der primären Steuerung und Regelung dazu eingesetzt werden, um zu beobachten, was im Unternehmen und seiner Umwelt geschieht, geht es im Bereich der sekundären Steuerung und Regelung darum zu beobachten, wie Beobachter das Unternehmensgeschehen beobachten und in diesem Zusammenhang um die Steuerung und Regelung der im Rahmen der primären Steuerung eingesetzten Führungssubsysteme. Zur Beschreibung dieser Sachverhalte wird ein Controlling- Konzept entwickelt, das sich von Controlling-Konzepten, die in der Literatur zur Un- ternehmensführung zu finden sind, unterscheidet, und dies ermöglicht, Controlling als eigenständiges Führungssubsystem zu begreifen, das Beobachtungen mindestens zweiter Ordnung ermöglicht.

9 Nicht sämtliche denkbaren Funktionsbereiche des Unternehmens werden in diesem Lehr- buch angesprochen. So werden der Funktionsbereich Forschung und Entwicklung und auch Fragen der Wirtschaftsprüfung nicht behandelt. Ebenso sind Betrachtungen über die Funkti- onsbereiche hinweg wie z.B. Projektplanungen nicht Thema dieses Lehrbuches.

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Ebenso sind Betrachtungen über die Funkti- onsbereiche hinweg wie z.B. Projektplanungen nicht Thema dieses Lehrbuches. 9
Einleitung Im Anschluss an die Beschreibung der Funktionsbereiche der Unternehmensführung werden die wichtigsten

Einleitung

Im Anschluss an die Beschreibung der Funktionsbereiche der Unternehmensführung werden die wichtigsten Umweltelemente eines Unternehmens vorgestellt und ver- deutlicht, dass die Real- und Nominalgütersphäre eines Unternehmens durch Güter- und Geldströme vermittelte Kontakte zu ihrer Umwelt unterhält. Während Unter- nehmen auf dieser Realitätsebene Umweltkontakt haben, besitzen sie als soziale Sys- teme keinen unmittelbaren Umweltkontakt. Diese Einschätzung wird ausführlich begründet.

Zum Abschluss des Buches werden Kriterien zur Gliederung bzw. zur Systematik realer Unternehmen vorgestellt und Kooperationsformen von Unternehmen präsen- tiert. Diese Themen verweisen auf spezielle Betriebswirtschaftslehren, deren Lehr- und Forschungsbasis Allgemeine Betriebswirtschaftslehren bilden.

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Teil 1

Einleitung

Betriebswirtschaftslehre als

Wissenschaft

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Teil 1 Einleitung Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft 11
Einleitung Die Betriebswirtschaftslehre konzentriert sich auf Einzelwirtschaften. Diese sind von der Gesamtwirtschaft,

Einleitung

Die Betriebswirtschaftslehre konzentriert sich auf Einzelwirtschaften. Diese sind von der Gesamtwirtschaft, z.B. der Weltwirtschaft, einer Volkswirtschaft oder einer Stadt- wirtschaft, zu unterscheiden. Die Gesamtwirtschaft besteht aus einzelnen wirtschaf- tenden Einheiten und den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Einzelwirt- schaften. Da, historisch gesehen, die Anfänge wirtschaftlicher Betätigung von Men- schen in Einzelwirtschaften stattfanden, die keine oder lediglich rudimentäre Bezie- hungen zu anderen Einzelwirtschaften aufwiesen, konzentrierte sich das Interesse des Menschen zunächst auf die Einzelwirtschaft. 10 Sie wird beschrieben, analysiert, und es werden Vorschläge zu ihrer Gestaltung entwickelt. Damit ist eine Quelle späterer betriebswirtschaftlicher Theoriebildung benannt, nämlich das im jeweiligen histori- schen Kontext eingebettete und niedergeschriebene Wissen bezüglich einzelwirtschaft- licher Problemstellungen.

Neben Aussagen, die sich direkt auf Einzelwirtschaften beziehen, findet man in der Geschichte Überlegungen, die in der Auseinandersetzung mit Fragestellungen entwi- ckelt wurden, die in anderen Lebensbereichen auftraten. So sind Ergebnisse morali- scher, religiöser, juristischer und auch mathematischer Diskussionen, um nur einige zu nennen, im Nachhinein als Antworten auf einzelwirtschaftliche Fragen interpretiert worden.

10 So etwas wie Volkswirtschaften oder gar eine Weltwirtschaft gab es zunächst nicht. Es ging um die Selbstversorgung der in einer Einzelwirtschaft lebenden Menschen. Einzelwirtschaft- liche Betrachtungen liegen daher, historisch gesehen, auch vor einer gedanklichen Reflexion über Gesamtwirtschaften und bilden somit die Grundlage später angestellter volkswirtschaft- licher Betrachtungen.

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2Inhalte des Lehrb

2Inhalte des Lehrb 1 Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre Es lassen sich somit zwei

1 Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

Es lassen sich somit zwei vorwissenschaftliche Erkenntnisquellen der wissenschaftli- chen Betriebswirtschaftslehre unterscheiden. Die eine Erkenntnisquelle sind Aussagen, die sich direkt auf den einzelwirtschaftlichen Lebensbereich beziehen. Die zweite Erkenntnisquelle sind Aussagen, die sich zunächst als Antworten auf Fragen in unter- schiedlichsten Lebensbereichen verstehen und nachträglich als Lösungen für wirt- schaftliche Probleme entdeckt wurden.

Nach heutigem Wissenschaftsverständnis sind die direkt und indirekt gewonnenen, auf Einzelwirtschaften bezogenen Aussagen bis zum Beginn des zwanzigsten Jahr- hunderts als unwissenschaftlich (vorwissenschaftlich oder pseudowissenschaftlich) zu qualifizieren. Für die wissenschaftliche Bearbeitung des Lebensbereichs Einzelwirt- schaft hatte sich noch keine „scientific community“ herausgebildet. 11 Leitgedanken und Problemlösungswerkzeuge in Form einer Methodologie für betriebswirtschaftli- che Forschungsprogramme 12 fehlten der Betriebswirtschaftslehre, so dass die isoliert vorhandenen Aussagen über Einzelwirtschaften nicht in ein den Gegenstandsbereich Einzelwirtschaft umfassendes Aussagensystem eingeordnet werden konnten. 13

Wenn trotzdem auf eine Darstellung der vorwissenschaftlichen Stränge der Betriebs- wirtschaftslehre nicht verzichtet wurde, so hat das mehrere Gründe: Einerseits wird deutlich, dass es eine Entwicklung hin zur wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre gab, Betriebswirtschaftslehre also keine geschichtslose Wissenschaft ist, andererseits wird sich zeigen, dass heutige betriebswirtschaftliche Erkenntnisse, die Wissenschaft- lichkeit beanspruchen, in Arbeiten mit vorwissenschaftlichem Charakter teilweise enthalten sind. Ein weiterer Grund dafür, warum in diesem Lehrbuch die Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen zumindest fragmentarisch und exemplarisch referiert werden, ist in der vorherrschenden Abstinenz weiter Teile der betriebswirt- schaftlichen Literatur zu sehen, wenn es um die historische Entwicklung der Betriebs-

11 Vgl. Kuhn (1962).

12 Vgl. Lakatos (1970).

13 Vgl. Kant (1986) Kap.: Transzendentale Analytik, 2. Aufl. 1787, S. 89 ff.

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M. Bardmann, Grundlagen der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, DOI 10.1007/978-3-8349-6517-2_2, © Gabler Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

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Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

wirtschaftslehre geht. 14 Diese Position ungerechtfertigter Bescheidenheit ist abzuleh- nen. Daher werden in den folgenden Abschnitten die vorwissenschaftlichen Stränge der Betriebswirtschaftslehre skizziert.

1.1 Nicht eigentlich auf (Einzel-)Wirtschaften bezogene Untersuchungen

Die gesammelten Wissensbestände des Menschen über die Welt, seine Mitmenschen und sich selbst 15 wurden von den philosophischen Denkern der Antike systematisch betrachtet und geordnet. Es wurde damit erstmals ein zusammenhängender Überblick über das verfügbare Wissen gegeben. Auch über Themen, die zum Bereich des Wirt- schaftens gehören, wurde nachgedacht. Den Überlegungen lag allerdings zunächst kein ökonomisches Kalkül zugrunde. Vielmehr betrachtete man das Wirtschaften aus moralischen, theologischen, juristischen, politischen und anderen Perspektiven. In den Dialogen Platons und den Schriften des Aristoteles (insbesondere seiner Politik, die ein Kapitel über die Lehre von der Hausverwaltung und Hausgemeinschaft (Oikonomia) enthält) finden sich zahlreiche Ausführungen zum Wirtschaften. 16 Einige einzelwirt- schaftliche Fragestellungen, zu denen darüber hinaus Theologen, Vertreter des Rechts und Mathematiker Stellung bezogen haben, sollen in lockerer Folge vorgestellt wer- den.

14 Dieter Schneider bildet eine rühmliche Ausnahme, vgl. Schneider (1981) S. 117-139, Schneider (1987) S. 81-186, sowie Schneider (1997) S. 490-500 und weiter Schneider (1999a) und Schnei- der (2000) S. 419-439 sowie Schneider (2001). Die obigen Ausführungen zu den vorwissen- schaftlichen Strängen der Betriebswirtschaftslehre basieren auf den von Dieter Schneider vorgeschlagenen Unterscheidungen. Neben seinen Schriften kann die Lektüre von: Hundt (1977) und Brockhoff (2002) sowie Brockhoff (2009) empfohlen werden. Es ist insbesondere Dieter Schneider, der die Geschichtslosigkeit der Betriebswirtschaftslehre beklagt und auf Managementfehler hinweist, die hierauf zurückzuführen sind, vgl. Schneider (1984). Dieter Schneider lehrte und forschte nach seiner Habilitation im Jahr 1965 als Professor für Be- triebswirtschaftslehre an der Westfälischen-Wilhelms-Universität Münster. 1970 bis 1973 war er als Professor für Betriebswirtschaftslehre in Frankfurt tätig und ab 1973 bis zu seiner Eme- ritierung im Jahre 2000 hatte er einen Lehrstuhl für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Ruhr Universität Bochum inne.

15 Diese finden sich z.B. in den Texten des Alten Testaments sowie in den Werken von Homer (8. Jahrhundert vor Chr.) und Hesiod (8./7. Jahrhundert vor Chr.).

16 Zu den alten Quellen vgl. z.B. Schoppe (1989) S. 157-174.

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Nicht eigentlich auf (Einzel-)Wirtschaften bezogene Untersuchungen

1.1.1 Preis, Marktordnung und Eigentum aus moralischer und theologischer Sicht

Wert und Preis werden frühzeitig als zentrale Elementarkategorien des Wirtschaftens begriffen. Es wurden Wert- und Preislehren entwickelt, bei denen zunächst nicht wirt- schaftliche, sondern Aspekte der Moral und der Gerechtigkeit im Vordergrund stan- den. Werte und Preise wurden daraufhin befragt, ob sie gut oder schlecht bzw. gerecht oder ungerecht sind. So sind auch die Aussagen bezüglich Wert und Preis des griechi- schen Philosophen Aristoteles (384-322 vor Chr.) 17 und seiner Nachfolger (sog. Aristo- teliker) zu verstehen. Sie beschreiben Verfahren, mit denen der „gerechte Preis“ (lat. justum pretium) ermittelt werden kann. Ihre Vorschläge bilden die Grundlage von Diskussionen in der Scholastik des Mittelalters. Gerechtigkeit ist wiederum das Leit- motiv der Disputationen. Es wird nach schlüssigen Antworten gesucht, wie in konkre- ten Fällen „gerechte Preise“ und „gerechte Löhne“ zu bilden sind und ob in jeder Situation der Preis für die Vergabe eines Darlehens als „ungerechter Zins“ zu betrach- ten sei.

Thomas von Aquin (1225-1274) und Albertus Magnus (um 1200-1280) behaupten, dass zwei Güter den gleichen Wert besitzen, wenn sie jeweils die gleiche Menge an Arbeit und die gleiche Ausgabenhöhe für Vorleistungen enthalten. Der Austausch derart wertgleicher Güter erscheint dann als gerecht. Die Preisbestimmung der Güter hat sich entsprechend dieser Vorstellung an den Produktionskosten zu orientieren. 18

In der iberischen Scholastik des 16. Jahrhunderts befassten sich an den Universitäten von Salamanca (Spanien) und Coimbra (Portugal) viele Gelehrte mit ökonomischen Fragestellungen aus moralisch-juristischer und theologischer Sicht. Ihre Denkrichtung ist später als „Schule von Salamanca“ bezeichnet worden. 19 Auch und gerade zur Wert- und Preisbestimmung hat die Schule von Salamanca wichtige Beiträge geleistet. Um die Frage nach dem „gerechten Preis“ zu beantworten, greift sie zunächst auf die Vorstellung zurück, nach der Produzenten einen Angebotspreis derart festlegen sollen, dass die Produktionskosten gedeckt werden. Diese müssen auf der Grundlage des „standesgemäßen Unterhalts“ der Produzenten kalkuliert sein. Die Vertreter der Schu- le von Salamanca konzentrieren sich aber nicht nur auf die Preiskalkulation der Pro- duzenten, das heißt auf die Seite der Anbieter, sondern sie erkennen auch, dass der ökonomische Wert eines Gutes und sein Preis von weiteren Faktoren abhängig ist: von dem Nutzen, den das Gut demjenigen stiftet, der es verwendet (utilitas), von der

17 Vgl. insbesondere Aristoteles (1981).

18 Vgl. Thomas von Aquin (1485) und (1991), Albertus Magnus (1507) sowie dazu Ramp (1949) und Le Goff (2008).

19 Zu ihren Vertretern gehören die Theologen und Ordensmänner Francisco de Vitoria (1492- 1546), Luis de Molina (1535-1600), Martín de Azpilcueta (1493-1586), Diego de Covarrubias y Leiva (1512-1577), Domingo de Soto (1494-1560), Francisco Suárez (1548-1617) und andere.

15

1.1

1

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

Knappheit (raritas) des Gutes und von der gesellschaftlichen Wertschätzung, die dem Gut entgegengebracht wird (communis aestimatio). 20

Aus der subjektiven Einschätzung der Anbieter und Nachfrager bezüglich Nützlich- keit und Knappheit pendelt sich, durch gesellschaftliche Wertschätzung mit bedingt, ein Marktpreis ein, der dem gerechten Preis entspricht. Diese Vorstellung bringt Luis de Molina zum Ausdruck, indem er schreibt: „In the first place, it should be observed that a price is considered just or unjust not because of the nature of the things them- selves – this would lead us to value according to their nobility or perfection – but due to their ability to serve human utility. Because this is the way in which they are appre- ciated by men, they therefore command a price in the market and in exchanges. More- over, this is the end for which God gave things to man, and with that same end, men divided among them the domain of all things, even though they belonged to every- body at the moment of their creation. What we have just described explains why rats, which, according to their nature, are nobler than wheat, are not esteemed or appreci- ated by men. The reason is that they are of no utility whatsoever. This also explains why a house can be justly sold at a higher price than a horse and even a slave, even though the horse and the slave are, by nature, much nobler than the house.” 21

Der Markt liefert nur dann gerechte Preise 22 , wenn der Staat sich mit Eingriffen in das Marktgeschehen zurückhält und der freie Handel nicht durch Monopole und Korrup- tion behindert wird. Nur wenn all dies sichergestellt ist, wird ein friedliches Zusam- menleben der Menschen möglich.

Neben der Problematik gerechter Güterpreise thematisierte die Schule von Salamanca auch den Preis für Arbeit. Der „gerechte Lohn” bildete einen Diskussionsschwer-

20 Vgl. zu der ganzen Problematik Weber, W. (1962).

21 So zitiert in: Chafuen (2003) S. 84.

22 Von dem „gerechten Preis“ der Scholastiker ist der „natürliche Preis“ (prix naturel) der Physiokraten, Francois Quesnay (1694-1774) und Anne Robert Jacques Turgot (1727-1781), und der „natürliche Preis“ von Adam Smith (1723-1790), David Ricardo (1772-1823) und Karl Marx (1818-1883) zu unterscheiden. Den hier zitierten Autoren ging es um die Entwicklung einer ökonomisch begründeten Wert- und Preistheorie und nicht wie den Vertretern der Schule von Salamanca um eine Anleitung zum guten Handeln. Der „natürliche Preis“ ist kein Einzelpreis. Vielmehr stellt er eine Art Schwankungszentrum (Gravitationszentrum, Oszilla- tionszentrum, Bestimmungskern, Gleichgewichtszentrum) dar, um den die Einzelpreise (Marktpreise) eines Gutes oszillieren. Die genannten Autoren betrachten den „natürlichen Preis“ als eine Durchschnittsgröße des gesellschaftlich notwendigen Arbeitsaufwands. Er ist gleichzusetzen mit den Produktionskosten (Löhne, Vorleistungen, Kapitalverzinsung), die unter Normalbedingungen durchschnittlich aufzuwenden sind, vgl. Smith (1978) S. 51, Ri- cardo (2006) und Marx (1977b) S. 187 ff. Zu einer möglichen Interpretation der Marxschen Wertlehre, vgl. Bardmann (1986) S. 11-23.

16

Nicht eigentlich auf (Einzel-)Wirtschaften bezogene Untersuchungen

punkt. 23 Dabei wurde verdeutlicht, dass die Gerechtigkeit eines Lohnes (wie jedes gerechten Preises) nicht an seiner Höhe abzulesen ist, sondern an dem Verfahren, mit dem die Lohnhöhe bestimmt wird. 24 Die jeweiligen Vertragspartner sollten sich über die Lohnhöhe einigen. Ungleiche Macht- oder Informationsverteilung unter den Ver- tragspartnern behindert Vertragsgerechtigkeit und somit gerechte Löhne. Mit staatli- chen Eingriffen in das Lohnfindungsgeschehen ist es nicht möglich, Lohngerechtigkeit zu erreichen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, lehnt die Schule von Salamanca überhaupt direkte staatliche Interventionen in den Wirtschaftsprozess ab.

Mit Verweis auf das so genannte Naturrecht 25 postulieren ihre Vertreter die von Natur aus gegebene Freiheit der Zirkulation von Menschen, Gütern und Ideen und erken- nen, wie es der spanische Jesuit Luis Molina ausdrückt, wie sich die Dinge selbst re- geln. 26 Mit dieser Einsicht nimmt Molina theologisierend vorweg, was Adam Smith später als „unsichtbare Hand“ bezeichnet, nämlich die Vorstellung einer Koordination menschlicher Handlungen durch den Markt. 27

Die Vertreter der Schule von Salamanca beobachteten darüber hinaus, dass Privatei- gentum an Gütern den pfleglichen Umgang mit ihnen zur Folge hat, während Ge- meineigentum eine Übernutzung der Güter hervorruft. Sie folgern, dass Privateigen- tum Aktivitäten begünstigt, die zum wirtschaftlichen Wohlstand beitragen.

Aus der Tatsache, dass die Schule von Salamanca bei der Diskussion um den gerech- ten Preis subjektive Nutzenvorstellungen von Anbieter und Nachfrager in ihre Über- legungen mit einbezogen hat, ist geschlossen worden, dass sie eine frühe Form einer Markttheorie vorgelegt hat. Diese Auffassung kann nachträglich in die Diskussion um den gerechten Preis hineingelesen werden. 28 In dem damaligen moral-theologischen

23 Der deutsche Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler Johann Heinrich von Thünen (1783- 1850) glaubte, eine Formel für den gerechten Lohn gefunden zu haben, und ließ sie sogar auf seinem Grabstein einmeißeln. Dort ist zu lesen, dass der naturgemäße (gerechte) Arbeitslohn gleich der Wurzel aus a mal b ist, wobei a dem Güterbedarf einer vierköpfigen Familie ent- spricht und mit b das Durchschnittsprodukt gemeint ist, also das, was ein Lohnarbeiter durchschnittlich herstellt. Vgl. zur Lohnformel Thünen (1826-1863) Teil II.

24 Die Frage der Vertragsgerechtigkeit ist seit der Antike ein Dauerthema. Bei den Römern war das do ut des – „ich gebe, damit du gibst“ geradezu sprichwörtlich.

25 Entsprechend naturrechtlicher Vorstellungen ist jeder Mensch mit unveräußerlichen Rechten, wie das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit, ausgestattet.

26 Vgl. Molina (1593-1609). Weitere Ausführungen zur „Schule von Salamanca“ finden sich in Grice-Hutchinson (1952) und (1993).

27 Vgl. de Roover (1955) S. 161-190.

28 Dies leistet Schumpeter. Mit seinem posthum veröffentlichten Werk „Geschichte der ökono- mischen Analyse“ (2009) macht er auf die Schule von Salamanca aufmerksam und stellt Ähn- lichkeiten mit der „Österreichischen Grenznutzenlehre“ fest. Dieser Einschätzung wird hier nicht gefolgt. Vielmehr ist der Ansicht Luhmanns zuzustimmen, dass unter der Bezeichnung „Schule von Salamanca“ moralisch-juristische Diskussionen erfolgten und nicht primär öko- nomische Bezüge im Vordergrund standen, vgl. Luhmann (1994a) S. 76 f. Damit ist natürlich nicht gesagt, dass eine spätere Übertragung der moralisch-juristischen Empfehlungen auf wirtschaftliches Handeln nicht stattgefunden hätte.

17

1.1

1

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

Disput ging es den Teilnehmern allerdings nicht um die Entwicklung einer ökonomi- schen Theorie, sondern vielmehr um die Ableitung moralischer und theologisch fun- dierter Normen für richtiges und gottgefälliges Handeln. Dazu gehörte ein Kriterien- katalog für die Preisbildung und für die Kontrolle von Kaufleuten. Seine Anwendung sollte Gerechtigkeit und das Glück der Menschen fördern.

Die Unterscheidungen von gut und böse, gerecht und ungerecht kommen heute in den Wirtschaftswissenschaften, wenn es um Preistheorie geht, nicht mehr zum Einsatz. Vielmehr sind Marktmodelle die Standardmodelle zur Erklärung der Preisbildung. Auf den Markt bezogen machen Fragen der Gerechtigkeit keinen Sinn. Darauf hat bereits von Hayek hingewiesen. 29 Der Markt kennt kein gemeinsames Ziel der Markt- teilnehmer. Auf dem Markt können unterschiedlichste Ziele verfolgt werden. Dadurch unterscheidet er sich von Organisationen, die immer auf einen Zweck gerichtet sind. Nur im Fall von zweckgerichteten Organisationen machen Gerechtigkeitsfragen Sinn.

Wenn heute allerdings über „gerechte Milchpreise“, „Mindestlöhne“ und über „Bezü- ge von Spitzenmanagern“ diskutiert wird, dann geschieht dies nicht nur unter öko- nomischen Aspekten, sondern Fragen der Gerechtigkeit spielen hierbei eine herausra- gende Rolle. In den Veröffentlichungen zu diesen Themen prallen ökonomische und moralische Ansichten aufeinander. Denjenigen, die Gerechtigkeit auf ihre Fahnen schreiben, kann nur geraten werden, sich mit den Beiträgen zu beschäftigen, die die Schule von Salamanca im 16. Jahrhundert hierzu verfasste. Sie sind durch ein tiefge- hendes Verständnis über die Funktionsweise der Wirtschaft ausgezeichnet. 30 Eine derart hochwertige gedankliche Durchdringung der Preis- und Lohnproblematik kann weiten Teilen der heutigen Literatur nicht bescheinigt werden.

1.1.2 Theologische und juristische Betrachtungen zum Zinsverbot

Es war in der Menschheitsgeschichte schon immer umstritten, ob für ausgeliehenes Kapital Zinsen verlangt werden dürfen. Bereits die Perser kannten vor 2.500 Jahren ein Zinsverbot. Auch das Alte Testament und der Koran enthalten mehrere Stellen, die das Zinsnehmen verbieten. Die katholische Kirche hat unter Papst Innozenz III im Jahr 1215 das Zinsverbot für Christen erlassen und in das kanonische Recht aufgenommen. Wirklich durchgesetzt wurde es jedoch selten. 31

Vertreter der „Schule von Salamanca“ erarbeiteten Gründe, welche die Erhebung von Zinsen auf gewährte Darlehen rechtfertigen. Ein Aufpreis (Zins) auf die Darlehens-

29 Vgl. Von Hayek (1994) S. 118.

30 Schumpeter drückt diesen Sachverhalt in der Einleitung zu dem Buch von Dempsey wie folgt aus: “[I]f those Schoolmen rose from the dead today, they would readily understand our world and be quite prepared to take part in the discussions of its problems.” Schumpeter (1948) S. VIII.

31 Vgl. Schoppe (1989) S. 157-174.

18

Nicht eigentlich auf (Einzel-)Wirtschaften bezogene Untersuchungen

summe ist gerechtfertigt, wenn es sich hierbei um die Entschädigung für einen ent- gangenen Gewinn, einen erlittenen Schaden oder um einen auszugleichenden Kauf- kraftverlust handelt. Der Zins wird als eine Prämie betrachtet, die den Verleiher des Geldes für derartige Risiken, insbesondere für die Gefahr, das entliehene Geld nicht oder nicht in vollem Umfang wieder zurückzubekommen, entschädigt. 32

Der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) legte 1682 ein erstes Konzept zur Investitionsrechnung vor. Es war das Nebenprodukt einer juristi- schen Betrachtung. 33 In seiner Abhandlung lieferte Leibniz Argumente gegen die Norm des Zinsverbots. Aus drei selbstverständlichen Rechtssätzen für die vorzeitige Tilgung einer Schuld leitet Leibniz die „Rechtmäßigkeit“ der Kapitalwertrechnung ab und rechtfertigt damit die Abzinsung vorzeitig zurückgezahlter Darlehen mit Zinses- zinsen. Die Rechnung mit Zinseszinsen wird damit begründet, dass freigesetzte Gel- der aus Investitionen wieder angelegt werden können. 34 In den von Leibniz zwischen 1680 und 1683 angefertigten Manuskripten „De interusurio“ („Über den zwischenzeit- lichen Zins, Version I“) kommt Leibniz noch zu dem Schluss, „dass eine Berechnung nach dem Zinseszins nicht gebilligt werden kann.“ 35 In seinen juristisch-mathemati- schen Betrachtungen, die er zeitgleich anstellt, rechtfertigt er die Zinseszinsrechnung. Er schreibt: „Sei also z die Anzahl der Jahre, a der Geldbetrag, welcher nach diesen Jahren geschuldet wird, und die Höhe des Zinses durch den Buchstaben v ausge- drückt, dergestalt, dass, gesetzt, die erlaubten Zinsen betrügen ein zwanzigstel Münze oder fünf auf hundert, der Buchstabe v dann 20 bedeutet. Dies vorausgesetzt wird nach Abzug der Kürzung vom Geldbetrag a wegen des um z Jahre vorgezogenen

Erhalts der Summe, die dem vorzeitig Empfangenden geschuldet wird, übrig

bleiben.“ 36 Damit war die Barwertformel gefunden. Diese schreibt Leibniz ohne nähe- re Begründung auf. Für diejenigen, für die die Formel nicht unmittelbar verständlich ist, sei der Gedankengang, der sich hinter der Formel verbirgt, kurz nachvollzogen.

