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Don’t fear the Reaper

Von Colonel Eric van Helsing

Chapter One

Mein Name ist Eric van Helsing. Nicht, daß ich unter diesem Namen geboren worden wäre, aber
manchmal ist man gezwungen, seine gesamte Identität zu wechseln. Und da meine Profession
nicht nur Beruf , sondern auch Berufung ist , war es irgendwann an der Zeit , sich nach einem
neuen , unbekannten Namen umzusehen , wenn ich nicht irgendwann mit dem Gesicht nach unten
im Seattler Hafenbecken treiben wollte. Also wurde ich mit der Hilfe einiger guter Freunde und
einer Menge Geld (und ich meine WIRKLICH eine Menge) ein „neuer Mensch“. Denn ich bin
ein Shadowrunner , etwas , daß bei den Einen ein wohliges Schauern auslöst , wenn er abends in
seiner Kon-Wohnung vor dem Trid sitzt und sich das „wahre Leben eines real existierenden
Shadowrunners“ ansieht , und bei den Anderen eine Art von fast schon surrealem Hass , der
vielleicht aus „Gesetzestreue“ oder vielleicht sogar etwas Neid resultiert , denn wenn MIR etwas
nicht gefällt , rufe ich ein paar gute Freunde , stelle ein kleines , aber äußerst schlagkräftiges
Team zusammen und ändere es. Das klingt zwar sehr pathetisch, trifft aber haargenau den Kern
der Sache.

Ich wurde am 03.12.2023 in Seattle geboren. Mein Vater war ein ruhiger Mann, ein ehemaliger
Soldat, der nach 25 Dienstjahren im Range eines Master Gunnery Sergeant seinen Dienst
quittierte, um mit meiner Mutter einen ruhigen Lebensabend zu verbringen. Seine Pension als
hochdekorierter Veteran und eine kleine Erbschaft meiner Mutter erlaubten es meinen Eltern,
meine Bildung zu forcieren. Sie ermöglichten es mir, eine kleine, aber sehr gediegene
Privatschule zu besuchen. Während der Semester wohnte ich auf dem Campus, die Ferien
verbrachte ich mit meinen Eltern im Wohnmobil „on the Road“. Als ich 16 wurde, wollte ich in
den Semesterferien unbedingt jobben, um endlich „eigenes Geld“ zu verdienen. Meine Eltern
gestatteten es ohne längere Diskussionen, da sie es als Schritt zum Erwachsenwerden sehr
begrüßten. Also suchte ich mir einen Job im StufferShack an der nächsten Ecke und freute mich
wie ein König. Alles schien in bester Ordnung, Feierabend, ab unter die Dusche und Party mit ein
paar Freunden. Als es klingelte, dachte ich an Derek, einen 15-jährigen, bulligen Ork, mit dem
mich eine langjährige Freundschaft verband. Er war wohl einer der pünktlichsten Leute, die ich je
kennengelernt habe. Er kam prinzipiell immer 10-15 Minuten vor der verabredeten Zeit, denn
„Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“, wie Derek immer zu sagen pflegte. Also hetzte ich
zu Tür, riss sie auf und wollte Derek in die Wohnung zerren, wie wir es immer taten, wenn wir
uns gegenseitig besuchten. Ich riss also die Tür auf und …. prallte auf einen ca. 1.95 m großen,
schlanken Mann, der mir eine Polizeimarke entgegenhielt, die ihn als Detective Sergeant Andrew
Wilder auswies. „Mr. Manson“, „Mr. Tharc Manson“ fragte er, und plötzlich hatte ich das
Gefühl, daß irgendetwas grundsätzlich nicht in Ordnung war. Ich bejahte vorsichtig, denn ich
konnte mir den Zweck seins Hierseins absolut nicht erklären. Klar trieben wir in der studienfreien
Zeit allen möglichen Unsinn, aber wir waren dabei doch sehr bemüht, den Sicherheitsorganen
keinen Grund zu geben, uns ihre Aufmerksamkeit zu widmen.

„Es gab einen Zwischenfall auf der Interstate 74“ begann er vorsichtig. Ich hatte keine
Vorstellung, worauf er hinaus wollte. „Ihre Eltern sind von einer Go-Gang belästigt worden, als
sie in der Nähe von Barstow tanken wollten. Ihr Vater wollte Ärger vermeiden und fuhr
schnellstens wieder ab, aber die Ganger wollten wohl unbedingt „die Sache klären“, so ein
Zeuge. Sie verfolgten Ihre Eltern bis zur ehemaligen Abfahrt auf die Route 81, dort drängten sie
sie von der Strasse und wollten das Wohnmobil wohl plündern oder stehlen. Es kam zu einem
Feuergefecht, bei dem Ihre Eltern beide ums Leben kamen“, fuhr er mit gesenktem Blick leise
fort, und trotzdem hatte ich das Gefühl, seine Worte würden in meinen Ohren donnern wie die
Niagarafälle. Immer wieder hörte ich es, ….ums Leben kamen, ums Leben kamen, ums Leben
kamen….Ich weiß nicht, wie lange wir wortlos da saßen, ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren.
„Wären Sie bereit, sie zu identifizieren?“ fragte er irgendwann leise. Ich nickte nur, denn meine
Kehle war wie zugeschnürt.
Die nächsten Stunden erlebte ich nur noch wie in Trance, ich erinnere mich kaum noch an die
Fahrt, die wir wortlos verbrachten. Irgendwann kamen wir in einer Kleinstadt an, an deren
Namen ich mich nicht mehr erinnere. Wie ferngesteuert folgte ich Detective Sergeant Wilder in
die untere Etage des Gebäudes, in der die Toten „gelagert“ wurden. Der Doc, ein freundlicher,
älterer Mann mit traurigen Augen sah mich lange an. „Es tut mir sehr leid, sie unter diesen
Umständen kennen zu lernen.“ Sagte er mit einer leisen, dunklen, unendlich müden Stimme. “
Ich habe einige Jahre unter Ihrem Vater gedient und ihn dabei als loyalen, gerechten Vorgesetzten
und guten Freund schätzen gelernt. Er war ein guter Mann, der ein solches Ende nicht verdient
hat. Eine Menge Leute hier verdanken ihm ihr Leben, denn allein aus unserem Departement
haben ein gutes Dutzend Männer mit ihm zusammen gedient. Sie haben geschworen, diese Bande
zu jagen und zur Strecke zu bringen, wie lange es auch dauern mag. Das sind wir ihm schuldig.“
Er machte eine kurze Pause, als suchte er die richtige Formulierung. „Sind Sie sicher, daß Sie die
Identifizierung selbst vornehmen wollen? Es ist kein schöner Anblick, also wenn Sie Ihre Eltern
so in Erinnerung behalten wollen, wie Sie sie kannten, können wir auch die entsprechenden
Akten anfordern. Es wäre kein Problem.“
„Nein“, sagte ich „ich will sie sehen. Ich werde damit fertig.“
„Gut, dann lassen Sie uns beginnen.“, antwortete er.
Er ging zu den Kühlfächern und öffnete 2 nebeneinander liegende Boxen.
Er zog die Bahren heraus, und ich sah 2 Körper, die von weißen Laken bedeckt waren. Er zog
nacheinander die Laken zurück, so daß ich die Gesichter meiner Eltern sehen konnte. Ich kann
nicht mehr sagen, was ich erwartet hatte, aber irgendwie beruhigte mich der entspannte Ausdruck
auf ihren Gesichtern. Ich wollte das Laken, das den Körper meines Vaters bedeckte, etwas
herunterziehen, als der Doc meine Hand festhielt.
, Tun Sie das nicht“, sagte er leise, ,,es ist kein schöner Anblick.“
Ich schüttelte nur wortlos den Kopf und zog das Laken bis seinen Hüften herunter. Ich habe nicht
gezählt, aber es müssen an die 12 Einschüsse gewesen sein, die ich dort sah. Irgendwie schien die
Zeit um mich herum stillzustehen, ich nahm alles wie in Zeitlupe, mit grauenvoller
Detailgetreuheit wahr. Plötzlich hörte ich aus dem Hintergrund 2 Stimmen, die langsam näher
kamen. , Der alte Haudegen hat es ihnen nicht leicht gemacht, wir haben um die Leichen herum
mehrere Hundert Patronenhülsen gefunden. Die beiden haben gekämpft wie wilde Tiere, die ihre
Jungen verteidigen. Und die Lady hat an seiner Seite gekämpft. Sie muß zuerst gefallen sein,
denn wir fanden seinen Körper über ihr liegend. Er hat noch im Tod versucht, seine Frau mit
seinem Körper zu schützen. Gottverdammt, der Gunny war ein zäher Kerl, wir haben 27
Einschüsse an seinem Körper gezählt. Keiner davon war tödlich, was ihn umgebracht hat, war
letztlich der immense Blutverlust. Aber die Typen haben auch ihren Preis gezahlt. Oben am
Türrahmen und an der Decke klebte noch Gehirnmasse, er hat noch im Sterben den Kopf des
ersten, der durch die Tür kam, im einen blutigen Fleck an der Wand verwandelt. Eines ist sicher,
wohin auch immer die Typen sich verkrochen haben, wir werden sie finden und sie werden einen
hohen Preis dafür zahlen.“
Die Stimmen entfernten sich langsam, und als ich wieder aufsah, sah ich im Gesicht des Docs
einen Ausdruck von stiller Verzweiflung. , Es tut mir leid, das sollten Sie so nie erfahren.“ Ich
konnte nur noch nicken, meine Stimme schien nicht mehr unter meiner Kontrolle zu stehen.
Ich habe keine genauen Erinnerungen mehr an die folgenden Stunden, Tage und Wochen. Ich
erlebte alles um mich herum wie in Trance, die Zeit schien stillzustehen. Ich erledigte die Dinge,
die erledigt werden mussten, die Überführung, die Beerdigung. Und immer wieder hörte ich die
Stimme aus dem Gang im Polizeirevier. Die folgenden Monate waren ein nicht enden wollender
Wechsel aus Phasen der Lethargie und geradezu hektischer Betriebsamkeit. Ich suchte Vergessen
in billigem Synthalkohol und Drogen, bis Derek, der die ganze Zeit ab meiner Seite blieb, die
Initiative ergriff und mich im Laufe einer Diskussion windelweich prügelte. Er packte mich an
der Kehle, hob mich hoch wie eine Strohpuppe, schüttelte mich und brüllte mich an: ,,Komm’
endlich zu Dir, verdammter Drek. Glaubst Du, Deine Eltern hätten DAS gewollt??? In dieser
Nacht bezog ich die Abreibung meines Lebens, aber irgendwie schien Derek damit intuitiv genau
den richtigen Knopf gedrückt zu haben.In den folgenden Tagen und Wochen machte er sich
daran, mich kontinuierlich zu entgiften und wieder aufzubauen. Er kaufte alles ein, was man für
eine längere Sitzung so brauchte, und was er nicht kaufen konnte, klaute er kurzerhand. Dann
sperrte er uns zusammen in meiner Wohnung ein und ließ mich keinen Moment mehr aus den
Augen. Ich bekam in dieser Zeit noch mehrmals ausgiebig Prügel von Ihm, wenn ich wieder mal
in ein emotionales Loch fiel und den Sinn der ganzen Sache im Allgemeinen und meiner Existenz
im Besonderen in Frage stellte. Derek war bestimmt kein großer Psychologe, aber auf irgendeine
Art schien er zu spüren, wie er die Sache handhaben musste, wenn er Erfolge erzielen wollte.
Und gottverdammt, er behielt Recht. Nach fast 2 Monaten war ich zumindest physisch wieder
soweit, daß ich wieder in ein normales Leben zurück fand. Ich kümmerte mich um den Nachlass
meiner Eltern und fand dabei heraus, daß die beiden jeden Nuyen, der übrig war, angelegt hatten.
Daraus resultierte eine erhebliche Summe, die mir nun zur Verfügung stand. Was sollte ich also
tun? Dem gesunden Menschenverstand folgen, Ausbildung, Beruf, Kon-Sklave? Oder sollte ich
tun, wonach alles in mir gierte, RACHE??? Die Entscheidung fiel mir nicht allzu schwer. Also
begann ich systematisch mit der Aufrüstung. Dereks Vater, der mir in dieser Zeit immer wieder
eine große Hilfe gewesen war, kannte die richtigen Leute. Da diese Leute ihm noch etwas
schuldeten, konnte er für mich wirklich gute Preise bei allem, was ich brauchte, herausschlagen.
Ein befreundeter Straßen-Doc begann mich langsam und gezielt nach meinen Vorstellungen zu
vercybern. Einziehbare Nagelmesser, ebensolche Sporne, Verbesserungen für Augen und Ohren,
Kunstmuskeln, SmartLink, und einige andere, sinnvolle Dinge wurden mir in einer Marathon-
Operation implantiert. Nachdem ich die gesamte Prozedur gut überstanden hatte, begann ich,
nach meinem Körper auch meinen Geist zu trainieren. Ich fand Lehrer, die mich alles lehrten,
was man zum Überleben im den Schatten brauchte, denn zu diesem Zeitpunkt stand für mich
endgültig fest, daß mich der Weg, den ich beschreiten wollte zwangläufig an den Rand der
Legalität oder darüber hinaus führen würde. Ich erlernte den Kampf ohne Waffen, den Ungang
mit Klingen und Feuerwaffen, Basiswissen über Computer, Elektronik und die Gebräuche, die
auf der Straße und in den Schatten überlebenswichtig waren. Ich lernte Autos und Motorräder zu
fahren, Leute unbemerkt zu observieren und mich selbst einer Observation zu entziehen. Ein
Schieber, den ich in dieser Zeit kennen lernte, verschaffte mir zu äußerst günstigen Konditionen
alles, was mir jetzt noch fehlte: Waffen, Munition und Ausrüstung. Da mein Vater, wie gesagt
beim Militär war, hatte ich von frühester Kindheit an Erfahrungen im Umgang mit Feuerwaffen
gesammelt und wusste genau, was ich für meinen Rachefeldzug brauchte. Ich erwarb eine Ingram
SmartGun, eine Franchi SPAS 12, eine .475 Wildey Magnum und ausreichend Ammo, um einem
kleinen Land den Krieg zu erklären. Ich verkaufte die Wohnung, nahm mir ein kleines, günstig
gelegenes Apartment in Auburn, stattete es nach meinen Vorstellungen aus, und begann meinen
Weg in die Schatten.

Chapter Two

Nachdem nun alle Vorbereitungen abgeschlossen waren, war es nun an der Zeit, sich einen
Namen auszusuchen, unter dem ich zukünftig in den Schatten agieren wollte. Nach kurzer
Überlegung fiel meine Wahl auf “Reaper“, denn wie der Schnitter mit seiner Sense würde ich
unter meine Gegner fahren und mir meinen Weg durch sie schneiden. Mein Schieber vermittelte
mir meine ersten Jobs in den Schatten, kleine Sachen, Kurierdienste, Observationen und
ähnliches. Ich machte meine Sache erstaunlich gut, schien alles Wissen und Wissenswerte wie ein
Schwamm aufzusaugen. Meine Auftraggeber waren zufrieden, denn ich schien auf irgendeine Art
und Weise auch ihre unausgesprochenen Wünsche und Vorstellungen betreffs meines Modus
Operandi zu erahnen. Wollten Sie es leise und unauffällig kam und ging ich wie ein Schatten in
der Nacht, wollten sie, daß die Botschaft eindeutig war, hinterließ ich eine breite Spur
verbrannter Erde. Dadurch schuf ich mir in kurzer Zeit einen achtbaren Ruf als zuverlässiger,
unbedingt loyaler “ Vertragspartner“. Aber bei allen Aufträgen achtete ich strengstens darauf, nie
verwertbare Spuren zu hinterlassen, die zu mir oder meinen Auftraggebern führten. So führte ich
also ein nach außen unauffälliges Leben, wurde aber im Laufe der Zeit in den Schatten eine
bekannte, und was viel wichtiger war, anerkannte Figur. Eines schönen Tages, ich hatte gerade
keinen Auftrag am Laufen, ging ich nach langer Zeit wieder mal unter Menschen. Ich hatte vor
längerer Zeit schon von einer Runnerkneipe in Puyallup gehört, dem “Rose Tattoo“. Dort trafen
sich anscheinend alle möglichen verkrachten Existenzen, die demselben Gewerbe nachgingen
wie ich. Also augenscheinlich genau der richtige Ort, um seinen Horizont zu erweitern. Der
Laden erfüllte genau die Erwartungen, die ich in ihn gesetzt hatte. Eine mittelgroße, total
verräucherte Location, recht übersichtlich gebaut, mit gemischtem Publikum. Dort traf sich
offensichtlich alles, was in irgendeiner Form mit den Schatten zu tun hatte. Ohne Ansehen der
Rasse und des Geschlechts wurde hier dezent gehandelt, geschachert und gefeilscht. Hmm,
interessant. Hier sollte ich vielleicht öfter vorbeischauen. Ich suchte mir also einen Tisch, der mir
einen guten Überblick über den ganzen Laden bot, und setzte mich, natürlich mit dem Rücken zur
Wand (verdammte Runner-Paranoia). Nachdem ich mir einen kurzen Überblick verschafft hatte,
marschierte ich zur Bar. Ein bulliger, ca. 1,90 m großer Mann, offensichtlich der “Barkeeper“,
sah mich an, grinste breit und sagte: „Oh, ein neues Gesicht. Willkommen im “Rose Tattoo“,
Fremder. Was darf’s denn sein? Ich machte den großen Fehler, ein Bier zu verlangen. Jetzt folgte
eine kurze Einweisung in das Biersortiment, Lager, Stout, Helles, Dunkles, Weizen, Bock, Soy
oder Real, und so weiter. Keine Ahnung, wie lange das ganze Procedere dauerte, irgendwann
verstummte er und sah mich fragend an. „OK, ein großes, dunkles Bock, real, hätte ich gern“
beschied ich ihn. „Aber sofort, eine gute Wahl, das Fass ist gerade frisch angezapft“, sagte er und
grinste von einem Ohr zum anderen. Ich nickte ihm zu, schnappte mein Glas und begab mich
zurück zu meinem Tisch. Das Bock war wirklich gut, leicht gekühlt und angenehm würzig im
Geschmack. Ich zündete mir eine Zigarette an und genoss es einfach, wieder mal unter Menschen
zu sein, denn mein Job hatte mich in letzter Zeit sehr in Anspruch genommen, so daß ich kaum
mal zwischen den einzelnen Aufträgen aus dem Haus kam. Ca. eine halbe Stunde später, ich trank
gerade genüsslich mein 2. Bier, öffnete sich die Tür und 2 Typen betraten den Raum. Ein
Mensch, um die 2m groß, in einem seltsamen Panzer, der die Brust, den Hals und teilweise den
Kopf wie eine Teilmaske umschloss, so daß oben ein dichter Busch rötlicher Haare
herausschaute. Der andere, ein Elf, schien in einer Art schwarzer Nebelwolke über dem Boden zu
schweben, so daß seine Größe schwer bestimmbar war. Ich schätzte ihn auf ca. 1,90 m. Das
Auffälligste an ihm waren die rotglühenden Schlangeaugen, die aus dem blassen Gesicht
hervorstachen. Die beiden sahen sich kurz im Laden um, gingen zur Bar, begrüßten den Keeper,
der beide augenscheinlich kannte und orderten offensichtlich Stout. Dann machten sie kehrt und
wandten sich meinem Tisch zu. „Darf man Platz nehmen“? fragte der Elf und wies mit dem Kopf
auf die 2 freien Stühle, die mir gegenüber standen. Ich nickte und machte eine einladende Geste.
„Nur zu.“
Die beiden setzten sich nebeneinander, dicht genug, um sich problermlos leise verständigen zu
können, weit genug voneinander entfernt, um sich im Notfall nicht gegenseitig zu behindern.
Allem Anschein nach waren sie Profis, die wussten, was sie taten. Im Laufe der Zeit kamen wir
langsam ins Gespräch, über belanglose Dinge, das Wetter, das Leben, den Sprawl, usw. Langsam
manifestierte sich in mir die Feststellung, daß der Elf ein ziemlich bornierter Vogel war.
Offensichtlich hörte er sich gern reden und feierte sich auch gern mal selbst. So tippte mir mitten
im Gespräch jemand zu meiner größten Überraschung von hinten auf die Schulter und als ich
herumfuhr, sah ich hinter mir nur die Wand. Als ich mich wieder den Beiden zuwandte, grinste
mich der Pixie blöd an. „So ein Drek“, dachte ich, „kann der Freak seine magischen Spielchen
nicht woanders treiben“? Mein Gesicht hatte sich wohl ziemlich verfinstert, so daß der Pixie
entschuldigend lächelte. „Hey, war doch nur ‘n Reaktionstest“. Meine Antwort fiel wohl etwas
schärfer aus als erwartet. „Mit solchen Spielereien wäre ich bei Unbekannten etwas vorsichtiger,
es sind schon Leute für weniger gestorben“. In diesem Moment sprach der andere zum ersten
Mal: „Entschuldigen Sie, wir sind immer auf der Suche nach neuen Talenten, und wir wissen
gern, ob die Leute, die uns ins Auge fallen, die Mühe wert sind, was ihr Reaktionsvermögen und
ihre Fähigkeiten betrifft. Sie haben gute Reflexe und neigen nicht zu Überreaktionen. Vielleicht
hätten wir einen Job für Sie, falls Sie Interesse haben und verfügbar sind.
Plötzlich hörte ich aus dem Hintergrund ein surrendes Geräusch, und ein schweres Wurfmesser
bohrte sich mit einem harten Schlag genau mittig zwischen uns bis zum Heft in die massive,
hölzerne Tischplatte. Meine Rechte war im Moment des Einschlages unter der langen, schwarzen
Duster gezuckt, wo in einem Tarnholster die .475 Wildey Mag steckte.
Die ganze Aktion war zwar nicht unbemerkt geblieben, da aber niemand reagierte, und auch
keine weiteren Objekte geflogen kamen, legte ich meine Hand langsam wieder auf den Tisch und
schaute mich nach dem “edlen Spender“ um. Zwischen meinen beiden Gesprächspartnern
hindurch konnte ich an einem Tisch, der ca. 5 m von uns entfernt stand, einen Mann
unbestimmbaren Alters sehen, ca. 1,75 m groß muskelbepackt, kurze schwarze Haare, schwarze
Lederweste, Tattoos auf beiden Armen, sehr interessante Tribals. Er lächelte etwas verlegen, wie
mir in diesem Moment schien und sah uns einfach nur an. Offensichtlich war ihm nur daran
gelegen, unsere Aufmerksamkeit zu erringen. Der Blumenfresser packte das Messer am Griff und
wollte es aus der Tischplatte ziehen, versagte aber jämmerlich, denn die breite, schwere Klinge
bewegte sich keinen Millimeter. Konsterniert gab er sein fruchtloses Unterfangen auf und wandte
sich seinem Nachbarn zu. „Gut“, dachte ich, „mein Zug“. Ich packte den Griff und zog die Waffe
gleichmäßig, mit einer für meinen Gegenüber wahrscheinlich fast beleidigenden Leichtigkeit aus
dem Tisch. Soviel also dazu. Magie ist Macht, und keine Magie macht offensichtlich auch nichts.
„Sie entschuldigen mich“, wandte ich mich an die Beiden. Sie nickten kurz, ich stand auf und
ging zu dem Besitzer der Klinge herüber. Ich blieb einen knappen halben Meter vor dem Tisch
stehen. Warf das Messer mit einer Bewegung aus dem Handgelenk hoch und fing es an der
Klinge wieder auf. Dann reichte ich es, den Griff voran über den Tisch. „Ich glaube, das gehört
Ihnen. Eine gute Klinge, hervorragend ausbalanciert und sowohl zum Werfen als auch im CQC
(Close Quarter Combat – Nahkampf) zu gebrauchen“, dozierte ich. Er lächelte, nickte wortlos
und ließ die Klinge in einer fließenden Bewegung hinter seinem Rücken verschwinden. Ich
nickte ihm zu, „vielleicht trifft man sich wieder“, machte kehrt und wollte zurück zu meinem
Tisch. Nach einem Schritt verharrte ich, griff in meine Westentasche, in der ein Tarot-Kartenspiel
steckte. Die Besonderheit dieses Blattes war, daß die Karten aus Titan gefertigt waren und sich
mit ihren geschärften Kanten als eine stellenweise ziemlich üble Überraschung im Kampf
eigneten. Ich zog blind eine Karte heraus und ließ sie mit einer eleganten Bewegung aus dem
Handgelenk direkt vor ihm, das Bild nach oben und ihm zugewandt, auf dem Tisch landen.
Überraschung, der Tod. Er sah die Karte einen Moment lang an, lächelte hintergründig und
steckte sie dann in seine Westentasche. Ich nickte ihm nochmals zu und machte kehrt, als ich eine
leise, dunkle, etwas raue Stimme hinter mir hörte: „Bis wir uns wieder sehen“. Ich wandte im
Gehen den Kopf und antwortete ebenso leise: „So soll es sein“. Dann ging ich zurück zu meinem
Tisch und setzte mich wieder. Die Beiden die offenbar das Geschehen mit Interesse verfolgt
hatten, wandten sich wieder mir zu. „Um zum Thema zurückzukommen“, sagte der Größere,
„wenn sie Interesse haben und verfügbar sind, würden wir Ihnen gern einen Job anbieten“. Aus
sicher jedem verständlichen Gründen möchte ich nicht näher auf Details eingehen, ich möchte
nur soviel dazu sagen, daß der Job zwar nicht allzu einfach war, sich aber letzten Endes doch sehr
bezahlt machte (wenn auch in seiner gesamten Tragweite erst nach ca. 5 Jahren, aber dazu
später.). Die einzig nennenswerte Schwierigkeit ergab sich aus dem Zusammentreffen mit einer
Gruppe Street-Punks, die aus irgendeinem Grund der Meinung waren, von mir Geld, Waffen und
Ausrüstung einfordern zu können. Offenbar reichte die Kombination aus einem Kanister Synth-
Fusel und einer 5 zu 1-Überlegenheit aus, ihre Hemmschwelle soweit zu senken, daß sie glaubten
Ansprüche geltend machen zu können. Also sprang ich auf den mit dem größten Maul zu, riss
meine rechte Faust zu einem mörderischen Aufwärtshaken hoch (was bei einer lichten Höhe von
1,90 m in Verbindung mit einem Gewicht von ca. 110 kg ja nicht besonders schwer ist, wenn man
die dürren Gestalten meiner “Gegner“ in Betracht zieht), und fuhr in der Bewegung die Sporne
aus. Ich traf ihm mit solch immenser Wucht, daß sich die Klingen durch seinen Unterkiefer
bohrten, ungebremst seinen Schädel durchquerten und aus der Schädeldecke wieder austraten.
Der Schwung der Bewegung war groß genug, um ihn vom Boden zu reißen und etwa 30 cm in
Luft zu heben. Ich führte die Bewegung zu Ende und schleuderte den zuckenden Kadaver seinen
Chummers entgegen. Er riss 2 von ihnen zu Boden, die aber erstaunlich schnell wieder
hochkamen. Nun stellte sich bloß noch die Frage, wie es jetzt weitergehen sollte. In solchen
Situationen gibt es nur 2 Varianten, entweder ernüchtert sie das plötzliche, ungeplante
Dahinscheiden ihres Oberhauptes so sehr, daß sie Fersengeld geben oder man sieht sich mit einer
tobenden, nach Rache schreienden Meute gegenüber. So war es auch hier, da ihre Loyalität
offenbar wesentlich weiter reichte als ihr gesunder Menschenverstand. Also entspann sich ein
kurzes, aber heftiges Gefecht auf engstem Raum, nach dessen abruptem Ende ich ein paar Löcher
in meiner Ausrüstung hatte und die Jungs ein paar Löcher in ihren Köpfen. Hmm, wer da wohl
besser abgeschnitten hat? Da es mir schon immer zutiefst widerstrebte, Ressourcen zu
verschwenden, unterzog ich die Leichen einer gründlichen Untersuchung (besonders ihre
Taschen) und fand so allerhand Nützliches. Ein paar Messer, ein paar Streetline Specials, Drogen,
Geld und einen Klumpen undefinierbare Materie, von der mir lange Zeit niemand sagen konnte,
was es eigentlich ist, so daß er für lange Zeit in den Tiefen meiner Feldkiste verschwand. Wie
Eingangs schon erwähnt, brachte ich meinen Auftrag erfolgreich zu Ende, sehr zur Zufriedenheit
meiner Auftraggeber. Mein Salär reinvestierte ich sofort in mehr und bessere Cyber- und
Bioware, Verbesserungen für meine Waffen und last not least in meine Fortbildung. Ich
verbesserte meine Skills und lernte neue Dinge, die mir bei meinem Job sowohl sinnvoll als auch
hilfreich erschienen. Zudem hatte ich vor einiger Zeit einen guten, gebrauchten Van erstanden, in
den ich auch noch diverse Nuyen investierte. Zu guter letzt hatte ich vor einiger Zeit eine
gefälschte ID erworben. Zwar hatte mich diese Transaktion reichlich Geld gekostet, aber ich lebte
lieber einige Zeit etwas sparsamer, als im entscheidenden Moment mit heruntergelassenen Hosen
erwischt zu werden. Letzten Endes hat sich diese Investition aber sehr schnell bezahlt gemacht,
denn seitdem habe ich nie wieder Probleme bei Kontrollen durch den Star oder andere
“Gesetzeshüter“ gehabt. Zudem füllte sich mein Credstick relativ schnell wieder auf, denn hat
man sich erstmal einen halbwegs anständigen Ruf erworben, kommen die Aufträge wesentlich
häufiger und werden auf jeden Fall auch lukrativer. Zudem brachte mir die Verbindung zu
Gambit (dem Menschen) und Snake-Eye (dem Elfen) zusätzliche, recht einträgliche Jobs, da die
Beiden eine Größe waren, von der auch ich schon gehört hatte. Und zu ihrem Team zu gehören,
schadete der Reputation auch nicht gerade. Schließlich bildeten wir ein loses Team, in dem jeder
nach wie vor seine eigenen Jobs erledigte, das aber auch als Verband äußerst erfolgreich agierte.
Aber bei allen Jobs verlor ich nie mein eigentliches Ziel aus den Augen, die Gang zu finden und
zu eliminieren, die meine Eltern auf dem Gewissen hatte. Ich hatte bis dato zumindest in
Erfahrung bringen können, daß es sich um eine Troll-Gang handelte, die aber bis zu diesem
Zeitpunkt immer noch nach wie vor wie vom Erdboden verschluckt war. Irgendwie hatte sich
(wahrscheinlich daraus resultierend) in mir ein tief verwurzelter Hass gegen Trolle manifestiert.
Ich hatte zwar immer wieder bei verschiedenen Aufträgen auch Trolle im Team, behielt sie aber
immer im Auge, bereit, sie beim ersten Anzeichen von Problemen zu liquidieren. Ansonsten war
ich mittlerweile Profi genug, meine Aversion gegen Trolle meiner Unwelt gegenüber zu
verbergen. Das ging nur MICH an, alles andere wäre zutiefst unprofessionell und ich hatte nicht
vor, aus persönlichen Antipathien heraus das Team oder den Job zu gefährden.

