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Joannes Richter

Der Himmelsgott Dyaeus


Für Heike

- zum 50. Geburtstag -

2
Joannes Richter

Der Himmelsgott

Dyæus
Die Entdeckung
der ursprünglichen Religion

Lulu Verlag

-2010-

3
© 2009-2010 by Joannes Richter
Veröffentlicht bei Lulu
www.lulu.com
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: 978-1-4092-7630-2

4
Inhalt
1 Einführung.............................................................................9
2 Übersicht..............................................................................13
3 Patriarchat und Matriarchat .................................................19
4 Steinzeitliche Kunstwerke ..................................................21
5 Unbenannte N-Kopf-Skulpturen..........................................29
6 Benannte N-gesichtige Skulpturen......................................45
7 Spiegelungen bei der Bestattung..........................................65
8 Manuskripte.........................................................................75
9 Die Bibel..............................................................................91
10 Die Gewänder..................................................................123
11 Das Denkmal der Farbe „Paars“......................................137
12 Flaggen.............................................................................141
13 Übersicht der androgynen Göttern ..................................143
14 Die Proto-indoeuropäische Sprache.................................147
15 Farben, Zwirn und Runen ...............................................157
16 Die Namen Deutsch und Dutch.......................................173
17 Die Psychoanalyse...........................................................175
18 Übersicht der androgynen Symbole.................................177
19 Moderne androgyne Symbole..........................................183
20 Zur Entstehung dieses Buches.........................................187
21 Zusammenfassung............................................................189
22 Anhang.............................................................................193

Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Der Kieselstein von Makapansgat..............................22
Abb. 2: Androgyne Steinzeitskulptur.......................................34
Abb. 3: Der erste Mensch - duales Prinzip.............................36
Abb. 4: Hermes von Roquepertuse..........................................41
Abb. 5: zweigesichtige Skulptur aus Holzgerlingen................42

5
Abb. 6: Hermes of Roquepertuse als Hörner-Gestalt..............43
Abb. 7: Die androgyne Gottheit Zurvan..................................46
Abb. 8: Die Zbruch-Skulptur...................................................52
Abb. 9: Männliche Seite des Odins auf Boa-Island.................57
Abb. 10: Westseite der androgynen Skulptur auf Boa-Island. .58
Abb. 11: Brahma-Skulptur im Halebidu-Tempel.....................59
Abb. 12: Janus-Skulptur (Vatikanstadt) .................................61
Abb. 13: Androgynes Paar (Mexiko).......................................63
Abb. 14: Androgyne Elfenbeinskulptur, Gagarino..................71
Abb. 15: Vergleich der Funde in Sungir und Gagarino............72
Abb. 16: Vierköpfiges Adam-Modell.......................................89
Abb. 17: Kopfzeilen aus mittelalterlichen Bibeln..................102
Abb. 18: Initialen in einem Codex des 14e JH......................103
Abb. 19: La Divina Commedia..............................................104
Abb. 20: Kopfzeile der Korczek-Bibel (Prag- um1410)........107
Abb. 21: Kopfzeile der Korczek-Bibel (Prag- um1410)........107
Abb. 22: Gottes Fingerzeig an Noah (Wiener Codex )..........109
Abb. 23: Madonna von Czestochowa....................................114
Abb. 24: Schöpfergott in roter und blauer Bekleidung .........116
Abb. 25: Der Judas-Kuss (1336)............................................117
Abb. 26: Männlicher Himmelsgott (Wiener Codex)..............120
Abb. 27: Gottes Fingerzeig an Noah (Wiener Codex)...........121
Abb. 28: Jesus Christus in Rot und Blau...............................123
Abb. 29: Heiliger in Rot und Blau.........................................124
Abb. 30: Ikone der Gottesmutter...........................................131
Abb. 31: Kaiser Heinrich (Codex Manesse)..........................133
Abb. 32: Register der Codex Manesse...................................135
Abb. 33: Französische Flagge in Blau-Weiß-Rot (1358).......141
Abb. 34: Keltisches Fürstengrab in Hochdorf.......................158
Abb. 35: Sephiroth in Farbdarstellung...................................163
Abb. 36: Die Koreanische Flagge..........................................166
Abb. 37: Die Prinzen-Flagge (1572)......................................167

6
Abb. 38: Androgynes Ehepaar (Ölgemälde von J. Richter)...176
Abb. 39: Maibaum in Baden-Württemberg (2008)................177
Abb. 40: Djed-Säule ..............................................................178
Abb. 41: Androgyner Davidstern...........................................179
Abb. 42: Wappen der Hansa-Stadt Brügge............................181
Abb. 43: Wappen der Hansa-Handelsgesellschaft.................181
Abb. 44: Androgynes Gesicht (Marc Chagall)......................183
Abb. 45: Androgynes Gesicht (2003)....................................185

Tabellen
Tabelle 1: Zeittabelle für das Pleistozän..................................21
Tabelle 2: Schöpfungsphasen im Buch Genesis....................108
Tabelle 3: Kategorisierung einiger mittelalterlichen Bibeln. .119
Tabelle 4: Elementare Wortliste für die PIE..........................149
Tabelle 5: Androgyne Götter und ihre Pronomina................153
Tabelle 6: Symbole für die Farben Rot und Blau...................184
Tabelle 7: Übersicht der androgynen Göttern........................201

7
8
1 Einführung
Dieses Buch wird den Leser einführen in die Synthese der
Etymologie, Religion, Mythologie, Geschichte und
steinzeitlichen Kunst.

Der Himmelsgott beschreibt die Reste einer alten androgynen


Religion, in der die Menschen noch gewusst haben, dass sie
eine gemeinsame Religion mit einem einheitlichen
Himmelsgott geteilt haben.

Obwohl das Reisen vor 20.000 Jahren gewiss nicht einfach


gewesen ist, müssen Händler bereits in regelmäßigem Kontakt
gestanden haben. Dabei haben sie die Sprache und das religiöse
Wissen über Europa und die übrigen Kontinente verteilt.
Steinzeitskulpturen verraten eine gemeinsame Basisidee, indem
Schädel in einer dualen Anordnung zusammengesetzt wurden.
Indem wir diese Symbole mit anderen geschichtlichen Spuren
vergleichen, lernen wir sie als alte Schöpfungslegende
verstehen, in der ein Schöpfergott eine männlich-weibliche
Person erschafft und diesen ersten Menschen in Frau und Mann
aufteilt.

Es ist kaum zu glauben, dass die Menschen sich bereits vor


20.000 Jahren einem einzelnen androgynen Gott gewidmet
haben, aber die steinzeitlichen Skulpturen sind ziemlich
eindeutig. Es wurde eine große Zahl von N-köpfigen Figuren
gefunden und eine der ältesten Skulpturen, die aus dem
Elfenbein eines Mammuts geschnitzt worden ist und in der
ukrainischen Siedlung gefunden wurde, ist bereits 22.000 Jahre
alt.

9
Beschriftungen und Schriftstücke enthüllen, dass die Götter
durch einheitliche Vokale, beziehungsweise Buchstaben I und
U symbolisiert wurden. Wir können die Standardzeichen (das
weibliche U und das männliche I) in vielen Gottesnamen, in
den Pronomina und sogar in den Symbol-Farben
wiedererkennen.

Die Bibel enthüllt eine Vielzahl Farbsymbole (Rot, Blau und


Purpur-Zwirn) in den Büchern Exodus und Chronik, in dem
Gott genaue Anweisungen für den Zeltbau und für den
Tempelbau erteilt. Archäologen haben vergleichbaren
Gewänder und Tücher in feinster Zwirn-Technologie mit den
Symbol-Farben Rot und Blau in einem Fürstengrab bei
Hochdorf gefunden. Mit diesem Zwirn wurde der
Königsmantel in der speziellen Farbkombination Purpur
hergestellt.

Das wichtigste Buch der Kabbala, der Sohar, beschreibt die


alte androgyne Schöpfungslegende, die mit der legendären
Beschreibung in Platos Symposium übereinstimmt. Diese Texte
erlauben uns, die Originalfassung der Bibelgeschichte zu
rekonstruieren. Der Sohar hat jedoch vermutlich den
wichtigsten Schlüssel zur androgynen Religion bereits
verloren. Die Autoren des Sohars definieren die androgynen
Schlüssel irrtümlicherweise als das männliche I und das
weibliche H anstelle der richtigen Symbole, der Zeichen I
(männlich) beziehungsweise U (weiblich).

10
Der Himmelsgott beginnt nun mit einer Beschreibung der alten
Skulpturen und entfaltet anschließend die androgynen
Symbolik zur vollen Schönheit, so dass letztendlich kein
Zweifel mehr an der Existenz dieses großen historischen
Monuments übrig bleibt:

Eine gemeinsame, androgyne Religion für die Menschheit.

11
12
2 Übersicht
Das Manuskript beginnt mit einer Kurzfassung der androgynen
Religion.

Himmelsgötter in der indoeuropäischen Sprache


In einer Einführung1 in die Religionsgeschichte beschreibt
Mircea Eliade die Merkmale einer ersten, allgemeinen
Gottheit, die er mit einer Donnerstimme und einem Lichtblitz
als Himmelsgott oder Herrscher des Himmels identifiziert. In
den indoeuropäischen Sprachen wurde ihr Name als Dyaeus
dokumentiert. In der mongolischen Sprache heißt der oberste
Gott Tengri, das man mit Himmel übersetzt. Das Chinesische
Wort T'ien bezeichnet sowohl den Himmel als den
Himmelsgott. Die Namen Zeus und Jupiter sind immer noch
allseitig als Himmelsgötter bekannt. Wir werden jedoch auch
lernen, die androgynen Merkmale in ihren Namen zu
identifizieren. Im Laufe der Zeit wird der Himmelsgott durch
andere Götterfiguren ersetzt, aber in einigen Religionen, die
zum Monotheismus neigen, erreicht der androgyne
Himmelsgott eine einzigartige Position.

Die Analyse der N-köpfigen Skulpturen


Archäologen ordnen die gefundenen Skulpturen einer langen
Periode von der Steinzeit bis zum Mittelalter zu. Die Fundorte
sind weltweit verstreut. Die Idee der N-köpfigen Skulpturen
scheint zu allen Kontinenten durchgedrungen zu sein.

1
In the Sacred and the Profane-The Nature of Religion,
von Mircea Eliade (1956), ISBN 978-0-15-679201-1.

13
Grabbeigaben im Hochdorfer Fürstengrab und an der Fund-
stelle der Nebra-Scheibe enthüllen die prähistorische
Reisetätigkeit und die Handelsrouten zwischen den Kulturen
Nordeuropas und der Mittelmeerregion, wobei die religiösen
Ideen und die Tradition über riesigen Entfernungen
weitergereicht wurden. Die Kontakte erklären, warum sich die
zwei-, drei- und vierköpfigen Götter weltweit verbreitet haben,
und zwar in einem Umfang, als ob das Reisen damals so
einfach gewesen sei wie heute.

Die androgynen Antipoden in Skulpturen


Eine Anzahl von alten Skulpturen zeigt die androgynen
Gegensätze in Geschlechtsmerkmalen. Manche vierköpfigen
Skulpturen (zum Beispiel die Brahma-Skulptur im Halebidu-
Tempel) enthüllen androgyne Merkmale, indem sie zumindest
ein bärtiges Gesicht und ein bartloses Gesicht aufweisen.
Einige doppelgesichtige Skulpturen, zum Beispiel der Hermes
von Roquepertuse deuten die androgyne Symbolik in einem
etwa sieben- bis zehnprozentigen Unterschied in den
Schädelgrößen an. Andere vierköpfige Skulpturen (zum
Beispiel die Zbruch-Skulptur) weisen androgyne Symbole auf,
indem sie jeweils zwei Personen mit Brüsten und zwei
Personen ohne Brüste, aber mit Bärten darstellen.

Pronomina in der PIE-Sprache


Die Prototypen für religiöse Konzepte und die Grundlagen für
die Indo-Europäische Sprachen weisen vielleicht einige
gemeinsamen Ideen auf.
Zunächst darf man davon ausgehen, dass jede Sprache Wörter
für einige Basisbegriffe und Grundelemente enthält.

14
Basierend auf linguistischen Theorien hat August Schleicher
die wichtigsten Wörter der Proto-indoeuropäischen (PIE-)
Sprache zusammengesetzt und geordnet. Diese
Zusammenstellung gilt vermutlich sogar für nahezu alle
Sprachen weltweit. In der PIE gelten demnach die Pronomina
„Ich“, „Du“ und „Wir“ als die wichtigsten Wörter überhaupt.
In unserem Konzept entwerfen wir nun zunächst drei
Prototypen für die Proto-Pronomina in der Reihenfolge der
Wichtigkeit: "I" , "U" und "UI".
In Anbetracht der Wichtigkeit der drei Pronomina „Ich“, „Du“
und „Wir“ dürfen wir für diese Begriffe einen Bezug zu
gleichwertiger, religiöser Symbolik in der androgynen Religion
herstellen.
Das wichtigste Proto-Pronomen "I" ist die erste Person
Singular, die als männliches Symbol betrachtet wird und das
religiöse Konzept des Lingams abbildet. An zweiter Stelle folgt
das Proto-Pronomen "U" als weibliches Symbol mit der
Bedeutung der Yoni. An dritter Stelle folgt in der Proto-Indo-
Europeäischen (PIE-) Sprache das Proto-Pronomen "UI" oder
"IU", das als Verschmelzung für die Einzelpronomina "U" und
"I" gelten mag. Im religiösen Basiskonzept wurde die
Verschmelzung von Mann und Frau offensichtlich mit "UI"
oder mit der symmetrischen Form "IU" symbolisiert.

15
Tetragrammatons
Eine Übersicht der wichtigsten Götternamen liefert eine
Korrelation zu den Grundlagen der religiösen Symbolik in den
vierstelligen heiligen Namen (elementare Tetragrammatons).
In den indoeuropäischen Sprachen werden die Hauptgötter
Diaeus (Sanskrit "Dyaus", Griechisch Zeus oder Latein Deus)
und Sius (der Sonnengott der Hethiter) etymologisch
gleichwertig. Die kabbalistische Literatur beschreibt das
hebräische Tetragrammaton IHVH als eine Kombination eines
weiblichen Buchstabens (V) und eines männlichen Symbols
(das kleinste Symbol und Kernbuchstabe Jod, das „I“).

Schöpfungslegenden
Androgyne Schöpfungslegenden (wie z.B. Platos Symposium
und die Legende aus dem Buch Sohar) basieren auf der Idee,
dass die männliche und weibliche Hälfte des erstgeschaffenen
oder erstgeborenen Menschen sich gegenseitig nicht sehen
konnten. Obwohl sie miteinander verbunden waren, fühlten sie
sich einsam, und aus Mitleid entschied sich der hebräische
Gott, die beide Hälften zu trennen. Plato erzählt jedoch, dass
Zeus die ersten Menschen nicht aus Mitleid, sondern aus
Furcht in Mann und Frau getrennt hat.
Unabhängig von diesen Beweggründen musste der
Schöpfergott die Körper und die Schädel trennen, indem er die
androgyne Menschengestalt ("Adam") in zwei Menschen-
Körper aufteilte und die weibliche Hälfte wie eine hübsch
geschmückte Braut der männlichen Hälfte (dem Bräutigam)
vorführte. Von Angesicht zu Angesicht sahen sich nun Braut
und Bräutigam erstmalig in die Augen.

16
Diese Legende beschreibt offensichtlich eine Hochzeit, in dem
die Braut während der Heiratszeremonie durch Entschleierung
dem Partner präsentiert wird. In traditionellen
Hochzeitstraditionen werden offensichtlich manchmal Spiegel
verwendet, um das Hochzeitspaar einen Blick auf die
„wiedervereinte“ Menschengestalt und ebenfalls auf das Abbild
des Schöpfergottes zu lassen2

Symbolik in den Farben und im Webverfahren


In einem alten, keltischen Fürstengrab beim baden-
württembergischen Hochdorf/Enz haben die Archäologen am
bestatteten Körper des Fürsten Purpur-Kleider gefunden, die in
feinster Zwirn-Technik gewebt sind. Der Zwirn besteht aus
feinsten roten und blauen Fäden mit einer Webdichte von 80
Fäden pro Zentimeter. Diese hohe Webdichte führt dazu, dass
ein menschliches Auge die roten und blauen Farben ohne
optische Hilfsmittel nicht wahrnehmen kann, so dass es diese
Tücher als homogen gefärbte Purpur-Kleider wahrnimmt. Im
Hochdorfer Museum hat man diesen Zwirn mit größter Mühe
auf modernen Maschinen rekonstruiert.
Wir werden die gleiche Technologie auch in der Bibel finden.
Dort wird bereits im Buch Exodus ein Webverfahren mit einem
Zwirn dokumentiert, das in der Bibel Byssus genannt wird. Als
Farben schreibt Gott mehrmals ausdrücklich die Farben Rot,
Blau und Purpur vor. Wir werden die betreffenden Bibelzitate
in den nachfolgenden Kapiteln genau beschreiben.

2
Details zu den Afghanischen Hochzeitsritualen wurden von Khaled
Hosseini in seinem Buch „Der Drachenläufer“ dokumentiert.

17
Die Elementarfarben Rot, Blau und Purpur deuten auf
androgyne Elemente, die sich bei blauer Farbe auf männliche,
bei roter Farbe auf weibliche und bei Purpur auf göttliche
Symbolik beziehen.
Rot und Blau sind die klar erkennbaren Randfarben des
Regenbogens, während wir Purpur als Mischfarbe von Rot und
Blau kennen, die als einzige Farbe im Spektrum des
Regenbogens fehlt.

Kleider, Ikonen und Gemälden


Von Anfang an wurden für die Gestaltung der heiligen
Kunstobjekte (Ikonen, Bibel, Kodizes und Gemälde) gewisse
Regeln eingehalten. Diese Regel sind zumindest für die
mittelalterlichen Fürstengewänder ebenfalls eingehalten
worden. Auf ihrem Thron mussten die Kaiser Barbarossa und
Heinrich VI nachweislich entweder Purpur oder eine Rot/Blau-
Kombination tragen.

Flaggen
Analog zu den Gewändern (aber genau genommen nach den
Vorgaben aus dem Buch Exodus) wurden die Gestaltung der
westeuropäischen Flaggen vorgenommen. Diese Flaggen
bilden vermutlich die letzten Spuren der androgynen
Religionen in unserer modernen Gesellschaft.

18
3 Patriarchat und Matriarchat

Der Himmelsgott wird oft „Himmlischer Vater“ oder


„Vater im Himmel“ genannt. Die Idee eines
Himmelsvaters muss zumindest bereits 500 vor Christus
bekannt gewesen sein. In prähistorischer Zeit gab es
jedoch auch ein Matriarchat, das uns zur Überlegung
führt, ob es nicht zwischenzeitlich eine androgyne
Übergangsphase gegeben haben mag.

Vor der Studie der Bücher, die vor 1950 geschrieben worden
sind, sollte man vielleicht einige Probleme beim Verständnis
dieser Texte aus dem Weg räumen. Die wichtigsten Gründe für
diese Missverständnisse liegen im Bereich der dramatischen
Anpassung der sozialen Stellung der Frauen.
Bis zum zweiten Weltkrieg wurden die Väter-Titel der
monotheistischen Göttern leicht verstanden und akzeptiert. Bis
zu dieser Zeit durften Frauen nicht wählen oder gar einen
eigenen Besitz erwerben. In Prozessen, Wahlverfahren und
Rechtsangelegenheiten vertrat der Ehemann die Frau als ob sie
eines seiner Kinder gewesen sei. Die Bibel beschrieb die Frau
als die Dienerin des Mannes und einige Hefte im Bereich der
Eheanbahnung beschreiben die Frau sogar als ein Körperteil
des Mannes.
Während 25 Jahrhunderte war der „Mensch“ in erster Linie
eine männliche Person, zu dem die Frau einfach als Anhängsel
hinzu gerechnet wurde3.
3
Siehe dazu das Manuscript Core Dump von Joannes Richter (2009)

19
Tatsächlich bedeutet „Mensch“ eher ein Ehepaar als ein
individuelle Einzelperson.
Aus diesem Grund adressierte Papst einen Hirtenbrief "De
Rerum Novarum" an die männlichen Mitglieder der Kirche.
Selbstverständlich erwartete man dass die männlichen
Mitglieder die Information an die weiblichen Personen und
Kinder weiterreichen würden.
Nun verursacht die Idee von „Mann“ als Gottes Ebenbild
einige Probleme. Der Mann mit einer Frau als Anhängsel bildet
eher ein Ehepaar, was jedoch dem Bild einer monotheistischen
Religion nicht entspricht. Dieser Paradox resultierte in eine
historische Phase, in dem Jahwe von einer Ehegatte Asjera
begleitet wurde. Die Gläubigen haben das jedoch als ganz
normal akzeptiert und das Ehepaar als monotheistischen Gott
betrachtet.
Nun sollte noch der ursprünglich als androgyn erschaffene
Mensch Adam in zwei Hälften Mann und Frau aufgeteilt
werden, die traditionell als unvollständigen und unfertigen
Menschenhälften betrachtet wurden. In einer Ehezeremonie
wurden diese beide Hälften zum ursprünglichen „Menschen“
als Gottes Ebenbild zurückgeführt und vereint.
Die patriarchale Idee, welche die Frau zum männlichen
Körperteil machte, hat in den Ländern am Mittelmeer
zumindest seit 500 vor Christus bestanden.