Ersetzt man a durch , kürzt den Bruch mit v und bezeichnet den heutigen

Wert von mit , so erhält man statt der von Leibniz notierten Formel:

.

Dabei symbolisiert den Zinssatz, der mit dem Buchstaben i bezeichnet sei. In obige

Formel eingesetzt, erhält man:

.

32 Vgl. z.B. Azpilcueta (1556).

33 Vgl. Leibniz (2000b) S. 106-113.

34 Vor etwa 60 Jahren hat der Ökonom und Finanztheoretiker Silvio Gesell (1862-1930) die Bedeutung der Zinsfrage im Rahmen seiner Freiwirtschaftslehre erneut aufgeworfen, vgl. Gesell (1949) S. 309-360.

35 Leibniz (2000a) S. 60-71, Zitat S. 69.

36 Leibniz (2000b) S. 112 f.

19

1.1

1

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

Eine Möglichkeit der Ableitung der Barwertformel leisten die folgenden Überlegun- gen: Wenn eine Geldsumme in Höhe von zu einem Zinssatz von i ein Jahr angelegt wird, errechnet sich nach Ablauf des ersten Jahres eine Geldsumme von:

.

Wird die Geldsumme in Höhe von ein weiteres Jahr zum gleichen Zinssatz angelegt, erhält man:

.

Wird ein weiteres Jahr zum gleichen Zinssatz angelegt, errechnet sich

Nach Ablauf von z Jahren ist die ursprünglich angelegte Geldsumme in Höhe von angewachsen auf eine Höhe von

.

Um zu berechnen, wie viel die Geldsumme, die in z Jahren gezahlt wird, heute wert ist (Barwert oder Gegenwartswert = ), sind beide Seiten der obigen Gleichung durch zu dividieren. Das Ergebnis entspricht der von Leibniz notierten Formel:

.

.

Bemerkenswert ist, dass in der Wirtschaftspraxis und in betriebswirtschaftlichen Lehrbüchern bis in die 1960er Jahre hinein zur Bewertung von Investitionen statische Verfahren wie Kostenvergleiche und Rückflussdauerberechnungen vorgeschlagen werden, obwohl seit über 180 Jahren die Möglichkeit bestand, Investitionsrechnungen mit den Erkenntnissen von Leibniz zu fundieren.

1.1.3 Mathematische Bestimmung von Gewinnaussichten

Die Mathematiker Jakob Bernoulli (1654-1705) 37 und Johann Bernoulli (1667-1748) 38 , zwei Brüder, leisteten wertvolle Arbeiten zur Wahrscheinlichkeits- und Infinitesimal- rechnung. Heute gehört die Wahrscheinlichkeits- und Infinitesimalrechnung zu den Standardmethoden der Betriebswirtschaftslehre.

37 Vgl. Bernoulli, Jakob (1713).

38 Johann Bernoulli übernahm nach dem Tode seines Bruders Jakob im Jahr 1705 seine Mathe- matikprofessur in Basel. Jakob und Johann Bernoulli haben sich gemeinsam mit den Grund- lagen der Infinitesimalrechnung auseinandergesetzt, wie Leibniz sie 1684 vorgelegt hatte.

20

Nicht eigentlich auf (Einzel-)Wirtschaften bezogene Untersuchungen

Auch Daniel Bernoulli (1700-1782) 39 , Sohn von Johann Bernoulli und damit ein weite- rer Spross dieser berühmten Gelehrtenfamilie 40 , widmete sein wissenschaftliches Inte- resse der Mathematik. In einer seiner Schriften geht es um die Berechnung des Wertes von Gewinnaussichten der Teilnehmer an Glücksspielen. 41 Mit der von Daniel Ber- noulli vorgelegten Lösung dieser mathematischen Fragestellung werden die grundle- genden Aussagen der Grenznutzentheorie vorweggenommen. Dabei hatte Bernoulli keinesfalls im Sinn, die klassische ökonomische Wertlehre zu widerlegen oder gar eine neue Wirtschaftstheorie zu begründen. Es ging ihm, wie gesagt, um die Lösung ma- thematischer Fragen. Er stellt bezüglich des Wertes einer Sache fest, dass er „nicht aus ihrem bloßen Preise (Geld- oder Tauschwert) zu bestimmen [ist M.B.], sondern aus dem Vorteil, den jeder einzelne daraus zieht. Der Preis (Geld- oder Tauschwert) be- stimmt sich aus der Sache selbst und ist für alle gleich; der Vorteil aber hängt von den Verhältnissen des Einzelnen ab. So muß es zweifellos für einen Armen mehr wert sein, tausend Dukaten zu gewinnen, als für einen Reichen, obschon der Geldwert für beide der gleiche ist.“ 42 Bernoulli unterscheidet in seinem Aufsatz zwischen dem „objekti- ven“ Wert des Geldes und dem „subjektiven“ Vorteil (Nutzen), den der Einzelne er- wartet. Bernoulli, dies sei angemerkt, betrachtet nicht konkrete Güter, sondern Geld- größen und die subjektiven Bewertungen dieser, auf einzelne Güter bzw. Vermögens- bestände bezogenen Geldgrößen. 43 Wenn man die Aussagen Bernoullis über Geld allgemeiner fasst, indem auch konkrete Güter und nicht nur ihr Geldwert in die Be- trachtung einbezogen werden, kann in die Ausführungen Bernoullis hineingelesen werden, dass der Wert eines Gutes (sein Nutzen) nichts Objektives ist, nichts, was dem Gut innewohnt, keine Eigenschaft des Gutes ist, wie es die klassische ökonomische Wertlehre (objektive Wertlehre) behauptet, sondern dass der Wert eines Gutes (sein Nutzen) etwas Subjektives ist, etwas, das dem Gut von einem Wirtschaftssubjekt zuge- schrieben wird (subjektive Wertlehre). Der Wert eines Gutes ist hiernach ein Verhältnis zwischen Wirtschaftssubjekt und Gut und nicht eine Eigenschaft des Gutes. So ist für Bernoulli auch der Wert einer Gewinnaussicht bei einem Glücksspiel nicht für alle Mitspieler der gleiche. Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass ein in bestimmter Höhe in Aussicht gestellter Vermögenszuwachs (dargestellt mit einer bestimmten Geldsumme) von den Teilnehmern eines Spiels unterschiedlich bewertet wird. Der Wert, den ein Spieler einer zusätzlich in seinen Besitz gelangten Geldeinheit zumisst, ist nach Bernoulli abhängig von den Vermögensverhältnissen des betreffenden Spie-

39 Daniel Bernoulli erhielt 1725 eine Professur in St. Petersburg und 1733 wurde er in Basel zunächst zum Professor der Anatomie und Botanik berufen und später zum Professor für Physik.

40 Zu dem wissenschaftlichen Werk und dem Schriftwechsel der Mitglieder der Familie Ber- noulli mit berühmten Wissenschaftlern der damaligen Zeit, vgl. Naturforschende Gesell- schaft in Basel (1988-2006).

41 Vgl. Bernoulli, D. (1967) S. 21-60.

42 Bernoulli, D. (1967) S. 26.

43 Es ist Hermann Heinrich Gossen (1810–1858), der 1848 die nach ihm benannten Gesetze auf verschiedene konkrete Güter bezieht, vgl. die Ausführungen zu den Gossenschen Gesetzen in Abschnitt 3.2.1.

21

1.1

1

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

lers. Je höher das Anfangsvermögen eines Spielers, umso geringer wird er den Wert eines in Aussicht gestellten Vermögenszuwachses einschätzen. 44 Dies bedeutet auch, dass der Wert eines in Aussicht gestellten Vermögenszuwachses von einem Spieler geringer eingeschätzt wird als der Wert der letzten, schon im Besitz des Spielers sich befindenden Vermögenseinheit. Somit ist der Zusammenhang zwischen absolut er- hoffter Gewinnhöhe und subjektiver Wertschätzung der objektiven Gewinnaussicht nicht mit einer Geraden darstellbar. Die Grafik dieses Zusammenhangs liefert viel- mehr eine gekrümmte, konkave Linie 45 , die durch abnehmende Steigung ausgezeich- net ist. 46 Zur Analyse dieses funktionalen Zusammenhangs setzt Bernoulli die Diffe- renzialrechnung ein. 47

Die Übereinstimmung der Ergebnisse der Untersuchungen Bernoullis zur „Wertbe- stimmung von Glücksfällen“ mit den Kernaussagen der Grenznutzentheorie 48 veran- schaulicht das Selbstverständnis der Grenznutzenlehre. Sie definiert Grenznutzen als den Nutzen eines Wirtschaftssubjekts, der dadurch entsteht, dass es die (infinitesimal kleine) letzte, einem Gütervorrat hinzugefügte Gütereinheit nutzt oder die nächst mögliche, infinitesimal kleine Gütereinheit, die einem bereits bestehenden Gütervorrat hinzugefügt werden könnte. Jevons bezeichnet diese Nutzenkategorie als „final degree

of utility“ und bestimmt sie mathematisch als Differenzialquotienten „

“, der die

infinitesimal kleine Nutzenveränderung symbolisiert, die durch eine infinitesimal kleine Veränderung der Gütermenge hervorgerufen wird. Dabei ist der Nutzen u eine

Funktion der Gütermenge x und

wiederum eine Funktion der Gütermenge x. 49 Der

zeichnet sich durch Konkavität und unterpropor-

tionale positive Steigung aus. Diese mathematische Formulierung ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass für ein Wirtschaftssubjekt eine stetige Erhöhung seines Güterbe- standes mit abnehmenden Nutzenzuwächsen (Grenznutzen) einhergeht. Wie leicht erkannt werden kann, hatte Bernoulli genau diese Einsichten gehabt. Und genau wie Vertreter der Grenznutzenschule hatte auch Bernoulli die Differenzialrechnung zur Analyse von Nutzenfunktionen angewandt.

Verlauf der Grenznutzenfunktion

44 Bernoulli geht über die im obigen Text wiedergegebene Behauptung hinaus, indem er fest- stellt, dass der Wert eines infinitesimal kleinen Vermögenszuwachses „umgekehrt proportio- nal“ zum vorhandenen Vermögen ist, vgl. Bernoulli, D. (1967) S. 29.

45 Eine Funktion wird als konkav („nach unten offen“) bezeichnet, wenn jede Verbindungsstre- cke zwischen zwei Punkten des Graphen von der Funktion an keiner Stelle „oberhalb“ dieses Graphen liegt.

46 Vgl. Bernoulli, D. (1967) S. 32.

47 Bernoulli, D. (1967) S. 34 ff.

48 Sie ist allerdings allgemeiner formuliert, da sie sich nicht nur auf Geld, sondern auf konkrete Güter bezieht. Es sind drei Ökonomen, die ungefähr gleichzeitig die Grenznutzentheorie be- gründen: der Brite William Stanley Jevons (1835-1882), der Österreicher Carl Menger (1840- 1921) sowie der Franzose Léon Walras (1834-1910), vgl. ihre Werke: Jevons (1888), Menger (1968) und Walras (1972).

49 Jevons (1888) S. 53 f.

22

Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen

Entsprechend der Grenznutzentheorie bemisst sich nicht nur der Wert der letzten Gütereinheit einer bestimmten Güterart nach dem Grenznutzen, sondern der Wert sämtlicher Gütereinheiten des Gütervorrats dieser Güterart, da die einzelnen Güter- einheiten homogen und somit gegeneinander austauschbar sind. Die vorgetragenen Grenznutzenüberlegungen bilden die Basis heutiger volks- und betriebswirtschaftli- cher Preistheorien.

Zusammenfassend kann festhalten werden, dass die Hauptsätze der Grenznutzenleh- re, bereits mehr als ein Jahrhundert, bevor sie von Ökonomen formuliert wurden, bei dem Versuch, mathematische Probleme zu lösen, von Bernoulli aufgestellt worden sind. Er hatte erkannt, dass die Ausgangssituation eines Spielers (sein Anfangsvermö- gen) für die Bewertung möglicher Spielgewinne eine entscheidende Rolle spielt. 50 Mit den Gedanken von Bernoulli kann verdeutlicht werden, dass der Unterschied zwi- schen 50 Euro und 100 Euro nicht der gleiche ist wie zwischen 10.050 Euro und 10.100 Euro, obwohl die Differenz jedes Mal 50 Euro beträgt. Die 50 Euro stiften eben nicht in beiden Fällen den gleich großen subjektiven Nutzen. Ein Euro ist dann auch nicht doppelt so viel Wert wie zwei Euro, denn der zweite Euro stiftet weniger Nutzen als der erste. So ist davon auszugehen, dass eine Verdopplung des materiellen Vermögens nicht doppelt so glücklich macht. Die mittlerweile populär gewordene Glücksfor- schung kann aus der Bernoulli-Abhandlung Anregungen für die Entwicklung einer „Theorie des Glücks“ entnehmen.

Die drei ausgewählten Beispiele nicht eigentlich auf (Einzel-)Wirtschaften bezogenen Untersuchungen (Salamanca, Leibniz, Bernoulli) zeigen, dass aus alten Schriften, de- ren Untersuchungsgebiet zunächst jedenfalls nicht der Lebensbereich Wirtschaft war, viel Nützliches für Wirtschaftsfragen gelernt werden kann.

1.2 Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen

Ziel dieses Abschnitts ist es, einen Überblick über die Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen zu vermitteln. Es werden Aussagen referiert, die sich direkt auf den Lebensbereich der Einzelwirtschaft beziehen. Dabei ist keine chronologische Darstel- lung angestrebt. Vielmehr werden thematisch gegliedert, einzelwirtschaftliche Be- trachtungen von der Antike bis zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts fragmenthaft zusammengestellt. Die in den Text aufgenommenen Aussagen sind als vorwis- senschaftlich zu qualifizieren. Sie erfüllen nicht die heute an wissenschaftliche Aussa- gen gestellten Ansprüche. Die vier Themenkomplexe: Ökonomik, Buchhaltung und Rechnungswesen, Kameralwissenschaft und die landwirtschaftliche Betriebslehre sowie die Vorläufer der Industriebetriebslehre, die abgehandelt werden, liefern aller-

50 Vgl. van der Waerden (1982), insbesondere S. 197-200.

23

1.2

1

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

dings wichtige Einsichten in das einzelwirtschaftliche Geschehen und nehmen viele Erkenntnisse der wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre vorweg.

1.2.1

Ökonomik

Der Begriff Ökonomik wird in den folgenden Abschnitten als Oberbegriff eingesetzt, der die Hausherrenlehre, die Organisation und Planung in der antiken Landwirtschaft sowie die Handlungswissenschaft beinhaltet. Damit übernehmen die folgenden Aus- führungen Begriffsverwendungen und Unterscheidungen, wie sie Dieter Schneider benutzt. 51

1.2.1.1

Hausherrenlehre

Aufzeichnungen aus dem Altertum geben dem Hausherrn Empfehlungen, wie er sein Haus in vernünftiger Weise zu führen hat. Sie beziehen sich auf die Vieh- und Skla- venhaltung, die Auswahl der richtigen Ehefrau und die Heranbildung des Sohnes zum Hausherrn. Haushalt und Betrieb sind noch keine getrennten Einheiten, sondern bil- den einen oikos. 52 Im griechischen oikos ist das Vermögen des freien Bürgers zusam- mengefasst. Es besteht nicht nur aus Sachwerten, sondern auch Sklaven, Ehefrau und Kinder werden als Vermögensgegenstände betrachtet, denn über sie besitzt der Haus- haltsvorstand fast unbeschränkte Befehlsgewalt.

Sämtliche Angelegenheiten des oikos, insbesondere die Menschenführung, sind nach ethisch normativen Gesichtspunkten zu regeln. Es werden Handlungsempfehlungen für das Führen und Organisieren von Haushalt und Betrieb aufgestellt.

Aristoteles hebt hervor, dass die Gewinnerzielung durch den Handel mit Gütern (Chrematistik) abzulehnen sei. Handelsgewinn ist für ihn Raub. Die Vermehrung des Wohlstandes darf nur über die zusätzliche Produktion von Gütern im Haus erzielt werden. Darauf sollte der Hausherr seine Entscheidungen ausrichten. Entscheidungen

51 Vgl. Schneider (1994) S. 81-93. Viele Lehrtexte unterscheiden die Begriffe Ökonomik und Ökonomie und machen auf zwei verschiedene Betrachtungsebenen des Wirtschaftens auf- merksam. Der Begriff Ökonomie bezieht sich auf die reale Wirtschaft und die Lehren von der Wirtschaft. Ökonomie ist hiernach der Gegenstandsbereich, mit dem sich die Wirtschaftswis- senschaft befasst und über den sie lehrt. Demgegenüber wird der Begriff Ökonomik als Wirt- schaftstheorie verstanden, die insbesondere die Methoden umfasst, die zur Theoriebildung eingesetzt werden. Nach dem hier vorgestellten Verständnis ist Ökonomik die Theorie der Ökonomie. Soweit in diesem Abschnitt von Ökonomik die Rede ist, sind Theorien über die damalige Ökonomie gemeint. Sie besteht aus Hauswirtschaften, landwirtschaftlichen Einzel- wirtschaften und dem Handel auf Märkten. Dabei ist zu beachten, dass die damalige Theo- riebildung nach heutigem Verständnis keinen wissenschaftlichen Charakter hat.

52 Die Begriffe Ökonomie und Ökonomik haben hier ihren Ursprung. Das griechische Wort oikos kann mit Haus und nomos mit Gesetz übersetzt werden. Oikonomia bezeichnet die Haus- ordnung, Hausverwaltung und das Wissen des Hausherrn, wie ein Haushalt zu führen ist.

24

Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen

zu treffen und diese durchzusetzen, das ist die eigentliche Aufgabe des Hausherrn, nicht die körperliche Arbeit. Körperliche Arbeit ist Sache der Sklaven und Frauen.

Der italienische Humanist Leon Battista Alberti (1404-1472) fasst in seinem Werk „Bü- cher über die Familie“, das um 1450 erscheint, das Wissen über die Hausherrenlehre zusammen. 53 Es geht um die Vorbereitung der Söhne auf die Herrschaft über das Haus. Merksätze wie: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, „Ausgaben dürfen nicht größer als die Einnahmen sein“, „heilig ist das Streben nach Wirtschaftlichkeit“, wer- den von Alberti aufgestellt.

Einerseits stellt die Hausherrenlehre den sittlichen Aspekt wirtschaftlicher Handlun- gen der Hausherren in den Vordergrund – man könnte in heutiger Begrifflichkeit auch sagen, Fragen der Unternehmensethik stehen im Mittelpunkt des Interesses – anderer- seits findet man auch Aussagen zu einer vernünftigen Vorausschau des Haushaltsge- schehens. Heute würde man von Unternehmensplanung sprechen. In diesem Zusam- menhang werden entscheidungslogische Einsichten vermittelt. Entscheidungslogik und Aussagen über das Verhalten des Einzelnen und seine sozialen Zusammenhänge werden miteinander verbunden. Darüber hinaus wird erkannt, dass geplante Aktivitä- ten veranlasst und deren Ausführung kontrolliert werden müssen und bei auftreten- den Störungen Entscheidungen des Hausherren notwendig werden, die verhindern, dass der Haushalt in seinem Bestand gefährdet wird.

1.2.1.2 Planung und Organisation in der antiken Landwirtschaft

Das Leitbild vom vernünftigen, sittlich fundierten Gestalten des oikos ist ebenfalls bei Autoren zu finden, die sich mit der antiken Landwirtschaft beschäftigen. Untersu- chungen über die Planung und Organisation der Landwirtschaft in der Antike bilden einen Schwerpunkt einzelwirtschaftlicher Betrachtungen. Xenophon (ca. 430-354 vor Chr.) hat eine landwirtschaftliche Betriebslehre „Oikonomikos“ geschrieben, in der er Ratschläge für eine möglichst rationelle Hauswirtschaftsführung gibt. 54

Der konservative römische Staatsmann Cato der Ältere (234-149 vor Chr.) empfiehlt, Sklaven mit unnachgiebiger Härte zu führen. 55 Das sieht Marcus Terentius Varro (116- 27 vor Chr.) ganz anders. Er will die Motivation der Sklaven durch ein Prämiensystem fördern und merkt an, dass Sklaven als Vermögensgegenstände zu betrachten sind und von daher mit ihnen schonend umzugehen ist. In fiebrigen Sümpfen soll man besser freie Arbeiter einsetzen und nicht die eigenen Sklaven. Varro scheint darüber hinaus der Erste zu sein, der eine Unterscheidung trifft zwischen Kosten, die von der Ausbringungsmenge unabhängig sind (fixe Kosten), und Kosten, die sich in Abhän- gigkeit von der Ausbringungsmenge verändern (variable Kosten). Das Problem der Proportionalisierung von Fixkosten (der Verteilung fixer Kosten auf die hergestellten

53 Vgl. Alberti (1962).

54 Vgl. Xenophon (1992).

55 Vgl.Cato (1982), Kaltenstadler (1978).

25

1.2

1

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

Produkte) wird angesprochen. Darüber hinaus kann der von Varro aufgestellte Ar- beitskalender für den Ackerbau als Vorläufer einer betrieblichen Produktionsplanung interpretiert werden. 56

Im ersten Jahrhundert entwirft der römische Ackerbauschriftsteller Lucius Iunius Moderatus Columella (4 bis um 70 nach Chr.) ein umfassendes Bild des gesamten damaligen Wissens vom Landbau. 57 Er legt damit das klassische Werk der landwirt- schaftlichen Fachschriftstellerei vor. Columella diskutiert auch das Problem der opti- malen Leitungsspanne, 58 stellt also die Frage, wie viele Personen sinnvollerweise von einem Vorgesetzten überwacht werden können. Er liefert ebenfalls Überlegungen zu Investitions- und Wirtschaftlichkeitsberechnungen bei der Entscheidung über die Auswahl herzustellender Produkte wie Wein, Heu oder Gemüse. Auch der Marke- tinggedanke fehlt bei ihm nicht. So empfiehlt er, Fische vor dem Verkauf zu füttern, um ihr Gewicht zu erhöhen und damit einen höheren Erlös sicherzustellen.

1.2.1.3

Handlungswissenschaft

Die Handlungswissenschaft 59 richtet sich speziell an Kaufleute. In handlungswissen- schaftlichen Abhandlungen steht der Tausch von Gütern zwischen Wirtschaftseinhei- ten im Mittelpunkt des Interesses.

Das erste Handbuch der Handelskunde wurde im Orient verfasst. Man streitet darü- ber, ob es im 9. oder 12. Jahrhundert entstanden ist. Benedetto Cotrugli (1416-1469) schreibt 1458 eine kaufmännische Erziehungslehre. 60 Im 14. Jahrhundert gilt das von dem Florentiner Handlungsreisenden Francesco Balducci Pegolotti (1310-1347) vorge- legte Nachschlagewerk über Handelsstädte, Maße und Münzen als ein Leitfaden für Handeltreibende. 61 Seine Schriften sind wichtig für Kaufleute, die Handel mit China treiben, denn sie beschreiben u.a. die alten Handelswege nach China.

Jacques Savary (1622-1690) verfasst im Jahr 1675 als Mitarbeiter von Jean Baptiste Colbert, dem damaligen französischen Finanzminister, sein Werk Le parfait négociant. Ein Jahr nach seinem Erscheinen in Frankreich wird es ins Deutsche übersetzt und erhält den Titel: Der vollkommene Kauff- und Handelsmann. 62 Dieses Buch befasst sich mit der Warenkunde, dem Wirtschaftsrechnen, dem Wechsel- und Scheckrecht, dem

56 Vgl. Varro (1472).

57 Vgl. Columella (1472), vgl. auch die Schrift von Vergil (70-19 vor Chr.), Vergil (1995) über das Landleben.

58 Die Leitungsspanne wird auch als Kontroll-, Überwachungsspanne, „span of control“ oder „span of management“ bezeichnet.

59 Wenn hier von Wissenschaft die Rede ist, ist damit nicht gleichzeitig unterstellt, dass die Autoren der Handlungswissenschaft Aussagensysteme entwickeln, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügen. Der Begriff Handlungswissenschaft wird hier verwandt, weil er sich in der Literatur durchgesetzt hat.

60 Vgl. Cotrugli (1990).

61 Vgl. Pegolotti (1936).

62 Vgl. Savary (1993).

26

Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen

Einzel- und Großhandel sowie dem Export und Import von Waren und vielem mehr. Savary ist der Erste, der Bilanzzwecke formuliert und den Grundsatz des Verlustvor- trags bei der Gewinnermittlung fordert.

Zwischen 1752 und 1756 veröffentlicht Carl Günther Ludovici (1707-1778) 63 ein fünf- bändiges Kaufmannslexikon Eröffnete Akademie der Kaufleute oder vollständiges Kauf- mannslexikon, 5 Theile. 64 Als Band 5 hat Ludovici im Jahr 1756 den Grundriss eines voll- ständigen Kaufmanns-Systems veröffentlicht. 65 Er teilt dieses Lehrbuch in zwei Teile. Im ersten Teil handelt er die kaufmännische Hauptwissenschaft ab. Er beschäftigt sich mit der Warenkunde, der Handlungswissenschaft und der Buchführung. Der zweite Teil setzt sich mit den kaufmännischen Nebenwissenschaften auseinander. Hier geht es um kaufmännisches Rechnen, Maß- und Münzwesen, Gewichtskunde, Geografie, Recht, Korrespondenzlehre, Handelspolitik des Staates, Mechanik usw.

