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Dynamische Simulation

thermisch initiierter Domino-Effekte

vorgelegt von
Dipl.-Ing. Hatice Aydan Acikalin
aus Berlin

Von der Fakultät III - Prozesswissenschaften


der Technischen Universität Berlin
zur Erlangung des akademischen Grades
Doktorin der Ingenieurwissenschaften
– Dr.-Ing. –

genehmigte Dissertation

Promotionsausschuß:

Vorsitzender: Prof. Dr.-Ing. H. Auracher


Berichter: Prof. Dr.-Ing. J. Steinbach
Berichter: Prof. Dr.-Ing. H. Mertens

Tag der wissenschaftlichen Aussprache: 31.Januar 2003

Berlin 2003

D83
Meiner Familie
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 1

Danksagung
Die vorliegende Arbeit entstand während meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Mitarbei-
terin am Institut für Prozeß- und Anlagentechnik, Fachgebiet Anlagen- und Sicher-
heitstechnik, der Technischen Universität Berlin.
An erster Stelle möchte ich mich für die Unterstützung durch meinen Doktorvater, Herrn
Prof. Dr.-Ing. Steinbach, bedanken. Während der Erstellung der vorliegenden Arbeit un-
terstützte er mich in den entscheidenden Momenten und stand mir auch in privat schwie-
rigen Situationen bei. Sein Interesse an den erarbeiteten Ergebnissen und die nicht
nachlassende Bereitschaft, über auftretende Probleme zu diskutieren, trugen wesentlich
zum Gelingen dieser Arbeit bei.
Weiterhin bin ich dankbar, daß sich Herr Prof. Dr.-Ing. Mertens bereit erklärt hat, das
Zweitgutachten für die vorliegende Arbeit zu erstellen. Auch für seine fachliche Unterstüt-
zung zur Formulierung eines Berstkriteriums möchte ich mich bei ihm bedanken.
Für den Vorsitz im Promotionsausschuß danke ich Herrn Prof. Dr.-Ing. Auracher.
Herrn Dr.-Ing. Schalau möchte ich insbesondere für die Unterstützung zum Gelingen des
Berechnungsverfahrens und für die intensiven Diskussionen meinen Dank aussprechen.
Darüber hinaus gilt mein Dank allen Kollegen und Mitarbeitern für ihre Unterstützung und
die anregenden Diskussionen.
Der letzte und größte Dank geht an meine Familie, die mich in schwierigen Situationen
stets unterstützte und fortwährend motivierte.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 2

Abstract (deutsch)
Domino-Effekt-Unfälle sind komplexe Phänomene mit einem hohen Zerstörungspotential.
Obwohl die Folgen eines Unfalles mit Domino-Effekten sehr schwerwiegend sein können,
wie es Unfälle in der Vergangenheit beweisen, hat dieses Phänomen bislang nur wenig
Beachtung gefunden. Dies liegt im wesentlichen darin begründet, daß die Modellierung
von Domino-Effekten eine hohe Komplexität aufweist. Um ihre Auswirkungen abzuschät-
zen, müssen deterministische Modelle in Verbindung mit probabilistischen Modellen an-
gewendet werden. Die Schwierigkeit bei der deterministischen Modellierung besteht u.a.
darin, daß neue Ereignisse sich gleichzeitig entwickeln und zeitlich veränderlicher Natur
sind. Zum Anderen kommt es zum simultanen Auftreten von Wärme- und Stofftransport-
vorgängen und komplexen Spannungsmustern in thermisch und/oder mechanisch beauf-
schlagten Anlagenteilen. Die Schwierigkeiten bei der Anwendung probabilistischer Mo-
delle liegt insbesondere darin, daß die zur Durchführung probabilistischer Analysen erfor-
derlichen Ausgangsdaten oft nicht vorhanden sind. Die Abschätzung der Auswirkungen
eines Domino-Effektes erfordert damit eine umfassende Betrachtung zeitlich vorüberge-
hender thermischer und mechanischer Wechselwirkung zwischen der die Störfallauswir-
kung produzierenden Anlage und dem durch die Störfallauswirkung betroffenen Anlage.
Durch die Richtlinie 96/82/EG DES RATES zur Beherrschung der Gefahren bei schweren
Unfällen mit gefährlichen Stoffen vom 9. Dezember 1996 - kurz Seveso II-Richtlinie ge-
nannt - werden die Mitgliedsstaaten in Artikel 8 Domino-Effekt verpflichtet, dafür zu sor-
gen, daß die zuständige Behörde, anhand der vom Betreiber übermittelten Angaben
festlegt, „bei welchen Betrieben oder Gruppen von Betrieben aufgrund ihres Standorts
und ihrer Nähe sowie ihrer Verzeichnisse gefährlicher Stoffe eine erhöhte Wahrschein-
lichkeit oder Möglichkeit schwerer Unfälle bestehen kann oder diese Unfälle folgenschwe-
rer sein können“. Spätestens seit der Umsetzung der Seveso-II Richtlinie in nationales
Recht durch die Zwölfte Verordnung zur Durchführung des Bundes-
Immissionsschutzgesetzes (Störfall-Verordnung – 12. BImSchV) am 03. Mai. 2000 müs-
sen sich Behörden wie auch Betreiber, deren Betriebe in den Geltungsbereich dieser
Richtlinie fallen, mit der Problematik von Domino-Effekten auseinandersetzen.
Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird ein erster Schritt zur Objektivierung derzeit übli-
cher Methoden zur Behandlung von Domino-Effekten durch Entwicklung einer Vorge-
hensweise zur Abschätzung der Risiken von Domino-Effekten gemacht. Es werden ein-
leitende Gefährdungsarten identifiziert und empfohlene mathematische Modelle zur Ab-
schätzung dieser Gefährdungsarten aufgezeigt. Da die Untersuchung von entsprechen-
den Unfällen in der Vergangenheit zeigt, daß die Aufnahme thermischer Energie potenti-
elle Auslöser von Domino-Effekten ist, stellt die Modellierung dieser thermisch initiierter
den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit dar. Es wird ein Berechnungsverfahren entwik-
kelt, das die Erwärmung eines horizontalen, zylindrischen Behälters durch eine Unter-
feuerung oder durch Strahlung infolge eines Lachenbrandes in der Umgebung instationär
simulieren kann. Die durch die Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung (BAM)
durchgeführten Berstversuche mit Druckbehältern und einem Eisenbahnkesselwagen
(EKW) werden nachgerechnet. Mit dem Berechnungsverfahren werden schließlich aus-
gewählte Einflußfaktoren für den Wärmeeintrag in Behälter untersucht und die Bedingun-
gen im Behälter zum Zeitpunkt des Berstens ermittelt. Die Auswirkungen durch ein mögli-
ches Behälterbersten werden dargestellt.
Durch die gewonnenen Ergebnisse kann gezeigt werden, daß die Auswirkungen der Ex-
plosionsdruckwelle aus dem Behälterbersten auf den Nahbereich beschränkt bleiben und
primär bei der Abschätzung von internen Domino-Effekten zu betrachten sind. Die Effekte
durch Trümmerflug hingegen können aufgrund der Flugweite auch im Fernbereich wirk-
sam werden.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 3

Abstract (englisch)
Domino effect accidents are complex phenomena with a high destruction potential.
Although the consequences of an accident with domino effects can be very serious, as
proven by accidents in the past, this phenomenon has so far attracted very little attention.
This is essentially caused by the fact that modelling of domino effects is highly complex.
In order to assess their effects, deterministic models have to be used in combination with
probabilistic models. The main problem about deterministic modelling arises among other
things from the simultaneous generation and the transient nature of the events. On the
other hand simultaneous heat and mass transfer, as well as complex strain patterns in
thermally and/or mechanically affected installations occur. The difficulties in the
application of probabilistic models lie in particular to the fact that the original data neces-
sary for the execution of probabilistic analyses are often missing. The estimation of a
domino effect therefore requires a comprehensive study of transient thermal and me-
chanical interaction between the installation initiating the incident and the installation af-
fected by the incident.
Through Directive 96/82/EC on the control of major-accidents hazards with dangerous
materials of 9 December 1996, briefly Seveso II directive, it is first time mentioned, that
member states are obliged by articles 8 domino effect to ensure that the competent
authority, using the information received from the operators identifies "establishments or
groups of establishments where the likelihood and the possibility or consequences of a
major accident may be increased because of the location and the proximity of such es-
tablishments, and their inventories of dangerous substances”. At the latest since the
adoption of the Seveso II directive into national law through Zwölfte Verordnung zur
Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (Störfall-Verordnung – 12.
BImSchV) on 03 May 2000 competent authorities as well as operators whose operations
are subject to this guideline must discuss the problems associated with domino effects.
Within the framework of the present work a first step is made to objectify current methods
of handling domino effects by development of a methodology to estimate the risks of
domino effects. Initiating events are identified and recommended mathematical models
for the estimation of these events are pointed out. Since the investigation of related acci-
dents in the past shows that the presence of thermal energy potentially triggers domino
effects, the present work puts special emphasis on the modelling of thermally initiated
domino effects. A computational method which can simulate the heating up of a horizon-
tal, cylindrical vessel by an engulfing fire or by radiation due to a remote pool fire is devel-
oped. Burst-experiments with pressure vessels and a rail tank car (EKW), carried out by
the Federal Institution for Material Research and Testing (BAM) were recalculated.
Finally selected factors of influence for the heat input into vessels were examined with the
computational method and the conditions in the vessel at the point in time of bursting are
determined.
It can be shown through the results obtained that the effects of the explosion pressure
wave resulting from the bursting vessel remain limited at close range and primarily are
regarded for the estimation of internal domino effects. The effects by fragments, however,
can become significant due to their flight-distance also in the far range.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 4

Inhaltsverzeichnis
DANKSAGUNG .............................................................................................................................................. 1

ABSTRACT (DEUTSCH)............................................................................................................................... 2

ABSTRACT (ENGLISCH) ............................................................................................................................. 3

INHALTSVERZEICHNIS.............................................................................................................................. 4

SYMBOLVERZEICHNIS .............................................................................................................................. 7

1 EINLEITUNG UND ZIELSETZUNG ................................................................................................ 11

2 GESETZLICHE GRUNDLAGEN UND DEFINITION DES DOMINO-EFFEKTES ................... 13


2.1 ANFORDERUNGEN AUS DER RICHTLINIE 96/82/EG DES RATES ZUR BEHERRSCHUNG DER GEFAHREN
BEI SCHWEREN UNFÄLLEN MIT GEFÄHRLICHEN STOFFEN (SEVESO II-RICHTLINIE).................................... 13
2.1.1 Anforderungen aus der Seveso II-Richtlinie bzgl. der Ermittlung und Bewertung der Risiken
schwerer Unfälle..................................................................................................................................... 14
2.2 STAND DER UMSETZUNG DES ARTIKEL 8 DOMINO-EFFEKT DER SEVESO II-RICHTLINIE ................... 16
2.3 DEFINITION DES DOMINO-EFFEKTES.................................................................................................... 17
3 BESCHREIBUNG VON DOMINO-EFFEKT-UNFÄLLEN ............................................................ 18
3.1 DOMINO-EFFEKT-UNFÄLLE ................................................................................................................. 18
3.1.1 Feyzin, Frankreich..................................................................................................................... 18
3.1.2 Texas City, Texas, USA.............................................................................................................. 18
3.1.3 San Juan Ixhuatepec, Mexico City, Mexiko ............................................................................... 19
3.1.4 Verschiedene Unfälle................................................................................................................. 20
3.2 STATISTISCHE UNTERSUCHUNGEN VON DOMINO-EFFEKT-UNFÄLLEN ................................................. 21
4 MODELLIERUNG UND VORGEHENSWEISE ZUR ABSCHÄTZUNG VON DOMINO-
EFFEKTEN.................................................................................................................................................... 24
4.1 TYPISCHER ABLAUF VON DOMINO-EFFEKTEN ..................................................................................... 24
4.1.1 Das Houston Modell des Unfallprozesses ................................................................................. 25
4.2 SCHWIERIGKEITEN BEI DER MODELLIERUNG VON DOMINO-EFFEKTEN ................................................ 26
4.3 DOMINO-EFFEKT EINLEITENDE GEFÄHRDUNGSARTEN......................................................................... 29
4.3.1 Allgemeines................................................................................................................................ 29
4.3.2 Brand als Domino-Effekt auslösendes Primärereignis.............................................................. 31
4.3.3 Explosion als Domino-Effekt auslösendes Primärereignis........................................................ 32
4.3.3.1 Belastungen durch Druckwellen .......................................................................................................33
4.3.3.2 Belastungen durch Trümmerflug ......................................................................................................34
4.4 STAND DER ARBEITEN ÜBER DOMINO-EFFEKTE .................................................................................. 34
4.5 VORGEHENSWEISE ZUR ABSCHÄTZUNG DER RISIKEN VON DOMINO-EFFEKTEN .................................. 35
4.5.1 Problematik mit Grenzkriterien ................................................................................................. 38
5 THEORETISCHE GRUNDLAGEN ZUR MODELLIERUNG THERMISCH INITIIERTER
DOMINO-EFFEKTE.................................................................................................................................... 40
5.1 GRUNDLAGEN ZUR WÄRMEÜBERTRAGUNG......................................................................................... 40
5.1.1 Wärmeübertragung durch Leitung ............................................................................................ 40
5.1.2 Wärmeübergang durch Konvektion ........................................................................................... 41
5.1.2.1 Wärmeübergang beim Sieden ...........................................................................................................41
5.1.3 Wärmeübertragung durch Strahlung......................................................................................... 42
5.1.3.1 Wärmeübertragung durch Strahlung bei einem Lachenbrand ...........................................................42
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 5

5.2 GRUNDLAGEN ZUM BEHÄLTERBERSTEN - DER BLEVE....................................................................... 43


5.2.1 Druckwelle der Explosion.......................................................................................................... 44
5.2.1.1 Gespeicherte Energie im Behälter mit Gasphase...............................................................................46
5.2.1.2 Gespeicherte Energie im Behälter mit überhitzter Flüssigkeit ..........................................................46
5.2.1.3 Basis-Methode zur Abschätzung des Überdrucks und des Impulses der Druckwelle .......................47
5.2.2 Trümmerstücke........................................................................................................................... 50
5.2.2.1 Anzahl der Trümmerstücke...............................................................................................................51
5.2.2.2 Masse der Trümmerstücke ................................................................................................................52
5.2.2.3 Anfangsgeschwindigkeit von Trümmerstücken ................................................................................52
5.2.2.4 Flugweite von Trümmerstücken........................................................................................................53

6 MATHEMATISCHE MODELLIERUNG DER INSTATIONÄREN BEHÄLTERERWÄRMUNG


UND DES BEHÄLTERBERSTENS ............................................................................................................ 56
6.1 EINFÜHRUNG IN DIE PROBLEMATIK UND WESENTLICHE MODELLANNAHMEN ...................................... 56
6.2 BESCHREIBUNG DES BERECHNUNGSVERFAHRENS............................................................................... 57
6.2.1 Sonderfall: Entfernter Lachenbrand.......................................................................................... 58
6.3 DAS BEHÄLTERBERSTEN ..................................................................................................................... 60
6.3.1 Der Spannungszustand in der Behälterwand............................................................................. 60
6.3.2 Das Berstkriterium..................................................................................................................... 61
6.4 ÜBERPRÜFUNG DES BERECHNUNGSVERFAHRENS................................................................................ 63
6.5 VERGLEICH DES EINGETRAGENEN WÄRMESTROMS MIT DEN GLEICHUNGEN NACH AMERIKANISCHEN
REGELWERKEN ............................................................................................................................................ 68
7 UNTERSUCHUNG DER EINFLUßGRÖßEN FÜR DEN WÄRMEEINTRAG IN BEHÄLTER 70
7.1 AUSLEGUNG DER ZU UNTERSUCHENDEN BEHÄLTER ........................................................................... 71
7.2 UNTERSUCHUNG DER EINFLUßFAKTOREN FÜR DIE UNTERFEUERUNG .................................................. 72
7.2.1 Einfluß des Anfangsfüllgrades ................................................................................................... 72
7.2.2 Einfluß der Flammentemperatur ............................................................................................... 76
7.2.3 Einfluß des Behältervolumens ................................................................................................... 79
7.2.4 Einfluß der Stoffeigenschaft....................................................................................................... 80
7.2.5 Vergleichende Diskussion der Ergebnisse................................................................................. 82
7.3 UNTERSUCHUNG DER EINFLUßFAKTOREN FÜR DEN ENTFERNTEN LACHENBRAND ............................... 86
7.3.1 Einfluß des Anfangsfüllgrades ................................................................................................... 87
7.3.2 Einfluß der Flammentemperatur ............................................................................................... 91
7.3.3 Einfluß des Lachendurchmessers............................................................................................... 96
7.3.4 Einfluß der Entfernung .............................................................................................................. 99
7.3.5 Einfluß der Stoffeigenschaft..................................................................................................... 100
7.3.6 Vergleichende Diskussion der Ergebnisse............................................................................... 104
7.4 ENTWICKLUNG DIMENSIONSLOSER KENNGRÖßEN ............................................................................. 107
7.4.1 Rückrechnung der Berstzeit aus den Ergebnissen der Regressionsanalyse............................. 108
8 UNTERSUCHUNG DER AUSWIRKUNGEN FÜR PROPAN ...................................................... 110
8.1 AUSWIRKUNGEN DURCH DIE UNTERFEUERUNG ................................................................................. 110
8.1.1 Auswirkungen durch die Druckwelle ....................................................................................... 110
8.1.2 Auswirkungen durch den Trümmerflug ................................................................................... 112
8.2 AUSWIRKUNGEN DURCH DEN ENTFERNTEN LACHENBRAND .............................................................. 113
8.2.1 Auswirkungen durch die Druckwelle ....................................................................................... 113
8.2.2 Auswirkungen durch den Trümmerflug ................................................................................... 114
8.3 AUSWIRKUNGEN DURCH DIE FREISETZUNG AUS DEM SICHERHEITSVENTIL........................................ 115
9 ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE UND AUSBLIK .................................................... 117
9.1 SCHLUßFOLGERUNGEN AUS DEN SIMULATIONEN UND DEN AUSWIRKUNGSBETRACHTUNGEN............ 117
9.2 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK ................................................................................................ 118
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 6

10 LITERATURVERZEICHNIS ........................................................................................................... 120

ANHANG A ................................................................................................................................................. 125


A.1 ABSCHÄTZUNG EINES „ÄQUIVALENTEN“ SICHERHEITSVENTIL-DURCHMESSERS FÜR EINE 1-PHASEN-
DRUCKENTLASTUNG .................................................................................................................................. 125
A.2 VERWENDETE MODELLE ZUR BESTIMMUNG DER WÄRMEÜBERGANGSKOEFFIZIENTEN................. 126
A.3 MODELLIERUNG DES LACHENBRANDES ........................................................................................ 128
A.4 EINSTRAHLZAHL ........................................................................................................................... 129
A.5 MODELLIERUNG DER GASWOLKENEXPLOSION .............................................................................. 130
A.6 WESENTLICHE ERGEBNISSE ZUM ZEITPUNKT DES BERSTENS ........................................................ 131
ABBILDUNGSVERZEICHNIS ................................................................................................................. 134

TABELLENVERZEICHNIS...................................................................................................................... 137
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 7

Symbolverzeichnis
A Fläche m2
2
AD Fläche senkrecht zur Flugbahn m
AL Fläche parallel zur Flugbahn m2
2
Ag,fl Flüssigkeitsoberfläche m
a Temperaturleitfähigkeit m2/s
a, b, c Regressionsparameter
a0 Schallgeschwindigkeit in Luft (340 m/s) m/s
CD Widerstandsbeiwert
CL Auftriebsbeiwert
c spez. Wärmekapazität der Behälterwand J/(kg K)
cp spez. Wärmekapazität J/(kg K)
c1 Zuschlag zur Berücksichtigung der Wanddik- mm
kenunterschreitung
c2 Abnutzungszuschlag mm
d Durchmesser m
E Elastizitätsmodul N/mm2
E Strahlungsemission kW
Eav gespeicherte Energie J
Eex Explosionsenergie J
eav spezifische gespeicherte Energie J/kg
F Faktor
2
g Erdbeschleunigung m/s
H Höhe m
h spezifische Enthalpie J/kg
∆hc spezifische Verbrennungsenthalpie J/kg
∆hv spezifische Verdampfungsenthalpie J/kg
I skalierter Impuls
is Impuls der Druckwelle bar s
2
K Festigkeitskennwert N/mm
K Faktor in q krit
k Absorptionskoeffizient 1/m
l Länge m
m Masse kg
mBeh leere Behältermasse
mgas gasförmiger Massenstrom kg/s
m2ph zweiphasiger Massenstrom kg/s
m0 Masse des Behälterinhalts kg
m SV Massenstrom aus dem Sicherheitsventil kg/s
mT Masse des Trümmerstücks kg
v
m Verdampfungsmassenstrom kg/s
 ′Abbr
m ′ spezifische Verbrennungsrate kg/(m2s)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 8

 ′∞′
m spezifische Verbrennungsrate für dLache à ∞ kg/(m2s)
nT Anzahl der Trümmerstücke
ps Überdruck in der Druckwelle bar
Ps skalierter Überdruck
p Druck bar
pset Ansprechdruck des Sicherheitsventils bar
p0 Umgebungsdruck bar
p* normierter Siededruck Pa
Q Wärmestrom kW
q Wärmestromdichte kW/m2
R Flugweite m
R skalierte maximale Flugweite
Rm Zugfestigkeit N/mm2
Rmϑ rechnerischer temperaturabhängiger Zugfe- N/mm2
stigkeitskennwert
Rpo,2 0.2% Dehngrenzwert N/mm2
Rpo,2ϑ 0.2% Dehngrenzwert bei erhöhter Temperatur N/mm2
r Radius oder Entfernung m
S Sicherheitsbeiwert bei Berechnungsdruck
S Streckgrenzenverhältnis
s spezifische Entropie J/(kg K)
T Temperatur K
T0 Umgebungstemperatur K
TFlamme Flammentemperatur K
TSiede Siedetemperatur bei Atmosphärendruck K
Tsl Superheat limit temperature (Überhitzungs- K
temperatur) bei Atmosphärendruck
∆T treibende Temperaturdifferenz zwischen Be- K
hälterinnenwand und Fluid
t Zeit s
tB Brandzeit min
tBerst Berstzeit min
twand Wanddicke mm
u spezifische innere Energie J/kg
V0 Behältervolumen m3
v spezifisches Volumen m3/kg
v Faktor zur Ausnutzung der zulässigen Berech-
nungsspannung
vi Anfangsgeschwindigkeit des Trümmerstücks m/s
vi skalierte Anfangsgeschwindigkeit
X Entfernung m
x, y, z Koordinaten
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 9

Griechische Symbole
α Wärmeübergangskoeffizient W/(m2K)
αm Mittlerer Wärmeausdehnungskoeffizient 1/K
αSV Ausflußziffer des Sicherheitsventils
β Korrekturfaktor der mittleren Flammenlänge
ε1, ε2 Emissionsverhältnis
η dynamische Viskosität kg/(m s)
ϕ12 Einstrahlzahl
ϕFlamme→1 Einstrahlzahl von der Flamme zum Behälter
ϕg,fl Einstrahlzahl von der Behälterwand der Gas-
phase auf die Flüssigkeit
κ Isentropenkoeffizient
λ Wärmeleitfähigkeit W/(m K)
ν kinematische Zähigkeit m2/s
ν Poissonsche Querkontraktionszahl
π1, π2, π3 dimensionslose Größen
ρ Dichte der Behälterwand kg/m3
ρ0 Dichte der Umgebungsluft kg/m3
ρ0 Dichte des Fluids unmittelbar an der Oberflä- kg/m3
che des umströmten Körpers
ρ∞ Dichte des Fluids außerhalb der Strömungs- kg/m3
grenzschicht
σ Stefan-Boltzmann-Konstante W/(m2K)
σ Normalspannung N/mm2
σa Spannungsausschlag N/mm2
σm mittlere Spannung N/mm2
σSp Oberflächenspannung N/m
σV
2
Vergleichsspannung N/mm
σx
2
Längsspannung N/mm
σϕ
2
Umfangsspannung N/mm
τ Schubspannung N/mm2
∇ Nabla Operator
ψ Ausflußfunktion

Indizes
erzw erzwungen
fl flüssig
frei frei
g gasförmig
lam laminar
max maximal
krit kritisch
ref bei Normierungsdruck
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 10

SV Sicherheitsventil
turb turbulent
w Wand
1-ph einphasig
2-ph zweiphasig
( )a Behälteraußenwand
( )i Behälterinnenwand

Dimensionslose Kenngrößen
Gr Grashof-Zahl
Nu Nußelt-Zahl
Pr Prandtl-Zahl
Re Reynolds-Zahl
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 11

1 Einleitung und Zielsetzung


Industrielle Aktivitäten, die mit gefährlichen Stoffen in größeren Mengen verbunden sind,
bergen immer ein hohes Risiko für Personen, Umwelt und Sachgüter. Durch die Richtlinie
96/82/EG DES RATES zur Beherrschung der Gefahren bei schweren Unfällen mit ge-
fährlichen Stoffen vom 9. Dezember 1996 [Seveso II] - kurz Seveso II-Richtlinie genannt -
werden die Betreiber von Anlagen, in denen gefährliche Stoffe in Mengen vorhanden
sind, die festgelegte Mengenschwellen erreichen oder überschreiten, verpflichtet, das
Gefahrenpotential ihres Betriebes zu ermitteln und alle notwendigen Maßnahmen zu
treffen, um schwere Unfälle zu verhüten und deren Folgen für Mensch und Umwelt zu
begrenzen. Insbesondere nach Absatz 1 Artikel 8 Domino-Effekt der Seveso II-Richtlinie
werden die Mitgliedsstaaten verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die zuständige Behörde
anhand der vom Betreiber übermittelten Angaben festlegt, bei welchen Betrieben oder
Gruppen von Betrieben auf das mögliche Eintreten eines Domino-Effektes eingegangen
werden muß. Spätestens seit der Umsetzung der Seveso-II Richtlinie in nationales Recht
durch die Zwölfte Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes
(Störfall-Verordnung – 12. BImSchV) [StörfallVO] am 03. Mai. 2000 muß sich auch die
zuständige Behörde in der Bundesrepublik Deutschland mit dieser Problematik auseinan-
dersetzen. In der Störfall-Verordnung wird im §15 Domino-Effekt auf das mögliche Ein-
treten eines Domino-Effektes eingegangen, wobei der Gesetzestext des Artikel 8 Absatz
1 der Seveso II-Richtlinie weitestgehend übernommen worden ist. Die zuständige Behör-
de muß aufgrund der Informationen, die ihr von dem Betreiber vorgelegt werden, ent-
scheiden, ob das Potential für einen Domino-Effekt vorliegen kann oder nicht. Dabei wer-
den der zuständigen Behörde vom Gesetzgeber keine Informationen und Materialien be-
reitgestellt, auf deren Grundlage die Entscheidung, ob ein Domino-Effekt zu betrachten
ist, getroffen werden kann. In diesem Zusammenhang ist durch den Länderausschuß für
Immissionsschutz Unterausschuß (LAI UA) „Anlagensicherheit“ Expertenkreis „Untersu-
chungsvorhaben“ ein Arbeitspapier [LAI UA] erarbeitet worden, mit dessen Hilfe die Be-
urteilung, ob ein Domino-Effekt zu betrachten ist, vorgenommen werden kann. In diesem
Arbeitspapier wird aufgrund von festgelegten Abstandsregeln zwischen zugewandten
Betriebsgrenzen und einer Einzelfallbetrachtung die Entscheidung der zuständigen Be-
hörde möglich gemacht. Zur Durchführung der Einzelfallbetrachtung werden jedoch keine
detaillierten Informationen und darüber hinaus auch keine praxisgeeigneten Modelle
empfohlen. Es ist daher notwendig, zumindest Wege aufzuzeigen, diese Abstände mit
den zur Verfügung stehenden mathematischen Modellen zu quantifizieren. An dieser
Stelle wird die Notwendigkeit zur Entwicklung praxisgerechter Tools zur Objektivierung
derzeit üblicher behördlicher Vorgehensweisen deutlich. In der vorliegenden Arbeit wird
ein erster Schritt in diese Richtung durch Entwicklung einer systematischen Vorgehens-
weise zur Abschätzung von Domino-Effekten getan.
Neben den gesetzlichen Anforderungen ist die Notwendigkeit, sich mit Domino-Effekten
auseinanderzusetzen, durch ihre verheerenden Auswirkungen gegeben. Als ein Beispiel
für einen Domino-Effekt-Unfall sei der LPG (Liquefied Petroleum Gas) Unfall vom 19.
November 1984 in der Anlage der Firma PEMEX in Mexiko City genannt. Mehrere Explo-
sionen und BLEVEs (Boiling Liquid Expanding Vapour Explosion) von Lagerbehältern für
LPG zerstörten die gesamte Anlage. Es kamen dabei ca. 650 Menschen ums Leben und
etwa 6400 wurden verletzt. Obwohl die Folgen eines Domino-Effektes so verheerend sein
können, ist dieser Problematik bislang nur wenig Beachtung geschenkt worden. Dies liegt
u.a. darin begründet, daß die Untersuchung von Domino-Effekten mit enormen Schwie-
rigkeiten verbunden ist. Domino-Effekte sind sehr komplexe Phänomene, die von einer
Vielzahl von Einflußfaktoren abhängen. Da erst durch die Wahrscheinlichkeit, mit der die
erwähnten Einflußfaktoren gleichzeitig einwirken, Domino-Effekte initiiert werden können,
sind neben deterministischen Modellen auch probabilistische Betrachtungsweisen erfor-
derlich, um das mögliche Eintreten und die Auswirkungen von Domino-Effekten abzu-
schätzen. Bisherige Untersuchungen über Domino-Effekte waren überwiegend auf quali-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 12

tative Beschreibungen und Erklärungen der in der Vergangenheit vorgekommenen Ereig-


nisse, die zum Domino-Effekt geführt haben, beschränkt. Quantitative bzw. halbquantita-
tive Betrachtungen wurden nur von wenigen Autoren vorgenommen. In diesen Arbeiten
wurden Domino-Effekt einleitende Ereignisse hauptsächlich über einfache stationäre
mathematische Modelle quantifiziert. Bisher wurde die Belastungsdauer dieser Ereignis-
se, die einen wesentlichen Einflußfaktor bei der Initiierung von Domino-Effekten darstellt,
nicht in die Betrachtungsweisen einbezogen.
Die Analyse von Unfälle in der Vergangenheit zeigt, daß die Aufnahme thermischer Ener-
gie potentielle Auslöser von Domino-Effekten ist. Die Modellierung thermisch initiierter
Domino-Effekte unter Berücksichtigung instationärer mathematischer Modelle stellt daher
den Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit dar. In diesem Zusammenhang werden die
wesentlichen Einflußfaktoren des Wärmeeintrags untersucht. Darüber hinaus werden die
Schwierigkeiten bei der Modellierung von Domino-Effekten transparent gemacht und We-
ge zur Bewältigung dieser Schwierigkeiten aufgezeigt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 13

2 Gesetzliche Grundlagen und Definition des Domino-Effek-


tes
2.1 Anforderungen aus der Richtlinie 96/82/EG DES RATES zur Beherr-
schung der Gefahren bei schweren Unfällen mit gefährlichen Stoffen
(SEVESO II-Richtlinie)
Seit Mitte der 70er Jahre fokussierte eine Reihe schwerer Unfälle mit verheerenden Fol-
gen die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die chemische Industrie. Unfälle in Flixbo-
rough (1974) und Seveso (1976) seien hier beispielhaft erwähnt. Die Erfahrungen aus
diesen Unfällen waren ein wesentlicher Grund dafür, daß zusätzliche rechtliche Anforde-
rungen an die Sicherheit von chemischen Industrieanlagen Anfang der 80er Jahre gestellt
wurden. Mit der Richtlinie der Europäischen Gemeinschaft 82/501/EWG DES RATES
vom 24. Juni 1982 über die Gefahren schwerer Unfälle bei bestimmten Industrietätigkei-
ten [Seveso I], kurz Seveso I-Richtlinie genannt, die zu der damaligen Zeit durch die 12.
Verordnung zur Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetzes (Störfall-
Verordnung – 12. BImSchV) [StörfallVO] in nationales Recht umgesetzt worden war, wur-
den für die Betreiber von bestimmten Industrieanlagen neue Pflichten eingeführt. Die
Pflicht zur Anfertigung von Sicherheitsanalysen war ein wesentliches Element dieser
rechtlichen Anforderungen. Aufgrund der Erfahrungen aus weiteren Unfällen in der che-
mischen Industrie, wie z.B. die Unfälle in Mexico City (1984) und Bhopal (1984), wurden
die Seveso I-Richtlinie und die Störfall-Verordnung mehrfach ergänzt und verschärft
[Fendler]. Schließlich wurde eine grundlegende Neufassung der Seveso I-Richtlinie erar-
beitet und 1996 als neue Richtlinie erlassen, die am 3. Februar 1997 mit einer Umset-
zungsfrist in nationales Recht von zwei Jahren in Kraft getreten ist. Durch die Richtlinie
96/82/EG DES RATES zur Beherrschung der Gefahren bei schweren Unfällen mit ge-
fährlichen Stoffen vom 9. Dezember 1996 [Seveso II] - kurz Seveso II-Richtlinie genannt -
werden die Betreiber von Anlagen, in denen gefährliche Stoffe in Mengen vorhanden
sind, die den Mengen im Anhang 1 der Richtlinie entsprechen oder darüber liegen, ver-
pflichtet, das Gefahrenpotential ihres Betriebes zu ermitteln und alle notwendigen Maß-
nahmen zu treffen, um schwere Unfälle zu verhüten und deren Folgen für Mensch und
Umwelt zu begrenzen.
Nach den Begriffsbestimmungen der Seveso II-Richtlinie ist ein schwerer Unfall ein Er-
eignis - z. B. eine Emission, ein Brand oder eine Explosion größeren Ausmaßes —, das
(...) innerhalb oder außerhalb des Betriebs zu einer ernsten Gefahr für die menschliche
Gesundheit und/oder die Umwelt führt (...).
Die wichtigste Neuregelung in der Seveso II-Richtlinie ist die Verpflichtung der Betreiber,
ein Sicherheitsmanagementsystem einzurichten, durch das eine geeignete Sicherheitsor-
ganisation im Betrieb geschaffen werden soll.
Eine weitere Neuregelung in der Seveso II-Richtlinie ist die Verpflichtung der Behörde,
Betriebe oder Gruppen von Betrieben zu identifizieren, bei denen ein Domino-Effekt vor-
liegen kann. Mit dieser Tatsache befaßt sich der Artikel 8 Domino-Effekt der Seveso II-
Richtlinie. Nach diesem Artikel werden die Mitgliedsstaaten in Absatz 1 verpflichtet, dafür
zu sorgen, daß die zuständige Behörde, anhand der vom Betreiber gemäß den Artikeln 6
und 9 dieser Richtlinie übermittelten Angaben festlegt, „bei welchen Betrieben oder Grup-
pen von Betrieben aufgrund ihres Standorts und ihrer Nähe sowie ihrer Verzeichnisse
gefährlicher Stoffe eine erhöhte Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit schwerer Unfälle
bestehen kann oder diese Unfälle folgenschwerer sein können“. Mit dieser neuen Rege-
lung wird der Artikel 5 Absatz 4 der Seveso I-Richtlinie – die sog. „500-m-Regel“ - zu
Gunsten einer Einzelfallbetrachtung abgewandelt. Unabhängig von ihrem Abstand zuein-
ander werden jetzt alle Betriebe erfaßt, die eine erhöhte Wahrscheinlichkeit oder Mög-
lichkeit schwerer Unfälle bieten. Nach der Seveso I-Richtlinie war die Entscheidung, ob
eine Gefährdung durch benachbarte Betriebe vorliegt, von der Überschreitung bestimm-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 14

ter, in der Richtlinie festgehaltener, Mengen und der Abstände der benachbarten Betriebe
zueinander abhängig. Nach der neuen Regelung in der Seveso II-Richtlinie dagegen muß
nun im Einzelfall geprüft werden, ob ein Domino-Effekt vorliegen kann. Diese Prüfung soll
auf der Grundlage des Standortes, der räumlichen Nähe und der angezeigten Menge
gefährlicher Stoffe stattfinden.
Nach Artikel 8 Absatz 2 der Seveso II-Richtlinie müssen die Mitgliedsstaaten zusätzlich
sicherstellen, daß die ermittelten Betriebe untereinander sachdienliche Informationen
austauschen, insbesondere in ihrem Konzept zur Verhütung schwerer Unfälle, in ihren
Sicherheitsmanagementsystemen, in ihren Sicherheitsberichten und in ihren internen
Notfallplänen hinsichtlich der Art und dem Ausmaß der allgemeinen Gefahr eines schwe-
ren Unfalls. Die zuständige Behörde soll weiterhin sicherstellen, daß die Unterrichtung der
Öffentlichkeit und die Übermittlung von Angaben an die zuständige Behörde im Hinblick
auf Erstellung der externen Notfallpläne vorgesehen wird. Denn die Information der Öf-
fentlichkeit über industrielle Risiken und das Verhalten bei Unfällen sind für die Begren-
zung der Folgen schwerer Unfälle von sehr großer Bedeutung.
Zur Zeit wird an einer Änderung der Seveso II-Richtlinie gearbeitet. Angesichts der jüng-
sten Industrieunfälle, am 13. Mai 2000 in Enschede in den Niederlanden und am 21.
September 2001 in Toulouse in Frankreich, wird die Notwendigkeit der Trennung gefähr-
licher Industriebetriebe von Wohngebieten besonders deutlich. Ein wesentlicher Schritt in
diese Richtung wurde bereits in der Seveso II-Richtlinie durch den Artikel 12 Überwa-
chung der Ansiedlung getan. Denn ein wesentlicher Faktor, der die Unfallfolgen bei dem
LPG Unfall in Mexico City am 19. November 1984 verschlimmert hatte, war die unmittel-
bare Nähe des Betriebes zu dem benachbarten Wohngebiet. Die hohe Anzahl an Toten
und Verletzen war aus diesem Wohngebiet zu verzeichnen. Firmenseitig waren fünf Tote
und zwei Verletzte zu beklagen. Damit die Ziele der Seveso II-Richtlinie auch heute um-
fassend erreicht werden können, muß aufgrund der oben genannten jüngsten Industrie-
unfälle der Geltungsbereich der Richtlinie erweitert werden. Denn im Gegensatz zu dem
Unfall in Toulouse, fiel die Anlage in Enschede nicht unter den Geltungsbereich der Se-
veso II-Richtlinie. Ein erster Entwurf zur Änderung der Seveso II-Richtlinie liegt bereits vor
[Seveso II-RL (Ü)].
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß sich Behörden wie auch Betreiber
aufgrund der Verpflichtung nach Artikel 8 Domino-Effekt, dem Artikel 7 Konzept zur Ver-
hütung schwerer Unfälle sowie dem Artikel 9 Sicherheitsbericht der Seveso II-Richtlinie
mit der Gefahr eines Domino-Effektes auseinandersetzen müssen. Die zuständige Be-
hörde muß aufgrund der ihr vom Betreiber übermittelten Angaben festlegen, ob ein Do-
mino-Effekt auftreten kann oder nicht. Diese Feststellung soll auf der Grundlage des
Standortes, der räumlichen Nähe und der angezeigten Menge gefährlicher Stoffe stattfin-
den. Die Betreiber müssen in ihrem Sicherheitsbericht oder in ihrem Konzept zur Verhü-
tung schwerer Unfälle hingegen nachweisen, daß sie sich mit dem Vorhandensein von
Domino-Effekten beschäftigt und die Gefahren schwerer Unfälle ermittelt sowie alle erfor-
derlichen Maßnahmen zur Verhütung solcher Unfälle getroffen haben.

2.1.1 Anforderungen aus der Seveso II-Richtlinie bzgl. der Ermittlung und Bewer-
tung der Risiken schwerer Unfälle
Neben neuen Anforderungen werden in der Seveso II-Richtlinie neue Vorgehensweisen
zur Beherrschung von Gefahren gefordert. Erstmalig werden probabilistische Betrach-
tungsweisen, d.h. quantitative Analyse von Eintrittswahrscheinlichkeiten oder Häufigkei-
ten, bei der Beurteilung der Sicherheit verlangt. Dies wird insbesondere in den Artikeln 7,
9 und 11 sowie in den dazugehörigen Anhängen deutlich, in dem insbesondere im An-
hang III durch Einführung eines Sicherheitsmanagementsystems eine systematische Er-
mittlung der Risiken schwerer Unfälle sowie die Abschätzung der Eintrittswahrscheinlich-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 15

keit und Schwere solcher Unfälle in Forderung gestellt wird. Da sich das Risiko aus dem
zu erwartenden Schadensausmaß und der Häufigkeit des eintretenden Ereignisses zu-
sammensetzt, kann dieser Forderung systematisch über eine quantitative Risikoanalyse
nachgekommen werden (Abbildung 2.1).

Identifikation der Gefahren

Ermittlung des Gefahrenpotentials

Ermittlung der Häufigkeit

Ermittlung des Risikos

Abbildung 2.1: Genereller Ablauf einer quantitativen Risikoanalyse

Die Methoden zur Risikoquantifizierung sind in Deutschland im Bereich der energieerzeu-


genden Industrie, insbesondere im Kernkraftwerkssektor, etabliert, werden aber in der
chemischen Industrie weitestgehend abgelehnt [Steinbach, 1999]. Das liegt darin be-
gründet, daß die in der energieerzeugenden Industrie, in der vorrangig Monoproduktions-
anlagen mit kontinuierlichen Betriebsweisen zum Einsatz kommen, die Datenerhebung
der Eintrittswahrscheinlichkeit noch in Grenzen möglich ist, wohingegen sie bei den in der
chemischen Industrie weit verbreiteten Vielzweckanlagen, sog. multi-purpose Anlagen,
mit der Vielfältigkeit der darin durchgeführten chemischen Prozesse und den damit ver-
bundenen unterschiedlichen Wechselbelastungen nahezu unmöglich wird. Prinzipiell sind
systematische Gefahrenfeldanalysemethoden zur Ermittlung der Eintrittswahrscheinlich-
keit bekannt, z.B. die Fehlerbaumanalyse [DIN 25424]. Doch die Ermittlung der notwendi-
gen Basisdaten zur Durchführung dieser Methoden ist schwierig, so daß man auf Schät-
zungen angewiesen ist, die das Ergebnis dann willkürlich erscheinen lassen. In der Bun-
desrepublik Deutschland wird die sog. deterministische Betrachtungsweise, in der das
Schadensausmaß quantitativ ermittelt und formal von einer Eintrittswahrscheinlichkeit von
H=1 ausgegangen wird, bevorzugt. Die anschließende Risikoeinstufung erfolgt aber nur
qualitativ [Steinbach, 1995]. Im Rahmen der Seveso- II Richtlinie muß sich nun auch die
chemische Industrie in der Bundesrepublik Deutschland mit quantitativen Risikoanalyse-
methoden auseinandersetzen. Die Ermittlung des Risikos von Domino-Effekten sollte
daher konform zur Seveso II-Richtlinie erfolgen und damit im Rahmen einer quantitativen
Risikoanalyse durchgeführt werden. So sollte die Analyse von Domino-Effekten als eine
Erweiterung in der Gefahrenidentifikation zur Ermittlung des Risikos, welches von einer
Anlage oder einem Betrieb ausgehen kann, angesehen werden. Einmal erkannt, sollten
Domino-Effekte im Rahmen bekannter quantitativer Risikoanalysemethoden beurteilt
werden. Das Ziel solch einer Analyse wäre damit das Auftreten von Domino-Effekt auslö-
senden Ereignissen vorherzusagen, so daß eine quantitative Risikoanalyse die Auswir-
kungen und die Eintrittswahrscheinlichkeiten schwerer Unfälle nicht unterschätzt. Auf-
grund der Schwierigkeiten, die mit der Modellierung von Domino-Effekten verbunden sind
(auf die im Kapitel 4.2 eingegangen wird), ist die Entwicklung zuerst mindestens halb-
quantitativer Betrachtungsweisen erforderlich.
Die ablehnende Haltung der chemischen Industrie gegenüber einer quantitativen Risiko-
analyse macht sich auch in der Störfall-Verordnung bemerkbar, in dem im Anhang III der
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 16

Störfall-Verordnung der Begriff Risiko gänzlich weggelassen und der Begriff Eintritts-
wahrscheinlichkeit durch den qualitativen Begriff Wahrscheinlichkeit ersetzt worden ist.

