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ARCHIV

FÜR

SLAVISCHE PHILOLOGIE.

UNTER MITWIRKUNG

VON

A. BRÜCKNER, J. GEBAUER,

BERLIN,

PBAG,

C. JIRECEK,

WIEN,

A. LESKIEN,

LEIPZIG,

W. NEHRING, ST. N0VAK0VI(5, A. WESSELOFSKY,

BRESLAU,

BELGRAD,

ST. PETERSBURG,

HERAUSGEGEBEN

V. J A G I C.

EINUNDZWANZIGSTER BAND.

BEßLIN,

530860

^. /^

^'"'

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG.

1899.

I

BdJI

Inhalt.

Abhandlungen.

Die Betonungstypen des Verbums im Bulgarischen, von A. Leskien

Beiträge zur ältesten Geschichte der Slaven und Litauer, von A.

Seite

1

Brückner

10

Die slavlschen Composita in ihrem sprachgeschichtlichen Auftreten,

von V. Jagic

28

Martyrium des St. Dometius,

von

R. A b i c h t und

44

Aus der ungarischen Slavenwelt, von Olaf B roch

49

Randglossen zur kaszubischen Frage, von A. Brückner

62

Zwei Urkunden aus Nordalbanien, von L. v. T hall öczy und Const.

Jirecek

78-^^1

Wer war Pseudodemetrius I.? von Eugen äcepkin

99,558

Zur Geschichte des Glagolismus in Böhmen, von P. Syrku

169

Slovenica, von Franz Ile sie

199

Untersuchungen über Betonungs- und Quantitätsverhältnisse in den

slavischen Sprachen, von A. Leskien

Beiträge zur ragusanischen Literaturgeschichte, von Const. Jirecek

Die cyrillische Inschrift vom Jahre 993, von Const. Jirecek und

321

399"^

V. Jagic

543

 

Kritischer Anzeiger.

Pedersen, Albanesische Texte, angezeigt von ©er3. Pekmezi

213

Leskien, Handbuch der altbulgar. Sprache, angez. vonW.Vondräk

224

Bloch, Slovakisch-kleinrussische Studien, angez. von W. Vondräk

229

Flajshans,

Glossar zur Königinhofer Handschrift, angez. von W. Von-

dräk

229

Flajshans, Bibliographische Forschungen in Schweden und Russland,

angez. von W. Vondräk

231

Milas, Accenttheorie im Serbischen, angez. von M. Resetar

233

Plenkiewicz, Kochanowski's Biographie, angez. von A. Brückner.

236

Kallenbach, A. Mickiewicz, angez. von A. Jensen

243

Surmin, Kroatische und serbische Literaturgeschichte, angez. von V.

Jagic

245

IV

Inhalt.

Seite

Altböhmische Gesta Romanorum, herausg. von Novdk, angez. von

W. Vondräk

Komensky, Theatrum universitatis rerum, angez. von W. Vondräk

Archangel'skij, Zur Geschichte des deutschen und böhmischen Luci-

darius, angez. von W. Vondräk

Noväk, Rectorrede des M.Gregor von Prag, angez. von W. Vondräk

Zäturecky, Slovakische Sprichwörter, angez. von W. Vondräk . Federowski, Weissrussland, angez. von G. Polfvka

Sumcov, Ethnograph. -literaturgeschichtliche Forschungen, angez. von

G. Polivka

251

254

255

256

257

259

261

Sumcov, Forschungen in der Anecdotenliteratur, angez. von G. Po-

livka

Ilrincenko, Ethnographisches Material I, angez. von G.

Hlatjuk, Ausgabe eines klruss. ethnogr. literaturgeschichtl. Werkes,

angez. von G. Polivka

Pocint. Ein literaturgesch. Sammelband, angez. von G. Polivka .

Hrincenko, Ethnographisches Material II, angez. von G. Polivka .

