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EDITORIAL

XING Kulturmagazin geht selten literarische Wege. Doch wenn, dann richtig: war es im Jahr 2007 niemand Geringerer als Amos Oz, dessen literarisches Werk wir darstellen durften, so ist XING Nr. 23, wieder den „Literaturen im Nebel“ verpflichtet, dieses Jahr mit dem Fokus auf die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja. Anstatt einer genauen biographischen Darstellung erlauben wir uns, dies anhand ihres Briefwechsels mit Michail Chodorkovskij zu tun, in dem sie viel über Weltanschauung, persönlicher Geschichte und Entwicklung preisgibt. Die Journalistin Susanne Scholl beschreibt mit ihrem Beitrag „Die Menschen haben zu lachen begonnen“ Ljudmila Ulitzkaja und ihr Verhältnis zur Politik: ein komplexes Verhältnis, denn als politische Stimme Russlands, möchte sich Ulitzkaja nicht verstanden wissen. Die Genetikerin mit dem analytischen Blick auf die russische Gesellschaft gilt als eine der interessantesten russischen Gegenwartsautorinnen, die in den letzten Romanen auch jüdische Themen aufgreift, aber nicht als „jüdische Schriftstellerin“ gelesen werden will. Das Faktum, dass Literaturwissenschaftler immer wieder versuchen sie einem bestimmten Genre zuzuordnen, kommentierte sie stets lapidar mit „sollen sie halt!“ Ulitzkaja jedoch will weder eine spezifisch jüdische Literatin sein, noch will sie „Frauenliteratur“ schreiben. Ihre Hauptpersonen sind heldenhafte Menschen und keine literarischen Helden.

Ulitzkaja schöpft dabei aus dem unendlichen Schatz ihrer eigenen Geschichte. In ihrem Text, den Sie anläßlich der Verleihung des Simone de Beauvoir Preises geschrieben hat, werden XING-Leser viele interessante Hinweise finden. Diese persönlichen Reflexionen sind auch im Dialog mit Michail Chodorkovskij deutlich und aufmerksame Leser werden chronisch quälende Fragen entdecken, an die sich auch Ulitzkajas Romanfiguren heranleben. Hintergrund ihrer Erzählungen ist die russische Seele, geformt von Geografie, Geschichte, Kultur, Politik und verrückter Liebe. Mitten im Chaos aus Schicksal, Leidenschaft und der Grausamkeit des Alltags vergraben sie sich in ihre Leben. Nur wenn die Geschichten vorwärts und rückwärts zergliedert werden entwirren, sich die Schicksalsfäden, die die Alltagshelden untereinander verkleben. Ulitzkajas Durchbruch als Autorin gelang ihr 1992, mit der Erzählung Sonetschka, für die sie im Jahr 1996 in Frankreich mit dem Prix Médicis ausgezeichnet wurde. Neben einem kurzen Überblick über ihre Erfolgsbücher im deutschsprachigen Raum, finden Sie auch ausgewählte Rezensionen.. Viel Freude mit dem neuen XING wünschen die Herausgeber Manuel Schilcher & Bernhard Seyringer

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Cover: © Monika Leon, Matiuscas

INDEX

SCHWERPUNKT: Ljudmila Ulitzkaja. 04 „Die Menschen haben zu Lachen begonnen.“ Ljudmila Ulitzkaja und die Politik.

Susanne Scholl 06 16 32 34 36 38 42 44 48 50 Meine Geschichte. Meine Geschichten. Ljudmila Ulitzkaja Briefe aus dem Gefängnis. Russisches Panorama zu Ulitzkajas Korrespondenz mit Chodorkovskij. Manfred Sapper, Volker Weichsel und Olga Radetzkaja Sonetschka: Eine Erzählung. Ein fröhliches Begräbnis. Ergebenst, Euer Schurik Daniel Stein Das grüne Zelt. Nonkonforme jüdische Literatur. Die Poetik des Widerstands und die Wiederentdeckung des Judentums in der späten Sowjetzeit Klavdia Smola Mein Protest ist nicht ideologisch. Ein Gespräch mit der politischen Aktivistin Ljudmila Ulitzkaja Frank Nienhuysen Why Russia still loves Stalin. Nina Khrushchebva

52 Cartoon Scott Breier / toonpool.com Impressum
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Und dann lacht sie ein bißchen – und beweist im nächsten Moment. Schlimmes passieren. mit dabei und signierte so eifrig Bücher. Moscow. in Rußland betrifft. und in „Pussy Riot“ hat sie laut und öffentlich verurteilt. sagt sie. allerdings die großen in diesem Roman mit ihrer eigenen Geschichte als Fragen in diesem schwierigen Land. Menschen in der Als im vergangenen Herbst die Demonstrationen Sowjetunion. der Männer hart sind und Frauen sich nichts vom was die Zukunft der heutigen Protestbewegung Leben erwarten dürfen. etwas sehr Sie ist. und großgezogen hat – in dem sie eine schwindelnde was es hieß in Stalins oder auch in Breschnjews schriftstellerische Karriere gemacht hat. Aber – es gebe eben Zeiten. wenn man mit ihr über Politik reden will. Himmel“ zum Beispiel scheitert der Genetiker Und den Prozeß gegen die Musikerinnen von Kukotzki an der sowjetischen Bürokratie. Tsaritsyno park. Sie schreibt über Menschen. der unter den heutigen und oft tragische Lebensgeschichten sind. daß nicht In dem großen Roman „Reise in den siebenten einmal eine Begrüßung möglich war. gegenüber – und ruiniert sich mit dieser seiner Und wie so viele gelernte ehemals sowjetische Eigenschaft sein Leben in einer Gesellschaft. wie sie sagt. Aber. in dem sie bis heute hat sie doch einen warnenden Roman für die hauptsächlich lebt. Sie erzählt immer auch ein Stück nicht mag. Zuletzt im „Grünen Zelt“ – einem Roman über Und obwohl was sie beschreibt meist schwierige das Leben als Dissidenten. die sie persönlich bewegen. Sie lese nicht einmal Zeitungen und schaue auch nicht fern. dann könne nicht mehr gar so viel Geschichte. was in der Politik so vor sich geht. Rußland zu leben. sie hätten ihr Anliegen auch einfach nicht nein sagen – vor allem Frauen außerhalb der Kirche transportieren können. Russian Beach Volleyball. February 2006 Von ihren Anfängen an waren die Themen. sagt sie. in Dissidenten ist sie nicht besonders optimistisch. 4 XING 23 . „Ergebenst euer Schurik“ kann der Held Schurik auch wenn sie meint. fehlt politischen Umständen ungeahnte und wie bei Ulitzkaja eines nie: die Prise Humor. vor allem in jener langen langen gegen Wladimir Putin begannen ist sie auch mit auf Nacht der sogenannten Stagnation unter Leonid die Straße gegangen. obwohl sie das eigentlich so gar Breschnjew. eigene Geschichte – so wie eigentlich jeder ernst da könne man sich nicht aus allem heraus halten. wie gesagt. Und wenn erst einmal leider gerade in Rußland so schrecklich großen gelacht werde. die Stimme der „kleinen Leute“ wichtiges ist doch geschehen: „die Menschen und erzählt deren Leben vor dem Hintergrund der haben zu lachen begonnen“. in dem sie Dissidentin und „68erin“ auseinandersetzen wollte geboren und aufgewachsen ist. Aber – politische Bücher schreibe sie nicht. die nicht mehr weiß. „Die Menschen haben zu Lachen begonnen“ Ljudmila Ulitzkaja und die Politik TEXT: SUSANNE SCHOLL Bild rechts: © Yaroslav Ushakov. daß sie sehr genau weiß. Darauf besteht sie. Und sie beschreibt Als im Mai zehntausende gemeinsam mit 15 die Umstände. Aktualität erlangt hat. Denn auch wenn sie sich die sie persönlich bewegen. unter denen ihre Figuren zu leben Schriftstellern durch Moskau spazierten war sie gezwungen sind.Xing 23 Sie ist die Stimme der sogenannten „kleinen Leute“ und sieht sich selbst als unpolitisch an. in dem sie ihre Söhne geboren Generation daraus gemacht. zu nehmende Schriftsteller. Sie schreibe über die Themen. die ihre Ljudmila Ulitzkaja selbst sagt auch unerwartete Literatur so besonders macht.

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dass ich einzig und allein für meine Freunde schrieb. ..Ljudmila Ulitzkaja. und die erste Ausgabe dieses Werkes einer russischen Nachwuchsautorin war die französische. um wahr zu sein: die Debütantin war 50 Jahre alt. d. hat das Herz der Franzosen erobert und mir den Literaturpreis Prix Médicis eingebracht. Das war 1996. Die französischen Leser haben mich eines besseren belehrt: sie haben meinen Roman Sonetschka und dessen Heldin geliebt. die außer ein paar Texten in Zeitschriften noch nichts in ihrem Land veröffentlicht hatte.). es war der Novellenband Les Pauvres parents (Die verwandten Armen. Und so haben sich die Dinge danach zugetragen: nach der Veröffentlichung meines ersten Buches hat Gallimard ein zweites herausgebracht. Die Auflagen folgten eine nach der anderen. Ich erinnere mich noch ganz genau.. Auch wenn das in meinem Alter etwas ist. womit ich mir kaum mehr schmeicheln könnte. so fühle ich mich doch. und ich war ganz einfach erstaunt: warum? Wie kam es. Und meine Heldin. Anm. als steckte ich in der Haut einer jungen Schriftstellerin. meine geschichte. das Buch war noch nicht auf Russisch erschienen und das Verlagshaus Gallimard brachte zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Unbekannte. der dort stand. Jeder Mensch fühlt sich gerne jung. keine deutsche Ausgabe bekannt. . eine Literaturliebhaberin und fanatische Leserin.. wie ich meine Nachbarin und Freundin Irina Ehrenburg aufsuchte. tatsächlich meiner war. eine 6 Bibliothekarin mit Allerweltsäußerem und einer Seele von äußerster Reinheit. um ihr den Vertrag zu zeigen. den ich aus Frankreich erhalten hatte und mich zu vergewissern. meinen Roman Sonetschka. Die Autorin Ljudmila Ulitzkaja über ihr Leben und Werk. meine geschichten. In Russland hatte niemand von mir gehört und meine ersten Bücher verkauften sich nicht – zum großen Leidwesen meines Verlegers. dass die Franzosen das Bedürfnis verspürten. Alle Rechte liegen bei Ljudmila Ulitzkaja. Doch das war lediglich der Anfang eines Märchens. Übers. derer ich mich noch nicht völlig entledigt habe). Mein erstes Buch ist 1993 erschienen. An dieser Geschichte war alles zu schön. Persönlich hatte ich nicht mit einem Erfolg gerechnet: mir schien damals (und in meinem Innersten ist dies eine Vorstellung. TEXT: LJUDMILA ULITZKAJA Aus dem Französischen von: JÜRGEN STRASSERl Der Text ist im April 2011 anlässlich der Verleihung des Simone de BeauvoirPreises an Ljudmila Ulitzkaja auf französisch erschienen. diese russische Luftblase XING 23 . schlimmstenfalls für die Freunde meiner Freunde. und die sind gar nicht so zahlreich. dass der Name..

© P. der meine Vorfahren mit meinen Nachkommen verbindet. die russische ausgenommen.mir meine Übersetzer stellen. wie meine Enkelkinder aus einer Schatulle die prächtigen Orden ihrer verstorbenen Großmutter hervorholen … Es freut mich aber auch aus einem anderen Grund: dies ist nämlich wie die Verlängerung eines sehr schönen Fadens. Dieses Land hat mich wahrlich umhätschelt. Geburt des Schriftstellers darstellt. Als Übersetzungen viele Fragen. meinen Literatur und mit ebenso herzlichen russischen Text zu korrigieren. die es mir verliehen hat. Es sind die Fragen. ner Übersetzungen in Fremdsprachen so bedeutet das. die Menschen eines meiner Werke gele. als ich klein war. Ich kann es schwer glauben. dass jedes verkaufte Exemplar zu. der mir hilft. dass die und Mitarbeiterin im wahrsten Sinne Veröffentlichung des ersten Buches die des Wortes geworden. Meine sen haben. dass zwei Millionen zu beurteilen. Wenn man von der Überlegung aus. Fragen.Aber ich besitze einen kleinen Ge­ heim­ geht. wie intellektuellen Qualitäten begabt. und die beiden Auszeichnungen.N. keine Sprache ausreichend. ICH HATTE NOCH EIN die Deutsche Ganna und die Japanerin ANDERES GLÜCK: Sophie Benech.schlüs­sel. die ich mit meinem Atem aufgewärmt hatte? muss ich in Betracht ziehen. Früher. übersetzt. drei Lie­blings­über­setz­er­innen (meine Aber so lautet die Ge­ samt­ auf­ lagenzahl Bücher sind in mehr als 30 Sprachen meiner Bücher.E. stelle ich mir mit Vergnügen vor. Obwohl ich nicht besonders eitel bin. American Centre Ich kenne. die Französin Sophie. ist sie sehr rasch eine nahe Freundin Wenn man annimmt. so einzusaugen. da habe ich selbst mit dem Sankt-Georgs-Kreuz meines Ururgroßvaters gespielt. dass mein Geburtsort Frankreich ist. hervorragende Kennerin der russischen die mich bisweilen veranlassen. um die Qualität eines Textes einzuschätzen. Ganz allgemein scheint mir der die Generationen verbindende Faden im Leben » XING 23 7 . die Qualität meimindest von einer Person gelesen wird. somit sind meine Übersetzer recht zahlreich!). Kioko stellen mir im Laufe ihrer meine französische Übersetzerin. bereiten mir große Freude.

verspürte ich das vage Gefühl. Es zeigt einen alten Juden mit einer Kippa. seinen Enkelkindern und dem Dienstmädchen. war mein Urgroßvater Chaim. die Mädchen nicht mitzählte. Niemand kann sich daran erinnern. sondern deren siebzehn. die mir mein Urgroßvater erzählte. In meiner Erinnerung sehe ich ihn immer mit einem Buch in der Hand. Der Geruch von Ledereinbänden und altem Papier ist für mich einer der betörendsten. Meine Mutter XING 23 . Dieses Kreuz wurde in Großmutters Werkzeugschachtel zwischen Zwirn und Nadeln verstaut. Und er hatte nicht etwa zwölf Kinder. welches ich besitze. zumal man gerne meinen Lesern von meiner Familie erzählen. Jahrhunderts aufgenommen. Aber er wohnte in Smolensk. die es gibt. die überlebt haben. als ich die Bibel zu lesen begann. wer sein Vater war. von jenen. wurde Mitte des 19. Einer derjenigen. außerhalb der für Juden vorgesehenen Niederlassungszone zu leben. Als er starb. waren diesem Buch entnommen. das in der Folge in mehrere kleine Wohnräume für eine immer zahlreicher werdende Familie aufgeteilt werden sollte. Erst manche Jahre später. und so möchte ich so genau. dass er nach all den Dienstjahren ein Privileg zugesprochen erhielt: das Recht. wie es sich für einen echten Erzvater gehört. offiziell Efim Isaakowitsch. Man weiß von ihm auch noch. Mein Urgroßvater hatte einen schönen Tod: in einem großen Zimmer. Im Russisch-Osmanischen Krieg war er an der Einnahme von Plewen durch die Truppen Skobelews beteiligt und bekam dafür das Sankt-Georgs-Kreuz. das ist im Nebel der Vergangenheit verloren gegangen. Aber folgendes weiß man über Isaak: schon von Kind auf war er für den Soldatenberuf bestimmt. bloß Dina … DAS ÄLTESTE FAMILIENFOTO. seiner Schwiegertochter. Geboren 1861. war ich sieben und er über neunzig. wie viele Kinder Erzvater Jakob hatte.© Dariusz Bargiel. Einzig und allein ein Buch. die Bibel. lag er besinnungslos in einem breiten Mahagonibett. diente 25 Jahre in der russischen Armee und hat es bis zum Feldwebel gebracht. Die Geschichten. dass dies alles mir bereits vertraut war. umgeben von seinen beiden Söhnen. und die Geschichte erwähnt ja die in mir die Liebe zum Lesen erweckt haben. Er heiratete. Generations of Red Russians eines Menschen äußerst wichtig zu sein. Freilich weiß man gar nicht 8 Doch Isaak Ginzburg hat die meisten seiner Kinder in jungem Alter verloren. Es ist Isaak Ginzburg.

Man brachte mich ins Zimmer. anstatt Geld zu verdienen. Und das ist auch recht verständlich: es Seite Soll und Haben und auf der anderen Danksagungen an gab damals in meiner Generation noch keinen Jungen. Cousins sind erst nach seinem Tod geboren. Und ich erinnere mich an ihn. Meine seine Kinder. hatte sein Testament aufgesetzt.“ mehr groß in Bewegung. Mein Urgroßvater. weil sie ihm ein solch glückliches Alter bereitet hatten. Er las lieber die Tora. Rubel auf meinem Sparbuch sollt ihr nach Leningrad schicken. er setzte sich nicht meines Urgroßvaters. weil er ihnen nichts hinterließ. „Alles wird gut. damit ich mich von ihm verabschiedete. mit diesem dicken Buch auf den Keiner hatte jemals diese Ida. Sein schwankender Blick hatte mich gefunden. so muss dem Rücken eines Papiers für die Buchhaltung. „Meine kleine Lucia… Was für ein großes Mädchen!“ hat er gesagt. die man ihr zum Ende ihrer Schulzeit anfertigen ließ. Nun ja. Auf Und er starb. Nun denn. um sie ins Theater mitzunehmen …). wickelte sie sie immer noch in Zeitungspapier ein. Und Entschuldigungen. noch ihre Tochter Genia gesehen. Er saß in einem Lehnstuhl mit seinem Magenkrebs Sie war die Tochter oder Enkelin einer verstorbenen Nichte » und der Tora … Er hatte keine Eile mehr. was konnte man noch alles reparieren und zurechtschustern zu jenen Zeiten! Meine Mutter besaß elegante Schuhe. „Lucia ist da!“ rief meine Großmutter. als ich das Gymnasium abgeschlossen hatte. Und seit dem Kriegsende schickte XING 23 9 . und mein Urgroßvater öffnete die Augen. Ich hatte seinen Segen bekommen. wie unsere Vorfahren sagten. Auf der einen man das verstehen. (Ach.© Dariusz Bargiel. außer um sich gemächlich zum Schuster zu begeben und die Schuhe meiner Großmutter zum Neubesohlen abzugeben. Alive Leader (seine Enkelin) ging mich von draußen holen. ich zitiere: „Es ist sogar noch schlimmer. ich trug meinen nagelneuen Umhang aus Katzenfell. möge die Erde ihm leicht sein. Die 500 MEIN URGROSSVATER WAR EIN UHRMACHER. Offensichtlich war er aber kein großer Meister auf seinem denn dort sind Ida und ihre kleine Tochter Genia in Not. Knien.“ Gebiet. Und dann.

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sie fürs Lesen. die auf Wiedersehen sagte. Es war eine Summe. behandelte es aber mit Lockerheit. Wäsche bleichen und bläuen … Meine Großmutter erledigte all das bis zur Perfektion. ihre Treuherzigkeit. Sein Bruder und er hatten kluge Köpfchen – ein mathematisches Gehirn und ein glänzendes Gedächtnis. da brauchte er kein Geld … Das ist aber bloß der Anfang der Geschichte. right at the last end of sibiria. Meine Familie war eine sehr einige Familie. zu sagen: „ Es gefällt mir. um 150 Rubel loszuschicken. Sie ihrer ehemals angemessenen Wohnung. nicht ohne Geist. Silberbesteck. Sie hieß Sonja. nicht die Revolution. einen Streit zwischen sich selbst und diese Liebe für die Erwachsenen erlebt zu haben. erhielt einer Gemeinschaftswohnung. Wir haben natürlich das Geld überwiesen. Meine ihr Nahestehenden. Er verstand es dennoch. MEINE HELDIN IHR ÄUSSERES. aber Tante und Nichte. Jahrelang ging sie jeden Monat auf die Post und stellte sich an. Freilich Bei uns war alles wesentlich einfacher. und die Jüngeren respektierten ihre ihre Bescheidenheit. Sie hatte ihre Stimme erhoben. pflegte. konnte aber seinen habe ich Bücher verschlungen. selling sunflowerseats. Deutsch und Französisch gelernt und beides nicht vollkommen vergessen. wie das in diesen Jahren möglich gewesen sein konnte. Vorfahren. und als der weiße Tafeltuch sah ich ebenso wie die Jüngere zur Front ging. dass „dieses Missverständnis“ (das Sowjetregime) nicht von langer Dauer sein könne. woman in vanino. Sonetschka. kümmerte sich Badewanne auf ihren Gußeisenpfoten der Ältere um die Familie seines Bruders. die Suppe in einer Soupière serviert … Kinder.Wir lebten in einer Gemeinschaftswohnung. die hatte ich: Cervantes ihre Würde. Und dann hat meine Großmutter im Gedenken an ihren Schwiegervater Postmandate an diese Familie geschickt. das sie letztes Jahr und sogar zwei denn ich lebte mit meinen Eltern in Jahre davor gehabt hatten. dafür aber ewig Ihre Frauen liebten sich wie Schwestern. es waren ihre Religion. das gebe ich zu. und das sogar mit Freude. geht euch die Hände waschen … Wollen Sie mir bitte das Salz reichen? … Danke … Es war köstlich … Auf Wiedersehen … XING 23 . das Missverständnis hat sein ganzes Leben lang angedauert. doch er hatte den Fehler begangen und unter der Sowjetherrschaft sein Abschlussjahr nicht wiederholt. nicht eben Waschbecken bei meiner Großmutter in Schwestern. hatten zwei Brüder geheiratet. Als der Ältere einem Nachbargebäude. nur diese Staatsmacht lässt uns keinen einzigen. © Susanne Wunderlich. Wenn die beiden Alten Karten spielten. half bereitwillig seiner Umgebung. denn er meinte. Er hatte sich arg geirrt. Meine Großmutter war sehr begabt. Kleider anfertigen. Er überhaupt nicht für Kinder 11 ES HERRSCHTE ORDNUNG IM HAUS. Geld zu verdienen. die bis zur Großmutter hat nie in ihrem Leben Selbstverleugnung geht. Der Unterricht der Haushaltsfächer war im Gymnasium hervorragend: Schneidern. Sie wusste sich allerdings nicht die Leidenschaft anderwärts Respekt zu verschaffen. in der man sich gut verstand: EBEN DIESER SONJA VERDANKT die Älteren respektierten die Jüngeren. Ich kann mir einfach nicht vorstellen. Kochen. wenn ich in einer Lage verschiedene Ausgänge sehe. Korrektheit und Ehrlichkeit und O’Henry. blühenden Chrysanthemen bedeckte Sie waren übrigens verwandt. die mein Urgroßvater bekommen hatte … UNSERE FAMILIE WAR EINE GUTE FAMILIE – beinahe Intellektuelle: mein Großvater hätte ein Abschlussdiplom der juridischen Fakultät der Universität Moskau bekommen sollen. ich las alles eins nach dem anderen. Und bloß niemals Wachstücher: ein weißes Tafeltuch. dass ich das Regal erreichen Mein Großvater war vom Schlag der konnte. Bei uns hatte er Kost und Wäsche frei. sondern die Geburt meiner Mutter im Jahr 1918. und letztere mochte ihn auch nicht. genügte. war die Nichte zwei Jahre jünger als ihre Tante. Meine Großmutter hätte ebenfalls beinahe ein Diplom bekommen: sie hatte die höhere Ausbildung für Mädchen belegt und die Absicht. Professorin zu werden … Auch ihr hat das Leben Prügel vor die Füße geworfen. Ich kann mich nicht die mittelmäßige Meinung von entsinnen. dafür aber ewig blühenden Chrysanthemen bedeckte Waschbecken bei meiner Großmutter in ihrer ehemals angemessenen Wohnung. die der kleinen Rente gleichkam. und das der Jüngere beide Familien. war großzügig. Seit dem Alter von fünf Jahren » Geschäftsleute. er ihr seine Pension.“ Er mochte die Sowjetmacht nicht. Sticken. und das weiße Tafeltuch sah ich ebenso wie die Badewanne auf ihren Gußeisenpfoten und das mit eingeritzten. erinnerten sie sich gegenseitig an das Ich war es. Wir lebten in sich im Gefängnis wiederfand. sie hatte ihre Mittelschule mit einem Auszeichnungspreis absolviert. bis die kleine Genia mit der Schule fertig war. Diese hatte einen ihr angeborenen Sinn für Leidenschaft. Maupassant und Ibsen. und das mit eingeritzten. die » Talenten nicht freien Lauf lassen. Blatt.

