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FUE

SLAVISCHE PHILOLOGIE.

UNTER MITWIRKUNG

VON

A. BRÜCKNER, J. GEBAÜER,

BERLIN,

PRAG,

C. JIRECEK,

WIEN,

A. LESKIEN,

LEIPZIG,

W. NEHRING, ST. NOVAKOVIÖ, A. WESSELOFSKY,

BRESLAU,

BELGRAD,

ST. PETERSBURG,

HERAUSGEGEBEN

V. J A G I C.

ZWANZIGSTER BAND.

530859

^.

ITL

5(

BEELIN,

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG.

1898.

p^

Inhalt.

Abhandlungen.

Einige Streitfragen, von V. Ja gic Die Imperative dazdi, vezdi u. s.w. und die Genitive Plur. rabü, zenü,

Seite

1

selü u. s. w., von W. Vondräk

54

TüTfa.'Giga, von S t. Novakovic

61

Zur Charakteristik der mährischen Dialeete, von Fr. Pastrnek Beitrag zur Geschichte der Entwickelung der serbischen Helden-

64

dichtung. II, (Fortsetzung) von Asm us Soerensen

78

Ein angebliches dialectologisches Merkmal der sog. Gnesner Predig-

ten, von A. Brückner

161

Polonica, von A. Brückner

165

Quellennachweise zum Codex Suprasliensis, von Dr. Abicht und

Dr. Reichelt

181

Die ungarischen Beziehungen der Chronik des Presbyter Diocleas,

von Ludwig Thallöczy

201

Wer war Pseudodemetrius I.? von Eugen äcepk in

224

Einige Bemerkungen anlässlich Meillet's »Recherches sur l'emploi

du genitiv-accusativ en vieux-slave«,

von W. Vondräk

325

Preussisch und Polnisch, von A. Brückner

Einige slavische Lehnwörter im Litauischen und Lettischen, von A.

Brückner

481

515

Die slavischen Composita in ihrem sprachgeschichtlichen Auftreten,

vonV. Jagid

Zur älteren kaschubischen Literatur, von Friedrich Loren tz

Bemerkungen zu Oblak's Macedonischen Studien, von Lj. Miletic. Die griechische Version der Judas-Legende, von V. Istrin

Das jüdische Element im Polnischen, von Leo Wiener

Kritischer Anzeiger.

519

556

578

6O9

620

ilpx Ä. MirjeruiT., CcÄMurpaÄCKUTi Bx.irapu, angez. von Const. Ji-

recek

115

K. Glaser, Slovenische Literaturgeschichte. II. Theil, angezeigt von

Fr. Vidic

121

Karl Goetz, Geschichte der Slavenapostel, angez. von R. Nachti-

gall

Einige Bedenken gegen die Echtheit des Briefes v. P. Hadrian II. in

der Vita S.Methodii c. VIII, besprochen von W. Vondräk

125

141

IV

Inhalt.

Seite

Dr. Erich Berneker, Die preussische Sprache, angez. von J. J. Mik-

kola

BoiuKopyccKia HapoÄHH/i nicHH. Hsaauw npoieccopoMt A. EL. Co6oJieB-

cKaro, angez. von V. Jagic Timofej Florinskij, Vorlesungen über die slav. Sprachwissenschaft,

zweiter Band, angez. von W. Vondräk und V. Jagic Karl Brugmann und Berthold Delbrück, Grundriss der vergleichen-

den Grammatik der indogermanischen Sprachen, 2. Aufl., angez.

vonV. Jagiö

EBreuiö Eyaac Kt uciopia BCJHKopyccKHx'B roBopoBt, angez. von V.

Jagic Oskar Wiedemann, Handbuch der litauischen Sprache, angez. von

W. Vondräk

147

151

343

367

374

381

J. Pawlowsky's [Kussisch-deutsches Wörterbuch, angez. von Wilh.

Körner

384

A. Meillet, Recherches sur l'emploi du genitif-accusativ en Vieux-

Slave, angez. von Jos. Zubaty

392

A. UlaxMaTOBX, Kt ucxopiu y^apcHiä Bt cjiaBHHCKHxt asbiKaxi), angez.

von M. Resetar

J. Horäk, Z konjugace souhläskove, angez. von W. Vondräk

Komensky's Correspondenz, angez. von J. V. Nova k

Dr. Matthias Murko, Deutsche Einflüsse auf die Anfänge der slavi- schen Romantik, angez. von J. VI cek

Bibliographisches.

