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Neues Jahr, neues Glück!

Ein neues (Schul-)Jahr hat


begonnen! Dass ein neues
Schuljahr auch im Februar anfangen
kann, klingt erstmal ungewohnt,
aber seit Schulbeginn hatte ich mehr
als genug um die Ohren, als das ich
mir jetzt auch noch über so kleine
Sachen den Kopf zerbrechen
müsste. Zuerst wurde der Neubau
nicht rechtzeitig fertig, dann mussten
die Klassenräume wieder
umgeräumt werden, Scheiben und
Knie gingen zu Bruch und zu guter
Letzt gibt es auch noch einen neuen
Direktor.
Kinder im Computerraum

Doch zuallererst: Ich


habe auch
einen neuen Aufgabenbereich!
Meine ersten 6 Monate habe ich mit ungefähr 35 Kindern im Alter von 4 – 5 Jahren
verbracht. Jetzt habe ich nur noch ein „Kind“ an meiner Seite, das dafür aber 32 Jahre
zählt. Miguel Alejandro Jofre Carniceo ist der Hausmeister der Schule und eigentlich
Mädchen für alles. Da dieses „Mädchen für alles“ eine ganze Menge beinhaltet,
braucht er die meiste Zeit jemanden, der ihm hilft. Im Moment habe ich es mir zur
Aufgabe gemacht, den Computerraum auf einen Stand zu bringen, auf dem ein
reibungsloser Ablauf des Informatikunterrichts stattfinden kann. Aber ebenso gehört es
jetzt auch zu meinen Aufgaben, mit nicht-vorhandenem Werkzeug sämtliche kaputten
Sachen zu reparieren oder gleich komplett neu zu bauen. Klingt ziemlich
abwechslungsreich, ist aber meistens frustrierend. Braucht man eine Rohrzange, stellt
man fest, dass man keine hat. Braucht man einen langen Bohrer, um durch eine Mauer
durch zu bohren, stellt man fest, dass man keinen hat. Braucht man weiße Farbe, um
den letzten Rest Wand des Büros zu streichen, stellt man fest...

„Dann kaufs dir doch!“, ist die Lösung des vermeintlichen Problems. Auf die Idee bin ich
auch schon gekommen, scheiterte aber dann an den finanziellen Mitteln. Die
Schule hat, gelinde gesagt, kein Geld. Fragt man sich, warum, muss man sich einfach
das Viertel einmal angucken, und dann sieht man, unter welchen Umständen sich die
Schule die Aufgabe gegeben hat, Wissen und Werte zu vermitteln. In einem
Armenviertel, in dem einige Eltern für ihre Kinder nichtmal 10.000 Pesos (12,50 €) für ein
komplettes Schuljahr zahlen können, ist es an sich schon ein Wunder, dass diese Schule
so viele Möglichkeiten hat. Möglichkeiten, die aus deutscher Sicht vielleicht eher wie
Selbstverständlichkeiten aussehen, aber gerade diese Schule auszeichnen. Ein
Computerraum, der von der deutschen Botschaft gesponsort wurde, von Amerikaner
frisch gestrichene Klassenräume und als Geschenk dazu Fußbälle, Trikots und viele

