Sie sind auf Seite 1von 658

ARCHIV

FÜR

SLAVISCHE PHILOLOGIE.

UNTER MITWIRKUNG

A. BRÜCKNER,

BERLIN,

A. LESKIEN,

LEIPZIG,

VON

W. NEHRING,

BRESLAU,

F. FORTÜNATOV,

ST. PKTERSLURG,

C.JIRECEK, ST. N0VAK0V1(5, A. SOBOLEVSKIJ,

WIEN,

BELGRAD,

ST. PETERSBURG.

HERAUSGEGEBEN

V. J A G I C.

NEUNUNDZWANZIGSTER BAND.

BERLIN,

v^~7r~57

WEIDMANNSCHE BUCHHANDLUNG.

1907.

PG

I

ßS

Inhalt.

Abhandlungen.

seit«

Kritische Bemerkungen zum urslavischen Entnasalierungsgesetz in

Arch. f. sl. Phil. XXVIII, 1 ff., von Jarl

1

Urslavisches Entnasalierungsgesetz, Antikritik und Nachträge von

Norbert Jokl

11

Prosper Merimee's Mystifikation kroatischer Volkslieder (Schluß), von

T. Matiö

Wie man slavische Mythologie macht, von IvanFranko

Zu Prokop Sedivys Büchlein über das Theater (1793), von Franz

49

97

Spina

105

Der Spirant ü vor

aus idg. a im Urslavischen, von G. Iljinskij .

 

.

161

Quelques remarques sur la langue polabe, par Casimir Prosodisches und Metrisches bei Karel Jaromii- Erben, mit besonderer Berücksichtigung des Gedichtes »Zähofovo loze« (Schluß), von

169

Jaroslav Sutnar

 

184

Beziehungen der ukrainischen historischen Lieder, resp. »Dumen«,

 

zum südslavischen Volksepos, von Micha] lo Ter sakovec . Drei Fragen aus der Taufe des heiligen Vladimir, von Stjepan

221

Srkulj

246

Beiträge zur Quellenkritik einiger altrussischer Denkmäler, von

Ivan Franko

282

Beiträge zar serbokroatischen Dialektologie, von Franjo Fancev Beiträge zur Kulturgeschichte des serbischen Volkes, I., IL, von

305

Aleksa Ivic

390,511

Der Reflex des indogermanischen Diphthongs eu im Urslavischen, von G. Iljinskij

 

481

Der Dialekt von Mostar, von Vladimir Corovic

 

497

Eliska Klräsnohorskä, von Jaromir K. Dolezal

517

Ein Bruchstück von Molieres George Bandin in der Übersetzung F. K. Frankopans, von T. Matic

529

Die Nomenklatur in den kroatisch-glagolitischen liturgischen Bü- chern, von Jos. Vajs

550

 

Kritischer Anzeiger.

Vondräk, Ver^l. slav. Grammatik, angez. von A. Brückner .

.

.

.

110

Bogurodzica (Scurat's Schrift u.a.), angez. von A. Brückner

 

121

Czambel, Die slovakische Sprache, angez. von Fr. Pas trnek

.

.

.

135

rV

Inhalt.

Seite

Karisek, Slav. Literaturgeschichte , angez. von I. Grafenauer, D.

Prohaska und J. Sutnar

Iljinskij, Urkunde des bosn. Banus Kulin, angez. von M. Resetar

.

Vondräk, Vergl. slav. Grammatik, angez. von V. Po rzezinski .

.

Schrader, Sprachvergl. und Urgeschichte, angez. von A. Brückner

Brückner, Geschichte der poln. Sprache, angez. von H. U las

Zum slavischen Folklor:

140,581

149

411

429

440

Federowski, Folkloristisches aus Weißrußland, angez. von G.