Im Jahr 1804 erscheint das Werk System des Handels von Johann Michael Leuchs 66 (1763-1836), das die Wissensbestände der Handlungswissenschaft zusammenfasst. Es besteht aus drei Teilen:

bürgerliche Handlungswissenschaft,

Staatshandelswissenschaft (Themen der Volkswirtschaftslehre),

Handelskunde (Warenkunde, Geografie usw.).

Die bürgerliche Handlungswissenschaft Leuchs befasst sich mit folgenden einzelwirt- schaftlichen Fragen:

Tauschmittellehre (Ware-Geld-Beziehungen),

Wertbestimmungslehre (Fragen der Kalkulation),

Handelslehre (Ein- und Verkauf),

Wahrscheinlichkeitslehre,

Kontorwissenschaft.

Das Buch von Leuchs bildet den Höhepunkt und Abschluss der Handlungswissen- schaft.

Bis auf die von Savary formulierten Bilanzzwecke und den Grundsatz der Verlustvor- wegnahme bei der Gewinnermittlung, trägt die Handlungswissenschaft nichts zum heutigen betriebswirtschaftlichen Denken bei.

Die Handlungswissenschaft kann sich nicht als eigenständige Betriebswirtschaftslehre durchsetzen. Sie versäumt es, wichtige Ansätze zur Nutzen-, Preis- und Produktions- theorie aufzugreifen und auf einzelwirtschaftliche Fragestellungen anzuwenden. Die Nationalökonomie der damaligen Zeit ist demgegenüber in der Lage, die genannten

63 Carl Günther Ludovici bekommt 1733 einen Ruf nach Leipzig. Er wird „ordentlicher Profes- sor der Weltweisheit“. 1761 wird er zum „ordentlichen Professor der Vernunftlehre“ berufen.

64 Vgl. Ludovici (1752-1756).

65 Vgl. Ludovici (1756).

66 Vgl. Leuchs (1933).

27

1.2

1

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

Theorien in ihr Lehrgebäude zu integrieren. Sie verselbstständigt sich zur Volkswirt- schaftslehre. Eine wissenschaftliche Betriebswirtschaftslehre ist im 19. Jahrhundert noch nicht etabliert. In einzelwirtschaftlichen Untersuchungen werden während der Anfänge der Industrialisierung mehr technische als eigentlich betriebswirtschaftliche Fragen abgehandelt.

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Ökonomik (Hausherrenlehre, Planung und Organisation in der antiken Landwirtschaft, Handlungswissenschaft) ethisch normative Vorschläge für praktisches wirtschaftliches Handeln entwickelt. Sie stellt eine Sammlung von Handlungsmaximen bereit, ohne in der Lage zu sein, sie in eine einzelwirtschaftliche Gesamttheorie einzubinden.

1.2.2 Buchhaltung und Rechnungswesen

Schon 3500 vor Chr. finden sich kleine Tontafeln der Sumerer, auf denen wirtschaftli- che Daten eingraviert sind. Die alten Hochkulturen der Babylonier, der Ägypter und der Inkas kennen ebenfalls schon Aufzeichnungen zur Rechnungslegung. Aufgabe dieser Dokumente ist es, einerseits die Ausführung eines Auftrags zu dokumentieren und andererseits bei auftretenden Meinungsverschiedenheiten zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer vor Gericht als Beweismittel zu dienen. Zunächst ist das Rech- nungswesen also nicht zur Fundierung von Entscheidungen ausgelegt. Diese Funktion erhält es erst viel später.

Wissenschaftlichen Charakter, so wird behauptet, bekommt das Rechnungswesen mit der Einführung der „Doppelten Buchführung“, die Goethe später in seinem Wilhelm Meister „eine der schönsten Erfindungen des menschlichen Geistes“ nennen wird.

Die älteste auf die doppelte Buchführung bezogene, gedruckte Veröffentlichung stammt aus dem Jahr 1494. Sie ist als mathematisches Lehrbuch konzipiert und von dem Franziskanermönch und Mathematikprofessor Luca Pacioli (um 1445-1514 oder 1517) verfasst. Unter dem Titel Summa de Arithmetica, Geometria, Proportioni et Proportionalita werden Arithmetik und Algebra auf die Praxis der Kaufleute der dama- ligen Zeit angewandt. 67 Mit der doppelten Buchführung sollte die Rechenfähigkeit der Buchhalter kontrolliert werden, denn damals wurden grundlegende Rechenoperatio- nen nur unzureichend beherrscht.

Es ist der Österreicher Johann Matthias Puechberg, der im Rahmen seiner Beschäfti- gung mit dem Staatsrechnungswesen die Steuerungsfunktion des Rechnungswesens hervorhebt. In seinem Buch Grundsätze der Rechnungs=Wissenschaft, das 1774 er- scheint, 68 fordert er: „die Richtigkeit der getroffenen Wirthschafts=Spekulation zu erhellen“. Für ihn hat das Rechnungswesen nicht nur Geschäftsvorfälle zu dokumen-

67 Vgl. Pacioli (1494).

68 Vgl. Puechberg (1774).

28

Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen

tieren, sondern auch die Aufgabe, das Geschäftsgeschehen zu kontrollieren und Ent- scheidungen zu fundieren.

Puechberg spricht auch bereits Probleme der innerbetrieblichen Leistungsverrechnung an und fordert Soll-Ist-Vergleiche.

1.2.3

Kameralwissenschaft

Der Begriff Kameralwissenschaft 69 beinhaltet das Wort „Kamer“. Kamer ist eine Be- hörde, die für den fürstlichen Haushalt zuständig ist. Im Vordergrund kameralisti- scher Überlegungen steht die Frage, wie die Einkünfte des Landesherrn vermehrt werden können. Daher konzentrieren sich kameralistische Untersuchungen auf staatli- che Betriebe, Steuerwesen und Außenhandel.

Die Kameralwissenschaft begreift sich als praktisch-gestaltende Disziplin und befasst sich mit:

„Fiscal- und Polizeysachen“. „Polizeysachen“ werden dabei als Angelegenheiten der staatlichen Verwaltung verstanden. Unter dem Begriff der „Fiscalsachen“ werden wirtschaftspolitische Fragen abgehandelt. „Cameralia“. Cameralia sind landesherrliche Einnahmen und Ausgaben. Die Sparten Fiscal-, Polizeysachen und Cameralia entwickeln sich später zur klassi- schen Nationalökonomie. „Oeconomiesachen“. Unter diesem Namen werden einzelwirtschaftliche Fragen untersucht. Hier geht es um Wirtschaftskunde und die Weitergabe ethisch- normativer Vorstellungen, nicht um die Vermittlung wirtschaftswissenschaftli- chen Wissens.

Friedrich Wilhelm I. von Preußen richtet 1727 die ersten zwei Lehrstühle für Wirt- schaftswissenschaften in Deutschland ein. Simon Peter Gasser (1676-1745) wird erster Lehrstuhlinhaber in Halle. Christoph Dithmar (1677-1737) wird auf den Lehrstuhl in Frankfurt/Oder berufen. 70 Damit ist die Möglichkeit geschaffen, Inhalte der Kameral- wissenschaft an Hochschulen zu verbreiten.

69 Auch die Kameralwissenschaft entwickelt keine Aussagen, die dem Anspruch der Wissen- schaftlichkeit genügen. Der Kameralismus stellt eine deutsche Sonderform des Merkantilis- mus dar. Die Wirtschaft der damaligen Zeit besteht aus kleinen Wirtschaftseinheiten und geht in eine frühkapitalistische Wirtschaftsordnung über. Sie ist absolutistisch und damit zentralistisch organisiert.

70 Es werden ebenfalls Kameralhochschulen gegründet. Teilweise ist den Kameralhochschulen nur eine kurze Lebensdauer beschert. So besteht die Kameralhochschule in Kaiserslautern von 1774-1784 also gerade 10 Jahre, bis sie in der Universität Heidelberg aufgeht.

29

1.2

1

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

Über 100 Jahre nach der Besetzung der ersten wirtschaftswissenschaftlichen Lehrstüh- le führt der in Heidelberg lehrende Kameralwissenschaftler Eduard Baumstark (1807- 1889) im Jahr 1835 den Namen „Betriebswirthschaft“ ein. 71

1.2.4 Landwirtschaftliche Betriebslehre und Vorläufer einer Industriebetriebslehre

Die landwirtschaftliche Betriebslehre liefert Grundlagen für eine praktisch gestaltende Betriebswirtschaftslehre. Sie ist mit den Namen Albrecht Daniel Thaer (1752-1828) und Friedrich Aereboe (1865-1942) verbunden. Thaer schreibt: „Die vollkommenste Landwirthschaft ist also die, welche den möglichst höchsten, nachhaltigsten Gewinn, nach Verhältnis des Vermögens der Kräfte und der Umstände, aus dem Betriebe zieht. Sie kann erlernt werden durch: handwerksmäßige, kunstmäßige und wissenschaftli- che Lehre.“ 72

Aereboe beschäftigt sich bereits 1917 mit dem System produktiver Faktoren und der Kombination der Produktionsfaktoren durch die Betriebsleitung. 73

Karl Bernhard Arwed Emminghaus (1831-1916) ist kein Vertreter der landwirtschaftli- chen Betriebslehre. Er ist als Vorläufer der heutigen Industriebetriebslehre anzusehen. Emminghaus trennt Volkswirtschaftslehre und Privatwirtschaftslehre. Er schreibt 1868 eine Allgemeine Gewerkslehre. 74 Sie stellt eine Industriebetriebslehre dar. Emminghaus begreift Sozialpolitik als Mittel zur Steigerung der Effizienz. Er fordert den 8-Stunden- Arbeitstag. Als er diese Forderung aufstellte, wurde noch 12 Stunden pro Tag gearbei- tet. Er plädiert für Unfall-, Alters- und andere Sozialversicherungen und postuliert die Koalitionsfreiheit der Arbeiter und Arbeitgeber.

Die vorwissenschaftlichen Stränge der Betriebswirtschaftslehre sind in der folgenden Abbildung 2 zusammenfassend wiedergegeben:

71 Eduard Baumstark war Professor in Heidelberg und hat später einen Ruf nach Greifswald angenommen, um dort Nationalökonomie zu lehren. Den Begriff „Betriebswirthschaft“ ver- wendet er erstmalig in der von ihm verfassten Kameralistischen Enzyklopädie (1835) S. 155.

72 Thaer (1809-1812), (1815).

73 Vgl. Aereboe (1917) und (1953).

74 Vgl. Emminghaus (1868).

30

Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen

Abbildung 2:

Vorwissenschaftliche Stränge der Betriebswirtschaftslehre

Zunächst eigentlich nicht auf (Einzel-) Wirtschaften bezogene Untersuchungen Preis, Markt- und Eigentumsordnung aus
Zunächst eigentlich nicht auf (Einzel-)
Wirtschaften bezogene Untersuchungen
Preis, Markt- und Eigentumsordnung
aus moralischer und theologischer Sicht
Juristische Betrachtungen zum
Zinsverbot
Mathematische Bestimmung von
Gewinnaussichten
Buchhaltung und Rechnungswesen
Dokumentation (Beweise vor Gericht)
Doppelte Buchführung (Rechenkontrolle)
Lehre vom Staatsrechnungswesen
(Steuerungsfunktion)
Lehre vom Staatsrechnungswesen (Steuerungsfunktion) Ökonomik (ethisch–normativ) Hausherren- und

Ökonomik (ethisch–normativ) Hausherren- und Haushaltslehre Organisation und Planung in der antiken Landwirtschaft Handlungswissenschaft

Kameralwissenschaft (praktisch-gestaltend) Erste Lehrstühle 1727 in Halle und Frankfurt/Oder Fiscal-, Polizeysachen
Kameralwissenschaft
(praktisch-gestaltend)
Erste Lehrstühle 1727 in Halle
und Frankfurt/Oder
Fiscal-, Polizeysachen und
Cameralia
entwickeln sich später zur
klassischen
Nationalökonomie

Oeconomiesachen (hier konzentrieren sich einzelwirtschaftliche Fragen)

(hier konzentrieren sich einzelwirtschaftliche Fragen) Landwirtschaftliche Betriebslehre und Anfänge der
(hier konzentrieren sich einzelwirtschaftliche Fragen) Landwirtschaftliche Betriebslehre und Anfänge der

Landwirtschaftliche Betriebslehre und Anfänge der Industriebetriebslehre (Betriebswirtschaftslehre ist noch nicht als Wissenschaft etabliert)

31

1.2

Anfänge einzelwirtschaftlicher Betrachtungen

2 Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

Es ist üblich, die Welt in unterschiedliche Lebensbereiche aufzuteilen und ausdifferen- zierte Wissenschaftsdisziplinen zu fordern, die sich auf die Bearbeitung spezifischer Lebensbereiche spezialisieren. Diese Sichtweise unterstellt, dass es möglich ist, die „wirkliche“ Welt in Teilprobleme aufzuspalten, und dass sich um diese Einzelfragen Einzelwissenschaften gruppieren. Versuche, die Realität ganzheitlich zu erklären, also ohne sie in disziplinspezifische Problemstellungen aufzuspalten, haben sich nicht durchgesetzt. Die Einrichtung einer Einheitswissenschaft bleibt eine Illusion. 75 Von der Vorstellung, die Welt als „Ganzes“ zu erfassen, ist die Forderung der interdiszipli- nären Zusammenarbeit zwischen den Wissenschaften geblieben.

Die Betriebswirtschaftslehre begreift sich selbst als Einzelwissenschaft. Als solche beschäftigt sie sich mit einem ausgewählten Lebensbereich. Sie konzentriert sich auf einen Untersuchungsgegenstand, der sich von anderen Untersuchungsgegenständen unterscheidet. So gewinnt sie ihre Identität und unterscheidet sich von anderen Wis- senschaften. Es gibt Wirtschaftswissenschaftler, die die Eigenständigkeit der Betriebs- wirtschaftslehre anders begründen. Nach ihrer Vorstellung gewinnt die Wirtschafts- wissenschaft ihre Eigenständigkeit und Unterscheidbarkeit von anderen Wissenschaf- ten dadurch, dass sie einen eigenständigen Ansatz, den „ökonomischen Ansatz“, zur Erklärung wirtschaftlicher Sachverhalte bereithält. Der ökonomische Ansatz unter- stellt (begrenzt-)rational und eigennützig handelnde Akteure und beruft sich auf den methodologischen Individualismus. 76

Um der Betriebswirtschaftslehre den Status einer Wissenschaft zu verleihen, ist nach diesen Überlegungen zu verdeutlichen, inwieweit sie einen eigenen Fragenkreis bear- beitet, der von den Fragestellungen der übrigen Wissenschaften abgrenzbar ist und/oder ob die Betriebswirtschaftslehre für sich in Anspruch nehmen kann, mit ei- nem eigenständigen „ökonomischen Ansatz“ zu arbeiten.

75 Die Neurobiologie scheint einen erneuten Anlauf zu nehmen, eine Einheitswissenschaft zu etablieren, indem sie Neuronen und Synapsen als Schlüssel zur Erklärung sowohl der Natur- als auch der Kulturerscheinungen heranzieht, vgl. Singer (2003) S. 14.

76 Zum methodologischen Individualismus vgl. Abschnitt 3.1.

33

1.2

M. Bardmann, Grundlagen der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, DOI 10.1007/978-3-8349-6517-2_3, © Gabler Verlag | Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2011

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

2.1 Bedeutungen von Wissenschaft

Wenn man die Frage beantworten will, ob die Betriebswirtschaftslehre eine Wissen- schaft ist, dann reicht eine Bestimmung ihres Gegenstandsbereiches nicht aus. Zu- nächst muss geklärt werden, was denn überhaupt eine Wissenschaft ausmacht. Und wer sich mit Wissenschaft auseinandersetzen will, muss wissen, was unter Wissen zu verstehen ist.

Wissen unterscheidet sich von anderen Arten des Weltzugangs wie zum Beispiel Glauben, Hoffen, Meinen, Vermuten, Annehmen, Ahnen, Mutmaßen, Wünschen etc. Der Unterschied dieser Konstrukte zu Wissen besteht darin, dass Wissen zu begrün- den ist. Diese Auffassung vertritt schon Platon. Für ihn ist Wissen eine wahre und begründete Meinung. Aber nicht alles Wissen, alles Wahre, mit Begründungen verse- hene Meinen, ist schon Wissenschaft. Mit Wissenschaft bezeichnet man Verschiedenes.

Zum einen wird damit der Prozess beschrieben, mit dem Wissen durch Forschung gewonnen und durch Lehre weitergegeben wird. Wissenschaft beginnt mit dem Sam- meln, Ordnen und Beschreiben des Materials bezüglich ausgewählter Fragestellungen. Nach der Beschreibung (Deskription) geht es um die Bildung von Hypothesen und Theorien, mit denen dann Erklärungen (Explikationen) geliefert werden. Die wissen- schaftlich gewonnenen Hypothesen und Theorien müssen mit der Realität konfron- tiert und an ihr überprüft werden.

Eine andere Vorstellung von Wissenschaft stellt auf das Ergebnis der wissenschaftli- chen Tätigkeit ab. Wissenschaft erscheint dann als Aussagensystem, als sprachliches und schriftliches Gebilde von Sätzen. Wissenschaft besteht allerdings nicht aus ir- gendwie gearteten Sätzen. Wissenschaftliche Aussagen müssen bestimmte Anforde- rungen erfüllen. Stark vereinfacht ausgedrückt, müssen sie:

verallgemeinert werden können, d.h., sie dürfen nicht bei der Beschreibung singu- lärer Sachverhalte stehen bleiben, intersubjektiv nachvollziehbar und überprüfbar sein, in ein wissenschaftliches System eingeordnet werden können und unter Einsatz wissenschaftlicher Methoden gewonnen werden.

So ist z.B. die Beschreibung des Produktes, das in einer Tischlerei in der vergangenen Woche hergestellt wurde, keine wissenschaftliche Aussage. Diese Aussage bezieht sich auf einen einmaligen Sachverhalt und kann nicht verallgemeinert werden.

Auch der Kommentar zu einem Fußballspiel ist keine wissenschaftliche Aussage, denn der Kommentator beurteilt das Fußballspiel nach subjektiven, für viele Zuschauer oder beteiligte Spieler nicht nachvollziehbaren Vorstellungen.

Eine isoliert dastehende Erkenntnis kann, solange sie nicht in einen Begründungszu- sammenhang mit weiteren Erkenntnissen gebracht wird, nicht für sich beanspruchen, wissenschaftlich zu sein.

34

Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

Neben den mehr inhaltlichen Bestimmungen von Wissenschaft wird Wissenschaft als „Institution“ begriffen. Hiernach steht das Wissenschaftssystem in Form von Hoch- schulen, ihren Fakultäten und Forschungsinstitutionen im Mittelpunkt des Interesses.

Diese drei dargestellten Bedeutungen von Wissenschaft können genutzt werden, um die Betriebswirtschaftslehre als wissenschaftliche Veranstaltung zu qualifizieren. Die folgenden Fragen sind dann zu beantworten: Bearbeitet die Betriebswirtschaftslehre einen eigenen Fragenkreis, der sich von den übrigen Wissenschaften unterscheidet? 77 Macht sie dies, indem sie ihren Gegenstand wissenschaftlich beschreibt und über Theoriebildung Erklärungen liefert? Erfüllen die Aussagen der Betriebswirtschaftsleh- re über ihren Gegenstandsbereich die Anforderungen, die an wissenschaftliche Aussa- gen gestellt werden? Seit wann gibt es Lehrstühle der Betriebswirtschaft an Hochschu- len bzw. ist die Betriebswirtschaftslehre an wissenschaftlichen Hochschulen etabliert?

2.2 Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

Mit der Namensgebung „Betriebswirthschaft“ im Jahr 1835 durch Eduard Baumstark ist nicht gleichzeitig die Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft verbunden. Baumstark ist noch ganz im kameralistischen Denken verwurzelt. Darauf, dass die Kameralwissenschaft nach heutigem Verständnis als vorwissenschaftlich zu qualifizieren ist, wurde bereits hingewiesen.

2.2.1 Einrichtung von Handelshochschulen und Veröffentlichung von Lehrbüchern

Häufig wird die Geburtsstunde der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft mit der Einrichtung von Handelshochschulen gleichgesetzt und damit auf die weiter oben referierte dritte Auffassung von Wissenschaft zurückgegriffen. Die ersten Handels- hochschulen wurden gegen massiven Widerstand der Universitäten 1898 in den Orten Leipzig, St. Gallen, Aachen und Wien eröffnet. Im Jahr 1901 folgten Köln und Frank- furt am Main, 1906 Berlin, 1907 Mannheim, 1910 München, 1915 Königsberg und 1919 Nürnberg. Man kann darüber streiten, ob die Betriebswirtschaftslehre mit der Grün- dung der Handelshochschulen zur Wissenschaft avancierte. Unstrittig ist, dass mit der Vermittlung betriebswirtschaftlichen Wissens an Handelshochschulen ein wichtiger Schritt in Richtung Wissenschaftlichkeit der Betriebswirtschaftslehre getan wurde. Das Fach Betriebswirtschaftslehre wurde an den Handelshochschulen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts unter den Namen „Handelstechnik“, „Handelsbetriebsleh-

77 Die Antwort auf diese Frage wird im zweiten Teil des Buches gegeben, der sich mit dem Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre befasst.

35

2.2

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

re“, „Privatwirtschaftslehre“ und „Einzelwirtschaftslehre“ gelehrt. 78 Die Betriebswirt- schaftslehre hat als Wissenschaft erst richtig Fuß gefasst, als Lehrbücher veröffentlicht wurden, die eine Grundlage für die weitere wissenschaftliche Entwicklung einzelwirt- schaftlicher Überlegungen schufen. Es sind zwei Lehrbücher, die die Betriebswirt- schaftslehre als Wissenschaft mitbegründeten. 79

Zum einen ist es das 1911 erschienene Werk Allgemeine Handelsbetriebslehre von Johann Friedrich Schär (1846-1924). 80 Er beschäftigt sich in diesem Buch u.a. mit dem „toten Punkt“. Gemeint ist damit die Ausbringungsmenge, bei der die Umsätze die Kosten decken. Die Analyse dieses Sachverhalts wird heute unter der Begrifflichkeit „break even point Analyse“ abgehandelt.

In noch stärkerem Maße als das Lehrbuch von Schär bildet das 1912 von Heinrich Karl Nicklisch (1876-1946, Berliner Schule) 81 veröffentlichte Werk Allgemeine kaufmännische Betriebslehre als Privatwirtschaftslehre des Handels und der Industrie, das ab 1932 unter dem Titel Die Betriebswirtschaft bekannt wurde, die Grundlage für die Lehre der Be- triebswirtschaft an den Hochschulen. 82 Nicklisch betrachtet Betriebe als Sozialgebilde und beabsichtigt, die Betriebswirtschaftslehre als sozialwissenschaftliche Disziplin zu etablieren. In seinem Buch Die Betriebswirtschaft entwickelt er eine Allgemeine Betriebs- wirtschaftslehre. 83 Für ihn ist es eine Lehre der „Wertentstehung“. Träger des wirtschaft- lichen Werts sind die Wirtschaftsgüter, die durch den Betriebsprozess hervorgebracht werden. Die Höhe des Wertes ist davon abhängig, in welchem Ausmaß die produzier- ten Güter geeignet sind, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen.

Betriebe sind nach der Vorstellung von Nicklisch „Sozialgebilde“, die in ei- nen „betrieblichen Wertkreislauf“ eingebunden sind. Dieser Kreislauf wird zweifach differenziert betrachtet. Nicklisch unterscheidet einen „Wertumlauf“ von einem „Fi- nanzumlauf“ und einen „inneren“ von einem „äußeren“ Umlauf. Er kombiniert diese zweifache Differenzierung in einer Kreuztabelle und erhält derart einen „äußeren

78 Vgl. Schmalenbach (1911/12) S. 309.

79 Vgl. Schneider (1987) S. 129 ff.

80 Vgl. Schär (1911). Friedrich Schär war ab 1903 Lehrstuhlinhaber für Handelswissenschaft an der Universität Zürich. Von 1906 bis 1919 lehrte und forschte er als Professor an der Handels- hochschule Berlin. Schär betont die nahe Verwandtschaft von Betriebs- und Volkswirtschafts- lehre.

81 Zur Berliner Schule zählte auch Friedrich Leitner (1874-1945). Leitner war Professor für In- dustriebetriebslehre und Rechnungswesen an der Handelshochschule Berlin. Er betrachtete das Rechnungswesen als Grundlage einer erfolgreichen Unternehmensführung, vgl. Leitner (1905) und (1919). Nicklisch wurde 1903 in Tübingen promoviert, nahm einen Ruf an die Handelshochschule in Berlin an und wurde 1910 als Ordinarius für Einzelwirtschaftslehre an die Handelshochschule Mannheim berufen. 1921 erhielt er einen Lehrstuhl für Betriebswirt- schaftslehre in Berlin. Von 1926 bis 1928 war Nicklisch Herausgeber des Handwörterbuchs der Betriebswirtschaft, HWB, vgl. Nicklisch (1926-1928).

82 Vgl. Nicklisch (1912).

83 Nicht nur Unternehmen, sondern auch Haushalte gehören für Nicklisch zum Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre.

36

Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

Wertumlauf“ und einen „äußeren Finanzumlauf“, die jeweils von einem „inneren Wertumlauf“ und einem „inneren Finanzumlauf“ zu unterscheiden sind.

Äußerer Wertumlauf: Güter (Stoff- und Leistungswerte: Roh-, Hilfs-, Betriebsstoffe, Arbeitswerte, Dienstleistungen, Kapital) fließen von anderen Betrieben (Haushalte und Unternehmen) in den einzelnen Betrieb hinein und fließen als eigene Erzeugnisse an andere Betriebe aus dem Betrieb hinaus. Entgegen gerichtet sind jeweils Geldströ- me in gleicher Werthöhe.