Kaliningrad Svetlogorsk gemacht waren. mein Großvater verdiente Geld. Ich war ein gemütliches Kind und ließ sie in Ruhe. eine Frau von organischer Ehrlichkeit. Man überwachte meine Lesegewohnheiten nicht: es waren die harten Nachkriegsjahre. wenn ich aus meinem Buch herauskam. sein Bruder. meine Eltern waren von ihren wissenschaftlichen Arbeiten in Beschlag genommen. Meine Großmutter. ein sanftmütiger und nachsichtiger Mann. sie alle verteidigten auf ihre Art das Recht. Ich tauchte dermaßen tief ins Lesen ein. sorgte für den Unterhalt der Familie und kümmerte sich kaum um den Aufbau des Kommunismus. was mir in die Hände fiel. die bescheidene Sonetschka. Jeder 12 fand seine ihm gelegene Art. © Yevgeny Salnikov. mich umzusehen und mich zu fragen: „Wo bin ich jetzt eigentlich?“ Dieses warmherzige Universum war massiv Außenwelt abgeschottet. passierte. nach ihren familiäre eigenen und nicht nach vom Staat von der vorgegebenen Regeln zu leben. Das Privatleben ist wichtiger als das gesellschaftliche – wir sagten dies nicht laut. um sich vor der feindseligen Lebensweise dieses Staates zu schützen: die Frauen kümmerten sich um die Kinder und den Haushalt. meine Eltern waren Wissenschaftler. mein Großvater mit seinem staubtrockenen Humor und seiner pragmatischen Denkweise. Mein Urgroßvater las das Buch der Bücher und ich verschlang ohne Unterschied alles. es war aber ein Grundsatz. XING 23 . es war aber ein Grundsatz. sie schrieben ihre Doktorarbeit.Xing 23 Das Privatleben ist wichtiger als das gesellschaftliche – wir sagten dies nicht laut. The woman with the child on walk. dass es mir.

River Nerskaya. © Yaroslav B. und eine ganze Pleiade Schriftsteller aus der „zweiten Reihe“. Vor ein paar Jahren habe ich in Berlin eine Ausstellung über den Samisdat gesehen. das in seinem Strafgesetz einen Artikel aufgenommen hatte. Ich glaube. Als ich größer wurde. Und es gab eine Literatur. wurde ich von meinem wissenschaftlichen Institut entlassen. aber beide enorm empfindsam für das Leid. die eben im Lesen aus der Realität flüchten. als man uns ein Buch gab. Sie bot erhabene Ideale an . Avtorkhanov oder Michailow. den ich jemandem anvertraut hatte.Und es gab eine Literatur. Die Auswahl aus den verbotenen Büchern zeigte klar die Härte eines Regimes auf. „die gegenüber der Sowjetmacht mangelnde Loyalität gezeigt haben“ (man lese: von der Sowjetmacht getötet oder ins Exil getrieben wurden). Sie bot erhabene Ideale an – den Geist eines freiheitsliebenden Puschkin. fein wie « .. kein anderes Land kannte das Phänomen der „Nachtlektüre“. habe ich dann verstanden. die einen Ersatz für dieses von Falschheit. village Ashitkovo. das in einer Nacht zu lesen war und die ganze Familie bis zum Morgengrauen wach blieb. nämlich jenes aus der IN DEN SECHZIGERJAHREN Emigration von Autoren wie Nabokov. Farm der Tiere und 1984 mit auf Schreibmascine getippten Gedichten von Brodsky im Fuß eines alten Tisches versteckt. Tschechow. gewesen … waren die Anfänge des Samisdat. die großen Verfechter der Wahrheit Tolstoi und Dostojewskij. jeder auf seine stilistische Weise. Lange habe ich bei mir zuhause Photokopien der Politsatiren Orwells. das ist mir jetzt klar. Moscow region. Und der Roman Exodus. Grausamkeit und einer niederträchtigen Ideologie geprägte Leben bieten konnte: die große russische Literatur. ganz zu schweigen von jenem besonderen Genre der „antisowjetischen Literatur“. Auf ihnen ruhte der Mythos. wobei sie sich fliegende Blätter. wären da nicht schon die anderen. Auf der Liste der Bücher auf dem Index waren Werke aus der Philosophie und der Geschichtsschreibung vertreten. der für „Besitz und Verbreitung verbotener Literatur“ eine Strafe von fünf bis sieben Jahren vorsah. den ironischen Intellektuellen. unter dem man nicht veröffentlichte Werke zeitgenössischer Autoren seit Joseph Brodsky bis herauf zu Alexander Solschenizyn fand sowie ein breites Spektrum der russischen Literatur. die einen Ersatz für dieses von Falschheit. dass es ganze Heerscharen von Leuten gibt. So nahm meine Karriere als Biologin ein unrühmliches Ende. Chodassewitsch. Grausamkeit und einer niederträchtigen Ideologie geprägte Leben bieten konnte: die große russische Literatur. den brillanten Gogol (einen russischen Surrealisten). damit er ihn kopiere. Werke von Autoren. hat den Lauf meines Lebens geändert: als man die dafür benutzte Schreibmaschine und mich als Besitzerin des Buches entdeckte. die Großen. um es in der Früh zurückzugeben. von Leon Uris. wonach in Russland weltweit am meisten gelesen wurde. XING 23 13 Aber am gefährlichsten waren die bewusst gegen das Sowjetregime gerichteten Bücher wie jene von Milovan Djilas. die in der ersten hätten stehen können. Boris Lesens auf meine Generation herein: es Poplavskij und noch andere.. BRACH DANN eine neue Welle des Boris Zajcev.

denn diese Bücher durften das Haus nicht verlassen. Gedichte von Mandelstam. Ich habe ihn bloß ein einziges Mal gesehen. Während dieser Jahre intensiven Lesens sind meine beiden Söhne geboren. war es ihm verboten. die mir meinen ersten Schaffensschub gegeben haben. In den letzten Jahren sah sie immer schlechter. In Kiew. mein Großvater Jakob Samuilowitsch Ulitzkij. schenkte er ihm 200 Werke aus seiner Privatbibliothek. die man nicht in der Bibliothek fand: mehrere Werke von Freud. Kotik Letajew von Bely. sitzt mein Urgroßvater in einem Lehnstuhl in genau jener Werkstatt. nicht mehr lesen zu können. verkraftete sie die Verhaftung ihres Mannes und die Jahre der Verfolgung. dem ich meinen Namen verdanke. die mir Hamson. von Zwetajewa. auf der Durchreise.Ljudmila Ulitzkaja. sie war sehr arm. Von all ihren Talenten konnte sie bloß ein einziges völlig umsetzen. Er wurde zum ersten Mal 1933 verhaftet und hat bis Stalins Tod sein Leben in den Lagern zugebracht. die damals noch nicht durch das Pogrom verwüstet worden war. Er hat darin ein Senatoren. als seine Tochter Marussia sich in der revolutionären Bewegung engagierte.oder Professorengesicht. und ihre Bühnenfotos sind immer noch bei der Familie. dem ich meinen Namen verdanke. war sie es. Bunin und Prischwin nahebrachte. doch leider wurde sie Opfer eines tiefgehenden 14 Traumas. der sie als „Frau eines Volksfeindes“ ausgesetzt war. völlig zu erblinden. mein Großvater Jakob Samuilowitsch Ulitzkij. im Jahr 1954. zerrissene Bücher. was sie las. bezeichnete sich jedoch bis zu ihrem Lebensende als „Bolschewikin ohne Parteibuch“. Zum Schluss noch ein paar Worte über jenen. Übers.). dem Bruder meiner Großmutter Marussia.) von Muratow. mit einigen kurzen Zwischenphasen. In ihrer kleinen Privatsammlung hatte sie Bücher. zu sprechen. Er studierte damals Philologie an der Universität Kiew. Ich erinnere mich nur vage an ihn. war ebenfalls Uhrmacher. Der familiären Überlieferung zufolge war er äußerst erbost. dass die Bücher eines jüdischen Studenten während eines Pogroms ruiniert worden waren. ohne über meine Großmutter väterlicherseits. im Jahr 1954. Auf dem Weg nach Kalinin (heute Twer. dass ich von ihr meine Leidenschaft für das Lesen habe. Ich habe bei mir zuhause an der Wand zwei außergewöhnliche Photographien hängen. Freilich hat sie dies nicht davon abgehalten. die zwanzig Jahre später veröffentlicht wurden. sie stammt aus 1903 und ist der Abzug von einer der in der Familie aufbewahrten Glasplatten. Anm. DANN HABE ICH NEUN JAHRE NICHT GEARBEITET. Diese Bücher gehörten Michail Halperin. von Achmatowa. denn sie hatte ein zutiefst bohèmehaftes Wesen. Auf der zweiten Photographie. Anm. Danach führte sie selbst unter dem Eindruck einer Schwärmerei für Isadora Duncan und deren Methoden eine Truppe von Barfußtänzern und unterrichtete gegen Ende der Zwanzigerjahre rhythmischen Tanz am Konservatorium von Kiew. keine deutsche Übersetzung bekannt. so viel ich weiß. Kaputte Möbel. mein Urgroßvater. ZUM SCHLUSS NOCH EIN PAAR WORTE über jenen. XING 23 . Sie war niemals Mitglied irgendeiner Partei. Sie verachtete alles. Ich kann das Thema des Lesens in meinem Leben nicht abschließen. d. Übers. Derart war die kulturelle Prägung. und ihre einzige Angst war. Der Vater meiner Großmutter Marussia. Als der Schriftsteller Korolenko hörte. d. sich der Truppe eines Provinztheaters anzuschließen. elegant und voller Geist. Er wurde Zigarettenpapier und kaum lesbar. Während sie stets ihre Armut mit Leichtigkeit und sogar einem gewissen Schick ertragen hatte. Ich habe gelesen. Das war ein schreckliches gesellschaftliches Stigma. nämlich ihr Talent als Leserin. oder schlechte Photokopien von Hand zu Hand reichte. welches ihr die Türen zur Welt des Theaters und der Kunst verschloss. Diese Sammlung wird heute. die großartigen Texte der Philosophen Leo Schestow und Michail Gerschenson. Ich glaube. jenes eines Intellektuellen. Eine zeigt seine Werkstatt. In meiner Kindheit bekam ich davon bloß die Ledereinbände und die Goldränder zu Gesicht. wo er seinen angemeldeten Wohnsitz hatte. umgestürzte Tische. kurz. die ich in meiner frühen Jugendzeit erfuhr. und obwohl unsere Geschmäcker unterschiedlich waren. Images d’Italie (Bilder aus Italien. sehr schlecht. Marussia Halperin. was bürgerlich war. als ich bereits Autorin für Erwachsenenbücher geworden war. Ich habe nur das getan. Ich war elf Jahre alt. Ich habe ihn bloß ein einziges Mal gesehen. Anfang der Achtzigerjahre habe ich Erzählungen für Kinder geschrieben. Sie war äußerst aufnahmefähig allem gegenüber. Sie lebte bis in ein weit fortgeschrittenes Alter. Als er freigelassen wurde (er war damals noch nicht völlig rehabilitiert). 1906. Sie starb mit einem Buch in Händen. nach einem Pogrom. verbrachte er einen Abend bei uns. Diese Bücher haben dann den Grundstock für Michails Bibliothek gelegt. Auch sie war eine Sonetschka. vom Staat verwahrt. in einer Großstadt zu wohnen.

heutzutage rehabilitiert. ein Absolvent der Wirtschaftsschule der ColumbiaUniversität war hocherfreut. in der Person seines Urgroßvaters einen Kollegen vorzufinden. Alle. wie das oft mit Trugbildern so ist. Mein ältester Sohn. glaubte an den Kommunismus und an die Genetik. Vor nicht allzu langer Zeit hat einer meiner Freunde. erschienen vor der Revolution. dass er ein Mensch mit hoher Bildung war. nachdem sie in unserem Land eine Zeit der Verfolgung durchmachen musste. können wie Sonetschka den Kopf voraus eintauchen « in süße Tiefen. Aber das Lesen bleibt wie früher ein Schatz. die es wünschen. sehr interessant und der Welt des Schreibens nicht fremd. und die Genetik ist. mit einigen kurzen Zwischenphasen. Ich wusste. die wir atmeten. Lediglich drei: das erste über die Demographie in Russland. Bücher von ihm wiedergefunden. Und noch lange bevor man mich aus dem Institut für Allgemeine Genetik davonjagte. ein bekannter Biograph und Forscher. wegen meiner Liebe für die verbotene Literatur. wie Mandelstam sagte. das zweite über Musiktheorie und das dritte über rationelle Produktionsorganisation. die leidenschaftliche Leserin war. den keine Macht uns wegnehmen kann. Sie ist verstorben noch bevor ich mein Genetikstudium an der Universität Moskau beendet habe. „Eine gestohlene Luft“. das in Europa umging. Das Trugbild des Kommunismus. in dunkle Alleen oder in Frühlingsfluten » … XING 23 . Meine Großmutter Marussia. Einiges hat sich seit meiner Jugendzeit verändert.zum ersten Mal 1933 verhaftet und hat bis Stalins Tod sein Leben in den Lagern zugebracht. Aber so war die Luft. hat sich in Luft aufgelöst. Für die Freiheit zu lesen.

3. Bereits das erste Verfahren gegen Chodorkovskij sprach jeglicher Rechtsstaatlichkeit Hohn.2 Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat im Mai 2009 eine Beschwerde Chodorkovskijs in allen Punkten für zulässig erklärt.3 Der zweite Prozess scheint den ersten an Willkür gar zu übertreffen. Im Oktober 2003 wurde er festgenommen und im Mai 2005 wegen Steuerhinterziehung und planmäßigen Betrugs – ebenso wie sein Kompagnon Platon Lebedev – zu neun Jahren Haft verurteilt. doch – und diese Einschätzung wiederholt Chodorkovskij gegenüber Ulitzkaja – seien bei weitem nicht alle „siloviki“ Feinde des Rechtsstaats. wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor. 1. In dem Strafverfahren.. 87–102. in großem Stile Erdöl gestohlen zu haben. Der Kreml habe. Gefordertes Strafmaß: 22 Jahre.pdf>. Nr. 10/2008. 3 <www. Zwar rekrutierten sich diese Leute überwiegend aus den Reihen der Gewaltministerien. So hätten sich etwa der damalige Generalstaatsanwalt Vladimir Ustinov und der damalige Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB. das der unter seinem Pseudonym Boris Akunin bekannt gewordene Grigorij Čchartišvili mit Chodorkovskij im Jahr 2008 für das Magazin Esquire führte. Twilight in Moscow. – Prozesstag Nummer hundertacht. 21. in: Die Welt. dokumentiert ebd.2009. VOLKER WEICHSEL und OLGA RADETZKAJA TEXt AUS: Zeitschrift „Osteuropa“. zu den Hintergründen und den politischen Motiven. Moscow 16 XING 23 . neutral verhalten. allen voran der damalige stellvertretende Leiter der Präsidialadministration. Ljudmila Ulitzkaja knüpft mit ihrem Brief an Chodorkovskij an ein schriftliches Interview an. 84–106. Bild rechts: © sennenka. S. 31. erschien Anfang September 2009 in der Novaja Gazeta. zwei weitere Jahre im Untersuchungsgefängnis von Čita. Bild vorige Seite: © Yaroslav Ushakov.khodorkovskycenter.Xing 23 Michail Chodorkovskij war Ende der 1990er Jahre einer der reichsten Männer Russlands. deren Vorstandsvorsitzender und Hauptanteilseigner Chodorkovskij von 1996 – 2003 gewesen war.2009. House painter (July 2006).1 Der Schriftsteller und Japanologe befragte den ehemaligen Jukos-Chef vor allem zu den Umständen des ersten Prozesses. Der Jukos-Chodorkovskij-Prozeß. 2010 1 Razgovor pisatelja Grigorija Čchartišvili (B. Ein Jahr dieser mittlerweile auf acht Jahre reduzierten Strafe verbrachte er in einer Besserungskolonie im südostsibirischen Krasnokamensk.com/files/MBK%20ECHR%20 AdmissibilityDecision%20070509. in: Osteuropa. Igor’ Sečin. das Ende März 2009 eröffnet wurde.com/sites/kho- dorkovskycenter. der sich daraus entwickelte. S. Briefe aus dem Gefängnis. Der Briefwechsel. 7/2005. – Siehe auch die Entschließung der Parlamentarischen Versammlung des Europarats 1418 (2005). Als der Umgang mit Korruption auf höchster Ebene diskutiert worden sei. 2 Otto Luchterhandt: Rechtsnihilismus in Aktion. Seit Februar 2009 sind Chodorkovskij und Lebedev wieder im Moskauer Untersuchungsgefängnis Matrosskaja Tišina inhaftiert.11. die Jukos wegen der Zusammenarbeit mit internationalen Investoren eingeführt hatte. weil einflussreiche Leute durch die transparenteren Regeln im Erdölsektor. Dort erreichte ihn ein Schreiben Ljudmila Ulitzkaja.4 TEXT: MANFRED SAPPER. hätten sich die Befürworter eines „Spiels ohne Regeln“. die illegalen Erlöse gewaschen sowie Aktien von Jukos-Tochterunternehmen unterschlagen zu haben. Esquire. 2003 einen Kompromiss mit den Führern der großen Industriekonglomerate aufgekündigt. so Chodorkovskij im Interview mit Akunin. Russisches Panorama zu Ulitzkajas Korrespondenz mit Chodorkovskij. der Erdölgesellschaft Jukos.. Nikolaj Patrušev. Akunin) s Michailom Chodorkovskim. 4 Absurder Prozess gegen Staatsfeind Cho- dorkowski. 7–37. ihre Pfründe verloren hätten. S. durchgesetzt. FAZ.

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für die einen ein Kämpfer und politischer Aktivist. über den ständig geredet wird. war der Ansicht. als dieser verbannt wurde: „Sie machen unserem Rotschopf eine Biographie.“ Ihnen „macht“ man wirklich eine Biographie. Wie Sie wissen. dass dieses Thema für die russische Literatur ganz wesentlich ist – für mich so wesentlich.Ljudmila Ulitzkaja. für die anderen ein Schreckgespenst. sich daran zu erinnern. nämlich die der Front. und obwohl er nur ungern von jener Zeit sprach. ob sich Ihr Wertesystem verändert hat: Welche Dinge. gibt es ja zwei Standpunkte: Solženicyn meinte. wir könnten darüber in der Vergangenheitsform sprechen. überraschende Erfahrungen? Dieser Brief – verzeihen Sie! – ist eine Art Herantasten: Sie sind jemand. gibt es ja zwei Standpunkte: Solženicyn meinte. oben: Michail Chodorkovskij vor dem zweiten Prozess 2009. Außerdem betreue ich zur Zeit ein Buch für Kinder mit dem Titel Verbrechen und Strafen. Hochachtungsvoll Ljudmila Ulitzkaja Bilder rechts: © Osteuropa. Wenn wir wirklich zusammenfinden – was ich mir sehr wünsche –. haben im Lager ihren Sinn verloren? Gibt es neue innere Antriebe. die auf eine bereits vorhandene andere Erfahrung traf. ein weniger glücklicher Lagerinsasse. Sehr geehrter Michail Borisovič! Briefwechsel: Ljudmila Ulitzkaja – Michail Chodorkovskij -115. worüber ich gern mit Ihnen sprechen würde. und das Interesse an Ihnen lässt nicht nach. die zusammengenommen über zwanzig Jahre gesessen haben. mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. dann wäre es das. Auch das ist ein Grund. gewann ich damals den Eindruck. warum ich Ihnen gern begegnen und mich mit Ihnen unterhalten möchte. in dem es um dasselbe Thema geht – die Geschichte der Gefängnisse. aber fragwürdige Figur halte. worüber ich mich sehr freue. Moskau 2008 AUS DEM RUSSISCHEN VON GANNA-MARIA BRAUNGARDT 18 XING 23 . ein weniger glücklicher Lagerinsasse. In meiner Familie gibt es zwei Großväter. die Ihnen in Freiheit wichtig erschienen. dass sie für ihn eine wichtige Prüfung gewesen war. dass sie für das normale menschliche Leben nutzlos ist und sich außerhalb des Gefängnisses nicht anwenden lässt. dass ich letzten Monat sogar ein Vorwort zum Buch Durch die Gefängnisse von Ėduard Limonov geschrieben habe. dass die Gefängniserfahrung den Menschen abhärtet und an sich wertvoll ist. Anna Achmatova sagte über Brodskij. Wie werden Sie damit fertig? Haben Sie nicht das Gefühl eines bösen Traums? Ich wüsste gern. und ich wünschte. den ich für eine sehr vielseitige. Formen von Strafen und dergleichen. doch in jedem Fall wird Ihre Situation unentwegt diskutiert. Dazu kommt. dass sie für das normale menschliche Leben nutzlos ist und sich außerhalb des Gefängnisses nicht anwenden lässt. Varlam Šalamov hingegen. Aber für Sie ist noch nicht die Zeit gekommen. unten: Ljudmila Ulitzkaja Bild nächste Seite oben: © Osteuropa. ” Wie Sie wissen.Ljudmila Ulitzkaja. In Julij Daniėl’s letzten Lebensjahren war ich mit ihm befreundet. Varlam Šalamov hingegen. dass die Gefängniserfahrung den Menschen abhärtet und an sich wertvoll ist. war der Ansicht. Demonstration.“ . und auch meine Sechziger-Jahre-Freunde haben ihr Scherflein beigetragen. OKTOBER 08 SEHR GEEHRTER MICHAIL BORISOVIČ! Es hat sich eine Möglichkeit ergeben. für Sie geht es um Ihre reale Gegenwart.