20
4 Steinzeitliche Kunstwerke

Einführung zur Steinzeitkunst


Einige wissenschaftliche Ausdrücke in diesem Manuskript
beziehen sich auf die letzte Eiszeitphase, das Pleistozän, das
sich von 1,8 Millionen Jahren bis etwa 10.000 vor Christus
erstreckt.

Zeitraum Anzahl Jahre Bezeichnung


Pleistozän Vor 1,8 Altpaläolithikum
Millionen J. Industrie: Oldowan
Industrie: Acheuléen
Mittelpaläolithikum
Industrie: Moustérien
Vor 30.000 J. Jungpaläolithikum
Industrie: Châtelperronien
Industrie: Aurignacien
Industrie: Gravettien
Industrie: Solutréen
Industrie: Magdalenian
Holozän Vor 10.000 J. Jungsteinzeit (Neolithikum)

Tabelle 1: Zeittabelle für das Pleistozän

21
Diese Zeit wird auch als Steinzeit oder Paläolithikum
bezeichnet. Die Steinzeit wird aufgeteilt in eine frühe, mittlere
und späte Steinzeit, wobei man die frühe und mittlere Steinzeit
oft auch nach den Werkzeugtypisierung „Acheuléen“
beziehungsweise „Moustérien“ bezeichnet. Jede
Werkzeugkategorie wird nach einer charakteristischen
Werkzeugtypisierung benannt.

Das älteste steinzeitliche Kultobjekt

Abb. 1: Der Kieselstein


von Makapansgat.
Eines der ältesten bisher gefundenen steinzeitlichen
Kultobjekte kann vielleicht als doppelgesichtiger
4
Menschenkopf gesehen werden.

4
Der‘australopithecine’ Kieselstein von Makapansgat, Südafrika.,
gefunden durch W.I. EITZMAN - 1925

22
Das Objektalter wird auf 3 bis 2,3 Millionen Jahre geschätzt
und wurde von einem Urmenschen mit der Bezeichnung
Australopitechus in Südafrika benutzt oder hergestellt.
„Auf der Rückseite des Kieselsteins befindet sich ein
zweites Abbild, das die Gesichtszügen eines
Australopitechus aufweist. Wissenschaftler betrachten
diesen Kieselstein als ein natürlich gewachsener Stein.
Der Kiesel wurde jedoch vom Australopitechus als
Gebrauchsobjekt behandelt und kann als eine Art Vor-
Kunstform betrachtet werden, das heißt die
Verwendung unbearbeiteter Naturprodukte als Kult-
Objekte für die Rituale. Wir haben das Original nie
gesehen, aber falls es Bearbeitungsspuren aufweist,
sollten wir es als Kunst einstufen“.5.

Auch als unbearbeitetes Naturprodukt kann dieser Kieselstein


als erstes doppelgesichtiges Kultobjekt benutzt worden sein,
das man als Totem benutzt hat, das auf eine religiöse Dualität
und / oder andere Symbolik hindeutet. Archäologen haben
zahlreiche alte doppelgesichtige und andere N-köpfige
Skulpturen gefunden, die Gottheiten darstellen.

Obwohl prinzipiell jedes doppelgesichtige Objekt auf die


androgyne Schöpfungslegende hinweisen kann, die der
berühmten Schöpfungslegende in Platos Symposium ähnelt,
wird der Nachweis einer Beziehung zwischen diesem etwa 2,5
bis 2,9 Millionen Jahre altem Objekt und Symbolik der
späteren und modernen Religionen vermutlich kaum möglich
sein.
5
Quelle: Museum of the Origins of Man - von Pietro Gaietto

23
Der Australopithecus gehört zu einer sehr alten Hominiden-Art.
In wesentlich jüngeren Zeitaltern, in der Zeit, die zwischen
45.000 und 30.000 Jahre zurückliegt, hat unsere Spezies
(Homo sapiens sapiens) die vergleichsweise junge Hominiden-
Art Homo sapiens neandertalensis ersetzt. Im besagten
Zeitalter können wir eine Symbiose wahrnehmen, in der die
Neandertaler mit den Neuankömmlingen zusammengearbeitet
haben, die vielleicht aus Afrika eingewandert sind. In unseren
weiteren Betrachtungen werden wir uns auf diese jüngeren
Völker und ihre religiösen Ideen fokussieren.

Die Klassifizierung steinzeitlicher Objekte

Die Klassifizierung steinzeitlicher Objekte erfordert viel


Erfahrung und Hintergrundwissen im Bereich der
unterschiedlichen Skulptur-Klassen, die man weltweit verstreut
aufgefunden hat.

Ich bin Pietro Gaietto und Licia Filingeri sehr dankbar, die mir
großzügig den Zugriff auf die Dokumentation ihrer Webseiten6.
für diese Studie gestattet haben. Pietro Gaietto, der die erste
Skulptur mit Neandertaler-Gesichtszügen in Italien entdeckt
hat, beschreibt die Entwicklung folgendermaßen:

„Skulpturen der älteren und mittleren Steinzeit betreffen


überwiegend Menschenköpfe als Abbild der natürlichen
Gestalt. In nachfolgender Zeit ändert sich die Kopfform
jedoch nach einer sich entwickelnden „Moden“-Folge.

6
"Museum of the Origins of Man" von Pietro Gaietto
und “Paleolithic Art Magazine“ von Licia Filingeri.

24
Die Form der Menschenkopf-Skulpturen variiert in den
vergangenen drei Millionen Jahre beträchtlich, weil die
dargestellten Gestalten unterschiedliche Spezies der
menschlichen Rasse darstellen. Die älteren Skulpturen
bilden den Kopf ohne Stirn und Kinn ab, während die
jüngeren Skulpturen den Homo sapiens sapiens,
abbilden, der sowohl Stirn als Kinn aufweist“7.

Pietro Gaietto stuft die Skulpturen der Altsteinzeit und


mittleren Steinzeit als religiöse Kultobjekte ein und
klassifiziert diese folgendermaßen:

1. Individueller Menschenkopf
2. Individueller Tierkopf
3. Doppelgesichtiger Menschenkopf
4. Doppelgesichtiger Tierkopf
5. Menschenkopf, der am Nacken mit einem Tierkopf
verbunden ist.
6. Kombination eines Menschen- & Tierkopfes
7. Eine nackte Frauenskulptur (Venus)
8. Ein Tierkopf auf einer Menschengestalt.

Die religiöse Bedeutung dieser acht Klassen wird in den


Webseiten dokumentiert, wobei die Autoren Vergleiche zu
jüngeren Zeitaltern heranziehen.

„Wie man auf den Photos feststellt, haben die Künstler


die Größe und Anordnung der Köpfe immer wieder
variiert, sogar im gleichen Abbild. Die Gründe dafür
sind uns bislang unklar.
7
Quelle: Einführung z. "Museum of the Origins of Man" von Pietro Gaietto

25
Die Abbildung des individuellen Kopfes und der
Kopfkombinationen bezieht sich auf die Schädelkult der
Verstorbenen. Wissenschaftler haben diesen Kult
Anfang der neunziger Jahre der älteren Steinzeit
zugeordnet aufgrund der großen Zahl Schädelfunde im
Vergleich zu den übrigen Körperteilen. Menschliche
Schädelfunde sind in den Gräbern von der mittleren
Steinzeit bis zu den historisch dokumentierten Zeiten
bekannt. Auch die Aufbewahrung von Bärenschädeln
wurde in der mittleren Steinzeit praktiziert“8.

Von den zwei- zu den vierköpfigen Skulpturen

Anschließend beschreibt Pietro Gaietto die evolutionäre


Entwicklung von den zwei- zu den vierköpfigen Skulpturen
wie folgt:

„Im Zeitraum nach der Steinzeit entwickeln sich die


acht Typen dramatisch in der Folge neuer
Bearbeitungsmethoden und der Anwendung neuerer
Materialien. Die Komposition und die religiöse
Bedeutung werden komplexer. Der Künstler wird den
beiden Köpfen weitere Köpfe hinzufügen, einen
menschlichen Körper, viele Arme, sogar Augen auf den
Körpern anbringen, Kleider, Farben, usw. anwenden –
wie wir das bei den Indischen Göttern wahrnehmen.

8
Quelle: Einführung z. "Museum of the Origins of Man" von Pietro Gaietto

26
Genauere chronologische Klassifizierungen sind
möglich, wenn doppelgesichtige Skulpturen eine
Verbindung zwischen zwei unterschiedlichen
Hominiden darstellen, z.B. zwischen Neanderthalensis
Homo sapiens und Homo sapiens sapiens”9.

Dazu müssen wir berücksichtigen, dass diese evolutionären


Wandlungen nicht vergleichbar sind mit dem Wechsel
zwischen Monotheismus und den N-köpfigen Idolen, die
Mircea Eliade in späteren Kapiteln dieses Buches beschreibt.

Diese Einführung in die Klassifikation der Steinzeitobjekte


wird uns in den nächsten Kapiteln des Buches unterstützen.

9
Quelle: Einführung z. "Museum of the Origins of Man" von Pietro Gaietto

27
28
5 Unbenannte N-Kopf-Skulpturen
In der Regel haben die Skulpturen dieses Kapitels einen
Namen erhalten, aber diese Namen beziehen sich nicht auf die
vom Künstler vergebenen Namen.

Skulpturen aus der jüngeren Steinzeit


Abbildungen von weiblichen Personen, die man im
Zusammenhang mit der jüngeren Eiszeit findet, nennen die
Archäologen üblicherweise „Venus-Figuren“. Diese Skulpturen
bilden eine außergewöhnlich reiche Klasse von Artefakten. Bei
Ausgrabungen sind im Eurasischen Kontinent zwischen
Südfrankreich und Sibirien Hunderte von Venus-Figuren
gefunden worden. Sie werden alle auf etwa 25.000 Jahre vor
Christus datiert.

Eine schöne Übersicht dieser Funde hat Karen Diane Jennett in


ihrer These10 dokumentiert. Obwohl sie ihre Veröffentlichung
auf weibliche Figuren beschränkt, beschreibt sie doch einige
androgyne Merkmale, die wir als Ausgangspunkt für die
Analyse der androgynen Symbolik heranziehen können.

Auf dem Eurasischen Kontinent haben die Archäologen im


Bereich zwischen den Pyrenäen und dem Baikalsee Hunderte
Abbildungen von Menschengestalten ausgegraben, die
Künstler der verschiedenen steinzeitlichen Kulturen11
hergestellt haben.

10
„Female Figurines of the Upper-paläolithic" (2008)
11
insbesondere die Gravettien-Phase, etwa 30.000 v. Chr. bis 25.000 v. Chr.

29
Man hat unterschiedliche Materialien als Ausgangspunkt
gewählt, um sowohl transportable als auch fest installierte
Abbildungen nicht nur der weiblichen, sondern auch der
männlichen, Mensch-ähnlichen und androgynen Personen
abzubilden.

Die These von Karen Diane Jennett unterscheidet folgende


Skulpturen-Gruppen:

• die Pyrenäen-Aquitaine Gruppe


• die Mittelmeer-Gruppe
• die Rhein-Donau-Gruppe
• die Russische Gruppe
• die Sibirische Gruppe
Obwohl Mammutelfenbein in Italien gefunden wurde, haben
die Archäologen in Italien niemals Mammutreste gefunden.
Das Mammutelfenbein wurde offensichtlich aus entfernten
Gegenden herbeigeschafft. Dieser Befund beweist, dass die
Gruppen in Fernkontakt gestanden haben und religiöse Ideen
und Handelswaren ausgetauscht haben.

Die Pyrenäen-Aquitaine Gruppe


Diese Gruppe umfasst eine Region mit Skulpturen im
Südwesten Frankreichs am Rand der Pyrenäen. In dieser
Region soll nach Ansicht der Wissenschaftler zum Ende der
letzten Eiszeit eine große Bevölkerung gelebt haben. Die
Kunstwerke von Lascaux werden auf 15.000 B.C.E. datiert
und sind erheblich jünger als die gängigen Steinfiguren, die in
der Regel mehr als 22.000 Jahre alt sind.

30
Die Mittelmeer-Gruppe
Die Archäologen beurteilen die Mittelmeerregion als eine
überdurchschnittlich reiche Fundstelle auf dem Kontinent, wo
man eine Anzahl doppelgesichtiger Skulpturen gefunden hat. In
der nun folgenden Übersicht werden wir uns dabei speziell auf
die Zwitterskulpturen konzentrieren.

Im Nordosten Italiens befindet sich die archäologische Fund-


stelle Savignano der Venus von Savignano, die zumindest einen
Zwittercharakter aufweist. Margherita Mussi beschreibt die
Figur folgendermaßen: „Die Skulptur gehört sicherlich zu eine
prähistorischen und verloren gegangenen Kult, in dem die
weiblichen und männlichen Antipoden in einer gewissen
Beziehung zu einem höheren Wesen gestanden sind“.

La Belle et la Bete12 ist “eine kleine weibliche Figur, die


Rücken an Rücken mit einem Tier verbunden ist“. In dieser
grün-gelblichen, schlangenförmige Statue sind die zwei
geschnitzten Figuren am Hinterkopf, an den Schultern und an
den Füßen verbunden. Das Tier könnte einen Hund, Fuchs oder
Wolf, beziehungsweise auch ein Wiesel, einen Marder oder
einen Vielfraß darstellen.
Die „gelbe Speckstein-Statue“ mit der Janus-Figur ist ebenfalls
als „Dame mit dem durchbohrten Nacken“ bekannt. Diese
Skulptur ist eine grob geschnitzte Darstellung, die jedoch
beidseitig des Kopfes ein ungewöhnliches Gesicht aufweist.
Diese sogenannte ‘Janus’-Figur wurde so benannt, nachdem
Jullien diesen Titel in einem Brief an Edouard Piette 1903
aufgrund der Ähnlichkeit mit dem Griechischen Traumgott
ausgewählt hatte, den man sich als doppelgesichtig vorstellte.
12
Französisch: “Die Schöne und das Biest”

31
Die „Frau mit zwei Köpfen“ beziehungsweise „Bi-Cephalos“13
ist eine weibliche Figur, die einen zweiten, etwas größeren
Kopf aufweist, der mit einem gleichen Neigungswinkel wie
der erste Kopf dargestellt wird. Skulpturen, die mit zwei
unterschiedlich großen Schädeln dargestellt werden, sind ggf.
Zwitterpaare oder Zwittersymbole.

Die Rhein-Donau-Gruppe
Diese geografische Gruppe umfasst die Fundstellen, die sich
im heutigen Deutschland, Österreich und Tschechien befinden.

Die Russische Gruppe


Diese geografische Gruppe umfasst Funde im Südwesten
Russlands und der Ukraine. Es gibt Ähnlichkeiten mit einer
Zahl von Artefakten aus der Rhein-Donau-Gruppe.
Obwohl Jennett in ihrer These den Fund der Zwitter-Skulptur
in Gagarino nicht erwähnt, nimmt sie diese Figur trotzdem als
Abbildung in ihrem Manuskript auf. Diese Figur ist ein
Beispiel einer androgynen Elfenbein-Skulptur, in dem zwei
Menschengestalten am Kopf verbunden dargestellt werden. Die
Gestalten sind als komplette Körper geschnitzt. Wir werden
diese Skulptur noch im nächsten Kapitel beschreiben.

Die Siberische Gruppe


Obwohl man in letzter Zeit Ausgrabungen in gesamten
nördlichen und zentralen Asienbereich durchgeführt hat, ist die
prähistorische Bedeutung dieser Region noch kaum bekannt.

13
Griechisch: “Die Doppelköpfige”

32
Zusammenfassung
Die Doktorarbeit von Karen Diane Jennett liefert eine genaue
Beschreibung der weiblichen Aspekte dieser Skulpturen, aber
lässt die Diskussion über die androgyne Symbolik völlig offen.
Wir werden uns jetzt der androgynen Elfenbeinskulptur aus
Gagarino zuwenden.

33
Die Zwitter-Skulptur aus Gagarino
Doppelgesichtige Zwitterskulpturen können bereits sehr alt
sein. Die unten abgebildete kleine Skulptur 14 aus Elfenbein
eines bereits ausgestorbenen Mammuts mit einer Höhe von
14.8 cm (wobei die weibliche Figur 5.2 cm und die männliche
Gestalt 9.6 hoch ist) wurde in einer Steinzeitsiedlung (datiert
auf Gravettien , etwa 21.800 Jahre alt) bei Gagarino in der
Ukraine gefunden. Die männliche und die weibliche Hälfte
sind am Kopf verbunden und mit vollem Körper ausgearbeitet.

Abb. 2: Androgyne Steinzeitskulptur

Nach Angaben des Instituts für die Eiszeitforschung hat L.M.


Tarassov diese zylinderförmige Elfenbein-Skulptur bei
Ausgrabungen in Gagarino in 1968 entdeckt. Tarassov hatte
sofort festgestellt, dass sie am Schädel verbunden waren und
stellt fest,
„dass der Künstler die Verbindung der Schädeldecken
nach Fertigstellung absichtlich intakt gelassen hatte“.

14
Quelle: Institut für die Eiszeitforschung

34
Zur Bestätigung dieser Behauptung fügte er noch hinzu:
1. Die gleichzeitige Bearbeitung der Skulpturen liefert
keinen Vorteil, denn ein einziger Riss während der
Handhabung könnte die komplette Struktur zerstören.
2. Eine Zurückhaltung beim Elfenbeinverbrauch wäre
auch kein Argument, weil die russische Ebene
ausreichende Vorräte an Elfenbein zur Verfügung stellt.
3. Der Einschnitt zwischen den Schädeln ist gleichmäßig
tief und über die gesamten Länge gleichförmig sauber
bearbeitet.

Tarassov ging noch einen Schritt weiter und korrelierte diese


Kopf-Verbindungsbeziehung mit der doppelten Beerdigung
eines jungen Paars in Sungir, wobei zwei Einzelpersonen mit
sich berührenden Schädel in einem Grab beerdigt worden sind.
Für meine Begriffe ist diese Kopfberührung ein sicheres Indiz
für eine (religiöse oder gar androgyne) Symbolik.

Die 2-gesichtige Skulptur der Gobi-Wüste


Als Titelbild seines Buches15 wählte der Oberst James
Churchward eine 2-gesichtige Skulptur, die aus der alten
Hauptstadt Uighurs stammt. Zur Skulptur wurde dokumentiert:
„Die Stadt wurde vor 18.000 bis 20.000 Jahren zerstört
und die Skulptur ist vielleicht die älteste Darstellung der
androgynen Menschengestalt. <….>
Vielleicht bilden die zwei Hälften Mann und Frau eine
Gestalt, die zu damaliger Zeit noch eine Seele
verkörperte.“

15
The Sacred Symbols of Mu, published 1933 by James Churchward

35
Selbstverständlich kann die moderne Forschung jedoch ein
wesentlich jüngeres Alter für diese Skulptur festlegen...

Abb. 3: Der erste Mensch - duales Prinzip

Abbildung von P. K. Kosloff – mehr als 20,000 Jahre alt.


Aus der alten Hauptstadt Uighur unterhalb Karakhota, Gobi Wüste
( Material ohne Copyright )

36
Hermes von Roquepertuse
In der Nähe der Stadt Velaux beim südfranzösischen Marseille
befindet sich die Ruine des Keltenheiligtums Roquepertuse.
Das Heiligtum war in römischer Zeit immer ein zum nahe
gelegenen Stadt Entremont gehörendes religiöses Zentrum, wo
sich nur wenige Priester ständig für die täglichen Rituale und
die Bewachung bereithielten. Marseille ist zu besagter Zeit eine
griechische Kolonie, die sich bereits seit einigen Jahrhunderten
auf den Fernhandel mit den Kelten spezialisiert hatte.

Um 125 vor Christus bedrohen die Kelten in der Nähe dieser


Stadt die griechischen Kolonien und greifen römische
Legionen auf dem Durchzug nach Spanien an. Die Griechen
rufen ihren mächtigen Bundespartner zur Hilfe, und Rom
organisiert 124 v.C. eine erste Strafexpedition. Die Kelten
verteidigen sich zunächst erfolgreich. Die Römer verlieren
einige Soldaten und ziehen sich zurück. Römische Quellen
berichten, dass die Barbaren die Körper der Römer enthaupten
und die mumifizierten Schädel an die Wände ihrer Heiligtümer
und Häuser nageln.