Chapter Three

Donnerstag, 18. September 2042. Endlich, ein neuer Auftrag, wurde auch Zeit. Nicht, daß ich
etwas gegen ein wenig Ruhe hätte, aber das Leben ist teuer. Ich nenne inzwischen eine
Mittelklasse-Wohnung in einem der etwas ruhigeren Teile von Auburn mein Eigen und habe mir
einen halbwegs vernünftigen Lebensstandard erarbeitet, der natürlich erhalten bleiben will. Und
die Tech, mit der ich die Wohnung abgesichert habe, war auch nicht gerade billig. Aber wer
möchte schon an ein paar an der falschen Stelle eingesparten Nuyen sterben? Ok, in 2 Stunden, 8
Minuten sollte ich in den Redmond Barrens auftauchen, in irgendeiner miesen Spelunke, die noch
nicht mal einen gottverdammten Namen hatte. Aber laut dem MJ (Mister Johnson), sollte es kein
Problem sein, den Laden zu finden, da es wohl der Einzige im weiteren Umkreis ist. Gut, mein
Terminal spuckt die entsprechenden Infos nach knapp 30 Sekunden aus. Exzellent, der Laden
liegt günstigen, nach 3 Seiten eingebauten und reichlich freien Schussfeldes davor. Ich durfte mir
zwar schon diverse Male witzige Bemerkungen zu meiner Runner-Paranoia anhören, aber ich
checke ein mir unbekanntes Terrain lieber im Voraus, ehe ich nachher in einen gut gelegten
Hinterhalt marschiere. Diese Paranoia machte bis jetzt für mich den kleinen, aber feinen
Unterschied zwischen meiner doch recht ansehnlichen Wohnung und einem namenlosen Grab auf
dem Seattler Zentral-Friedhof (bestenfalls) aus. Also kein Grund, etwas zu ändern. Inzwischen
sind es noch 1 Stunde 50, ich dusche, ziehe mich an. Das übliche, Körperpanzerung nach Maß,
Lederklamotten und einen schwarzen Duster. Dazu die Diamondback-Kampfstiefel, fertig. Nun
zur Ausrüstung, die Wildey kommt unter die linke Achsel ins Tarnholster, die neue Heckler &
Koch Urban Combat mit einer Tactical Sling auf den Rücken. Flechette in der Wildey, APDS in
der Urban Combat, das sollte optimal für alle Eventualitäten sein. Die Franchi, ebenfalls mit
Flechette geladen, bleibt im Auto, griffbereit neben dem Fahrersitz. Dazu ein Kampfmesser im
rechten Stiefel, ein paar Trauma- und Antidot-Patches, fertig. Ich verlasse die Wohnung, aktiviere
das Sicherheits-System und mache mich auf den Weg. Mein Wohnmobil steht direkt vor dem
Haus, wie immer. Und wie immer kann ich mich darauf verlassen, daß alle Teile noch dran sind.
Denn die Squatter, sie in der Gegend hausen, haben immer ein wachsames Auge darauf. Zu dieser
stillen Übereinkunft kamen wir vor einigen Wochen. Normalerweise ist die Gegend hier recht
ruhig, was Gangaktivitäten betrifft. Vor ein paar Wochen allerdings hatte sich ein Trupp von 5
Leuten in unsere Gegend verlaufen. Mein Wohnmobil schien ihnen offensichtlich interessant
genug, um es zu knacken. Dummerweise reagiert es auf derartige Versuche mit einem stillen
Alarm. Ich war noch in voller Montur, also fegte ich wieder die Treppen hinab und raus aus dem
Haus. 2 von den Gangern hielten Wache, die anderen 3 bemühten sich nach Kräften, das ATS
(Anti Theft System)zu überlisten. Verdammt, sie hatten es bis jetzt noch nicht einmal geschafft,
die Türen zu öffnen. Und außer ein paar Lackkratzern hatten sie auch noch keinen nennenswerten
Schaden angerichtet. Gut, Zeit das Ganze zu beenden. Die Dunkelheit gab mir gute Deckung, so
daß sie mich erst bemerkten, als ich zwischen ihnen auftauchte. Manchmal hat es eben auch
Vorteile, daß die Straßenbeleuchtung hier eher selten wirklich funktioniert. Die beiden Wachen
standen da und bohrten in der Nase, während die 3 anderen darüber diskutierten, wie man dem
ATS noch zu Leibe rücken könnte. Ich stand, zumindest aus ihrer Sicht, plötzlich mitten unter
ihnen und fragte freundlich: „Kann man helfen?“ Wenn sie auch, was das Knacken von Autos
anging, nicht unbedingt die Profis waren, im Nahkampf schienen sie doch recht gut zu sein.
Wortlos zogen sie ihre Waffen und gingen sofort zum Angriff über. 3 sprangen mir mit Messern
in den Händen entgegen, die anderen Beiden zogen Streetline Specials. Der offensichtliche
Anführer schien mit dem Messer wirklich umgehen zu können, und er war für einen offenbar
unvercyberten Menschen erstaunlich schnell. Aber gegen meine aufgechipten Reflexe hatten sie
keine Chance. Ich ließ ihn also angreifen, blieb solange stehen, bis seine Klinge mich fast
berührte, drehte mich dann mit einer eleganten Bewegung zur Seite weg, und rammte ihm aus der
Drehung heraus mein Gerber MK II bis zum Heft ins Genick. Er brach sang- und klanglos
zusammen. In diesem Moment sah ich aus dem Augenwinkel, das einer der Schützen inzwischen
seine Waffe in den Anschlag gebracht hatte. Ich vollführte eine rasante Drehung und warf das
Messer noch aus der Bewegung. Sie schlug dicht unterhalb des Kehlkopfes ein und riss ihn
augenblicklich von den Beinen. In diesem Augenblick spürte ich 2 Schläge auf den Rücken.
Augenscheinlich hatte der andere Schütze mich getroffen. Aber irgendjemand sollte den Leuten
endlich mal erzählen, dass eine Streetline Special mit Sicherheit völlig ungeeignet ist, die
Rüstung einer altgedienten Messerklaue zu perforieren. Ich fiel abrupt in die Hocke, griff das auf
dem Boden liegende Messer des ersten Angreifers und warf es mit einer kurzen Bewegung aus
dem Handgelenk nach dem Schützen. Seine letzte Reaktion war ein entsetztes Gesicht, dann traf
die schwere Klinge seine Stirn und drang mit einen leisen Knirschen in sein Gehirn. Das war für
die letzten Beiden offenbar zuviel. Mit einem wütenden Aufschrei griffen sie zugleich an. Der
Linke war etwas näher an mir dran, also wurde er mein nächster Gegner. Ich sprang ihm
entgegen, duckte mich unter der vorstoßenden Klinge weg, fuhr den mittleren Sporen der rechten
Hand aus, schnellte hoch und trennte sauber seinen Kopf vom Rumpf. Inzwischen hatte mich der
Letzte fast erreicht. Ich wich seinem Stich aus, ließ ihn, von seinem eigenen Schwung getragen,
an mir vorbeihechten, fuhr die Nagelmesser aus dem linken Zeige- und Mittelfinger aus, ließ die
Ausweichbewegung in eine schnelle Drehung übergehen und rammte ihm die Klingen von hinten
in die linke Schläfe. Das war’s. Ich wollte gerade das ATS deaktivieren, um zu überprüfen, ob es
den Angriff unbeschadet überstanden hatte, da bemerkte ich ein paar Squatter, die gas gesamte
Geschehen offenbar beobachtet hatten. Sie hielten genug Abstand, um sich nicht als Bedrohung
darzustellen, waren aber doch nah genug, um ihr Interesse zu zeigen. Hm, ich wusste natürlich,
worauf sie aus waren. Vielleicht würde ich ja etwas für sie liegen lassen. Ok, normalerweise filze
ich meine toten Gegner mit äußerster Akribie, aber im Moment hatte ich dazu wirklich nicht die
geringste Motivation, zumal mir mein mittlerweile geschultes Auge sagte, das es da nicht zu
holen gab. Also drehte ich mich zu den Squattern um und sagte: „Sie gehören Euch“ Ein
überraschtes und erfreutes Gemurmel war die Antwort. Gut, das ATS hatte die ganze Aktion
offenbar unbeschadet überstanden, und die Kratzer würden auch nicht allzu teuer werden. Ich
machte kehrt und ging wieder zurück in meine Wohnung, wobei ich noch aus dem Augenwinkel
wahrnahm, wie sie die Leichen schnell wegschleppten. Na ja, wenn sie den Stuff und die Körper
verscherbeln, können sie die nächsten Tage oder sogar Wochen davon leben. Und mir tut es ja
auch nicht weh.
Die Quittung kriegte ich ca. 3 Wochen später, als ich gegen Abend aus dem Haus ging. Plötzlich
tauchten 2 Squatter vor mir auf und berichteten mir, daß die Gang, deren Mitglieder die 5
Verblichenen waren, auf Rache aus war. Sie hatten angeblich herausgefunden, wo ich mich
aufhalte, und wollten mich ausschalten. Auf meinen Dank hin, den ich mit ein paar Nuyen
unterstützte, sagten sie mir, das wären sie mir schuldig gewesen, immerhin hatte ich ihnen meine
gesamte Beute überlassen. Hm, seitdem halten sie für mich die Augen und Ohren offen, und ich
revanchiere mich mit einem Checkstick ab und zu, oder ein paar Flaschen Fusel. Ein Gentleman’s
Agreement, so haben wir alle was davon.
Mittlerweile bin ich fast in Redmond angekommen. Mein AutoNav signalisiert mir, das ich in
spätestens 3 Minuten vor Ort sein werde. Links um die Ecke herum, dann sehe ich den Laden
schon von weitem. Ah, da steht Gambits Dodge. Er liebt dieses Auto geradezu abgöttisch. Hin
und wieder muß ich doch etwas schmunzeln, bei dem Kult, den er um den alten Charger betreibt,
aber wenn es darauf ankam, hatte die Schüssel immer wieder mal einige Überraschungen parat.
Ich parke direkt hinter ihm und steige aus. Mit einem freundlichen Grinsen von Ohr zu Ohr
kommt er auf mich zu. „Sieh da, sieh da, der Sensenmann.“, begrüßt er mich „Na, alles im Lot?“
Hm, was soll man dazu noch sagen? „Klar, ich lebe noch, und das gar nicht mal so schlecht.“,
gebe ich mit einem hämischen Grinsen zurück. „Gut, das freut einen doch immer wieder zu
hören. Übrigens, ich habe noch 3 recht interessante Leute aufgetrieben, die sich uns anschließen
werden.“. setzt er mich erstmal in Kenntnis. Auf einen fragenden Blick meinerseits lächelt er nur
und sagt: „Lass’ Dich überraschen.“ OK, was bleibt mir denn weiter übrig, wenn Gambit eine
Info nicht ausspucken will, dann kann man sich kopf stellen, er wird nichts sagen. Er sieht sich
noch einmal unauffällig um, dann winkt er mir, ihm zu folgen, und geht gemessenen Schrittes auf
die hell erleuchtete Ladenfront zu. Plötzlich schießen 2 Autos um die nächste Ecke, und sliden
mit quietschenden Reifen genau hintereinander in die Lücke zwischen Gambits Dodge und dem
nächsten geparkten Wagen. Hut ab, sehr nett anzusehen. Offensichtlich sind die Fahrer immer für
einen publikumswirksamen Auftritt zu haben. Die Karren sehen äußerst interessant aus, ein
ungewöhnliches Design. Als alter Autonarr würde ich noch am ehesten auf einen Bentley
Brooklands tippen, als Ausgangsmodell. Die Änderungen, abgesehen von den komplett
verdunkelten Scheiben, sind dezent und unauffällig, aber wenn man weiß, wonach man zu suchen
hat, gibt es Hinweise für massive Umbauten an der Fahrgastzelle und dem Fahrgestell. Nicht
übel, es verspricht interessant zu werden. Die Fahrertüren öffnen sich fast synchron, und es
steigen 2 Kerle aus. WAS IST DAS DENN??? Es sind offensichtlich Elfen, aber ihre Hautfarbe
ist ein tiefes Ebenholzschwarz. Drek, so was hab’ ich ja noch nie gesehen. Und da denkt man
immer, man kennt schon alles. Einer hat kurze schwarze Haare, der Andere ist völlig kahl
geschoren. „Ah, die Zwillinge“, höre ich Gambit murmeln. Die beiden kommen gemächlich auf
uns zu geschlendert. Sie sind ca. 1,90 m groß, wirken austrainiert, um die 100-110 kg
Kampfgewicht. Die übliche Runnerkluft, schwarzes Leder und Duster, alles mit leichten
Gebrauchsspuren, aber gepflegt. „Guten Abend, die Herren“, begrüßt Gambit sie, als sie uns
erreichen. „Yo Chummer“, gibt der mit der Glatze zurück, der Andere grinst freundlich und nickt
uns zu. „Darf ich vorstellen“, sagt Gambit, „Viper“, er weist auf den Glatzköpfigen, „und RZA“,
er nickt dem Anderen zu. Bingo, jetzt klingelt es bei mir laut und vernehmlich, ich wusste, daß
ich die 2 irgendwoher kenne. Die Dark Twins, natürlich. Ich habe schon einiges von ihnen gehört,
Brüder, eineiige Zwillinge, Messerklauen par Excellence. Sie haben einen guten Ruf, wenn auch
Viper gerüchtehalber dazu neigt, erst zu schießen und dann zu fragen. Ich werde ihn also im Auge
behalten, reine Vorsichtsmaßnahme. „Ach ja“, meldet sich Gambit wieder zu Wort, „die schwere
Artillerie lasst mal lieber im Wagen, wir werden sie hier nicht brauchen.“ Ich weise auf mich und
schüttele verneinend die Hände, während die Twins grinsend nicken und zu ihren Autos
zurückgehen. Ich aktiviere die optische Vergrößerung und sehe mir an, was sie so in petto haben.
Ich zoome auf maximale Vergrößerung, oha, nicht schlecht, RZA teilt offensichtlich meine
Begeisterung für die SPAS, während Viper eine schwer getunte Ares Alpha trägt. Sie lassen die
Waffen unauffällig verschwinden, und kommen zurück zu Gambit und mir. „So, alles im grünen
Bereich“, grinst uns Viper an, „kann’s dann losgehen?“ Gambit schüttelt unmerklich den Kopf,
„noch nicht ganz, 2 fehlen noch, Blizzard, ein orkischer Hunde-Schamane, und Warrior,,eine
Klaue.“ Hm, OK, also werden wir heute in großer Besetzung auftreten, DAS scheint wirklich
interessant zu werden. „Wir wär’s“, werfe ich in die Runde, „setzen wir uns rein?“ frage ich und
weise auf mein Wohnmobil. „Wir müssen ja nicht auf der Strasse rumstehen.“ Die Twins fangen
an, bis über beide Ohren zu grinsen, offenbar hat ihnen Gambit gesteckt, daß ich im Mobil immer
ein paar Flaschen hervorragenden steinalten Bourbon zu liegen habe. OK, ich deaktiviere das
ATS, und wir steigen ein. Die Twins sehen sich erstmal genau das Interieur an, während Gambit
und ich uns in die Sitzecke am hinteren Ende verdrücken. Als sie sich mit dem Innenleben des
Mobils vertraut gemacht haben, gesellen sie sich zu uns. „Nicht schlecht“, beginnt Viper, „so ein
mobiles HQ hat schon was.“ Ich grinse, „Klar, man ist auf jeden Fall ungebundener, äh übrigens,
einen Drink?“ Obwohl ich die Antwort erwarte, muß ich doch lachen, als von Gambit ein empört
klingendes „Na da regt mich doch schon die Frage an sich auf.“ ertönt. Die Twins lachen
ebenfalls und nicken freudig. Ich hab’s geahnt, na egal, nirgendwo anders lernt man Leute so gut
kennen, wie bei einem gemütlichen Drink. Ich zaubere also eine Flasche Bourbon hervor,
Jahrgang 1891. Flüssiges Gold, wenn Ihr versteht. Gambit lehnt sich entspannt zurück und zündet
seine Pfeife an, während die Twins quasi Maul- und Augensperre kriegen beim Anblick der
Flasche. „Wow, hast Du Beziehungen nach ganz oben“, fragt RZA kopfschüttelnd, „so was
bekommt man doch auf dem freien Markt kaum noch.“ Es ergibt sich innerhalb kürzester Zeit
eine angeregte Diskussion über Beziehungen, Beschaffung und artverwandte Dinge, während wir
genüsslich unsere Drinks schlürfen. Plötzlich signalisieren die Sensoren des Mobils die
Annäherung zweier Fahrzeuge. Sie halten direkt hinter mir, die Fahrer steigen aus. Ein ca. 1,85 m
großer, kräftiger Ork, unverkennbar ein Schamane, und ein genauso großer bulliger Mensch.
Augenscheinlich sind unsere Restkräfte gerade angekommen. Die Beiden kennen sich
offensichtlich, denn sie gehen aufeinander zu und begrüßen sich mit Handschlag. Sie sehen sich
etwas um, dann gehen sie langsam auf Gambits Dodge zu. Als sie die Seitentür meines Mobils
erreicht haben, öffne ich die Tür, und Gambit ruft leise, „Immer herein in die gute Stube.“ Sie
sehen zwar etwas verwundert aus, steigen aber trotzdem ein, offenbar kennen sie die Stimme. Es
folgt eine kurze Vorstellung, wir nehmen noch einen, dann machen wir uns bereit für unseren
Auftritt im wie auch immer der Laden jetzt heißt.
Verdammt, was für ein Loch, ich bin doch immer wieder erstaunt, in welche miesen Locations
man uns zitiert. Die Luft hier ist so dick, daß man sie bequem in Würfel schneiden könnte, es
stinkt nach allem, was der (meta)menschliche Körper so absondern kann. Dementsprechend ist
auch das Publikum, man sieht Angehörige aller Rassen. OK, offensichtlich ist Rassismus hier
kein Thema. Der Laden ist recht gut gefüllt, ca. 40 von ungefähr 55-60 verfügbaren Plätzen sind
besetzt. Bis jetzt sieht alles noch ganz vernünftig aus, keine ungewöhnlichen Aktivitäten. Unser
Problem ist nur, daß es keinen Tisch gibt, an dem 6 Plätze frei sind. Ein einziger Tisch mit 5
freien Plätzen befindet sich am hinteren Ende des Raumes, also steuern wir ihn erstmal an. Die
Leute nehmen kaum Notiz von uns, man ist offensichtlich zu beschäftigt. Es herrscht ein
Höllenlärm, die Jukebox hinter dem Tresen schein auf voller Lautstärke zu laufen, es wird
gezockt, gesoffen und gestritten. An einigen Tischen werden augenscheinlich Geschäfte gemacht,
alles in allem scheint erstmal alles im grünen Bereich zu liegen. Wie gesagt, es fehlt uns also ein
Stuhl, und während wir noch etwas unentschlossen dastehen und überlegen, wer jetzt wen auf
den Schoß nimmt, tritt Gambit an den nächsten Tisch, an dem nach 2 freie Stühle stehen. Zuerst
verstehe ich nicht, was er sagt, der Krawall überdeckt einfach alles. Also aktiviere ich meinen
selektiven Geräuschfilter, und dämpfe alles bis auf unsere Stimmen, inklusive die der am Tisch
sitzenden. Verdammt, es sieht nach Ärger aus. Der offensichtliche Wortführer der Truppe will
keinen Stuhl rausrücken, er schwingt markige Reden und droht Gambit ganz offen. Eine
exorbitant schlechte Idee, wie sich Sekundenbruchteile später zeigen. Denn plötzlich scheint er
überzeugt zu sein, seinen Statements Taten folgen lassen zu müssen. Er greift unter den Tisch und
zieht eine abgesägte, doppelläufige Schrotflinte hervor. Die Mündungen zielen genau auf
Gambits Kopf, während er nur mit einem verhaltenen Lächeln dasteht und die Arme locker an
den Seiten herabhängen lässt. Dann explodiert er regelrecht. Er hält übergangslos eine leichte
Automatik in der Rechten und schießt, ein einziges Mal. Auf der Stirn seines Gegenübers
erscheint ein kleines Loch, genau zwischen den Augen. Die Schrotflinte kracht auf den Tisch, der
Besitzer auf den Boden. Ich höre, wie Gambit nur lakonisch fragt: „Is’ nu frei?“ So kenne ich ihn,
kurz und prägnant. Die Compadres des teuren Verblichenen scheinen nicht ganz schlüssig, wie
sie mit dieser neuen Situation umgehen sollen. Einerseits möchten sie wohl augenscheinlich
etwas unternehmen, andererseits überzeugen sie unsere Waffen, die wir inzwischen auch gezogen
haben, daß dieser Versuch von vornherein zum Scheitern verurteilt wäre. Also einigen sie sich,
daß Gambit einen der inzwischen 2 freien Stühle mitnehmen kann. Na bitte, geht doch. Wir
setzen und also alle, möglichst so, daß wir den gesamten Raum im Auge behalten können.
Gambit muß sich natürlich demonstrativ mit dem Rücken zur Tür hinsetzen, aber irgendwas sagt
mir, daß er trotzdem haargenau weiß, was hinter ihm geschieht. Nachdem wir nun alle sitzen,
beruhigt sich die Lage wieder, und alle gehen wieder ihren Beschäftigungen nach.
Auf einmal taucht eine Art Bedienung an unserem Tisch auf. Wow, eine grazile, rothaarige Elfin,
mit den schönsten meergrünen Augen, die ich je gesehen habe. Daß den anderen Gästen nicht
reihenweise die Augen aus dem Kopf treten wie eine Rolle Drops, liegt offenbar nur daran, daß
sie sich inzwischen die Unterscheidungsmerkmale weg gesoffen haben. Was für eine
Verschwendung, aber vielleicht möchte sie sich ja beruflich verändern. Thrasher, der Boss vom
Rose Tattoo, könnte doch bestimmt etwas Hilfe brauchen, und sowohl finanziell, als auch was
das Ambiente angeht, würde sie sich damit weitaus verbessern. Aber ich greife vor, warten wir
erstmal ab. Der Einfachheit halber bestellen wir einen großen Krug Bier und eine Flasche
Tequila. Ich staune immer mehr, nicht mal eine Minute, dann steht alles vor uns, der Krug, die
Flasche, und die passenden Gläser. Der ganze Spaß kostet gerade mal 36 Nuyen, was mich beim
Gedanken an die zu erwartenden Qualität der Getränke schon das Schlimmste befürchten lässt.
Aber was soll’s, ich hab’ zu meinen Anfangszeiten schon Schlimmeres zu mir genommen, also
kann es so haarig auch nicht mehr werden. Ich übernehme die Rechnung und gebe ihr 50. Als sie
das Wechselgeld herauskramen will, lächle ich, und mache eine ablehnende Geste. Offenbar falle
ich damit weit aus dem hier üblichen Rahmen, denn ihre Augen werden ganz groß. Sie bedankt
sich, und auf mein Statement, ach, leben und leben lassen, lacht sie leise. Ein tiefes, dunkles,
gurrendes Lachen, daß mir eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Plötzlich erfährt unsere
Unterhaltung eine abrupte Unterbrechung, als einige Tische weiter ein Troll anfängt, äußerst
lautstark Nachschub zu verlangen. Sie lächelt mir noch einmal zu, daß mir ganz warm ums Herz
wird, und eilt davon. Kaum ist sie mit den angeforderten Getränken am Tisch angekommen,
versucht der Troll, sie auf seinen Schoß zu ziehen. Sie verspürte offensichtlich keinerlei
Motivation, ihm entgegen zu kommen, aber über solche Kleinigkeiten war unser gehörnter
Freund scheinbar erhaben. Ich spüre, wie meine lange unterdrückte Wut gegenüber Trollen
langsam wieder in mir aufsteigt, immer stärker. Ein Blick zu Gambit, er lächelt süffisant und
nickt einladend, fast unmerklich. Als ich kurz zur Seite sehe, bemerke ich, daß die Hände der
Twins bereits beinahe beiläufig unter ihren Mänteln verschwunden sind, während ihre Blicke
über die Szene gleiten. OK, für Rückendeckung scheint gesorgt zu sein, also, lasst uns tanzen. Ich
stehe abrupt auf und gehe langsam auf den Troll zu. Die anderen Gäste beobachten die Szenerie
zwar interessiert, aber es hat wohl niemand Lust, sich einzumischen. Ich stelle mich seitlich
neben den Troll und sage: „Hey, mein Bester, die Lady hat offensichtlich keinerlei Interesse an
Dir, also behalt’ Deine Hände lieber bei Dir, und alles ist in Ordnung.“ Er lässt kurz von ihr ab,
hält sie aber trotzdem noch fest. Er betrachtet mich von Kopf bis Fuß, als hätte er gerade eine
neue Lebensform entdeckt, dann lacht er laut und polternd. Er beschließt, mich zu ignorierten,
und wendet sich wieder der Elfin zu. Er versucht, an ihrem Tanktop herumzukramen, als mich
endgültig der Geduldsfaden reißt. „Freund, Du verstehst mich offenbar nicht, LASS’ ES!!!“ In
diesem Moment scheint Sie auch endgültig genug zu haben und versetzt dem Trog eine
schallende Ohrfeige. Er reißt seinen rechten Arm hoch, offenbar um zurück zu schlagen. Meine
Rechte schnellt vor und packt sein Handgelenk, noch im Ausholen. Jetzt reicht es ihm scheinbar
auch, er stößt sein Opfer mir der Linken so hart in den Raum, daß sie einen Tisch umreißt und
einen Moment stöhnend liegen bleibt. Er reißt sich los und schnellt von seinem Stuhl hoch, dabei
zieht er blitzschnell eine Art von Morgenstern unter seinem Mantel hervor. Als hätten alle nur
darauf gewartet, verwandelt sich der Raum von einem Augenblick auf den anderen in ein
Schlachtfeld. Der Keeper verschwindet unter dem Tresen, während man sich allgemein auf daran
macht, persönliche Differenzen zu lösen. Kugeln pfeifen durch den Raum, überall schlagen sich
die Leute wie die Kesselflicker. Das zum Einsatz kommende Waffenarsenal ist so vielfältig, wie
die Gäste. Klingen aller Art, bis hin zu einer riesigen Streitaxt, kommen zum Einsatz. Ich kann
gerade noch ausweichen, da fliegt die Stachelkugel an mir vorbei und zertrümmert einem Ork,
der ungünstigerweise gerade hinter mir war, den Schädel. Ich ziehe mein Katana und das
Wakizashi unter dem Mantel hervor, und greife an. Jetzt also zahlt sich mein langjähriges, hartes
Training in Escrima wieder mal aus. Ich webe regelrecht einen stählernen Vorhang um mich,
während ich auf ihn losgehe. Er darf keine Möglichkeit finden seine Kraft auszuspielen, sonst bin
ich verloren. Die Schnelligkeit meines Angriffes überrascht ihn aber scheinbar dermaßen, daß er
erstmal in den Rückwärtsgang verfällt. Er findet keine Möglichkeit, selbst zu agieren, er kann
sich nur verteidigen. Wir umkreisen einander, jeder darauf wartend, daß der Andere einen
entscheidenden Fehler macht. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Viper einem Elfen sein
Messer in die Brust rammt, der darauf zusammenbricht. Gambit und Blizzard haben sich in eine
Ecke zurückgezogen und gestikulieren. Gut, also ich werde also auch ein halbes Auge auf
unseren Schamanen haben, mal sehen, was er so drauf hat. RZA tritt gerade einem Zwerg, der
axtschwingend auf einem Tisch steht, die Beine weg, so daß der rücklings auf die Tischplatte
kracht. Plötzlich spüre ich eine Bewegung hinter mir, mehr als daß ich sie direkt wahrnehme. Ich
mache einen schnellen Schritt zur Seite, wirble herum und reiße die Klingen hoch. Keinen
Moment zu früh, ich kann das Langschwert mit seiner breiten, wuchtigen Klinge gerade noch mit
dem Katana abwehren. Der Typ am anderen Ende, ein Mensch, knurrt wütend und will gerade zu
einem neuen Schlag ausholen, als ich mit dem Wakizashi unter unseren hoch erhobenen Klingen
hindurch zuschlage und er die Kehle aufschlitze. Er bricht zusammen, während ich
herumschnelle, um mich wieder dem Trog zu widmen. Ich sehe schon aus der Drehung die scharf
geschliffenen Stahlstacheln auf mich zurasen, und ich weiß, ich kann sie nicht mehr ganz
abwehren. Ich bereite mich darauf vor, daß sie jeden Moment in meine linke Schulter einschlagen
werden, als ein leises, zischendes Geräusch höre. Der Trog taumelt einen Schritt zur Seite, als ein
schweres Messer direkt seine Achselhöhle trifft und bis zum Heft eindringt. Offenbar hat die
Klinge etwas Wichtiges getroffen, denn sein rechter Arm sinkt herab, während er wütend
aufbrüllt. Aber seine Reflexe scheinen ungebrochen, er wechselt seine Waffe in die linke Hand
und will weiter kämpfen. Jetzt reicht es mir, ich wollte zwar Schusswaffen vermeiden, aber
manchmal muß man eben Prioritäten setzen. Ich lasse die Katana fallen, ziehe die Wildey und
jage ihm eine Salve Flechettes in den Kopf. Das war’s, er fällt einfach um. In diesem Moment
sehe ich eine Gestalt, die mir verdammt bekannt vorkommt. Der Messerwerfer aus dem Rose
Tattoo, so eine Überraschung. Er hat gerade seinen Gegner zu Boden geschickt und nickt mir zu,
während er sich seine Klinge aus dem Trog zurückholt. Er dreht sich noch einmal um, lächelt,
und ist plötzlich verschwunden. Verdammt, der Kerl scheint wirklich ein exzellenter Kämpfer zu
sein, ich hoffe nur, daß sich irgendwann mal die Gelegenheit ergibt, sich in Ruhe zu unterhalten.
Das könnte wahrlich sehr interessant werden. Hm, die Kämpfe flauen etwas ab, es hat wohl
keiner mehr so richtig Lust, weiter zu machen. Langsam trennen sich die Kombattanten
voneinander, und man betreibt Schadensbegrenzung. Als groben Schätzwert könnte man sagen,
5-6 Tote und ein Dutzend mehr oder weniger Verletzte. Ich verstaue also mein Katana also
wieder, und sehe mich nach meinen Chummers um. Ah, sie haben alles, offenbar ohne Schaden
zu nehmen, überstanden. Gut, von den Twins hatte ich nichts anderes erwartet, und unser
Schamane hat sich auch wirklich gut gemacht. Beruhigend zu wissen, daß die Jungs auch allein
auf sich aufpassen können.
Irgendwie scheint die Luft raus zu sein, der Laden lehrt sich langsam. Die Toten und
Verwundeten werden weggeschafft, der Boss macht sich ans Aufräumen. Das Einzige, was mir
doch erhebliche Sorgen bereitet, ist, daß ich die Kellnerin nirgends sehe. Der Chef, dem mein
suchender Blick scheinbar aufgefallen ist, winkt mich zu sich herüber. „Keine Sorge, Riella ist in
Sicherheit“, flüstert er mir zu. „Ich hab’ sie, als es richtig losging, durch den Hinterausgang
rausgeschleust“. Ich atme auf, es geht ihr also den Umständen entsprechend gut. Ich ziehe einen
Checkstick aus der Tasche und schiebe ihn über den Tresen. „Hier, schließlich habe ich ja den
Tanz eröffnet.“ Er schiebt ihn routiniert in ein Lesegerät und sieht plötzlich doch sehr erstaunt
aus. Die 2500 Nuyen auf dem Stick übertreffen seine Erwartungen wohl bei weitem. Er holt eine
Flasche und 7 Gläser unter dem Tresen hervor und schenkt ein. „Für besondere Gelegenheiten“,
sagt er und winkt die anderen heran. Als wir alle am Tresen versammelt sind, hebt er sein Glas
und prostet und zu. Donnerwetter, der Tropfen ist wirklich exzellent, ein alter Brandy. Ich staune
immer mehr, und auch die Anderen sehen doch angesichts der Qualität ziemlich verblüfft aus.
Der Chef grinst über das ganze Gesicht, greift ganz nebenbei in die Westentasche und schiebt mir
einen Zettel zu. Ich werfe einen Blick darauf, und muß unwillkürlich lächeln. „Riella“, steht dort
zu lesen, und eine Telefonnummer. Der Chef grient mich an, „den hat sie für Dich da gelassen,
falls Du sie wieder sehen möchtest. Sie fand es total süß von Dir, daß Du dich so für Sie
eingesetzt hast. Solche Männer trifft man nur äußerst selten.“ Sowas hört man natürlich gern.
„Kein Problem“, erwiderte ich, „ich helfe doch gern, wo ich nur kann.“
Aber irgendwie waren wir doch wohl eigentlich geschäftlich hier, das irritierte mich jetzt doch
etwas. Ich wandte mich Gambit zu und wollte gerade das Wort an ihn richten, als er auf den
Tresen klopfte und uns ansprach. „OK, ihr werdet Euch doch bestimmt fragen, wo der MJ bleibt,
und was wir eigentlich ausgerechnet hier zu suchen haben. Also, passt mal auf, der Job ist bereits
unter Dach und Fach, ich wollte einfach nur mal sehen, wie ihr als Team agiert. Sorry, daß ich es
auf diese Art und Weise getestet habe, aber ich war und bin der Meinung, das ein realer Kampf
die beste Möglichkeit ist, es herauszufinden.“ Für mich war es kein Problem, und wenn ich mir
die Gesichter der Anderen ansah, für sie offenbar auch nicht. „Gut, dann möchte ich Euch,
sozusagen zum Ausklang des Abends ins Rose Tattoo einladen, falls Ihr noch nichts Besseres
vorhabt, “ fuhr er fort, und grinste mich dabei an. Ich grinste nur zurück und schüttelte leicht den
Kopf. „Heute wird sie wohl anderes im Sinn haben, also stehe ich Dir voll und ganz zur
Verfügung“. Also verließen wir die Location, und schlenderten gemächlich zu den Autos. Gambit
lotste uns noch einmal alle in mein Wohnmobil, wo er uns jeden einen Chip übergab, auf dem alle
relevanten Daten, den Job betreffend, gespeichert waren. „So, in 72 Stunden geht es los, bis dahin
könnt ihr Eure Vorbereitungen treffen“, sagte er und lächelte mich dabei so schamlos unschuldig
an, daß ich ihm schon wieder am liebsten die Ohren abgerissen hätte. „Jaja, Du wirst es kaum für
möglich halten, aber ich habe manchmal auch andere Dinge im Kopf“, knurrte ich. „Das weiß
ich, sonst wärst Du nicht hier“, antwortete er leise. Soviel also dazu. „OK, ab in Eure Karren,
und versucht mal, an mir dran zu bleiben“, sagte er noch, dann stieg er aus und bestieg seinen
Dodge. Er wartete noch anstandshalber, bis jeder in seinem eigenen Wagen saß, dann trat er das
Gaspedal voll durch. Der Dodge schoß mit quietschenden Reifen aus seiner Parklücke, gefolgt
von uns, in Richtung Puyallup.
Gut, abgesehen davon, daß ich mir den Ablauf des Abends etwas anders vorgestellt habe, war es
doch gar nicht so übel. Also werden wir jetzt noch versuchen, das Rose Tattoo trockenzulegen.
Und morgen werde ich Riella anrufen und sehen, was sich ergibt. Ich habe es zwar, seitdem ich in
den Schatten lebe, vermieden, eine Beziehung zu führen, aber für diese Frau könnte ich glatt
meine Prinzipien ändern. Aber das wird eine andere Geschichte…………….