Äußerer Finanzumlauf: Er verbindet das Unternehmen mit dem Kapitalmarkt. Einer Wertbewegung in den Betrieb hinein (Darlehen, Beteiligungskapital) steht eine Wert- bewegung in gleicher Höhe aus dem Betrieb hinaus gegenüber. Allerdings sind die Wertbewegungen des äußeren Finanzumlaufs zeitlich versetzt. So sind vom Betrieb neben der Rückzahlung des zur Verfügung gestellten Beteiligungs- bzw. Leihkapitals in nomineller Höhe, begründet durch Zeitdifferenzen, Anteile am Ertrag bzw. Zinsen an die Gläubiger zu zahlen.

Innerer Wertumlauf: Der innere Wertumlauf schließt an den äußeren an. Er ist mit dem Produktionsprozess gleichzusetzen. Produktionsfaktoren werden in neue Werte transformiert.

Innerer Finanzumlauf: Der innere Finanzumlauf sorgt dafür, dass Liquidität vorhan- den ist, um die Produktion durchzuführen.

Innerer und äußerer Finanzumlauf sowie innerer und äußerer Wertumlauf bilden jeweils eine Einheit und bedingen sich wechselseitig.

Eine weitere wichtige Unterscheidung, die Nicklisch in seinem Werk Die Betriebswirt- schaft vornimmt, ist die Unterscheidung von Ertragserzielungs- und Ertragsvertei- lungsprozess. Der Ertragserzielungsprozess entspricht dem Produktionsprozess. Es geht um die Kombination der Betriebselemente Arbeit, Vermögen und Kapital, die Nicklisch tiefgehend untersucht. Insbesondere konzentriert er sich auf das Element Arbeit, denn Arbeit ist für Nicklisch der eigentlich schöpferische Produktionsfaktor. Er fordert Pflichtgefühl, Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn von denjenigen, die im Betrieb tätig sind, und verantwortliches Handeln der Betriebsleitung. Der innere Wertumlauf (der Produktionsprozess) ist von allen in der Betriebsgemeinschaft Täti- gen gemeinschaftlich zu organisieren. Mit der Unterstellung, dass alle Betriebsmit- glieder eine gemeinsame Zielsetzung verfolgen, erscheint das ethisch-normative Ver- ständnis, auf dessen Grundlage Nicklisch seine Betriebswirtschaftslehre aufbaut.

Interessant sind die von Nicklisch entwickelten Vorstellungen bezüglich der „gerech- ten Verteilung“ des Ertrages auf die Betriebsmitglieder im Rahmen des Ertragsvertei- lungsprozesses. Zunächst ist vom erzielten Gewinn ein Sicherungs- und Wachstums- anteil abzuziehen. Entsprechend der Leistungsanteile der Leistungsträger (leitende Arbeit, ausführende Arbeit, Kapitalgeber) ist dann die verbleibende Gewinngröße auf die Leistungsträger zu verteilen. Die Bestimmung der Lohnhöhe ist ein Ertragsvertei- lungsproblem. Löhne werden also nicht als Kosten betrachtet, sondern als vorausbe-

37

2.2

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

zahlter Gewinn. Und weil sie keinen Kostencharakter haben, sind sie auch nicht wie andere Kosten zu minimieren.

Neben der Ermittlung eines „gerechten Lohns“ fordert Nicklisch „gerechte Preise“. Betriebe sollen nicht maximal mögliche Preise auf ihren Märkten realisieren, sondern der gesamtwirtschaftlichen Situation entsprechend sinnvolle Preise kalkulieren. Das Wirtschaftlichkeitsprinzip für die Gesamtwirtschaft zu realisieren, ist das primäre Ziel. Diesem Ziel hat sich das einzelwirtschaftliche Streben nach Gewinn unterzuordnen. Betriebe haben sich in den „sozialen Gesamtkörper“ einzuordnen. Der „wirtschaftliche Egoismus“ ist zurückzudrängen.

Nicklisch fordert, dass ethische Normen für wirtschaftliches Handeln aus „allgemein- gültigen ethischen Werten“ abgeleitet werden sollen, damit „die Wirtschaft zu diesen Sollzuständen hingeführt werden kann". Damit glaubt er, die Kernaufgabe der Be- triebswirtschaftslehre benannt zu haben. Diese Sichtweise ist hochproblematisch, nicht nur aus wissenschaftstheoretischer Perspektive. Nicklisch hat dies selbst vorgeführt, indem er zumindest zeitweise nationalsozialistische Werte als allgemeingültige ethi- sche Werte ansah, aus denen er versuchte, ethische Normen für wirtschaftliches Han- deln abzuleiten. Er forderte in einem „Aufruf an Betriebswirtschaftler, dem Führer des neuen Deutschland all ihre Kräfte zur Verfügung zu stellen, die Ziele ihrer Forschung nach den Bedürfnissen der politischen Gestaltung zu setzen und in erster Linie die für diese maßgebenden Zusammenhänge klären zu helfen“. 84 Gerade in der Betriebswirt- schaftslehre, glaubt Nicklisch, sei sehr früh die gleiche Richtung feststellbar wie in der nationalsozialistischen Bewegung. 85 Seine damalige Terminologie ist geprägt von Ausdrücken wie „Ganzheit und Gliedschaft“ und „Betriebsgemeinschaft“. Konflikte in Betrieben sind für ihn „Krankheiten wirtschaftlichen organischen Seins“. 86

Die Forderungen von Nicklisch verdeutlichen die ethisch normative, sozialwissen- schaftliche und gemeinwirtschaftliche Ausrichtung der von ihm vorgelegten Betriebs- wirtschaftslehre.

Eugen Schmalenbach (1873-1955, Kölner Schule) hat wie kaum ein anderer die The- men und Methoden der Betriebswirtschaftslehre beeinflusst. 87 Er betrachtet die Be- triebswirtschaftslehre nicht als „reine Wissenschaft“, sondern als „wissenschaftliche Kunstlehre“. 88 Andererseits erkennt Schmalenbach auch die Vorteile, die eine als reine Wissenschaft konzipierte Betriebswirtschaftslehre, die er als Stubenwissenschaft be-

84 Nicklisch (1933) S. 305.

85 Zum Verhältnis von Betriebswirtschaftslehre und Nationalsozialismus vgl. Grieger (1999) sowie die umfangreiche institutionen- und personengeschichtliche Studie „Betriebswirt- schaftslehre und Nationalsozialismus“ von Mantel (2009).

86 Bei Nicklisch (1933) S. 305-307 sind einige seiner Auffassungen nachzulesen.

87 Die Auswüchse der nationalsozialistischen Ideologie machten auch vor Eugen Schmalenbach nicht halt. Seine Frau war Jüdin. Seiner Bitte um Emeritierung wurde entsprochen, und er ging Ende September 1933 vorzeitig in den Ruhestand.

88 Zum Folgenden, vgl. Schmalenbach (1911/12) S. 304-316.

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Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

zeichnet, gegenüber einer Kunstlehre bietet. „Das Beste, was eine Stubenwissenschaft gegenüber einer Kunstlehre zu bieten vermag, ist die Aussicht, […] privatwirtschaftli- che Wege in das Unbekannte zu erschließen und so Dinge zu offenbaren, die außer- halb des Ahnungsvermögens liegen.“ Daher erscheint es ihm notwendig, die Be- triebswirtschaftslehre auch als „reine Wissenschaft zu pflegen. Es ist gut, dass man sie pflege, wie es überhaupt für jeden Wissenszweig gut ist, ihn von mehreren Seiten unter forschende Beleuchtung zu setzen.“

Allerdings misstraut Schmalenbach „den sogenannten Wissenschaften“, denn „sie verlassen sich auf die Vollkommenheit des menschlichen Geistes, und es ist nicht weit her mit diesem Geiste. Wo man eine Kunstlehre neben der Wissenschaft hat, da ist die Kunstlehre sicherer und vertrauenserweckender.“ Die „Kunstlehre“ stellt eine Samm- lung, auf wissenschaftlicher Basis gewonnener, praktischer Ratschläge und Hand- lungsanleitungen bereit. Nach Schmalenbach soll betriebswirtschaftliche Forschung derart betrieben werden, dass ihre Ergebnisse in der Unternehmenspraxis angewandt werden können. Insofern ist „Kunstlehre“ eine „technologisch gerichtete Wissen- schaft“, die wirtschaftliche „Verfahrensregeln“ entwickelt, „Rezepte“ liefert, die sie durch „Einsicht in das Wesen der Sache“ gewinnt und „zu dem Zwecke des Ge- brauchs“ bereitstellt. Betriebswirtschaftslehre als „wissenschaftliche Kunstlehre“ hat sich daher nicht nur mit dem „Sein der Einzelwirtschaft“ auseinanderzusetzen, son- dern insbesondere mit „der Zweckmäßigkeit des wirtschaftlichen Verfahrens“, d.h. mit der Gestaltung von Einzelwirtschaften. Und „[w]er sich Verfahrensregeln zum Problem setzt, der arbeitet außer für das übrige sozusagen auf Bestellung, auf jeden Fall für den Markt. Darin liegt ein wichtiges Antriebsmittel. Wer solche Antriebe nicht hat, pflegt mit mehr Ruhe und Beschaulichkeit zu arbeiten, als für die Sache unbedingt nötig ist; es fehlt ihm auch das stimulierende Bewußtsein der wirtschaftlichen Nütz- lichkeit.“ Alle Momente, die die „Zweckmäßigkeit des wirtschaftlichen Verfahrens“ berühren, sind von der Betriebswirtschaftslehre zu berücksichtigen, „und diese Mo- mente liegen nicht in den inneren Verhältnissen der Privatwirtschaft allein.“ Insofern ist Betriebswirtschaftslehre mit Erkenntnissen der Mathematik, der Nationalökonomie, des Rechts und der Technologie anzureichern. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit haben sich der „Belehrung durch das Experiment“ zu stellen. Hierdurch soll „die Richtigkeit ihrer [der betriebswirtschaftlichen M.B.] Lehrsätze“ geprüft werden.

Schmalenbach erkennt, dass eine als „Kunstlehre“ konzipierte Betriebswirtschaftslehre sich dem Vorwurf aussetzt, „allen möglichen mächtigen Kräften zu Diensten“ zu sein. Allerdings wird derjenige, dem es als Wissenschaftler lediglich um die Beschreibung und Erklärung des Seins der Einzelwirtschaft geht und der „sich durchaus fernhält von allem Kunstlehrenhaften“, durch diese Abstinenz auch nicht daran „gehindert

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2.2

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

werden, wenn er sonst die Neigung dazu hat, mit irgendeiner Wurst nach irgendeiner Speckseite zu werfen.“ 89

Als Ausgangspunkt der Betriebswirtschaftslehre wählt Schmalenbach das „unser ganzes wirtschaftliche Leben“ bestimmende „privatwirtschaftliche Gewinnstreben“. Dieses soll allerdings nicht ungezügelt sich selbst überlassen werden. Es ist der Forde- rung nach Wirtschaftlichkeit der Gesamtwirtschaft unterzuordnen.

In seiner Habilitationsschrift entwickelte Schmalenbach die Lehre von den innerbe- trieblichen Verrechnungspreisen. 90 Sein wissenschaftliches Interesse galt ebenfalls der Kontrolle der Betriebsgebarung, die er durch den Ausbau der Selbstkostenrechnung voranbrachte. In diesem Zusammenhang identifizierte und quantifizierte er Kosten- einflussgrößen. Schmalenbach kritisierte eine Preisbestimmung auf der Grundlage „Selbstkosten plus Nettogewinn“ und regte an, die „proportionalen Kosten“ plus Bruttogewinn 91 als Kalkulationsbasis zu verwenden. Damit bleiben zunächst die be- schäftigungsunabhängigen, fixen Kosten bei der Preisbestimmung außer Ansatz. 92

Weiterhin hat Schmalenbach sich mit der Bilanztheorie auseinandergesetzt. Er ist ein Vertreter der dynamischen Bilanztheorie. Die Gewinn- und Verlustrechnung steht bei ihm im Vordergrund. Die Bilanz wird als zweitrangig betrachtet. Der Totalgewinn ist entscheidend. Dieser ergibt sich als positive Differenz von Einnahmen und Ausgaben über alle Perioden der Betriebsexistenz. 93

Es ist aber Fritz Schmidt 94 (1882-1950, Frankfurter Schule), der 1921 mit seinem Buch Die organische Bilanz im Rahmen der Wirtschaft ein Meisterwerk betriebswirtschaftlichen Denkens verfasste. 95 In diesem Buch handelt er Fragen der Bilanzierung unter den Bedingungen der Geldentwertung ab. Die Hyperinflation stellte in der Weimarer Re-

89 Schmalenbach (1911/12) S. 308. Mit dieser Auffassung wendet sich Schmalenbach gegen die von Weyermann und Schönitz vertretene Sicht, die Privatwirtschaftslehre als „reine Wissen- schaft“ zu konzipieren. Zu der von Weyermann und Schönitz postulierten wissenschaftlichen Privatwirtschaftslehre, vgl. Weyermann/Schönitz (1912).

90 Schmalenbach hat seine Habilitationsschrift unter dem Titel „Über die Verrechnungspreise“ in: ZfhF (1908/09), S 165-185, in gekürzter Form veröffentlicht.

91 Die von Schmalenbach als Bruttogewinn und heute als Deckungsbeitrag bezeichnete Ge- winngröße errechnet sich als Differenz zwischen Umsatz und variablen Kosten. Die variablen Kosten nennt Schmalenbach proportionale Kosten, da sie sich proportional mit der Beschäfti- gung (= Ausbringungsmenge) verändern.

92 Vgl. Schmalenbach (1919) S. 257-299 und S. 321-356. Die Kosten, die heute als Fixkosten bezeichnet werden, nannte Schmalenbach derzeit „konstante Unkosten“.

93 Vgl. Schmalenbach (1962).

94 Fritz Schmidt wurde 1914 als Professor an die Universität Frankfurt berufen. Er ist der Be- gründer der Zeitschrift für Betriebswirtschaftslehre und Lehrer von Edmund Heinen. Fritz Schmidt hat zahlreiche Veröffentlichungen über die Bankbetriebslehre angefertigt und ihre Entwicklung stark beeinflusst.

95 Vgl. Schmidt, F. (1921).

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Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

publik ein schwerwiegendes Problem dar. 96 Das betriebliche Rechnungswesen als Instrument der Unternehmenskontrolle und Unternehmensführung versagte. Dies war der Anlass für die Forschungen von Fritz Schmidt, die sich auf die Entfernung von Geldwertschwankungen aus dem betrieblichen Rechnungswesen (Bilanz und Kosten- rechnung) und der Preisgestaltung konzentrierten. Er forderte, dass man Scheinge- winne, die durch einen überhöhten Wertansatz hervorgerufen wurden, durch eine offen auszuweisende Zwangsrücklage aus der Bilanz eliminieren solle. Ziel war, die Substanz des Unternehmens zu erhalten. Dieses Ziel hat Schmidt auch im Blick, wenn er als Wertansatz für die zu beschaffenden Güter Wiederbeschaffungspreise am Um- satztag fordert. Er argumentiert, dass der Ansatz nominaler Werte, unter der Voraus- setzung, dass die Produktion der Güter Zeit beansprucht (er nimmt eine Produktions- ausreifungszeit von einem halben Konjunkturzyklus an), in der Hausse Preise zur Folge hat, die zu niedrig und in der Baisse zu hoch sind und damit die Konjunkturbe- wegungen verstärkt würden. 97 Da sich heute unsere Wirtschaft durch relativ niedrige Inflationsraten auszeichnet, hat die organische Bilanzauffassung von Fritz Schmidt an Relevanz verloren.

Nimmt man noch Wilhelm Rieger (1878-1971) 98 , der 1928 sein Buch Einführung in die Privatwirtschaftslehre veröffentlichte 99 , zu den genannten Namen hinzu, dann hat man die Personen benannt, die die Entwicklung der deutschen Betriebswirtschaftslehre besonders geprägt haben. Rieger ist der Überzeugung, „dass es eine einheitliche Be- triebswirtschaftslehre nicht gibt und nicht geben kann.“ Betriebe sind für ihn „über- haupt keine wirtschaftenden Größen“. „Sie sind rein technische Institutionen und bedürfen erst einer übergeordneten Instanz, einer wirtschaftlichen Idee, der sie einge- gliedert werden müssen, damit man sie als Wirtschaftseinheiten ansprechen kann.“ Anders als Schmalenbach kann Rieger nicht erkennen, „daß alle Betriebe vor die glei- che wirtschaftliche Aufgabe gestellt wären“, nämlich Güter und Leistungen zu produ- zieren und dabei wirtschaftlich zu verfahren. „[D]ie wirtschaftliche (gleich technisch- rationale) Ausführung irgendeiner Produktion ist zunächst ein technisches Problem, aber noch keineswegs eine Aufgabe im Sinne des Wirtschaftens, der Wirtschaft.“ Die „zweckbewußte Ausrichtung der Produktion, die Eingliederung in einen Gesamtorga- nismus erst stempelt eine Produktion zum Wirtschaften.“ Öffentliche Betriebe, deren Zweck es ist, das „Gemeinwohl“ zu fördern, oder Betriebe, die politische, künstleri- sche, weltanschauliche, religiöse, kulturelle oder allgemein ideelle Zwecke verfolgen, müssen „ihre Maßstäbe aus den Bezirken holen, in denen sie beheimatet sind.“ Die Heimat dieser Betriebe ist nicht die Wirtschaft, sondern sie bewegen sich in anderen Lebensbereichen. Da es keine einheitliche Zielsetzung und damit „die Stellung aller

96 Immerhin erhöhte die Reichsbank den Diskontsatz Mitte September 1923 auf 90% p.a. Die monatliche Inflationsrate belief sich auf mehr als 2.400% p. Monat, vgl. Schmidt, F. (1924).

97 Vgl. Schmidt, F. (1927).

98 Rieger wurde 1918 an der Universität Straßburg promoviert. Er erhielt zunächst einen Ruf an die Handelshochschule Nürnberg und war ab 1928 Ordinarius für Privatwirtschaftslehre an der Universität Tübingen. In Nürnberg zählte Ludwig Erhard zu seinen Schülern.

99 Vgl. Rieger (1964). Zum Folgenden, vgl. Rieger (1964) S. 33 ff.

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2.2

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

Betriebe innerhalb der Gesamtwirtschaft“ nicht dieselbe ist, kann es für Rieger eine, alle Betriebe als Betrachtungsgegenstand umfassende, Betriebswirtschaftslehre nicht geben. Das wissenschaftliche Interesse Riegers konzentriert sich auf private Einzel- wirtschaften, soweit sie Erwerbswirtschaften sind. Diese bezeichnet er als „Unterneh- mungen“. Ausschließlich Unternehmen bilden den Gegenstand der von Rieger konzi- pierten „Privatwirtschaftslehre“. 100 Ein Unternehmen ist für Rieger eine „geschlossene wirtschaftliche Einheit“, die Kapital benötigt, um ihren Zweck zu erfüllen. Der Zweck von Unternehmen besteht darin, „Geldeinkommen“ (Gewinn) zu erzielen, indem sie sich am Wirtschaftsleben beteiligen. 101 Das Wirtschaftsleben, an dem sich Unterneh- men beteiligen, in das sie eingebettet sind, ist bestimmt durch „Geldwirtschaft“ und „Kapitalismus“. Unternehmen sind „als Träger und Exponenten der Geldwirtschaft und des Kapitalismus entstanden“ 102

Rieger nimmt auch insofern eine Gegenposition zu Schmalenbach ein, als er Betriebs- wirtschaftslehre nicht als „wissenschaftliche Kunstlehre“ verstanden wissen will, sondern als reine Wissenschaft. Er will sie als Theorie etablieren, deren Aufgabe aus- schließlich in der Beschreibung und Erklärung des wirtschaftlichen Seins besteht. „[w]ir haben zu sagen, wie es ist, nicht wie wir möchten, daß es wäre.“ 103 Damit wen- det sich Rieger gegen eine ethisch-normativ ausgerichtete Betriebswirtschaftslehre, wie Nicklisch sie vertrat. Überhaupt hat die Privatwirtschaftslehre sich mit Gestal- tungsvorschlägen der Unternehmenswirklichkeit zurückzuhalten. Anders als Schmalenbachs Betriebswirtschaftslehre will Riegers Privatwirtschaftslehre „nicht Anleitung und Rezepte zum praktischen Handeln geben; sie will auch nicht Wirt- schaftsführer oder Unternehmer ausbilden, überläßt es vielmehr ganz dem Studieren- den, was er mit der gewonnenen Einsicht in das Wirtschaftsleben anfangen will.“ 104

Für Rieger sind Unternehmen Geldfabriken. Sie haben, bezogen auf das eingesetzte Kapital, nach Gewinn zu streben. Einzelwirtschaftliche Rentabilität ist sein Untersu- chungsgegenstand.

Neben den bisher referierten Problemlagen ist noch ein weiterer Fragenkomplex zu nennen, durch dessen Bearbeitung die Betriebswirtschaftslehre nach dem Ersten Welt- krieg den Status einer eigenständigen Wissenschaft erlangt hat. Gemeint ist das Bemühen betriebswirtschaftlicher Forschung, „das Unberechenbare der wirt-

100 Vgl. Rieger (1964) S. 14 f. Als Privatwirtschaftslehre wurde damals eine Richtung betriebs- wirtschaftlichen Denkens bezeichnet, die auch Rieger vertrat.

101 Vgl. Rieger (1964) S. 15, S. 18 und S. 44. Verbrauchswirtschaften (Haushalte) sind ebenfalls private Einzelwirtschaften und bilden einen Gegenstand der Privatwirtschaftslehre. Ihre Aufgabe besteht in der „sachgemäßen Verwaltung und zweckmäßigen Verwendung eines ihr zufließenden Einkommens.“ Rieger (1964) S. 14. Verbrauchswirtschaften werden von Rieger nicht weiter behandelt.

102 Rieger (1964) S. 15.

103 Rieger (1964) S. 44.

104 Rieger (1964) S. 73.

42

Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

schaftlichen Vorgänge so weit wie möglich berechenbar“ zu machen. 105 Es wurden Marktforschungsmethoden entwickelt, um Transparenz in das undurchsichtige Marktgeschehen zu bringen. Derart sollten Unternehmen ihre Risiken und Chancen auf den Märkten frühzeitig erkennen. Damit wird die mehr in das Innere von Unter- nehmen gerichtete Sicht (Behandlung der Kostenfrage, Eliminierung von Geldwert- schwankungen, Rentabilitätsbetrachtungen) um eine, nach außen, auf die relevanten Märkte des Unternehmens ausgerichtete Perspektive erweitert und als wissenschaft- lich zu bearbeitender Bereich in die Betriebswirtschaftslehre einbezogen.

2.2.2 Werturteilsstreit und Methodenstreit

Die oben genannten Veröffentlichungen, die der Betriebswirtschaftslehre den Status einer eigenständigen Wissenschaft verliehen haben, und die Einrichtung von Handelshochschulen fallen in die Zeit des so genannten Werturteilsstreites. Der Werturteilsstreit beginnt 1909 in den Sozialwissenschaften Soziologie und Volkswirt- schaftslehre. Es wird heftig über die Legitimität des Einsatzes unterschiedlicher wis- senschaftlicher Methoden gestritten. Dies geschieht zunächst intensiv innerhalb der Volkswirtschaftslehre. Zentrale Streitfrage ist, ob sittliche Werturteile aus einer Samm- lung von Kausalaussagen gewonnen werden können. Anders ausgedrückt, es wird diskutiert, ob es möglich ist, nachdem eine hinreichend große Menge von Ursache- Wirkungs-Beziehungen zwischen ökonomischen Größen untersucht worden ist, aus diesen Erkenntnissen Handlungsempfehlungen abzuleiten. Der Werturteilsstreit läuft u.a. auf die Präzisierung der Zielsetzung der Sozialwissenschaften (Soziologie, Volks- und Betriebswirtschaftslehre) hinaus. Abhängig davon, wie die zentrale Streitfrage beantwortet wird, werden den Sozialwissenschaften und damit auch der Betriebswirt- schaftslehre unterschiedliche Aufgaben zugeordnet.

Der deutsche Jurist, Soziologe, Nationalökonom, Philosoph und Politiker Max Weber (1864-1920) initiiert die Diskussion. Er behauptet, dass auch die ständige Ausweitung des Wissens über Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge eine Ableitung von Hand- lungsempfehlungen nicht zulässt. In diesem Sinne fordert Max Weber eine wertfreie Wissenschaft. 106 Ein Kontrahent Max Webers ist Gustav von Schmoller (1838-1917). 107 Als Hauptvertreter der „Deutschen Historischen Schule“ der Volkswirtschaftslehre

105 Vgl. Gutenberg (1957).

106 Vgl. Weber, M. (1917). Einstein hat diesen Schritt vom Wissen zu Zielsetzungen mit den Worten erfasst: „Von der Erkenntnis von dem, was ist, führt kein Weg zu dem, was sein soll.“ Der Schluss vom Sein aufs Sollen wird als „Naturalistischer Fehlschluss“ bezeichnet.