Im nachfolgenden Jahr folgt eine zweite Expedition unter der


Leitung des Konsuls Gaius Sextius Calvinus. Die Truppen
marschieren jetzt mit schwerer Artillerie auf, die sechs
Kilogramm schwere Steinkugeln schleudern. Die Römer
postieren diese Waffen auf den Berghängen der Hauptstadt
Entremont und des Heiligtums Roquepertuse. Nach wenigen
Tagen Belagerung geben die Kelten auf und fliehen, während
die Römer Entremont und Roquepertuse vollständig
vernichten. Die Holzkonstruktionen der Bauten stürzen
zusammen und verbrennen.

37
Ein Wiederaufbau wird untersagt, und die Legion gründet in
der Nähe eine neue Stadt: Colonia Aquae Sextia, das heutige
Aix en Provence. Die Römer verbreiten im Kelten-Land
Gallien die Pax Romana. Das Salische Volk wird eliminiert
und ersetzt durch andere Kelten, Römer und Griechen. Die
Akropolis Roquepertuse wird vergessen, nachdem der Salische
Keltengott sein Volk so schmählich im Stich gelassen hatte,
und schlummert in der Erde bis 1929.

In 1923 beginnt der französische Archäologe Henri de Gérin-


Ricard die Ausgrabungen in Roquepertuse, das inzwischen
vollständig unter Laub, Erde und Stein begraben ist. Die
Archäologen finden drei quadratische Säulen mit
Aussparungen für Menschenschädel, zwei kopflose 62cm hohe
Buddha-Statuen, eine große Vogelskulptur in 25 Teilen, eine
Vielzahl römischer Steinkugeln und eine merkwürdige 20cm
große Skulptur mit zwei Gesichtern. Henri de Gérin-Ricard
nennt die doppelgesichtige Skulptur “Hermes von
Roquepertuse”, und seine Funde werden im Museum Borély in
Marseille ausgestellt.
Die menschlichen Gesichter der doppelgesichtigen Skulptur
sind etwa 20 cm hoch und in natürlicher Größe dargestellt. Die
Schädel sind bartlos, und die Haartracht wird lediglich mit
schwarzer Farbe angedeutet. Ursprünglich waren die Gesichter
mit roter Farbe, die Augen in Schwarz gemalt. Der größere
Schädel ist etwa sieben bis zehn Prozent größer als sein
Partner, und diese Differenz deutet ggf. auf ein Zwitterpaar. In
der Mitte befindet sich eine dreieckige, keilförmige
geometrische Figur, die Archäologen normalerweise als
Vogelschnabel deuten. Man glaubt, dass dieses Bild in einem
Todesritual verwendet wurde, um die Seele des Verstorbenen in
den Himmel zu geleiten.

38
Außerdem meinen die Archäologen, dass in Roquepertuse kein
Göttersymbol gefunden wurde. Die Statuen mit der Buddha-
Haltung seien dagegen Priester oder Soldaten.

Offensichtlich haben die Archäologen die Symbolik Tuiscos


bei der Analyse der Hermes-Statue ignoriert. Tuisco war ein
androgyner Gott, der die Menschen nach seinem Ebenbild
männlich-weiblich geschaffen hatte und erst danach
aufgetrennt hat in Mann und Frau. Genau dieser Moment der
Trennung wird in der Skulptur dargestellt, wobei ein Messer
aus Feuerstein auf einem Altarstein die Verbindung zwischen
Mann und Frau auftrennt. Die Skulptur aus Roquepertuse stellt
deshalb eine Schöpfungslegende dar, aber gleichzeitig auch ein
Ebenbild des Schöpfergottes Tuiscos. In Roquepertuse wurde
offensichtlich doch ein androgynes Göttersymbol gefunden,
und zwar das Ebenbild Tuiscos oder gar in einer französischen
Variante „Djeu-piter“.

Die Skulptur des Riesenvogels, der in 25 Scherben gefunden


wurde, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf eine andere, große
Religion der Antike. Dieser Vogel, der sich verjüngt und aus
seiner Asche aufsteigt, findet sich in vielen Religionen wieder.
In Indien trägt der Vogel den Namen Garuda, und im Nahost
ist sein Name Phönix, der Namenspate der Phönizier.

Verschiedene andere Funde bei Ausgrabungen in den Kelten-


Siedlungen Entremont, Mouriès, Nages und Noves bestätigen
die Bedeutung des Schädelkults, wobei Schädelpaare eine
große Rolle spielen und wobei der Gott in einigen Fällen seine
Hand auf dem Menschenschädel ruhen lässt. Die Augen sind
manchmal geöffnet, aber oft auch geschwollen oder
geschlossen, wie die Augen eines Neugeborenen.

39
Die in Roquepertuse gefundene Darstellung Tuiscos ist eine
Ausnahme, denn Tacitus sagt uns zum keltischen Gottesdienst
in seinem Werk „Germania“:

„Im übrigen verträgt es sich nach germanischer


Anschauung nicht mit der Hoheit der Himmlischen, die
Götter in Tempelbauten einzuengen oder menschenähnliche
Bilder von ihnen zu machen. Sie weihen ihnen Wälder und
Haine und rufen jenes geheimnisvolle Wesen, das man nur
dann schauen zu können meint, wenn man in
ehrfurchtsvoller Andacht versunken ist, mit göttlichem
Namen an“.

Die Skulpturen der Provence enthalten alle keine Inschrift, aber


die zugehörigen Symbole und Legenden sind weiter nördlich in
den Namen der Städte und in der Sprache erhalten geblieben,
wo die Germanen und Keltenvölker zu zahlreich waren, um
von den Römern ausradiert zu werden. Es gibt jedoch noch
einen weiteren Hinweis auf die androgynen Religionen: das
Keltische Fürstengrab in Hochdorf an der Enz.

Eine Analyse der Skulptur von Roquepertuse16 ermöglicht uns


vielleicht noch eine genauere Interpretation des Objekts
zwischen den beiden Schädeln der Hauptpersonen. Bisher sind
drei Ideen geäußert worden:

• ein Vogelschnabel (..von französischen Archäologen)


• ein dritter Kopf (Vorschlag von Licia Filingeri17)
• ein Obsideanmesser (Vorschlag von Joannes Richter18)
16
Museum Borland in Marseille, Frankreich
17
im Palaeolithic Art Magazine
18
im Buch „Der Brenner- & Tuisc Codex, 2004

40
Wenn wir in dieser Diskussion einen genaueren Blick auf die
Skulptur werfen, sehen wir, dass dieses Objekt keinen Hals
darstellt, aber dafür auf der Unterseite in einer scharfen Klinge
endet. Die Unterseite bildet ein Steinmesser, womit man die
zwei sich berührenden oder gar zusammengewachsenen
Schädel auftrennen kann. Das Blatt endet keinesfalls in einem
spitzen Schnabel, den man bei einem Vogelschnabel erwarten
würde.

Abb. 4: Hermes von Roquepertuse

Eine solche Auftrennung eines Schädelpaares gehört zu einer


religiösen Prozedur, die durchaus mit Platos
Schöpfungslegende im Symposium übereinstimmen könnte.

41
Der Hermes von Holgerlingen
Eine zweigesichtige Skulptur gefunden in Holzgerlingen19 ist
durchaus vergleichbar mit dem Hermes von Roquepertuse. Die
Hörner (oder Ohren?) sind Spezialelemente, die an dieser 230
cm hohe Körper auffällig wirken.

Abb. 5: zweigesichtige Skulptur aus Holzgerlingen

19
ausgestellt im Landesmuseum Stuttgart

42
Im Vergleich zur Hermes-Gestalt von Roquepertuse fällt mir
auf, dass die Ohren in der Mitte zerbrochen sein könnten. In
einer Skizze kann man sich vorstellen, inwieweit die Hörner-
Skulptur mit der Statue aus Holzgerlingen übereinstimmt:

Abb. 6: Hermes of Roquepertuse als Hörner-Gestalt

43
44
6 Benannte N-gesichtige Skulpturen
Im Gegensatz zum vorangehenden Kapitel haben die meisten
Skulpturen des nun folgenden Kapitels einen Namen erhalten,
der sich mehr oder weniger auf den vom Schöpfer vergebenen
Namen bezieht.

Die alt-Iranische Gottheit Zurvan


Der Zurvanismus ist ein heute ausgestorbener Zweig des
Zoroastrismus. In dieser Religion ist Zurvan die als
Schöpfergott hypostasierte Zeit und Ewigkeit, wo er als Vater
des Ahura Mazda und seines Widersachers Angra Mainyu galt.
Die Schöpfungslegende, die nur außerhalb der Quellen des
Zoroastrismus dokumentiert wurde, lautet:
„Am Anfang war der große Gott Zurvan alleine. In seinem
Wunsch nach Nachwuchs, der 'Himmel, Hell und Alles
dazwischen' erschaffen konnte, opferte Zurvan eintausend
Jahre. Zum Ende diese Periode erschlichen dem Zwitter-Gott
Zurvan Zweifel an der Wirksamkeit der Opferperiode. Genau
in diesem Zweifelsmoment erwachten Ohrmuzd und Ahriman
zum Leben.
„Nachdem er festgestellt hatte, dass Zwillinge
unterwegs waren, beschloss Zurvan, seinem Erst-
geborenen Kind die Gewalt über die Schöpfung zu
erteilen. Ohrmuzd hatte Zurvan's Entscheidung
erfahren und leitete die Nachricht seinem Bruder
weiter. Ahriman kam dann Ohrmuzd zuvor, indem er
den Zugang zum Schoß zerriss, um als Erster zur Welt
zu kommen.

45
In Anbetracht seiner Entscheidung um Ahriman soviel
Macht zu verleihen beschloss Zurvan nun, dessen
Herrschaft auf eine Zeitraum von 9000 Jahre zu
begrenzen. Anschließend würde Ohrmuzd in aller
Ewigkeit regieren”.

Abb. 7: Die androgyne Gottheit Zurvan

Eine Silberplatte20 dokumentiert die Geburt des bedeutenden


Zoroastrischen Gott Ahura Mazdā und seinem Antipode
Ahriman (der Teufel), die aus den Schultern der androgynen
Gottheit Zurvan hervorgehen.

20
Cincinatti Art Museum, Ohio, USA

46
Der Schöpfergott IHVH
In einem Artikel Four-headed Hermea of Rome21 schreibt
Pietro Gaietto:

"Wir wissen mit Sicherheit, das heißt von schriftlichen


Zeugnissen, dass die Skulpturen mit zwei, drei oder vier
Köpfen, beziehungsweise Gesichtern, sich auf eine
religiöse Symbolik beziehen, zum Beispiel, dass es sich
um Gottheiten handelt“.

Im gleichen Artikel zitiert Pietro Gaietto auch die bereits in


einem früheren Werk veröffentlichten Bibelzitate mit Bezug
auf die vierköpfigen Götterstatuen in der Bibel.

Demnach dokumentiert Raffaele Pettazzoni, Professor der


Religionsgeschichte an der Universität von Rom in seinem
Buch "The all-Knowing God"22 die historischen Details zu den
vierköpfigen oder viergesichtigen Skulpturen, welche die Bibel
erwähnt:

„In den Frühperioden des Christentums (namentlich in


Syrien) und des benachbarten Judentums kann die
Tradition eines bei den Hebräern verehrten Abbildes mit
vier Gesichtern oder vier Köpfen an mehreren
Literaturstellen lokalisiert werden“.

21
Die vier-köpfigen Hermen in Rom
22
London, 1956; original edition: "L'onniscenza di Dio", Edizioni
Scientifiche Einaudi, Torino, 1955

47
1. Der Ba' al von Tyrus, der von Ahab, König von Israel,
im IX Jahrhundert v.C. in Samaria eingeführt wurde,
nach seinem Heirat mit Izebel, die Tochter des syrischen
Königs (Könige 16. 29 und nachfolgendes):
Eustachius von Antiochia (ca. 300 A.D.) beschreibt
diese Abbildung als „vierfaltig“.

2. Die Skulptur, die Manasse, König von Juda (VII


Jahrhundert) erstellt und im Tempel zu Jerusalem
aufrichtet (2 Chr. 33. 7), aber dann wieder nach seiner
Rückreise aus Babylon (2 Chr. 33. 15) entfernt.
In der syrischen Version (Pesitta) in 2 Chr. 33. 7 wird
die Statue als „viergesichtig“ beschrieben.
Efrem Syrus (+ 373 a.D.) hat in seinem Gedicht gegen
den abtrünnigen Julian und ebenso hat Jacob von Sarug
(+ 521) in seiner Predigt „Sturz der Abgötter“ und in
der Predigt zum Palm-Sonntag den Hebräern
vorgeworfen einen „viergesichtigen“ Abgott verehrt zu
haben. Dabei beziehen sie sich alle auf die Statue von
Manasse.
Die Skulptur im 2. Buch der Chronik wurde genau
beschrieben von Barhebreus und George Syncellus,
Cedrenus und Suida. Der griechische Name für den
viergesichtigen Gott ist „Zeus“.
Im Talmud verfügt die Skulptur von Manasse ebenfalls
über vier Gesichter, während die Abbildung im
syrischen Buch „Apokalypse von Baruch“ mit fünf
Köpfen dokumentiert wird. - Ein Echo auf diese Idee
liefert St. Girolamus.

48
3. Die Statue von Jahwe, die Micha, der Sohn von Efraim
für seinen eigenen (illegalen) Kult erstellt, stimmt lt.
Talmud überein mit dem viergesichtigen Abbild von
Manasse. Es wurde später von den Danitern
übernommen und später in Dan-Lajis (Jew. 17 and 18)
verehrt.

4. Auch das "Abbild der Eifersucht" im Jersualemer


Tempel wurde laut Ezech. 8. 3, 5, in der jüdischen und
christlichen Tradition als die Skulptur von Manasse
identifiziert und verfügte demnach über vier
Gesichter“.

Diese Skulpturen markieren offensichtlich die frühen


Israelischen Bemühungen, sich von der androgynen Symbolik,
die damals immer noch aktiv im Gedächtnis verankert war, zu
lösen.

Mircea Eliade23 beschreibt diese frühe Phase der hebräischen


Religion folgendermaßen:

„Jedesmal, wenn die alten Hebräer eine Phase des


Friedens und Wohlstand erfuhren, tauschten sie Jahweh
gegen die Baals und Astartes ihrer Nachbarn aus.
Nur historische Katastrophen führten das Volk wieder
zurück zu Jahweh (1 Samuel, 12,10)“.

23
In the Sacred and the Profane-The Nature of Religion, von Mircea Eliade
(1956), ISBN 978-0-15-679201-1, Seite126.

49
Mircea Eliade dokumentiert auch ganz allgemein die paradoxe
Situation in der primitive Völker ihre Fruchtbarkeits- und
Wohlstandsgötter bei kosmischen Katastrophen aufgeben. Sie
wussten, dass diese Wohlstandsgötter nicht weiterhelfen
konnten.

Mircea Eliade übersieht jedoch vielleicht die verschleierte


Energiequelle im Namen des monotheistischen Ur-Gottes. Der
Himmelsgott verfügt über ein eigenes Fruchtbarkeitssymbol
innerhalb seines androgynen Namens, der die Fruchtbarkeit in
Katastrophensituationen wiederherstellt. Wir werden diese
Fruchtbarkeitssymbolik in den nächsten Kapiteln kennen
lernen und analysieren.

50
Svantovit
In der deutschen Version der Wikipedia wird Svantovit
folgendermaßen dokumentiert:
Svantovit (auch Svantevit, Sveti Vid, Swantewit,
Svetovit, Svatovit, Świętowit oder Святовит) ist eine
slawische Gottheit. Er war der Kriegsgott und die
oberste Gottheit der Ranen auf Rügen und anderer Elb-
und Ostseeslawen, vergleichbar mit dem obersten Gott
Perun anderer slawischer Stämme. Slawische
Gottheiten haben oft mehrere Köpfe. Svantovit ist
vierköpfig, jeder Kopf schaut in eine Himmelsrichtung.
Er wurde auf Rügen von den slawischen Bewohnern
insbesondere als Orakelspender verehrt.
Auf Kap Arkona auf der Insel Rügen stand eine Holzstatue, die
ihn mit vier Gesichtern und einem mit Wein gefüllten Horn
darstellte. Die Statue befand sich in einem quadratischen,
säulengetragenen Tempel innerhalb der Jaromarsburg. Das
Heiligtum galt als geistiges Zentrum der Slawen und
insbesondere der auf Rügen ansässigen Ranen. Es wurde 1168
vom dänischen König Waldemar zerstört. Die Statue wurde im
Freudenfeuer zur Christianisierung verheizt.
Auch Saxo Grammaticus berichtet Ende des 12. Jahrhunderts
von dem Svantovit-Kult. Er beschreibt genau die Kultstätte auf
Kap Arkona: Ein Holztempel mit einem einzigen Eingang und
einem roten Dach beherbergte das hölzerne, überlebensgroße
Standbild von Svantovit. Von den vier Köpfen blickten zwei
nach vorne und zwei nach hinten. Das Trinkhorn in der rechten
Hand war aus Metall und wurde von einem einzelnen Priester
einmal im Jahr mit Wein gefüllt, dessen Zustand der
Weissagung über die kommende Ernte diente.

51
Die Zbruch-Skulptur
Die mit Svantovit verwandte Zbruch-Skulptur24, die im
National-Museum in Kraków, Polen ausgestellt wird, ist
erhalten geblieben und weist einige androgyne Merkmale auf.

Abb. 8: Die Zbruch-Skulptur

24
National-Museum in Krakau, Polen (Freies Foto aus der Wikipedia)

52
Die Zbruch-Skulptur stammt aus dem neunten Jahrhundert und
ist eine der seltenen Idole der vor-christlichen slawischen
Religion. Die Statue steht nach einigen Wissenschaftlern in
Verbindung mit der slawischen Gottheit Svantovit, obwohl
noch keine Einigung über die Interpretation der Tiefen-Reliefs
und ihrer Symbolik besteht.

Die Zbruch-Skulptur ist eine vierseitige Säule aus grauem


Kalkstein, 2,67 Meter hoch. Die Säule ist auf allen vier Seiten
in drei Abschnitten graviert. Der untere Bereich ist 67 cm, der
mittlere 40 cm und der obere Bereich 167 cm hoch.

Bereits kurz nach der Entdeckung hat Joachim Lelewel


ausgesagt, dass im oberen Bereich zwei männliche Bartträger
und zwei weibliche, bartlose Figuren abgebildet werden.

Boris Rybakov hat in seinem 1987 veröffentlichten Buch


Paganism of Ancient Rus25 bereits dokumentiert, dass die vier
oberen Bereiche der Säule vier unterschiedliche Götter (und
zwar zwei männliche und zwei weibliche) darstellen, wobei die
mittleren Säulenbereiche immer die Antipoden der
Geschlechter darstellen.

Rybakov identifizierte die Seite mit der männlichen Figur mit


dem Trinkhorn als die Vorderseite der Statue. Als Begründung
führt er die Sockelfigur an, die eine nach vorne gewandte
Beingruppe präsentiert, während die Seitenteile auch Beine von
der Seite zeigen und die vierte Seite als Rückseite gar nicht
graviert worden ist.

25
Heidentum im Alten Russland

53
Außerdem glaubt Rybakov, dass die Phallusform der Säule
generell eine Umklammerung der Gottheiten symbolisiert, so
dass aus der Gesamtheit aller Figuren ein Gesamtgott (als
phallischer Gott) hervorgeht.

Die vier Skulpturen (in der Abbildung 9 durchnummeriert mit


1,2,3 und 4 von links nach rechts) symbolisieren jeweils drei
menschliche Körper in einer vertikalen Linie.

Die obere Personengruppe


Die Personen der oberen Gruppe bedecken jeweils ihre Brust
und verhüllen teilweise ihren androgynen Charakter. Den
Bartwuchs kann man nur in genauen Studien identifizieren.

Die kleinen Skulpturen in der Mitte


Die kleinen Idole in der Mitte zeigen ihre Brust mit geöffneten
Armen und zeigen deutlich ihre androgyne Symbolik.

• Die kleinen Skulpturen 1 und 4 zeigen ihre Brüste und


können als weibliche Personen identifiziert werden.
• Die großen Skulpturen 2 und 3 zeigen dagegen keine
Brüste und können als männliche Personen identifiziert
werden.

Die untere Personengruppe


Der untere Sockelbereich scheint keine besondere Symbolik
aufzuweisen.

54
Der androgyne Charakter
Die Brüste symbolisieren eindeutig ein Gleichgewicht (50%
männlich und 50% weiblich) in der Androgynität der Skulptur.
Sowohl die Zbruch- als die Svantevit-Skulptur können die
evolutionäre Übergangsphase von den zwei- zu den
vierköpfigen Skulpturen nach Pietro Gaietto erfahren haben.

55
Die androgyne Gottheit Odin
Eine auffällig androgyne keltische Skulptur wird in Nordirland
auf Boa Island geortet.

Die große, androgyne Skulptur ist auf der Ostseite männlich


mit erigiertem Phallus, auf der Westseite weiblich mit
ausgestreckter Zunge. Beide Figuren werden mit einem Band
zusammengehalten, die vielleicht auf eine Ehe-Band deutet.
Auch ansonsten entspricht die Körperhaltung genau der
Schöpfungslegende, die im Sohar und im Symposium von
Plato dokumentiert wird. Sie können das jeweilige
Partnergesicht nicht in die Augen schauen und werden
trotzdem von einem fesselnden Band fixiert. Zwischen den
Köpfen befindet sich ein Schlitz, der zur Auftrennung des
androgynen Paares einlädt.