Chapter Four

Oh Mann, tut mir die Frisur weh. Ich gehe nie wieder mit diesem Haufen Irrer ins Rose Tattoo.
Wir haben jede Menge Spaß gehabt, und uns wirklich alle Mühe gegeben, den Laden
trockenzusaufen. Aber die Idee, mit diesen 2 Zwergen um die Wette zu schlucken, war definitiv
nicht unsere Beste. NIE WIEDER!!! Ich muß unter die Dusche, das könnte jetzt glatt als
lebenserhaltende Maßnahme durchgehen. Also quäle ich mich aus dem Bett und schlurfe
gemächlich ins Bad. Hm, wie jetzt weiter? Mein Körper verlangt irgendwie nach einer warmen
Dusche, während mein Verstand (oder das, was davon noch übrig ist) vehement für eiskaltes
Wasser plädiert. Ich schaue zweifelnd die Dusche an, schüttle den Kopf und drehe den
Kaltwasserhahn mit einem Ruck bis zum Anschlag auf. Drek, das konnte doch nicht gut gehen,
ich habe das Gefühl, ich würde langsam einlaufen. Aber ganz langsam taucht irgendwo aus dem
Alkoholnebel mein Gehirn wieder auf. Gut, jetzt reichts aber auch, soviel Gutes auf einmal kann
ja auch schaden. Also, raus aus der Dusche, ab in die Küche, Frühstück. 2 Stunden, eine Kanne
Kaffee, ein reichhaltiges Frühstück und 3 Zigaretten später fühle ich mich wieder topfit. OK, es
gibt viel zu tun. Ich wollte doch noch jemanden anrufen. Riellas Nummer, verdammt, wo hab’ ich
sie hingesteckt? Eigentlich müsste der Zettel irgendwo in meinem Klamotten stecken, die ich
beim Ausziehen in den frühen Morgenstunden großzügig in der Wohnung verteilt hatte. Beim 3.
Anlauf werde ich in meiner rechten Westentasche fündig. Ich übertrage die Nummer
vorsichtshalber in meine Datenbank und verbrenne den Zettel.

Es ist mittlerweile 12:38 Uhr, also mal sehen. Als wir aus dem namenlosen Etwas verschwunden
sind, war es ca. 00:00 Uhr. Wer weiß, wann sie ins Bett gekommen ist, also warte ich lieber noch
2 Stunden, ich will sie schließlich nicht aus dem Bett klingeln. Also sammle ich meine restlichen
Klamotten ein, hänge sie in den Kleiderschrank, und mache das Bett. Dann nehme ich meine
Waffen und zerlege sie komplett. Durchsicht, reinigen, neu aufmunitionieren, Kontrolle der
SmartLink-Parameter. OK, fertig, ich baue sie wieder zusammen und verstaue sie im
Waffenschrank. Inzwischen ist es 14:17, ich braue mir noch eine Kanne Kaffe, stecke mir eine
Zigarette an, setze mich an mein Terminal und wähle. Bein 2 Klingeln geht sie schon ran, und auf
dem Display erscheint ihr Gesicht mit einem Lächeln, das die Polarkappen der Erde problemlos
schmelzen lassen könnte. Ich bin einfach nur hin und weg. Ich überlege noch, was ich sagen soll,
als sie mir schon zuvor kommt. Wir plaudern einfach drauf los, über Gott und die Welt, alles, was
uns gerade so einfällt. Und je länger wir reden, desto mehr fällt mir auf, daß sie unheimlich
intelligent ist. Sie kennt sich mit den unmöglichsten Sachen aus, und ich komme aus dem
Staunen gar nicht mehr heraus. Es ist einfach nicht zu fassen, eine schöne UND intelligente Frau.
Kurz und gut, wir verabreden uns für den nächsten Abend. Bis dahin habe ich noch Einiges zu
erledigen. Ich rufe Trasher an und frage vorsichtig nach, ob er im Rose Tattoo eventuell Hilfe
brauchen könnte. Zu meiner Freude sagt er mir, daß ihm der Trubel langsam etwas über den Kopf
wächst und er schon länger mit dem Gedanken spielt, jemanden einzustellen. Ich erzähle ihm von
Riella, und sagt mir zu, daß sie, Interesse vorausgesetzt, den Job haben könnte. Fantastisch, der
erste Schritt wäre also erledigt. Als nächstes werde ich erstmal herausfinden müssen, ob Riella
überhaupt an einer beruflichen Veränderung gelegen ist. Dann kann ich weitersehen.