107 Schmoller ist Mitbegründer des „Vereins für Socialpolitik“. Der Verein für Socialpolitik wur- de im Jahr 1873 gegründet und ist heute die größte Vereinigung von Wirtschaftswissenschaft- lern im deutschsprachigen Raum. Von 1890 bis 1917 war Schmoller Vorsitzender des Vereins. Die Gründungsmitglieder, für die die Bezeichnung „Kathedersozialisten“ üblich wurde, wollten mit den Worten von Schmoller: „auf der Grundlage der bestehenden Ordnung die unteren Klassen soweit heben, bilden und versöhnen, dass sie in Harmonie und Frieden sich in den Organismus einfügen.“

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2.2

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

möchte Schmoller die Volkswirtschaftslehre als „große moralisch-politische Wissen- schaft“ verstanden wissen. Schmoller behauptet, dass Normen des Handelns aus zu- sätzlichen Einsichten in Kausalzusammenhänge sehr wohl abzuleiten sind, und pro- pagiert eine ethisch-normative Ökonomie, die ihre Erkenntnisse durch den Einsatz der induktiven Methode gewinnen solle. Für Schmoller bedeutet Verzicht auf Werturteile Verzicht auf eine Theorie der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Carl Menger schaltet sich in die Diskussion ein und widerspricht den Ansichten Schmollers. Menger strebt eine theoretische, analytische Wirtschaftswissenschaft an und lehnt eine ethisch-normative Ökonomie ab. Nach seiner Auffassung hat die Wirtschaftswissenschaft unter Einsatz der deduktiven Methode Erklärungen für ökonomische Phänomene zu liefern. 108

Ab 1912 greift der Werturteilsstreit auf die Betriebswirtschaftslehre über. Vertreter, die eine stärker theoretisch orientierte Betriebswirtschaftslehre fordern, sind Schmalenbach (mit Einschränkungen, da stark empirisch-realistisch orientiert), Rieger und Schmidt. Ganz besonders Rieger klagt den Einsatz der analytisch-deduktiven Methode 109 zur Ableitung betriebswirtschaftlicher Aussagen ein. Innerhalb dieser theoretischen Richtung wird dafür plädiert, dass die Betriebswirtschaftslehre sich darauf zu beschränken habe, Aussagen über das einzelwirtschaftliche Sein anzuferti- gen. Es sei nicht Aufgabe der Betriebswirtschaftslehre, Aussagen darüber zu machen, wie die Einzelwirtschaft „sein soll“. Mit derartigen Aussagen hat sich die Betriebswirt- schaftslehre zurückzuhalten. Diese skizzierte Richtung der Betriebswirtschaftslehre wird zur damaligen Zeit „Privatwirtschaftslehre“ (oder „Profitlehre“) genannt.

Der Privatwirtschaftslehre steht die Gemeinwirtschaftslehre gegenüber. Sie versucht, wohlfahrtsökonomische Vorstellungen, Gemeinwirtschaftlichkeit und wirtschaftspoli- tische Zielsetzungen bei einzelwirtschaftlichen Untersuchungen zu berücksichtigen. Als ein Vertreter der Gemeinwirtschaftslehre gilt Nicklisch. Die Aussagen der Ge- meinwirtschaftslehre sind ethisch-normativ ausgerichtet. Nach Meinung der Vertreter dieser Richtung können wissenschaftliche Aussagen durch den Einsatz der induktiven Methode 110 gewonnen werden. Eine Aufgabe der wissenschaftlichen Betriebswirt- schaftslehre sei es, so ihre Behauptung, Handlungsempfehlungen zur Ausgestaltung des wirtschaftlichen Seins wissenschaftlich herzuleiten und zur Ausführung der Praxis vorzuschlagen.

Ab 1926 erscheinen Sammelwerke der Betriebswirtschaftslehre. 111 Damit hat sie sich endgültig als eigenständige Wissenschaft etabliert. Die Betriebswirtschaftslehre ist also eine sehr junge Wissenschaft. Sie ist kaum über 80 Jahre alt. Noch Ende der 1950er Jahre, als die deutschen Universitäten sich im Aufbau befanden, stritt man darüber, ob

108 Vgl. zu den unterschiedlichen Positionen die Texte in den folgenden Werken der Gegenspie- ler: Schmoller (1923) S. 100 ff., Schmoller (1901) S. 548, und Menger (1883) S. 33 ff.

109 Siehe hierzu die Ausführungen in Abschnitt 3.2.

110 Siehe hierzu die Ausführungen in Abschnitt 3.2.

111 Vgl. z.B. die erste Auflage des Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, HWB, vgl. Nicklisch

(1926-1928).

44

Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

die Betriebswirtschaftslehre überhaupt als Wissenschaft zu qualifizieren sei und damit Lehrinhalt an Universitäten sein könne. 112 Der Streit ist inzwischen entschieden. Die Betriebswirtschaftslehre ist heute als wissenschaftliche Disziplin anerkannt.

Abbildung 3:

Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

Einrichtung von Methodenstreit in der Betriebswirtschaftslehre ab 1912 Veröffentlichungen: Handels- E.
Einrichtung von
Methodenstreit in der
Betriebswirtschaftslehre
ab 1912
Veröffentlichungen:
Handels-
E. Schmalenbach (1908/09):
hochschulen
ab 1898
Gemeinwirtschaftslehre
„Über die Verrechnungspreise“
J. F. Schär (1911): „Allgemeine
Handelsbetriebslehre“
H. Nicklisch (1912):
Privatwirtschaftslehre
„Allgemeine kaufmännische
Betriebslehre als Privat-
wirtschaftslehre des Handels
und der Industrie“ ab 1932
erschienen unter dem Titel:
„Die Betriebswirtschaft“
F. Schmidt (1921):
„Die organische Bilanz im
Rahmen der Wirtschaft“
W. Rieger (1928): „Einführung
in die Privatwirtschaftslehre“
Ab 1926 erscheinen
Sammelwerke der
Betriebswirtschaftslehre
Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

Themen nach dem Ersten Weltkrieg, durch deren Be- arbeitung die BWL den Status einer Wissenschaft erlangte:

Eliminierung von Geldwert- schwankungen aus Bilanz und Kostenrechnung Kontrolle der Betriebsge- barung Selbstkostenrechnung und innerbetriebliche Verrechnungspreise Rentabilitätsanalysen Analyse des toten Punktes Marktanalyse

Der Werturteilsstreit ist auch für die heutige Betriebswirtschaftslehre noch von Bedeu- tung, da er den Ausgangspunkt für zwei unterschiedliche Richtungen der Betriebs- wirtschaftslehre bildet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg werden diese Richtungen personifiziert durch Erich Gutenberg (1897-1984) auf der einen und Konrad Mellerowicz (1891-1984) auf der anderen Seite.

112 Der Streit um die Wissenschaftlichkeit der Betriebswirtschaftslehre fand u.a. im Jahr 1957 unter den Mitgliedern des Wissenschaftsrates statt. Es gab Stimmen, die forderten, die Be- triebswirtschaftslehre solle nicht an Universitäten, sondern an Handelshochschulen Platz nehmen. Der Wissenschaftsrat ist eine Institution auf Bundesebene. Er hat die Aufgabe, „Empfehlungen zur inhaltlichen und strukturellen Entwicklung der Hochschulen, der Wis- senschaft und Forschung zu erarbeiten“. Der Wissenschaftsrat wurde 1957 durch ein Ab- kommen der Bundesregierung und der Regierungen der Bundesländer gegründet.

45

2.2

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

2.2.3 Entwicklungen nach dem Zweiten Weltkrieg

Die unterschiedlichen Auffassungen der beiden Kontrahenten Gutenberg und Mellerowicz darüber, wie eine wissenschaftliche Betriebswirtschaftslehre zu entwi- ckeln sei, sollen im Folgenden dargestellt werden. Dazu werden die jeweiligen Leitge- danken, die ihren Ansätzen zugrunde liegen, skizziert.

Gutenberg ging es bei seinen Forschungen primär um „das Modell eines Unterneh- mens“, […] in dem die Folgen von Datenänderungen […] untersucht werden soll- ten.“ 113 Sein Untersuchungsgegenstand ist das Unternehmen „als ein System von Abhängigkeiten zwischen Variablen des Unternehmenssystems“. 114

Gutenberg hatte nicht die Absicht, das Unternehmen als soziale Erscheinung zu analy- sieren. Er meinte immer, dass „ein Unternehmen mehr ist als ein soziales System“. 115 Nach Gutenberg etabliert sich die Betriebswirtschaftslehre durch die Bearbeitung dieses „mehr“ als eigenständige Wissenschaft. Was über die soziale Dimension des Unternehmens hinausgeht, sind Probleme der Ausgestaltung der Unternehmensvari- ablen und ihres Zusammenspiels unter Beachtung ökonomischer Rationalität. Unter- nehmensvariablen wie Mengen und Preise der zu beschaffenden Produktionsfaktoren, der herzustellenden und abzusetzenden Güter und Dienstleistungen, Investitions- und Finanzierungsvariablen usw. und die Zusammenhänge zwischen diesen Variablen hat Gutenberg mit mathematischen Funktionen darzustellen versucht. Dabei griff er auf die Mikroökonomie zurück 116 und integrierte sie in die Betriebswirtschaftslehre. So werden Produktions-, Absatz-, Investitions- und Finanzierungsfunktionen auch in dynamisierter Form entworfen, mit deren Hilfe die betrieblichen Funktionen Beschaf- fung, Leistungserstellung, Leistungsverwertung sowie Investition und Finanzierung beschrieben werden. Wissenschaftliche Betriebswirtschaftslehre hat diese Funktionen zu erforschen. Die Erforschung der betrieblichen Funktionen qualifiziert Betriebswirt- schaften als produktive Systeme. Die Betriebswirtschaftslehre Gutenbergs interessiert sich für das mit ökonomischer Rationalität konstruierte produktive und nicht für das soziale System Betrieb.

Mit jeder der aufgeführten betrieblichen Funktionen „sind planerische, organisatori- sche Überwachungs-, Innovations- und Optimierungsprobleme verbunden“. Insofern hat die Betriebswirtschaftslehre sich mit dem Steuerungssystem von Unternehmen zu befassen, das die in den Funktionsbereichen enthaltenen Variablen an die jeweilige Datenlage anzupassen in der Lage ist. Alle Störungen und Unwägbarkeiten, die von dem psycho-physischen Subjekt, so bezeichnet Gutenberg das Führungspersonal eines

113 Gutenberg (1989) S. 43.

114 Gutenberg (1989) S. 42. Bei der Darstellung von Unternehmen als ein System von Variablen lehnt Gutenberg sich an die Untersuchungen Schmalenbachs über das Abhängigkeitsverhält- nis zwischen Produktionskosten und Produktionsvolumen an, vgl. Gutenberg (1989) S. 51.

115 Gutenberg (1989) S. 49. Zum Folgenden, vgl. Gutenberg (1989) S. 40 ff.

116 Zur Mikroökonomie, die einen Bereich der Volkswirtschaftslehre darstellt, vgl. die Ausfüh- rungen in Abschnitt 2.6.1.

46

Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

Unternehmens, und der Organisation des Unternehmens ausgehen, werden zunächst von Gutenberg aus seiner Theoriekonzeption „ausgeklammert“. Ihm geht es nicht um die Darstellung der „Unternehmung in ihrer vollen tatsächlichen Wirklichkeit“, son- dern um die Eliminierung von Irrationalitäten einer auf „Richtigkeit“ hin gedachten „theoretischen Unternehmung“. Für Gutenberg ist das Unternehmen ein abstrakt- analytisches System, das mit der deduktiven Methode zu analysieren ist. Unterneh- men sind für Gutenberg Gedankengebilde eines externen Beobachters, inspiriert von realen Phänomenen. Die Unternehmenstheorie behält einen Rest von Irrationalität insofern, als die vom Unternehmen selbstgesetzten Unternehmensziele nicht aus übergeordneten Zielsystemen abgeleitet sind, sondern vom Unternehmen beliebig gesetzt werden können. Davon abgesehen ist das produktive System Unternehmen als eine rein rationale Veranstaltung konzipiert. Der „rationale Vollzug im Unternehmen“ ist über Planung und Organisation (im Sinne formaler Organisation) abzusichern, wobei Organisation als Mittel zur Durchführung der Pläne begriffen wird. Damit sind die Problembestände benannt, die eine eigenständige Betriebswirtschaftslehre zu bearbeiten hat.

Gutenberg meinte, dass „diese Art von Problembeständen mit sozialen Tatbeständen in eine systematische Verknüpfung zu bringen“ die Gefahr in sich berge, im „sozialen Bereich“ stecken zu bleiben. 117 Eine theoretische Integration der sozialen mit der sach- lichen (güterwirtschaftlichen) und zeitlichen (finanzwirtschaftlichen) Dimension des Unternehmens hat Gutenberg daher selbst nicht versucht.

Mellerowicz sieht das alles ganz anders. Er hält die Mathematisierung der Betriebs- wirtschaftslehre und ihre mikroökonomische Fundierung für einen Irrweg und sieht die Gefahr, dass die Betriebswirtschaftslehre mit der Mikroökonomie verschmilzt, womit der Verlust ihrer Eigenständigkeit einhergeht. Anders als Gutenberg akzeptiert Mellerowicz die Induktion als wissenschaftliche Methode der Betriebswirtschaftslehre und betrachtet im Gefolge von Nicklisch die soziale Erscheinung Unternehmen als Untersuchungsgegenstand der Betriebswirtschaftslehre. Mellerowicz behauptet: „Ur- sprung und Zweck der Betriebswirtschaftslehre ist die einzelbetriebliche Praxis.“ 118 Er strebt eine anwendungsbezogene Führungslehre an, die in eine „ganzheitliche Organi- sationswissenschaft“ einzuordnen ist. Unberechtigterweise und mit schwachen Argu- menten wirft er dem Gutenberg-Ansatz Empiriefeindlichkeit vor. Diesen wie auch die anderen Vorwürfe von Mellerowicz hat Gutenberg wortgewaltig entkräften können. Gerade Gutenberg hat immer Wert darauf gelegt, seine betriebswirtschaftliche Theorie mit der betrieblichen Realität zu konfrontieren und auf sie anzuwenden.

Die von Gutenberg eingeschlagene Richtung wird heute u.a. durch betriebswirtschaft- liche Ansätze, die eine Integration der „Neuen Institutionenökonomik“ anstreben,

117 Vgl. Gutenberg (1989) S. 49. Für Gutenberg ist das Problem der Betriebswirtschaftslehre individualpsychologisch oder soziologisch nicht zu bestimmen. 118 Mellerowicz (1952) S. 145-161, hier S. 146, vgl. auch Mellerowicz (1964-1968).

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2.2

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Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

weitergeführt. 119 Diese Ansätze streben an, die Betriebswirtschaftslehre als „reine Ökonomie“ zu entwickeln. Sie lehnen daher eine Integration der Verhaltenswissen- schaften in die Betriebswirtschaftslehre ab. Aufgrund ihres ökonomischen Funda- ments hat man diese Richtung von Betriebswirtschaftslehren schlagwortartig als auf dem „ökonomischen Basiskonzept“ beruhende Betriebswirtschaftslehren bezeichnet.

Der von Nicklisch und Mellerowicz vorgezeichnete Strang der Betriebswirtschaftsleh- re konkretisiert sich heute in verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen der betriebswirt- schaftlichen Entscheidungs- und Systemtheorie. 120 Unternehmen erhalten in diesen Theoriekonzepten den Status von sozialen Systemen. Daher wird gefordert, Unter- nehmen mit Unterstützung der Nachbardisziplinen der Betriebswirtschaftslehre, ins- besondere der anderen Sozialwissenschaften zu untersuchen. 121 Mit einem Schlagwort bezeichnet man diese Richtung der Betriebswirtschaftslehre als Betriebswirtschaftsleh- re, die auf dem „sozialwissenschaftlichen Basiskonzept“ beruht. 122

119 Den Konzepten der „Neue Institutionenökonomik“ ist das Kapitel 9 dieses Buches gewidmet.

120 Entscheidungs- und Systemtheoretische Konzepte werden in den Kapiteln 8 und 10 dieses Buches behandelt.

121 Vgl. Heinen (1976a) S. 395 f.

122 Zur Unterscheidung von ökonomischem und sozialwissenschaftlichem Basiskonzept, vgl. Raffée (1974) S. 79 ff.

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Etablierung der Betriebswirtschaftslehre als Wissenschaft

Abbildung 4:

Positionen im Werturteilsstreit und heutige Richtungen der Betriebswirt- schaftslehre

(Beginn des Werturteilsstreits im Jahr 1909, zunächst insbesondere innerhalb der Volkswirtschaftslehre geführt)

Zentrale Streitfrage: Können sittliche Werturteile, die als Handlungsempfehlungen aufzufassen sind, aus zusätzlichen Erkenntnissen über Kausalzusammenhänge abgeleitet werden?

Historische Schule

(G. von Schmoller bejaht die Streitfrage)

Theoretische Schule

(M. Weber, C. Menger verneinen die Streitfrage. Sie postulieren eine „wertfreie“ Wissenschaft)

Methodenstreit in der BWL

Beginn 1912 und seine Konkretisierung in der heutigen BWL

Gemeinwirtschaftslehre (Heinrich Nicklisch) ethisch-normativ orientiert Induktion als wissenschaftliche Methode

Ganzheitliche

Organisationswissenschaft

(Konrad Mellerowicz)

Verhaltenswissenschaftliche Ansätze der Entscheidungs- und Systemtheorie werden zur Erklärung wirtschaftlicher Phänomene in den Unternehmensbereichen Marketing, Organisation, Personalwesen und Unternehmensführung herangezogen.

Sozialwissenschaftliches Basiskonzept (Edmund Heinen, Hans Ulrich)

Privatwirtschaftslehre (E. Schmalenbach, F. Schmidt, W. Rieger) abstrakt-analytisch orientiert Deduktion als wissenschaftliche Methode

orientiert Deduktion als wissenschaftliche Methode Integration der neoklassischen Mikroökonomie und der

Integration der neoklassischen Mikroökonomie und der Theorie der unvollkommenen Konkurrenz in die BWL (Erich Gutenberg)

Neue Institutionenökonomik,

Theorie des Marktversagens und andere Theoriekonzepte werden auf Funktionsbereiche wie Investition, Finanzierung, Rechnungswesen und Organisationsfragen angewandt.

Ökonomisches Basiskonzept (Dieter Schneider)

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland ein zweigeteiltes Land, in dem sich unterschiedliche Wirtschaftssysteme etablierten. Die soziale Marktwirtschaft war das Leitbild für das westdeutsche Wirtschaftssystem, in Ostdeutschland sollte ein sozialis- tisches Wirtschaftssystem eingerichtet werden. Die Wirtschaftswissenschaft reflektier- te diese Entwicklung mit Wirtschaftssystemtheorien. Beispielhaft sei hier die Ord- nungstheorie von Walter Eucken genannt, die eine Wirtschaftssystemtheorie ent- hält. 123 Sie wurde von Karl Paul Hensel mit seiner Theorie der Zentralverwaltungs- wirtschaft weiterentwickelt. Die Theorie der Zentralverwaltungswirtschaft bietet die Möglichkeit der Analyse sozialistischer Wirtschaftssysteme 124 und veranschaulicht, dass in einer total zentral geplanten Wirtschaft einzelwirtschaftliche Problemstellun- gen eine untergeordnete Rolle spielen. Damit wird auch verständlich, dass es in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine Zeit gab, in der die Betriebswirt- schaftslehre als überflüssige Einrichtung betrachtet wurde. Die zentrale staatliche Planung regelte das Wirtschaftsgeschehen, dezentrale Planung wurde als nebensäch- lich betrachtet. So löste die Regierung der DDR im Jahr 1951 folgerichtig die be-

123 Vgl. Eucken (1950).

124 Vgl. Hensel (1979).

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2.2

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

triebswirtschaftlichen Lehrstühle, die es bis dahin noch gegeben hatte, auf. An die Stelle der Betriebswirtschaftslehre trat im Jahre 1956 die „Leitungswissenschaft“. 125 Sie wurde an der Hochschule für Ökonomie gelehrt. Im Jahr 1965 richtete man das Zent- ralinstitut für sozialistische Wirtschaftsführung beim ZK (Zentralkomitee) der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) ein. Hier wurden die Führungskräfte der Kombinate (in ihnen waren volkseigene Betriebe, VEBs, zusammengefasst) und VEBs geschult. Im Rahmen der „Marxistisch-Leninistischen Organisationswissenschaft“ (MLO) wurden auch einzelwirtschaftliche Fragen abgehandelt. Ab 1973 gab es wieder Lehrstühle für Betriebswirtschaft an den Hochschulen der DDR. Das Lehrbuch eines Autorenkollektivs „Sozialistische Betriebswirtschaft“, das sich mit einzelwirtschaftli- chen Fragen unter sozialistischen Bedingungen beschäftigt, erschien im gleichen Jahr. 126 Die Veröffentlichungen von Wirtschaftswissenschaftlern der DDR zu einzel- wirtschaftlichen Fragen haben die deutsche Betriebswirtschaftslehre nicht beeinflusst.

2.3 Aufgaben einer wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre

Im Werturteilsstreit wurde u.a. über unterschiedliche Ziele gestritten, welche die Be- triebswirtschaftslehre als Wissenschaft zu verfolgen hat. Heute ist allgemein aner- kannt, dass wissenschaftliche Aussagensysteme zweierlei sicherstellen sollen. Sie sollen erstens dem Erkenntnisfortschritt dienen. Damit ist das kognitive Wissen- schaftsziel benannt. Zweitens wird ein Beitrag zur Lösung praktischer Problemlagen verlangt. Diese Aufgabe bezeichnet man auch als praktisches Wissenschaftsziel. Soll sowohl das kognitive als auch das praktische Wissenschaftsziel gefördert werden, dann dürfen die Aussagen der Betriebswirtschaftslehre nicht zu abstrakt gehalten sein, denn Modelle, die von jeder Wirklichkeit abgehoben sind, können das Dasein und Werden des Wirtschaftslebens weder erfassen, noch Anregungen zu seiner weiteren Entwicklung und Ausgestaltung geben. Die überwiegende Mehrzahl der betriebswirt- schaftlichen Fachvertreter ist dieser Auffassung und begreift die Betriebswirtschafts- lehre als anwendungsorientierte Wissenschaft, die einen Bezug zur Realität aufweisen soll.

Um die allgemeinen Wissenschaftsziele zu erreichen, nämlich das Wissen über den Gegenstand der Betriebswirtschaftslehre zu vermehren und Anregungen zur Daseins- bewältigung zu liefern, sind folgende Aufgaben zu erfüllen:

125 Zu den Themen, mit denen sich die DDR Leitungswissenschaft beschäftigte, vgl. Bardmann (1988) S. 153 ff.

126 Vgl. Autorenkollektiv (1973).

50

Aufgaben einer wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre

Die vorgefundene wirtschaftliche Wirklichkeit muss beobachtet und beschrieben werden. Um Beschreibungen zu liefern, müssen Begriffe präzisiert werden. Die deskriptive Betriebswirtschaftslehre soll das leisten. Beschreibungen allein reichen nicht aus. Es müssen Wirkungszusammenhänge der beschriebenen wirtschaftlichen Sachverhalte erklärt werden. Einen Sachver- halt zu erklären bedeutet, ihn aus Hypothesen über Gesetzmäßigkeiten und ge- wissen Randbedingungen logisch abzuleiten. Das leistet die explikative Betriebs- wirtschaftslehre. Einige Vertreter der theoretischen Betriebswirtschaftslehre sehen in der Beobachtung, Beschreibung und Erklärung der betrieblichen Wirklichkeit die einzigen Aufgaben, die eine wissenschaftliche Betriebswirtschaftslehre zu er- füllen hat. Alles, was darüber hinaus in Richtung Entwicklung von Handlungs- empfehlungen geht, lehnen sie ab. Weite Teile der betriebswirtschaftlichen Literatur vertreten die Auffassung, dass, unter Rückgriff auf Beschreibung und Erklärung, Prognosen angefertigt und auf ihrer Basis Anregungen zur Gestaltung der betrieblichen Wirklichkeit gegeben werden sollten. Der Begriff der präskriptiven Betriebswirtschaftslehre beschreibt die Richtung, die einen derartigen Gestaltungsanspruch erhebt. Beschreibung, Erklä- rung und Entwicklung von Gestaltungsvorschlägen werden heute von der über- wiegenden Mehrzahl der Fachvertreter als die Kernaufgaben der Betriebswirt- schaftslehre identifiziert. Dabei wird das Aufzeigen von Gestaltungsvorschlägen nicht so verstanden, dass Vorschläge entwickelt werden sollen, die angeben, wie aus der Perspektive eines bestimmten, übergeordneten Normensystems gehandelt werden sollte. Es werden vielmehr empirisch vorgefundene Unternehmensziele erforscht, um im Anschluss Instrumente zu identifizieren, deren Einsatz die Ziel- erreichung ermöglicht. Eine Bewertung der empirisch ermittelten Ziele und der gedanklich eruierten Mittel, vom Standpunkt eines übergeordneten Normensys- tems aus, findet dabei nicht statt. Diese Art der Betriebswirtschaftslehre wird auch als praktisch-normative Betriebswirtschafslehre bezeichnet und grenzt sich von einer ethisch-normativen Betriebswirtschaftslehre ab, die ein bestimmtes Sollen verab- solutiert und das wirtschaftliche Sein mit dem Sein-Sollen in Übereinstimmung zu bringen sucht. Die praktisch-normative Betriebswirtschaftslehre kann der theore- tischen Betriebswirtschaftslehre zugerechnet werden. Um die Gestaltungsfunktion zu fördern, reicht es nicht aus, die bestehenden be- trieblichen Strukturen und Prozesse zu beschreiben und zu erklären, sondern die- se sind ständig infrage zu stellen. Dies gilt sowohl bezüglich ihrer Notwendigkeit als auch bezüglich ihrer Ausgestaltung. Die Betriebswirtschaftslehre übernimmt damit die Aufgabe, die betriebliche Wirklichkeit im Lichte ihrer Theorien kritisch zu hinterfragen. Aufbauend auf der Kritik des faktischen Betriebsgeschehens kann die Betriebs- wirtschaftslehre Utopien entwickeln. Der Utopiebegriff wird in diesem Zusam- menhang nicht im eigentlichen Wortsinn von u-tobisch, ortlos, sondern im Sinne von heute noch nicht realisierbaren (aber realistischen) betriebswirtschaftlichen Konzepten benutzt.