Ethnograph. Publicationen der Sevcenko-Gesellschaft I— V, angez.

vonG. Polivka

262

263

270

272

273

285

Die Ornamentation des Miroslav. Evang., angez. von Prof. Konda-

koff imd V. Jagic

302

V. N. Zlatarskij's Abhandlungen zur bulgarischen Geschichte, angez.

vonC. Jirecek

Glagolitisches Urkundenbuch, angez. von C Jirecek

Briefe des Kaisers Laskaris II., angez. von C. Jirecek Marjanovic, Mohammedanische Volkslieder, angez. von V. Jagic . Louis Leger, facsimilirte Ausgabe des Reimser Codex, angez. von

V. Jagiö

Kleine Mittheilungen.

Nekrologe, von V. Jagiö

607

617

622

626

635

310

Zu Mencetid, von A. Leskien

637

Zur Bibliographie apokrypher Gebete, von St. St anojevic

638

Ein serbokroat. Wörterverzeichniss aus dem Ende des XV. Jahrb.,

von Milan Pajk

639

Sach-, Namen- und Wortregister

641

Die Betommgstypen des Y erbums im Bulgarischen.

Bei Arbeiten über die Betonung des Verbums im Slavischen ergab sich mir die Nothweudigkeit, eine ausgedehnte Untersuchung über den Verbalaccent in den bulgarischen Mundarten, die mace- donischen eingeschlossen, anzustellen, weil hier, anders als beim

Serbischen, Slovenischen und Russischen, gar keine zusammen-

fassenden Vorarbeiten vorliegen. Ich habe dazu benutzt die accen-

tuirten Texte, mit Bevorzugung der Prosatexte, in den ersten 13

Bänden des Cöophhk'b sa napoAHH yMOTBopeHHH, nayica h KHnacHHa,

ii3;taBa MHimcTepcTBOTo na iiapo^iioxo npoeBi;ii],eHHe (Sofia 1889

1896); in den Sammlungen Sapkarev's, CöopHHK% oxt öt.irapcKH iia-

poAHH yMOTBopenna (9 Hefte, Sofia 1891 fg.) ; in der Zeitschrift ITe-

pHOjHyecKo cniicaime (54 Hefte, Jahrg. 18821896, Sofia); in den

KiiHacniJiH, einer kleinen Zeitschrift, von der, so weit mir bekannt, 1

Hefte (Saloniki 18891891) erschienen sind; ferner Cankof, Gram-

matik der bulgarischen Sprache (Wien 1852) und einige Kleinig-

keiten. Ausgeschlossen habe ich Duvernois, CjioBapfc öo^irapcKaro

flSBiKa (2 Thle., Moskau 1885 fg.).

Wollte ich die Masse des Materials und die Einzelresultate für

jede Localmundart, alle kleinen Abweichungen solcher Mundarten aus den untersuchten Texten, deren Aufzeichnung auch nicht immer

gleich zuverlässig ist, mittheilen, so würde das ein Buch von ziem-

lichem Umfange geben.

Ich ziehe es vor, hier gewissermassen einen Auszug zu geben,

in der Form, dass ich die Mundarten, in denen die Betonung des

Verbums im Wesentlichen gleichartig ist, zu Gruppen zusammen-

fasse und den durchgehenden Betonuugstypus für jede Classe des

Verbums feststelle. Die Einth eilung des Verbums ist die meines

Handbuchs, die ich wohl als bekannt voraussetzen darf. Für Unter- suchungen über Betonung ist die übliche Eintheilung nach der

Archiv für slavische Philologie. XXI.

J

<L

2

A. Leskien,

lufinitivbildung, da sie gleich gebildete und gleich flectirte Verba

auseinanderreisst, nicht zu brauchen. Die unten aufgestellten Typen bedürfen sicher mancher Be-

richtigung und genaueren Bestimmung. Sie werden aber, hoffe ich,

den Zweck erfüllen, in der erdrückenden Fülle von Einzelheiten

als Ausgangspunkte oder Richtungspunkte für weitere Forschungen

dienen zu können. Man wird leicht aus den Texten z. B. des Sbor-

nik einzelne Beispiele finden , die zu den von mir aufgestellten Typen nicht stimmen. Ich kenne diese auch, ignorire sie aber

hier, weil es mir nur darauf ankommt, ein ungefähr zutreffendes

Gesammtbild zu geben.