Jetzt gilt es aber zuerst, einen Job vorzubereiten. Ich sichte die Daten auf dem Chip, den mir
Gambit übergeben hatte. Hm, das klingt erstmal nicht allzu wild. Ein Decker hat bei seinem
letzten Auftrag Daten zur eigenen Verfügung gestohlen, entgegen der ausdrücklichen Weisung
des Auftraggebers. Dieser Datendiebstahl wurde allerdings bemerkt, und jetzt haben sowohl der
MJ, als auch der Decker ein Problem. Unsere Aufgabe wird es sein, die gestohlenen Daten zurück
zu holen, und, falls möglich, den Decker gleich mitzunehmen. Unser Auftraggeber würde ihm
gern noch persönlich einige Fragen stellen. Also dann. Ich suche als erstes in öffentlich
zugänglichen Datenbanken nach Verweisen auf den Decker. Nachdem ich dort nicht fündig
werde, logge ich mich im ShadowNet ein. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn ich hier
nichts finde. Na bitte, es dauert keine 10 Minuten, dann finde ich einige Querverweise auf ihn.
Ich speichere alle relevanten Daten und logge wieder aus. Also, schauen wir mal. Er wohnt in
Puyallup, eine ziemlich ruhige Ecke. Ungünstigerweise ist es eine Eckwohnung, so daß er
garantiert beide Straßen unter Videoüberwachung hat. Wir werden also nicht den direkten Weg
nehmen können. Das Kartenmaterial, das mir vorliegt, gibt mir genügend Möglichkeiten, bis zu 3
Alternativ-Routen auszuarbeiten. Ich mache mich auf den Weg und sehe mir alle 3 Möglichkeiten
in Ruhe an, OK, alle sind durchgängig begehbar, unserer An- und Abreise steht also nichts im
Weg. Als ich wieder zuhause bin, suche ich mir Baupläne zusammen, die unser Zielgebiet zeigen.
Ich habe Glück, die neuesten Pläne sind gerade mal 1 Woche alt. Ich studiere genau den Verlauf
von Kellern, Dachböden und Dächern. Ideal geradezu, es gibt Dutzende Möglichkeiten, sich dort
ungesehen fortzubewegen. Als nächstes wäre die Frage zu klären, wie wir uns am besten Zutritt
verschaffen. Decker haben schon von Berufs wegen oftmals ein geradezu paranoides
Sicherheitsbedürfnis, und das mit gutem Grund. Wenn der Geist in der Matrix schwebt, ist der
Körper äußerer Einwirkung jeder Art schutzlos ausgeliefert. Jeder Punk mit einem billigen, halb
verrosteten Küchenmesser kann sich in aller Seelenruhe neben Dich stellen und Dir die Kehle
durchschneiden, ohne daß Du auch nur das Geringste dagegen unternehmen kannst. Also sollte
man seinen Standort adäquat absichern. Es ist nur im eigenen Interesse. Also werden wir auf
jeden Fall MagSchloß-Knacker brauchen, ein Cyberdeck, Elektroniktools und einen White-
Noise-Generator. Sollte alles nicht helfen. Müssen wir die Tür wahrscheinlich aufsprengen. Für
diesen Fall packe ich 10m PrimaCord ein, eine Art Sprengkabel. Relativ neu auf dem Markt, aber
seinen Preis definitiv wert. Auf der unteren Seite des Kabels ist eine Markierung in das Kabel
eingearbeitet. Diese Markierung sollte auf dem zu sprengenden Material aufliegen. Durch eine
neuartige Verdämmung erzeugt das Kabel bei der Zündung einen Gasstrahl, der sich mit bis zu 10
000m/s durch das Material brennt. Der große Vorteil gegenüber konventionellem Sprengstoff ist,
daß die ganze Sache bis auf ein Zischen keine weiteren Geräusche erzeugt, also auch ideal für
unsere Zwecke. Die Datenbank des Hausbesitzers zeigt, daß unser Zielobjekt in der 1. Etage
wohnt, als einziger Mieter. Offensichtlich hat er es gern etwas ruhiger, denn selbst in den Etagen
über und unter ihm wohnen nur wenige Leute. Das gibt uns etwas mehr Freiraum bei der Wahl
unserer Mittel. Soweit, so gut. Als nächstes ist mein Schieber fällig, ich fahre hin oder rüste etwas
auf. Eine GunCam, ein paar HE-Granaten, 500 Schuß APDS, etwas C12. Außerdem überrascht er
mich mit dem neuesten Spielzeug, daß er gerade erst vor 2 Stunden geliefert bekommen hat. Eine
Ares Alpha, schwer modifiziert. 2 Läufe mit voneinander unanhängiger Munitionszufuhr,
halbautomatischer Granatwerfer mit 10 Granaten, vergrößerte Magazine, je 50 Schuß, interne
Rückstoßdämpfung, schwerere Läufe, erhöhter Schaden, SmartLink 2, Schalldämpfer,
Geräuschdämpfung, das volle Programm. Sie liegt hervorragend in der Hand, wie für mich
gemacht. Traxx, dem meine Begeisterung nicht entgeht, bietet mir ein Probeschiessen an. Da bin
ich doch dabei, wir gehen in seinen Keller, der einen Teil seines Lagers und einen Schießstand
beinhaltet. Er drückt mir 2 volle Magazine in die Hand, macht eine einladende Geste zu den
Zielen hin und wünscht mir gute Unterhaltung. Also dann, Magazine in die Schächte, durchladen,
Zielerfassung, Feuer. Fantastisch, sie liegt in der Feuerlinie wie ein Brett, wandert kaum aus. OK,
die Ziele sehen aus wie Teesiebe, das SmartLink wirft die leeren Mags aus, und ich bin
beeindruckt. Gut, jetzt kommt der schwierige Teil, wir müssen uns über den Preis einigen. Nach
fast 2 Stunden haben wir uns endlich geeinigt, das gute Stück wechselt den Besitzer. Es hat zwar
ein Teil meiner Ersparnisse aufgefressen, aber manchmal muß man eben Prioritäten setzen.

20:00 Uhr, wir treffen uns bei mir. Die Truppe ist vollzählig vorhanden, jeder legt seine
Ergebnisse vor. Wir besprechen unseren Modus Operandi, und einigen uns darauf, uns getrennt
ins Zielgebiet zu begeben. Als Treffpunkt wir das Dach des Nachbarhauses fixiert. Dann geht es
darum, wer was tut. Da ich am schwersten vercybert bin, werde ich zusammen mir Viper in der
ersten Reihe sein. RZA deckt uns in Richtung Flur, Warrior in Richtung der Fenster. Gambit
bleibt als „schnelle Eingreiftruppe in Reserve, Blizzard hält sich im Hintergrund und unterstützt
uns magisch. Damit sind die Rollen verteilt. Wir diskutieren noch mehrere Szenarien, um für alle
Eventualitäten vorbereitet zu sein. Danach trennen wir uns bis zum Einsatz. Übermorgen um
18:30 Uhr werden wir alle am Treffpunkt sein, bis dahin herrscht Funkstille. Es ist jetzt 00:04
Uhr, etwas Ruhe könnte mir bestimmt nicht schaden. Also dusche ich und verschwinde ins Bett.
Der nächste Vormittag, ich habe fast 11 Stunden geschlafen und fühle mich zum
Bäumeausreissen. Ich genehmige mir ein ausgiebiges heißes Bad und ein opulentes Frühstück.
Ich checke die News-Channels nach verwertbaren Infos, treibe mich etwas in der Matrix herum,
lege mir mein Outfit für heute Abend zurecht. Meine Wahl fällt auf einen nachtblauen Armante
Executive Suit, dazu passende Schuhe und ein mattsilbern schimmerndes Oberhemd mit einer
passenden, dezent gemusterten Krawatte. Die schwere Artillerie bleibt zuhause, ich nehme nur
mein Kampfmesser in einem Wadenholster und die Wildey in einem Tarnholster unter der linken
Achsel mit. Das sollte für die gröbsten Ungelegenheiten ausreichen. 16:29, ich verlasse meine
Wohnung und fahre mit meinem Zweitwagen, einem schwer modifizierten BMW 985 i, nach
Downtown, denn ich habe noch einige Kleinigkeiten zu besorgen. Zu dieser Luxuskarosse kam
ich vor einiger Zeit wie die Jungfrau zum Kind. Er fiel bei einem meiner letzten Jobs, den ich
nur mit Gambit im Team erledigte, als Sekundär-Beute an. Und da Gambit aus unerfindlichen
Gründen deutschen Autos nichts abgewinnen kann, konnte ich das Teil einsacken. Manchmal
muß man eben einfach auch nur Glück haben. Jedenfalls macht das gute Stück mit seinen
22“-Niederquerschnittsreifen und der neuen, nachtblauen Lackierung schon was her.

In der Mall angekommen, parke ich den Wagen und sehe mich erstmal um. Ah, da drüben sehe
ich schon mal einen Blumenladen, genau das, was ich gesucht hatte. Ich nehme einen Strauß
wundervoller Orchideen und lasse sie mir stilvoll dekorieren und verpacken. Die Angestellte,
eine Zwergin mit erstaunlich flinken Händen, ist wahrlich eine Meisterin darin, es sieht einfach
fantastisch aus. Auf dem Rückweg zum Parkdeck fällt mir ein kleiner, unscheinbarer Laden ins
Auge, eine Art Trödler. Der Geier weiß, wie er es geschafft hat, hier eine Lizenz zu erhalten.
Aber auf jeden Fall gibt es dort etwas, was sofort meinen Blick auf sich zieht. Eine silberne
Brosche, zumindest dem Aussehen nach ein ziemlich altes Stück, das ein filigranes
Rankenmuster darstellt. Gesehen, gekauft. Der Händler ist ein recht kulanter Bursche, wir werden
uns schnell einig. Ich befestige die Brosche vorsichtig an der Klarsichtfolie, die die Orchideen
umhüllt, betrachte das Szenario einen Moment und bin zufrieden. Jetzt hoffe ich nur noch, daß
Riella Orchideen und Silber mag. Abwarten und Tee trinken, wir werden sehen. Ich rufe noch
schnell im Yakamoto an, einem kleinen, aber feinen japanischen Restaurant. Ich bestätige die
Reservierung für einen Tisch für 2 Personen. Alles klar, es ist 19:01, ich kann mich also langsam
auf den Weg machen. Bis zu Riellas Wohnung brauche ich ca. eine halbe Stunde, also mache ich
mich langsam auf den Weg.
Es dauert doch etwas länger als erwartet, weil irgendein Freak der Meinung war, seinen Saab
Dynamit mit ca. 120 km/h in einen LoneStar-Wagen setzen zu müssen. Mitten auf der Kreuzung
liegt ein Knäuel aus verbogenem Blech, ein Wunder, daß da drin jemand überlebt hat. Na ja, ca.
20 Minuten kostet mich der ganze Spaß, jetzt aber los. Puh, geschafft. Es ist 19:49 und ich halte
genau vor ihrer Haustür. Ich nehme den Strauss vom Beifahrersitz und steige aus. Ich stehe
gerade vor der Beifahrertür, als sich die Haustür öffnet und Riella heraustritt. Sie sieht einfach
hinreißend aus. Sie trägt hautenge, schwarze Lederhosen, kniehohe, schwarze Wildlederstiefel
mit ganz flachen Sohlen und ein weites, halb transparentes, schwarzes Piratenhemd. Darüber
einen knöchellangen, schwarzen Ledermantel. Ihre kupferrote Mähne trägt sie auf der linken
Seite streng zurückgekämmt, auf der rechten wallt ihr Haar frei über die Schulter, wobei es auch
einen Teil ihres Gesichtes verdeckt. Sie ist kaum geschminkt, nur ihre wundervollen, meergrünen
Augen sind etwas betont. Ich kann meinen Blick einfach nicht abwenden, möchte dieses Bild in
mich aufnehmen, in mein Gedächtnis einbrennen, um es nie wieder zu vergessen.
Wir gehen aufeinander zu, und als wir voreinander stehen, zaubere ich den Blumenstrauß hinter
meinem Rücken hervor. Sie bekommt, große, erstaunte Augen, „Für mich?“, und ich bringe kein
Wort heraus, nur ein verlegenes Nicken gelingt mir. Sie strahlt mich an, „Danke, das ist soo lieb
von Dir.“ Sie befestigt die Brosche an ihrem Hemd, schaut prüfend an sich herab und dreht sich
dann mit einem koketten Lächeln von einer Seite zur anderen. Ein fragender Blick von ihr, „Wie
für Dich geschaffen“, antworte ich. Sie tritt auf mich zu und haucht einen Kuss auf meine Lippen,
der mich regelrecht in Flammen aufgehen lässt. „Danke, “ flüstert sie mir leise ins Ohr, „das ist
das schönste Geschenk, daß ich jemals bekommen hab’.“ Dann tritt sie einen Schritt zurück und
lächelt. „Und, was machen wir jetzt?“ Ich mache ein nachdenkliches Gesicht. „Hm, wie wäre es
mit einen kleinen Diner?“ Sie nickt begeistert. „Wundervoll, ich sterbe vor Hunger.“ „Dann aber
schnell, das kann ja schließlich auch keiner wollen“, antworte ich und öffne die Beifahrertür. Ich
nehme ihre Hand und helfe Riella beim einsteigen. Dann steige auch ich ein, und los geht’s. Ca.
20 Minuten später halten wir vor dem Yakamoto.

Das Yakamoto macht von draußen einen eher unscheinbaren Eindruck, aber das täuscht, und zwar
gewaltig. Kaum hat sich die Eingangstür hinter einem geschlossen, fühlt man sich in eine andere
Welt versetzt. Alles strahlt eine geradezu unheimliche Ruhe und Gelassenheit aus. Indirekte
Beleuchtung, gedämpfte Musik, und das Design erinnert an eine japanische Berglandschaft. Der
Boden wirkt wie unbehauener Fels, es gibt Mulden und Erhebungen, in der Mitte des Raumes
erhebt sich ein ca. 4m hoher Felsblock, aus dem ein kleiner Wasserfall sprudelt. Es gibt viele
Ecken und Winkel, die den Raum etwas unübersichtlich machen, aber eine Atmosphäre von
Abgeschiedenheit und Ruhe erzeugen. Obwohl man den gesamten Raum mit vielleicht 2 Dutzend
Schritten durchqueren könnte, wirkt er aufgrund der verwinkelten Struktur und der natürlichen
„Separees“ wesentlich größer. Keine besonders gute Location für ein Gefecht, stelle ich am
Rande fest, kaum freies Schussfeld, zu großes Risiko, Unbeteiligte zu treffen. Aber das ist jetzt
sekundär, schließlich bin ich aus anderen Gründen hier. Antoine, der Maitre, begleitet uns zu
unserem Tisch. Ich habe ein stilechtes, 9-gängiges TeppanYaki-Menü geordert, am Tisch
zubereitet, wie es sich gehört. Wir haben kaum Platz genommen, da erscheint auch schon wie aus
dem Nichts der Ober, ein Zwerg mir unverkennbarem Hang zur Weitschweifigkeit. Die nächsten
8 Minuten gehören erstmal Ihm, er erklärt Zutaten und Zubereitung der einzelnen Gänge und gibt
gleich dazu unaufdringlich Ratschläge zur Wahl der passenden Getränke. Wir überlassen uns
ganz seinem fachmännischem Urteil und ordern, was er uns empfiehlt. Eine gute Wahl, wie sich
herausstellen sollte. Kaum ist es mit unserer Bestellung davongeeilt, tritt auch schon der Koch an
den Tisch. Er schiebt einen kleinen Wagen vor sich her, auf dem alles untergebracht ist, was er in
den nächsten Stunden benötigt. Er stellt sich vor, Meister Watanabe, und beglückwünscht uns zu
unserer Wahl. Was dann folgt, lässt sich mit Worten nur schwer erklären. Seine Messer beginnen
einen rasanten Tanz auf der im Tisch eingelassenen Herdplatte, so daß es selbst mir mit meinen
verdrahteten Reflexen schwer fällt, den blitzenden Klingen zu folgen. Es ist einfach eine
Augenweide, Meister Watanabe bei der Zubereitung unseres Essens zuzusehen. Er beherrscht
sein Instrumentarium perfekt, lässt keinen Augenblick Langeweile aufkommen. Ist ein Gang
fertig und serviert, tritt er einen Moment zur Seite, um uns genügend Zeit zum Genießen seiner
Kreationen zu lassen. Auf Riellas verwunderten Blick erklärt er, daß man die Sinneseindrücke
nicht mischen sollte, deshalb beginnt er erst mit der Zubereitung eines neuen Ganges, wenn der
vorherige beendet ist. So wären wir wieder aufnahmefähiger für seine Kunst und das Essen
verkäme nicht zur puren Nahrungsaufnahme, sondern wäre ein Fest, daß alle Sinne anspricht.
Es dauert fast 4 Stunden, bis wir alle 9 Gänge abgearbeitet haben, dann lässt Meister Watanabe
ein letztes Mal seine Klingen durch die Luft wirbeln und lässt sie elegant in die am Wagen
angebrachte Haltevorrichtung gleiten. Er verneigt sich und verleiht seiner Hoffnung Ausdruck,
daß wir seine Darbietung und das Mahl genossen haben. Wir bedanken uns für die angenehmen
Stunden, die er uns bereitet hat. Ich stehe auf, gehe zu ihm und schüttle ihm die Hand. Dabei
lasse ich unauffällig einen Checkstick den Besitzer wechseln und versichere ihm, daß wir uns
bestimmt wieder sehen werden. Er verbeugt sich tief, wünscht uns noch einen angenehmen
Abend und verschwindet. Wir entschließen uns, an die Bar zu wechseln, um den Abend mit ein
paar Cocktails ausklingen zu lassen. Wir sitzen und plaudern angeregt über Gott und die Welt,
und die Zeit vergeht wie im Fluge. Auf einmal ist es 2 Uhr, und wir beschließen, den Abend zu
beenden. Ich begleiche die Rechnung, danke Antoine für den wundervollen Abend, dann
verlassen wir das Yakamoto.

Im Wagen angekommen, schenkt mir Riella ein zauberhaftes Lächeln. „Und, was machen wir
jetzt?“ fragt sie. „Hm, ich hab’ da so eine Idee“, antworte ich, „lass’ Dich überraschen.“ Ich
bringe uns nach Fort Lewis, wo ich vor einiger Zeit in einen Park ein fantastisches Plätzchen
entdeckt habe. Dort angekommen, öffne ich den Kofferraum und hole ein in eine Decke
gewickeltes Paket hervor. Wie schlendern Hand in Hand durch den Park, ca. 10 Minuten. Dann
kommen wir vor einen Hügel an, der offensichtlich völlig zugewachsen ist mit einer scheinbar
undurchdringlichen Dornenhecke. Kein Problem, wenn man weiß, wie es geht. Ich greife soweit
in die Hecke, bis ich einen Ast ertaste, und ziehe ihn langsam zur Seite. Plötzlich gibt die gesamte
Seite der Hecke nach und es öffnet sich ein schmaler Spalt, gerade breit genug um einen normal
gewachsenen Menschen durchzulassen. Ich drehe mich um und lächle Riella zu. „Bitte
einzutreten.“ Mit der Grazie und Geschmeidigkeit einer Katze gleitet sie durch die Lücke, ich
folge ihr und lasse sich die Lücke hinter mir wieder schließen.
Der Platz, den wir jetzt betreten, wirkt wie aus einen alten Märchenbuch entnommen. Ein
wuchtiger Felsen dominiert die gesamte Szenerie. Durch natürlich Erosion hat sich im vorderen
Teil eine Form gebildet, die an eine große, in Stein geformte Couch erinnert. Der gesamte Boden
ist dick mit Moos bewachsen, so daß man das Gefühl hat, auf einem edlen Perserteppich zu
gehen. An der rechten Seite des Felsens tritt eine Quelle hervor, die mit einem leisem Plätschern
über das Gestein strömt und sich am Boden in einer Art von natürlichen Reservoir sammelt,
bevor sie im Boden versickert. Um den Anblick abzurunden, ist die gesamte Hecke mit einem
Gewächs durchsetzt, daß gerade blüht und den ganzen Ort mit einem dezenten Duft nach wilden
Blumen umhüllt. Ich breite die Decke aus und öffne die darin eingerollte Kühlbox. Darin
befinden sich eine Flasche Champagner, eine Schale mit frischen Erdbeeren und 2 Gläser. Ich
stelle die Schale auf die Decke, öffne die Flasche und schenke 2 Gläser ein. Die Flasche lehne ich
so an den Felsen, daß sie vom herabfließenden Wasser umströmt wird und damit gut gekühlt
bleibt. Ich reiche Riella ein Glas, dann nehmen wir Platz. Ich lehne mit dem Rücken an Felsen,
Riella legt ihren Kopf an meine Schulter, ich lege meinen Arm um sie. So liegen wir wortlos da
und genießen einfach nur das Zusammensein. Wir brauchen keine Worte, ein Blick, eine sanfte
Berührung, ein Gedanke genügen uns. Der Vollmond steht im Zenit und taucht die Szene in ein
mildes, silbriges Licht, die Sterne funkeln am wolkenlosen Himmel, und zum ersten mal nach
langer Zeit, fühle ich, wie die ständige Anspannung, in der ich als Runner nun mal lebe, völlig
von mir abfällt. Ich bin nur noch ein Mann, der die Frau, die er liebt, in den Armen hält. Ich
möchte diesen Moment ewig festhalten, ihn nie wieder vergehen lassen.
Offensichtlich fordert der Tag bei Riella seinen Tribut, denn ihr ruhiger, gleichmäßiger Atem
verrät mir, daß sie eingeschlafen ist. Dann lasse auch ich mich endgültig fallen, und Dunkelheit
umfängt mich.

Irgendetwas kitzelt meine Nase. Ich werde wach, und wedle mit der Hand herum, um, was auch
immer es sein mag, zu vertreiben, aber ohne Erfolg. Ich werde langsam munter, öffne die Augen
und sehe Riella. Sie liegt mit dem Oberkörper auf mir und kitzelt meine Nase mit einer Strähne
ihres Haares. Sie strahlt mich an und wünscht mir einen wunderschönen Morgen. Dabei spricht
sie ganz leise, ein Flüstern fast nur, als wolle sie den Zauber diese Ortes nicht zerstören. Wir
bleiben noch etwas liegen, schweigend, und hängen unseren Gedanken nach. Irgendwann erheben
wir uns, packen die Sachen zusammen und verlassen diesen wunderbarem Ort. Auf der Rückfahrt
fällt kein einziges Wort, wir sind noch zu sehr gefangen. Als wir vor Riellas Haus ankommen
steige ich mit aus und begleite sie zur Tür. Sie sieht mich fragend an, „sehen wir uns wieder?“
Ich lächle sie an, „aber natürlich, sehr gern.“ Und noch bevor ich weiter sprechen kann, umarmt
sie mich, presst sich an mich, und dann verschmelzen unsere Lippen in einem endlosen,
zärtlichen Kuss. Irgendwann lösen wir uns fast widerwillig voneinander und schauen uns lange in
die Augen. Ich erkläre ihr leise, daß ich heute Abend einen Job zu erledigen habe und sie sich
keine Sorgen machen soll, falls sie 2-3 Tage nichts von mir hört. Ich muß ihr versprechen, mich
sofort zu melden, wenn ich wieder da bin, dann trennen wir uns. Sie lächelt mir ein letztes mal,
dann schließt sich die Tür hinter ihr. In mir kommt der dringende Wunsch auf, irgendetwas
Verrücktes zu tun. Ich fühle mich wie ein Gott, könnte Bäume ausreißen und Berge versetzen. Ich
lehne mich an den Kotflügel, stecke mir eine Zigarette an und genieße dieses Gefühl, von dem
ich dachte, ich hätte es vor langer Zeit verloren.
Ganz langsam pegelt sich mein Herzschlag wieder auf ein normales Niveau ein, das Gefühl aber
bleibt. Ich bin verliebt, sie hat mich voll erwischt, mitten ins Herz.
Mit diesem fantastischen Gefühl steige ich ins Auto und fahre heimwärts, denn ich habe ja noch
einen Job zu erledigen.