2.2 Stand der Umsetzung des Artikel 8 Domino-Effekt der SEVESO II-
Richtlinie
Mit einer 15-monatigen Verspätung ist die Seveso II-Richtlinie in der Bundesrepublik
Deutschland am 3. Mai 2000 durch die Störfall-Verordnung (Zwölfte Verordnung zur
Durchführung des Bundes-Immissionsschutzgesetz - 12.BimSchV) [StörfallVO] in das
deutsche Recht umgesetzt worden. In der Störfall-Verordnung wird im §15 Domino-Effekt
auf das mögliche Eintreten eines Domino-Effektes eingegangen, wobei der Gesetzestext
des Artikel 8 Absatz 1 der Seveso II-Richtlinie weitestgehend übernommen worden ist.
Hinweise und Materialien zur Umsetzung des Artikel 8 Domino-Effekt der Seveso II-
Richtlinie bzw. §15 Domino-Effekt der Störfall-Verordnung wurden durch den Länderaus-
schuß für Immissionsschutz Unterausschuß (LAI UA) „Anlagensicherheit“ Expertenkreis
„Untersuchungsvorhaben“ [LAI UA] zusammengestellt. In diesem Bericht wird der zustän-
digen Behörde der Länder eine pragmatische Vorgehensweise bei der Beurteilung, ob
eine Gefährdung durch einen Domino-Effekt ausgeschlossen werden kann, empfohlen.
Zur Umsetzung dieser Vorgehensweise wird der zuständigen Behörde der Länder ein
schrittweises Vorgehen vorgeschlagen:
Schritt 1: Die zuständige Behörde legt auf der Grundlage der nach § 7 Störfall-
Verordnung erhaltenen Informationen fest, daß ein Domino-Effekt offensichtlich nicht
ausgeschlossen werden kann bei:
• Betriebsbereichen mit erweiterten Pflichten, deren Abstand zwischen den zu-
gewandten Betriebsgrenzen kleiner als 500 m ist oder bei
• Betriebsbereichen mit Grundpflichten, deren Abstand zwischen den zuge-
wandten Betriebsgrenzen kleiner als 200 m ist.
Schritt 2: Der endgültige Ausschluß des Vorliegens einer erhöhten Wahrscheinlichkeit
oder Möglichkeit von Störfällen bleibt einer Einzelfallbetrachtung vorbehalten. Dazu sind
mindestens folgende Informationen erforderlich:
1. Beschreibung des Standortes und seines Umfeldes
2. Verzeichnis der Anlagen und Tätigkeiten innerhalb des Betriebsbereiches, bei
denen die Gefahr eines Störfalls bestehen kann
3. Beschreibung der Bereiche, die von einem Störfall betroffen werden könnten
4. Beschreibung der gefährlichen Stoffe
Für die Einzelfallbetrachtung wird das in Anlage 1 in [LAI UA] skizzierte Abschätzungs-
verfahren vorgeschlagen. Die Beurteilung des Domino-Effektes erfolgt dann im Kontext
mit den (szenarischen) Betrachtungen der Auswirkungen innerhalb der Anlage und der
Umgebung. Dabei wird auf das Verfahren in „Abschlussbericht Schadensbegrenzung bei
Dennoch-Störfällen“ [SFK-GS-26] hingewiesen. Als geeignete Vollzugshilfe wird zusätz-
lich ein spezieller Leitfaden für notwendig angesehen [LAI UA].
Das oben beschriebene Verfahren stellt eine sehr sachliche Vorgehensweise für den
Ausschluß eines Domino-Effektes dar. Das Verfahren stütz sich rein auf Abstandsregeln
zwischen zugewandten Betriebsgrenzen. Allein durch den Abstand der Betriebsbereiche
zueinander und die Tatsache, daß ein Betrieb unter den Anwendungsbereich der Störfall-
Verordnung fällt, wird damit eine Einstufung nach §15 der Störfall-Verordnung möglich
gemacht. Bei der gesamten Vorgehensweise wird nicht deutlich, worauf sich diese Ab-
standsangaben von 500 m für Betriebsbereiche mit erweiterten Pflichten und 200 m für
Betriebsbereiche mit Grundpflichten stützen. Es ist zu vermuten, daß sie sich aus den
Auswirkungen der Domino-Effekte Unfälle aus der Vergangenheit ergeben haben könn-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 17

ten. Aufgrund einer fehlenden wissenschaftlichen Festlegung bzw. Ermittlung dieser Ab-
stände, sind diese jederzeit angreifbar.

2.3 Definition des Domino-Effektes


Weder in der Seveso II-Richtlinie noch in der Störfall-Verordnung erfolgt eine konkrete
Definition des Domino-Effektes. Statt dessen wird versucht, den Domino-Effekt durch
Begriffe wie Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit sowie schwerer Unfall zu umschreiben. In
der internationalen Literatur sind unterschiedliche Erklärungen für den Domino-Effekt zu
finden. Einige davon sind z.B. Eskalationsereignis [Pettit et al.], Versagen einer Stoffum-
schließung in einer Anlageneinheit, welches aus einer Serie von Unfällen in einer be-
nachbarten Anlageneinheit resultiert [Bagster and Pitblado], Kette von Unfällen oder eine
Situation, bei der ein Brand, eine Explosion, ein Trümmerflug oder eine toxische Einwir-
kung in einer Industrieeinheit Unfälle sekundärer oder höherer Ordnung in anderen Ein-
heiten auslöst [Khan and Abbasi, 1998]. In dem von der LAI UA ausgearbeiteten Ar-
beitspapier wird folgende Definition vorgeschlagen:
Als Domino-Effekt kommen Wechselwirkungen zwischen benachbarten oder durch ge-
meinsame Einrichtungen verbundene Betriebsbereiche in Betracht.
Diese Definition erfolgt im Hinblick auf die Seveso II-Richtlinie und unter dem Gesichts-
punkt, daß der Artikel 8 Domino-Effekt der Seveso II-Richtlinie in [LAI UA] dahingehend
interpretiert wird, daß unter dem Geltungsbereich nur Betriebe mit unterschiedlichen Be-
treibern zu verstehen sind (externer Domino-Effekt). Interne Domino-Effekte innerhalb
eines Betriebsbereiches sind nach [LAI UA] im Rahmen des Konzepts zur Verhütung von
Störfällen oder im Sicherheitsbericht als Gefahren durch benachbarte Anlagen zu behan-
deln. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Wechselwirkung zwischen den Anlagen, die zum
Domino-Effekt führt, über den Raum oder über gemeinsame Versorgungsstrukturen z.B.
Rohrleitungen, Förderer stattfindet. Die von der LAI UA vorgeschlagene Definition
schließt nur externe Domino-Effekte – über die Betriebsgrenzen hinausgehende - ein und
läßt interne Domino-Effekte – auf die Betriebsgrenzen beschränkte - unberücksichtigt. Da
erst mit der Ermittlung der Effektradien der Ereignisse Hinweise darauf gegeben werden,
ob nur interne Domino-Effekte oder sogar externe Domino-Effekte auftreten werden,
deckt diese Definition die Gesamtproblematik der Domino-Effekte nicht ab. Daher wird
eine neue Definition vorgeschlagen, die interne sowie externe Domino-Effekte einschließt:
„Ein Domino-Effekt ist eine Kette von Ereignissen, wobei die Auswirkungen eines Ereig-
nisses in einer Anlage nachfolgende Ereignisse in benachbarten oder durch gemeinsame
Einrichtungen verbundenen Anlagen oder Betriebsbereichen auslösen und damit zu ei-
nem schweren Unfall führen.“
Eine weitere Definition wird in [Delvosalle,1998] vorgeschlagen:
A „domino effect“ is a cascade of events in which the consequences of previous acci-
dent(s) are increased by the following one(s), leading to a major accident.
Auch diese sehr allgemeine Definition des Domino-Effektes umfaßt beide Arten des Do-
mino-Effektes, den internen wie auch den externen Domino-Effekt
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 18

3 Beschreibung von Domino-Effekt-Unfällen


3.1 Domino-Effekt-Unfälle
Das Unfälle mit Domino-Effekten relevant sind, belegen mehrere Unfälle in der Vergan-
genheit. Die Auswirkungen solcher Unfälle weisen in der Regel einen sehr großen Scha-
denausmaß aus. Um das Ausmaß der Unfälle mit Domino-Effekten zu verdeutlichen und
die Ereignisfolgen in solchen Unfällen besser zu verstehen, wird in den folgenden Ab-
schnitten auf einige Domino-Effekt-Unfälle aus der Vergangenheit eingegangen.

3.1.1 Feyzin, Frankreich


Bei dem betroffenen Betrieb handelte es sich um das Flüssiggas-Tanklager der Raffinerie
in Feyzin, Frankreich. Das Tanklager bestand aus acht Kugelbehältern und zwei Zylin-
derbehältern zur Lagerung von Propan und Butan. Der Unfall ereignete sich wie folgt:
Am 4. Januar 1966 wurde eine Propanprobe für Laboruntersuchungen aus einem Kugel-
behälter entnommen. Bei der Entnahme wurden entgegen der Sicherheitsvorschriften
beide Absperrhähne gleichzeitig geöffnet. Es kam zu einem Propandurchbruch. Durch
das ausströmende Flüssiggas vereisten in kürzester Zeit die Ventile, so dass sie nicht
mehr geschlossen werden konnten. Das Propangas strömte in den Sumpf unterhalb des
Kugelbehälters. Die sich ständig vergrößernde Gaswolke breitete sich schnell aus und
zog über die rund 50 m entfernte Autobahn. Trotz getroffener Absperrmaßnahmen für
das betroffenen Gebiet wurde das Gasluftgemisch durch ein vorbeifahrendes Fahrzeug
auf einer Nebenstraße gezündet. Die stichflammenartige Rückzündung hüllte den unteren
Teil des Kugelbehälters sofort mit Flammen ein, so daß es zu einer Unterfeuerung des
Behälters kam. Die Unterfeuerung wurde durch das aus dem Entwässerungsventil aus-
strömende Gas in Gang gehalten. Nach ca. einer halben Stunde war der Druckanstieg in
dem Kugelbehälter so groß, daß das Sicherheitsventil ansprach. Das am Kopf des Be-
hälters ausströmende Gas entzündete sich zu einem Jetfeuer mit einer Flammenlänge
von ca. 50 m. Da das Sicherheitsventil für den Brandfall ausgelegt war, vertraute man auf
die wirksame Druckentlastung durch das Sicherheitsventil und ließ den Kugelbehälter
brennen. Nach etwa 1,5 Stunden nach Beginn des Brandes, explodierte der Kugelbehäl-
ter mit den Auswirkungen eines BLEVE. Der Behälter wurde durch die Explosion in fünf
große Teile aufgerissen. Der durch die Explosion ausgelöste Trümmerflug führte zu Be-
schädigung anderer Behälter und zu deren Aufreißen und Bersten, so daß sich der Brand
im Tanklager ausweitete. In den darauffolgenden 2,5 Stunden rissen weitere Behälter auf
und explodierten mit starkem Trümmerflug. Das Tanklager wurde dabei weitgehend zer-
stört. Bei diesem Unfall wurden 18 Personen getötet und 81 zum Teil schwer verletzt, der
Sachschaden betrug etwa 606 Millionen DM [CCPS, Wrobel].

3.1.2 Texas City, Texas, USA


Der Unfall ereignete sich am 30. Mai 1978 in der Raffinerie in Texas City, USA. Die
Überfüllung eines kugelförmigen Lagerbehälters mit Isobutan führte zu einem Riß im Be-
hälter Nr. 409, so daß dessen Inhalt teilweise freigesetzt wurde. Das ausströmende Flüs-
siggas wurde durch eine unbekannte Zündquelle gezündet, wobei sich zuerst ein
Flashfeuer mit nachfolgendem Lachenfeuer ausbildete. Eine Minute später führte die
Unterfeuerung des Lagerbehälters zum Bersten des Behälters. Der Behälter wurde in drei
Teile gerissen. Eines seiner Trümmerstücke wurde über eine Distanz von ca. 80 m ge-
schleudert. Das Sicherheitsventil flog 120 m weit und schlug in der Gasverdichtereinheit
des Betriebes ein, zerstörte dort einen Wärmetauscher und löste einen großen Brand
aus. Der Feuerball der Explosion hatte ein Gasvolumen von ca. 800 m3 Isobutan. Etwa 20
min später explodierte der Kugelbehälter Nr. 407 (gegenüber von Behälter Nr. 409) mit
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 19

den Auswirkungen eines BLEVE infolge der Wärmebelastung. Ein Trümmerstück des
Behälters wurde über eine Entfernung von 190 m geschleudert und zerstörte dabei einen
Löschwassertank und eine Löschwasserpumpe. Das Überdruckventil des Lagerbehälters
wurde in einer Entfernung von 500 m gefunden. Durch den Trümmerflug wurden weitere
Behälter beschädigt, was zu mehreren kleineren Explosionen und BLEVEs führte. Durch
die Explosion des Behälters Nr. 407 wurden vermutlich zusätzlich die Alkylierungseinheit
und die Reformierungsanlage zerstört. Durch die fortdauernden Explosionen und BLEVEs
wurde die Raffinerie weitgehend zerstört. Sieben Menschen kamen dabei ums Leben und
zehn wurden verletzt. Der Sachschaden belief sich auf 100 Mio Dollar [CCPS].

3.1.3 San Juan Ixhuatepec, Mexico City, Mexiko


Am 19. November 1984 ereignete sich in der Anlage in San Juan Ixhuatepec Mexico City
einer der schwersten Unfälle in der chemischen bzw. petrochemischen Industrie. Bei dem
Betrieb der Firma PEMEX handelte es sich um eine Lager- und Verteilanlage für LPG.
Die Anlage bestand aus 48 horizontal angeordneten zylindrischen Druckbehältern mit
einem Fassungsvermögen von je 45 m3 bis 270 m3, vier kugelförmigen Druckbehältern
mit einem Fassungsvermögen von 1.600 m3 und zwei weiteren mit einem Fassungsver-
mögen von 2.400 m3. Der Betrieb hatte somit eine Gesamtlagerkapazität an Flüssiggas
von 16.000 m3. Die Behälter der Anlage waren mit Überdruckventilen mit einem An-
sprechdruck von 10,3 bar ausgerüstet. Die Lagerungsabschnitte waren durch Schutz-
wände von 1 m Höhe voneinander getrennt. Am Tag des Unfalls waren die zwei großen
Kugelbehälter und die Zylinderbehälter zu etwa 90 % gefüllt, die vier kleineren Kugelbe-
hälter zu etwa 50 %. Zum Zeitpunkt des Unfalls befanden sich damit etwa 11.000 m3 LPG
auf dem Betriebsgelände. Die Anlage war nach API Standards errichtet worden.
Um 5:30 Uhr (morgens) wurde ein Druckabfall von Mitarbeitern im Kontrollraum sowie an
einer 40 km entfernten Pumpstation registriert. Die Ursache für den Druckabfall konnte im
Kontrollraum nicht eindeutig identifiziert werden. Sie wurde in der Untersuchung der TNO
[Pietersen] auf eine defekte oder gebrochene Pipeline oder einen Behälterleck zurück-
geführt. Große Mengen an LPG wurden aus diesem Leck oder der Pipeline freigesetzt.
Die LPG-Gaswolke breitete sich auf eine Fläche von ca. 200 m x 150 m aus und hatte
eine sichtbare Höhe von 2 m als sie sich an einer Fackel der benachbarten Gasabfüllan-
lage entzündete. Die Fläche zur LPG Lagerung wurde vom Feuer eingeschlossen. Eine
Minute nach der Entzündung folgte eine verheerende Explosion, die sich vermutlich aus
mehreren BLEVEs von Lagerbehältern zusammensetzte. Die Explosion war so heftig,
daß sie von der Universität von Mexiko City ca. 20 km von der Anlage entfernt seismolo-
gisch registriert werden konnte. Es ereigneten sich insgesamt 9 Explosionen mit einer
seismologisch erfaßbaren Intensität. Die zweite Explosion erfolgte 1 Minute nach der er-
sten Explosion. Es explodierten einer oder zwei der kleineren Kugelbehälter (1.600 m3).
Sie erzeugten einen Feuerball von ca. 300 m Durchmesser mit einem LPG –Tropfenre-
gen, verbunden mit einer gewaltigen Druck- und Hitzewelle und starkem Trümmerflug.
Wärmebelastung und Trümmerflug führten zu weiteren BLEVEs. Über einen Zeitraum
von 1,5 Stunden explodierten 15 Zylinderbehälter. Häuser im Umkreis von 300 m wurden
zerstört. Trümmer flogen bis zu einer Entfernung von 1 km. Bei dieser Katastrophe ka-
men ca. 650 Menschen ums Leben und etwa 6400 wurden verletzt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 20

3.1.4 Verschiedene Unfälle


I - Crescent City, Illinois, USA 21.06.1970
Der Unfall ereignete sich im Transportbereich des Schienenverkehrs bei Crescent City,
Illinois, USA. Bei dem Zugunglück entgleisten um 6:30 Uhr 15 Eisenbahnwagen eines
Güterzuges. Bei neun von den entgleisten Eisenbahnwagen handelte es sich um Kessel-
wagen zum Transport von Flüssiggas. Beim Entgleisen wurde ein Eisenbahnkesselwagen
punktiert und das ausströmende Flüssiggas entzündete sich vermutlich durch den unfall-
bedingten Funkenflug. Durch den Brand heizten sich andere Kesselwagen soweit auf,
daß der Druck in den Kesselwagen so weit anstieg, dass die Sicherheitsventile anspra-
chen und so den Brand weiter mit Gas versorgten. Um 7:33 Uhr explodierte ein Kessel-
wagen und wurde dabei in vier größere Teile gerissen. Die Trümmerstücke wurden bis
230 m weit geschleudert. Etwa zwei Stunden später explodierte ein weiterer Kesselwagen
und wurde dabei in mehrere Teile gerissen. Eines der Trümmerstücke beschädigte ein
Haus in 60 m Entfernung, ein anderes wurde in 480 m Entfernung gefunden. Um 9:45
Uhr explodierte ein weiterer und um 10:55 Uhr explodierten zwei weitere Kesselwagen.
Durch das Feuer und die Explosionen wurden umliegende Häuser und Gebäude in Brand
gesetzt, deren Feuer erst nach 56 Stunden gelöscht werden konnten. Es wurden 66 Men-
schen verletzt. Der Sachschaden belief sich auf 7.5 Mio. Dollar [CCPS, Kier und Müller].

II - Antwerpen, Belgien, 07.03.1989


Am 7. März 1989 ereignet sich in der Ethylenoxid-Anlage der BASF in Antwerpen ein
schweres Explosionsunglück. Auslöser der Explosion war eine Undichtigkeit im Bereich
des Anschlußstutzens einer Standmessung aus der Ethylenoxid freigesetzt wurde. Das
freigesetzte Ethylenoxid konnte in die Isolierwolle (Steinwolle) gelangen und dort mit
Wasser unter Einfluss von Rost zu Polyethylenglykolen abreagieren. Da bei Montagear-
beiten Teile der Isolierung und der Verblechung entfernt worden waren, konnte Luft ein-
dringen, was zu einer Selbstentzündung der Polyethylenglykole und schließlich zum
Brand führte. Durch die hohen Temperaturen wurde der Zerfall im Inneren der Kolonne
eingeleitet, was zur Explosion der Kolonne K-303 führte. Durch die Explosion wurde eine
Gasleitung zwischen der Kolonne K-303 und der benachbarten Kolonne K-302 zerstört.
Das aus der Gasleitung ausströmende Gas wurde entzündet. Nach 26 Sekunden nach
der Explosion der Kolonne K-303 explodierte auch die Kolonne K-302. Durch die zwei
Explosionen entstanden mehrere Brände. Brände, Explosionen und Trümmerflug zer-
störten die Anlage weitgehend. Die Ethylenoxidmenge, die bei den zwei Explosionen der
Kolonnen beteiligt war, betrug etwa 10.000 kg. Bei diesem Unfall wurden 14 Menschen
verletzt [Löffler].

III - Pasadena, Texas, USA 23.10.1989


Der Unfall ereignete sich am 23.Oktober 1989 in der Polyethylenanlage der Phillips Com-
pany in Pasadena, Texas. Durch einen Wartungsfehler in der Anlage kam es zu einer
Freisetzung eines Gasgemisch aus einem Kugelventil für ca. 90 – 120 Sekunden. Ein
Gasgemisch aus Ethylen, Isobutan, Hexen und Wasserstoff mit einer gesamt freigesetz-
ten Menge von etwa 38 650 kg entzündete sich an einer nicht klar identifizierten Zünd-
quelle. Es kam zu einer heftigen Gaswolkenexplosion mit einem Explosionsäquivalent von
2,4 – 10 t TNT (Trinitrotoluol). Zwei weitere heftige Explosionen folgten als eines der Iso-
butan- Lagertanks mit einem Fassungsvermögen von etwa 76 m3 und ein anderer Polye-
thylenreaktor in einem zeitlichen Abstand von 10–15 Minuten und 25 – 45 Minuten nach
der ersten Explosion explodierten. Es folgten eine Reihe weiterer Explosionen und Brän-
de. In einem Abstand von sechs Meilen wurden Trümmerstücke gefunden. Es wurden
zwei Anlagen vollkommen zerstört. Bei dem Unglück wurden 22 Menschen getötet und
zahlreiche verletzt [CCPS, Lees].
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 21

IV - Vishakhapatnam, Indien, 14. 0.9.1997


Am 14. September 1997 zerstörten ein großer Brand und Explosionen die Terminals und
die Lagerbehälter in der Raffinierie in Vishakhapatnam in Indien. Gegen 6.40 Uhr fing
einer von acht Lagerbehältern, die mit LPG, Rohöl oder Kerosin gefüllt waren, Feuer und
explodierte. Alle Lagertanks waren zu diesem Zeitpunkt voll. Ein zweiter Lagertank explo-
dierte etwa 15 Minuten später und vor dem Mittag fingen auch die übrigen Lagertanks
Feuer. Das Feuer breitete sich schnell aus und umhüllte die gesamte Anlage. Bei diesem
Unfall kamen 60 Menschen ums Leben [Khan and Abbasi, 1999].

3.2 Statistische Untersuchungen von Domino-Effekt-Unfällen


Domino-Effekt-Unfälle sind von verschiedenen Autoren u.a. von [Pettit et al., Bagster and
Pitblado, Scilly and Crowther, Khan and Abbasi, 1999, Kourniotis et al.] mit dem Ziel, ein
besseres Verständnis für diese Phänomene zu erhalten und evtl. Zusammenhänge zwi-
schen den Einflußfaktoren im Unfallablauf bei Domino-Effekten aufzudecken, untersucht
worden. Trotz der Komplexität dieser Phänomene konnten einige wichtige Ergebnisse
aus diesen Untersuchungen gewonnen werden.
Eine Anzahl von 41 Domino-Effekt-Unfällen zwischen den Jahren von 1944 bis 1994 lag
der Untersuchung in [Delvosalle 1996] zu Grunde. Aus der statistischen Untersuchung
dieser Unfälle konnten folgende Anlagenarten, die in Domino-Effekt-Unfälle involviert wa-
ren, identifiziert werden: Druckbehälteranlagen, Lageranlagen zur atmosphärischen und
tiefkalten Lagerung, Prozeßanlagen, Rohrleitungsnetze, Aufbereitungsanlagen, Feststoff-
Lageranlagen und Be- und Entladeeinrichtungen. Die letzten beiden Anlagenarten wur-
den in diese statistische Untersuchung aufgrund der geringen zur Verfügung stehenden
Daten über diese Unfälle nicht einbezogen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind in
den Abbildungen 3.1 und 3.2 dargestellt.

Small
Pipe networks conditionings Pressure storage
Process 12%
tanks 30%
equipments 30%

Atmospheric or
cryogenic storage
tanks 28 %

Abbildung 3.1: Das relative Auftreten der verschiedenen Anlagenarten in primären Unfällen
Abbildung 3.1 zeigt die Anlagenarten, die beim Primärereignis involviert waren. Es ist zu
erkennen, daß zu 58% Lageranlagen am Primärereignis von Domino-Effekten beteiligt
waren. Aufgrund der großen gelagerten Menge an gefährlichen Stoffen ist das Gefahren-
potential dieser Lageranlagen besonders groß.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 22

Small
Pipe networks conditionings
Pressure storage
0% 9%
Process tanks
equipments 33%
12%

Atmospheric or
cryogenic storage
tanks
46%

Abbildung 3.2: Das relative Auftreten der verschiedenen Anlagenarten in sekundären Unfällen
Aus Abbildung 3.2 geht hervor, daß die am Sekundärereignis beteiligten Anlagen zu 79%
ebenfalls Lagerungseinrichtungen sind. Bei dem Vergleich der beteiligten Anlagenarten
beim Primär- und Sekundärereignis wird deutlich, daß der Anteil der Lageranlagen von
58% auf 79% gestiegen ist, wobei auch hier das größere Gefahrenpotential als aus-
schlaggebender Faktor erscheint.
In [Kourniotis et al.] wurden 207 Unfälle untersucht, die sich zwischen den Jahren 1969
bis 1998 in Prozeß- und Lageranlagen sowie beim Transport ereignet haben. Der Unter-
suchung lag die Annahme zu Grunde, daß der Schweregrad eines Unfalls von den am
Unfall beteiligten Stoffen und deren Stoffeigenschaften abhängen muß. Die an einem
Unfall beteiligten Stoffe wurden daher in folgende Kategorien unterteilt:
• Brennbare Flüssigkeiten (z.B. Rohöl, Benzin, Kerosin)
• Gasförmige Kohlenwasserstoffe (Kohlenwasserstoffe mit bis zu vier Kohlen-
stoffatomen im Molekül)
• Toxische Stoffe (z.B. Chlor, Ammoniak, Pestizide)
• Verschiedene Stoffe (alle Stoffe, die nicht unter die obigen Kategorien fallen)
Für jede Stoffkategorie wurde das Auftreten von Domino-Effekten ermittelt. Die Ergebnis-
se dieser Untersuchung sind in der Tabelle 3.1 dargestellt. Die Zahlen in den Klammern
stellen das Auftreten von Domino-Effekten als Anteil an der Gesamtanzahl der Unfälle
dar.

Kategorie Brennbare Gasförmige Koh- Toxische Verschiedene Anzahl


Flüssigkeiten lenwasserstoffe Stoffe Stoffe
Anzahl der Unfälle 43 50 45 69 207
Anzahl der Unfälle 21 (0.488) 29 (0.58) 7 (0.156) 23 (0.333) 80 (0.386)
mit mind. 1 DE
Anzahl der Unfälle 8 (0.186) 14 (0.28) 2 (0.044) 10 (0.145) 34 (0.164)
mit mind. 2 DE

Tabelle 3.1: Auftreten von Domino-Effekten [Kourniotis et al.]


Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 23

Aus der Tabelle 3.1 wird ersichtlich, daß die Stoffeigenschaften und die Art der Handha-
bung und/oder der Lagerung der Stoffe das Auftreten eines Domino-Effektes beeinflus-
sen. Das Auftreten von Domino-Effekten mit mindestens einem Domino-Effekt für die
untersuchten Unfälle beträgt ca. 39%. Aus der Untersuchung geht hervor, daß brennbare
Substanzen (Kohlenwasserstoffe) mehr dazu tendieren, Domino-Effekte auszulösen.
Gasförmige Kohlenwasserstoffe, die in der Regel unter Druck gelagert und gefördert
werden, stellen dabei die Kategorie mit dem höchsten Anteil mit 58% dar. Dieses Ergeb-
nis deckt sich mit anderen Untersuchungen z.B. von [Lahmeyer, BAM 1988], aus denen
hervorgeht, daß Ereignisfolgen typisch für Flüssiggasanlagen sind. Andererseits wird aus
Tabelle 3.1 deutlich, daß toxische Stoffe in der Regel kaum Domino-Effekte hervorrufen
(16%). Diese Ergebnisse erscheinen logisch, da Ereignisse wie Brände und Explosionen
im Gegensatz zu toxischen Einwirkungen, Versagen von Stoffumschließungen direkt ver-
ursachen können, die dann zur Ausweitung des Unfalls führen können.
Der Untersuchung in [Jakomeit] lagen 22 Domino-Effekt-Unfälle zu Grunde. Untersucht
wurde u.a. unter welchen Bedingungen Ereignisse höherer Ordnung auftreten konnten
und welche Einflußfaktoren zu Ereignissen höherer Ordnung geführt haben. Ein Ergebnis
aus dieser Arbeit ist in Abbildung 3.3 dargestellt.

95%

100% 81%

80%
52%

60%

40%

20%

0%
Räumliche Nähe Freigesetzte Stoffmengen Stoffart

Abbildung 3.3: Begünstigung der Folgeereignisse in Domino-Effekt Ereignisketten

Aus dem Abbildung 3.3 wird deutlich, daß bei 95% der Unfälle eine Begünstigung von
Domino-Effekten auf Grund der räumlichen Nähe der betroffenen Anlagenteile zueinan-
der in Betracht zu ziehen ist. Hieraus wird deutlich, welche Bedeutung der Infrastruktur
von Anlagen zukommt. Bei 52% der Unfälle wurden Ereignisse höherer Ordnung durch
die Menge des freigesetzten Stoffes und bei 81% durch die Stoffart bedingt, wobei 50%
der beteiligten Stoffe sich aus LPG und sonstigen brennbaren Gasen und 27% aus
brennbaren Flüssigkeiten zusammensetzte. Auch diese Ergebnisse decken sich mit den
Ergebnissen vorangegangener Untersuchungen z.B. [Delvosalle 1996].
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 24

4 Modellierung und Vorgehensweise zur Abschätzung von


Domino-Effekten
4.1 Typischer Ablauf von Domino-Effekten
Domino-Effekte sind sehr komplexe Phänomene, die von einer Vielzahl von Einflussfakto-
ren abhängen. Wird die vorgeschlagene Definition nach Kapitel 2.3 vor Augen geführt, so
ist ersichtlich, daß ein Domino-Effekt ein Ereignis in der den Unfall auslösenden Anlage
(Donator-Anlage) erfordert, dessen Auswirkungen ein oder mehrere Folgeereignisse in
der durch den Unfall betroffenen Anlage (Akzeptor-Anlage) auslösen können. Diese Fol-
geereignisse müssen ein hohes Schadenpotential besitzen, um letztendlich zu einem
schweren Unfall führen zu können. Dabei spielen Faktoren wie die räumliche Nähe der
Anlagen, die gefährliche Eigenschaft der Stoffe in Kombination mit der vorhandenen
Menge und damit schließlich das Gefahrenpotential, das von der Anlage ausgehen kann,
eine wesentliche Rolle. Abbildung 3.1 zeigt den typischen Ablauf eines Domino-Effektes.

Tertiär-
Ereignis

Auslöseereignis

Primär- Sekundär Quartiär-


Ereignis Ereignis Ereignis

Wärmebelastung Druckwelle Trümmerflug Toxische Emission

Abbildung 4.1: Typischer Ablauf eines Domino-Effektes

Aus der Abbildung wird deutlich, daß zuerst ein auslösendes Ereignis erforderlich ist, um
ein Domino-Effekt einzuleiten. Das auslösende Ereignis ist in der Regel eine Stofffreiset-
zung. Das Primärereignis würde sich als das tatsächlich wahrnehmbare Ergebnis aus
dem auslösenden Ereignis ergeben. Für den Fall der Freisetzung einer brennbaren Flüs-
sigkeit wäre als Primärereignis der Lachenbrand anzusehen, falls die ausgelaufene
brennbare Flüssigkeit auf dem Boden eine Lache bildet und die Dämpfe über der Lache
sich entzündet hätten. Für den Fall, daß der Lachenbrand ein weiteres Anlagenteil in der
Umgebung soweit aufheizt, daß er zum Bersten kommt, wäre das Sekundärereignis das
Bersten des Anlagenteils mit seinen Auswirkungen. Die aus dem Sekundärereignis resul-
tierenden Auswirkungen würden dann weitere Anlagenteile z.B. durch Wärmebelastung,
Druckwelle und Trümmerflug beaufschlagen und so weitere Ereignisse in der Ereignis-
kette auslösen. Aus der Abbildung wird zusätzlich deutlich, daß sich die Ereignisse auch
gegenseitig beeinflussen können (Wechselwirkung) und daß Domino-Effekte nicht nur
seriell sondern auch parallel ablaufen können. Dabei können die Ereignisse unmittelbar
aufeinander folgend oder aber zeitlich verzögert auftreten. Als ein Beispiel für ein parallel
abgelaufenen Domino-Effekt kann der Unfall in der Raffinerie in Texas City vom 30. Mai.
1978 aufgefaßt werden (s. hierzu auch Kap. 3.1.2). In Abbildung 4.2 ist der schematische
Ablauf des Domino-Effektes in Texas City dargestellt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 25

Auslöseereignis
Freisetzung von Isobutan
infolge Überfüllung des
Kugelbehälters Nr. 409

Ausbildung einer
Schwergaswolke

Entzündung der Gaswolke


Gaswolkenbrand und
Lachenbrand
(Primärereignis)

BLEVE Behälter Nr. 409 BLEVE Behälter Nr. 407


(Sekundärereignis) (Sekundärereignis)
Feuerball, Druckwelle, Feuerball, Druckwelle,
Trümmerflug Trümmerflug

Großer Brand Großer Brand


(Tertiärereignis) (Tertiärereignis)
in der Gasverdichteranlage in der Alkylierungs- und
Reformierungsanlage

Domino-Effekt 1 Domino-Effekt 2

Abbildung 4.2: Schematischer Ablauf des Domino-Effektes in Texas City am 30. Mai. 1978

Aus dem Ablauf der Ereigniskette bei dem Domino-Effekt-Unfall in Texas City sind we-
sentliche Hinweise auf einen parallel abgelaufenen Domino-Effekt zu erkennen. Schwierig
ist es aber festzulegen, an welchem Punkt sich dieser Domino-Effekt in einen parallel
ablaufenden Unfall aufgliedert. Durch den zeitlichen Ablauf des Unfalls – Behälter Nr. 407
ist 20 min später geborsten als der Behälter Nr.409 - ist zu vermuten, daß der Behälter
Nr. 407 nicht durch die Auswirkungen des BLEVE des Behälters Nr. 409 geborsten ist,
d.h. seriell, sondern durch die Wärmeeinwirkung des selben Primärereignisses, dem
Gaswolken- und anschließendem Lachenbrand aus der Stofffreisetzung aus dem Behäl-
ter Nr. 409. An dieser Stelle kann der parallele Ablauf des Domino-Effektes angesetzt
werden. Dennoch kann nicht ausgeschlossen werden, daß durch die Auswirkungen beim
BLEVE des Behälters Nr. 409 die Integrität des Behälters Nr. 407 beeinträchtigt wurde.
Dies könnte den zeitlichen Ablauf des Domino-Effektes beschleunigt haben. Zum ande-
ren kann auch die Fortpflanzung des Unfalls in räumlich unterschiedliche Richtungen
auch als eine Parallelisierung des Domino-Effektes angesehen werden.

4.1.1 Das Houston Modell des Unfallprozesses


Zur Untersuchung und Verhütung von Unfällen sind verschiedene Modelle entwickelt
worden. Diese sind u.a. in [Lees] zusammengefaßt. Der typische Ablauf eines Domino-
Effekt-Unfalls läßt sich auf eine sehr einfache Weise über das Houston Modell des Un-
fallprozesses erläutern, welches eines der Modelle ist, das zur Untersuchung und Verhü-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 26

tung von Unfällen entwickelt worden ist (Abbildung 4.3). Deshalb soll hier dieses Modell
kurz vorgestellt werden.
Ein Unfall entsteht immer durch die Kombination gleichzeitig auftretender und einwirken-
der Einflußfaktoren und ist niemals ein isolierter Vorgang. Nach [Houston] sind drei Ein-
gangsgrößen erforderlich, damit ein Unfall entstehen kann. Diese Eingangsgrößen sind:

• (1) ein Zielobjekt,


• (2) eine treibende Schadenskraft und
• (3) ein Auslöser.

Zielobjekt

Kontaktvorgang
Treibende Verletzungen oder
Schadenskraft Schaden am Zielobjekt

Auslöser Präventive Adaptive


Aktion Aktion

Abbildung 4.3: Houston Modell des Unfallprozesses [Houston]

Nach [Houston] besitzt das Zielobjekt (Akzeptor-Anlage) eine eigene Abwehrkraft, unter-
halb der die treibenden Schadenskräfte, die in der Regel freigesetzte Energien sind, kei-
ne Effekte bewirken. Der Auslöser (in der Donator-Anlage) seinerseits hat eine Auslöse-
schwelle, die überschritten sein muß, damit er als solcher auch wirken kann. Erst die
Wahrscheinlichkeit P, mit der die Einflußfaktoren gleichzeitig einwirken, bestimmt den
Verlauf des Unfalls und seine Auswirkungen. Wesentliche Rollen spielen dabei die Kon-
taktzeit und der Wirkungsgrad der treibenden Schadenskraft am Zielobjekt sowie die
Wirksamkeit der Abwehrkräfte des Zielobjektes, das Schadensausmaß zu vermindern.
Bei einem Domino-Effekt wird dieser beschriebene Unfallprozeß mehrmals – räumlich
und/oder zeitlich – durchlaufen.

4.2 Schwierigkeiten bei der Modellierung von Domino-Effekten


Obwohl die Folgen eines Domino-Effektes so verheerend sein können, wie die Unfallbe-
schreibungen in Kapitel 3.1 gezeigt haben, ist diesem Phänomen bislang nur wenig Be-
achtung geschenkt worden. Dies liegt u.a. darin begründet, daß die Untersuchung solcher
Ereignisse mit einer enormen Komplexität verbunden ist. Der Grund hierfür liegt darin,
daß die Initiierung solcher Ereignisse von einer Vielzahl von Einflußfaktoren abhängen.
Wie im Houston Modell des Unfallprozesses deutlich gemacht worden ist, bestimmt erst
die Wahrscheinlichkeit P, mit der alle Einflußfaktoren gleichzeitig einwirken, den Verlauf
des Unfalls und seine Auswirkungen. Um die Auswirkungen von Domino-Effekten abzu-
schätzen, müssen daher deterministische Modelle in Verbindung mit probabilistischer
Analyse angewendet werden [Latha et al.]. Determistische Modelle können zur Abschät-
zung von Leckgrößen, Quellraten, Quelltermen, Explosionsdrücken, Wärmestrahlung,
Trümmerflugweiten etc. angewendet werden. Probabilistische Modelle dagegen sind bei
der Abschätzung von Eintrittswahrscheinlichkeiten, Versagenswahrscheinlichkeiten, der
Richtung eines Trümmerflugs, etc. erforderlich.
Die für die probabilistischen Abschätzungen erforderlichen Angaben können, falls vor-
handen, aus Betriebsunterlagen oder firmeninternen Statistiken, aus Literaturangaben
oder Datenbanken, die auf Analysen früherer Unfälle basieren, sowie systematisch aus
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 27

quantitativen Gefahrenfeldanalyse-Methoden, wie z.B. aus Fehlerbaumanalysen [DIN


25424] oder Ereignisablaufanalysen [DIN 25419], ermittelt werden. Bei der Verwendung
der Daten aus Literaturangaben oder Datenbanken sollte die Übertragbarkeit der Daten
jedoch überprüft werden.
Durch die Komplexität der Phänomene bei dem Ablauf von Domino-Effekten tauchen
Schwierigkeiten bei ihrer Modellierung auf. Diese Schwierigkeiten bestehen u.a. darin,
daß
• Ereignisse und deren Größenordnungen zeitlich veränderlicher Natur sind
• neue Ereignisse simultan entstehen und auch simultan ablaufen können
• sich in thermisch oder mechanisch beaufschlagten Anlagenteilen komplexe
Spannungsmuster ergeben, deren genaue Berechnung sich besonders
schwierig gestalten
• zur Beurteilung des Versagens einer Stoffumschließung notwendigen Werk-
stoffkennwerte teilweise nicht vorhanden sind
• im Innern von thermisch beaufschlagten Anlagenteilen Wärme- und Stoff-
transportvorgänge simultan auftreten und durch sich zeitlich verändernde Grö-
ßenordnungen der Ereignisse besonders komplex werden
• externe und zeitlich vorübergehende Faktoren, wie z.B. Wind, große Einflüsse
haben können
• ermittelte Größenordnungen für die Wärmeeinwirkung, die Druckwelle und den
Trümmerflug aufgrund der getroffenen Modellannahmen Unsicherheiten auf-
weisen
• Eintrittswahrscheinlichkeiten von Ereignisketten auf hypothetischen Annahmen
basieren und damit in ihrer Aussagekraft eingeschränkt sind

Im Rahmen dieser vorliegenden Arbeit werden erste Schritte zur Bewältigung dieser
Schwierigkeiten unternommen. Aus den Schwierigkeiten bei der Modellierung und der
Komplexität der Domino-Effekt auslösenden Ereignisse resultiert, daß die Abschätzung
der Risiken von Domino-Effekten eine umfassende Betrachtung sich zeitlich verändern-
der Größen und der Wechselwirkung zwischen der die Störfallauswirkung produzierenden
(Donator-Anlage) und der durch die Störfallauswirkung betroffenen Anlage (Akzeptor-
Anlage) erfordert.
Die Komplexität bei der Abschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeiten eines Domino-
Effektes läßt sich beispielhaft anhand eines durch ein Jetfeuer (Freistrahlfeuer) initiierten
Domino-Effektes darstellen (Abbildung 4.4). Damit ein Domino-Effekt durch ein Jetfeuer
ausgelöst werden kann, muß ein brennbarer, unter Druck gelagerter oder geförderter
Stoff durch ein Leck in Richtung eines Zielobjektes freigesetzt und an einer Zündquelle
gezündet werden. Die Flammendimensionen und die Belastungsdauer des Jetfeuers auf
das Zielobjekt müssen ausreichend groß sein, um eine Druckerhöhung im Zielobjekt und
eine Schwächung der Materialeigenschaften der Stoffumschließung des Zielobjektes zu
verursachen. Erst durch das Zusammenwirken dieser Einflußgrößen, die selbst mit Ein-
zelwahrscheinlichkeiten behaftet sind, und das Versagen der Stoffumschließung des Ziel-
objektes ist die Eintrittswahrscheinlichkeit des Domino-Effektes gegeben, die sich letzt-
endlich aus dem Produkt der Einzelwahrscheinlichkeiten der Einflußgrößen ergibt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 28

Le
ck g
nrichtun
Flamme
e
Flammenläng P
Zündquelle P Ziel-
Ereignis objekt Domino
Entfernung zu
m Zielobjekt Effekt
res
nba Brandd
Bren tar auer
n
I nv e

Merkmale
Inventar

Abbildung 4.4: Ausgewählte Einflußfaktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit P von Domi-


no-Effekten infolge Jetfeuer-Einwirkung [Acikalin und Steinbach]

In einer anderen Darstellung (Abbildung 4.5) über ein Cause-Effect-Diagramm (Ishikawa-


Diagramm) wird die Komplexität der Modellierung noch deutlicher. Die einzelnen Einfluß-
faktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Domino-Effektes infolge eines Jetfeuers,
die in der Abbildung als Hauptgräten dargestellt sind, hängen selbst von unterschiedli-
chen Einflußgrößen ab, die entweder berechnet oder sogar abgeschätzt werden müssen.
Die Einflußgrößen sind als kleine Abzweigungen an den Hauptgräten dargestellt.