Mit großer Hochachtung M. während Dutzende menschlicher Schicksale untergehen. Unter nach hiesigen Maßstäben normalen Umständen ist es schwerer. dich in einen anderen hineinversetzt. der Antizivilisation. das ist übertrieben. Pack erzieht Pack. Ich denke.“ M. ohne ihre Unterstützung noch viel schwerer. Je besser und tiefer du verstehst. Morgen ist wieder ein Gerichtstermin. Lüge Wahrheit. Das Gefängnis ist ein Ort der Antikultur. Am Ende geschieht manchmal ein Wunder: Ein Gebrochener richtet sich auf und wird ein Mensch im eigentlichen Sinne. Meine Anwälte haben so etwas mehr als einmal gesehen. dass Solženicyn eine autoritäre. Ohne nachzudenken. Aber das ist ebenso ein Vorteil wie ein Unglück für den. weil sie innerhalb dieses abscheulichen Systems nichts tun können. Natürlich ist man manchmal deprimiert. aber ich teile sie nicht.” Das Gefängnis ist ein Ort der Antikultur. Am besten kann ich in der Isolationshaft arbeiten. der in reifem Alter ins Gefängnis kommt: er hat Familie. oder du verkommst. -215. Diese Haltung verdient Respekt. muss man sagen. Mich aber beglücken solche Fälle. denn Gefängnis ist nicht die beste Erfahrung. dich aufzulösen. In dieser Hinsicht ist mir Šalamov näher als Solženicyn. der Antizivilisation. das typisch ist für einen bedeutenden Teil unserer Intelligenz. also gefängnisartige Regierungsform zulässig fand. und anständige Leute sind zutiefst unglücklich. aber es ist schlimm mit anzusehen. Ich verstehe. unmittelbaren Widerstands gegen eine feindliche Kraft. Entschuldigen Sie. Überhaupt geht es mir persönlich besser. XING 23 19 . aber das kann man überwinden. sich ständig zu mobilisieren. Lüge Wahrheit. Leider. weil sie innerhalb dieses abscheulichen Systems nichts tun können. ich schreibe sozusagen „Randbemerkungen“. Entweder du arbeitest an dir. je härter die äußeren Bedingungen sind. Freunde. Pack erzieht Pack. natürlich können sie etwas tun und tun es auch. Mein Überlebensrezept lautet verstehen und verzeihen lernen. dass ein Angehöriger des Staatsapparates die Peitsche auch auf seinem eigenen Rücken erfahren müsse. Hier ist Gutes böse. OKTOBER 08 SEHR GEEHRTE LJUDMILA EVGEN’EVNA! Vielen Dank für Ihren Brief und Ihre Unterstützung. Und wie langsam und mit wie vielen Rückschlägen Veränderungen vorankommen. Deine Umgebung versucht dich einzusaugen. woher Ihr Interesse kommt. dort habe ich das Gefühl des direkten. Natürlich wäre es ohne den Rückhalt in der Familie. Nein. Die wichtigste Voraussetzung hier ist die Selbstdisziplin. Doch als „Humanist“ meinte er. Gern würde ich den Dialog mit Ihnen fortsetzen. desto schwerer wird das Verurteilen und desto leichter das Verzeihen. ein Rückzugsgebiet. Hier ist Gutes böse. wie jeden Tag nur Einzelne es schaffen. Ein Interesse. und anständige Leute sind zutiefst unglücklich. Die Gefängnisaufseher fürchten das sehr und begreifen gar nicht. der Unterschied im Standpunkt der beiden hat damit zu tun. wie es dazu kommt und warum.

Und wie sahen Sie als Kind Ihre Zukunft? Was war Ihr Lebensentwurf. Ich wäre auch ohne Kind nicht auf den Roten Platz gegangen. in dem der Mensch von seiner Geburt bis zum Tod schwimmt. als die Hand gehoben werden musste. Übrigens will ich Ihnen nicht verhehlen. zu der Zeit. Jetzt. Klassische „subalterne wissenschaftliche Mitarbeiter“. die Wissenschaft sei das freieste Betätigungsfeld. wenn ich recht sehe). Der Ort. in der man über solche Dinge nachdenkt? Bei mir geschah das sehr früh: Meine Eltern waren mehr oder weniger Wissenschaftler. auf einer Vollversammlung für eine „Verurteilung“ zu stimmen. bald veränderst du selbst die Richtung. in diesem Augenblick. prächtig. uns unbekannte Weise eine Wiese. Das Gericht versteht sein Geschäft. Sie verletzten das ungeschriebene Gesetz (bewusst oder unbewusst). OKTOBER 08 LIEBER MICHAIL BORISOVIČ! Danke für Ihre Antwort vom Tag vor dem Prozess. Ihre Einstellungen und Absichten. Zwangsweise. Natürlich bröckelten all diese Illusionen mit der Zeit. und später fühlten Sie sich im Milieu der „Oligarchen“ zu Hause. konnte ich das nicht und stapfte unter den erstaunten Blicken meiner Kollegen in dem Moment aus dem Saal. Der Strom trägt dich. oder Sie tarnten sich zumindest als „Komsomol-Funktionär“. Ich denke. ein geistiger Lehrer.Xing 23 -316. Wo lagen Ihre ethischen Grenzen in Ihrer Jugend? Wie haben sie sich mit der Zeit verändert? Ich bin ganz sicher. Eine sehr bescheidene. als Sie jung waren? Ich weiß natürlich. die er nicht überschreitet. Also orientierte auch ich mich auf die Wissenschaft – konkret auf die Biologie. was mit Ihnen geschieht. aber interessante Thema und können unseren Briefwechsel fortsetzen. Aber damit unser Gespräch fruchtbar wird. Ihr Selbsterhaltungsinstinkt war. Wie sahen Ihre Lebenspläne aus. Sie überschritten die Grenzen des Erlaubten in jenem hochgestellten Kreis. wenn auch promoviert. Und zugleich – auf welcher verblüffenden Höhe sich ein ungebrochener Geist und konzentriert arbeitender Verstand wie der Ihre bewegen kann! So sitzt ein tibetischer Mönch in eisiger Wüste und heizt mit seinem warmen Gesäß oder auf andere. an dem du dein Leben als Teil des großen Stroms begreifst. wo ich damals arbeitete. Das war meine Grenze. Hochachtungsvoll Ljudmila Ulitzkaja XING 23 . könnte auch ein weiser Guru. Aber Sie haben sich als guter Schüler erwiesen. Sie haben Zeit zum Nachdenken bekommen. das heißt. Er hat mich in eine andere Realität hineingeschleudert: Es ist. dass wir aus dem Radio heute erfahren haben. wohin mein Blick nicht dringt und ehrlich gesagt auch nie dringen wollte. das wieder seine eigene Lebensform hat. und du folgst der Strömung. denen das Leben keine so extreme und vielfältige Erfahrung beschert hat. sollten wir Schritt für Schritt bis zum heutigen Tag gehen. Aus schlichter animalischer Angst. ich habe auch einige Äußerungen von Ihnen dazu gelesen. Wir hatten nichts anderes erwartet. dass Sie nicht auf Bewährung freikommen. Eine hochinteressante Geschichte – das einzelne menschliche Schicksal. bald treibst du in der Mitte des Stroms. die Jungs da oben machen Sie nicht nur berühmt – bei dem. Und begann Bücher zu schreiben. Wahrscheinlich fühlten Sie sich dort unter Ihresgleichen. die Befriedigung der Eitelkeit und die irrige Vorstellung. als lebten wir an verschiedenen Enden des Universums. darum ging. Schon immer hat mich der Strom fasziniert. des Mitgefühls und der Geduld. So haben wir nun also noch eine unbestimmte Zeit für unser Gespräch über dieses abstrakte. Jeder von uns legt seine eigene Grenze fest. wenn nicht vollkommen abwesend. Wahrhaftig. sogar ein Amt hatten – in einer Sphäre. und danach kommen Momente der „Umorientierung“. Aber als es am Institut für Allgemeine Genetik. auf der plötzlich Gras und Blumen sprießen. der umgebenden Welt. 20 die für mich (ich bin 15 Jahre älter als Sie) vollkommen inakzeptabel war. Und zugleich gedeihen auf dieser Wiese seltene Früchte der Erkenntnis – des eigenen Selbst. so doch zumindest geschwächt. und am Abend werden wir aus dem Radio etwas darüber erfahren – höchstwahrscheinlich etwas Unerfreuliches. Und doch gibt es eine wesentliche Gemeinsamkeit. Und darüber möchte ich mit Ihnen reden. läuft die Verhandlung. dass Sie darüber nachgedacht haben. Sie haben eindeutig die Grenzen des Erlaubten überschritten (vollkommen bewusst. Der Preis dafür war relativ gering – ich wurde bei der erstbesten Gelegenheit entlassen. nämlich das bewusste Verhältnis zum eigenen Lebensweg. dass Sie im Komsomol waren. Ihre Familie. ist das Gefängnis im Quadrat – denn was ist ein Karzer in einer Haftanstalt anderes? Tiefer kann man nicht fallen. Nehmen wir den Ausgangspunkt: Ihre Kindheit. die dem einfachen Volk spannend und faszinierend scheint. Und immer gibt es einen Ausgangspunkt. und in meiner Vorstellung harmonierten die Idee vom „Dienst an der Menschheit“. ein Starec oder dergleichen die Regie führen. Ihr Brief hat mich bestürzt. Ein Beispiel: Meine Freundin Nataša Gorbanevskaja stellte sich 1968 mit ihrem drei Monate alten Kind protestierend auf den Roten Platz und wurde dafür in eine Nervenklinik gesperrt. an dem dieses Bewusstsein in Ihrem Fall so produktiv wird. Sie können darüber mehr erzählen als viele.

Meine Eltern. Als ich nach dem Studium eine Stelle in einem Ministerium (bei der Bergbauaufsicht) zugewiesen bekam. meine Komsomol-Laufbahn fortzusetzen. der Freiheit des Wortes.1 die eigene Firma. ich und Prochorov. Wir waren ganz unterschiedliche Leute: Gusinskij und Berezovskij. NOVEMBER 08 SEHR GEEHRTE LJUDMILA EVGEN’EVNA! Danke für Ihren Brief und Ihr Interesse. denn ich meinte. ich erinnere mich an Dinge. Bendukidze und Potanin. denn ich wollte in einen Betrieb. Die Leiterin des Parteikomitees unseres Moskauer Stadtbezirks war Kislova. Betriebspraktikum – das alles gefiel mir sehr. Dann kamen die Zentren für Technische Innovation. und darum gehörte ich 1995–1996 zum informellen Wahlkampfstab. Ich verbot unseren Leuten. Als einer von sehr vielen. aber er tat es nicht. Was die „Oligarchenszene“ angeht. Deshalb ging ich 1991 das Weiße Haus verteidigen und 1993 den Bürgermeistersitz. ich kann sagen. ohne den geringsten Zweifel daran.-410. versuchten aber. also bewarb ich mich stattdessen beim Kreiskomitee des Komsomol. ihn ebenfalls zu attackieren. Apropos – 1999 wurde Egor Ligačev für das Gebiet Tomsk. was mir in meinem ersten Prozess zum Vorwurf gemacht wurde) wurde zu meinem „Rubikon“. und im Politbüro saß der Minister für Baustoffindustrie Boris El’cin. weil sie glaubten. Wir hatten einen wunderbaren Rektor. als Manager zu verwirklichen. ein Anhänger des freien Denkens. in die Duma gewählt. Leider verließ er 1985 das Institut. . Was sie das gekostet hat. Vladimir Gusinskij. weil es eine Möglichkeit war. nicht der Eigentümerwechsel. wie zuvor Jagodin. Hochachtungsvoll M. das heißt. wo ich damals arbeitete. Manchmal gibt es auch Verschiebungen im Gedächtnis. obwohl ich meine eigene Meinung über ihn hatte. ich bin ein Voltairianer. Ich fühlte mich als Mitglied von El’cins Mannschaft. mich als Praktiker. Mit ihm verließen wichtige Journalisten den Sender. war ich furchtbar enttäuscht. er wurde befördert. mochten die Sowjetmacht ganz und gar nicht. Was im Grunde nicht verwunderlich ist: Meine Eltern haben ihr ganzes Leben in einem Betrieb gearbeitet. Verehrte Ljudmila Evgen’evna. Medienleute und Bankiers einteilen – aber auch das trifft es nicht genau. und er hetzte auf alle mögliche Weise gegen mich. bis sein faktischer Eigentümer. Chodorkovskij legte am Moskauer NTTM ab 1987 mit Import-Export-Geschäften den Grundstein für sein späteres Vermögen. Kislova stand fest hinter El’cin. Ich hatte auch ein zweites Mal Glück. die mir in Wirklichkeit meine Eltern erzählt haben. 1 Centry NTTM (Naučno-techničeskogo tvorčestva molodeži) – diese an die Rajon-Komitees des Komsomol angegliederten Zentren wurden in der Perestrojka zur Einführung und Vermarktung neuer Technologien gegründet. Baubrigaden. mir sonst das Leben zu verderben. ich glaube. Wegen Boris Nikolaevič sagte ich auch nichts gegen Putin. Die Arbeit mit ihm rief keinen inneren Widerstand bei mir hervor. wer meine Freunde waren und wer meine Feinde. Der neue Eigentümer entließ im Frühjahr 2001 den Programmdirektor Evgenij Kiselev. an alles andere kaum. so bestanden sie für mich vor allem in einem – niemals meine Position unter dem Druck von Macht statt von Argumenten zu ändern. das ist mir heute klar. und war verblüfft. Die Zerschlagung von NTV (ich versuchte den Sender finanziell zu unterstützen. das heißt. kann ich mir gut vorstellen. obwohl es mehr als genug Material dafür gegeben hätte – aber er war schon ein sehr betagter Mann. und der Betriebsdirektor war überall der wichtigste Mann. an emotional Gefärbtes erinnere ich mich. 2 Der Fernsehsender NTV berichtete während des zweiten Tschetschenienkrieges kritisch. Dennoch – „ganz deutlich“ wollte ich schon als Kind Betriebsdirektor werden. Ich danke Ihnen für Ihren Brief. sondern meines Führungsstrebens. lieferte ihn nicht ans Messer. Gennadij Jagodin. Er nannte mich „seinen widerspenstigsten Sekretär“ (gemeint war mein Amt als Sekretär der Komsomol-Leitung der Fakultät). das Ferienlager genauso. der Kindergarten gehörte zum Betrieb. Bei der Wahl meines Lebensweges entschied ich mich nicht nur allgemein für die chemische Industrie. den Sender unter staatlichem Druck an den Staatskonzern Gazprom verkaufte. Meine Erinnerungen sind sehr bruchstückhaft (emotional). Interessanterweise hatte mir der Parteisekretär meines Instituts 1987 vorgeschlagen. die Verteidigung des Weißen Hauses . 21 . Die beiden gaben mir ein XING 23 echtes Beispiel in Sachen Mut. das Wichtigste sei der Schutz vor „äußeren Feinden“. So wuchs ich als „rechtgläubiger“ Komsomolze auf. . Die Zerschlagung der Mannschaft. Das war vermutlich die gefährlichste Aktion meines Lebens (fast). sondern ließ mich meinen Charakter festigen. als gegen sie gehetzt wurde und sie sich nicht beugten. Die Komsomol-Arbeit am Institut war natürlich nicht Ausdruck meiner politischen Gesinnung. In dieser Hinsicht war El’cin mein Ideal. Wir hatten völlig verschiedene Ziele und verschiedene Lebensauffassungen. Was die persönlichen Grenzen angeht. keinen Einfluss auf mich auszuüben. damit Sie mich nicht falsch verstehen. so habe ich mich immer gegen eine solche Verallgemeinerung gewandt. mein Metier war die organisatorische Arbeit. Eher noch könnte man uns in Erdölleute und Metallurgen. Natürlich hätte er mich mühelos brechen können. – Red. – Red. Um Ideologie habe ich mich im Grunde nie gekümmert. sondern für deren Rüstungszweig. als ich den „Betriebswirtschaftskram“ vorzog.2 Hier breche ich erst einmal ab. Ich hoffe auf Fortsetzung unseres Gesprächs.

Karriere Jahren. dass ein anständiger ich. Ich rede vorerst nur von meinen Vorstellungen.konnten Sie dann als „gläubiger“ Komsomolze leicht positive Motive hatte. in Ihrer Umgebung. Und heute auch für Frauen. Doch Sie waren ja gerade an Ihrem Brief erstaunt – dass der eine oder ein Junge aus einer anständigen Familie. Dort saßen zum aufwachsen. dass mein Bild nicht voll­ Aber dieses Streben ist doch nur eine höflichere ständig war.zur Kindergärtnerin). mit denen Nur schien mir immer. weil man ja die Heimat verteidigen musste. Zweifellos gehörten unbedingt dazu. NOVEMBER 08 SEHR GEEHRTER BORISOVIČ! MICHAIL Ihr Brief hat mich überrascht: Das halbe Leben lang basteln wir an unseren Vorurteilen und Klischees. Gäste aufzunehmen oder einer Freundin in einer schwierigen Lage zu helfen. fanden Ihren Platz darin und arbeiteten effektiv. saßen dort entweder eingefleischte Karrieristen oder Idioten – und ich musste ihnen die Frage beantworten. wenn sie zusammenbrechen. die in der neunten Klasse Schreibmaschinenkopien von Solženicyns Archipel Gulag und Orwells 1984 lasen. wichtig sei Ihr „Führungsstreben“ gewesen. wären wir gleich alt. Manche dieser Kinder saßen als Erwachsene in den 1970er und 1980er Jahren im Gefängnis oder im Lager. gelinde gesagt. Definition von Karrierismus. die man sich leicht ausmalen könnte. Sie aber blieben davon irgendwie verschont. Also. und Sie fanden dort Ihren Platz und abschiedet (und nicht nur sie. dann nehmen sie uns die Luft. Ihrer und richtige Weise etwas produzieren. Besonders rührend ist die Unschuld. ein begabter junger Mann. Wie andere dieser Leute in den 1980er Jahren viel. Ich habe keinen Grund. sind wir froh über die Befreiung. Es blieb nur eine leere ben. mit der ein junger Mann wie Sie bereit war. wie El’cin und „Rückwärtsgewandte“ wie In den 1980er Jahren hatte sich die Führung Ligačev. die später als „Dissidenz“ bezeichnet wurde. gesunde „Sechziger“ – Ingenieure. ehrlich und anständig. Ihr Vater. passten sich an den damaligen Mechanismus an. Jetzt sehe ich. die Ideologie habe Sie nie interessiert. „Progressive“ denen oder parteinahen Personen ein Vorurteil. werden wir auch zu den Ihren kommen. fröhlich und lebhaft. hoffe ich. Ihre Eltern waren solide. auf sinnvolle das also doch. nicht befreundet war. Mit der Zeit. Als ich mit meinem Reise-Berechtigungsschein in der Tasche voller Abscheu ins Komsomol-Komitee der Fakultät ging. alle. der Freund war und wer Feind? Offenbar ging Betriebsdirektor werden wollte. wandten sich angeekelt von der Macht ab und schrieben bestenfalls ihre Dissertation. Das war in den 1960er meine ich nicht als Schimpfwort. immer und überall bereit. gehört für einen normalen Mann zum Leben oder im Büro nebenan. vielleicht Analyse zu misstrauen. Die Kinder der „Sechziger“. ohne den geringsten Zweifel. Vielleicht sogar ganz falsch. eine Gitarre in der einen und ein Glas in der anderen Hand. Sie zu einem Kreis von Menschen.Ljudmila Ulitzkaja. Hülle. arbeiteten als Ärzte oder Fahrstuhlführer oder beteiligten sich an der sozialen Bewegung.. wer in Bulgarien Sekretär des ZK sei. Sie befanden sich im Inneren des des Landes bereits von jeglicher Ideologie verSystems. Mensch die Spielregeln in diesem System nicht Und nun stellt sich heraus – und das hat mich akzeptieren kann.. Sie schrei. Karrierismus Mein Abscheu gegen das Sowjetsystem war so 22 XING 23 . Auch ihr Verhältnis zur Sowjetmacht war klar: Sie kann uns mal . und Ihre Mutter. Zwei Jahrzehnte Altersunterschied schließen eine Situation aus. und Sie saßen Anfang der 1980er dort. auch für die Rüstung zu arbeiten. ein Teil emigrierte in den Westen. um meine Beurteilung abzuholen. bis hinunter scharten eine Mannschaft um sich. Praktiker. Und Sie absolute Ablehnung gegen alle parteigebunerlebten dort. wer Beispiel Sie. und Jahre später. -518. Demnach war meine auch Waffen zum Schutz der Heimat.