Es ist 10:34, als ich ankomme. Ich ziehe mich aus und stelle mich unter die Dusche. Das heiße
Wasser macht mich schläfrig, also lege ich mich hin, nachdem ich den Wecker zu 16:00 Uhr
gestellt habe. Als der Wecker loslegt, bin ich sofort hellwach. Ich springe aus dem Bett, dusche
eiskalt und esse erstmal eine Kleinigkeit. Dann lege ich meine Ausrüstung zurecht. Ich ziehe
mich an, dann checke ich nochmals meine üblichen Quellen, um zu sehen, ob es irgendwelche
News gibt, die das Zielgebiet betreffen. K, offenbar hat sich am Status Quo nichts geändert, also
bleibt alles beim Alten. Nun zur Ausrüstung. Ich munitioniere meine Waffen auf, verstaue die
Wildey und die Urban Combat und mein Kampfmesser am Mann, während die Ares Alpha und
die technische Ausrüstung in einer stabilen Cordura-Tasche verschwinden. Ein paar HE-Granaten
und diverse Trauma-, Antidot- und Slap-Patches vervollständigen das Ensemble. Es ist
mittlerweile 18:39 Uhr, also mache ich mich auf den Weg. Ich weiß nicht genau, wie lange ich bis
zum Erreichen des Treffpunktes brauchen werde, deshalb lasse ich mir lieber ein kleines
Zeitpolster. Ca. 25 Minuten später stelle ich meinen Wagen einige Blocks vom Zielgebiet entfernt
ab, in einer kleinen Nebengasse. Von hier geht’s zu Fuß weiter. Ich betrete das Haus links von mir
und begebe mich in den Keller. Dort bleibe ich stehen und packe die Tasche aus. Ich lege das
TactiCom an, installiere die Verbindung und bekomme sofort 4 weitere Signale. Exzellent, die
anderen sind auch schon auf dem Weg. Ich verstaue meinen Scanner in der rechten Manteltasche,
den White Noise- Generator in der linken. Die Tasche lässt sich bequem zu einem handlichen
Päckchen zusammenlegen, daß dann unter meinem Mantel verschwindet. Damit habe ich die
Hände frei für die Ares Alpha. Ich siehe mir eine schwarze Kevlar-Sturmhaube über den Kopf,
dann bin ich einsatzbereit. Als letzte Amtshandlung hole ich den Scanner aus der Tasche,
befestige ihn an meiner taktischen Weste und verbinde ihn mit meiner Datenbuchse, dann mache
ich mich auf den Weg. Es ist zwar stockdunkel hier, aber meine Augensysteme ermöglichen mir
eine problemlose Orientierung. Restlichtverstärkung, Infrarot und Ultrasound übereinander
gelegt, so bekomme ich ein gestochen scharfes Bild von der Umgebung, als wäre alles hell
erleuchtet. Ich bewege mich langsam und vorsichtig, denn ich will keine versteckten Sicherungen
übersehen. Der Scanner schickt regelmäßige Signale, keinerlei technische Aktivität in meiner
Nähe. Ich arbeite mich langsam durch die dunklen Gänge, immer auf eine Überraschung gefasst.
Aber es bleibt alles ruhig, und so komme ich gut voran. Ich muß nur 2 einfache Zylinderschlösser
knacken, dann betrete ich unser Zielgebiet. Gambit, Viper und RZA sind schon vor Ort, Blizzard
müsste jeden Moment eintreffen. Es dauert keine Minute mehr, dann sind wir komplett. Wir
sprechen nochmals unser Vorgehen ab, dann beginnt der eigentliche Einsatz. Wir betreten das
Treppenhaus und schleichen langsam die Treppe hinab. Der Scanner verhält sich immer noch
ruhig, alles bewegt sich innerhalb der normalen Parameter. Gut, wir sind da, jetzt wird es ernst.
Eine letzte Tür vom Treppenhaus zur Etage. Ich führe eine Faseroptik unter der Tür hindurch und
kontrolliere den Flur. Nichts, also fahre ich sie wieder ein und öffne lautlos die Tür. Am Ende des
Flures liegt die Wohnung unseres Zielobjektes, also schleichen wir langsam über den Flur, in
einer Formation, die es uns erlaubt, das gesamte Terrain vor und hinter uns zu sichern. Noch 10
m, noch 5, dann sind wir da. Während wir in Stellung gehen, bewegt sich plötzlich die Tür und
öffnet sich einen Spalt. Sofort sind unsere Waffen im Anschlag, aber es passiert nichts. Es ist kein
Laut zu hören, außer einem undefinierbaren Geräusch im Hintergrund. Irgendwas stimmt hier
nicht, also bleibt uns wohl nichts außer einem Dynamic Entry. Wir verständigen und mit Gesten,
jeder nimmt seinen Platz ein, dann gehen Viper und ich neben der Tür in Stellung. Viper drückt
vorsichtig gegen die Tür, während ich meine Waffe in den Anschlag hebe. Die Tür schwingt
langsam zurück, und wir gehen rein. Wir hechten in den Korridor, rollen sauber ab und haben
schon in der Bewegung wieder unsere Waffen im Anschlag. Wir sicher den Flur und arbeiten uns
langsam vor. Immer noch herrscht eine geradezu gespenstische Ruhe, während wir langsam auf
den Wohnbereich zusteuern. Ich strecke meine Waffe blitzschnell um die Ecke und erfasse mit
der GunCam das Zimmer, dann ziehe ich sie zurück. Viper tut dasselbe auf seiner Seite. Wir
nicken uns zu, Safe. Wir gleiten lautlos ins Zimmer, das Geräusch wird unmerklich lauter. Eine
Anbauwand, die gleichzeitig als Raumteiler dient, versperrt uns die Sicht. Während Viper sichert,
mache ich einen schnellen Schritt um die Anbauwand herum, und erstarre für einen Moment. Ich
habe unser Zielobjekt lokalisiert, zumindest das, was von ihm übrig ist. Er hängt in einem
bequemen Drehsessel, der Kopf ist sauber abgetrennt. Das Geräusch, das wir die gesamte Zeit
über hörten, war das Tropfen seines Blutes.
Das Bild wird über das TactiCom übertragen so daß alle in diesem Moment dieses Bild zu sehen
bekommen. Ich höre ein unterdrücktes Fluchen, dann sofort wieder Ruhe. Viper schließt zu mir
auf, wir unterziehen den Raum einer kurzen, aber gründlichen Untersuchung. Dann plötzlich
bricht die Hölle los. Die Fenster splittern, und wir werden unter Feuer genommen. Viper springt
zur Seite und lässt sich fallen, während ich nach vorn hechte, abrolle und direkt unter den
Fenstern zu liegen komme. Verdammter Drek, wer auch immer es ist, wer hat offensichtlich ein
schweres Maschinengewehr mit ausreichend Gurt-Munition dabei. Ein schier endloser Feuerstoß
verwandelt das Mobiliar in kleine Splitter, während periodisch die Geschosse aus irgendeiner
großkalibrigen Waffe fast kopfgroße Löcher in die Wände reißen. Ok, ich tippe auf ein Barrett
M82A1, das würde in Kadenz und Wirkung hinkommen. Ein gottverdammter Sniper auch noch,
das hat uns gerade noch gefehlt. Im Moment sind wir festgenagelt, so kommen wir hier nicht
weg. Plötzlich höre ich auch von draußen Schüsse, offenbar sind auch RZA, Gambit und
Blizzard in ein äußerst heftiges Feuergefecht verwickelt. Irgendjemand hat sich offenbar größte
Mühe gegeben, uns auf ein für ihn günstiges Terrain zu bekommen. Aber so schnell kriegt man
uns nicht, wir sind schließlich auch keine Anfänger mehr. Ich aktiviere die Faseroptik und
schiebe sie langsam an der Wand hoch, dann vorsichtig über die Fensterbank. Ich sehe das Haus
auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Im 2 Stock steht ein Fenster offen. Ich zoome hinein,
und was ich dort zu sehen bekomme, kann ich im ersten Moment einfach nicht glauben. 2
Männer in Tarnanzügen, das ist nicht allzu außergewöhnlich, aber ihre Waffen stechen sofort ins
Auge. Ein M60E5 und ein Barrett M82A1, wie ich es vermutet hatte. Das Ungewöhnliche an den
Waffen ist, daß sie hochglanzverchromt sind. Welche Verrückten tragen denn SOLCHE Waffen?
Ich speichere die Bilder in meinem HeadWare-Memory, damit befassen wir uns dann später. Jetzt
müssen wir erstmal hier weg. Ich nehme 2 meiner HE-Granaten und verbinde sie mit etwas
PowerTape. Dann lasse ich mir noch mal das Bild des Fensters einblenden. Meine mathematische
SPU berechnet den korrekten Wurfwinkel in Sekunden-Bruchteilen und projiziert die Ergebnisse
direkt in mein SmartLink-Interface. Ich probier die Bewegung 2-3mal, dann werfe ich das
Päckchen mit einer genau abgezirkelten Bewegung zum Fenster hinaus. Über die Kamera sehe
ich, wie es die Straße überfliegt und mit tödlicher Präzision das Ziel trifft. Die Explosion ist
enorm, für einen Moment sehe ich nur einen grellen Blitz und eine Rauchwolke. Als der Rauch
sich legt, sehe ich 2 zerfetzte Leichen und etwas Waffenschrott. Soviel also dazu. „Los, raus!“
fauche ich kurz, springe auf und rase los in Richtung Tür. Viper, der mir offenbar genug vertraut,
um sich auf meine Vorgabe zu verlassen, schnellt hoch und folgt mir. Neben der Eingangstür
beziehen wir Stellung. Über den Scanner kann ich sehen, daß sich Gambit, Blizzard und RZA
rechts von unserer jetzigen Position befanden, wo sie hinter einigem von den Mietern
zwischengelagerten Möbeln Deckung genommen hatten. Die Angreifer befanden sich links von
uns, also versperrten sie uns den Weg. Sie standen direkt nebeneinander, was Viper auf eine, wie
ich zugeben muß, hervorragende Idee brachte. Er erklärte mir mit kurzen Worten sein Vorhaben,
und ich war äußerst angetan. Dieses Manöver dürfte unsere schießwütigen Freunde sicherlich
überraschen. Wir glitten also 3-4m zurück in den Korridor, nahmen Anlauf und stürmten los. Ca.
einen Meter vor der Tür sprang ich mit aller Kraft ab und warf mich seitlich zur Tür hinaus. Viper
folgte mir eine knappe halbe Sekunde später. Kaum hatte die Mündung meiner Waffe den
Türrahmen passiert, zog ich den Abzug durch. Beide Systeme waren aktiviert, also schoß ich
Autofeuer aus beiden Läufen. Der Feuerstoß wanderte quer durch den Flur, zog eine blutige Spur
über den Körper des Einen, währen eine Salve Flechettes aus Vipers SPAS 12 den Brustkorb des
Anderen zerfetzte. Wir krachten hintereinander zu Boden, nur um sofort aufzuspringen und das
Areal zu sichern. Unsere Gegner waren offensichtlich tot, es war erschreckend ruhig. Das war es
wohl gewesen, die 3 kamen langsam aus der Deckung und schlossen zu uns auf. Viper und ich
gingen ihnen entgegen, als wie aus dem Nicht eine Stimme hinter mir sagte: „Hey Junior, fang’!“
Ich wirble herum, reiße die Waffe hoch. Ca. 7-8m von mir entfernt steht ein Mann im
Kampfanzug. Das wohl Auffälligste sind die beiden, hochglanzverchromten, abgesägten M79-
Granatwerfer, die er in einem Doppelholster trägt wie Revolver. Aber das registriere ich nur am
Rande, denn mein Hauptaugenmerk gilt dem Gegenstand, den er mir zuwirft. Eine flache
Scheibe, ungefähr so groß wie eine DVD und daumendick. Ich fange sie mit der linken Hand auf,
während meine Rechte die Waffe weiterhin im Anschlag hält. Kaum halte ich sie in der Hand,
wird mir klar, daß ich mir diesen Reflex lieber hätte verkneifen sollen, denn jetzt weiß ich, was
ich in der Hand halte. Es handelt sich um eine spezielle, aerodynamische Handgranate, die
explodiert, wenn ihr Flug abrupt gestoppt wird, wodurch auch immer. Ich lasse sie fallen, aber sie
hat sich kaum 20cm von meiner Hand entfernt, da explodiert sie. Die Druckwelle reißt mich von
den Beinen, ich segle durch die Luft. Im Flug feuere ich noch eine Granate aus der Ares Alpha
ab, die den edler Spender unterhalb der Brust trifft und ihn kurzerhand in 2 Teile zerreißt. Dann
schlage ich auf dem Boden auf. Verdammt, ich fühle mich, als hätte mich ein Truck überfahren.
Ich klaube mich mühsam vom Boden auf und sehe meine linke Hand an. Hab’ ich ein Glück, der
Handschuh hängt in Fetzen, aber meine Hand ist unversehrt. Ich drehe mich um, um nach Viper
zu sehen. Er kommt gerade hoch, schüttelt etwas benommen den Kopf und grinst. OK, er scheint
es auch gut überstanden zu haben. Gambit hat ein paar handliche Beulen in seinem Brustpanzer,
Blizzard hat einen Streifschuss an der rechten Schulter und RZA scheint unverletzt.

Wir untersuchen die Toten gründlich, können aber keinerlei Hinweise auf ihre Identität finden.
Ich mache also Aufnahmen von ihnen und ihren Waffen und speichere sie ebenfalls im
HeadWare-Memory. Dann nehmen wir wieder unsere Ausgangsformation ein und bewegen uns
langsam zur Tür, die ins Treppenhaus führt. Ohne weitere Zwischenfälle kommen wir wieder auf
dem Dach an. Wir bleiben nur kurz dort, rüsten ab und trennen uns, wie vereinbart. Vorher treffen
wir eine Übereinkunft. Wir werden in den nächsten Tagen ganz normal unseren Tagesgeschäften
nachgehen, aber erstmal keine neuen Jobs annehmen. Außerdem werden wir auch untereinander
Funkstille halten. Sollte in 1 Woche noch nichts passiert sein, treffen wir uns bei Gambit. Dann
werden wir weitersehen, was die Herren mit den verchromten Waffen angeht.
Ich schleiche mich durch die Keller zurück zu meinem Ausgangspunkt, ohne daß etwas passiert.
Am Wagen angekommen, scanne ich ihn zuerst nach Sprengfallen und anderen unliebsamen
Überraschungen. OK, clear. Ich steige ein und fahre heimwärts. Ich möchte jetzt nur noch heiß
duschen, eine Kleinigkeit essen und dann ins Bett fallen. Und genau in dieser Reihenfolge handle
ich die Sache ab. Und morgen rufe ich Riella an, ich möchte irgendwas mit ihr unternehmen. Mal
sehen, wohin es uns diesmal verschlägt …………..

Chapter Five

10:18 Uhr, ich werde langsam wach. Irgendwie fühlt sich mein Körper an, als hätte ich einen
Frontalzusammenstoß mit einem GMC Striker gehabt. Die Granate hat doch einige Spuren
hinterlassen. Äußerlich sind fast keine Spuren vorhanden, wenn man von dem Bluterguss in der
Größe Pomoryas absieht, der meinen Rücken ziert. Meine rechte Hand fühlt sich noch etwas taub
an, aber das ist nicht weiter hinderlich. In den nächsten Tagen werde ich sowieso keine Aufträge
übernehmen. Ich kann mich also voll und ganz Riella widmen.
Ich springe aus dem Bett, ab unter die Dusche. Dann mache ich mir ein ordentliches Frühstück,
mit einer großen Kanne Kaffee und einer Zigarette als krönendem Abschluss. Danach sichte ich
meine Ausrüstung. Hm, der Duster hat es überstanden, meine taktische Weste ebenfalls.
Offensichtlich war diese Granate mehr auf Spreng-, als auf Splitterwirkung ausgelegt. Mit einer
guten, alten F1 wäre der Stunt nicht so glimpflich abgegangen. Der rechte Handschuh ist aber
definitiv hinüber, da ist nichts zu machen. Also geht er ab durch den Müllentsorger, den Linken
hebe ich erstmal auf. Meine Waffen unterziehe ich einer gründlichen Reinigung und Wartung,
munitioniere sie wieder vollständig auf. Dann setze ich mich an mein Terminal, kontrolliere den
Posteingang und treibe mich noch etwas in der Matrix herum. Alles im grünen Bereich, ich
erkenne keine Anzeichen für ungewöhnliche Aktivitäten. Offenbar haben unsere Gegner sich
vorerst für ein rein physisches Schlachtfeld entschieden. Gut, ich gehe wieder offline, ziehe mich
an und räume erstmal auf. Mittlerweile ist es 11:37 Uhr, ich könnte Riella anrufen. Gesagt, getan,
ich setze mich zurück ans Terminal und stelle die Verbindung her. Es dauert keine 30 Sekunden,
dann nimmt sie den Anruf an. Ihr wundervolles, kupferrotes Haar ist völlig nass, und sie trägt nur
einen knappen schwarzen Kimono, der die Konturen ihres atemberaubenden Körpers ahnen lässt.
In den Händen hält sie ein schwarz-rotes Badetuch, offensichtlich kommt sie gerade aus der
Dusche. Sie nimmt auf einen bequemen, sandfarbenen Couch Platz und strahlt mich an. „Guten
Morgen, mein Schatz“, haucht sie, und ihre Stimme jagt mir einen heißen Schauer über den
gesamten Körper. Noch ehe ich antworten kann, fährt sie fort, „Hast Du eventuell etwas Zeit? Ich
würde Dir gern etwas zeigen, eine Überraschung.“ Ich bin erstmal sprachlos, damit hatte ich nicht
gerechnet. „Aber natürlich, wann immer Du willst“, antworte ich. „Wundervoll, dann bin ich in
einer halben Stunde bei Dir. Bis bald, ich freu’ mich drauf“ sagt sie, wirft mir eine Kusshand zu
und ist schon wieder verschwunden. Wow, ich bin wirklich verblüfft, damit hatte ich nicht
gerechnet. Also gut, ich ziehe mich um, ein nachtblauer Armanté Executive Suit sollte
angemessen sein. Leichte Bewaffnung sollte genügen, die Wildey verschwindet im Tarnholster
unter der linken Achsel. Ein Paar farblich zum Anzug passende Halbschuhe und ein langer
Mantel vervollständigen mein Outfit. Laut meiner Retinauhr habe ich noch 14 Minuten, also
verlasse ich meine Wohnung, aktiviere das Sicherheitssystem und hole schon mal den BMW aus
der kleinen Garage, die ich auf dem Hof angemietet habe. Ich parke ihn genau vor den
Hauseingang und steige wieder aus. In diesem Moment kommt 2 Querstrassen weiter ein
schwarzer Ford Americar um die Ecke und nähert sich langsam meiner Position. Ich aktiviere die
elektronische Vergrößerung meiner Cyberaugen, maximaler Zoom. Ah, dachte ich es mir doch, es
ist Riella. Sie parkt ein paar Meter hinter meinem BMW, steigt aus und kommt mit einem
hinreißenden Lächeln auf mich zu. Plötzlich schlagen alle meine Sinne Alarm, irgendwas stimmt
nicht. Ich sehe mich um, scanne die Umgebung. Dort, dieses Fenster, nur einen Spaltbreit
geöffnet, war eben noch geschlossen. Ich ahne die Bewegung mehr, als ich sie sehe, ein
Gegenstand bewegt sich langsam in die Öffnung. Ich höre ein dumpfes Geräusch, eindeutig ein
Schuß. Meine hochgepushten Reflexe lassen mich reagieren, ohne nachzudenken, ich werfe mich
nach vorn, um Riella, die inzwischen nur noch ca. 2 Meter von mir entfernt ist, zu schützen. Ich
spüre den Luftzug, als das Projektil mich nur um Millimeter verfehlt, dann bricht Riella
zusammen. An ihrer rechten Schläfe sehe ich eine blutende Wunde, während ich zu Boden
krache. Der Schütze feuert ungebremst weiter, offensichtlich verfügt er über ein
halbautomatisches Gewehr. Um uns herum schlagen die Kugeln ein und surren als Querschläger
unkontrolliert durch die Gegend. Hm, er versucht offenbar, dadurch noch einen Zufallstreffer zu
landen. Ich ziehe Riella schnell hinter den BMW, hier haben wir wenigstens etwas Deckung.
Verdammt, der Punk hat uns festgenagelt, aber wir müssen hier weg, koste es, was es wolle. Ich
hebe die Wildey, die ich schon im Sprung gezogen habe, leicht über die Motorhaube und feuere
blind ein paar Kugeln in seine Richtung, während ich mit der linken Riellas Puls überprüfe. Er ist
regelmäßig, aber sehr schwach. Sie braucht ärztliche Hilfe, und zwar schnellstens. Ich öffne die
Beifahrertür, schiebe mich langsam in den Wagen, dann ziehe ich Riella vorsichtig auf den
Beifahrersitz und verriegele sofort wieder die Türen. Der Schütze hat augenscheinlich bemerkt,
was ich vorhabe und beginnt, die Fahrerseite zu beharken. Die Projektile prallen dank der
extremen Panzerung einfach ab, ich kann aber nicht sagen, wie lange die Fenster diesem
konzentrierten Beschuss standhalten. Also nichts wie weg, ich starte den Motor und ramme
meinen Fuß auf das Gaspedal. Die hochgetunten 812 Pferde unter der Motorhaube antworten mit
einem wütenden Aufbrüllen, dann schießt die schwere Limousine aus der Parklücke.
Die nächste Klinik ist ca. 15 Minuten von hier entfernt, dort leisten die Ärzte hervorragende
Arbeit, wie ich selbst schon einige Male feststellen konnte. Außerdem stellen sie keine Fragen,
wenn nur der Preis stimmt. Genau 6:32 Minuten später komme ich mit qualmenden Reifen vor
der Klinik zum stehen. Ich springe aus dem Wagen, hebe Riella vom Beifahrersitz und trage sie
im Laufschritt in die Notaufnahme. Sofort eilen von allen Seiten Ärzte und Schwestern herbei,
das medizinische Procedere nimmt seinen Lauf. Der Oberarzt stellt mir ein paar grundlegende
Fragen, dann wird Riella sofort in den OP gefahren. Der Mann ist ein Profi durch und durch, er
bellt ein paar kurze Anweisungen in den Raum, jeder bekommt seine Aufgabe zugewiesen. Die
Truppe ist ein eingespieltes Team, jeder weiß offensichtlich, was er zu tun hat. Innerhalb weniger
Sekunden sind alle Prioritäten geklärt, und ich sehe, wie sich die Türen hinter den Ärzten
schließen, die schon in der Bewegung erste Hilfsmaßnahmen einleiten. Für mich gibt es hier jetzt
nichts mehr zu tun, ich begebe mich zur Kasse, drücke der diensthabenden Schwester meinen
Platin-Cred in die Hand und weise sie an, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um Riellas
Leben zu retten, egal, was es kostet. Die Schwester versichert mir, daß alles Menschenmögliche
getan wird, dann bittet sie mich, eine Kontaktmöglichkeit zu hinterlassen, falls sich eine
Absprache zu finanziellen Fragen erforderlich macht. Ich hinterlasse eine Nummer, die über
einige tote Links zu meinem CybercomLink führt, so daß ich jederzeit erreichbar bin. Dann
verlasse ich die Klinik und steige wieder in meinen Wagen. Als ich mich gesetzt habe, fällt die
Anspannung der letzten Minuten von mir ab. Ich lehne mich zurück und atme tief durch und
versuche, einigermaßen Ordnung in das Chaos in meinem Kopf zu bringen. Am liebsten würde
ich einfach losheulen, aber Dank meiner wundervollen, hochtechnisierten Cyberaugen habe ich
diese Fähigkeit für immer verloren. Ich schreie voller Wut und Verzweiflung auf und hämmere
meine Fäuste auf das Armaturenbrett, das unter der Belastung knirscht und knarrt. Doch dann
spüre ich, wie irgendwo trief in mir ein anderes Gefühl aufkommt, HASS, rasender,
unmenschlicher Hass. Ich habe nichts dagegen, daß sie versuchen, mich zu töten, so sind nun mal
die Regeln, aber mit diesem Attentat haben sie eindeutig bei weitem die Grenze dessen
überschritten, was ich hinzunehmen bereit bin. Dieser eine Schuß hat alle moralisch-ethischen
Schranken in mir niedergerissen, und irgendjemand wird dafür einen hohen Preis zahlen.
Urplötzlich ist in mir nur noch eiskalte Professionalität, es ist Krieg, und wer auch immer dafür
verantwortlich ist, wird feststellen, daß er sich damit auf ein Spiel eingelassen hat, dessen Regeln
ich perfekt beherrsche.