Auslöseereignis Branddauer Flammenrichtung Flammenlänge


Ausströmge-
Leckgröße Leck- schwindigkeit
Quellrate
position
Windge-
Zündquelle schwindigkeit
Substanz “angleof
Impingement“ Strahl-
durchmesser
P
Domino
explosions- Effekt
gefährlich
Festigkeit
entzündlich

toxisch Isolation

Entfernung- Inventar- Merkmale des betroffenen Objektes

Abbildung 4.5: Ausgewählte Einflußfaktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit P von Domi-


no-Effekten infolge Jetfeuer-Einwirkung im Cause-Effect-Diagramm (Ishika-
wa-Diagramm) [Acikalin und Steinbach]

Die Abbildungen 4.6 und 4.7 zeigen die Einflußfaktoren für das Auftreten eines Domino-
Effektes für den Fall eines Trümmerfluges infolge eines Behälterberstens durch eine ex-
terne Wärmeeinwirkung. Zur Erhaltung der Übersicht sind nicht alle Einflußfaktoren in
den Abbildungen dargestellt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 29

Un
ter
fe u s
er merflug
un tret e n des Trüm
g Ein
zahl
Trümmeran P
Branddauer P Ziel-
Ereignis Flugbahn objekt Domino
Effekt
ntar Flugwei
Inve te
Zerstö
rungs
poten
tia l

Eigenschaften
Inventar

Abbildung 4.6: Ausgewählte Einflußfaktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit P von Domi-


no-Effekten infolge Trümmerflug-Einwirkung [Acikalin und Steinbach]

Eintritt des Anzahl der


Flugbahn
Auslöseereignis Trümmerflugs Fragmente Flugweite
Wärme- Explosions- Anfangsge-
einwirkung Behälter- Volumen schwindigkeit
energie form
ausr.
Branddauer „angle of Behälter- Masse
Behälter-
Inventar form impingement“ form Widerstands-
beiwert P
Domino
explosions- Effekts
gefährlich
Material
entzündlich
toxisch Wanddicke

Entfernung- Inventar- Eigenschaften des betroffenen Objektes

Abbildung 4.7: Ausgewählte Einflußfaktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit P von Domi-


no-Effekten infolge Trümmerflug-Einwirkung im Cause-Effect-Diagramm (Is-
hikawa-Diagramm) [Acikalin und Steinbach]

4.3 Domino-Effekt einleitende Gefährdungsarten

4.3.1 Allgemeines
Als mögliche Domino-Effekt relevante Gefährdungsarten kommen nach [Uth] folgende
Einwirkungen in Betracht:
• Druckwelle
• Trümmerwurf
• Wärmeeintrag (durch Strahlung oder über Medien)
• Chemische Einwirkung
• Toxische Einwirkung
Die Auswertungen der Domino-Effekt Unfälle aus der Vergangenheit zeigen, daß die
Gefahr eines Domino-Effektes durch eine toxische Freisetzung als auslösendes Ereignis
nicht gegeben war. Es ist aber denkbar, daß eine toxische Stofffreisetzung Anlagenfahrer
in einem Betrieb z.B. soweit in ihrer Handlungsfähigkeit einschränken kann, daß ein Pro-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 30

zeß ohne menschliche Überwachung ablaufen würde. Im Gefahrenfall könnte somit nicht
korrigierend in den Prozeß eingegriffen werden. Diese indirekten Wirkungen stellen einen
Sonderfall dar und sollten bereits bei der Auslegung von Anlagen berücksichtigt werden.
Grundsätzlich muß der Schutz von Beschäftigten auch in Nachbaranlagen über die Ge-
fahrenabwehrplanung sichergestellt werden. In diesem Rahmen sind auch die sicher-
heitsbedeutsamen Handlungen, z.B. die Evakuierung von Leitwarten oder Bedienstän-
den, abzusichern [LAI UA]. Andererseits ist mit dem Ausfall des Bedienpersonals keine
weitere Stofffreisetzung unmittelbar verbunden, die dadurch Domino-Effekte verursachen
könnte. Aus diesen Gründen werden toxische Freisetzungen als auslösende Ereignisse
von Domino-Effekten ausgeschlossen. Sie müssen aber wohl als sekundäre Effekte oder
Effekte höherer Ordnung in den Ereignisketten berücksichtigt werden.
Hinsichtlich der Domino-Effekt-Wirkung durch chemische Belastung sind die Korrosions-
wirkung freigesetzter Stoffe denkbar. Durch die Korrosionswirkungen können weitere
Stoffe bzw. Energien freigesetzt werden, die zu einem Brand oder einer Explosion führen
könnten, die dann Domino-Effekte einleiten würden. Daraus würden sich als Domino-Ef-
fekt einleitende Primärereignisse wiederum der Brand oder die Explosion ergeben.
An dieser Stelle sei noch auf weitere Besonderheiten bei der Reihenfolge der Ereignisse
in einem Domino-Effekt hingewiesen. Ein BLEVE oder ein Boilover1 können nicht als Pri-
märereignisse in einer Ereigniskette betrachtet werden. Ein BLEVE kann nur entstehen,
wenn ein Lagerbehälter einer Brandlast ausgesetzt ist. Daraus folgt, daß ein BLEVE ein
Sekundärereignis darstellt, da ihm ein Primärereignis, in den meisten Fällen ein Lachen-
brand oder ein Jetfeuer, vorangehen muß. Ein Boilover ist ebenfalls als Sekundärereignis
anzusehen, da ihm ein Lachenbrand oder ein Tankfeuer vorgeschaltet sein muß, damit er
ausgelöst werden kann. Beide Sekundärereignisse – BLEVE wie auch der Boilover - kön-
nen aber in einem parallel ablaufenden Domino-Effekt als Primärereignis in der parallelen
Ereigniskette angesehen werden.
Anhand der Auswertung von Unfällen aus der Vergangenheit und den oben aufgeführten
Überlegungen läßt sich festhalten, daß Domino-Effekte durch folgende Primärereignisse
ausgelöst werden können:
• Brand
• Explosion
• Druckwelle
• Trümmerflug
• Kombination aus Brand und Explosion
Daraus läßt sich folgende Reihenfolge der Ereignisse nach Abbildung 4.8 in einem typi-
schen Domino-Effekt ableiten.

1
Einkomponenten-Brennstoffe bilden innerhalb der Flüssigphase keine Wärmezone aus, während
dies bei Brennstoffen mit weitem Siedebereich, z.B. Rohöle, durch fraktionierte Verdampfung ihrer
Einzelkomponenten der Fall ist. Diese Eigenschaft führt bei Rohöl, das immer einen gewissen Ge-
halt an Wasser ausweist, das sich am Tankboden absetzt, bei Vordringen der Wärmezone von der
Flüssigkeitsoberfläche bis in diese Schicht zu dem Boilover. Es handelt sich dabei um eine plötzli-
che Verdampfung von Wasser mit starker Volumenexpansion, was zum Auswurf großer Mengen
brennender Flüssigkeit führt. Hierbei besteht die Gefahr der plötzlichen Ausweitung des Brandge-
schehens. Die Gefahr eines Boilover kann auch durch Löschwasser ausgelöst werden.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 31

Primärereignis

Explosion Brand
Kombination aus Explosion und Brand

Belastung der zweiten Einheit durch


Wärme Druckwelle Trümmerflug

Versagen der zweiten Einheit

Domino Effekt

Abbildung 4.8: Reihenfolge der Ereignisse in einem typischen Domino-Effekt

4.3.2 Brand als Domino-Effekt auslösendes Primärereignis


Die Wärmebelastungen durch den Brand können so hoch werden, daß sie die Integrität
der Anlagenteile beeinträchtigen und/oder zu unzulässigen Druckerhöhungen im Innern
von Anlagenteilen führen können. Das Verhalten von Unfallfeuern wird durch das Zu-
sammenwirken von verschiedenen Einflußfaktoren bestimmt. Da in großen Flammen tur-
bulente Strömungsverhältnisse vorliegen, sind diese Zusammenhänge sehr komplex. Um
die Gefahr eines Domino-Effektes durch einen Brand abzuschätzen, sind Kenntnisse
über die Wärmeströme, die von diesem Brand auf die Umgebung übertragen werden,
erforderlich. Dabei spielt die räumliche Anordnung der brennenden und der brandgefähr-
deten Anlagen zueinander eine wesentliche Rolle. So wird bei sehr eng benachbarten
Anlagen die Gefahr der Berührung durch die Flammen wesentlich größer sein als bei
voneinander weit entfernten Anlagen. Durch die Gefahr der Berührung wird das Versagen
der Stoffumschließung bei eng benachbarten Anlagen viel wahrscheinlicher. Wichtige
Aspekte bei der Modellierung von Domino-Effekten durch Brände beinhalten die Abschät-
zung der Wärmebelastung, der Flammenhöhe, der Branddauer und auch die Abschät-
zung der Einflüsse von externen Effekten wie z.B. Wind. Andere Faktoren wie z.B. atmo-
sphärische Bedingungen, Flammengeometrie, Orientierung der Flammen können auch
wesentliche Rollen spielen [Khan and Abbasi 1998].
Abbildung 4.9 zeigt eine hypothetische Reihenfolge eines thermisch ausgelösten Domino-
Effektes. Welche dieser Kombinationen auftreten wird, ist einerseits von den Eigen-
schaften, der die Störfallauswirkung produzierenden Anlage (Donator-Anlage), wie z.B.
Quellrate, Aggregatzustand des Stoffes am Leck, Lagerart etc., und andererseits von den
Eigenschaften der durch die Störfallauswirkung betroffenen Anlage (Akzeptor-Anlage),
wie z.B. räumlich Zuordnung, Festigkeitseigenschaften des Anlagenwerkstoffs, Eigen-
schaften des gelagerten oder gehandhabten Stoffes etc., abhängig.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 32

Brand

Chemische
Stofffreisetzung Brand/BLEVE Explosion

Chemische
Stofffreisetzung Brand/BLEVE Explosion

Wärmeeintrag/Trümmerflug Druckwelle Entzündung Toxische Effekte

Abbildung 4.9: Reihenfolge der Ereignisse in einem thermisch ausgelösten Domino-Effekt

Aus der Auswertung der Unfälle mit Domino-Effekten ist deutlich geworden, welche zen-
trale Bedeutung der Initiierung eines Domino-Effektes durch Unterfeuerung zukommt. Im
dem speziellen Fall der Unterfeuerung eines Behälters durch ein Lachenfeuer oder durch
Berührung desselben durch ein Jetfeuer müssen u.a. folgende Aspekte bei der Modellie-
rung berücksichtigt werden:
• sich zeitlich verändernde Flammentemperatur, Geschwindigkeit und Emissions-
vermögen der Flamme
• unterschiedliche Behälterformen (zylindrisch oder kugelförmig) sowie vertikale und
horizontale Aufstellung bei zylindrischen Behältern
• komplexe Wärmeübertragungsmechanismen in die Behälterwand und den Behäl-
terinhalt
• Auftreten unterschiedlicher Temperaturzonen im Behälterinhalt
• unterschiedliches thermisches Verhalten benetzter und unbenetzter Flächen im
Innern des Behälters
• sich zeitlich verändernder Füllstand im Behälter
• Energieverlust aus Entlastungseinrichtungen
Aufgrund dieser zu berücksichtigenden Aspekte wird die Betrachtung des Problems der
Unterfeuerung sehr komplex, so daß plausible Annahmen zwingend notwendig sind, um
dieses Problem mit einem angemessenen Aufwand zu lösen. Auf diese Annahmen wird in
Kapitel 6 eingegangen.

4.3.3 Explosion als Domino-Effekt auslösendes Primärereignis


Eine Explosion stellt eine plötzliche Oxidations- oder Zerfallsreaktion dar, die mit einer
sehr schnellen Energiefreisetzung in die Atmosphäre verbunden ist. Die Energiefreiset-
zung läuft dabei so schnell ab, daß dadurch eine Druckwelle mit einer endlichen Amplitu-
de entsteht. Nach [DIN EN 1127-1] ist die Explosion als eine „plötzliche Oxidations- oder
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 33

Zerfallsreaktion mit Anstieg der Temperatur, des Druckes oder beider gleichzeitig“ defi-
niert.
Eine explosionsfähige Gaswolke kann sich bilden, wenn ein brennbares Gas so weit ver-
dünnt wird, daß seine Konzentration zwischen der unteren und oberen Explosionsgrenze
liegt. Im Unterschied zu einer Sprengstoffexplosion, die eindeutig detonativ abläuft, gibt
es bei Gaswolkenexplosionen ein breites Spektrum an möglichen Explosionsabläufen
[Muschelknautz]. Je nach Durchmischungsgüte und Turbulenz sind in einer Gaswolke alle
Übergänge vom einfachen Abbrennen, über eine Deflagration bis hin zu einer Detonation
beobachtet worden. Das einfache Abbrennen findet ohne Ausbildung einer Druckwelle
statt. Bei der Deflagration dagegen handelt es sich um eine Explosion, die sich mit Unter-
schallgeschwindigkeit fortpflanzt, wobei sich ein kontinuierlicher zeitlicher Druck- und
Temperaturverlauf einstellt. Die Deflagration ist durch eine Druckwelle gekennzeichnet,
wobei der maximale Explosionsdruck in der Druckwelle üblicherweise das sechs- bis
achtfache des Anfangsdrucks beträgt [DIN EN 1127-1]. Bei der Detonation handelt es
sich um eine Explosion, die sich mit Überschallgeschwindigkeit fortpflanzt und durch eine
Stoßwelle gekennzeichnet ist. An der Stoßwellenfront stellt sich ein nahezu diskontinuier-
licher zeitlicher Druck- und Temperaturverlauf ein. Der Detonationsdruck ist üblicherweise
das 20-fache des Anfangsdrucks [DIN EN 1127-1]. Die Schadenswirkung einer Explosion
ergibt sich i.a. aus der Höhe der Druckamplitude und der Zeitdauer der Druckwirkung.

4.3.3.1 Belastungen durch Druckwellen


In einer völlig unverdämmten Situation, frei von teilverdämmenden bzw. turbulenzerzeu-
genden Strukturen (d.h. ohne Gebäude, Anlagen, Bewuchs) sind folgende Einflüsse
denkbar, die zu einem erhöhtem Explosionsdruck führen können:
• Wolkenform und Wolkengröße
• Konzentrationsgradient in der Gemischwolke
• Art der Zündung
• Turbulenz vor der Zündung
Die durch diese Einflüsse erreichbaren Explosionsüberdrücke bleiben immer unterhalb
von 0.1 bar. Für das Auftreten schadenswirksamer Überdrücke von mehr als 0.1 bar, wie
sie aus Schadensanalysen großer Gasexplosionsunglücke abgeleitet wurden, sind zu-
sätzliche Effekte verantwortlich, die einen sehr hohen Turbulenzgrad im unverbrannten
Gemisch und damit gekoppelt eine wesentlich schnellere Verbrennung bewirken [Mu-
schelknautz]. Mit besonders hohen Turbulenzerzeugungen und Druckentwicklungen muß
u.a. bei wiederholten Hindernissen, wie sie in chemischen und petrochemischen Anlagen
häufig vorkommen (Rohrleitungsbrücken, Behälter, Stahlstrukturen etc.) und bei Gassen
zwischen Gebäuden, lokalen Explosionen im Rücken der Flammenfront, z.B. infolge
Selbstentzündung in der Flamme eingeschlossener Gemischballen, gerechnet werden.
Bei einer idealisierten Druckwelle in Luft folgt auf die positive Druckphase (Überdruck) in
der Atmosphäre eine negative Sogwelle. Wenn sich die Druckwelle von ihrem Ursprung
mit einer hohen Geschwindigkeit weg bewegt, steigt der Überdruck schnell auf einen
Spitzenwert, der als Spitzenüberdruck bekannt ist, an. Die Größen und das Profil der
Druckwelle ändern sich mit dem Laufweg bzw. mit der Zeit, der Druck fällt mit dem Lauf-
weg und der Zeit ab. Die Zerstörungswirkung einer Explosion ergibt sich letztendlich aus
dem Spitzenüberdruck, d.h. der Höhe der Druckwelle, und der Zeitdauer der Druckwir-
kung, d.h. der positiven Druckphase. Für den Fall, daß die Einwirkdauer der Druckwelle
deutlich größer ist als die Eigenschwingungsdauer der beaufschlagten Objekte, ist die
Wirkung quasistatisch und allein die Druckhöhe ist für die Zerstörungswirkung entschei-
dend. Bei sehr kurzer Einwirkdauer stellt sich die Ursache der Zerstörungswirkung einer
Explosion durch den Impuls dar, wobei sich der Impuls einer Explosion entsprechend sei-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 34

nem Druck-Zeit-Profil aus dem Integral aus Druck und Zeit ermitteln läßt. Durch die
Druckwelle der Explosion können Schäden an Anlagenteilen entstehen, die zu einer Aus-
weitung des Unfalls führen können.
4.3.3.2 Belastungen durch Trümmerflug
Trümmerflug ausgelöst durch ein Behälterbersten kann zu signifikanten Schäden an An-
lagen und Gebäuden führen. Die bei einer Explosion auf die Trümmerstücke übertragene
Energie bewirkt, daß Trümmerstücke geschoßartig durch die Luft geschleudert werden.
Trümmerstücke werden in der Regel in primäre und sekundäre Trümmerstücke unter-
schieden. Primäre Trümmerstücke sind Behälterteile, die bei dem Bersten eines Behäl-
ters entstehen. Als primäre Trümmerstücke sind damit Teile des Behältermantels, die
Behälterböden, evtl. Schwallbleche und kleine Ausrüstungsteile von Behältern, wie z.B.
Rohrleitungen und Sicherheitsventile zu erwarten. Sekundäre Trümmerstücke sind be-
hälterfremde Objekte in der Umgebung, die durch die Wucht der Explosion durch die Luft
geschleudert werden. Um die Schadenswirkung durch Trümmerflug - ob primär oder se-
kundär - abzuschätzen, müssen folgende Merkmale des Trümmerstücks berücksichtigt
werden:
• Anzahl
• Masse
• Geschwindigkeit
• kinetische Energie
• Flugrichtung
• Flugweite
• Form
Behälter bersten nicht unter idealen Bedingungen, in denen von gleich großen Trümmer-
stücken ausgegangen werden kann, die radial vom Explosionsort in alle Richtungen weg-
geschleudert werden. Neben der Größe der Trümmerstücke spielen die Geschwindigkeit,
sowie die mit diesen Parametern verknüpfte unterschiedliche Flugweite der Trümmer-
stücke eine wesentliche Rolle bei der Abschätzung der Zerstörungswirkung durch Trüm-
merflug. Eine allgemeine anerkannte Methode zur Abschätzung der Zerstörungswirkung
durch Trümmerflug gibt es bisher noch nicht. Erst mit bekannter Aufschlagenergie des
Trümmerstücks, die über dessen Aufschlaggeschwindigkeit berechnet werden kann, und
der Eindringtiefe des Trümmerstücks in die Anlagen lassen sich die zu erwartenden
Schäden abschätzen.

4.4 Stand der Arbeiten über Domino-Effekte


In der Vergangenheit wurde sich dem Thema Domino-Effekt aus verschiedenen Richtun-
gen genähert. Durchgeführte Literaturrecherchen haben gezeigt, daß sich der größte Teil
der verfügbaren Arbeiten über Domino-Effekte überwiegend auf qualitative Beschreibun-
gen und Erklärungen der Ereignisse, die in der Vergangenheit vorgekommen sind, be-
schränken. Verschiedene Autoren [Kourniotis et all, Lees, Bagster and Pitblado, Pieter-
sen] haben solche Unfälle in der Vergangenheit beschrieben und verschiedene Wege
und Möglichkeiten diskutiert, wie es zu diesen Unfällen kommen konnte. Quantitative
bzw. halbquantitative Betrachtungen wurden von [Latha et al., Delvosalle 1998, Khan and
Abbasi 1998] vorgenommen.
In [Latha et al.] werden mögliche mathematische Modelle aufgezeigt, um die Auswirkun-
gen von thermisch initiierten Domino-Effekten zu quantifizieren, wobei die Bedeutung
einer zeitabhängigen Betrachtung der thermischen Belastungen der Anlagen und ihrem
potentiellem Versagen betont wird. Die Quantifizierung der Ereignisse erfolgt rein deter-
ministisch.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 35

Eine Methode zur Untersuchung von Domino-Effekten wurde im Rahmen einer For-
schungsarbeit unter der Unterstützung des Belgisches Arbeitsministeriums entwickelt
[Delvosalle 1998]. Zweck dieser Studie war es, eine einfache und schnelle Methode zur
Umsetzung des Artikel 8 der SEVESO II-Richtlinie zu entwickeln. Das gesamte Doku-
ment, welches sich aus drei Teilen zusammensetzt, umfaßt zu der empfohlenen vierstufi-
gen Methode zur Untersuchung von Domino-Effekten einen Leitfaden zur Anwendung der
Methoden und einen technischen Anhang, in dem verschiedene bekannte mathematische
Modelle zur Bestimmung der Effektradien von Ereignissen zusammengefaßt sind. In die-
ser Studie erfolgt die Quantifizierung der Ereignisse rein deterministisch mit einfachen
stationären Modellen. Eine Berücksichtigung der für das Versagen von Anlagenteilen er-
forderlichen Belastungsdauern wird hier außer Acht gelassen.
In [Khan and Abbasi 1998] werden Domino-Effekte im Rahmen einer Risikoabschätzung
in der chemischen Industrie betrachtet. Es wird eine auf zwei Stufen aufbauende Vorge-
hensweise für eine Domino-Effekt-Analyse zur Abschätzung der Auswirkungen solcher
Unfälle vorgestellt. Verschiedene Ereignisse, die Domino-Effekte verursachen können
werden genannt und einfache mathematische Modelle zur Abschätzung dieser Ereignisse
zur Verfügung gestellt. Über einfache Ansätze wird eine Wahrscheinlichkeit des Domino-
Effektes ermittelt, die sich aus der Summe der Einzelwahrscheinlichkeiten der beitragen-
den Ereignisse zusammensetzt. Auch durch diese Autoren werden die Ereignisse nur
unter stationären Betrachtungen quantifiziert, ohne die Belastungsdauer Domino-Effekt
auslösender Ereignisse zu berücksichtigen.

4.5 Vorgehensweise zur Abschätzung der Risiken von Domino-Effekten


Zur Objektivierung derzeit üblicher Methoden zur Behandlung von Domino-Effekten wird
eine Vorgehensweise zur Abschätzung der Risiken von Domino-Effekten vorgeschlagen.
Die Abschätzung der Risiken erfolgt im Zusammenhang einer szenarischen Betrachtung
der Auswirkungen von Domino-Effekt einleitenden Ereignissen. Bei der Vorgehensweise
zur Abschätzung der Risiken von Domino-Effekten werden zunächst hierfür relevante
Anlagenbereiche identifiziert. Anschließend erfolgt eine detaillierte Auswirkungsbetrach-
tung, um das Eintreten eines Domino-Effektes infolge des Schadensausmaßes des ein-
leitenden Ereignisses abzuschätzen. Zu diesem Zweck werden die Auswirkungen der
Ereignisse mit den zulässigen Belastungen bzw. mit Grenzkriterien am Zielobjekt (Ak-
zeptor-Anlage) verglichen. Die Vorgehensweise zur Abschätzung der Risiken von Domi-
no-Effekten lehnt sich sehr stark an die allgemeine Vorgehensweise einer quantitativen
Risikoanalyse an und versucht die wesentlichen Fragen einer solchen Risikoanalyse zu
beantworten:
• Was kann gefahrbringend geschehen?
• Was sind die Ursachen?
• Was sind die Auswirkungen?
• Wie wahrscheinlich ist solch ein Ereignis?
Die Vorgehensweise zur Abschätzung der Risiken von Domino-Effekten ist auf fünf
Schritten aufgebaut, die im folgenden erläutert werden (s.a. [Acikalin und Steinbach].
Schritt 1: Lokalisierung gefährlicher Bereiche des Betriebes
Die Grundlage für diesen Schritt ist ein ausführlicher Lageplan des Betriebes, mit dessen
Hilfe der Betrieb in einzelne Bereiche eingeteilt werden kann. Jede Anlage auf dem Lage-
plan kann als zu betrachtender Bereich angenommen werden. Die Anzahl der zu be-
trachtenden gefährlichen Bereiche kann somit sehr groß werden. Daher ist es sinnvoll die
einzelnen Bereiche in Gruppen von Bereichen zusammenzufassen. Dies sollte in Abhän-
gigkeit der gefährlichen Eigenschaft, der Art der Handhabung und unter Berücksichtigung
begründeter Einzelfallbetrachtungen erfolgen. In den nachfolgenden Ausführungen wird
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 36

kein Unterschied zwischen Bereichen und Gruppen von Bereichen gemacht. Es wird nur
der Begriff Bereich verwendet.
Schritt 2: Auswahl eines gefährlichen Bereiches und Definition möglicher Szenari-
en für den ausgewählten Bereich
In diesem Schritt erfolgt die Auswahl eines gefährlichen Bereiches und die Definition
möglicher Szenarien für den gewählten Bereich, um das Primärereignis qualitativ zu be-
nennen. Die Auswahl des gefährlichen Bereiches kann
• über die gehandhabte bzw. gelagerte Menge in dem jeweiligen Bereich oder
• durch Definition von Szenarien für jeden einzelnen Bereich und einer Priorisierung
der Szenarien über eine Ereignisablaufanalyse erfolgen. Die Szenarien mit den
größten Wahrscheinlichkeiten können dann zuerst betrachtet werden. Die Szena-
riendefinition kann aus Erfahrungen aus früheren Ereignissen oder systematisch
über Ereignisablaufanalysen vorgenommen werden
Eine andere Möglichkeit zur Auswahl des Bereiches kann über die Identifizierung von
Risikoeinflußfaktoren vorgenommen werden. Bei diesem Verfahren werden für jeden Be-
trachtungsbereich Risikoeinflußfaktoren identifiziert und gewichtet. Die Risikoermittlung
bei diesem Verfahren erfolgt unter Ausnutzung der Schutzkonzeptproportionalität, wobei
das Risiko zum einen unter Berücksichtigung und zum anderen unter Vernachlässigung
aktiver (auswirkungsbegrenzender) Sicherheitseinrichtungen ermittelt wird. Diese Vorge-
hensweise kann in [Kuhn et al.] nachgelesen werden.
Schritt 3: Abschätzen der drei Gefahrenfelder Brand, Explosion und Trümmerflug
In diesem Schritt wird ein Screening vorgenommen, um Anlagenteile zu identifizieren, die
in mögliche Domino-Effekte einbezogen werden können. Es wird eine detaillierte quanti-
tative Auswirkungsbetrachtung der Ereignisse (Brand, Explosion, Trümmerflug) unter
Benutzung mathematischer Modelle vorgenommen. Die Größenordnungen für Wär-
mestrahlung und Druckwelle am Zielobjekt, sowie die Flugweite des Trümmerstücks wer-
den ermittelt. Um Anlagenteile zu identifizieren, die in mögliche Domino-Effekte einbezo-
gen werden könnten, wird vorerst als ein einfaches Kriterium der Effektradius des Ereig-
nisses vorgeschlagen. Für diesen Zweck müssen die berechneten „Belastungswerte“ mit
Grenzkriterien verglichen werden. Wenn die berechneten Größenordnungen für Wär-
mestrahlung, Druckwelle und Trümmerflug am Zielobjekt größer sind als die Grenzkriteri-
en, kann der nächste Schritt ausgeführt werden.
Schritt 4: Auswahl des nächsten Bereiches und Abschätzen der Wahrscheinlichkeit
seines Versagens
In diesem Schritt erfolgt die Abschätzung der Wahrscheinlichkeit eines Domino-Effektes
und letztendlich die Bestätigung des Eintritts eines Domino-Effektes. Die Eintrittswahr-
scheinlichkeit des Domino-Effektes erfolgt unter der Berücksichtigung des unter Schritt 3
ermittelten Schadensausmaßes der Ereignisse und deren Effektradius sowie den Merk-
malen der von den Ereignissen betroffenen Sekundäreinheit. Die dabei zu berücksichti-
genden Merkmale der Sekundäreinheit sind:
• Werkstoffeigenschaften und Wanddicke der Stoffumschließung
• Menge und Eigenschaften des gelagerten bzw. gehandhabten Stoffes
• Prozeß- bzw. Lagerbedingungen
Für die Abschätzung der Eintrittswahrscheinlichkeit des Domino-Effektes sind die Wahr-
scheinlichkeiten der Ereignisse und der notwendigen Randbedingungen zu bestimmen.
Für den Fall eines Lachenbrandes wären das vereinfacht die Wahrscheinlichkeiten des
auslösenden Ereignisses (der Stofffreisetzung), der Lachenbildung, der Entzündung der
Lache und die der Branddauer. Die Wahrscheinlichkeit eines Domino-Effektes infolge
eines Lachenbrandes ergibt sich dann aus dem Produkt der Einzelwahrscheinlichkeiten.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 37

Schritt 5: Definition möglicher Szenarien für den nächsten Bereich


In diesem Schritt werden die Auswirkungen der nachfolgenden Ereignisse auf weitere
Bereiche abgeschätzt. Nach der Definition möglicher Szenarien für die Sekundäreinheit
wird mit Schritt 3 fortgefahren.
Diese beschriebene Vorgehensweise zur Abschätzung der Risiken von Domino-Effekten
ist in einem Flußdiagramm dargestellt (Abbildung 4.10). Die Schleifen in dem Flußdia-
gramm werden so lange durchlaufen, bis alle lokalisierten Bereiche bewertet worden sind.

Lokalisierung gefährlicher
Einheiten der Anlage

Auswahl einer gefährlichen


Einheit

Definition möglicher Szenarien


für die Primäreinheit

Abschätzung der Gefahrenfelder


•Brand
•Explosion
• Trümmerflug

Lokalisierung der zweiten Einheit


und Feststellung der Merkmale

Schadens-
Ermittelte ausmaß
Werte
≥ nein
zulässige
Belastungs-
werte

ja

Abschätzung der Wahrscheinlichkeit


des Versagens

Eintrittswahr-
scheinlichkeit

nein Sind alle nein


Wahrscheinlichkeit
lokalisierten Einheiten
des Versagens
bewertet?
groß ?

Domino
ja ja

Definition möglicher Szenarien


Ergebnisdarstellung
für die Sekundäreinheit

Abbildung 4.10: Fließbild der Vorgehensweise zur Abschätzung von Domino-Effekten


Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 38

4.5.1 Problematik mit Grenzkriterien


Für Unfälle, bei denen eine ernste Gefahr durch Brände oder Explosionen hervorgerufen
wird, kommen als Beurteilungswerte kritische Bestrahlungsstärken und Spitzenüberdrük-
ke in der sich ausbreitenden Druckwelle in Betracht. Die Orientierung an diesen kritischen
Werten würde zu Überschätzungen der Auswirkungen führen, die einerseits die zu be-
trachtende Anzahl an Szenarien für Domino-Effekte erhöhen und andererseits zu fal-
schen Ergebnissen führen können. Durch den dynamischen Charakter der Ereignisse ist
es besonders wichtig, den Faktor Zeit, d.h. die Belastungsdauern der Domino-Effekt
auslösenden Ereignisse, in den Überlegungen zu berücksichtigen. Der Effekt von Wär-
mestrahlung an Gebäuden und Anlagenteilen hängt von der Bestrahlungsstärke und der
Belastungsdauer der Wärmestrahlung ab. Die in der Literatur u.a. in [UBA-FB 000039/2,
Lees] aufgeführten kritischen Bestrahlungsstärken, die Erfahrungswerte über die Zerstö-
rungswirkung von Wärmestrahlung darstellen, stellen maximale kritische Bestrahlungs-
stärken bei langer Einwirkdauer dar. So wird z.B. angegeben, daß Anlagenteile mit
Schutzeinrichtung2 bei Bestrahlungsstärken von 32 kW/m2 versagen. Eine Aussage über
die Einwirkdauer und damit einer „Dosis“ wird nicht vorgenommen.
Der Zusammenhang zwischen Bestrahlungsstärke, Einwirkdauer und dem möglichem
Versagen einer Stoffumschließung (unter den Merkmalen des betroffenen Anlagenteils)
ist jedoch notwendig, um Aussagen über das Eintreten von Domino-Effekten machen zu
können. Z. B. ist die zeitliche Änderung der Temperatur und des Druckes im Innern eines
unterfeuerten Behälters sowie der Behälterwandtemperatur zwingend notwendig, um vor-
herzusagen, unter welchen Bedingungen und nach welcher Zeit solche Behälter versagen
werden und damit die Fortschreitung der Ereigniskette von Domino-Effekten bedingen.
Daher sind instationäre Simulationen notwendig, um zeitabhängige thermische Bela-
stungswerte zu ermitteln und mögliche Zusammenhänge zwischen Domino-Effekt auslö-
senden Einflußfaktoren aufzudecken.
Ähnlich verhält es sich auch bei der Beurteilung der Zerstörungswirkung einer Explosion.
Die Zerstörungswirkung einer Explosion ergibt sich aus der Höhe der Druckamplitude,
d.h. dem Spitzenüberdruck der Explosion und der Zeitdauer der Druckwirkung. Bei sehr
kurzer Einwirkdauer, was bei Explosionen zutrifft, ist aber das Integral aus Druck und
Zeit, d.h. der Impuls, für die Zerstörungswirkung maßgebend. Obwohl die Dauer der posi-
tiven Druckphase und damit der Impuls einer Druckwelle mit der Entfernung vom Explosi-
onszentrum korreliert werden können, erfolgt die Abschätzung der Explosionswirkung in
der Praxis über den Spitzenüberdruck in der sich ausbreitenden Druckwelle. Hierzu in
unterschiedlichen Literaturquellen [UBA-FB 000039/2, Lees] Spitzenüberdruckwerte, die
Erfahrungswerte über Zerstörungen darstellen, veröffentlicht worden.
Die Orientierung allein an dem Spitzenüberdruck bedeutet jedoch ein konservatives Vor-
gehen, weil mit kürzer werdender Einwirkdauer höhere Drücke für die gleiche Wirkung
erforderlich sind [Giesbrecht]. Daraus können Überschätzungen der Auswirkungen resul-
tieren. Daher ist es sinnvoll, den Impuls der Druckwelle als Grenzkriterium anzuwenden.
Der Impuls einer Druckwelle wird aber nicht unmittelbar gemessen und kann damit nicht
als Beurteilungswert zur Verfügung gestellt werden. Abhilfe muß auch hier durch eine
zeitabhängige Betrachtungen der Explosionswirkung geschaffen werden.
Wie bereits in Kapitel 4.3.3.2 erwähnt, existiert keine allgemein anerkannte Methode zur
Abschätzung der Zerstörungswirkung durch Trümmerflug. Erst mit bekannter Aufschlags-
energie des Trümmerstücks, die über dessen Aufschlagsgeschwindigkeit berechnet wer-
den kann, und der Eindringfähigkeit des Trümmerstücks in Anlagenteile, lassen sich die
zu erwartenden Schäden an Anlagen abschätzen. Zu dieser Problemstellung werden von
unterschiedlichen Autoren Erfahrungswerte über Aufschlagsenergien und Eindringfähig-
keiten von Trümmerstücken angegeben. Ein Energiebeitrag von 32 kJ reicht nach [Lorenz

2
Als Schutzeinrichtung sind Einrichtungen wie z.B. Wasserberieselung, Isolation o.ä. zu verstehen.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 39

und Radant] aus, um einen Körper mit 1 t Masse von 0 km/h auf 29 km/h zu beschleuni-
gen. Nach [Lees] besitzen scharfkantige Trümmer mit einer Geschwindigkeit ab 75 m/s
ausreichendes Potential, um die Wand eines Zielobjektes zu durchdringen. Nach [Scilly et
al.] haben 90 % der Trümmerstücke, die aus Behältern größer als 20 m3 entstehen, eine
ausreichende Energie, um Stahlkonstruktionen mit einer Wanddicke von 15 mm durch-
dringen zu können. Diese pauschalen Angaben können nur Anhaltswerte über die Scha-
denswirkungen durch Trümmerflug liefern. Auch an dieser Stelle wird bewußt, daß kon-
krete Forschungsarbeiten erforderlich sind.
In einigen europäischen Ländern werden Grenzwerte für das Auftreten von Domino-Ef-
fekten angegeben. Diese Werte sind in der folgenden Tabelle zusammengefaßt.

2
Land Bestrahlungsstärke [kW/m ] Explosionsüberdruck [mbar]
1)
Belgien 8 160
2)
Frankreich 5 140
3)
Österreich 12.5 100
1) 2)
Tabelle 4.1: Grenzwerte für das Auftreten von Domino-Effekten ( [Delvosalle 1998],
3)
[Christou and Duffield], [Stangl and Simon])

In der Bundesrepublik Deutschland sind bisher keine Grenzwerte für das Auftreten von
Domino-Effekten festgelegt worden. Da bisher noch keine Grenzwerte unter Berücksich-
tigung der Einwirkdauer der Belastungen auf Anlagenteile vorliegen, wird vorgeschlagen
zunächst stationäre Grenzwerte auch für die Bundesrepublik Deutschland für das Auftre-
ten von Domino-Effekten anzunehmen. Als Grenzwerte könnten z.B. die unten aufge-
führten Grenzwerte angesetzt werden. Diese Werte sind aus [Lees] entnommen worden
und stellen allgemeine Grenzwerte dar.
2
Brand 8 kW/m Anlagenteile ohne Schutzeinrichtung
2
32 kW/m Anlagenteile mit Schutzeinrichtung
Explosion 160 mbar untere Grenze für Schäden an Strukturen
1% Schaden an Lagerbehältern

Als Grenzkriterium für den Trümmerflug kann die Flugweite des Trümmerstücks ange-
setzt werden.
An dieser Stelle wird - insbesondere als Grenzwert für den Brand - auf Kapitel 7.2.5 der
vorliegenden Arbeit verwiesen.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 40

5 Theoretische Grundlagen zur Modellierung thermisch ini-


tiierter Domino-Effekte
Die Aufnahme thermischer Energie ist ein wesentlicher Faktor, um Domino-Effekte zu
initiieren. Durch einen Brand in der näheren Umgebung eines Druckbehälters oder durch
eine Unterfeuerung ist es in der Vergangenheit zu Unfällen mit verheerenden Folgen ge-
kommen. Die Aufheizung der Druckbehälter führte zum Behälterbersten, dessen Auswir-
kungen durch die Druckwelle der Explosion und den Trümmerflug weitere Unfälle auslö-
sten (siehe dazu Kapitel 3). Daher wird der thermisch initiierte Domino-Effekt infolge einer
Behältererwärmung durch ein Lachenfeuer näher betrachtet. Dafür ist es erforderlich,
einerseits die Wärmeübertragungsmechanismen, die bei der Aufheizung der Behälter
eine große Rolle spielen, kurz zu erläutern. Andererseits ist es notwendig, die aus dem
Behälterbersten resultierenden Effekte, insbesondere die Druckwelle der Explosion und
den Trümmerflug, zu veranschaulichen.

5.1 Grundlagen zur Wärmeübertragung


Bei der Wärmeübertragung können prinzipiell drei Übertragungsmechanismen unter-
schieden werden:
Ø Wärmeübertragung durch Leitung in festen oder in unbewegten flüssigen und
gasförmigen Körpern. Dabei wird die kinetische Energie von einem Molekül
oder Elementarteilchen auf seinen Nachbarn übertragen.
Ø Wärmeübertragung durch Mitführung oder Konvektion durch bewegte flüssige
oder gasförmige Körper.
Ø Wärmeübertragung durch Strahlung, die sich ohne materiellen Träger mit Hilfe
elektromagnetischer Wellen vollzieht.

5.1.1 Wärmeübertragung durch Leitung


Die Wärmeübertragung durch Leitung ist ein Energietransport zwischen benachbarten
Molekülen aufgrund eines Temperaturgradienten im Wärmeleiter. Die Wärmestromdichte
als Funktion des Temperaturgradienten und der Wärmeleitfähigkeit wird über das Grund-
gesetz der Wärmeleitung nach Fourier
q = −λ ⋅ gradT (5.1)
beschrieben. Bei der Wärmeübertragung durch Leitung wird zwischen instationärer Wär-
meleitung beim Aufheizen oder Abkühlen und stationärer Wärmeleitung, bei welcher die
Temperaturverteilung im Wärmeleiter unverändert bleibt, unterschieden. Im Gegensatz
zur stationären Wärmeleitung ändern sich die Temperaturen bei einer instationären
Wärmeleitung zeitabhängig. Der Temperaturverlauf in einer ebenen Wand z.B. ist dann
nicht mehr geradlinig, weil die in die Wand einströmende Wärme nicht gleich der aus-
strömenden Wärme ist. Die Differenz zwischen dem einströmenden und ausströmenden
Wärmestrom bleibt als innere Energie in der Wand gespeichert und erhöht ihre Tempe-
ratur als Funktion der Zeit.

∂T æ ∂ 2T ∂ 2T ∂ 2T ö
= a çç 2 + 2 + 2 ÷÷ (5.2)
∂t è ∂x ∂y ∂ z ø
Diese Gleichung stellt eine partielle Differentialgleichung in der Zeit und drei unabhängi-
gen Raumrichtungen dar.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 41

5.1.2 Wärmeübergang durch Konvektion


Bei der Wärmeübertragung in strömenden Fluiden tritt neben der molekularen Wärme-
leitung noch der Energietransport durch Konvektion hinzu. Die Überlagerung von Wär-
meleitung und Energietransport durch das strömende Fluid wird konvektiver Wärmeüber-
gang genannt. Von besonderem Interesse ist der Wärmeübergang zwischen einem strö-
menden Fluid und einer festen Wand. Die an der Wand auftretende Wärmestromdichte
wird über die Beziehung
q = α (TWand − Tfl ) (5.3)
beschrieben. Den gesuchten Wärmeübergangskoeffizienten α erhält man aus der Nußelt-
Zahl Nu
α ⋅l
Nu = . (5.4)
λ
Beim konvektiven Wärmeübergang wird zwischen der erzwungenen Konvektion, bei der
der Strömung eine Geschwindigkeit aufgezwungen wird, und der freien Konvektion, die
durch Dichteunterschiede zustande kommt, unterschieden. Der Wärmeübergang bei er-
zwungener Konvektion wird durch Gleichungen der Form
Nu = f (Re, Pr, ln/l) (5.5)
und der bei freier Konvektion durch Gleichungen der folgenden Form beschrieben
Nu = f (Gr, Pr, ln/l) . (5.6)
mit ln/l als geometrische Kenngröße (n=1,2,...), wobei l eine charakteristische Länge des
Strömungsraumes l1, l2, ... ist.