die ich zusammen mit befreundeten Psy­ scheint. fanden Ihren Platz darin und arbeiteten effektiv. saß ich „Betriebsdirektor“. haben Sie sich bewahrt? Welche verloren? Ich große Pläne und gute Absichten. weil man ja die Heimat verteidigen musste. Eine Korrektur meiner Frage: Beamten blieben und wechselten allenfalls Welche der Ideen aus Ihrer Jugend.meine natürlich Ihr Wertesystem. Aber es en. Auch das ist Ihr Werk. Das räumen auch Sie ein. Besonders rührend ist die Unschuld. Zu einem wieder einrenken können? Chodorkovskijs Stiftung Otkrytaja Rossija unterhält in der etwa 40 km von Moskau entfernten Ortschaft Koralovo ein Internat für bedürftige und obdachlose Kinder. aber vielleicht kann ich ihm zumindest möglichst nahekommen. dete schlecht – er legte das ganze Land dem Ich zähle Sie nicht mehr zu den Oligarchen. – Red. aber er hat es vor. war ich im Lyzeum Koralovo. ein Wendepunkt in Ihrem vieles. Zum Überlegen bleibt wenig Zeit. dass dieser Prozess Und schließlich die heikelste Frage. dass Sie nicht antworten müssen. die ein Mensch im Lager macht. Ideen.” Sie aber blieben davon irgendwie verschont. lernte Eine Zeitlang glaubte ich.3 Dergleichen hatte ich noch nirgendwo in nicht geschafft. mit der ein junger Mann wie Sie bereit war. Damals waren Sie bereits Freunde zum Weißen Haus liefen. auch für die Rüstung zu arbeiten. Schöne „saubere Hände“ seit ich in einer Strafkolonie für Minder­ jähr­ waren das. und als damals alle meine brutal verliefen. Eine Lustration gab es nicht: Fast alle hohen Noch etwas. Es gab einen großen eine Art Naturgesetz zu sein: Je erhabener die Enthusiasmus. und als ich Wie schätzen Sie heute. Wie bewahrt man seine Würde. solange es nicht zu spät ist. ja ganz gut zurecht Sie ja ein sehr guter Direktor eines riesigen gekommen. Doch bis dahin mit den großen Möglichkeiten. Hochachtungsvoll Ljudmila 3 groß. dass bestimmten Zeitpunkt bekamen Leute. Sogar ein Idol finden. Ich habe das akute Gefühl. Wie verändern sich diese Werte? Verändern sie sich überhaupt? Die spezifischen Erfahrungen. mit den anderen zur Ach ja. Sie waren bereits passiert? verhaftet. Der Unterschied liegt lediglich in der Größe des Rohrs. Festigkeit und Ruhe.. Imperiums ist hochinteressant und erklärt Sie schreiben. und was Voltaire angeht: Der hat mit Demonstration zu gehen? seinen Ideen die ganze Welt verrückt gemacht. Verzeihen Sie. Sein Buch über den Fall des Europa gesehen. vielleicht ist einiges in diesem Brief zu hart geraten. Und noch eine direkte Frage: Betriebs. Bilde Links: Yaroslav B.. Dieser ersten Verteilung folgte eine Reihe El’cin war für mich nur ein gewöhnlicher von „Umverteilungen“. letterbox in Russia XING 23 23 .“ Ljudmila Die Presse ist auf der ganzen Welt käuflich und den Regierenden hörig. Ging es bei Ihrem Konflikt etwa wirklich um Information. den ich nicht teilen konnte. einen von Ihnen finanausdrücken. vertrauen konnte. So hei. die zusehends Unternehmer eröffneten? Zweifellos waren jeden Anstand verlor. Die Illusionen sind dahin. Noch ein Thema möchte ich gern mit Ihnen erörtern: Das Privatleben unter dem Druck der Gesellschaft. seine Werte . die sich für sind Sie mit dieser Staatsmacht. Und ich will. hätte sich Ihre Beziehung zum Kreml die Frage auch wieder zurückziehe. passten sich an den damaligen Mechanismus an. lassen sich nicht mit unseren hier vergleichen. zierten Com­ puter­ raum entdeckte. Aber das „goldene Zeitalter“ ist vorbei. Das nur als Ankündigung. KGB in die Hände. Mir ist klar. desto hässlicher die Lebenspraxis . Vor einigen Jahren. dass die Zeit implodiert. die er mit seiner Dienerin eine Lustration gibt. davon träumten. Nach ein paar Tagen sagte ich mir: Wenn es aber die Kinder. Hatten Sie das Gefühl. wenn es möglich ist. Gajdars Ihre Eltern kennen und fand eine unglaublich Reformen könnten ein funktionierendes wundervolle Insel für Waisen und Halbwaisen Wirtschaftssystem schaffen. Tatsächlich hat jeder kon­ zept oder waren Sie vollauf zufrieden Mensch „seinen Rubikon“. Verhältnis zur Regierung sei die Zerschlagung Hatten Sie damals ein bestimmtes Re­ form­ von NTV gewesen. nicht um Erdöl? Das hieße für mich. „zum Wesentlichen“ vordringen. das derzeit von seinen Eltern verwaltet wird. zehn Jahre später. später in verschiedenen Zusammenhängen die Person El’cins ein? Und falls sich Ihre auf Spuren Ihrer Stiftung Offenes Russland Einschätzung geändert hat – wann ist das stieß. dass El’cin Charisma hatte. wie mir ige.. als Sie den Posten. nur wenige wurden verjagt. die man sich in diesem spät­ kommunist­ isch­ en El’cin nahe standen. auch wenn Sie es mit anderen Worten cho­ loginnen besuchte. dann werde war das Rousseau? In jedem Fall scheint das ich daran glauben. jemandem ab – zur Verwaltung oder als Eigentum. große Teile des Kuchens Milieu an irgend­ wem orientieren. worüber ich noch gern mit Ihnen reden würde. ließ er in ein Waisenhaus bringen.. aber leider erst im Nachhinein.umkehrbar war? Wäre NTV erhalten gebliekel. wie die Entnazifizierung hatte. dass ich ben. durch das sie die Umwelt verschmutzt. Die zum Teil sehr Parteifunktionär. dass ich es für ausgeschlossen hielt. Das hat zwar noch nie jemand geschafft. Oder in Deutschland nach dem Krieg. Ich wünsche Ihnen Gesundheit. Wo verlief für Sie in dieser zu Hause und fragte mich traurig: Warum Zeit die Grenze des Erlaubten? habe ich keine Lust. dass Sie bei aller praktischen und pragmatischen Ausrichtung Ihre romantischen Illusionen noch nicht verloren haben. „Betriebsdirektor“ zu werden.

doch als ich sie um Geld bat. praktisch einstimmig. mit einer anderen bin ich inzwischen seit zwanzig Jahren verheiratet. nach 1991 aus Branchen-Solidarität zu mir geholt. sondern schaufelte Hexogen (Sprengstoff). gaben sie es mir. und das Komitee stimmte für mich. der keine Komsomolze oder kein Kommunist ist? Das ist kein Scherz. der nicht meiner war. Bei der Grundausbildung wurde ich zum Unteroffizier befördert und zum stellvertretenden Politoffizier ernannt. 24 Foto rechts: © Marc C. Brežnev und Černenko betrachtete ich mit Spott und Verachtung – Gerontokraten. oder Anatolij Luk’janov. arbeitete an der Automatenpresse (beinahe hätte ich mich selbst und einen Freund durch eine Unachtsamkeit ins Jenseits befördert). El’cin Geld zu geben (als Kredit an die Regierung. zu den mächtigen „Neun“ zu gehören. Johnson. sogar in Friedenszeiten. Ich war genau wie sie Soldat in einem virtuellen Krieg. dessen Tochter jetzt meine Anwältin ist. wurde automatisch auch exmatrikuliert. später zahlte ich es zurück. Er kam ins Komsomol-Komitee. Sie wussten. Übrigens nahm ich als Berater von Silaev4 an der letzten Sitzung der MIK (Militärisch-industrielle Kommission) teil – also der „Neun“ plus Verteidigungsministerium. Statues of Vladimir Ilych Lenin. Ein Tag im Leben des Ivan Denisovič habe ich gelesen. waren sie in anderer Hinsicht absolut anständig. doch ich ließ mich wieder in den Betrieb schicken – alte Granaten demontieren. Besonders an der Universität – ich studierte an einem Institut für Rüstungsforschung – und wer aus dem Komsomol ausgeschlossen wurde. was wir für die Wahrheit hielten. keine Übertreibung. trotz seiner „Übertreibungen vor Ort“. – Red. damals war so etwas möglich!). zu einem der Zweige des Militärisch-Industriellen Komplexes.a. unser Leben für die Heimat zu geben. drei junge Männer saßen – wir stritten mit ihm.) Das erwähne ich deshalb. Genau so dachte ich. wir mussten dahin gehen. Für Andropov empfand ich Respekt. Sie lachen? Das würde ich auch gern. das Komitee zur operativen Leitung der sowjetischen Volkswirtschaft und war in dieser Funktion faktisch der letzte Ministerpräsident der UdSSR. Obwohl sie damit ihren Kopf riskierten. saß ich dort nicht in der Bibliothek. unter den verständnislosen Blicken der befehlshabenden Offiziere unserer Fakultät. war erschüttert und hasste Stalin.Xing 23 ” Wir mussten schließlich bereit sein. Bei uns gab es überhaupt keine Dissidenten.5 1996 weigerten sich die Rüstungsleute ganz offen. unser Leben für die Heimat zu geben. die ich für gute Menschen halte. auf mein Ehrenwort hin. Ohne die geringsten Befürchtungen. Einige meiner Bekannten. Meine Schule lag am proletarischen Stadtrand. Das ist mir heute klar. Der Parteisekretär beschwerte sich beim Rektor – Jagodin. waren im ZK der KPRF. sogar in Friedenszeiten. weil er die Sache der Partei für seinen eigenen Personenkult in Verruf gebracht hatte. der keine Komsomolze oder kein Kommunist ist? Das ist kein Scherz. Mehr noch – weder in der Schule noch am Institut habe ich „weiße Raben“ getroffen. Eine von ihnen war meine erste Frau. GKČP) an. wofür ich das Geld brauchte. -65.“ M. und wie konnte man das von jemandem verlangen. Teils von diesem Geld kaufte ich Jukos. wo es am gefährlichsten war. Also demontierte ich Granaten. Auch das werden Sie kaum glauben: Ich begriff nichts. keine Übertreibung. Meine Eltern haben dafür gesorgt. El’cin wusste davon. dass ich in der damaligen Gesellschaft kein „weißer Rabe“ wurde. Wir mussten schließlich bereit sein. Aber wir waren aufrichtige Soldaten. Kann ich aber nicht. Was wir alle richtig fanden. und sie sagten nichts. mein Institut war ebenfalls durch und durch „proletarisch“ – 70 Prozent der Studenten waren von Betrieben zum Studium delegiert worden. habe ich aber später. Ljudmila Evgen’evna. das im August 1991 gegen Gorbačev putschte. denn ich war überzeugt: Nicht jeder Komsomolze ist zum Studium geeignet. Als ich während des Studiums in einen Betrieb geschickt wurde. Ihren Brief zu erhalten. die der Partei schadeten. Wir waren schließlich Komsomolzen. 5 Oleg Baklanov gehörte dem selbsternannten Staatlichen Komitee für den Ausnahmezustand (Gosudarstvennyj Komitet Črezvyčajnogo Položenija. XING 23 . Die Mädchen schreiben mir übrigens bis heute. 4 Ivan Silaev leitete in den letzten Monaten vor der Auflösung der Sowjetunion u. Was das Gefühl der Bedrohung durch einen äußeren Feind angeht: Es war ebenso intensiv wie das. Genau so dachte ich. Sie haben mir zurecht den Kopf gewaschen. Das Umgekehrte aber erschien mir für ein Rüstungsinstitut vollkommen richtig. Felix Dzerzhinsky and Jozef Stalin at Grutas Park in Southern Lithuania. äußerte sich aber nie dazu. wo 20 Frauen aus verschiedenen Betrieben und zwei. Als Sekretär des Fakultätskomitees weigerte ich mich. einige unterstützten auch die Putschisten von 1991 (wie zum Beispiel Baklanov. In bestimmten Dingen stur. Den ZK-Sekretär für Verteidigung Baklanov kannte ich nicht. JUNI 09 SEHR GEEHRTE LJUDMILA EVGEN’EVNA. damals war es das nicht. Wir verteidigten. und wie konnte man das von jemandem verlangen. Aber das ist ein Thema für sich. weil die Leute auf der anderen Seite der Barrikade keineswegs eindimensional waren. Übrigens legte ich mich offen mit dem Sekretär des Parteibüros an. Exmatrikulierte automatisch auch aus dem Komsomol auszuschließen. ich habe mich sehr gefreut.

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Aber Boris Nikolaevič war eine markante Figur. Was ich von ihnen der Parteitradition. Ein Fels. ganz im Sinne Vaterländischen Krieges im Untergrund gearbeitet. gleich. hochqua. allerdings keineswegs unsere „politische Reife“. Hätte man Russland stärker oder besser verändern können. zur Spionageabwehr. Geld gebeten. Zusammenarbeit mit dem KGB sehr ernst. kann ich nicht Nun zu Führerschaft und Karrierismus. Und die wurden geduldet. Das waren solide. Und dafür hatte man sich zu verantworten. hat viel Gutes und viel Schlechtes getan. ” Wir nahmen die Zusammenarbeit mit dem KGB sehr ernst. Ein echter 6 indem sie sich weigerten. dass nur in einem anderen Sinn: politisch auf der richtigen Linie. und zwar durch Kriecherei und Speichelleckerei. aber ihre Erfahrung noch jemandem nützen konnte. sondern als Leader. ohne Rückkehr der „Genossen von den Organen“ gegangen? Ohne den 26 XING 23 . Er arbeitete für uns und kontrollierte uns zu.Produktionsleiter oder als Betriebsdirektor wurden andere eingesetzt. sowohl Über Boris Nikolaevič kann ich nicht unparteiisch sprechen. denn sie hatten Das war ebenso ein Platz für „Andersartige“ wie die Wissenschaft. sondern als Personenschützer. Sie waren froh. Wir nahmen die So konnte man zweiter Sekretär werden. das Weiße Haus zu stürmen. das ist nicht dasselbe. als er es getan hat? Wäre es auch ohne Thermidor und neue Stagnation.und Nachteilen dieses Phänomens. Wovon mehr. Einige von russischer Zar. Es gab auch andere – die NKVD-Leute. allerdings keineswegs unsere „politische Reife“. alle seine negativen Seiten klar. Ich stimme Ihnen nicht zu  – beurteilen. Mehr noch. dass Übrigens hat keiner von ihnen (von den Spezialisten) mich je um er gehen musste. das ist der Weg der meisten „Erfolgreichen“. gelernt habe.solchen Posten Murks. hochqualifizierte Ich will Ihnen etwas noch Riskanteres sagen. lifizierte Spezialisten. Die mochte niemand. Und ob sie das kann! „nicht biegsam“. Das waren solide. Er arbeitete für uns und kontrollierte uns zugleich. Mit „Wir“ meine ich Verwaltungschef und sogar stellvertretender Minister. Einige von ihnen hatten während des Großen Jagodin wie El’cin duldeten mich als „direkten Leiter“. von denen ich sprach. Arbeit zu finden. Gefängnisse und Konzentrationslager überlebt. Karriere im schlechten Sinne – das ist Aufstieg über die Stufen der bürokratischen Leiter. helfen. denn Karrieristen machten auf Personenschützer. Mir sind wir als auch die Spezialisten. stellvertretender Betriebsleiter. zur Spionageabwehr. Aber als die Rüstungsleute. Allerdings konnte ich nach 1991 einigen von ihnen und Putin weiß das. 1999 fand auch ich. Er ihnen kannte ich persönlich. Obgleich ich die Kandidatur Putins nicht begrüßte.Ljudmila Ulitzkaja. mit allen Vor. andere nur indirekt. Ja. mieden sie. Und ihre Kollegen retteten uns das Leben. Mit „Wir“ meine ich die Rüstungsleute. ist mir hier im Gefängnis sehr nützlich.

nach dem Vorbild von Gazprom (nicht unbedingt so groß. ist mir hier im Gefängnis sehr nützlich. Als meine Ideen nicht genehm waren. Wir haben es nicht vermocht. Es war eine Art ständiges Turnier zwischen uns. Hatte ich „im Großen und Ganzen“ recht? Ich bin nicht sicher. Einige von ihnen hatten während des Großen Vaterländischen Krieges im Untergrund gearbeitet. Einerseits habe ich objektiv die Industrie gefördert. den sie verzapfen würden. Bild oben links: © Enrique Galindo. ohne den Sturm des Weißen Hauses? Vermutlich. aber man unterstellte mir – wie immer – eigennützige Interessen. Sibirien . die Festlegung von Aufgaben und Prioritäten).co. Fish Market at Angara river near Baikal lake. Ja. sondern auch eine gewisse konkrete Zielsetzung. In der Regierung nannten wir das aktive Industriepolitik (nicht nur die Schaffung solcher Komplexe. war ich 23. dass das ein schlechtes Ende nehmen würde. Siberia Russia Bild oben rechts: © Enrique Galindo. als historisches Gebäude. gefährdet. <http://news.uk/hi/russian/russia/ newsid_5265000/5265886. Was ich von ihnen gelernt habe. Eine Idee zur Umgestaltung des ganzen Landes. Siberian typical family food. Einerseits habe ich natürlich alle mir zur Verfügung stehenden Mittel in die Industrie investiert. Worin die bestanden. hatte ich zu Gajdars Zeit nicht. aber von ähnlicher Struktur). – Red. Wenn nicht. schlossen die Lücken mit neuen Gesetzen und Anweisungen. warfen mir aber nie unfaires Spiel vor.stm>. ihn zu verurteilen? Als wir uns kennenlernten. Chronika puča. und ich schade damit niemandem. andererseits habe ich die Regierung. dann eben nicht. war allerdings unklar. Aber ich muss sagen.Spezialisten. aber eine Vorstellung von der Reform der Wirtschaft. welche Lücke in ihren Gesetzen ich wie nutzen werde oder bereits nutze. womöglich die Sünde der Eitelkeit. Nicht er – wir alle. Ich war für die Schaffung und anschließende Privatisierung großer wissenschaftlich-industrieller Komplexe.“ Tschetschenienkrieg. verließ ich die Regierung. Ich stritt nicht weiter. denn sie hatten Gefängnisse und Konzentrationslager überlebt.bbc. dass die tschechische Variante besser sei (dort gab es „geschlossene Fonds“). Und ich möchte mir meine Erinnerungen von damals bewahren. Ich hatte gleich gewarnt. Sinnvoll investiert. wobei ich ankündigte. Er ist tot. Welches Recht habe ich also. sie verhielten sich anständig: Sie prozessierten. anderen Versionen zufolge wurde dieser Befehl – nicht zuletzt aufgrund der Bedenken der Kommandeure – nie erteilt. ärgerten sich. Ich habe nie geprotzt und das auch anderen 6 Beim Augustputsch 1991 verweigerten die Mitglieder der KGB-Spezialeinheit Al’fa angeblich den Befehl zum Sturm des Parlamentsgebäudes. den Blödsinn zu nutzen. das war eine kleine Rache. die nicht die schlechteste war. XING 23 27 Dafür habe ich später – und hier können wir von den Grenzen des Erlaubten reden – jede Lücke im Gesetz ausgenutzt und den Mitgliedern der Regierung immer persönlich dargelegt. Zum Beispiel die frei konvertierbaren Voucher.

klagte er. Aber zugleich habe ich mir nicht viel Gedanken gemacht über die Menschen. und dafür war ich persönlich verantwortlich. wie teuer sie ein verlorener Prozess zu stehen kommen würde. bot ich ihm eine Abfindung an. Das war kein Spaß. Die Katastrophe. um davon selbst zu profitieren. Aber nichts Verbotenes. Wir alle machten einander höchst selten Konkurrenz. Gesetzeslücken aufzuspüren und sie vollständig oder teilweise auszunutzen – das war unsere Grenze. ging bis zum Obersten Gericht der Russländischen Föderation. keine Miliz. Geld. war die Grenze so gezogen.“ M. eine Reihe von Hüttenwerken und die berüchtigte Firma Apatit7 gehört. dass sie nicht zur Verantwortung gezogen werden. Ein Spiel. Natürlich gab es auch brutale Typen. Zum Beispiel hatte mir bis dahin die gesamte Baustoffproduktion für ganz Moskau. Die Banken stellten einfach den Zahlungsverkehr ein. In Russland kaufte uns niemand das Öl ab. Eine solche Hemmungslosigkeit wie heute. Und jeden Abend wieder zu ihren eigenen Sorgen und Angelegenheiten zurückkehrten. nie gestattet. Das ist natürlich sehr schematisch ausgedrückt. Was mich natürlich einiges kostete. Nur als ein Spiel. und nicht nur ihnen. Kollektivs. Lobby-Arbeit. Ich hatte kein Geld. Mehr waren es einfach nicht. aus reinen Sicher­heits­er­wägung­­en. unsere Aus­ lands­ kon­ ten zu sperren. aber das waren Dinge. Bei den „Pfandversteigerungen“ waren aber beispielsweise 800 Betriebe auf der Liste. Zwar konnten die Leute aus dem Staatsapparat einen unterstützen. zahlbar in Devisen. dass der wichtigste Grund für die Änderung meiner sozialen und unternehmerischen Prinzipien die Krise von 1998 war. Die Unternehmen der anderen interessierten mich absolut nicht. Bis dahin hatte ich das Unt­er­nehm­er­da­sein als ein Spiel betrachtet. um mit mir zusammen zu spielen. Auch vor 1998 war ich mit Problemen konfrontiert gewesen. das war damals schwer vorstellbar. dass man das. Es gab eine weitere Grenze. und sie taten das vielleicht. Als beispielsweise der inzwischen verstorbene Volodja Vinogradov (Inkombank) mich beim Kampf um die VNK8 behinderte. verglichen mit den jetzigen „feindlichen Übernahmen“. und exportieren konnten wir auch nichts. Wir alle zusammen konnten höchstens 70 schaffen. für die ich persönlich keine Verantwortung trug: Das war die „Lage“. sogar – was sie besonders schrecklich fanden – den Medien. Das Lachen verging uns nicht gleich: Das überleben wir! Dann der August. Ich selbst musste alles andere aufgeben. Ständig unterwegs sein. geradezu unglaublich. Der Regierung ihre Fehler bei der Gesetzgebung zu demonstrieren. wenn auch sehr großen. Das war die übliche Praxis: PR-Kampagnen. Er weinte sich darüber bei meinem Anwalt aus. als ich kam. Die Banken drohten. Als ich den Bereichsleiter Förderung Fazlutdinov entließ.Xing 23 ” Ich kann nicht unerwähnt lassen. dass der wichtigste Grund für die Änderung meiner sozialen und unternehmerischen Prinzipien die Krise von 1998 war. aber bei dem auch Verlieren kein Beinbruch war. übertrumpfte ich ihn bei der Auktion. warum alle Nachforschungen der General­staats­anwalt­ schaft in den letzten Jahren so wenig überzeugende Ergebnisse gebracht haben. 28 XING 23 . wurde er einfach hochkant aus dem Gericht geworfen. das war richtige Arbeit. Keiner zahlte. Der Ölpreis fiel auf acht Dollar pro Barrel.000 Dollar Entschädigung (das war damals sehr viel Geld). um die Schulden zurück zu zahlen. Nur als ein Spiel. wenn sie nur die richtige „politische Position“ haben – nein. Aber sie waren sich stets bewusst. da Leute sich sicher sind. Ich kann nicht unerwähnt lassen. Wer durch so etwas aufgefallen wäre. das war das größte intellektuelle Vergnügen auf diesem Gebiet. Dann das Jahr 1998. um Jukos zu schultern. mit dem hätte einfach niemand mehr Geschäfte gemacht. Solange in der „oberen Liga“ noch keine ehemaligen Mitarbeiter der „Rechts­ schutz­ organe“ mitspielten. Auch von Kriminellen wurden wir kaum behelligt. Was die „Brutalität“ bei der Aneignung und Umverteilung angeht – die Antwort auf diese Frage ist zum Lachen. wir hatten mit dem allgemeinen Schlendrian und Verfall genug zu tun. die wusste. über meine soziale Verantwortung jenseits meines. es gab Risiken. Nein. alle zuvor erworbenen Betriebe verkaufen. denn sie hatten keine Ahnung. Genau das ist der Grund. Doch die Leute hatten ganz real nichts zu essen. Berezovskij gab mir einen Kredit – 80 Prozent Jahreszins. Bei dem ich gewinnen musste (wollte). Und meine Rechts­ abteilung. In der „oberen Liga“ spielten höchstens zwei Dutzend Leute mit. aber insgesamt ging es damals in der oberen Liga. konnte nichts dagegen tun. bei dem Hunderttausende jeden Morgen zur Arbeit kamen. Und er wäre schnell geliefert gewesen. Nachdem Rosneft’ Jukos übernommen hatte. und als er dies ablehnte. mit denen ich nichts zu tun hatte. Bis dahin hatte ich das Unt­ er­ nehm­ er­ da­ sein als ein Spiel betrachtet. was bei solchen Riesenunternehmen zu holen war und wie. ziemlich harmlos zu. die Bank aufgeben. bekam Recht und erhielt von mir über 40. vor einem Schiedsgericht (das nicht unbedingt vollkommen unabhängig war. und kein Geld für die Löhne. aber auch nicht so stark kontrolliert wie die heutigen BasmannyjGerichte9) verteidigen konnte. was man tat. die Produktionskosten lagen bei zwölf Dollar pro Barrel. dass sie dem Premierminister und dem Präsidenten Rede und Antwort stehen müssen. der seinen Fall in der Firma bearbeitete.

