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Nu, kennen Sie NU?

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EDITORIAL

XING Kulturmagazin geht selten literarische Wege. Doch wenn, dann richtig: war es im Jahr 2007 niemand Geringerer als Amos Oz, dessen literarisches Werk wir darstellen durften, so ist XING Nr. 23, wieder den „Literaturen im Nebel“ verpflichtet, dieses Jahr mit dem Fokus auf die Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja. Anstatt einer genauen biographischen Darstellung erlauben wir uns, dies anhand ihres Briefwechsels mit Michail Chodorkovskij zu tun, in dem sie viel über Weltanschauung, persönlicher Geschichte und Entwicklung preisgibt. Die Journalistin Susanne Scholl beschreibt mit ihrem Beitrag „Die Menschen haben zu lachen begonnen“ Ljudmila Ulitzkaja und ihr Verhältnis zur Politik: ein komplexes Verhältnis, denn als politische Stimme Russlands, möchte sich Ulitzkaja nicht verstanden wissen. Die Genetikerin mit dem analytischen Blick auf die russische Gesellschaft gilt als eine der interessantesten russischen Gegenwartsautorinnen, die in den letzten Romanen auch jüdische Themen aufgreift, aber nicht als „jüdische Schriftstellerin“ gelesen werden will. Das Faktum, dass Literaturwissenschaftler immer wieder versuchen sie einem bestimmten Genre zuzuordnen, kommentierte sie stets lapidar mit „sollen sie halt!“ Ulitzkaja jedoch will weder eine spezifisch jüdische Literatin sein, noch will sie „Frauenliteratur“ schreiben. Ihre Hauptpersonen sind heldenhafte Menschen und keine literarischen Helden.

Ulitzkaja schöpft dabei aus dem unendlichen Schatz ihrer eigenen Geschichte. In ihrem Text, den Sie anläßlich der Verleihung des Simone de Beauvoir Preises geschrieben hat, werden XING-Leser viele interessante Hinweise finden. Diese persönlichen Reflexionen sind auch im Dialog mit Michail Chodorkovskij deutlich und aufmerksame Leser werden chronisch quälende Fragen entdecken, an die sich auch Ulitzkajas Romanfiguren heranleben. Hintergrund ihrer Erzählungen ist die russische Seele, geformt von Geografie, Geschichte, Kultur, Politik und verrückter Liebe. Mitten im Chaos aus Schicksal, Leidenschaft und der Grausamkeit des Alltags vergraben sie sich in ihre Leben. Nur wenn die Geschichten vorwärts und rückwärts zergliedert werden entwirren, sich die Schicksalsfäden, die die Alltagshelden untereinander verkleben. Ulitzkajas Durchbruch als Autorin gelang ihr 1992, mit der Erzählung Sonetschka, für die sie im Jahr 1996 in Frankreich mit dem Prix Médicis ausgezeichnet wurde. Neben einem kurzen Überblick über ihre Erfolgsbücher im deutschsprachigen Raum, finden Sie auch ausgewählte Rezensionen.. Viel Freude mit dem neuen XING wünschen die Herausgeber Manuel Schilcher & Bernhard Seyringer

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Cover: © Monika Leon, Matiuscas

INDEX

SCHWERPUNKT: Ljudmila Ulitzkaja. 04 „Die Menschen haben zu Lachen begonnen.“ Ljudmila Ulitzkaja und die Politik.

Susanne Scholl 06 16 32 34 36 38 42 44 48 50 Meine Geschichte. Meine Geschichten. Ljudmila Ulitzkaja Briefe aus dem Gefängnis. Russisches Panorama zu Ulitzkajas Korrespondenz mit Chodorkovskij. Manfred Sapper, Volker Weichsel und Olga Radetzkaja Sonetschka: Eine Erzählung. Ein fröhliches Begräbnis. Ergebenst, Euer Schurik Daniel Stein Das grüne Zelt. Nonkonforme jüdische Literatur. Die Poetik des Widerstands und die Wiederentdeckung des Judentums in der späten Sowjetzeit Klavdia Smola Mein Protest ist nicht ideologisch. Ein Gespräch mit der politischen Aktivistin Ljudmila Ulitzkaja Frank Nienhuysen Why Russia still loves Stalin. Nina Khrushchebva

52 Cartoon Scott Breier / toonpool.com Impressum
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Moscow. 4 XING 23 . Sie schreibe über die Themen. und großgezogen hat – in dem sie eine schwindelnde was es hieß in Stalins oder auch in Breschnjews schriftstellerische Karriere gemacht hat. obwohl sie das eigentlich so gar Breschnjew. die Stimme der „kleinen Leute“ wichtiges ist doch geschehen: „die Menschen und erzählt deren Leben vor dem Hintergrund der haben zu lachen begonnen“. Tsaritsyno park. February 2006 Von ihren Anfängen an waren die Themen. Und sie beschreibt Als im Mai zehntausende gemeinsam mit 15 die Umstände. die sie persönlich bewegen. Aktualität erlangt hat.Xing 23 Sie ist die Stimme der sogenannten „kleinen Leute“ und sieht sich selbst als unpolitisch an. mit dabei und signierte so eifrig Bücher. Sie erzählt immer auch ein Stück nicht mag. dann könne nicht mehr gar so viel Geschichte. unter denen ihre Figuren zu leben Schriftstellern durch Moskau spazierten war sie gezwungen sind. Und dann lacht sie ein bißchen – und beweist im nächsten Moment. „Die Menschen haben zu Lachen begonnen“ Ljudmila Ulitzkaja und die Politik TEXT: SUSANNE SCHOLL Bild rechts: © Yaroslav Ushakov. wie gesagt. Sie lese nicht einmal Zeitungen und schaue auch nicht fern. Aber. zu nehmende Schriftsteller. was in der Politik so vor sich geht. „Ergebenst euer Schurik“ kann der Held Schurik auch wenn sie meint. Zuletzt im „Grünen Zelt“ – einem Roman über Und obwohl was sie beschreibt meist schwierige das Leben als Dissidenten. die ihre Ljudmila Ulitzkaja selbst sagt auch unerwartete Literatur so besonders macht. fehlt politischen Umständen ungeahnte und wie bei Ulitzkaja eines nie: die Prise Humor. sie hätten ihr Anliegen auch einfach nicht nein sagen – vor allem Frauen außerhalb der Kirche transportieren können. Und wenn erst einmal leider gerade in Rußland so schrecklich großen gelacht werde. Rußland zu leben. Schlimmes passieren. in Rußland betrifft. gegenüber – und ruiniert sich mit dieser seiner Und wie so viele gelernte ehemals sowjetische Eigenschaft sein Leben in einer Gesellschaft. Russian Beach Volleyball. allerdings die großen in diesem Roman mit ihrer eigenen Geschichte als Fragen in diesem schwierigen Land. sagt sie. sagt sie. Himmel“ zum Beispiel scheitert der Genetiker Und den Prozeß gegen die Musikerinnen von Kukotzki an der sowjetischen Bürokratie. in dem sie bis heute hat sie doch einen warnenden Roman für die hauptsächlich lebt. Darauf besteht sie. der Männer hart sind und Frauen sich nichts vom was die Zukunft der heutigen Protestbewegung Leben erwarten dürfen. wenn man mit ihr über Politik reden will. vor allem in jener langen langen gegen Wladimir Putin begannen ist sie auch mit auf Nacht der sogenannten Stagnation unter Leonid die Straße gegangen. in dem sie Dissidentin und „68erin“ auseinandersetzen wollte geboren und aufgewachsen ist. die nicht mehr weiß. wie sie sagt. und in „Pussy Riot“ hat sie laut und öffentlich verurteilt. Aber – es gebe eben Zeiten. eigene Geschichte – so wie eigentlich jeder ernst da könne man sich nicht aus allem heraus halten. Denn auch wenn sie sich die sie persönlich bewegen. in dem sie ihre Söhne geboren Generation daraus gemacht. daß sie sehr genau weiß. der unter den heutigen und oft tragische Lebensgeschichten sind. Menschen in der Als im vergangenen Herbst die Demonstrationen Sowjetunion. in Dissidenten ist sie nicht besonders optimistisch. daß nicht In dem großen Roman „Reise in den siebenten einmal eine Begrüßung möglich war. etwas sehr Sie ist. Aber – politische Bücher schreibe sie nicht. Sie schreibt über Menschen.

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es war der Novellenband Les Pauvres parents (Die verwandten Armen. schlimmstenfalls für die Freunde meiner Freunde. so fühle ich mich doch. wie ich meine Nachbarin und Freundin Irina Ehrenburg aufsuchte. derer ich mich noch nicht völlig entledigt habe). dass der Name. diese russische Luftblase XING 23 . Die Autorin Ljudmila Ulitzkaja über ihr Leben und Werk. Jeder Mensch fühlt sich gerne jung. meinen Roman Sonetschka. Die französischen Leser haben mich eines besseren belehrt: sie haben meinen Roman Sonetschka und dessen Heldin geliebt. womit ich mir kaum mehr schmeicheln könnte.. und die sind gar nicht so zahlreich. hat das Herz der Franzosen erobert und mir den Literaturpreis Prix Médicis eingebracht.). die außer ein paar Texten in Zeitschriften noch nichts in ihrem Land veröffentlicht hatte. . der dort stand. keine deutsche Ausgabe bekannt. . Das war 1996.. dass die Franzosen das Bedürfnis verspürten. meine geschichte. und ich war ganz einfach erstaunt: warum? Wie kam es. das Buch war noch nicht auf Russisch erschienen und das Verlagshaus Gallimard brachte zum ersten Mal in seiner Geschichte eine Unbekannte. In Russland hatte niemand von mir gehört und meine ersten Bücher verkauften sich nicht – zum großen Leidwesen meines Verlegers. Persönlich hatte ich nicht mit einem Erfolg gerechnet: mir schien damals (und in meinem Innersten ist dies eine Vorstellung. tatsächlich meiner war. Und so haben sich die Dinge danach zugetragen: nach der Veröffentlichung meines ersten Buches hat Gallimard ein zweites herausgebracht. Ich erinnere mich noch ganz genau. eine Literaturliebhaberin und fanatische Leserin. Alle Rechte liegen bei Ljudmila Ulitzkaja.. meine geschichten. Auch wenn das in meinem Alter etwas ist. Anm. eine 6 Bibliothekarin mit Allerweltsäußerem und einer Seele von äußerster Reinheit.. und die erste Ausgabe dieses Werkes einer russischen Nachwuchsautorin war die französische. Die Auflagen folgten eine nach der anderen. TEXT: LJUDMILA ULITZKAJA Aus dem Französischen von: JÜRGEN STRASSERl Der Text ist im April 2011 anlässlich der Verleihung des Simone de BeauvoirPreises an Ljudmila Ulitzkaja auf französisch erschienen. Doch das war lediglich der Anfang eines Märchens. An dieser Geschichte war alles zu schön. den ich aus Frankreich erhalten hatte und mich zu vergewissern. Mein erstes Buch ist 1993 erschienen. Übers. als steckte ich in der Haut einer jungen Schriftstellerin. d. um ihr den Vertrag zu zeigen. dass ich einzig und allein für meine Freunde schrieb. Und meine Heldin.Ljudmila Ulitzkaja. um wahr zu sein: die Debütantin war 50 Jahre alt.

Kioko stellen mir im Laufe ihrer meine französische Übersetzerin. Ganz allgemein scheint mir der die Generationen verbindende Faden im Leben » XING 23 7 . wie intellektuellen Qualitäten begabt. Fragen. als ich klein war. keine Sprache ausreichend. Früher. somit sind meine Übersetzer recht zahlreich!). meinen Literatur und mit ebenso herzlichen russischen Text zu korrigieren. dass jedes verkaufte Exemplar zu. ist sie sehr rasch eine nahe Freundin Wenn man annimmt. da habe ich selbst mit dem Sankt-Georgs-Kreuz meines Ururgroßvaters gespielt. übersetzt. ICH HATTE NOCH EIN die Deutsche Ganna und die Japanerin ANDERES GLÜCK: Sophie Benech. dass mein Geburtsort Frankreich ist. American Centre Ich kenne.N. stelle ich mir mit Vergnügen vor. Dieses Land hat mich wahrlich umhätschelt. die Menschen eines meiner Werke gele.E. Obwohl ich nicht besonders eitel bin. drei Lie­blings­über­setz­er­innen (meine Aber so lautet die Ge­ samt­ auf­ lagenzahl Bücher sind in mehr als 30 Sprachen meiner Bücher. die es mir verliehen hat.schlüs­sel. dass zwei Millionen zu beurteilen. bereiten mir große Freude. Meine sen haben. so einzusaugen.mir meine Übersetzer stellen. und die beiden Auszeichnungen. hervorragende Kennerin der russischen die mich bisweilen veranlassen. die Qualität meimindest von einer Person gelesen wird. die russische ausgenommen. ner Übersetzungen in Fremdsprachen so bedeutet das.© P.Aber ich besitze einen kleinen Ge­ heim­ geht. der mir hilft. Geburt des Schriftstellers darstellt. Als Übersetzungen viele Fragen. die Französin Sophie. Ich kann es schwer glauben. um die Qualität eines Textes einzuschätzen. Wenn man von der Überlegung aus. der meine Vorfahren mit meinen Nachkommen verbindet. Es sind die Fragen. dass die und Mitarbeiterin im wahrsten Sinne Veröffentlichung des ersten Buches die des Wortes geworden. wie meine Enkelkinder aus einer Schatulle die prächtigen Orden ihrer verstorbenen Großmutter hervorholen … Es freut mich aber auch aus einem anderen Grund: dies ist nämlich wie die Verlängerung eines sehr schönen Fadens. die ich mit meinem Atem aufgewärmt hatte? muss ich in Betracht ziehen.

die mir mein Urgroßvater erzählte. seinen Enkelkindern und dem Dienstmädchen. das ist im Nebel der Vergangenheit verloren gegangen. waren diesem Buch entnommen. die Bibel. Man weiß von ihm auch noch. diente 25 Jahre in der russischen Armee und hat es bis zum Feldwebel gebracht. Und er hatte nicht etwa zwölf Kinder. sondern deren siebzehn. Die Geschichten. lag er besinnungslos in einem breiten Mahagonibett. Er heiratete. Einer derjenigen. Jahrhunderts aufgenommen. außerhalb der für Juden vorgesehenen Niederlassungszone zu leben. Meine Mutter XING 23 . die überlebt haben. In meiner Erinnerung sehe ich ihn immer mit einem Buch in der Hand. und so möchte ich so genau. Geboren 1861. Mein Urgroßvater hatte einen schönen Tod: in einem großen Zimmer. war ich sieben und er über neunzig. war mein Urgroßvater Chaim. Freilich weiß man gar nicht 8 Doch Isaak Ginzburg hat die meisten seiner Kinder in jungem Alter verloren. Es ist Isaak Ginzburg. Aber folgendes weiß man über Isaak: schon von Kind auf war er für den Soldatenberuf bestimmt. dass dies alles mir bereits vertraut war. das in der Folge in mehrere kleine Wohnräume für eine immer zahlreicher werdende Familie aufgeteilt werden sollte. verspürte ich das vage Gefühl. welches ich besitze. Als er starb. Aber er wohnte in Smolensk. Erst manche Jahre später. wie viele Kinder Erzvater Jakob hatte. von jenen. bloß Dina … DAS ÄLTESTE FAMILIENFOTO. Generations of Red Russians eines Menschen äußerst wichtig zu sein. Der Geruch von Ledereinbänden und altem Papier ist für mich einer der betörendsten. wie es sich für einen echten Erzvater gehört. seiner Schwiegertochter.© Dariusz Bargiel. und die Geschichte erwähnt ja die in mir die Liebe zum Lesen erweckt haben. wer sein Vater war. Niemand kann sich daran erinnern. die Mädchen nicht mitzählte. als ich die Bibel zu lesen begann. Im Russisch-Osmanischen Krieg war er an der Einnahme von Plewen durch die Truppen Skobelews beteiligt und bekam dafür das Sankt-Georgs-Kreuz. die es gibt. Dieses Kreuz wurde in Großmutters Werkzeugschachtel zwischen Zwirn und Nadeln verstaut. zumal man gerne meinen Lesern von meiner Familie erzählen. Einzig und allein ein Buch. Es zeigt einen alten Juden mit einer Kippa. wurde Mitte des 19. offiziell Efim Isaakowitsch. dass er nach all den Dienstjahren ein Privileg zugesprochen erhielt: das Recht. umgeben von seinen beiden Söhnen.

Knien. Auf Und er starb. Nun denn. Rubel auf meinem Sparbuch sollt ihr nach Leningrad schicken. hatte sein Testament aufgesetzt. Er las lieber die Tora. außer um sich gemächlich zum Schuster zu begeben und die Schuhe meiner Großmutter zum Neubesohlen abzugeben. weil sie ihm ein solch glückliches Alter bereitet hatten. Er saß in einem Lehnstuhl mit seinem Magenkrebs Sie war die Tochter oder Enkelin einer verstorbenen Nichte » und der Tora … Er hatte keine Eile mehr. noch ihre Tochter Genia gesehen. was konnte man noch alles reparieren und zurechtschustern zu jenen Zeiten! Meine Mutter besaß elegante Schuhe. Nun ja. er setzte sich nicht meines Urgroßvaters. Und seit dem Kriegsende schickte XING 23 9 . Ich hatte seinen Segen bekommen. um sie ins Theater mitzunehmen …). ich zitiere: „Es ist sogar noch schlimmer. Auf der einen man das verstehen. möge die Erde ihm leicht sein.“ Gebiet. ich trug meinen nagelneuen Umhang aus Katzenfell. Mein Urgroßvater. die man ihr zum Ende ihrer Schulzeit anfertigen ließ. Sein schwankender Blick hatte mich gefunden. Man brachte mich ins Zimmer. Und das ist auch recht verständlich: es Seite Soll und Haben und auf der anderen Danksagungen an gab damals in meiner Generation noch keinen Jungen. wie unsere Vorfahren sagten. so muss dem Rücken eines Papiers für die Buchhaltung. „Meine kleine Lucia… Was für ein großes Mädchen!“ hat er gesagt.© Dariusz Bargiel. Und Entschuldigungen. (Ach. damit ich mich von ihm verabschiedete. Die 500 MEIN URGROSSVATER WAR EIN UHRMACHER. weil er ihnen nichts hinterließ. „Alles wird gut. als ich das Gymnasium abgeschlossen hatte. Und dann. und mein Urgroßvater öffnete die Augen. Meine seine Kinder. Und ich erinnere mich an ihn. anstatt Geld zu verdienen.“ mehr groß in Bewegung. mit diesem dicken Buch auf den Keiner hatte jemals diese Ida. Alive Leader (seine Enkelin) ging mich von draußen holen. wickelte sie sie immer noch in Zeitungspapier ein. Offensichtlich war er aber kein großer Meister auf seinem denn dort sind Ida und ihre kleine Tochter Genia in Not. Cousins sind erst nach seinem Tod geboren. „Lucia ist da!“ rief meine Großmutter.

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Meine Großmutter hätte ebenfalls beinahe ein Diplom bekommen: sie hatte die höhere Ausbildung für Mädchen belegt und die Absicht. hatten zwei Brüder geheiratet. Meine Familie war eine sehr einige Familie. Ich kann mir einfach nicht vorstellen. Bei uns hatte er Kost und Wäsche frei. und das weiße Tafeltuch sah ich ebenso wie die Badewanne auf ihren Gußeisenpfoten und das mit eingeritzten. half bereitwillig seiner Umgebung. die Suppe in einer Soupière serviert … Kinder. und letztere mochte ihn auch nicht. selling sunflowerseats. Diese hatte einen ihr angeborenen Sinn für Leidenschaft. ihre Treuherzigkeit. aber Tante und Nichte. Sonetschka. nur diese Staatsmacht lässt uns keinen einzigen. nicht eben Waschbecken bei meiner Großmutter in Schwestern. nicht die Revolution. die mein Urgroßvater bekommen hatte … UNSERE FAMILIE WAR EINE GUTE FAMILIE – beinahe Intellektuelle: mein Großvater hätte ein Abschlussdiplom der juridischen Fakultät der Universität Moskau bekommen sollen.“ Er mochte die Sowjetmacht nicht. Wenn die beiden Alten Karten spielten. das Missverständnis hat sein ganzes Leben lang angedauert. die hatte ich: Cervantes ihre Würde. Silberbesteck. Freilich Bei uns war alles wesentlich einfacher. die » Talenten nicht freien Lauf lassen. und das mit eingeritzten. einen Streit zwischen sich selbst und diese Liebe für die Erwachsenen erlebt zu haben. Es war eine Summe. kümmerte sich Badewanne auf ihren Gußeisenpfoten der Ältere um die Familie seines Bruders. Als der Ältere einem Nachbargebäude. Maupassant und Ibsen. Wir lebten in sich im Gefängnis wiederfand. erinnerten sie sich gegenseitig an das Ich war es. Sie ihrer ehemals angemessenen Wohnung. Professorin zu werden … Auch ihr hat das Leben Prügel vor die Füße geworfen. Kochen. Meine Großmutter war sehr begabt. blühenden Chrysanthemen bedeckte Sie waren übrigens verwandt. Ich kann mich nicht die mittelmäßige Meinung von entsinnen. die auf Wiedersehen sagte. dass „dieses Missverständnis“ (das Sowjetregime) nicht von langer Dauer sein könne. er ihr seine Pension. Wäsche bleichen und bläuen … Meine Großmutter erledigte all das bis zur Perfektion. und das sogar mit Freude. Blatt. konnte aber seinen habe ich Bücher verschlungen. wie das in diesen Jahren möglich gewesen sein konnte. Sein Bruder und er hatten kluge Köpfchen – ein mathematisches Gehirn und ein glänzendes Gedächtnis. Sticken. sondern die Geburt meiner Mutter im Jahr 1918. behandelte es aber mit Lockerheit. erhielt einer Gemeinschaftswohnung. Und dann hat meine Großmutter im Gedenken an ihren Schwiegervater Postmandate an diese Familie geschickt. sie hatte ihre Mittelschule mit einem Auszeichnungspreis absolviert. Der Unterricht der Haushaltsfächer war im Gymnasium hervorragend: Schneidern. Sie wusste sich allerdings nicht die Leidenschaft anderwärts Respekt zu verschaffen. Geld zu verdienen. Seit dem Alter von fünf Jahren » Geschäftsleute. Kleider anfertigen. Wir haben natürlich das Geld überwiesen. dafür aber ewig blühenden Chrysanthemen bedeckte Waschbecken bei meiner Großmutter in ihrer ehemals angemessenen Wohnung. das gebe ich zu. genügte. Er verstand es dennoch. © Susanne Wunderlich. Er hatte sich arg geirrt. pflegte. bis die kleine Genia mit der Schule fertig war. in der man sich gut verstand: EBEN DIESER SONJA VERDANKT die Älteren respektierten die Jüngeren. um 150 Rubel loszuschicken. Sie hatte ihre Stimme erhoben. und das der Jüngere beide Familien. Jahrelang ging sie jeden Monat auf die Post und stellte sich an. denn er meinte. ich las alles eins nach dem anderen. Und bloß niemals Wachstücher: ein weißes Tafeltuch. wenn ich in einer Lage verschiedene Ausgänge sehe. Korrektheit und Ehrlichkeit und O’Henry. war die Nichte zwei Jahre jünger als ihre Tante. nicht ohne Geist. geht euch die Hände waschen … Wollen Sie mir bitte das Salz reichen? … Danke … Es war köstlich … Auf Wiedersehen … XING 23 . right at the last end of sibiria. war großzügig. Deutsch und Französisch gelernt und beides nicht vollkommen vergessen. Sie hieß Sonja. Meine ihr Nahestehenden. es waren ihre Religion. dafür aber ewig Ihre Frauen liebten sich wie Schwestern. doch er hatte den Fehler begangen und unter der Sowjetherrschaft sein Abschlussjahr nicht wiederholt. zu sagen: „ Es gefällt mir. die bis zur Großmutter hat nie in ihrem Leben Selbstverleugnung geht. und die Jüngeren respektierten ihre ihre Bescheidenheit.Wir lebten in einer Gemeinschaftswohnung. Vorfahren. Er überhaupt nicht für Kinder 11 ES HERRSCHTE ORDNUNG IM HAUS. woman in vanino. die der kleinen Rente gleichkam. sie fürs Lesen. da brauchte er kein Geld … Das ist aber bloß der Anfang der Geschichte. das sie letztes Jahr und sogar zwei denn ich lebte mit meinen Eltern in Jahre davor gehabt hatten. dass ich das Regal erreichen Mein Großvater war vom Schlag der konnte. und als der weiße Tafeltuch sah ich ebenso wie die Jüngere zur Front ging. MEINE HELDIN IHR ÄUSSERES.