5.1.2.1 Wärmeübergang beim Sieden


Ein besonderes Phänomen des Wärmeübergangs ist der Wärmeübergang beim Sieden.
Bei Siedevorgängen ist der Wärmeübergangskoeffizient zusätzlich zu den Variablen, die
beim konvektiven Wärmeübergang entscheidend sind, noch mit einer Phasenumwand-
lung verknüpft. Die Phasenumwandlung ist unter anderem von der Verdampfungsenthal-
pie, der Siedetemperatur, der Dichte des Dampfes, der Grenzflächenspannung, der Mi-
krostruktur und dem Werkstoff der Heizfläche abhängig. Analog zum konvektiven Wär-
meübergang wird die Wärmestromdichte mit Gleichung (5.3) berechnet. Wärmeübergang
beim Sieden tritt erst auf, wenn die Wandtemperatur größer ist als die Sättigungstempe-
ratur der Flüssigkeit. In Abhängigkeit von der treibenden Temperaturdifferenz zwischen
der Wand und der Flüssigkeit ∆T = (TW – Tfl) wird zwischen stillem Sieden, Blasensieden
und Filmsieden unterschieden.
Beim stillen Sieden herrschen kleine treibende Temperaturdifferenzen ∆T zwischen der
Wand und der Flüssigkeit vor. Die Wärme wird in diesem Fall nur durch die Auftriebs-
strömung von der Heizfläche an die Flüssigkeitsoberfläche transportiert. Bei größeren
treibenden Temperaturdifferenzen ∆T bilden sich an der Heizfläche Dampfblasen (Bla-
sensieden) und steigen auf. Sie erhöhen die Flüssigkeitsbewegung und damit auch den
Wärmeübergang. Mit zunehmender treibender Temperaturdifferenz zwischen der Wand
und der Flüssigkeit schließen sich die Blasen immer mehr zu einem Dampffilm zusam-
men, wodurch der Wärmeübergang wieder vermindert wird (Übergangssieden). Bei aus-
reichend hoher treibender Temperaturdifferenz ∆T zwischen der Wand und der Flüssig-
keit steigt die Wärmestromdichte nach einem Minimum wieder an. Dieser Zustand wird
Filmsieden genannt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 42

5.1.3 Wärmeübertragung durch Strahlung


Wärme kann außer durch direkten Kontakt auch durch Strahlung übertragen werden. Die
thermische Strahlung bzw. Wärmestrahlung besteht aus einem Spektrum elektromagne-
tischer Wellen im Wellenbereich zwischen 0.76 und 360 µm und unterscheidet sich vom
sichtbaren Licht nur durch ihre größere Wellenlänge. Für die Emission von Wärmestrah-
lung gibt es eine obere Grenze, die nur von der Temperatur des strahlenden Körpers ab-
hängt. Die maximal mögliche Wärmestromdichte, die von der Oberfläche eines Körpers
ausgesandt werden kann, wird durch das Gesetz von Stefan-Boltzmann mit der Stefan-
Boltzmann-Konstante σ beschrieben.
q = σ ⋅ T 4 (5.7)
Körper, die bei einer Temperatur die maximal mögliche Energiemenge ausstrahlen, wer-
den als schwarze Körper bezeichnet. Wirkliche Körper emittieren weniger als die maximal
mögliche Wärmestromdichte. Die von ihnen emittierte Energie ist um den Faktor des
Emissionsgrades ε geringer.
q = ε ⋅ σ ⋅ T 4 (5.8)
Für verschiedene technische Oberflächen sind in der Literatur, z.B. dem VDI-Wärmeatlas
[VDI-WA], Werte für den Emissionsgrad angegeben.
Der durch Strahlung übertragenen Wärmestrom läßt sich nach [Dubbel] nach folgender
Gleichung berechnen

( )
.
Q12 = ϕ12 A 1 ε1 ε 2 σ T14 −T24 . (5.9)
Die Einstrahlzahl ϕ12 gibt an, welcher Anteil der ausgesandten Strahlung auf dem be-
strahlten Objekt auftrifft. Entscheidend dabei ist der Abstand des Objektes von der Flam-
me und die Orientierung des Objektes zur Flamme. Für eine Vielzahl technisch wichtiger
Fälle können Beziehung für die Ermittlung der Einstrahlzahl dem VDI-Wärmeatlas [VDI-
WA] entnommen werden.

5.1.3.1 Wärmeübertragung durch Strahlung bei einem Lachenbrand


Die Wärmeübertragung von einem Brand auf Objekte in der Umgebung erfolgt haupt-
sächlich durch Wärmestrahlung. Zur Berechnung der abgestrahlten Wärme liegen drei
Modelle vor: das Punktquellenmodell, das Zylinder-Flammenstrahlungsmodell und das
Ballen-Strahlungsmodell [Schönbucher 1985 u. 1992, Seeger, Sturm, UBA-FB 000039/2].
Ein wesentlicher Kritikpunkt bei dem Punktquellenmodell besteht in der Vernachlässigung
geometrischer Besonderheiten, was zu deutlich überhöhten Werten für die Strahlung im
Nahbereich führt [Broeckmann]. Nach [Yellow Book] sollte das Punktquellenmodell daher
nur in einem Abstand von x > 5*dLache von der Flammenmitte angewendet werden. Bei
großen Lachenfeuern kann es zur Ausbildung von Rußballen kommen, die die Strah-
lungseigenschaft der Flammen deutlich beeinflussen. Daher ist das Ballenstrahlungsmo-
dell wissenschaftlich gesehen sicherlich das geeignetere Modell zur Berechnung der
Strahlungsleistung aus Lachenbränden. Da die Flächenanteile der hot spots und der
Rußballen in den Flammen je nach Lachendurchmesser variieren, müssen diese Vertei-
lungsgrößen experimentell bestimmt werden. Daher ist die Anwendbarkeit dieses Mo-
dells, trotz der guten Übereinstimmung mit den gemessenen Werten, nicht immer gege-
ben [Broekmann]. Da das Ziel dieser Arbeit nicht die genaue Modellierung von Lachen-
bränden, sondern eine Auswirkungsabschätzung im Sinne einer worst-case Betrachtung
der Effekte aus einem Lachenfeuer ist, wird in der vorliegenden Arbeit zur Berechnung
der abgestrahlten Wärme das Zylinder-Flammenstrahlungsmodell angewendet.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 43

Das Zylinder-Flammenstrahlungsmodell geht von der Vorstellung aus, daß die Wär-
mestrahlung von den heißen Verbrennnungsprodukten emittiert wird und postuliert als
abstrahlende Fläche die Oberfläche eines kreisförmigen Zylinders. Die Berechnung der
Bestrahlungsstärke erfolgt für den Zeitabschnitt des Brandes, in dem der Brand mit einer
annähernd konstanten Abbrandgeschwindigkeit abläuft. Es wird angenommen, daß eine
Absorption und Streuung der von der Flamme emittierten Wärmestrahlung in der zwi-
schen der Flamme und den gefährdeten Objekten befindlichen Atmosphäre nicht auftritt.
Weiterhin wird angenommen, daß die Temperatur und das Emissionsvermögen der
Flamme an jedem Ort der Flamme den gleichen Wert haben und sich während des
Brandablaufes nicht ändern. Es wird davon ausgegangen, daß es sich bei der Flamme
wegen der unvollständigen Verbrennung um eine leuchtende Flamme handelt, wobei nur
der sichtbare Bereich der Flamme einen Beitrag zum Wärmestrom liefert. Vereinfacht
lassen sich nach [Seeger] derartige Flammen bei Flammendicken größer als 1m als
schwarze bzw. graue Körper mit einem Emissionsvermögen zwischen 0,9 und 1 ansehen.
Mit diesen Voraussetzungen und der Annahme eines grau strahlenden Flammenkörpers
kann die Strahlungsemission der Flammenoberfläche E nach dem Gesetz von Stefan-
Boltzmann wie folgt berechnet werden
E = ε σ TFlamme
4
. (5.10)
Die mittlere Flammentemperatur läßt sich nach [Mudan] mit TFlamme = 1200 – 1300 K ab-
schätzen. Setzt man das Emissionsvermögen der Flamme mit ε = 0.9 und die Flammen-
temperatur mit 1200 K an, so erhält man einen Wert von E = 100 kW/m2 , der auch expe-
rimentell bestätigt werden konnte [Broeckmann].
Der von einer Flamme an ein Objekt (Index1) übertragene Wärmestrom läßt sich nach
[Seeger] berechnen zu:

( )
.
Q Flamme →1 = ϕFlamme →1 A Flamme ε Flamme ε1 σ TFlamme
4
−T14 (5.11)
Als Emissionsverhältnis einer Flamme werden in [Becker et al., Seeger] ε = 0,9 verwen-
det.
Aus experimentellen Untersuchungen zeigt sich zusätzlich eine Abhängigkeit der Strah-
lungsleistung vom Branddurchmesser. Nach [Hägglund and Person, Moorhouse and Prit-
chard] nimmt die Strahlungsleistung der Flamme mit zunehmendem Flammendurchmes-
ser zu, während sie nach [Becker et al., Schönbucher] abnimmt, was evtl. mit den Über-
legungen zur Bestimmung der Flammenlänge zu erklären ist [Becker et al.]. Aufgrund
dieser sich widersprechenden Ergebnisse wird die Abhängigkeit der Strahlungsleistung
vom Branddurchmesser vernachlässigt und die Flammengeometrie als dominanter Faktor
der Bestrahlungsstärke am Behälterumfang in Verbindung mit der Einstrahlzahl betrach-
tet. Aus der Summe der Annahmen und Vereinfachungen wird gewährleistet, daß die
Auswirkungen aus einem Lachenbrand, der Domino-Effekt auslösen kann, nicht unter-
schätzt werden können.

5.2 Grundlagen zum Behälterbersten - der BLEVE


Das Bersten eines Druckbehälter ist das am häufigsten vorkommende Ereignis, welches
Domino-Effekte auslösen kann [Khan und Abbasi]. Werkstoffehler, Materialermüdung
oder ein unzulässiger Druck im Behälter sowie externe Einwirkungen z.B. durch Trüm-
merflug können Gründe für das Bersten von Behältern sein. Ein unzulässiger Druck im
Behälter kann sich infolge einer Überfüllung, einer durchgehenden Reaktion oder aber
einer unzulässigen Wärmeeinwirkung durch ein Unfallfeuer ergeben. Übersteigt der
Druck in dem Behälter den zulässigen Überdruck des Behälters bei der Behälterwand-
temperatur, so wird der Behälter anreißen und mit den Auswirkungen eines BLEVE ex-
plodieren. Gefahren entstehen durch die Druckwelle der Explosion, durch weggeschleu-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 44

derte Trümmerstücke des Behälters und durch die Wärmestrahlung des Feuerballs. Typi-
sche Wärmeströme aus BLEVEs liegen in der Größenordnung von 200 kW/m2 bis 350
kW/m2 und sind viel höher als die bei Lachenbränden [CCPS]. Aufgrund der geringen
Branddauer des Feuerballs – Untersuchungen zeigen Branddauern von 4.5 s bis 9.2 s
[CPQRA] – werden die Auswirkungen des Feuerballs als Auslöser von Domino-Effekten
nicht betrachtet. Die Branddauern sind nicht ausreichend, um schwere Schäden an Anla-
genteilen oder sekundäre Brände zu verursachen. Die Effekte durch Wärmestrahlung
können aber tödlich sein und dürfen bei der Abschätzung der Auswirkungen auf Men-
schen nicht vernachlässigt werden.
Das Phänomen des BLEVE ist u.a. in [Reid 1976, 1980] untersucht worden. Der Autor
entwickelte für den BLEVE eine Theorie auf der Basis überhitzter Flüssigkeiten. Nach
seiner Theorie befindet sich die Flüssigphase im Behälter vor dem Bersten mehr oder
weniger im Gleichgewicht mit seiner Dampfphase. Während des Berstens entweicht die
Dampfphase und der Druck im Behälter fällt sehr schnell ab. Das Gleichgewicht zwischen
der Flüssigphase und der Dampfphase ist dann nicht mehr vorhanden, so daß die über-
hitzte Flüssigkeit an den Grenzflächen Flüssigkeit-Dampf und Flüssigkeit-Behälterwand
spontan verdampft. Befindet sich die Flüssigkeit unterhalb seiner Überhitzungstemperatur
Tsl, die nach [Reid 1976] bei ca. 89% der kritischen Temperatur Tkrit liegt, wird die Flüs-
sigkeit nicht sieden, weil die Kräfte zwischen seinen Molekülen stärker sind als die Kräfte
an den Grenzflächen Flüssigkeit-Dampf und Flüssigkeit-Behälterwand. Liegt die Flüssig-
keitstemperatur beim Bersten dagegen oberhalb der Überhitzungstemperatur, kommt es
in der Flüssigkeit zur Bildung mikroskopischer Blasen, die sehr schnell anwachsen. Weil
dieses Phänomen in der Flüssigkeit sehr schnell abläuft, kann innerhalb von Millisekun-
den ein großer Anteil an Flüssigkeit spontan verdampfen. Die freigesetzte Energie in sol-
chen Fällen ist sehr hoch und führt zu hohen Druckwellen sowie Anfangsgeschwindig-
keiten und Flugweiten von Trümmerstücken.
Nach der Theorie von Reid bestimmt die Flüssigkeitstemperatur beim Bersten, ob es zu
einem BLEVE kommen wird. Zusammengefaßt können folgende Fälle in Abhängigkeit
der Flüssigkeitstemperatur beim Bersten unterschieden werden:

Tfl < TSiede : Die Flüssigkeit wird nicht sieden, nur der Dampf im Behälter wird eine
Druckwelle erzeugen
TSiede < Tfl < Tsl : Die Flüssigkeit wird sieden, BLEVE ist möglich
Tfl > Tsl : Die Flüssigkeit wird explosionsartig sieden, BLEVE sicher

Die im Behälter gespeicherte Energie wird beim Bersten im wesentlichen in die Aufreiß-
arbeit des Behälters, in die kinetische Energie der Behälterfragmente, in die Druckwelle
der Explosion und in Wärmeenergie des Feuerballs, falls der Inhalt brennbar war, umge-
setzt. Welcher Anteil genau in die Druckwelle der Explosion oder die kinetische Energie
der Behälterfragmente umgesetzt wird, ist schwierig zu ermitteln. Bei großen Behälter-
fragmenten werden nach [Latha et al.] ca. 40 % der gespeicherten Energie zur Erzeu-
gung der Druckwelle umgesetzt, wobei der Rest in die kinetische Energie der Fragmente
transformiert wird.

5.2.1 Druckwelle der Explosion


Die Stärke und die Form der Druckwelle aus dem Bersten eines Druckbehälters hängen
von vielen Faktoren ab. Wesentliche Faktoren sind die freigesetzte Energie, die Be-
hälterform, die Umgebungsparameter, wie z.B. Druckwellen reflektierende Oberflächen
und die Phase des freigesetzten Stoffes. Letztere ist besonders wichtig, da sie die ge-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 45

speicherte Energie im Behälter bestimmt. Der typische Verlauf der Druckwelle aus einem
BLEVE ist in Abbildung 5.1 dargestellt.

Abbildung 5.1: Typischer Verlauf der Druckwelle aus einem BLEVE [Yellow Book]

Aus der Abbildung ist zu sehen, daß die Druckwelle durch einen großen ersten Peak ge-
folgt von einer negativen Druckwelle und einem zweiten Peak charakterisiert ist. Dieser
doppelte Peak ist von mehreren Autoren beobachtet worden z.B. von [Baker et al. 1983,
Shield]. Es ist zu vermuten, daß der erste Peak aus dem Bersten des Behälters und der
Freisetzung der Gasphase resultiert, da die Energie der Gasphase sofort vorhanden ist,
um Arbeit an der umgebenden Luft auszuüben. Die Energie der Flüssigphase dagegen
muß erst durch die Phasenumwandlung freigesetzt werden, bevor sie Arbeit verrichten
und eine Druckwelle erzeugen kann. Diese Phasenumwandlung benötigt - wenn auch
sehr geringe – Zeit. Daher kann vermutet werden, daß zwischen der Ausbreitung der
Druckwelle aus der Gasphase und der der Flüssigphase eine kurze Verzögerung auftre-
ten wird. Baker et al. aber berichten in [Baker et al. 1977], daß auch beim Bersten von
gasgefüllten Kugelbehältern dieser Doppelpeak zu verzeichnen ist. Aus diesem Grund ist
nicht eindeutig klar, ob der zweite Peak der freigesetzten Energie der Flüssigphase zuzu-
ordnen ist [Birk et al. 1997].
Es gibt nur wenige Arbeiten zur Abschätzung der Explosionsdruckwelle aus berstenden
Behältern. Daher ist die Anzahl der Methoden zur Ermittlung der Effekte begrenzt. Zur
Abschätzung der Druckwelle aus berstenden Behältern eignen sich nach [Yellow Book]
zwei Methoden:
Ø TNT-Äquivalenz-Methode
Ø Baker´s Methode
Die TNT-Äquivalenzmethode ist ein häufig verwendetes Modell zur Berechnung des Spit-
zenüberdruckes in Druckwellen. Bei dieser Methode wird die zur Explosion zur Verfügung
stehenden Energie mit einer äquivalenten Masse des Explosionsstoffes TNT (Trinitroto-
luol) verglichen (= TNT-Äquivalent), welches die gleiche Energiemenge freisetzen kann.
Nach [Yellow Book] weist die Druckwelle aus berstenden Behältern im Vergleich zur TNT-
Explosion einen geringeren Anfangsüberdruck, einen langsameren Abfall des Überdrucks
mit dem Abstand, eine längere positive Phasendauer und eine längere negative Phase
sowie starke sekundäre Schocks auf. Aus diesen Überlegungen eignet sich die TNT-
Äquivalenzmethode zur Abschätzung der Druckwellen im Fernbereich. Im Nahbereich
würde sie die Effekte jedoch deutlich überschätzen.
In dieser vorliegenden Arbeit wird die Methode nach Baker et al. [Baker et al. 1977] zur
Berechnung der Druckwelle aus berstenden Behältern eingesetzt. Nach dieser Methode
werden unter Berücksichtigung der Phase des Behälterinhalts die gespeicherte Energie
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 46

im Behälter und über einen dimensionslosen Abstand der Spitzenüberdruck ps und dar-
über hinaus der positive Impuls is der Druckwelle berechnet.
Beim Behälterbersten können im wesentlichen zwei Fälle unterschieden werden:
Ø Der Behälter ist nur mit Gasphase oder einer Kombination aus Gasphase und
Flüssigkeit gefüllt, die nicht spontan verdampft
Ø Der Behälter ist mit einer überhitzten Flüssigkeit gefüllt, die spontan, explosi-
onsartig verdampft
Beide Fälle unterscheiden sich in der Berechnung der gespeicherten Energie im Behälter.
Die Abschätzung des Spitzenüberdruck ps und des positiven Impulses is der Druckwelle
erfolgt für beide Fälle über die gleiche Vorgehensweise, die in Kapitel 5.2.1.3 vorgestellt
wird. In den folgenden Abschnitten werden die Methoden zur Bestimmung der gespei-
cherten Energie im Behälter, des Spitzenüberdruck ps und des positiven Impulses is vor-
gestellt. Die Methoden sind dem Yellow Book der TNO (The Netherlands Organisation of
Applied Scientific Research) [Yellow Book] entnommen.

5.2.1.1 Gespeicherte Energie im Behälter mit Gasphase


Durch die schnelle Entspannung der Gasphase beim Bersten des Behälters, kann davon
ausgegangen werden, daß dieser Vorgang adiabat, d.h. ohne Austausch von Wärme mit
der Umgebung, stattfindet. Unter dieser Annahme kann die im Behälter gespeicherte
Energie wie folgt bestimmt werden
(p − p 0 ) ⋅ V
E av = . (5.12)
κ−1
Die effektive Explosionsenergie der Druckwelle ergibt sich dann aus
E ex = A sb ⋅ E av . (5.13)
Der Faktor Asb berücksichtigt die reflektierende Oberfläche des Bodens. Ist der Behälter
sehr hoch über dem Boden gelagert, kann sich die Explosionsdruckwelle ungehindert
ausbreiten und der Faktor ist Asb = 1 zu setzten. Wenn der Behälter nur geringfügig über
dem Boden gelagert ist, ist Asb = 2 zu setzen.

5.2.1.2 Gespeicherte Energie im Behälter mit überhitzter Flüssigkeit


Die Explosionsenergie bei realen Gasen und überhitzten Flüssigkeiten kann nicht mit
Gleichung 5.12 berechnet werden, da eine zusätzliche Energiefreisetzung durch die
spontane Verdampfung der Flüssigphase stattfindet. Eine genauere Abschätzung der
gespeicherten Energie kann in diesen Fällen über die durch das Fluid an der umgeben-
den Luft verrichteten Arbeit, die über die thermodynamische Größen des Behälterinhalts
berechnet wird, vorgenommen werden. Für die Abschätzung der bei der spontanen Ver-
dampfung freigesetzten Energie wird die beim Flashen an die Umgebung abgegebene
spezifische Arbeit bestimmt, die sich aus der Differenz der inneren Energien vor und nach
dem Bersten des Behälters zusammensetzt. Dabei muß zwischen Gas- und Flüssigphase
unterschieden werden.
Die spezifische innere Energie u1 zum Zeitpunkt des Berstens läßt sich aus der spezifi-
schen Enthalpie h, dem absoluten Druck p und dem spezifischen Volumen v bestimmen.
u1 = h - p⋅v (5.14)
Die spezifische innere Energie u2 nach der Entspannung des Behälterinhalts wird über die
spezifische Enthalpie h, den absoluten Druck p, das spezifische Volumen v und die spe-
zifische Entropie s bestimmt:
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 47

u 2 = (1− X )h fl + X h g −(1− X )p 0 ⋅ v fl − X p 0 v g (5.15)


mit
s1 − s fl
X= 0<X< 1
s g − s fl
Die durch das spontan freigesetzte Fluid verrichtete spezifische Arbeit eav kann dann über
die Differenz der spezifischen inneren Energien vor und nach dem Bersten des Behälters
berechnet werden.
eav = u1 – u2 (5.16)
Zur Ermittlung der verfügbaren Energie im Behälter wird die spezifische Arbeit mit der im
Behälter vorhandenen Masse multipliziert.
E av = e av ⋅ m (5.17)
Dieser beschriebene Vorgang wird für die Gas- und die Flüssigphase durchlaufen.
Unter der Annahme, daß sich die Gasphase und die Flüssigphase gleichzeitig entspan-
nen, wird die zur Verfügung stehende Gesamtenergie beim Bersten aus der Summe der
verfügbaren Energien der einzelnen Phasen bestimmt. Das Ergebnis wird auch hier mit
dem Faktor 2 multipliziert, um die Reflexion der Druckwelle auf dem Boden zu berück-
sichtigen.
(
E ex = 2 ⋅ E av ,fl + E av ,g ) (5.18)

5.2.1.3 Basis-Methode zur Abschätzung des Überdrucks und des Impulses der
Druckwelle
Mit bekannter Explosionsenergie, können für beide Fälle – Behälter mit Gasphase und
Behälter mit überhitzter Flüssigkeit - der Überdruck ps und der Impuls is in der Druckwelle
bestimmt werden. Die in diesem Abschnitt beschriebene Basis-Methode zur Abschätzung
des Überdrucks und des Impulses ist unabhängig davon, ob das Behälterbersten z.B.
infolge einer Durchgehreaktion oder einer externen Behältererwärmung erfolgt. Die Basis-
Methode kann für alle Arten des Behälterberstens angewendet werden. Nach dieser Me-
thode wird zur Bestimmung des Überdrucks und des Impulses der Druckwelle ein ska-
lierter Abstand eingeführt, der über die Explosionsenergie berechnet wird.
1/ 3
æ p ö
R = r çç 0 ÷÷ (5.19)
è E ex ø
Mit Hilfe des skalierten Abstandes R können der skalierte Überdruck Ps und der ska-
lierte Impuls I aus den Abbildungen 5.2 und 5.3 [Yellow Book] abgelesen werden.
Für einen skalierten Abstand R < 2 gibt diese Abschätzung zu hohe Werte für den Über-
druck. In diesen Fällen sollte nach [Yellow Book] die verfeinerte Methode benutzt werden.
Auf die verfeinerte Methode wird nicht eingegangen. Sie kann in [Yellow Book] nachgele-
sen werden.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 48

Abbildung 5.2: Skalierter Überdruck Ps über skalierten Abstand [Yellow Book]

Abbildung 5.3: Skalierter Impuls I über skalierten Abstand [Yellow Book]


Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 49

Die Abschätzung des Überdrucks und des Impulses in dieser Form ist anwendbar auf
Druckwellen, die völlig symmetrisch sind. Eine völlig symmetrische Druckwelle aber wür-
de sich nur aus der Explosion eines halbkugelförmigen Behälters ergeben, der direkt auf
dem Boden plaziert ist, oder eines kugelförmigen Behälters in einer freien Umgebung. In
der Praxis haben Behälter weder eine völlig kugelförmige noch eine völlig zylindrische
Form und sind meist in einer bestimmten Höhe über dem Boden gelagert. Um diese Ein-
flüsse auszugleichen werden der skalierte Überdruck Ps und der Impuls I mit Korrektur-
faktoren, die aus Experimenten abgeleitet worden sind, multipliziert. Die Korrekturfaktoren
können für die unterschiedlichen Behälterformen aus den Tabellen 5.1 und 5.2 abgelesen
werden.

Multiplikationsfaktor für
R Ps I
R < 0,3 4 2

R ≥ 0,3 ≤ 1,6 1,6 1,1

R < 1,6 ≤ 3,5 1,6 1

R > 3,5 1,4 1

Tabelle 5.1: Korrekturfaktoren für Ps und I für zylindrische Behälter [Yellow Book]

Multiplikationsfaktor für
R Ps I
R <1 2 1,6

R >1 1,1 1

Tabelle 5.2: Korrekturfaktoren für Ps und I für Behälter, die bei einer geringen Höhe über
dem Boden gelagert sind [Yellow Book]

Der Überdruck ps und der Impuls is der Druckwelle werden dann aus den korrigierten ska-
lierten Größen berechnet.
p s − p 0 = Ps ⋅ p 0 (5.20)

I ⋅ p 02 / 3 ⋅ E1ex/ 3
is = (5.21)
a0
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 50

5.2.2 Trümmerstücke
Die Vorhersage der Auswirkungen durch Trümmerflug sind sehr wichtig zur Abschätzung
von Domino-Effekten. Effekte durch Trümmerflug werden durch die Anzahl der Trümmer,
ihrer Masse, ihrer Form, ihrer Geschwindigkeit, ihrer Flugbahn und ihrer Flugweite be-
stimmt. Die Zerstörungswirkung der Trümmerstücke ergibt sich letztendlich über ihre Auf-
schlagenergie und ihre Eindringtiefe in andere Anlagenteile. Die Anzahl der erzeugten
Trümmerstücke und deren Verteilung in verschiedene Richtungen werden durch die Ver-
sagensart bestimmt, wobei je nach Werkstoffzustand und Beanspruchungsart zwischen
dem verformungsreichen Zäh- oder Verformungsbruch und dem verformungsarmen
Sprödbruch unterschieden werden kann.
Ein Sprödbruch, wie er z.B. bei einer Runaway-Reaktion in einem Reaktor mit „kalten“
Wänden zu vermuten ist, pflanzt sich sehr schnell fort und produziert mehrere Bruchstel-
len, so daß eine große Anzahl an Trümmerstücken entstehen kann [Holden and Reeves].
Ein Zähbruch dagegen, von dem im Falle der Aufheizung des Behälters durch ein Unfall-
feuer ausgegangen werden kann, pflanzt sich mit einer geringeren Geschwindigkeit fort
und erzeugt eine kleine Anzahl an Bruchstellen, so daß die Wahrscheinlichkeit, daß der
Behälter in sehr viele Teile gerissen werden kann, nicht so groß ist.
Trümmerstücke aus BLEVEs können über eine große Entfernung fliegen, weil große Be-
hälterteile, z.B. eine halber Behälter, raketenartig und scheibenförmige Trümmerstücke
„frisbeeartig“ fliegen können. Die Trümmerstücke werden dabei nicht gleichmäßig in alle
Richtungen verteilt. In den Untersuchungen in [Holden and Reeves] wurde u.a. auch die-
ser Aspekt untersucht. Die Autoren stellten fest, daß fast die Hälfte der Trümmerstücke
aus zylindrischen horizontalen Behältern in axialer Richtung geschleudert wurden und in
einem Winkel von 30° zur Behälterachse landeten. Abbildung 5.4 zeigt die Verteilung
dieser Trümmerstücke. Die Anzahl der Trümmerstücke in den einzelnen Segmenten ist in
den Kreisen dargestellt.

9
45 5°
° 13

30° °
150
15 14 6 9
21
° 0°
330

°
22

5
31

Abbildung 5.4: Verteilung der Trümmerstücke nach dem Bersten von zylindrischen Druck-
Behältern [Holden and Reeves].

Die Autoren schlossen aus ihren Untersuchungen, daß 60% der Fragmente in einen Win-
kelbereich von 60° zu beiden Enden des Behälters mit einer Wahrscheinlichkeit von 0.3 in
jedem Bereich gefallen sind. Die restlichen 40% fielen in die größeren Seitenbereiche der
Behälter mit einer Wahrscheinlichkeit von je 0.2 auf beiden Seiten (Abbildung 5.5).
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 51

30° 150°
0.2
Behälterachse

0° 180°
0.3 0.3

330° 0.2 210°

Abbildung 5.5: Verteilung der Trümmerstücke zur Abschätzung von zylindrischen Druckbe-
hältern [Holden und Reeves]

Für kugelförmige Behälter konnte ebenfalls eine Verteilung der Trümmerstücke beob-
achtet werden, aus der aber keine eindeutigen Schlüsse gezogen werden konnten.
In den Untersuchungen in [Birk et al. 1993, Birk et al. 1994, Birk et al. 1997] an 40 zylin-
drischen horizontalen Propantanks mit einem Fassungsvermögen von 400 l zeigte sich
ebenfalls, daß primäre Trümmerstücke in Richtung der Behälterachse projiziert wurden.
Sekundäre Trümmerstücke wurden dagegen in verschiedene Richtungen geschleudert.
Das rührt daher, daß die Flugrichtung der sekundären Trümmer von ihrer Position relativ
zur Explosion abhängt. Primäre Trümmerstücke zeigten größere Flugweiten und damit
die größere Gefährdung auf. In den Untersuchungen der BAM an 4.85 m3 Flüssiggas-
Lagertanks und einem 25 m3 Eisenbahnkesselwagen [Droste et al., Ludwig et al.] konnte
dagegen keine bevorzugte Flugrichtung der Trümmerstücke eindeutig festgestellt wer-
den. Damit läßt sich die Gefährdung durch Trümmerflug nicht auf eine bestimmte Fläche
eingrenzen.

5.2.2.1 Anzahl der Trümmerstücke


Zur Abschätzung der Anzahl der Trümmerstücke existieren keine Methoden. Vielmehr
läßt sich die Anzahl der Trümmerstücke aus der Analyse realer Unfälle oder durchge-
führten Untersuchungen zum Thema Behälterbersten abschätzen. Aus den Auswertun-
gen von 130 Unfällen mit horizontalen zylindrischen Lager- und Transportbehältern in
[Holden und Reeves] resultierte, daß die Anzahl der Trümmerstücke aus Behältern, die
einem Unfallfeuer ausgesetzt waren, zwischen 0 und 10 variiert. Diese Anzahl deckt sich
mit den Berstversuchen, die von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung
(BAM) durchgeführt worden sind [Droste et al., Ludwig et al]. Aus diesen Berstversuchen
resultierten 3 bis 9 Trümmerstücke. In [Holden und Reeves] wird als zu erwartende An-
zahl der Trümmerstücke eine Anzahl von 4 für horizontale zylindrische Behälter angege-
ben. Bei kugelförmigen Behältern stellten die Autoren eine Tendenz zu einer größeren
Anzahl an Trümmerstücken fest. Sie stellten eine empirische Gleichung zur Abschätzung
der Anzahl der Trümmerstücke aus kugelförmigen Behältern auf, die für Behältervolumi-
na von 700 bis 2500 m3 gültig ist:
3
nT = -3,77 + 0,0096 [Behälter-Volumen (m )] (5.22)
In [Yellow Book] wird eine pragmatische Abschätzung der möglichen Anzahl von Trüm-
merstücken empfohlen.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 52

Situation Anzahl der Fragmente


Lokale Schwächung des Behälters 2 Teile
Überdruck im
zylindrischen Behälter 2 oder 3 Teile
kugelförmigen Behälter 10 bis 20 Teile

Tabelle 5.3: Abschätzung der Anzahl von Fragmenten [Yellow Book]

5.2.2.2 Masse der Trümmerstücke


Als Trümmerstücke von Behältern sind Behälterböden, Teile des abgewickelten Behäl-
termantels, evtl. Schwallbleche und Kleinteile wie z.B. Rohrleitungen und Sicherheitsven-
tile zu erwarten. Wie bei der Anzahl der Trümmerstücke existieren auch bei der Abschät-
zung der Trümmerstückmassen keine Methoden. Nur eine pragmatische Abschätzung,
die sich an die Anzahl der Trümmerstücke nT anlehnt, kann vorgenommen werden. Mit
bekannter Anzahl der Trümmerstücke kann dann eine mittlere Masse bestimmt werden.
Eine Empfehlung wird in [Yellow Book] gegeben.

Behälter Masse des Trümmerstücks mT Form des Trümmestücks


Kugel, 2 Teile mBeh / 2 Halkugelförmig
Kugel, mehrere Teile mBeh / nT Platte
Zylinder, 2 gleiche Teile mBeh / 2 Behälterhälfte
Zylinder, 2 ungleiche Teile 1 Teil Boden Boden/Halbkugel
1 Teil (mBeh – mBoden) Behälter mit einem Boden
Zylinder, 3 ungleiche Teile 2 Teile Boden Boden/Halbkugel
1 Teil (mBeh – 2 mBoden) Platte
Zylinder, mehrere Teile 2 Teile Boden Boden/Halbkugel
Rest (mBeh – 2 mBoden)/(nT – 2) Streifen

Tabelle 5.4: Masse und Form von Trümmerstücken [Yellow Book]

5.2.2.3 Anfangsgeschwindigkeit von Trümmerstücken


In der vorliegenden Arbeit wird die Kinetic-Energy-Method angewendet werden, da sie
eine sehr einfache Methode darstellt und nach [Yellow Book] auf alle Arten des Behälter-
berstens angewendet werden kann sowie insbesondere für BLEVEs empfohlen wird.
Weitere Methoden können in [Yellow Book, Lees] nachgelesen werden.
Nach der Kinetic-Energy-Method läßt sich die Anfangsgeschwindigkeit der Trümmerstük-
ke über die freigesetzte Energie und die leere Behältermasse bestimmen:
2 A ke E av
vi = (5.23)
m Beh
Mit dem Faktor Ake wird der Anteil der freigesetzten Energie berücksichtigt, der in die ki-
netische Energie der Trümmerstücke des Behälters übergeht, wobei folgende Werte un-
terschieden werden:
Ake = 0,6 obere Grenze
Ake = 0,2 grobe Abschätzung
Ake = 0,04 BLEVE
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 53

Nach [Yellow Book] muß der berechnete Wert für die Anfangsgeschwindigkeit aus der
Gleichung (5.23) nach der Gleichung nach Moore (5.24) überprüft werden.
1/ 2
æE A ö
v i = 1,092 ⋅ çç av m ÷÷ (5.24)
è m Beh ø
Am stellt eine Modellvariable dar, die für kugelförmige und zylindrische Behälter verschie-
den definiert ist:
1
Am = für kugelförmige Behälter
1 + ( 2 m c ) /(5 m Beh )

1
Am = für zylindrische Behälter
1 + m c /( 2 mBeh )

In den Gleichungen ist mc die Gasmasse. Stellt sich heraus, daß die nach Gleichung
(5.23) ermittelte Anfangsgeschwindigkeit höher ist als die Anfangsgeschwindigkeit nach
der Gleichung (5.24), so wird der Wert nach der Gleichung von Moore für die weiteren
Berechnungen benutzt, da diese Gleichung bereits eine konservative Abschätzung für
BLEVEs darstellt.

5.2.2.4 Flugweite von Trümmerstücken


Zur Ermittlung der Flugweite der Trümmerstücke ist es nicht mehr erforderlich, zwischen
den unterschiedlichen Arten des Behälterberstens zu unterscheiden. In [Yellow Book]
wird die Vorgehensweise nach [Baker et al. 1983] zur Berechnung der Flugweite von
Trümmerstücken aus berstenden Behältern empfohlen. Nach dieser Vorgehensweise
wird die Flugweite aus der Anfangsgeschwindigkeit und der Masse der Trümmerstücke
ermittelt.
Während die Trümmerstücke durch die Luft geschleudert werden, wirken auf sie die Er-
danziehungskraft sowie Auftriebs- und Widerstandskräfte (lift and drag). Unter Berück-
sichtigung der Auftriebs- und Widerstandskräfte läßt sich die Bewegungsgleichung der
Trümmerstücke über ein System von gekoppelten, nichtlinearen Differentialgleichungen
darstellen. [Baker et al. 1983] haben dieses Differntialgleichungssystem unter der An-
nahme, daß sich die Richtung des Trümmerstücks während des Fluges nicht ändert, ge-
löst und Ergebnisse in einem Diagramm festgehalten (Abbildung 5.6).
In diesem Diagramm sind die skalierte maximale Flugweite R und die skalierte Anfangs-
geschwindindigkeiten v i als Funktion des sog. Lift-to-drag Verhältnisses (CL⋅AL)/(CD⋅AD)
aufgetragen. Die skalierten Größen werden über folgende Gleichungen bestimmt:

ρ 0 CD A D R
R= (5.25)
mT
ρ 0 C D A D v i2
vi = (5.26)
gmT

Die Flugweite R des Trümmerstücks wird aus der Gleichung (5.25) bestimmt, nachdem
aus Abbildung 5.6 die skalierte Flugweite R bei der nach Gleichung (5.26) berechneten
skalierten Anfangsgeschwindindigkeit v i abgelesen worden ist.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 54

Abbildung 5.6: Skalierte Kurven zur Abschätzung der Flugweite von Trümmerstücken
2
-----: Ergebnis für Luftwiderstand = 0 (R=vi /g) [Yellow Book]

Da bei einem Behälterbersten mit den Auswirkungen eines BLEVE mit massiven Trüm-
merstücken zu rechnen ist, wird für diese Trümmerstücke der Auftriebskoeffizient CL
gleich Null. An den Trümmerstücken wirken dann nur die Reibungs- und die Erdanzie-
hungskraft, so daß die Kurve für (CL⋅AL)/(CD⋅AD) = 0 zum Ablesen der skalierten Flugweite
R gültig ist. Werte für (CD⋅AD) und (CL⋅AL)/(CD⋅AD) können der folgenden Tabelle ent-
nommen werden:

Shape (CD⋅AD) (CL⋅AL)/(CD⋅AD)


Plate (tumbling) 0,585⋅APlate 0
Plate (no tumbling, face on) 1,17⋅APlate 0
1)
Plate (no tumbling, edge on) 0,1⋅APlate 0 to 10
2
Hemisphere (tumbling) 0,615⋅π/4⋅dv 0
2
Hemisphere (no tumbling) 0,47⋅π/4⋅dv 0
2
Half a tank (rocketing) 0,47⋅π/4⋅dv 0
Cylinder (edge on) 1,20⋅dv⋅Lv 0
Strips (tumbling) 0,99⋅Astrip 0
1)
The value depends on the plate´s angle. Use the value which gives the maximum
fragment range, or calculate a number of possible ranges
Tabelle 5.5: Drag and Lift von Trümmerstücken [Yellow Book]

Untersuchungen in [Holden und Reeves] zeigten, daß 80% der Trümmerstücke aus zylin-
drischen horizontalen LPG Behältern weniger als 200 m weit geflogen sind. Zwei drittel
der untersuchten Trümmerstücke aus kugelförmigen Druckbehältern flogen ebenfalls
weniger als 200 m weit. Dieses Ergebnis konnte auch bei dem Domino-Effekt-Unfall in
Mexico City beobachtet werden (Abbildung 5.7). Aus der Abbildung ist zu erkennen, daß
sich die Trümmerstücke in einem Radius von 200 m konzentrieren.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 55

Diese Beobachtungen könnten für probabilistische Abschätzungen von Trümmerflugwei-


ten angesetzt werden.

Abbildung 5.7: Lage der Trümmerstücke nach dem Domino-Effekt-Unfall in Mexico City
[CCPS]
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 56

6 Mathematische Modellierung der instationären Behälterer-


wärmung und des Behälterberstens
6.1 Einführung in die Problematik und wesentliche Modellannahmen
Wird ein Druckbehälter von einem Lachenfeuer umgeben, wird Wärme in Form von
Strahlung und Konvektion an die äußere Behälterwand und durch Wärmeleitung durch
die Wand an die innere Behälterwand übertragen. Im Inneren des Druckbehälters wird die
Wärme aufgrund der unterschiedlichen Wärmeübergangskoeffizienten zu unterschiedli-
chen Teilen an die Flüssigphase und die Dampfphase übertragen. Daraus ergeben sich
unterschiedliche Temperaturen in der die Flüssigphase und die Dampfhase umgebenden
Behälterwand. Durch den geringeren Wärmeübergangskoeffizienten zwischen der
Dampfphase und der inneren Behälterwand werden in der Behälterwand in diesem Be-
reich wesentlich höhere Wandtemperaturen erreicht als im Bereich der Flüssigphase.
Durch die höheren Wandtemperaturen im Bereich der Dampfphase werden die Festig-
keitseigenschaften der Behälterwand stärker beeinträchtigt. In Abhängigkeit von der Inte-
grität und der maximalen Wandtemperatur wird der Behälter durch das Sicherheitsventil
den Behälterinhalt entweder sicher entlasten oder mit den Auswirkungen eines BLEVE
bersten.
Die im Behälter ablaufenden thermodynamischen Prozesse sind sehr komplex. Aufgrund
des instationären Wärmeeintrags und der hochtransienten Vorgänge im Behälter wird
sich ein thermodynamisches Gleichgewicht nicht wirklich einstellen. Bis das Sicherheits-
ventil anspricht werden im Dampfraum die Zustände von einer starken Überhitzung in der
Nähe der Wand bis zu einer Sättigung an der Grenzfläche zwischen der Dampf- und der
Flüssigphase variieren. Nach Ansprechen des Sicherheitsventils kann jedoch von einer
ausreichenden Durchmischung ausgegangen werden. Auch in der Flüssigphase wird sich
ein Temperaturfeld einstellen. Unter der Annahme, daß der Siedevorgang in der Flüssig-
phase so heftig abläuft, daß eine ausreichende Durchmischung erreicht wird, kann von
einem gleichmäßigen Temperaturfeld in der Flüssigphase mit einer einheitlichen Tempe-
ratur ausgegangen werden. Unter diesen Annahmen wird keine Modellierung der Strö-
mungs- und Temperaturverhältnisse in der Gas- und Flüssigphase im Behälter vorge-
nommen. Es wird von einer idealen Durchmischung mit einer einheitlichen Temperatur in
jeder Phase ausgegangen.
Zusätzlich wird angenommen, daß die Druckentlastung aus dem Sicherheitsventil ein-
phasig, gasförmig abläuft. Unbestritten wird es bei hohen Füllständen zu einer zweiphasi-
gen Druckentlastung kommen. Durch die bereits getroffenen Annahmen, wie z.B. eines
gleichmäßigen Wärmeeintrags und einer idealen Durchmischung mit konstanter Tempe-
ratur in beiden Phasen, kann das Problem weitestgehend auf eine analytische Mathema-
tik durch eine ideale Betrachtung der ablaufenden physikalischen und thermodynami-
schen Vorgänge reduziert werden. Aufgrund dieser Vereinfachungen sind bereits so viele
„Tuningknöpfe“ vorhanden, so daß die Annahme einer einphasigen, gasförmigen Entla-
stung gerechtfertigt erscheint. Durch Betrachtung einer zweiphasigen Entlastung würde
an einer falschen Stelle versucht werden, genaue Abschätzungen zu erhalten. Auf eine
Pseudo-Genauigkeit durch Anwendung eines zweiphasigen Entlastungsstroms wird da-
her verzichtet. Um sicher zu gehen, daß das Gefahrenpotential durch diese Vereinfa-
chung nicht unterschätzt wird, wurde eine grobe Abschätzung gemacht, ob die Ursache,
daß Behälter evtl. nicht bersten werden, an einer Zweiphasen-Strömung durch das Si-
cherheitsventil liegen kann. Diese Vorgehensweise ist in Anhang A1 beschrieben.
Es wird keine Flammenmodellierung vorgenommen, da die numerische Simulation großer
Flammen immer noch grundlegende Probleme bereitet [Kuhr]. Vielmehr wird durch einfa-
che Ansätze die Beschreibung des Energieeintrags in den Behälter vorgenommen.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 57

6.2 Beschreibung des Berechnungsverfahrens


Das Problem stellt sich als ein instationäres dreidimensionales Wärmeleitungsproblem
dar. Da keine Aussage über die Temperaturverteilung eines realen Unfallfeuers entlang
der Behälterachse gemacht werden kann wird eine gleichmäßige Befeuerung in Längs-
richtung des Behälters vorausgesetzt. Unter dieser Voraussetzung kann das eigentlich
dreidimensionale Wärmeleitungsproblem auf die Berechnung eines Querschnitts durch
den Behälter reduziert werden. Für die Berechnung der Temperaturverteilung in der Be-
hälterwand (und ggf. einer Isolierung) wird die instationäre Wärmeleitungsgleichung in
Zylinderkoordinaten (r,ϕ ,z) verwendet.
∂T
ρc =∇λ∇T . (6.1)
∂t
Die Differentialgleichung wird numerisch mit dem Verfahren von Patankar [Patankar] ge-
löst. Als Randbedingungen zur Lösung der Differentialgleichung werden die auf die Über-
tragungsfläche bezogenen Wärmeströme an der äußeren Behälterwand (Index a) und
der inneren Behälterwand (Index i) berechnet. Die Wärmeübergangskoeffizienten α für
die freie und erzwungene Konvektion sowie für das Blasen- und Filmsieden werden dem
VDI-Wärmeatlas [VDI-WA] entnommen. Diese Modelle sind im Anhang A2 zusammenge-
stellt.