BibliographischerBericht, vonV. Jagi(5,C. Jirecek,Fr.Pastrnek,

G. Polivka, Jov. Radonid, M. Resetar und W. Vondräk .

Kleine Mittheilungen.

397

406

410

417

428

Ein Beitrag zur Katharina-Legende in der älteren kroatischen Lite-

ratur, von V.

blak (+)

153

Bibliographische Uebersicht der slavischen Zeitschriften philologi-

schen, literaturgeschichtlichen und ethnographischen Inhalts,

von V. Jagic

625

Rückblicke auf die Zeitschrfft zum Abschluas des XX. Bandes, von

V. Jagiö

638

Sach-, Namen- und Wortregister

645

Einige Streitfragen.

1. Zur Provenienz der Kijever glagol. Blätter.

Herr Boris Ljapunov, Privatdocent der Slavistik in Cbarkov,

der mir aus meiner St. Petersburger Universitätswirksamkeit als

lieber Scbüler in angenehmer Erinnerung geblieben ist und gegeu-

V7ärtig, mit umfangreichem Wissen und tüchtiger Schulung ausge-

rüstet, die slavische Philologie mit glänzendem Erfolg vertritt,

äusserte sich in dem Nekrolog auf unseren Oblak betreffs der Pro- venienz der Kijever glagol. Blätter folgendermassen (in HsBicTia

189G, I, KH. 4, S. 940 ff.) :

Nach der Ansicht Oblak's, in Uebcr-

einstimmung mit unserem Lehrer, Prof. Jagic (vergl. seine Wiener

Glagolitica, "y^exLipe KpHTHKonajieorp. cTaTbH u. s. w.) ist c und z in

den Kijever Blättern aus tj^ dj statt st^ M der übrigen Denkmäler

nichts weiter, als ein Moravismus, eine Spur der mährisch-panno-

nischen Thätigkeit Method's, die sich auf dem Grunde der alt- kirchenslavischen Sprache abhebt. So könnte man in der That

glauben,

Regelmässigkeit die übrigen charakteristischen Eigenthümlich- keiten der altkirchenslav. Sprache, die uns aus den übrigen Denk-

mälern bekannt sind, bewahrt blieben, wenn c und ~ nicht conse-

quent durchgeführt wären (wie es gewöhnlich bei der Abschrift aus

einem in einem verwandten Idiom geschriebenen Original nicht ge-

schieht) und wenn ausser c und z hier sonst noch welche (Jechis- men oder Moravismen vorkämen, die aber hier fehlen, da man sc

statt st aus sh vor weichen und jotirten Consonanteu nicht als etwas

speciell fürs Mährische Charakteristisches halten kann, da es in vielen slavischen Dialecten bekannt ist (im Russischen, Polnischen,

Slovenischen, Bulgarisch-macedonischen) und das einzige Beispiel

wenn bei diesem c und z nicht mit merkwürdiger

oyM^ für iiiMi im Suffixe des lustr. sing, der Adjectiva fem. gen. durch die Schwäche der Nasalität in den Suffixsilben innerhalb der

altkircheuslavischen Sprache selbst erklärt werden kann (derartige

Archiv für sliivisclie Philologie. XX.

1

2

V. Jagic,

Beispiele sind zahlreich <aueh in anderen Denkmälern). Es er- scheint unerklärlich, wie so ein Mährer oder Ceche den Unterschied

zwischen oy und a. e und i (= h) und a (weniger auffallend ist die Unterscheidung- zwischen t> und h, da diese Laute im Altböh-

mischen unzweifelhaft auseinandergehalten wurden) einzuhalten

vermochte und zu gleicher Zeit consequent H und zd^ wenn sie im

Original standen, durch c und z vertreten sein Hess. Darum kann

ich nicht begreifen, 'warum Oblak und Prof. Jagic sich nicht ein-

verstanden erklären wollten mit der schon längst von Miklosich,

dann von Prof. Fortunatov, Geitler und Kaiina ausgesprochenen

Ansicht, dass man es hier mit einem besonderen altkirchenslavi-

schen Dialect zu thun hat, der von den übrigen altkirchenslavischen

in mancher Beziehung abweichend war. Mit Recht machten Prof.