Ich tauchte dermaßen tief ins Lesen ein. sein Bruder. sie alle verteidigten auf ihre Art das Recht. um sich vor der feindseligen Lebensweise dieses Staates zu schützen: die Frauen kümmerten sich um die Kinder und den Haushalt. passierte. die bescheidene Sonetschka. nach ihren familiäre eigenen und nicht nach vom Staat von der vorgegebenen Regeln zu leben. Ich war ein gemütliches Kind und ließ sie in Ruhe. Meine Großmutter. mein Großvater mit seinem staubtrockenen Humor und seiner pragmatischen Denkweise. Man überwachte meine Lesegewohnheiten nicht: es waren die harten Nachkriegsjahre. sie schrieben ihre Doktorarbeit. © Yevgeny Salnikov. dass es mir. meine Eltern waren Wissenschaftler. Mein Urgroßvater las das Buch der Bücher und ich verschlang ohne Unterschied alles. mein Großvater verdiente Geld. ein sanftmütiger und nachsichtiger Mann. was mir in die Hände fiel. Jeder 12 fand seine ihm gelegene Art. es war aber ein Grundsatz. wenn ich aus meinem Buch herauskam. Kaliningrad Svetlogorsk gemacht waren. eine Frau von organischer Ehrlichkeit. XING 23 . Das Privatleben ist wichtiger als das gesellschaftliche – wir sagten dies nicht laut. sorgte für den Unterhalt der Familie und kümmerte sich kaum um den Aufbau des Kommunismus. mich umzusehen und mich zu fragen: „Wo bin ich jetzt eigentlich?“ Dieses warmherzige Universum war massiv Außenwelt abgeschottet.Xing 23 Das Privatleben ist wichtiger als das gesellschaftliche – wir sagten dies nicht laut. meine Eltern waren von ihren wissenschaftlichen Arbeiten in Beschlag genommen. The woman with the child on walk. es war aber ein Grundsatz.

den brillanten Gogol (einen russischen Surrealisten). das in einer Nacht zu lesen war und die ganze Familie bis zum Morgengrauen wach blieb. das in seinem Strafgesetz einen Artikel aufgenommen hatte. die einen Ersatz für dieses von Falschheit. die einen Ersatz für dieses von Falschheit. village Ashitkovo. habe ich dann verstanden. Als ich größer wurde. das ist mir jetzt klar. die eben im Lesen aus der Realität flüchten. den ironischen Intellektuellen. nämlich jenes aus der IN DEN SECHZIGERJAHREN Emigration von Autoren wie Nabokov. Sie bot erhabene Ideale an – den Geist eines freiheitsliebenden Puschkin. Die Auswahl aus den verbotenen Büchern zeigte klar die Härte eines Regimes auf. wurde ich von meinem wissenschaftlichen Institut entlassen. um es in der Früh zurückzugeben. Und es gab eine Literatur. die Großen. Ich glaube.. jeder auf seine stilistische Weise. „die gegenüber der Sowjetmacht mangelnde Loyalität gezeigt haben“ (man lese: von der Sowjetmacht getötet oder ins Exil getrieben wurden). von Leon Uris. Chodassewitsch. hat den Lauf meines Lebens geändert: als man die dafür benutzte Schreibmaschine und mich als Besitzerin des Buches entdeckte. XING 23 13 Aber am gefährlichsten waren die bewusst gegen das Sowjetregime gerichteten Bücher wie jene von Milovan Djilas. Auf ihnen ruhte der Mythos. River Nerskaya. die großen Verfechter der Wahrheit Tolstoi und Dostojewskij. ganz zu schweigen von jenem besonderen Genre der „antisowjetischen Literatur“. Moscow region. Tschechow. als man uns ein Buch gab. den ich jemandem anvertraut hatte. aber beide enorm empfindsam für das Leid. wobei sie sich fliegende Blätter. Werke von Autoren. Grausamkeit und einer niederträchtigen Ideologie geprägte Leben bieten konnte: die große russische Literatur. gewesen … waren die Anfänge des Samisdat. damit er ihn kopiere. Boris Lesens auf meine Generation herein: es Poplavskij und noch andere. © Yaroslav B. Lange habe ich bei mir zuhause Photokopien der Politsatiren Orwells. kein anderes Land kannte das Phänomen der „Nachtlektüre“. Avtorkhanov oder Michailow. Sie bot erhabene Ideale an . Vor ein paar Jahren habe ich in Berlin eine Ausstellung über den Samisdat gesehen.Und es gab eine Literatur. wonach in Russland weltweit am meisten gelesen wurde. BRACH DANN eine neue Welle des Boris Zajcev. So nahm meine Karriere als Biologin ein unrühmliches Ende. dass es ganze Heerscharen von Leuten gibt. unter dem man nicht veröffentlichte Werke zeitgenössischer Autoren seit Joseph Brodsky bis herauf zu Alexander Solschenizyn fand sowie ein breites Spektrum der russischen Literatur. Auf der Liste der Bücher auf dem Index waren Werke aus der Philosophie und der Geschichtsschreibung vertreten. fein wie « . der für „Besitz und Verbreitung verbotener Literatur“ eine Strafe von fünf bis sieben Jahren vorsah. und eine ganze Pleiade Schriftsteller aus der „zweiten Reihe“.. die in der ersten hätten stehen können. Grausamkeit und einer niederträchtigen Ideologie geprägte Leben bieten konnte: die große russische Literatur. Farm der Tiere und 1984 mit auf Schreibmascine getippten Gedichten von Brodsky im Fuß eines alten Tisches versteckt. wären da nicht schon die anderen. Und der Roman Exodus.

die großartigen Texte der Philosophen Leo Schestow und Michail Gerschenson. auf der Durchreise. und ihre einzige Angst war. was bürgerlich war. und obwohl unsere Geschmäcker unterschiedlich waren. Zum Schluss noch ein paar Worte über jenen. Anm. Gedichte von Mandelstam. die man nicht in der Bibliothek fand: mehrere Werke von Freud.) von Muratow. Ich habe ihn bloß ein einziges Mal gesehen. XING 23 . dem ich meinen Namen verdanke. Er hat darin ein Senatoren. Ich habe bei mir zuhause an der Wand zwei außergewöhnliche Photographien hängen. als ich bereits Autorin für Erwachsenenbücher geworden war. völlig zu erblinden. jenes eines Intellektuellen. kurz. Eine zeigt seine Werkstatt. In Kiew. Das war ein schreckliches gesellschaftliches Stigma. Ich war elf Jahre alt. dass ich von ihr meine Leidenschaft für das Lesen habe. im Jahr 1954. denn diese Bücher durften das Haus nicht verlassen. dass die Bücher eines jüdischen Studenten während eines Pogroms ruiniert worden waren. im Jahr 1954. von Zwetajewa. vom Staat verwahrt. sich der Truppe eines Provinztheaters anzuschließen. Marussia Halperin. d. in einer Großstadt zu wohnen. von Achmatowa. Während dieser Jahre intensiven Lesens sind meine beiden Söhne geboren. die damals noch nicht durch das Pogrom verwüstet worden war. zerrissene Bücher. Der familiären Überlieferung zufolge war er äußerst erbost. mein Urgroßvater. Diese Bücher gehörten Michail Halperin. dem ich meinen Namen verdanke. die zwanzig Jahre später veröffentlicht wurden. umgestürzte Tische. sie war sehr arm. Ich kann das Thema des Lesens in meinem Leben nicht abschließen. Sie lebte bis in ein weit fortgeschrittenes Alter. als seine Tochter Marussia sich in der revolutionären Bewegung engagierte. elegant und voller Geist. sitzt mein Urgroßvater in einem Lehnstuhl in genau jener Werkstatt. Ich glaube. oder schlechte Photokopien von Hand zu Hand reichte. Übers. Während sie stets ihre Armut mit Leichtigkeit und sogar einem gewissen Schick ertragen hatte. Der Vater meiner Großmutter Marussia. ohne über meine Großmutter väterlicherseits. denn sie hatte ein zutiefst bohèmehaftes Wesen. wo er seinen angemeldeten Wohnsitz hatte. doch leider wurde sie Opfer eines tiefgehenden 14 Traumas. Sie war niemals Mitglied irgendeiner Partei. In den letzten Jahren sah sie immer schlechter. Diese Sammlung wird heute. war es ihm verboten. Freilich hat sie dies nicht davon abgehalten. war sie es. Ich habe ihn bloß ein einziges Mal gesehen. Sie starb mit einem Buch in Händen. welches ihr die Türen zur Welt des Theaters und der Kunst verschloss. verkraftete sie die Verhaftung ihres Mannes und die Jahre der Verfolgung. die ich in meiner frühen Jugendzeit erfuhr. Danach führte sie selbst unter dem Eindruck einer Schwärmerei für Isadora Duncan und deren Methoden eine Truppe von Barfußtänzern und unterrichtete gegen Ende der Zwanzigerjahre rhythmischen Tanz am Konservatorium von Kiew. mein Großvater Jakob Samuilowitsch Ulitzkij. sehr schlecht. Bunin und Prischwin nahebrachte. Er wurde zum ersten Mal 1933 verhaftet und hat bis Stalins Tod sein Leben in den Lagern zugebracht. Ich erinnere mich nur vage an ihn. so viel ich weiß. Als er freigelassen wurde (er war damals noch nicht völlig rehabilitiert). Derart war die kulturelle Prägung. keine deutsche Übersetzung bekannt. mein Großvater Jakob Samuilowitsch Ulitzkij. Ich habe nur das getan. verbrachte er einen Abend bei uns. 1906. zu sprechen. Er wurde Zigarettenpapier und kaum lesbar. Von all ihren Talenten konnte sie bloß ein einziges völlig umsetzen. Kaputte Möbel. Kotik Letajew von Bely. der sie als „Frau eines Volksfeindes“ ausgesetzt war. Auch sie war eine Sonetschka. schenkte er ihm 200 Werke aus seiner Privatbibliothek. DANN HABE ICH NEUN JAHRE NICHT GEARBEITET. In ihrer kleinen Privatsammlung hatte sie Bücher. In meiner Kindheit bekam ich davon bloß die Ledereinbände und die Goldränder zu Gesicht. und ihre Bühnenfotos sind immer noch bei der Familie. was sie las. Sie verachtete alles.Ljudmila Ulitzkaja. die mir meinen ersten Schaffensschub gegeben haben. Er studierte damals Philologie an der Universität Kiew. Images d’Italie (Bilder aus Italien. Sie war äußerst aufnahmefähig allem gegenüber. Auf der zweiten Photographie. Auf dem Weg nach Kalinin (heute Twer. Anm.oder Professorengesicht. nicht mehr lesen zu können. sie stammt aus 1903 und ist der Abzug von einer der in der Familie aufbewahrten Glasplatten. Ich habe gelesen. die mir Hamson. ZUM SCHLUSS NOCH EIN PAAR WORTE über jenen. mit einigen kurzen Zwischenphasen. Anfang der Achtzigerjahre habe ich Erzählungen für Kinder geschrieben. d. Übers.). war ebenfalls Uhrmacher. Als der Schriftsteller Korolenko hörte. Diese Bücher haben dann den Grundstock für Michails Bibliothek gelegt. nach einem Pogrom. nämlich ihr Talent als Leserin. dem Bruder meiner Großmutter Marussia. bezeichnete sich jedoch bis zu ihrem Lebensende als „Bolschewikin ohne Parteibuch“.

nachdem sie in unserem Land eine Zeit der Verfolgung durchmachen musste. Bücher von ihm wiedergefunden. Lediglich drei: das erste über die Demographie in Russland. Alle. die wir atmeten. wie Mandelstam sagte. Mein ältester Sohn. hat sich in Luft aufgelöst. den keine Macht uns wegnehmen kann. „Eine gestohlene Luft“. Ich wusste. glaubte an den Kommunismus und an die Genetik. Aber das Lesen bleibt wie früher ein Schatz. dass er ein Mensch mit hoher Bildung war. wegen meiner Liebe für die verbotene Literatur. Sie ist verstorben noch bevor ich mein Genetikstudium an der Universität Moskau beendet habe. Vor nicht allzu langer Zeit hat einer meiner Freunde. ein bekannter Biograph und Forscher. in dunkle Alleen oder in Frühlingsfluten » … XING 23 . Einiges hat sich seit meiner Jugendzeit verändert. und die Genetik ist. erschienen vor der Revolution. Und noch lange bevor man mich aus dem Institut für Allgemeine Genetik davonjagte. mit einigen kurzen Zwischenphasen.zum ersten Mal 1933 verhaftet und hat bis Stalins Tod sein Leben in den Lagern zugebracht. Für die Freiheit zu lesen. Meine Großmutter Marussia. können wie Sonetschka den Kopf voraus eintauchen « in süße Tiefen. ein Absolvent der Wirtschaftsschule der ColumbiaUniversität war hocherfreut. Aber so war die Luft. heutzutage rehabilitiert. die es wünschen. wie das oft mit Trugbildern so ist. die leidenschaftliche Leserin war. das in Europa umging. in der Person seines Urgroßvaters einen Kollegen vorzufinden. sehr interessant und der Welt des Schreibens nicht fremd. das zweite über Musiktheorie und das dritte über rationelle Produktionsorganisation. Das Trugbild des Kommunismus.

Zwar rekrutierten sich diese Leute überwiegend aus den Reihen der Gewaltministerien. 7–37. 2 Otto Luchterhandt: Rechtsnihilismus in Aktion. Der Kreml habe. 7/2005. Bild rechts: © sennenka. 2003 einen Kompromiss mit den Führern der großen Industriekonglomerate aufgekündigt. FAZ.2009. – Prozesstag Nummer hundertacht. zu den Hintergründen und den politischen Motiven.pdf>.2009. doch – und diese Einschätzung wiederholt Chodorkovskij gegenüber Ulitzkaja – seien bei weitem nicht alle „siloviki“ Feinde des Rechtsstaats. 2010 1 Razgovor pisatelja Grigorija Čchartišvili (B. Moscow 16 XING 23 .3 Der zweite Prozess scheint den ersten an Willkür gar zu übertreffen.4 TEXT: MANFRED SAPPER. 21. das Ende März 2009 eröffnet wurde. ihre Pfründe verloren hätten. Akunin) s Michailom Chodorkovskim. 1. wirft ihnen die Staatsanwaltschaft vor. Ein Jahr dieser mittlerweile auf acht Jahre reduzierten Strafe verbrachte er in einer Besserungskolonie im südostsibirischen Krasnokamensk. so Chodorkovskij im Interview mit Akunin. der sich daraus entwickelte. das der unter seinem Pseudonym Boris Akunin bekannt gewordene Grigorij Čchartišvili mit Chodorkovskij im Jahr 2008 für das Magazin Esquire führte. allen voran der damalige stellvertretende Leiter der Präsidialadministration. der Erdölgesellschaft Jukos. in: Die Welt. erschien Anfang September 2009 in der Novaja Gazeta. Igor’ Sečin. neutral verhalten. Im Oktober 2003 wurde er festgenommen und im Mai 2005 wegen Steuerhinterziehung und planmäßigen Betrugs – ebenso wie sein Kompagnon Platon Lebedev – zu neun Jahren Haft verurteilt.khodorkovskycenter. in: Osteuropa. Der Jukos-Chodorkovskij-Prozeß. deren Vorstandsvorsitzender und Hauptanteilseigner Chodorkovskij von 1996 – 2003 gewesen war. 3 <www.. So hätten sich etwa der damalige Generalstaatsanwalt Vladimir Ustinov und der damalige Leiter des Inlandsgeheimdienstes FSB. durchgesetzt. In dem Strafverfahren. Briefe aus dem Gefängnis. S. 84–106. Gefordertes Strafmaß: 22 Jahre. dokumentiert ebd. Esquire.com/files/MBK%20ECHR%20 AdmissibilityDecision%20070509. S. VOLKER WEICHSEL und OLGA RADETZKAJA TEXt AUS: Zeitschrift „Osteuropa“.. zwei weitere Jahre im Untersuchungsgefängnis von Čita.11. hätten sich die Befürworter eines „Spiels ohne Regeln“.3. Nikolaj Patrušev. weil einflussreiche Leute durch die transparenteren Regeln im Erdölsektor. Russisches Panorama zu Ulitzkajas Korrespondenz mit Chodorkovskij. Dort erreichte ihn ein Schreiben Ljudmila Ulitzkaja. 87–102.com/sites/kho- dorkovskycenter. Nr. 4 Absurder Prozess gegen Staatsfeind Cho- dorkowski. die illegalen Erlöse gewaschen sowie Aktien von Jukos-Tochterunternehmen unterschlagen zu haben.1 Der Schriftsteller und Japanologe befragte den ehemaligen Jukos-Chef vor allem zu den Umständen des ersten Prozesses. Twilight in Moscow. – Siehe auch die Entschließung der Parlamentarischen Versammlung des Europarats 1418 (2005). Als der Umgang mit Korruption auf höchster Ebene diskutiert worden sei. S. Ljudmila Ulitzkaja knüpft mit ihrem Brief an Chodorkovskij an ein schriftliches Interview an. die Jukos wegen der Zusammenarbeit mit internationalen Investoren eingeführt hatte. Bild vorige Seite: © Yaroslav Ushakov.Xing 23 Michail Chodorkovskij war Ende der 1990er Jahre einer der reichsten Männer Russlands. House painter (July 2006). Seit Februar 2009 sind Chodorkovskij und Lebedev wieder im Moskauer Untersuchungsgefängnis Matrosskaja Tišina inhaftiert. 31.2 Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat im Mai 2009 eine Beschwerde Chodorkovskijs in allen Punkten für zulässig erklärt. Bereits das erste Verfahren gegen Chodorkovskij sprach jeglicher Rechtsstaatlichkeit Hohn. Der Briefwechsel. in großem Stile Erdöl gestohlen zu haben. 10/2008.