. Denn Noch einmal zu meinem Verhältnis zum hinter dem schönen Traum versteckte sich Gesetz. die gegenüber ande. 7/2005.Wunsch.“ Nach dem August 1998 über mein Land zu sagen. Ich werde darüber nachdenken. wendet werden kann). – Red . dass ich der beste Experte in Sachen Geld bin. hier S. Hier konnte ich es nicht. Besonders die Jungen. stellte in Zusammenhang mit den Prozessen gegen Anteilseigner und Top-Manager von Jukos-Menatep mehrfach im Schnellverfahren Haftbefehle aus. so wie ich es auch sonst immer gehalten hatte..das Verständnis für die Interessen von Ländern schickt. Die Willkür oder. als sie stimmte. was Vorrang hat – Eigentum oder Pressefreiheit? Ich halte unsere Gesetze im Großen und Denn NTV hatte ja tatsächlich Schulden bei Ganzen für in Ordnung. Die Haltung „die Gesetze haben doch ein aggressiver bürokratischer Totalitarismus. – Red.. später in der Anklage gegen mich auftauchte. genau in dem Moment. Wäre NTV erhalten geblieben. Im Jahr 2000 grün. aber nun – kein Geld. Doch ich wurde in eine Ecke gedrängt. und eben darin besteht im Grunde zu einem zusätzlichen inneren Antrieb. Er sitzt Sie hergekommen sind und mit uns reden. dauerte es länger. habe ich rebelliert. höf. In­ter­pre­ta­tions­spiel­ nach der Krise von 1998 wurde sie für mich raum. 9 Der Ausdruck „Basmannyj-Gericht“ steht für politisch willfährige Justiz.. Siehe dazu Otto Luchterhandt: Rechtsnihilismus in Aktion. war einer der Anklagepunkte im Prozess gegen Chodorkovskij. erst einmal meinen Anwälten Hinweise.ische Unternehmerverband stellte sich die Frage. in Ohnmacht. Du gehst zu deinen Arbeitern. Was das Projekt „Kulturanthropologie“ angeht. weniger bedrückende Angelegenheit. „die selektive Anwendung des Bis die all­ ge­ mein menschlichen Werte zu Gesetzes“. des größten Mineraldüngerherstellers der UdSSR. oder kleine Kinder haben. Ich hätte mich jedenfalls nicht aus dem Fenster gelehnt. Aber der Patriotismus. liegt darin. Ein weiser Mensch hätte diese Alternative vermutlich zu vermeiden gewusst. Als die Krise überwunden war. die darum tun wir alles für die Stärkung der sich nicht aus dem eigenen Garten versor. und der aufgedeckte Betrug hat in deten wir die Stiftung Offenes Russland. Und vor allem und Völkern getreten  – die mit denen der diese verständnisvollen Gesichter. An die Stelle dieser Vorstellung ist Medikamente bezahlt und die Leute in Kur ge. Das angewendet wird. Gutes erwartet. Natürlich war dieser Ausgang nicht mein Ziel. und der Russ­ länd­ ren nicht angewendet wird (und nicht ange. Wir sind schon dankbar. hatten sich meiDie Vorstellung vom Kommunismus als ne Prinzipien verändert. Davor ja die Tätigkeit der Gerichte (vor allem des waren das vor allem Gekränktheit und der Obersten Gerichts). Das Basmannyj-Bezirksgericht der Stadt Moskau.. Eine. Aber sie fallen vor Hunger „Unser Land ist eine belagerte Festung. habe ich rebelliert. licher gesagt. Das war 2001 – es ging um NTV. dass ich „es kann“. eigene Interpretation des Gesetzes durchgedrungen waren. das als Haftgericht der Generalstaatsanwaltschaft fungiert. Geben Sie. Ich konnte nicht mehr „lichte Zukunft“ der Menschheit habe ich einfach nur „Direktor“ sein. der ist geblieben. dass auf Jukos eine ganz be.stet – diese Idee ist noch lebendig. Der Jukos-Chodorkovskij-Prozeß. aus der es keinen anderen anständigen Ausweg gab. nicht imeinfach sagen: „Wir haben auch gar nichts mer übereinstimmen. Und Feinden umgeben“– das habe ich natürlich die Krankenhäuser .. der eine ganz andere: Unsere Gesetzgebung (wie gleiche Chancen für alle Kinder gewährleidie jedes anderen Landes auch) lässt zahl.. in: OSTEURoPA. 12–17.Verteidigungsbereitschaft. dass Sie werden lachen.war 2001 – es ging um NTV. wir sind von gen können. alle verletzt“ habe ich nie für richtig gehalten. und sie Nun zu den Ideen und Werten meiner brüllen dich nicht an. Leute. meinem Herzen Bitterkeit hinterlassen. Was dann das ist eine Katastrophe. 7–37. wenn möglich. als sie durchgedrungen waren. als ziehe sich eine Schlinge um meinen Hals. hätte ich die nachfolgenden Ereignisse womöglich weniger aufmerksam wahrgenommen. sehr dazu drängt. Noch einmal danke für Ihren Brief. Ich bin kein Revolutionär. Ländern. selbst wenn es mich hat es keinen einzigen Streik mehr gegeben. bin ich nicht sicher. Gemeinheiten halten schon durch . genau in dem Moment. – Red. Aber erst reiche „weiße Flecken“. S. Ich glaube.Jugend. musst du sich um die (freiwilligen wie unfreiwilligen) dich dafür verantworten. streiken nicht – sie ha. zu beweisen. der Wenn du die Gesetze verletzt hast. wird. M. dauerte es länger. Aus dieser Sicht ist das Gefängnis eine klarere. die Staaten und Eliten. dass das eine nicht ohne das andere geht. XING 23 29 . ben Verständnis. die Gerichte – und gab NTV 200 Millionen Dollar. 1997 übernahm Jukos ein Kontrollpaket der VNK-Aktien und gliederte die Gesellschaft in den folgenden zwei Jahren in den Konzern ein. Doch die Idee von einem sozialen Staat.” Bis die all­ge­mein menschlichen Werte zu mir durchgedrungen waren. wie sie im Fall Jukos praktiziert mir durchgedrungen waren. Wir tief in mir und hindert mich. sondern die Politik aktiveren „Genossen“ überlassen. aber die Rechtspraxis. sie sind nicht Gazprom. 8 Die Vostočnaja neftjanaja kompanija (Erdölgesellschaft Ost) wurde 1994 aus der staatlichen Ölgesellschaft Rosneft’ ausgegliedert.Ich glaube. Damals kam ich für mich zu dem schlechter und nicht besser als in anderen Schluss. Obwohl ansonsten natürlich alles andere als ein Zuckerschlecken. Meine Haltung ist Außenseiter der Gesellschaft kümmert.hinter mir. Wir hatten ja auch die hinter mir. 7 Die Privatisierung des Unternehmens Apatit. Ich hatte plötzlich das Gefühl. was ich mir ansehen soll.“ M. gelinde gesagt.

die teils lebensgefährlichen. Michail Borisovič. Bild rechts: © Maurici Liso. Ich wünsche Ihnen eine stabile Gesundheit und Geduld. Ihr Prozess – der absolut kafkaesk ist – zieht sich hin. Mut und Kraft haben Sie genug. Der General machte mir den Eindruck eines lebendigen. Ein großartiges Projekt wurde zerstört. . So leicht ist das Rätsel der Sphinx zu lösen! Und Sie. allein schon. Dort ist jetzt ein neuer Direktor. Die idiotische Zuzahlung für die noch lebenden Eltern der Zöglinge ist vom Tisch. -724. ein sehr guter und kluger Mann. ob das nur die übliche Unfähigkeit ist. der auf die Ermüdung der öffentlichen Meinung spekuliert? Hofft man.Ljudmila Ulitzkaja. Wie soll man darauf antworten. dass die Leitung des Strafvollzugs kein Wohltätigkeitsverein feiner Damen für obdachlose Katzen ist. Michail Borisovič: Sie haben schon so viele verschiedene Leben erlebt. dass es darum geht. die sie sehr bewegte: Was ich vom neuen Präsidenten halte. Sie brauchen diese Frage nicht zu beantworten. Was werden Sie tun. stellten mir Journalisten im Ausland immer dieselbe Frage. Wie sehen Sie Ihr Leben nach der Freilassung? Im Moment verteidigen Sie sich. das Sie gegründet haben. Ich kann mir Sie nicht im Ruhestand vorstellen. natürlich ist klar. 10 Die Schriftsteller Andrej Sinjavskij (Pseudonym Abram Terc) und Julij Daniėl’ (Pseudonym Nikolaj Aržak) wurden 1966 trotz Wir erwarten Sie in der Freiheit. schöpferisches Leben sein. Man wird das Gefühl nicht los. wenn man sich selbst den Luxus erlauben kann. nicht das Geld. dann haben wir keinen neuen Präsidenten. wenn Sie wieder zu Hause sind? Vor einem Monat war ich in Koralovo. Ich hoffe. wenn das Ganze nicht so quälend dilettantisch inszeniert wäre. Ihre Eltern Marina Filippovna und Boris Moiseevič sind von Kindern umgeben. obwohl . nicht erhalten haben. und das tun Sie hervorragend. Ich habe angefangen zu zweifeln. in dem Lyzeum für Waisen. dann ist das ein anderer Präsident. den Sie. Was werden Sie nach Ihrer Freilassung tun? Ich kann mir nicht vorstellen. oder ob dahinter eine teuflische Absicht steckt. auf Ereignisse zu reagieren. die Flut von Strafen. in jedem Fall wird das ein sinnerfülltes. dieser Brief erreicht Sie. dass hier lebendige Menschen gegen Schatten oder Gespenster ankämpfen.10 Dieser Tage war ich bei General Kalinin11 wegen der Bücher. die diesen bösen Traum von Zeit zu Zeit aufbrechen. nur schleppend und mühsam entwickeln? Gut. den Prozess zu verzögern. Einfach einen durchaus guten Eindruck. als Sie es ohnehin sind. die Hoffnung. dass ein anderer im Kreml sitzt – oder hat sich nicht das geringste verändert? Ihre Geschichte ist erstaunlich. – Red. dass es zwei Beteiligte gibt. JUNI 09 LIEBER MICHAIL BORISOVIČ! Vor über einem halben Jahr habe ich Ihnen einen Brief geschickt. . Michail Borisovič: Ist das einfach nur schlechte Regie oder ein schlauer Schachzug. und man erkennt. was für ein wunderbares Verhältnis das ist. teils lachhaften Schikanen – auf welcher Ebene wird das organisiert: von der örtlichen Gefängnisleitung oder auf höchster Ebene? Oder von einer ganz anderen Instanz? Ich meine natürlich den Kreml. gebildeten und professionellen Menschen. Ganz zu schweigen von Ihrer Firma. wenn nicht. Was glauben Sie. dass die Gesellschaft es irgendwann müde wird. – Red 11 General Jurij Kalinin war bis August 2009 Leiter der russländischen Strafvollzugsbehörde (Federal’naja služba ispolnenija nakazanij. und ich hoffe. Aber ich möchte Sie auf keinen Fall in eine noch schwierigere Lage bringen. Als Dmitrij Medvedev Präsident wurde. wir haben 62 Pakete gesammelt. Nein. fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. wie schlechtes Theater. und das ganze Lyzeum ist eine Art in die Tat umgesetzte soziale Utopie. . „dasselbe wie immer“. Aber mich interessieren in diesem Fall Sie. die wir an die Strafkolonien für Minderjährige schicken wollen. haben Sie am eigenen Leib gespürt. Auf Spuren Ihrer Wohltätigkeit stoße ich überall – aber eben nur auf Spuren. Gogolsche Figuren. auch vor Ihnen liegt noch ein ordentliches Stück Leben. dass Sie keine Zukunftspläne machen. Sie und Platon Lebedev. die auf Sie einstürzt. die sich. Dieser Prozess wird in die Geschichtsbücher eingehen wie seinerzeit der Prozess gegen Sinjavskij und Daniėl’. wie sich jetzt herausstellt. Michail Borisovič. das man Ihnen genommen hat. FSIN). Oder Puppen? Keine Menschen. Als Unternehmer und Politiker oder zurückgezogen als Privatmann. Es gibt eine Menge interessanterer Dinge im Leben. Ljudmila Ulitzkaja internationaler Proteste wegen „antisowjetischer Propaganda“ zu sieben bzw. Mir ist klar. um Sie nicht freizulassen. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen leibhaftigen General dieser Behörde zu sehen bekommen. überhaupt nicht über sie nachzudenken. Was meinen Sie. könnte man sagen. dass die ganze Welt diesen Prozess vergisst? Aber das wird sie nicht. sondern Seifenblasen sind das. Sunrise over Saint Petersburg at a private Datscha 30 XING 23 . Aber meine Antwort war immer dieselbe: Bald werden wir mehr über ihn wissen – wenn Chodorkovskij freikommt.

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Dass sie immer noch das demütige Mädchen von einst ist. Unverbrauchteren wegen.. gibt sie ihr Dasein als Mauerblümchen auf. In der Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt erschien Roman Ljudmila Ulitzkaja: Sonetschka: eine Erzählung. Auch um das Verlassenwerden geht es ihr nicht in erster Linie. das sie sich wünschen. durch ihr Tun beschrieben. Sonetschka ist das kraftspendende Heimchen am Herd eines erfolgreichen Mannes. Als Sonetschka dann aber einen älteren und charismatischen Intellektuellen kennen lernt.. die anderen das auf Erfolg und Aktivität gerichtete Leben. REZENSION: NEUE ZÜRICHER ZEITUNG von Marion Löhndorf KLAPPENTEXT: Welchen Preis hat die Freiheit? Sie hat ihr Glück in der Literatur gefunden. Das klingt betulicher. . die viel Ironie enthalten. auf eine Weise. Die Figuren werden von aussen betrachtet. zeigt sich. als es ist. als ihr Mann stirbt … Sonetschka ist ein Mauerblümchen des Lebens. die so ganz anders ist als diese selbst: eindeutig. Lektorin beim Verlag Volk & Welt. Ulitzkaja ist keine. setzt effektvoll und ohne Umschweife in Szene..Xing 23 Als Christina Links.vom erhabenen Mädchen zur praktischen Hausfrau . entschieden. Berlin 1992 Cover unten: französische Erstausgabe Sonetschka: eine Erzählung. Wie also das alte Modell neu erzählen? Ljudmila Ulitzkaja entreisst in ihrer Erzählung die brave Hausfrau ihrem Schattendasein und schreibt ihr ein literarisches Denkmal. ermöglicht. Sie ist 32 eine Macherin. so wenig ist sie von dieser Welt. Denn die Liebe der Erzählerin offenbart sich zwischen den Zeilen und in der Schilderung von Alltagssituationen. eine Zukurzgekommene. Originaltitel: Sonetschka Roman Ausgezeichnet mit dem Prix Medicis für ausländische Literatur 1996 Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. Die feiert die Zurückhaltende als heimliches Zentrum der Familie. wie sie dauernd passiert. die Ulitzkaja offenbar auch nicht liegt. die ihr ganzes Unglück noch für ein grosses Glück hält: So gering schätzt sie sich. Das ist zum Schluss nur noch eine fällige Beigabe und fast zu erwartende Konsequenz der ewig fehlenden AnerXING 23 . temperamentvoll. ein so banales wie tristes Hausfrauenschicksal zu beweinen. das verlassen wird: einer Jüngeren. war sie sofort begeistert und suchte nach Möglichkeiten die Autorin Ludmila Ulitzkaja in Deutschland zu verlegen. So entsteht ein fruchtbarer Kontrast zwischen Heldin und Autorin. Verlag Volk und Welt. als diejenige. die mühsam nach Worten sucht oder etwas für unerzählbar hält. folgt ihm in die Verbannung und bringt ihm ein Kind zur Welt. Robert Viktorowitsch. Das erspart seelische Sezierarbeit. was sie sagen will. Eine vorhersehbare Geschichte.. Die Autorin begnügt sich aber nicht damit. 1989 die Erzählung „Bronka“ in der Zeitschrift OgonËk las.

eine Generation später. Was aber die Erzählerin an Sonetschka wirklich interessiert und uns für sie einnimmt. die mit der letzten Buchseite endete». die sie der Literatur zurückgegeben hat. «eine leichte Schweizer Brille auf der birnenförmigen Nase. begnügt sich nicht mehr mit dem Lesen und Versinken in fremde Welten. vielleicht sogar eine Art Genialität». nicht einmal zaghaft rüttelt Sonetschka an den Gitterstäben ihrer Schüchternheit. Sie besaß «ein außergewöhnliches Lesetalent. old russian church 33 . wurde vielfach übersetzt und 1996 in Frankreich mit dem Prix Médicis für das beste ausländische Buch ausgezeichnet. das im Russland der zwanziger Jahre beginnt. Ljudmila Ulitzkaja. sie «sank in die Lektüre wie in eine Ohnmacht. der die Literatur verabscheut. ist eine Gabe. Wie alle ihre Talente schätzt sie auch dieses gering und wird durch ihre Heirat «vom erhabenen Mädchen zur praktischen Hausfrau». in dunkle Allen und in Frühlingsfluten». Lebensjahr begleitet hat. Sonetschka las nicht nur. die sie nie ganz für sich beanspruchte. Ihre rührende Geschichte über die Leserin. ist beendet. kennung. kehrt sie zu den Büchern zurück. XING 23 TEXT: SUSANNE VEIT © Philip Zemlyanukhin. Mit ihrer Lieblingsübersetzerin Braungardt verbindet Ulitzkaja seit damals eine enge Verbindung. lassen den Lektürestrom. Erst als sie alt ist und wieder sich selbst gehört. und ihr Mann. Ihr arbeits. Sonetschkas Ausflug in die Realität. in süsse Tiefen. der sie bis zu ihrem 27. Heldin und Autorin nehmen das Abhandenkommen des Gatten mit erstaunlicher Gelassenheit hin.das erste Buch Zarte und grausame Mädchen und eine intensive Zusammenarbeit dieser drei Frauen hat ihren Anfang genommen. versiegen. die ihr wenigstens einen Abglanz von tragischer Größe verleiht: Bis zu ihrer Heirat war Sonetschka eine besessene Leserin.und entbehrungsreiches Leben. taucht jeden Abend.