Jagic und Oblak gegen die Ansichten Geitler's und Kalina's, als ob hier ein macedonischer Dialect vorläge, Einwendung : es ist kein

Grund und keine Nothwendigkeit vorhanden, Macedonien etwas

zuzuschreiben, wovon doch heute keine Spur vorhanden ist. Wich- tig ist nur, die Selbständigkeit der Sprache der Kijever Blätter an-

zuerkennen, was Miklosich und Fortunatov thaten : was dagegen

die Ortsbestimmung anbelangt, da sind die linguist. Combinationen

allein allerdings nicht ausreichend, daher auf Grund des Inhaltes

des Denkmals, des römisch-katholischen liturgischen Ritus dessel-

ben, erscheint es mir in der That, dass man es in die au die Donau

anliegenden, nicht weit von Mähren und Böhmen befindlichen

Gegenden verlegen darf. Da die Heimath und der Verbreitungsort

der altkirchenslavischen Dialectengruppe noch immer ungelöste Fragen sind (wenn man auch zugibt, dass ihre südliche Hälfte in einigen bulgar. Dialecten fortlebt, was übrigens noch nicht erwie- sen ist) , so hindert uns nichts in der Annahme, dass ihre nördliche

Hälfte bis an die Donau reichte und gleichsam die Brücke zur

cecho-mährischen Gruppe bildete ; möglicherweise verschwand

diese nördliche Hälfte der altkirchenslavischen Dialecte zur Zeit

der magyarischen Landnahme, zum Theil aufgegangen in den slo-

vakisch-mährischeu Dialecten. Ich erlaube mir diese Combination vorzutragen, gewissermassen als Antwort auf den Einwand Oblak's in einem an mich gerichteten Brief, wonach die Voraussetzung einer besonderen Mundart bezüglich der Kijever Blätter ohne geogra-

phische Begrenzung zu sehr theoretisch wäre

Einige Streitfragen.

3

Ungefähr ebenso äusserte sieb Ljapunov über dieselbe Frage

in der kritisch-biographiscben Skizze anf Oblak, die in Charkov

1896 (in CöopHHKT. HCTopHKO*HjrojiorHiiecKaro 'paKyjiLTeTa J. 1896)

erschien, wo dies auf S. 1012 des Sep.-Abzugs zur Sprache kommt.

Ich finde hier Einiges ausführlicher behandelt. Das Mehr gegen-

über der obigen Darstellung mag hier folgen : »Sein (d.h.Oblak's) und Prof. Jagic's Fehler bestand darin, dass sie die altkirchen-

slavische Sprache augenscheinlich als einen einzigen Dialect an-

sahen und nicht als Dialectengruppe und darum jede Abweichung

von der auf Grund einer bestimmten Anzahl von Denkmälern auf-

gebauten Norm als Beeinflussung seitens irgend einer zu dem Be-

stand der altkirchenslavischen Gruppe nicht gehörenden Mundart erachteten. Allein in Anbetracht dessen, dass auch das Altkirchen-

slavische wie jede lebende Sprache ganz gewiss aus vielen Mund-

arten bestand, ist es natürlich vorauszusetzen, dass auch die Kijever Blätter in einer eigenen Mundart geschrieben sind. Selbst

angenommen, dass der altkirchenslavischen Sprache die an Salo-

niki angrenzenden Mundarten zu Grunde lagen, sehe ich nichts Unmögliches darin, dass zur selben Gruppe auch die an der Donau

anliegenden Mundarten gehören, indem sie gleichsam eine Brücke

bildeten von der altkirchenslavischen st^ sfZ-Gruppe (aus tj\ dj) zur

cecho-mährischen Gruppe: in einem solchen Uebergaugsdialecte

wurden auch die Kijever Blätter abgefasst

»

Ich übergehe die weiteren Ausführungen meines jungen Freun-

des, in welchen seine Zartfühligkeit zum Ausdruck kommt, insofern

er die Bedenken, dass seine gegen uns gerichteten Einwendungen

missverstanden werden könnten, zu zerstreuen trachtet. Nein, ein

Missverständniss ist ausgeschlossen. Es konnte mir persönlich und

auch dem Andenken unseres dahingeschiedenen Freundes kein

schönerer Freundschaftsdienst erwiesen werden, als dadurch, dass unser lieber Fachgenosse seine von unseren abweichenden Ansich-

ten zur Sprache brachte und so über eine Einzelfrage, die sich aber

zur wichtigen Principienfrage erweitern lässt, eine weitere Dis-

cussion veranlasste.