Zwischen den Gesichtern ist in einem Kreuzmuster vielleicht


eine Haartracht angedeutet.

Eines der Augen wurde unvollständig ausgearbeitet oder


zerstört. Dieses Merkmal könnte auch auf Odin deutet, der auf
dem gleichen, linken Auge blind gewesen sei. Man beachte
dabei, dass Odin als androgyne Gottheit bekannt ist, so dass die
Skulptur durchaus Odin darstellen könnte.

56
Abb. 9: Männliche Seite des Odins auf
Boa-Island

Die große Skulptur ist auf der Ostseite männlich mit


ausgestochenem Auge und erigiertem Phallus unterhalb der
gekreuzten Armen

57
Abb. 10: Westseite der androgynen
Skulptur auf Boa-Island

Die Skulptur auf der Westseite weiblich mit ausgestreckter


Zunge

Die ausgestreckte Zunge ist ein Symbol der Göttlichkeit


(vergleiche mit den griechischen Gorgonen) und deutet auf
Odins weibliche Seite.

58
Die vierköpfige Gottheit Brahma

Abb. 11: Brahma-Skulptur im


Halebidu-Tempel

Die Wikipedia-Seite „Brahma“ enthält folgende Information zu


dieser Gottheit:

„Brahma ist der Hinduistische Schöpfergott und gehört


zu den Trimurti (Brahma, Vishnu und Shiva). Brahma
sollte nicht mit Brahman aus der Vedantischen
Philosphie verwechselt werden. Brahmā's Partnerin ist
Saraswati, die Göttin des Lernens“.

59
Die Brahma-Skulptur im Tempel in Halebidu weist androgyne
Züge auf, da das Gesicht in der Vorderansicht einen Bartträger
zeigt, während die Personen zur linken und rechten Seite beide
keinen Bart tragen. Auch im Brahma-Tempel der Stadt
Pushkar befindet sich ein überlebensgroßes Abbild der
vierköpfigen Gottheit.

Die zwei- bzw. vierköpfige Gottheit Janus


Nach Aussagen von Macrobius und Cicero bilden Janus26 und
Jana zusammen ein Götterpaar, das als Sonne und Mond
verehrt wurde. Aus diesem Grund wurden sie als Hauptgötter
betrachtet, und es wurden ihnen Opfergaben vor allen anderen
Göttern angeboten. Janus und Janua sind Varianten der
Götternamen Dianus und Diana. Beide beziehen sich auf den
Wortstamm für „Dies“, das heißt „Tag“, beziehungsweise
„Deus“, das heißt „Gott“ (siehe auch „Dyaeus“).

In der römischen Mythologie ist Janus (beziehungsweise Ianus)


der Gott der Türen, Portale oder vielmehr jeglichen Anfangs
und Endes. Seine klarste Spuren hinterlässt er im Monat
„Januar“ und im englischen Wort „Janitor“ für den Pförtner.
Janus wurde ursprünglich als Gottheit allen Anfang betrachtet.
In römischen Gebeten wurde Janus immer an erster Stelle
angerufen, und zwar sogar noch vor Jupiter.

Obwohl er normalerweise mit zwei Gesichtern in


entgegengesetzter Richtung dargestellt wird (Janus Geminus,
Zwillings-Janus oder Bi-frons), sind auch Abbildungen als
Janus Quadri-frons (der viergesichtige) bekannt.

26
Information aus: (Englischer) Wikipedia-Eintrag (Janus)

60
Die beiden Gesichter symbolisieren zunächst die Sonne und
den Mond. Dabei wurde Janus üblicherweise mit einem
Schlüssel abgebildet. Ursprünglich wurde immer eines seiner
beiden Gesichter mit Bart und das andere ohne Bart abgebildet,
später jedoch beide Gesichter mit Bart abgebildet. Ggf. sind
jedoch Sonne und Mond ursprünglich androgyne Symbole, die
in der religiösen Tradition als Stellvertreter für Mann und Frau
gelten.

Abb. 12: Janus-Skulptur (Vatikanstadt)

Die Römer verglichen Janus mit dem Etrusker -Gott Ani, aber
Janus war auch einer der wenigen römischen Göttern ohne
älterem Vorbild oder einer entsprechenden mythologischen
Vorgeschichte. Einige Wissenschaftler meinen sogar, dass
dieser die wichtigste Gottheit im archaischen römischen
Pantheon gewesen sei.

61
Diese Einstufung wird begründet mit dem Titel Ianus Pater, der
im klassischen Altertum immer noch in Betrieb gewesen ist.
Ianus Pater wurde oft zusammen mit der offensichtlich ebenso
androgynen Gottheit IU-piter (Jupiter) angerufen.

Die Götterpaare Jupiter & Juno, Dianus & Diana, Zeus &
Dione sind im Wesen und Ursprung identisch. Juno und Diana
wurden als Mond identifiziert. Die Abstammung wird auf den
indogermanischen Stamm "Di" mit der Bedeutung "Hell"
zurückgeführt.
Varro erwähnt, dass Janus mit einem Stock in der einen und
einem Schlüssel in der anderen Hand der Himmelsgott war.
Janus27 soll in den ältesten Tagen der römischen Geschichte in
den Eichenwäldern des Janiculum geherrscht haben, jenes
Gebirge am rechten Ufer des Tibers.

Auch in Griechenland wurden Janus-ähnliche Götterschädel in


Anlehnung an Hermes-Abbildungen gefunden. Diese
Gottheiten bilden vielleicht zusammengesetzte Charaktere:
Herm-athena (Eine Herme der Athena), Herm-ares, Herma-
phroditus, Herm-anubis, Herm-Alcibiades und so weiter.

Im Falle solcher Zusammensetzungen diskutiert man, ob diese


eine Herme mit einem Kopf der Athena darstellt oder mit
einem Janus-ähnlichen Gesichterpaar von Hermes und Athena,
beziehungsweise einer zusammengesetzten Figur beider
Gottheiten. In der Regel kann man diese doppelgesichtigen
Gestalten immer auch als androgyne Symbole betrachten.

27
The Golden Bough (1890-1900-1911/1915)-von James George Frazer

62
Die androgynen Skulpturen in Mexiko

Abb. 13: Androgynes Paar (Mexiko)

Im präkolumbischen Mexiko haben die Archäologen zahlreiche


Dual-Skulpturen gefunden. Die linksseitige, weibliche Person
in der Abbildung trägt eine Halskette, während der
rechtsseitige (männliche) Partner geringfügig größer dargestellt
wird.

63
64
7 Spiegelungen bei der Bestattung
Bereits Freud behauptete, „dass Rechts und Links als
„männlich“ beziehungsweise „weiblich“ zu verstehen
seien.“
Chris McManus28 beschreibt das alte Schema der Bestattungen
der alten Kulturen. Obwohl das System von Kultur zu Kultur
variierte sind jedoch einige systematische Zusammenhänge
erhalten geblieben. Die älteste links-rechts-Symbolik können
wir demnach bei den Bestattungsriten der Indo-Europäischen
Kurganvölker identifizieren, die vom Schwarzen Meer
kommend Europa im vierten Jahrtausend vor Christus zum Teil
besiedelt haben.

Die Kurganperiode
Die Ockergrab- bzw. Kurgankultur ist gekennzeichnet durch
Einzelbestattung in Grabgruben (später Holzkammern), über
die ein Grabhügel (Kurgan) aufgeworfen wurde. Die Gräber
enthalten Einstreuungen von rotem Ocker.
In der Kurgankultur wurden die Verstorbenen in einer
Hockerstellung beerdigt, die der Fötushaltung im Mutterleib
ähnelt. Der Körper kann dabei wahlweise auf der linken als auf
der rechten Seite abgelegt werden. Üblicherweise wurden
Männer und Frauen in entgegengesetzter oder „gespiegelter“
Lage bestattet. In der Kurgan III-IV-periode wurden die
Körper in Ost-West-Richtung gelegt, wobei die Gesichter zum
Süden gewendet wurden. Man bettete die Frauen auf der linken
und die Männer auf der rechten Seite.
28
Right Hand, Left Hand: The Origins of Asymmetry in Brains, Bodies,
Atoms and … by Chris McManus (2002)

65
Die Glockenbecherkultur
Als Glockenbecherkultur wird eine endneolithische Kultur
bezeichnet, die in Süd-, West- und Mitteleuropa (im Osten bis
nach Ungarn) ab 2600 v. Chr. aufkommt, etwa bis 2200 v. Chr.
andauert und nur in Großbritannien bis ca. 1800 v. Chr. besteht.
Sie stellt in diesen Regionen Europas eine Kultur am Übergang
von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit dar.
Die Toten wurden als Hocker in geschlechtsspezifischer
Orientierung und Seitenlage beigesetzt:
• weibliche Individuen mit dem Kopf im Süden, Füße im
Norden, die Extremitäten nach rechts gewandt
• männliche Individuen mit Kopf im Norden, Füße im
Süden, nach links gewandt.
Beide Geschlechter wurden demnach mit dem "Blick" nach
Osten bestattet. Diese Art der strikten geschlechtlich bipolaren
Bettung erinnert an das Totenritual der zum Teil zeitgleichen
Schnurkeramik, steht aber in seiner Ausführung in
augenfälligem Gegensatz dazu - die Hauptorientierungsachse
der Glockenbechkultur ist Nord-Süd, nach Osten gewandt, die
der Schnurkeramik jedoch Ost-West, nach Süden gewandt.
Einige Forscher sehen darin eine bewusste Abgrenzung der
Träger der GBK von den Schnurkeramikern. Die bipolare Lage
der Toten hält sich in einigen Regionen, z. B. der
Unterwölblinger Gruppe Niederösterreichs bis in die
Bronzezeit.

66
Schnurkeramik
Bereits 1883 entdeckte und definierte Friedrich Klopfleisch die
Schnurverzierung als bezeichnendes Element für diese Kultur.
Ein weiteres charakteristisches Kennzeichen ist die Art und
Weise, wie die Träger der Schnurkeramik ihre Toten
bestatteten. Während in der vorangegangenen Kulturen
Kollektiv-bestattungen (mehrere Tote in einem Grab) üblich
waren, sind nun Individualbestattungen unter Grabhügeln die
Regel.
Frauen und Männer legte man in Hockerlage auf der Seite.
Während die Männer auf der rechten Seite mit dem Kopf im
Westen niedergelegt wurden, lagen die Frauen genau
umgekehrt auf der linken Seite mit dem Kopf im Osten. Beide
blickten somit nach Süden. Diese Geschlechtsdifferenzierung
im Grabritus ist ein Charakteristikum für das ausgehende
Neolithikum im 3. Jahrtausend. Die Datierungen reichen von
ca. 2800 bis 2200 v. Chr.
Die großräumige Verbreitung der Schnurkeramik erstreckt sich
schon während der Frühstufe ungefähr vom Kaukasus im Osten
bis in die Schweiz im Westen, und von Dänemark im Norden
reicht sie bis in das Alpenvorland im Süden.
Im gesamten Gebiet handelt es sich im großen und ganzen um
vergleichbare Ausprägungen von Kulturgruppen mit
schnurverzierten Bechern. Während der frühen Zeitabschnitte
wurde die Verzierung durch gedrehte Schnüre oder Textilien
hervorgerufen, die horizontal in den noch feuchten Ton
gedrückt wurden. Ebenso charakteristisch ist für diese Phase
die Streitaxt aus Felsgestein sowie im östlichen
Verbreitungsgebiet der Gebrauch von Kupfer, überwiegend in
Schmuckform.

67
Ursprünglich bildeten die Gräber eine Reihe, so dass eine
Reihe mit Gräbern wie auf einer Schnur aufgereiht wurde. Zu
den gebräuchlichsten Grabbeigaben gehören die Gefäße der
Schnurkeramik, die man sowohl in den Gräbern der Männer als
Frauen antrifft.
Bereits zu dieser Zeit wurden die Bestattungen für Mann und
Frau unterschiedlich gehandhabt. Es gab wesentlich mehr
Gräber für Männer als für Frauen. Noch seltener jedoch
wurden die Kinder aufwendig bestattet.

Die Schnüre der Schnurkeramik


Eine Schnur ist ein Faden, eine Textilie aus miteinander
verbundenen/verdrehten Fasern. Ein Faden ist eine Textilie aus
mehreren miteinander verbundenen/verdrehten Fasern. Ein
Faden ist lang, dünn und sehr biegsam. Er kann gewebt,
gestrickt, gewirkt, getuftet oder anders weiterverarbeitet
werden, um daraus ein Flächengebilde – Stoff, Kleidungsstück
oder andere Textilien wie Teppiche – herzustellen.
In vorchristlichen und vorislamischen Religionssystemen stand
der Faden kulturübergreifend für das Schicksal. Die
griechischen Moiren und die norwegischen Nornen spannen
das Schicksal, indem sie den Faden für jedes Leben spannen,
ausmaßen und bei der vorherbestimmten Länge abschnitten.
Aus diesem Schicksalsfaden wurde dann das Leben der
Menschen gewebt. Noch heute spricht man von das Leben
hängt an einem seidenen Faden oder sein Lebensfaden wurde
durchgeschnitten.

68
Faktisch kann die Schnur auch als Websymbol mit dem Namen
„Byssus“ in der Bibel identifiziert werden. Auch im
Fürstengrab von Hochdorf wurde die Webtechnologie als
Symbol für die Einigung der männlichen und weiblichen
Elemente angewandt.
Man kann die einigende und bündelnde Kraft der
Zusammenarbeit auch in der Beschreibung von Tacitus
zurückfinden, der in seiner Germania29 die Hochzeitszeremonie
folgendermaßen als Unterjochung des Ehepaares mit „Dies
sagt ihr das Joch Ochsen“ beschreibt:
„Auf diese Geschenke hin wird die Gattin in Empfang
genommen und bringt ihrerseits selbst auch dem Mann
irgend etwas an Waffen zu. Das betrachten sie als
stärkstes Band, dies als geheimnisvolle Weihen,
darunter verstehen sie die Götter des Ehebundes. Damit
die Frau mutige Taten nicht außerhalb ihres
Gedankenkreises und sich den Wechselfällen des
Krieges enthoben glaubt, wird sie gleich durch die
Eingangsfeier des beginnenden Ehestandes daran
erinnert, dass sie als Gefährtin der Mühsale und
Gefahren eintrete, um im Frieden wie auf dem
Schlachtfeld Schicksal und Wagnisse zu teilen. Dies
sagt ihr das Joch Ochsen, dies das aufgeschirrte Ross,
dies die überreichten Waffen. So habe sie zu leben, so
zu sterben; sie empfange, was sie unentweiht und in
Ehren auf ihre Kinder bringen, was ihre
Schwiegertöchter empfangen und wiederum auf ihre
Enkel übergehen solle. „

29
Tacitus, Gernamia

69
Es ist schwer vorstellbar, dass die Schnur in der
Schnurkeramik über Jahrhunderten von 2800-2200 v.C. nur zur
Verzierung gedient haben soll. Stattdessen müssen wir
annehmen, dass dieses Element eher als religiöses Symbol
angewandt wurde um die Kräftebündelung in einer Hochzeit
durch Einigung der männlichen und weiblichen Personen
darzustellen. Es ist gewissermaßen die Schnur vergleichbar mit
der Webtechnologie, die in späterer Zeit den Zusammenhalt der
Bevölkerung im Weben der roten und blauen Fäden zum
fürstlichen und göttlichen Purpurmantel darstellte. Eine solche
Symbolik können wir auch heute noch im Buche Exodus und
Chroniken ablesen. Diese Symbolik erhebt die Schnur in der
Schnurkeramik zum religiösen Symbol, womit die Verwebung
der männlichen und weiblichen Elementen der Gesellschaft
verewigt werden konnten. Die Schnur ist zwar vergänglich,
aber gepresst in den feuchten Ton konnte der Abdruck gebrannt
und verewigt werden.

Der Vergleich zur Skulptur von Gagarino


Sowohl die Kurgan Periode (Viertes Jahrtausend v.C.) als auch
die Schnurkeramische Kultur (2880 v.C.-2000 v.C.) bestatteten
ihre Frauen auf der linken Körperseite und ihre Männer auf der
rechten Körperseite, als ob die Körperlage gespiegelt werden
sollte. In beiden Fällen blickten die Verstorbenen in die
Richtung des Sonnenaufgangs und/oder die Sonne.

70
Abb. 14: Androgyne Elfenbeinskulptur, Gagarino
Diese Positionen sind vergleichbar mit der Anordnung der
Körper in einer 14,8 cm kleinen Elfenbeinskulptur, der in einer
steinzeitlichen Siedlung bei Gagarino30, Ukraine gefunden
wurde. Die Skulptur wurde auf ein Alter von 21.800 Jahre
datiert.
Die männliche und die weibliche Hälfte sind am Kopf
verbunden und mit vollem Körper ausgearbeitet.

Nach Angaben des Instituts für die Eiszeitforschung hat L.M.


Tarassov diese zylinderförmige Elfenbein-Skulptur bei
Ausgrabungen in Gagarino in 1968 entdeckt. Tarassov hatte
sofort festgestellt, dass sie am Schädel verbunden waren und
stellt fest,

„dass der Künstler die Verbindung der Schädeldecken


nach Fertigstellung absichtlich intakt gelassen hatte“.

Zur Bestätigung dieser Behauptung fügte er noch hinzu:

30
Quelle: Institute for Ice Ages Studies

71
1. Die gleichzeitige Bearbeitung der Skulpturen liefert
keinen Vorteil, denn ein einziger Riss während der
Handhabung könnte die komplette Struktur zerstören.
2. Eine Zurückhaltung beim Elfenbeinverbrauch wäre
auch kein Argument, weil die russische Ebene
ausreichende Vorräte an Elfenbein zur Verfügung stellt.
3. Der Einschnitt zwischen den Schädeln ist gleichmäßig
tief und über die gesamten Länge gleichförmig sauber
bearbeitet.

Die Bestattungsposition in Sungir


Tarassov ging noch einen Schritt weiter und korrelierte diese
Kopf-Verbindungsbeziehung mit der doppelten Beerdigung
eines jungen Paars in Sungir, wobei zwei Einzelpersonen mit
sich berührenden Schädel in einem Grab beerdigt worden sind.

Abb. 15: Vergleich der Funde in Sungir und Gagarino


- von Libor Balák -

Beide Körper berühren sich am Schädel, womit die Symbolik


der mannweiblichen Paarbildung demonstriert wird.

72
Links und Rechts bei den Gogo-Völkern
Man kann die Geschlechtszuordnung der Begriffen Links und
rechts auch in moderneren Sprachen identifizieren. In Zentral
Tansania bezeichnen die Gogo-Völker die rechte Hand als
muwoko wokulume, "die männliche Hand", und die linke Hand
als muwoko wokucekulu, "die weibliche Hand".
Die Gogo-Völker von Tansania bezeichnen die rechte Seite
auch als die Körperseite:
• des männlichen Partners beim Geschlechtsverkehr
• zur Beerdigung eine Mannes
Die linke Seite bezeichnet man dagegen als Körperseite:
• der weiblichen Partnerin beim Geschlechtsverkehr
• zur Beerdigung einer Frau

Ocker31
Roter Ocker wurde häufig als Markierung für Bestattungen
angewandt. In einer Untersuchung wurde diese Farbe als
Symbol für das Leben als die Farbe des menschlichen,
mütterlichen Blutes gedeutet wird.

31
Red Ochre and Human Evolution: A Case for Discussion

73
Bezug zur androgynen Symbolik
Gespiegelte Bestattungspositionen beziehen sich ggf. auch auf
andere symbolischen Elemente, zum Beispiel:
• Platons androgyne Schöpfungslegende im Symposium
• Die androgyne Schöpfungslegenden des Sohars und
weiteren Bibelauslegungen
• Die zwei-gesichtigen Skulptur von Roquepertuse
• Die Etymologie der Götternamen (z.B. Dyaeus, IHVH,
IU-piter ,Tuisco und dUI).
• und so weiter...
Eine Übersicht dieser Symbolik befindet sich in dem
Dokument Der Himmelsgott Dyaeus .