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andere kleine Sportgeräte, eine Bibliothek, nur dadurch ermöglicht, dass ein Ehepaar der
Gemeinde sich statt Geschenke zu ihrem
Hochzeitstag lieber Geld wünschte das sie
Spenden konnten, dazu eine Gemeinde,
obwohl nur 160 Mitglieder stark, doch dazu
fähig, die Schule auf den verschiedensten
Wegen unter die Arme zu greifen.
Und dann natürlich wir. Die „Alemanes“.
Deutsche Praktikanten, nach 13 Jahren Schule
besser ausgebildet als die meisten Menschen
in der Poblacion. Durch unsere blonden Haare
schon von weitem zu sehen. Deutsche, aus
dem Land, in dem, nach chilenischer Meinung,
Milch und Honig fließen.
Für einige chilenische Eltern ist gerade das der
Grund, warum sie ihre Kinder ausgerechnet auf
diese Schule schicken sollten. Und dass die
Schule viele angemeldete Kinder hat, ist
wichtig. Für jedes Kind erhält die Schule von
der chilenischen Regierung durch verschiedene
Förderprogramme einen Zuschuss, der es der
Schule überhaupt ermöglicht, wenigstens die
Miguel am Zement mischen Lehrkräfte zu bezahlen. Und, damit aus dem
ganzen eine Runde Sache wird:
Da es wichtiger ist, die Lehrkräfte zu bezahlen, als dass man durch irgendwelche Wände
Löcher bohrt, gibt’s auch kein Geld für Werkzeug. Noch kurz die Lösungen für meine
Probleme: Die restlichen 4 qm² Wand wurden mit alter Lackfarbe gestrichen, durch die
Wand kam ich, in dem ich mittels Stock (ein vernünftiges Maßband gabs nicht) ungefähr
Maß nahm und dann von der anderen Seite der Wand auch gebohrt habe. Und das
Problem mit der Rohrzange... Dann kann man zur Zeit eben eins der Klos nicht benutzen

Eins weniger gibt es seit kurzem auch bei den Fenstern. Beziehungsweise auch 2. Von
draußen kamen eines Abends Steine über den 3 Meter hohen Zaun geflogen und wollten
sich auch von den Billigscheiben nicht aufhalten lassen. Und ein paar Tage nach Fenster
Nummer 1 musste auch Fenster Nummer 2 Scherben lassen. Ein Schüler hat mit der
bloßen Hand eine Scheibe eines Klassenraums eingeschlagen. Warum, ist eine schöne
Frage, mit der ich mich leider zu dem Zeitpunkt nicht befassen konnte. Ein Mädchen
verdrehte sich ungefähr zur selben Zeit ihr Knie und konnte außer Atmen nicht mehr viel.
Da „Mädchen für alles“ auch ärztliche Erstversorgung und Krankenfahrten beinhaltet, war
es an Miguel mit seinem Auto das Mädchen ins Krankenhaus zu bringen. Da er alleine
das Mädchen nicht richtig tragen konnte, sind ich und eine andere Tia im Auto bis zum
Krankenhaus mitgefahren. Dort ließ Miguel uns raus und musste dann wieder zurück zur
Schule fahren.
Schonmal war in einem Monatsbericht über die Zustände in den
Krankenhäusern was zu lesen. Und nun kann ich aus erster Hand berichten, wie es
dort zugeht. Was ich sah, hat mich dann doch eher umgehauen. Ein Zustand, der mit
Katastrophal nichtmehr zu beschreiben ist. Von den Wänden blättert der Putz,
Unmengen an Leuten, die in den Gängen warten, wodurch es teilweise für Angestellte
nicht mehr möglich war, Krankenbetten durch die Flure zu schieben, dazu Ärzte, denen

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ich nichtmal mein Haustier anvertrauen würde. Und natürlich, wie überall, ein dickes
Gitter vor dem Schalter, damit man auch ja nicht das Geld klaut, dass man vorher
bezahlen muss, damit man
überhaupt zu den Ärzten
darf. Doch das hatte uns
wenig zu interessieren,
denn ein Schulunfall wird
zum Glück von einer
Versicherung bezahlt.
Klingt selbstverständlich,
aber wäre es anders,
würde es mich auch nicht
wundern. Aber ich saß
dann dort. Die kleine 11-
jährige Tamara machte ein
Gesicht wie 7 Tage
Regenwetter, überall Leute,
die mal mehr und mal
weniger schrien und ich
hatte nichtmal zu Mittag
gegessen... Nach kurzer Diskussion ging ich (mit dem Spruch: „Nicht wegrennen!“) kurz
zum Kiosk und kaufte Cola und Chips für uns und schon bald vergaß sie, warum wir
überhaupt in dem Krankenhaus waren. Letztendlich war es alles halb so wild und das
Knie wurde eingegipst, damit sie es nicht zu sehr beansprucht und schon konnten wir
wieder „Taxi Miguel“ anrufen, der uns zurück in die Schule brachte.