Polivka

Romanov, Weißruss. Erzählungen, angez. von G. Polivka

Medvecky, Monographie über Gyetva, angez. von G. Polivka

Speranskij, Aus Altägypten, angez. von G. Polivka

Gavrilovic, 20 serb. Volkserzählungen, angez. von G. Polivka

Baudouin de Courtenay, Slavisches aus Norditalien, angez. von

G. Polivka

Saselj, Aus dem Volksleben in Adlesici, angez. von Iv. Grafenauer

Ostojid, Dositheus Obradovid im Kloster Opovo, angez. von D. Pro-

haska

445

454

458

461

469

473

475

610

Dr. Cönov, Urheimat u. Ursprache der Bulgaren, angez. von S. Mla-

denov

Croiset van der Kop, De morte prologus, angez. von W. Nehring .

Kleine Mittheilungen.

Johannes Uzevic und seine Grammatik, von V.Ja gic

Einige serbokroatische Lehnwörter, von P. Skok

Jugendprozessionen zu Ostern in Lubom im Kreise Ratibor und eine

Urkunde darüber aus dem J. 1672, von W. Nehring

613

615

154

477

618

Die visio mortis des Polykarp in einer Prager Handschrift, von W.

Nehring

Cy.!iyHAäp acaXrjj^aQiov, par St. Novakovid

Eine glagolitische Inschrift, von Jos. Suman

Ein Beitrag zur Biographie Arsenius' IV. Jovanoviö, von Vladimir

Öorovid

Zur Etymologie von asl. as^e, von A. Music

Eine kroat. Privaturkunde (Pfandbrief) vom J. 1663, von V. Jagid .

Posa, von Kappus

Nekrologe:

T Jan Gebauer, von V. Jagic f Alexander Kocubinskij, von Fr. Kidric

Zur Entgegnung, von A.Brückner

Sach-, Namen- und Wortregister, von A. Brückner

621

622

623

624

825

625

626

629

633

637

639

Kritische Bemerltungen zum urslavisclien Entnasalie-

rungsgesetz in Arcli. f. sl. Phil. XXVIII, 1 ff.

Im Arch. f. sl. Phil. XXVIII, 1 ff. hat N. Jokl ein neues urslavisches

Lautgesetz zu begründen gesucht, das so lautet (ib. S. 16): »idg. w, bezw. sl. wi ging vor sl. 6, c, insofern diese Laute idg. s^ z entsprechen, ferner

vor ch in a über«. Schon von vornherein, falls man auch nicht die Bei-

spiele des Verf. geprüft hat, stellt man sich wohl diesem Lautgesetz etwas

zweifelnd gegenüber, und dies aus folgenden Gründen. Die slavischen Sprachen haben ja in der geschichtlichen Überlieferung den Quantitäts-

unterschied der Vokale weggeworfen. Aber das kann im Urslavischen nicht so gewesen sein: denn wie Kretschmer Arch. f. sl. Ph. XXVII, 228

dargetan hat, was ja übrigens jedem ohne weiteres klar sein muß, hat

sich idg. a, ö im Urslavischen zu a entwickelt, was dann ^ slav. o ge-

Aber idg. ä, o gab urslavisches ä, was lang gewesen sein

muß, denn man kann sonst nicht fassen, warum nicht auch dies ein slav.

worden ist.

geben würde. Idg. n gab slav. wi, daran kann man ebensowenig zwei-

feln : aber ^ war hier wie immer kurz, und man fragt sich, wie wäre es

möglich, daß dieses kurze h schon urslavisch zu a geworden wäre, das

jedoch dort lang war. Von einer Entnasalierung im eigentlichsten Sinne,

was hier dasselbe wäre wie ein Übergang von ft ^ ß, kann natürlich keine

Rede sein i).

Man fragt sich: was ist dann übrig? Nichts anderes als

daran zu denken, daß h durch eine durch die Entnasalierung bewirkte

Ersatzdehnung zu a geworden wäre. Jetzt ist es ja eine allzu bekannte

Tatsache, um hier genannt zu werden zu brauchen, daß eine Lautgruppe

kurzer Vokal -|- Nasal + Sibilant in mehreren Sprachen den Nasal ver- liert, wodurch den Vokal Ersatzdehuung traf, es ist aber ebenso wohl bekannt, daß diese Ersatzdehnung immer nur die Quantität, nie die

Qualität des gedehnten Vokals verändert. Man ist somit hier in der- selben schlechten Stellung wie vorher, denn man kann kaum eine Aus-

1) Es hilft uns gar nichts anzunehmen, worüber wir übrigens gar nichts

kennen, daß 6 hier eine mehr velare Aussprache hatte, wie es Jokl annimmt.