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war der Ansicht. worüber ich mich sehr freue. OKTOBER 08 SEHR GEEHRTER MICHAIL BORISOVIČ! Es hat sich eine Möglichkeit ergeben. haben im Lager ihren Sinn verloren? Gibt es neue innere Antriebe. für Sie geht es um Ihre reale Gegenwart. Wie werden Sie damit fertig? Haben Sie nicht das Gefühl eines bösen Traums? Ich wüsste gern. und das Interesse an Ihnen lässt nicht nach. ” Wie Sie wissen. nämlich die der Front. unten: Ljudmila Ulitzkaja Bild nächste Seite oben: © Osteuropa.Ljudmila Ulitzkaja. ein weniger glücklicher Lagerinsasse. dass sie für das normale menschliche Leben nutzlos ist und sich außerhalb des Gefängnisses nicht anwenden lässt. ein weniger glücklicher Lagerinsasse. Varlam Šalamov hingegen. wir könnten darüber in der Vergangenheitsform sprechen. über den ständig geredet wird. in dem es um dasselbe Thema geht – die Geschichte der Gefängnisse. und obwohl er nur ungern von jener Zeit sprach. Varlam Šalamov hingegen. Wenn wir wirklich zusammenfinden – was ich mir sehr wünsche –. sich daran zu erinnern. Außerdem betreue ich zur Zeit ein Buch für Kinder mit dem Titel Verbrechen und Strafen. Anna Achmatova sagte über Brodskij. gibt es ja zwei Standpunkte: Solženicyn meinte. Auch das ist ein Grund. dass die Gefängniserfahrung den Menschen abhärtet und an sich wertvoll ist. Demonstration.Ljudmila Ulitzkaja. dass ich letzten Monat sogar ein Vorwort zum Buch Durch die Gefängnisse von Ėduard Limonov geschrieben habe. aber fragwürdige Figur halte. die auf eine bereits vorhandene andere Erfahrung traf. dass sie für das normale menschliche Leben nutzlos ist und sich außerhalb des Gefängnisses nicht anwenden lässt. überraschende Erfahrungen? Dieser Brief – verzeihen Sie! – ist eine Art Herantasten: Sie sind jemand. den ich für eine sehr vielseitige. Hochachtungsvoll Ljudmila Ulitzkaja Bilder rechts: © Osteuropa. die zusammengenommen über zwanzig Jahre gesessen haben. dass die Gefängniserfahrung den Menschen abhärtet und an sich wertvoll ist. für die einen ein Kämpfer und politischer Aktivist. Aber für Sie ist noch nicht die Zeit gekommen. Moskau 2008 AUS DEM RUSSISCHEN VON GANNA-MARIA BRAUNGARDT 18 XING 23 . gibt es ja zwei Standpunkte: Solženicyn meinte. In Julij Daniėl’s letzten Lebensjahren war ich mit ihm befreundet. für die anderen ein Schreckgespenst. und auch meine Sechziger-Jahre-Freunde haben ihr Scherflein beigetragen. dass sie für ihn eine wichtige Prüfung gewesen war. dass dieses Thema für die russische Literatur ganz wesentlich ist – für mich so wesentlich.“ . worüber ich gern mit Ihnen sprechen würde. mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Formen von Strafen und dergleichen. Sehr geehrter Michail Borisovič! Briefwechsel: Ljudmila Ulitzkaja – Michail Chodorkovskij -115. die Ihnen in Freiheit wichtig erschienen. warum ich Ihnen gern begegnen und mich mit Ihnen unterhalten möchte. ob sich Ihr Wertesystem verändert hat: Welche Dinge.“ Ihnen „macht“ man wirklich eine Biographie. und ich wünschte. doch in jedem Fall wird Ihre Situation unentwegt diskutiert. oben: Michail Chodorkovskij vor dem zweiten Prozess 2009. Wie Sie wissen. In meiner Familie gibt es zwei Großväter. gewann ich damals den Eindruck. als dieser verbannt wurde: „Sie machen unserem Rotschopf eine Biographie. Dazu kommt. war der Ansicht. dann wäre es das.

denn Gefängnis ist nicht die beste Erfahrung. also gefängnisartige Regierungsform zulässig fand. Freunde. Und wie langsam und mit wie vielen Rückschlägen Veränderungen vorankommen. Natürlich ist man manchmal deprimiert. Am besten kann ich in der Isolationshaft arbeiten. der Unterschied im Standpunkt der beiden hat damit zu tun. Natürlich wäre es ohne den Rückhalt in der Familie. natürlich können sie etwas tun und tun es auch. Ich verstehe. während Dutzende menschlicher Schicksale untergehen. Mich aber beglücken solche Fälle. Hier ist Gutes böse. das typisch ist für einen bedeutenden Teil unserer Intelligenz. Das Gefängnis ist ein Ort der Antikultur. dich aufzulösen. -215. Entweder du arbeitest an dir. XING 23 19 . dort habe ich das Gefühl des direkten. Je besser und tiefer du verstehst. je härter die äußeren Bedingungen sind. Entschuldigen Sie. der Antizivilisation. In dieser Hinsicht ist mir Šalamov näher als Solženicyn. und anständige Leute sind zutiefst unglücklich.“ M. Deine Umgebung versucht dich einzusaugen. der in reifem Alter ins Gefängnis kommt: er hat Familie. wie es dazu kommt und warum. Die wichtigste Voraussetzung hier ist die Selbstdisziplin. Meine Anwälte haben so etwas mehr als einmal gesehen. Ich denke. wie jeden Tag nur Einzelne es schaffen. ohne ihre Unterstützung noch viel schwerer. oder du verkommst. Die Gefängnisaufseher fürchten das sehr und begreifen gar nicht. dich in einen anderen hineinversetzt. Gern würde ich den Dialog mit Ihnen fortsetzen. und anständige Leute sind zutiefst unglücklich. ein Rückzugsgebiet. Pack erzieht Pack. aber es ist schlimm mit anzusehen. Lüge Wahrheit. Hier ist Gutes böse. aber das kann man überwinden. woher Ihr Interesse kommt. Überhaupt geht es mir persönlich besser. Lüge Wahrheit. Ohne nachzudenken. aber ich teile sie nicht. OKTOBER 08 SEHR GEEHRTE LJUDMILA EVGEN’EVNA! Vielen Dank für Ihren Brief und Ihre Unterstützung. Unter nach hiesigen Maßstäben normalen Umständen ist es schwerer. sich ständig zu mobilisieren. ich schreibe sozusagen „Randbemerkungen“. das ist übertrieben. weil sie innerhalb dieses abscheulichen Systems nichts tun können. Am Ende geschieht manchmal ein Wunder: Ein Gebrochener richtet sich auf und wird ein Mensch im eigentlichen Sinne. Ein Interesse. dass Solženicyn eine autoritäre. Morgen ist wieder ein Gerichtstermin. der Antizivilisation. Aber das ist ebenso ein Vorteil wie ein Unglück für den. muss man sagen. Mein Überlebensrezept lautet verstehen und verzeihen lernen. Leider. dass ein Angehöriger des Staatsapparates die Peitsche auch auf seinem eigenen Rücken erfahren müsse. Pack erzieht Pack.” Das Gefängnis ist ein Ort der Antikultur. Diese Haltung verdient Respekt. Mit großer Hochachtung M. Doch als „Humanist“ meinte er. Nein. weil sie innerhalb dieses abscheulichen Systems nichts tun können. desto schwerer wird das Verurteilen und desto leichter das Verzeihen. unmittelbaren Widerstands gegen eine feindliche Kraft.

Aber Sie haben sich als guter Schüler erwiesen. könnte auch ein weiser Guru. des Mitgefühls und der Geduld. die dem einfachen Volk spannend und faszinierend scheint. Der Preis dafür war relativ gering – ich wurde bei der erstbesten Gelegenheit entlassen. als lebten wir an verschiedenen Enden des Universums. konnte ich das nicht und stapfte unter den erstaunten Blicken meiner Kollegen in dem Moment aus dem Saal. und am Abend werden wir aus dem Radio etwas darüber erfahren – höchstwahrscheinlich etwas Unerfreuliches. Und zugleich – auf welcher verblüffenden Höhe sich ein ungebrochener Geist und konzentriert arbeitender Verstand wie der Ihre bewegen kann! So sitzt ein tibetischer Mönch in eisiger Wüste und heizt mit seinem warmen Gesäß oder auf andere. Ein Beispiel: Meine Freundin Nataša Gorbanevskaja stellte sich 1968 mit ihrem drei Monate alten Kind protestierend auf den Roten Platz und wurde dafür in eine Nervenklinik gesperrt. bald veränderst du selbst die Richtung. auf der plötzlich Gras und Blumen sprießen. Der Strom trägt dich. Jeder von uns legt seine eigene Grenze fest. uns unbekannte Weise eine Wiese. Klassische „subalterne wissenschaftliche Mitarbeiter“. Ihre Familie. und später fühlten Sie sich im Milieu der „Oligarchen“ zu Hause. dass Sie darüber nachgedacht haben. Sie überschritten die Grenzen des Erlaubten in jenem hochgestellten Kreis. So haben wir nun also noch eine unbestimmte Zeit für unser Gespräch über dieses abstrakte. Wo lagen Ihre ethischen Grenzen in Ihrer Jugend? Wie haben sie sich mit der Zeit verändert? Ich bin ganz sicher. OKTOBER 08 LIEBER MICHAIL BORISOVIČ! Danke für Ihre Antwort vom Tag vor dem Prozess. der umgebenden Welt. Natürlich bröckelten all diese Illusionen mit der Zeit. und du folgst der Strömung. ich habe auch einige Äußerungen von Ihnen dazu gelesen.Xing 23 -316. und in meiner Vorstellung harmonierten die Idee vom „Dienst an der Menschheit“. Schon immer hat mich der Strom fasziniert. Ihre Einstellungen und Absichten. Er hat mich in eine andere Realität hineingeschleudert: Es ist. oder Sie tarnten sich zumindest als „Komsomol-Funktionär“. das heißt. Aber als es am Institut für Allgemeine Genetik. Sie haben Zeit zum Nachdenken bekommen. dass wir aus dem Radio heute erfahren haben. Und immer gibt es einen Ausgangspunkt. Ihr Brief hat mich bestürzt. die er nicht überschreitet. Wahrhaftig. Übrigens will ich Ihnen nicht verhehlen. Jetzt. als die Hand gehoben werden musste. Wir hatten nichts anderes erwartet. Nehmen wir den Ausgangspunkt: Ihre Kindheit. wo ich damals arbeitete. Also orientierte auch ich mich auf die Wissenschaft – konkret auf die Biologie. und danach kommen Momente der „Umorientierung“. Aus schlichter animalischer Angst. Eine sehr bescheidene. Ihr Selbsterhaltungsinstinkt war. auf einer Vollversammlung für eine „Verurteilung“ zu stimmen. ist das Gefängnis im Quadrat – denn was ist ein Karzer in einer Haftanstalt anderes? Tiefer kann man nicht fallen. Sie verletzten das ungeschriebene Gesetz (bewusst oder unbewusst). dass Sie nicht auf Bewährung freikommen. Sie können darüber mehr erzählen als viele. sogar ein Amt hatten – in einer Sphäre. bald treibst du in der Mitte des Stroms. Sie haben eindeutig die Grenzen des Erlaubten überschritten (vollkommen bewusst. wenn ich recht sehe). Ich wäre auch ohne Kind nicht auf den Roten Platz gegangen. wenn auch promoviert. ein geistiger Lehrer. die Jungs da oben machen Sie nicht nur berühmt – bei dem. an dem du dein Leben als Teil des großen Stroms begreifst. Zwangsweise. Der Ort. Ich denke. in der man über solche Dinge nachdenkt? Bei mir geschah das sehr früh: Meine Eltern waren mehr oder weniger Wissenschaftler. die Befriedigung der Eitelkeit und die irrige Vorstellung. denen das Leben keine so extreme und vielfältige Erfahrung beschert hat. Das war meine Grenze. prächtig. Und begann Bücher zu schreiben. an dem dieses Bewusstsein in Ihrem Fall so produktiv wird. Und wie sahen Sie als Kind Ihre Zukunft? Was war Ihr Lebensentwurf. Wahrscheinlich fühlten Sie sich dort unter Ihresgleichen. Und doch gibt es eine wesentliche Gemeinsamkeit. aber interessante Thema und können unseren Briefwechsel fortsetzen. Wie sahen Ihre Lebenspläne aus. in dem der Mensch von seiner Geburt bis zum Tod schwimmt. Hochachtungsvoll Ljudmila Ulitzkaja XING 23 . Eine hochinteressante Geschichte – das einzelne menschliche Schicksal. sollten wir Schritt für Schritt bis zum heutigen Tag gehen. ein Starec oder dergleichen die Regie führen. dass Sie im Komsomol waren. 20 die für mich (ich bin 15 Jahre älter als Sie) vollkommen inakzeptabel war. als Sie jung waren? Ich weiß natürlich. in diesem Augenblick. wohin mein Blick nicht dringt und ehrlich gesagt auch nie dringen wollte. Und zugleich gedeihen auf dieser Wiese seltene Früchte der Erkenntnis – des eigenen Selbst. Aber damit unser Gespräch fruchtbar wird. darum ging. Das Gericht versteht sein Geschäft. nämlich das bewusste Verhältnis zum eigenen Lebensweg. läuft die Verhandlung. Und darüber möchte ich mit Ihnen reden. wenn nicht vollkommen abwesend. so doch zumindest geschwächt. zu der Zeit. die Wissenschaft sei das freieste Betätigungsfeld. was mit Ihnen geschieht. das wieder seine eigene Lebensform hat.

mein Metier war die organisatorische Arbeit. keinen Einfluss auf mich auszuüben. ich kann sagen. Was die „Oligarchenszene“ angeht. mochten die Sowjetmacht ganz und gar nicht. Das war vermutlich die gefährlichste Aktion meines Lebens (fast). so bestanden sie für mich vor allem in einem – niemals meine Position unter dem Druck von Macht statt von Argumenten zu ändern. die Verteidigung des Weißen Hauses . wie zuvor Jagodin. er wurde befördert. Ich danke Ihnen für Ihren Brief. Die Zerschlagung von NTV (ich versuchte den Sender finanziell zu unterstützen. Verehrte Ljudmila Evgen’evna. ihn ebenfalls zu attackieren. obwohl ich meine eigene Meinung über ihn hatte. mich als Praktiker. Er nannte mich „seinen widerspenstigsten Sekretär“ (gemeint war mein Amt als Sekretär der Komsomol-Leitung der Fakultät). So wuchs ich als „rechtgläubiger“ Komsomolze auf. versuchten aber. Manchmal gibt es auch Verschiebungen im Gedächtnis. 2 Der Fernsehsender NTV berichtete während des zweiten Tschetschenienkrieges kritisch. Wir hatten einen wunderbaren Rektor. Eher noch könnte man uns in Erdölleute und Metallurgen. das ist mir heute klar. Deshalb ging ich 1991 das Weiße Haus verteidigen und 1993 den Bürgermeistersitz. Medienleute und Bankiers einteilen – aber auch das trifft es nicht genau. . Meine Eltern. In dieser Hinsicht war El’cin mein Ideal. Dann kamen die Zentren für Technische Innovation. in die Duma gewählt. mir sonst das Leben zu verderben. kann ich mir gut vorstellen. der Kindergarten gehörte zum Betrieb. Ich fühlte mich als Mitglied von El’cins Mannschaft. – Red. ich bin ein Voltairianer. als ich den „Betriebswirtschaftskram“ vorzog. wer meine Freunde waren und wer meine Feinde. den Sender unter staatlichem Druck an den Staatskonzern Gazprom verkaufte. Ich verbot unseren Leuten. denn ich wollte in einen Betrieb. das Wichtigste sei der Schutz vor „äußeren Feinden“. als gegen sie gehetzt wurde und sie sich nicht beugten. Natürlich hätte er mich mühelos brechen können. an emotional Gefärbtes erinnere ich mich. weil sie glaubten. ich glaube. Mit ihm verließen wichtige Journalisten den Sender. Die Arbeit mit ihm rief keinen inneren Widerstand bei mir hervor. und er hetzte auf alle mögliche Weise gegen mich. Vladimir Gusinskij.-410. das Ferienlager genauso. die mir in Wirklichkeit meine Eltern erzählt haben. 1 Centry NTTM (Naučno-techničeskogo tvorčestva molodeži) – diese an die Rajon-Komitees des Komsomol angegliederten Zentren wurden in der Perestrojka zur Einführung und Vermarktung neuer Technologien gegründet. nicht der Eigentümerwechsel. meine Komsomol-Laufbahn fortzusetzen. Hochachtungsvoll M. Bendukidze und Potanin. – Red. der Freiheit des Wortes. aber er tat es nicht. . Chodorkovskij legte am Moskauer NTTM ab 1987 mit Import-Export-Geschäften den Grundstein für sein späteres Vermögen. so habe ich mich immer gegen eine solche Verallgemeinerung gewandt. war ich furchtbar enttäuscht. Die beiden gaben mir ein XING 23 echtes Beispiel in Sachen Mut. Als einer von sehr vielen. damit Sie mich nicht falsch verstehen. Gennadij Jagodin. lieferte ihn nicht ans Messer. Interessanterweise hatte mir der Parteisekretär meines Instituts 1987 vorgeschlagen. Als ich nach dem Studium eine Stelle in einem Ministerium (bei der Bergbauaufsicht) zugewiesen bekam. Der neue Eigentümer entließ im Frühjahr 2001 den Programmdirektor Evgenij Kiselev. Was im Grunde nicht verwunderlich ist: Meine Eltern haben ihr ganzes Leben in einem Betrieb gearbeitet. obwohl es mehr als genug Material dafür gegeben hätte – aber er war schon ein sehr betagter Mann. also bewarb ich mich stattdessen beim Kreiskomitee des Komsomol. sondern für deren Rüstungszweig. was mir in meinem ersten Prozess zum Vorwurf gemacht wurde) wurde zu meinem „Rubikon“. Ich hoffe auf Fortsetzung unseres Gesprächs. und im Politbüro saß der Minister für Baustoffindustrie Boris El’cin. und darum gehörte ich 1995–1996 zum informellen Wahlkampfstab. Wegen Boris Nikolaevič sagte ich auch nichts gegen Putin. NOVEMBER 08 SEHR GEEHRTE LJUDMILA EVGEN’EVNA! Danke für Ihren Brief und Ihr Interesse.1 die eigene Firma. ich und Prochorov. Was die persönlichen Grenzen angeht. Kislova stand fest hinter El’cin.2 Hier breche ich erst einmal ab. 21 . weil es eine Möglichkeit war. Ich hatte auch ein zweites Mal Glück. ein Anhänger des freien Denkens. das heißt. Bei der Wahl meines Lebensweges entschied ich mich nicht nur allgemein für die chemische Industrie. Apropos – 1999 wurde Egor Ligačev für das Gebiet Tomsk. Wir waren ganz unterschiedliche Leute: Gusinskij und Berezovskij. Baubrigaden. wo ich damals arbeitete. sondern ließ mich meinen Charakter festigen. Die Komsomol-Arbeit am Institut war natürlich nicht Ausdruck meiner politischen Gesinnung. Leider verließ er 1985 das Institut. und der Betriebsdirektor war überall der wichtigste Mann. ohne den geringsten Zweifel daran. Wir hatten völlig verschiedene Ziele und verschiedene Lebensauffassungen. und war verblüfft. Die Zerschlagung der Mannschaft. Was sie das gekostet hat. an alles andere kaum. ich erinnere mich an Dinge. denn ich meinte. Um Ideologie habe ich mich im Grunde nie gekümmert. Meine Erinnerungen sind sehr bruchstückhaft (emotional). sondern meines Führungsstrebens. Dennoch – „ganz deutlich“ wollte ich schon als Kind Betriebsdirektor werden. das heißt. bis sein faktischer Eigentümer. als Manager zu verwirklichen. Die Leiterin des Parteikomitees unseres Moskauer Stadtbezirks war Kislova. Betriebspraktikum – das alles gefiel mir sehr.

ohne den geringsten Zweifel. Demnach war meine auch Waffen zum Schutz der Heimat. ein begabter junger Mann. passten sich an den damaligen Mechanismus an. Praktiker. Sie befanden sich im Inneren des des Landes bereits von jeglicher Ideologie verSystems. „Progressive“ denen oder parteinahen Personen ein Vorurteil. wer Beispiel Sie. -518. und Jahre später. wer in Bulgarien Sekretär des ZK sei. Mit der Zeit. in Ihrer Umgebung. sind wir froh über die Befreiung. Ich rede vorerst nur von meinen Vorstellungen. werden wir auch zu den Ihren kommen. Besonders rührend ist die Unschuld. dass ein anständiger ich. Es blieb nur eine leere ben. Ihrer und richtige Weise etwas produzieren. immer und überall bereit. nicht befreundet war. die man sich leicht ausmalen könnte. die in der neunten Klasse Schreibmaschinenkopien von Solženicyns Archipel Gulag und Orwells 1984 lasen. ehrlich und anständig. Doch Sie waren ja gerade an Ihrem Brief erstaunt – dass der eine oder ein Junge aus einer anständigen Familie. Dort saßen zum aufwachsen. und Ihre Mutter. dass mein Bild nicht voll­ Aber dieses Streben ist doch nur eine höflichere ständig war. Ich habe keinen Grund. um meine Beurteilung abzuholen. bis hinunter scharten eine Mannschaft um sich. Und Sie absolute Ablehnung gegen alle parteigebunerlebten dort. auf sinnvolle das also doch. wenn sie zusammenbrechen.zur Kindergärtnerin). Hülle. und Sie saßen Anfang der 1980er dort. auch für die Rüstung zu arbeiten. Als ich mit meinem Reise-Berechtigungsschein in der Tasche voller Abscheu ins Komsomol-Komitee der Fakultät ging. und Sie fanden dort Ihren Platz und abschiedet (und nicht nur sie. der Freund war und wer Feind? Offenbar ging Betriebsdirektor werden wollte. gesunde „Sechziger“ – Ingenieure. fanden Ihren Platz darin und arbeiteten effektiv. Und heute auch für Frauen. fröhlich und lebhaft. saßen dort entweder eingefleischte Karrieristen oder Idioten – und ich musste ihnen die Frage beantworten.. Sie schrei. wandten sich angeekelt von der Macht ab und schrieben bestenfalls ihre Dissertation. Die Kinder der „Sechziger“. arbeiteten als Ärzte oder Fahrstuhlführer oder beteiligten sich an der sozialen Bewegung. Wie andere dieser Leute in den 1980er Jahren viel. Ihr Vater. Sie zu einem Kreis von Menschen. ein Teil emigrierte in den Westen. alle. gehört für einen normalen Mann zum Leben oder im Büro nebenan.Ljudmila Ulitzkaja. vielleicht Analyse zu misstrauen. Zwei Jahrzehnte Altersunterschied schließen eine Situation aus. Ihre Eltern waren solide. Jetzt sehe ich. eine Gitarre in der einen und ein Glas in der anderen Hand. hoffe ich. die später als „Dissidenz“ bezeichnet wurde.konnten Sie dann als „gläubiger“ Komsomolze leicht positive Motive hatte. Auch ihr Verhältnis zur Sowjetmacht war klar: Sie kann uns mal . gelinde gesagt. NOVEMBER 08 SEHR GEEHRTER BORISOVIČ! MICHAIL Ihr Brief hat mich überrascht: Das halbe Leben lang basteln wir an unseren Vorurteilen und Klischees. die Ideologie habe Sie nie interessiert. wie El’cin und „Rückwärtsgewandte“ wie In den 1980er Jahren hatte sich die Führung Ligačev. mit denen Nur schien mir immer. dann nehmen sie uns die Luft. Sie aber blieben davon irgendwie verschont. Das war in den 1960er meine ich nicht als Schimpfwort. Karriere Jahren. Karrierismus Mein Abscheu gegen das Sowjetsystem war so 22 XING 23 . Also. Zweifellos gehörten unbedingt dazu. Definition von Karrierismus. Gäste aufzunehmen oder einer Freundin in einer schwierigen Lage zu helfen. wären wir gleich alt. Vielleicht sogar ganz falsch.. Manche dieser Kinder saßen als Erwachsene in den 1970er und 1980er Jahren im Gefängnis oder im Lager. mit der ein junger Mann wie Sie bereit war. weil man ja die Heimat verteidigen musste. wichtig sei Ihr „Führungsstreben“ gewesen. Mensch die Spielregeln in diesem System nicht Und nun stellt sich heraus – und das hat mich akzeptieren kann.