74
8 Manuskripte

Der Sohar
Die wichtigste kabbalistische Quelle Sohar steht an
verschiedenen Stellen im Web zur Verfügung. Im Sohar wird
die Symbolik der vier Buchstaben des heiligen, geheimen
Namen Tetragrammaton (YHVH bzw. IHVH) folgendermaßen
dokumentiert:

• Das große Wesen ist in sich sowohl männlich als


weiblich. Und wer ist Er? Der ewige Eine, En Soph, der
Grenzelose Eine, aus dem jegliches Leben, jeder Atem
und Alles hervorgegangen sei32 )
• Die zwei Hauptbuchstaben des göttlichen Namens, Y
und H dominieren die zwei übrigen Buchstaben, V und
H, die ihren Wagen bilden33.
• Die Buchstaben Yod und He symbolisieren den Vater
und die Mutter34
• Der Buchstabe V im göttlichen Namen IHVH ist der
Sohn oder das Kind der Eltern I und H, Vater
beziehungsweise Mutter35

Der erste Mensch Adam wurde androgyn erschaffen, mit dem


einen Gesicht nach rechts und dem anderen nach links. Beide
Gesichter - männlich und weiblich - fühlten sich einsam und
Gott entschied sich, die Hälften zu trennen.
32
Sohar (Web) - Kapitel 2
33
Sohar (Web) - Kapitel 3
34
Sohar (Web) - Kapitel 7
35
Sohar (Web) - Kapitel 12

75
Die Gottheit schmückte die weibliche Hälfte wie eine Braut
und führte sie ihrem Partner zu, damit sie sich erstmalig in die
Augen sahen36.

Die Trennung von Mann und Frau37


Es begann Rabbi Acha mit dem Schriftsatz: Und es
sprach IHVH Elohim: „Nicht gut ist es, dass der
Mensch allein sei38“. Warum beginnt der Satz mit
diesen Worten?
Es wurde gelehrt, dass aus dem Grunde vom zweiten
Tage nicht gesagt wird: dass es gut ist, weil der Mensch
vereinsamen sollte. War er denn aber einsam, wo doch
gesagt wird: Männlich und weiblich erschuf Er sie?

Auch haben wir gelernt, dass der Mensch


doppelgesichtig erschaffen wurde, und du sagst: Nicht
gut, dass der Mensch allein sei? Vielmehr bemühte er
sich nicht um seine weibliche Hälfte und hatte keine
Stütze an ihm, da dieser nur eine Seite bildete und sie
rückwärts wie eines waren – so war doch der Mensch
allein.

Ich will ihm einen Gehilfen verschaffen ihm


gegenüber39. Das heißt: seinem Antlitz gegenüber, dass
eines am andern hafte, Angesicht zu Angesicht. Was tat
der Allheilige? Er sägte an ihm und nahm das Weibliche
von ihm.

36
Sohar (Web) - Kapitel 16
37
Sohar III. fol. 44b.
38
Die Bibel, 1. Moses 2, 18
39
Die Bibel, 1. Moses 2, 16

76
Wie es heißt: Und Er nahm eine seiner Rippen40. Was
bedeutet: eine: das ist seine weibliche Seite, in gleichem
Sinne wie in den Worten: Eine ist sie, meine Taube,
meine Reine41. Und er brachte sie zu Adam 42. Er rüstete
sie wie eine Braut und ließ sie vor sein leuchtend
Angesicht kommen: Angesicht zu Angesicht.

Männlich und weiblich43

Rabbi Schim’on sprach: „Männlich und weiblich hat Er


sie erschaffen.” Darum ist ein Geistesbild, in dem nicht
Männlich und Weiblich vereinigt sind, nicht
himmlischer Art. Und in der geheimen Überlieferung
fanden wir dieses bestätigt.

So merke denn auch: An einem Orte, wo sich nicht ein


Männliches und ein Weibliches vereinigt finden, schlägt
der Allheilige nicht Seinen Wohnsitz auf und auch der
Segen findet sich nur an einem Orte, der Männlich und
Weiblich vereinigt.

40
Die Bibel, 1. Moses 2, 21
41
Die Bibel, Hohelied 6, 9
42
Die Bibel, 1. Moses 2, 22
43
Sohar I. fol. 55b

77
So heißt es denn auch: „Und Er segnete sie und nannte
ihren Namen Adam44, am Tage da sie geschaffen
wurden45”, und nicht: „Er segnete ihn und nannte
seinen Namen Adam”. Denn sogar der Name „Mensch”
wurde nur dem Männlichen und Weiblichen zusammen
gegeben.

Vom Ur-Zusammenhang der Geschlechter46

„...Wenn sie sich dann verbinden, erscheinen sie als ein


Körper wahrhaftig. Daraus folgt, dass das Männliche
allein nur als ein halber Körper erscheint ... und ebenso
das Weibliche. Erst wenn sie sich verbinden, werden sie
zur Einheit. Und wenn sie sich zur Einheit verbunden,
freuen sich alle Welten, weil von einem vollkommenen
Körper alle Menschen Segen empfangen.

Was darum nicht Männlich und Weiblich enthält, wird


ein halber Körper genannt. Und es kann kein Segen
walten an einem makeligen, mangelhaften Dinge,
sondern nur an einem vollkommenen Orte und nicht an
einem halben, denn halbe Dinge können in Ewigkeit
nicht bestehen und in Ewigkeit keinen Segen
aufnehmen ...”

44
Die Wörter „Adam“ und „Mensch“ enthalten in der hebräischen Sprache
die gleichen Konsonanten und sind damit austauschbar. Quelle: Fußnote in
Genesis 5, der World English Bible im Internet
45
Die Bibel, 1. Moses 5,2
46
Sohar, III. fol. 296a

78
Vom ersten Menschen47

Rabbi Jizchak sagte: „Der Mensch wurde


doppelgesichtig erschaffen. Darauf verweist die Stelle,
wo Gott eine seiner Rippen nahm, sie ihm absägte, und
zwei Wesen entstanden, von Osten und von Westen,
was in dem Satze ausgesprochen ist: Rückwärts und
vorne hast Du mich gebildet48. Rückwärts – das ist die
Seite des Niedergangs, vorne – jene des Aufgangs.”

Und Rabbi Chija sagte: „Was tat der Allheilige? Er


gestaltete jenes Weibliche, vollendete ihre Schönheit
über alles und brachte sie dem Menschen. Wie
geschrieben ist: Und es baute JHWH Elohim die Rippe,
die er vom Menschen genommen, zum Weibe49.

Und wenn es vorher heißt: Und er nahm eine von seinen


Rippen, so ist dies im gleichen Sinne gemeint wie in
den Worten: Eine ist sie, meine Taube, meine Reine,
eine ihrer Mutter50. Und Rippe bedeutet einfach Seite,
wie in den Worten: An der Seite des Stiftzeltes51”.

Der Allheilige gab eine höhere Seele in den Menschen


und legte in sie Weisheit und Vernunft – alles zu wissen.
Aus welcher Region nahm er diese Seele?

47
Sohar II. fol. 54b-55a
48
Die Bibel, Psalm 139,5
49
Die Bibel, 1. Moses 2,22
50
Die Bibel, Hohelied 6,9
51
Die Bibel, 2. Moses 26,20)

79
Und Rabbi Jehuda setzte hinzu, dass dies gemeint sei in
dem Satze: „Es bringe die Erde hervor lebende
Seele!”52. Die Erde – das ist die Stätte, darin das
Heiligtum sich befand. Lebende Seele – das heißt:
lebende Seele schlechthin – es ist die Seele des
Urmenschen.

Rabbi Abba sagte: „Der erste Mensch bestand aus


Männlichem und Weiblichem, wie es heißt: Und es
sprach Gott: Lasset uns einen Menschen machen in
unserem Abbild, nach unserem Gleichnis. Hiernach
wurden also Männliches und Weibliches in einem
geschaffen und trennten sich erst später.”

Der Sohar beschreibt den ersten jüdischen Menschen als


doppelgesichtig, nach Seinem Abbild, mannweiblich in einem.
Erst später wird er aufgetrennt, genauso, wie es auch Platon
beschrieben hat.

In unmissverständlicher Weise sind der Name „Elohim“ und


die Verben in diesem biblischen Kontext im Plural geschrieben,
denn dem biblischen Autor stand selbstverständlich noch die
androgyne Dualität klar vor Augen, obwohl doch das
androgyne Ehepaar als monotheistischer Gott bekannt war.

Doch nicht nur die Geschichte, auch die Kernbuchstaben (I und


U) der jüdischen und keltischen Religion stimmen überein,
denn hierzu sagt der Sohar:

52
Die Bibel, 1. Moses 1,24

80
Der Ur-Glanz, aus dem alle Worte geschaffen53

„Dies ist Sohar, der Ur-Glanz, aus dem alle Worte


geschaffen wurden im Geheimnis der Ausbreitung jenes
verborgenen Punktes. Und wenn hier das Wort schaffen
(Bara) steht, so ist es nicht zu verwundern, dass dann
wieder folgt: Es schuf („bara“) Elohim den Menschen in
Seinem Ebenbild. Dieses Geheimnis ist das des Uranfangs,
da alles in Seinem Namen enthalten war. Erst nachher, als es
zum Namen Elohim entwickelt war, brachte es die
Geschlechterfolgen hervor aus jenem Samen, den es
empfangen hatte.

Welches ist aber der Same selbst? Die Laut-Zeichen,


geprägt im Geheimnis der Thora, die in jenem Punkte ihren
Ursprung haben. Denn es ging von jenem Punkte als der
Same in die Palasteshülle das Geheimnis der drei
Vokalpunkte: Cholem (O), Schurek (U), Chirik (I), sich
vollendend aneinander und ein Geheimnis bildend.“

Schurek (U) und Chirik (I) sind jedoch genau die androgynen
Symbole in den Namen der wichtigsten Götter, des römischen
Diu-piter, des keltisch- und germanischen Gottes Tuisco.

Der Sohar betont in erhabenen, klaren Worten die Bedeutung


der Ehe als ein unzerbrechlicher, von Gott geheiligter Verbund
zwischen Ehemann und Ehefrau. Die Beschreibung
dokumentiert eine auffällige Übereinstimmung mit der
androgynen Schöpfung im Symposium.

53
Sohar I. fol. 15b-16a

81
Der erste Mensch wurde doppelgesichtig in Zwittergestalt
erschaffen. Dessen zwei Gesichter waren rücklings verbunden
und konnten sich nicht in die Augen sehen. Sie waren einsam,
obwohl sie doch miteinander verbunden waren. Erst einige Zeit
nach der Erschaffung wurden sie von göttlicher Hand getrennt,
und Gott führte sie zueinander, von Angesicht zu Angesicht,
wie ein Brautpaar.

Der Sohar fügt dem noch hinzu, dass der erste Mensch weder
männlich noch weiblich gewesen sei, sondern männlich-
weiblich. Da jedoch Gott diesen Zwittermenschen nach seinem
Abbild geschaffen hatte, muss aber auch der biblische Schöpfer
zur Zeit der Schöpfung eine Zwittergestalt gewesen sein.

Der Regenbogen spielt in der symbolischen vierseitigen


Darstellung eine besondere Rolle, wobei die Gottheit auf drei
Tiere (Löwe, Stier und Adler) projiziert wird. Dazu
dokumentiert der Sohar:

Er wird Regenbogen genannt, weil der Lichtstrahl in


drei andere zerbricht.... So wird das Himmelslicht vom
göttlichen Himmelswagen über die vier Engelsformen
herunter gebrochen.
Deshalb war es auch nicht gestattet, in den am Himmel
stehenden Regenbogen zu schauen, weil es den
Schekina, dessen Abbild er darstellt, verunreinigen
würde.

Oberhalb des Bogens befindet sich das glitzernde


Firmament, dessen Kardinal-Quadrate jeweils ihre
Form mit den ihnen eigenen Farben widerspiegeln.

82
Sie sind wie ein Löwe, wie ein Stier, wie ein Adler und
wie ein Mensch geformt. In dreien deren ist die
menschliche Gestalt so hervorgehoben, dass der Löwe
wie ein Löwenmensch, und bei den anderen beiden
ebenso wie ein Adlermensch, beziehungsweise wie ein
Stier-Mensch aussehen54.

Das Firmament reflektierte jedoch nicht nur ihre Form,


sondern auch ihre speziellen Farben und die
zugeordneten vier Buchstaben des heiligen Namens I.
H. V. H. Die vier den Menschen sichtbaren Farben sind
grün, rot, weiß und blau55

Die Vater- und Muttersymbole identifizieren diesen


ursprünglichen Gott deutlich als androgynes Symbol, und
zweifellos sollte die androgyne Gottheit En Soph nach seinem
Abbild des „Elternpaares“ auch einen Zwittermenschen
namens Adam erschaffen.

Die Matres Lectionis


In der hebräischen und in einigen anderen semitischen
Sprachen steuern die sogenannte Matres Lectionis (Latein
"Mütter zum Lesen") die Anwendung von bestimmten
Konsonanten als Ersatz für Vokale. Die dazu benötigten
Buchstaben sind in Hebräisch: ‫ א‬Aleph, ‫ ה‬He, ‫ ו‬Waw (oder
Vav) und ‫ י‬Yod (oder Yud). Speziell das Yod beziehungsweise
Waw werden öfters als Vokal als Konsonant angewandt.

54
Die Bibel, Ez. 1:10
55
Sohar (Web) - Kapitel 57

83
Die vier Buchstaben des Tetragrammatons werden
üblicherweise aus dem Hebräischen folgendermaßen übersetzt:

• IHVH in Latein,
• JHWH in Deutsch, Französisch und Niederländisch und
• YHWH in Englisch.

Gemäß dem Eintrag “Tetragrammaton” in der englischen


Wikipedia sollte nun der dritte Buchstabe "V" oder „W“ als
Platzhalter für einen "O"/"U" Vokal gelesen werden. Generell
ersetzt der Buchstabe Yod ‫ י‬bei Anwendung der Regel der
Matres Lectionis das Yod durch einen Vokal „I“ oder „E“,
während Vav ‫ ו‬den Buchstaben „V“ durch einen Vokal „O“
oder „U“ ersetzt.

Falls jedoch der dritte Buchstabe "V" beziehungsweise "W" ein


Platzhalter für die Vokale "O"/"U" darstellt, können wir das
Tetragrammaton reduzieren auf den androgynen IU-Kern, in
dem der erste Buchstabe das männliche Element und das dritte
Symbol „V“ beziehungsweise „U“ das weibliche Element
symbolisiert. Dieser IU-Kern im geheiligten Namen stimmt
exakt überein mit IU-piter's Kern "IU" und dem äquivalenten
Kern "UI" in Tuiscos Namen, die beide ebenfalls androgyne
Symbole darstellen.

Diese These widerspricht jedoch der Auslegung des Sohars, in


dem "I" zwar das männliche, aber der erste "H" das weibliche
Element des Tetragrammaton darstellen soll.

84
Beide Buchstaben "H" (He) im Tetragrammaton scheinen keine
besonderen weiblichen Merkmale im Tetragrammaton zu
symbolisieren. Autoren, die den Buchstaben "H" im
Tetragrammaton als das weibliche Hauptelement einstufen,
haben offensichtlich bereits den Schlüssel zur Symbolik
verloren. Dieser Verlust ist demnach bereits in der Webversion
des Sohars und in der Kabbala von Papus aufgetreten.

Helena Blavatsky interpretiert die androgyne Symbolik in


JHVH jedoch korrekt, indem sie Hargrave Jennings zitiert56.
Das Zitat kann man nachlesen in The Secret Doctrine 57:

„Wir wissen aus den jüdischen Aufzeichnungen, daß die


Lade eine Steintafel enthielt; und wenn gezeigt werden
kann, daß dieser Stein phallisch war, und doch
identisch mit dem heiligen Namen Jehovah oder
Yeboyah, welcher in unpunktiertem Hebräisch mit vier
Buchstaben geschriebenen J-E-V-E ist oder J-H-V-H ist
(das H ist bloß ein Hauchlaut und dasselbe wie E).

Dieses Verfahren lässt uns die beiden Buchstaben I und


V (oder in einer anderen von seinen Formen U) übrig;
wenn wir dann das I in das U setzen, so haben wir das
„Allerheiligste“; wir haben auch die Linga und Yoni
und Argha der Inder, den Iswarra (îshvara) oder
„höchsten Herrn“; und hier haben wir das ganze
Geheimnis seiner mystischen oder erz-himmlischen
Bedeutung, in sich selbst bestätigt durch seine
Wesensgleichheit mit dem Linyoni (?) der Bundeslade“.

56
aus dessen Werk Phallicism: Celestial and Terrestrial (p. 67)
57
Die Geheimlehre, veröffentlicht 1888

85
Rashi's und Rashbam's Genesis
Die nachfolgenden Zitate beschreiben einige Quellzeilen in den
mittelalterlichen Varianten der Genesis:

Rashi's Genesis
„Gott schuf den Menschen. Ein Wesen, das sowohl männlich
als weiblich gewesen sei und das später in zwei Personen
aufgeteilt wurde. Gott hat sie geschaffen“ 58.

Rashbam's Genesis
„Gott schuf die Menschheit in Engelsgestalt; nach dem Abbild
de Engeln. Gott erschuf die Menschheit; Gott schloss die Frau
im Manne und trennte sie später auf“ 59.

58
Rabbi Rashi 1040-1105, Nordeuropa (Kapitel 27)
59
Rasbam, Rashi's Nachfahre, 1085-1174, Nordeuropa (Kapitel 27)

86
Das Symposium von Plato
Der griechische Philosoph Platon veröffentlicht um 380 v.C.
ein berühmtes Buch mit dem Namen Symposium (Gastmahl),
in dem er die androgyne Menschwerdung erstmalig öffentlich
dokumentiert. Das Symposium ist nach Meinung der Historiker
nicht so sehr ein Lehrbuch als vielmehr eine Dichtung, in der
Philosophen, Dichter und Gelehrte dargestellt werden bei
Gelegenheit eines geselligen Zusammenseins.
Der junge Dichter Agathon veranstaltet eine Siegesfeier in
seinem Hause, und nach Beendigung des Mahles macht
Phaidros, ein Jüngling aus dem Kreise des Sokrates, den
Vorschlag, jeder der Teilnehmer solle eine Rede halten, und
zwar zum Preise des Eros, der von den Dichtern niemals
würdig genug besungen sei.
Das Buch enthält insgesamt sechs Reden, die nacheinander von
verschiedenen Teilnehmern gehalten werden. Platon untersucht
im Gastmahl alle Aspekte der Liebe, das Geben und Nehmen in
der Liebe, die Knabenliebe, die Vergänglichkeit der Körper, die
Leidenschaft, usw. Die sechs Gäste tragen jeweils eine Rede in
dieser Reihenfolge vor: Phaidros, Pausanias, Eryximachos,
Aristophanes, Agathon und Sokrates. Die beiden Hauptreden
sind jedoch die vierte und die letzte, sechste Rede.
Der Komödiendichter Aristophanes will nun aber auf andere
Weise die Macht des Eros beweisen. Er erzählt den Mythos von
einem ursprünglich reinmännlichen, reinweiblichen bzw.
androgynen Kugelmenschen, die von den Göttern aus Angst
vor deren Kraft und Stärke entzwei geteilt wurden und seither
verzweifelt nach ihrer getrennten Hälfte suchen. Das Streben
nach der verlorenen Ganzheit sei nun der Eros, der ihnen mit
einem passenden Geliebten die höchste Glückseligkeit spende.

87
Demnach habe es früher drei Geschlechter von Menschen
gegeben. Das männliche Geschlecht stamme von der Sonne ab,
das weibliche von der Erde und das aus den beiden
zusammengesetzte vom Mond. Es gab also Mann-Männer,
Frau-Frauen und Frau-Männer. Diese Kugelmenschen hatten je
vier Hände und Füße und zwei entgegengesetzte Gesichter auf
einem Kopf. Sie waren stark und schnell und wurden in ihrem
zum Himmel stürmenden Hochmut selbst den Göttern
gefährlich. Zur Strafe zerschnitt der Göttervater Zeus jeden von
ihnen in zwei Hälften. Seitdem gehen die beiden Teile getrennt
aufrecht auf zwei Beinen, und beide haben Sehnsucht danach,
sich mit dem jeweils anderen Teil wieder zu vereinen. Dieser
Drang der zwei Hälften, sich zu vereinen, wird als Liebe (Erôs)
bezeichnet:
Der Grund hiervon nämlich liegt darin, dass dies unsere
ursprüngliche Naturbeschaffenheit ist, und dass wir einst
ungeteilte Ganze waren. Und so führt die Begierde und das
Streben nach dem Ganzen den Namen Liebe. Und vor Zeiten,
wie gesagt, waren wir eins; nun aber sind wir um unserer
Ungerechtigkeit willen getrennt worden von dem Gott..

Mit diesem Mythos versucht Platos Figur des Aristophanes


Eros als die sexuelle Anziehung zwischen zwei Menschen zu
erklären, die auf Wiederherstellung einer ursprünglichen
Einheit und Ganzheit ausgerichtet sei; die homosexuelle
zwischen zwei Männern (Sonnengeschlecht) und zwischen
zwei Frauen (Erdgeschlecht), und die heterosexuelle zwischen
Mann und Frau (Mondgeschlecht), wobei der heterosexuellen
wegen der angeblich geringeren Zahl an Frau-Mann-
Kugelmenschen (Androgynes) eine mindere Bedeutung
beigemessen wird.