The fifth woman.Ljudmila Ulitzkaja. Emigrés. bzw. Significantly. New York. search constantly for evidence to vinAlik‘s wife and the daughter of a once power. is never one-dimensional. Sie alle lieben und verehren den charismatischen Künstler und begleiten geduldig seine letzten Tage – Tage.‘ . agent. Ulitskaya. 34 XING 23 Although four of them have removed their clothes. mitten in der brütenden Hitze des Großstadtsommers. ’The Funeral Party‘ runs a mere 154 pages.‘ Nina. has worked her way through law school a backdrop of the televised putsch that ejected in ‚‘feathers and sequins. Um ihn herum hat sich eine bunte Menschenmenge versammelt: die Frauen. Irina. REZENSION: NEW YORK TIMES. he has ’built his Russia around him. work in order to make points about how the given the time frame in which Irina was in. Four states of undress. Schocken Books. Alik‘s former lover and a one-time circus acro. observes. Roman 80 Percent Nudity. reads Dante to him in her ’glass-clin. though occasionally screwball.Soviet experience changed Russian life. Roman. however. ting from the world in what Elisabeth KüblerRoss would call the ’isolation‘ phase of dying. they drunk. Alik‘s current squeeze. The faces on screen have ’corruption steadfastly Russian Orthodox. defining force in Alik‘s dwindling life. Ljudmila Ulitzkaja: Ein fröhliches Begräbnis. she a ‚’special club frequented by rich idiots. weeps at his withered body. Berlin 1998. der Geschichten und des Lebens werden. makes her very likely Alik‘s Ivan. 2001 by M. Ulitskaya seems to have set from the others. she now boozes written all over them. on an errand of love: attending the deathbed of Alik. alte Freunde aus Russland. A dying hero. as a punishment for translating a banned novel. Maika. Aus dem Russischen Ganna-Maria Braungardt Englisch: Cathy Porter editiert von Arch Tait. like ill-fitting false teeth. Alik‘s Italian nish their Russianness. Originaltitel: Wesjolyje pochorony. climbing It‘s hard to resist contrasting ’The Funeral into bed to cradle it between her ’celebrated Party‘ with Tolstoy‘s novella ’The Death of breasts‘. someking language‘. a Russia which hadn‘t existed for a long time and perhaps never had. Gioia.’some chemical reaction in the blood.‘‘ twirling her legs in President Mikhail Gorbachev. er liegt im Sterben. Cover unten: israelische Ausgabe Ein fröhliches Begräbnis. presenting a deft. against bat. Where volved with Alik. but it is far from slight. for example. A Russian novel. she is Irina‘s daughter – which. And Valentina. is a religious fanatic and a his friends view the ’ugly mugs‘ on CNN. viele neue Freunde aus Amerika. economical portrait of an engaging set of characters whose behavior. Lord KLAPPENTEXT: Ein Atelier in New York. For Ulitskaya‘s book is also a meditation on Russian identity and the degree to which that identity can be sustained. imbibing drinks that are‚ Yet these newly minted Americans cannot ba’weak. accomplished philanderer and aggressively unassimilated Russian emigré. G.‘ the ‚’American way‘. In fact. in whose sweltering Manhattan loft the airconditioner has broken. the five women in the opening pages of Ludmila Ulitskaya‘s mordantly observed yet touching novel ‚’The Funeral Party‘ have not gathered for an erotic romp. Verlag Volk und Welt. die durch Ulitzkajas Erzählkunst zum großen Fest der Charaktere. it is his sense of being Russian: away from his homeland. Five women. Not only is she fully dressed up deliberate parallels with that well-known and only 15. sweet and ceaseless‘.G.sets Alik‘s story in the summer of 1991.B. They are. Der russische Maler Alik leidet an Muskelschwund. and as Alik and ful K. FEBRUARY 11. Englisch: The Funeral Party.dicate their decision to leave. which haunts them like neighbor. If there is a single. stands apart Ivan Ilyich‘.‘ well as she does. although her Christianity remains find it. spends months disconnecdaughter as well. bitter and terrible. a failed painter. unaware that he speaks it as thing nauseating. a Moscow geneticist who lost her scientific credentials in the 1970‘s This is a strangely mixed group. die er geliebt hat.

her harsh wit spares no one.‘ Because of its mercilessness. In less acerbic hands. Cathy Porter‘s translation of ’The Funeral Party‘ struck me as stilted. To be sure. when the advances of an attractive black saxophonist throw her into a quandary: ’Like most Russian emigrés. Good at caring for his patients. Russian girl at photoshooting . No one hankers to fill his place. she was a racist. is not technically allowed to ply his craft. she introduces a female emigré who lives to buy and taste every conceivable consumer good. the doctor most attentive to Alik. At first. must weather a severe ’rupture‘ from their native tongue. Nina does not fear a penniless widowhood. she is already destitute. Ivan‘s business associates mostly view his death as an opportunity for advancement. partYiddish‘. but I soon got used to the awkwardness and came to view it as part of the story. it is riotously funny – a quirky. her characters affect a ’deliberately comical jargon. When. that embraces ’the most exotic criminal slang‘. Their bungling provides Ulitskaya with a pretext to comment on the arbitrary nature of medical licensing. And unlike Ivan‘s wife. it appears to have ’drowned in his large hand like a pencil‘.Alik hardly withdraws at all. Waugh and Ulitskaya chronicle wildly different subcultures. yet the man before her was one undoubtedly American product she hadn‘t yet tried. by contrast. loss and identity soar over the boundaries of language and geography. tender story whose themes of love. part-Russian. for example. In her first book to be published in English. This setup pays off at Alik‘s wake. This hybrid speech is well suited to Ulitskaya‘s descriptions. Ulitskaya (who lives in Moscow but travels often to the United States) does not self-censor to suit American standards of political correctness. But when it comes to the inadequacy of medicine. Nor will his departure free up a coveted spot at the top of the bureaucratic heap. As presented by Ulitskaya. Ulitskaya explains. All emigrés. a doctor grasps Alik‘s wasted wrist. bad at tests. has been denied certification in his adopted country. since Fima. the televised coup seems less suited to CNN than to the Cartoon Network. In highly stratified 19th-century Russia. Alik‘s emigré world. he. but once you get past XING 23 35 the superficial details – having characters drunk all the time on whiskey rather than vodka – the two writers‘ accomplishments are remarkably similar. Tolstoy and Ulitskaya tell similar stories: neither Ivan‘s nor Alik‘s doctors can discern what is killing their patients. like many emigrés. ’The Funeral Party‘ might have been a dull snapshot of a refugee community. as the camera cuts from ’a twitching marionette‘ to ’a mustached man with a face like a dog‘ and then to the tanks. particularly ’A Handful of Dust‘ in which the death of the main character‘s son is portrayed in a fashion that is both broadly caricatured and immensely poignant. This reflects especially poorly on Alik‘s would-be healers. As a survival strategy. ’The Funeral Party‘ reminded me of the early novels of Evelyn Waugh. part-English. © Peter Hummel. Likewise. is a nonhierarchical mess. At the beginning of the book. which are often verbal translations of visual caricature. who have more than a century of breakthroughs to draw upon. Indeed.

lichen Geschlecht zu Diensten zu sein. die ihm so erst die gesagt. Alle nannt Schurik. die Schurik selbst wählt. Cover unten: französiche Ausgabe Ergebenst. dafür um so bemitleidenswerteren Alja. 493 S. und er. Der Protago. fähig zu eigenstänfast am Ende des Romans von Ludmila Ulitz. weil sie ein uneheliches Kind erwartet. Alles tut er den Frauen zu Gefallen und sie lieben ihn. gefällt. in Ergebenst. Ob er sich Sowjetunion der Nach-Stalin-Ära fast nicht letztlich tatsächlich von ihnen befreien kann. Denn das Nein des Protagonisten steht verantwortungsbewusst. was von ihm er. die nach dem Schulder Geschlechter zueinander. KLAPPENTEXT: Gut aussehend. die ihn als Knaben verführte. um die Atmosphäre jener kurzen Periode des Tauwetters nach Stalins Tod zu atmen. bei dem „Mitleid und männliches Begehren an Er verliert dabei nicht den Überblick (damit derselben Stelle“ sitzen. Ein Roman über die Liebe mit einem tragikomischen Helden. Warum also Nein sagen? Zu Matilda. zösische Literatur. lebt die Traditionen der denen er hilflos ausgeliefert ist. Euer Schurik Roman Ein Kind seiner Zeit. auch mehrere VerPflichtgefühl. ist nist Alexander Alexandrowitsch Korn. 9.digen Entscheidungen. selbstbewusst“. Dozentin für franden Vorstellungen und Wünschen der Frauen. Aus dem Russischen von GannaMaria Braungardt. Aus beigelegt) und schafft es. 36 XING 23 REZENSION: DER FREITAG. Lebensjahr ist sein liebster Zeitvertreib das Zum ersten Mal im Leben hat Schurik Nein „Vorlesen“ der Großmutter. JUNI 2006 . die ihn brauchen. ein Traum von einem Mann. Sie wählen und wollen ihn. Von Schuriks Großmutter. die sich gegen die Obrigkeit auflehnten und oft teuer dafür bezahlen mussten. Bis zum 14. Ljudmila Ulitzkaja: Ergebenst. den „Schestidesjatniki“. zu Lena. zu seiner gehbehinderten Chefin Valerija und zu all den anderen Frauen.Xing 23 Schurik ist ein Kind seiner Zeit. Bote und Lieb. euer Schurik“ ist eine Alltagsge. den bleibt indes der Phantasie des Lesers überlas. Dies führt zwar zum – absehbaren – Werke der russischen Schriftsteller und dann Selbstmord einer seiner zahlreichen von ihm die Werke der Weltliteratur lieben lehrt. mehr existierenden Welt. nicht sehr geliebten Geliebten. der den Frauen anderen wählen ihn. doch ist dies der erste Schritt zu seiner Emanzipation. zur hässlichen.Lesezeichen mit den Namen aller Geliebten haber steht er den Frauen zur Verfügung. ge.der Leser ihn nicht verliert. München 2005. und er lässt es geschehen. gehört er nicht jener Generation der rebellierenden Jugend in der Sowjetunion der sechziger Jahre an. Originaltitel: Iskrenne Vas Surik Roman Carl Hanser Verlag. ist der wohlerzogene Schurik von Damenwahl Ljudmila Ulitzkajas Roman Kindheit an darauf konditioniert. die er heiratet.die einzige Frau. und denen liberalen russischen Intelligenzia.(die Liebe der beiden ist damit gescheitert). Nie schichte der Sowjetunion gab es mit dem Jungen Probleme. Als Handwerker. euer Schurik um das Verhältnis Seine Jugendliebe Lilja. einer in der er immer alles recht machen will. ist dem Buch ein wartet wird. Sie zeichnet es abschluss mit den Eltern nach Israel emigriert mit umgekehrten Vorzeichen. Der kaja. Versuch scheitert. dem weib„Ergebenst. dem die wahre Liebe fehlt. tut. Sie versucht. Zumindest in Bezug auf das weibliche Geschlecht ist Schurik nur ein Wie so oft in Ulitzkajas Werken geht es auch einziges Mal fähig zur eigenen Entscheidung. Aufgewachsen als uneheliches Kind der gescheiterten Schauspielerin Vera Alexandvon Ursula Keller rowna Korn im von der resoluten Großmutter Jelisaweta Iwanowna Korn geführten Frauenhaushalt. Alle. Zu jung.Enkel „zu einem richtigen Mann zu erziehen: sen. hältnisse zeitgleich nebeneinander zu haben.. höflich und sanftmütig ist er. Euer Schurik. ist ein Mann.

Doch werden diese und andere Details nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Beim Wiedersehen Schuriks mit seiner Jugendliebe zwölf Jahre nach der Trennung – Lilja hat auf einem Flug nach Japan einige Stunden Aufenthalt in Moskau – ist Schurik fast 30. Eine der Stieftöchter Korn emigriert als Gegnerin der neuen Ordnung im Jahr 1924. Anstand und Sorge für den anderen. wie einer seiner Freunde zutreffend bemerkt. Und macht sich zum ersten Mal von dieser Abhängigkeit frei. Schurik und die Seinen interessieren sich nicht für Politik. Wie fast jede Familie in der Sowjetunion ist auch die Familie Korn von den Wirren der Revolutionsjahre und der Menschen verschlingenden Stalin-Zeit betroffen. ihn bittet. Die Revolution des Jahres 1917 erscheint durch die Augen der Großmutter Jelisaweta Iwanowna als unangenehme Folge des Todes ihres Mannes. Als sie wieder im Flugzeug sitzt. in der ihre eigenen Werte zählen. Die Handlung spielt in den Jahren 1955 bis 1985. die andere – ganz der neuen Macht zugetan – kommt trotzdem in einem Stalinschen Lager ums Leben. um die Atmosphäre jener kurzen Periode des Tauwetters nach Stalins Tod zu atmen. Zu jung. das Lilja aus Jerusalem mitgegeben worden war. ihn nicht geheiratet zu haben. XING 23 37 . den schwachen Schurik und vor allem die ihn umgebenden starken Frauen. Auf die Politik jedoch verweist Ulitzkaja nur wie beiläufig in Nebensätzen. ihr eine Häkelnadel zu besorgen. indem er Nein sagt. und mit Rückblenden wird auf die Zeit davor Bezug genommen. Schurik zählt zu jener Mehrheit der Bevölkerung. die sich gegen die Obrigkeit auflehnten und oft teuer dafür bezahlen mussten. mit Sympathie und oft ironisch-augenzwinkernd. der er das Paket übergibt. lebt immer noch in der mütterlichen Wohnung. Sie leben in einer Parallelgesellschaft. Doch als die verrückte Alte. Höflichkeit. Aber er liebt eben keine von ihnen. Und Schurik begreift nach den Stunden mit Lilja.Denn er ist den Frauen durchaus verbunden. Ulitzkajas Roman ist nicht nur eine Erzählung vom schwachen Geschlecht Mann. den „Schestidesjatniki“. anpasst und mit dem System arrangiert. erzählt Ulitzkaja nicht nur von Schurik und seinen Frauen. gehört er nicht jener Generation der rebellierenden Jugend in der Sowjetunion der sechziger Jahre an. ohne groß darüber nachzudenken. © Philip Zemlyanukhin. Sie verurteilt Schuriks Unfähigkeit Nein zu sagen nicht. sagt er vermutlich doch wieder Ja. Sie sind in diesem Roman nicht das Wichtigste. Schurik ist ein Kind seiner Zeit. sondern zeichnet ein Sittengemälde der Sowjetunion der Breschnew-Ära. sondern auch so etwas wie eine Alltagsgeschichte der Sowjetunion. Einer Epoche. die sich den Gegebenheiten des Lebens in der Stagnation der Breschnew-Ära. Sie macht dies kunstvoll und lakonisch zugleich. Von Ganna-Maria Braungardt in bewährter Manier aus dem Russischen übersetzt. von der man hierzulande viel zu wenig weiß. dass die Abhängigkeit der Frauen von ihm durchaus gegenseitig ist. ist Lilja froh. Ulitzkaja zeichnet ihre Figuren. als sich das Schweigen wie Mehltau über die Gesellschaft legte.

Er war Dolmetscher bei der Gestapo. Ulitzkaja. 1999 wurde Theresia Benedicta vom Kreuz in diese Reihe aufgenommen. Das festungsartige Schloss aus dem späten Mittelalter gehört seit kurzem zum Weltkulturerbe. die darum kreisten.Weißrussen und Juden waren nach Sibirien kin einen „ganz und gar schönen Menschen“ deportiert worden. jedes Mal überlebte er. Mit bürgerlichem Namen hieß die Karmeliternonne Edith Stein. Fünf Heilige ernannte die katholische Kirche bisher zu Patronen Europas. endFür die Moskauer Schriftstellerin Ljud. zu danken einem Mann namens 38 XING 23 . grenzt an ein rührt – die Suche nach Gott. das an einen der sensibelsten Nerven unserer postsäkularen Ära Dass es Überlebende gab. über Geschichte und Religion: Als Jude organisierte Daniel Stein die Flucht aus einem Ghetto in Polen. hierzulande erhielt sie den Aleksandr-Men-Preis der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. ermordeten genen Jahren mit gut lesbaren und mitunter die Besatzer mit Hilfe weißrussischer Kolleicht überzuckerten Romanen für eine eher laborateure tausendsechshundert Juden. Drei Jahre zuvor hatten die mila Ulitzkaja wird der Mönch. da er weder in Russland spiele noch Russen darin eine wichtige Rolle hätten. bewegendes Werk vor.lin-Paktes eingenommen und Schüler und ma eines „wahren Gottesmenschen“. Ljudmila Ulitzkaja: Daniel Stein Roman Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt Carl Hanser Verlag.Sowjets die Stadt im Zuge des Hitler-Stafällig Stein heißt. Er konvertierte und ging nach Israel. Jahr­ hundert. würden die Juden hier das Christentum vereinnahmen. Mir bedeutet in den slawischen Sprachen Welt und Frieden. die in den vergan. AUGUST 2009 von Sabine Berking Die russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja trifft mit ihrem preisgekrönten Roman über den Gottesmenschen Oswald Rufeisen einen Nerv unserer postsäkularen Ära. Dreimal wurde er zum Tode verurteilt. München 2009. so einige Leser. Im Herbst 1941. nach schaffen wollte. Zu allem Übel. der nicht zu. Wunder. In Russland provozierte das Buch heftige. Jahren mit seinem „Idioten“ Fürst Mysch. wie Dostojewski vor gut hundertdreißig Mir in die Flucht geschlagen. In dem Porträt dieses großen Idealisten spiegelt sich das ganze 20. Seine Biographie gehört zu den erstaunlichsten Lebensgeschichten. Viele Polen.gültig unter. der ver­mutlich ein ge­tarntes Attentat war. Die Geschichte beginnt in Mir. im August 1942 wurde die getaufte Jüdin in Auschwitz ermordet. zum moralischen Paradig. Er starb bei einem Unfall. ganz Lehrer der berühmten Talmudschule von so. die aus den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts hervorgegangen sind. ob dies überhaupt ein russischer Roman sei. Partisan und Mitarbeiter des NKWD. REZENSION: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. Anhand sei­ ner Person zeigt Ljudmila Ulitzkaja uns eine andere Welt und gibt zugleich Antworten auf brennende heutige Fragen. Sommer 1942 wurde das Getto von Mir in legt mit „Daniel Stein“ ein verstörendes und den Ruinen des Schlosses liquidiert. Im weibliche Leserschaft populär geworden ist. 484 S.Ljudmila Ulitzkaja. Letzteres kann man auch anders interpretieren. Diesem Schicksal konnte der Karmelitermönch Bruder Daniel knapp entgehen. KLAPPENTEXT: Ein Roman über die Men­ schen und die Liebe. Letzteren haben die einst überwiegend jüdischen Bewohner dieses Schtetls selten erlebt. Daniel Stein Roman Ein brutales Erbe endlagert in diesen Seelen. einer weißrussischen Kleinstadt. wo er als Mönch eine Gemeinde nach Vorbild der ersten Christen gründete. zum Teil offen antisemitische Reaktionen.dem Einmarsch der Deutschen. 10. ein geistiges Zentrum des heute nur noch legendären Jiddischlandes. In ihrer russischen Heimat wurde sie dafür mit dem renommierten Preis des „Großen Buches“ geehrt. Im August 1942 ging ihre Welt.

Glaubensritualen und hebräischer Sprache zu erneuern suchte. Eingebürgert wurde er als Einwanderer. Ein Arzt aus dem Getto bewahrte ihn vor der geplanten Exekution. um Verräter zu entlarven. nicht aber als Jude und Holocaust-Überlebender. was Dogmatiker in der Kirche skeptisch beobachteten. alone and waiting. die Einbürgerung auf Grundlage des Heimkehrgesetzes wegen seiner Konversion verwehrte. Bild nächste Seite: © Efimova. indem er die christlich-jüdische Urgemeinde von Jakobus dem Gerechten in Liturgie. wo er das Neue Testament las und zum katholischen Glauben übertrat. nachdem er Zeuge eines Telefonats über die geplante Gettoliquidierung wurde. Seither nannte er sich Bruder Daniel. hatte er sich mit seinen exzellenten Sprachkenntnissen erfolgreich als Deutsch­ pole ausgeben können und diente den Deutschen als Dolmetscher. Gegen Ende des Krieges arbeitete Rufeisen für die Sowjets. In Israel suchte Bruder Daniel bis zu seinem Tod den historischen Graben zwischen Juden und Christen zu überbrücken. nun ins Russische übertrug.Oswald Rufeisen. in den er inzwischen übergesiedelt war. warnte vor Deportationen und animierte. Er versorgte den jüdischen Untergrund mit Waffen. als der er sich fühlte. Später schlug er sich zu den Partisanen durch. Es hatte damals nur einen Mitbewerber um die Priesterweihe gegeben: einen Schauspieler namens Karol Wojtyla. die Menschen zur Flucht in die Wälder. Danach musste auch er fliehen und versteckte sich über Monate in einem Kloster der Karmeliternonnen. Unmittelbar nach dem Krieg wurde er in Krakau zum Priester geweiht. Water: 39 . um dort eine kleine Gemeinde bei Haifa zu führen. weil ihm der israelische Staat. Ende der fünfziger Jahre ging der Name des Karmelitermönches Daniel durch die Presse. die ihn der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten beschuldigten. Selbst polnischer Jude und zionistischer Aktivist. indem er ausgerechnet jene Dokumente. Ende der neunziger Jahre kam der» XING 23 TEXT: SUSANNE VEIT Bild diese Seite: © Ann Key. die er einst ins Deutsche übersetzt hatte.

In einem Gespräch mit dem polnischen Papst plädiert der streitbare Mönch für eine Abkehr der Kirche von Dogmen und Macht und für die Hinwendung zum Menschen. dem Kino. und war es rechtens. Krieg. und so mancher wird über das Aufgebot an wahrlich Dostojewskischen Exzentrikern mit dem Kopf schütteln. Der Zusammenbruch des sowjetischen Vertriebs und die geringe Kaufkraft der Peripherie haben dazu geführt. kommunistische Repressionen und Vertreibung als Opfer.000 Einwohnern nicht mehr ankommen. Am Ende bleibt Steins Lebensmaxime Utopie. Jahrzehnte nachdem sein Vater den Befehl zur Liquidierung des Gettos gab. Nicht jedem wird der menschelnde Ton des Buches zusagen. Die ihn umgebenden Mitglieder dieser zufälligen Familie aus Gottes. Sie nutzt regelmäßig acht bis neuen Informationsquellen. die keine Bücher kaufen von 30 auf 60 Prozent stieg. Das Spektrum der publizierten Titel ist zwar breiter geworden. nach seinem Tod zerfällt seine Gemeinde. Sie haben den Holocaust. die Zahl der Nichtleser (weder Bücher. die in diesen Seelen endlagern und die die Suche nach Gott und Versöhnung initiieren. den Juden gegenüber schuldig geworden. streben mit einer Ausnahme nicht nach Vergeltung. hinter dem manche einen Anschlag vermuteten. Der Informationsfluss erreicht nur die vergleichsweise schmale Schicht der Einwohner großer Städte. Vielmehr werden in einer geschickten Montage gut zweihundert fiktive Dokumente Dutzender erdachter wie historisch verbriefter Personen zu einem Mosaik zusammengesetzt. Selbst der Sohn des deutschen Gestapochefs von Mir taucht. zerbrochen am Fanatismus des Vaters und in psychiatrischer Behandlung.und Wahrheitssuchern. Das 40 durch Krieg und den politisch instrumentalisierten ethnischreligiösen Zwist geschundene Heilige Land. um ihre polnische Familie vor Deportation und Tod zu bewahren. Ihre Verfolgung. musste die Christenheit mit Schismen und Kriegen bezahlen. dessen Gravitationspunkt der Mönch bleibt. zusammengehalten durch die Erfahrung der Entmenschlichung. Ihn selbst quälten zeit seines Lebens nur zwei Fragen: Woran glaubte Jesus. der mit seiner Familie einem Terroranschlag zum Opfer fällt. Muslime tauchen in Ulitzkajas Israel nur als anonyme Bedrohung auf. Für Bruder Daniel ist die Kirche. Diese Gruppe hat auch Zugang zu anderen Informationsquellen. die Stein durch Israel führt. der Jahre in sowjetischen Lagern verbrachte. in einer Gruppe deutscher Pilger. In anderen Bereichen wie der Presse. wo sich ihre Wege kreuzen.000 . erscheint am Ende als geistiger Erbe Steins. ein russischer Einwanderer und militanter Siedler. die deutsche Pfarrgehilfin im Dienste der jüdisch-christlichen Idee bis hin zum christlichen Araber. das aber über seine charismatische Figur hinausweist. der noch den miesesten Schlächtern eine gewisse Absolution erteilt. zwei Drittel) und Sankt Petersburg produziert. Pro Jahr kommen etwa 110. auf. die regelmäßig Bücher kaufen. Der Anteil derer. Mönch bei einem Autounfall ums Leben. sondern es sind die Hinterlassenschaften eines brutalen Jahrhunderts. Die Zahl der regelmäßig Lesenden sank seit dem Ende der Sowjetunion von 29 auf 22 Prozent. Hauptrolle spielen die landesweiten Fernsehsender. h. einen russisch-orthodoxen Priester jüdischer Herkunft. sank von zwölf auf vier Prozent. was darauf schließen lässt. Die Nutzer sind zumeist jung (bis 35 Jahre). um Hunderte andere zu retten? Die Schicksale berühren nachhaltig. und einer der wenigen Gottes.Xing 23 RANDNOTIZ ZUM RUSSISCHEN BUCHMARKT: 75 . versinnbildlicht im Bild der zwischen zwei Kirchen hingeschlachteten Opfer von Emsk/Mir. angefangen von Stein selbst. leben in großen Städten. Sie alle sind Ausgestoßene. wird zum Terroristen. über die unbelehrbare jüdischpolnische Kommunistin im israelischen Altersheim und ihre in Amerika lebende. Daniels geistiger Gegenspieler.000 russischsprachige Neuerscheinungen auf den Markt.und Wahrheitssucher jüdischen Glaubens. Auf dem Land sind es nur zwei bis drei. dass es der 1943 im baschkirischen Exil geborenen Autorin nicht um eine Biographie des jüdischen Retters und christlichen Paria ging. zwei Menschenleben zu opfern. Es ist also nicht der moderne Selbstfindungsdiskurs.80 Prozent der Buchtitel werden in Moskau (ca. die moralische Konsequenz des christlichen Existentialismus irritiert. dass neue Bücher in den Städten mit weniger als 250. Bei Ulitzkaja heißt Oswald Rufeisen Daniel Stein und die Stadt Mir Emsk. von ländlichen Gebieten ganz zu schweigen. noch Zeitschriften) stieg zwischen 1990 und 2009 von 44 auf 54 Prozent. zweieinhalb Mal so viele wie zur Sowjetzeit. Doch die Auflagen haben sich halbiert oder betragen nur noch ein Drittel. die in ihrem mit Downsyndrom geborenen Sohn den Messias erkennen wollen. Beteiligte oder als Kinder von solchen erlebt. Wie immer man diesen Roman interpretiert – russischer könnte er nicht sein. in polnisch-katholischen Waisenhäusern aufgewachsene Tochter. Ausgerechnet sein Sohn. nicht nach Schuldsuche. d. XING 23 . wird dabei selbst zur Hiobsmetapher. darunter das eines Unschuldigen. wie dem russisch-jüdischen Ehepaar aus orthodoxem Priester und katholischer Nonne. Zu Wort kommt sogar die Ehefrau des weißrussischen Schlächters von Mir. stalinistische Lager. sondern nach Vergebung und Liebe. Regelmäßig (mindestens einmal pro Woche) nutzt etwa ein Drittel der Bevölkerung das Internet. die diesen heiratete. die Kirche auf dem Berg verwaist. studieren oder haben Hochschulabschluss. Radio und Internet ist die Lage ähnlich.120. während der Anteil derer. in erster Instanz die katholische.