51

2.3

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

Abbildung 5:

Aufgaben einer wissenschaftlichen Betriebswirtschaftslehre

Beobachtung der betrieblichen Wirklichkeit, sammeln und ordnen von Material bezüglich ausgewählter Fragestellungen
Beobachtung der
betrieblichen
Wirklichkeit, sammeln
und ordnen von Material
bezüglich ausgewählter
Fragestellungen
Beschreibung der betrieblichen Realität mit präzisierten Begriffen
Beschreibung der
betrieblichen
Realität mit
präzisierten
Begriffen
Erklärung von Wirkungs- zusammenhängen des Betriebsgeschehen
Erklärung von
Wirkungs-
zusammenhängen des
Betriebsgeschehen
Deskriptive Betriebswirtschaftslehre Explikative Betriebswirtschaftslehre Gestaltung der betrieblichen Realität
Deskriptive Betriebswirtschaftslehre
Explikative Betriebswirtschaftslehre
Gestaltung der
betrieblichen
Realität
Präskriptive BWL
Betriebswirtschaft-
Utopien
liche Strukturen
noch nicht
und Prozesse
realisierte
kritisch
betriebswirtschaft-
hinterfragen
liche Konzepte
Bei der Erfüllung der Aufgaben müssen rational kritisierbare und
intersubjektiv nachprüfbare Aussagensysteme formuliert werden.

2.4 Einordnung der Betriebswirtschaftslehre in das Wissenschaftssystem

Eine häufig vorgenommene Einteilung der Wissenschaften trennt Ideal- von Realwis- senschaften. Unter dem Etikett der Idealwissenschaften subsumiert man jene Wissen- schaften, deren Untersuchungsgegenstände keine empirische Basis benötigen. Als Beispiele für Idealwissenschaften werden Mathematik, Logik, Erkenntnistheorie usw. genannt. Demgegenüber wird behauptet, dass Realwissenschaften sich auf empirisch vorfindbare Untersuchungsobjekte konzentrieren.

Die Realwissenschaften werden in Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften eingeteilt. Letztere werden häufig auch als Geistes- oder Kulturwissenschaften be- zeichnet. Gegenstand der Naturwissenschaften sind die Naturerscheinungen. Natur- wissenschaftler erforschen physische Gegenstände.

Gegenstand der Sozialwissenschaften sind die durch Menschen bewusst oder unbe- wusst geschaffene soziale Ordnung (Gesellschaft, Staat, Wirtschaft, Recht, Erziehung usw.) und die in diesen Lebensbereichen ablaufenden Prozesse sowie die Deutungen

52

Ausgewählte Nachbarwissenschaften der Betriebswirtschaftslehre

der Lebensbereiche durch Sprache, Mythos, Kunst, Religion, Wissenschaft usw. Zu den Sozialwissenschaften werden die Wirtschafts-, Rechts-, Geschichts-, Politik- und Verhaltenswissenschaften gezählt. Vorstehende Einteilung und eine weitere Differen- zierung der Sozialwissenschaften sind aus der folgenden Abbildung 6 zu entnehmen.

Abbildung 6:

Einordnung der Betriebswirtschaftslehre in das Wissenschaftssystem

Wissenschaften Idealwissenschaften Realwissenschaften (Mathematik, Logik, Erkenntnistheorie) Sozialwissenschaften
Wissenschaften
Idealwissenschaften
Realwissenschaften
(Mathematik, Logik,
Erkenntnistheorie)
Sozialwissenschaften
(Geistes- oder Kulturwissenschaften)
Naturwissenschaften
Untersuchungsgegenstand:
Untersuchungsgegenstand:
Ordnung der unterschiedlichen Lebensbereiche und
die in der Ordnung ablaufenden Prozesse sowie die
Deutungen der Lebensbereiche
physische Objekte
(Physik, Geologie, Mineralogie, Biologie, Zoologie,
Botanik, Chemie etc.)
Wirtschafts-
Rechts- Geschichts-
Politik- Verhaltens-
wissenschaften
wissenschaften
wissenschaften
wissenschaften
wissenschaften
Betriebswirtschaftslehre
Psychologie,
Volkswirtschaftslehre
Soziologie,
Sozialpsychologie,
Ethnologie,
Anthropologie etc.

2.5 Ausgewählte Nachbarwissenschaften der Betriebswirtschaftslehre

Fachvertreter, die sich auf das sozialwissenschaftliche Basiskonzept bei der Entwick- lung ihrer Betriebswirtschaftslehren berufen, greifen auf Erkenntnisse der Sozialwis- senschaften zurück, um das Phänomen des Wirtschaftens in Betrieben zu beschreiben und zu erklären. Ein derartiges Herangehen zum Aufbau einer eigenständigen Be- triebswirtschaftslehre bleibt nicht ohne Widerspruch. Die kritische Position Erich Gu- tenbergs, die bereits zitiert wurde, ist ein Beleg hierfür. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Versuche, sozialwissenschaftliche Einsichten in die Betriebswirtschafts- lehre zu integrieren, die Gefahr des Dilettantismus in sich bergen. Diese These vertritt Dieter Schneider. Er behauptet, dass der Versuch, in der betriebswirtschaftlichen For-

53

2.5

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

schung „verschiedene Aspekte menschlichen Handelns zu verknüpfen“, „nur zu Dilet- tantismus in der Theoriebildung führen kann.“ 127 Dies gilt insbesondere dann, wenn Einsichten aus anderen Disziplinen unreflektiert übernommen werden. Andererseits kann ein Blick über den Tellerrand der eigenen Wissenschaft durchaus anregend sein. Er liefert Beobachtungsmöglichkeiten, die eine einseitige Blickrichtung relativieren. Eventuell erscheinen neue Metaphern, die in der Lage sind, das Phänomen Wirtschaft komprimiert darzustellen.

Identitätsverlust der Betriebswirtschaftslehre droht nicht nur durch Versuche der Integration der Sozialwissenschaften in das Gedankengebäude der Betriebswirt- schaftslehre, sondern auch aus anderen Gründen. Fachvertreter, die das ökonomische Basiskonzept ihrer Theoriebildung zugrunde legen, werden von ihren Kontrahenten darauf hingewiesen, dass, wenn Betriebswirtschaftslehre als reine Ökonomie konzi- piert wird, indem Mikroökonomie, Mathematik und Entscheidungslogik zur Be- schreibung und Erklärung einzelwirtschaftlicher Phänomene eingesetzt werden, die Gefahr besteht, dass die Betriebswirtschaftslehre mit der Mikroökonomie verschmilzt und damit ihre Eigenständigkeit verliert und zu einem Teilgebiet der Volkswirtschafts- lehre degradiert wird. 128

Die referierten Befürchtungen, dass die Betriebswirtschaftslehre ihre Eigenständigkeit verlieren könnte, wenn Erkenntnisse ihrer Nachbarwissenschaften in betriebswirt- schaftliche Forschung und Lehre Aufnahme finden, sind ernst zu nehmen. Dies gilt sowohl bezüglich der Integration von Teilgebieten der Volkswirtschaftslehre, der Ma- thematik und Entscheidungslogik als auch was die Aufnahme von Soziologie, Psycho- logie und weiterer Verhaltenswissenschaften in die Betriebswirtschaftslehre betrifft. Andererseits spricht, nach der hier vertretenen Auffassung, nichts dagegen, dass be- triebswirtschaftliche Theoriebildung sich von Erkenntnissen der Nachbarwissenschaf- ten inspirieren lässt.

Eine weitere Quelle der Inspiration können die praktischen Erfahrungen sein, die Unternehmensführer niedergeschrieben haben, 129 und Veröffentlichungen, die aus Praktikersicht Kritik an der Führungspraxis der „Helden der Unternehmensführung“ üben. 130 Erkenntnisse der Nachbarwissenschaften, praktische Erfahrungen und ihre kritische Analyse können von der Betriebswirtschaftslehre genutzt werden, um das „Realphänomen Unternehmen“ auszuleuchten.

127 Vgl. Schneider (1993) S. 140.

128 Vgl. hierzu statt anderer Schreyögg (2007) S. 1-25. Schreyögg sieht neben der Gefahr einer Verschmelzung von Mikroökonomie und Betriebswirtschaftslehre auch die Gefahr, dass sich die Betriebswirtschaftslehre derart in Spezialgebiete zersplittert, dass der Verlust des system- bildenden Problems der Betriebswirtschaftslehre zu befürchten ist.

129 Vgl. hierzu die (Auto-)Biografien von Henry Ford (1863-1947), Ford (1922); Alfred P. Sloan (1875-1966), Sloan (1963); Lee Iacocca (1984), Pehr G. Gyllenhammar (1977) oder das Buch von Wendelin Wiedeking (2008).

130 Vgl. Ogger (1992), Gerken (1992).

54

Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

Die folgende Abbildung 7 gibt fragmentarisch Beiträge von ausgewählten Nachbar- wissenschaften und Praktikern wieder, die zur Beschreibung und Erklärung des Phä- nomens Unternehmen von der Betriebswirtschaftslehre herangezogen werden bzw. herangezogen werden könnten. Auf Einzelheiten soll an dieser Stelle nicht näher ein- gegangen werden. Die Abbildung versteht sich einerseits als Anregung zur selbststän- digen Erforschung der Quellen, die die wissenschaftliche Betriebswirtschaftslehre nutzt, andererseits wird das eine oder andere aufgelistete Thema im weiteren Verlauf dieses Lehrbuchs angesprochen werden. Insofern ist die Abbildung auch als Hilfestel- lung zur thematischen Einordnung der einzelnen Beiträge zu verstehen.

Abbildung 7:

Beiträge von Nachbarwissenschaften der Betriebswirtschaftslehre zur Beschreibung und Erklärung des Realphänomens Unternehmen

Volkswirtschaftslehre Informatik Entscheidungstheorie Mikroökonomie, Kommunikations- und Theorie der: Theorie der:
Volkswirtschaftslehre
Informatik
Entscheidungstheorie
Mikroökonomie,
Kommunikations- und
Theorie der:
Theorie der:
Informationstheorie
Unsicherheit,
Wirtschafssysteme,
Mehrpersonen-
Wirtschaftspolitik,
entscheidung etc.
Wirtschaftsrechnung etc.
Gehirnforschung
Neuronale Netze,
Kreativitätsforschung,
Autopoiese etc.
Neuronale Netze, Kreativitätsforschung, Autopoiese etc. Realphänomen Unternehmen Soziologie Theorie sozialer

Realphänomen

Unternehmen

Soziologie Theorie sozialer Systeme, Kommunikationstheorie, Werte und Wertewandel, Organisationssoziologie etc.

Werte und Wertewandel, Organisationssoziologie etc. Allgemeine Systemtheorie Theorie offener und geschlossener

Allgemeine Systemtheorie Theorie offener und geschlossener Systeme, Regelkreistheorie etc.

Theorie offener und geschlossener Systeme, Regelkreistheorie etc. Evolutionstheorie Theorie der Selbstorganisation etc.

Evolutionstheorie

Theorie der

Selbstorganisation etc.

Theorie der Selbstorganisation etc. Praktische Erfahrungen von Unternehmensführern

Praktische Erfahrungen

von Unternehmensführern

etc. Praktische Erfahrungen von Unternehmensführern Rechtswissenschaft Mitbestimmungsgesetze, Rechtsformen von

Rechtswissenschaft Mitbestimmungsgesetze, Rechtsformen von Unternehmen, Arbeitsrecht, Sozialrecht etc.

Militärwissenschaften Strategie und Taktik, Operation Research etc.

Philosophie, Ethik, Mathematik, Verwaltungslehre, Politologie, Wirtschaftsgeschichte etc.

Individualpsychologie Motivationstheorie, Theorie der Selbstführung, Menschenbilder, Persönlichkeitstheorien etc.
Individualpsychologie
Motivationstheorie,
Theorie der Selbstführung,
Menschenbilder,
Persönlichkeitstheorien etc.
Menschenbilder, Persönlichkeitstheorien etc. Sozialpsychologie Interaktionstheorie, Theorie der

Sozialpsychologie

Interaktionstheorie,

Theorie der

Fremdführung etc.

2.6 Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

Zwischen Betriebswirtschaftslehre und Volkswirtschaftslehre besteht eine enge Ver- wandtschaft. Daher sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Wirt- schaftswissenschaften dargestellt werden. Um dies zu leisten, kann daran erinnert

55

2.6

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

werden, dass Sozialwissenschaften sich mit sozialen Ordnungen, den in den sozialen Ordnungen ablaufenden Prozessen und den wissenschaftlichen Deutungen dieser Phä- nomene beschäftigen. Wenn man sich der Auffassung anschließt, dass Wirtschaftswis- senschaft als Sozialwissenschaft zu qualifizieren ist, und wenn man weiter der vorge- schlagenen „Gegenstandsbestimmung“ der Sozialwissenschaft zustimmt und sie auf die Wirtschaftswissenschaft anwendet, dann hat die Wirtschaftswissenschaft die Ord- nung der Wirtschaft, die in der Wirtschaftsordnung ablaufenden Wirtschaftsprozesse und die Deutungen der wirtschaftlichen Phänomene mittels Theoriebildung zu erforschen. Die Wissenschaftsdisziplinen Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre tei- len sich diese Aufgaben. Sie betrachten dabei Wirtschaftsordnung und Wirtschaftspro- zess als Bestandteile des Wirtschaftssystems, verstehen unter Wirtschaftsprozess eine Verbindung mehrerer wirtschaftlicher Handlungen und fassen alle Formen, in denen das Wirtschaften abläuft, unter den Begriff der Wirtschaftsordnung zusammen. 131

Mit den wissenschaftlichen Vorstellungen über das Wirtschaften ist die Theorieebene angesprochen. Auf dieser Ebene ist die Wirtschaftswissenschaft (Ökonomik) tätig. Sowohl Betriebswirtschaftslehre wie Volkswirtschaftslehre befassen sich mit dem realen Wirtschaftssystem, also mit faktisch zur Geltung kommenden Formen des Wirt- schaftens und realen Handlungen der Wirtschaftssubjekte (Ökonomie), indem sie Theorien über reales Wirtschaften anfertigen. Soweit es um Erklärungen des Wirt- schaftens geht, versucht die Wirtschaftstheorie, aus (Gesetzes-)Hypothesen und be- stimmten Annahmen einen wirtschaftlichen Sachverhalt zu erklären. 132 Mit dem Ge- staltungsaspekt des Wirtschaftens befasst sich die Theorie der Wirtschaftspolitik. Sie konzentriert sich auf Ziel-, Instrumenten- und Wirkungsanalysen. Es werden u.a. die folgenden Fragen zu beantworten versucht: Welche empirisch nachweisbaren wirt- schaftlichen Ziele werden verfolgt? Sind diese Ziele miteinander vereinbar? Mit wel- chen Instrumenten können gesetzte Ziele erreicht werden? Wie beeinflussen sich die einzelnen Instrumente bei ihrem Einsatz? Wie können die Einzelinstrumente zu Pro- grammen zusammengefasst werden? Die Wirtschaftswissenschaft beschäftigt sich außer mit der Erklärung wirtschaftlicher Sachverhalte und Fragen ihrer Gestaltung auch mit der Beurteilung wirtschaftlicher Phänomene aus der Perspektive übergeord- neter, z.B. religiöser oder moralischer, Normensysteme. Hierfür ist die Theorie der Wirtschaftsmoral, die Wirtschaftsethik, zuständig.

Die Volkswirtschaftslehre betrachtet die Forschungsgebiete Wirtschaftstheorie, Theo- rie der Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsethik aus gesamtwirtschaftlicher Sicht, die Betriebswirtschaftslehre aus einzelwirtschaftlicher Sicht. Die Betriebswirtschaftslehre benennt ihre Forschungsgebiete mit den Begriffen Theorie des Unternehmens, Theorie der Unternehmenspolitik und Unternehmensethik. Mit den vorgenommenen Unter-

131 Zu Einzelheiten einer derartigen Begriffsbestimmung, vgl. die Ausführungen in Abschnitt 4.2. Zu unterschiedlichen Definitionen des Wirtschaftsordnungs- und Wirtschaftssystembe- griffs, vgl. Bardmann (1988) S. 34 ff.

132 Vgl. hierzu ausführlicher die Ausführungen zu Methoden und Modellen der Betriebswirt- schaftslehre unter Abschnitt 3.2 und Abschnitt 3.3.

56

Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

scheidungen sind die Hauptgebiete von Volkswirtschaftslehre und Betriebswirt- schaftslehre identifiziert. Auf ihre inhaltliche Bestimmung stellen die folgenden zwei Abschnitte ab.

2.6.1 Hauptgebiete der Volkswirtschaftslehre

Im Bereich Wirtschaftstheorie unterscheidet die Volkswirtschaftslehre zwei auf die Gesamtwirtschaft bezogene Theoriekomplexe: Mikroökonomie und Makroökonomie. Zunächst sei der Gegenstand mikroökonomischer Betrachtungen skizziert.

Die grundlegenden Institutionen, mit denen sich die Mikroökonomie auseinander- setzt, sind Wirtschaftseinheiten und Markt. Wirtschaftseinheiten bilden die Grund- elemente einer Volkswirtschaft. Sie können private Haushalte, Unternehmen und der Staat sein. Entsprechend dieser Unterscheidung besteht die Mikroökonomie aus der Theorie des Haushalts, der Unternehmenstheorie und der Markttheorie.

Zentrales Thema der Mikroökonomie sind die Entscheidungen der Wirtschaftseinheiten und deren Koordination. Da die Entscheidungen der Wirtschaftseinheiten und die Er- gebnisse der Koordination dieser Entscheidungen abhängig sind von den Entschei- dungsspielräumen der Wirtschaftseinheiten und diese wiederum abhängig sind von der realisierten Wirtschaftsordnung, bildet die Wirtschaftsordnung ebenfalls einen Gegenstand mikroökonomischer Betrachtungen. Dieser Gegenstand wird mit Wirt- schaftssystemtheorien zu erfassen versucht.

Im Extremfall der Ordnung einer totalen Zentralverwaltungswirtschaft ist den priva- ten Wirtschaftseinheiten jede Entscheidungskompetenz genommen. Der einzige Ent- scheidungsträger ist eine Zentralinstanz. In der Ordnung einer Marktwirtschaft haben die privaten Wirtschaftseinheiten grundsätzlich Entscheidungsfreiheit. Sie sind aller- dings eingeschränkt durch die Normen des Rechts, der Moral und auch der Tradition.

Die Volkswirtschaftslehre unterscheidet drei Produktionsfaktoren: Arbeit, Boden und Kapital. In einer marktwirtschaftlichen Ordnung entscheiden private Haushalte über die Bereitstellung ihrer Arbeitskraft, und soweit sie über Eigentum an Boden und Kapital verfügen, auch über die Bereitstellung dieser Produktionsfaktoren. Wenn private Haushalte den Unternehmen Arbeitskraft zur Verfügung stellen, erhalten sie einen Lohn für ihre Tätigkeiten. Dieses Einkommen kann für Konsumzwecke, für Produkti- onszwecke oder Sparzwecke verwendet werden. Damit sind schon sämtliche Verwen- dungsmöglichkeiten, die Güter besitzen, benannt, wenn man einmal von ihrer Ver- nichtung absieht. Die Aktivitäten der privaten Haushalte werden von der ökonomi- schen Theorie auf die Möglichkeiten des Konsums und des Sparens reduziert. Soweit Haushalte produzieren, geschieht dies aus theoretischer Sicht für den eigenen Bedarf, nicht für einen fremden Bedarf.

57

2.6

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

Die Unternehmen entscheiden über die Beschaffung der Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital, die Kombination der Produktionsfaktoren im Produktionsprozess und über die Bereitstellung der Güter.

Der Staat entscheidet über das Angebot von Gütern, die Unternehmen nicht anbieten sollen oder nicht anbieten können, und trägt mit seinen wirtschaftspolitischen Ent- scheidungen mit zur Ausgestaltung der Wirtschaftsordnung bei.

Die Koordinationsinstanz Markt oder ein zentraler Plan legt fest, welche Güter in wel- chen Mengen mit welchen Produktionsfaktoren und -verfahren hergestellt werden und wie die hergestellten Produkte auf die Wirtschaftseinheiten zu verteilen sind.

Die Erklärung der dezentral bzw. zentral geplanten Koordination der Einzelentschei- dungen ist das Hauptanliegen der mikroökonomischen Theorie. Soweit eine aus- schließliche Konzentration auf Marktkoordination stattfindet, reflektiert die Mikro- ökonomie die Möglichkeit, dass die Koordinationsergebnisse in mehrfacher Hinsicht mit Mängeln behaftet sein können. Es besteht die Möglichkeit, dass von manchen Gütern, z.B. umweltschädigenden Gütern, zu viel, von anderen Gütern zu wenig pro- duziert wird, dass Produktionsfaktoren unterbeschäftigt sind (z.B. unfreiwillige Ar- beitslosigkeit) oder die Einkommensverteilung (Lohn- und Zinszahlungen sowie Bo- denrenten) als ungerecht empfunden wird, da manche Wirtschaftseinheiten sich nur wenige der produzierten Güter kaufen können. Auch eine als mangelhaft angesehene Koordination der Einzelentscheidungen untersucht die mikroökonomische Theorie.

Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit der Frage, wie sich durch Veränderung der einzelwirtschaftlichen Entscheidungsspielräume innerhalb der marktwirtschaftlichen Ordnung die Ergebnisse der Koordination ändern können, vor allem, wie sich durch staatliche Änderung rechtlicher Normen der Wirtschaftsordnung, also durch Ord- nungspolitik, Mängel beseitigen oder reduzieren lassen.

Im Gegensatz zur Mikroökonomie beschäftigt sich die Makroökonomie nicht mit der Vielzahl der Entscheidungen einzelner Wirtschaftseinheiten. Vielmehr fasst sie die Wirtschaftseinheiten zu Sektoren zusammen und betrachtet Gesamtentscheidungen der Wirtschaftssektoren. Diese Sektoren sind: private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland. Der Sektor Haushalt entscheidet über die gesamten Konsumausgaben der Volkswirtschaft, der Sektor Unternehmen über die gesamte Produktion und die gesamten Investitionen der Volkswirtschaft. Diese „Gesamtentscheidungen“, ihr Zu- sammenwirken und ihre Koordination untersucht die Makroökonomie. Sie erklärt die Entstehung und Verwendung des produzierten Sozialprodukts einer Volkswirtschaft, die Entwicklung von Beschäftigung und Inflation. Sie befasst sich weiter mit der Theo- rie des Wirtschaftskreislaufs, der Geldtheorie, der Konjunktur- und Wachstumstheorie und der Außenwirtschaftstheorie. Sind die Ergebnisse der makroökonomisch unter- suchten Koordination mit Mängeln behaftet, so kann durch staatliche „Prozesspolitik“ versucht werden, die Koordination zu verbessern. Dies geschieht z.B. durch zusätzli-

58

Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

che Staatsausgaben, deren Ziel es ist, das Sozialprodukt und die Beschäftigung zu steigern. Auch dieses Phänomen wird von der Makroökonomie thematisiert. Der Unterschied zwischen Mikro- und Makroökonomik ist methodischer Art: Aus- gangspunkt der Mikroökonomie sind mikroökonomische Wirtschaftseinheiten. Die Makroökonomie startet mit der Bildung makroökonomischer Sektoren. Die Mikro- ökonomie macht Aussagen über die wirtschaftspolitische Gestaltung der Wirtschafts- ordnung, die die Entscheidungsräume der Einzelwirtschaften bestimmt. Sie liefert somit die Grundlagen für ordnungspolitische Entscheidungen. Die Makroökonomie macht Aussagen über wirtschaftspolitische Eingriffe in den Wirtschaftsablauf, der die Entwicklung gesamtwirtschaftlicher Größen beeinflusst. Sie liefert somit die Grundla- gen für prozesspolitische Entscheidungen.

Die Theorie der Wirschftspolitik übernimmt die vorgenommene Unterscheidung von Ordnungs- und Prozesspolitik. Dieser Unterscheidung ist die Unterscheidung von wirtschaftspolitischen Zielen und wirtschaftspolitischen Mitteln (Instrumenten) über- geordnet. Die Theorie der Wirtschaftspolitik erklärt mithilfe von Modellen, wie quan- tifizierte Zielvorgaben durch den Einsatz staatlicher Instrumente erreicht werden können. Für Marktwirtschaften werden als Zielvorgaben Preisniveaustabilität, Vollbe- schäftigung, angemessenes Wirtschaftswachstum, Zahlungsbilanzgleichgewicht, öko- logische, einkommens- und sozialpolitische Ziele genannt. Als staatliche Instrumente werden Variablen untersucht, die der Staat kontrollieren kann und die Einfluss auf die Zielgrößen haben. Das können direkte Kontrollvariablen sein wie Mengenbeschrän- kungen und Preisfestlegungen oder indirekte Kontrollvariablen wie z.B. Geldmenge oder Staatsausgaben. In einem ökonomischen Modell spezifiziert die Theorie der Wirt- schaftspolitik die Beziehungen zwischen wirtschaftspolitischen Ziel- und Instrumentvariablen und kann so z.B. zu Aussagen darüber gelangen, wie das Ziel einer bestimmten Beschäftigungshöhe durch eine bestimmte Höhe der Staatsausgaben erreicht werden kann.

In Marktwirtschaften ist die Wirtschaftspolitik aufgerufen einzugreifen, wenn Marktversagen 133 vorliegt. Die Theorie der Wirtschaftspolitik erforscht Mängel der Marktkoordination in den Bereichen: Allokation (Verteilung knapper Güter auf alter- native Verwendungsrichtungen), Distribution (Verteilung der Ergebnisse des Wirt- schaftens auf die Wirtschaftseinheiten, z.B. Einkommensverteilung), Stabilisierung, Konjunktur und Wachstum. Die Entwicklung einer Theorie des Marktversagens reicht allerdings nicht aus. Darüber hinaus hat sich die Theorie der Wirtschaftspolitik mit Staatsversagen zu beschäftigen. Auf der Basis einer Theorie des Markt- und Staatsver- sagens sind dann im Rahmen einer Theorie der Wirtschaftspolitik Vorschläge für die Ausgestaltung der Geld-, Finanz-, Einkommens-, Verteilungs-, Konjunktur-, Wachs- tums-, Beschäftigungspolitik etc. zu entwickeln.

133 Von der Wohlfahrtstheorie wird Marktversagen mit „externen Effekten“, von der Neuen Institutionenökonomik mit der Existenz „kollektiver Güter“ und von der Spieltheorie mit dem „Gefangenendilemma“ begründet.