88
Abb. 16: Vierköpfiges Adam-Modell

Um nun diese drei Kombinationen männlich-männlich,


männlich-weiblich, weiblich-weiblich aus der Platonischen
Legende zu modellieren benötigen wir eine vierköpfige
Struktur gemäß og. Modell. Die Kombination „männlich-
männlich“ entspricht einer homosexuellen Beziehung, während
die Kombination „männlich-weiblich“ die normale androgyne,
heterosexuelle Beziehung darstellt. Eine drittmögliche Relation
„weiblich-weiblich“ wird zur Vereinfachung der Skizze nicht
dargestellt. Diese Darstellung könnte als Begründung der
vierköpfigen Gestalt herangezogen werden.

Der griechische Philosoph Plato war der erste Schriftsteller, der


die allgemeine Schöpfungslegende der Hindus, der Hebräer,
Araber, Griechen, Römer, Germanen und Kelten
niedergeschrieben hat.

89
Plato hat das Sakrileg einer Veröffentlichung der Geheimlehre
unbeschadet überstanden. Wohl haben sich einige Eingeweihte
darüber aufgeregt. Das war nicht ungefährlich, denn obwohl
die Griechen den Neuerungen aufgeschlossen gegenüber
standen, konnten sie bei Gotteslästerung recht ungemütlich
reagieren. Der Philosoph beschreibt aber auch keinen
androgynen Gott, sondern nur eine Schöpfungslegende, und er
stellt auch nicht die göttliche Allmacht in Zweifel. Zeus tritt
letztendlich als Sieger vor das Publikum.

90
9 Die Bibel

Die symbolische Codes in der Bibel


Die bereits bekannte Atbash- und Abbam-Codierungen in der
Bibel lassen vermuten, dass die Autoren noch andere
Codierungen eingebaut haben. Eine von diesen Codierungen
mag das Farbcode-System aus den Büchern Exodus und
Chronik sein.

Im Buch Exodus60 erhält Moses sage und schreibe 25 Mal die


göttlichen Anweisung, Tücher und Gewänder mit den
Farbangaben "Blau, Purpur und Scharlachrot" zu erstellen als
Bestandteile des Offenbarungzeltes.
Im Buch 2. Chronik61 erhält Salomon zudem dreimal eine
ähnliche Anweisung Gottes für die Ausstattung des Tempels in
Jerusalem. Die Farbkombinationen Salomon sind jedoch:
"Blau, Purpur und Karmesinrot". Andere Farbanweisungen in
z.B. Gelb oder Grün werden nicht erwähnt.
Die Farben Scharlach-Rot62 und Karmesin-Rot63 sind jedoch
gleich, und beide stammen von der og. Schildlaus. Laut
Wikipedia stammt der Name Karmin von dem Arabisch-
Persischen Wort Kermes für die "Scharlachbeere".

60
Kap. 25->27 und 35->39
61
Kap. 2 & 3
62
Englisch: Scarlet
63
Englisch: Crimson

91
Die deutsche Einheitsübersetzung der Bibel64 dokumentiert die
Farben an den entsprechenden Stellen etwas genauer65:
"Mach einen Vorhang aus violettem und rotem Purpur,
Karmesin und gezwirntem Byssus; wie
Kunstweberarbeit soll er gemacht werden, mit
Kerubim".
Anstatt "Blau" erwähnt die deutsche Einheitsübersetzung in
den diskutierten Bibelstellen im Exodus "Violett". Falls damit
die Randfarbe des Regenbogens angedeutet werden soll, ist die
Farbe "Violett" genauer als das "Blau" der "World English
Bible", denn Violett ist tatsächlich die Randfarbe des
Regenbogens.
Diese Bibelzitate beweisen m.E., dass die Farben Rot, Blau-
violett und Purpur im Altertum (oder genauer: zumindest
zwischen dem Zeitalter Moses, 12 JH. bis zur Niederschrift des
Hohen-Liedes im 6. JH. vor Christus) bedeutende, religiöse
Symbole darstellen, die insbesondere in den Tüchern und
Kultgewändern zum Ausdruck kommen.
Nicht nur die Farben der Hochdorfer Tücher, sondern auch die
Webtechnologie stimmen mit der biblischen Vorschrift überein.
Zwirn war in beiden Fällen das bevorzugte Verfahren für die
Fädenherstellung und garantiert einen sehr haltbaren, aus
mehreren gedrehten Fäden bestehenden, rissfesten Webfaden.
Der biblische Byssus ist offensichtlich ein Leinen Tuch. Leinen
wurde nebst Hanfbast, Schafwolle und Dachswolle auch in der
Hochdorfer Tuchkollektion registriert.

64
ISBN 3-460-33007-4
65
Zum Beispiel in Exodus 26-31

92
Aus dieser auffälligen Übereinkunft könnte man schließen,
dass die biblische Fertigungsvorschrift für die Tücher des
Offenbarung-Zeltes und des Tempels auch für einige der
Hochdorfer Tücher gelten.
Insgesamt kann man nun für die Codierungen in der Bibel
folgende Symbole identifizieren:

• Rot / Scharlach / Karmesin = weibliches/Yin-Symbol


• Blau = männliches/Yang-Symbol, das auch in
Einzelfällen für Priester reserviert wurde.
• Purpur = androgynes, Verschmelzung- bzw.
Heiratssymbol.
• Byssus, feines Leinen, vom Hebräischen būṣ 'feines
Leinen', das sich auf Leinen und gezwirntes Tuch
bezieht.
• Zwirnen = intensiv verschmelzen (->> die Heirat, das
Hochzeitspaar)
• Der Regenbogen = Religiöses Symbol aus der Genesis
mit den Randfarben Rot und Blau, jedoch ohne Purpur.

Wir können das Biblische Code-System mit der Zwirn- und


Farbcodierung erst verstehen wenn wir es mit der identischen
Web- und Färbungtechnologie des Tüchern im Fürstengrab von
Hochdorf vergleichen.

Aus der Lutherbibel von 1912 werden nun alle relevanten Web-
und Farbcodierung der Büchern Exodus und Chroniken
aufgelistet:

93
Das Buch Exodus66
26: 3Das ist aber das Hebopfer, das ihr von ihnen nehmen sollt:
Gold, Silber, Erz, 4blauer und roter Purpur, Scharlach,
köstliche weiße Leinwand, Ziegenhaar, 5rötliche Widderfelle,
Dachsfelle, Akazienholz, 6Öl zur Lampe, Spezerei zur Salbe
und zu gutem Räuchwerk, 7Onyxsteine und eingefaßte Steine
zum Leibrock und zum Amtschild
26: 1Die Wohnung sollst du machen von zehn Teppichen, von
gezwirnter, weißer Leinwand, von blauem und rotem Purpur
und von Scharlach.
4Und sollst Schleifen machen von blauem Purpur an jegliches
Stück am Rand, wo die zwei Stücke sollen zusammengeheftet
werden;
14Überdiese Decke sollst du eine Decke machen von rötlichen
Widderfellen, dazu über sie eine Decke von Dachsfellen.
31Du sollst einen Vorhang machen von blauem und rotem
Purpur, Scharlach und gezwirnter weißer Leinwand; und
sollst Cherubim daran machen von kunstreicher Arbeit.
36Und sollst ein Tuch machen in die Tür der Hütte, gewirkt von
blauem und rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter weißer
Leinwand.

66
Aus: Bibel online (Luther-Bibel 1912)

94
27: 9Du sollst auch der Wohnung einen Hof machen, einen
Umhang von gezwirnter weißer Leinwand, auf einer Seite
hundert Ellen lang, gegen Mittag, 10und zwanzig Säulen auf
zwanzig ehernen Füßen, und ihre Haken mit ihren Querstäben
von Silber.
16aber im Tor des Hofes soll ein Tuch sein, zwanzig Ellen breit,
gewirkt von blauem und rotem Purpur, Scharlach und
gezwirnter weißer Leinwand, dazu vier Säulen auf ihren vier
Füßen.
18Und die Länge des Hofes soll hundert Ellen sein, die Breite
fünfzig Ellen, die Höhe fünf Ellen, von gezwirnter weißer
Leinwand, und seine Füße sollen ehern sein.
28: 5Dazu sollen sie nehmen Gold, blauen und roten Purpur,
Scharlach und weiße Leinwand. 6Den Leibrock sollen sie
machen von Gold, blauem und rotem Purpur, Scharlach und
gezwirnter weißer Leinwand, kunstreich; 7zwei Schulterstücke
soll er haben, die zusammengehen an beiden Enden, und soll
zusammengebunden werden. 8Und sein Gurt darauf soll
derselben Kunst und Arbeit sein, von Gold, blauem und rotem
Purpur, Scharlach und gezwirnter weißer Leinwand.
15Das Amtschild sollst du machen nach der Kunst, wie den
Leibrock, von Gold, blauem und rotem Purpur, Scharlach
und gezwirnter weißer Leinwand.
28Und man soll das Schild mit seinen Ringen mit einer blauen
Schnur an die Ringe des Leibrocks knüpfen, daß es über dem
Gurt des Leibrocks hart anliege und das Schild sich nicht vom
Leibrock losmache.

95
35: 5Gebt unter euch ein Hebopfer dem Herrn, also daß das
Hebopfer des Herrn ein jeglicher willig bringe, Gold, Silber,
Erz, 6blauen und roten Purpur, Scharlach, weiße Leinwand
und Ziegenhaar, 7rötliche Widderfelle, Dachsfelle und
Akazienholz, 8Öl zur Lampe und Spezerei zur Salbe und zu
gutem Räuchwerk, 9Onyxsteine und eingefaßte Steine zum
Leibrock und zum Amtschild.
23Und wer bei sich fand blauen und roten Purpur, Scharlach,
weiße Leinwand, Ziegenhaar, rötliche Widderfelle und
Dachsfelle, der brachte es.
25Und welche verständige Weiber waren, die spannen mit ihren
Händen und brachten ihr Gespinnst, blauen und roten Purpur,
Scharlach und weiße Leinwand.
35Er hat ihr Herz mit Weisheit erfüllt, zu machen allerlei Werk,
zu schneiden, zu wirken und zu sticken mit blauem und rotem
Purpur, Scharlach und weißer Leinwand, und mit Weben, daß
sie machen allerlei Werk und kunstreiche Arbeit erfinden.
36:8Also machten alle weisen Männer unter den Arbeitern am
Werk die Wohnung, zehn Teppiche von gezwirnter weißer
Leinwand, blauem und rotem Purpur und Scharlach, und
Cherubim daran von kunstreicher Arbeit.
11Und machte blaue Schleifen an jegliches Stück am Rande,
wo die zwei Stücke sollten zusammengeheftet werden,
35Und machte den Vorhang mit dem Cherubim daran künstlich
von blauem und rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter
weißer Leinwand.

96
37Und machte ein Tuch in der Tür der Hütte von blauem und
rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter weißer Leinwand,
gestickt,
3818Und das Tuch in dem Tor des Vorhofs machte er gestickt
von blauem und rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter
weißer Leinwand, zwanzig Ellen lang und fünf Ellen hoch,
nach dem Maß der Umhänge des Vorhofs.
23und mit ihm Oholiab, der Sohn Ahisamachs, vom Stamme
Dan, ein Meister zu schneiden, zu wirken und zu sticken mit
blauem und rotem Purpur, Scharlach und weißer Leinwand.
391Aber von dem blauen und roten Purpur und dem
Scharlach machten sie Aaron Amtskleider, zu dienen im
Heiligtum, wie der Herr Mose geboten hatte. 2Und er machte
den Leibrock von Gold, blauem und rotem Purpur,
Scharlach und gezwirnter weißer Leinwand. 3Und sie
schlugen das Gold und schnitten's zu Faden, daß man's
künstlich wirken konnte unter den blauen und roten Purpur,
Scharlach und weiße Leinwand. 4Schulterstücke machten sie
an ihm, die zusammengingen, und an beiden Enden ward er
zusammengebunden. 5Und sein Gurt war nach derselben Kunst
und Arbeit von Gold, blauem und rotem Purpur, Scharlach
und gezwirnter weißer Leinwand, wie der Herr dem Mose
geboten hatte.
8Und sie machten das Schild nach der Kunst und dem Werk des
Leibrocks von Gold, blauem und rotem Purpur, Scharlach
und gezwirnter weißer Leinwand,

97
21daß das Schild mit seinen Ringen an die Ringe des Leibrocks
geknüpft würde mit einer blauen Schnur, daß es über dem Gurt
des Leibrocks hart anläge und nicht vom Leibrock los würde,
wie der Herr dem Mose geboten hatte. 22Und machte einen
Purpurrock zum Leibrock, gewirkt, ganz von blauem
Purpur.
24Und sie machten an seinen Saum Granatäpfel von blauem
und rotem Purpur, Scharlach und gezwirnter weißer
Leinwand.
27Und sie machten auch die engen Röcke, von weißer
Leinwand gewirkt, Aaron und seinen Söhnen, 28und den Hut
von weißer Leinwand und die schönen Hauben von weißer
Leinwand und Beinkleider von gezwirnter weißer Leinwand
29und den gestickten Gürtel von gezwirnter weißer Leinwand,
blauem und rotem Purpur und Scharlach, wie der Herr dem
Mose geboten hatte. 30Sie machten auch das Stirnblatt, die
heilige Krone, von feinem Gold, und gruben Schrift darein:
Heilig dem Herrn. 31Und banden eine blaue Schnur daran, daß
sie an den Hut von obenher geheftet würde, wie der Herr dem
Mose geboten hatte.

Das zweite Buch der Chroniken67


26So sende mir nun einen weisen Mann, zu arbeiten mit Gold,
Silber, Erz, Eisen, rotem Purpur, Scharlach und blauem
Purpur und der da wisse einzugraben mit den Weisen, die bei
mir sind in Juda und Jerusalem, welche mein Vater David
bestellt hat.

67
Aus: Bibel online (Luther-Bibel 1912)

98
312 So sende ich nun einen weisen Mann, der Verstand hat,
Huram, meinen Meister 13(der ein Sohn ist eines Weibes aus
den Töchtern Dans, und dessen Vater ein Tyrer gewesen ist);
der weiß zu arbeiten an Gold, Silber, Erz, Eisen, Steinen, Holz,
rotem und blauem Purpur, köstlicher weißer Leinwand und
Scharlach und einzugraben allerlei und allerlei kunstreich zu
machen, was man ihm aufgibt, mit deinen Weisen und mit den
Weisen meines Herrn, des Königs Davids, deines Vaters.

Das Mittelalter
Das wahre Leben der Gattung Mensch ist wie alles dreigeteilt
und besteht aus einem Altertum, Mittelalter und Neuzeit.
Im Altertum hat man gewartet bis der Mensch heran gereift ist.
Es ist gewissermaßen die Kinderstube des Menschen, in dem
man noch nicht richtig denken kann und die Zeit einem später
als eine unendliche, verplemperten Wartezeit vorkommt. Die
Jugend kann man genau genommen als verlorene Zeit
betrachten.
In der Neuzeit empfindet man sich bereits als zu alt für einen
Neuaufbruch. Man hat das Leben hinter sich und betrachtet mit
Wehmut die verlorenen Jugend.
Dazwischen liegt das Mittelalter, das genau genommen unsere
besten und produktivsten Jahren darstellen soll.
Eigentlich ist immer der mittlere Lebensbereich als DAS
Lebensalter schlechthin zu betrachten.
Was aber hat man im Mittelalter für wirklich wichtig gehalten?
War nicht das wichtige, ja vielmehr einzige Buch die Bibel und
hat man nicht auf das Jenseits gestarrt und mit diesem Ziel
dahin gelebt?

99
Ja, genau und was waren denn die wichtigsten Bibel?
Das waren doch die Prachtbibel68 mit den ausufernden
Dekorationen, die man in unendlicher Geduld fleißig kopiert
und vervielfältigt hat: die Kremser Prachtbibel, die Utrechter
Prachtbibel, der neapolitanischer Bibel und Hunderte andere
mehr...
Was waren denn in diesen Bibeln die wichtigste Stellen.
Kann man das ablesen?
Sicherlich doch. Die wichtigste Stellen waren in den
Prachtbibeln die Seiten, auf dem die Mönche mit den
wunderbarsten Dekorationen ausgestattet haben.
Das waren jedoch immer die gleichen und zwar das Buch
Genesis mit der Schöpfungslegende. Hier hat man in den
schönsten Farben ausgemalt, wie der Schöpfergott die Welt, die
Tiere und den Menschen erschaffen hat.
Den Menschen? Waren es nicht zwei?
Nein, das war es ja gerade. Da es nur einen Gott gibt, kann er
auch nur einen Menschen als sein Ebenbild erschaffen haben.
Bereits die Pharisäer haben aufgrund der unterschiedlichen
Aussagen in Genesis 1, 27 und Genesis 2, 7 gelehrt 69, dass
Adam als mannweiblich (androgyn) erschaffen wurde.
Dabei legte man die Bibelstelle Genesis 1, 27 als "männlich
und weiblich" anstatt "Man und Frau" aus.

68
Siehe dazu Die prächtigsten Bibeln von Andreas Fingernagel –
veröffentlicht 2008, ISBN: 978-3-8365-0297-6
69
aus der Jewish Encyclopedia, Eintrag: Adam Kadmon

100
Die Auftrennung der Geschlechter wurde aus Sicht der
Pharisäer dagegen in einer späteren Operation auf Adams
Körper vollzogen....
Warum hat man das dann nicht korrigiert?
Die Bibel ist eine heilige Schrift. Da kann man bei
vermeintlichen Fehlern oder Unklarheiten nicht einfach den
Text korrigieren. Falls die Mönche noch etwas anderes dem
Text hinzufügen möchten, steht ihnen nur die Dekoration zur
Verfügung.
Was könnte man in der Dekoration dann für wichtiges
unterbringen? Soviel steht da nicht zur Verfügung...
In den Farben kann man einiges codieren. Ist es dir nicht
aufgefallen, dass so viele Textzeilen abwechselnd rote und
blaue Buchstaben verwenden?
Ich denke mal, dass ist ein Zufall, oder die Idee, dass
die Mönche ihre Farben möglichst gleichmäßig
verbrauchen möchten..
Glaubst Du das wirklich? Dann schau dir mal den folgende
Text an. Der Schöpfer trägt nicht nur ein rot-blaues Gewand!
Nein, auch der gesamte Text daneben ist abwechselnd in roten
und blauen Buchstaben geschrieben. Dabei ist es nicht einmal
gut leserlich oder schön. Im 14en Jahrhundert hat man mit
diesen roten und blauen Buchstaben etwas sagen wollen. Es
handelt sich um eine Art Geheimschrift, um einer Codierung...
Diese rot/blau-Markierung findet man in fast allen dekorierten
Bibeln des Mittelalters. Die Hauptfarben für diese
abwechselnden Markierungen waren immer Rot und Blau.
Obwohl man nicht alle Abbildungen versteht ist es doch klar
eine Kombination von Rot und Blau...

101
Abb. 17: Kopfzeilen aus mittelalterlichen Bibeln

102
Abb. 18: Initialen in einem Codex des 14e JH.

Sogar die Armenbibel70 weist die abwechselnd rote und blaue


Initiale auf, die auf die androgyne Symbolik deutet:
Warum denn ausgerechnet Rot und Blau?
Weil diese Farben im Buch Exodus der Bibel fünfundzwanzig
mal als göttliches Kommando erwähnt werden.
Die Utrechter “historische” Bibel71 von Evert van Soudenbalch
(in niederländischer Sprache) enthält übrigens eine Vielzahl
von Buchstaben., die eine Kombination von Rot und Blau
darstellen:

70
Biblia pauperum im Codex Palatinus Latinus 871 (14e Jahurhundert) -
Biblioteca Apostolica Vaticana
71
Codex 2772, fol. 198v (III Maccabeorum = Josephus Flavius, Antiquitates
XIII-XVI)

103
La Divina Commedia
Sogar Dantes Manuskript beginnt mit der gefärbten Zeile
La Divina Commedia:

Abb. 19: La Divina Commedia

104
Die Initiale der ersten Zeile verwenden purpurfarben und gold

N
für die Ornamente. Der Text gestaltet sich als horizontal und
vertikal alternierenden Zeichenketten:

EL
MEZ
ZO
DEL
CA
MMI
N
DI NOSTRA VITA
mi ritrovai per una selva oscura,
...

Dante Alighieris Codex für die Divina Commedia (1308)


enthält Initialen wie sie im Mittelalter üblicherweise für Bibeln
angewandt worden sind...