Archiv für slavische Philologie. XXIX.

1

2

J. Charpentier,

nähme von dieser Erscheinung annehmen, ohne sich aufs gröbste gegen

alle lautgeschichtliche Methode zu versündigen.

Schon gegenüber diesen Bemerkungen, die doch wohl jedem Unbe-

fangenen ganz klar scheinen müssen, scheint mir das neue Lautgesetz

mindestens zweifelhaft.

Noch schlechter wird es aber, falls man eine

genaue Durchmusterung der Beispiele, aus denen der Verf. die eigent-

liche Stütze seiner Behauptung nimmt, veranstaltet. Denn erstens, falls

hier wirklich ein Lautgesetz vorliegen sollte, was mir ja gar nicht glaub-

lich ist, so ist es nicht ausnahmslos, und das ist zu beachten die Ausnahmen sind nicht nur solche, in denen möglicherweise Analogie-

bildung und Systemzwang einge^\'irkt haben können, sondern auch ver-

einzelte Fälle, die wegzuerklären dem Verf. nicht gelungen ist.

Der Verf. stellt drei Gruppen auf, in denen e vor ä, 0, ch geblieben

Die erste umfaßt Fälle, in denen s und z <[ idg. X-, g[h) entstanden

ist.

sein soUen. Aber hier steht es nicht so gut, wie man sich auf den ersten

Blick denken könnte. Von den angeführten Beispielen scheint mir nur

ganz einwandsfrei p. wiqz^ russ. vjaz^ 'Ulme' : alb. vid., ags. wiöe u.s.w.');

auch ab. jezyhh 'liugua' scheint ziemlich sicher ein gh zu enthalten, ob-

wohl die innere Verwandtschaft der schwierigen Wortgruppe vöUig un-

klar ist (vgl, die ausführliche Behandlung bei Johansson IF. 2, 1 ff.).

vezati 'ligare' : gr. ly/v^^ scheint mindestens unsicher zu sein (vgl. über

iyyvi zuletzt Prellwitz E.W. 2 125) 2). Sicher unrichtig gedeutet scheinen

mir ab. ^est^ 'densus' : lit. kimsztas^ kemszü "stopfen' und p. klesnqc

'hinsinken' : lit. hlemaziöii 'ungeschickt gehen' zu sein. 6esU ist sicher

mit kimsztas identisch, das bezweifle ich nicht; aber es findet sich nicht

der geringste Grund dafür, eine Erweiterung *kem-k- anzunehmen : die

Grundform der Wörter ist schlechthin *km-s~^ vgl. Zupitza Gutt. 108.

Was p. klesfiqc betrifft, so ist es sehr schwierig zu ersehen, warum es

gerade mit lit. klemsziöti, ein scherzhaftes Wort (Kurschat LDW. 190),

verglichen werden soll; vielleicht gehört dieses Wort zur Sippe des slav.

Wortes, seine nächsten Verwandten hat aber klesnqc natürlich in lit. klimpstü^ klimpti 'beim Gehen über morastigen und sumpfigen Boden

mit den Füßen einsinken', klampöti 'fortgesetzt über einen Sumpf immer

1) Die Wortgruppe ist zuletzt von Hoops, Waldbäume und Kulturpflanzen

S. 261 behandelt worden. 2) An der von Jokl angeführten Stelle Walde KZ. 34, 518 findet

sich diese wunderliche Kombination nicht, wohl aber eine andere und bessere. Vgl. auch Nebring IF. 4, 400.

Kritische Bemerkungen zum urslavischen Entnasalierungsgesetz.