59

2.6

2

Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

Der Entwicklung einer Wirtschaftstheorie und Theorie der Wirtschaftspolitik histo- risch vorgelagert ist die Beschäftigung mit Fragen der Wirtschaftsethik. Sie wurden frühzeitig thematisiert, wie schon bei der Behandlung der vorwissenschaftlichen Stränge der Betriebswirtschaftslehre verdeutlicht wurde. Wirtschaften wurde zunächst unter den Aspekten von Gerechtigkeit, Moral und Theologie, also dem richtigen, gu- ten und gottgefälligen Handeln betrachtet. Eine Theorie des wirtschaftlichen Handelns und eine Theorie der Wirtschaftspolitik hatten sich noch nicht herausgebildet. Ethik 134 , als Wissenschaft vom richtigen und guten menschlichen Handeln, von der richtigen und guten Praxis, 135 eine Grunddisziplin der Philosophie, beschäftigte sich auch mit der wirtschaftlichen Praxis. Ethik erscheint, abhängig davon, welche Be- stimmungsgründe menschlichen Handelns in den Vordergrund gestellt werden, u.a. als Vernunft-, Tugend-, Gesinnungs-, Verantwortungs- und Rahmenethik. Die unter- schiedlichen Ethikkonzepte, auf die noch näher eingegangen wird, konkretisieren sich in lebensbereichsspezifische Ethiken („angewandte Ethiken“). So bezieht sich die Wirtschaftsethik auf den Lebensbereich Wirtschaft. Wirtschaftsethik befasst sich mit Fragen der Moral, mit moralischen Normen und Werten im Bereich des praktischen Wirtschaftens. An Moral orientiertes wirtschaftliches Handeln benutzt die Unterschei- dung, gut/schlecht bzw. gut/böse. Moral bringt „menschliche Achtung oder Missach- tung zum Ausdruck“. Die theoretische Reflexion moralischen Handelns leistet die Ethik. Ethik kann als eine „Reflexionstheorie der Moral“ aufgefasst werden. 136 Nach diesem Verständnis ist Wirtschaftsethik eine Theorie der wirtschaftlichen Moral.

Wirtschaftsethische Fragen werden auf drei Ebenen des Wirtschaftens diskutiert. Man unterscheidet eine Wirtschaftsethik der Mikro-Ebene, der Meso-Ebene und der Makro- Ebene. 137 Wirtschaftsethik der Mikro-Ebene befasst sich mit dem ethisch zu läutern- den wirtschaftenden Einzelmenschen (Unternehmer, Manager, Arbeitnehmer und andere Personen, wie Konsumenten usw.). Sie ist als Individualethik konzipiert. Wirt- schaftsethik der Meso-Ebene setzt sich mit der Ethik kollektiven wirtschaftlichen Handelns, z.B. von Unternehmen, auseinander und erscheint hier als Unternehmens- ethik. Wirtschaftsethik der Makro-Ebene nimmt die Ethik der Wirtschaftsordnung des Wirtschaftssystems in den Blick. Sie wird als Rahmenethik bezeichnet, da sie sich auf die Rahmenbedingungen des kollektiven wie des individuellen Wirtschaftens konzen- triert.

Während bis Anfang der 1970er Jahre in wirtschaftswissenschaftlichen Veröffentli- chungen eine gewisse Abstinenz bezüglich wirtschaftsethischer Fragen zu beobachten

134 Vom griechischen Wort „ethos“ leitet sich der Begriff „Ethik“ ab. Ethos wird in der Bedeutung „gewohnter Ort des Wohnens“ oder auch im Sinne von „Charakter, Sinnesart, Brauch, Sitte, Gewohnheit“ benutzt.

135 Das griechische Wort „praxis“ ist gleichbedeutend mit menschlichem Handeln.

136 Vgl. zu dieser Begriffsverwendung, Luhmann (1993b) S. 358-447, insbesondere S. 359 und S. 361.

137 Diese Unterscheidung geht auf Georges Enderle zurück, vgl. Enderle (1988) 55 ff.; Enderle (1993) 17 ff.

60

Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

war, die, soweit es die deutsche Betriebswirtschaftslehre betrifft, u.a. auf Erfahrungen zwischen 1933 und 1945 zurückgeführt wurde, 138 änderte sich dies Mitte der 1970er Jahre, und seit den 1990er Jahren ist ein regelrechter Wirtschaftsethik-Boom zu ver- zeichnen. Es geht um die theoretische Reflexion der Bewertung wirtschaftlicher Hand- lungen unter Rückgriff auf übergeordnete Werte. Dabei wird der Wirtschaftsethik eine ähnliche Stellung eingeräumt wie der Theorie des Rechts. Moralische und rechtliche Regeln werden als Instrumente betrachtet, die in der Lage sind, der Wirtschaft Zügel anzulegen, sie in Schranken zu weisen oder Lücken zu füllen, die eine Marktkoordina- tion und -motivation wirtschaftlicher Handlungen hinterlässt. In den Veröffentlichun- gen zur Wirtschaftsethik wird auf umfassende Vorstellungen über Ethik verwiesen, wie sie in der katholischen und protestantischen Soziallehre 139 oder in sozialistischen und kapitalistischen Ethiklehren zu finden sind.

Versuche, Ethik und Wirtschaft miteinander zu verbinden, werden allerdings kontro- vers diskutiert. Niklas Luhmann z.B. lehnt eine solche Verbindung schlichtweg ab. „Es gibt Wirtschaft, es gibt Ethik – aber es gibt keine Wirtschaftsethik“, so Originalton Luhmann. 140 Für Luhmann existiert nicht nur keine Wirtschaftsethik, sondern nach seiner darüber hinausgehenden Einschätzung „gibt es keine wissenschaftliche Ethik“. 141 Nach Luhmann hat die funktionale Differenzierung der Gesellschaft eigen- ständige Funktionssysteme hervorgebracht, die sich an je spezifischen Leitunterschei- dungen orientieren. Für die Wirtschaft ist dies die Unterscheidung Haben/Nichthaben bzw. Zahlen/Nichtzahlen. An diesen Gesichtspunkten und nicht an dem moralischen Schema von Gut und Böse orientiert sich wirtschaftliches Handeln in der modernen Gesellschaft. In einer Gesellschaft, die durch multifunktionale Einrichtungen (der oikos ist eine derartige Einheit) ausgezeichnet ist, die in lokalen Gemeinschaften (Dorf, Stadt, Kloster) eingebettet sind, hat der einzelne Mensch seinen festen Platz in der Gesellschaft. „[D]ie Restregulierung der Inklusion [des Individuums in die Gemein- schaft kann M.B.] der Moral überlassen bleiben, die dann nur noch zu bestimmen hat, wem nach Maßgabe seiner Herkunft und seines Verhaltens Achtung geschuldet ist

138 „Eine Wurzel für die Distanz zur Ethik dürfte in den Erfahrungen zwischen 1933 und 1945 liegen, als sich insbesondere Anhänger einer ethisch-normativen Betrachtungsweise wie Heinrich Nicklisch von der nationalsozialistischen Ideologie einnehmen ließen.“ Küp- per/Schreck (2008) S. 73.

139 Zur katholischen Soziallehre vgl. Nell-Breuning (1985). Nell-Breuning (1890-1991) begründet mit seiner christlichen Ethik drei Ordnungsprinzipien der Gesellschaft: Das Prinzip der Per- sonalität, wonach jedes Mitglied einer Gemeinschaft mit unaufhebbaren Rechten ausgestattet ist, das Prinzip der Solidarität, wonach sich Einzel- und Gemeinwohl wechselseitig bedingen, und das Prinzip der Subsidiarität, wonach die kleineren Sozialgebilde eigenständig und ei- genverantwortlich ihre Probleme lösen und erst wenn dies nicht gelingt, größere soziale Ein- heiten in Anspruch genommen werden. Zur evangelisch orientierten Soziallehre vgl., Rich (1984/1990). Zur Analyse der Wirtschaftsethik der Weltreligionen Max Webers und seiner „Protestantismusthese“, die den Zusammenhang zwischen „protestantischer Ethik“ und der ökonomischen Rationalität, „dem „Geist des Kapitalismus“, veranschaulicht, Vgl. Weber, M. (1988) insbesondere S. 175 f.

140 Wirtschaftsethik muss geheim halten, „daß sie garnicht existiert.“ Luhmann (1993c) S. 134.

141 Vgl. Krüll (1987) S. 7.

61

2.6

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Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

und welches Verhalten Mißachtung auf sich zieht.“ 142 In Gesellschaften, deren Subsys- teme auf bestimmte Funktionen spezialisiert sind, deren Einheiten monofunktional ausgerichtet sind, ist das anders. Hier muss sichergestellt sein, dass die Individuen möglichst freien Zugang zu allen Funktionssystemen der Gesellschaft haben. Keines der Funktionssysteme darf ausfallen, denn „[d]as Funktionieren der Funktionssysteme wird im weitläufigsten Sinne zur Lebensbedingung für jeden – und die Inklusions- funktion der Moral läuft gewissermaßen leer.“ 143 Luhmann konstatiert eine „Entmoralisierung“ der wichtigsten Funktionssysteme der modernen Gesellschaft und damit auch der Wirtschaft als eines dieser Subsysteme. 144 Er schickt darüber hinaus eine Warnung an alle „Ethik-Fans“, denn ihre guten Absichten können schlimme Fol- gen haben, „nämlich eine Ablenkung von allen ersthaften Versuchen, die moderne Gesellschaft und in ihr das Funktionssystem Wirtschaft zu begreifen“. 145

Andere Stimmen behaupten, Wirtschaftsethik sei möglich und unbedingt notwendig, um mit ihren Erkenntnissen moralisches Wirtschaften zu begründen und Vorschläge zur Korrektur von Auswüchsen des Wirtschaftens zu entwickeln. An Themen, die sich auf problematisches Wirtschaften beziehen, fehlt es nicht. Einige seien unsystematisch zusammengestellt: enorme Unterschiede zwischen Industrieländern und Entwick- lungsländern, Migration und Integrationsprobleme der Migranten, Hunger und Tod von Hundertausenden, obwohl die Wirtschaft an anderen Orten Überproduktion landwirtschaftlicher Produkte zulässt, zunehmende Diskrepanz zwischen Arm und Reich auch in den Industrieländern, Kinderarbeit, Arbeitslosigkeit, Arbeitsbedingun- gen, die die Menschrechte missachten, Menschenhandel, Spekulationen der Finanz- wirtschaft, die die Realwirtschaft gefährden, die Unfähigkeit der Politik, dem Einhalt zu gebieten, überaus bedenkliche ökologische Konsequenzen von moderner Technik und Wirtschaft bis hin zur Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen, Einsatz ökologisch bedenklicher Produktionsverfahren und Produktion krankmachender Produkte, Unternehmens- und Managementskandale, Korruption, Diskriminierung, militärisch-industrielle Interessen, die zur Lieferung von Rüstungs- gütern in Krisengebiete führen und die Kriegsgefahr fördern und moder- ne Kriegsführung ermöglichen, Ausbeutung noch nicht geborener zukünftiger Men- schengenerationen durch Überschuldung der Staatshaushalte, weltweiter Terrorismus, global agierende organisierte Wirtschaftskriminalität, Bilanzmanipulationen, Steuerbe- trug, gesellschaftlich nicht gebilligte, hohe Vorstandsvergütungen auf der einen und niedrige Löhne auf der anderen Seite, von denen ihre Bezieher nicht leben können,

142 Luhmann (1993b) S. 378.

143 Luhmann (1993b) S. 378.

144 Vgl. Luhmann (2004) S. 92 f.

145 Luhmann (1993c) S. 142.

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Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

Energieverschwendung usw. Die Liste ungelöster Probleme ließe sich beliebig erwei- tern. 146

Die aufgeführten Krisenerscheinungen werden mit dem Wirtschaften in Zusammen- hang gebracht. Die kritische Öffentlichkeit prangert Wirtschaft und Politik an. Insbe- sondere die multinational agierenden Großunternehmen der Finanz- und Realwirt- schaft mit ihrer auf Gewinnerzielung ausgerichteten Unternehmenspolitik und der „Profitgier“ ihres Managements werden aufs Korn genommen, genau wie die kapita- listische Wirtschaftsordnung und die Machtlosigkeit der Politik gegenüber wirtschaft- lichen Interessen der Großkonzerne. All diese Hinterlassenschaften des Wirtschaftens werden für die Missstände in der Gesellschaft verantwortlich gemacht. Auf die mora- lischen Schuldzuweisungen reagieren die Unternehmen mit „business ethics“. Die Wirtschaftswissenschaft leistet ihren Beitrag, indem sie sich mit Wirtschafts- und Un- ternehmensethik befasst.

Diejenigen Wirtschaftswissenschaftler, die das Wirtschaften mit Ethik bzw. Ethik mit Wirtschaft verbinden, unterscheiden sich insofern, als sie auf unterschiedliche Mög- lichkeiten hinweisen, Moral ins Wirtschaften zu integrieren. Gemeinsam ist ihnen, dass ihre moralischen Reflexionen von einer modernen Gesellschaft ausgehen, die sich funktional in spezialisierte, relativ autonome Subsysteme differenziert hat, und dass dem institutionellen Rahmen, in dem gewirtschaftet wird, grundlegende Bedeutung für die Wirtschaftsethik zugestanden wird. Die zuletzt genannte Gemeinsamkeit drückt sich in einer Rezeption von Grundgedanken der „Neuen Institutionen- ökonomik“ 147 aus.

Bei der Entwicklung einer Wirtschaftsethik beziehen sich ihre Vertreter auf grundle- gende Ethikentwürfe, von denen eine Auswahl kurz vorgestellt werden soll. Es gibt Wirtschaftsethiker, die Gesinnungsethik von Verantwortungsethik unterscheiden und damit auf eine von Max Weber eingeführte Differenzierung der Ethik zurückgrei- fen. 148 Entsprechend der Gesinnungsethik wird eine Handlung an und für sich, unab- hängig von den Folgen, die diese Handlung bewirkt, und unabhängig von den situati- ven Bedingungen, unter denen gehandelt wird, als gut oder schlecht eingestuft. Ve- rantwortungsethik richtet dagegen den Blick auf voraussehbare Handlungsfolgen, die eine Handlung für den Handelnden selbst und für andere hat. Hiernach ist eine Hand- lung ethisch verantwortbar, wenn sie sich an den als gut oder schlecht bewerteten Handlungsfolgen ausrichtet. 149 Die überwiegende Mehrzahl vorliegender Wirtschafts-

146 Luhmann provoziert, indem er fragt: „Wo ist die Ethik, die darauf antworten könnte? Oder wird etwa Ethik gerade deshalb als Medizin verschrieben, weil sie zwar nicht heilt, aber den Juckreiz der Probleme verringert?“ Luhmann (1993c) S. 139.

147 Zur „Neuen Institutionenökonomik“ vgl. Kapitel 9.

148 Vgl. Weber, M. (1968) S. 174 f.

149 Max Weber selbst hat Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht als absolute Gegen- sätze gesehen, sondern als „Ergänzungen, die zusammen erst den echten Menschen ausma- chen". Weber, M. (1968) S. 184.

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2.6

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Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

ethiken bezieht die Handlungsfolgen in ihre Betrachtungen mit ein und basiert inso- weit auf verantwortungsethischen Vorstellungen.

Eine Verwandtschaft zur Gesinnungsethik weist die deontologische Ethik (griech. „to deon“: das Erforderliche, das Sein-Sollende, die Pflicht) auf. Sie wird auch Pflichten- ethik genannt. Genau wie die Gesinnungsethik qualifiziert die Pflichtenethik bestimm- te Handlungsweisen unabhängig von den Handlungsfolgen als gut oder schlecht. Der von Kant postulierte kategorische Imperativ, 150 präsentiert eine Pflichtenethik. Nur jene Handlungen sind hiernach gut, die aus einer verallgemeinerbaren Handlungsre- gel abgeleitet werden können, auch wenn die normierten Handlungen mit negativen Konsequenzen verbunden sind. Alle Handlungen, die nicht mit einer ethisch be- gründbaren Handlungsnorm korrespondieren, sind schlecht, moralisch zu verurteilen.

Vernunftethik verweist ebenfalls auf Kant. Sie bezieht sich ausschließlich auf die prak- tische Vernunft und lehnt eine außerhalb der Vernunft liegende Quelle als Ursprung sittlicher Gesetze ab. Mit vernünftigem Denken sind moralische Regeln wie der kate- gorische Imperativ zu begründen, nicht mit Verweis z.B. auf außerweltliche Autoritä- ten oder Traditionen. Alles, was vernünftig ist, ist entsprechend der Vernunftethik ethisch gerechtfertigt. Wirtschaftsethiken präsentieren sich in unterschiedlicher Aus- prägung als Vernunftethiken.

Tugendethiken heben die Relevanz menschlicher Tugenden für ein gutes menschliches Handeln hervor. Die nikomachische Ethik des Aristoteles 151 ist ein frühes Beispiel einer Tugendethik. Aristoteles betont, dass der tugendhaft Handelnde die „jeweilige Lage“, die äußeren Umstände, unter denen er handelt, zu berücksichtigen hat. Gut handelt, wer tugendhaft handelt. Aristoteles unterscheidet verstandesmäßige und ethische Tugenden. Tugenden entstehen im Menschen durch Erziehung (verstandes- mäßig) oder Gewohnheit (ethisch), indem sie ausgeübt werden. Zu den verstandes- mäßigen Tugenden zählt Aristoteles die „Weisheit, Auffassungsgabe und Klugheit“, zu den ethischen Tugenden „Großzügigkeit und Besonnenheit“. Tugenden werden durch den Sachverstand bestimmt, der sie als Mittelwert zwischen den Extremen „Übermaß und Mangel“ festlegt. „Bei Furcht und Mut ist die Tapferkeit die Mitte.“ „Bei Lust und Schmerz […] ist die Besonnenheit die Mitte.“ „Bei Geben und Nehmen von Geld ist die Mitte die Großzügigkeit.“ Es gibt allerdings auch Handlungen und Leidenschaften, die keinen „Raum für eine Mitte“ lassen und per se als schlecht, nicht tugendhaft einzustufen sind. Aristoteles nennt als Beispiele „Schadenfreude“, „Scham- losigkeit“, „Neid“, „Ungerechtigkeit“, „Feigheit“ und „Zügellosigkeit“, und bezogen auf Handlungen „Ehebruch“, „Diebstahl“ und „Mord“. Derjenige, der tugendhaft handelt, erhält als Lohn die „Ehre“. „Denn die Ehre ist der Siegespreis der Tugend und

150 Kant formuliert: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde!“

151 Vgl. Aristoteles (2006). Die folgenden Ausführungen im Haupttext beziehen sich auf Aristote- les (2006) S. 130-141.

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wird nur den Guten zuerkannt.“ 152 Das Endziel allen Handelns ist die Glückseligkeit. Sie erlangt, wer tugendgemäß handelt. Das in der Wirtschaft bekannte Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“ beruht auf der Tugendethik.

Auch die von Peter Koslowski vorgelegte Wirtschaftsethik 153 beinhaltet eine Tugend- lehre. Nach Auffassung Koslowskis hat Ethik dazu beizutragen, die ausdifferenzierten relativ autonomen Funktionssysteme der modernen Gesellschaft, die zu Widersprü- chen führen, zu reintegrieren. 154 Diese Integration soll eine postmoderne Kulturgesell- schaft leisten, die mit einer „umfassenden sozialphilosophischen Theorie“ zu be- schreiben ist. In einer so konzipierten Theorie der Gesellschaft sind die Theorie der Wirtschaft und der Politik sowie eine „Theorie der sozialen Institutionen“ und eine „Theorie der sozialen Genese und normativen Rechtfertigung der Präferenzbildung“ unter Rückgriff auf Erkenntnisse der Sozialpsychologie und Ethik einzubetten. 155 Mit diesem Vorgehen glaubt Koslowski, die Basis für eine postmoderne „Ethische Ökonomie„ zu schaffen, die die wechselseitige Durchdringung der Subsysteme der Gesellschaft berücksichtigt. Eine so verstandene Wirtschaftsethik steht nach Auffas- sung von Koslowski nicht im Gegensatz zur ökonomischen Theorie, sondern sie nimmt die ökonomische Theorie in sich auf und fragt, „ob in der ökonomischen Theo- rie alle Aspekte der Wirklichkeit zu ihrem Recht kommen. 156 . Wirtschaftsethik über- nimmt derart die Funktion, Wirtschaften zu begutachten, zu korrigieren und wenn nötig zu begrenzen. Darüber hinaus begnügt sie sich nicht damit, formale Prinzipien aufzustellen, sondern es geht ihr um die Rechtfertigung inhaltlich-materieller Präfe- renzen (Ziele). Wirtschaftsethik wird damit zur Wertethik. Als Letztbegründung für die postmoderne Gesellschaft und als oberste Integrationsinstanz, die die Einheit der Gesellschaft sicherstellt, wählt Koslowski die Religion. Wirtschaftsethik soll beim Auftreten von Markt- und Politikversagen korrigierend eingreifen. Und wenn Wirt- schaftsethik versagt, greift die „Ethische Ökonomie“ auf die Religion zurück, die Ethikversagen heilen soll. 157

152 Aristoteles (2006) S. 188.

153 Vgl. Koslowski (1986), Koslowski (1988), Koslowski (1994).

154 Vgl. Koslowski (1994) S. 132 ff. Ein grundlegender Widerspruch, der mit dem Prozess der Ausdifferenzierung der Wirtschaft als autonomes Teilsystem der Gesellschaft, das nach eige- nen Gesetzen funktioniert, verbunden ist, ist der Widerspruch zwischen Freiheit und Ent- fremdung, vgl. Koslowski (1986) S. 13. Koslowski verweist in diesem Zusammenhang auf die Analyse der modernen Gesellschaft von Karl Marx. Er hatte auf die enorme Wirtschaftskraft einer kapitalistischen Wirtschaftsform und die Zerstörung feudaler Verhältnisse hingewiesen und verdeutlicht, dass diese Phänomene Freiheit ermöglichen. Zugleich sah Marx die andere Seite des Kapitalismus, nämlich die mit kapitalistischem Wirtschaften verbundene Entfrem- dung und Entmenschlichung. In einer kommunistischen Gesellschaft, so nahm Marx an, könne diese Ambivalenz überwunden werden, vgl. Marx (1977c) S. 464 f.

155 Koslowski (1986) S. 71.

156 Koslowski (1986) S. 15.

157 Vgl. Koslowski (1994) S. 132 ff.

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Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

Die Argumentation von Koslowski greift auf Erkenntnisse der Transaktionskostenthe- orie zurück 158 und ist wie folgt aufgebaut: Marktversagen begründet Transaktionskos- ten (Such-, Verhandlungs-, Vertragsabschluss-, Vertragsdurchsetzungskosten usw.). Das Einhalten moralischer Regeln (z.B. Vertragstreue) führt zu einem Sinken der Transaktionskosten. Insofern sind Investitionen in regelkonformes Verhalten der Marktteilnehmer sinnvoll. Eine solche Investition ist die Entwicklung bestimmter Tugenden der Wirtschaftenden, die eine moralische individuelle Vorkoordination wirtschaftlicher Handlungen sicherstellen. Hierdurch soll die Einnahme einer Tritt- brettfahrer-Position 159 des Einzelnen unattraktiv gemacht werden und derart ein Bei- trag zur Behebung des Versagens der gesellschaftlichen Funktionssysteme geleistet werden. Da dies in der wirklichen Welt wiederum nur unvollkommen gelingt, ist mit Ethikversagen zu rechnen. Die als empirisches Phänomen immer auftretende Unsi- cherheit darüber, ob die Einzelnen sich ethisch verhalten, soll durch den Glauben an den Sinn von sittlichem Verhalten überwunden werden. Dies soll die Religion leisten.

Von den bisher besprochenen Ethik-Vorstellungen ist eine teleologische Ethik (vom griech. telos, das Ziel der Zweck) zu unterscheiden. Hiernach sind Ziele und deren Realisierung bzw. Maximierung der Maßstab der Beurteilung von Handlungen. Das können auch außersittliche Ziele sein, wie materielle, ästhetische oder sonstige Ziele. Damit ist sowohl die Ebene der Handlungsmotive (Präferenzen) als auch die Ebene der Handlungsfolgen angesprochen. Adam Smith hatte mit seiner „Theorie der ethi- schen Gefühle“ 1795 auf „Sympathie“ gesetzt. Moralisch gut handelt hiernach der Mensch, wenn er sich in die Gefühlslagen seiner Mitmenschen versetzt, Mitgefühl mit anderen Menschen entwickelt und dieses Mitgefühl zum Motiv seiner Handlungen macht. 160

Wenn es ums Wirtschaften geht, will sich Smith nachträglich (1776) nicht mehr auf „ethische Gefühle“, „Menschenliebe“ und „Wohlwollen“ verlassen. In seinem Werk „Wohlstand der Nationen“ analysiert er Arbeitsteilung, Spezialisierung und Möglich- keiten der Koordination und Motivation der spezialisierten, arbeitsteiligen Tätigkei- ten. Wohlstand für alle ist für Adam Smith das moralisch anzustrebende Resultat des Wirtschaftens. Er ermöglicht Glück und Wohlbefinden und verhindert Armut. Bei zunehmender Arbeitsteilung und Spezialisierung ist das Gesamtergebnis des Wirt- schaftens nicht mehr durch eine Zentralinstanz zu verordnen und zu kontrollieren, und kein einzelnes oder kollektives Wirtschaftssubjekt, z.B. ein Unternehmen, kann es alleine erwirtschaften. Es ist vielmehr das ungeplante Resultat der Aktivitäten der Einzelwirtschaften, denn das Ergebnis ihres einzelwirtschaftlichen (geplanten) Han- delns ist nicht allein von ihren eigenen Aktivitäten, sondern auch von den Aktivitäten der anderen Wirtschaftseinheiten abhängig. Mit voranschreitender Differenzierung der Wirtschaft reicht das moralische „Wohlwollen“ oder die „Liebe“ zu seinem Mit-

158 Vgl. statt anderer Textstellen Koslowski (1986) S. 54. Die Transaktionskostentheorie wird in Abschnitt 9.5 behandelt.