105
Wörter weben
In der Regel beobachten wir in den mittelalterlichen Bibeln die
Farben Rot und Blau als religiösen Symbole für die Verzierung.
Die Menschheit ist der Legende nach bekanntlich als Paar
zweier Einzelpersonen entstanden, die jeweils mit der Farbe
Rot, beziehungsweise Blau symbolisiert wurden. Die
Menschheit wuchs und die Zahl der Individualpersonen nahm
erheblich zu. Die Vielzahl der roten und blauen Elemente
erscheint jedoch von einer Distanz als Purpur gefärbten Masse.
Die mittelalterlichen Manuskripte verwendeten dieses
Webverfahren mit Buchstaben in vielen Kopfzeilen, Initialen
und anderen Ornamenten.
Dieses Webverfahren mit Wörtern ähnelt dem extrem dicht
gewebten Stoffen des Kelten-Priesters in Hochdorf, der um 500
vor Christus mit einem Purpur-gewebten Mantel beerdigt
wurde, dessen roten und blauen Einzelfäden jedoch nur mit
einer modernen Lupe unterscheidbar sind.
Das nachfolgende Beispiel zeigt an einem Abschnitt des
Buches Genesis wie die Mönche im Mittelalter Wörter als
Stoffe in Rot und Blau gewebt haben, indem wir einige Sätze
der Lutherbibel abwechselnd in Rot und Blau in winziger 4pt-
Schrift wiedergeben. Der Text wird eingeschlossen zwischen
zwei Kopfzeilen der Korczek-Bibel aus Prag, die um 1410
erstellt wurde.

106
Abb. 20: Kopfzeile der Korczek-Bibel (Prag- um1410)
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer,
und es war finster auf der Tiefe;
und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.
Und Gott sah, dass das Licht gut war.
Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5und nannte das Licht Tag
und die Finsternis Nacht.
Da ward aus Abend und Morgen
der erste Tag.

Abb. 21: Kopfzeile der Korczek-Bibel (Prag- um1410)

Die Komplementärphasen in Rot und Blau


Die ersten sechs Phasen der Schöpfung sind wohl als
Trennungsphasen zu verstehen, deren Trennelemente mit
Symbolfarben gekennzeichnet wurden. Abgesehen von den
Fischen, den Vögeln und den Menschen scheinen alle rot
gefärbten Schöpfungsobjekte als erste genannt zu werden.
Traditionell hat man Mann und Frau mit verschiedenen Farben
symbolisiert, aber die genaue Symbolik ist im Laufe der Zeit
verschleiert worden.

107
Tag Zuerst genannt Zuletzt genannt
1 Licht - Tag Finsternis - Nacht
2 unter der Feste über der Feste
(Meereswasser ) (Süßwasser)

3 Erde Meer
4 großes Licht (Sonne-Tag) kleines Licht (Mond-Nacht)
5 Wasser (Fische) Erde (Vögel)
6 Mann / Mann Weib / Weib
Tabelle 2: Schöpfungsphasen im Buch Genesis
Wir werden nun die Einzelphasen genauer analysieren. Die
Schlüsselwörter und einige Zeilen werden in den zugehörigen
mittelalterlichen Symbolfarben Rot und Blau dargestellt
werden.

Der erste Schöpfungstag72


Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der
Tiefe; und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und
Gott sprach: Es werde Licht! und es ward Licht.
Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht
von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis
Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.
Traditionell haben die Ägypter das große Licht (die Sonne) rot
gemalt und das kleine Licht (Mond) blau.

72
Als Beispiel werden nur im Text des ersten Schöpfungstages die
Buchstaben abwechselnd rot und blau dargestellt.

108
Der zweite Schöpfungstag
Und Gott sprach: Es werde eine Feste zwischen den Wassern,
und die sei ein Unterschied zwischen den Wassern. Da machte
Gott die Feste und schied das Wasser unter der Feste von dem
Wasser über der Feste. Und es geschah also. Und Gott nannte
die Feste Himmel. Da ward aus Abend und Morgen der andere
Tag.

Abb. 22: Gottes Fingerzeig an Noah (Wiener Codex )

Standardfarben können in diesem Kontext nur verstanden


werden, wenn wir den Himmel als Regenbogen verstehen, der
die blaue Farbe am oberen und die rote am unteren Rand
aufweist. Der Regenbogen war bekanntlich ein bedeutendes
religiöses Symbol. Merkwürdigerweise erwähnt die Bibel nicht
den sekundären Regenbogen, der eine umgekehrte Farbfolge
aufweist.

109
Der dritte Schöpfungstag
Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem
Himmel an besondere Örter, dass man das Trockene sehe. Und
es geschah also. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die
Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es
gut war. Und Gott sprach: Es lasse die Erde aufgehen Gras und
Kraut, das sich besame, und fruchtbare Bäume, da ein jeglicher
nach seiner Art Frucht trage und habe seinen eigenen Samen
bei sich selbst auf Erden. Und es geschah also. Und die Erde
ließ aufgehen Gras und Kraut, das sich besamte, ein jegliches
nach seiner Art, und Bäume, die da Frucht trugen und ihren
eigenen Samen bei sich selbst hatten, ein jeglicher nach seiner
Art. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und
Morgen der dritte Tag.
Als Allgemeinwissen kann man in diesem Abschnitt die Erde
rot und das Meer blau darstellen.

Der vierte Schöpfungstag


Und Gott sprach: Es werden Lichter an der Feste des Himmels,
die da scheiden Tag und Nacht und geben Zeichen, Zeiten,
Tage und Jahre und seien Lichter an der Feste des Himmels,
dass sie scheinen auf Erden. Und es geschah also. Und Gott
machte zwei große Lichter: ein großes Licht, das den Tag
regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch
Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie
schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und
schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war.
Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.
Traditionell haben die Ägypter das große Licht (die Sonne) rot
gemalt und das kleine Licht (Mond) blau.

110
Merkwürdigerweise ist die Nacht nicht schwarz, sondern
beleuchtet vom kleinen Licht des Mondes.

Der fünfte Schöpfungstag


Und Gott sprach: Es errege sich das Wasser mit webenden und
lebendigen Tieren, und Gevögel fliege auf Erden unter der
Feste des Himmels. Und Gott schuf große Walfische und
allerlei Getier, daß da lebt und webt, davon das Wasser sich
erregte, ein jegliches nach seiner Art, und allerlei gefiedertes
Gevögel, ein jegliches nach seiner Art. Und Gott sah, dass es
gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und
mehrt euch und erfüllt das Wasser im Meer; und das Gefieder
mehre sich auf Erden. Da ward aus Abend und Morgen der
fünfte Tag.
Als Allgemeinwissen kann man in diesem Abschnitt die Erde
rot und das Meer blau darstellen.

Der sechste Schöpfungstag


Und Gott sprach: Die Erde bringe hervor lebendige Tiere, ein
jegliches nach seiner Art: Vieh, Gewürm und Tiere auf Erden,
ein jegliches nach seiner Art. Und es geschah also. Und Gott
machte die Tiere auf Erden, ein jegliches nach seiner Art, und
das Vieh nach seiner Art, und allerlei Gewürm auf Erden nach
seiner Art. Und Gott sah, dass es gut war.
Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das
uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und
über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über
die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.

111
Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde
Gottes schuf er ihn; und schuf sie einen Mann und ein Weib.
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und
mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und
herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem
Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.
Die Übersicht des sechsten Tages zeigt nur eine einzige
Auftrennungsphase am sechsten Tag: die Auftrennung des
ersten Menschen in Mann und Frau, die erst später im Genesis
genauer dokumentiert wird.
Und Gott sprach: Seht da, ich habe euch gegeben allerlei Kraut,
das sich besamt, auf der ganzen Erde und allerlei fruchtbare
Bäume, die sich besamen, zu eurer Speise, und allem Getier
auf Erden und allen Vögeln unter dem Himmel und allem
Gewürm, das da lebt auf Erden, dass sie allerlei grünes Kraut
essen. Und es geschah also. Und Gott sah alles an, was er
gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut. Da ward aus
Abend und Morgen der sechste Tag.

112
Die Bekleidung Gottes und der Heiligen

Die Schrift der Ikonen


Ikonen werden geschrieben und verfügen deshalb über einer
eigenen Sprache. Die wesentliche Essenz dieser Sprache ist die
göttliche Präsenz in den Darstellungen73.
Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welche Bedeutung
die religiösen Symbolik im Mittelalter bei den Menschen
auslöste. Vermutlich haben auch diejenigen, die nicht lesen
konnten, wenigstens die mystische Bedeutung der Farbcodes
„lesen“ können. Vielleicht wurde es den gehobenen Ständen
von den Gelehrten während einer privaten Ausbildungsphase
erklärt.
Ausgehend von den religiösen Vorschriften zur Verwendung
der Farben "Blau, Purpur und Scharlachrot", die Gott im
Buche Exodus74 in 25-facher Detaillierung und im Buch 2.
Chronik75 dreimal ausführlichst dokumentiert hat, wurde im
Mittelalter eine Reihe von Vorschriften zur Gestaltung der
Gottesbilder und Heiligen einzuhalten seien.

Ikonen werden deshalb nach traditioneller Farbmustern in Rot


und Blau gemalt. Für die Farbzuweisung der Gewänder gilt
laut Web-Eintrag76 folgende Regel:

73
Auf der Web-Seite gibt es eine Galerie mit Beispielen.
74
Kap. 25->27 und 35->39
75
Kap. 2 & 3
76
http://www.kirstenvoss.my-kaliviani.com/Einleitung/Theorie/Symbolik/symbolik.html

113
• Für Maria gilt ein rotes Obergewand und ein blaues
Untergewand.
• Für Christus gilt ein blaues Obergewand und ein rotes
Untergewand.

Abb. 23: Madonna von


Czestochowa

Im 7. und 8. Jahrhundert ist ein Bild in den Ost- und


Westkirchen nur eine Ikone, das in seiner Gestalt und Form
dogmatisch und unantastbar bleibt. Erst in der karolingischen
Synodalentscheidung wurde das heilige Bild wieder für die
schöpferische Phantasie des abendländisch-christlichen
Künstlers freigegeben. Der Maler war nun nicht mehr an das
verpflichtende Modell des Archetypus gebunden. Deshalb
wächst in späteren Jahren die Bereitschaft der Künstler die
Farbcodierung nach eigenem Ermessen zu gestalten.

114
Dante (1265-1321) deutet auf die religiöse Symbolik77 in
seinem Werk „Göttliche Komödie“. Nur deshalb wird die
religiöse Dichtung wieder gebilligt. Ab dieser Zeit kann man
deshalb Abweichungen von den Standards und Normen
erwarten, aber:
„der abendländische Kunst wird noch einige
Jahrhunderte brauchen um sich von den Archetypen
wirklich zu lösen“78..
Erstaunlicherweise stimmen die Farbcodierungen überein mit
der fürstlichen Bekleidung, die im Grab des Keltenfürstes von
Hochdorf gefunden wurde. Der Purpurmantel wurde
bekanntlich gewebt in feinstem Zwirn aus Rot und Blau. Das
Grab stammt aus etwa 530 vor Christus.

77
dabei unterstützt von der abwechselnd roten und blauen Buchstaben
78
Zitat aus Ernesto Grassi, Kunst und Mythos (1957), Seite 149

115
Die Bekleidung des Schöpfergottes
Im Mittelalter wird der Schöpfergott wird allgemein mit roter
und blauer Bekleidung dargestellt79. Oft wird auch Gelb als
Gold zur Verzierung angewandt.

Abb. 24: Schöpfergott in roter und


blauer Bekleidung

79
Codex 1179, fol. 1v (Genesis)

116
Die Bekleidung von Jesus Christus
Auch die Bekleidung von Jesus Christus wird oft in rot und
blau dargestellt, wie ersichtlich aus den Beispiel in “Speculum
Humanae Salvationis” (datiert 1336):

Abb. 25: Der Judas-Kuss (1336)

117
Schöpfungslegenden in den Prachtbibeln
In der Regel stellen die Bibeldekorationen die Erschaffung
einer erwachsenen Eva dar, die aus der Rückseite (es handelt
sich dabei um die korrekte Übersetzung der „Seite“) des
androgynen Adams.

Der (in diesem Fall dreifältige) Schöpfergott trägt entweder ein


Purpurgewand, eine weiße Bekleidung oder eine rot-blaue
Kombination. So könnte man nun annehmen, dass die Farben
Blau und Rot der Prachtbibeln sich auf die Schöpfung von
Mann und Frau beziehen. Man beachte auch, dass Gott oft auch
in blau-roten oder in Purpur gefärbten Gewändern gekleidet ist.

Die nachfolgende Tabelle dokumentiert eine Übersicht der 15


wichtigsten Prachtbibeln, die im Kunsthistorischen Museum in
Wien zur Verfügung stehen. Abgesehen vom Rado-Bibel
enthalten sie durchweg auffälligen Dekorationen in den
Farbkombinationen Rot und Blau., die wahlweise in den
Initialen, Kopfzeilen, Bekleidung oder weiteren Dekorationen
angewandt werden.

118
Codex Jahr Hauptfarben Farben Initiale Göttliche
& Kopfzeilen Bekleidung
Wien 550 Rot/Blau/white - Rot/Blau/
Weiß
Rado 875 Gelb/Rot/ Gelb/Rot/ -
Grün Grün
Paris 1250 Rot/Blau Rot & Blau Rot/Blau
Admont 1150 Rot/Blau/Grün Rot Rot/Blau
Lilienfeld 1225 Rot/Blau/Grün Rot & Blau Rot/Grün
Krems 1275 Rot/Blau Rot & Blau Rot/Blau
Wenzel 1390 Rot/Blau/Gold Rot/Blau/Gold Rot/Blau
Korczek 1400 Purpur/Grün/ Rot & Blau Purpur
Gold
Neapel 1360 Rot/Blau Rot & Blau Weiß
Eberler 1464 Rot/Blau/Grün Rot Rot/Blau/
Grün
Schreier 1472 Rot/Blau/Grün Rot & Blau Rot/Purpur/
Grün
Utrecht 1430 Rot/Blau/Gold Rot ; Initiale in Purpur
Rot & Blau
Hiero- 1488 Rot/Blau/Gold Rot & Blau Rot/Blau
nymos
Utrecht 1460 Rot/Blau/Grün Rot ; Initiale in Purpur
Rot & Blau
Paris 1225 Rot/Blau/Gold Rot/Blau
80
Dante 1308 Rot/Blau/Gold Rot/Blau Rot/Blau

Tabelle 3: Kategorisierung einiger mittelalterlichen Bibeln

80
Vatikanischer Codex der Divina Commedia (etwa 1308)

119
Das Gottesbild im frühen Mittelalter
Frühe biblische Darstellungen symbolisieren Gott als ein Mann
im Himmelsbereich, innerhalb einer Sonne oder Wolke.
Folgende Abbildung aus dem Wiener Codex des sechsten
Jahrhunderts symbolisieren Gott als rot gefärbten Mann, der
goldgelben Strahlen an Josef auf seinem Bett ausstrahlt. Der
Mond zeigt eine Frau mit Kuhhörnern wie eine ägyptische
Göttin. Die Sterne sind wie in einem ägyptischen Grab
dargestellt.

Abb. 26: Männlicher Himmelsgott (Wiener Codex)

Offensichtlich glaubte man im frühen Mittelalter an einem


männlichen Himmelsgott, der in der Sonne oder in einer Wolke
wohnte und von einer Frau begleitet wurde.

120
Eine weitere Abbildung des Wiener Codex symbolisiert Gott
als rotfarbigen Hand, der aus dem Himmel Noah und seiner
Verwandtschaft gereicht wird.

Abb. 27: Gottes Fingerzeig an Noah (Wiener Codex)

Obwohl ein eindeutiger Nachweis fehlt, darf man doch


annehmen, dass Rot und Blau als religiöse Symbole verwendet
wurden. Offensichtlich repräsentieren die Farben die Sonne
und den Mond, die als religiöse Symbole für Mann und Frau
im Einsatz waren. Diese Symbolik findet man auch in
biblischen Dekorationen.
Sonne und Mond werden immer als gegensätzliche
Geschlechter dargestellt. Am Mittelmeer identifiziert man die
Sonne (“Sol”) als männlich, begleitet vom weiblichen Mond
(“Luna”). In der ägyptischen Tradition malt man die männliche
Sonne als roten Zirkel (und in Ausnahmefällen als gelbe
Scheibe) während der Mond mit Blau identifiziert wird.

121
Nördlich der Alpen sind die Geschlechter umgepolt. In den
germanischen Sprachen ist die Sonne weiblich und der Mond
männlich.
Damit bleibt die Identifizierung der männlichen und
weiblichen Symbolfarben ungeklärt. Es gibt eine klare
Geschlechtertrennung zwischen Blau und Rot, aber wir wissen
nicht welche Farben weiblich, beziehungsweise männlich sind.
Nur zur Mischfarbe Purpur (rot & blau) ist die göttliche
Symbolik wohl allgemein gültig.

122
10 Die Gewänder

Die Bekleidungscodes der Heiligen


Kann man die rot und blau gefärbten Bekleidungs-
codes denn auch woanders ablesen?
Ja, es hat sich herausgestellt, dass die Mehrheit der
mittelalterlichen Gemälden die Heiligen, einschließlich Gott,
Jesus und Maria in einem roten und blauen Gewand darstellen.
Zeig mir mal einige Beispiele, damit ich es auch
glauben kann...

Abb. 28: Jesus Christus in Rot und Blau

123
Abb. 29: Heiliger in Rot und Blau

Diese Kombination Rot und Blau wird gelegentlich mit einer


Spur Weiß ergänzt, was jedoch vielleicht auch auf eine
symbolische Darstellung der Dreifaltigkeit deuten könnte...

124
Die Gewänder der Heiligen
Im Mittelalter wurde Heiligen und Gottesdarstellungen
zunächst nach genau festgelegten Regeln gemalt, die wir auch
heute noch in den Ikonen zurückverfolgen können.
Im Mittelalter wurde die Gottesmutter Maria nach einer
ziemlich genau festgelegten Konvention gemalt, die man mit
statistischen Methoden überprüfen kann. In der Regel waren
die Obergewänder für Maria in Blau und die Untergewänder in
Rot gemalt. In einigen Fällen fügte der Künstler gelbe Schleier
oder Schleifen hinzu. Man kann solche Details am besten in
einem Museum wie in der Münchner Pinakothek untersuchen,
In der ersten Übersicht werden die Abweichungen von der
Norm Obergewänder (blau) und Untergewänder (rot) für die in
gelber Farbe markiert. Die Kunstwerke wurden willkürlich aus
einem Band „Kunst von A bis Z in 1200 Bildern“ 81
entnommen.
Reines Schwarz ist eine seltene Farbe in Ölbildern, kann
jedoch in den Abbildungen anstelle Dunkelblau erscheinen
oder im Laufe der Jahrhunderten aus Dunkelblau entstanden
sein. Die 33 selektierten Bilder von 1295 bis 1938 weisen 21
Übereinstimmungen mit dem Standard auf. Das entspricht
einer 66% Übereinstimmung. Dieser Standard bleibt in etwa
bis zum Ende des 18ten Jahrhundert erhalten, geht dann aber
verloren.
Die Farbkombinationen stammen vermutlich aus den göttlichen
Farbvorgaben für Purpur, Blau und Rot im Buche Exodus.

81
Schilderkunst van A tot Z, ISBN: 9036605970, 9789036605977

125
Die zweite Statistik untersucht auf Basis der 5555
freigegebenen Meisterwerke82 die Farbkombinationen für die
Gewänder der Gottesmutter. Eine Auswertung der 510 Bilder 83
für alle Künstler mit dem Anfangsbuchstaben „A“,
beziehungsweise „B“ liefert darin eine Übersicht mit 50
Einträgen mit einer Maria-Abbildung zwischen 1350 und etwa
1600 AD. Die statistische Analyse ergibt eine
Übereinstimmung der Standardkomposition „Blaues
Obergewand und rotes Untergewand“ in 34 Fällen
beziehungsweise etwa 66%.
Beide Analysen resultieren in 66% Übereinstimmung der
Farbkombinationen mit dem Standard „Rot für Marias
Untergewänder und Blau für Marias Obergewänder“.

82
Die virtuelle Gemäldegalerie, ISBN: 3-932544-65-X
83
9% of a total of 5555 paintings

126
Die Ikonenmalerei

Die Sprache der Ikonenmalerei


Ikonen werden „geschrieben“ und verfügen deshalb über einer
eigenen Sprache. Die wesentliche Essenz dieser Sprache ist die
göttliche Präsenz in den Darstellungen84. Bilder und Schrift
waren gleichwertig, aber im Gegensatz zur Schrift in der
Sprache Latein waren die Bilder für jeden verständlich.
Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welche Bedeutung
die religiösen Symbolik im Mittelalter bei den Menschen
auslöste. Vermutlich haben auch diejenigen, die nicht lesen
konnten, wenigstens die mystische Bedeutung der Farbcodes
„lesen“ können. Vielleicht wurde es den gehobenen Ständen
von den Gelehrten während einer privaten Ausbildungsphase
erklärt.
Im Mittelalter betrachtete der Mensch seine Welt als eine
Übergangsstation zum Jenseits. Jeder Gegenstand, jede
Abbildung und jedes Wort wurde dabei mit einer religiösen
Symbolik ausgestattet, die es jederzeit erlaubte den Weg ins
Jenseits zu finden und begleiten. Selbstverständlich galt das
insbesondere an den geweihten Stellen, wie die Kirche und die
rudimentäre Stätte mit Altar und Statue daheim.
Bekehrte Völker erinnerten sich vielleicht ihrer ursprünglichen
Religion mit dem androgynen Schöpfergott Tuisto, der
vielleicht in den häufig vorkommenden sog. Hermes-Statuen
symbolisiert wurde, weil er als ug. doppelt-gesichtige Gestalt
abgebildet sein mag.