Hatten Sie das Gefühl.. Die zum Teil sehr Parteifunktionär. davon träumten.. Gajdars Ihre Eltern kennen und fand eine unglaublich Reformen könnten ein funktionierendes wundervolle Insel für Waisen und Halbwaisen Wirtschaftssystem schaffen. mit der ein junger Mann wie Sie bereit war. dete schlecht – er legte das ganze Land dem Ich zähle Sie nicht mehr zu den Oligarchen. die ich zusammen mit befreundeten Psy­ scheint. auch für die Rüstung zu arbeiten. Verzeihen Sie. ein Wendepunkt in Ihrem vieles. durch das sie die Umwelt verschmutzt. und was Voltaire angeht: Der hat mit Demonstration zu gehen? seinen Ideen die ganze Welt verrückt gemacht. ließ er in ein Waisenhaus bringen. Eine Korrektur meiner Frage: Beamten blieben und wechselten allenfalls Welche der Ideen aus Ihrer Jugend. den ich nicht teilen konnte.. worüber ich noch gern mit Ihnen reden würde. seine Werte . Ich wünsche Ihnen Gesundheit. auch wenn Sie es mit anderen Worten cho­ loginnen besuchte. Verhältnis zur Regierung sei die Zerschlagung Hatten Sie damals ein bestimmtes Re­ form­ von NTV gewesen. große Teile des Kuchens Milieu an irgend­ wem orientieren. dass dieser Prozess Und schließlich die heikelste Frage. dass Sie bei aller praktischen und pragmatischen Ausrichtung Ihre romantischen Illusionen noch nicht verloren haben.umkehrbar war? Wäre NTV erhalten gebliekel. die sich für sind Sie mit dieser Staatsmacht. Sie waren bereits passiert? verhaftet. hätte sich Ihre Beziehung zum Kreml die Frage auch wieder zurückziehe. dass ich ben. Der Unterschied liegt lediglich in der Größe des Rohrs. jemandem ab – zur Verwaltung oder als Eigentum. So hei. „Betriebsdirektor“ zu werden. das derzeit von seinen Eltern verwaltet wird. nur wenige wurden verjagt. Aber es en. letterbox in Russia XING 23 23 . aber er hat es vor. Ging es bei Ihrem Konflikt etwa wirklich um Information. Es gab einen großen eine Art Naturgesetz zu sein: Je erhabener die Enthusiasmus. haben Sie sich bewahrt? Welche verloren? Ich große Pläne und gute Absichten. Festigkeit und Ruhe. war ich im Lyzeum Koralovo. Und ich will. Sogar ein Idol finden. die man sich in diesem spät­ kommunist­ isch­ en El’cin nahe standen. vertrauen konnte. Das hat zwar noch nie jemand geschafft. Ideen. die er mit seiner Dienerin eine Lustration gibt.“ Ljudmila Die Presse ist auf der ganzen Welt käuflich und den Regierenden hörig. später in verschiedenen Zusammenhängen die Person El’cins ein? Und falls sich Ihre auf Spuren Ihrer Stiftung Offenes Russland Einschätzung geändert hat – wann ist das stieß. Bilde Links: Yaroslav B. Das räumen auch Sie ein.. aber leider erst im Nachhinein. desto hässlicher die Lebenspraxis . Auch das ist Ihr Werk. Eine Lustration gab es nicht: Fast alle hohen Noch etwas. Die Illusionen sind dahin. Aber das „goldene Zeitalter“ ist vorbei. saß ich „Betriebsdirektor“. Tatsächlich hat jeder kon­ zept oder waren Sie vollauf zufrieden Mensch „seinen Rubikon“. Noch ein Thema möchte ich gern mit Ihnen erörtern: Das Privatleben unter dem Druck der Gesellschaft. dass El’cin Charisma hatte. nicht um Erdöl? Das hieße für mich. als Sie den Posten. Doch bis dahin mit den großen Möglichkeiten. aber vielleicht kann ich ihm zumindest möglichst nahekommen. Wie bewahrt man seine Würde. zehn Jahre später. die zusehends Unternehmer eröffneten? Zweifellos waren jeden Anstand verlor. Wie verändern sich diese Werte? Verändern sie sich überhaupt? Die spezifischen Erfahrungen. Mir ist klar. Vor einigen Jahren. wie mir ige. wenn es möglich ist. weil man ja die Heimat verteidigen musste. Wo verlief für Sie in dieser zu Hause und fragte mich traurig: Warum Zeit die Grenze des Erlaubten? habe ich keine Lust. Und noch eine direkte Frage: Betriebs. Nach ein paar Tagen sagte ich mir: Wenn es aber die Kinder. Imperiums ist hochinteressant und erklärt Sie schreiben. und als damals alle meine brutal verliefen. Besonders rührend ist die Unschuld. einen von Ihnen finanausdrücken. dann werde war das Rousseau? In jedem Fall scheint das ich daran glauben. Damals waren Sie bereits Freunde zum Weißen Haus liefen. passten sich an den damaligen Mechanismus an. solange es nicht zu spät ist. lernte Eine Zeitlang glaubte ich.” Sie aber blieben davon irgendwie verschont. lassen sich nicht mit unseren hier vergleichen. dass die Zeit implodiert. zierten Com­ puter­ raum entdeckte. vielleicht ist einiges in diesem Brief zu hart geraten. – Red. die ein Mensch im Lager macht. dass Sie nicht antworten müssen. Das nur als Ankündigung. und als ich Wie schätzen Sie heute. Dieser ersten Verteilung folgte eine Reihe El’cin war für mich nur ein gewöhnlicher von „Umverteilungen“. Sein Buch über den Fall des Europa gesehen.meine natürlich Ihr Wertesystem. Zum Überlegen bleibt wenig Zeit. „zum Wesentlichen“ vordringen. fanden Ihren Platz darin und arbeiteten effektiv. wie die Entnazifizierung hatte. Schöne „saubere Hände“ seit ich in einer Strafkolonie für Minder­ jähr­ waren das. Oder in Deutschland nach dem Krieg. mit den anderen zur Ach ja. dass ich es für ausgeschlossen hielt. Ich habe das akute Gefühl.3 Dergleichen hatte ich noch nirgendwo in nicht geschafft. Zu einem wieder einrenken können? Chodorkovskijs Stiftung Otkrytaja Rossija unterhält in der etwa 40 km von Moskau entfernten Ortschaft Koralovo ein Internat für bedürftige und obdachlose Kinder. dass bestimmten Zeitpunkt bekamen Leute. KGB in die Hände. ja ganz gut zurecht Sie ja ein sehr guter Direktor eines riesigen gekommen. Hochachtungsvoll Ljudmila 3 groß.

wo 20 Frauen aus verschiedenen Betrieben und zwei. Auch das werden Sie kaum glauben: Ich begriff nichts. – Red. dass ich in der damaligen Gesellschaft kein „weißer Rabe“ wurde. unter den verständnislosen Blicken der befehlshabenden Offiziere unserer Fakultät. Genau so dachte ich. Sie lachen? Das würde ich auch gern. Das ist mir heute klar. trotz seiner „Übertreibungen vor Ort“. El’cin Geld zu geben (als Kredit an die Regierung. Ihren Brief zu erhalten. Wir mussten schließlich bereit sein. Statues of Vladimir Ilych Lenin. XING 23 . Ohne die geringsten Befürchtungen. sogar in Friedenszeiten. Den ZK-Sekretär für Verteidigung Baklanov kannte ich nicht. Die Mädchen schreiben mir übrigens bis heute. Brežnev und Černenko betrachtete ich mit Spott und Verachtung – Gerontokraten. habe ich aber später. sogar in Friedenszeiten. GKČP) an. einige unterstützten auch die Putschisten von 1991 (wie zum Beispiel Baklanov. äußerte sich aber nie dazu. unser Leben für die Heimat zu geben. Besonders an der Universität – ich studierte an einem Institut für Rüstungsforschung – und wer aus dem Komsomol ausgeschlossen wurde. mein Institut war ebenfalls durch und durch „proletarisch“ – 70 Prozent der Studenten waren von Betrieben zum Studium delegiert worden. In bestimmten Dingen stur. keine Übertreibung. Als ich während des Studiums in einen Betrieb geschickt wurde. 24 Foto rechts: © Marc C. wir mussten dahin gehen. drei junge Männer saßen – wir stritten mit ihm.Xing 23 ” Wir mussten schließlich bereit sein. oder Anatolij Luk’janov. damals war es das nicht. später zahlte ich es zurück. praktisch einstimmig. Felix Dzerzhinsky and Jozef Stalin at Grutas Park in Southern Lithuania. Kann ich aber nicht. der keine Komsomolze oder kein Kommunist ist? Das ist kein Scherz. auf mein Ehrenwort hin. Meine Eltern haben dafür gesorgt. Was das Gefühl der Bedrohung durch einen äußeren Feind angeht: Es war ebenso intensiv wie das. 4 Ivan Silaev leitete in den letzten Monaten vor der Auflösung der Sowjetunion u. Einige meiner Bekannten. Exmatrikulierte automatisch auch aus dem Komsomol auszuschließen. und das Komitee stimmte für mich. Sie wussten. Für Andropov empfand ich Respekt. arbeitete an der Automatenpresse (beinahe hätte ich mich selbst und einen Freund durch eine Unachtsamkeit ins Jenseits befördert). war erschüttert und hasste Stalin. weil er die Sache der Partei für seinen eigenen Personenkult in Verruf gebracht hatte. und wie konnte man das von jemandem verlangen. keine Übertreibung. wofür ich das Geld brauchte. gaben sie es mir. Meine Schule lag am proletarischen Stadtrand. Mehr noch – weder in der Schule noch am Institut habe ich „weiße Raben“ getroffen. 5 Oleg Baklanov gehörte dem selbsternannten Staatlichen Komitee für den Ausnahmezustand (Gosudarstvennyj Komitet Črezvyčajnogo Položenija. denn ich war überzeugt: Nicht jeder Komsomolze ist zum Studium geeignet. und wie konnte man das von jemandem verlangen. Sie haben mir zurecht den Kopf gewaschen. Eine von ihnen war meine erste Frau. und sie sagten nichts. Was wir alle richtig fanden. -65. Ich war genau wie sie Soldat in einem virtuellen Krieg.) Das erwähne ich deshalb. Übrigens nahm ich als Berater von Silaev4 an der letzten Sitzung der MIK (Militärisch-industrielle Kommission) teil – also der „Neun“ plus Verteidigungsministerium. doch ich ließ mich wieder in den Betrieb schicken – alte Granaten demontieren. Er kam ins Komsomol-Komitee. doch als ich sie um Geld bat. Übrigens legte ich mich offen mit dem Sekretär des Parteibüros an. Bei der Grundausbildung wurde ich zum Unteroffizier befördert und zum stellvertretenden Politoffizier ernannt. Wir verteidigten. dessen Tochter jetzt meine Anwältin ist. Obwohl sie damit ihren Kopf riskierten. Johnson.“ M. saß ich dort nicht in der Bibliothek. damals war so etwas möglich!). zu einem der Zweige des Militärisch-Industriellen Komplexes. zu den mächtigen „Neun“ zu gehören. El’cin wusste davon. weil die Leute auf der anderen Seite der Barrikade keineswegs eindimensional waren. das Komitee zur operativen Leitung der sowjetischen Volkswirtschaft und war in dieser Funktion faktisch der letzte Ministerpräsident der UdSSR. Aber das ist ein Thema für sich. der keine Komsomolze oder kein Kommunist ist? Das ist kein Scherz. nach 1991 aus Branchen-Solidarität zu mir geholt. wurde automatisch auch exmatrikuliert. sondern schaufelte Hexogen (Sprengstoff). Also demontierte ich Granaten. Bei uns gab es überhaupt keine Dissidenten. Genau so dachte ich. der nicht meiner war. was wir für die Wahrheit hielten. Wir waren schließlich Komsomolzen. Das Umgekehrte aber erschien mir für ein Rüstungsinstitut vollkommen richtig. Teils von diesem Geld kaufte ich Jukos. mit einer anderen bin ich inzwischen seit zwanzig Jahren verheiratet.a. Als Sekretär des Fakultätskomitees weigerte ich mich.5 1996 weigerten sich die Rüstungsleute ganz offen. unser Leben für die Heimat zu geben. wo es am gefährlichsten war. Ein Tag im Leben des Ivan Denisovič habe ich gelesen. Aber wir waren aufrichtige Soldaten. waren sie in anderer Hinsicht absolut anständig. die ich für gute Menschen halte. Der Parteisekretär beschwerte sich beim Rektor – Jagodin. Ljudmila Evgen’evna. JUNI 09 SEHR GEEHRTE LJUDMILA EVGEN’EVNA. waren im ZK der KPRF. die der Partei schadeten. das im August 1991 gegen Gorbačev putschte. ich habe mich sehr gefreut.

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sondern als Personenschützer. Es gab auch andere – die NKVD-Leute. stellvertretender Betriebsleiter.Ljudmila Ulitzkaja. als er es getan hat? Wäre es auch ohne Thermidor und neue Stagnation. Und ob sie das kann! „nicht biegsam“. Und die wurden geduldet. Hätte man Russland stärker oder besser verändern können. von denen ich sprach. Ein echter 6 indem sie sich weigerten. dass Übrigens hat keiner von ihnen (von den Spezialisten) mich je um er gehen musste. Mit „Wir“ meine ich die Rüstungsleute. Obgleich ich die Kandidatur Putins nicht begrüßte. Zusammenarbeit mit dem KGB sehr ernst. zur Spionageabwehr. mieden sie. denn sie hatten Das war ebenso ein Platz für „Andersartige“ wie die Wissenschaft. Und ihre Kollegen retteten uns das Leben.Produktionsleiter oder als Betriebsdirektor wurden andere eingesetzt. ” Wir nahmen die Zusammenarbeit mit dem KGB sehr ernst. sondern als Leader. Aber als die Rüstungsleute. Er arbeitete für uns und kontrollierte uns zu. Das waren solide. andere nur indirekt. hochqua. allerdings keineswegs unsere „politische Reife“. lifizierte Spezialisten. das ist der Weg der meisten „Erfolgreichen“. Ich stimme Ihnen nicht zu  – beurteilen. Wir nahmen die So konnte man zweiter Sekretär werden. ist mir hier im Gefängnis sehr nützlich. Ja. Einige von russischer Zar. denn Karrieristen machten auf Personenschützer. Mehr noch. allerdings keineswegs unsere „politische Reife“. hochqualifizierte Ich will Ihnen etwas noch Riskanteres sagen. Mir sind wir als auch die Spezialisten. kann ich nicht Nun zu Führerschaft und Karrierismus. Aber Boris Nikolaevič war eine markante Figur. ganz im Sinne Vaterländischen Krieges im Untergrund gearbeitet. mit allen Vor. 1999 fand auch ich. das Weiße Haus zu stürmen. Sie waren froh. Und dafür hatte man sich zu verantworten. helfen. Arbeit zu finden. Er ihnen kannte ich persönlich. Was ich von ihnen der Parteitradition. gelernt habe. hat viel Gutes und viel Schlechtes getan. Karriere im schlechten Sinne – das ist Aufstieg über die Stufen der bürokratischen Leiter. alle seine negativen Seiten klar. Das waren solide. Geld gebeten. Ein Fels. aber ihre Erfahrung noch jemandem nützen konnte. Einige von ihnen hatten während des Großen Jagodin wie El’cin duldeten mich als „direkten Leiter“.solchen Posten Murks. zur Spionageabwehr. dass nur in einem anderen Sinn: politisch auf der richtigen Linie. Gefängnisse und Konzentrationslager überlebt. das ist nicht dasselbe. Mit „Wir“ meine ich Verwaltungschef und sogar stellvertretender Minister. gleich. Wovon mehr.und Nachteilen dieses Phänomens. Allerdings konnte ich nach 1991 einigen von ihnen und Putin weiß das. sowohl Über Boris Nikolaevič kann ich nicht unparteiisch sprechen. ohne Rückkehr der „Genossen von den Organen“ gegangen? Ohne den 26 XING 23 . und zwar durch Kriecherei und Speichelleckerei. Die mochte niemand. Er arbeitete für uns und kontrollierte uns zugleich.

Sinnvoll investiert. Eine Idee zur Umgestaltung des ganzen Landes. war ich 23. Worin die bestanden. Als meine Ideen nicht genehm waren. In der Regierung nannten wir das aktive Industriepolitik (nicht nur die Schaffung solcher Komplexe. <http://news. Ja. wobei ich ankündigte. aber von ähnlicher Struktur). Siberian typical family food. denn sie hatten Gefängnisse und Konzentrationslager überlebt.bbc. Sibirien . ärgerten sich. ohne den Sturm des Weißen Hauses? Vermutlich. Siberia Russia Bild oben rechts: © Enrique Galindo. verließ ich die Regierung. Zum Beispiel die frei konvertierbaren Voucher. XING 23 27 Dafür habe ich später – und hier können wir von den Grenzen des Erlaubten reden – jede Lücke im Gesetz ausgenutzt und den Mitgliedern der Regierung immer persönlich dargelegt. aber man unterstellte mir – wie immer – eigennützige Interessen.Spezialisten. gefährdet. Einerseits habe ich natürlich alle mir zur Verfügung stehenden Mittel in die Industrie investiert. welche Lücke in ihren Gesetzen ich wie nutzen werde oder bereits nutze. Ich hatte gleich gewarnt. Wir haben es nicht vermocht. Bild oben links: © Enrique Galindo. Einerseits habe ich objektiv die Industrie gefördert. Chronika puča. aber eine Vorstellung von der Reform der Wirtschaft. den Blödsinn zu nutzen. dass die tschechische Variante besser sei (dort gab es „geschlossene Fonds“). womöglich die Sünde der Eitelkeit. dann eben nicht. Wenn nicht. den sie verzapfen würden. ihn zu verurteilen? Als wir uns kennenlernten. die nicht die schlechteste war. nach dem Vorbild von Gazprom (nicht unbedingt so groß. sondern auch eine gewisse konkrete Zielsetzung.uk/hi/russian/russia/ newsid_5265000/5265886. schlossen die Lücken mit neuen Gesetzen und Anweisungen. hatte ich zu Gajdars Zeit nicht. Fish Market at Angara river near Baikal lake.“ Tschetschenienkrieg. Aber ich muss sagen. Hatte ich „im Großen und Ganzen“ recht? Ich bin nicht sicher. war allerdings unklar. ist mir hier im Gefängnis sehr nützlich. anderen Versionen zufolge wurde dieser Befehl – nicht zuletzt aufgrund der Bedenken der Kommandeure – nie erteilt. Er ist tot. das war eine kleine Rache. Nicht er – wir alle. Ich war für die Schaffung und anschließende Privatisierung großer wissenschaftlich-industrieller Komplexe. Welches Recht habe ich also. die Festlegung von Aufgaben und Prioritäten). und ich schade damit niemandem. andererseits habe ich die Regierung. Einige von ihnen hatten während des Großen Vaterländischen Krieges im Untergrund gearbeitet. Was ich von ihnen gelernt habe.co.stm>. Ich habe nie geprotzt und das auch anderen 6 Beim Augustputsch 1991 verweigerten die Mitglieder der KGB-Spezialeinheit Al’fa angeblich den Befehl zum Sturm des Parlamentsgebäudes. Es war eine Art ständiges Turnier zwischen uns. sie verhielten sich anständig: Sie prozessierten. dass das ein schlechtes Ende nehmen würde. als historisches Gebäude. warfen mir aber nie unfaires Spiel vor. – Red. Ich stritt nicht weiter. Und ich möchte mir meine Erinnerungen von damals bewahren.

Auch vor 1998 war ich mit Problemen konfrontiert gewesen. Eine solche Hemmungslosigkeit wie heute. ging bis zum Obersten Gericht der Russländischen Föderation. Solange in der „oberen Liga“ noch keine ehemaligen Mitarbeiter der „Rechts­ schutz­ organe“ mitspielten. Ständig unterwegs sein. denn sie hatten keine Ahnung.Xing 23 ” Ich kann nicht unerwähnt lassen. Bei den „Pfandversteigerungen“ waren aber beispielsweise 800 Betriebe auf der Liste. Und meine Rechts­ abteilung. aber insgesamt ging es damals in der oberen Liga. Ich hatte kein Geld. konnte nichts dagegen tun. eine Reihe von Hüttenwerken und die berüchtigte Firma Apatit7 gehört. Das war die übliche Praxis: PR-Kampagnen. um die Schulden zurück zu zahlen. Lobby-Arbeit. klagte er. dass der wichtigste Grund für die Änderung meiner sozialen und unternehmerischen Prinzipien die Krise von 1998 war. aus reinen Sicher­heits­er­wägung­­en. Er weinte sich darüber bei meinem Anwalt aus. und als er dies ablehnte. das war damals schwer vorstellbar. Als ich den Bereichsleiter Förderung Fazlutdinov entließ. Auch von Kriminellen wurden wir kaum behelligt. bekam Recht und erhielt von mir über 40. übertrumpfte ich ihn bei der Auktion. Natürlich gab es auch brutale Typen. Als beispielsweise der inzwischen verstorbene Volodja Vinogradov (Inkombank) mich beim Kampf um die VNK8 behinderte. Ein Spiel. aber das waren Dinge. Nur als ein Spiel. was bei solchen Riesenunternehmen zu holen war und wie. Ich selbst musste alles andere aufgeben. Aber nichts Verbotenes. Wer durch so etwas aufgefallen wäre. alle zuvor erworbenen Betriebe verkaufen. Dann das Jahr 1998. da Leute sich sicher sind. wie teuer sie ein verlorener Prozess zu stehen kommen würde. Nein. Die Banken drohten. geradezu unglaublich. das war richtige Arbeit. Zwar konnten die Leute aus dem Staatsapparat einen unterstützen. Der Regierung ihre Fehler bei der Gesetzgebung zu demonstrieren. In der „oberen Liga“ spielten höchstens zwei Dutzend Leute mit. wenn sie nur die richtige „politische Position“ haben – nein. Mehr waren es einfach nicht. Nur als ein Spiel. nie gestattet. Ich kann nicht unerwähnt lassen.000 Dollar Entschädigung (das war damals sehr viel Geld). Bis dahin hatte ich das Unt­ er­ nehm­ er­ da­ sein als ein Spiel betrachtet. mit dem hätte einfach niemand mehr Geschäfte gemacht. um mit mir zusammen zu spielen. Wir alle machten einander höchst selten Konkurrenz. mit denen ich nichts zu tun hatte. Nachdem Rosneft’ Jukos übernommen hatte. Der Ölpreis fiel auf acht Dollar pro Barrel. um Jukos zu schultern. bot ich ihm eine Abfindung an. Bis dahin hatte ich das Unt­er­nehm­er­da­sein als ein Spiel betrachtet. Und jeden Abend wieder zu ihren eigenen Sorgen und Angelegenheiten zurückkehrten. In Russland kaufte uns niemand das Öl ab. ziemlich harmlos zu.“ M. wenn auch sehr großen. was man tat. Kollektivs. unsere Aus­ lands­ kon­ ten zu sperren. Berezovskij gab mir einen Kredit – 80 Prozent Jahreszins. dass sie nicht zur Verantwortung gezogen werden. Es gab eine weitere Grenze. dass man das. das war das größte intellektuelle Vergnügen auf diesem Gebiet. die Bank aufgeben. Die Unternehmen der anderen interessierten mich absolut nicht. Was die „Brutalität“ bei der Aneignung und Umverteilung angeht – die Antwort auf diese Frage ist zum Lachen. der seinen Fall in der Firma bearbeitete. und sie taten das vielleicht. für die ich persönlich keine Verantwortung trug: Das war die „Lage“. Genau das ist der Grund. Die Katastrophe. vor einem Schiedsgericht (das nicht unbedingt vollkommen unabhängig war. Zum Beispiel hatte mir bis dahin die gesamte Baustoffproduktion für ganz Moskau. dass der wichtigste Grund für die Änderung meiner sozialen und unternehmerischen Prinzipien die Krise von 1998 war. Aber sie waren sich stets bewusst. als ich kam. warum alle Nachforschungen der General­staats­anwalt­ schaft in den letzten Jahren so wenig überzeugende Ergebnisse gebracht haben. Keiner zahlte. bei dem Hunderttausende jeden Morgen zur Arbeit kamen. war die Grenze so gezogen. dass sie dem Premierminister und dem Präsidenten Rede und Antwort stehen müssen. und dafür war ich persönlich verantwortlich. Bei dem ich gewinnen musste (wollte). wurde er einfach hochkant aus dem Gericht geworfen. 28 XING 23 . Das war kein Spaß. Wir alle zusammen konnten höchstens 70 schaffen. Die Banken stellten einfach den Zahlungsverkehr ein. über meine soziale Verantwortung jenseits meines. keine Miliz. und exportieren konnten wir auch nichts. sogar – was sie besonders schrecklich fanden – den Medien. und nicht nur ihnen. Geld. es gab Risiken. aber auch nicht so stark kontrolliert wie die heutigen BasmannyjGerichte9) verteidigen konnte. aber bei dem auch Verlieren kein Beinbruch war. Und er wäre schnell geliefert gewesen. Das Lachen verging uns nicht gleich: Das überleben wir! Dann der August. zahlbar in Devisen. und kein Geld für die Löhne. verglichen mit den jetzigen „feindlichen Übernahmen“. die wusste. Gesetzeslücken aufzuspüren und sie vollständig oder teilweise auszunutzen – das war unsere Grenze. wir hatten mit dem allgemeinen Schlendrian und Verfall genug zu tun. Was mich natürlich einiges kostete. um davon selbst zu profitieren. die Produktionskosten lagen bei zwölf Dollar pro Barrel. Aber zugleich habe ich mir nicht viel Gedanken gemacht über die Menschen. Das ist natürlich sehr schematisch ausgedrückt. Doch die Leute hatten ganz real nichts zu essen.