Bei der Untersuchung der Betonung des Verbums im Bulgari-

schen kommen in Betracht: das Präsens ohne die Participien, da

sie im Bulgarischen entweder ganz ungebräuchlich, oder wenn hie und da mundartlich gebraucht, zu Adverbien erstarrt und z. Th. formal stark umgebildet sind; das Imperfectum, das aber keiner

besonderen Behandlung bedarf, da es stets wie das Präsens betont

wird; der Aorist; das sogenannte 1-Particip, mit dem das um-

schriebene Perfekt gebildet wird, der Kürze wegen im Folgenden

mit Perf. bezeichnet ; das Particip präteriti passivi, aus dem-

selben Grunde mit Pass. bezeichnet; der im Bulgarischen dürftig erhaltene Infinitiv; der Imperativ (gleich altem Optativ präs.),

den ich hier aber ausser Betracht lasse, weil Form und Betonung in den Dialekten zu stark wechseln. Zur Vermeidung weitläufiger

Ausdrucksweise werde ich die Bezeichnung Endbetonung an- wenden, wo die 1. sg. praes. oder 1. sg. aor. den Hochton auf der

letzten Silbe haben, wo Perf. und Pass. ihn auf der letzten Silbe

des Nom. sg. masc. tragen. Alle andern Formen in der weiteren

Abwandlung oder Motion haben dann den Hochton auf der ent-

sprechenden Silbe.

Die Typen sind der Kürze wegen z.Th. bezeichnet nach einem

Hauptort der betreffenden Mundartengruppe.

I. Typus Ochrid. Dahin gehören die Mundarten von Ochrid,

Struga, DebrrB (Dibra), Debrtca (die Landschaft östlich vom Aus-

fluss des Drin aus dem Ochrid-See bis Kicevo), Kicevo, Krusovo, die Landschaft Tetovo (zwischen Tetovo [Kalkandele] und Gosti-

var), Gostivar, Resen, Bitolja (Monastirj , Prilep, Veles, Skopje.

Hier ist überall der Hochton der Worte so regulirt, dass er stets

Die Betonungstypen des Verbums im Bulgarischen.

3

Dieser

Typus kommt daher bei der Betrachtung der ursprünglichen Be-

tonung des Verbums überhaupt nicht mehr in Betracht.

auf der drittletzten Silbe liegt, also auch beim Verbum.

IL Typus Lerin, umfasst die Mundarten um Lerin (Florina)

und Kostur (Kastoria). Auch hier ist der Hochton insgesammt re- gulirt; er trifft die vorletzte Silbe des Wortes mit gewissen Ein-

schränkungen^ ; es entfällt daher auch dieser Typus für die ur-

sprünglichen Verhältnisse des Verbums.

III. Typus A'oden, umfasst die Mundarten um Voden. Stip,

Kumanovo, Kratovo, Dorjan, Gevgeli, Meglen, Kukus, Ajvatovo (AjvalU), Solun Saloniki). Das Präsens aller Classen vermeidet

durchaus die Endbetonung, dagegen sind alle Nichtpräsensformen

(Aorist, Perf., Pass.) endbetont. Doch muss ich das Perf. der con-

sonantisch auslautenden Stämme (= Wurzel) von Gl. I {nes^l^ f.

7iesla u. s. w.) ausschliessen, weil die Texte darin so schwanken,

dass man zu keinem sicheren Resultat kommen kann. Die Bei-

spiele sind gegeben ohne Rücksicht auf die in den Mundarten

nicht gleichmässige Reduktion oder sonstige Veränderung der Vo-

kale unbetonter Silben, überhaupt ohne Rücksicht auf solche for-

male Unterschiede, die für die Lage des Hochtons gleichgiltig sind.