Erste Randbedingung – Wärmestrom an der äußeren Behälterwand


Die Wärmeübertragung vom Unfallfeuer auf den Behälter erfolgt bei einer Unterfeuerung
des Behälters durch freie und erzwungene Konvektion sowie durch Strahlung
q a = α a (TFlamme − Twa ) + σ ϕ12 ε1 ε 2 TFlamme
4
− Twa
4
( ) . (6.2)
mit einem Wärmeübergangskoeffizienten, der freie wie auch erzwungene Konvektion
gemäß folgender Gleichung beinhaltet:
αa l
Nu = 3 Nu erzw
3
+ Nu 3frei = .
λ
Für die Berechnung des Wärmestroms müssen plausible Annahmen über die zeitliche
und örtliche Entwicklung der Flammentemperatur TFlamme über den Behälterumfang ge-
macht werden. Hierzu werden die durch die Bundesanstalt für Materialforschung und –
prüfung (BAM) durchgeführten Berstversuche mit unterfeuerten und mit Flüssiggas
gefüllten Druckbehälter ([Droste et al., Ludwig et al.]) herangezogen.

Zweite Randbedingung – Wärmestrom an der inneren Behälterwand


Im Inneren des Behälters müssen die Randbedingungen in den Wandbereich der Gas-
phase (Index i,g) und den der Flüssigphase (Index i,fl) unterschieden werden.
Im Gasraum wird Wärme von der Behälterwand mit der Temperatur Ti,g durch freie Kon-
vektion an die Gasphase und durch Strahlung an die Flüssigphase übertragen:
( ) (
q i,g = − α i,g Twi,g − Tg − σ ϕ g,fl Twi4 ,g − Tfl4 ) (6.3)
Im Bereich der Flüssigphase erfolgt die Wärmeübertragung zwischen Behälterwand und
Flüssigkeit durch Konvektion und Strahlung, wobei bei einer Flüssigkeitstemperatur un-
terhalb der Siedetemperatur freie Konvektion und nach Erreichen der Siedetemperatur
Blasensieden und ggf. Filmsieden angenommen wird.
(
q i,fl = − α i,fl (Twi,fl − Tfl ) − σ Twi4 ,fl − Tfl4 ) (6.4)
In den Randbedingungen (6.3) und (6.4) für die Differentialgleichung sind die Temperatu-
ren der Gas- und der Flüssigphase enthalten. Es wird eine ideale Durchmischung der
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 58

Gas- und der Flüssigphase vorausgesetzt, so daß die Temperatur innerhalb einer Phase
überall gleich ist. Zur Bestimmung dieser Temperaturen werden die entsprechenden
Energie- und Massenbilanzen aufgestellt (siehe auch [Beynon et al.]). Der Flüssigphase
wird durch Wärmeübertragung aus der Behälterwand und durch Konvektion durch die
Gasphase Wärme zugeführt. Zum Teil wird die zugeführte Energie für die Verdampfung
verwendet.
m fl c p,fl
d Tfl
dt
( ) ( )
= α i,fl A w,fl (Twi,fl − Tfl ) + σ A w ,fl Twi4 ,fl − Tfl4 + σ ϕ g,fl ε1 ε 2 A w ,g Twi4 ,g − Tfl4 +
(6.5)
( )
α g,fl A g,fl Tg − Tfl − h v m v 

Die Änderung der Gastemperatur resultiert aus


• dem Wärmeeintrag über die Behälterwand,
• dem Wärmeverlust über die Konvektion zur Flüssigphase,
• der benötigten Energie zur Änderung der Temperatur des verdampften Massen-
stroms von der Flüssigkeits- zur Gastemperatur,
• der zur Kompression oder Expansion erforderlichen Arbeit und
• dem Energieverlust durch das Abströmen über das Sicherheitsventil.

m g c v,g
d Tg
dt
(
= α i,g A w ,g Twi,g − Tg − m ) ( )
 v h g (Tg ) − h g (Tfl ) − α g,fl A g,fl Tg − Tfl − ( )
. (6.6)
æ ∂ æ mg ö m vö æ p ö
pç ç ÷− ÷ − ç ÷m 
ç ∂ t ç ρ g ÷ ρ fl ÷ ç ρ g ÷ SV
è è ø ø è ø
Für die Massenbilanz gilt außerdem:
m g + m fl = m 0
m fl m g
+ = V0 (6.7)
ρ fl ρ g
dm0
 SV
=−m
dt
Die Dichte der Flüssigphase und der Dampfdruck werden aus den Stoffwerten für die
Flüssigphasentemperatur entnommen. Die Dichte der Gasphase wird über die ideale
Gasgleichung bestimmt.
Es wird davon ausgegangen, daß die Druckentlastung einphasig, gasförmig abläuft. Der
gasförmige Massenstrom aus dem Sicherheitsventil wird nach der im AD-Merkblatt A2
[AD-A2] angegebenen Beziehung berechnet.

2p
 = A SV ψ α
m (6.8)
v
Mit den Gleichungen (6.1) und (6.5) bis (6.7) ist das Gleichungssystem zur Lösung des
instationären Wärmeübertragungsproblems vollständig beschrieben.

6.2.1 Sonderfall: Entfernter Lachenbrand


Bei der Wärmebeaufschlagung eines Behälters durch einen entfernten Lachenbrand wird
wesentlich weniger Energie in Abhängigkeit von der Entfernung des Unfallfeuers übertra-
gen als bei einer direkten Unterfeuerung. Durch solcher Art von Bränden wird dem Be-
hälter einerseits Wärme durch Strahlung durch das Unfallfeuer übertragen, andererseits
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 59

aber gibt der Behälter in Form von freier Konvektion und Strahlung auch Wärme an die
Umgebung ab.
Die für die Berechnung eines entfernten Brandes benötigte Flammenhöhe des Lachen-
brandes wird durch das Modell nach Thomas [Thomas] für zylindrische Flammen ermit-
telt, wobei Windeinflüsse nicht berücksichtigt werden. Die Grundgleichungen zur Model-
lierung von Lachenbränden sind im Anhang A3 erläutert. Für die Berechnung der Be-
strahlungsstärke am Behälter wird vorausgesetzt, daß die Flamme völlig auf der kreisför-
migen Lachenfläche aufsitzt und idealisiert die Form eines Zylinders hat, dessen Höhe
gleich der Flammenhöhe ist. Es wird von einer leuchtenden Flamme mit einem Emissi-
onsvermögen von ε = 0.9 ausgegangen. Im Sinne einer konservativen Abschätzung bleibt
der Einfluß von Ruß, der die Strahlungsemission der Flamme reduziert, unberücksichtigt.
Da die Einstrahlzahl nur von dem die strahlende Fläche einschließenden Winkel und nicht
von der Form dieser Fläche abhängt, kann die Oberfläche des Flammenzylinders durch
eine Rechteckfläche im Abstand a‘ ersetzt werden, wodurch eine elementare Berechnung
der Einstrahlzahl ermöglicht wird [Seeger]. Die Gleichungen zur Berechnung der Ein-
strahlzahl ϕ12 sind im Anhang A4 zu finden. Wie in Abbildung 6.1 dargestellt, verringert
sich dann bei einer zylindrischen Flamme die sichtbare Flammenbreite in Abhängigkeit
vom Abstand zur Flamme.

2b d
a

a'
Abbildung 6.1: Substitution des Flammenzylinders durch eine Rechteckfläche im äquiva-
lenten Abstand a‘ [Seeger]

Der auf den Lachendurchmesser bezogene äquivalente Abstand a‘ und die auf den La-
chendurchmesser bezogene äquivalente Flammenhalbbreite b werden nach den in [See-
ger] angegebenen Beziehungen ermittelt.

éæ a ö 2 aù
2 êç ÷ + ú
êè d ø d úû
= ë
a'
d a
2 +1
d
(6.9)
2
æaö a
ç ÷ +
b è ø
d d
=
d a
2 +1
d
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 60

6.3 Das Behälterbersten


Um abzuschätzen, ob und wann der Behälter bersten wird, ist es notwendig die Span-
nungen in der Behälterwand zu ermitteln und mit den Werkstoffkennwerten des Behäl-
termaterials zu vergleichen. Ein realer Behälter erfährt unter Belastung axiale, radiale und
tangentiale Spannungen in seiner Behälterwand. Die Spannungsverteilung in der Behäl-
terwand ist sehr komplex und kann nur über aufwendige Berechnungsmethoden genau
ermittelt werden. Diese aufwendigen Berechnungsmethoden erfordern die genaue
Kenntnis der temperaturabhängigen Materialeigenschaften des Behälterwerkstoffs und
die genaue Temperaturverteilung in der Behälterwand. Da weder die genaue Tempera-
turverteilung in der Behälterwand in einem realen Unfallfeuer noch die temperaturabhän-
gigen Festigkeitseigenschaften des Behälterwerkstoffs bekannt sind, ist die Anwendung
von detaillierten Modellen zur Vorhersage des Berstens nicht gerechtfertigt. Daher wird
durch problemorientierte Annahmen die Komplexität des Problems soweit reduziert, daß
über einfache Modelle eine Vorhersage des Berstens möglich gemacht werden kann.
Druckbehälter werden in der Praxis oft als dünnwandige Zylinder oder Kugeln betrachtet.
Zur Ermittlung der Spannungen in der Behälterwand wird die Membranspannungstheorie
zugrunde gelegt. Sie setzt an jeder Stelle der Behälterwand eine homogene Spannungs-
verteilung voraus. Die Belastungen werden im wesentlichen durch Normalspannungen σϕ
und σx , die in der dünnen Behälterwand liegen, abgetragen (Abbildung 6.2). Mit diesen
Annahmen kann das eigentlich dreidimensionale Spannungsproblem auf einen zweiach-
sigen (ebenen) Spannungszustand reduziert werden.

σϕ
σx

σx
σϕ

Abbildung 6.2 : Spannungen in der Behälterwand

Bei vollständigem Fließen in der Behälterwand vor Bruch gilt die Aussage homogener
Spannungszustände auch für etwas dickwandigere Zylinder oder Kugeln [Mertens].

6.3.1 Der Spannungszustand in der Behälterwand


Die Spannungen in der Behälterwand ergeben sich sowohl durch die Druckerhöhung im
Behälterinnern als auch durch den Temperaturunterschied zwischen der Behälteraußen-
wand und der Behälterinnenwand. Nach [Gummert und Reckling, Reckling] können die
Tangentialspannung σϕp und die Längsspannung σxp in der Behälterwand infolge des in-
neren Behälterdrucks wie folgt bestimmt werden
p ⋅ dm
σ ϕp = (6.10)
2 ⋅ t wand
p ⋅ dm
σ xp = (6.11)
4 ⋅ t wand
mit
da + di
dm =
2
Die Gleichungen (6.10) und (6.11) sind die sog. Kesselformeln. Dabei ist σx = ½ σϕ .
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 61

Die Spannungen in der Behälterwand infolge der Temperaturdifferenz ∆T = Twa – Twi zwi-
schen der Behälteraußen- und der Behälterinnenwand werden ebenfalls über ein einfa-
ches Modell abgeschätzt. Die Anwendung eines einfachen Modells in diesem Fall ist zu-
sätzlich dadurch gerechtfertigt, daß die Spannungen infolge Temperaturunterschied im
Vergleich zu den Spannungen infolge des inneren Behälterdrucks sehr klein sind. Dies
resultiert aufgrund der dünnen Wandstärken. Für den Fall dünnwandiger Behälter können
die Tangentialspannung σϕT und die Längsspannung σxT aufgrund der Temperaturdiffe-
renz ∆T zwischen der Behälteraußenwand und der Behälterinnenwand mit folgender Nä-
herungsformel abgeschätzt werden [Szabo]:
E ⋅ α m ∆T é t wand ù
σ ϕT = σ x T = ê1 − ú (6.12)
1 − ν 2 ë 3 ⋅ rm û
mit
ra + ri
rm =
2
und E als Elastizitätsmodul, αm als mittlerer Wärmeausdehnungskoeffizient sowie ν als
Poissonsche Querkontraktionszahl. Der Ausdruck in den eckigen Klammern in Gleichung
(6.12) ist für dünnwandige Behälter ≈1, so daß er vernachlässigt werden kann.
Der Gesamtspannungszustand in der Behälterwand ergibt sich dann aus der Summe der
Spannungen infolge Behälterinnendruck und des Temperaturunterschiedes zwischen der
Behälteraußenwand und der Behälterinnenwand.
σ ϕ = σ ϕp + σ ϕT (6.13)
σ x = σ xp + σ x T (6.14)

6.3.2 Das Berstkriterium


Zur Formulierung eines Versagenskriteriums ist es erforderlich, den mehrachsigen Span-
nungszustand auf eine einachsige Vergleichsspannung σV zurückzuführen. Dadurch wird
die Vergleichbarkeit zwischen der mehrachsigen Beanspruchung des Behälters und des
meist unter einachsigen Beanspruchungsbedingungen ermittelten Werkstoffkennwerten
ermöglicht. Da die Behälter i.a. senkrecht zur Hauptzugspannung, d.h. in Längsrichtung,
aufreißen, wie verschiedene Untersuchungen an befeuerten Druckbehältern z.B. in [Birk
1997, Droste et al.] zeigen, wird die Vergleichsspannung über die Normalspannungshy-
pothese nach [Dubbel] ermittelt.

σ V = éσ ϕ + σ x +
1
(σ ϕ − σ x )2 + 4 τ 2 ùúû (6.15)
2 êë
Mit τ = 0 und σx = ½ σϕ ergibt sich als Vergleichsspannung
σV = σϕ . (6.16)
Sobald die Vergleichsspannung in der Behälterwand die Festigkeitsgrenze des Behälter-
werkstoffs bei der vorherrschenden Wandtemperatur erreicht bzw. überschritten hat, ist
mit dem Versagen des Behälters zu rechnen. Als Versagenskriterium ergibt sich damit
σV ≥ Werkstoffkennwert bei der vorherrschenden Wandtemperatur.
Als Werkstoffkennwert für den Trennbruch ist die Zugfestigkeit Rm maßgebend [Dubbel].
Die Bemessung müßte mit der temperaturabhängigen Zugfestigkeit des Behälterwerk-
stoffs, die im Kurzzeitversuch ermittelt wird (Warmfestigkeitswert), erfolgen. In der Regel
existieren Warmfestigkeitswerte aber nur für warmfeste Stähle und diese dann nur für
10000 und 100000 h Beanspruchungsdauer. Diese Werkstoffkennwerte sind jedoch nicht
anwendbar, da die erforderlichen Zeiten bis zum Behälterbersten wesentlich geringer
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 62

sind. Für Druckbehälterwerkstoffe sind i.a. die 0.2% Dehngrenzwerte bei erhöhten Tem-
peraturen Rpo,2ϑ angegeben. Der Dehngrenzwert ist allerdings ein Werkstoffkennwert für
den Fließbeginn des Werkstoffs. Der den Bruch auslösende Spannungszustand stimmt
aber mit dem Spannungszustand des Fließbeginns nicht überein. Daher kann der Dehn-
grenzwerte Rpo,2ϑ bei erhöhten Temperaturen nicht als Werkstoffkennwert für das Berst-
kriterium angenommen werden.
Aufgrund der Tatsache, daß für den Behälterwerkstoff – und auch für allgemeine Fein-
kornbaustähle - keine temperaturabhängigen Kurzzeit-Zugfestigkeitswerte vorhanden
sind und der 0.2% Dehngrenzwert bei erhöhten Temperaturen Rpo,2ϑ alleine nicht an-
wendbar ist, wurden alternative Wege gesucht, um das Versagenskriterium anzuwenden.
In [Brandes] sind für einige britische Stähle temperaturabhängige Zugfestigkeitswerte zu
finden. Es wurde versucht, einen von den Werkstoffkennwerten bei Raumtemperatur
übereinstimmenden britischen Werkstoff zu finden, der die gleichen bzw. annähernd glei-
chen Werkstoffkenwerte wie die von der Bundesanstalt für Materialforschung und –prü-
fung (BAM) untersuchten Behälter aufzeigt. Dies führte zu keinem Ergebnis, da die
Werkstoffkennwerte nicht übereinstimmten. Anfragen bei Fachleuten z.B. [Baer, Bau-
mann, Mertens, Berger] und Druckbehälterherstellern z.B. [Dillinger] lieferten auch keine
Angaben über das temperaturabhängige Kurzzeit-Verhalten der Zugfestigkeit. Daher
wurde ein alternativer Weg eingeschlagen, um das Versagenskriterium mit den zur Ver-
fügung stehenden Werkstoffkennwerten anzuwenden. Im folgenden wird dieser Weg kurz
erläutert.
In [Brandes] sind, wie bereits erwähnt, für einige britische Stähle temperaturabhängige
Zugfestigkeits- und Dehngrenzwerte zu finden. Für diese Stähle ist, bis auf wenige Aus-
nahmen, eine abnehmende Tendenz des Streckgrenzenverhältnisses S = Rpo,2 / Rm bei
höheren Temperaturen festzustellen. Ausgehend von dieser Feststellung wurde zunächst
das Streckgrenzenverhältnis S des Druckbehälterwerkstoffs bei Raumtemperatur aus
S = Rpo,2 / Rm (6.17)
ermittelt. Unter der konservativen Annahme, daß dieses Verhältnis auch bei höheren
Temperaturen konstant bleibt, wurde ein „rechnerischer“ temperaturabhängiger Zugfe-
stigkeitswert des Druckbehälterwerkstoffs
Rmϑ = Rpo,2ϑ / S (6.18)
ermittelt und als Werkstoffkennwert für das Versagenskriterium verwendet.
Die Ermittlung des „rechnerischen“ temperaturabhängigen Zugfestigkeitskennwertes Rmϑ
mit einem konstanten Streckgrenzenverhältnis S, d.h. einem größeren Verhältnis als real
bei höheren Temperaturen vorhanden wäre, liefert aus sicherheitstechnischer Sicht eine
konservative Abschätzung des Versagenskriteriums. Denn mit einem größeren Streck-
grenzenverhältnis S nach Gleichung 6.17 ergeben sich kleinere temperaturabhängige
Zugfestigkeitswerte Rmϑ.
Zusammenfassend folgt somit für das Berstkriterium

σV ≥ Rmϑ (6.19)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 63

6.4 Überprüfung des Berechnungsverfahrens


Mit dem dargestellten Berechnungsverfahren und dem Versagenskriterium wurden ver-
schiedene durch die Bundesanstalt für Materialforschung und –prüfung (BAM) durchge-
führte Berstversuche mit Druckbehältern und einem Eisenbahnkesselwagen (EKW)
nachgerechnet. In Abbildung 6.3 sind repräsentativ die Berechnungsergebnisse und die
Messwerte des Versuchs 1.5/399 (11/83) [Droste et al.] dargestellt. Bei diesem Versuch
wurde ein Flüssiggas-Lagerbehälter mit einem Behältervolumen von 4.85 m³ zunächst mit
Wärmestrahlern vorgewärmt und dann durch eine Heizölflamme unterfeuert. Der Lager-
behälter war mit ca. 1263 kg Propan befüllt (Füllgrad: ca. 50%) und mit einem Sicher-
heitsventil mit einem Ansprechüberdruck von 15.6 bar ausgerüstet.
In Abbildung 6.3 ist der Verlauf der gemessenen und simulierten Wandtemperaturen und
Flammentemperaturen zu sehen. Die gemessenen Flammentemperaturen variieren so-
wohl zeitlich als auch an den verschiedenen Meßpositionen relativ stark. Aus den gemes-
senen Flammentemperaturen am Umfang des Behälters lassen sich Annahmen über die
Entwicklung der Flammentemperatur des Unfallfeuers ableiten. Am Behälteräquator steigt
die Flammentemperatur mit der Branddauer zunächst langsam an und erreicht nach etwa
4 min ihren maximalen Wert. Es wird vorausgesetzt, daß am oberen Scheitelpunkt des
Behälters nach etwa 4 min und am unteren Scheitelpunkt bereits nach 1 min die maxi-
male Flammentemperatur erreicht wird. Für die Berechnungen wird als Randbedingung
eine mittlere Flammentemperatur entsprechend der durchgezogenen Kurve angenom-
men. Unter Berücksichtigung des großen Streuungsbereiches der Flammentemperatur
sind die berechneten Werte für die Wandtemperaturen in der Gas- und in der Flüssig-
phase in befriedigender Übereinstimmung mit den Messwerten.

W andtemperatur - Flüs s igphas e


W andtemperatur - Gas phas e
1000 Flam mentemperatur
Tw-Nr09
Tw-Nr02
900 Tw-Nr11
Tw-Nr19
Tw-Nr22
Tw-Nr06
800 Tw-Nr08

700
T em peratur [°C ]

600

500

400

300

200

100

0
0 1 2 3 4 5 6 7 8
Zeit [m in]

Abbildung 6.3: Berechnung einer Behälterunterfeuerung; Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et


al.]. Abkürzungen in der Legende stellen verschiedene Temperaturmeßstel-
len nach dem Versuchsbericht dar.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 64

Abbildung 6.4 zeigt den gemessenen und simulierten Druckverlauf im Behälter. Auch hier
ist eine gute Übereinstimmung des simulierten Druckverlaufs mit den gemessenen Wer-
ten festzustellen. Die Abweichung des simulierten Druckverlaufs von den Meßwerten ins-
besondere nach 4 Minuten nach Versuchsbeginn konnte nicht eindeutig geklärt werden.

Abbildung 6.4: Druckverlauf Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et al.]

Der Verlauf der Flüssigphasentemperatur ist in Abbildung 6.5 dargestellt. Hierbei ist
ebenfalls eine gute Übereinstimmung der gemessenen und simulierten Werte zu sehen.
Die Abweichung des gemessenen und simulierten Temperaturverlaufs zum Ende des
Versuchs können möglicherweise auf die Annahme einer höheren Flammentemperatur im
Flüssigkeitsbereich des Behälterumfangs als im Versuch vorhanden gewesen zurückge-
führt werden.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 65

Abbildung 6.5: Temperaturverlauf der Flüssigphase: Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et al.]

Der berechnete Spannungsverlauf in der Behälterwand und die mit steigender Wandtem-
peratur abnehmende Zugfestigkeit des Behälterwerkstoffs sind in Abbildung 6.6 darge-
stellt. Wie in Kapitel 6.3.1 bereits erwähnt, sind im dem Spannungsverlauf sowohl die
Spannungen infolge der Druckerhöhung im Behälter als auch die Spannungen durch die
steigende Wandtemperatur des Behälters berücksichtigt. Das Versagenskriterium sagt
eine wahrscheinliche Zeit des Berstens voraus und kann in der Abbildung im Schnittpunkt
der beiden Kurvenverläufe abgelesen werden. In der Abbildung ist auch der Zeitpunkt des
Behälterberstens im Versuch dargestellt. Es ist zu erkennen, daß der simulierte Behälter
1 Minute früher als im Versuch birst. Das kann darauf zurückgeführt werden, daß der
„rechnerische“ temperaturabhängige Zugfestigkeitskennwert, wie in Kapitel 6.3.2 erläu-
tert, eine konservative Abschätzung des Versagenskriteriums liefert. Zusammenfassend
kann für diesen Versuch gesagt werden, daß die Berechnungen gute Übereinstimmungen
mit den Versuchsergebnissen zeigen.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 66

Abbildung 6.6: Spannungen in der Behälterwand: Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et al.]

Gute Übereinstimmungen der Berechnung mit den Versuchsergebnissen sind auch bei
den experimentellen Untersuchungen der BAM bei einer Eisenbahnkesselwagen (EKW) -
Unterfeuerung [Ludwig et al., Ludwig und Balke] festzustellen. Bei diesem Versuch wurde
ein EKW für druckverflüssigte Gase mit einem Behältervolumen von 45 m³ durch eine
Heizölflamme unterfeuert. Der Lagerbehälter war mit 5100 kg Propan gefüllt, das einen
Füllgrad von ca. 22% entsprach.
In Abbildung 6.7 ist der gemessene und simulierte Druckverlauf im EKW zu sehen. Zu-
sätzlich ist der Einfluß der Stoffeigenschaften eines anderen Flüssiggases (Butan) auf die
Berstzeit im Vergleich zu den experimentellen Untersuchungen mit Propan dargestellt. Es
ist eine gute Übereinstimmung der Berechnung des Druckverlaufs für Propan mit dem
Experiment festzustellen. Der EKW ist in den Berechnungen nach ca. 16.6 Minuten ge-
borsten anstatt nach 17 Minuten im Versuch (Abbildung 6.8). Auch hier konnte die Berst-
zeit gut abgeschätzt werden. Die Berstzeit vergrößert sich beim Butan um ca. 4 Minuten,
da die Wandtemperatur in der Gasphase höhere Werte - verbunden mit einer geringen
Zugfestigkeit des Behältermaterials - erreichen muß, damit es bei dem im Vergleich zu
Propan geringen Dampfdruck des Butans zu einem Behälterversagen kommen kann. Der
deutlich geringere Berstdruck würde dann bei den weitergehenden Betrachtungen zu den
Auswirkungen eines BLEVE zu geringeren Auswirkungen in der Umgebung führen.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 67

26 P ropan
B utan
E x perim ent. P ropan
24

22

20

18

16
D ruck [bar abs ]

14

12

10

0
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21
Zeit [m in]

Abbildung 6.7: Druckverlauf im EKW: Versuch [Ludwig et al.] im Vergleich mit Berechnun-
gen für Butan

Abbildung 6.8: Spannungen in der Behälterwand im EKW: Versuch [Ludwig et al.]


Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 68

Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Berechnungen der Druck- und
Temperaturverläufe die experimentellen Ergebnisse der Bundesanstalt für Materialfor-
schung und –prüfung (BAM) gut wiedergeben3. Mit dem Versagenskriterium werden auch
die Zeiten bis zum Bersten gut abgeschätzt. Daher kann davon ausgegangen werden,
daß das vorgestellte Berechnungsverfahren geeignet ist, eine instationäre Behälterer-
wärmung zu simulieren. Die Berechnungsergebnisse können anschließend für die Aus-
wirkungsbetrachtungen des BLEVEs eingesetzt werden.

6.5 Vergleich des eingetragenen Wärmestroms mit den Gleichungen


nach amerikanischen Regelwerken
Die Abschätzung der Drucksteigerung in einem Behälter unter Feuerbeaufschlagung er-
folgt, falls erforderlich, in der Regel über rein empirische Korrelationen, die in amerikani-
schen Normen festgelegt wurden. In [Schmidt und Westphal, TAA-GS-18] wird empfohlen
den in die Flüssigkeit zugeführten Wärmestrom nach dem amerikanischen Regelwerk
API 520 [API-520] abzuschätzen.
 = 70.8 F A 0.82
Q (ohne Drainage und Feuerschutzeinrichtungen) (6.20)
ben

 = 43.1 F A 0.82
Q (mit Drainage und Feuerschutzeinrichtungen) (6.21)
ben

In den Gleichungen (6.20) und (6.21) bedeutet Aben die benetzte innere Behälteroberflä-
che eines stehenden, zylindrischen Behälters bis zu einer Höhe von 8 m über dem Boden
bzw. bis zum Äquator eines kugelförmigen Behälters. Bei horizontalen, zylindrischen Be-
hältern wird die gesamte benetzte innere Behälteroberfläche berücksichtigt. Eine Wär-
meisolierung läßt sich aus der Stärke des Isoliermaterials und dessen Wärmeleitfähigkeit
mit dem Faktor F berücksichtigen. Bei fehlender Isolierung bleibt dieser Faktor unberück-
sichtigt (F = 1).
Neben der API 520 gibt es weitere amerikanische Regelwerke zur Absicherung von La-
gertanks gegen eine Wärmeeinwirkung durch Unterfeuerung. Eines dieser Regelwerke ist
die NFPA 58 [NFPA-58]. Nach diesem Regelwerk läßt sich der zugeführte Wärmestrom
wie folgt berechnen:
 = 70.8 F A 0.82 .
Q (6.22)
In dieser Gleichung wird anstatt der benetzten inneren Behälteroberfläche die gesamte
innere Oberfläche des Behälters berücksichtigt. Dadurch wird ein größerer zugeführter
Wärmestrom bestimmt. In Abbildung 6.9 ist der simulierte Verlauf des in die Flüssigphase
eingetragenen Wärmestroms für den von der BAM durchgeführten Versuch 1.5/399 [Dro-
ste et al.] dargestellt. Es ist deutlich zu erkennen, daß die API 520 den mittleren zuge-
führten Wärmestrom weit unterschätzt. Dadurch würde auch der abzuführende Massen-
strom aus einem Sicherheitsventil zur Absicherung des Lagerbehälters gegen einen un-
zulässigen Überdruck im Lagertank unterschätzt werden. Dies würde bei der Dimensio-
nierung des Sicherheitsventils zu einem zu kleinen Entlastungsquerschnitt führen, so daß
der Behälter nicht sicher entlastet werden könnte. Die Abschätzung nach NFPA 58 dage-
gen überschätzt den mittleren zugeführten Wärmestrom. Aus der Sicht der Sicher-
heitstechnik wäre dadurch eine gefahrlose Entlastung des unzulässigen Überdrucks im

3
Die Wiedergabegenauigkeit der experimentellen Ergebnisse ist trotz der getroffenen Modellan-
nahmen überraschend gut. Es ist zu vermuten, daß ein Ausgleich mehrerer Effekte zu diesem gu-
ten Ergebnis geführt haben könnte. In zukünftigen Arbeiten sollten daher Sensibilitätsstudien über
die wesentlichen Größen in den angewendeten Modellen durchgeführt werden, um deren Einfluß
abzuschätzen.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 69

Behälter infolge einer Brandbeaufschlagung durch die Dimensionierung einer größeren


Entlastungsfläche gegeben.

Qfl

900000

NFPA 58
800000

Qfl mittel
700000

600000

API 520
Wärmestrom [W]

500000

400000

300000

200000

100000

0
0 1 2 3 4 5 6 7
Zeit [min]

Abbildung 6.9: In die Flüssigphase eingetragener Wärmestrom im Versuch 1.5/399 (11/83)


[Droste et al.] im Vergleich zu den Abschätzungen nach amerikanischen Re-
gelwerken
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 70

7 Untersuchung der Einflußgrößen für den Wärmeeintrag in


Behälter
Der Wärmeeintrag in Behälter ist im wesentlichen von der Bestrahlungsstärke, die durch
die Wärmeübertragung vom Unfallfeuer an den Behälter bestimmt wird, abhängig. Die
Einflußfaktoren für die Wärmeübertragung können in zwei Gruppen eingeteilt werden.
Gruppe 1: Einflußfaktoren, die durch den Brand vorgegeben werden
• Flammentemperatur
• Flammengeometrie
• Strahlungseigenschaften der Flamme
• Branddauer
• Externe Einflüsse (z.B. Wind)
Gruppe 2: Einflußfaktoren, die durch den bestrahlten Behälter vorgegeben werden
• Entfernung des Behälters zum Brand
• Orientierung des Behälters zum Brand
• Behältergeometrie
• Behälterform / -aufstellung
• Behälterausrüstung

Die Einflußfaktoren für den Wärmeeintrag bzw. das Behälterbersten werden dann letzt-
endlich durch die das Aufheizverhalten beeinflussenden Stoffeigenschaften des Behälter-
inhalts bestimmt. Diese sind im wesentlichen die Wärmekapazitäten, der Dampfdruck, die
Verdampfungsenthalpie und die Dichten des Behälterinhalts.
Die wesentlichen Einflußfaktoren auf den Wärmeeintrag in den Behälter sind in der Abbil-
dung 7.1 dargestellt.

Bestrahlungsstärke
am Behälter Branddauer
Wärmestrahlung
Lachenvolumen
•Flammentemperatur
•Emissionsvermögen
Verbrennungsrate
•Absorptionsvermögen
•Einstrahlzahl Dichte des
Wärmeübergang/-leitung brennbaren Stoffs Einflußfaktoren
für den
Wärmeeintrag/
Werkstoff kugelförmig Gefährlicher Sicherheits- Behälterbersten
Volumen Stoff ventil
zylindrisch
Wandstärke
•horizontal Füllstand Isolation/
•stehend Kühlung
Behälterdaten
Behälterform/ Behälterinhalt Behälterausrüstung
-aufstellung

Abbildung 7.1: Wesentliche Einflußfaktoren für den Wärmeeintrag / das Behälterbersten

Aus der Fülle der Einflußfaktoren muß eine Auswahl getroffen werden, die näher unter-
sucht wird, um eine Einschätzung der Einflußfaktoren auf das Aufheiz- und Berstverhal-
ten der Behälter zu bekommen. Für den Fall der Unterfeuerung werden die Einflüsse der
Flammentemperatur, des Füllgrades, des Behältervolumens und der Stoffeigenschaft
untersucht. Bei dem entfernten Brand wird neben dem Einfluß der Flammentemperatur,
des Füllgrades und der Stoffeigenschaft noch der Einfluß der Lachengröße und der Ent-
fernung der brennenden Lache vom Behälter untersucht. Die zu untersuchenden Behälter
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 71

sind mit einem Sicherheitsventil ausgerüstet. Im Fall der Unterfeuerung wird davon aus-
gegangen, daß sich das aus dem Sicherheitsventil ausströmende Gas sofort entzünden
wird. Der zusätzliche Wärmeeintrag in den Behälter aus dem brennenden Freistrahl wird
nicht betrachtet. Bei der Aufheizung der Behälter durch einen entfernten Lachenbrand
wird idealisiert davon ausgegangen, daß keine Entzündung des aus dem Sicherheitsventil
ausströmenden Gases erfolgt. Es wird angenommen, daß sich das Gas ungehindert aus-
breiten kann. Es wird von einer Behälterform – zylindrisch horizontaler Behälter – und
einer Orientierung des Behälters zum Brand – seitlich bestrahlte Mantelfläche – ausge-
gangen. Der Einfluß der Behälterwanddicke wird zunächst nicht weiter betrachtet, da die
Behälterwanddicke eine Frage der Konstruktion und der Dimensionierung der Behälter ist,
die nach AD Merkblatt B1 [AD-B1] vorgenommen wird. Durch eine größere Behälter-
wandstärke bersten die Behälter erwartungsgemäß später, da der Wärmeeintrag durch
den kleineren Wärmedurchgangskoeffizient für diese Behälter kleiner wird.
Als kritischen Bereich des Behälters, in dem das Aufreißen des Behälters zu vermuten ist,
wird der obere Bereich ab dem Äquator bis zum Scheitelpunkt des Behälters angesehen,
da sich dort aufgrund des schlechten Wärmeübergangs zur Gasphase die maximalen
Wandtemperaturen einstellen werden, die letztendlich die Festigkeit des Behältermateri-
als stärker beeinträchtigen.

7.1 Auslegung der zu untersuchenden Behälter


Da bei weiteren Betrachtungen die Einflußgrößen auf den Wärmeeintrag untersucht wer-
den sollen, war es notwendig vergleichbare Behälter für die Untersuchungen zu dimen-
sionieren. Aus diesem Grund wurden zwei DIN Behälter nach DIN 4680 [DIN 4680] aus-
gewählt und deren Behälterwandstärken nach AD Merkblatt B1 [AD-B1] dimensioniert.
Die in der DIN 4680 [DIN 4680] angegebenen Mindestwanddicken konnten nicht über-
nommen werden, da als Behälterwerkstoff für die zu untersuchenden Behälter der Fein-
kornbaustahl STE 420 gewählt wurde. Die in der DIN 4680 angegebenen Mindestwand-
dicken sind für den Behälterwerkstoff STE 355 ermittelt worden. Nach AD Merkblatt B1
[AD-B1] läßt sich die erforderliche Wanddicke nach
da p
t Wand = + c1 + c 2 (7.1)
K
20 v + p
S
bestimmen, wobei K ein Festigkeitskennwert, S ein Sicherheitsbeiwert bei Berechnungs-
druck, v ein Faktor zur Ausnutzung der zulässigen Berechnungsspannung und c1 und c2
Zuschläge nach AD Merkblatt B1 [AD-B1] bedeuten.
Nach TRB 801 Nr. 25 Anlage „Flüssiggasbehälteranlagen“ [TRB 801] ist die Bemessung
der Behälterwandstärke für einen zulässigen Betriebsüberdruck von 15.6 bar, bezogen
auf eine Betriebstemperatur von 40 °C, vorzunehmen. Die endgültige Bemessung der
Wanddicken der zu untersuchenden Behälter richtete sich nach der Wanddicke des DIN
Behälters im Versuch 1.5/399 [Droste et al.]. Die Wanddicke des von der BAM unter-
suchten Behälters zeigte einen Zuschlag von ca. 20 % auf die erforderliche Mindestwan-
dicke. Dieser Zuschlag wurde bei der Dimensionierung der Behälterwandstärken der zu
untersuchenden Behälter ebenfalls berücksichtigt. Zusätzlich wurde nach AD-Merkblatt
B0 [AD-B0} ein Abnutzungszuschlag von 1 mm in die Dimensionierung einbezogen. Die
Abmessungen der untersuchten Behälter sind in der Tabelle 7.1 zusammengefaßt.
Nennvolumen [l] da [mm] lBeh [mm] lMantel [mm] tWand [mm]
4850 1250 4320 3600 5.4
11000 1600 5920 5000 6.6

Tabelle 7.1: Abmessungen der untersuchten Behälter


Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 72

Die zu untersuchenden Behälter wurden mit einem Sicherheitsventil mit einem An-
sprechüberdruck von 15.6 bar ausgerüstet, die konform zum AD-Merkblatt A2 [AD-A2] bei
einer Druckabsenkung von 10% unter den Ansprechdruck schließen.
Die für das Versagenskriterium der Behälter notwendigen Werkstoffkennwerte, der 0.2%
Dehngrenzwert bei erhöhten Temperaturen Rpo,2ϑ und der Zugfestigkeitskennwert für den
Feinkornbaustahl STE 420, wurden den Werkstoff-Datenblättern aus dem Stahlschlüssel
[Wegst] entnommen. Aus den beiden Werkstoffkennwerten wurde ein mittleres Streck-
grenzenverhältnis bei Raumtemperatur von S = Rpo,2 / Rm = 0.7 ermittelt und damit ein
„rechnerischer“ temperaturabhängiger Zugfestigkeitskennwert Rmϑ berechnet (s. dazu
Kapitel 6.3).

7.2 Untersuchung der Einflußfaktoren für die Unterfeuerung


Untersucht werden für zwei verschiedene Behältervolumina – 4.85 m3 und 11 m3 – die
Auswirkungen einer Unterfeuerung der Behälter durch einen Lachenbrand. Dabei wird
davon ausgegangen, daß die Behälter vollständig vom Feuer eingeschlossen werden und
sich im sichtbaren Teil der Flamme befinden. Es werden die Auswirkungen von verschie-
denen Wärmeströmen mit Flammentemperaturen von TFlamme = 600 °C bis TFlamme = 880
°C, die den Bestrahlungsstärken von 33 kW/m2 bis 100 kW/m2 entsprechen untersucht.
Die Füllstände in den Behältern werden mit 20%, 40%, 50%, 60% und 80% variiert, wobei
als Behälterinhalt Propan oder Ammoniak simuliert werden.
Füllstand [%] 20 40 50 60 80
3
Masse - Propan (4.85m ) [kg] 452 905 1131 1357 1810
3
Masse - Propan (11m ) [kg] 1026 2052 2565 3078 4105
3
Masse-Ammoniak (11m ) [kg] 1275 2550 3187 3825 5100

Tabelle 7.2: Masse des Behälterinhalts


Die Rahmenbedingungen für die Behälter werden entsprechend dem Versuch 1.5/399
(11/83) der BAM [Droste et al.] gewählt. Es wird vorausgesetzt, daß am oberen Scheitel-
punkt des Behälters nach etwa 4 min und am unteren Scheitelpunkt bereits nach 1 min
die maximale Flammentemperatur erreicht wird.

7.2.1 Einfluß des Anfangsfüllgrades


Der Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Druckverlauf im Behälter und den Tempera-
turverlauf der Flüssigphase bei sonst gleichen Bedingungen sind in den Abbildungen 7.2
und 7.3 dargestellt. Aus den Abbildungen ist zu erkennen, daß bereits nach ca. 45 s nach
Brandbeginn die Temperatur der Flüssigphase und der Behälterinnendruck kontinuierlich
ansteigen. Nach 1 min und 30 s spricht das Sicherheitsventil für den zu 20% gefüllten
Behälter an. Das Sicherheitsventil für die übrigen Füllstände spricht nur wenige Sekunden
später an (Füllstand 40%: t=1.8 min, Füllstand 50%: t=1.9 min, Füllstand 60%: t=2.1 min,
Füllstand 80%: t=2.3 min). Es läßt sich erkennen, daß der Einfluß der Druckentlastung
nach Ansprechen des Sicherheitsventils mit höherer Temperatur der Flüssigphase nach-
läßt. Insgesamt läßt sich festhalten, daß der Innendruck über die gesamte Druckentla-
stungsdauer kontinuierlich ansteigt. Lediglich für eine kurze Zeit wird die Druckanstiegs-
rate zu kleineren Werten verändert. Das macht sich durch einen „Knick“ im Druckverlauf
deutlich. Die Behälter bersten letztendlich, ohne daß das Sicherheitsventil wieder schließt.
Der gleiche Kurvenverlauf, wie er sich für den Druck ergibt, ist auch für die Temperatur
der Flüssigphase zu erkennen.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 73

20%
40%
50%
29 60%
80%
28

27

26

25

24

23
Druck [bar abs.]

22

21

20

19

18

17

16

15

14

13
0 1 2 3 4 5 6
Zeit [min]

3
Abbildung 7.2: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Druckverlauf im 4.85 m Behälter mit
Propaninhalt (TFlamme = 800°C)
20%
40%
50%
80 60%
80%

70

60
Temperatur [°C]

50

40

30
0 1 2 3 4 5 6
Zeit [min]

Abbildung 7.3: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Temperaturverlauf der Flüssigphase
3
im 4.85 m Behälter mit Propaninhalt (TFlamme = 800°C)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 74

Aus den Abbildungen 7.2 und 7.3 ist deutlich zu ersehen, daß bei gleichem Wärmeeintrag
von außen die Temperatur der Flüssigphase und damit der Druck im Behälter bei gerin-
gen Füllständen schneller ansteigt als bei höheren Füllständen. Durch die Kombination
aus der geringeren aufzuheizenden thermischen Masse und der schnelleren Verdamp-
fung der Flüssigphase bei geringeren Füllständen und gleichem Wärmeeintrag von au-
ßen resultiert ein schnellerer Druckanstieg im Behälter. Der Behälter mit einem Füllstand
von 20% birst schneller als die übrigen Behälter, da dessen Wandtemperatur im Gasraum
schneller höhere Werte annimmt als bei den übrigen Behältern (Abbildung 7.4). Das ist
einerseits durch den schlechteren Wärmeübergang im Gasraum, der im Falle des 20%
gefüllten Behälters einen größeren Raum und einen größeren Bereich in der Behälter-
wand einnimmt, bedingt. Es kann daher kaum mehr Wärme in die flüssigkeitsgekühlte
Behälterwand geleitet werden, weil dieser Bereich sehr klein ist. Die zugeführte Wärme
verbleibt als gespeicherte Energie in der Behälterwand im Gasraum und erhöht so ihre
Temperatur. Andererseits wird die Gasphase zusätzlich durch die Verdampfung der Flüs-
sigphase erwärmt, weil zu Beginn der Aufheizung des Behälters die Temperatur der Flüs-
sigphase schneller ansteigt als die Temperatur der Gasphase. Das ist auf die Annahmen
über die Entwicklung der Flammentemperatur des Unfallfeuers zurückzuführen (s. Kapitel
6.4). Eine höhere Gastemperatur hat einen kleineren Wärmestrom von der Behälterwand
in die Gasphase zur Folge, weil die treibende Temperaturdifferenz zwischen der Behäl-
terwand und der Gasphase kleiner wird. Es wird mehr Energie in der Behälterwand ge-
speichert, so daß deren Temperatur schneller ansteigt. Bei den übrigen Füllständen wird
die Gasphase erst zu einem späteren Zeitpunkt zusätzlich durch die Verdampfung der
Flüssigphase – korrespondierend zu dem Ansprechen der Sicherheitsventile – erwärmt.
Aus den vorangestellten Gründen steigt die Wandtemperatur dieser Behälter erst später
an.