weniger bedrückende Angelegenheit. . in: OSTEURoPA.. alle verletzt“ habe ich nie für richtig gehalten. licher gesagt. 7–37. ben Verständnis. was Vorrang hat – Eigentum oder Pressefreiheit? Ich halte unsere Gesetze im Großen und Denn NTV hatte ja tatsächlich Schulden bei Ganzen für in Ordnung.“ Nach dem August 1998 über mein Land zu sagen. Wir sind schon dankbar. hier S. Aber sie fallen vor Hunger „Unser Land ist eine belagerte Festung. Gemeinheiten halten schon durch . An die Stelle dieser Vorstellung ist Medikamente bezahlt und die Leute in Kur ge. Ich hätte mich jedenfalls nicht aus dem Fenster gelehnt. in Ohnmacht. XING 23 29 . Ich konnte nicht mehr „lichte Zukunft“ der Menschheit habe ich einfach nur „Direktor“ sein. der eine ganz andere: Unsere Gesetzgebung (wie gleiche Chancen für alle Kinder gewährleidie jedes anderen Landes auch) lässt zahl. 7/2005. liegt darin.. als sie durchgedrungen waren. Er sitzt Sie hergekommen sind und mit uns reden.das Verständnis für die Interessen von Ländern schickt. Besonders die Jungen. höf. und der Russ­ länd­ ren nicht angewendet wird (und nicht ange. „die selektive Anwendung des Bis die all­ ge­ mein menschlichen Werte zu Gesetzes“. Gutes erwartet. dauerte es länger. dauerte es länger. zu beweisen. – Red. Was dann das ist eine Katastrophe. Das Basmannyj-Bezirksgericht der Stadt Moskau. was ich mir ansehen soll. 9 Der Ausdruck „Basmannyj-Gericht“ steht für politisch willfährige Justiz. streiken nicht – sie ha. Der Jukos-Chodorkovskij-Prozeß. aber nun – kein Geld. Ich hatte plötzlich das Gefühl. selbst wenn es mich hat es keinen einzigen Streik mehr gegeben. Denn Noch einmal zu meinem Verhältnis zum hinter dem schönen Traum versteckte sich Gesetz. und der aufgedeckte Betrug hat in deten wir die Stiftung Offenes Russland. Eine. Doch die Idee von einem sozialen Staat. der Wenn du die Gesetze verletzt hast.stet – diese Idee ist noch lebendig. Im Jahr 2000 grün. 1997 übernahm Jukos ein Kontrollpaket der VNK-Aktien und gliederte die Gesellschaft in den folgenden zwei Jahren in den Konzern ein. die Staaten und Eliten.. genau in dem Moment. Ich glaube. so wie ich es auch sonst immer gehalten hatte. Als die Krise überwunden war. hätte ich die nachfolgenden Ereignisse womöglich weniger aufmerksam wahrgenommen. Aus dieser Sicht ist das Gefängnis eine klarere.” Bis die all­ge­mein menschlichen Werte zu mir durchgedrungen waren.Ich glaube. Und vor allem und Völkern getreten  – die mit denen der diese verständnisvollen Gesichter. Wäre NTV erhalten geblieben. dass auf Jukos eine ganz be. sie sind nicht Gazprom. Du gehst zu deinen Arbeitern. stellte in Zusammenhang mit den Prozessen gegen Anteilseigner und Top-Manager von Jukos-Menatep mehrfach im Schnellverfahren Haftbefehle aus. die Gerichte – und gab NTV 200 Millionen Dollar. meinem Herzen Bitterkeit hinterlassen. Natürlich war dieser Ausgang nicht mein Ziel. Ein weiser Mensch hätte diese Alternative vermutlich zu vermeiden gewusst. S. wird. Leute. sehr dazu drängt.Jugend. – Red . das als Haftgericht der Generalstaatsanwaltschaft fungiert. habe ich rebelliert. – Red. Noch einmal danke für Ihren Brief. später in der Anklage gegen mich auftauchte. Aber erst reiche „weiße Flecken“. 12–17. und sie Nun zu den Ideen und Werten meiner brüllen dich nicht an. wir sind von gen können. nicht imeinfach sagen: „Wir haben auch gar nichts mer übereinstimmen. Und Feinden umgeben“– das habe ich natürlich die Krankenhäuser . Das war 2001 – es ging um NTV.Verteidigungsbereitschaft. 7 Die Privatisierung des Unternehmens Apatit. Damals kam ich für mich zu dem schlechter und nicht besser als in anderen Schluss. Die Haltung „die Gesetze haben doch ein aggressiver bürokratischer Totalitarismus. die gegenüber ande.. genau in dem Moment. Wir tief in mir und hindert mich. Was das Projekt „Kulturanthropologie“ angeht. des größten Mineraldüngerherstellers der UdSSR. und eben darin besteht im Grunde zu einem zusätzlichen inneren Antrieb. Davor ja die Tätigkeit der Gerichte (vor allem des waren das vor allem Gekränktheit und der Obersten Gerichts).war 2001 – es ging um NTV. habe ich rebelliert.ische Unternehmerverband stellte sich die Frage. dass ich der beste Experte in Sachen Geld bin. aber die Rechtspraxis. dass Sie werden lachen. der ist geblieben. wendet werden kann). Ich werde darüber nachdenken. Aber der Patriotismus. dass ich „es kann“. Hier konnte ich es nicht. Geben Sie. Meine Haltung ist Außenseiter der Gesellschaft kümmert. 8 Die Vostočnaja neftjanaja kompanija (Erdölgesellschaft Ost) wurde 1994 aus der staatlichen Ölgesellschaft Rosneft’ ausgegliedert..Wunsch. wie sie im Fall Jukos praktiziert mir durchgedrungen waren. musst du sich um die (freiwilligen wie unfreiwilligen) dich dafür verantworten. als ziehe sich eine Schlinge um meinen Hals. sondern die Politik aktiveren „Genossen“ überlassen.hinter mir. war einer der Anklagepunkte im Prozess gegen Chodorkovskij. Wir hatten ja auch die hinter mir. M. Ich bin kein Revolutionär. Siehe dazu Otto Luchterhandt: Rechtsnihilismus in Aktion. Die Willkür oder. bin ich nicht sicher. als sie stimmte. gelinde gesagt. wenn möglich. Obwohl ansonsten natürlich alles andere als ein Zuckerschlecken. oder kleine Kinder haben. Das angewendet wird.“ M. In­ter­pre­ta­tions­spiel­ nach der Krise von 1998 wurde sie für mich raum. dass das eine nicht ohne das andere geht. aus der es keinen anderen anständigen Ausweg gab. Doch ich wurde in eine Ecke gedrängt. hatten sich meiDie Vorstellung vom Kommunismus als ne Prinzipien verändert. eigene Interpretation des Gesetzes durchgedrungen waren.. Ländern. die darum tun wir alles für die Stärkung der sich nicht aus dem eigenen Garten versor. erst einmal meinen Anwälten Hinweise.

Oder Puppen? Keine Menschen. den Prozess zu verzögern. als Sie es ohnehin sind. So leicht ist das Rätsel der Sphinx zu lösen! Und Sie. Dieser Prozess wird in die Geschichtsbücher eingehen wie seinerzeit der Prozess gegen Sinjavskij und Daniėl’. Aber ich möchte Sie auf keinen Fall in eine noch schwierigere Lage bringen. Michail Borisovič: Ist das einfach nur schlechte Regie oder ein schlauer Schachzug. wenn man sich selbst den Luxus erlauben kann. auf Ereignisse zu reagieren. Was werden Sie nach Ihrer Freilassung tun? Ich kann mir nicht vorstellen. die wir an die Strafkolonien für Minderjährige schicken wollen. nicht das Geld. Ich wünsche Ihnen eine stabile Gesundheit und Geduld. den Sie. Sie und Platon Lebedev. schöpferisches Leben sein. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen leibhaftigen General dieser Behörde zu sehen bekommen. Ein großartiges Projekt wurde zerstört. 10 Die Schriftsteller Andrej Sinjavskij (Pseudonym Abram Terc) und Julij Daniėl’ (Pseudonym Nikolaj Aržak) wurden 1966 trotz Wir erwarten Sie in der Freiheit. Ihre Eltern Marina Filippovna und Boris Moiseevič sind von Kindern umgeben. und das ganze Lyzeum ist eine Art in die Tat umgesetzte soziale Utopie. . der auf die Ermüdung der öffentlichen Meinung spekuliert? Hofft man. JUNI 09 LIEBER MICHAIL BORISOVIČ! Vor über einem halben Jahr habe ich Ihnen einen Brief geschickt. Als Dmitrij Medvedev Präsident wurde. oder ob dahinter eine teuflische Absicht steckt. teils lachhaften Schikanen – auf welcher Ebene wird das organisiert: von der örtlichen Gefängnisleitung oder auf höchster Ebene? Oder von einer ganz anderen Instanz? Ich meine natürlich den Kreml. Sunrise over Saint Petersburg at a private Datscha 30 XING 23 . Nein. Mir ist klar. dass die Gesellschaft es irgendwann müde wird. um Sie nicht freizulassen. dann ist das ein anderer Präsident.10 Dieser Tage war ich bei General Kalinin11 wegen der Bücher. dass es zwei Beteiligte gibt. wenn nicht. Wie soll man darauf antworten. dass hier lebendige Menschen gegen Schatten oder Gespenster ankämpfen. und man erkennt. – Red. „dasselbe wie immer“. Dort ist jetzt ein neuer Direktor. das man Ihnen genommen hat. auch vor Ihnen liegt noch ein ordentliches Stück Leben. – Red 11 General Jurij Kalinin war bis August 2009 Leiter der russländischen Strafvollzugsbehörde (Federal’naja služba ispolnenija nakazanij. FSIN). wenn das Ganze nicht so quälend dilettantisch inszeniert wäre. stellten mir Journalisten im Ausland immer dieselbe Frage. wir haben 62 Pakete gesammelt. Auf Spuren Ihrer Wohltätigkeit stoße ich überall – aber eben nur auf Spuren. die teils lebensgefährlichen. Es gibt eine Menge interessanterer Dinge im Leben. die sich. in jedem Fall wird das ein sinnerfülltes. Wie sehen Sie Ihr Leben nach der Freilassung? Im Moment verteidigen Sie sich. dass Sie keine Zukunftspläne machen. nur schleppend und mühsam entwickeln? Gut. . die diesen bösen Traum von Zeit zu Zeit aufbrechen. Was meinen Sie. sondern Seifenblasen sind das. Ihr Prozess – der absolut kafkaesk ist – zieht sich hin. wenn Sie wieder zu Hause sind? Vor einem Monat war ich in Koralovo. Michail Borisovič. . ob das nur die übliche Unfähigkeit ist. gebildeten und professionellen Menschen. könnte man sagen. Aber mich interessieren in diesem Fall Sie. Ich hoffe. die sie sehr bewegte: Was ich vom neuen Präsidenten halte. dann haben wir keinen neuen Präsidenten. haben Sie am eigenen Leib gespürt. in dem Lyzeum für Waisen. Als Unternehmer und Politiker oder zurückgezogen als Privatmann. Aber meine Antwort war immer dieselbe: Bald werden wir mehr über ihn wissen – wenn Chodorkovskij freikommt. dass die ganze Welt diesen Prozess vergisst? Aber das wird sie nicht. Ljudmila Ulitzkaja internationaler Proteste wegen „antisowjetischer Propaganda“ zu sieben bzw. Sie brauchen diese Frage nicht zu beantworten. dass es darum geht. Michail Borisovič: Sie haben schon so viele verschiedene Leben erlebt. was für ein wunderbares Verhältnis das ist. Gogolsche Figuren. und das tun Sie hervorragend. Bild rechts: © Maurici Liso. Was glauben Sie. ein sehr guter und kluger Mann. natürlich ist klar. das Sie gegründet haben. Einfach einen durchaus guten Eindruck. Die idiotische Zuzahlung für die noch lebenden Eltern der Zöglinge ist vom Tisch. Man wird das Gefühl nicht los. und ich hoffe. wie sich jetzt herausstellt. allein schon. Ich kann mir Sie nicht im Ruhestand vorstellen. nicht erhalten haben. Ganz zu schweigen von Ihrer Firma. obwohl . wie schlechtes Theater. dass die Leitung des Strafvollzugs kein Wohltätigkeitsverein feiner Damen für obdachlose Katzen ist. die auf Sie einstürzt. Was werden Sie tun. die Flut von Strafen. überhaupt nicht über sie nachzudenken. die Hoffnung.Ljudmila Ulitzkaja. Der General machte mir den Eindruck eines lebendigen. -724. Mut und Kraft haben Sie genug. Michail Borisovič. fünf Jahren Lagerhaft verurteilt. dieser Brief erreicht Sie. Ich habe angefangen zu zweifeln. dass ein anderer im Kreml sitzt – oder hat sich nicht das geringste verändert? Ihre Geschichte ist erstaunlich.

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Ulitzkaja ist keine. ein so banales wie tristes Hausfrauenschicksal zu beweinen.. die ihr ganzes Unglück noch für ein grosses Glück hält: So gering schätzt sie sich.. Unverbrauchteren wegen. wie sie dauernd passiert. Sonetschka ist das kraftspendende Heimchen am Herd eines erfolgreichen Mannes. das sie sich wünschen. entschieden. eine Zukurzgekommene. Dass sie immer noch das demütige Mädchen von einst ist. die Ulitzkaja offenbar auch nicht liegt. zeigt sich. auf eine Weise. Das erspart seelische Sezierarbeit. so wenig ist sie von dieser Welt. Originaltitel: Sonetschka Roman Ausgezeichnet mit dem Prix Medicis für ausländische Literatur 1996 Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. So entsteht ein fruchtbarer Kontrast zwischen Heldin und Autorin. Wie also das alte Modell neu erzählen? Ljudmila Ulitzkaja entreisst in ihrer Erzählung die brave Hausfrau ihrem Schattendasein und schreibt ihr ein literarisches Denkmal. REZENSION: NEUE ZÜRICHER ZEITUNG von Marion Löhndorf KLAPPENTEXT: Welchen Preis hat die Freiheit? Sie hat ihr Glück in der Literatur gefunden. durch ihr Tun beschrieben. Als Sonetschka dann aber einen älteren und charismatischen Intellektuellen kennen lernt. was sie sagen will. Eine vorhersehbare Geschichte. Auch um das Verlassenwerden geht es ihr nicht in erster Linie.Xing 23 Als Christina Links. Die feiert die Zurückhaltende als heimliches Zentrum der Familie.vom erhabenen Mädchen zur praktischen Hausfrau . setzt effektvoll und ohne Umschweife in Szene. Das ist zum Schluss nur noch eine fällige Beigabe und fast zu erwartende Konsequenz der ewig fehlenden AnerXING 23 . als ihr Mann stirbt … Sonetschka ist ein Mauerblümchen des Lebens. als diejenige.. Die Figuren werden von aussen betrachtet. Sie ist 32 eine Macherin. . ermöglicht. Denn die Liebe der Erzählerin offenbart sich zwischen den Zeilen und in der Schilderung von Alltagssituationen. als es ist. Berlin 1992 Cover unten: französische Erstausgabe Sonetschka: eine Erzählung. Robert Viktorowitsch. das verlassen wird: einer Jüngeren.. die so ganz anders ist als diese selbst: eindeutig. die mühsam nach Worten sucht oder etwas für unerzählbar hält. die anderen das auf Erfolg und Aktivität gerichtete Leben. Die Autorin begnügt sich aber nicht damit. Das klingt betulicher. war sie sofort begeistert und suchte nach Möglichkeiten die Autorin Ludmila Ulitzkaja in Deutschland zu verlegen. 1989 die Erzählung „Bronka“ in der Zeitschrift OgonËk las. gibt sie ihr Dasein als Mauerblümchen auf. folgt ihm in die Verbannung und bringt ihm ein Kind zur Welt. In der Übersetzung von Ganna-Maria Braungardt erschien Roman Ljudmila Ulitzkaja: Sonetschka: eine Erzählung. die viel Ironie enthalten. temperamentvoll. Lektorin beim Verlag Volk & Welt. Verlag Volk und Welt.

nicht einmal zaghaft rüttelt Sonetschka an den Gitterstäben ihrer Schüchternheit. die sie der Literatur zurückgegeben hat. die sie nie ganz für sich beanspruchte. in dunkle Allen und in Frühlingsfluten». eine Generation später. vielleicht sogar eine Art Genialität». in süsse Tiefen. «eine leichte Schweizer Brille auf der birnenförmigen Nase.und entbehrungsreiches Leben. Was aber die Erzählerin an Sonetschka wirklich interessiert und uns für sie einnimmt. Ljudmila Ulitzkaja. kennung. der die Literatur verabscheut. sie «sank in die Lektüre wie in eine Ohnmacht. Ihr arbeits. Heldin und Autorin nehmen das Abhandenkommen des Gatten mit erstaunlicher Gelassenheit hin. der sie bis zu ihrem 27. taucht jeden Abend. begnügt sich nicht mehr mit dem Lesen und Versinken in fremde Welten. Wie alle ihre Talente schätzt sie auch dieses gering und wird durch ihre Heirat «vom erhabenen Mädchen zur praktischen Hausfrau». kehrt sie zu den Büchern zurück. lassen den Lektürestrom. das im Russland der zwanziger Jahre beginnt. Sonetschkas Ausflug in die Realität. wurde vielfach übersetzt und 1996 in Frankreich mit dem Prix Médicis für das beste ausländische Buch ausgezeichnet. Lebensjahr begleitet hat. Sie besaß «ein außergewöhnliches Lesetalent. old russian church 33 . XING 23 TEXT: SUSANNE VEIT © Philip Zemlyanukhin. Mit ihrer Lieblingsübersetzerin Braungardt verbindet Ulitzkaja seit damals eine enge Verbindung. ist beendet. Ihre rührende Geschichte über die Leserin. Sonetschka las nicht nur. und ihr Mann. ist eine Gabe. versiegen. Erst als sie alt ist und wieder sich selbst gehört. die ihr wenigstens einen Abglanz von tragischer Größe verleiht: Bis zu ihrer Heirat war Sonetschka eine besessene Leserin.das erste Buch Zarte und grausame Mädchen und eine intensive Zusammenarbeit dieser drei Frauen hat ihren Anfang genommen. die mit der letzten Buchseite endete».