Ich möchte vor allem bemerken, wenn das auch selbstverständ-

lich ist, dass ich keinen Anstand nehmen würde, auch jetzt noch

zur Ansicht Miklosich's mich zu bekennen, folglich auch die von

Ljapunov geltend gemachten Gründe auf mich in ihrer vollen Kraft

1*

4

V. Jagid,

einwirken zu lassen, wenn es mir nur möglich wäre, das Gewicht

dieser Cfründe so stark zu finden, dass sie mich umstimmen könn- ten. Leider ist das nicht der Fall. Die Erwägungen Ljapunov's

sind für mich nicht überzeugend genug, um mich zu veranlassen,

zu glauben, dass die Sprache der Kijever Blätter, so wie sie uns in diesem Fragment vorliegt, einen lebenden Dialect des Altkirchen-

slavischen vorstellt, ohne jede künstliche, d. h. willkürliche, von

einem Individuum, das als Schreiber oder Abschreiber fungirte, herrührende Combination und Mischung. Ich glaube vielmehr noch

immer wie zuvor, dass in den Kijever Blättern das übliche, in sehr

correcter Form erhaltene Altkirchenslavisch vorliegt, nur mit der

willkürlich, d. h. bewusst, von einem, sagen wir dem letzten, Ab-

schreiber vorgenommenen Aenderung der Fälle st, zd in c, z und

der auf sk (oder sf) beruhenden Lautgruppe st in sc. Mein Fest-

halten an der früheren Ansicht will ich versuchen zu begründen.

Zunächst ergreift mau gern jede Gelegenheit, um das Einigende

hervorzuheben. Daher constatire auch ich, dass eine Reihe von Behauptungen Ljapunov's nach meinem Ermessen unanfechtbar ist.

So z. B. was er von der Dialectengruppe innerhalb des Altkirchen-

slavischen vorbringt die Bezeichnung Dialectengruppe halte ich

allerdings nicht für treffend , dagegen habe ich, wenn man den

Ausdruck Dialectengruppe durch einen besseren ersetzt, nichts einzuwenden. Bereits im J. 1885 und damit sei eine andere von

Ljapunov in der Charkover biograph. Skizze S. 8 9 zur Sprache

gebrachte Angelegenheit ein für alle Mal erledigt gelegentlich

der Besprechung der Antrittsvorlesung Prof. Baudouin's de Cour- tenay «Uebersicht der slavischen Sprachenweit t( (Archiv VIIL 134)

sagte ich es deutlich heraus, dass ich auf dem ganzen weiten Ge-

biete der slavischen Sprachenweit eine kaum hier und dort durch

geschichtliche Ereignisse unterbrochene Kette von fortwährenden Uebergangsdialecten annehme, folglich auch innerhalb einer

Sprache, mag sie wie immer heissen, denselben Process allmäh-

licher Uebergänge anerkenne. Wenn also Ljapunov mir die alt-

kirchenslavischc Dialectengruppe entgegenhält, so ist er im Un-

recht, mich für einen starren Theoretiker zu halten. Ich habe nie

die beliebig grosse Anzahl von Dialcctübergäugen auf der Balkan-

halbiusel und in Pannonien in Zweifel gezogen. Doch damit sei ja nicht gesagt, dass ich auch die verschiedenen aUkirchenslavi-

Einige Streitfragen.

5

sehen Sprachdenkmäler in dieser beliebig grossen Anzahl von Dia-

lecten abgefasst annehme. Nein, unter den verschiedenen unmerk-

lich in einander übergehenden Dialecten der Balkan- und Donau-

Slovenen des IX. Jahrh. bildete doch einer durch seinen lautlichen

Organismus und seinen Formenreichthum den eigentlichen Schwer-

punkt und Ausgangspunkt fürs Altkirchenslavische. Dieser Dialect

ich könnte ihn den Hausdialect der beiden Brüder nennen

liegt aus Verehrung für die Begründer der slavischen Liturgie allen

Uebersetzungen der Zeitgenossen der beiden Apostel und der nach-

folgenden Generationen zu Grunde. Alle übrigen Uebergangsdia-

lecte lieferten je nach den Umständen das eine oder andere hinzu,

aber in vollem Umfange kamen sie nicht zur Geltung, weil schon

in den vorbildlichen Leistungen die Norm gegeben war. In einer

geschriebenen Sprache können, das wird wohl Jedermann zugeben,

ganz andere j\Iischungsprocesse vorkommen, als in der in Wirk-

lichkeit gesprochenen. Im ersteren Falle ist dem schreibenden Indi-

viduum ein viel grösserer Spielraum gegeben, als im letzteren, mag auch endlich und letzlich selbst im Leben der Volkssprache jede Entwickelungsphase individuellen Ursprungs sein. Geistig her-

vorragende Individuen im Volke waren einst und immer eben so mächtige Förderer der Sprache für ein bestimmtes Stadium der-

selben, wie in der Literatursprache die Dichter und bedeutende

Schriftsteller.