Ich fahre erstmal in Richtung Heimat, ich muß einige Vorbereitungen treffen. Ich nehme einen
Umweg, so daß ich über einige Höfe an die Position des Schützen herankomme. Ich betrete das
Haus durch den Hinterausgang und schleiche mich langsam in die 2. Etage. Es gibt nur eine Tür,
die in Frage kommt, rein von der Position her. Ich fahre meine Audiovercyberung hoch, aber es
ist kein Laut zu hören. Die Tür scheint doch dicker zu sein, als man im ersten Moment annehmen
möchte. Gut, dann also auf die harte Tour, ich trete 2 Schritte zurück und werfe mich mit aller
Gewalt gegen die Tür. In einen Hagel von Holz- und Metallsplittern breche ich durch die Tür,
rolle drinnen sauber ab und komme, die Waffe bereits im Anschlag, wieder hoch. Der Raum ist
relativ klein, vielleicht 14 m², und völlig leer, bis auf einen alten Tisch und 2 Stühle. Es gibt keine
weiteren Räume, wie mir ein schneller Blick bestätigt. Ich gehe zum Fenster, werfe einen Blick
hinaus. Genau, wie ich es vermutet hatte, hier hatte der Schütze Position bezogen. Ich trete
zurück, da lässt mich ein metallisches Geräusch abrupt verharren. Ich aktiviere die optische
Vergrößerung und sehe mir den Boden genauer an. In einer Ritze zwischen den Dielen entdecke
ich etwas sehr interessantes. Eine Patronenhülse, sauber in die Ritze eingepasst. Hm, manchmal
muß man eben einfach auch etwas Glück haben. Die Ritze ist nur minimal breiter als die Hülse,
ich muß meine Nagelmesser ausfahren, um sie herauszubekommen. Kaliber .308 NATO, immer
noch äußerst beliebt und in diversen G7-Varianten verwendet. Ich stecke die Hülse ein, mehr gibt
es hier offensichtlich nicht zu tun. Also begebe ich mich zurück zu meinem Wagen und fahre
direkt nachhause. Dort angekommen, ziehe ich mich erstmal komplett aus und stelle mich unter
die Dusche. Das eiskalte Wasser prasselt auf meinen Körper, aber ich nehme die Kälte kaum
wahr. Ich überdenke mein weiteres Vorgehen. Als erstes rufe ich Traxx an, meinen alten Freund
und Schieber. Er dürfte alles in seinem Repertoire haben, was ich jetzt brauche. Es dauert ca. 30
Sekunden, ich kenne das Procedere bereits. Traxx verfügt über ein fast genauso paranoides
Sicherheitsbedürfnis wie ich. Der letzte DeadLink ist abgearbeitet, er meldet sich wie üblich. Ich
komme ohne Umschweife zur Sache, als er mich unterbricht. „Was ist passiert? Ich weiß, daß es
mich nichts angeht, aber in Deiner Stimme ist etwas, das mir Angst macht.“ Verdammt, der alte
Traxx ist wirklich gut, er hat sofort gemerkt, daß ich innerlich vor Wut rase. So ka, was soll’s?
Ich gebe ihm einen kurzen Abriss der Geschehnisse, er hört mir schweigend zu. Dann räuspert er
sich, er scheint offensichtlich zu überlegen, wie er sich am besten ausdrückt. „Kann ich
irgendwas für Dich tun?“ fragt er schließlich leise. Hm, ich weiß immer noch nicht, ob der Schuß
mir oder Riella galt, deshalb würde ich es gern sehen, wenn jemand auf sie aufpasst, während sie
in der Klinik liegt. Wer auch immer es war, vielleicht unternimmt er einen 2. Versuch. Traxx
überlegt einen Moment, dann sagt er: „ ich glaube, ich hab’ da jemanden, der Dir helfen könnte.
Ein neues Talent, noch nicht allzu lange in der Stadt, aber mit guten Referenzen von außerhalb.
Wenn Du Wert darauf legst, würde ich den Kontakt für Dich herstellen.“ Gut, ich nehme das
Angebot natürlich an, Traxx weiß, wie er den Kontakt herzustellen hat „Er wird sich schnellstens
bei Dir melden, gibt es sonst noch etwas, was Du brauchst?“ Jetzt wird es interessant, Traxx war
schon immer ein Zauberer, wenn es um die Beschaffung von Materialien aller Art ging. „Ich
brauche massive Feuerkraft, das schwerste, was verfügbar ist, Sprengstoff, Zünder, Munition und
einige Kleinigkeiten.“, antworte ich kurz. Er denkt einen Moment nach, dann sagt er, „ Komm’
vorbei, ich denke, ich habe genau, was Du brauchst.“ Genau das wollte ich hören, wir kommen
überein, daß ich in ca. einer Stunde bei ihm sein werde, dann beenden wir unser Gespräch. Ich
rüste erstmal auf, Körperpanzerung nach Maß, Lederklamotten, eine Weste mit extra
Panzerplatten, darüber den schweren Duster. Dann geht es ans Eingemachte, ich packe alle
verfügbaren Waffen aus. Die Ares Alpha, die Wildey, die HK Urban Combat. Mein Messer, ein
paar HE-Granaten und reichlich Munition vervollständigen das Arsenal. Was ich momentan nicht
am Körper unterbringen kann, wandert in eine stabile, schwarze Cordura-Tasche. Dann mache
ich mich auf den Weg zu Traxx. Ich will gerade zur Tür hinaus, da meldet sich mein
CybercomLink. Ich checke die Quelle, hm, keine Nummernanzeige, offenbar ein DeadLink. Ich
nehme das Gespräch an und stutze einen Moment, als ich die Stimme am anderen Ende der
Leitung höre. Es ist Viper, verdammt, damit hatte ich nicht gerechnet. Er ist offenbar genauso
überrascht wie ich, fängt sich aber sehr schnell wieder. „Chummer, was kann ich für Dich tun?“,
fragt er ganz ohne Umschweife. Hm, ich stecke etwas in der Zwickmühle, eigentlich wollten wir
ja keine Jobs annehmen für eine Woche. Er spürt offenbar meine Unentschlossenheit, denn er
kommt gleich zur Sache. „ Hey, wir haben zusammen gekämpft, und ich lasse keinen Chummer
allein in den Krieg ziehen und sehe zu, wie er vielleicht draufgeht. Also keine Widerrede, sag’
mir einfach, was ich tun soll, so ka?“ OK, ich schildere ihm kurz die Situation und meine
Vorstellungen. Er überlegt kurz, dann sagt er, „ Gut, ich mach’ mich gleich auf den Weg. Sollten
Sie es noch mal probieren, werden sie sich wünschen, sie wären heute im Bett geblieben.“ Er
fragt noch einige Daten ab, dann verabschiedet er sich. Er will so schnell wie möglich in die
Klinik, jede Sekunde zählt. Ich will verdammt sein, DAS hatte ich nicht erwartet. Aber es ist ein
gutes Gefühl, zu wissen, daß es da jemanden gibt, der vor nichts zurückschreckt, um Riellas
Leben zu verteidigen. Und die Umsicht, mit der er bei unserem kurzen Geplänkel mit den
Chrom-Fetischisten an den Tag legte, zeigt mir, daß er durchaus weiß, wovon er spricht, und daß
er durchaus über die Fähigkeiten verfügt, seine Drohung wahr zu machen. Nachdem das also
auch erledigt ist, mache ich mich auf den Weg zu Traxx.

Ich betrete das Lager, wie Traxx es immer zu nennen pflegt. Kaum hat sich die Tür hinter mir
geschlossen, kommt er auch schon aus dem hinteren Teil der Räumlichkeiten auf mich zu. „Hey
Mann, das ist eine verdammte Schweinerei, was da passiert ist.“, grollt er. „Wer sich an
Unbeteiligten vergreift, hat in unserem Business nichts zu suchen. Also wenn Du irgendwas
Spezielles brauchst, nur raus damit, ich werde sehen, was ich tun kann.“ Er überlegt kurz, dann
winkt er mir, ihm zu folgen. Er führt mich in die hinteren Räume, das Allerheiligste, dorthin, wo
sonst nie ein Kunde kommt. Er verriegelt die Tür hinter uns, dann geht es über eine lange, steile
Treppe in ein riesiges Kellergewölbe. Es ist nicht zu fassen, das Areal umfasst mindestens das
Gebiet eines gesamten Blockes. Auf meinen fragenden Blick lächelt er verhalten. „ Wir befinden
uns unterhalb der normalen Infrastruktur. Keller, Leitungen und selbst die Kanalisation verlaufen
einige Meter über uns. Hier ist man so sicher wie in Abrahams Schoß. Sollen sie von mir aus das
ganze Gebäude abtragen, diese Räume werden sie niemals finden. Wenn die Sicherung aktiviert
ist, würdest Du den Zugang nicht mal finden, wenn Du direkt davor stehst, egal welche Tech Du
dabei hast. Außerdem hat das Gewölbe etliche Ausgänge, für den Fall der Fälle.“ Erstaunlich, der
alte Traxx hat sich hier wirklich einen ziemlich beachtliches, unterirdisches Reich geschaffen.
Inzwischen sind wir in einen ca. 250 m ² umfassenden Raum angekommen. Überall stehen
Schränke und Regale mit den verschiedensten Waffen und Zubehörteilen. Traxx macht eine
ausholende Geste, „Sieh’ Dich um, falls Du zu irgendeinem Teil Fragen hast, nur zu.“ Gut, dann
wollen wir doch mal sehen, was für Schätze sich hier verbergen. Meine Wahl fällt relativ schnell
auf ein Barrett M95A6 MKII. Die 12,7 mm-Geschosse wiegen fast 50 Gramm, das durchschlägt
jede gängige Panzerung, selbst leichte und mittlere Militärpanzerung kann da nicht standhalten.
Genau das Richtige, genommen. Traxx kommt herangeschlendert und nimmt mich am Arm.
„Komm’ mal kurz her, ich glaube, ich hab’ für das Spielzeug genau die richtige Munition.“ Er
führt mich zu einem riesigen Panzerschrank, der aussieht, als könnte er selbst einen
Thermonuklearschlag unbeschadet überstehen. Er öffnet bedächtig die massive Tür, die eigentlich
mehr an ein Tor erinnert. Er kramt kurz im Inneren herum, dann kommt er mit einer olivgrünen
Metallkiste wieder zum Vorschein. Er geht zu einem kleinen, aber sehr stabilen Tisch und
wuchtet die Kiste darauf. Obwohl der Tisch augenscheinlich äußerst massiv ist, ächzt er unter der
Last. Traxx öffnet fast ehrfürchtig den Deckel der Kiste und tritt einen Schritt zurück. „:50 BMG,
beschichtet mit abgereichertem Uran 235, Kern aus massiver Bronze. Das Uran ist haargenau so
abgestimmt, daß beim Aufschlag die kritische Masse überschritten wird. Du bekommst also eine
kurze, aber äußerst heftige Kettenreaktion. Gottverdammt, ich habe mit eigenen Augen gesehen,
wie ein einziges Geschoß einem Troll, der in einer schweren Militärpanzerung steckte, innerhalb
von Sekundenbruchteilen ein fußballgroßes Loch DURCH den gesamten Brustkorb brannte. Eine
irre Sauerei, sehr zu empfehlen.“ OK, ich greife in die Tasche, um meinen CredStick zu zücken,
da schüttelt er den Kopf. „Du hast heute unbegrenzten Kredit, nimm Dir, was immer Du
brauchst.“, sagt er leise. Ich kann nichts mehr sagen, nur noch ein Nicken bringe ich zustande. Ich
nehme 4 Magazine zu je 5 Schuß aus der Kiste, das sollte genügen. Dann wende ich mich einem
Waffenständer zu, der einige Meter weiter steht. Traxx bemerkt meinen Blick und lächelt. Er tritt
heran und beginnt zu dozieren. „M134 Vulcan, Kaliber .223 Remington, hülsenlos natürlich. Das
Baby verschießt 100 Projektile pro SEKUNDE, auf bis zu 500 Meter genau. Ein alter Freund hat
sie komplett überarbeitet und ein revolutionäres Dämpfungssystem entwickelt. Damit schießt sie
quasi rückstoßfrei, selbst bei extrem langen Feuerstößen. Wenn Du es mit einer größeren Menge
von Gegnern zu tun hast, die allererste Wahl. Der Munitionsbehälter fasst 2500 Schuß, was in
Anbetracht der geringen Ausmaße absolut erstaunlich ist. In Marschlage befindet sich die Waffe
an der rechten Seite des Behälters, bei Bedarf wird über SmartLink ein Gyro-System aktiviert,
daß die Waffe mit rotierendem Laufbündel direkt in die Hände des Schützen legt. Natürlich ist
das gesamte System 100% SmartLink-kompatibel. Wenn Du Interesse hast, leg’ sie ruhig mal
an.“ Natürlich habe ich Interesse, also lege ich die Waffe an. Sie ist schon im Ruhezustand
perfekt ausbalanciert, und erstaunlich leicht für ihre Komplexität. Ich aktiviere mein SmartLink,
ein leises, surrendes Geräusch ertönt, und die Waffe legt sich mir wirklich regelrecht in die
Hände. Ich deaktiviere das System, die Waffe bewegt sich zurück in ihre ursprüngliche Position.
Gut, das sollte erstmal reichen, was die Waffen angeht. Etwas Munition nehme ich noch mit, 10
Magazine Ex-Explosiv für jede Waffe, dazu 6 HE-Granaten. 5 kg C12-Sprengstoff, und ich habe
alles, was ich brauche. Traxx überlegt einen Moment, dann räuspert er sich. „Hör’ mal, ich hab’
da gerade was ganz Besonderes bekommen.“ Er senkt seine Stimme zu einem verschwörerischen
Murmeln. „100 Liter AstroLite.“ Ich will verdammt sein, AstroLite. Ein international geächteter
Flüssigsprengstoff von geradezu abnormer Zerstörungskraft. Was ihn so besonders macht, ist, daß
er nicht aufzuspüren ist. Trotz aller Versuche ist es bis Dato nicht gelungen, einen auch nur
ansatzweise funktionierenden Scanner zu entwickeln, der auf diese Substanz anspricht. Sie
verbindet sich unsichtbar mit jeder Art von Oberfläche, und kann mit fast jeder erdenklichen
Zündquelle gezündet werden. Egal, ob es sich um einen Funkzünder, ein Leuchtspurgeschoß oder
einen simplen Brandsatz handelt. „Nehm’ ich, “ , sage ich. „20 Liter reichen mir.“ Traxx nickt.
„Dieser Stoff ist anders als das normale AstroLite. Ich kenne einen sehr begabten, jungen
Chemiker, der hat ihn etwas verändert. Er kann jetzt nur noch über einen speziellen Micro-Sender
gezündet werden. Damit vermeidest Du ungewollte, zufällige Zündung.“ Er legt ein flaches Etui
auf den Tisch, das 10 gerade mal fingernagelgroße Plättchen enthält. Daneben liegt ein
kugelschreibergroßes Instrument, mit dem man, wie mir Traxx erklärt, die Zünder auf eine
bestimmte, frei wählbare Frequenz codieren kann. „OK, das sollte es eigentl…,“ kann ich gerade
noch sagen, da fällt mir Traxx ins Wort. „Moment, das hätte ich ja beinahe vergessen, ich habe da
noch ein ganz besonderes Stück für Dich. Einen Moment.“ Damit dreht er sich um, geht zu einer
unscheinbar aussehenden Kiste, die einige Meter von uns entfernt an der Wand steht. Er öffnet sie
und entnimmt ihr ein Katana. Er reicht es mir mit dem Griff voran. Es liegt fantastisch in der
Hand, irgendwie fühlt es sich seltsam ungewohnt an, aber es bewegt sich wie eine natürliche
Verlängerung meines Armes. Traxx Grinst kurz. „ Die Klinge besteht aus einer Titan-Wolfram-
Legierung, Dikote-beschichtet. Da haben wir es wieder, Dikote. Diese im Plasmaverfahren
aufgebrachte Diamantschicht macht eine simple Klinge zu einer echten Gefahr. Ich habe gesehen,
wie ein Armbrustbolzen mit Dikote-beschichteter Spitze eine gepanzerte Autotür durchschlug
und auf der anderen Seite des Wagens blutverschmiert wieder austrat. Soviel also dazu. Traxx
weist auf einen fast unsichtbar angebrachten Mechanismus oben am Griff. Damit aktiviert man
den Vibro-Effekt. Dabei beginnt die Klinge so hochfrequent zu schwingen, daß sie sich durch fast
jedes Material geradezu hindurchbrennt. Ich nicke beifällig und lasse die Klinge in den Falten
meines Dusters verschwinden. Ich schaue Traxx fragend an, er macht eine beendende Geste. Gut,
das war es erstmal. Wir tragen alles nach oben, dann aktiviert Traxx wieder die Sicherung des
Zuganges. Inzwischen beginne ich, einzupacken. Das zerlegte Barrett kommt in die Tasche,
genauso die Munition, die Granaten und das C12. Die Vulcan hänge ich mir über die Schulter,
den Kanister AstroLite befestige ich seitlich an der Tasche. Dann bin ich abmarschbereit. Traxx
drückt mir die Hand, wir nicken uns wortlos zu. Dann mache ich kehrt, nehme die Tasche und
gehe zum Ausgang. Ich habe die Tür fast erreicht, da höre ich Traxx’ Stimme leise hinter mir.
„Viel Glück……….Lass’ sie nicht davonkommen.“ Ich hebe wortlos die geballte Recht und
verlasse, ohne mich umzudrehen, das Lager.