Four states of undress. makes her very likely Alik‘s Ivan. er liegt im Sterben. Cover unten: israelische Ausgabe Ein fröhliches Begräbnis. viele neue Freunde aus Amerika. imbibing drinks that are‚ Yet these newly minted Americans cannot ba’weak. A dying hero. economical portrait of an engaging set of characters whose behavior. he has ’built his Russia around him. however. has worked her way through law school a backdrop of the televised putsch that ejected in ‚‘feathers and sequins. bzw.‘ . spends months disconnecdaughter as well. der Geschichten und des Lebens werden. Where volved with Alik. Irina. they drunk.‘‘ twirling her legs in President Mikhail Gorbachev. Aus dem Russischen Ganna-Maria Braungardt Englisch: Cathy Porter editiert von Arch Tait. Berlin 1998. which haunts them like neighbor. agent. a failed painter. alte Freunde aus Russland. A Russian novel. search constantly for evidence to vinAlik‘s wife and the daughter of a once power. REZENSION: NEW YORK TIMES. Gioia. Not only is she fully dressed up deliberate parallels with that well-known and only 15. Um ihn herum hat sich eine bunte Menschenmenge versammelt: die Frauen. Roman 80 Percent Nudity. though occasionally screwball. FEBRUARY 11. she a ‚’special club frequented by rich idiots.‘ well as she does. ting from the world in what Elisabeth KüblerRoss would call the ’isolation‘ phase of dying. she is Irina‘s daughter – which. Lord KLAPPENTEXT: Ein Atelier in New York. die er geliebt hat. as a punishment for translating a banned novel. climbing It‘s hard to resist contrasting ’The Funeral into bed to cradle it between her ’celebrated Party‘ with Tolstoy‘s novella ’The Death of breasts‘. Alik‘s former lover and a one-time circus acro. Der russische Maler Alik leidet an Muskelschwund. is never one-dimensional. unaware that he speaks it as thing nauseating. work in order to make points about how the given the time frame in which Irina was in. it is his sense of being Russian: away from his homeland. Ulitskaya. accomplished philanderer and aggressively unassimilated Russian emigré. Alik‘s Italian nish their Russianness.‘ the ‚’American way‘. is a religious fanatic and a his friends view the ’ugly mugs‘ on CNN. like ill-fitting false teeth. defining force in Alik‘s dwindling life. New York. Englisch: The Funeral Party. In fact. Five women. The fifth woman. for example. Sie alle lieben und verehren den charismatischen Künstler und begleiten geduldig seine letzten Tage – Tage. the five women in the opening pages of Ludmila Ulitskaya‘s mordantly observed yet touching novel ‚’The Funeral Party‘ have not gathered for an erotic romp. The faces on screen have ’corruption steadfastly Russian Orthodox. a Moscow geneticist who lost her scientific credentials in the 1970‘s This is a strangely mixed group. Ljudmila Ulitzkaja: Ein fröhliches Begräbnis. 34 XING 23 Although four of them have removed their clothes. and as Alik and ful K. presenting a deft. 2001 by M.B. Verlag Volk und Welt. observes.’some chemical reaction in the blood. Ulitskaya seems to have set from the others. bitter and terrible. Alik‘s current squeeze. reads Dante to him in her ’glass-clin. Originaltitel: Wesjolyje pochorony. someking language‘. in whose sweltering Manhattan loft the airconditioner has broken. against bat. she now boozes written all over them.Ljudmila Ulitzkaja. ’The Funeral Party‘ runs a mere 154 pages. a Russia which hadn‘t existed for a long time and perhaps never had. For Ulitskaya‘s book is also a meditation on Russian identity and the degree to which that identity can be sustained. but it is far from slight.G. G.Soviet experience changed Russian life. mitten in der brütenden Hitze des Großstadtsommers. They are. although her Christianity remains find it. And Valentina.dicate their decision to leave. Significantly. weeps at his withered body.‘ Nina. sweet and ceaseless‘. stands apart Ivan Ilyich‘. Roman. Schocken Books. die durch Ulitzkajas Erzählkunst zum großen Fest der Charaktere. Emigrés. Maika. on an errand of love: attending the deathbed of Alik. If there is a single.sets Alik‘s story in the summer of 1991.

yet the man before her was one undoubtedly American product she hadn‘t yet tried. Their bungling provides Ulitskaya with a pretext to comment on the arbitrary nature of medical licensing. loss and identity soar over the boundaries of language and geography. In highly stratified 19th-century Russia. when the advances of an attractive black saxophonist throw her into a quandary: ’Like most Russian emigrés. Indeed. As a survival strategy. it appears to have ’drowned in his large hand like a pencil‘. as the camera cuts from ’a twitching marionette‘ to ’a mustached man with a face like a dog‘ and then to the tanks. her characters affect a ’deliberately comical jargon. has been denied certification in his adopted country. Alik‘s emigré world. but once you get past XING 23 35 the superficial details – having characters drunk all the time on whiskey rather than vodka – the two writers‘ accomplishments are remarkably similar. the televised coup seems less suited to CNN than to the Cartoon Network. As presented by Ulitskaya. Ulitskaya explains. When. bad at tests. Cathy Porter‘s translation of ’The Funeral Party‘ struck me as stilted. All emigrés.Alik hardly withdraws at all. But when it comes to the inadequacy of medicine. for example. ’The Funeral Party‘ reminded me of the early novels of Evelyn Waugh. particularly ’A Handful of Dust‘ in which the death of the main character‘s son is portrayed in a fashion that is both broadly caricatured and immensely poignant. Good at caring for his patients. he. it is riotously funny – a quirky. Likewise. must weather a severe ’rupture‘ from their native tongue. This reflects especially poorly on Alik‘s would-be healers.‘ Because of its mercilessness. who have more than a century of breakthroughs to draw upon. the doctor most attentive to Alik. a doctor grasps Alik‘s wasted wrist. To be sure. part-English. which are often verbal translations of visual caricature. In less acerbic hands. Ulitskaya (who lives in Moscow but travels often to the United States) does not self-censor to suit American standards of political correctness. Russian girl at photoshooting . like many emigrés. she introduces a female emigré who lives to buy and taste every conceivable consumer good. Ivan‘s business associates mostly view his death as an opportunity for advancement. partYiddish‘. Tolstoy and Ulitskaya tell similar stories: neither Ivan‘s nor Alik‘s doctors can discern what is killing their patients. At first. In her first book to be published in English. since Fima. is a nonhierarchical mess. Nor will his departure free up a coveted spot at the top of the bureaucratic heap. tender story whose themes of love. part-Russian. This hybrid speech is well suited to Ulitskaya‘s descriptions. No one hankers to fill his place. that embraces ’the most exotic criminal slang‘. she was a racist. her harsh wit spares no one. And unlike Ivan‘s wife. but I soon got used to the awkwardness and came to view it as part of the story. © Peter Hummel. she is already destitute. is not technically allowed to ply his craft. This setup pays off at Alik‘s wake. Waugh and Ulitskaya chronicle wildly different subcultures. ’The Funeral Party‘ might have been a dull snapshot of a refugee community. by contrast. At the beginning of the book. Nina does not fear a penniless widowhood.

Von Schuriks Großmutter. und denen liberalen russischen Intelligenzia. bei dem „Mitleid und männliches Begehren an Er verliert dabei nicht den Überblick (damit derselben Stelle“ sitzen.digen Entscheidungen. Euer Schurik. dafür um so bemitleidenswerteren Alja. selbstbewusst“. fähig zu eigenstänfast am Ende des Romans von Ludmila Ulitz. Ein Roman über die Liebe mit einem tragikomischen Helden. Der kaja.Xing 23 Schurik ist ein Kind seiner Zeit. Sie zeichnet es abschluss mit den Eltern nach Israel emigriert mit umgekehrten Vorzeichen. zur hässlichen. gehört er nicht jener Generation der rebellierenden Jugend in der Sowjetunion der sechziger Jahre an. Alle nannt Schurik. Lebensjahr ist sein liebster Zeitvertreib das Zum ersten Mal im Leben hat Schurik Nein „Vorlesen“ der Großmutter. JUNI 2006 . München 2005. 493 S. was von ihm er.Lesezeichen mit den Namen aller Geliebten haber steht er den Frauen zur Verfügung. Aufgewachsen als uneheliches Kind der gescheiterten Schauspielerin Vera Alexandvon Ursula Keller rowna Korn im von der resoluten Großmutter Jelisaweta Iwanowna Korn geführten Frauenhaushalt. ein Traum von einem Mann. den bleibt indes der Phantasie des Lesers überlas. hältnisse zeitgleich nebeneinander zu haben. in Ergebenst. ist dem Buch ein wartet wird. einer in der er immer alles recht machen will. zu seiner gehbehinderten Chefin Valerija und zu all den anderen Frauen. Versuch scheitert. Aus beigelegt) und schafft es. die ihn als Knaben verführte. ge. auch mehrere VerPflichtgefühl. Ob er sich Sowjetunion der Nach-Stalin-Ära fast nicht letztlich tatsächlich von ihnen befreien kann.Enkel „zu einem richtigen Mann zu erziehen: sen.(die Liebe der beiden ist damit gescheitert). Warum also Nein sagen? Zu Matilda. die er heiratet. und er. den „Schestidesjatniki“. Zu jung. Dies führt zwar zum – absehbaren – Werke der russischen Schriftsteller und dann Selbstmord einer seiner zahlreichen von ihm die Werke der Weltliteratur lieben lehrt. Cover unten: französiche Ausgabe Ergebenst. ist ein Mann. 36 XING 23 REZENSION: DER FREITAG.die einzige Frau. der den Frauen anderen wählen ihn. Zumindest in Bezug auf das weibliche Geschlecht ist Schurik nur ein Wie so oft in Ulitzkajas Werken geht es auch einziges Mal fähig zur eigenen Entscheidung.der Leser ihn nicht verliert. Sie wählen und wollen ihn. nicht sehr geliebten Geliebten. doch ist dies der erste Schritt zu seiner Emanzipation. zösische Literatur.. Bis zum 14. Der Protago. und er lässt es geschehen. Als Handwerker. Alles tut er den Frauen zu Gefallen und sie lieben ihn. die ihn brauchen. KLAPPENTEXT: Gut aussehend. Dozentin für franden Vorstellungen und Wünschen der Frauen. Originaltitel: Iskrenne Vas Surik Roman Carl Hanser Verlag. tut. mehr existierenden Welt. euer Schurik“ ist eine Alltagsge. dem die wahre Liebe fehlt. Nie schichte der Sowjetunion gab es mit dem Jungen Probleme. ist nist Alexander Alexandrowitsch Korn. um die Atmosphäre jener kurzen Periode des Tauwetters nach Stalins Tod zu atmen. höflich und sanftmütig ist er. Ljudmila Ulitzkaja: Ergebenst. dem weib„Ergebenst. die ihm so erst die gesagt. Bote und Lieb. Euer Schurik Roman Ein Kind seiner Zeit. Alle. die sich gegen die Obrigkeit auflehnten und oft teuer dafür bezahlen mussten. euer Schurik um das Verhältnis Seine Jugendliebe Lilja. Aus dem Russischen von GannaMaria Braungardt. zu Lena. ist der wohlerzogene Schurik von Damenwahl Ljudmila Ulitzkajas Roman Kindheit an darauf konditioniert. lebt die Traditionen der denen er hilflos ausgeliefert ist. Denn das Nein des Protagonisten steht verantwortungsbewusst. die nach dem Schulder Geschlechter zueinander. gefällt. weil sie ein uneheliches Kind erwartet. 9. die Schurik selbst wählt.lichen Geschlecht zu Diensten zu sein. Sie versucht.

ihr eine Häkelnadel zu besorgen. der er das Paket übergibt. Doch als die verrückte Alte. sagt er vermutlich doch wieder Ja. Ulitzkaja zeichnet ihre Figuren. Und macht sich zum ersten Mal von dieser Abhängigkeit frei. erzählt Ulitzkaja nicht nur von Schurik und seinen Frauen. Sie sind in diesem Roman nicht das Wichtigste. Und Schurik begreift nach den Stunden mit Lilja. Einer Epoche. XING 23 37 . Anstand und Sorge für den anderen. Von Ganna-Maria Braungardt in bewährter Manier aus dem Russischen übersetzt. in der ihre eigenen Werte zählen. Auf die Politik jedoch verweist Ulitzkaja nur wie beiläufig in Nebensätzen. Höflichkeit. von der man hierzulande viel zu wenig weiß. dass die Abhängigkeit der Frauen von ihm durchaus gegenseitig ist. Die Revolution des Jahres 1917 erscheint durch die Augen der Großmutter Jelisaweta Iwanowna als unangenehme Folge des Todes ihres Mannes. Doch werden diese und andere Details nur der Vollständigkeit halber erwähnt. mit Sympathie und oft ironisch-augenzwinkernd. die sich gegen die Obrigkeit auflehnten und oft teuer dafür bezahlen mussten. Wie fast jede Familie in der Sowjetunion ist auch die Familie Korn von den Wirren der Revolutionsjahre und der Menschen verschlingenden Stalin-Zeit betroffen. Beim Wiedersehen Schuriks mit seiner Jugendliebe zwölf Jahre nach der Trennung – Lilja hat auf einem Flug nach Japan einige Stunden Aufenthalt in Moskau – ist Schurik fast 30. Sie leben in einer Parallelgesellschaft. anpasst und mit dem System arrangiert. Schurik und die Seinen interessieren sich nicht für Politik. ist Lilja froh. ihn bittet. Eine der Stieftöchter Korn emigriert als Gegnerin der neuen Ordnung im Jahr 1924. Sie verurteilt Schuriks Unfähigkeit Nein zu sagen nicht. Zu jung. Als sie wieder im Flugzeug sitzt. den schwachen Schurik und vor allem die ihn umgebenden starken Frauen. lebt immer noch in der mütterlichen Wohnung.Denn er ist den Frauen durchaus verbunden. ihn nicht geheiratet zu haben. gehört er nicht jener Generation der rebellierenden Jugend in der Sowjetunion der sechziger Jahre an. den „Schestidesjatniki“. Sie macht dies kunstvoll und lakonisch zugleich. Schurik ist ein Kind seiner Zeit. um die Atmosphäre jener kurzen Periode des Tauwetters nach Stalins Tod zu atmen. die sich den Gegebenheiten des Lebens in der Stagnation der Breschnew-Ära. als sich das Schweigen wie Mehltau über die Gesellschaft legte. und mit Rückblenden wird auf die Zeit davor Bezug genommen. ohne groß darüber nachzudenken. das Lilja aus Jerusalem mitgegeben worden war. Die Handlung spielt in den Jahren 1955 bis 1985. Schurik zählt zu jener Mehrheit der Bevölkerung. wie einer seiner Freunde zutreffend bemerkt. sondern zeichnet ein Sittengemälde der Sowjetunion der Breschnew-Ära. die andere – ganz der neuen Macht zugetan – kommt trotzdem in einem Stalinschen Lager ums Leben. Aber er liebt eben keine von ihnen. indem er Nein sagt. © Philip Zemlyanukhin. Ulitzkajas Roman ist nicht nur eine Erzählung vom schwachen Geschlecht Mann. sondern auch so etwas wie eine Alltagsgeschichte der Sowjetunion.

die aus den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts hervorgegangen sind. würden die Juden hier das Christentum vereinnahmen. die in den vergan. zu danken einem Mann namens 38 XING 23 . In dem Porträt dieses großen Idealisten spiegelt sich das ganze 20. Seine Biographie gehört zu den erstaunlichsten Lebensgeschichten. 10. ganz Lehrer der berühmten Talmudschule von so. jedes Mal überlebte er. Letzteres kann man auch anders interpretieren. im August 1942 wurde die getaufte Jüdin in Auschwitz ermordet. Daniel Stein Roman Ein brutales Erbe endlagert in diesen Seelen. Die Geschichte beginnt in Mir. hierzulande erhielt sie den Aleksandr-Men-Preis der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Ulitzkaja. so einige Leser. der ver­mutlich ein ge­tarntes Attentat war. einer weißrussischen Kleinstadt. Jahr­ hundert. bewegendes Werk vor. nach schaffen wollte. Fünf Heilige ernannte die katholische Kirche bisher zu Patronen Europas. Partisan und Mitarbeiter des NKWD. das an einen der sensibelsten Nerven unserer postsäkularen Ära Dass es Überlebende gab. Im Herbst 1941. 484 S. Drei Jahre zuvor hatten die mila Ulitzkaja wird der Mönch. der nicht zu. Diesem Schicksal konnte der Karmelitermönch Bruder Daniel knapp entgehen. ermordeten genen Jahren mit gut lesbaren und mitunter die Besatzer mit Hilfe weißrussischer Kolleicht überzuckerten Romanen für eine eher laborateure tausendsechshundert Juden. AUGUST 2009 von Sabine Berking Die russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja trifft mit ihrem preisgekrönten Roman über den Gottesmenschen Oswald Rufeisen einen Nerv unserer postsäkularen Ära. Er konvertierte und ging nach Israel.Ljudmila Ulitzkaja. Mit bürgerlichem Namen hieß die Karmeliternonne Edith Stein. 1999 wurde Theresia Benedicta vom Kreuz in diese Reihe aufgenommen. Viele Polen. Mir bedeutet in den slawischen Sprachen Welt und Frieden. über Geschichte und Religion: Als Jude organisierte Daniel Stein die Flucht aus einem Ghetto in Polen. Er starb bei einem Unfall. KLAPPENTEXT: Ein Roman über die Men­ schen und die Liebe. grenzt an ein rührt – die Suche nach Gott. die darum kreisten. wo er als Mönch eine Gemeinde nach Vorbild der ersten Christen gründete. In ihrer russischen Heimat wurde sie dafür mit dem renommierten Preis des „Großen Buches“ geehrt.dem Einmarsch der Deutschen. Er war Dolmetscher bei der Gestapo.lin-Paktes eingenommen und Schüler und ma eines „wahren Gottesmenschen“. Im August 1942 ging ihre Welt. München 2009. Im weibliche Leserschaft populär geworden ist. endFür die Moskauer Schriftstellerin Ljud.Sowjets die Stadt im Zuge des Hitler-Stafällig Stein heißt. Wunder. ob dies überhaupt ein russischer Roman sei. zum Teil offen antisemitische Reaktionen. ein geistiges Zentrum des heute nur noch legendären Jiddischlandes.Weißrussen und Juden waren nach Sibirien kin einen „ganz und gar schönen Menschen“ deportiert worden. Ljudmila Ulitzkaja: Daniel Stein Roman Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt Carl Hanser Verlag. Anhand sei­ ner Person zeigt Ljudmila Ulitzkaja uns eine andere Welt und gibt zugleich Antworten auf brennende heutige Fragen. Das festungsartige Schloss aus dem späten Mittelalter gehört seit kurzem zum Weltkulturerbe. In Russland provozierte das Buch heftige. Sommer 1942 wurde das Getto von Mir in legt mit „Daniel Stein“ ein verstörendes und den Ruinen des Schlosses liquidiert. Letzteren haben die einst überwiegend jüdischen Bewohner dieses Schtetls selten erlebt. Dreimal wurde er zum Tode verurteilt. zum moralischen Paradig. wie Dostojewski vor gut hundertdreißig Mir in die Flucht geschlagen. Jahren mit seinem „Idioten“ Fürst Mysch.gültig unter. da er weder in Russland spiele noch Russen darin eine wichtige Rolle hätten. Zu allem Übel. REZENSION: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG.

Water: 39 . was Dogmatiker in der Kirche skeptisch beobachteten. Selbst polnischer Jude und zionistischer Aktivist. Gegen Ende des Krieges arbeitete Rufeisen für die Sowjets. die er einst ins Deutsche übersetzt hatte. die ihn der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten beschuldigten. indem er ausgerechnet jene Dokumente. weil ihm der israelische Staat. um dort eine kleine Gemeinde bei Haifa zu führen. die Einbürgerung auf Grundlage des Heimkehrgesetzes wegen seiner Konversion verwehrte. Es hatte damals nur einen Mitbewerber um die Priesterweihe gegeben: einen Schauspieler namens Karol Wojtyla. Später schlug er sich zu den Partisanen durch. Seither nannte er sich Bruder Daniel. alone and waiting. Ende der fünfziger Jahre ging der Name des Karmelitermönches Daniel durch die Presse. Glaubensritualen und hebräischer Sprache zu erneuern suchte. In Israel suchte Bruder Daniel bis zu seinem Tod den historischen Graben zwischen Juden und Christen zu überbrücken. Ein Arzt aus dem Getto bewahrte ihn vor der geplanten Exekution. Ende der neunziger Jahre kam der» XING 23 TEXT: SUSANNE VEIT Bild diese Seite: © Ann Key. Unmittelbar nach dem Krieg wurde er in Krakau zum Priester geweiht. Bild nächste Seite: © Efimova. um Verräter zu entlarven. als der er sich fühlte.Oswald Rufeisen. hatte er sich mit seinen exzellenten Sprachkenntnissen erfolgreich als Deutsch­ pole ausgeben können und diente den Deutschen als Dolmetscher. Danach musste auch er fliehen und versteckte sich über Monate in einem Kloster der Karmeliternonnen. in den er inzwischen übergesiedelt war. nun ins Russische übertrug. Er versorgte den jüdischen Untergrund mit Waffen. indem er die christlich-jüdische Urgemeinde von Jakobus dem Gerechten in Liturgie. warnte vor Deportationen und animierte. nachdem er Zeuge eines Telefonats über die geplante Gettoliquidierung wurde. Eingebürgert wurde er als Einwanderer. wo er das Neue Testament las und zum katholischen Glauben übertrat. die Menschen zur Flucht in die Wälder. nicht aber als Jude und Holocaust-Überlebender.

Diese Gruppe hat auch Zugang zu anderen Informationsquellen. und so mancher wird über das Aufgebot an wahrlich Dostojewskischen Exzentrikern mit dem Kopf schütteln.Xing 23 RANDNOTIZ ZUM RUSSISCHEN BUCHMARKT: 75 . zusammengehalten durch die Erfahrung der Entmenschlichung. Die Nutzer sind zumeist jung (bis 35 Jahre). Daniels geistiger Gegenspieler. Für Bruder Daniel ist die Kirche. wird dabei selbst zur Hiobsmetapher. die moralische Konsequenz des christlichen Existentialismus irritiert.und Wahrheitssucher jüdischen Glaubens. nach seinem Tod zerfällt seine Gemeinde. der noch den miesesten Schlächtern eine gewisse Absolution erteilt. die diesen heiratete. dass neue Bücher in den Städten mit weniger als 250. zwei Drittel) und Sankt Petersburg produziert. das aber über seine charismatische Figur hinausweist. Bei Ulitzkaja heißt Oswald Rufeisen Daniel Stein und die Stadt Mir Emsk. die in ihrem mit Downsyndrom geborenen Sohn den Messias erkennen wollen. den Juden gegenüber schuldig geworden. Sie haben den Holocaust. um ihre polnische Familie vor Deportation und Tod zu bewahren. zerbrochen am Fanatismus des Vaters und in psychiatrischer Behandlung. in erster Instanz die katholische. die keine Bücher kaufen von 30 auf 60 Prozent stieg. In anderen Bereichen wie der Presse. Ihn selbst quälten zeit seines Lebens nur zwei Fragen: Woran glaubte Jesus. sondern es sind die Hinterlassenschaften eines brutalen Jahrhunderts. wie dem russisch-jüdischen Ehepaar aus orthodoxem Priester und katholischer Nonne. die in diesen Seelen endlagern und die die Suche nach Gott und Versöhnung initiieren. darunter das eines Unschuldigen. d. Doch die Auflagen haben sich halbiert oder betragen nur noch ein Drittel. In einem Gespräch mit dem polnischen Papst plädiert der streitbare Mönch für eine Abkehr der Kirche von Dogmen und Macht und für die Hinwendung zum Menschen.80 Prozent der Buchtitel werden in Moskau (ca. die deutsche Pfarrgehilfin im Dienste der jüdisch-christlichen Idee bis hin zum christlichen Araber. stalinistische Lager. auf. nicht nach Schuldsuche. wird zum Terroristen. Ihre Verfolgung. Radio und Internet ist die Lage ähnlich. dessen Gravitationspunkt der Mönch bleibt. die Zahl der Nichtleser (weder Bücher. dem Kino. Der Informationsfluss erreicht nur die vergleichsweise schmale Schicht der Einwohner großer Städte. Mönch bei einem Autounfall ums Leben. Krieg. Der Anteil derer. Selbst der Sohn des deutschen Gestapochefs von Mir taucht. dass es der 1943 im baschkirischen Exil geborenen Autorin nicht um eine Biographie des jüdischen Retters und christlichen Paria ging. Ausgerechnet sein Sohn. die regelmäßig Bücher kaufen. ein russischer Einwanderer und militanter Siedler.000 Einwohnern nicht mehr ankommen. Wie immer man diesen Roman interpretiert – russischer könnte er nicht sein. Das 40 durch Krieg und den politisch instrumentalisierten ethnischreligiösen Zwist geschundene Heilige Land. Nicht jedem wird der menschelnde Ton des Buches zusagen. leben in großen Städten. wo sich ihre Wege kreuzen. sondern nach Vergebung und Liebe. Jahrzehnte nachdem sein Vater den Befehl zur Liquidierung des Gettos gab.und Wahrheitssuchern. Am Ende bleibt Steins Lebensmaxime Utopie. versinnbildlicht im Bild der zwischen zwei Kirchen hingeschlachteten Opfer von Emsk/Mir.000 russischsprachige Neuerscheinungen auf den Markt.120. in einer Gruppe deutscher Pilger. Der Zusammenbruch des sowjetischen Vertriebs und die geringe Kaufkraft der Peripherie haben dazu geführt. XING 23 . um Hunderte andere zu retten? Die Schicksale berühren nachhaltig. während der Anteil derer. und war es rechtens. von ländlichen Gebieten ganz zu schweigen. h. Es ist also nicht der moderne Selbstfindungsdiskurs. Das Spektrum der publizierten Titel ist zwar breiter geworden. zweieinhalb Mal so viele wie zur Sowjetzeit. Auf dem Land sind es nur zwei bis drei. der mit seiner Familie einem Terroranschlag zum Opfer fällt. was darauf schließen lässt. der Jahre in sowjetischen Lagern verbrachte. Zu Wort kommt sogar die Ehefrau des weißrussischen Schlächters von Mir. zwei Menschenleben zu opfern. erscheint am Ende als geistiger Erbe Steins. musste die Christenheit mit Schismen und Kriegen bezahlen. Beteiligte oder als Kinder von solchen erlebt. Die Zahl der regelmäßig Lesenden sank seit dem Ende der Sowjetunion von 29 auf 22 Prozent. über die unbelehrbare jüdischpolnische Kommunistin im israelischen Altersheim und ihre in Amerika lebende. sank von zwölf auf vier Prozent. die Stein durch Israel führt. Muslime tauchen in Ulitzkajas Israel nur als anonyme Bedrohung auf. noch Zeitschriften) stieg zwischen 1990 und 2009 von 44 auf 54 Prozent. Hauptrolle spielen die landesweiten Fernsehsender.000 . und einer der wenigen Gottes. kommunistische Repressionen und Vertreibung als Opfer. Vielmehr werden in einer geschickten Montage gut zweihundert fiktive Dokumente Dutzender erdachter wie historisch verbriefter Personen zu einem Mosaik zusammengesetzt. streben mit einer Ausnahme nicht nach Vergeltung. Pro Jahr kommen etwa 110. Sie alle sind Ausgestoßene. studieren oder haben Hochschulabschluss. Sie nutzt regelmäßig acht bis neuen Informationsquellen. hinter dem manche einen Anschlag vermuteten. angefangen von Stein selbst. einen russisch-orthodoxen Priester jüdischer Herkunft. Regelmäßig (mindestens einmal pro Woche) nutzt etwa ein Drittel der Bevölkerung das Internet. die Kirche auf dem Berg verwaist. in polnisch-katholischen Waisenhäusern aufgewachsene Tochter. Die ihn umgebenden Mitglieder dieser zufälligen Familie aus Gottes.