Es handelt sich also darum,

die Sprache der in

Rede stehenden Kijever Blätter allseitig zu prüfen, um nach Mög-

lichkeit zu einer Entscheidung zu gelangen, ob sie mehr den Ein-

druck eines durch die gegebenen Bedingungen hervorgerufenen

Mischungsprocesses erzeugen oder den einer im wirklichen Leben

durch die in demselben vor sich gegangene Mischung gesprochenen

Mundart. Das erste erscheint mir das allein annehmbare zu sein,

sobald mau alle Umstände in Erwägung zieht, unter welchen das

Denkmal, dessen Bruchstück die Kijever Blätter darstellen, zu Stande kam. Man komme uns ja nicht mit rein linguistischen Lö-

sungsversuchen, die sich, wie es bei Ljapunov heisst, in die muth- masslichen geographischen Voraussetzungen nicht einlassen uud

an einem vorgefassten Gedanken von dem Ursprung des Altkirchen-

slavischen nicht festhalten (Ljapunov, Charkover Biographie, S. 12).

Ein bestimmtes geschriebenes Denkmal mit eigenthümlichem In-

halt, der auch seinen'geographischen und culturelleu Hintergrund

6

V. Jagic,

hat, kann nicht rein linguistisch behandelt werden. Das wäre aller-

dings sehr bequem, aber nicht ausreichend. Im Inhalt der Kijever

Blätter ist sehr vieles gegeben , wovon auch auf die Beurtheilung

der Sprache derselben ein Streiflicht fällt. Schon dadurch, dass diese Blätter ein Fragment des katholischen Messbuches sind, nach

lateinischer Vorlage übersetzt, ist der Raum ihrer Provenienz ziem-

lich eingeschränkt. Man wird ganz Ostbulgarien und Macedonien ausschliessen müssen, nur Dalmatien mit einigem Hinterland, dann

Pannonien mit anliegenden südwestlichen Gebieten, endlich Mäh- ren mit gewissen Theilen Böhmens können in Betracht gezogen

werden. Also man muss sich nolens volens in muthmassliche geo-

graphische Voraussetzungen einlassen und erst innerhalb des so

eingeschränkten Raumes können dann die rein linguistischen Er-

wägungen Platz greifen. Die Existenz des Merkmals c = tj und

z = dj\ sc = shj (sfj) macht sich hier allerdings geltend, aber bloss

für das Denkmal (oder Bruchstück) in seiner letzten gegebenen

Form. Für diese letzte Phase ist allerdings auch Dalmatien mit

seinem Hinterland, aber auch Pannonien in seinem westlichen Theil (zwischen der Donau bis Oedenburg- Budapest, zwischen Drave-

Save und dem westlichen Alpengebiet) auszuschliessen. Darin

finden wir uns alle in vollkommener Uebereinstimmung ; ich und

Oblak und Prof. Pastrnek auf der einen, Ljapunov mit Miklosich

und Fortunatov auf der anderen Seite. Von dem abweichenden

Einfall Geitler's kann füglich abgesehen werden. Wenn nun Prof.

Pastrnek und Dr. Oblak (die kleinen Divergenzen sind von neben-

sächlicher Bedeutung) für die Kijever Blätter in ihrer jetzigen Ge-

stalt das westslovakisch-mährisch-böhmischc Sprachgebiet in An-

spruch nehmen, so geschieht das in der selbstverständlichen Voraus- setzung, dass das Denkmal auf diesem Territorium nur als eine übersetzte Pflanze gedeihen konnte, die auf fremdem Boden einiges

aus der neuen Umgebung in sich aufnahm (das sind vor allem jene

Cj z, sc) . Ljapunov fühlt mit richtigem Tact heraus, dass die Sprache

der Kijever Blätter ein altes Slovakisch-Mährisch-Böhmisch (sagen

wir des X. Jahrhunderts) nicht sein kann. Dagegen sprechen ja,

mit Ausnahme von c, z^ sc alle anderen Hauptmerkmale des

Vocalismus und Consonantismus, dagegen die grammatischen

Formen und der lexikalische Vorrath. In allen diesen Punkten ist

die Sprache der Kijever Blätter ein so hervorragend correctes Alt-

Einige Streitfragen.