3

einsinkend gehen', klampüs 'sumpfig' (wo man darüber gehend leicht

einsinkt Kurschat LDW. l&S) u.s.w., und ich möchte somit für klesnqc

eine Grundform

* klm{p)s-nq-ti ansetzen.

Die zweite Gruppe behandelt Fälle, in denen z erst slavisch ent-

standen ist. Gegen diese habe ich nichts einzuwenden, sie ist auch hier

minder wichtig. In der dritten Abteilung stellt der Verf. Fälle zusammen, in denen die Lautgruppen -es-, -cz- ein idg. eii enthalten sollen i). Ab. tresq ist

natürlich schwierig zu beurteilen; mir ist es aber wahrscheinlich, daß

das Wort nicht eine Kombination aus ^trem- und *ti-es- darstellt, wie

es Persson Studien S. 153, Jokl 8. 9 will, sondern <^ *trm-s- zu erklären

ist. Ab. plesati 'saltare' scheint mir schwierig zu beurteilen ; jedenfalls

bleibt die Kombination mit ^x.jiXaTayiq besser bei Seite; man vergleiche

nur das gleichbedeutende Tiürayos bei Homer (s. Prellwitz E.W.2 373).

In der Auseinandersetzung über russ. drjazgT»^ die vielleicht im Grunde

richtig ist, finden sich mehrere Sachen, die einer genaueren Prüfung be-

dürfen. Zuerst ist es ja gerade nicht unmöglich, daß das Wort in der

Bedeutung 'Rinholz' wirklich zu drjagüth 'zucken' gehört; jedoch ist die

Parallele, die Jokl in ab. vetvh 'Ramus' findet, wenig wert, denn vStvh

gehört unzweifelhaft zusammen mit veja ^-/.'kädog' (: ai. vayä 'zweig', air.

fe 'rute, zweig') nicht zu *wl«- 'winden, wehen', sondern zu *we'^-, *ui-

'zwei' (vgl. für die Bedeutung nhd. Zweig: zwei u.s.w). Weiter führt

Jokl hierher ab. dres{e)h 'morosus', drechh 'tristis' und deren Sippe,

was mir aber gar nicht überzeugend scheint. Die Wörter gehören wohl

jedoch, wie es Osthoff Et.Par. I, 163 Fußn., Walde E.W. 637 wollen,

mit lat. tristis <^ *drmsti- zusammen, und somit ist eine Grundform

*drb?is{e)lo- anzusetzen 2).

Weiter gehört lit. drugys 'Fieber' (S. 13)

sicher nicht hierher, was übrigens lautlich nicht* zu rechtfertigen wäre,

sondern ist mit aisl. draugr 'Gespenst, bes. ein Verstorbener, der in sei-

nem Grabe keine Ruhe findet, auch Werwolf ', cymr. drwg 'schlecht' und

weiter av. drug- 'Lüge, Trug', als daeva 'der Lüge' u.s.w. (Bartholomae

Air.W. 778 ff.) am nächsten verwandt. Schließlich ist es mir wenigstens

zweifelhaft, ob wir wirklich ab. drag^ 'Stange' 3) unmittelbar mit russ.

1) Was ab. wfso betrifft, so bemerke ich nur, daß es wahrscheinlich = ai. mämsd- ist und somit ursprüngliches c enthält.

2) Pedersen IF. 5, 56 f. überzeugt mich nicht. 3j Zu aisl. drangr 'Fels', drengr 'Stock, großer Aal, junger Mann' u.s.w.

Johansson KZ. 36, 374.

1*

4

J. Charpentier,

drjagäth 'zucken, zappeln' vereinen können. Die Bedeutungen scheinen

mir besonders wegen der evidenten Etymologie von drqg^ zu viel aus-

einander zu gehen.