Abbildung 7.4: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Temperaturverlauf in der Behälter-
3
wand im Gasraum des 4.85 m Behälters mit Propaninhalt (TFlamme = 800°C)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 75

In den folgenden Abbildungen ist der Temperaturverlauf in der Behälterwand nach 1 min
Branddauer und zum Zeitpunkt des Berstens in dem zu 50% gefüllten Behälter zu sehen.
Der Umfang 0 des Behälters entspricht dem unteren Scheitelpunkt des Behälters, bei π
wird der obere Scheitelpunkt und bei 2 π wieder der untere Scheitelpunkt erreicht. Die
Wanddicke zählt von der inneren Behälterwand zur äußeren Behälterwand. Es ist zu er-
kennen, wie schnell die Wandtemperaturen im Gasraum durch den geringeren Wärme-
übergangskoeffizienten zwischen der Gasphase und der Behälterwand ansteigen. In der
Behälterwand im Bereich der Gasphase werden sehr schnell ca. 60°C erreicht, wohinge-
gen die Wand im Bereich der Flüssigphase mit 41°C noch relativ kühl ist. Insbesondere
zum Zeitpunkt des Behälterberstens werden Temperaturen bis ca. 360°C erreicht, die in
Kombination mit dem hohen Druck im Behälter, das Bersten des Behälters verursachen.

Wertebereich

58.5
56.9
55.4
53.9
52.3
50.8
49.2
47.7
46.1
44.6
41.5

Abbildung 7.5: Temperaturverlauf in der Behälterwand nach 1 min Branddauer im Behälter


mit Propaninhalt (TFlamme=800°C, Anfangsfüllstand 50%)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 76

Wertebereich

359
333
307
281
255
229
203
177
151
125
74

Abbildung 7.6: Temperaturverlauf in der Behälterwand zum Zeitpunkt des Berstens nach
ca. t = 5.4 min im Behälter mit Propaninhalt (TFlamme=800°C, Anfangsfüll-
stand 50%)

7.2.2 Einfluß der Flammentemperatur


Abbildungen 7.7 und 7.8 zeigen den Einfluß der Flammentemperatur auf den Druckver-
lauf im Behälter und den Temperaturverlauf in der Flüssigphase. Zur Erhaltung der Über-
sicht sind nur die Verläufe für die Füllstände von 20% und 80% dargestellt.
Erwartungsgemäß zeigt sich, daß bei höheren Flammentemperaturen die Temperatur der
Flüssigphase und der Druck im Behälter bei gleichen Anfangsfüllständen schneller an-
steigen, da sich mit einer höheren Flammentemperatur eine höhere Bestrahlungsstärke
am Behälter ergibt. Das führt zu einem höheren Wärmeeintrag in den Behälterinhalt.
Durch die kleine aufzuheizende thermische Masse steigt die Temperatur in der Flüssig-
phase des zu 20% gefüllten Behälters schneller an als die Temperatur in den zu 80%
gefüllten Behältern bei gleichem Wärmeeintrag von außen (Abbildung 7.8). Bis auf den
zu 20% gefüllten und mit einer Flammentemperatur von 600°C aufgeheizten Behälter
bersten alle Behälter nach dem das Sicherheitsventil angesprochen hat. Trotz der Druck-
entlastung durch das Sicherheitsventil, die bis zum Bersten der Behälter anhält, steigt der
Druck insbesondere in den Behältern mit einem Anfangsfüllstand von 80% kontinuierlich
an, bis die Behälter bersten (Abbildung 7.7). Durch den höheren Druck im Behälter und
den sich durch die höheren Flammentemperaturen einstellenden höheren Temperaturen
in der Behälterwand bersten diese Behälter in einer kürzeren Zeit. Im Druckverlauf der zu
20% gefüllten Behälter macht sich eine geringe Änderung der Druckanstiegsrate für eine
kurze Zeit zu kleineren Werten bemerkbar. Der zu 20% gefüllte und mit einer Flammen-
temperatur von 600°C aufgeheizte Behälter kommt nicht zum Bersten. Das Sicherheits-
ventil spricht nach ca. 2 min nach Brandbeginn an und entlastet den Behälterinhalt über
einen Zeitraum von 8 min. Es schließt erst nachdem die gesamte Flüssigphase im Be-
hälter nach ca. 10 Minuten nach Brandbeginn verdampft ist. Als Schließdruck des Sicher-
heitsventils wurde dabei eine Druckabsenkung von 10 % unter den Ansprechdruck vor-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 77

ausgesetzt. Der Druckaufbau, nachdem die Flüssigphase komplett verdampft ist, resul-
tiert rein aus der Erwärmung der Gasphase. Dieser Druckaufbau ist nicht ausreichend,
um das Bersten des Behälters zu verursachen. Zum anderen erreicht die Wandtempera-
tur im Gasraum nicht so hohe Werte, daß sie in Kombination mit dem geringen Druck im
Behälter zu einem Versagen der Behälterwand führt. Nach ca. 20 Minuten stellt sich ein
stationärer Zustand in dem nur mit Gasphase gefüllten Behälter ein, so daß dessen Inn-
druck nicht mehr ansteigt und dieser Behälter nicht zum Bersten kommt. Das gleiche
Verhalten zeigen auch die Behälter mit den Anfangsfüllständen von 40% und 50%, die
über eine Flammentemperatur von 600°C aufgeheizt werden.

3
Abbildung 7.7: Einfluß der Flammentemperatur auf den Druckverlauf im 4.85 m Behälter
mit Propaninhalt
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 78

gesamte Flüssigphase verdampft

Abbildung 7.8: Einfluß der Flammentemperatur auf den Temperaturverlauf der Flüssigpha-
3
se im 4.85 m Behälter mit Propaninhalt
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 79

7.2.3 Einfluß des Behältervolumens


Der Einfluß des Behältervolumens auf den Druckverlauf im Behälter bei sonst identischen
Bedingungen ist in Abbildung 7.9 zu sehen.

3 3
Abbildung 7.9: Einfluß des Behältervolumens auf den Druckverlauf im 4.85 m und 11 m
Behälter mit Propaninhalt (TFlamme = 800 °C)

3
Es ist zu erkennen, daß der Druck im dem zu 80 % gefüllten 11 m Behälter langsamer
ansteigt als im 4.85 m3 Behälter. Das resultiert daraus, daß sich der Inhalt des zu 80 %
gefüllten 11 m3 Behälters langsamer erwärmt als der Inhalt des 4.85 m3 Behälters. Das ist
auf das Verhältnis des Volumens zur Oberfläche der Behälter zurückzuführen, das im
Falle des 11 m3 Behälters größer ist als das des 4.85 m3 Behälters. Dadurch ist die ther-
mische Trägheit des 11 m3 Behälters größer, d.h. daß pro Oberflächeneinheit eine größe-
re thermische Masse erwärmt werden muß. Bei dem geringeren Füllstand von 20 % ist
zunächst das gleiche zu beobachten. Doch nach einer bestimmten Zeit steigt der Druck
im 11 m3 Behälter stärker an als im kleinen Behälter. Das ist darauf zurückzuführen, daß
bei dem 11 m3 Behälter aufgrund der größeren vorhandenen Masse die Verdampfungs-
rate höher ist als in dem kleineren 4.85 m3 Behälter. Da die Abblasekapazität der Sicher-
heitsventile beider Behälter gleich groß ist, kann aus dem großen Behälter nicht so viel
entlastet werden. Dies führt letztendlich dazu, daß der Druck im 11 m3 Behälter schneller
ansteigt. Da der Druck im großen Behälter höher ist, birst dieser zwar in einer unwesent-
lich kürzeren Zeit aber bei geringeren Wandtemperaturen im Gasraum (Abbildung 7.10).
Die Zeit bis zum Bersten vergrößert sich bei dem 80 % gefüllten großen Behälter gegen-
über dem kleinen Behälter geringfügig. Das liegt daran, daß die Wandtemperatur im Be-
reich der Gasphase des größeren Behälters höhere Werte erreichen muß als bei dem
kleineren Behälter, damit der große Behälter bei dem etwas geringeren Druck bersten
kann (Abbildung 7.10).
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 80

Abbildung 7.10: Einfluß des Behältervolumens auf den Temperaturverlauf in der Behälter-
3 3
wand des 4.85 m und 11 m Behälters mit Propaninhalt (TFlamme = 800 °C)

7.2.4 Einfluß der Stoffeigenschaft


In den Abbildungen 7.11 und 7.12 sind der Druckverlauf im Behälter und der Temperatur-
verlauf in der Flüssigphase in Abhängigkeit der Stoffeigenschaft bei sonst gleichen Be-
dingungen dargestellt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 81

3
Abbildung 7.11: Einfluß der Stoffeigenschaft auf den Druckverlauf im 11 m Behälter für
zwei verschiedenen Füllstände (TFlamme = 800°C)

Abbildung 7.12: Einfluß der Stoffeigenschaft auf den Temperaturverlauf der Flüssigphase
3
im 11 m Behälter für zwei verschiedene Füllstände (TFlamme = 800°C)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 82

Ammoniak besitzt einen höheren Sättigungsdampfdruck, eine höhere spezifische Wär-


mekapazität und eine höhere Verdampfungsenthalpie als Propan. Aufgrund seiner höhe-
ren spezifischen Wärmekapazität muß dem Ammoniak eine größere Wärmemenge pro
Masseneinheit zugeführt werden, um die gleiche Temperaturerhöhung wie in der Flüssig-
phase des Propans zu erhalten. Andererseits muß dem Ammoniak aufgrund der höheren
Verdampfungsenthalpie ebenfalls eine größere Wärmemenge zugeführt werden, um ihn
von der flüssigen in die gasförmige Phase zu überführen. Aus diesem Grund steigt der
Druck in diesen Behältern bei gleichem Wärmeeintrag von außen langsamer an als in
den mit Propan gefüllten Behältern. Aufgrund des höheren Dampfdrucks des Ammoniaks
spricht das Sicherheitsventil dieser Behälter in kürzeren Zeiten an, da sein Ansprechdruck
schneller erreicht wird. Die mit Ammoniak gefüllten Behälter bersten knapp 1 min später
als die mit Propan gefüllten Behälter, aber bei geringeren Drücken. Das ist auf den gerin-
geren Wärmeübergangskoeffizienten in der Gasphase für Ammoniak im Vergleich zu
Propan zurückzuführen. Durch den geringen Wärmeübergangskoeffizienten stellen sich
hier in der Behälterwand im Gasraum höhere Temperaturen ein, die die Festigkeit der
Behälterwand stärker sinken lassen. Verbunden mit der geringeren Materialfestigkeit ber-
sten die mit Ammoniak gefüllten Behälter daher bei geringeren Drücken. Der Verlauf der
maximalen Temperatur in der Behälterwand für den mit Propan oder Ammoniak gefüllten
11 m3 Behälter ist in Abbildung 7.13 dargestellt.

Abbildung 7.13: Einfluß der Stoffeigenschaft auf den Temperaturverlauf in der Behälter-
3
wand des 11 m Behälter für zwei verschiedene Füllstände (TFlamme=800°C)

7.2.5 Vergleichende Diskussion der Ergebnisse


Da die Branddauer bis zum Behälterbersten und der Berstdruck im Behälter zur Abschät-
zung von Domino-Effekten wichtig sind, werden beide Größen in diesem Kapitel zusam-
menfassend dargestellt. Die wesentlichen Ergebnisse aus den Simulationen zum Zeit-
punkt des Berstens sind im Anhang A6 zu finden. Unter der Annahme, daß die Berstzeit
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 83

vom Anfangsfüllstand im Behälter abhängen wird, wird der Anfangsfüllstand in die Be-
trachtungen einbezogen.
Der Einfluß des Anfangsfüllstandes auf die Zeit bis zum Bersten der Behälter und der
Einfluß auf den Berstdruck ist in den Abbildungen 7.14 und 7.15 dargestellt. In der Abbil-
dung 7.14 ist zu sehen, daß bei hohen Flammentemperaturen der Anfangsfüllstand im
Behälter kaum einen Einfluß auf die Zeit bis zum Bersten hat. Alle simulierten Behälter
bersten nach ca. 4 min bis 5.5 min. Das liegt im wesentlichen daran, daß der Druck im
Behälter (Abbildung 7.15) und die maximale Temperatur in der Behälterwand im Bereich
der Gasphase (Abbildung 7.16) sich die Waage halten. Die Berstzeit vergrößert sich bei
dem durch eine Flammentemperatur von TFlamme = 600 °C aufgeheizten Behälter um 7
min bis 12 min gegenüber den Flammentemperaturen von 800°C und 880°C. Der Druck
im Behälter muß höhere Werte – verbunden mit einer geringeren Wandtemperatur in der
Gasphase – erreichen, damit es zu einem Behälterbersten kommen kann. Im Gegensatz
zu den höheren Flammentemperaturen bersten die mit 600°C aufgeheizten 11 m3 Behäl-
ter in kürzeren Zeiten als die kleineren 4.85 m3 Behälter. Das liegt daran, daß die Gas-
phase der 4.85 m3 Behälter durch einen höheren Massenstrom aus dem Sicherheitsventil
während der Druckentlastung stärker gekühlt wird. Durch die Druckentlastung wird die
treibende Temperaturdifferenz zwischen der Behälterwand im Gasraum und der Gaspha-
se größer, so daß die von außen zugeführte Energie von der Behälterwand stärker in die
Gasphase strömen kann.
In Abbildung 7.15 ist zu erkennen, daß der Berstdruck des 4.85 m3 Behälters mit einem
Anfangsfüllstand von 40% bei Flammentemperaturen von 800°C und 880°C höher als bei
den übrigen Füllständen ist. Das ist darauf zurückzuführen, daß die Wandtemperatur in
der Gasphase der zu 40% gefüllten Behälter durch einen höheren Massenstrom aus dem
Sicherheitsventil stärker gekühlt wird als bei den übrigen Füllständen.

3 3
Abbildung 7.14: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf die Berstzeit des 4.85 m und 11 m
Behälter bei unterschiedlichen Flammentemperaturen
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 84

3 3
Abbildung 7.15: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf den Berstdruck des 4.85 m und 11 m
Behälter bei unterschiedlichen Flammentemperaturen

Abbildung 7.16: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf die maximale Wandtemperatur des 4.85
3 3
m und 11 m Behälter bei unterschiedlichen Flammentemperaturen
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 85

Aus den Simulationsergebnissen kann folgender Zusammenhang zwischen der Flam-


mentemperatur, der Brandzeit und einem evtl. Behälterbersten für die untersuchten Be-
hälter abgeleitet werden (Abbildung 7.17).

Erforderliche
Flammentem- Mindestbrandzeit
peratur [°C] [min]

kein Bersten
tB ≤ 3
880
Bersten
4 ≤ tB < 6 Bersten
800 Potentieller
Bersten Domino
6 ≤ tB< 10 Effekt
kein Bersten
600
10 ≤ tB< 18 Bersten

Abbildung 7.17: Zusammenhang zwischen Flammentemperatur, Brandzeit und Behälter-


bersten
Weiterhin kann aus den Simulationsergebnissen festgehalten werden, daß die unter-
suchten Behälter maximal bei einem 2.2- fachen Druck des Ansprechdrucks des Sicher-
heitsventils pset bersten werden.
pBerst = 2.2 * pset
Mit der Empfehlung in [Yellow Book, CCPS] für die Aufheizung von Behältern durch ex-
terne Brände, den Berstdruck mit 1.21*pset anzusetzen, würden die Auswirkungen aus
dem Bersten des Behälters unterschätzt werden.
Um einen Grenzwert für die Bestrahlungsstärke am Behälter als Beurteilungskriterium für
ein Behälterbersten zu bestimmen, wurde die Flammentemperatur weiter variiert. Für den
4.85 m3 Behälter zeigte sich, daß eine Mindest-Flammentemperatur von 600°C erforder-
lich ist, um ein Behälterbersten nach ca. 18 min auszulösen. Für den 11 m3 Behälter rei-
chen bereits 500°C aus, um den Behälter nach ca. 28 min bersten zu lassen. Unter Be-
rücksichtigung des Strahlungsanteils resultieren folgende erforderliche Mindest-
Bestrahlungsstärken für ein Bersten der untersuchten Behälter:
2
Flammentemperatur [°C] Bestrahlungsstärke [kW/m ] Branddauer [min]
500 ca. 20 ca. 28
600 ca. 33 ca. 18

An dieser Stelle wird deutlich, daß die für das Auftreten von Domino-Effekten angegebe-
nen Grenzwerte für die Bestrahlungsstärken in Kapitel 4.5.1 zumindest für das Behälter-
bersten sehr konservativ sind.
Unter Berücksichtigung der konvektiven Wärmeübertragung ergeben sich höhere Grenz-
werte für die Bestrahlungsstärke am Behälter. Unter den getroffenen Annahmen für den
Wärmeübergang von den Flammen an die äußere Behälterwand (s. Kapitel 6.2) resultiert
eine Wärmeübergangszahl von αaußen ≈ 25 W/(m2K). Wird von dieser Wärmeübergangs-
zahl ausgegangen, ergibt die Rechnung bei den sich in der Behälterwand einstellenden
Temperaturen, daß die konvektiv übertragene Wärmestromdichte 15% bis 25% der
Wärmestromdichte der von den Flammen maximal emittierten Strahlung beträgt. Aus
diesen Überlegungen folgen als Mindest-Bestrahlungsstärken für das Behälterbersten
durch Unterfeuerung der Behälter Werte zwischen ca. 25 kW/m2 bzw. ca. 40 kW/m2 bei
einer erforderlichen Branddauer von ca. 28 min bzw. ca. 18 min. Für diese erforderlichen
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 86

Branddauern ist ein ausgelaufenes Benzinvolumen von ca. 3.2 m3 zur Unterfeuerung des
11 m3 Behälters - bei einer angenommenen Lachenfläche von 25 m2 - und ein ausgelau-
fenes Benzinvolumen von 1.2 m3 zur Unterfeuerung des 4.85 m3 Behälters bei einer an-
genommenen Lachenfläche von 15 m2 notwendig.

7.3 Untersuchung der Einflußfaktoren für den entfernten Lachenbrand


Durch einen entfernten Lachenbrand wird wesentlich weniger Wärmeenergie – in Abhän-
gigkeit von der Entfernung der Flamme – auf den Behälter übertragen als bei einer voll-
ständigen Unterfeuerung. Untersucht werden für zwei verschiedene Brandmedien – Ben-
zin und Methanol - die Auswirkungen eines entfernten Lachenbrandes auf einen in der
näheren Umgebung befindlichen Behälter, der mit Propan oder Ammoniak gefüllt ist. Auf-
grund des vorhandenen größeren Gefahrenpotentials infolge der größeren Menge wer-
den die Untersuchungen auf den 11m3 Behälter, der die gleichen Abmessungen wie der
Behälter in den Untersuchungen zur Unterfeuerung hat, beschränkt. Untersucht werden
die Auswirkungen verschiedener Entfernungen und Lachendurchmesser des Lachen-
brandes auf die Zeit bis zum Bersten des Behälters. Die Anfangsfüllstände in dem Be-
hälter werden zwischen 20% und 80% variiert. Bei der Benzinlache wird von einer Flam-
mentemperatur von TFlamme = 1240 K nach [Lees] und einer spezifischen Verbrennungs-
rate von m ′Abbr
′ = 0.055 kg/(m2s) nach [Babrauskas] ausgegangen. Bei der Methanollache
wird eine Flammentemperatur von TFlamme = 850°C nach [Wefers und Reimers] und eine
spezifische Verbrennungsrate nach [Babrauskas] von m  ′Abbr
′ 2
= 0.017 kg/(m s) angenom-
men. Als Emissionsvermögen der Flammen wird ε = 0.9 angenommen. Die Flammenhö-
hen werden nach dem Modell von Thomas nach Anhang A3 ermittelt. Die Rahmenbedin-
gungen für die Behälter wurden entsprechend dem Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et al.]
gewählt (s. Kapitel 6.4). Die untersuchten Fälle sind in der Tabelle 7.2 dargestellt.
Entfernung [m]
2 3 4 5 10 12 15

2.5 B1

Lachen- 5 B2

durchmesser 7.5 B3 B5

[m] 10 B4 B6

15 B7 B10

20 B8 B11 B13

25 B9 B12 B14 B15 B16 B17

Tabelle 7.3: Untersuchte Durchmesser und Entfernungen des Lachenbrandes vom Behälter. Grau
hinterlegte Behälter sind bei TFlamme = 1240 K geborsten
Die Entfernung des Lachenbrandes vom Behälter wird in der Einstrahlzahl ϕ12 , die über
dem Umfang des Behälters variiert, berücksichtigt. Die Einstrahlzahlen ϕ12 für die Behäl-
ter, die durch den Wärmeeintrag aus der brennenden Benzinlache zum Bersten gekom-
men sind, sind in Abbildung 7.18 dargestellt. Aus der Abbildung ist zu erkennen, daß sich
die maximalen Einstrahlzahlen für die untersuchten Fälle nicht direkt am Äquator des Be-
hälters befinden. Sie befinden sich zwischen Äquator und Scheitelpunkt des Behälters,
d.h. zwischen 1 Uhr und 2 Uhr Position auf der dem Lachenfeuer zugewandten Behälter-
seite. An diesen Orten werden die maximalen Wandtemperaturen erreicht. Es wird ver-
mutet, daß die Behälter genau an diesen Orten aufreißen werden, da die Festigkeit des
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 87

Behälters durch die hohe Wandtemperatur in diesem Bereich am stärksten geschwächt


wird.

r

ϕ
0 2π

Abbildung 7.18: Einstrahlzahlen über dem Behälterumfang

7.3.1 Einfluß des Anfangsfüllgrades


Der Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Druckverlauf im Behälter bei sonst gleichen
Bedingungen und Abmessungen für die brennende Benzinlache ist in Abbildung 7.19
dargestellt. Im Gegensatz zur Unterfeuerung der Behälter ist das Ansprechen und
Schließen des Sicherheitsventils bei dem Wärmeeintrag durch einen entfernten Lachen-
brand deutlich erkennbar. Für den zu 20% gefüllten Behälter verringert sich der Druck im
Behälter nach Ansprechen des Sicherheitsventils bis zu seinem Schließdruck, wobei für
den Schließdruck eine Druckabsenkung von 10% unter den Ansprechdruck vorausge-
setzt worden ist. Durch weitere Wärmezufuhr steigt der Druck im Behälter bei nun ge-
schlossenem Sicherheitsventil erneut an, bis das Sicherheitsventil wieder anspricht und
den Behälterinhalt bis zu seinem Schließdruck entlastet. Dieser Druckentlastungsvorgang
wiederholt sich, bis die gesamte Flüssigphase verdampft ist. Nachdem die Flüssigphase
verdampft ist (nach ca. 40 min im Falle des Behälters mit einem Anfangsfüllstand von
20%), spricht das Sicherheitsventil noch einmal an bevor der Behälter kurze Zeit darauf
(nach ca. 48 min nach Brandbeginn) bei einem Druck von ca. 16.5 bar absolut birst. Bei
höheren Füllständen steigt der Druck im Behälter nach dem ersten Ansprechen des Si-
cherheitsventils zunächst weiter an. Das liegt daran, daß bei höheren Füllständen die von
der Flüssigphase benetzte innere Behälteroberfläche höher ist und dementsprechend
auch die Verdampfungsrate. Da in diesen Fällen mehr verdampft als durch das Sicher-
heitsventil abgeführt werden kann, steigt der Druck im Behälter zunächst bis zu einem
Maximum an und sinkt dann bis zum Schließdruck des Sicherheitsventils ab. Der Entla-
stungsvorgang wiederholt sich anschließend bis die gesamte Flüssigphase verdampft ist,
jedoch dieses Mal ohne einen Druckanstieg über den Ansprechdruck des Sicherheitsven-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 88

tils hinaus. Nachdem die Flüssigphase verdampft ist (z.B. nach ca. 100 min für den Be-
hälter mit 80% Anfangsfüllstand), spricht das Sicherheitsventil noch einmal an bevor der
Behälter kurze Zeit darauf (bei ca. 109 min nach Brandbeginn für den Behälter mit 80%
Anfangsfüllstand) bei einem Druck von ca. 16.4 bar absolut birst. Dieser Ablauf wurde
auch bei den übrigen Füllständen beobachtet.

20%
40%
50%
22 60%
80%

21

20

19
Druck abs. [bar]

18

17

16

15

14

13
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110
Zeit [min]

Abbildung 7.19: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Druckverlauf im Behälter mit Propa-
ninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m)

In Abbildung 7.20 ist der Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Temperaturverlauf in der
Behälterwand am Ort der maximalen Wandtemperatur bei sonst gleichen Bedingungen
für die brennende Benzinlache dargestellt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 89

20%
40%
50%
700 60%
80%

600

500
Temperatur [°C]

400

300

200

100

0
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110
Zeit [min]

Abbildung 7.20: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den maximalen Temperaturverlauf in der
Behälterwand im Behälter mit Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m)

Nach Ansprechen der Sicherheitsventile (nach ca. 7.5 min bis 8.3 min nach Brandbeginn
für die verschiedenen Füllstände) steigt die Temperatur in der Behälterwand mit wesent-
lich geringeren Temperaturanstiegsraten an. Dies ist auf die Abkühlung der Gasphase
während der Entspannung zurückzuführen, die dann einen größeren Wärmestrom von
der Behälterwand in die Gasphase aufgrund der größeren treibenden Temperaturdiffe-
renz zwischen der Behälterwand und der Gasphase zur Folge hat. Nachdem die Flüssig-
phase im Behälter verdampft ist, steigt die Temperatur in der Behälterwand wieder etwas
stärker an. Das liegt daran, daß während des Verdampfungsvorgangs zur Erwärmung
des verdampften Massenstroms auf Gasphasentemperatur Energie benötigt wird, die der
Gasphase entzogen wird. Dadurch wird die Gasphase zusätzlich zur Abkühlung durch die
Druckentlastung– wenn auch nicht viel – gekühlt. Da dieser zusätzliche Abkühlvorgang
nicht mehr vorhanden ist, steigt die Gastemperatur nun stärker an. Das führt dazu, daß
die treibende Temperaturdifferenz zwischen der Wand und dem Gas kleiner wird. Da-
durch wird mehr Wärme in der Behälterwand gespeichert, die zur Erhöhung der Tempe-
ratur in der Behälterwand führt. Die Temperatur in der Behälterwand steigt solange an,
bis der Behälterwerkstoff soweit an Festigkeit verloren hat, daß die Versagensbedingung
erreicht wird und der Behälter schließlich birst. Abbildung 7.21 zeigt das Temperaturfeld
in der Behälterwand beim Bersten. Aus der Abbildung ist zu erkennen, daß sich die ma-
ximalen Wandtemperaturen zwischen 1 Uhr und 2 Uhr Position auf der dem Lachenfeuer
zugewandten Behälterseite befinden.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 90

Wertebereich

618
579
539
500
460
421
381
342
302
262
183

Abbildung 7.21: Temperaturfeld in der Behälterwand des Behälters mit Propaninhalt zum
Zeitpunkt des Berstens (dLache = 10 m, xLache = 2 m, Anfangsfüllstand 80%)

Die Versagensbedingung ergibt sich im Schnittpunkt des in der Behälterwand erzeugten


Spannungsverlaufs und des mit der Temperatur abnehmenden Festigkeitsverlaufs des
Behälterwerkstoffs (s. Kapitel 6.3). Die Verläufe der Tangentialspannung in der Behälter-
wand und der Zugfestigkeit des Behälterwerkstoffs sind in der Abbildung 7.22 dargestellt.
In dem Verlauf der Tangentialspannung sind die Öffnungszyklen des Sicherheitsventils
deutlich wiederzuerkennen. Durch die Öffnungszyklen des Sicherheitsventils wird der
Behälterwerkstoff einer Spannungs-Wechsel-Belastung unterworfen, die durch eine mitt-
lere Spannung σm und einer Oberspannung (+σa) und einer Unterspannung (-σa) charak-
terisiert ist:
σ = σm ± σa
Dieser modellbehafte Verlauf der Tangentialspannung rührt daher, daß die Tangential-
spannung in der Behälterwand maßgeblich durch den Druckverlauf im Behälter bestimmt
wird (s. Kapitel 6.3). Aufgrund der Dämfungseigenschaften des Behälterwerkstoffs würde
der Werkstoff diesen modellbehafteten Verlauf der Tangentialspannung (Abbildung 7.22)
nicht ausführen. Die Dämpfungseigenschaften des Behälterwerkstoffs und das Festig-
keitsverhalten des Werkstoffs unter einer Spannungs-Wechsel-Belastung wurden in der
Berechnung der Spannungsverteilung in der Behälterwand jedoch nicht berücksichtigt, da
die Erfassung dieser Vorgänge von sehr vielen Einflußfaktoren abhängt und recht schwie-
rig ist.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 91

Tangentialspannung
Zugfestigkeit

600

500

400
Spannung [N/mm²]

300

Behälterbersten
200

100
0 10 20 30 40 50 60 70 80
Zeit [min]

Abbildung 7.22: Verlauf der Tangentialspannung und der Zugfestigkeit in der Behälterwand
(dLache = 10 m, xLache = 2 m)

Aus der Sicht der Sicherheitstechnik wird als Versagensbedingung für alle berechneten
Behälter, die diesen modellbehafteten Spannungsverlauf zeigen, eine aus der Oberspan-
nung der Tangentialspannung extrapolierte Gerade, d.h. σ = σm + σa , als ein „extrapo-
lierter Spannungsverlauf“ für die Versagensbedingung zugrunde gelegt. Die Versagens-
bedingung ergibt sich dann im Schnittpunkt des extrapolierten Spannungsverlaufs und
dem temperaturabhängigen Verlauf der Zugfestigkeit des Behälterwerkstoffs. Durch diese
Vorgehensweise wird die Berstzeit zu kürzeren Zeiten abgeschätzt. In diesem konkreten
Fall birst der Behälter nach ca. 73 min anstatt nach 76 min.

7.3.2 Einfluß der Flammentemperatur


Um den Einfluß der Flammentemperatur abzuschätzen wurden zwei Brandmedien – Ben-
zin (TFlamme = 1240 K) und Methanol (TFlamme = 1123 K) – als Lacheninhalt untersucht.
Durch ein anderes Brandmedium mit einer anderen Flammentemperatur und Verbren-
nungrate ergeben sich zusätzlich zu der unterschiedlichen Strahlungsemission der Flam-
me auch unterschiedliche Flammenhöhen, die einen Einfluß auf die Einstrahlzahl haben.
Da Methanol eine geringere Flammentemperatur und eine geringere spezifische Ver-
brennungsrate besitzt als Benzin, ist der Wärmeeintrag aus der brennenden Methanolla-
che in den Behälter geringer als durch die Benzinlache. Durch die geringere Flammenhö-
he für die Methanollache ergibt sich auch eine geringere Einstrahlzahl, die wiederum den
Wärmeeintrag zusätzlich verringert. Abbildung 7.23 zeigt den Druckverlauf in den mit
Propan gefüllten Behältern für den Wärmeeintrag aus einer Benzin- und einer Methanol-
lache bei gleichem Lachendurchmesser und gleicher Entfernung der Lachen vom Behäl-
ter.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 92

Methanol
Benzin

19

18

17
Druck abs. [bar]

16

15

14

13
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160 170
Zeit [min]

Abbildung 7.23: Einfluß des Brandmediums auf den Druckverlauf im Behälter mit Propanin-
halt (dLache = 10 m, xLache = 2 m, Anfangsfüllstand 50%)

Aus der Abbildung ist zu erkennen, daß durch die höhere Flammentemperatur von Benzin
und dem damit verbundenen höheren Wärmeeintrag in die Behälter der Druck in diesen
Behältern schneller ansteigt. Die Öffnungszyklen des Sicherheitsventils sind durch den
höheren Wärmeeintrag zu kürzeren Zeiten verschoben. Das liegt daran, daß in diesen
Fällen der Ansprechdruck des Sicherheitsventils schneller erreicht wird. Der durch Benzin
aufgeheizte Behälter birst nach ca. 80 min nach Brandbeginn, wohingegen der durch die
brennende Methanollache aufgeheizte Behälter nicht zum Bersten kommt. Nach ca. 160
min stellt sich in diesem Behälter ein stationärer Zustand ein, indem der Druck im Behäl-
ter nicht mehr ansteigt. Das Sicherheitsventil ist für den Wärmeeintrag aus der Metha-
nollache ausreichend bemessen, um einen weiteren Druckanstieg im Behälter und einen
Anstieg der Wandtemperatur zu vermeiden. Für beide Brandmedien ist der Verlauf der
maximalen Temperatur in der Behälterwand in Abbildung 7.24 dargestellt.
Erwartungsgemäß ist zu erkennen, daß sich in dem durch die höhere Flammentempera-
tur des Benzins aufgeheizten Behälter wesentlich schneller deutlich höhere Temperaturen
in der Behälterwand einstellen, die dann schließlich das Versagen des Behälters einleiten.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 93

Methanol
Benzin

700

600

500
Temperatur [°C]

400

300

200

100

0
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160 170
Zeit [min]

Abbildung 7.24: Einfluß des Brandmediums auf den maximalen Temperaturverlauf in der
Behälterwand des Behälters mit Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m,
Anfangsfüllstand 50%)

Um den Einfluß der Flammentemperatur doch noch abschätzen zu können, wurde der
allgemeine Ansatz aus dem Zylinder-Flammenstrahlungsmodell, nach dem Kohlenwas-
serstoffbrände mit einer Flammentemperatur von TFlamme = 900 °C und einem Emissions-
vermögen der Flamme von ε = 0.9 berechnet werden können, für die Benzinlache ange-
wendet. Auch für die Flammentemperatur von TFlamme = 900 °C, d.h. eine Strahlungsin-
tensität der Flamme von 100 kW/m2, reicht der Wärmeeintrag nicht aus, um die unter-
suchten Behälter zum Bersten zu bringen. Die Behälter werden durch das Druckentla-
stungsventil sicher entlastet, bis die gesamte Flüssigphase verdampft ist. Anschließend
stellt sich in dem Behälter ein stationärer Zustand ohne weiteren Druckanstieg ein (Abbil-
dung 7.25). Die durch den Wärmeeintrag erreichten maximalem Wandtemperaturen lie-
gen unter den für ein Bersten dieser Behälter durch einen entfernten Brand erforderlichen
Temperaturen (Abbildung 7.26). An dieser Stelle wird deutlich, daß unter zugrunde legen
des Ballenstrahlungsmodells mit einer Flammentemperatur von 630 °C [Schönbucher und
Brötz et al.] keiner der untersuchten Behälter geborsten wäre.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 94

20%
60%
80%

19

18

17
Druck abs. [bar]

16

15

14

13
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160 170 180 190
Zeit [min]

Abbildung 7.25: Einfluß der Flammentemperatur auf den Druckverlauf im Behälter mit Pro-
paninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m, TFlamme = 900 °C)
20%
60%
80%

600

500

400
Temperatur [°C]

300

200

100

0
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160 170 180 190
Zeit [min]

Abbildung 7.26: Einfluß der Flammentemperatur auf den maximalen Temperaturverlauf in


der Behälterwand im Behälter mit Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m,
TFlamme = 900 °C)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 95

In [Hägglung and Persson] sind für ein Lachenbrand mit Benzin Strahlungsemissionen an
der Flammenoberfläche von E = 60 –130 kW/m2 (max.) gemessen worden. Der angege-
bene maximale Wert für die Strahlungsemission ergibt einen Wert für die Flammentem-
peratur von TFlamme = 1273 K. Zur Abschätzung des Einflusses der Flammentemperatur
wurde für die Berechnungen daher als maximale Flammentemperatur dieser Wert zu
Grunde gelegt. Abbildung 7.27 zeigt den Einfluß der Flammentemperatur auf den Druck-
verlauf im Behälter bei sonst gleichen Bedingungen. Um die Übersicht zu erhalten, sind
nur die Druckverläufe für die Füllstände 20% und 80% dargestellt.

1240 K-20%
1240 K-80%
1273 K-20%
1273 K-80%

24

23

22

21

20
Druck abs. [bar]

19

18

17

16

15

14

13
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110
Zeit [min]
Abbildung 7.27: Einfluß der Flammentemperatur auf den Druckverlauf im Behälter mit Pro-
paninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m)

Der Einfluß der Flammentemperatur zeigt sich mit gravierenden Auswirkungen insbeson-
dere für hohe Anfangsfüllstände im Behälter. Aus den Druckverläufen ist zu erkennen,
daß der mit einer Flammentemperatur von 1273 K aufgeheizte Behälter mit einem Füll-
stand von 80% in einer relativ kurzen Zeit (nach ca. 39 min nach Brandbeginn) bei einem
Druck von ca. 24 bar absolut birst. Dieser Behälter birst mit den Auswirkungen eines
BLEVE, da sich zu diesem Zeitpunkt noch ca. 2450 kg (Anfangsmasse ca. 4105 kg) Pro-
pan im Behälter befinden, die spontan freigesetzt werden. Da die Temperatur der Flüs-
sigphase zum Zeitpunkt des Berstens mit T = 66 °C größer ist als die Überhitzungstem-
peratur des Propans von Tsl = 53 °C nach [Reid 1976, 1980] ist ein BLEVE mit allergröß-
ter Sicherheit gegeben (vgl. Kapitel 5.2). Im Gegensatz zu allen anderen simulierten Be-
hältern wird das Bersten dieses Behälters durch den starken Druckanstieg im Behälter
dominiert. Denn die maximale Temperatur in der Behälterwand liegt mit 440 °C weit unter
den Werten für die Behälterwandtemperaturen, bei denen weitere untersuchten Behälter
versagt haben (Abbildung 7.28). Das Versagen aller übrigen Behälter nach Tabelle 7.2 ist
primär auf die sich in der Behälterwand im Bereich der Gasphase einstellende hohe
Temperatur zurückzuführen. Eine Ausnahme zeigt sich bei dem Behälter B9 mit einem
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 96

Anfangsfüllstand von 80%. Auch dieser Behälter birst entgegen dem Verhalten aller an-
deren simulierten Behälter mit unterschiedlichen Füllständen. Das Bersten wird in diesem
Fall auch durch den starken Druckanstieg dominiert, der sich aus dem großen Wärme-
eintrag und der sich dadurch einstellenden hohen Verdampfungsrate im Behälter ergibt.
An dieser Stelle wird deutlich, welches Gefahrenpotential bei der Überfüllung von Lager-
behältern für Flüssiggas vorliegen kann.

1240 K-20%
1240 K-80%
1273 K-20%
1273 K-80%

700

600

500
Temperatur [°C]

400

300

200

100

0
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110
Zeit [min]
Abbildung 7.28: Einfluß der Flammentemperatur auf den maximalen Temperaturverlauf in
der Behälterwand im Behälter mit Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m)

7.3.3 Einfluß des Lachendurchmessers


Um den Einfluß des Lachendurchmessers abzuschätzen, wurden Lachendurchmesser
von 2.5 m bis 25 m untersucht. Exemplarisch wird nur der Einfluß der Lachendurchmes-
ser dLache= 10 m, dLache= 15 m und dLache= 20 m graphisch dargestellt. Da der Lachen-
durchmesser direkt in die Berechnung der Flammenhöhe eingeht, ändert sich auch die
Einstrahlzahl zwischen der Flamme und dem bestrahlten Behälter. Mit steigendem La-
chendurchmesser wird die Flammenlänge größer, damit wird auch die Einstrahlzahl grö-
ßer. Mit einer größeren Einstrahlzahl wird auf den Behälter letztendlich mehr Wärme
übertragen. Das macht sich im Druckverlauf im Behälter und in dem Verlauf der Wand-
temperatur des Behälters bemerkbar. Abbildungen 7.29 und 7.30 zeigen den Druckver-
lauf im Behälter und den Verlauf der maximalen Temperatur in der Behälterwand in Ab-
hängigkeit vom Lachendurchmesser für einen zu 50% gefüllten Behälter, der sich in ei-
nem Abstand von 3 m zum Lachenbrand befindet. Aus den vorangegangenen Überle-
gungen steigt der Druck im Behälter bei der Aufheizung durch größere Lachendurchmes-
ser schneller auf höhere Werte an. In Verbindung mit der sich einstellenden höheren
Wandtemperatur bersten diese Behälter in einer kürzeren Zeit. Der durch die brennende
Benzinlache mit einem Durchmesser von 10 m aufgeheizte Behälter kommt nicht zum
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 97

Bersten. Die durch diesen Wärmeeintrag erreichten Temperaturen in der Behälterwand


liegen unter den für das Versagen dieser Behälter erforderlichen Temperaturen bei die-
sem Druck im Behälter. Nach ca. 140 min stellt sich in diesem Behälter ein stationärer
Zustand ein, in dem der Druck im Behälter und die Temperatur in der Behälterwand nicht
mehr steigen. Durch eine konstante Temperatur in der Behälterwand nimmt die Zugfe-
stigkeit des Behälterwerkstoffs nicht mehr ab (Abbildung 7.31).

10 m
15 m
20 m

19

18

17
Druck abs. [bar]

16

15

14

13
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160
Zeit [min]

Abbildung 7.29: Einfluß des Lachendurchmessers auf den Druckverlauf im Behälter mit
Propaninhalt (xLache = 3 m, TFlamme = 1240 K, Anfangsfüllstand 50%)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 98

10 m
15 m
20 m

700

600

500
Temperatur [°C]

400

300

200

100

0
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160
Zeit [min]

Abbildung 7.30: Einfluß des Lachendurchmessers auf den maximalen Temperaturverlauf im


Behälter mit Propaninhalt (xLache = 3 m, TFlamme = 1240 K, Anfangsfüllstand
50%)
10 m
15 m
20 m

600

500
Zugfestigkeit [N/mm²]

400

300

200

100
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160 170 180 190
Zeit [min]

Abbildung 7.31: Einfluß des Lachendurchmessers auf die Abnahme der Zugfestigkeit in der
Behälterwand (xLache = 3 m, TFlamme = 1240 K, Anfangsfüllstand 50%)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 99

7.3.4 Einfluß der Entfernung


Abbildungen 7.32 und 7.33 zeigen den Einfluß der Entfernung des Behälters vom La-
chenbrand auf den Druckverlauf im Behälter und den Temperaturverlauf in der Behälter-
wand bei sonst identischen Abmessungen für das Lachenfeuer. Durch einen Lachen-
brand in einer größeren Entfernung wird weniger Wärme in den Behälter eingetragen, da
mit größerer Entfernung die Einstrahlzahl zwischen Flamme und Behälter kleiner wird.
Daraus resultieren in der gleichen Brandzeit erwartungsgemäß auch kleinere maximale
Temperaturen in der Behälterwand. Es bedarf einer längeren Zeit bis die zum Versagen
erforderlichen maximalen Wandtemperaturen erreicht werden. Aus diesem Grund bersten
die Behälter in größerer Entfernung später. Der Behälter in einer Entfernung von 5 m von
dem Lachenrand kommt nicht zum Bersten, da der Wärmeeintrag nicht ausreichend ist,
um den Behälter zum Versagen zu bringen. Die Wandtemperatur im Gasraum liegt unter
den für das Versagen des Behälters erforderlichen Temperaturen in Kombination mit dem
Behälterinnendruck (Abbildung 7.33). Es stellt sich auch in diesem Fall ein stationärer
Zustand nach ca. 140 min in dem Behälter ein.

5m
4m
3m

19

18

17
Druck abs. [bar]

16

15

14

13
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150
Zeit [min]

Abbildung 7.32: Einfluß der Entfernung des Behälters vom Lachenbrand auf den Druckver-
lauf im Behälter mit Propaninhalt (dLache = 20 m, TFlamme = 1240 K, An-
fangsfüllstand 50%)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 100

5m
4m
3m

700

600

500
Temperatur [°C]

400

300

200

100

0
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150
Zeit [min]

Abbildung 7.33: Einfluß der Entfernung des Behälters vom Lachenbrand auf den maximalen
Temperaturverlauf in der Behälterwand (dLache = 20 m, TFlamme = 1240 K,
Anfangsfüllstand 50%)

7.3.5 Einfluß der Stoffeigenschaft


Um den Einfluß der Stoffeigenschaften zu verdeutlichen sind die Fälle nach Tabelle 7.2
mit Ammoniak als Behälterinhalt berechnet worden. Abbildungen 7.34 und 7.35 zeigen
die Verläufe des Behälterdrucks der mit Propan oder Ammoniak gefüllten Behälter bei
sonst gleichen Bedingungen. Zur Erhaltung der Übersicht sind nur die Verläufe für die
Füllstände von 20% und 80% dargestellt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 101

Abbildung 7.34: Druckverlauf im mit Propan gefüllten Behälter (xLache = 2 m, dLache = 10 m).