Auto fahren ist an sich auch schon eine Sache. Für Deutsche ist es
selbstverständlich, dass man Auto fährt, aber aus der Poblacion hat so gut wie
keiner einen Führerschein, geschweige denn ein Auto. Miguel mit seinen 32 Jahren
besitzt sein erstes Auto, gekauft vor knappen 2 Jahren. An dem Auto ist zwar immer
etwas kaputt und es sieht auch nicht aus wie neu, aber es fährt. Und das, wie ich aus
eigener Erfahrung sagen kann, sogar ziemlich gut. Die Geschwindigkeit muss man zwar
ungefähr schätzen, der Tacho funktionierte noch nie, aber auch wenn man mal etwas
über der erlaubten Geschwindigkeit fährt, stört es hier keinen. Und obwohl die
Verkehrsregeln zum größten Teil die selben wie in Deutschland sind, werden sie doch
irgendwie noch anders interpretiert. Rechts überholen, auf dem Pritschenwagen hinten
mitfahren, Motorrad ohne Helm fahren, Stopschilder nicht beachten, zu 6. in einem Taxi
mitfahren... Viel davon klingt verrückt, einiges ist sogar gefährlich, aber hier scheint es
niemanden zu stören.
Allerdings: Wenn man dann doch das Pech hat, und die Polizei hält einen an, weil man
zum Beispiel ein Stopschild nicht beachtet, gibt es natürlich auch Strafen. 3 Monate ohne
Führerschein und eine Geldstrafe. Miguel wurde doch dann tatsächlich einmal die Ehre
zu Teil, dass er seinen Führerschein abgeben musste. Er fuhr (mit dem Auto) zur Polizei,
gab seinen Führerschein ab und fuhr (mit dem Auto) von dem bewachten
Polizeiparkplatz wieder runter. 3 Monate später fuhr er genauso mit dem Auto wieder zur
Polizei und holte dort seinen Führerschein wieder ab. Die 3 Monate dazwischen fuhr
Miguel auch nach wie vor Auto. Ob es denn nicht ein großes Risiko sei, ohne
Führerschein zu fahren, fragte ich ihn. Er meinte, dass das relativ egal sei. Er könne
immer sagen, er brauche das Auto für die Arbeit und die meisten Polizisten würden dann

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schon ein Auge zu drücken. Zum Glück ist das bei Miguel alles gut gegangen und er ist
in den 3 Monaten keinem Polizisten unter die Augen gekommen.

Das aber hin und wieder auch mal was ins Auge gehen kann, ist nichts unbekanntes. So
scheint die Arbeit des nun ehemaligen Direktor Christian Villaroel nicht im Sinne der
Versöhnungsgemeinde gewesen zu sein. Wegen mangelhafter Buchführung kam
erst jetzt nach genauer Prüfung sämtlicher Unterlagen heraus, dass die Schule ein Minus
von mehreren tausend
Euros verzeichnet. Es
stellte sich heraus,
dass Christian
Villaroel direkt dafür
zur Verantwortung
gezogen werden
musste und so wurde
er seines Posten als
Direktor enthoben und
von dem
Schulgelände
verwiesen.

Das ist natürlich nicht


lautlos von sich
gegangen, wodran der
ehemalige Schulleiter
auch nicht ganz
unschuldig ist. Von
Vertrauensbruch und einer Intrige redete er und versuchte, sich in seiner Position zu
halten. Gleichzeitig aber intrigierte er gegen die Schule, indem er bei unterstützenden
Organisationen anrief und erklärte, er würde unrechtmäßig seiner Position enthoben und
die Schule würde auf Grund dessen schließen müssen. Das er dort anrief ist noch nicht
genug, leider glaubten ihm auch viele Leute, wodurch es für die Schule Zeitweise um die
Existenz ging.