CLL

Cl. II.

Cl.lII. 1.

Präsens

4

Die Betonungstypen des Verbums im Bulgarischen.

Dass hier eine Regulirimg des Verbalaccentes vorliegt, ist

ohne Weiteres ersichtlich : zu bemerken ist dabei, dass diese Mund-

arten eine etwa ähnlich geartete Kegulirung des Hochtons beim

Nomen nicht haben.

IV. Typus Sofia; dazu gehören die Mundarten von Sofia, Kadomir, Küstendil, Dupnica, Samokov. Der Bereich dieses Typus

geht noch weiter, doch muss ich die sonstigen Lokalmundarten

hier zunächst unberücksichtigt lassen. Die Verhältnisse sind hier weniger einfach als bei den vorher

besprochenen Typen. Allgemein ist, dass das Pass. aller Classen

die Endbetonung ausschliesst, z. B. neiieii, mican, Konan, fläpen, bh-

ÄBH. Sonst herrschen folgende Betonungen

Cl. I. 1) Hat das Präsens, wie in den meisten Fällen, Endbe-

tonung, so hat derxlorist bei konsonantisch auslautendem Infinitiv-

stamm (= Wurzel) Wurzelbetonung ; bei vokalisch , auf -a- oder

auf -e- (= altem i Mpi-, aus mer-^ oder = e yA-) auslautendem

Infinitivstamm dagegen Endbetonung, z. B.

Präsens

g

A. Leskien,

Cl. II vermeidet im Präsens die Endbetonimg vollständig, hat aber im Aorist und Perf. regelmässig Endbetonung, z. B.

Präsens

cTaneM

cTaHeui

u. s. w.

Aorist

cxanax

cTana

u. s. v^.

Perf.

exaiiä;!

cTanajia

u. s. w.

Cl. III. 1 hat, mit Ausnahme einiger weniger Präsentia von

vokalisch auslautenden Wurzeln, im Präsens keine Endbetonung,

dagegen stets im Aorist und Perf., z. B.

Präsens

KaatBM

KaiKem

u. s. w.

Aorist

Kasäx

Kasä u. s. w.

Perf.

Kasäji

Kasäja u. s. w.

Cl. III. 2. a; das Präsens (auf -am, -as u. s. w.) vermeidet

Endbetonung durchaus, Aorist und Perf. haben sie stets, z. B.

Präsens

Aorist

Perf.

KonaM

Konäx

Kona;r

Konaui

Kona

Kona^ia

u. s. w.

u. s. w.

n. s. w.

Die Abtheilung III. 2. c kann hier gleich angeschlossen werden,

da sie, wenn das Präsens auf -ysaM ausgeht, genau dieselben Ver-

hältnisse zeigt, z. B. AapyBaM, Aapyßäx, AapyBaji.

Das e {= e) des Verbalstammes hat immer den Hochton in allen Formen, z. B.

Cl. III. 2. b.

Präsens

o-cxapejeM

Aorist

Perf.

Die Betonungstypen des Verbums im Bulgarischen.

7

Cl. IV. 2.

Mit einer Ausuahine, uiiah-m bhahui u. s. f., haben

alle Präsentia Endbetonung, alle Auriste und Perf. ohne Aus- nahme, z. B.

ce^HM

ceAHin

u. s. w.

ce;i;ex (sHAex)

ce^e

u. s. w.

ceji^eÄ (BHAeji)

ceAe.ia

u. 8. w.

Vergleicht man den Typus Sofia mit dem Typus Voden, so

stellt sieh heraus, dass die beiden in den Classen II, III t, III 2. IV 1, abgesehen vom Pass. vollkommen übereinstimmen, in diesen

Classen ist der Hochton regulirt, hier wie dort. Dagegen ist in Cl. I

und IV 2 beim Typus Sofia alte Endbetonung im Präsens erhalten,

beim Typus Voden aufgegeben, er stellt also einen weiter fortge-

schrittenen Stand der Regulirung dar. Bei den Aoristen von Cl. I

steht es ganz eigenthUmlich : Voden hat dem allgemeinen Princip

gemäss immer Endbetonung, in Sofia steht die Betonung der Aoriste

in umgekehrtem Verhältniss zu der des Präsens: Be^eM Be^ox,

Moaceji Morox.