Abbildung 7.35: Druckverlauf im Ammoniak gefüllten Behälter (xLache = 2 m, dLache = 10 m).


In der Abbildung ist nur die Zeit bis 160 min Branddauer dargestellt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 102

Aufgrund des höheren Dampfdrucks von Ammoniak spricht das Sicherheitsventil bei dem
mit Ammoniak gefüllten Behälter schneller an, da der Ansprechdruck des Sicherheitsven-
tils schneller erreicht wird. Die Entlastungsvorgänge dauern anschließend so lange an,
bis die zum Bersten der Behälter notwendigen Temperaturen in der Behälterwand erreicht
werden. Die Öffnungszyklen des Sicherheitsventils während der Druckentlastung sind in
der Abbildung 7.35 deutlich zu sehen. Der mit Propan gefüllte Behälter mit einem An-
fangsfüllstand von 80% birst nach ca. 109 min bei einem Absolutdruck von 16.4 bar nach
einer Dauer des ersten Druckentlastungsvorgangs des Sicherheitsventils von über 70
min. Der mit Ammoniak gefüllte Behälter mit demselben Anfangsfüllstand birst nach ca.
375 min bei einem Druck im Behälter von ca. 16.3 bar absolut. Das ist auf die Stoffwerte
von Ammoniak zurückzuführen, die im Kapitel 7.2.4 bereits erläutert wurden. Aufgrund
der höheren spezifischen Wärmekapazität des Ammoniaks resultiert bei gleichem Wär-
meeintrag von außen einerseits eine geringere Temperaturerhöhung im Ammoniak, die
maßgeblich für den Druck im Behälter ist. Andererseits stellt sich aufgrund der höheren
Verdampfungsenthalpie des Ammoniaks ein geringerer Verdampfungsmassenstrom ein.
Zur Verdeutlichung des Einflusses der Verdampfungsenthalpie sind die Verläufe der Ver-
dampfungsmassenströme für Propan und Ammoniak in den zu 80% gefüllten Behältern in
Abbildung 7.36 dargestellt.

1.2
Verdampfungsmassestrom [kg/s]

1 Propan

0.8

0.6

0.4 Ammoniak

0.2

0
5 55 105 155 205 255
Zeit [min]

Abbildung 7.36: Vergleich der Verdampfungsmassenströme von Propan und Ammoniak


(xLache = 2 m, dLache = 10 m, Anfangsfüllstand 80%)

Abbildung 7.37 zeigt die Verläufe der maximalen Temperaturen in der Behälterwand. Aus
dieser Abbildung ist zu erkennen, daß die mit Ammoniak gefüllten Behälter in einer kürze-
ren Zeit höhere maximale Temperaturen in der Behälterwand erreichen. Wie bereits in
Kapitel 7.2.4 erläutert, liegt das an dem kleineren Wärmeübergangskoeffizienten in der
Gasphase für Ammoniak. Während des Druckentlastungsvorgangs wird die Gasphase in
dem Ammoniak gefüllten Behälter über eine kontinuierliche Zeit durch die verdampfende
Flüssigphase und hauptsächlich durch längere Entspannungszeiten durch das Sicher-
heitsventils im Vergleich zur Druckentlastung des Propans gekühlt. Dadurch kann ein
größerer Wärmestrom von der Behälterwand in das Gas strömen. Das führt dazu, daß
die Temperatur in der Behälterwand nur langsam ansteigt. Erst nachdem nur noch sehr
wenig Flüssigphase im Behälter enthalten ist, steigt die Temperatur in der Behälterwand
wie erwartet stärker an und der Behälter birst nach kurzer Zeit.
Für den zu 80% gefüllten Behälter mit Propan bleibt die maximale Temperatur in der Be-
hälterwand in der ersten Öffnungsphase des Sicherheitsventils deutlich unter der Wand-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 103

temperatur des mit Ammoniak gefüllten Behälters mit gleichem Anfangsfüllstand. Das
liegt an der Abkühlung der Gasphase während des Entlastungsvorganges, die einen grö-
ßeren Wärmestrom von der Behälterwand in das Gas zur Folge hat. Erst nachdem das
Sicherheitsventil kürzere Öffnungszyklen erreicht, steigt die Wandtemperatur in dem mit
Propan gefüllten Behälter stärker an. Durch die kürzeren Öffnungszyklen des Sicher-
heitsventils kann sich die Gasphase nicht mehr so stark abkühlen, so daß die Gastempe-
ratur im Behälter ansteigt (Abbildung 7.38). Eine höhere Gastemperatur hat einen kleine-
ren Wärmestrom von der Behälterwand in die Gasphase zur Folge, weil die treibende
Temperaturdifferenz zwischen der Behälterwand und der Gasphase kleiner wird. Dadurch
wird mehr Energie in der Behälterwand gespeichert, so daß dessen Temperatur stärker
ansteigt.

Propan-20%
Propan-80%
Ammoniak-20%
Ammoniak-80%

700

600

500
Temperatur [°C]

400

300

200

100

0
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 110 120 130 140 150 160
Zeit [min]
Abbildung 7.37: Einfluß der Stoffeigenschaft auf den maximalen Temperaturverlauf in der
Behälterwand (xLache = 2 m, dLache = 10 m). In der Abbildung ist nur die Zeit
bis 160 min Branddauer dargestellt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 104

Propan
Ammoniak

300
Temperatur [°C]

200

100

0
0 100 200 300
Zeit [min]

Abbildung 7.38: Verlauf der Temperatur der Gasphase (xLache = 2 m, dLache = 10 m, An-
fangsfüllstand 80%)

7.3.6 Vergleichende Diskussion der Ergebnisse


Im Gegensatz zur Unterfeuerung der Behälter zeigt sich bei der Aufheizung der Behälter
durch einen entfernten Lachenbrand eine nicht zu vernachlässigende Abhängigkeit der
Zeit bis zum Behälterbersten vom Anfangsfüllstand (Abbildung 7.39). Bis auf den Behälter
B9 mit einem Anfangsfüllstand von 80% bersten alle Behälter, nachdem die Flüssigphase
komplett verdampft ist. Die wesentlichen Simulationsergebnisse zum Zeitpunkt des Be-
hälterberstens sind im Anhang A6 zusammengefaßt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 105

B14
B4
B7
160 B11
B12
150 B3
B8
140 B9

130

120

110

100

90
Zeit [min]

80

70

60

50

40

30

20

10

0
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
Füllstand [%]

3
Abbildung 7.39: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf die Berstzeit des 11 m Behälters (Be-
hälterinhalt: Propan)

Wie aus der Abbildung 7.39 zu sehen ist, variieren die Berstzeiten von 41 min (B9-20%
Anfangsfüllstand) bis 152 min (B14- 80% Anfangsfüllstand) nach Brandbeginn, da sich je
nach Flammengeometrie und Entfernung der Behälter zum Lachenbrand unterschiedliche
maximale Bestrahlungsstärken am Behälter ergeben. Für die erforderlichen Branddauern
bis zum Behälterbersten sind ausgelaufene Benzinvolumina von ca. 90 m3 und 330 m3 für
einen kreisförmigen Lachendurchmesser von dLache = 25 m notwendig. Die sich einstel-
lenden maximalen Bestrahlungsstärken mit den zugehörigen Einstrahlzahlen sind in Ta-
belle 7.4 zusammengefaßt.

Behälter B9 B8 B4 B12 B7 B3 B11 B14

ϕ12-max 0.577 0.546 0.536 0.517 0.503 0.488 0.483 0.469


q max
2
70 66 64 62 60 58 57 56
[kW/m ]
Tabelle 7.4: Maximale Einstrahlzahlen und Bestrahlungsstärken am Behälter (TFlamme = 1240 K)

Im Gegensatz zu allen übrigen simulierten Fällen wird das Bersten des Behälters B9 mit
einem Anfangsfüllstand von 80% durch den starken Druckanstieg im Behälter dominiert,
der sich aus dem größeren Wärmeeintrag und der sich einstellenden höheren Verdamp-
fungsrate im Behälter ergibt. Das Versagen aller übrigen Behälter ist primär auf die sich
in der Behälterwand einstellenden hohen Temperaturen im Gasraum zurückzuführen. Alle
Behälter, bis auf den zu 80% gefüllten Behälter B9, bersten bei maximal dem Ansprech-
druck des Sicherheitsventils (Abbildung 7.40). Allein der Behälter B9 mit einem Anfangs-
füllstand von 80% explodiert mit den Auswirkungen eines BLEVE.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 106

B9-80%

Abbildung 7.40: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf den Berstdruck des Behälters (Behälte-
rinhalt: Propan)

Ausgehend von diesen Ergebnissen kann angenommen werden, daß alle Behälter, mit
Ausnahme von Behältern mit einem Anfangsfüllstand von ≥ 80% und einer Bestrahlungs-
stärke ≥ 70 kW/m am Behälter, bei maximal dem Ansprechdruck des Sicherheitsventils
2

versagen werden. Für den zu 80% gefüllten Behälter zeigt sich aus den Simulationen des
Behälterberstens durch Aufheizung mit Flammentemperaturen von 1240 K und 1273 K,
daß diese Behälter bei maximal dem 1.5-fachen des Ansprechdrucks des Sicherheitsven-
tils bersten. Aus diesen Ergebnissen können für den Berstdruck der Behälter infolge Auf-
heizung durch einen entfernten Lachenbrand folgende Beziehungen abgeleitet werden.
pBerst = pset

Für die im Rahmen der vorliegenden Arbeit untersuchten Behälter ergibt sich zusätzlich:
pBerst = 1.5 * pset  max ≥ 70 kw / m 2 .
für Anfangsfüllstände ≥ 80% und q
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 107

7.4 Entwicklung dimensionsloser Kenngrößen


Um die Anzahl der abhängigen Variablen für das Behälterversagen- insbesondere bei der
Aufheizung der Behälter durch einen entfernten Lachenbrand - zu reduzieren, wurde der
Versuch unternommen, durch eine Dimensionsanalyse dimensionslose Kenngrößen zu
entwickeln. Die Dimensionsanalyse sollte Hinweise liefern, die abhängigen Variablen zu
ordnen und in einem Diagramm aufzutragen. Ziel war es, durch eine allgemeine Auftra-
gung den Bereich potentieller Domino-Effekte zu identifizieren. Folgender Grundgedanke
lag der Dimensionsanalyse zu Grunde:
Bersten = f (Strahlungsemission der Flamme, Abstand, Brandzeit, Behälterinhalt)

Flammentemperatur*Flammenfläche

Lachendurchmesser*Flammenhöhe

Lachendurchmesser, Verbrennungsrate
Unter der Annahme des Produktes aus Masse und spezifischer Wärmekapazität des
Stoffs (m*cp) als dominanter Faktor für den Behälterinhalt und der Berstzeit als erforderli-
che Mindest-Brandzeit für das Behälterbersten, folgt folgender Zusammenhang:
 ′Abbr
Bersten = f (TFlamme, xLache, dLache, tBerst, m ′ , mPropan, cp,Propan)
Für die Dimensionsanalyse werden die Dimensionen der vorkommenden Größen relativ
zu den üblichen Grundgrößen wie Länge l, Zeit t, Masse m und Temperatur T bestimmt
und in einer Dimenionsmatrix zusammengefaßt. Die nachfolgend dargestellte Matrix ist
die durch Äquivalenztransformation umgeformte Dimensionsmatrix, die in der linken Un-
termatrix nur Einsen in der Hauptdiagonalen enthält.

xLache tBerst mPropan TFlamme dLache cp,Propan  ′Abbr


m ′
l 1 0 0 0 1 2 -2
t 0 1 0 0 0 -2 -1
m 0 0 1 0 0 0 1
T 0 0 0 1 0 -1 0

Aus der Dimensionsmatrix lassen sich durch Koeffizientenvergleich folgende dimensi-


onslose Größen für das Behälterbersten ableiten:
dLache
π1 =
x Lache
2
c p,Pr opan TFlamme t Berst
π2 = 2
(7.2 – 7.4)
x Lache
 ′Abbr
m ′ x Lache
2
t Berst
π3 =
mPr opan

Es können drei verschiedene Beziehungen der dimensionslosen Größen aufgestellt wer-


den.
(1) π1 = f(π2, π3) , (2) π2 = f(π1, π3) (3) π3 = f(π1, π2)
Um einen möglichst einfachen funktionalen Zusammenhang zwischen den dimensionslo-
sen Größen für jede mögliche Beziehung zu erhalten, wurden unter Anwendung multiva-
riater Regressionsanalysen für alle drei Beziehungen Regressionsparameter ermittelt. Die
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 108

Vorgehensweise wird für die Kombination (2) π2 = f(π1, π3), aus der das größte Bestimmt-
heitsmaß der Regression ermittelt werden konnte, kurz skizziert.
Annahme: π2 = a*π1 *π3
b c
à y = a*x1b*x2c
ln y = lna + b*ln x1 + c ln*x2
y* = lna + b*x1* + c*x2*
Nach der multivariaten Regression ergeben sich für die Parameter folgende Werte:
14
a = 1.09*10 , b = -1,367, c = -0.675
Die Abbildung 7.40 zeigt die Auftragung der Funktion π2 = a*π1 *π3 mit den aus der Re-
b c

gressionsanalyse ermittelten Parametern, wobei nur die Versuchsergebnisse für Behälter


mit Propaninhalt ausgewertet worden sind. Zusätzlich ist eine Trendlinie für die berech-
neten Werte in der Abbildung dargestellt.

7E+13
6E+13
π2 = 7.7.10-14.Y2 – 1.03.Y + 9.98.1012
5E+13
4E+13
pi 2

π2 3E+13
2E+13
1E+13
0
0 5E+12 1E+13 1.5E+13 2E+13 2.5E+13 3E+13 3.5E+13

= 1.09 1014 π1(-1.367)*pi


π3-0.675
. . -1.367 .
Y=(1.09E+14)*pi
Y 1 3(-0.675)

Abbildung 7.41: Auftragung ermittelter dimensionsloser Größen

Aus der Abbildung ist zu erkennen, daß die berechneten Werte noch streuen. Die Streu-
ung ist insbesondere auf den Füllstand im Behälter, der sich in der dimensionslosen Grö-
ße π3 bemerkbar macht (π3~m~Füllstand), und auf die unterschiedlichen Bestrahlungs-
stärken am Behälter, deren Abhängigkeit in der dimensionslosen Größe π2 deutlich wird
(π2~TFlamme~ q ), zurückzuführen.

7.4.1 Rückrechnung der Berstzeit aus den Ergebnissen der Regressionsanalyse


Mit den Ergebnissen der Regressionsanalyse und der zusätzlich ermittelten Trendlinie mit
der Gleichung
π2 = 7.7 10 Y – 1.03 Y + 9.98 10
. -14. 2 . . 12
(7.5)
für die dimensionslose Kenngröße π2 wurden durch Rückrechnung die Zeit bis zum Ber-
sten der Behälter ermittelt, um die Güte der Trendrechnung zu demonstrieren. Die Zeit
bis zum Bersten wird über die Gleichung 7.3 für die dimensionslose Kenngröße π2 wie
folgt berechnet.

π 2 x Lache
2
t Berst = (7.6)
c p,Pr opan TFlamme
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 109

Beispielhaft wird die Güte der Trendrechnung für zwei Werte Y1 und Y2 gezeigt.

Y π2 nach Gl. (7.3) tBerst nach Gl. (7.6) tBerst simuliert Abweichung
. 12 . 12
8.58 10 6.86 10 92 min 128 min - 39 %
. .
2.45 1013 3.13 1013 97 min 109 min -11 %
(cp,Propan = 2960 J/(kg K), TFlamme = 1240 K)

Aus der Tabelle wird deutlich, daß die Wirkung der Streuung bei kleinen Werten für Y
besonders hoch ist. Für große Y-Werte dagegen fällt die Wirkung der Streuung nicht sehr
stark ins Gewicht. Es zeigt sich sogar eine relativ gute Tendenz, um die Berstzeiten der
Behälter vorauszusagen.
Über diese Vorgehensweise war es nicht möglich, einen Bereich potentieller Domino-
Effekte eindeutig zu identifizieren. Es konnte jedoch gezeigt werden, daß eine Tendenz
für einen einfachen funktionalen Zusammenhang der Einflußgrößen vorhanden ist. In
dieser Richtung muß noch weitergearbeitet werden.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 110

8 Untersuchung der Auswirkungen für Propan


8.1 Auswirkungen durch die Unterfeuerung
Wie in Kapitel 7.2 bereits gezeigt, sind bei Unterfeuerung alle untersuchten Behälter, bis
auf die durch eine Flammentemperatur von 600°C aufgeheizten Behälter mit einem An-
fangsfüllstand von 20%, 40% und 50%, in einer relativ kurzen Zeit nach Brandbeginn ge-
borsten. Die Temperaturen in der Flüssigphase beim Bersten lagen deutlich über der
Überhitzungstemperatur von Propan (Tsl = 53 °C nach [Reid 1980]). Mit den Ausführun-
gen nach Kapitel 5.2 zu den Grundlagen des BLEVE ist das Bersten der Behälter mit den
Auswirkungen eines BLEVE mit Sicherheit gegeben. Aus dem Bersten werden Gefahren
durch den Trümmerflug, die Druckwelle der Explosion und den Feuerball resultieren. Wie
bereits in Kapitel 5.2 begründet, werden die Auswirkungen durch den Feuerball für das
Auftreten von Domino-Effekten nicht berücksichtigt. Die zur Abschätzung der Auswirkun-
gen erforderlichen wesentlichen Ergebnisse zum Zeitpunkt des Berstens sind im Anhang
A6 zusammengefaßt. Die Berechnung der Explosionsüberdrucks und der Trümmerflug-
weite erfolgt nach den in den entsprechenden Abschnitten des Kapitels 5.2 vorgestellten
Berechnungsgleichungen in Excel.
Die Untersuchung der Auswirkungen beschränkt sich auf die mit Propan gefüllten Behäl-
ter, da die gespeicherten Energien in diesen Behältern aufgrund der Stoffdaten deutlich
höher sind als in den Ammoniak gefüllten Behältern.

8.1.1 Auswirkungen durch die Druckwelle


Da bisher keine Grenzkriterien für den Impuls der Druckwelle vorhanden sind, wird die
Beurteilung, ob Domino-Effekte auftreten werden, allein an dem Überdruck der Druck-
welle vorgenommen. Aus den in Kapitel 4.5.1 genannten Gründen müssen jedoch mit
Hilfe dynamischer Simulationen der Explosionsdruckwirkung unter Berücksichtigung der
positiven Druckphase in Zukunft neue Grenzkriterien erarbeitet werden, um die Scha-
denswirkung an Anlagenteilen abzuschätzen.
In Abbildung 8.1 ist der Verlauf des nach Kapitel 5.2 berechneten Explosionsüberdrucks
in Abhängigkeit der Entfernung nach dem Bersten der 4.85 m3 und 11 m3 Behälter auf-
getragen. Zur Erhaltung der Übersicht sind nur die Verläufe für die Anfangsfüllstände von
20% und 80% aufgetragen. Aufgrund des größeren Behältervolumens weist der 11 m3
Behälter bei gleichem Füllstand ein größeres Gefahrenpotential auf als der 4.85 m3 Be-
hälter. Aus der Abbildung 8.1 ist deutlich zu erkennen, daß aus dem Bersten des 11 m3
Behälters höhere Explosionsüberdrücke in Abhängigkeit von der Entfernung bei gleichem
Anfangsfüllstand im Behälter auftreten. Die höchsten Explosionsüberdrücke resultieren
für den Behälter mit einem Anfangsfüllstand von 80%. Als Grenzkriterium für das Auftre-
ten von Domino-Effekten wird ein Explosionsüberdruck von pü = 160 mbar angenommen.
Mit dieser Annahme ist aus der Abbildung zu erkennen, daß sich die Domino-Effekt rele-
vanten Explosionsüberdrücke auf den Nahbereich der Behälter beschränken. Im Umkreis
von x = 56 m für den 11 m3 Behälter und x = 43 m für den 4.85 m3 Behälter sind Domino-
Effekte möglich.
Aus der Abbildung 8.2 resultiert, daß der Explosionsüberdruck für gleiche Anfangsfüll-
stände im Behälter nahezu unabhängig von der Flammentemperatur ist, mit der die Be-
hälter aufgeheizt worden sind. Obwohl die mit einer Flammentemperatur von 600 °C auf-
geheizten Behälter bei höheren Drücken bersten als die bei 800°C aufgeheizten Behälter,
resultieren aus dem Bersten nahezu gleiche Explosionsüberdrücke. Das ist darauf zu-
rückzuführen, daß die Masse der Flüssigphase in dem durch die Flammentemperatur von
600 °C aufgeheizten Behälter zum Zeitpunkt des Berstens geringer ist. Durch die längere
Branddauer bis zum Bersten konnte mehr Flüssigphase verdampfen und eine größere
Masse durch die Druckentlastung abgeführt werden. Daraus resultieren mit den Glei-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 111

chungen aus Kapitel 5.2.1.2 nahezu gleiche Explosionsenergien. An dieser Stelle wird die
Bedeutung der Spontanverdampfung der Flüssigphase während des Behälterberstens
deutlich, die zusätzlich zum Druckaufbau beiträgt. Nur im Fall des mit der Flammentem-
peratur von 800°C aufgeheizten Behälters mit einem Anfangsfüllstand von 20% resultiert
eine deutlich größere Explosionsenergie von Eex = 3.83*108 J im Vergleich zu Eex =
2.74*108 J für den bei der Flammentemperatur von 600°C aufgeheizten Behälter, weil die
Masse der Flüssigphase zum Zeitpunkt des Berstens im mit 800 °C aufgeheizten Behäl-
ter deutlich größer ist.

3
Abbildung 8.1: Vergleich der Explosionsüberdrücke aus dem Bersten des 4.85 m Behälters
3
und des 11 m Behälters bei sonst gleichen Bedingungen (TFlamme = 800°C)
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 112

3
Abbildung 8.2: Explosionsüberdrücke aus dem Bersten der 11 m Behälter bei verschiede-
nen Anfangsfüllständen und Flammentemperaturen bei der Unterfeuerung

8.1.2 Auswirkungen durch den Trümmerflug


Die zu erwartenden Schäden an Anlagenteilen können erst mit bekannter Aufschlagener-
gie und Eindringtiefe des Trümmerstücks in Anlagenteile abgeschätzt werden. Da mit den
in [Yellow Book] empfohlenen Gleichungen einerseits weder die Aufschlagenergie noch
die Eindringtiefe der Trümmerstücke berechnet werden kann, andererseits aber auch
keine allgemein anerkannten Modelle zur Abschätzung dieser Größen vorhanden sind,
wird als Schadenskriterium die Flugweite der Trümmerstücke angenommen.
Die Flugweite der Trümmerstücke werden nach den Gleichungen aus Kapitel 5.2.2 für die
maximale gespeicherte Energie aller untersuchten Behälter abgeschätzt, da sich daraus
die maximalen Trümmerflugweiten ergeben. Durch diese Betrachtung sind die Trümmer-
flugweiten, die aus den übrigen Behältern resultieren, abgedeckt. Die maximale gespei-
cherte Energie ergibt sich für den mit einer Flammentemperatur von 600°C aufgeheizten
Behälter mit einem Anfangsfüllstand von 80% aufgrund der höheren Flüssigphasentem-
peratur. Als Trümmerstücke werden ein Behälterboden sowie ein halber abgewickelter
Behältermantel betrachtet, da bei einem Auftreffen dieser Behälterteile auf ein anderes
Anlagenteil immer eine Beschädigung vorausgesetzt werden kann. Durch diese Betrach-
tung resultieren maximal vier Trümmerstücke, die auch in [Holden and Reeves] als zu
erwartende Anzahl für Trümmerstücke aus dem Bersten von horizontalen, zylindrischen
Behältern angegeben wird (s. a. Kapitel 5.2.2.1).
Es wird angenommen, daß der Behälterboden in Richtung der Behälterachse wegge-
schleudert wird. Bei der Beschleunigung des Behälterbodens wird der Boden wie eine
Halbkugel umströmt. Die Flugweite des Behälterbodens wird daher unter der Annahme
einer taumelnden und nicht taumelnden Halbkugel abgeschätzt. Bei dem Behältermantel
wird angenommen, daß er in Längsrichtung aufreißt, sich abwickelt und dabei ein flaches
Trümmerstück bildet. Idealisiert wird von der Form einer Platte ausgegangen, die senk-
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 113

recht zur Behälterachse weggeschleudert wird. Die Flugweite des Behältermantels wird
unter der Annahme einer taumelnden und nicht taumelnden, in der Plattenebene ange-
strömten Platte ermittelt. Die Widerstandsbeiwerte für beide Trümmerstückformen wer-
den nach Kapitel 5.2.2.4 Tabelle 6.5 gewählt. Die Ergebnisse der Berechnungen sind in
Tabelle 8.1 zusammengefaßt.
Rmax [m] Rmax [m]
Trümmerstück Eav,max [J] vi,max [m/s]
(taumelnd) (nicht taumelnd)
Behälterboden m ≈ 115 kg 6.98*10
8
184 365 445
½ Behältermantel m ≈ 720 kg 6.98*10
8
184 520 320

Tabelle 8.1: Maximale Flugweite Rmax der Trümmerstücke aus dem Bersten der Behälter durch
Unterfeuerung
Aus der Tabelle ist zu ersehen, daß unter den getroffenen Annahmen in einer Entfernung
von x = 520 m senkrecht zur Behälterachse und x = 445 m in Richtung der Behälterachse
mit potentiellen Domino-Effekten zu rechnen ist. Es wird deutlich, daß die Auswirkungen
durch Trümmerflug nicht auf den Nahbereich beschränkt sind, sondern auch im Fernbe-
reich wirksam werden.

8.2 Auswirkungen durch den entfernten Lachenbrand


Wie in Kapitel 7.3.6 bereits darauf hingewiesen, versagen die durch einen entfernten La-
chenbrand aufgeheizten Behälter, bis auf den Behälter B9 mit einem Anfangsfüllstand
von 80%, bei maximal dem Ansprechdruck des Sicherheitsventils, nachdem die gesamte
Flüssigphase im Behälter verdampft ist. Zum Zeitpunkt des Berstens befindet sich in die-
sen Behältern damit nur noch Gasphase. Aufgrund des geringeren Berstdrucks - im Ver-
gleich zu den Berstdrücken bei der Unterfeuerung – und der lokalen Schwächung der
Festigkeit der Behälterwand durch sehr hohe Wandtemperaturen am Ort der maximalen
Einstrahlzahl (s. Kapitel 7.3) wird davon ausgegangen, daß diese Behälter nicht unter
Bildung von Trümmerstücken bersten, sondern am Ort der maximalen Einstrahlzahl nur
aufreißen werden. Dieses Verhalten zeigte sich bei einem Unfall im Landkreis Wolfen-
büttel, bei dem ein 2.7 m3 Flüssiggaslagerbehälter durch einen Brand seitlich zum Be-
hälter aufgeheizt wurde [Schadensprisma]. Unter der Brandeinwirkung versagte der Be-
hälter, ohne dabei Trümmerstücke zu bilden. Es kam lediglich zu einem Längsriß im Be-
hältermantel auf der dem Brand zugewandten Behälterseite. Der Behälter B9 mit einem
Anfangsfüllstand von 80% wird dagegen mit den Auswirkungen eines BLEVE bersten, da
dessen Flüssigphasentemperatur zum Zeitpunkt des Berstens mit Tfl = 65 °C größer ist
als die Überhitzungstemperatur des Propans mit Tsl = 53 °C. In diesem Fall wird es zum
Trümmerflug kommen. Für diesen Behälter wird die gespeicherte Energie im Behälter mit
den Gleichungen nach Kapitel 5.2.1.2 ermittelt. Für alle übrigen Behälter sind die Glei-
chungen nach Kapitel 5.2.1.1 zur Ermittlung der gespeicherten Energie im Behälter an-
zuwenden. Zur Abschätzung der Auswirkungen erforderlichen wesentlichen Ergebnisse
zum Zeitpunkt des Berstens sind im Anhang A6 zusammengefaßt.
Die Untersuchung der Auswirkungen durch den entfernten Lachenbrand beschränken
sich aus den gleichen Gründen wie bei der Untersuchung der Auswirkungen durch Un-
terfeuerung ebenfalls auf Behälter mit Propaninhalt.

8.2.1 Auswirkungen durch die Druckwelle


Aus dem selben Grund, wie er im Kapitel 8.1.1 erläutert ist, beschränkt sich die Beurtei-
lung des möglichen Auftretens von Domino-Effekten allein auf den Überdruck der Druck-
welle der Explosion.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 114

Abbildung 8.3 zeigt den Verlauf des Explosionsüberdrucks in Abhängigkeit der Entfer-
nung nach dem Bersten der nur noch mit Gasphase gefüllten Behälter und der zum Zeit-
punkt des Berstens mit Gasphase und Flüssigphase gefüllten Behälters B9-80%. Da der
Behälter B9-80% bei einem deutlich höheren Druck birst, resultieren aus diesem erwar-
tungsgemäß höhere Explosionsüberdrücke. Die Domino-Effekt relevanten Explosions-
überdrücke bleiben auch in diesem Fall auf den Nahbereich beschränkt.

3
Abbildung 8.3: Explosionsüberdruck aus dem Bersten der 11 m Behälter

8.2.2 Auswirkungen durch den Trümmerflug


Bei der Aufheizung durch einen entfernten Lachenbrand kommt es bei den untersuchten
Behältern nur im Fall des zu 80% gefüllten Behälters zu einem BLEVE mit Trümmerflug.
Die Trümmerflugweiten werden unter den gleichen Annahmen wie beim Behälterbersten
durch Unterfeuerung bestimmt. Die Ergebnisse der Berechnungen sind Tabelle 8.2 zu-
sammengefaßt.

Rmax [m] Rmax [m]


Trümmerstück Eav,max [J] vi,max [m/s]
(taumelnd) (nicht taumelnd)
Behälterboden m ≈ 115 kg 3.46*10
8
130 300 355
½ Behältermantel m ≈ 720 kg 3.46*10
8
130 405 260

Tabelle 8.2: Maximale Flugweite Rmax der Trümmerstücke aus dem Bersten der Behälter durch
einen entfernten Lachenbrand

Aus der Tabelle ist zu sehen, daß bei dem Bersten dieses Behälters in einer Entfernung
von x = 405 m senkrecht zur Behälterachse und x = 355 m in Richtung der Behälterachse
mit potentiellen Domino-Effekten zu rechnen ist. In diesem Fall wird ebenfalls deutlich,
daß die Auswirkungen durch Trümmerflug auch im Fernbereich wirksam werden.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 115

8.3 Auswirkungen durch die Freisetzung aus dem Sicherheitsventil


In diesem Kapitel werden nur die Auswirkungen einer Gaswolkenexplosion infolge der
Gasfreisetzung aus dem Sicherheitsventil während der Druckentlastung betrachtet. Aus-
wirkungen des brennenden Freistrahls, der aus der Freisetzung aus dem Sicherheitsventil
und sofortiger Entzündung des Freistrahls resultieren kann, werden nicht betrachtet.
Da sich das ausströmende Gas aus dem Sicherheitsventil im Fall der Unterfeuerung so-
fort nach der Freisetzung entzünden wird, kommen für die Abschätzung der Auswirkun-
gen einer Gaswolkenexplosion die Freisetzungen aus dem Sicherheitsventil, der durch
einen entfernten Brand aufgeheizten Behälter, in Frage. Es wird angenommen, daß sich
das aus dem Sicherheitsventil ausströmende Gas nicht sofort entzündet, sondern aus-
breiten wird. Die Abschätzung der Auswirkungen der Gaswolkenexplosion erfolgt unter
konservativen Annahmen mit einem maximalen Massenstrom aus dem Sicherheitsventil.
Alle übrigen Auswirkungen durch geringere Massenströme sind durch diese Annahme
abgedeckt.
Die Ermittlung der zündfähigen Masse in der Gaswolke erfolgt nach der VDI-Richtlinie
3783 Blatt 2 [VDI-3783] mit dem Programm ProNuSs [Pronuss]. Mit einem maximalen
Massenstrom aus dem Sicherheitsventil von 0,9 kg/s, der sich im Falle des Behälters B9
einstellt, wird dazu - ebenfalls mit dem Programm ProNuSs - die Schwergasausbreitung
berechnet. Nach VDI-Richtlinie 3783 Blatt2 [VDI-3783] wird die Stofffreisetzung als konti-
nuierliche Freisetzung behandelt. Als Ausbreitungsgebiet wird ein ebenes Gelände ohne
Hindernisse angenommen. Tabelle 8.3 zeigt die Ergebnisse der Berechnung:

Untere Zünddistanz [m] max. untere Zünddi- Zündfähige Masse [kg] max. zündfähige Mas-
(mittlere Ausbreitungs- stanz [m] (ungünstige (mittlere Ausbreitungs- se [kg] (ungünstige
situation) Ausbreitungssituation) situation) Ausbreitungssituation)
76 112 24 40

Tabelle 8.3: Ergebnisse der Schwergasausbreitung mit ProNuSs [Pronuss]

Für beide Ausbreitungssituationen wird ebenfalls mit dem Programm ProNuSs die Aus-
wirkung der Gaswolkenexplosion berechnet, wobei der Explosionsüberdruck mit dem
TNO-Modell nach Wiekema [Wiekema] ermittelt wird. Das TNO-Modell nach Wiekema ist
im Anhang A5 zusammengefaßt. Der Verlauf der Explosionsüberdrücke über der Entfer-
nung für beide Ausbreitungssituationen ist in Abbildung 8.4 dargestellt. Aus der Abbildung
ist zu erkennen, daß Domino-Effekt relevante Explosionsüberdrücke auch in dem Fall
einer Gaswolkenexplosion auf den Nahbereich beschränkt bleiben.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 116

mittel
ungünstig

0.11

0.10

0.09

0.08

0.07
Explosionsüberdruck [bar]

0.06

0.05

0.04

0.03

0.02

0.01

0.00
0 100 200 300 400
Entfernung [m]

Abbildung 8.4: Verlauf der Explosionsüberdrücke über der Entfernung für die mittlere und
ungünstige Ausbreitungssituation

Unter der Annahme der Überlagerung einzelner puffartiger Wolkenformen, die sich aus
der Freisetzung aus dem Sicherheitsventil ergeben könnten, wäre es von Interesse, Ort
und Zeit einer maximalen Konzentration in der sich ausbildenden Gaswolke zu bestim-
men. Das Modell der Ausbreitungsberechnung nach der VDI-Richtlinie 3783 Blatt 2 [VDI-
3783], das in einem Computerprogramm umgesetzt ist, läßt aber die Berechnung puffar-
tiger (diskontinuierlicher) Freisetzungen bei den Öffnungszeiten der Sicherheitsventile
nicht zu. Das Programm überläßt dem Anwender keine Entscheidung über die Freiset-
zungsart und setzt automatisch kontinuierliche Freisetzung an. Um puffartige Freisetzun-
gen für kurze Emissionsdauern zu rechnen, müßten daher andere Vorgehensweisen her-
angezogen werden. Dies wird in der vorliegenden Arbeit jedoch nicht durchgeführt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 117

9 Zusammenfassung der Ergebnisse und Ausblik


9.1 Schlußfolgerungen aus den Simulationen und den Auswirkungsbe-
trachtungen
Die wesentlichen Einflußfaktoren auf das Behälterbersten und dessen Auswirkungen
wurden untersucht. Es zeigt sich, daß insbesondere bei der Unterfeuerung der Behälter
durch hohe Flammentemperaturen (TFlamme ≥ 800°C) die Zeit bis zum Bersten quasi un-
abhängig vom Anfangsfüllstand im Behälter ist. Die unterfeuerten Behälter bersten mit
den Auswirkungen eines BLEVE. Die Auswirkungen durch das Behälterbersten ergeben
sich durch den Trümmerflug, die Explosionsdruckwelle und den Feuerball. Die Zeiten bis
zum Behälterbersten liegen dabei je nach Flammentemperatur zwischen 4 min und 28
min für die mit Propan gefüllten Behälter. Die Berstzeiten für die mit Ammoniak gefüllten
Behälter liegen in der gleichen Größenordnung. Die resultierenden Effekte aus dem Ber-
sten bleiben insbesondere bei den Auswirkungen durch die Druckwelle der Explosion auf
den Nahbereich unter 60 m beschränkt. Diese Auswirkungen sind primär zur Abschät-
zung von Domino-Effekten auf benachbarte Behälter von Interesse. Aus der Druckwelle
der Explosion können daher nur interne Domino-Effekte ausgelöst werden. Die Effekte
durch Trümmerflug hingegen sind im Fernbereich bis über 500 m wirksam. Aus diesen
Ergebnissen resultiert, daß evtl. externe Domino-Effekte nur durch Trümmerflug auftreten
können. Als zusätzliches Ergebnis aus den Untersuchungen folgt, daß die Behälter bei
dem 2.2-fachen Druck des Ansprechdrucks des Sicherheitsventils bersten. Die Annahme
eines Berstdrucks von 1.21-fachen Ansprechdrucks des Sicherheitsventils, wie z.B. in
[Yellow Book, CCPS] empfohlen, würde die Auswirkungen aus dem Behälterbersten
durch Unterfeuerung unterschätzen.
Im Fall der Unterfeuerung kann aufgrund des direkten Kontakts zwischen dem Behälter
und der Flamme bzw. den aufsteigenden heißen Verbrennungsgasen der konvektive An-
teil der Wärmeübertragung nicht vernachlässigt werden. Unter Berücksichtigung des kon-
vektiven Anteils ergeben sich als Grenzwerte für die Mindest-Bestrahlungsstärken für das
Behälterbersten Werte von ca. 25 kW/m2 bzw. 40 kW/m2 bei erforderlichen Branddauern
von etwa 28 min bzw. 18 min. Die Annahme von 8 kW/m2 als Grenzwert für das Behälter-
bersten wäre damit sehr konservativ und würde das Auftreten von Domino-Effekten über-
schätzen.
Im Fall der Aufheizung der Behälter durch einen entfernten Lachenbrand zeigt sich, daß
die Behälter versagen, nach dem die gesamte Flüssigphase im Behälter verdampft ist.
Der Berstdruck liegt zum Zeitpunkt des Berstens maximal bei dem Ansprechdruck des
Sicherheitsventils. Die Berstzeiten liegen zwischen 41 min und 152 min nach Brandbe-
ginn für die Behälter mit Propaninhalt. Für Behälter mit Ammoniak sind dagegen ca. 450
min Aufheizdauer erforderlich, um diese Behälter zum Bersten zu bringen. Aufgrund des
geringeren Drucks im Behälter im Vergleich zu den Berstdrücken bei der Unterfeuerung
der Behälter und der sich einstellenden lokalen, sehr hohen Temperaturen in der Behäl-
terwand, kann davon ausgegangen werden, daß diese Behälter nicht bersten, sondern
aufreißen werden, ohne dabei Trümmerstücke zu bilden. Die resultierende Druckwelle der
Explosion bleibt auch im Fall der Aufheizung der Behälter durch einen entfernten Lachen-
brand auf den Nahbereich mit einem geringeren Effektradius von x < 30 m beschränkt.
Nur im Fall von Anfangsfüllständen im Behälter von ≥ 80% und maximalen Bestrahlungs-
stärken von ≥ 70 kW/m2 kann es zu einem BLEVE mit Trümmerflug kommen. Der
Berstdruck dieser Behälter liegt bei ca. dem 1.5-fachen Druck des Ansprechdrucks des
Sicherheitsventils. Die Auswirkungen durch die Explosionsdruckwelle sind auch in diesem
Fall auf den Nahbereich beschränkt, mit einem Effektradius von x < 50 m. In diesem Ef-
fektradius kann mit internen Domino-Effekten durch den Explosionsüberdruck gerechnet
werden. Mit Schäden durch Trümmerflug muß in einer Entfernung von ca. 400 m gerech-
net werden und damit schließlich mit potentiellen externen Domino-Effekten.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 118

Trotz der konservativen Abschätzung der Emissionsleistung der Flamme nach dem Zylin-
der-Flammenstrahlungsmodell ist mit einem Behälterbersten ab einer Entfernung des
Lachenbrandes vom Behälter von x = 10 m nicht mehr zu rechnen. Mit der Annahme des
Ballen-Strahlungsmodells, das eine geringeren Emissionsleistung der Flammen berech-
net, würde es zu keinem Behälterbersten durch die Aufheizung der Behälter durch einen
entfernten Lachenbrand kommen. An dieser Stelle wird besonders deutlich, daß die Basis
der Betrachtungen des Problems für das Auftreten thermisch initiierter Domino-Effekte im
Vorfeld zwischen der Behörde und dem Betreiber geklärt werden muß. Das betrifft im
wesentlichen das anzunehmende Modell zur Berechnung der abgestrahlten Wärme des
Lachenbrandes und die anzunehmende Flammentemperatur.