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Figuren und Konstellationen Haus halten. wird allerdings reich belohnt. Ljudmila Ulitzkaja ist eine Meisterin in der schönen Kunst der literarischen Verschwendung. Das grüne Zelt. Wer darüber hinwegsieht. allerdings geizt sie auch dieses Mal nicht mit Betrachtungen über Gott und die Welt. für die sie schon bisher berüchtigt war. sich selbst. ein hochbegabter Musiker. der kleine Sanja. dass Abertausende Leser gespannt den mäandernden Wegen ihrer Familiengeschichten folgen. wofür diese Moskauer Autorin gelobt wurde. muss er fliehen. das einfache Gemüt. begabt dafür. eine Erzählerin mit langem Atem. dass es mit seiner Laufbahn als Pianist schon vorbei ist. die mit ihren Einfällen. die das Handeln der Menschen antreibt. REZENSION: SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Was bei sparsamen Autoren. Wegen seiner Nähe zum Samisdat wird er denunziert und kommt ins Lager. dürre Ilja. In ihrem großen Ge­sell­schaft­s­ panorama erzählt Ulitzkaja von Mut und Verrat. dass er auch für den KGB tätig war. SEPTEMBER 2012 KLAPPENTEXT: Ljudmila Ulitzkaja erzählt von drei Freunden. klug. die schwarzen Menschenmassen. menschlicher Größe und Niedertracht . sich umschwärmen. 01. drei Freundinnen: Olga. führt sie freigebig in einem einzigen großen Roman zusammen. die in der Sowjetunion zu Dissidenten werden. Dennoch hält ihn nach Michas Tod nichts mehr in der Sowjetunion. hübsch. Als sich Jahre später herausstellt. Drei Freunde aus gemeinsamen Schulzeiten: Der lange. Ljudmila Ulitzkaja: Das grüne Zelt. nach und nach aber. Sanja kümmert sich während Michas Haft um dessen Frau und kleine Tochter. Micha ist Jude und schreibt seit seiner Jugend Gedichte. Dieser Lehrer ist ein echtes Genie der Menschenkenntnis und Förderung verborgener Talente. Drei Freunde. intelligent. die aus lauter Trauer zahllose Mittrauernde zu Tode trampeln. zu allseits respektierten. der die belanglosen Dinge und alltäglichen Begebenheiten in hymnischen Gedichten besingt. Jeder der Freunde wird später in sich den Widerstreit von Fähigkeit und Interesse verspüren und damit auch die Versuchung. Die drei ungleichen Freunde eint ihre „vollkommene Unfähigkeit zu Prügeleien und Brutalität“. die zur Langatmigkeit neigt und doch das Kunststück zuwege bringt. von Karl-Markus Gauss In ihrem neuen Roman entwirft die russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja ein Panorama der sowjetischen Gesellschaft von den fünfziger Jahren bis an ihr Ende Ljudmila Ulitzkaja ist eine souveräne Kompositeurin zuweilen arg geschwätziger Romane. verwöhnen zu lassen. irregeleiteten Idealen. insgeheim sogar bewunderten Heranwachsenden aufsteigen. Alles. der jüdische Knabe. für drei. Roman. und Micha. Denn „Das grüne Zelt“ ist ein kompositorisch kühner Roman. Roman Der Nager und seine Kinder. harmonisch ihre Talente entfaltenden Persönlichkeiten zu formen. unabhängig von klein auf. Fortwährend grübelt er darüber. mit der sie anfangs im Gymnasium auf „der untersten Stufe“ der Hierarchie stehen. den raue Schulkameraden so schwer an den Fingern verletzen. Carl Hanser. München 2012. Freunde. der mit drei42 zehn Jahren Stalins Begräbnis fotografiert. wie es gelingen könne. Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt. ist auch in ihrem neuen monumentalen Roman „Das grüne Zelt“ vorhanden. treu den Freundinnen und treu ihrem Ehemann ergeXING 23 . noch ehe sie begonnen hat. dass die Erzählerin aus dem Imperfekt des Erzählens immer wieder ins Präsens des Erläuterns wechselt. dank der Hilfe eines musischen Lehrers. Ilja. vier Bücher ausgereicht hätte. Tamara.zu den Neunzigerjahren des letzten Jahrhunderts entwirft und die Biografien Aberdutzender scharf gezeichneter Figuren miteinander verknüpft. 594 S. vervielfältigt und verbreitet in seiner Freizeit verbotene Literatur. der Fotograf.und immer wieder von der Liebe.Ljudmila Ulitzkaja. Schicksal und Genetik. und Galja. die jungen Menschen mittels einer pädagogischen „Strategie des Erwachens“ zu schöpferischen. seine Bestimmung. Liebe zu verraten. der das Panorama der sowjetischen Gesellschaft von den Fünfziger. den Wissenschaften und mit den Jahren zudem einem religiösen Mystizismus zugeneigt.

für drei. ihrem eigen Lebensweg. die folgen. Das achte von 32 Kapiteln etwa skizziert das Leben Olgas von der Wiege bis zur Bahre: Wir erfahren von ihrer Mutter. die daraus ersteht. ihrem Vater. als Kind. mutigen Menschen erzählt. seine Frau verlässt und emigriert. werden sie mit für uns nicht leicht zu unterscheidenden Namen wie Naum Ignatiewitsch. und sie weiß die Atmosphäre in den winzigen Wohnungen mit den Gemeinschaftsküchen heraufzubeschwören. die mit ihren Einfällen. eher zufälligen Ehe. erst spät und nur dank der medizinischen Hilfe der Endokrinologin Tamara in Erfüllung gehen wird. wie sie über dieser Enttäuschung verbittert und an Krebs erkrankt. die zu Schergen wurden. Dissidentin. Menschen. was sie verbindet. Mehr noch als die drei Freunde sind die drei Freundinnen ganz unterschiedlichen Charakters. die zwischen Bewährung und Versagen ihren eigenen Weg durch vier bittere Jahrzehnte Russlands finden mussten. Auf den 400 Seiten. Ljudmila Ulitzkaja ist eine Meisterin in der schönen Kunst der literarischen Verschwendung. Figuren und Konstellationen Haus halten. und selbst jene. ihren Liebesverhältnissen und den Umständen ihres Todes unterrichtet werden. von der großen Liebe zu Ilja. eines Tages selbst zu den Opfern zu zählen. und es wirkt an keiner Stelle erkünstelt. In ihrer Neigung zum Enzyklopädischen zählt sie seitenlang die Namen von Autoren auf. dem Werdegang ihrer Eltern. die im Stalinismus Schullektüre waren. einem Roman. der randvoll ist mit traurigen Geschichten und übermütigen Anekdoten und der von kauzigen. Wie mit Olga hält Ljudmila Ulitzkaja es mit allen Gestalten: Wir wissen schon früh. gescheiterten. der sich als Dissident zur Zusammenarbeit mit dem KGB verpflichtet. XING 23 43 . einem liebeskranken General. dem Schicksal der Großeltern. enttäuschte Liebhaberin. von ihren Figuren stets neue Facetten zu enthüllen. vom Verrat Iljas. führt sie freigebig in einem einzigen großen Roman zusammen. auf deren Begräbnis uns die Autorin schon früh mitgenommen hat. Zu diesem inhaltlichen Aspekt kommt ein formaler: So altbacken die Sprache Ljudmila Ulitzkajas ist – über den pubertierenden Micha heißt es: „auch in ihm vollzog sich die Mannwerdung“ –. so originell strukturiert sie die immense Stoffmenge. wir sehen Olga. womit sie diesen bezahlen und wie sie zugrunde gehen werden. von denen sie gar nichts wissen. ohne dass wir von ihrer Herkunft. eine sensationelle Form der Selbstheilung erlebt und endlich doch mit kaum vierzig Jahren stirbt. Verrat und Widerstand tausendfach ineinander wirken und am Ende das ausmachen. als Spitzel des Geheimdienstes arbeitet und mit der Observation von Galjas Freundinnen und deren Männern beauftragt ist. die Namen von Repräsentanten der Ära Chrustschows und die von Dissidenten der bleiernen Jahre unter Breschnew. was die Orientierung im Romangeschehen nicht eben erleichtert. vollzieht dann aber ihre Wendung zum orthodoxen Christentum. Wie es sich für einen richtigen russischen Roman gehört. hier einen Onkel vors Hinrichtungskommando gestellt. ihren Krankheiten und Leidenschaften. vier Bücher ausgereicht hätte.ben. Die Chronologie ist aufgehoben. die verbotene Manuskripte abtippt und in Samisdat-Ausgaben verbreitet. Formal ist das höchst kunstvoll gemacht. Im Geflecht der Familien und im Netz der Freundschaften zeigt sie. deren Lebenswunsch. die beim Verhör Dinge gestehen sollen. hat mit einem formalen und einem inhaltlichen Aspekt ihrer Literatur zu tun. mit dem „Nager“ ein Kind zu zeugen. der nur leider als „Nager“. die fast im Übermaß mit individuellen Attributen bedacht werden. von denen kaum eine auftritt. wie die verständliche Schwäche des einen unheilvolle Auswirkungen auf das Leben des nächsten haben kann. einer linientreuen Literaturfunktionärin. leben unter der sie vergiftenden Angst. melancholischen. was man später als eine Epoche des Terrors erkennen wird. In jeder Familie hat der Stalinismus Lücken geschlagen. Freundin. von ihrer Arbeit für den Samisdat. die Gerätschaften des Alltags litaneienhaft benennt. indem sie die Dinge. ungelenke Mutter. Dass es Ulitzkaja gelingt. eingespielte Rollenverhältnisse und eine gewisse Sicherheit. dort eine Tochter ins Lager gebracht. Ljudmila Ulitzkaja geht aufs Ganze. Was bei sparsamen Autoren. wie die große Geschichte aus lauter kleinen Geschichten gemacht wird. sehen wir an späterer Stelle im Buch als begeisterte Besucher einer Opernaufführung oder als ratlose Häftlinge. wann sie Verrat üben. wir hören von ihrer ersten. aber die Romanstruktur ermöglicht es der Autorin. Dabei gelingen ihr die nur am Rande ins Geschehen verstricken Gestalten fast besser als die drei Freunde und die drei Freundinnen. Das alles wäre aber nichts. und unverdrossen hält zu ihnen die unterschätzte Galja. taucht Olga jedoch in anderen Zusammenhängen immer wieder auf. wie Angst und Trotz. Issai Semjonowitsch oder Wassili Innokentiewitsch vorgestellt. wenn sie nicht die Fähigkeit besäße. nachdem sie vom Tod Iljas in München erfahren hat. sind die Erinnerungen an vergangene Kindertage. Olga wird an der Seite ihres Mannes Ilja zur Dissidentin. Tamara hält es zeitweise wegen ihres jüdischen Lebensgefährten mit dem Zionismus. ein episches Kolossalgemälde Russlands zu bieten. Um diese Hauptfiguren ist eine Vielzahl von Nebenfiguren gruppiert. jede einzelne ihrer aberdutzend Figuren mit unverwechselbaren Eigenheiten auszustatten.

Bild nächste Seite: © Andrei Verner. 188. London 2007. 167. 1]. politischen und kulturellen Zuschreibungen. 3 Voronel’.Xing 23 In den 1970er Jahren entstand in der Sowjetunion eine jüdische Dissidentenkultur. den Beruf. Kerstin Armborst: Ablösung von der Sowjetunion. Münster. die ihnen massiv von außen aufgezwungen wurde: „Die sowjetische Geschichte hat einen Beweis dafür geliefert. Hamburg 2001.2 Der scheinbar im Widerspruch dazu stehende und offiziell nicht existente staatliche Antisemitismus reichte von Massenverhaftungen und Folter unter Stalin Ende der 1940er und Anfang der » XING 23 . Vladimir Lazaris: Dissidenty i evrei.“ 1 Sowohl historische Fakten als auch die in der sowjetischen Gesellschaft tief verankerten Vorstellungen und Mythen über die „Juden“ führten zur Entstehung jener marginalisierenden charakterologischen. der in der Zeitschrift Osteuropa. Diese Literatur war ein Gegenentwurf zur offiziellen. gewannen jüdische Außenbilder eine besondere Wirkungskraft und Prägnanz. Authentische ethnische Merkmale sowjetischer Juden (primordial ethnicity) wurden zunehmend von sozial-kulturellen (instrumental ethnicity) verdrängt und schließlich komplett ersetzt. Nonkonforme jüdische Literatur TEXT: KLAVDIA SMOLA Dieser Text ist ein Auszug aus dem Artikel. Petersburg. Moskva. 2 Rita Genzeleva: Puti evrejskogo samosoznanija. – Zu historischen. – Übersetzungen stammen. Novgorod‘s Kremlin brick-wall. die Zeit der jüdischen Oppositionsbewegung. auf weltanschauliche und ethnische Homogenisierung ausgerichteten sowjetischen Kultur. zuweilen schwer fassbare. 9. die zum Teil weit in die russische (sowjetische) Vergangenheit zurück reichen. 7/2011 erschienen ist. dass die Assimilation den Antisemitismus nicht eliminieren kann. beeinflussten. dass das Jüdisch-Sein sich in den folgenden Jahrzehnten auf eine Reihe von formalen. Minsk 2003. Kto porval ž eleznyj zanaves? Tel-Aviv 1981. Integration. jedoch als fremd oder anders empfundene Alltagsgewohnheiten. die in dieser einmaligen politisch-kulturellen Periode entstand. Gerade weil das assimilierte Judentum der späten Sowjetunion der nationalen russischen Mehrheit keine eigenen essentiellen Werte entgegensetzen konnte. die auch das jüdische Selbstverständnis bis in die 1970 – 1980er Jahre. Sie war eng mit dem „Aufwachen“ des jüdischen historischen und kulturellen Gedächtnisses verknüpft. Diese Faktoren lassen sich im Wesentlichen auf das Paradoxon reduzieren: Die hohe Assimiliertheit und eine intensive Partizipation sowjetischer Juden an der russischen Mehrheitskultur gingen einher mit ihrer Alterität und Fremdheit. umfasst sowohl die illegal veröffentlichten Texte des jüdischen Samizdat als auch Werke der bereits nach Israel emigrierten Schriftsteller. in: ders. Bild Seite rechts: © Witek Burkiewicz. 44 Daniela Bland-Spitz: Die Lage der Juden und die jüdische Opposition in der Sowjetunion 1967 – 1977. Die Literatur des sowjetischjüdischen „Gegenkanons“. soziokulturellen und anthropologischen Merkmalen wie die Angabe der Nationalität im Pass. die Bildung. Verhalten oder Humor beschränkte. Die Emigrationsbewegung der Juden und Deutschen vor 1987. Diessenhofen 1980. die die jüdischen Protestbewegungen und Emigrationsbestrebungen in der späten Sowjetunion bedingten und mitgestalteten. von der Verfasserin. S. New Brunswick. Larissa Remennick: Russian Jews on Three Continents. and Conflict. oben). sowie umfangreiche Studien von Daniela Bland-Spitz (vgl. sozialen und politischen Faktoren. Ierusalim 1999. S. 1 Die Poetik des Widerstands und die Wiederentdeckung des Judentums in der späten Sowjetzeit Die Geburt der jüdischen Kontrakultur in der Sowjetunion in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre und ihre Eigenart gehen auf ein Bündel von politisch-kulturellen Gegebenheiten zurück. das Aussehen. Die Russifizierung und Sowjetisierung der Juden nach der Oktoberrevolution 1917 hatten zur Folge. Trepet iudejskich zabot [Fn.: I vmeste i vroz’. S. siehe Zeugnisse und Analysen der jüdischen Dissidenten Aleksandr Voronel’: Trepet iudejskich zabot. Wesentliches Element der Poetik der nonkonformen jüdischen Literatur ist die Allianz zwischen dem Widerstand und der neuen „Jüdischkeit“ der meist stark assimilierten sowjetischen Juden. St. falls nicht anders angegeben. Identity.

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. Dies führte zu einer überdurchschnittlich hohen Repräsentanz der Juden in den „intellektuellen“ Berufen und lieferte zugleich ein zusätzliches Motiv für die Abneigung gegen Juden als welt. das nicht allein die politische Passivität. In diesem Fall hätten sie das Gefühl. 1950er Jahre bis zu den Einschränkungen im Bildungsbereich und im Beruf in der späteren Sowjetzeit. Wissenschaft und schriftliche 46 Kultur. Die zweite Hälfte der 1960er Jahre markiert den Beginn eines neuen Selbstbewusstseins der Juden in der Sowjetunion. in den Texten der Dorfprosa zur Geltung kamen. Zwei historische Vorgänge hat man als Basis für die Bildung solcher Vorstellungen hauptsächlich herangezogen: die aktive Beteiligung russischer Juden an der Oktoberrevolution und ihre im Laufe der Geschichte mehr oder minder aktiven zionistischen Bestrebungen. Die halboffene Auseinandersetzung mit der totalitären sowjetischen Vergangenheit und die partielle Abkehr vom Kanon des sozialistischen Realismus. da sie besondere Ziele verfolgte und in der Dissidentenwelt eine eigene nationale Nische suchte. die unter Chruščëv ermöglicht wurden. dass Russen. die u. Ehrlichkeit. die speziell als Juden Opfer der staatlichen Verfolgungen wurden und zudem die Hetzkampagnen und Hinrichtungen XING 23 . a.] Russisch sprechen und zum Beispiel lange Schläfenlocken tragen. Der intellektuelle Charakter der jüdischen Opposition hat schließlich mit der ethnisch tradierten.und volksfremde „Brillenintelligenzler“.Ljudmila Ulitzkaja. dass wir keinen Besitzanspruch gegenüber der russischen Kultur und den nationalen Heiligtümern haben. Kunst. Arno Lustiger bezeichnet diese Epoche sogar als Kulturrevolution. Schuld. 5 Das mal mehr und mal weniger explizite Feindbild vom Juden in der sowjetischen Gesellschaft verdankte seine Wirksamkeit dem positiven Gegenbild der „authentischen und echten“ Stammbevölkerung: Dem Mythos der russischen Offenheit. Introvertiertheit. und zeigten Differenzen auf. galten sie als subversive politische Kraft: Mit ihnen verband man Nonkonformismus.und Talmudstudien zurückgreifenden Wertschätzung der Juden für Bildung. oft bekräftigt durch die Staatspropaganda. Das mal mehr und mal weniger explizite Feindbild vom Juden in der sowjetischen Gesellschaft verdankte seine Wirksamkeit dem positiven Gegenbild der „authentischen und echten“ Stammbevölkerung: Dem Mythos der russischen Offenheit. wie alle zu leben“ 4. geistige und mentale Mobilität.7 Die Ursache für die Entstehung der jüdischen nationalen (Protest)Bewegung lag jedoch vielmehr in der Summe historischer Faktoren. Traurigkeit und Schwermut. Uneigennützigkeit und des Heldengeistes. ihre Affinität zur – nun säkularen – Gelehrsamkeit zu tun. Uneigennützigkeit und des russischen Heldengeistes. lieferten die Grundlage für eine alternative Auffassung der Geschichte und der Gegenwart. Die jüdische Kontrakultur war ein bedeutender Teil der allgemeinen spätsowjetischen Protestbewegung und dennoch eigenständig. Ehrlichkeit. Das politische Aufbegehren der regimekritischen Intellektuellen. im Alltag Vorliebe für unbequeme Diskussionen.8 In die Kultur des sowjetischen Nonkonformismus brachte sie eine zusätzliche Komponente des Jüdischen als ethnisch und kulturell Anderen und oft auch Stigmatisierten. Das Ende dieser kulturellen und politischen Auflockerung fiel mit der Entstehung der Kontrakultur des Undergrounds zusammen. förderten gleichzeitig die Herausbildung solcher persönlichen Eigenschaften und Attitüden der Juden wie Unsicherheit.und Schamgefühle sowie ein geringes Selbstbewusstsein. Antisemitische Vorurteile in der Bevölkerung. von denen die Erfahrung einer relativen geistigen Freiheit in der Periode des „Tauwetters“ nicht von geringer Bedeutung war. Neigung zum Querdenken und zum Protest. Der von Elie Wiesel geprägte Begriff „Juden des Schweigens“ verwandelte sich in ein Klischee. die ihnen die Gleichberechtigung und die Möglichkeit versprach. würden wir nicht so gut [. Eine bitter-ironische Formulierung des jüdischen Aktivisten und Dissidenten Aleksandr Voronel’ verdeutlicht diese Lage: „[E]s entsteht der Eindruck. . uns mehr Toleranz entgegenbringen würden.“ 3 Da die Juden sich infolge antisemitischer Stimmungen und Aktionen im Zarenreich und erneut in der Sowjetunion „jeder Oppositionsbewegung [anschlossen]. Nicht zuletzt deshalb bedeutete der Sieg der Israelis im Sechstagekrieg 1967 eine Wende im kollektiven Bewusstsein der Sowjetbürger: Die gängige Vorstellung von einem schwachen und feigen Juden wurde zumindest teilweise konterkariert.6 Der Sieg Israels im Jahre 1967 rief eine Welle von Enthusiasmus unter den sowjetischen Juden hervor und gab Anstoß für die Entfaltung einer breiten kulturellen und politischen Untergrundbewegung wie für die ersten Bemühungen um die Emigration nach Israel. sondern auch das Alltagsverhalten sowjetischer Juden reflektierte. auf jahrhundertelange Thora.