V. Ostbulgarischer Typus. Er umfasst, im Groben ange-

geben, das Fürstenthum, so weit es östlich vom Vid liegt, ganz

Ostrumelien, ferner südlich von der Rhodope und im Gebirge die

Landschaft Achi.-Celebi, die Umgebung von Nevrokop, Drama und Demirhissar. Der Beschreibung des Typus lege ich die Cankof-

sche Grammatik (der Mundart von Svistov entsprechend) zu Grunde,

die Abweichungen von ihr in andern Mundarten sind im Ganzen

unbedeutend; ich betone aber ausdrücklich, dass das im Folgenden

Ausgeführte nicht in jeder Einzelheit von allen Mundarten gilt,

Cl. I. 1) Das Präsens hat Endbetonung, in den allermeisten Fällen: 2) das Präsens hat Wurzelbetonung, nur bei idt ides,

3) der Aorist von konso-

nantisch auslautendem zweiten Stamm vermeidet durchaus die

Endbetonung, diese findet aber statt, wenn ein vokalisch, auf -a-

oder einen anderen Vokal auslautender Stamm zu Grunde liegt, z. B.

lezT. lezes, mogi. mozes, zemh zemes\

ved-B

vedoh

id-B

idoh

kovi

koväh

vedes

vede

ides

ide

koves

kovä

U.S.W.

U.S.W.

U.S.W.

U.S.W.

U.S.W.

U.S.W.

Vgl. auch pri-jeh (npHax-B), oprech (onpixt). lieber das Perf. ist

g

A. Leskien,

nichts Bestimmtes aussagbar, nur dass es bei vokalisch auslauten-

dem Stamme Endbetonung hat : kobiij.

Cl. II. Das Präsens hat in zwei Fällen Endbetonung: mim&

und po-men-i, sonst nie; Aorist und Pass. vermeiden die Endbeto-

nung durchaus; die allgemeine Norm ist also, an einem Beispiel

gezeigt

Präsens

Aorist

Perf.

stan^

stänih

stantl

stanes

stani.

stanxla

stane

stän-B

Cl. III. 1. Kein Präsens hat Endbetonung ausser ori (pflüge;

man könnte es auch zu Cl. I rechnen, falls die Flexion nicht einem a!tb. opMi opieuiii, sondern einem *orq *orei>i entspräche). Der Aorist

und das Perf. können Endbetonung nur dann habeu, wenn sie von

vokalisch auslautenden Wurzeln ohne besonderen zweiten Stamm

herkommen, z.B. pri-do-bilt, 2^ri-do-biI, is-pih u.a. d. A.; ebenso der

Betonung des Präsens folgend oräh^ oral., orän. In allen andern

Fällen, die stets so beschaffen sind, dass ein zweiter Stamm auf

-a- vorliegt, kann keine Endbetonung stattfinden, z. B.

Präsens

Aorist

Aorist

.

Beiträge zur ältesten Geschichte der Shiven und Litauer.

1 1

I. Misaca, rex Licicavicorum.

Uikundlicbe polnische Geschichte begiünt bekaontlich mit dem

Satze des über gleichzeitige westslavische Vorgänge nicht übel in-

formirten Corveyschen Annalisten : (Wichmannus)

regem Mi-

sacam, cuius potestatis erant Slavi, qui dicuntur Licicaviki

superavit (Widukind III, cap. 66, zum Jahre 9(53).

Es lohnt

durchaus, auf diesen Satz näher einzugehen ; der Name des hier

genannten Volkes wiederholt sich nämlich nie wieder in der ge-

sammten alten Ueberlieferung : der Name des Fürsten selbst ist nur einer bestimmten Dynastie geläufig.