9.2 Zusammenfassung und Ausblick


In der vorliegenden Arbeit wurde versucht, die Schwierigkeiten bei der Modellierung von
Domino-Effekten transparent zu machen und erste Schritte zur Bewältigung dieser
Schwierigkeiten, insbesondere bei der Modellierung thermisch initiierter Domino-Effekte,
aufzuzeigen.
• Es wurde ein Vorschlag für die Definition eines Domino-Effektes gemacht, der die
Gesamtproblematik der Domino-Effekte abdeckt und interne wie auch externe Domi-
no-Effekte einschließt. Denn erst durch die Ermittlung der Effektradien der Domino-
Effekt auslösenden Ereignisse, kann zwischen internen und externen Domino-
Effekten unterschieden werden.
• Mögliche Domino-Effekt einleitende Gefährdungsarten wurden identifiziert und an-
hand der Auswertungen von Domino-Effekt-Unfällen aus der Vergangenheit und den
Überlegungen in Kapitel 4.3.1 auf die Gefahrenfelder Brand, Explosion und Trümmer-
flug eingegrenzt. Empfohlene mathematische Modelle zu den Abschätzungen der
Gefahrenfelder wurden aufgezeigt.
• Ein Vorschlag für eine Vorgehensweise zur Abschätzung der Risiken von Domino-
Effekten wurde präsentiert und in einem Ablaufdiagramm festgehalten. Die Abschät-
zung der Risiken erfolgt im Zusammenhang einer szenarischen Betrachtung der Aus-
wirkungen von Domino-Effekt einleitenden Ereignissen. Die Entscheidung, ob Domi-
no-Effekte auftreten werden, wird anhand vorgeschlagener Grenzkriterien für die ge-
nannten Gefahrenfelder getroffen.
• Es wurde deutlich gemacht, daß es durch den instationären Charakter der Domino-
Effekt einleitenden Ereignisse notwendig ist, zeitabhängige Grenzkriterien zur Beur-
teilung für das Auftreten von Domino-Effekten heranzuziehen. Dadurch kann die An-
zahl der zu betrachtenden Szenarien für Domino-Effekte klein gehalten und eine
Überschätzung der Gefahr durch Domino-Effekte vermieden werden.
• Die Analyse von Domino-Effekt-Unfällen in der Vergangenheit zeigte, daß die Auf-
nahme thermischer Energie potentieller Auslöser von Domino-Effekten waren. Die
Modellierung thermisch initiierter Domino-Effekte stellte daher den Schwerpunkt der
vorliegenden Arbeit dar. Es wurde ein Berechnungsverfahren entwickelt, das die Be-
hältererwärmung durch eine Unterfeuerung oder durch Strahlung infolge eines La-
chenbrandes in der Umgebung instationär simulieren kann. In dem Simulationspro-
gramm können Stoffwerte des Behälterinhalts als auch die des Behälterwerkstoffs be-
rücksichtigt werden. Die Simulationsergebnisse wurden als Eingangsgrößen für weite-
re Auswirkungsbetrachtungen herangezogen.
• Ein Kriterium für das Behälterbersten, mit dessen Hilfe die Zeit bis zum Bersten abge-
schätzt werden kann, konnte formuliert werden. Dazu wurden die Spannungen in der
Behälterwand ermittelt und ein „rechnerischer“ temperaturabhängiger Kurzzeit-
Zugfestigkeitswert aus den vorhandenen Werkstoffkennwerten ermittelt. Letzteres
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 119

war erforderlich, da für Druckbehälterwerkstoffe keine temperaturabhängigen Kurz-


zeit-Zugfestigkeitswerte vorhanden sind. Eine Ausweitung der Werkstoffkennwerte für
das temperaturabhängige Kurzzeitverhalten ist für derartige Betrachtungen in Zukunft
erforderlich. Erst mit diesen Werkstoffkennwerten ist eine Anwendung differenzierte-
rer Modelle zur Beurteilung des Berstverhaltens gerechtfertigt.
• Mit dem entwickelten Simulationsprogramm wurden ausgewählte Einflußfaktoren für
den Wärmeeintrag in Behälter untersucht. Die ausgewählten Einflußfaktoren stecken
die durch den Brand einer Benzinlache vorgegebenen Einflußfaktoren ab. Eine Aus-
weitung des Simulationsprogramms auf verschiedene Behältergeometrien, Orientie-
rungen des Behälters zum Lachenbrand und Behälterinhalte ist notwendig. In zukünf-
tigen Arbeiten müssen zudem andere Behälterwerkstoffe und andere Brandarten, z.B.
Aufheizung durch einen Freistrahlbrand, untersucht werden.
• Es konnte ein Zusammenhang zwischen Flammentemperatur, erforderlicher Brand-
dauer und dem Behälterbersten insbesondere für den Fall der Unterfeuerung ermittelt
werden. Für das Behälterbersten infolge einer Aufheizung durch Brände konnten er-
forderliche Mindest-Bestrahlungsstärken und zugehörige Mindest-Branddauern ange-
geben werden. Deren Ableitung auf andere Situationen muß aufgrund der untersuch-
ten Anzahl der Einflußgrößen vorsichtig formuliert werden. Für das Bersten konnten
zwei Ursachen festgestellt werden. Bei der Unterfeuerung der Behälter und bei hohen
Füllständen im Behälter, die durch ein Lachenbrand in der näheren Umgebung aufge-
heizt werden, wird das Bersten durch den starken Druckanstieg dominiert. Bei der
Aufheizung der Behälter durch einen entfernten Lachenbrand hingegen wird das Ber-
sten durch die sich in der Behälterwand einstellenden sehr hohen Temperaturen am
Ort der maximalen Einstrahlzahl dominiert.
• Aus den Simulationsergebnissen konnten maximale Berstdrücke ermittelt werden, die
insbesondere für den Fall der Unterfeuerung wesentlich größer sind als die
Berstdrücke, die für die Abschätzung der Auswirkungen aus dem Behälterbersten
empfohlen werden. In diesem Zusammenhang muß zusätzlich der Einfluß des Si-
cherheitsventil-Durchmessers untersucht werden.
• Es konnte gezeigt werden, daß die Auswirkungen der Explosionsdruckwelle aus dem
Behälterbersten auf den Nahbereich beschränkt bleiben und primär bei der Abschät-
zung von internen Domino-Effekten zu betrachten sind. Die Effekte durch Trümmer-
flug hingegen können aufgrund der Flugweite der Trümmerstücke auch im Fernbe-
reich wirksam werden. Da die Auswirkungen des Trümmerstücks an Anlagenteilen
erst durch die Aufschlag-energie abgeschätzt werden können, müssen in zukünftigen
Arbeiten die Auswirkungen dieser Energien untersucht werden. Die Orientierung rein
an der Trümmerflugweite führt zu konservativen Abschätzungen.
• Da erst durch das Zusammenwirken aller Einflußgrößen Domino-Effekte ausgelöst
werden können, müssen zur Beurteilung des Auftretens von Domino-Effekten proba-
bilistische Modelle eingesetzt werden. Andererseits sind die ermittelten Effektradien
ohne Wahrscheinlichkeitsaussagen nur bedingt interpretierbar. In zukünftigen Arbei-
ten muß daher die probabilistische Betrachtungsweise für das Auftreten von Domino-
Effekten integriert werden.
Abschließend sei bemerkt, daß bereits im Vorfeld der Betrachtungen eine Entscheidung
zwischen der Behörde und dem Betreiber getroffen werden muß, welche mathematischen
Modelle und Grenzkriterien zur Beurteilung eines möglichen Auftretens von Domino-
Effekten herangezogen werden sollen. Denn erst mit einer genau festgelegten Basis der
Betrachtungen sind die ermittelten Effektradien eindeutig zu interpretieren.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 120

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Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 124

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Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 125

Anhang A
A.1 Abschätzung eines „äquivalenten“ Sicherheitsventil-Durchmessers
für eine 1-Phasen-Druckentlastung
Je nach Phasenzusammensetzung am Eintritt in die Entlastungsleitung ergeben sich sehr
unterschiedliche abzuführende Massenströme und Massenstromdichten im Sicherheits-
ventil. Der Entlastungsquerschnitt für das Abströmen eines Zweiphasengemisches muß
grundsätzlich größer gewählt werden als beim Abströmen von Gas oder Dampf. Das liegt
im wesentlichen daran, daß mit dem Dampf aus dem Behälter ein weitaus größerer Ener-
giestrom in Form von Verdampfungswärme abströmt als mit der Flüssigkeit. Durch den
zusätzlichen Flüssigkeitsanteil wird der abführbare Dampfstrom erheblich vermindert. Die
Flüssigkeit „versperrt“ praktisch einen Teil des Entlastungsquerschnitts. Die Auslegung
des Sicherheitsventil für Gas- bzw. Dampfströmung ist deshalb nicht konservativ. Da
durch die Aufheizung der Behälter durch einen entfernten Lachenbrand einige Behälter
nicht geborsten sind, lag die Vermutung nahe, daß das an dem durch die Gasströmung
abgeführten größeren Energiestrom liegen könnte. Es sollte geklärt werden, ob die Ursa-
che, daß Behälter evtl. nicht bersten, an einer Zweiphasenströmung durch das Sicher-
heitsventil liegen kann. Daher wurde eine grobe Abschätzung vorgenommen, um für den
Entlastungsquerschnitt einer Zweiphasenströmung einen Entlastungsquerschnitt mit ei-
nem „äquivalenten“ Durchmesser für eine Gasströmung zu bestimmen (s. Abbildung).

SiV-Durchmesser für 1- und 2-Phasenentlastung

6
m2ph = mgas
5
mgas = f(m2ph)
4
mgas [kg/s]

3
2
1
0 m2phasig [kg/s]
m2phasig [kg/s]
0 2 4 6 8 10
dsv [mm]
dsv2-ph≈18 dsv1-ph≈24
10 20 30 40

Abbildung: Sicherheitsventil-Durchmesser für 1- und 2-Phasenentlastung

Aus der Abbildung kann abgelesen werden, daß der Entlastungsquerschnitt mit einem
Durchmesser für das Sicherheitsventil von dSV1ph = 24 mm für eine Gasentlastung einem
Entlastungsquerschnitt mit einem „äquivalenten“ Durchmesser für das Sicherheitsventil
dSV2ph = 18 mm entspricht. Mit diesem wesentlich kleineren Durchmesser für das Sicher-
heitsventil wurde für ausgewählte Behälter das Behälterbersten simuliert. Auch für diesen
kleineren Entlastungsquerschnitt sind die Behälter nicht geborsten. Daher kann davon
ausgegangen werden, daß das „Nicht-Bersten“ einiger, durch einen entfernten Lachen-
brand aufgeheizter Behälter, nicht an der Wahl des Druckentlastungsmodells liegt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 126

A.2 Verwendete Modelle zur Bestimmung der Wärmeübergangskoeffizi-


enten
Die nachfolgenden Modelle sind dem [VDI-WA] entnommen.

Wärmeübergangskoeffizient außen in Gleichung (6.2):


Erzwungene Konvektion und freie Konvektion um einen horizontalen Zylinder:
α l
Nu = 3 Nu 3erzw + Nu 3frei = a
λ
ηcp wl g l3 ρ − ρ 0
Pr = , Re = , Gr = 2 ∞ , Ra = Gr * Pr
λ ν ν ρ∞
αa l
Nu erzw =
λ
Nu erzw = 0,3 + Nu lam
2
+ Nu turb
2

Nu lam = 0,664 Re 3 Pr
0,037 Re 0,8 Pr
Nu turb = 2
1 + 2,443 Re −0,1 (Pr 3
− 1)
mit
l = πr
w = 9,3 m / s nach [Kuhr ]

{
Nu frei = 0,75 + 0,387 [Ra f3 (Pr )]
1
6 }
2

π
l= D
2
−16
é 9
ù 9
æ 0,559 ö 16 ú
f 3 (Pr) = ê1 + ç ÷
ê è Pr ø ú
ë û

Wärmeübergangskoeffizient innen Gasphase in Gleichung (6.3) bzw. innen Flüs-


sigphase in Gleichung (6.4): Freie Konvektion um einen horizontalen Zylinder:

αi l ηcp g l3 ρ ∞ − ρ 0
Nu = , Pr = , Gr = , Ra = Gr * Pr
λ λ ν2 ρ∞

{
Nu = 0,75 + 0,387 [Ra f3 (Pr )]
1
6 }
2

−16
é æ 0,559 ö 916 ù 9
f 3 (Pr) = ê1 + ç ÷ ú
ê è Pr ø ú
ë û
hierbei wird die Überströmlänge l in der Gas- bzw. Flüssigphase aus dem Füllstand der
Flüssigphase berechnet. Beim Erreichen der Siedetemperatur wird von einem Blasensie-
den bzw. Filmsieden nach folgenden Modellen ausgegangen:
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 127

n
α æ q ö
= C w F(p * ) çç ÷÷
α0 è q 0 ø
α 0 = 4000 W m 2 K , C w = (R p ) q 0 = 20000 W m2
0.133
,

é ù
0,27 ê ú
æ p ö ú æç p ö
+ êê 2,5 +
1
F(p*) = 1,2 çç ÷÷ ÷÷
è p krit ø æ p ö ú çè p krit ø
ê 1 − çç ÷÷ ú
êë è p krit ø úû
0,3
æ p ö
n = 0,9 − 0,3 çç ÷÷
è p krit ø
q
∆T1 = 0
α
n
æ ∆T ö 1−n
α = çç ÷÷
è ∆T1 ø

Wird die kritische Wärmestromdichte


(
q krit = K ⋅ ∆h V ρ g σ Sp ⋅ g ρ fl − ρ g ( ))0, 25

überschritten, so wird davon ausgegangen, daß es zum Filmsieden mit folgendem Wär-
meübergangskoeffizient kommt:
é ù
ê ú
0,2
α Film = α L + α S ê0,8 + ú
ê 3 αL ú
ê 1+ ú
ë αS û

0,8 ( )
é λ3g ρ g h g − h fl (ρ fl − ρ g ) g ù
0.25

αL = ê ú
(l ∆T ) 0,25 êë ηg úû

αS =
(
σ Ti4 − Tfl4 )
Ti − Tfl
Die kritische Wärmestromdichte ist neben anderen Einflußgrößen auch vom Siededruck
abhängig. Die relative Druckabhängigkeit der maximalen Wärmestromdichte läßt sich
über folgende Gleichung berücksichtigen
q krit
= 2,8 ⋅ p *0,4 ⋅ (1 − p * )
p
mit p* =
q krit,ref p krit

Wärmeübergangskoeffizient innen Gas- / Flüssigphase in Gleichung (6.5) und Glei-


chung (6.6): Freie Konvektion an einer ebenen horizontalen Platte

{
Nu = 0,825 + 0,387 [Ra f1 (Pr)] 6 =
1 2 α g,fl l
λ
}
−16
é æ 0,492 ö 916 ù 9

f1 (Pr) = ê1 + ç ÷ ú
ê è Pr ø ú
ë û
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 128

A.3 Modellierung des Lachenbrandes


Die bei einem Lachenbrand freiwerdende Wärme hängt im wesentlichen von dem
Brandmedium und den Abmessungen des Brandherdes ab. Zur Berechnung des übertra-
genen Wärmestroms wird die Flammenfläche benötigt, die sich aus dem Flammen-
durchmesser und der zeitlich gemittelten Flammenlänge ergibt. Die Flammenlänge wird
durch das Brandmedium und dessen Verbrennungsrate m  ′′ bestimmt. Als Verbrennungs-
rate wird der Massenverlust der Flüssigkeit pro Flächen- und Zeiteinheit bezeichnet. Die
Verbrennungsrate ist eine Funktion des Lachendurchmessers. Der Einfluß des Lachen-
durchmessers ist aber nur für Lachen mit einem Durchmesser kleiner als 1 m relevant. In
[Mudan] werden typische Werte für die spezifische Abbrandrate von Kohlenwasserstoffen
zwischen 0.055 kg/(m2s) (Benzin) und 0.12 kg/(m2s) (LPG) angegeben. Weitere Werte
sind in [Lees, Yellow Book] tabelliert. Die spezifische Verbrennungsrate kann nach Bur-
gess und Zabetakis [Burges and Zabetakis] berechnet werden.
 ′Abbr
m ′ =m  ′∞′ [1 − exp(− k β dLache )]
Im allgemeinen ist bei Lachendurchmessern größer als 1 m der Wert des Faktors
[1 − exp(− k β dLache )] > 0.95, so daß m ′Abbr
′ ≈m  ′∞′ gesetzt und mit einer konstanten Ver-
brennungsrate gerechnet werden kann [Yellow Book].
Ist die spezifische Verbrennungsrate m  ′∞′ nicht tabelliert, so kann sie alternativ aus fol-
gender Beziehung nach [Burgess, 1974] berechnet werden
∆h c
 ′Abbr
m ′ = 0.001 .
∆h v + c p (TSiede − To )
Zur Berechnung der Flammenlänge HFlamme gibt es viele Modellvorstellungen, die z.B. in
[Brötz, Lees, UBA-FB 000039/2] zusammengefaßt sind. Je nach Brandmedium, dem
Branddurchmesser und dem Windeinfluß variieren die experimentell ermittelten oder
theoretisch abgeleiteten Verhältnisse von Flammenlänge zu Branddurchmesser HFlam-
me/dLache zwischen 0.8 und 4 [Mudan], wobei nach [Lees] für große Lachenfeuer von einer
dimensionslosen Flammenlänge von HFlamme/dLache = 2 ausgegangen werden kann. Die
bekannteste Gleichung zur Bestimmung der Flammenlänge ist die empirische Gleichung
nach Thomas [Thomas]. Nach Thomas läßt sich die sichtbare relative Flammenlänge
eines Lachenfeuers über die spezifische Verbrennungsrate wie folgt berechnen:
0,61
HFlamme æ  ′′
m ö
= 42 ç ÷
dLache çρ ÷
è Luft g dLache ø
Die Gleichung nach Thomas ist aus Versuchsergebnissen hergeleitet worden und ist für
Brandherddurchmesser bis d = 25 m bestätigt [Lees]. In dieser Gleichung sind die Ein-
flüsse des Windes auf die Flammen nicht berücksichtigt. Windeffekte haben bei Lachen-
bränden einen Einfluß auf die Flammengeometrie und bewirken eine Neigung der Flam-
men, flame tilt genannt, und eine Änderung der Flammenlänge. Zusätzlich erfolgt eine
Ausdehnung der Flammenbasis in Windrichtung, flame drag genannt. Diese Verzerrun-
gen des Flammenquerschnitts rufen einen Kühleffekt hervor. Dadurch kann die Flam-
mentemperatur wesentlich vermindert werden. Aus der Sicht einer worst-case Betrach-
tung der Effekte aus einem Lachenfeuer bleiben in dieser Arbeit die Windeinflüsse unbe-
rücksichtigt. Für eine genaue Modellierung der Flammengeometrie unter Einfluß des
Windes werden von unterschiedlichen Autoren z.B. [Thomas, Moorhouse] Modelle für die
Abschätzung der Flammenlänge zur Verfügung gestellt.
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 129

A.4 Einstrahlzahl

β2 A2
Ps(xs,ys,zs)
β1

s
Pk(xk,yk,zk)

A1

y
PR(xR,yR,zR) z

1 cos β1 cos β 2
ϕ12 =
πA 1 òò
A1 A 2
s2
dA 1 dA 2

A1 = Strahler (Lachenbrand) A2 = Empfänger (Behälter)


β 1 = Winkel zwischen Strahl zum Körper und dem Lot auf der strahlenden Fläche
β 2 = Winkel zwischen Strahl zum Körper und dem Lot auf der bestrahlten Fläche
s = Abstand zwischen Strahlungsquelle und Strahlungsempfänger

H H
a ⋅ b = a ⋅ b ⋅ cos β

æ xk − xR ö æ x − xs ö
H H ç ÷ H ç k ÷
a = r = ç yk − yR ÷ b = ç yk − ys ÷
çç ÷÷ çç ÷÷
è0 ø è zk − z s ø

xk − xs
cos β1 =
(x k − x s )2 + (y k − y s )2 + (z k − z s )2
xk − x s
β1 = arccos
(x k − x s )2 + (y k − y s )2 + (z k − z s )2
cos β 2 =
(x k − x R )(x k − x s ) + (y k − y R )(y k − y s ) + 0
(x k − x R )2 + (y k − y R )2 ⋅ (x k − x s )2 + (y k − y s )2 + (z k − z s )2
β 2 = arccos β 2
(x k − x R )(x k − x s ) + (y k − y R )(y k − y s ) + 0
(x k − x R )2 + (y k − y R )2 ⋅ (x k − x s )2 + (y k − y s )2 + (z k − z s )2
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 130

A.5 Modellierung der Gaswolkenexplosion


Für die Berechnungen wird das speziell für Gaswolkenexplosionen entwickelte Explosi-
onsmodell von Wiekema [Wiekema] herangezogen. Mit diesem Modell können die auf-
tretenden Spitzenüberdrücke in Abhängigkeit von der Entfernung zur gezündeten Gas-
wolke abgeschätzt werden. Hierbei wird berücksichtigt, daß bei einer abbrennenden
Brenngaswolke eine deflagrative Flammenausbreitung vorausgesetzt werden kann.
S = 40 m/s : ∆p L
=0.02
p0 r
S = 80 m/s : ∆p L
=0.06
p0 r
S = 160 m/s : ∆p L
=0.15
p0 r
1
æ2 3,510 6 [J / m³] ö
3

L = çç πr03 ÷
÷
è3 p0 ø
Der Radius r wird vom Mittelpunkt der als Halbkugel idealisierten Gaswolke gemessen.
Der Radius der Halbkugel beträgt r0 und wird aus der gesamten explosionsfähigen Masse
und der unteren Explosionsgrenze berechnet. Als Umgebungsdruck p0 wird ein Wert von
1,013 barabs angenommen.
Einflußparameter auf die Ergebnisse dieses Modells ist in erster Linie die Verbrennungs-
energie der Gaswolke und die dadurch beeinflußte Flammengeschwindigkeit S. Die Ver-
brennungsenergie hängt im Wesentlichen vom Mischungsgrad zwischen Brenngas und
Luft ab. Bei Giesbrecht u. a. [Seeger] wird der in der Praxis meist nicht vorliegende ideale
stöchiometrische Mischungsgrad im Volumenvergrößerungsfaktor berücksichtigt, der im
Idealfall 7 beträgt. Für Modellierungen von störfallbedingten, und somit unbestimmten
Mischungsverhältnissen, wird in Übereinstimmung mit [Giesbrecht et al. 1980] der Volu-
menvergrößerungsfaktor 3,5 angesetzt. Hierdurch wird die unvollständige Verbrennung
bei der Deflagration von Brenngasgemischwolken (ca. 30 % der Gesamtmenge) berück-
sichtigt. Die Berechnung der Flammengeschwindigkeit erfolgt nach Giesbrecht u. a.
[Giesbrecht et al. 1981].

S = 0.7 υ S1 eDW
1/ 4 /6
E1Gas

hierbei bedeuten

ν[] Volumenvergrößerungsfaktor = 3.5

S1 [m/s] laminare Flammengeschwindigkeit ( ca. 0,5 m/s]

eDW [kJ/kg] an die Umgebung abgegebene physikalische Arbeit


= 60 kJ/kg
EGas[MJ/kg] verfügbare Verbrennungsenergie = unterer Heizwert*Masse

Die Beziehung für die Flammengeschwindigkeit wurde aus den Messungen der Deflagra-
tion einer Propylen/Luft-Wolke nach einem Behälterbersten ermittelt. Die Flammenge-
schwindigkeit bei anderen Freisetzungsarten (Freistrahl, Abdampfen von Lache usw.)
werden davon abweichen. Wegen des hohen Gehaltes an turbulenter Mischenergie wird
die Flammengeschwindigkeit nach einem Behälterbersten jedoch als obere Abschätzung
auch für andere Fälle betrachtet [Giesbrecht et al. 1981].
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 131

A.6 Wesentliche Ergebnisse zum Zeitpunkt des Berstens

3
Unterfeuerung: Propan, 11 m Behälter
Füllstand [%] tBerst [min] Pabs [bar] Tfl [°C] Tgas [°C] Twa(fl) [°C] Twa(imax)[°C] TFlamme[°C] Tansp[N/mm2] Zugfest [N/mm2] mfl [kg] mgas [kg]
20 4.78 28.70 74.41 94.52 90.88 355.70 800.00 336.14 337.04 443.98 407.55
40 5.23 28.45 73.99 109.15 90.52 358.44 800.00 333.10 334.64 1604.30 270.24
TFlamme=800°C 50 5.34 27.77 72.81 115.69 89.44 368.13 800.00 324.88 326.46 2189.90 204.20
60 5.44 27.23 71.88 123.69 88.57 377.31 800.00 318.34 318.70 2769.00 144.37
80 5.50 26.41 70.47 144.48 87.25 388.01 800.00 308.44 309.61 3916.04 39.47
20 4.00 28.90 74.77 79.27 95.62 352.56 880.00 339.07 341.38 456.58 426.68
40 4.50 28.85 74.68 94.69 95.57 355.00 880.00 338.43 339.30 1617.86 282.27
TFlamme=880°C 50 4.59 27.99 73.20 101.79 94.21 367.38 880.00 328.07 328.79 2208.81 210.79
60 4.64 27.22 71.86 112.20 92.98 376.40 880.00 318.69 321.14 2794.17 146.26
80 4.70 26.24 70.18 145.97 91.41 390.86 880.00 306.77 308.81 3944.44 37.56
20 11.29 31.04 78.46 143.51 87.02 321.18 600.00 363.42 363.52 83.84 425.60
40 11.15 32.07 80.24 130.67 88.64 306.68 600.00 375.96 376.12 1252.75 318.56
TFlamme=600°C 50 11.80 32.32 80.67 127.56 89.05 302.98 600.00 378.94 379.21 1797.45 258.73
60 12.46 32.64 81.22 122.45 89.57 296.23 600.00 382.82 382.88 2336.60 198.20
80 13.73 33.63 82.93 105.71 91.19 274.00 600.00 394.81 394.96 3416.94 64.97

Unterfeuerung: Propan, 4.85 m3 Behälter


Füllstand [%] tBerst [min] Pabs [bar] Tfl [°C] Tgas [°C] Twa(fl) [°C] Twa(imax)[°C] TFlamme [°C] Tansp[N/mm2] Zugfest [N/mm2] mfl [kg] mgas [kg]
20 4.83 27.33 72.05 110.50 86.30 391.99 800.00 304.83 305.44 95.07 174.06
40 5.00 28.87 74.71 109.04 88.73 370.33 800.00 322.65 323.72 592.41 132.46
TFlamme=800°C 50 5.07 28.43 73.95 111.39 88.02 376.19 800.00 317.55 318.79 853.49 103.57
60 5.15 28.07 73.33 113.52 87.46 382.33 800.00 313.47 313.63 1110.94 76.68
80 5.24 27.72 72.73 111.25 86.90 386.98 800.00 309.50 309.77 1623.79 26.56
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 132

20 3.96 28.51 74.08 88.90 91.83 377.70 878.70 318.85 318.92 113.29 190.25
40 4.28 29.64 76.05 95.39 93.63 359.27 880.00 331.94 334.41 613.72 137.84
TFlamme=880°C 50 4.34 28.88 74.73 100.30 92.41 369.54 880.00 323.13 325.76 878.53 105.02
60 4.40 28.36 73.83 104.36 91.58 379.31 880.00 317.12 317.56 1138.58 75.99
80 4.46 27.59 72.51 116.35 90.35 389.94 880.00 308.31 308.59 1655.76 23.34
20 25.00 15.28 43.72 295.55 510.77 511.22 600.00 164.76 240.09 0.00 69.12
40 25.00 15.56 58.90 411.52 530.22 535.19 600.00 167.83 228.15 0.00 58.45
TFlamme=600°C 50 25.00 15.53 65.97 319.31 476.32 485.68 600.00 167.66 252.67 0.00 67.43
60 16.57 35.33 85.88 112.38 92.84 270.60 600.00 396.42 396.43 256.74 199.55
80 15.60 35.92 86.90 102.78 93.76 257.63 600.00 403.24 403.48 867.86 116.94

Entfernter Lachenbrand: Propan


Füllstand [%] tBerst [min] Pabs [bar] Tfl [°C] Tgas [°C] Twa(fl) [°C] Twa(imax)[°C] TFlamme [°C] Tansp[N/mm2] Zugfest[N/mm2] mfl [kg] mgas [kg]
20 48.55 16.47 47.61 299.70 194.92 618.72 967.00 187.26 188.18 0.00 167.76
B4 40 72.51 15.43 44.88 292.12 181.05 615.85 967.00 174.68 189.59 0.00 159.26
50 83.08 16.57 44.05 292.30 181.89 614.65 967.00 188.48 190.20 0.00 170.99
60 93.27 16.52 47.64 295.76 189.03 615.98 967.00 187.83 189.54 0.00 169.40
80 109.37 16.42 47.39 300.49 195.93 619.50 967.00 186.63 187.80 0.00 167.00
20 41.05 16.38 44.47 279.95 142.36 621.37 967.00 186.26 187.09 0.00 172.80
B9 40 64.19 16.49 45.66 272.78 125.81 616.28 967.00 187.56 189.62 0.00 176.21
50 74.71 16.34 44.17 281.48 145.33 622.52 967.00 185.65 186.51 0.00 171.80
60 83.99 16.10 44.02 285.89 151.82 627.18 967.00 182.82 184.20 0.00 168.01
70 90.62 15.67 47.04 275.80 132.34 620.38 967.00 177.68 187.58 0.00 166.56
80 44.89 23.52 64.94 124.53 63.74 442.16 967.00 273.31 276.00 1974.39 195.96
40 98.40 15.09 44.11 337.59 244.44 616.70 967.00 170.35 188.80 0.00 144.10
B14 50 120.00 16.36 45.44 342.70 250.98 616.76 967.00 185.77 188.77 0.00 155.00
80 151.87 15.80 46.73 339.62 248.58 616.39 967.00 178.94 188.96 0.00 150.39
20 53.43 16.05 44.44 316.14 215.39 616.24 967.00 182.12 189.22 0.00 158.93
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 133

B7 40 80.48 15.99 44.07 317.68 216.78 617.46 967.00 181.34 188.61 0.00 157.88
50 91.80 15.54 46.01 315.94 216.37 617.30 967.00 175.87 188.69 0.00 153.86
60 103.04 15.48 48.33 315.21 220.21 616.68 967.00 175.13 189.00 0.00 153.44
80 118.66 15.03 46.54 316.60 221.21 617.67 967.00 169.68 188.50 0.00 148.62
20 62.88 15.48 46.56 331.95 237.01 618.56 967.00 175.14 187.95 0.00 149.25
B11 40 91.23 15.76 47.63 327.99 236.29 615.54 967.00 178.45 189.46 0.00 152.88
50 102.06 15.50 46.58 332.13 237.44 618.69 967.00 175.32 187.89 0.00 149.34
60 111.83 15.25 45.59 332.11 237.12 619.12 967.00 172.36 187.67 0.00 146.99
80 128.92 16.48 43.82 337.93 241.19 619.66 967.00 187.22 187.41 0.00 157.35
20 49.85 16.60 47.46 307.87 203.68 614.36 967.00 188.79 190.24 0.00 166.70
B12 40 75.26 15.83 44.81 309.29 200.62 617.45 967.00 179.44 188.69 0.00 158.56
50 85.94 15.23 44.13 304.47 199.35 616.46 967.00 172.13 189.18 0.00 153.76
60 96.69 15.18 47.73 307.88 206.56 617.62 967.00 171.61 188.61 0.00 152.43
80 112.66 15.01 47.49 307.69 208.37 617.42 967.00 169.48 188.70 0.00 150.70
20 63.21 15.98 45.49 324.94 234.44 616.46 967.00 181.19 189.03 0.00 155.87
B3 40 90.46 15.38 46.50 323.83 232.79 616.77 967.00 173.97 188.87 0.00 150.32
50 102.55 15.02 45.01 323.28 235.07 616.49 967.00 169.62 189.00 0.00 146.93
60 112.80 16.24 43.61 324.25 234.19 615.84 967.00 184.36 189.33 0.00 158.61
80 132.82 15.88 48.16 323.25 236.27 615.09 967.00 180.00 189.71 0.00 155.34
20 44.96 16.46 43.88 292.82 173.54 618.58 967.00 187.12 188.30 0.00 169.66
B8 40 69.40 15.33 45.31 289.79 168.89 617.45 967.00 173.43 188.86 0.00 158.83
50 80.08 15.19 44.41 292.73 174.78 619.79 967.00 171.79 187.69 0.00 156.61
60 89.36 16.51 43.72 294.10 175.94 619.41 967.00 187.73 187.89 0.00 169.80
80 104.60 16.31 48.34 294.82 178.69 618.84 967.00 185.30 188.18 0.00 167.52
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 134

Abbildungsverzeichnis
Abbildung 2.1: Genereller Ablauf einer quantitativen Risikoanalyse .............................................15
Abbildung 3.1: Das relative Auftreten der verschiedenen Anlagenarten in primären Unfällen......21
Abbildung 3.2: Das relative Auftreten der verschiedenen Anlagenarten in sekundären Unfällen .22
Abbildung 3.3: Begünstigung der Folgeereignisse in Domino-Effekt Ereignisketten ....................23
Abbildung 4.1: Typischer Ablauf eines Domino-Effektes ..............................................................24
Abbildung 4.2: Schematischer Ablauf des Domino-Effektes in Texas City am 30. Mai. 1978 ......25
Abbildung 4.3: Houston Modell des Unfallprozesses [Houston]....................................................26
Abbildung 4.4: Ausgewählte Einflußfaktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit P von Domino-
Effekten infolge Jetfeuer-Einwirkung [Acikalin und Steinbach] .............................28
Abbildung 4.5: Ausgewählte Einflußfaktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit P von Domino-
Effekten infolge Jetfeuer-Einwirkung im Cause-Effect-Diagramm (Ishikawa-
Diagramm) [Acikalin und Steinbach] .....................................................................28
Abbildung 4.6: Ausgewählte Einflußfaktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit P von Domino-
Effekten infolge Trümmerflug-Einwirkung [Acikalin und Steinbach]......................29
Abbildung 4.7: Ausgewählte Einflußfaktoren für die Eintrittswahrscheinlichkeit P von Domino-
Effekten infolge Trümmerflug-Einwirkung im Cause-Effect-Diagramm (Ishikawa-
Diagramm) [Acikalin und Steinbach] .....................................................................29
Abbildung 4.8: Reihenfolge der Ereignisse in einem typischen Domino-Effekt.............................31
Abbildung 4.9: Reihenfolge der Ereignisse in einem thermisch ausgelösten Domino-Effekt........32
Abbildung 4.10: Fließbild der Vorgehensweise zur Abschätzung von Domino-Effekten ................37
Abbildung 5.1: Typischer Verlauf der Druckwelle aus einem BLEVE [Yellow Book].....................45
Abbildung 5.2: Skalierter Überdruck Ps über skalierten Abstand [Yellow Book] ..........................48

Abbildung 5.3: Skalierter Impuls I über skalierten Abstand [Yellow Book] ..................................48
Abbildung 5.4: Verteilung der Trümmerstücke nach dem Bersten von zylindrischen
DruckBehältern [Holden and Reeves]. ..................................................................50
Abbildung 5.5: Verteilung der Trümmerstücke zur Abschätzung von zylindrischen Druckbehältern
[Holden und Reeves] .............................................................................................51
Abbildung 5.6: Skalierte Kurven zur Abschätzung der Flugweite von Trümmerstücken -----:
2
Ergebnis für Luftwiderstand = 0 (R=vi /g) [Yellow Book] .....................................54
Abbildung 5.7: Lage der Trümmerstücke nach dem Domino-Effekt-Unfall in Mexico City [CCPS]
...............................................................................................................................55
Abbildung 6.1: Substitution des Flammenzylinders durch eine Rechteckfläche im äquivalenten
Abstand a‘ [Seeger] ...............................................................................................59
Abbildung 6.2 : Spannungen in der Behälterwand ..........................................................................60
Abbildung 6.3: Berechnung einer Behälterunterfeuerung; Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et al.].
Abkürzungen in der Legende stellen verschiedene Temperaturmeßstellen nach
dem Versuchsbericht dar. .....................................................................................63
Abbildung 6.4: Druckverlauf Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et al.] ............................................64
Abbildung 6.5: Temperaturverlauf der Flüssigphase: Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et al.] .....65
Abbildung 6.6: Spannungen in der Behälterwand: Versuch 1.5/399 (11/83) [Droste et al.] ..........66
Abbildung 6.7: Druckverlauf im EKW: Versuch [Ludwig et al.] im Vergleich mit Berechnungen für
Butan .....................................................................................................................67
Abbildung 6.8: Spannungen in der Behälterwand im EKW: Versuch [Ludwig et al.].....................67
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 135

Abbildung 6.9: In die Flüssigphase eingetragener Wärmestrom im Versuch 1.5/399 (11/83)


[Droste et al.] im Vergleich zu den Abschätzungen nach amerikanischen
Regelwerken..........................................................................................................69
Abbildung 7.1: Wesentliche Einflußfaktoren für den Wärmeeintrag / das Behälterbersten ..........70
3
Abbildung 7.2: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Druckverlauf im 4.85 m Behälter mit
Propaninhalt (TFlamme = 800°C) ..............................................................................73
Abbildung 7.3: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Temperaturverlauf der Flüssigphase im
3
4.85 m Behälter mit Propaninhalt (TFlamme = 800°C) ............................................73
Abbildung 7.4: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Temperaturverlauf in der Behälter-wand im
3
Gasraum des 4.85 m Behälters mit Propaninhalt (TFlamme = 800°C) ....................74
Abbildung 7.5: Temperaturverlauf in der Behälterwand nach 1 min Branddauer im Behälter mit
Propaninhalt (TFlamme=800°C, Anfangsfüllstand 50%) ...........................................75
Abbildung 7.6: Temperaturverlauf in der Behälterwand zum Zeitpunkt des Berstens nach ca. t =
5.4 min im Behälter mit Propaninhalt (TFlamme=800°C, Anfangsfüllstand 50%) .....76
3
Abbildung 7.7: Einfluß der Flammentemperatur auf den Druckverlauf im 4.85 m Behälter mit
Propaninhalt ..........................................................................................................77
Abbildung 7.8: Einfluß der Flammentemperatur auf den Temperaturverlauf der Flüssigphase im
3
4.85 m Behälter mit Propaninhalt.........................................................................78
3 3
Abbildung 7.9: Einfluß des Behältervolumens auf den Druckverlauf im 4.85 m und 11 m
Behälter mit Propaninhalt (TFlamme = 800 °C) .........................................................79
Abbildung 7.10: Einfluß des Behältervolumens auf den Temperaturverlauf in der Behälterwand
3 3
des 4.85 m und 11 m Behälters mit Propaninhalt (TFlamme = 800 °C) .................80
3
Abbildung 7.11: Einfluß der Stoffeigenschaft auf den Druckverlauf im 11 m Behälter für zwei
verschiedenen Füllstände (TFlamme = 800°C) .........................................................81
Abbildung 7.12: Einfluß der Stoffeigenschaft auf den Temperaturverlauf der Flüssigphase im 11
3
m Behälter für zwei verschiedene Füllstände (TFlamme = 800°C) ..........................81
Abbildung 7.13: Einfluß der Stoffeigenschaft auf den Temperaturverlauf in der Behälterwand des
3
11 m Behälter für zwei verschiedene Füllstände (TFlamme=800°C) .......................82
3 3
Abbildung 7.14: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf die Berstzeit des 4.85 m und 11 m Behälter
bei unterschiedlichen Flammentemperaturen .......................................................83
3 3
Abbildung 7.15: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf den Berstdruck des 4.85 m und 11 m
Behälter bei unterschiedlichen Flammentemperaturen.........................................84
3
Abbildung 7.16: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf die maximale Wandtemperatur des 4.85 m
3
und 11 m Behälter bei unterschiedlichen Flammentemperaturen .......................84
Abbildung 7.17: Zusammenhang zwischen Flammentemperatur, Brandzeit und Behälterbersten 85
Abbildung 7.18: Einstrahlzahlen über dem Behälterumfang ...........................................................87
Abbildung 7.19: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den Druckverlauf im Behälter mit Propaninhalt
(dLache = 10 m, xLache = 2 m) ...................................................................................88
Abbildung 7.20: Einfluß des Anfangsfüllgrades auf den maximalen Temperaturverlauf in der
Behälterwand im Behälter mit Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m) ..............89
Abbildung 7.21: Temperaturfeld in der Behälterwand des Behälters mit Propaninhalt zum
Zeitpunkt des Berstens (dLache = 10 m, xLache = 2 m, Anfangsfüllstand 80%) ........90
Abbildung 7.22: Verlauf der Tangentialspannung und der Zugfestigkeit in der Behälterwand
(dLache= 10 m, xLache = 2 m) ....................................................................................91
Abbildung 7.23: Einfluß des Brandmediums auf den Druckverlauf im Behälter mit Propaninhalt
(dLache = 10 m, xLache = 2 m, Anfangsfüllstand 50%) ..............................................92
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 136

Abbildung 7.24: Einfluß des Brandmediums auf den maximalen Temperaturverlauf in der
Behälterwand des Behälters mit Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m,
Anfangsfüllstand 50%)...........................................................................................93
Abbildung 7.25: Einfluß der Flammentemperatur auf den Druckverlauf im Behälter mit
Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m, TFlamme = 900 °C) ..................................94
Abbildung 7.26: Einfluß der Flammentemperatur auf den maximalen Temperaturverlauf in der
Behälterwand im Behälter mit Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m, TFlamme =
900 °C) ..................................................................................................................94
Abbildung 7.27: Einfluß der Flammentemperatur auf den Druckverlauf im Behälter mit
Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m) ..............................................................95
Abbildung 7.28: Einfluß der Flammentemperatur auf den maximalen Temperaturverlauf in der
Behälterwand im Behälter mit Propaninhalt (dLache = 10 m, xLache = 2 m)...............96
Abbildung 7.29: Einfluß des Lachendurchmessers auf den Druckverlauf im Behälter mit
Propaninhalt (xLache = 3 m, TFlamme = 1240 K, Anfangsfüllstand 50%)....................97
Abbildung 7.30: Einfluß des Lachendurchmessers auf den maximalen Temperaturverlauf im
Behälter mit Propaninhalt (xLache = 3 m, TFlamme = 1240 K, Anfangsfüllstand 50%)98
Abbildung 7.31: Einfluß des Lachendurchmessers auf die Abnahme der Zugfestigkeit in der
Behälterwand (xLache = 3 m, TFlamme = 1240 K, Anfangsfüllstand 50%)..................98
Abbildung 7.32: Einfluß der Entfernung des Behälters vom Lachenbrand auf den Druckverlauf im
Behälter mit Propaninhalt (dLache = 20 m, TFlamme = 1240 K, Anfangsfüllstand 50%)
...............................................................................................................................99
Abbildung 7.33: Einfluß der Entfernung des Behälters vom Lachenbrand auf den maximalen
Temperaturverlauf in der Behälterwand (dLache = 20 m, TFlamme = 1240 K,
Anfangsfüllstand 50%).........................................................................................100
Abbildung 7.34: Druckverlauf im mit Propan gefüllten Behälter (xLache = 2 m, dLache = 10 m). .......101
Abbildung 7.35: Druckverlauf im Ammoniak gefüllten Behälter (xLache = 2 m, dLache = 10 m). In der
Abbildung ist nur die Zeit bis 160 min Branddauer dargestellt. ...........................101
Abbildung 7.36: Vergleich der Verdampfungsmassenströme von Propan und Ammoniak (xLache = 2
m, dLache = 10 m, Anfangsfüllstand 80%) .............................................................102
Abbildung 7.37: Einfluß der Stoffeigenschaft auf den maximalen Temperaturverlauf in der
Behälterwand (xLache = 2 m, dLache = 10 m). In der Abbildung ist nur die Zeit bis 160
min Branddauer dargestellt. ................................................................................103
Abbildung 7.38: Verlauf der Temperatur der Gasphase (xLache = 2 m, dLache = 10 m,
Anfangsfüllstand 80%).........................................................................................104
3
Abbildung 7.39: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf die Berstzeit des 11 m Behälters
(Behälterinhalt: Propan).......................................................................................105
Abbildung 7.40: Einfluß des Anfangsfüllstandes auf den Berstdruck des Behälters (Behälterinhalt:
Propan)................................................................................................................106
Abbildung 7.41: Auftragung ermittelter dimensionsloser Größen .................................................108
3
Abbildung 8.1: Vergleich der Explosionsüberdrücke aus dem Bersten des 4.85 m Behälters und
3
des 11 m Behälters bei sonst gleichen Bedingungen (TFlamme = 800°C) ............111
3
Abbildung 8.2: Explosionsüberdrücke aus dem Bersten der 11 m Behälter bei verschiedenen
Anfangsfüllständen und Flammentemperaturen bei der Unterfeuerung .............112
3
Abbildung 8.3: Explosionsüberdruck aus dem Bersten der 11 m Behälter................................114
Abbildung 8.4: Verlauf der Explosionsüberdrücke über der Entfernung für die mittlere und
ungünstige Ausbreitungssituation........................................................................116
Dynamische Simulation thermisch initiierter Domino-Effekte 137

Tabellenverzeichnis
Tabelle 3.1: Auftreten von Domino-Effekten [Kourniotis et al.] ........................................................22
1) 2)
Tabelle 4.1: Grenzwerte für das Auftreten von Domino-Effekten ( [Delvosalle 1998], [Christou
3)
and Duffield], [Stangl and Simon])............................................................................39
Tabelle 5.1: Korrekturfaktoren für Ps und I für zylindrische Behälter [Yellow Book] .....................49

Tabelle 5.2: Korrekturfaktoren für Ps und I für Behälter, die bei einer geringen Höhe über dem
Boden gelagert sind [Yellow Book] ..............................................................................49
Tabelle 5.3: Abschätzung der Anzahl von Fragmenten [Yellow Book].............................................52
Tabelle 5.4: Masse und Form von Trümmerstücken [Yellow Book].................................................52
Tabelle 5.5: Drag and Lift von Trümmerstücken [Yellow Book] .......................................................54
Tabelle 7.1: Abmessungen der untersuchten Behälter ....................................................................71
Tabelle 7.2: Masse des Behälterinhalts ...........................................................................................72
Tabelle 7.3: Untersuchte Durchmesser und Entfernungen des Lachenbrandes vom Behälter. Grau
hinterlegte Behälter sind bei TFlamme = 1240 K geborsten ............................................86
Tabelle 7.4: Maximale Einstrahlzahlen und Bestrahlungsstärken am Behälter (TFlamme = 1240 K)105
Tabelle 8.1: Maximale Flugweite Rmax der Trümmerstücke aus dem Bersten der Behälter durch
Unterfeuerung............................................................................................................113
Tabelle 8.2: Maximale Flugweite Rmax der Trümmerstücke aus dem Bersten der Behälter durch
einen entfernten Lachenbrand...................................................................................114
Tabelle 8.3: Ergebnisse der Schwergasausbreitung mit ProNuSs [Pronuss] ................................115