159 Vgl. zum Phänomen des Trittbrettfahrens die Ausführungen in Abschnitt 6.2.4.

160 Vgl. Smith (2004).

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Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

menschen nicht mehr aus, um die Wirtschaft in Richtung Wohlstand zu steuern. Die Menschen, die ihre Arbeitsprodukte austauschen, kennen sich gar nicht mehr persön- lich und können insofern derartige Gefühle gar nicht entwickeln. Daher kann der Austausch der Waren auch nicht mehr allein persönlichen Beziehungen überlassen werden. Eine derartige Koordination wirtschaftlicher Aktivitäten würde die Vorteile der Arbeitsteilung (Wohlstandsmehrung) zunichtemachen. Entsprechend dieser Er- kenntnis errichtet Adam Smith seine Wirtschaftstheorie auf der Annahme, dass Men- schen aus „Eigenliebe“ ihre „eigene Interessen“ verfolgen. „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Menschen-, sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil.“ 161 Zu der Hypothese einer eigenin- teressierten Handlungsorientierung tritt bei Adam Smith die Annahme eines Regel- werks hinzu, das sicherstellt, dass sich jeder seine eigenen Ziele selber setzt und sie verfolgen kann. 162 Ein solches Regelwerk stellen für Smith der Markt und der Wett- bewerb zur Verfügung. Sie erlauben es nicht nur, individuelle Ziele eigennützig anzu- streben, sondern regeln gleichzeitig den friedlichen Ausgleich der individuellen Inte- ressen in Richtung Wohlstandsmehrung für alle. Insofern erhält das eigeninteressierte Handeln eine positive moralische Qualität, weil durch eine eigeninteressierte Hand- lungsorientierung, unter der Bedingung einer funktionierenden Marktwirtschaft, das Gemeinwohl besser zu fördern ist, als durch moralische Appelle Menschenliebe zu leben oder sich gesellschaftlich nützlich zu verhalten. Hiermit ist die Ethik des Utilita- rismus (vom lat. utilitas, der Nutzen) angesprochen, die man auch als konsequentia- listische Ethik bezeichnet. 163 Wenn Handlungskonsequenzen nützlich sind und durch sie der Wohlstand aller vermehrt wird, ist Handeln moralisch legitimiert. Diese Legi- timation ist nicht mehr abhängig von den guten Handlungsmotiven der Handelnden, sondern sie ist ausschließlich mit den Handlungsfolgen im Sinne des Gesamtergebnis- ses aller Handlungen zu begründen. Die Handlungsfolgen wiederum werden im We- sentlichen von der Wirtschaftsordnung bestimmt. Sie ist letztlich der theoretische Ort, an dem Wirtschaftsethik Moral zu verankern hat.

Auf die von Adam Smith entwickelten Grundgedanken baut das Wirtschaftsethik- Konzept von Karl Homann auf. 164 Seine Wirtschaftsethik wird auch als Ordnungs- oder Rahmenethik bezeichnet. Homann wendet das ökonomische Kalkül nicht ledig- lich auf „Güter“ an, sondern fordert, „alle zentralen Gegenstände der Ethik, wie Freundschaft und Liebe, Gerechtigkeit, Tugend, Glückseligkeit, Recht und Moral usw.“ der ökomischen Kalkulation zu unterziehen. 165 Für ihn gilt: „Ökonomik ist

161 Vgl. Smith (1978) S. 17.

162 Sich seine Ziele selber setzen zu können, das ist für Kant Freiheit.

163 Auf die Problematik der Bezeichnung teleologische Ethik und den Begriff der konsequentia- listischen Ethik sei an dieser Stelle lediglich hingewiesen.

164 Homann/Blome-Drees (1992) S. 20 ff.

165 Vgl. Homann (2007) S. 7.

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Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

Ethik mit anderen Mitteln.“ 166 Aus diesem Grund bezeichnet man Homanns Wirt- schaftsethik auch als „Ökonomische Ethik“. Hiernach setzen sich Moralvorstellungen nur durch, wenn sie „ökonomisch produktiv sind“ oder „produktiv gemacht werden können.“ Normative Ordnungen müssen „im Wettbewerb den ökonomischen Anfor- derungen genügen“. Sie haben nur dann Bestand, wenn sie nicht „gegen die Funkti- onsgesetze der modernen Marktwirtschaft“ gerichtet sind. Moral wird nicht mehr als ein von außen gegebenes Datum behandelt, sondern „in die Ökonomie endogenisiert“. Sie wird dem ökonomischen Kalkül unterworfen. „Eine Moral, die systematisch nicht vorteilhaft ist, hat im Wettbewerb keine Chance, oder umgekehrt: Bei einer Moral, die Vorteile in diesem weiten Sinn bringt, steigen die Chancen der Implementierung.“ 167 Homann will die Ethik zweistufig aufgebaut wissen, „als Handlungsethik und, diese begründend, als Ordnungsethik.“ 168 Auf der Ebene der Wirtschaftsordnung (des Be- dingungskomplexes für wirtschaftliches Handeln) und nicht auf der Handlungs- und Motivebene ist nach Homann Moral zu platzieren. „Moralische Probleme der Wirt- schaft [sind in einer modernen Wettbewerbswirtschaft M.B.] systematisch kollektiver Natur und können demzufolge nicht vom Einzelnen, sondern nur kollektiv gelöst werden. Aus dem Gefangenendilemma kann sich der Einzelne nicht allein befrei- en.“ 169 Unter Rückgriff auf die Spielemetapher plädiert Homann: „Die Effizienz in den Spielzügen, die Moral in den Spielregeln.“ 170 Moralischen Missständen kann daher nicht entgegengewirkt werden, indem man versucht, die Zielvorstellungen der Men- schen auf moralisch einwandfreies Handeln zu orientieren, „sondern über eine Umge- staltung der Situation – etwa durch Ordnungspolitik“. 171

Auf der von Habermas vorgeschlagenen Diskursethik basiert die unter dem Namen „integrative Wirtschaftsethik“ bekannt gewordene Konzeption, die Peter Ulrich vorge- legt hat. 172 Entsprechend der Diskursethik soll zwischen allen Betroffenen ein „herr- schaftsfreier Diskurs“ über moralische Normen stattfinden, die Geltung beanspruchen bzw. bereits gültig sind. Unvoreingenommen und „zwanglos“ tauschen die Kommu- nikationsteilnehmer ihre Sachargumente aus, betrachten „Ergebnisse und Nebenfol- gen, die sich voraussichtlich aus einer allgemeinen Befolgung [der Norm, M.B.] für die Befriedigung der Interessen eines jeden ergeben“, bis die Normen „von allen zwanglos akzeptiert werden.“ 173 Es wird so lange debattiert, bis eine zustimmungsfähige Ant- wort auf moralische Normfragen gefunden ist, bis Konsens über die moralischen Normen, an denen sich auch wirtschaftliches Handeln zu orientieren hat, hergestellt

166 Homann (2007) S. 7. Ausführlich Homann (2002) S. 243-266. Homann (2006) S. 181-194. Zu den im Haupttext wiedergegebenen Vorstellungen Homanns, vgl. Homann (2007) S. 5-11.

167 Homann (2007) S. 8.

168 Homann (2007) S. 10. Grundlegend: Homann/Blome-Drees (1992).

169 Homann/Blome-Drees (1992) S. 35. Das Gefangenendilemma wird in Abschnitt 4.2.3 ausführ- lich behandelt. Daher sei an dieser Stelle auf die dort angestellten Überlegungen verwiesen.

170 Homann/Blome-Drees (1992) S. 35.

171 Homann (2007) S. 11.

172 Ulrich, P. (1993), Ulrich, P. (1994) S. 75-107, Ulrich, P. (2001).

173 Habermas (1991) S. 12.

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Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

ist. Da eine kommunikative Verständigung unter vernünftigen Diskutanten angestrebt wird, stellt die Diskursethik eine Ausprägung der Vernunftethik dar.

Wie dargestellt, baut die integrative Wirtschaftsethik Ulrichs auf der Diskursethik auf. Ulrich lehnt jeden „Ökonomismus“, den er als „wirkungsmächtigste Ideologie aller Zeiten“ bezeichnet, ab. Er fordert eine Wirtschaftsethik als Vernunftethik, die nach den „normativen Bedingungen lebenspraktisch vernünftigen Wirtschaftens“ fragt 174 und sich „grundlagenkritisch mit den normativen Tiefenstrukturen des ökonomischen Denkens“ befasst. 175 Die „Zwei-Welten-Konzeption“, die ethische Vernunft in der einen und ökonomische Rationalität in der anderen Welt verortet, will Ulrich über- winden. Ethik soll „die »entfesselte« und »normativ enthemmte« Ökonomisierung aller Lebensbereiche, der ganzen Welt […] und sogar des Denkens“ 176 „zur Vernunft“ brin- gen. In dem Konflikt zwischen „ökonomischer Rationalität“ und „normativer Logik der Zwischenmenschlichkeit“ 177 , durch den die moderne, funktional differenzierte Gesellschaft ausgezeichnet ist, soll die Diskursethik eine Vermittlungsfunktion über- nehmen. Dabei soll „der Primat der Ethik vor der Logik des Marktes“ zur Geltung gebracht werden. 178

Ulrich unterscheidet „zwei Grundfragen lebensdienlichen Wirtschaftens die (teleologi- sche) Sinnfrage und die (deontologische) Legitimationsfrage.“ 179 Den elementaren Sinn des Wirtschaftens erkennt Ulrich zunächst in der „Sicherung der menschlichen Lebensbedingungen“ und in einer entwickelten Gesellschaft in der „Erweiterung der menschlichen Lebensfülle“. Lebensfülle bedeutet nicht nur Güterfülle. Die Legitimations- frage ist eine Frage nach den Regeln gerechten Zusammenlebens der Menschen in einer arbeitsteilig organisierten Gesellschaft, die immer durch „soziale Konflikthaftig- keit“ ausgezeichnet ist. Es geht hier um die Frage, ob Marktfreiheit oder Bürgerfreiheit die Idee der Freiheit aller besser realisiert. Ulrich argumentiert für Bürgerfreiheit. „Nicht der »freie« Markt, sondern starke allgemeine Bürgerrechte sind die Grundlage realer Freiheit für alle, unabhängig von ihrer Kaufkraft und Wettbewerbsfähigkeit im Markt.“ 180 Ulrich plädiert für neue „Wirtschaftsbürgerrechte“. Sie sollen sicherstellen, dass alle Menschen durch eigene Leistung ihren Lebensunterhalt erwirtschaften kön- nen.

Ulrich identifiziert drei systematische Orte, an denen die Moral des Wirtschaftens zu etablieren ist. Er nennt den einzelnen Wirtschaftsbürger, die staatliche Ordnungspoli-

174 Ulrich, P. (1994) S. 77 f.

175 Ulrich, P. (2006) S. 297.

176 Ulrich, P. (2006) S. 298.

177 Ulrich, P. (2001) S. 23 ff. Bei der „normativen Logik der Zwischenmenschlichkeit“ geht es nicht um eigeninteressiertes nutzenmaximierendes Handeln entsprechend der Marktlogik, sondern im Gegensatz hierzu „um die Begründung intersubjektiver Verbindlichkeiten unbe- dingter wechselseitigen Anerkennung der Personen als Wesen gleicher Würde und entspre- chend reziproker moralischer Rechte und Pflichten“. Ulrich, P. (2006) S. 299.

178 Ulrich, P. (2006) S. 299.

179 Ulrich, P. (2006) S. 300 f., ausführlich Ulrich, P. (2001) S. 203 ff.

180 Ulrich, P. (2006) S. 300. Zum Folgenden, vgl. Ulrich, P. (2006) S. 301.

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Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

tik und die Unternehmen. Ulrich sieht zwar die Notwendigkeit, über eine Institu- tionenethik den einzelnen Wirtschaftsbürger von Ansprüchen an individuelles morali- sches Verhalten zu entlasten. Anders als Homann aber, der die Moral einer modernen Wirtschaft (ausschließlich) in der Wirtschaftsordnung, in den Institutionen verankert wissen will, und auch anders als Koslowski, dessen Wirtschaftsethikkonzept letztlich in einer Tugendethik mündet, will Ulrich Individualethik und Institutionenethik wechselseitig miteinander verbinden.

Wirtschaftsbürger (in ihren Rollen als Staatsbürger, Konsumenten, Kapitalgeber, Ar- beitnehmer, Manager usw.) sollen nur solche Ziele verfolgen, die mit „den Legitimi- tätsbedingungen einer wohl geordneten Gesellschaft freier und gleicher Bürger ver- einbar sind“. Dabei wird ihnen ein Stück Mitverantwortung für die Ausgestaltung der Wirtschaftsordnung zugemutet. Gleiches gilt für Unternehmen. Auf Letztere bezieht sich die Unternehmensethik, auf die im nächsten Abschnitt näher eingegangen wird.

2.6.2 Hauptgebiete der Betriebswirtschaftslehre

Die Untergliederung der Volkswirtschaftslehre in Wirtschaftstheorie, Wirt- schaftspolitik und Wirtschaftsethik ist auch für die Betriebswirtschaftslehre wichtig. Hier erscheinen parallel die Begriffe Unternehmenstheorie, Theorie der Unterneh- menspolitik (Theorie der Unternehmensführung) und Unternehmensethik. Da auf Kernelemente einer Theorie des Unternehmens und der Unternehmensführung in den folgenden Kapiteln dieses Buches noch ausführlich eingegangen wird, soll an dieser Stelle der Hinweis genügen, dass in der Betriebswirtschaftslehre, anders als in der Volkswirtschaftslehre, die Theorieebenen Unternehmenstheorie und Theorie der Un- ternehmenspolitik eng miteinander verwoben sind. 181 Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich auf den Theoriebereich Unternehmensethik.

Wie bereits bezüglich der Volkswirtschaftslehre angemerkt, werden auch in betriebs- wirtschaftlichen Veröffentlichungen Fragen der Unternehmensethik in neuerer Zeit (ab den 1990er Jahren) vermehrt behandelt. Dabei wird die ethische Begründung einer Wirtschaftsordnung, als der Unternehmensethik vorgelagerte Reflexionsstufe betrach- tet. Der theorietische Ort der Unternehmensethik ist die Meso-Ebene des Wirtschafts- systems. Hier geht es zum einen um die ethische Fundierung von Handlungen inner- halb des Unternehmens, die unter dem Begriff Führungsethik abgehandelt wird. An- dererseits wird das Verhältnis des Unternehmens zu seiner Umwelt, insbesondere seiner ökologischen und gesellschaftlichen Umwelt, in den Blick genommen. Auf die zuletzt genannte Dimension von Unternehmensethik konzentrieren sich die folgenden Ausführungen.

181 Schmalenbach hat dieses Phänomen als „wissenschaftliche Kunstlehre“ bezeichnet und damit auf den Anspruch der Betriebswirtschaftslehre, eine anwendungsbezogene Wissenschaft zu sein, hingewiesen.

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Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

Der Hinweis auf die „gesellschaftliche Verantwortung“ von Unternehmen ist nicht neu. Heute wird sie innerhalb der Unternehmenspraxis unter dem Label „Corporate Social Responsibility” thematisiert. Aus Sicht der Befürworter des „Corporate Social Responsibility-Konzepts” sind die unterschiedlichen „stakes“ (= Ansprüche) der „Stakeholder“ des Unternehmens weder über den Markt-Preis-Mechanismus noch über die staatliche Rechtssetzung allein friedlich zum Ausgleich zu bringen. Die Koordinations- und Motivationslücke, die Markt und Recht lassen, soll durch Moral gefüllt werden. Daher werden moralische Selbstverpflichtungen des Managements vorgeschlagen, die in Moralkodizes für Manager ihren Niederschlag finden. Ein sol- cher Moralkodex beinhaltet mindestens drei Hinweise. Erstens macht sich das Mana- gement selbst darauf aufmerksam, dass die divergierenden Interessen von Kunden, Mitarbeitern, Geldgebern usw. durch unternehmerische Entscheidungen zum Aus- gleich zu bringen sind. Darüber hinaus stellt ein Moralkodex des Managements zwei- tens ganz allgemein darauf ab, Unternehmensführung auf ihre Verantwortung gegen- über Gesellschaft, zukünftigen Generationen und ökologischer Umwelt hinzuweisen. Und drittens hebt er hervor, dass das Management den gesellschaftlichen und den ökologischen Anforderungen sowie den divergierenden Interessen der Stakeholder nur genügen kann, wenn der Bestand des Unternehmens langfristig gesichert wird, indem Unternehmensgewinne realisiert werden. Das „Davoser Manifest“ ist ein Bei- spiel für einen Moralkodex, der die oben genannten Hinweise beinhaltet. Schreyögg und Koch nennen eine derartige Orientierung „Gewinnmaximierung unter Restriktio- nen“. 182

Von Praktikern der Unternehmensführung ist die Debatte um „Business Ethics“ unter Inanspruchnahme des Begriffs „Corporate Good Governance“ (Gute Unternehmens- führung) im Sinne von moralisch einwandfreier Unternehmensführung weitergeführt worden. Sie hat eine kaum zu überblickende Menge an Kodizes, Prinzipien und Leitli- nien zur „guten“ Unternehmensführung hervorgebracht. 183 Gleiches gilt für die Kon- zepte des „Sustainability Management“, die man mit nachhaltiger Unternehmensfüh- rung übersetzen kann. Sämtlichen Unternehmensfunktionen ist mittlerweile die Ei- genschaft „ethical“ hinzugefügt worden. Man debattiert über ethische Beschaffung, ethische Produktion, ethisches Marketing, ethische Lagerhaltung, ethisches Investment (ethische Geldanlage), ethische Finanzierung etc. und auch über ethischen Konsum. Das Gemeinsame an den Vorschlägen aus der Unternehmenspraxis zur Berücksichti- gung von ethischen Aspekten kann darin gesehen werden, dass den ökonomischen Unternehmenszielen (Gewinn, Rentabilität, Liquidität usw.) wohltätige, karitative, gemeinnützige, ökologische und soziale Zielsetzungen hinzugefügt werden.

Ein Beispiel, das auf soziale und ökologische Probleme, die mit der Globalisierung der Wirtschaft verbunden sind, reagiert, ist der Global Compact der United Nations (Glo- baler Pakt der Vereinten Nationen), der zwischen Unternehmen, Wirtschafts-, Arbeit-

182 Schreyögg/Koch (2007) S. 53.

183 Als Beispiel sei die „Keidanren Charter for Good Corporate Behavior“ genannt, die im Inter- net nachgelesen werden kann.

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Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

nehmerverbänden, wissenschaftlichen Einrichtungen, weiteren Institutionen der Zi- vilgesellschaft und Einrichtungen der UN abgeschlossen wird. Ziel ist es, zehn univer- sell gültige Sozial- und Umweltprinzipien umzusetzen, um derart eine gerechtere Weltwirtschaft zu realisieren. Unternehmen, die dem Globalen Pakt beitreten, ver- pflichten sich, über die Einhaltung dieser Prinzipien jährlich Bericht zu erstatten. Die Leitlinien beziehen sich auf die Einhaltung der Menschenrechte und hiermit konfor- men Arbeitsnormen, den Umweltschutz und die Korruptionsbekämpfung.

Aktuell wird die „gesellschaftliche Verantwortung“ von Unternehmen unter Rückgriff auf das Konzept des „Corporate Citizenship“ diskutiert. 184 Hiernach sollen Unter- nehmen wie „gute (Unternehmens)bürger“ sich für soziale, kulturelle und ökologische Belange nicht nur in ihrem unmittelbaren Umfeld aktiv einsetzen und derart u.a. Lü- cken staatlichen Handels ausfüllen. 185 So wird von international tätigen Unternehmen, die als „global players“ agieren, erwartet, dass sie aufgrund einer nicht oder nur lü- ckenhaft existierenden Weltwirtschaftsordnung sich über eigene unternehmerische Ethikprogramme selbst zu moralischem Handeln gegenüber allen weltweit verstreu- ten Anspruchsgruppen (ihren Stakeholdern) verpflichten.

Auf Seminaren zur Unternehmensethik und in der Managementpraxis wird Unter- nehmensethik als Erfolgsfaktor propagiert. „Gutes tun und davon profitieren“, heißt die Devise. Man hat erkannt, dass soziales, kulturelles und ökologisches Engagement das Prestige des Unternehmens stärkt und, neben Preis und Qualität der Ware, auch das gesellschaftliche Ansehen des Unternehmens die Kaufentscheidung der Kunden bestimmt. Mit einer solchen Sichtweise wird Unternehmensethik zum Erfolgsfaktor erklärt, der als Instrument zur Erzielung von Unternehmensgewinnen eingesetzt wer- den kann. Die Instrumentalisierung von Unternehmensethik in dem beschriebenen Sinne bleibt nicht ohne Widerspruch.

Die deutsche Betriebswirtschaftslehre greift die Diskussion über „Business Ethics“ der amerikanischen Managementlehre und der Managementpraxis auf und entwickelt eine Vielzahl unterschiedlicher Unternehmensethik-Konzepte, die teilweise von ihren Vertretern in umfassende eigene Vorstellungen über Wirtschaftsethik integriert sind. Die Ansätze zur Unternehmensethik, die Peter Ulrich 186 und Karl Homann 187 vorge- legt haben, zeichnen sich durch die zuletzt genannte Qualität aus. Die Grundgedanken ihrer Unternehmensethiken und einer weiteren Unternehmensethik, die von Horst Steinmann und Alfred Löhr 188 entwickelt wurde und heute auch von Georg Schrey- ögg und Jochen Koch 189 vertreten wird, sollen im Folgenden skizziert werden, denn

184 „Citizenship ist ein nicht-ökonomischer Begriff. Er definiert die Stellung des Menschen un- abhängig von dem relativen Wert ihres Beitrags zum Wirtschaftsprozess.“ Dahrendorf (1995) S. 33.

185 Vgl. Habisch/Schmidpeter/Neureite (2007).

186 Vgl. Ulrich, P. (1994) S. 75-107; Ulrich, P. (1999) S. 27-52; Ulrich, P. (2001).

187 Vgl. Homann/Blome-Drees (1992) S. 112 ff.

188 Steinmann/Löhr (1991) S. 3-32.; Steinmann/Löhr (1994a)

189 Steinmann/ Schreyögg (2005) S. 112 ff.; Schreyögg/Koch (2007) S. 53 ff.

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Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre

alle drei Unternehmensethik-Konzepte sind innerhalb der Betriebswirtschaftslehre populär geworden.

Nach der Unternehmensethik, wie Homann sie entwickelt hat, ist explizites morali- sches Handeln von Unternehmen unnötig, wenn die Wirtschaftsordnung „vollkom- men“ ist. 190 D. h., unter der Voraussetzung, „dass die politisch gesetzte Rahmenord- nung unternehmerischer Aktivitäten moralische Forderungen zufriedenstel- lend erfassen und integrieren konnte“, bleibt für Unternehmensethik kein Raum. Durch Wirtschaftsethik legitimierte Prinzipien einer funktionstüchtigen Marktwirt- schaft kanalisieren das „systemkonforme Gewinnstreben“ der Unternehmen derart, „dass es als moralisch legitim angesehen werden kann“. Zu diesen ethisch begründe- ten Prinzipien, die die Basis der Unternehmensethik bilden, gehört u.a. die Wirt- schaftsfreiheit (in Form der Konsumentenfreiheit, der Gewerbefreiheit und die Freiheit der Berufswahl), ein funktionsfähiger Wettbewerb und Subsidiarität.

Da mit einer vollkommenen Wirtschaftsordnung in der Realität in keinem Fall zu rechnen ist, wird moralisches Handeln von Unternehmen möglich und nötig. Homann nennt eine Reihe von Gründen für unvollkommene Wirtschaftsordnungen: Die ord- nungspolitische Reaktion auf Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft vollzieht sich zeitverzögert. Die „Kontroll- und Sanktionssysteme der Gesellschaft“ können u.a. aus Kostengründen nicht derart ausgelegt werden, dass gesetzeskonformes Verhalten für alle denkbaren Fälle „vollständig garantiert werden kann“. Einzelne Elemente der Rechtsordnung werden aus ethischer Perspektive kritisch betrachtet, so dass nicht jedes rechtlich zulässige Handeln (legales Handeln) ein moralisch legitimiertes Han- deln sein muss. Neben dem Problem einer „reaktiven“ Wirtschaftsordnung, Sanktions- und Kontrollproblemen führt Homann als weiteren Grund für eine lücken- und feh- lerhafte Wirtschaftsordnung den „Verfall ordnungspolitischer Kompetenz der Politik“ an. Nur im Fall einer, aus den genannten Gründen defizitären Wirtschaftsordnung besteht für unternehmerisches Handeln ein Legitimationsbedarf, der über die morali- sche Pflicht eines jeden Unternehmens, Gewinn zu erzielen, hinausgeht. Eine durch Unvollkommenheiten ausgezeichnete Wirtschaftsordnung bildet den Hintergrund für die Unternehmensethik.

Unternehmensethik wird von Homann nicht als Vernunftethik konzipiert. Auf der Ebene der Unternehmensethik kann es nach Homann nicht um die vernünftige Be- gründung von moralischen Werten gehen, sondern um „Probleme der Implementation von Moral durch Unternehmen unter den Bedingungen der Marktwirtschaft“. Da mit Wirt- schaftsethik die Bedingungen der Marktwirtschaft, ihre Institutionen, moralisch be- gründet und legitimiert sind, muss eine Unternehmensethik dies nicht noch einmal leisten. Unternehmen handeln moralisch gut, wenn sie ihr unternehmerisches Han- deln im Rahmen bestehender, durch Wirtschaftsethik legitimierten Gesetze und unter Beachtung der jeweiligen Marktsituationen auf Gewinnerzielung orientieren. Diesen

190 Zum Folgenden, vgl. Homann/Blome-Drees (1992) S. 114 ff.

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2.6

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Betriebswirtschaftslehre als Einzelwissenschaft

Sachverhalt hat jedes „Nachdenken über Ethik und Unternehmensführung“ zu be- rücksichtigen.