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TRASH TALK

LIEBER KIM JONG-UN

Text: Frank Richter, frank@mannschaft-magazin.ch Illustration: Melanie Carrera, sarrera.ch

Gut, «lieber» mag in deinem Fall vielleicht nicht die optimale Anrede sein. Es klingt etwas salopp. Lass es mich nochmals ver- suchen: Geliebter oberster Führer der Demokratischen Volks- republik Korea. Ich schreibe dir, weil ich meine Enttäuschung nicht länger zurückhalten kann. Vergangenes Jahr erhielt ich von meiner Schule eine Einladung zur Studienreise nach Nordko- rea. Neugierig klickte ich auf den Link encounterkorea.com. Vor mir erstrahlte eine Website, die damit warb, dass man Nordko- rea unbedingt einmal mit eigenen Augen gesehen haben müs- se. Das geheimnisvolle Land habe nämlich viel zu bieten. Ich klickte mich durch Bilder von eindrucksvollen Denkmälern so- wie paradiesischen Parks und gelangte zur Überzeugung, dass Nordkorea wirklich ein Besuch Wert sei. Die Website suggerier- te ausserdem, dass das Land geradezu darauf warte, westliche Studenten mit offenen Armen zu empfangen, wie Micky Mouse in Disneyland. In meinen Gedanken malte ich mir schon aus, wie ich in Bundfaltenhosen hinter einer freundlichen Fremden- führerin durch Pjöngjang laufen würde. Miss Lee (das wäre ihr Name gewesen) hätte mich über die Geschichte der Elitenation aufgeklärt und ich hätte ihr im Gegenzug westliche Popmusik von meinem iPod vorgespielt (David Hasselhoffs «Looking for Freedom» oder «Go South West» von den Pet Shop Boys).

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Doch leider wird es nie dazu kommen. Ein Blick in die Einrei- sebestimmungen zerstörte meine Träume.

«Journalisten oder Journalismusstudenten sind vom Reise- angebot ausgeschlossen» stand da klar und deutlich. Ungläu- big drückte ich den «Aktualisieren»-Button meines Browsers,

hoffte darauf, dass die Regeln noch aus den Sechzigerjahren stammten und jeden Augenblick erneuert würden. Doch nichts passierte. Ich musste mich damit abfinden, dass ich das Land aufgrund meiner Berufswahl nicht besuchen dürfte. Eine Aus- nahme schien nur 2009 gemacht worden zu sein, als Christoph Blocher für die Weltwoche in journalistischer Mission einen Wanderbericht aus Nordkorea verfassen durfte. Da standen

Sätze drin wie «So liege ich also im Norden [

] – wo unterir-

dische Kernwaffen-Versuche durchgeführt wurden –, in einem Land, das ganz auf Verteidigung, Unabhängigkeit und die ei- gene Sicherheit konzentriert ist.» Gerne hätte auch ich mich in diesem unabhängigen Paradies sicher gefühlt.

Am 7. Juni wird die nächste Gruppe Studenten in Richtung Pjöngjang aufbrechen. Journalisten sind wiederum keine dabei. Das ist extrem schade, denn Nordkorea scheint geradezu für Medienschaffende gemacht zu sein. Seit Jahren bietet das Land weder WLAN noch Mobilfunk an. Faule, westliche Journalisten können also endlich mal wieder selbst recherchieren, anstatt In- fos aus dem Netz zu kopieren. Nennenswert finde ich auch das Vieraugenprinzip, das Nordkorea konsequent durchzieht. Alles Geschriebene muss vor der Veröffentlichung vom Reiseleiter ge- gengelesen werden. Somit bleiben dem Journalisten peinliche Schreibfehler oder Zahlendreher erspart, was der Qualität ex- trem förderlich ist. Lokale Übersetzer sorgen ausserdem dafür, dass sich keine Fehler in die Zitate einschleichen. Schliesslich will man ja korrekt wiedergeben, wie gut jungen Nordkoreanern ihr Leben gefällt und warum der Süden überbewertet wird. Auch dem Rund-um-die-Uhr-Nachrichtenjournalismus schiebt Nordkorea den Riegel vor. Nachts wird einfach der Strom abge- stellt. Eine Energiesparmassnahme, die auch dem Westen gut tun würde. Wenn ich nur daran denke, wie viele Journalisten dadurch vor einem Burnout geschützt werden könnten.

Ich sehe viele gute Ansätze in deinem Land, geliebter Kim.Wenn du die Einreisebedingungen lockern würdest, könnte auch der Westen davon erfahren. Und das wäre doch bombig.

Grüsslichst

Frank