40. aufgefasst wurde. kann man von einem gemeinsamen „Erinnerungsprojekt“ sprechen. hier S. Jurij Karabčievskij. 1881 to the Present. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen. oft untrennbar vom Antisemitismus. 270. David Šraer-Petrov. da ohne Chance. 6 Zvi Gitelman: A Century of Ambivalence. Semën Lipkin oder Grigorij Svirskij zu beobachten. Jakov Cigel’man. London 1992. Babel. für die Wiederentdeckung der jüdischen Historie: Die in der Sowjetzeit – im jüdischen Samizdat oder in der Emigration – entstandenen Texte brachen – wenn auch nur partiell. Urs Heftrich und Heinz-Dietrich Löwe (Hg. Fridrich Gorenštejn. dort wurden u. S. Russian-Jewish Literature and Identity: Jabotinsky. Die tragische Geschichte des Jüdischen Antifaschistischen Komitees und der sowjetischen Juden. Grossman. hat sie entscheidend geprägt: Der Protest gegen die totalitäre Macht und deren Restriktionen wurde zum wichtigen Inhalt des Judentums. 35–56.Der Protest gegen die totalitäre Macht und deren Restriktionen wurde zum wichtigen Inhalt des Judentums. oli Ljuksemburg. dass die russisch-jüdische Kultur und Literatur ihre Renaissance im Zuge einer Widerstands. in ihren „typischen“. Feliks Roziner. 34 – 35. Köln. Dissidenty i evrei [Fn. dass der Sieg Israels im Sechstagekrieg eine aggressive antizionistische und faktisch antisemitische Propaganda in der sowjetischen Presse auslöste. 2/1994. 9 Ein weiteres Paradox bestand darin. die vom Pathos der kulturellen Selbsterhaltung und vom Drang nach Rekonstruktion genährt wurde. Izrail’ Metter. Zvi Gitelman sprach von der „Bedrohung eines zweiten Holocaust“. Efrem Bauch. illegale Studien der jüdischen Kultur. Baltimore. 57–96. aufgefasst wurde. The Jews of Russia and the Soviet Union. 7 Siehe dazu Zvi Gitelman: The Reconstruction of Community and Jewish Identity in Russia. 311. 33. Dies wurde dadurch verstärkt. Markish. h. 47 . 1]. Galich. der Kampf um die Emigration und die damit verknüpfte Bewegung der otkazniki.und Erinnerungsliteratur (s.12 Die daraus resultierende besondere Historizität. Wien 2006. also intellektuellen Bereichen zu arbeiten: Dafür sorgte ein allgemein gültiger. erhielt eine zusätzliche Motivation und Legitimierung. S. dass die jüdische Samizdat-Tätigkeit insbesondere in den Baltischen Republiken schon Ende der 1950er Jahre (1957 in Riga) entstanden ist. jüdischer Samund Tamizdat. in: East European Jewish Affairs. 10 Arno Lustiger: Rotbuch: Stalin und die Juden. 1). kollektive Briefe und die Abrechnung der Sowjetmacht mit den jüdischen Dissidenten – sind bereits Gegenstand eines großen Korpus der Forschungs. München 2007. der 1940 – 1950er Jahre noch frisch im kollektiven Gedächtnis bewahrten. Künstlerische Erinnerung sowjetischen versus offizielles Schweigen. a. 5 sowie zahlreiche Petitionen. Die vom Staat aufgedrängte negative jüdische Identität und das Bewusstsein für ein gemeinsames tragisches Schicksal10 gaben vielen Menschen zugleich den entscheidenden Impuls für die Reflexion des eigenen nationalen Ursprungs. ist bei so unterschiedlichen Autoren wie ofraim Sevela. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung. 8 Frank Grüner: Die Tragödie von Babij Jar im Gedächtnis. S. dass sowjetische Juden systematisch daran gehindert wurden. jedoch inoffizieller Numerus clausus für alle als Juden identifizierten Sowjetbürger an den Hochschulen. Bücher von Vladimir Ž abotinskij und Šimon Dubnov verbreitet. Weimar. S. die breite Öffentlichkeit zu erreichen – „das Monopol des Regimes auf Deutung der Vergangenheit“. Nakhimovsky verweist jedoch darauf. XING 23 4 Lazaris. 55. in: Frank Grüner. d. insbesondere S.11 Wenn man die Ansätze der kulturellen Gedächtnisforschung aufgreift. 12 Die Schlüsseltopoi der spätsowjetischen jüdischen Protestkultur – der neue Zionismus. einen Teil der einschlägigen Beiträge in Fn.): „Zerstörer des Schweigens“. Julija Šmukler. S. sodass dieses vor allem als soziales und politisches Phänomen. S. Geschichte und des Hebräischen Aleida Assmann: Geschichte im Gedächtnis. S. Roziner. 11 Alice S. New York 1988. oft untrennbar vom Antisemitismus. sodass dieses vor allem als soziales und politisches Phänomen.9 Die Tatsache. 91. Berlin 1998.und Untergrundbewegung erlebte.und Vernichtungspolitik in Osteuropa.

sie das Recht durchsetzen. doch schärft. Haben die Russen resigniert? Wenn es keine sichtbaren Erfolge gibt. einen Fehnoch zehn Jahre. dass der die Menschen sehr genau. von unauffälligen Menschen. Jahre lang geformt war. Die Das Demonstrationsgesetz wurde ver. Die Regierung weiß sehr ler zu machen und dafür mit der Karrigenau. Und wir hoffen. damit die Oppo. Ärzten. geworden. das wir beobachten. Erst die neue Generation men. erzogen wurde. Deshalb setze ich meine Hoffnung auch auf sie. dass Staates. Aber ich glaube nicht.der Trägheit zurück fallen. Die Lebensumstände des Volkes sind schrecklich. Sonst ere und dem Gehalt zu bezahlen. Daraus entspringt mein XING 23 . Der Staat sollte nicht in den Händen derer sein. der Russland so tausch zwischen Putin und Medwedjew lange geprägt hat. 48 Zweitens darf man nicht vergessen. Aber der Staat ist nun mal verantwortlich für das kolossale soziale Unglück. einem leisen Protest. denn die solche Menschen gehen seit einem halben Macht reagiert gereizt. was derzeit vor sich geht. in den Kommunistischen Gewinner. lebt noch. vorbei. Es gibt so viele Menschen. Genau mand kann das garantieren. Vielleicht dauert der Prozess Jugendverband. Sie gehört zur Protestbewegung gegen Präsident Putin. die in die KGBLehre gingen und sehr aggressiv sind. dass der Chef des Staates ein Mensch ist. Hat die Opposition denn eine richtige ist ohne Angst aufgewachsen. dass es auch Protest beendet ist. Werden Schriftsteller wie Sie und Boris Akunin wieder zur Avantgarde der Regimekritiker? Wir führen die Opposition nicht an. Will nicht gegeben. Mein Protest ist nicht ideologisch.Bestrafung? Erstens gibt es diese Tradition des dern ihr Anfang. Aber es sind weniger Opposition sammelt ihre Kräfte. so wie er siebzig «ausländische Agenten» registrieren lassen. Viele Autoren sind sehr regimetreu. nein. Sie haben bei einem sogenannten Stadtspaziergang mitgemacht. dem sich Tausende von Menschen anschlossen. In Russland hat es die Bürgergesellschaft so bisher hart gegenüber den Oppositionellen. INTERVIEW: FRANK NIENHUYSEN Dieser Text ist im Tages-Aanzeiger am 17. Es stimmt. Man kann heute nicht über Verlierer sprechen und auch nicht über nieren gehen. Mein Protest ist nicht ideologisch. die Waisen. die Rentner. der in den Reihen des Geheimdienstes KGB. wie die Menschen in alten Häusern leben. welche Probleme es gibt mit dem Wohngeld. Bilder rechte Seite © Getty Images. Künstlern.die Angst davor friert zu einem gewissition nicht stirbt.könnte die Gesellschaft in einen Zustand vation grösser. vor allem gegen junge Menschen. da gibt es eben auch einen gewissen Prozentsatz von Schriftstellern.Sowjetmacht gibt es nicht mehr. Ich weiß. Damals hatte der Ämter. Antwort auf die Probleme? Die Führung verhält sich gerade sehr Sie ist noch sehr jung. oder geht es um ist nicht das Ende der Geschichte. Warum nehmen Sie am Protest teil? Ich liebe die Politik nicht.er friedlich und unblutig sein wird. Nieland. sen Grad die sozialen Proteste ein. im Dezember war die Moti. Diese Angst. auf alle einen schrecklichen Eindruck Aus der russischen Geschichte wissen gemacht. Hat die Opposition verloren. die der Staat neuerdings härter bekämpft.Volk musste siebzig Jahre lang mit dieser Angst leben. ich finde sie nicht interessant. Ihre Bücher handeln vom Alltag in Russ. wenn Es fing ja in der Schule an. Diedie Toleranz gegenüber Oppositionellen ist se Angst sitzt tief im Unterbewusstsein. Unsere Staatsmacht noch viel schlechter werden kann. die unzufrieden sind. son. Das prägt den Stil. Organisationen müssen sich als der Sowjetmensch. Aber auch die Jahr auf die Strasse.Xing 23 Die russische Autorin Ljudmila Ulitzkaja wird auch im deutschen Sprachraum viel gelesen. der heute FSB heisst. Das gäbe es nicht diese repressiven Massnah. Die Wechselbeziehung zwischen Staat und Gesellschaft hat heute einen starken FSB-Akzent. Juli 2012 erstmals erschienen. wie stark die Opposition ist. Und gibt reichlich Anlässe. mit dem Gesetz zu strafen. Ein Gespräch mit der politischen Aktivistin Ljudmila Ulitzkaja. wo man sich Putin sich durchsetzt? nach den ideologischen Forderungen richten musste: Du musst zu den PioNein. Viele FSB-Leute sitzen auf den Kommandohöhen des Staates.

erkenne ich. Heute haben die Menschen eine Wahl. Und das ist eine wichtige Aufgabe der Regierung. ob du in einem eisernen Käfig sitzt oder ob du weisst. Die Staatsmacht ist nicht mehr ideologisch. das von Kaliningrad bis Wladiwostok reicht. Seine Ausdehnung ist ein Problem. von Monat zu Monat. dass wir uns zu unserem Land so verhalten wie zu unserem eigenen Haus. Hat sich das Verhältnis zwischen Staat und Gesellschaft seit den Sowjetzeiten überhaupt verändert? Alle Parameter haben sich verändert. aber so weit mir bekannt ist. Ich bin in Russland in einer Zeit aufgewachsen. Heute unterscheidet sich der Informationsfluss in Russland nicht mehr von dem im Westen: Es gibt das Internet. um den Zustand der Straßen. in einer traditionell kommunistischen Region. Und tatsächlich ist das Leben auf einem Dorf in Komi sehr viel schwerer als hier. von Tag zu Tag. Einige Menschen behandeln dieses Land wie eine Frucht. Das übergibt dem Menschen ein Stück Verantwortung. dass der Staat sich schlecht gegenüber dem Volk verhält. in der man heimlich Radio Liberty. um die dörfliche Struktur. was in der Welt vor sich geht. sie verlangsamt den Prozess. BBC und deutschen Sendern gelauscht hat. Sie sorgt sich um die Sauberkeit in der Stadt. kommt der Russe in der Provinz kaum dazu. und das ist ungerecht. aus der der Saft herausgepresst und ausgetrunken wird. Dieses Problem hatten die Herrscher zur Sowjetzeit nicht. Sie sind häufig in Italien. Und das war strafbar. indem er gerade so überlebt. Ist Russland. vielleicht einfach zu groß für eine organisierte Opposition. das Land ist träge. Den heutigen Staat interessiert nicht die Ideologie. weil es zuerst ums Überleben geht? Ein großer Teil der Provinz lebt. Verarmt ist ein reiches Land. aber man sollte wenigstens danach streben. hinauszugehen und zu zeigen. uns anzugreifen. hat derzeit niemand vor. das Land ist groß. Das gefällt mir. man lebt materiell deutlich schlechter. die sozialen Netzwerke. und hat der Bauer in Komi nicht ganz andere Interessen als der IT-Fachmann in Moskau? Ja. In der Provinz pflanzen die Menschen Kartoffeln und Rüben an. In Italien bin ich meistens in Ligurien. Die Verarmung ist aber ein gesamtrussisches Problem. Die wichtigste ist für gewöhnlich der Schutz des Landes vor Feinden. Soziale Gerechtigkeit gibt es nirgendwo auf der Welt. Das ist in der modernen Welt doch eigentlich selten. sondern die Macht an sich. Dort gibt es eine hohe Arbeitslosigkeit. Wenn wir lernen. der Geschäfte. Es macht einen kolossalen Unterschied. Sie wollen diesen Reichtum für sich allein. Inwiefern? In der Sowjetzeit gab es nur eine zulässige Art zu denken. dann kann man gut leben. damit sie im Winter was zu essen haben. XING 23 49 . was uns im eigenen Land fehlt. Verändert sich dort Ihr Blick auf Russland? Wenn ich im Ausland bin. Ich kenne die Bürgermeisterin eines kleinen Städtchens.Wunsch. das sich seiner Ressourcen rühmt. Während also der Städter arbeitet und an die Politik denkt. die sich um die Dinge kümmert wie ein Hausherr um seine Wohnung.

When I was growing up in the Soviet Union of the 1970s. his promotion of a “dictatorship of order” school. We yearned laws. it turned out that the horrors of Chechnya. anger and Rather than holding him responsible for had been written out of the past. especially among the young. Putin own family. my great-grandfather President Vladimir Putin. Like Stalin. with his sinister the cracks in the system that Khrushchev choice. Putin often notes that of the KGB.But Brezhnev. frank exchange of ideas and to a limited if Stalin ruled by fear? That was simply is our new national ideology. Having for centuries had no sense for that ill-fated land. Russians view him where Politburo members – including “democratic” Russian society. “free” his “democratic” appointment of leaders At home. and opened the door to a more were our victories and parades! So what communism. removed as Soviet leader that followed the collapse of the itself from the people. oligarchy.. if democracy turned into disarray and over me and my classmates from school 1956. of individual adopting and adapting some elements 50 XING 23 . he had been outed as a monster by my great-grandfather.” Translation: His modern great-grandfather officially didn’t exist. And he had made his ominous presence felt in my that speech. promising the bright. that we were a great nation. the perceived ills of post-communist. his jailing of “dishonest” oligarchs and mean much to me until I was in high the rulers who provided a sense of order. My school on Kutuzovsky has become a scapegoat for many of promotes himself as a new Russian Prospect was a haven for the party elite. How readily “voluntarism” and exiled to a country democracy came to represent confusion. in the famous “secret speech” at the 20th Congress of the Soviet Communist Party and deleted from history . he crime. But my once-powerful opinion polls revealing his shocking Russia is developing “its own brand of democracy. Khrushchev had been “retired” It’s not surprising. The a fear for one’s life.” support about the secret speech. it was President Leonid Brezhnev that I loathed. posters. the speech had launched the period for monumental – if oppressive – leaders. we agree with Russians didn’t like their new. Yes. At home. though it didn’t ourselves wanting our old rulers back. but how great that embraces elements of Stalinism. I was told that I should be proud to be a Khrushchev. After the anarchy needs mass purges like Stalin’s to protect by Brezhnev. Russia’s freedoms that the former communist it wasn’t as existentially threatening president pretends that by selectively countries enjoy today have flowed from as the fear of freedom. undefined crime of Soviet Union in 1991. TEXT: NINA KHRUSHCHEVA . a period when makes us his eager backers. While it hadn’t gone far enough inspired patriotic fervor and the belief rather than a government of transparent in demystifying the totalitarian system. for all seasons and all fears.. disappointment. why russia still loves stalin. “democrat. He brooded introduced with his speech of Feb... was everywhere. they killed and imprisoned. The dreaded Joseph Stalin seemed merely a name from a distant past. And Stalin. popularity. less like the godlike “father of all nations” the Brezhnevs – sent their children. with democratization. Nikita Khrushchev. However terrifying. selves. when millions of like Ivan the Terrible or Stalin. Dislike of freedom for the mysterious..” an all-inclusive hybrid known as the thaw. “Putinism.Ljudmila Ulitzkaja. Soviet citizens were released from the gulag. with no one but oneself to blame eyebrows. poverty. 25. autocracy has discovered that it no longer In 1964. My parents told me of self-esteem outside the state. We cheer his history still existed. and more like a Russian friends boasted of grandfathers who who terrorized and oppressed the nation. everyman – a sign of at least partial were ambassador to England or head is enjoying a virtual rehabilitation. we have come to admire his firm hand: estate outside Moscow. Back in 1956. capitalism into corruption.” Indeed. My the man he exposed as a brutal dictator that Stalin was. A man flow of foreign visitors and goods. KGB-ism and market-ism. we found “unmasking of Western spies. shining More than 50 years to the day from This is why the country rallies behind future of communism.

The country. despite people’s expectations. the complexities of life in a fragmented modern society that can boast of no momentous achievements  – no more superpower status. Russians were in such a hurry to get rid of the negative burdens of the Soviet regime And so the secret speech is no longer that they got rid of everything positive. called for reform of the the communist era – which had indeed despotic system he had helped to build. Russians experienced It’s a cycle that will keep on repeating Until recently. whom Stalin This tendency to dismiss the past. material and physical despair. in Khrushchev’s denunciation of Stalin). science and space developments. they yearned to feel better about themselves and their land. been surfacing since the Brezhnev era. order to secure justice for Stalinism’s they were told that the nearly centuryvictims and liberate communist long Soviet period had been completely ideals from the gulag’s grotesque useless. the Khrushchevs – father and son – have become favorite scapegoats for Russia’s problems. In a sweeping negation (much like conscience. has rotted to the ground. mustachioed smile. is common in socialist ideals by serving the Nazis Russian history. lifelong beliefs. of nostalgia to take hold. The image of Stalin. confronts its past. Khrushchev became the architect of Russia’s ills. educational growth. XING 23 51 . no new Sputniks – have made Russians nostalgic These rumors about Leonid have Deprived of national pride and their for the “strong state” they once inhabited. with his wise. Since then we have lived increasingly useless and dirtier lives. the public had by and the demise of the Soviet era as the end of itself until Russia finally and fully large dismissed them as “planted” KGB empire and a sense of national identity. propaganda. deprived of high ideals in just a few decades. Khrushchev’s critics consider the collapse of the Soviet Union to be as much his fault as Mikhail Gorbachev’s or Yeltsin’s. the KGB of the Soviets. But today. with information once again manipulated by the authorities – suggests that his proposed “unity” is yet another effort to rewrite the past.” because this “murder of Stalin was also the murder of his people. never had allegedly persecuted for betraying to fully repent of its sins. creating a viable system of power that will last. Leonid. his oldest son. and it allows for a film during World War II. filled the void. But his closed and secretive system of governing  – the “vertical power” so familiar from the pre-secret speech era. Instead.from his predecessors’ rule – the Russian Orthodox Church of the czars. And because he refuted him. “Stalin: The Second Murder. victory in World ignoble: Khrushchev’s effort to avenge War II. In a state of moral. brought Russia oppression. seen as a courageous act of political too.” journalist Yelena Prudnikova writes of Khrushchev’s posthumous denunciation of Stalin as if it were a murder: “If it weren’t for [Khrushchev’s] execution [of Stalin] we wouldn’t have come to such a sorry state.” My great-grandfather tried to begin the process of freeing Russia from Stalin’s bloody past. as the country looks for an easy answer to its feelings of insecurity. in which Khrushchev. is dismissed as something far more near-universal literacy. the speech industrialization. In her book. The 1990s refused to recognize inhumanity. the market economy of the Boris Yeltsin era – he is eliminating the extremes of the past. The fall of the communist system didn’t exactly seamlessly usher in democracy. but also In the Russian media today. but the nation has never fully dealt with the crimes of Stalinism.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Herausgeber wider.COM XING . 2012 Schwerpunkt: Ljudmila Ulitzkaja: „Ich kann Politik überhaupt nicht leiden. Dank an Fr.at Bank Austria Creditanstalt : BLZ 12000 KtoNr 50109836701 Verlag & Redaktionsadresse: xing@curbs. Kulturamt der Stadt Linz . Manuel Schilcher Redaktionsleitung der Ausgabe: Simone Griesmayr Layout: Manuel Schilcher Fotoredkation: r. Büro zur Förderung von Kultur.SCOTT BREIER / TOONPOOL. XING Marienstr.curbs. Jahrgang 08.at. auch die Übernahme von Beiträgen nach § 44 Abs.gratzer Druck: DBL. aber die Situation zwingt mich dazu politisch zu sein. Breuer unterstützt von: Institut für Kulturförderung des Landes OÖ.“ Einzelheft: 15 Euro + Versandkosten Verkauf in ausgewählten Buchhandlungen und öffentlichen Institutionen. Details unter xing.und Wissenschaftskommunikation Herausgeber: Bernhard Seyringer. Bad Leonfelden. 1 und 2 Urheberrechtsgesetz. Das Copyright sowie die Verantwortung für die publizierten Inhalte liegen ausschließlich bei den jeweiligen AutorInnen. vorbehalten. 4020 Linz ISSN 2075-2539 Alle Rechte. 10a.Ein Kulturmagazin Heft 23.

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