Ksl. chrqstbkb 'cartilago' u.s.w. gehören wohl zu lit. kremsle 'Knor-

pel', wie es Miklosich

E.W. S. 90, Pedersen KZ. 38, 394 i), Jokl S. 14

wollen, kremsle kann man aber weder von kremblys 'eine eßbare Pilz-

art, Pfeflferling', noch von kremtü^ kremsti 'Bröckeliges nagen' scheiden.

kremsU und kremtü stehen somit für '^krempsle und *kremptü und ge-

hören weiter zu russ. korobith 'krümmen' <^ *kor-b-, gr. -/.QÜußog

'trocken, dürr' (<[ *krmbo-, wozu vielleicht unmittelbar chrest^k^ <C

* s[k)rm[b)-sto-ko-) u.s.w., vgl. Fick Wb.* I 567, Zupitza Gutt. 115 und

PreUwitz E.W. 2 241.

brqzdati^ breznqti scheinen mir wahrscheinlich richtig von Nehring

Mit la,t. fremere, gr. ßgef-iio, ahd. hreman haben sie

erklärt zu sein.

nichts zu tun , da diese Wörter nicht insgesamt verbunden werden kön-

nen, obwohl Walde E.W. 243 so tut 2). fremere^ breman und andere

germanische Wörter, sowie poln. brzemiec (Bezzenberger BB. 27, 183) und ai. bliramarä- 'Biene' u.s.w. gehören zusammen, unter einem An-

laute *bhr-\ dagegen gehört gr. ßQSfico, ßQÖt.iog entweder als *g^irem-

zu ak?\v.groim 'Donner' (Prellwitz E.W.^ 84) oder als ^mrem- zu arm.

mrmram 'brülle' u.s.w.

S.-kr. Jezgra enthält eher n als ew, denn aksl. j'edro gehört nicht

zu andä-^ andä- 'Ei, Hoden' (über dieses Wort s. Liden Studien S. 82 ff.),

sondern zu ai. ädri- 'Stein' (worüber weiter Johansson IF. 3, 235 f.)

somit /ec/^'o <^ "^ndro-^ was lett. Idrs 'Kern nicht wider-

<^ *ndri

spricht und air. ond 'Stein' <^ *otid-es- (Lid^n ib. 56 ff.).

Ak'AX.pqst'b 'pugnus' können wir sicher mit ah^.füst identifizieren 3),

was über ugm. ^fuiphsti- auf idg. *pnksti- hinzeigt; &om\i pestb <^ ursl. *ph7i{s)sih-. Ai. panktz-, das ja übrigens nicht <^ *pankstt- entstan-

den sein kann, ist mit aksl. peih identisch.

Aksl. dt^sth 'pars' ist zweifelhaft. Jedenfalls gehört es eher zu lat.

scindere also etwa ^qhnd-th u.s.w. (Miklosich Lex. 1131, Walde

E.W. 552) als zu lit. kandü^ aksl. kqs^.

Schließlich bemerke ich, was die Infinitive wie trcsti u.s.w. betrifft.

1) Wo über den Anlaut der Wörter sich höchst Zweifelhaftes findet.

2; Es scheint mir nliralicli unzweifelhaft, daß m7-> lat. hr, nicht /r, wird.

Kritische Bemerkungen zum urslavischen Entnasalierangsgesetz.

5

daß Leskien freilich nicht ganz überzeugend dargelegt hat, daß hier

Tiefstufe vorliege; aber jedoch sind so gute Gründe vorhanden, daß eine

solche Annahme nicht als unberechtigt bezeichnet werden kann.

Nach dieser Musterung scheint mir soviel klar, daß man nicht mit

Jokl alle Fcälle wegräsonnieren kann, in denen ein -es-, -ez- auf idg. -ns-,

-nz- deuten. Ich gehe jetzt zur Untersuchung der Beispiele, mit denen

Jokl sein Lautgesetz zu beweisen sucht, über.

Ksl. hlazm 'error, scandalum', hlaznh dss., russ. hlazenh 'Spaß-

macher' U.S.W, führt Jokl mit ksl. hleda 'errare' zusammen.