Ich beschloss für mich, mich dort nicht einzumischen und gerade in Gegenwart von
Mitarbeitern der Schule keinen Kommentar dazu abzugeben. Aber genau bei den
Mitarbeitern wurde es schwer.
Einige Mitarbeiter hielten ein enges Verhältnis zu Christian und stellten sich vorerst auf
seine Seite, was dieser dazu nutzte um über diese Leute Fehlinformationen über die
Gemeinde zu verbreiten und sich selbst als Unschuldig hinzustellen. Eine Mitarbeiterin
redete in folge dessen gegenüber von Eltern und Schülern schlecht über die Schule und
verbreitete Gerüchte, die Schule würde im Juli schließen. Ebenso sagte die Mitarbeiterin,
das sich die Schule von der Gemeinde los lösen solle, da diese einen schlechten
Einfluss auf die Bildung der Kinder habe. Ihr spezieller Höhepunkt war, als sie nach
einem Gespräch über ihre schlechte Leistung in ihrem Job, eine Mischung aus
Empfangsdame und Aufpasserin, dass kein Schüler das Gelände ohne Genehmigung
verlässt, ihren direkten Vorgesetzten verklagte. Er würde schlecht über sie reden, sie
beschimpfen und versuchen, sie aus der Schule raus zu ekeln. Das diese Vorwürfe

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haltlos aus der Luft gegriffen waren, stellte
sich schon wenig später heraus und die
Mitarbeiterin entschuldigte sich nach einem
Gespräch mit der Schulleitung bei ihrem
Vorgesetzten. Und Obwohl Christian die
Schule schon vor jetzt über einem Monat
verlassen hat, ist noch von geregeltem Alltag
nichts zu spüren. Sicher machen die Lehrer
ihren Job und die Schüler gehen ganz normal
in den Unterricht, aber da ich jetzt sehr viel
mit Miguel zu tun habe, kriege ich auch mit,
wie es ungefähr hinter den Kulissen aussieht.
Viel wird improvisiert, es herrscht noch
Unsicherheit bei den Angestellten, ob die
Schule weiterhin das gesamte Personal
beschäftigen kann und es gibt natürlich eine
wesentlich stärke Kontrolle durch die
Gemeinde, was mehr Zeit beansprucht. Es
wird mehr Rücksprache gehalten, öfters gibt
es Gespräche mit dem Gemeindevorstand
und die oft verfluchte Bürokratie hat stark
zugenommen. Alleine, dass jetzt jeder Artikel,
den Miguel für das Reinungspersonal kaufen
muss, einzeln aufgeführt und von dem Kassenwart der Gemeinde abgesegnet werden
muss, bedeutet einen Mehraufwand, der vorher nicht da war. Allerdings, und das muss
man auch sehen, ging es ohne die extra Instanz des Kassenwartes der Gemeinde
offensichtlich nicht gut. Es müssen also jetzt zur Erhaltung der Schule auch Maßnahmen
ergriffen werden, die für einzelne einen Mehraufwand oder vielleicht auch
Einschränkungen bedeuten. Denn so der Pastor Enno Haaks nach mehreren Wochen
intensiven Gesprächen mit sämtlichen Organisationen und für die Schule wichtigen
Personen die die Schule unterstützen: „Die Schule wird nicht schließen!“
Und er wird es ja wissen, denn kaum ein anderer hat sich so intensiv für die Schule
eingesetzt und Tage (man erzählt auch von Nächten) am Telefon oder in Besprechungen
verbracht, damit das gröbste verhindert werden konnte.

Noch kurz angefügt:


Die neue Schulleitung besteht jetzt aus dem vorher stellvertretendem Schulleiter
Luis Varella für den akademischen Teil und Carlos Arincibia für den administrativen
Flügel. Die beiden kann man im Moment nicht beneiden und ich hoffe, dass sie die
schwere Aufgabe, die sie jetzt haben, auch schaffen.

Und da schaffen schön ist, wünsche ich euch allen ein


frohes Schaffen und
Liebe Grüße aus Santiago!

Mirko
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