7

kirchenslavisch, das man sieb etwas Besseres, Correcteres kaum wünschen kann. Das veranlasst ihn, in unmittelbarer Nähe des

cecho-slavischen Sprachstammes ein Plätzchen zu suchen, wo man noch c-z ins reale Leben unterbringen, wo aber die sonstigen Laut-,

Form- und Lexikoneigenthümlichkeiten, die ja doch ganz das Alt-

kirchenslavische wiederspiegeln , den echten Wiederhall eines

lebenden Dialectes abgeben könnten. Ganz gewiss ist dieses Be-

streben Ljapunov's theoretisch wohl berechtigt. Doch eine andere

Frage ist es, ob es wirklich unseren sonstigen Voraussetzungen über die Gruppirung der slavischen Dialecte entspricht, in der

nächsten Nähe des cecho-slavischen Sprachstammes ein solches \SL\ic-z-sc versehenes, sonst reines Altkirchenslavisch geographisch unterzubringen. Nach meinem Dafürhalten wäre diese von Ljapu- nov als ein Bedürfniss gefühlte Ansetzung nur so möglich, wenn

sich an das cecho-slavische Sprachgebiet, selbst eine Grenzerwei-

terung desselben gegen Süden zugegeben, unmittelbar die eigent- liche Heimath des Altkirchenslavischen anschlösse, d. h. wenn die

bekannte Theorie Miklosich's von dem pannonischen Ursprung des

Altslovenischen aufrecht erhalten werden könnte. Nur dann würde

eine kleine Verschiebung der Merkmale c, s, sc in das pannonisch-

slovenische Gebiet möglicher Weise ein kleines Plätzchen für einen

solchen wirklichen Dialect übrig lassen. Allein ich halte die pan-

nonische Theorie Kopitar-Miklosich's, wenigstens soweit es sich

um Unterkunft des Altkirchenslavischen in dem westlichen Theil

Pannoniens, mit Plattensee als Centrum, handelt, jetzt schon für

abgethan.

Wir wissen ja, dass auf diesem Gebiete noch heute

der

eine zahlreiche slavische Bevölkerung lebt.

Wir sind in

Lage, daselbst einen seit der Türkennoth eingewanderten Zu-

wachs (die ca-sprechenden Kroaten) von der alten Bevölkerung, den sogenannten Vandalen, den uralten Nachbarn der Mur-

insulaner (Medjimurci) und der steierischen Slovenen auseinander- zuhalten. Es ist eine falsche Theorie, als würden durch die

Einwanderung der Magyaren die pannonischen Slaven massen-

Kleine Verschiebungen mögen

haft zu Grunde gegangen sein.

stattgefunden haben, doch spurlos sind die pannonischen Slaven,

»Slovenen«, nicht verschwunden. Ein ziemlich genaues Bild ihrer Sprache vermögen wir auch heute noch zu zeichnen.

Allerdings ist dieses ganze Gebiet (ich meine das cisdanubische

8

V. Jagic,

Paunonien) , so weit es sich um die slavische Bevölkerung han-

delt, nicht so genau dialectologisch erforscht, wie man es sich

wünschen würde. Doch so viel können wir schon heute mit Be-

stimmtheit sagen, dass für die Heimath des Altkirchenslavischen

in diesen Gegenden die bisher bekannt gewordenen Sprachproben

nicht sprechen. Aus dem Cechoslavischen (Slovakischen) wird man unmerklich hinübergeführt ins Slovenische jener Abart, die

durch die Murinsulaner und ihre nördlichen Nachbarn in Ungarn

(in den Comitaten Zala und Eiseuburg) vertreten ist. Und selbst

angenommen, dass durch die Invasion und Occupation seitens der Magyaren hier eine Lücke im ethnographischen Bilde des Slaven-

thums entstand, die man sich vor ihrer Occupation in der Mitte

zwischen den südlichsten Ausläufern der Slovaken (die sich be-

kanntlich selbst gleichfalls Slovenen nennen) und den nördlichsten

der Plattensee-Slovenen durch die später versprengten Slaven aus-

gefüllt denken kann, so würden diese zurückgedrängten oder ver-

sprengten Slaven, selbst wenn sie zu ihrer Zeit einen selbständigen Uebergangsdialect darstellten, doch nie und nimmer mit der Sprache

der Kijever Blätter auszustatten sein.