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mit der sie anfangs im Gymnasium auf „der untersten Stufe“ der Hierarchie stehen. Was bei sparsamen Autoren. den Wissenschaften und mit den Jahren zudem einem religiösen Mystizismus zugeneigt. den raue Schulkameraden so schwer an den Fingern verletzen. Das grüne Zelt. klug. noch ehe sie begonnen hat. drei Freundinnen: Olga. muss er fliehen. der das Panorama der sowjetischen Gesellschaft von den Fünfziger. Figuren und Konstellationen Haus halten. seine Bestimmung. Carl Hanser. begabt dafür. und Micha. Fortwährend grübelt er darüber. von Karl-Markus Gauss In ihrem neuen Roman entwirft die russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja ein Panorama der sowjetischen Gesellschaft von den fünfziger Jahren bis an ihr Ende Ljudmila Ulitzkaja ist eine souveräne Kompositeurin zuweilen arg geschwätziger Romane. menschlicher Größe und Niedertracht . Drei Freunde.Ljudmila Ulitzkaja. unabhängig von klein auf. Ilja. und Galja. Denn „Das grüne Zelt“ ist ein kompositorisch kühner Roman. ein hochbegabter Musiker. die mit ihren Einfällen. sich umschwärmen. 594 S. SEPTEMBER 2012 KLAPPENTEXT: Ljudmila Ulitzkaja erzählt von drei Freunden. 01. die das Handeln der Menschen antreibt. für die sie schon bisher berüchtigt war. wird allerdings reich belohnt. Dieser Lehrer ist ein echtes Genie der Menschenkenntnis und Förderung verborgener Talente. Ljudmila Ulitzkaja ist eine Meisterin in der schönen Kunst der literarischen Verschwendung. Drei Freunde aus gemeinsamen Schulzeiten: Der lange. vier Bücher ausgereicht hätte. der Fotograf. Roman. führt sie freigebig in einem einzigen großen Roman zusammen. der die belanglosen Dinge und alltäglichen Begebenheiten in hymnischen Gedichten besingt. Micha ist Jude und schreibt seit seiner Jugend Gedichte. Sanja kümmert sich während Michas Haft um dessen Frau und kleine Tochter. Dennoch hält ihn nach Michas Tod nichts mehr in der Sowjetunion. der kleine Sanja. dass Abertausende Leser gespannt den mäandernden Wegen ihrer Familiengeschichten folgen. Wegen seiner Nähe zum Samisdat wird er denunziert und kommt ins Lager. dass die Erzählerin aus dem Imperfekt des Erzählens immer wieder ins Präsens des Erläuterns wechselt. Tamara. Roman Der Nager und seine Kinder. das einfache Gemüt.zu den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts entwirft und die Biografien Aberdutzender scharf gezeichneter Figuren miteinander verknüpft. nach und nach aber. eine Erzählerin mit langem Atem. der mit drei42 zehn Jahren Stalins Begräbnis fotografiert. Ljudmila Ulitzkaja: Das grüne Zelt. Liebe zu verraten. ist auch in ihrem neuen monumentalen Roman „Das grüne Zelt“ vorhanden. irregeleiteten Idealen. dürre Ilja. die aus lauter Trauer zahllose Mittrauernde zu Tode trampeln. insgeheim sogar bewunderten Heranwachsenden aufsteigen. zu allseits respektierten. allerdings geizt sie auch dieses Mal nicht mit Betrachtungen über Gott und die Welt. Wer darüber hinwegsieht. die jungen Menschen mittels einer pädagogischen „Strategie des Erwachens“ zu schöpferischen. treu den Freundinnen und treu ihrem Ehemann ergeXING 23 . vervielfältigt und verbreitet in seiner Freizeit verbotene Literatur. München 2012. hübsch. die in der Sowjetunion zu Dissidenten werden. die zur Langatmigkeit neigt und doch das Kunststück zuwege bringt. Die drei ungleichen Freunde eint ihre „vollkommene Unfähigkeit zu Prügeleien und Brutalität“. Schicksal und Genetik. sich selbst. harmonisch ihre Talente entfaltenden Persönlichkeiten zu formen. intelligent. Jeder der Freunde wird später in sich den Widerstreit von Fähigkeit und Interesse verspüren und damit auch die Versuchung. In ihrem großen Ge­sell­schaft­s­ panorama erzählt Ulitzkaja von Mut und Verrat. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. dank der Hilfe eines musischen Lehrers. dass er auch für den KGB tätig war. Alles. wie es gelingen könne. REZENSION: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Freunde. die schwarzen Menschenmassen. für drei. Als sich Jahre später herausstellt. verwöhnen zu lassen.und immer wieder von der Liebe. dass es mit seiner Laufbahn als Pianist schon vorbei ist. der jüdische Knabe. wofür diese Moskauer Autorin gelobt wurde.

von ihren Figuren stets neue Facetten zu enthüllen. wie sie über dieser Enttäuschung verbittert und an Krebs erkrankt. indem sie die Dinge. der sich als Dissident zur Zusammenarbeit mit dem KGB verpflichtet. als Spitzel des Geheimdienstes arbeitet und mit der Observation von Galjas Freundinnen und deren Männern beauftragt ist. ohne dass wir von ihrer Herkunft. einem Roman. vom Verrat Iljas. mutigen Menschen erzählt. was die Orientierung im Romangeschehen nicht eben erleichtert. als Kind. Was bei sparsamen Autoren. einer linientreuen Literaturfunktionärin. Formal ist das höchst kunstvoll gemacht. von denen sie gar nichts wissen. taucht Olga jedoch in anderen Zusammenhängen immer wieder auf. Wie es sich für einen richtigen russischen Roman gehört. Issai Semjonowitsch oder Wassili Innokentiewitsch vorgestellt. ein episches Kolossalgemälde Russlands zu bieten. hat mit einem formalen und einem inhaltlichen Aspekt ihrer Literatur zu tun. hier einen Onkel vors Hinrichtungskommando gestellt. einem liebeskranken General. Um diese Hauptfiguren ist eine Vielzahl von Nebenfiguren gruppiert. Das achte von 32 Kapiteln etwa skizziert das Leben Olgas von der Wiege bis zur Bahre: Wir erfahren von ihrer Mutter. Das alles wäre aber nichts. dem Schicksal der Großeltern. Auf den 400 Seiten. womit sie diesen bezahlen und wie sie zugrunde gehen werden. Mehr noch als die drei Freunde sind die drei Freundinnen ganz unterschiedlichen Charakters. Ljudmila Ulitzkaja ist eine Meisterin in der schönen Kunst der literarischen Verschwendung. eher zufälligen Ehe. melancholischen. Wie mit Olga hält Ljudmila Ulitzkaja es mit allen Gestalten: Wir wissen schon früh. führt sie freigebig in einem einzigen großen Roman zusammen. sind die Erinnerungen an vergangene Kindertage. leben unter der sie vergiftenden Angst. die beim Verhör Dinge gestehen sollen. was sie verbindet. ungelenke Mutter. ihrem Vater. XING 23 43 . die fast im Übermaß mit individuellen Attributen bedacht werden. Freundin. wir hören von ihrer ersten. Tamara hält es zeitweise wegen ihres jüdischen Lebensgefährten mit dem Zionismus. wie Angst und Trotz. ihren Krankheiten und Leidenschaften. Dabei gelingen ihr die nur am Rande ins Geschehen verstricken Gestalten fast besser als die drei Freunde und die drei Freundinnen. Im Geflecht der Familien und im Netz der Freundschaften zeigt sie. eines Tages selbst zu den Opfern zu zählen. erst spät und nur dank der medizinischen Hilfe der Endokrinologin Tamara in Erfüllung gehen wird. und unverdrossen hält zu ihnen die unterschätzte Galja. von denen kaum eine auftritt. die im Stalinismus Schullektüre waren. mit dem „Nager“ ein Kind zu zeugen. nachdem sie vom Tod Iljas in München erfahren hat. dort eine Tochter ins Lager gebracht. die Namen von Repräsentanten der Ära Chrustschows und die von Dissidenten der bleiernen Jahre unter Breschnew. dem Werdegang ihrer Eltern. seine Frau verlässt und emigriert. von der großen Liebe zu Ilja. In ihrer Neigung zum Enzyklopädischen zählt sie seitenlang die Namen von Autoren auf. wir sehen Olga. eingespielte Rollenverhältnisse und eine gewisse Sicherheit. In jeder Familie hat der Stalinismus Lücken geschlagen. Figuren und Konstellationen Haus halten. deren Lebenswunsch. aber die Romanstruktur ermöglicht es der Autorin. von ihrer Arbeit für den Samisdat. ihren Liebesverhältnissen und den Umständen ihres Todes unterrichtet werden. ihrem eigen Lebensweg. was man später als eine Epoche des Terrors erkennen wird. und sie weiß die Atmosphäre in den winzigen Wohnungen mit den Gemeinschaftsküchen heraufzubeschwören. so originell strukturiert sie die immense Stoffmenge. vier Bücher ausgereicht hätte. Die Chronologie ist aufgehoben. gescheiterten. die zwischen Bewährung und Versagen ihren eigenen Weg durch vier bittere Jahrzehnte Russlands finden mussten. Olga wird an der Seite ihres Mannes Ilja zur Dissidentin. der nur leider als „Nager“. die daraus ersteht. wann sie Verrat üben. wie die große Geschichte aus lauter kleinen Geschichten gemacht wird. wenn sie nicht die Fähigkeit besäße.ben. die Gerätschaften des Alltags litaneienhaft benennt. auf deren Begräbnis uns die Autorin schon früh mitgenommen hat. der randvoll ist mit traurigen Geschichten und übermütigen Anekdoten und der von kauzigen. sehen wir an späterer Stelle im Buch als begeisterte Besucher einer Opernaufführung oder als ratlose Häftlinge. Dass es Ulitzkaja gelingt. eine sensationelle Form der Selbstheilung erlebt und endlich doch mit kaum vierzig Jahren stirbt. die zu Schergen wurden. vollzieht dann aber ihre Wendung zum orthodoxen Christentum. Zu diesem inhaltlichen Aspekt kommt ein formaler: So altbacken die Sprache Ljudmila Ulitzkajas ist – über den pubertierenden Micha heißt es: „auch in ihm vollzog sich die Mannwerdung“ –. Verrat und Widerstand tausendfach ineinander wirken und am Ende das ausmachen. und es wirkt an keiner Stelle erkünstelt. Menschen. Dissidentin. für drei. und selbst jene. jede einzelne ihrer aberdutzend Figuren mit unverwechselbaren Eigenheiten auszustatten. werden sie mit für uns nicht leicht zu unterscheidenden Namen wie Naum Ignatiewitsch. Ljudmila Ulitzkaja geht aufs Ganze. wie die verständliche Schwäche des einen unheilvolle Auswirkungen auf das Leben des nächsten haben kann. die verbotene Manuskripte abtippt und in Samisdat-Ausgaben verbreitet. die mit ihren Einfällen. enttäuschte Liebhaberin. die folgen.

Larissa Remennick: Russian Jews on Three Continents. politischen und kulturellen Zuschreibungen. siehe Zeugnisse und Analysen der jüdischen Dissidenten Aleksandr Voronel’: Trepet iudejskich zabot. S. die Zeit der jüdischen Oppositionsbewegung. Diessenhofen 1980. das Aussehen. Die Emigrationsbewegung der Juden und Deutschen vor 1987. falls nicht anders angegeben. London 2007.: I vmeste i vroz’. Kerstin Armborst: Ablösung von der Sowjetunion. die die jüdischen Protestbewegungen und Emigrationsbestrebungen in der späten Sowjetunion bedingten und mitgestalteten. gewannen jüdische Außenbilder eine besondere Wirkungskraft und Prägnanz. die Bildung. 2 Rita Genzeleva: Puti evrejskogo samosoznanija. Gerade weil das assimilierte Judentum der späten Sowjetunion der nationalen russischen Mehrheit keine eigenen essentiellen Werte entgegensetzen konnte. 9. die ihnen massiv von außen aufgezwungen wurde: „Die sowjetische Geschichte hat einen Beweis dafür geliefert. Identity. S. sozialen und politischen Faktoren. Trepet iudejskich zabot [Fn. Novgorod‘s Kremlin brick-wall. and Conflict. dass das Jüdisch-Sein sich in den folgenden Jahrzehnten auf eine Reihe von formalen. 44 Daniela Bland-Spitz: Die Lage der Juden und die jüdische Opposition in der Sowjetunion 1967 – 1977. Verhalten oder Humor beschränkte. Petersburg. sowie umfangreiche Studien von Daniela Bland-Spitz (vgl. von der Verfasserin. Bild Seite rechts: © Witek Burkiewicz. 3 Voronel’. die zum Teil weit in die russische (sowjetische) Vergangenheit zurück reichen. Kto porval ž eleznyj zanaves? Tel-Aviv 1981. Authentische ethnische Merkmale sowjetischer Juden (primordial ethnicity) wurden zunehmend von sozial-kulturellen (instrumental ethnicity) verdrängt und schließlich komplett ersetzt. St. den Beruf. in: ders. die auch das jüdische Selbstverständnis bis in die 1970 – 1980er Jahre. Diese Faktoren lassen sich im Wesentlichen auf das Paradoxon reduzieren: Die hohe Assimiliertheit und eine intensive Partizipation sowjetischer Juden an der russischen Mehrheitskultur gingen einher mit ihrer Alterität und Fremdheit. Die Russifizierung und Sowjetisierung der Juden nach der Oktoberrevolution 1917 hatten zur Folge. Moskva. Minsk 2003. 1]. Diese Literatur war ein Gegenentwurf zur offiziellen.Xing 23 In den 1970er Jahren entstand in der Sowjetunion eine jüdische Dissidentenkultur. New Brunswick. 1 Die Poetik des Widerstands und die Wiederentdeckung des Judentums in der späten Sowjetzeit Die Geburt der jüdischen Kontrakultur in der Sowjetunion in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre und ihre Eigenart gehen auf ein Bündel von politisch-kulturellen Gegebenheiten zurück. jedoch als fremd oder anders empfundene Alltagsgewohnheiten. Bild nächste Seite: © Andrei Verner. beeinflussten. Vladimir Lazaris: Dissidenty i evrei. S. 167. auf weltanschauliche und ethnische Homogenisierung ausgerichteten sowjetischen Kultur.2 Der scheinbar im Widerspruch dazu stehende und offiziell nicht existente staatliche Antisemitismus reichte von Massenverhaftungen und Folter unter Stalin Ende der 1940er und Anfang der » XING 23 . der in der Zeitschrift Osteuropa. soziokulturellen und anthropologischen Merkmalen wie die Angabe der Nationalität im Pass. Hamburg 2001. zuweilen schwer fassbare. 7/2011 erschienen ist. – Übersetzungen stammen. die in dieser einmaligen politisch-kulturellen Periode entstand. Ierusalim 1999. dass die Assimilation den Antisemitismus nicht eliminieren kann. umfasst sowohl die illegal veröffentlichten Texte des jüdischen Samizdat als auch Werke der bereits nach Israel emigrierten Schriftsteller. Sie war eng mit dem „Aufwachen“ des jüdischen historischen und kulturellen Gedächtnisses verknüpft. 188. Wesentliches Element der Poetik der nonkonformen jüdischen Literatur ist die Allianz zwischen dem Widerstand und der neuen „Jüdischkeit“ der meist stark assimilierten sowjetischen Juden.“ 1 Sowohl historische Fakten als auch die in der sowjetischen Gesellschaft tief verankerten Vorstellungen und Mythen über die „Juden“ führten zur Entstehung jener marginalisierenden charakterologischen. Münster. Die Literatur des sowjetischjüdischen „Gegenkanons“. Integration. oben). Nonkonforme jüdische Literatur TEXT: KLAVDIA SMOLA Dieser Text ist ein Auszug aus dem Artikel. – Zu historischen.

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1950er Jahre bis zu den Einschränkungen im Bildungsbereich und im Beruf in der späteren Sowjetzeit. Uneigennützigkeit und des russischen Heldengeistes. Die zweite Hälfte der 1960er Jahre markiert den Beginn eines neuen Selbstbewusstseins der Juden in der Sowjetunion. würden wir nicht so gut [. von denen die Erfahrung einer relativen geistigen Freiheit in der Periode des „Tauwetters“ nicht von geringer Bedeutung war. lieferten die Grundlage für eine alternative Auffassung der Geschichte und der Gegenwart. die u. Dies führte zu einer überdurchschnittlich hohen Repräsentanz der Juden in den „intellektuellen“ Berufen und lieferte zugleich ein zusätzliches Motiv für die Abneigung gegen Juden als welt. und zeigten Differenzen auf. Das Ende dieser kulturellen und politischen Auflockerung fiel mit der Entstehung der Kontrakultur des Undergrounds zusammen.6 Der Sieg Israels im Jahre 1967 rief eine Welle von Enthusiasmus unter den sowjetischen Juden hervor und gab Anstoß für die Entfaltung einer breiten kulturellen und politischen Untergrundbewegung wie für die ersten Bemühungen um die Emigration nach Israel. Neigung zum Querdenken und zum Protest. Das mal mehr und mal weniger explizite Feindbild vom Juden in der sowjetischen Gesellschaft verdankte seine Wirksamkeit dem positiven Gegenbild der „authentischen und echten“ Stammbevölkerung: Dem Mythos der russischen Offenheit.und Talmudstudien zurückgreifenden Wertschätzung der Juden für Bildung. 5 Das mal mehr und mal weniger explizite Feindbild vom Juden in der sowjetischen Gesellschaft verdankte seine Wirksamkeit dem positiven Gegenbild der „authentischen und echten“ Stammbevölkerung: Dem Mythos der russischen Offenheit. förderten gleichzeitig die Herausbildung solcher persönlichen Eigenschaften und Attitüden der Juden wie Unsicherheit. da sie besondere Ziele verfolgte und in der Dissidentenwelt eine eigene nationale Nische suchte. Schuld. Kunst. Der von Elie Wiesel geprägte Begriff „Juden des Schweigens“ verwandelte sich in ein Klischee. uns mehr Toleranz entgegenbringen würden. wie alle zu leben“ 4. in den Texten der Dorfprosa zur Geltung kamen. Die halboffene Auseinandersetzung mit der totalitären sowjetischen Vergangenheit und die partielle Abkehr vom Kanon des sozialistischen Realismus. auf jahrhundertelange Thora. Der intellektuelle Charakter der jüdischen Opposition hat schließlich mit der ethnisch tradierten. Wissenschaft und schriftliche 46 Kultur. Ehrlichkeit.und Schamgefühle sowie ein geringes Selbstbewusstsein.7 Die Ursache für die Entstehung der jüdischen nationalen (Protest)Bewegung lag jedoch vielmehr in der Summe historischer Faktoren. Zwei historische Vorgänge hat man als Basis für die Bildung solcher Vorstellungen hauptsächlich herangezogen: die aktive Beteiligung russischer Juden an der Oktoberrevolution und ihre im Laufe der Geschichte mehr oder minder aktiven zionistischen Bestrebungen. Ehrlichkeit. a. die ihnen die Gleichberechtigung und die Möglichkeit versprach. Die jüdische Kontrakultur war ein bedeutender Teil der allgemeinen spätsowjetischen Protestbewegung und dennoch eigenständig.Ljudmila Ulitzkaja. geistige und mentale Mobilität.und volksfremde „Brillenintelligenzler“. Introvertiertheit. die speziell als Juden Opfer der staatlichen Verfolgungen wurden und zudem die Hetzkampagnen und Hinrichtungen XING 23 . Eine bitter-ironische Formulierung des jüdischen Aktivisten und Dissidenten Aleksandr Voronel’ verdeutlicht diese Lage: „[E]s entsteht der Eindruck. dass wir keinen Besitzanspruch gegenüber der russischen Kultur und den nationalen Heiligtümern haben. . Uneigennützigkeit und des Heldengeistes. In diesem Fall hätten sie das Gefühl. galten sie als subversive politische Kraft: Mit ihnen verband man Nonkonformismus. Traurigkeit und Schwermut. Nicht zuletzt deshalb bedeutete der Sieg der Israelis im Sechstagekrieg 1967 eine Wende im kollektiven Bewusstsein der Sowjetbürger: Die gängige Vorstellung von einem schwachen und feigen Juden wurde zumindest teilweise konterkariert.8 In die Kultur des sowjetischen Nonkonformismus brachte sie eine zusätzliche Komponente des Jüdischen als ethnisch und kulturell Anderen und oft auch Stigmatisierten. Antisemitische Vorurteile in der Bevölkerung. oft bekräftigt durch die Staatspropaganda. . sondern auch das Alltagsverhalten sowjetischer Juden reflektierte. ihre Affinität zur – nun säkularen – Gelehrsamkeit zu tun. Das politische Aufbegehren der regimekritischen Intellektuellen. das nicht allein die politische Passivität.] Russisch sprechen und zum Beispiel lange Schläfenlocken tragen. Arno Lustiger bezeichnet diese Epoche sogar als Kulturrevolution.“ 3 Da die Juden sich infolge antisemitischer Stimmungen und Aktionen im Zarenreich und erneut in der Sowjetunion „jeder Oppositionsbewegung [anschlossen]. die unter Chruščëv ermöglicht wurden. im Alltag Vorliebe für unbequeme Diskussionen. dass Russen.