Wer gemeint sein kann, darüber allerdings herrscht kein

Zweifel; es ist der »König« der «Polen« gemeint, den spätere deutsche Quellen, z. B. Thietmar, Miseco. polnische Quellen

Mesco (später Myesco, heute Mieszko) zu nennen gewohnt sind.

Aber was bedeuten beide Namen, der des Königs, sowie der

des Volkes? Wir besprechen zuerst den Königsnaraen.

Derselbe schien anstandslos als ein gewöhnlicher Eigenname,

in der sog. Koseform, gelten zu sollen. Wie Bolko z.B. Koseform zu Bolestaw ist, so sollte Mieszko Koseform sein zu doch hier

gehen die Meinungen heute sofort auseinander.

Dlugosz zuerst hatte dafür eine volle Form, die später Mye-

czysiaw lautete, aufgebracht und Jahrhunderte hielten daran fest ^)

heranzieht, vollkommen unbeachtet gelassen hat. Ausserdem die Abhand-

lung:

Piascie (Krakauer Akad. Abhandlungen, hist.-philos.Classe XXXVII,

S. 305 flf.) und das Studium: Litwa Staroiytna, ludy i bogi (Üiblioteka War-

szawska, 1897, II 235—265, III 416—450 und 1898, I 37—68).

In beiden

letztgenannten Arbeiten berührte ich mehrfach oder deutete an Fragen und

Erklärungen, die in den folgenden Beiträgen ausführlicher und allseitiger er- örtert werden.

'j Dlugosz kombinirte, für seine Zeit gar nicht übel, folgendermassen

(Opera X, S. 110 f.): nachdem er, nach dem Vorgange seiner beiden Quellen,

den Namen Myeszka als turbacio gedeutet hatte, fährt er fort, placet non-

nullis, ducalem puerum Myeczslavum, quod significat habiturum gloriam (also

miec siatc(, nicht zu »fzecz Schwert !j appellatum fuisse, sed ad nomen Myeszko

per diminucionem vocitationis (also Koseform), dum puericiam ageret, defluxisse. Quam opinionem nos quoque ex multiplici respectu probamus, attento quod

Poloni regum et principum suorum nomina non in ko sed in slav terminari so-

liti sunt, lingua sua, formaudo principum et regum nomina Wlodzislaw, Bo-

leslaw Myeczslaw Przemyslaw Stanislaw etc.

12

A, Brückner,

Erst Mi kl sich beanstandete diesen Namen als einen »verdächti-

gen« oder »zweifelhaften« (Slav. Personennamen, Denkschriften X,

1860, S. 293 f.), und seitdem ist derselbe verpönt. Kaum mit vollem

Recht. Dass ein Name w^ie Miecsiaw schon vor Dlugosz wirklich

vorhanden war, beweisen Urkunden ; wer mit den Belegen bei

Zeissberg oder bei Baudouin,

ApeBnenojrbCKOM'B hsbik^ 1870,

S. 67 (unter Meczslaus) unzufrieden wäre, vergleiche z.B. aus Ka-

liszer Eidformeln bei Ulanowski die Nummern 396, 479, 483:

Meczcow oczecz y Meczslaw, Meczko^ na Meczslaue; der Name

Miecsiaw Mieciaw kann aber, wenn man ihn nicht von medislav

(med'B, in Personennamen vorkommend) herleiten will, kaum etwas

anderes als das geforderte Mieczyslaw (von mtct Schwert, das in

Personennamen wirklich vorkommt, vgl. auch Personennamen mit stitt Schild, Miklosich, Ortsnamen aus Personennamen i. h. v.)

sein, mit der bekannten poln. Kürzung, wie in Wrociaw aus Wrocis-

iaw, Wlociaw aus JViodzislaw, Przeciaw, Maciaw, Godaw u.S.w.).