Wenn es also richtig ist, dass die Sprache der Kijever Blätter

nicht als ein wirkliches und reales Bild der cechoslavischen Sprach-

gruppe angesehen werden kann worin ich Ljapunov ganz recht gebe , so hilft uns die von ihm versuchte Verschiebung der Pro-

venienz der Kijever Blätter an die südliche Grenze dieses Sprach- gebietes gar nichts, denn in Pannouien, wenigstens dort, wo die Kijever Blätter nach ihrem Inhalt hätten entstehen können (d.h. im Westen), kann hinter dem slovakischen Sprachgebiete nur eine Abzweigung des Pannonisch-Slovenischen, welches aber nicht das

sogenannte Altsloveuisch war, vermuthet werden. Wie ein solcher

Dialect in jener Zeit ausgesehen haben dürfte, zeigen uns die slo-

vcnisch-kroatischen Sprachproben aus dem westlichen Ungarn

wo gewiss uralte Ueberreste der paunonischen Slovenen zu suchen

sind, vergl. z. B. das in der Prophetenübersetzung häufig begeg-

nende Wort .itKi,i und Uki., liki der ungarischen Slovenen oder

auch die Freisiuger Fragmente, die ich ebenfalls nach Paunonien

eher als nach Westkärathen versetzen möchte. Die Kijever Blätter verrathcn nicht die geringste Anspielung an eine so beschaffene

Umgebung,

Einige Streitfragen.

9

Ljapimov findet Anstoss daran, dass bis auf c-z sonst alles in

den Kijever Blättern echt altkirchenslavisch sei, kein weiteres in

Folge der mechanischen Nachahmung der Vorlage begangenes Ver-

sehen, keine weitere Unregelmässigkeit. Darauf möchte ich Fol-

gendes erwidern. Erstens darf doch wohl nicht auch sc ausser Be- tracht gelassen werden. Denn unter den restringirenden Umstän-

den, die für dieses Denkmal in Betracht kommen, kann sich sc

ganz so wie c-z nur auf die cechoslavische Sphäre beziehen. Die Freisinger Denkmäler, die für ij ein k in der lautlichen Bedeutung

des c bieten, haben auch für U ganz consequent sk (d. h. sc) ; folg-

lich kann unter den obwaltenden Umständen sc nur die Geltung

eines cechoslavischen Merkmals haben. Darin aber, dass c und z

so consequent die Lautgruppen st-zd (für tj-dj] ersetzen, muss man

ein bewusstes, absichtliches Ausweichen jenen altkirchenslavischen

Merkmalen erblicken. Erst dann, wenn dieses c-z unbewusst, d.h.

durch den wirklich gesprochenen Dialect in seinem vollen Umfang in die Kijever Blätter gerathen wäre, würde man auch sonst irgend

etwas Dialectisches in dem Fragment, ungeachtet seiner Kürze, er-

warten. Da jedoch bis auf c-s-ic sonst nichts ganzSicheres vorliegt, man könnte allerdings auch c' [cj) hervorheben, s. unten so spricht gerade dieses bewusste Masshalten dafür, dass wir in dem Denk-

mal, soweit man nach dem kleinen Fragment das Ganze beurthei-

len darf, eine bewusste That eines Individuums vor uns haben.

Wir kennen heute schon sehr viele Uebergangsdialecte innerhalb

der slavischen Sprachenwelt und überall nehmen wir wahr, dass

sich dabei mehrere Merkmale durchkreuzen. Dagegen einen solchen Dialect, der sonst in allen Punkten treu das Altkirchenslavische

wiedergäbe und nur bei st^ zd seinen eigenen Weg ginge, kennen

wir nach unserem heutigen Wissen gar nicht. Ein solches Ver- hältniss zweier Dialecte zueinander, mag ihre Verwandtschaft noch

so eng sein, wo der ganze Unterschied auf einen einzigen Laut- ersatz beschränkt wäre, existirte wohl in der Wirklichkeit nicht.

Ein solches Verhältniss kann nur im Wege schriftlicher Combina-

tionen und Beeinflussungen