und Untergrundbewegung erlebte. kann man von einem gemeinsamen „Erinnerungsprojekt“ sprechen. Nakhimovsky verweist jedoch darauf. München 2007. 2/1994. S.11 Wenn man die Ansätze der kulturellen Gedächtnisforschung aufgreift. Geschichte und des Hebräischen Aleida Assmann: Geschichte im Gedächtnis.): „Zerstörer des Schweigens“. S. einen Teil der einschlägigen Beiträge in Fn. 6 Zvi Gitelman: A Century of Ambivalence. 11 Alice S. ist bei so unterschiedlichen Autoren wie ofraim Sevela. Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden. David Šraer-Petrov. S. Bücher von Vladimir Ž abotinskij und Šimon Dubnov verbreitet. d. S. oft untrennbar vom Antisemitismus. Izrail’ Metter. in: Frank Grüner. Jakov Cigel’man. die vom Pathos der kulturellen Selbsterhaltung und vom Drang nach Rekonstruktion genährt wurde. 1881 to the Present. Feliks Roziner. 91. hier S. XING 23 4 Lazaris. dass der Sieg Israels im Sechstagekrieg eine aggressive antizionistische und faktisch antisemitische Propaganda in der sowjetischen Presse auslöste.9 Die Tatsache. S. also intellektuellen Bereichen zu arbeiten: Dafür sorgte ein allgemein gültiger. 33. Wien 2006. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen. Grossman. erhielt eine zusätzliche Motivation und Legitimierung. Markish. 1). Julija Šmukler. 8 Frank Grüner: Die Tragödie von Babij Jar im Gedächtnis.12 Die daraus resultierende besondere Historizität. Dissidenty i evrei [Fn. kollektive Briefe und die Abrechnung der Sowjetmacht mit den jüdischen Dissidenten – sind bereits Gegenstand eines großen Korpus der Forschungs. 311. Künstlerische Erinnerung sowjetischen versus offizielles Schweigen. sodass dieses vor allem als soziales und politisches Phänomen. 47 . Berlin 1998. 35–56. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. London 1992. 9 Ein weiteres Paradox bestand darin.Der Protest gegen die totalitäre Macht und deren Restriktionen wurde zum wichtigen Inhalt des Judentums. Dies wurde dadurch verstärkt. Köln. Fridrich Gorenštejn. in: East European Jewish Affairs. oft untrennbar vom Antisemitismus. 40. sodass dieses vor allem als soziales und politisches Phänomen. 5 sowie zahlreiche Petitionen. illegale Studien der jüdischen Kultur. die breite Öffentlichkeit zu erreichen – „das Monopol des Regimes auf Deutung der Vergangenheit“. der Kampf um die Emigration und die damit verknüpfte Bewegung der otkazniki. Urs Heftrich und Heinz-Dietrich Löwe (Hg. h. Efrem Bauch. Jurij Karabčievskij. aufgefasst wurde. New York 1988. Russian-Jewish Literature and Identity: Jabotinsky. in ihren „typischen“. 7 Siehe dazu Zvi Gitelman: The Reconstruction of Community and Jewish Identity in Russia. The Jews of Russia and the Soviet Union. Zvi Gitelman sprach von der „Bedrohung eines zweiten Holocaust“. jüdischer Samund Tamizdat. S. 10 Arno Lustiger: Rotbuch: Stalin und die Juden. aufgefasst wurde. insbesondere S. 12 Die Schlüsseltopoi der spätsowjetischen jüdischen Protestkultur – der neue Zionismus. dass die russisch-jüdische Kultur und Literatur ihre Renaissance im Zuge einer Widerstands. 57–96. 55. hat sie entscheidend geprägt: Der Protest gegen die totalitäre Macht und deren Restriktionen wurde zum wichtigen Inhalt des Judentums. 1]. Weimar. oli Ljuksemburg.und Erinnerungsliteratur (s.und Vernichtungspolitik in Osteuropa. Galich. jedoch inoffizieller Numerus clausus für alle als Juden identifizierten Sowjetbürger an den Hochschulen. Roziner. der 1940 – 1950er Jahre noch frisch im kollektiven Gedächtnis bewahrten. da ohne Chance. dass sowjetische Juden systematisch daran gehindert wurden. 270. Baltimore. für die Wiederentdeckung der jüdischen Historie: Die in der Sowjetzeit – im jüdischen Samizdat oder in der Emigration – entstandenen Texte brachen – wenn auch nur partiell. Semën Lipkin oder Grigorij Svirskij zu beobachten. S. 34 – 35. dass die jüdische Samizdat-Tätigkeit insbesondere in den Baltischen Republiken schon Ende der 1950er Jahre (1957 in Riga) entstanden ist. Babel. Die vom Staat aufgedrängte negative jüdische Identität und das Bewusstsein für ein gemeinsames tragisches Schicksal10 gaben vielen Menschen zugleich den entscheidenden Impuls für die Reflexion des eigenen nationalen Ursprungs. a. dort wurden u.

Hat die Opposition denn eine richtige ist ohne Angst aufgewachsen. Ärzten. Juli 2012 erstmals erschienen. Mein Protest ist nicht ideologisch. Organisationen müssen sich als der Sowjetmensch. was derzeit vor sich geht. sie das Recht durchsetzen. son. Man kann heute nicht über Verlierer sprechen und auch nicht über nieren gehen. wie die Menschen in alten Häusern leben. welche Probleme es gibt mit dem Wohngeld. Künstlern. Die Regierung weiß sehr ler zu machen und dafür mit der Karrigenau. Es gibt so viele Menschen. Hat die Opposition verloren. Viele Autoren sind sehr regimetreu. Antwort auf die Probleme? Die Führung verhält sich gerade sehr Sie ist noch sehr jung. dass der Chef des Staates ein Mensch ist. die Waisen. Daraus entspringt mein XING 23 . im Dezember war die Moti.er friedlich und unblutig sein wird. Der Staat sollte nicht in den Händen derer sein. Die Lebensumstände des Volkes sind schrecklich. Sonst ere und dem Gehalt zu bezahlen. vor allem gegen junge Menschen. Vielleicht dauert der Prozess Jugendverband. dass es auch Protest beendet ist. Aber ich glaube nicht. einen Fehnoch zehn Jahre. dass der die Menschen sehr genau. Deshalb setze ich meine Hoffnung auch auf sie. Mein Protest ist nicht ideologisch. vorbei. die Rentner. lebt noch. Ich weiß. Und wir hoffen. Werden Schriftsteller wie Sie und Boris Akunin wieder zur Avantgarde der Regimekritiker? Wir führen die Opposition nicht an. erzogen wurde. wie stark die Opposition ist. Die Wechselbeziehung zwischen Staat und Gesellschaft hat heute einen starken FSB-Akzent.Volk musste siebzig Jahre lang mit dieser Angst leben. von unauffälligen Menschen. Damals hatte der Ämter. Das gäbe es nicht diese repressiven Massnah. Und gibt reichlich Anlässe.der Trägheit zurück fallen. Aber es sind weniger Opposition sammelt ihre Kräfte. Die Das Demonstrationsgesetz wurde ver. Unsere Staatsmacht noch viel schlechter werden kann. der heute FSB heisst. In Russland hat es die Bürgergesellschaft so bisher hart gegenüber den Oppositionellen.Sowjetmacht gibt es nicht mehr. Diese Angst. Aber auch die Jahr auf die Strasse. Genau mand kann das garantieren.die Angst davor friert zu einem gewissition nicht stirbt. Es stimmt. Ihre Bücher handeln vom Alltag in Russ. damit die Oppo. Erst die neue Generation men. wo man sich Putin sich durchsetzt? nach den ideologischen Forderungen richten musste: Du musst zu den PioNein. geworden. INTERVIEW: FRANK NIENHUYSEN Dieser Text ist im Tages-Aanzeiger am 17.Xing 23 Die russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja wird auch im deutschen Sprachraum viel gelesen. Sie gehört zur Protestbewegung gegen Präsident Putin. in den Kommunistischen Gewinner. oder geht es um ist nicht das Ende der Geschichte. Ein Gespräch mit der politischen Aktivistin Ljudmila Ulitzkaja.könnte die Gesellschaft in einen Zustand vation grösser. der in den Reihen des Geheimdienstes KGB. doch schärft. Nieland. Viele FSB-Leute sitzen auf den Kommandohöhen des Staates. die der Staat neuerdings härter bekämpft. da gibt es eben auch einen gewissen Prozentsatz von Schriftstellern. dass Staates. 48 Zweitens darf man nicht vergessen. dem sich Tausende von Menschen anschlossen.Bestrafung? Erstens gibt es diese Tradition des dern ihr Anfang. der Russland so tausch zwischen Putin und Medwedjew lange geprägt hat. ich finde sie nicht interessant. mit dem Gesetz zu strafen. auf alle einen schrecklichen Eindruck Aus der russischen Geschichte wissen gemacht. so wie er siebzig «ausländische Agenten» registrieren lassen. das wir beobachten. einem leisen Protest. wenn Es fing ja in der Schule an. Sie haben bei einem sogenannten Stadtspaziergang mitgemacht. Warum nehmen Sie am Protest teil? Ich liebe die Politik nicht. Diedie Toleranz gegenüber Oppositionellen ist se Angst sitzt tief im Unterbewusstsein. Aber der Staat ist nun mal verantwortlich für das kolossale soziale Unglück. sen Grad die sozialen Proteste ein. nein. denn die solche Menschen gehen seit einem halben Macht reagiert gereizt. Will nicht gegeben. die in die KGBLehre gingen und sehr aggressiv sind. Bilder rechte Seite © Getty Images. Jahre lang geformt war. Das prägt den Stil. Haben die Russen resigniert? Wenn es keine sichtbaren Erfolge gibt. die unzufrieden sind.

Einige Menschen behandeln dieses Land wie eine Frucht. die sich um die Dinge kümmert wie ein Hausherr um seine Wohnung. von Monat zu Monat. was in der Welt vor sich geht. In Italien bin ich meistens in Ligurien. Während also der Städter arbeitet und an die Politik denkt. von Tag zu Tag. dass der Staat sich schlecht gegenüber dem Volk verhält. indem er gerade so überlebt. Seine Ausdehnung ist ein Problem. Den heutigen Staat interessiert nicht die Ideologie. die sozialen Netzwerke. uns anzugreifen. Heute haben die Menschen eine Wahl. ob du in einem eisernen Käfig sitzt oder ob du weisst. Das ist in der modernen Welt doch eigentlich selten. Und das ist eine wichtige Aufgabe der Regierung. Sie wollen diesen Reichtum für sich allein. Wenn wir lernen. dann kann man gut leben. das Land ist groß. Verändert sich dort Ihr Blick auf Russland? Wenn ich im Ausland bin. in der man heimlich Radio Liberty. sie verlangsamt den Prozess. Ist Russland. Das gefällt mir. aber man sollte wenigstens danach streben. BBC und deutschen Sendern gelauscht hat. Die Staatsmacht ist nicht mehr ideologisch. Es macht einen kolossalen Unterschied. Ich kenne die Bürgermeisterin eines kleinen Städtchens. hinauszugehen und zu zeigen. kommt der Russe in der Provinz kaum dazu. dass wir uns zu unserem Land so verhalten wie zu unserem eigenen Haus. Und das war strafbar. um den Zustand der Straßen. in einer traditionell kommunistischen Region. aber so weit mir bekannt ist. Inwiefern? In der Sowjetzeit gab es nur eine zulässige Art zu denken.Wunsch. man lebt materiell deutlich schlechter. damit sie im Winter was zu essen haben. das von Kaliningrad bis Wladiwostok reicht. der Geschäfte. Soziale Gerechtigkeit gibt es nirgendwo auf der Welt. das Land ist träge. das sich seiner Ressourcen rühmt. Und tatsächlich ist das Leben auf einem Dorf in Komi sehr viel schwerer als hier. hat derzeit niemand vor. Verarmt ist ein reiches Land. Heute unterscheidet sich der Informationsfluss in Russland nicht mehr von dem im Westen: Es gibt das Internet. was uns im eigenen Land fehlt. und das ist ungerecht. Die Verarmung ist aber ein gesamtrussisches Problem. Sie sorgt sich um die Sauberkeit in der Stadt. Dort gibt es eine hohe Arbeitslosigkeit. Sie sind häufig in Italien. Dieses Problem hatten die Herrscher zur Sowjetzeit nicht. Das übergibt dem Menschen ein Stück Verantwortung. Die wichtigste ist für gewöhnlich der Schutz des Landes vor Feinden. erkenne ich. aus der der Saft herausgepresst und ausgetrunken wird. Hat sich das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft seit den Sowjetzeiten überhaupt verändert? Alle Parameter haben sich verändert. weil es zuerst ums Überleben geht? Ein großer Teil der Provinz lebt. vielleicht einfach zu groß für eine organisierte Opposition. Ich bin in Russland in einer Zeit aufgewachsen. und hat der Bauer in Komi nicht ganz andere Interessen als der IT-Fachmann in Moskau? Ja. sondern die Macht an sich. In der Provinz pflanzen die Menschen Kartoffeln und Rüben an. XING 23 49 . um die dörfliche Struktur.

TEXT: NINA KHRUSHCHEVA . why russia still loves stalin. capitalism into corruption. But my once-powerful opinion polls revealing his shocking Russia is developing “its own brand of democracy. The dreaded Joseph Stalin seemed merely a name from a distant past. Like Stalin.” support about the secret speech. Khrushchev had been “retired” It’s not surprising. his jailing of “dishonest” oligarchs and mean much to me until I was in high the rulers who provided a sense of order. The a fear for one’s life. we found “unmasking of Western spies. “democrat. Russia’s freedoms that the former communist it wasn’t as existentially threatening president pretends that by selectively countries enjoy today have flowed from as the fear of freedom. We cheer his history still existed. though it didn’t ourselves wanting our old rulers back. When I was growing up in the Soviet Union of the 1970s. we have come to admire his firm hand: estate outside Moscow. KGB-ism and market-ism. was everywhere. I was told that I should be proud to be a Khrushchev. he crime. shining More than 50 years to the day from This is why the country rallies behind future of communism. My the man he exposed as a brutal dictator that Stalin was. After the anarchy needs mass purges like Stalin’s to protect by Brezhnev. He brooded introduced with his speech of Feb. my great-grandfather President Vladimir Putin. we agree with Russians didn’t like their new. the speech had launched the period for monumental – if oppressive – leaders. While it hadn’t gone far enough inspired patriotic fervor and the belief rather than a government of transparent in demystifying the totalitarian system. a period when makes us his eager backers. for all seasons and all fears.Ljudmila Ulitzkaja. poverty. when millions of like Ivan the Terrible or Stalin.” Translation: His modern great-grandfather officially didn’t exist. Putin often notes that of the KGB. posters. At home. “free” his “democratic” appointment of leaders At home. promising the bright. and opened the door to a more were our victories and parades! So what communism. “Putinism. My parents told me of self-esteem outside the state. Nikita Khrushchev. that we were a great nation.” an all-inclusive hybrid known as the thaw. Back in 1956. and more like a Russian friends boasted of grandfathers who who terrorized and oppressed the nation. it was President Leonid Brezhnev that I loathed. A man flow of foreign visitors and goods. if democracy turned into disarray and over me and my classmates from school 1956. of individual adopting and adapting some elements 50 XING 23 . they killed and imprisoned. with democratization. the perceived ills of post-communist. but how great that embraces elements of Stalinism. selves. frank exchange of ideas and to a limited if Stalin ruled by fear? That was simply is our new national ideology. it turned out that the horrors of Chechnya. My school on Kutuzovsky has become a scapegoat for many of promotes himself as a new Russian Prospect was a haven for the party elite. And Stalin. Yes. everyman – a sign of at least partial were ambassador to England or head is enjoying a virtual rehabilitation. Putin own family. Russians view him where Politburo members – including “democratic” Russian society. less like the godlike “father of all nations” the Brezhnevs – sent their children. Having for centuries had no sense for that ill-fated land. Soviet citizens were released from the gulag. And he had made his ominous presence felt in my that speech.. popularity. We yearned laws. How readily “voluntarism” and exiled to a country democracy came to represent confusion. with his sinister the cracks in the system that Khrushchev choice. especially among the young..But Brezhnev.. removed as Soviet leader that followed the collapse of the itself from the people. Dislike of freedom for the mysterious.. with no one but oneself to blame eyebrows.” Indeed. 25. anger and Rather than holding him responsible for had been written out of the past. autocracy has discovered that it no longer In 1964. his promotion of a “dictatorship of order” school. However terrifying.. oligarchy. in the famous “secret speech” at the 20th Congress of the Soviet Communist Party and deleted from history . disappointment. he had been outed as a monster by my great-grandfather. undefined crime of Soviet Union in 1991.

never had allegedly persecuted for betraying to fully repent of its sins. In a state of moral. with information once again manipulated by the authorities – suggests that his proposed “unity” is yet another effort to rewrite the past.” because this “murder of Stalin was also the murder of his people. Russians were in such a hurry to get rid of the negative burdens of the Soviet regime And so the secret speech is no longer that they got rid of everything positive. in which Khrushchev. But his closed and secretive system of governing  – the “vertical power” so familiar from the pre-secret speech era. And because he refuted him. they yearned to feel better about themselves and their land. the complexities of life in a fragmented modern society that can boast of no momentous achievements  – no more superpower status. order to secure justice for Stalinism’s they were told that the nearly centuryvictims and liberate communist long Soviet period had been completely ideals from the gulag’s grotesque useless. the speech industrialization. propaganda. victory in World ignoble: Khrushchev’s effort to avenge War II. In her book. despite people’s expectations. his oldest son. is dismissed as something far more near-universal literacy. Khrushchev’s critics consider the collapse of the Soviet Union to be as much his fault as Mikhail Gorbachev’s or Yeltsin’s. lifelong beliefs. Russians experienced It’s a cycle that will keep on repeating Until recently. brought Russia oppression. but also In the Russian media today. Khrushchev became the architect of Russia’s ills. the Khrushchevs – father and son – have become favorite scapegoats for Russia’s problems.” journalist Yelena Prudnikova writes of Khrushchev’s posthumous denunciation of Stalin as if it were a murder: “If it weren’t for [Khrushchev’s] execution [of Stalin] we wouldn’t have come to such a sorry state. seen as a courageous act of political too. in Khrushchev’s denunciation of Stalin). In a sweeping negation (much like conscience. science and space developments. material and physical despair. confronts its past. mustachioed smile. of nostalgia to take hold. has rotted to the ground.” My great-grandfather tried to begin the process of freeing Russia from Stalin’s bloody past. Since then we have lived increasingly useless and dirtier lives. The fall of the communist system didn’t exactly seamlessly usher in democracy. with his wise. called for reform of the the communist era – which had indeed despotic system he had helped to build. but the nation has never fully dealt with the crimes of Stalinism. is common in socialist ideals by serving the Nazis Russian history. been surfacing since the Brezhnev era. creating a viable system of power that will last. the KGB of the Soviets. no new Sputniks – have made Russians nostalgic These rumors about Leonid have Deprived of national pride and their for the “strong state” they once inhabited. and it allows for a film during World War II.from his predecessors’ rule – the Russian Orthodox Church of the czars. “Stalin: The Second Murder. Leonid. The country. Instead. XING 23 51 . filled the void. whom Stalin This tendency to dismiss the past. The image of Stalin. as the country looks for an easy answer to its feelings of insecurity. But today. educational growth. The 1990s refused to recognize inhumanity. the public had by and the demise of the Soviet era as the end of itself until Russia finally and fully large dismissed them as “planted” KGB empire and a sense of national identity. the market economy of the Boris Yeltsin era – he is eliminating the extremes of the past. deprived of high ideals in just a few decades.

COM XING . 2012 Schwerpunkt: Ljudmila Ulitzkaja: „Ich kann Politik überhaupt nicht leiden. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz.gratzer Druck: DBL. auch die Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs.curbs.und Wissenschaftskommunikation Herausgeber: Bernhard Seyringer.at Bank Austria Creditanstalt : BLZ 12000 KtoNr 50109836701 Verlag & Redaktionsadresse: xing@curbs. XING Marienstr. Büro zur Förderung von Kultur. vorbehalten.SCOTT BREIER / TOONPOOL.“ Einzelheft: 15 Euro + Versandkosten Verkauf in ausgewählten Buchhandlungen und öffentlichen Institutionen. Das Copyright sowie die Verantwortung für die publizierten Inhalte liegen ausschließlich bei den jeweiligen AutorInnen. Details unter xing. Manuel Schilcher Redaktionsleitung der Ausgabe: Simone Griesmayr Layout: Manuel Schilcher Fotoredkation: r. Kulturamt der Stadt Linz . Dank an Fr. 4020 Linz ISSN 2075-2539 Alle Rechte. Breuer unterstützt von: Institut für Kulturförderung des Landes OÖ.Ein Kulturmagazin Heft 23. 10a. aber die Situation zwingt mich dazu politisch zu sein. Bad Leonfelden. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber wider.at. Jahrgang 08.

raiffeisen.at . 9.Kartenverkauf ab 19. 2012 in den Raiffeisenbanken in NÖ und Wien • www.