Allenfalls könnte man sich gegen Namen des XIV. und XV. Jahrh.

ablehnend verhalten; es kommen nämlich unter ihnen mitunter

gar sonderbare, offenbar gesuchte vor, wie Lech u. a. Wer nun an

Mieciaw oder Mieczysiaw festhält, vgl. Bogusa Mecslavic vom J.

1229, würde als Koseform ohex Mieczko oder Miecko^ mohi Mieszko

erwarten; einzelne Historiker, seit Jablonowski im vorigen Jahr-

hundert, gebrauchten auch wirklich jene, gegen das einstimmige

Zeugniss der Quellen, aufgenommene Form.

Aber Miklosich schlug eine andere Deutung vor, indem er

a.a. 0. den Namen Mieszko auch unter den von mtstb abgeleiteten

Namen einreihte, und zwar unter mLStbko; noch weiter ging dann

Kuuik (und nach ihm Schiemann) ; sie setzten statt Jfees^Ä'o den

Vollnamen Mscisiaw ein natürlich falsch, denn mit demselben

Rechte könnten wir jeden ähnlichen Vollnamen, wie Msciwoj\ M^ci-

drucj u. ä. einsetzen. Nun ist für polnische Namengebuug die

Häufigkeit von Ableitungen und Zusammensetzungen mit mLstb

wirklich geradezu charakteristisch, man vgl. polnische Namen wie

Msta^ Niemsta, Mscisiaw^ Mscibor^ Mscignieio^ Mscieta, Mszczuj,

MscisZj 3Iiestwm, Msciwoj, Dobiemiest u. a. aber gerade dieser Umstand spricht gegen die Herleitung des Misica aus mtstt.

Denn waren die mtstt- Namen wirklich bei den Polen ver-

breitet, beliebt und geläufig, so erwarten wir unter ihnen für das

Beiträge zur ältesten GeBcliichte der Slaven und Litauer.

13

X. Jahrhundert und für den Namen des mächtigsten slavischen Herrschers dieser Zeit keine familiäre oder obskure Verstümmelung,

sondern jedenfalls einen Vollnamen. Es fiele Niemandem ein, die gleichzeitigen böhmischen Bolesiaioi mit Boszek oder Boszko zu

benennen, und ebensowenig hätte ein Pole aus Micislmo oder ä.

einen Mieszek oder Mieszko gemacht die blosse Furcht vor dem absoluten Herrscher hätte solche Respektwidrigkeit auf die Dauer gar nicht aufkommen lassen. Dasselbe gilt für Mieclaw oder Mye-

czi/siaw; der Name, wenn überhaupt echt, scheint verhältnissmässig

jung und ebensowenig zu solcher Kürzung für einen Herrscher-

namen geeignet ; das obotritische Brozko und das spätere polnische

Bolko sind keine entsprechenden Stützen. Man könnte noch auf den Gedanken kommen, Mieszko oder

eher Jfi'eÄzei^ wäre Deminutiv von itf/ec/i (Sack? Blasebalg?), das

im alten Ortsnamen Miechöw und im Bauernnamen Mieszek (ge-

schrieben Mesec) der Gnesener Urkunde von 1136 faktisch vorliegt. Aber gegen alle Deminutivbildungen von mBstb, die übrigens

Miestko, vgl. Lestko^ unfehlbar gelautet hätte (nur kommt diese

Form nie vor!), von mtcL odermeht, spricht der bisher unbeachtet gelassene Umstand, dass der Name gar nicht Mieszko^ Miseco,

sondern Mieszka^ Misica gelautet haben muss, wenigstens nach

dem übereinstimmenden Zeugnisse der slavischen und der ältesten

lateinischen Quellen.