Aber die

Bedeutungsähnlichkeit reicht hier nicht zu. Unzweifelhaft dürfen wir mit

Miklosich Lex. S. 30, J. Schmidt Vokalismus 2, 117 hlazm mit russ.

hlagöj\ wruss. hlagij 'dumm', lit. blÖgas 'kraftlos, schwach', lett. blägs

dss. vereinen, wozu weiter die Wortgruppe gehört, die u. a. bei Johansson

IF. -2, 37 ff., Walde E.W. 227 und z. T. bei Frellwitz E.W. 2 7S, Uhlen-

Wii- haben somit hier eine Wurzel

beck Ai. E.W. 228 behandelt ist.

*tnlä- mit verschiedenen k- und ^-Elementen erweitert. Dagegen gehört

natürlich bledq zu got. blmds 'blind', blandan u.s.w., lit. blandyti 'die

Augen niederschlagen', pri-blista 'es wird finster' u.s.w. Vgl. z, B, Mi- klosich Lex. 33, Tamm Et. ordb. 42 u.s.w.

Russ. glaz^ 'Auge' stellt Jokl mit ksl. gledati^ gledeti zusammen,

was eben denselben Einwand veranlaßt wie das vorige Beispiel. Die

richtige Etymologie von glaz^ findet sich an den vom Verf. angeführten

Stellen, Nehring IF. 4, 402 i) und Zupitza KZ. 37, 39S. Was gledati be-

trifft, so gehört es zu der Wortsippe, die bei Zupitza Gutt. 174, wo die

einschlägige Literatur, angeführt ist.

Slav. laz- in russ. lazina 'lichte Stelle im Walde', p. lazy 'Sumpf-

fläche', c. laz 'Lehde, Bergfläche' u.s.w. führt Jokl mit ksl. ledina 'terra

inculta' und dessen Sippe zusammen. laz-<^*lögh- gehört wohl zu lett.

lefs^ lefns 'flach', lefa 'Sandbank in Flüssen', aisl. lägr 'niedrig', gr.

läyisLCi 'flach' [vf^oog, Od. 9, 116. 10, 509)2); diese Wörter findet man

zusammengestellt bei PreUwitz EW. ^17 7. 2 262 und Walde E.W. 330,

wo sich aber die slavischen nicht finden 3), ledina dagegen gehört ja wie

bekannt in einiger Weise mit got. la)id und dessen Sippe zusammen (über

1; Der jedoch, ich weiß nicht aus welchen Gründen, glazo als Lehnwort

betrachtet. Richtig beurteilt die Wörter Zupitza a. a. 0,

2; Unzweifelhaft Unrichtiges bietet Nehring IF. 4, 401.

3) Dazu vielleicht noch razura-, razurä- 'Wald, Fanggrube' (Bartholomae

Air.W. 1515 f.).

Q

J. Charpentier,

aisl. lum/r 'Hain', das Jokl in diesem Zusammenhange nennt, vgl. auch Liden PBB. 15, 521 f. und Brugmann Griech. Gramm. 3 S. 39).

Ksl. naprashtio 'subito, e§akfrr]g\ naprashm 'subitus, vehemens,

praiceps, severus', russ. napräsno 'unnütz, umsonst ; unerwartet, plötzlich'

verbindet Jokl mit ksl. na-predati 'insilii'e', was ja nicht übel scheint. Ich möchte aber dies sehr bezweifeln. Das slav. preß- verbindet man ein- leuchtend mit aisl. spretta <^ ugm. *sprintana- 'springen, hervorsprießen',

J. Schmidt Yokalismus 1,

57. 2, 231, Fick Wb.3 IL 502. 659. IH.