Chapter Six

Ich fahre ein letztes Mal in meine Wohnung, es gibt noch einiges zu erledigen. Ich muß die Hülse
untersuchen und ein paar Kontakte pflegen. Ich betrete den Flur, verriegle die Tür hinter mir und
fahre das Sicherheitssystem auf DefCon I hoch. Ab jetzt wird jeder Versuch, unautorisiert
einzudringen, zu einem lethalen Lotterie-Spiel. Ich lege meine Panzerung ab und räume die
Tasche aus. Dann nehme ich mir die Hülse vor. Ich bin Dank meiner technischen Ausrüstung in
der Lage, selbst komplexe chemische oder mechanische Analysen vorzunehmen. Also, schauen
wir mal, was das gute Stück mir zu erzählen hat.
Ich spanne die Hülse in einen speziell dafür vorgesehenen Objektträger ein und beginne mit der
Untersuchung. Hm, Fingerabdrücke sind nicht vorhanden, aber damit hatte ich auch nicht
ernsthaft gerechnet. Aber der Hülsenboden hält eine Überraschung für mich bereit. Der Abdruck
des Schlagbolzens ist extrem außergewöhnlich. Offensichtlich ist er irgendwann mal unmerklich
gesplittert, ohne daß es die Funktion der Waffe beeinflusst hätte. Aber der Abdruck ist einmalig,
diese Form habe ich noch nie gesehen. Damit lässt sich arbeiten. Ich speise die Bilder der
hochauflösenden 3D-HoloCam in mein Terminal ein und begebe mich mit höchster
Sicherheitsstufe in die Matrix. Meine Masken-Utilities sind wirklich erstklassig, ich schleiche
wie ein Schatten durch diese surreale Welt. Ich erreiche ShadowLand ohne Zwischenfälle und
beginne sofort mit der Recherche. Es dauert eine etwas länger, ich muß mir erstmal einen
Überblick verschaffen. Ich arbeite schnell und methodisch, aber leider will sich der Erfolg nicht
einstellen. Die Datenbanken hier sind wirklich erstklassig, aber dieser eine Abdruck ist nicht zu
finden. Also ändere ich meine Such-Parameter, erweitere die Suche. Nichts, verdammt. Es ist
zum verrückt werden, diese Waffe scheint noch nie in Erscheinung getreten zu sein. Die Zeit
vergeht, ich bin seit Stunden hier und suche hochkonzentriert nach irgendeinem Hinweis, Link
oder Querverweis. Irgendwann breche ich die Suche ab, es ist offenbar sinnlos, ich verschwende
nur meine Zeit.
Ich will schon gehen, da sehe ich eine kleine, unscheinbare Sammlung von Dateien, die rein von
ihrer Bezeichnung her völlig irrelevant sind. Mehr um einen Schlusspunkt zu setzen, als in dem
Glauben, dort fündig zu werden, öffne ich das Paket. Es entpuppt sich als ein Haupttreffer,
wenige Daten, aber höchst interessant. Das Paket ist extrem in sich verschachtelt, ich folge
fieberhaft den einzelnen Datenpfaden, als ich abrupt verharre. Dort ist er, ganz eindeutig. Ich lege
die Bilder übereinander, sie werden zu einem. Bingo, das ist er. Sehr interessant, ich hatte also
Recht, ein G8 SG4 A3. Vor 3 Jahren ist es bei einem Militärtransport innerhalb von Seattle
verloren gegangen. Jetzt erinnere ich mich, die Sache hatte damals reichlich Staub aufgewirbelt.
Die Täter waren nicht gerade durch übermäßige Professionalität aufgefallen, ganz im Gegenteil.
Die Bilder im Trid zeigten ein regelrechtes Schlachtfeld, Blut, Trümmer, zerstörte, ausgebrannte
Fahrzeuge und eine Menge Leichen. Genau, ich erinnere mich noch genau an den kollektiven
Aufschrei, der durch alle Medien ging. Schnell waren jede Menge profilierungssüchtige Politiker
und Polizeioffiziere mit den Hang zur Öffentlichkeit zur Stelle, die alle quasi im Chor beteuerten,
daß diese “furchtbare Untat, die mit absoluter Sicherheit das Werk irgendwelcher Shadowrunner
war“, natürlich nicht ungesühnt bleiben werde. Na ja, dann folgte das Übliche. Solange die
Medien präsent waren, wurde mit Feuereifer ermittelt, in alle Richtungen. Aber mit dem
Nachlassen des öffentlichen Interesses flauten auch die Bemühungen der Ermittler ab, bis
irgendwann kein Hahn mehr danach krähte. Jedes Ding hat nun mal seine Halbwertzeit, und diese
liegt oft recht niedrig. Auf jeden Fall wurden die Täter nie ermittelt. Vielleicht kann ich ja jetzt
etwas Licht in diese Angelegenheit bringen.
Mitten in diesem Wust von Daten finde ich irgendwann einen Namen: Aleister Crowley. Damit
ist der Anfang gemacht, ich werde mich also auf die Jagd begeben, und wenn ich ihn erwische,
wird er mir einige Fragen zu beantworten haben. Der Einfachheit halber durchsuche ich
ShadowLand auch gleich nach Mr. Crowley. Hm, höchst interessant, der gute Mann scheint ja ein
richtiges Herzchen zu sein. Dem Vernehmen nach gehen mindestens 3 Dutzend Attentate,
Überfälle und Entführungen auf sein Konto. Nachweisen konnte man ihm nie etwas, da er
prinzipiell keine Zeugen zurückließ. Ich finde noch einige Daten zu Aufenthaltsorten,
Beziehungen und Verbindungen, alles sehr mysteriös. Als ich mir sicher bin, daß ich alle
relevanten Dateien gespeichert habe, verlasse ich ShadowLand und sehe mich noch etwas in
einigen öffentlichen Datenbanken um. Auch dort finde ich noch einige, wenn auch nicht allzu
konkrete Hinweise. Alles in allem kann ich aber ganz zufrieden sein, das war mehr, als ich mir
erhofft hatte. Also gehe ich wieder offline.
Nachdem ich mich ausgeloggt habe, stelle ich fest, daß mein kurzer Ausflug in die Matrix fast 18
Stunden gedauert hat. Hm, erstaunlich, ich hätte maximal 4 Stunden veranschlagt. Aber die Zeit
war gut investiert, die Ergebnisse sprechen für sich.
Der vielversprechendste Hinweis auf den Aufenthaltsort von Mr. Crowley ist eine Location in
Redmond, dort werde mit meiner Suche beginnen. Aber vorher muß ich einpaar Stunden
schlafen, ich muß ausgeruht sein, wenn ich in den Krieg ziehe.
Als ich wach werde, ist es 03:41 Uhr. Ich fühle mich frisch und ausgeruht. Ich dusche ausgiebig,
mache mir ein ordentliches Frühstück und eine große Kanne Kaffee. Während ich frühstücke,
sichte ich noch einmal die Daten und lade die wichtigsten Dateien in mein Headware-Memory.
Dann ziehe ich mich an. Körperpanzerung nach Maß, meine schwarze Lederkluft, eine
Panzerweste mit Plattenverstärkung, darüber einen schwarzen Duster mit spezieller Verstärkung
an den neuralgischen Punkten. Dann nehme ich mir meine Waffen vor. Die M134 Vulcan
verstaue ich vorerst in einer stabilen Tasche, das Barrett M95A6 MKII munitioniere ich mit den
uranbeschichteten Geschossen auf, dann verschwindet es ebenfalls in der Tasche. Die H&K
Urban Combat, die Ares Alpha und die Wildey werden mit Ex-Explosiv-Munition bestückt, keine
Spielereien mehr. Die Franchi lade ich mit 000-Schrot, für den Notfall. Das neue Katana
verschwindet in den Falten meines Dusters, das Kampfmesser im rechten Stiefel. Als letztes
krame ich noch eine etwas kleinere Tasche hervor, verstaue die HE-Granaten und das AstroLite.
Ich überlege einen Moment, dann wandern 2 Granaten in die Taschen des Dusters. Die Zünder
für das AstroLite bringe ich in meiner Weste unter, genau wie ein Dutzend Tracker-Shuriken.
Diese kleine, aber gemeine Spielerei hat sich ein alter Chummer von mir einfallen lassen.
Äußerlich nicht von den normalen, aus dem Trid bekannten “Ninja-Wurfsternen“ zu
unterscheiden, enthalten sie doch einen kleinen, aber feinen Unterschied. Sie sind über SmartLink
steuerbar, dank eingebauter, ausfahrbarer Steuerungsflächen. Nach erfolgtem Wurf kann ich sie
also per SmartLink direkt ins Ziel steuern, und zwar bis zu 6 Stück gleichzeitig. Als letztes
kommt noch eine Monofilament-Garotte in eine spezielle Aufnahmevorrichtung im Gürtel, dann
bin ich abmarschbereit. Dieser monomolekulare Schlauch besteht aus einem einzigen Molekül
und ist um ein Vielfaches dünner als ein menschliches Haar. Und in den Händen eines Profis
entfaltet er seine volle, todbringende Wirkung, denn er ist in der Lage, jedes Material mühelos zu
durchschneiden. Daß er dabei fast unsichtbar ist, erhöht sein Gefahrenpotential noch zusätzlich.
Alles in allem kann man mit Fug und Recht sagen, daß das Monofilament eine der gefährlichsten
Erfindungen der letzten Jahrzehnte ist.
Ich nehme die beiden Taschen auf und begebe mich zur Tür, dort drehe ich mich ein letztes Mal
um. Ich werde erst zurückkommen, wenn meine Arbeit getan ist. Ich lasse meinen Blick über das
Interieur gleiten, dann drehe ich mich abrupt um und verlasse die Wohnung. Das Adrenalin
schießt durch meinen Körper, als die Tür mit der Endgültigkeit einer sich schließenden
Höllenpforte ins Schloss kracht.
Ich betrete den Hof und gehe zu den Garagen. Welches Fahrzeug wäre jetzt wohl am
angebrachtesten? Ich entscheide mich für den BMW, er vereint brachiale Motorisierung, schwere
Panzerung und massive Feuerkraft in sich. Also genau das, was ich jetzt brauche. Ich steige ein,
lege das spezielle 6-Punkt-Gurtsystem an und verbinde meine Datenbuchse mit der
Riggerkontrolle. Ich spüre noch, wie mein Körper in die Polster sinkt, dann verschmelze ich mit
dem Fahrzeug. Ich nehme meine Umwelt nur noch durch die Sensoren-Phalanx wahr, taktisch-
technische Daten rasen durch mein Blickfeld. Drehzahl, Motortemperatur, Öl- und Reifendruck,
Statusmeldungen der Defensiv- und Offensivsysteme. Alles Parameter bewegen sich im grünen
Bereich, also mache ich mich auf den Weg nach Redmont.
Laut meinen Informationen befindet sich dort in einem stillgelegten Industriekomplex eine
Arena, in der Nacht für Nacht private Gladiatorenkämpfe stattfinden. Dort gelten nur 2 Regeln,
1.) ES GIBT KEINE REGELN, und 2.) Du kannst behalten, was Du tötest. Die Waffen und
Ausrüstung der Getöteten gehen an den jeweiligen Sieger. Das einzige, ungeschriebene Gesetz
dort lautet, es gibt keine Racheaktionen. Wer auch immer dort antritt, ist bereit, sein Leben
einzusetzen, das wird von jedem akzeptiert. Es ist nichts persönliches, nur ein Sport. Und Mr.
Crowley pflegt dort des Öfteren anzutreten, offenbar, um sich seine Unbesiegbarkeit zu beweisen.
Da er immer noch am Leben ist, muß er sehr gut sein, in dem, was er tut. Es ist also Vorsicht
geboten.
Es dauert nicht allzu lange, dann nähere ich mich meinem Zielgebiet. Ich parke direkt vor dem
Zugang zum “Allerheiligsten“, denn eine Regel besagt, daß die Fahrzeuge hier tabu sind. Von
dieser Seite habe ich also nichts zu befürchten. Ich deaktiviere die Riggerkontrolle und spüre, wie
ich wieder langsam in die Realität zurück gleite. Die schwere Artillerie bleibt im Auto, hier wird
die Musik noch mit der Hand gemacht. Ich steige aus und sehe mich kurz um. Es ist niemand zu
sehen, trotzdem spüre ich, daß ich beobachtet werde. Ich gehe völlig ungezwungen und wie
selbstverständlich zu dem massiven Hallentor, das den Zugang verschließt. Ich schlage mit der
geballten Faust nur einmal gegen das massive Metall, es erzeugt einen dumpfen, hallenden Ton.
Eine Luke öffnet sich, und ein Zwerg schaut mir forschend ins Gesicht. Ich nenne den Code, der
mich als Teilnahmewilligen identifiziert. Der Zwerg beginnt zu grinsen und verschwindet
wortlos. Dann gleitet der eine Torflügel ein Stück zur Seite und gibt den Eingang frei. Ich trete
ein und höre, wie sich das Tor direkt hinter mir schließt.
Hier sieht man ein buntes Sammelsurium aller Rassen. Offenbar sind die Leute hier vorurteilsfrei,
jeder kann teilnehmen, solange er eine Waffe halten kann. Auf der rechten Seite der riesigen
Halle befindet sich eine Art Schalter, an dem rege Aktivitäten herrschen. Offenbar werden dort
Wetten angenommen. Ich trete heran, zücke einen Checkstick und setze den gesamten darauf
enthaltenen Betrag auf mich, für alle Kämpfe. Der “Kassierer“, ein grottenhässlicher, gut 2 Meter
großer Ork, sieht mich fragend an. Ich nicke bestätigend, er nickt zurück und führt die
Transaktion durch. Ich erhalte als Quittung einen Datenchip, der alle relevanten Daten enthält.
Ich mache kehrt, als mich der Ork zurückruft. Er erklärt mir in kurzen Worten das hier übliche
Procedere. Alle wichtigen Daten, die mein Eigentum betreffen, werden auf einem codierten Chip
abgelegt, der mit einem Biosensor gekoppelt ist. Diesen Sensor trage ich während der Kämpfe
am Körper. Sendet der Sensor keine Daten mehr, wird der Chip automatisch recodiert und den
Sieger ausgehändigt, der dann darauf zugreifen kann. Er hält mir ein Gerät entgegen, das an einen
mobilen Kartenleser erinnert. Ich übertrage sämtliche Daten von meinem Credstick, dann händigt
mir der Ork den Biosensor aus. Ich befestige ihn an meinem Handgelenk. Dann wende ich mich
dem Geschehen in der Halle zu. In der Mitte ist ein ca. 10x10 Meter großer Ring errichtet,
stilecht mit Ringseilen und allem, was dazu gehört. Ich sehe gerade noch, wie ein
muskelbepackter Troll einen Elfen die Wirbelsäule bricht, dann ist der aktuelle Kampf beendet.
Der Troll wirft den erschlafften Körper meterweit durch die Luft, dann reißt er die Arme hoch
und stößt ein tiefes, wütendes Gebrüll aus. Unter dem frenetischen Beifall der Umstehenden
verlässt er den Ring.
Plötzlich leuchten auf der über dem Ring befindlichen Anzeigetafel neue Daten auf, so eine
Überraschung, ich bin an der Reihe. Mein Gegner ist ein Mensch, ca. 1,90m groß und gut 140 kg
schwer. Er ist austrainiert, kein Gramm Fett zuviel. Er hält einen Morgenstern und ein
Breitschwert in den Händen, die er rasant durch die Luft wirbeln lässt. Ich ziehe den Duster, die
Weste, das Sweatshirt und das Oberteil der Körperpanzerung nach Maß aus und betrete mit
freiem Oberkörper den Ring, in der Rechten das Katana. Er legt den Kopf auf die Seite und
beobachtet mich taxierend. Dann ertönt ein heller, metallischer Gong, der Ring ist freigegeben.
Wir nähern uns langsam einander, umkreisen uns vorsichtig und lauernd, immer darauf bedacht,
irgendeine Schwachstelle zu entdecken. Dann schnellt er übergangslos auf mich zu, offenbar will
er versuchen, mich zu überrumpeln. Aber ich habe etwas Ähnliches erwartet, ich warte, bis er
mich fast erreicht hat, dann gleite ich mit einer fast unmerklichen Bewegung zur Seite. Er
schnellt an mir vorbei, die fast 20 cm langen, blitzenden Stacheln verfehlen mich nur um
Haarsbreite. Mein Katana schnellt vor um zieht eine lange, blutige Spur über seinen Rücken. Er
faucht wütend, wirbelt herum und greift sofort wieder an. Unsere Klingen hämmern in einen
wütenden Kakophonie aufeinander, immer wieder, immer schneller. Er ist wirklich gut, aber ich
weiß, daß ich ihn besiegen kann. Dann macht er den alles entscheidenden Fehler. Er lässt beide
Waffen gleichzeitig auf mich zufliegen, mit aller Kraft. Die blinkenden Stacheln und die matt
glänzende Klinge berühren mich fast, als ich plötzlich in einen perfekten Spagat falle. Ich spüre
den Luftzug, als beide Waffen nur wenige Zentimeter über meinem Kopf durch die Luft pfeifen,
dann reiße ich das Katana hoch, die Schneide nach oben gerichtet. Die Klinge dringt mühelos,
fast spielerisch in seinen Brustkorb ein, gleitet höher und höher, bis zu seinem Kinn. Sie
durchtrennt es, ohne das ich einen nennenswerten Widerstand spüre und tritt wieder aus. Ich
schnelle hoch und mache einen schnellen Schritt nach hinten. Er steht da wie angenagelt, auf
seinem Gesicht stehen unendliche Verblüffung und Verständnislosigkeit. Er blickt nach unten,
sieht die klaffende Wunde, der Brustkorb ist komplett gespalten, das Blut schießt heraus. Er
bewegt seine Lippen, als wolle er irgendetwas sagen, dann bricht er lautlos zusammen. Ich
schwinge das Katana mit einer harten, abrupten Bewegung seitlich nach unten, um das Blut von
der Klinge zu entfernen, dann hebe ich es in einer grüßenden Bewegung vor mein Gesicht, wie
ein mittelalterlichen Degenfechter. In der Halle ist es totenstill, dann brandet plötzlich tosender
Applaus auf, die mehr als 300 Zuschauer jubeln und schreien. Ich hebe die Arme und senke den
Kopf, erweise ihnen meinen Gruß, dann verlasse ich mit gemessenen Schritten den Ring.
Draußen erwartet mich ein schlanker, grauhaariger Elf, der mir wortlos einen Datenchip übergibt.
Ich überprüfe ihn kurz, er enthält Kontendaten, Sicherheitcodes und andere, relevante Daten.
Soviel also zu Regel Nr.2. Die Anzeige leuchtet erneut auf, und zu meiner Überraschung sehe ich
erneut meine Daten aufleuchten. Offenbar werde ich als Neuling einer eingehenden Prüfung
unterzogen. Aber ich habe nichts dagegen, je schneller, desto besser. Je eher ich mich durch die
bestehende Hierarchie hindurchgeschlachtet habe, desto eher werde ich Crowley bekommen, und
das ist mir am wichtigsten. Mein Gegner ist diesmal ein schlanker, mittelgroßer Elf, der 2
Macheten als Waffen führt. Unglücklicherweise scheint er bei seinem Kampfstil aber weit mehr
um gutes Aussehen, als um Effizienz bemüht zu sein, also mache ich kurzen Prozess. Ich weiche
seinem Angriff mühelos aus, reiße die ausgestreckten Zeige- und Mittelfinger meiner linken
Hand hoch und ramme sie von unten durch seine Augen in sein Gehirn. Sein Körper erschlafft
augenblicklich, ich halte ihn noch einige Zeit aufrecht, während ich meine Rechte zum Gruß an
die Menge erhebe. Wieder brandet der Jubel auf, während ich den toten Körper langsam zu
Boden gleiten lasse.
Der nächste Kampf ist nicht viel länger, mein Gegner, wiederum ein Mensch, versucht durch
wüste Beleidigungen meine Aufmerksamkeit zu untergraben. Ich hörte mir eine Weile seine
Tiraden an, dann schnelle ich auf ihn zu. Ich drehe meinen Körper um 90 Grad, ramme meinen
rechten Fuß quer auf seine Füße, nagle ihn somit unverrückbar am Boden fest. Meine Hände
schließen sich um seinen Kopf wie eine tödliche Maske, dann reiße ich sie mit aller Kraft nach
oben. Es gibt ein merkwürdiges Geräusch, als unter dem unmenschlichen Zug meiner
vercyberten Muskulatur Sehnen, Muskeln und Blutgefäße einfach zerreißen. Eine schnelle
Drehung, und mit einem leisen, durchdringenden Knacken geben seine Nackenwirbel nach. Ich
schleudere den Leichnam zur Seite, trete einen Schritt zurück und verneigen mich vor dem
tobenden Publikum. Offensichtlich ist man hoch zufrieden mit meiner Performance, immer
wieder klopfen mir Leute begeistert auf die Schulter, während ich den Ring verlasse.
Jetzt habe ich erstmal einen Moment Pause, denn der große Meister persönlich betritt den Ort des
Geschehens. Tosender Beifall begleitet ihn auf seinem Weg zum Ring, er nickt nach allen Seiten
und erwidert Grüße, offensichtlich kennt er viele der Anwesenden. Ich suche mir inzwischen eine
ruhige Ecke und beobachte ihn. Sein Kampfstil ist extrem effizient, seine Taktik wahrhaft
meisterlich. Es wird ein harter Kampf werden, aber ich verspüre nicht die geringste Sorge.
Crowley fertigt in rascher Folge 5 Gegner ab, dann erscheinen meine Daten erneut auf der
Anzeige. Ich schlendere langsam zum Ring, steige zwischen den Seilen hindurch und trete ihm
gegenüber. Er ist hoch gewachsen, ein Ork von gut 2,10m, das ist eher selten. Er ist wie ein Pirat
des ausgehenden Mittelalters gekleidet, eine weite, schwarze Hose, bequeme, kniehohe
Wildlederstiefel. Dazu einen breiten Ledergürtel mit einer massiven Messingschnalle. Seine
Waffen sind ebenso außergewöhnlich wie sein Outfit. Ein schweres spanisches Rapier und ein
dazu passender Dolch mit einer gut 40cm langen, beidseitig geschliffenen Klinge. Er ist
gefährlich, ohne Frage. Dann ertönt der Gong, er hebt die Klinge und grüßt mich. Ich erwidere
seinen Gruß, dann heben wir unsere Klingen in eine Fechterauslage und beginnen den Kampf.
Ich beglückwünsche mich jetzt dazu, daß ich vor Jahren, mehr aus Langeweile, mit einem
Training im klassischen Degenfechten begann. Ich bin mittlerweile wirklich ein sehr guter
Fechter geworden, dadurch kann ich ihm auf seinem ureigensten Terrain entgegen treten. Ein
Katana ist zwar wirklich nicht die ultimative Waffe zum klassischen Fechten, aber meine
abnorme Kraft gestatte es mir, es genauso wie einen Degen zu handhaben. Er sieht erstaunt aus,
er hatte offensichtlich nicht erwartet, einen Kenner dieser Disziplin vorzufinden. Und urplötzlich
wird aus dem vermeintlichen Nachteil ein Vorteil, denn die schwerere Klinge gestattet mir
natürlich auch wuchtigere Stöße und Hiebe, die schwerer zu parieren sind. Es herrscht also
ungefähr ein Kräftegleichgewicht zwischen uns. Unvermittelt greift er an, mit einer solchen
Schnelligkeit und Gewandtheit, daß ich erstmal sozusagen in den Rückwärtsgang schalten muß.
Die Klingen schnellen vor und zurück, er ist wirklich extrem schnell. Hm, so wird das hier nichts,
ich brauche eine 2. Waffe. Als er einen Moment zurücktritt, als wolle er alle Kräfte für seinen
nächsten Angriff sammeln, gehe ich blitzschnell in die Hocke, wechsle das Katana in die linke
Hand und ziehe mit der Rechten das Kampfmesser aus dem Stiefel. In diesem Moment schnellt
er auch schon wieder auf mich zu, der blitzende Stahl kommt näher und näher. Ich werfe mich
zur Seite, rolle sauber ab und bin sofort wieder auf den Beinen. Aus der Bewegung heraus lasse
ich die Klinge in einem eleganten Bogen auf ihn zufliegen. Er pariert im letzten Augenblick und
geht sofort zum Gegenangriff über. Ich kann das Rapier noch blocken, aber der Dolch dringt tief
in meine linke Schulter ein. Ich nehme den Schmerz kaum wahr, aber ich spüre, wie langsam die
Wut in mir aufsteigt. Wir stehen dicht beieinander, das Katana und das Rapier pressen sich
aneinander, jeder versucht, den anderen zurück zu werfen. Mein Messer hat sich an der
Parierstange seines Dolches verhakt, ich lege alle Kraft hinein und versuche so, seine Klinge aus
meiner Schulter zu ziehen. Er hat die bessere Position, der Dolch dringt langsam tiefer ein. Jetzt
habe ich endgültig genug, ich setze alles auf eine Karte. Ich lasse mein Messer einfach los, der
Dolch bohrt sich bis zum Heft in mich hinein, aber das ist im Moment absolut sekundär. Meine
Hand schließt sich mit aller Kraft um sein Handgelenk, dann verdrehe ich es mit einem brutalen
Ruck. Er stöhnt auf, als Elle und Speiche mit einem trockenen Knacken zerbrechen. Sein Arm
sinkt herab, für einen Moment lässt der Druck, den ich auf dem Katana spüre, nach. Das ist die
Gelegenheit, auf die ich gewartet habe. Ich trete blitzschnell einen Schritt nach hinten und lasse
meine Klinge nach vorn schießen. Er kann noch einmal parieren, aber seine Bewegungen haben
ihre Flüssigkeit verloren. Ich dränge ihn langsam, aber sicher, immer weiter in die Defensive.
Dann ist der Moment gekommen, es zu beenden. Ich greife erneut an, eine saubere Finte lässt ihn
sein Rapier hochreißen. Kurz bevor sich unsere Klingen berühren, lasse ich das Katana mit einer
kurzen Drehung aus dem Handgelenk nach unten gleiten. Seine Augen weiten sich, als sich
meine Klinge mit aller Wucht in seinen Körper bohrt. Er steht da, die Hand mit dem Rapier
immer noch erhoben, pures Entsetzen in seinem Blick. Ich trete schnell an ihn heran, beuge mich
etwas vor und stelle eine leise Frage. Er beginnt zu flüstern, mit schmerzverzerrter Stimme gibt er
mir die Informationen, die ich mir erhofft hatte. Seltsam, aber ich bin mir absolut sicher, daß er
jetzt, im Angesicht des Endes, die Wahrheit sagt. Dann verstummt er, und ich beende es. Ich
gleite zurück, ziehe die Klinge aus seinem Körper. Ich wirbele herum und lasse die Klinge mit
alle Kraft auf seinen Kopf herabfallen. Sie gleitet mühelos durch deinen Kopf, seinen Hals, hinab
bis tief in den Brustkorb. Ich reiße die Klinge zurück, und er fällt mit einem dumpfen Geräusch
zu Boden. Jetzt spüre auch ich den Schmerz und die Erschöpfung. Ich taumele zurück, atme tief
durch und versuche, den Blutverlust zu ignorieren. Ich darf jetzt nicht schlappmachen, es gibt
zuviel zu tun. Ich ziehe mit einem harten Ruck den Dolch aus meiner Schulter, ein Blutstrom
ergießt sich über meine Brust. Es ist totenstill um mich herum, man könnte eine Stecknadel zu
Boden fallen hören. Dann, wie aus dem Nicht, erhebt sich ein tosendes Gebrüll aus 300 Kehlen,
das Publikum rast und tobt, daß es die Halle bis in ihre Grundmauern erschüttert. Ich verneige
mich und grüße ein letztes Mal mit erhobener Klinge, dann sind die Ersten schon bei mir. Sie
heben mich auf ihre Schultern und tragen mich unter dem Jubel der Umstehenden aus dem Ring.
Ich bin ihr neuer Champion, welche Ironie………
Sie tragen mich in den hinteren Teil der Halle, wo mich ein Elf, offenbar der Doc, erwartet. Er
versorgt die Wunde, legt mir mit sachkundiger Hand einen Verband an. Ein Zwerg tritt grinsend
an mich heran und legt mein Messer, das Rapier und den Dolch auf einen kleinen, neben uns
stehenden Tisch. Er nickt mir beifällig zu und verschwindet wieder in der noch immer tobenden
Menge. Der Elf hat inzwischen seinen Job erledigt, die Blutung ist gestillt, der Verband sitzt. Ich
danke ihm, dann ziehe ich mich langsam wieder an. An der “Kasse“ erhalte ich meinen Gewinn,
zusammen mit dem ganzen Stuff meiner Gegner ungefähr ein Gegenwert von 185K. Ein
verdammter Haufen Geld, ich bin etwas überrascht. Mein Chip wird gelöscht, damit ist alles
getan. Dann verlasse ich die Halle, nicht ohne dem Zwerg am Tor ein saftiges Trinkgeld in die
Hand zu drücken. Er sieht sehr erstaunt aus, offensichtlich kommt so etwas sonst eher selten vor.
Er grinst mich freundlich an, öffnet das Tor, und ich trete hinaus in die Dunkelheit.
Ich begebe mich zu meinem BMW, deaktiviere das Sicherheitsprotokoll und steige ein. Ich lasse
mich in den Fahrersitz fallen, schließe die Augen und atme tief durch. So sitze ich bestimmt eine
halbe Stunde dort und überdenke mein weiteres Vorgehen. Mein Verdacht hat sich bestätigt, die
Gang, die ich von Anfang an unter Verdacht hatte, steckt hinter der Aktion. Die Waffen aus dem
Überfall waren für die Ganger bestimmt, was natürlich die Frage aufwirft, woher eine solche
Wald- und Wiesen-Gang sowohl finanziellen Mittel, als auch die Verbindungen hat, einen Profi
wie Crowley anzuheuern. Hm, im Endeffekt ergeben sich aus jeder Antwort mindestens 2 neue
Fragen. Aber ich werde mir diese Antworten holen, egal wie und von wem.
Laut Crowleys Informationen hat die Gang erst letztlich ein neues HQ bezogen, in den Puyallup
Barrens. Also beste Voraussetzungen für mich, ein neuer Standort bedeutet immer eine gewisse
Eingewöhnungsphase. Laut meinem AutoNav befindet sich ihr Standort ca. 20 Minuten von hier.
Also starte ich den Motor und mache mich auf den Weg. Als ich mich bis auf ca. 1,5 Km genähert
habe, halte ich an und sehe mich um. Größtenteils befinden sich hier nur Industriebauten, meist
schon seit längerer Zeit stillgelegt. Mir gegenüber steht ein alter Gasometer, der alle anderen
Gebäude in der Gegend weit überragt. Na wer sagt’s denn, eine schriftliche Einladung geradezu.
Ich packe das Barrett aus, stecke mir 2 Magazine ein und steige aus. Ich überquere die Straße,
umrunde den Gasometer, bis ich auf seiner Rückseite eine metallene Leiter finde. Ich klettere
zügig hinauf, es dürften ca. 50 Meter sein. Oben angekommen, lege ich mich sofort flach auf den
Boden, um nicht ein weithin sichtbares Ziel zu bieten. Ich gleite langsam vorwärts, bis zur Mitte
der Fläche. Dort baue ich das Gewehr zusammen, schiebe das erste Magazin in den Schacht und
lade durch. Ein Blick durch die hochauflösende Zieloptik zeigt mir, daß meine Idee nicht die
Schlechteste war. Insgesamt sehe ich 8 Wachen, unauffällig um das Areal verteilt und schwer
bewaffnet. Offensichtlich rechnet man mit einem Besuch. Also will ich ihre Erwartungen
natürlich nicht enttäuschen. Auf dem Dach des Hallenkomplexes sehe ich einen Sniper mit einem
M24 im Anschlag, der die weitere Umgebung überwacht. Ich ziehe das Gewehr fester gegen
meine Schulter, atme tief ein und halte den Atem an. Das Fadenkreuz wandert über seinen
Körper, hinauf zum Kopf. Dort verharre ich, atme aus und ziehe den Abzug durch. Ein tiefes,
gedämpftes Wummern, ein kurzer, harter Stoß. Durch die Optik kann ich sehen, wie sein Kopf in
einem Feuerball verglüht. Der Körper fällt zu Boden, zuckt noch etwas, dann liegt er still. Ich
repetiere die nächste Patrone ins Lager, ohne mein Auge von der Optik zu lösen. Ich kontrolliere
seine nähere Umgebung, alles bleibt ruhig. Offenbar hat niemand vor Ort etwas bemerkt. Bei
aller Vorsicht haben sie doch einen entscheidenden Fehler gemacht. Die Wachen befinden sich in
so gelegenen Positionen, daß es ihnen unmöglich ist, die Standorte der jeweils anderen
einzusehen. Mein Vorteil, ich kann sie Mann für Mann ausschalten, ohne daß es bemerkt wird.
Einer nach dem anderen wird von meinen Geschossen zerfetzt, dann beobachte ich noch einige
Zeit das Zielgebiet, um sicher zu gehen, daß sich keine Posten mehr außerhalb der Hallen
aufhalten. Dann gleite ich langsam zurück zur Leiter und steige hinab. Unten angekommen,
begebe ich mich zurück zum Wagen, verstaue das Barrett und packe die Vulcan aus. Ich lege den
Munitionstornister an, dann rüste ich auf. Die Wildey steckt bereits im Schulterholster, die H&K
Urban Combat kommt in eine spezielle Aufnahmevorrichtung auf dem Rücken. Das Katana
bleibt im Duster verborgen, das Messer im Stiefel. Die HE-Granaten befestige ich an den dafür
vorgesehenen Schlaufen an meiner Weste. Dazu kommen noch die Reservemagazine für die
verschiedenen Waffen. Als letztes nehme ich die Franchi aus der Tasche, repetiere eine Patrone
ins Lager und schiebe eine ins Magazin, um es wieder komplett aufzufüllen. OK, ich bin bereit,
ich verschieße den Wagen, aktiviere das Sicherheitssystem und mache mich auf den Weg.
Ich halte mich auf meinem Weg immer im Schatten, nähere mich langsam und vorsichtig dem
Zielgebiet. Ich aktiviere die gesamte Optik, Restlichtverstärkung, Infrarot und UltraSound. Ich
spähe vorsichtig um jede Ecke, beobachte das vor mir liegende Areal aufs Genaueste, bevor ich
meinen Weg fortsetze. So nähere ich mich langsam, aber sicher dem Komplex. Es gibt nur einen
Zugang, was mich doch etwas erstaunt. Ich hätte etwas mehr erwartet, aber ich will nicht
unzufrieden sein. Vorsichtig schleiche ich um den Komplex herum, umrunde ihn einmal
komplett. Auf der Rückseite finde ich eine Stiege, die auf das Dach führt. Ich begebe mich zurück
zum Eingang. Eine ganz normale Tür aus massivem Metall, mit eine Klinke. Innerlich danke ich
dem Erbauer, daß er es mir so einfach macht. Ich nehme 2 Granaten, ziehe die Sicherungsstifte
heraus und klemme sie so unter die Klinke, daß sie beim Öffnen zünden. Dann schleiche ich
zurück zu der Stiege und mache mich auf den Weg aufs Dach.
Oben angekommen, ducke ich mich und halte Ausschau. Das Dach ist leer, in der Mitte befindet
sich eine verglast Luke, ca. 2x2 Meter groß. Ich lege mich davor auf den Boden, hole eine
Faseroptik hervor und schiebe das flexible Kabel in einen Spalt. Den Ausgang verbinde ich mit
meiner Datenbuchse, so daß die Bilder von drinnen direkt in mein Sichtfeld eingeblendet werden.
Drinnen herrscht reges Treiben, es dürften bei grober Schätzung ca. 30 Leute zugange sein. Ich
verändere den Winkel der Optik, beobachte jeden Winkel der Halle. Hm, das Terrain ist ziemlich
ungünstig für mich, überall sehen Kistenstapel, Regale, Fässer und Fahrzeuge herum. Also jede
Menge Deckung für meine Gegner, ich werde improvisieren müssen.
Nach etwa 20 Minuten habe ich mir einen ausreichenden Überblick verschafft und mache mich
bereit für den Angriff. Ich richte mich langsam auf, trete etwas zurück und nehme Anlauf. In
diesem Moment ertönt vom Eingang her ein dumpfes Krachen, gefolgt von Schreien. Es ist
soweit, Zeit für Rock ’n’ Roll. Ich springe vor, krache durch die Verglasung und fliege in einem
Hagel von Glassplittern in die Halle. Ich komme hart unten an, rolle ab und bin sofort wieder auf
den Beinen. Direkt vor mir stehen 3 Kerle, die mich anstarren wie eine Erscheinung. Ich reiße die
Franchi hoch, Salvenmodus, die groben Schrotladungen mähen sie nieder. Ich feuere weiter, bis
sie am Boden liegen, hecht zur Seite und gehe hinter einem Kistenstapel in Deckung. Keinen
Moment zu früh, denn dort, wo ich eben noch stand, konzentriert sich das Feuer aus mehreren
Maschinengewehren. Die Schützen befinden sich direkt unter dem Dach, auf metallenen Stegen,
die um die gesamte Halle führen. Sie können mich zwar nicht direkt erreichen, aber zumindest
haben sie mich erstmal festgenagelt. Das lässt sich ändern, ich ziehe eine Granate von der Weste,
meine mathematische SPU berechnet innerhalb von Sekundenbruchteilen den korrekten
Abwurfwinkel. Ich probe die Bewegung kurz, dann segelt die erste Granate in einer perfekten
ballistischen Kurve genau auf den Steg. Kaum hat sie meine Hand verlassen, da ziehe eine zweite
ab und werfe sie hinterher. Es kracht zweimal kurz hintereinander, ich höre Schreie von oben,
dann verstummt das Feuer abrupt. Soviel also dazu. Als nächstes beginne ich methodisch, alle
erreichbaren Lampen zu zerschießen. Langsam wird es dunkler und dunkler, Lampe um Lampe
zersplittert unter meinen gezielten Schüssen. Plötzlich nehme ich eine Bewegung hinter mir wahr,
ich wirbele herum und reiße die Flinte hoch. Der Ganger fliegt geradezu in meine Bewegung
hinein. Die Mündung trifft mit aller Kraft seinen Mund, ich spüre, wie seine Zähne unter der
Wucht des Stoßes brechen, dann ziehe ich den Abzug durch. Sein Kopf explodiert in einer
blutigen Fontäne, der Körper wird nach hinten geschleudert. Das Magazin ist leer, ich werfe die
Flinte achtlos zur Seite und ziehe die Urban Combat. Inzwischen haben meine Gegner offenbar
den ersten Schock überwunden, langsam formiert sich der Widerstand. Ich muß zu allererst
verhindern, daß sie wieder auf den Steg kommen. Glücklicherweise kann ich den einzigen
Zugang von meiner jetzigen Stellung aus einsehen. Ich eröffne das Feuer auf die Halterungen, die
das Metallkonstrukt in der Wand verankern. Die MPi ruckt in meinen Händen, als die Ex-
Explosiv-Munition große Löcher in die Wand sprengt. Langsam lasse ich den Feuerstoß nach
oben wandern, bis der Schlagbolzen ins Leere klickt. Ich werfe das leere Magazin aus, ramme ein
neues in den Schacht und feuere weiter, bis die Treppe unter ihrem Eigengewicht aus der
zersiebten Wand reißt und mit einem infernalischen Krachen und Poltern zu Boden stürzt. Ein
gellender Schmerzensschrei ertönt, der abrupt abreißt.
Ich schleiche geduckt weiter, als mich mehrere harte Schläge in den Rücken zu Boden werfen. Im
Fallen sehe ich das Mündungsfeuer zweier Waffen hinter mir, ich rolle mich zur Seite und
erwidere das Feuer. Die beiden sind teilweise gedeckt, also muß ich mit dem arbeiten, was ich
habe. Der Linke hockt hinter einem der Regale, aber ich kann seine Beine sehen. Ohne lange
nachzudenken, ziehe ich den Abzug durch. Die Geschosse zerreißen seine Beine unterhalb der
Knie, mit einen Schmerzgebrüll stürzt er zu Boden. Ich kann seinen Oberkörper sehen und lenke
den Strom der Geschosse direkt hinein. Die Einschläge schütteln seinen Körper, bevor die
Explosionen ihn in Fetzen sprengen. Der andere hat inzwischen nachgeladen und feuert nun
wieder aus allen Rohren. Die Geschosse schlagen um mich herum ein und reißen scharfkantige
Splitter aus dem Betonboden. Ich spüre einen brennenden Schmerz, als einer der Splitter eine
lange, blutige Wunde in mein Gesicht reißt. Das Blut rinnt über mein Gesicht, aber ich habe jetzt
keine Zeit, mich darum zu kümmern. Ich schreie kurz auf und lasse die Hand mit der Urban
Combat zu Boden fallen, dann liege ich regungslos da. Mein Gegner tut mir den Gefalle, seinen
Kopf um die Ecke zu strecken, um die Lage zu peilen. Das letzte, was er sieht, ist mein
hämisches Grinsen, dann trifft eine lange Salve aus meiner Waffe seinen Hals. Die Einschläge
trennen seinen Kopf von den Schultern, mit einem dumpfen Geräusch rollt er über den Boden,
genau vor meine Füße. Ich springe auf und laufe geduckt zu den beiden Leichen. Von hier aus
sehe ich die 2 letzten verbliebenen Lampen an der Hallendecke. 2 kurze Salven, dann herrscht
völlige Dunkelheit. Jetzt spielen wir nach meinen Regeln, denn in der Dunkelheit bin ich
zuhause.
Die Infrarotsicht gibt mir genaue Auskunft darüber, wo sich meine verbleibenden Gegner
befinden. Sie haben sich im hinteren Teil der Halle verschanzt, dort stehen 2 Fahrzeuge, ein GMC
Bulldog und ein Saab Dynamit. Ich ziehe die letzten beiden Granaten von meiner Weste ab und
werfe sie mir einer genau kalkulierten Bewegung von den Saab. Ich kann hören, wie sie
aufschlagen und mit einem metallischen Geräusch unter den Wagen rollen. Ein Moment herrscht
Ruhe, dann erfolgt eine ohrenbetäubende Explosion. Dank der Dämpfer, die in meine Cyberohren
eingebaut sind, nehme ich sie bloß als leise, entferntes Wummern wahr. Der Saab macht einen
Satz in die Luft, überschlägt sich und kracht zurück auf den Boden. Ich sehe einen Körper zur
Seite fliegen, offenbar kam da jemand nicht schnell genug weg. Ich kann noch 8
Wärmesignaturen wahrnehmen, die sich allesamt hinter dem Bulldog befinden. Ich lege langsam
und lautlos die Vulcan ab, jetzt wird es Zeit für den Nahkampf. Ich gleite vorsichtig, Stück für
Stück durch die Dunkelheit, die Pistole in der Rechten, das Messer in der Linken. Den Duster
habe ich auch abgelegt, er würde mich jetzt mehr behindern als schützen.
Langsam pirsche ich mich vor, von der rechten Seite aus nähere ich mich ihrem Standort. Als ich
noch einige Meter von ihnen entfernt bin, sehe ich, wie sich jeweils 2 Signaturen nach links und
rechts entfernen. Jetzt wird es interessant, sie wollen mich augenscheinlich in die Zange nehmen.
Ich gehe in die Hocke und verharre lautlos, während sie langsam näher kommen. Falls sie
überhaupt über irgendeine Art von Sichtverbesserung verfügen, scheint sie nicht allzu viel wert
zu sein, denn augenscheinlich haben sie mich noch nicht entdeckt. Ich warte, bis die beiden, die
von links auf mich zukommen, nur noch ca. 3 Meter von mir entfernt sind, dann eröffne ich das
Feuer. Die Wildey verursacht nur ein leises Ploppen, dann brechen die beiden zusammen. Die
anderen beiden eröffnen daraufhin unkontrolliert das Feuer, offenbar ohne die geringste Ahnung,
wo ich mich befinde. Die Blitzkompensation meiner Cyberaugen dämpft ihr Mündungsfeuer zu
einem dunklen Flackern, so daß ich genau zielen kann. 2 kurze Salven, und sie brechen
zusammen. Von hinter dem Bulldog ertönt eine wütende Stimme, die vergeblich Meldung
verlangt. Ich höre ein unterdrücktes Fluchen, als dem Fragesteller offenbar klar wird, daß seine
Chummer längst tot sind. Ich stoße ein leises, dunkles, gemeines Lachen aus und flüstere:
“Einen Moment noch, ich bin gleich bei Euch.“
Die Antwort ist ein unkontrolliertes, wildes Streufeuer, sie versuchen, mich durch einen
Zufallstreffer oder Querschläger auszuschalten. Das Feuer verebbt langsam, offenbar geht ihnen
die Munition aus. Ich gleite langsam, mit gemessenen Bewegungen um den Van herum, so tief
wie nur möglich geduckt. Ich schiebe die Pistole zurück ins Holster, jetzt kommt das Messer zum
Einsatz. Die verbliebenen 4 haben sich etwas von den Van entfernt, 3 von ihnen haben sich um
den Boss postiert, wie rührend. Ich nähere mich langsam, Stück für Stück, bis ich direkt vor
ihnen bin. Dann schnelle ich vor, ein kurzer Satz bringt mich direkt zwischen sie. Der
Nächststehende bekommt die scharfgeschliffene Klinge direkt ins Herz, noch bevor er
irgendetwas tun kann. Der Boss springt zur Seite, genau in den Schlag, den ich sauber mit der
Rückhand gegen seinen Kopf führe. Er bricht zusammen, bewusstlos, aber noch gebrauchsfähig.
Die verbliebenen 2 sind nur noch Beiwerk, dem ersten ramme ich die Klinge unter sein Kinn, mit
einem Knirschen dringt sie bis zum Heft ein. Ich schnelle herum und führe von unten mit aller
Kraft einen Schlag gegen die Nase des Letzten. Es gibt ein matschiges Geräusch, als der Knorpel
ins Gehirn getrieben wird und ihn augenblicklich tötet. Dann herrscht Ruhe um mich herum, nur
noch der Atem des Bosses ist zu hören. Ich ziehe 2 Paar Einweg-Handschellen aus der
Hosentasche, fessele sein Hände auf den Rücken, dann sind seine Füße dran. Hm, es dürfte noch
mindestens 15 Minuten dauern, bis er wieder halbwegs bei sich ist, also genug Zeit für mich,
meine Ausrüstung wieder einzusammeln. Als alles wieder komplett ist, lade ich mir den Körper
auf die Schulter und verlasse die Halle. Für das, was jetzt noch zu tun ist, suche ich mir ein
anderes, ruhiges Plätzchen, wo wir ungestört plaudern können und niemand ihn hört.
Ich erreiche mein Auto ohne Zwischenfälle, verfrachte ihn kurzerhand in den Kofferraum, nicht
ohne ihn vorher zu knebeln. Dann mache ich mich auf den Weg………….
Ich fahre zügig, bleibe aber im Rahmen der zulässigen Höchstgeschwindigkeit. Alles könnte ich
jetzt gebrauchen, aber keinen neugierigen LoneStar-Cop, der mich wegen einer
Geschwindigkeitsübertretung stoppt und anfängt, in meinem Wagen herumzuschnüffeln. Also
lasse ich es ruhig angehen. Ich fahre nach Auburn, in einer etwas abgelegenen Ecke habe ich vor
einiger Zeit ein stillgelegtes System von Kavernen und Gängen entdeckt, unterhalb der
Kanalisation. Dort sollten wir ungestört sein.
Es dauert keine 20 Minuten, dann sind wir da. Ich fahre in eine kleine Gasse, die in einem
massiven Metalltor endet. Es vermittelt zwar den Eindruck, als sei es für die Ewigkeit
geschlossen, wenn man aber weiß, wo man suchen muß, findet man recht schnell einen
verborgenen Mechanismus, der das Tor schnell und geräuschlos öffnet. Ich fahre den Wagen
hinein, steige aus und schließe das Tor hinter mir. Dafür, daß diese Location offenbar in
Vergessenheit geraten ist, sieht es hier noch recht ordentlich aus. Es gibt sogar Strom, was die
Sache wesentlich vereinfacht. Ich öffne den Kofferraum, lade mir das Paket auf die Schulter und
beginne den Abstieg in die Katakomben. Mein Weg führt über einige Zwischenetagen immer
weiter in den Untergrund von Seattle. Nach ca. 10 Minuten bin ich am Ziel, ich betrete eine
Kaverne von ca. 50 Meter Durchmesser, deren Wände im Laufe der Zeit von Moos und anderem
Grünzeug überwuchert wurden. Dadurch wird fast jeglicher Schall geschluckt, wie ich schon
einige Male feststellen konnte. Der Raum ist relativ unregelmäßig geformt, was auf eine
natürliche Herkunft schließen lässt. Mitten im Raum stehen einige Stühle, ein Tisch und 2 kleine
Schränke. Ich wuchte den immer noch Bewusstlosen auf einen der Stühle, nehme aus einem der
Schränke eine Rolle PowerTape und befestige damit seine Unterschenkel an den Stuhlbeinen. Die
Arme kommen nach hinten über die Lehne und werden dort fixiert. Einige Lagen PowerTape um
den Oberkörper komplettieren die Verpackung. Nun gut, ich bin bereit, jetzt muß er nur noch
wieder zu sich kommen. Ich kürze das ganze ab, in dem ich ihn mit einem Eimer Wasser
übergieße, der in einer der zahlreichen Winkel bereitsteht. Das eiskalte Wasser verfehlt seine
Wirkung nicht. Er reißt die Augen auf und versucht sich zu bewegen, was sich aufgrund meiner
doch sehr effizienten Packtechnik als relativ ergebnislos erweist. Er starrt mich wütend an. Ich
lächle freundlich zurück. Ich gehe auf ihn zu, umrunde ihn langsam. Als ich hinter ihm stehe,
beuge ich mich vor, und flüstere ihm leise zu:
“Mein Freund, wir haben jetzt genau 2 Möglichkeiten, wie unser Gespräch verlaufen kann, und
es liegt allein an Dir, wie es weiter geht. Also überleg’ Dir genau, was Du willst. Ich werde jetzt
den Knebel entfernen, und Du wirst meine Fragen beantworten. Befriedigt mich, was ich zu
hören bekomme, kannst Du gehen, wenn nicht,………….“
Mit diesen Worten packe ich ein Ende des Isolierbandes, daß seinen Mund bedeckt, und reiße es
mit einem harten Ruck ab. Er stöhnt wütend auf, ich trete vor ihn und beuge mich etwas vor, als
er mir mit aller Kraft ins Gesicht spuckt, begleitet von Flüchen und Verwünschungen. Ich wische
mir langsam den Speichel aus dem Gesicht, sage nur:
“Ganz….schlechtes…..Timing“,
und schlage mit aller Kraft ansatzlos zu. Es gibt ein kurzes Poltern, als er mitsamt dem Stuhl nach
hinten fliegt und auf dem Boden aufschlägt. Ich gehe zu ihm, packe ihn mit der Rechten hart am
Kragen und stelle ihn wieder aufrecht hin. Dann sehe ich ihn lange an, lächle freundlich und
doziere:
“Hör’ mal, Du hast offensichtlich nicht so ganz den Ernst der Lage erkannt. Niemand wird Dich
hören, niemand wird Dir helfen. Also beantworte meine Fragen, oder ich werde mir die
passenden Antworten holen. Wie auch immer, Du wirst reden.“
Er starrt mich finster an, und kaum, daß ich meine kurze Ansprache beendet habe, beginnt er
mich wüst zu beschimpfen. Er ist dabei recht erfindungsreich, aber mit der Zeit verliere ich die
Geduld. Ich trete auf ihn zu, ramme den Knebel wieder in seinen Mund und referiere :
“Wenn im alten Japan ein Samurai einem Bauern eine Frage stellte, und dieser nicht antwortete,
hieß das, daß der Bauer taub ist und daher seine Ohren nicht mehr brauchte.“
Mit diesen Worten packe ich ihn an der Kehle, fahre meine Nagelmesser aus und trenne mit einer
vorsichtigen Aufwärtsbewegung sein rechtes Ohr vom Kopf. Er versucht zu schreien, aber dank
des Knebels wird daraus nur ein Stöhnen und Gurgeln. Ich gebe ihm etwas Zeit, den Schmerz zu
verdauen, dann beuge ich mich über ihn und entferne erneut den Knebel. Er starrt mich
hasserfüllt an und faucht:
“Du Punk hast keine Ahnung, mit wem Du es hier zu tun hast. Ich habe Beziehungen, die weiter
reichen, als Dein armseliger Verstand es jemals erfassen können wird. Mehr werde ich dazu nicht
sagen, egal was Du anstellst“
Hm, das hätte er besser nicht sagen sollen, denn jetzt hat er meine Neugier erst richtig entfacht.
Aber leider will er es wohl unbedingt auf die harte Tour. Also stecke ich ihm den Knebel wieder
zurück in den Mund, beuge mich über ihn und beginne meine blutige Arbeit………….
Er ist wirklich ein zäher Bursche, es kostet mich mehr als 2 Stunden Überzeugungsarbeit, bis er
aufgibt und mir die erwünschten Informationen zuflüstert. Was ich zu hören bekomme, versetzt
mich in höchstes Erstaunen. Offenbar hat er nicht übertrieben, als er von den Beziehungen
sprach. Sanderson Cayne, seines Zeichens Stadtrat, steckt hinter der ganzen Geschichte. Der
große Wohltäter , immer zur Stelle, wenn es gilt, medienwirksam für die Unterprivilegierten und
Armen einzutreten. Er verfügt über Insiderinfos, was die Pläne für den mittel- bis langfristigen
Ausbau von Auburn zu einem Nobel-Vorort angeht. Und jetzt versucht er ganz gezielt, bestimmte
Areale von Auburn gezielt zu “entmieten“, wie es so schön heißt. Wenn die letzten Mieter
vertrieben sind, kann er ganze Gebiete für einen Pappenstiel erwerben, und wenn es an der Zeit
ist, mit gigantischen Gewinnen weiter veräußern. Soviel also zu dem großen Wohltäter. Es war
also kein Zufall, daß die Ganger damals bei mir auftauchten. Nun gut, ich bin tendenziell ein
höflicher Mensch, also werde ich den Besuch baldigst erwidern.
Nachdem ich sicher bin, daß ich alle relevanten Informationen erhalten habe, trete ich hinter den
blutigen Klumpen, der in dem Stuhl hängt, hebe meine rechte Hand zu seinem Genick und fahre
den mittleren Sporn aus. Die beidseitig geschliffene Klinge gleitet mühelos durch seine
Nackenwirbel. Ein kurzen Zittern, dann ist es vorbei. Um die Leiche brauche ich mich nicht zu
sorgen, das erledigen die Ratten und anderes Getier ganz von allein Ich setze mich auf einen der
feien Stühle, stütze den Kopf in die Hände und denke nach. Sanderson Cayne, das wird Staub
aufwirbeln, aber das interessiert mich nicht allzu sehr. Er hat einen großen Fehler gemacht, als er
seine Beißer auf uns losließ, und dafür wird er jetzt bezahlen.
Ich verlasse die Katakomben, wie ich gekommen bin, leise und unauffällig. Mein nächster Weg
führt mich nach Tacoma, ich muß einige Vorbereitungen treffen.