Dafür sprechen erstens russische Quellen. Die Hypatios- chronik weiss bekanntlich viel von polnischen Fürsten des XH. und

XIII. Jahrh. zu erzählen. Während nun heute deren Namen, z. B.

Lestko und Mieszko, in der Flexion zusammengeworfen werden,

scheidet die Chronik sie konsequent : sie braucht immer nur die

masc. neutr. Formen nom. Luthko, gen. LhsUka u. s. w., aber im-

mer nur die femin. Formen nom. ÄlecHCKa, gen. MeofCKbi, dat. MeMWb

u. s. w. Wohl werden in russischen Texten Personennamen auf

-Ko weiblich flektirt seit den ältesten Zeiten (vgl. die Belege bei

CoöojBBCKiH, JIeKn;iH 2 S. 168), aber woher stammte dieser kon-

stante Unterschied in der Hypatioschronik, wenn er nicht im Na-

men selbst begründet gewesen wäre ?

Dagegen kennen die böhmischen Quellen alter Zeit keine

Feminin-Deklination der ko- Stämme (vgl. z. B. die Deklination

Yon j'miecko bei Gebauer, Grammatik EI, S. 151) und doch wird

14

.

A. Brückner,

Mezka bei dem sog. Dalimil nur weiblicli flektirt, Mezcye u. s. w. Nebenbei bemerkt, transscribirt Jirecek den Namen falscb ; er

schreibt ihn nämlich MezJca^ statt Mezka, wie die russische Schrei-

bung erfordert; in der Cambridger Handschrift kommen die For- men vor: mezka (einmal myezka], mezky, mezczye [mezczie) und

mezku (acc.)

Zu diesen unzweideutigen böhmisch -russischen Zeugnissen

scheinen aber auch lateinisch-polnische hinzutreten zu sollen,

welche sämmtlich verzeichnet hat Zeissberg, Miseco, Archiv f.

österr. Gesch. XXXVIII, 1867, S. 59—61. Widukind nennt den

Namen an allen Stellen Misaca (darnach ist die Lesung Misaco

(dativ) statt Misacae in den Monumenta Grerm. V zu berichtigen);

eine andere Quelle des X. Jahrb., die sog. Gnesener Schenkuag,

bietet Misica\ noch der ungenannte Etymologist der sog. gross-

poluischen Chronik, sowie sein Vorbild, mag. Vincentius (um 1195)

deuten den Namen in der weiblichen Form als mesca, myeszka tur-

bacio confusio »quia coeco nato parentes turbati sunt« etc., obwohl

sie ihn bereits stets nach der dritten Deklination (Mesconem u.s. w.)

flektiren, als derjenigen, welche männlichen Personennamen seit

jeher angemessener schien, und die daher bei Thietmar (XI. Jahrh.)

die Regel bildet.

Diese alten Zeugnisse lassen uns ohne Weiteres die Urform

des Namens als mieszka aufstellen; nur hat er natürlich nicht

mie&zka confusio bedeutet, wohl aber mieszka Bär. Die indoeuropäische Bezeichnung des Bären (ursus u. s. w.)

haben Slaven und Litauer aufgegeben; die Slaven ersetzen sie durch das alte Compositum medvedb\ daneben haben sie eine Form meska, mecka, vgl. Miklosich, Etym. Wörterb. unter mechk^.

Diese Benennung ist heute nur bei den Südslaven allgemein ver-

breitet ; dass sie früher allslavisch und bei Ost- und Westslaven

gleich beliebt war, beweisen zwei Umstände. Die Litauer haben

ihr einheimisches lokys Bär (preussisch klokis, lettisch läcif> dass.)

meist aufgegeben und durch slavisches meszkä Bär [meszkynas männlicher Bär, meszke Bärin u. s. w., lettisch meska und müka Beinamen des Bären) ersetzt. Von dem bei den Westslaven früh

verlorenen meska Bär stammt das westslavische und russische mes-

kati saumselig sein, säumen, zögern, zaudern nach der Schwer-

fälligkeit desThieres, vgl. Wi.meskiüti wie ein Bär langsam gehen;

Beiträge zur ältesten Geschichte der Slaven und Litauer.

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die russische Schreibung MiuiKaTt (vgl. kleinruss. MemKaxH; ist so-

mit falsch ; das Böhmische hat an der alten Bedeutung (säumen) am zähesten festgehalten; das Polnische hat