356, OsthoflFEt. Par. 1, 356 f. ij, welche Wörter ein *[ii)pre-n-d- reprä-

sentieren und wohl zuletzt mit ai. spärdhate 'wetteifert' u.s.w. zusammen- gehören. Dagegen möchte ich für na-prash-no folgenden Ursprung ver-

muten. Slav. ^pros-h-no- verbinde ich mit dem unerklärten ai. Adv. prasahham 'mit Gewalt, ungestüm, heftig' ep. kl. lex., z. B. yan mäm

hravlsi prasahham sakJiä te ''kam MBh. 1, 5137, indriyani pramü-

thmi haranti prasabham manah Bhag. 2, 60, upetya prasahham

däityani ranäyahvayate sma tarn Kathäs. 11, 68 u.s.w. (Boethlingk-

Roth gr. Aufl. 4, 1093). Das Wort ist deutlich \xs. prasa-hham zu zer-

legen und in seinem Ausgange wohl mit den gotischen Adverbia auf-5ö,

z. B. ubilaba : uhilo u.s.w., vielleicht auch mitgr. -/.QV(pa <i *y.QV-g)tn

zu vergleichen. Die Bedeutungen fügen sich gut zu einander : naprashno

'subito' : prasahham, 'mit Gewalt, heftig, plötzlich'.

C. tasiti 'ziehen, zücken, schwingen,

stoßen',

russ. täsha

'das

Ziehen' u.s.w, wozu auch russ. tasdith 'ziehen, schleppen' passen in ihrer Bedeutung ziemlich gut zu *ten- 'strecken, spannen'. Eine an-

dere Etymologie hat jedoch Uhlenbeck Ai. E.W. 1 1 1 versucht.

C. hasäle 'Sense' stellt Jokl zu ksl. zhnjq^ zeti 'demetere', was ja

einleuchtend wäre, falls man andere einwandsfreie Beispiele der in Frage

stehenden Lautübergänge finden könnte. Allein kann es aber kein Laut-

gesetz stützen.

Wohin man es übrigens stellen soll, weiß ich nicht.

Ebensowenig dürfte russ. gasäth 'ein Pferd tummeln' zu gnath gehören,

obwohl die Geschichte des Wortes dunkel ist.

Russ. (veraltet u. dial.) pas^ 'ausgetretene Spur (des Wildes)' ver-

einigt Jokl mit BTVLSS. pJatn^k^ <^*pet- 'Spur, Fährte', penb 'Hasenspur' (nach J. <^ *pb?ih), pnutb^ pinätb 'einen Fußtritt geben, mit Füßen treten',

und zieht die ganze Sippe zu slav. ^Jf/^t, gr. näxog u.s.w.

J)as^ wäre

somit <[ *p')}t-s-o- entstanden, was ziemlich wunderlich aussieht. Meines

Elritische Bemerkungen zum urslavischen Entnasalierungsgesetz.

7

Erachtens haben wir es hier mit unverwandten Wörtern zu tun, die unter

eines zusammengeworfen sind: pa&^ ist wohl ganz einfach nur ein

*pöd-sc- zu *pelod- 'Fuß' [*pöd- liegt vor u. a. in umbr. dupursus 'bi-

pedibus', ^oi.fotus u.s.w.), vgl. für die Bedeutung das hierhergehörige

arm. Jiet (gen. het-oy) 'Fußspur', ai. pada- 'Tritt', lit. pedä 'Fußspur'

u. a.

pjatniko <[ "^pet-ni-ko- gehört wohl zu *pent- 'gehen' in got.

ßnpan^ ahd. fendo 'Fußgänger', ir. con-etat [<C *pent-) 'assequuntur'

u.s.w. Was penb 'Hasenspur' betrifft, so kann es ja ebensowohl aus <] *pen'b, als aus <C *p'bnh entstanden sein : im ersteren Falle gehört es

als *ped-m- zu *ped- 'Fuß', im letzteren zu pnutb. Was wieder dieses

Wort angeht, so ist es ziemlich sicher von den oben behandelten zu schei- den und gehört ohne weiteres zu *petd-s-j *pl{fi)-s- 'treten, stoßen' in

k&l. pbsq ^stoßen', phs 6710 'Mehl', m.pinästi 'zerstampft' u.s.w. Denn es dürfte nicht unmöglich sein, zwei ursprüngliche Wurzeln aufzustellen,

*pis- und *pm-y die dann kombiniert worden sind in pinästi, lat, pinso

U. 3. W.

Ksl. krashm 'pulcher, formosus', krasa 'venustus, pulchiitudo', krasota dss., russ. krasä 'Schönheit, Zierde, Schmuck', kräsmjj 'rot'

gehören nach Jokl mit krenqti 'deflectere', krqtiti 'torquere' zusammen.