Die Fahrt verläuft ruhig und ohne besondere Vorkommnisse. Ich parke den Wagen in der
Tiefgarage, fahre die Sicherheitssysteme hoch und betrete meinen Unterschlupf. Im kühlen
Dunkel des Gewölbes fällt die Anspannung der letzten Stunden plötzlich völlig von mir ab. Mein
Kopf ist wieder klar, meine Gedanken kreisen mit eiskalter Präzision nur noch um eine einzige
Person, Sanderson Cayne. Ich werde ihn auslöschen, koste es, was es wolle. Ich packe alles aus,
was ich an Material dabei habe. Für das AstroLite habe ich eine besondere Idee, daraus werde ich
ein paar Aerosol-Bomben basteln. Dabei wird in der ersten Stufe über eine Druckladung niedriger
Intensität der in der Bombe enthaltene Sprengstoff feinst zerstäubt und somit auf eine möglichst
große Fläche verteilt. Die 2. Stufe zündet das ganze und erzeugt dabei eine Detonation von
unvorstellbarer Zerstörungskraft. Tja, für Mr. Cayne gibt es nur das Beste, sein Ableben soll ein
Zeichen setzen, daß einfach zu verstehen ist. Haltet Euch von denen fern, die ich liebe, oder Ihr
werdet einen hohen Preis für Eure Überheblichkeit zahlen.
In weiser Voraussicht habe ich, als ich vor geraumer Zeit dieses kleine Refugium erschaffen habe,
großen Wert auf die technische Ausstattung gelegt. Es beinhaltet eine komplette Werkstatt, in der
ich alle anfallenden Arbeiten vornehmen kann, dazu ein vollständig eingerichtetes Labor, für
sämtliche Arbeiten, die im weitesten Sinne mit chemischen Vorgängen zu tun haben. Also mache
ich mich an die Arbeit. Zuerst werfe ich die Drehmaschine an und fräse aus einem Keramik-
Polymerblock mehrere Rohre von ungefähr 20 cm Durchmesser. Diese werden dann auf 40 cm
Länge geschnitten. Anschließend werden jeweils in die beiden Enden Innengewinde geschnitten,
um sie möglichst dicht verschließen zu können. Als Letztes versehe ich die Bombenkörper mit
Sollbruchstellen, um die Verteilung des Sprengstoffes zu optimieren. Dann begebe ich mich ins
Labor, und stelle die Druckladungen her. Ich arbeite schnell und konzentriert, ich will keine Zeit
verlieren, schließlich möchte ich Mr. Cayne schnellstens einen Höflichkeitsbesuch abstatten. Jetzt
wird es ernst, ich baue die Druckladungen in die Bombenkörper ein, dann fülle ich sie mit dem
AstroLite. 10 Stück sollten genügen, einer davon zur Probe. In die oberen Deckel passe ich die
Zünder ein, die mir Traxx überlassen hat. Damit sollte der Ausführung meiner Pläne nichts mehr
im Wege stehen. Ich überprüfe ein letztes Mal die Waffen, munitioniere sie komplett auf, dann
setze ich mich für einen Moment. Ich lehne mich zurück, stecke mir eine Zigarette an, inhaliere
den würzigen Rauch. Ich bin in Gedanken versunken, als mich ein ankommender Anruf
hochschrecken lässt. Ich kontrolliere die Herkunft, es ist die Klinik, in der Riella liegt. Sofort
stelle ich die Verbindung her und melde mich. Es ist der Chefarzt persönlich, und der Klang
seiner Stimme lässt einen furchtbaren Verdacht in mir aufkeimen.