Jedem Unbefangenen mag wohl dieses Beispiel eines ganz absonderlichen

Bedeutungswechsels und -wandeis, der nicht im geringsten Maße von einer Menge mit denselben Präpositionen gebildeten Wörtern der völlig

verschiedenen Sippen, die Jokl hervorzieht, gestützt wird, ganz befrem- dend scheinen. Es mag richtig sein, daß krenqti zu ai. krnätti gehört

dies macht die Sache nicht besser, eher schlechter. Denn krasa kann doch nimmer von einer Wurzel 'drehen, flechten' entstanden sein. Wir

haben zwei gute Etymologien des Wortes, unter denen zu scheiden

schwierig ist: Bezzenberger KZ. 22, 478 f., dem Bechtel Hauptprobl.

209, Pedersen IF. 5, 58 imd Zupitza Gutt. 127 folgen, erklärt das Wort <<^ *krdt-sä und verbindet es mit got. hröpeigs 'ruhmreich', aisl. hröpr^

hrös 'Ruhm', ags. hrödor^ hred^, ahd. hruod dss., ai. kirti- 'Lob' u.s.w.,

was der Bedeutung wegen sehr wohl passend scheint. Man braucht nur

an lat. honor zu erinnern, das freilich gewöhnlich 'Ehre, Ruhm' bedeutet, aber an solchen Stellen, wie z. B. Vg. Aen. I. 591 laetos oculis adßarat

honores^ Hör. Od.H, 11, 9 f. non semper idemßoribus est honor \ ver-

nis oder Tac. Germ. 5 ne armentis quidem suus honor et gloria frontis

(wo auch gloria 'Schönheit' bedeutet) die Bedeutung 'Schönheit' hat.

Eine vielleicht noch bessere Etymologie von krasa, die von Jokl nicht

8

J. Charpentier,

beachtet worden ist, gibt Johansson IF. 19, 124. Er verbindet das Wort

mit verschiedenen Worten, die eine Bedeutung 'Flamme, Feuer' zeigen,

z. B, aksl. krada ^7tvQC(, jiduivog\ ags. heord, lett. karsei 'erhitzen'

U.3.W., und gibt folgende Bedeutungsentwicklung an: 'Brand, Flamme'

'rote Farbe' {kräsmjj 'rot') 'Farbe' 'Schönheit'. Wohin wir somit

auch Jcrasa führen, soviel bleibt sicher, daß das Wort nichts mit krqnqti zu schaffen hat.

Weiter stellt Jokl russ. machnüth 'eilig wohin reisen', smachäth^

smachtiüth 'schnell hinlaufen' mit ksl. mwiq^ mqti 'comprimere', russ.

mjäth 'kneten', lit. mi7iü 'treten' zusammen. Jedoch scheint diese Zu-

sammenstellung der Bedeutung wegen kaum besonders überzeugend. Man möchte wohl aus guten Gründen neben {s)-machdih ein *majq an- setzen, was aus *mö{if)rö entstanden sein kann ; dies möchte man dann mit der Sippe von lat. move?-e verbinden (diese findet man bei Walde

E.W. 395 u. 400), was hinsichtlich der Bedeutung nicht unpaasend wäre.

Jedoch bleibt natürlich dies ein wenig unsicher.

Russ. zapdska 'Frauenschürze' gehört nach Jokl wegen zapöm dss.

mit peti 'spannen' zusammen, zapaska gehört natürlich zusammen mit

verschiedenen anderen Worten, die Jokl ib. hervorzieht, wie russ.

za-pachnütb ^) 'einen Schoß des Rockes über den andern legen', otpäcJ.h

'das Zurückschlagen', raspäska 'Aufschlagen der Kleider' u.s.w., ent-

weder, wie man früher vermutete, zu ahd. faso 'Fase