84
Auf der Web-Seite gibt es eine Galerie mit Beispielen.

127
Im zweiten Jahrhundert entscheiden die Vertreter der
Apologetik und der Patristik zur Ablehnung der Kunst 85. Die
Natur is Gottes Werk, die Kunst ist des Teufels. Erst später
wird bei Augustinus das irdisch Schöne vorübergehend wieder
als Abbild des Göttlichen akzeptiert.
Im 7. und 8. Jahrhundert ist ein Bild in den Ost- und
Westkirchen nur eine Ikone, das in seiner Gestalt und Form
dogmatisch und unantastbar bleibt. Erst in der karolingischen
Synodalentscheidung wurde das heilige Bild wieder für die
schöpferische Phantasie des abendländisch-christlichen
Künstlers freigegeben. Der Maler war nun nicht mehr an das
verpflichtende Modell des Archetypus gebunden.
Dante (1265-1321) deutet auf die religiöse Symbolik86 in
seinem Werk „Göttliche Komödie“. Nur deshalb wird die
religiöse Dichtung wieder gebilligt. Ab dieser Zeit kann man
deshalb Abweichungen von den Standards und Normen
erwarten, aber:

„der abendländische Kunst wird noch einige


Jahrhunderte brauchen um sich von den Archetypen
wirklich zu lösen“87..

85
Info aus Ernesto Grassi, Kunst und Mythos (1957), Seite 148
86
dabei unterstützt von der abwechselnd roten und blauen Buchstaben
87
Zitat aus Ernesto Grassi, Kunst und Mythos (1957), Seite 149

128
Die Gewänder in Rot und Blau
Ikonen werden geschrieben und verfügen deshalb über einer
eigenen Sprache. Die wesentliche Essenz dieser Sprache ist die
göttliche Präsenz in den Darstellungen88.
Man kann sich heute kaum noch vorstellen, welche Bedeutung
die religiösen Symbolik im Mittelalter bei den Menschen
auslöste. Vermutlich haben auch diejenigen, die nicht lesen
konnten, wenigstens die mystische Bedeutung der Farbcodes
„lesen“ können. Vielleicht wurde es den gehobenen Ständen
von den Gelehrten während einer privaten Ausbildungsphase
erklärt.
Die verwendeten Codes beziehen sich auf die göttlichen
Vorgaben zu den Farben Rot, Blau und Purpur aus dem
biblischen Buche Exodus. Ikonen werden deshalb nach
traditioneller Farbmustern in Rot und Blau gemalt, die lt.
vorliegenden Studien jedoch eher auf die ursprünglich
androgyne Religionsbasis basiert.
Für die Farbzuweisung der Gewänder gilt laut Web-Eintrag89
folgende Regel, in dem die heute
• Die bedeckt rote Kleidung90 Mariens (Obergewand)
und Christi (Untergewand).
• Die blaue Kleidung91 Mariens (Untergewand) und
Christi (Obergewand).
88
Auf der Web-Seite gibt es eine Galerie mit Beispielen.
89
http://www.kirstenvoss.my-kaliviani.com/Einleitung/Theorie/Symbolik/symbolik.html
90
Die rote Farbe verweist auf die königlich-göttlichen Seelen. Die
Abtönung (Laka) des Rot zu rotbraun bzw. rotviolett kennzeichnet die
erlangte Selbstlosigkeit.
91
Die blaue Farbe steht für ihre irdische Existenz.

129
Merkwürdigerweise entspricht diese Norm nicht der im
vorhergehenden Kapitel beschriebenen Standard für die
mittelalterlichen Gemälden.
Genau genommen sind die Einzelfarben an sich undefiniert.
Nur die Kombination Rot/Blau und die Mischfarbe Purpur gilt
als göttlich-androgyn. Als Einzelfarbe gelten Rot oder Blau als
Halbfarben, die den halben Menschen (individueller Mann oder
individuelle Frau) darstellen.
Weitere Regeln dokumentieren weitere Standardsymbole:
• Das rote Tuch ist über Dächer und Kuppeln gelegt92.
• Die Roten Schuhe Mariens93.
• Stets in der oberen Bildecke und allgemein als die
Hand Christi interpretiert (alternativ die Hand
Gottes)94.
• Die Taube, meist in einem Strahl lokalisiert, bedeutet
die Anwesenheit und Segnung Gottes bzw. des Heiligen
Geistes.
Ein Teil dieser Symbole (insbesondere die Taube und die
Hände aus den Wolken) findet man auch in den Prachtbibeln
und gilt vermutlich für alle mittelalterliche Darstellungen als
Norm.

92
Das Tuch über Dächer und Kuppeln gilt als Zeichen dafür, dass alle Welt
an dem dargestellten Thema Anteil nimmt. z.B. Maria Verkündigung
93
Die Schuhe symbosieren ihre königliche, im Sinne göttliche Existenz
94
Die Hand gibt sie ihren Segen und Kraft für die auf der Ikone dargestellte
Person

130
Die Gewänder in Purpur
Im Gegensatz zur og. Konvention sind in der Wikipedia auch
Ikonen mit Purpurgewändern verfügbar:

Abb. 30: Ikone der Gottesmutter

Bildnachweis:
Ikone der Ikonostase im Kloster Decani von Zar Dušan, um 135095

95
freigegeben vom Wikipedia-Mitglied: Orjen

131
Die Gewänder der Codex Manesse
Die Regel zur Kleidungsgestaltung in der Ikonenmalerei wurde
nun im Mittelalter auch für die kaiserliche und königliche
Bekleidung angewandt, was man sehr gut in der sog. Codex
Manesse96 ablesen kann. Dieser Codex ist vollständig im
Internet verfügbar. Die Farbcodierung mit Rot und Blau wird
nicht nur in der fürstlichen Kleidervorschrift, sondern auch in
der Farbgestaltung der Schrift angewandt. Es wird gar
ausschließlich die Farbkombination Rot und Blau für Initialen
verwendet. Von diesen Farbcodierungen werden jeweils einige
Beispiele und die vollständigen Adressen im Internet
dargestellt.

Die komplette Handschrift


Aus dem Internet kann man die komplette Handschrift der
Codex Manesse (als PDF-Datei , 101 MB) laden und
anschauen. Dabei fällt auf, dass die Textseiten analog an den
üblichen mittelalterlichen Prachtbibeln abwechselnd mit rot
und blauer Schrift geschrieben worden sind.

Der Kaiser Heinrich


Kaiser Heinrich wird mit nach religiöser Kleidervorschrift mit
einem Purpur-roten Obermantel und blauen Untermantel
dargestellt. Auch die Umrandung wird in den göttlichen
Farbcodes Rot und Blau (ggf. auch das Weiß ?) gestaltet97.

96
Cod. Pal. germ. 848, Große Heidelberger Liederhandschrift
(Codex Manesse), Zürich, 1305 bis 1340
97
→ Siehe das komplette Bild: Kaiser Heinrich

132
Abb. 31: Kaiser Heinrich (Codex Manesse)

König Tyro von Schotten


König Tyro von Schotten wird mit nach religiöser
Kleidervorschrift mit einem blauen Obermantel und roten
Untermantel dargestellt. Seine Partnerin oder Partner trägt
einen roten Obermantel und einen blauen Untermantel. Der
König erfüllt die Ikonenvorschrift für Christus und die
Partnerin die Vorschrift für Maria. Auch die Umrandung wird
in den göttlichen Farbcodes Rot und Blau (dazu jedoch auch:
Gold) gestaltet.

• 8r: König Tyro von Schotten

133
König Wenzel von Böhmen
König Wenzel von Böhmen wird gemäß religiöser
Kleidervorschrift mit einem blauen Obermantel und roten
Untermantel auf einem purpur-farbenen Thron dargestellt. Der
König erfüllt die Ikonenvorschrift für Christus.

• 10r: König Wenzel von Böhmen

König Konrad der Junge


König Konrad der Junge trägt einen grünen Mantel, der
vielleicht deshalb von der Norm abweicht, weil er sich auf der
Jagd befindet. Die Bildumrandung wird jedoch in den
göttlichen Farbcodes Rot und Blau gestaltet.

• 7r: König Konrad der Junge

Der untere Adel


Der untere Adel wird kaum mit den göttlichen Farben Rot und
Blau ausgestattet. Die Umrandungen sind jedoch
überdurchschnittlich oft in Rot und Blau dekoriert.

134
Das Register
Bereits das Register der Codex Manesse wird mit abwechselnd
roten und blauen Initialen ausgestattet. → Siehe: 4v: Register

Abb. 32: Register der Codex Manesse

135
136
11 Das Denkmal der Farbe „Paars“
Gelegentlich erwache ich in der Ahnung, dass wieder
ein Wort gefunden wurde, welches nur noch in der
niederländischen Sprache übrig geblieben ist. Weder in
Englisch, Deutsch oder Französisch ist vergleichbares
vorhanden. Es ist ein totes Wort, „Paars“, das wir erst
dann verstehen, wenn wir uns mit der alten, religiösen
Farblehre auseinandersetzen.
Angefangen hatte alles mit Stefans Aussage, dass ein
Germanist mit dem Wort keinerlei religiöse Assoziation
verknüpfen könne, weil Purpur einfach von einer Schnecke
abstammt, der im Mittelalter am Mittelmeer zur Farberstellung
gezüchtet worden ist.
Mit meiner Rede, dass die Farbe Purpur ursprünglich ihre
religiöse Bedeutung durch Weben einer Vielzahl dünnster roten
und blauen Fäden, konnte er nichts anfangen. Für ihn wurde
Purpur erst mit der Verarbeitung der Purpur-Schnecke zum
religiösen Symbol. So blieb mir nichts anderes übrig als die
Etymologie des niederländischen Wort „paars“ (übersetzt
Purpur) genau zu dokumentieren.
International akzeptiert man heute die Farbcodierung Rosa für
die weibliche und Hellblau für die männliche Geschlechter.
Den Beweis zu dieser These werden wir noch an einigen
Beispielen liefern müssen. Bekanntlich ist Purpur die
Mischfarbe der Farben Rot und Blau und bei dieser
Konstellation könnte man sich fragen, inwieweit man die alten
Symbolik der Farben Purpur, Rot und Blau wiederaufleben
lassen kann.

137
„Paars“ ist die Farbe der „Peers“
Die regionale Anwendung der Wörter für Purpur, Violett und
„paars“ wurde dokumentiert im Niederländischen
98
etymologischen Wörterbuch in einer Karte von P.J.
Meertens, Taalatlas afl. 4, 14. Vielleicht kann man in dieser
Karte ablesen im welchen Bereich das Wort „paars“ entstanden
ist.
Die etymologische Ableitung des Wortes "paars" ist unsicher.
Die Etymologen vermuten einen Zusammenhänge mit Persae
'Perser', Persia 'Persien' und perzik (Pfirsich) obwohl doch die
zuvor beschriebene, einfachere Erklärung sich anbietet.
Die Datenbank http://www.etymologie.nl/ dokumentiert einige
mittelalterlichen Zitate für dieses Wort um 1300 AD:
paars Substantiv (als 'Farbe')
Mnl. perse 'Purpur (Laken)' [1294; VMNW], perse
saye 'Purpur wollene Stoffe' [1296; VMNW],
peers bruxsch lakene ' Purpur Laken aus Brugge' [1343-
44; MNW], groen of blaeu of root of paers [ca. 1475;
MNW].
Zwei Dokumente aus dem Jahr 1672 und 1742 enthalten
jedoch Verweise auf Substantive „Paars“ sowie „Pers“. Wir
werden diese Zitate kurz analysieren. Die interessante Stelle ist
gelb markiert. Es handelt sich in beiden Fällen um einen Saal,
den man „Paars“ oder „Pers“ nennt. Es betrifft wohl den
Versammlungssaal für die freien Bürger, der Stadt Leiden die
man in England „Peers“ nennt und im britischen Adel als
Sammelbegriff für adlige Personen verwendet wird.

98
von J. de Vries, F. de Tollenaere, Maaike Hogenhout-Mulder

138
Prinzipiell stammen diese Begriffe aus dem Latein: „Pares“,
d.h. die Gleichen.

Korte besgryving van het Lugdunum Batavorum nu Leyden


door Simon van Leeuwen – 1672

Het selve Stadhuys is soo onder als boven in verscheide


plaatsen verdeelt, elk tot sijn byfonder gebruyk, als fijn
boven de Grote Vroedschaps-kamer, Burgermeesters
kamer, Schepens kamer, Secretarie, Griffie ende Wees-
kamer, voor ende tussen dewelke een groote Wandel-
plaats, dat men de Paars nomt, ten eynde van dewelke
twee vertrekken voor sijn, daar de Burgen alle nagten
de wagt houden. Boven deselve Paars is de Artelerie
ende Wapen-kamer,

Hedendaegsche historie... - Seite 523


Thomas Salmon, Jan Wagenaar, Matthias Van Goch – 1742
Langs den eerst beschreeven' Buiten-opgang van
twintig trappen naar bovengaande, komt men op eene
ruime Zaal, gemeenlyk de Paars of Pers genaamd, die
zeventig treden lang is.

Zum Verständnis, warum „paars“ die religiöse, adlige Farbe


geworden ist, müssen wir die mittelalterlichen, biblischen
Farblehre im nächsten Kapitel bemühen.

139
140
12 Flaggen
Um 1328 schmückten sich die Herren des Haus Valois, d.h.
eines französischen Königshauses, aus dem dreizehn Könige
von Frankreich stammten in Blau mit goldenen Fleurs-de-lis in
einer roten Umrandung. Seitdem tragen die französische
Könige auf Vignetten und Manuskripte ein rotes Gewand unter
einem blauen Obergewand, das mit goldenen Fleurs-de-lis
geschmückt wird. Diese Kleiderordnung stimmt jedoch genau
überein mit der Farbcodierung für die Christus-Ikone.

Abb. 33: Französische Flagge in Blau-Weiß-Rot (1358)


Die symbolische Farben für die Stadt Paris sind seit 1358
traditionell Blau und Rot, als der Pariser Revolutionsführer
Etienne Marcel sie gegen den König und Dauphin eingeführt
hat. Kommandant Lafayette hat dann 1794 daraus durch
Hinzufügen von der Farbe Weiß die französischen Flagge in
Blau-Weiß-Rot gestaltet.
Aus einer analogen Entwicklung seien ggf. auch die Flagge der
Niederlanden, die Union Jack, die US-Flagge und die russische
Flagge aus der göttlichen, bzw. biblischen Vorschrift zur
Farbkombination der Bücher Exodus bzw. Chroniken
entstanden.

141
142
13 Übersicht der androgynen Göttern
Die Autoren Mircea Eliade, Rens van der Sluijs und Helena
Blavatsky dokumentieren eine lange Liste mit den höchsten,
androgynen Göttern in ihren Büchern:

• Der erste Mensch Adam war ursprünglich ein Zwitter:


Adam und Eva waren Rücken zu Rücken an ihren
Schultern miteinander verbunden. Gott trennte die
beiden mit einer Axt oder entzweite den beiden. Andere
Autoren meinen: Der erste Mensch Adam war
rechtsseitig ein Mann und linksseitig eine Frau, aber
Gott trennte den ersten Menschen entzwei99
• Mehrere Götter im alten Ägypten waren bi-sexuell100.
• Tammuz, Enki und Ninurta waren androgyn
veranlagt101.
• Bel und Belit waren ggf. ursprünglich Zwitter102.
• Aštarte kann in männlicher Gestalt auftreten und
manchmal auch männliche Attribute annehmen103.
• Einige Autoren vermuten, dass Ištar ein Zwitter
gewesen sein könnte104.
99
Bereshit Rabbah I. 1, fol. 6, col. 2 (Source: Patterns in Comparative
Religion : 423)
100
Patterns in Comparative Religion : 421f.
101
D. N. Talbott, The Saturn myth; a reinterpretation of rites and symbols
illuminating some of the dark corners of primordial society, 1980: 88
102
Patterns in Comparative Religion : 422
103
J. Leclant: ‘Asurté à Cheval, d'après les Représentations Egyptiennes’,
Syrie, 37 (1960): 7, cited in Z. Rix,
‘The androgenous comet’, SIS Review, I. 5 (1977): 17-19
104
J. Leclant: ‘Asurté à Cheval, d'après les Représentations Egyptiennes’,
Syrie, 37 (1960): 7, cited in Z. Rix,

143
• Die süd-arabische Gottheit Atar war vermutlich
ebenfalls androgyn105.
• Die Bezeichnung ‘duplex Amathusia’ für Aphrodite von
Amathus106 basiert auf der Doppelgeschlechtlichkeit der
Zypriotischen Gottheit. Sie wurde in Kunstwerken mit
Bart abgebildet107.
• Kronos wird mit dem Titel Mann-Frau geführt 108.
• Dyaus, der alte Himmelsgott, und Purusha, der erste
Mensch, waren Zwitter109.
• Plato’s ‘Erster Mensch’, mit einem kreisrunden Körper
(Plato, Symposium) wird als androgyne Person
beschrieben, die von Zeus zweigeteilt wurde110.
• Die germanischen Gestalten Odin, Loki, Tuisco und
Nerthus tragen androgyne Züge111.
• Die Chinesen kannten eine hermaphrodite Oberste
Gottheit, die ein Gott der Finsternis und des Lichtes
gewesen ist 112.
• Australische und pazifische Ureinwohner gehen von

‘The androgenous comet’, SIS Review, I. 5 (1977): 17-19)


105
U. Oldenburg, ‘Über den Sternen von El: El in der alten südarabischen
Religion’, Zeitschrift für alt-testamentliche Wissenschaft, 82 (1970): 199f.,
zitiert in E. Cochrane, ‘Mars Gods of the New World’, Aeon IV. 1 (1995):
60)
106
Catullus 68. 51
107
A. de Grazia & P. James, ‘Aphrodite - The Moon or Venus’, SIS Review
I. 3 (1976): 8-14)
108
(->> Great Magical Papyrus of Paris) K. Preisendanz, Papyri Graecae
Magicae; Die Griechischen Zauberpapyri, 1928, I: 64, cited in D. Cardona,
‘Child of Saturn (part III)’, Kronos VII. 3 (1982): 3-14)
109
Rig-Veda X. 90; Quelle: Patterns in Comparative Religion : 421
110
Patterns in Comparative Religion : 1958: 423
111
Patterns in Comparative Religion : 422f.
112
Patterns in Comparative Religion: 422

144
einem androgynen ersten Menschen aus113.
• Quetzalcoatl tragen androgyne Züge114.
• Im chinesischen, androgynen System werden Yin und
Yang in der heiligen Frau T’ai Yuan gebündelt.
• Die Zuni-Indianische Hauptgottheit Awonawilona ist
eine androgyne Er-Sie-Gestalt.
• IU-piter wird „gleichzeitig Vater und Mutter“
genannt115.
• Die androgyne Gottheit Zurvan erzeugt die
Hauptgottheiten Ahura Mazdā und seinen teuflischen
Antipoden Ahriman aus seinen Schultern.

Literatur zu dieser Übersicht:

• Übersicht von Rens van der Sluijs, Januar 2001 in


Ignis-e-coelo
• Die Geheimlehre, von H.P. Blavatsky, 1888
• Patterns in Comparative Religion , by Mircea Eliade,
Rosemary Sheed, John C. Holt, 1958
• Symposium by Plato
• Zweiundzwanzig Bücher zur „Theokratie“ vom H.
Augustin

113
Patterns in Comparative Religion : 423
114
D. N. Talbott, The Saturn myth; a reinterpretation of rites and symbols
illuminating some of the dark corners of primordial society, 1980: 88
115
Augustinus in Zweiundzwanzig Bücher zur Theokratie.

145
146
14 Die Proto-indoeuropäische Sprache

Sir William Jones (* 28. September 1746 in London; † 27.


April 1794 in Kalkutta) war ein britischer Indologe und Jurist
und seit 1783 Richter am Obersten Gericht in Kalkutta.
Heute ist William Jones bekannt dafür, als erster die
Ähnlichkeit des Sanskrit mit dem Griechischen und dem
Lateinischen erkannt zu haben. In seinem Buch The Sanscrit
Language (1786) schlug er vor, dass alle drei Sprachen einen
gemeinsamen Ursprung hätten, und dass sie auch mit dem
Gotischen und den keltischen Sprachen sowie dem Persischen
verwandt seien. Dies war der erste Hinweis auf die Existenz
der Indo-Germanischen Sprachfamilie und die erste
Anwendung der vergleichenden Sprachwissenschaft.
Am Anfang des 19. JH. definierte der Norweger Rasmussen
Rask das Gesetz der Übereinkunft zwischen dem griechischen
ph oder f und den germanischen Laut b. Diese Übereinkunft
verkoppelt das griechische Wort "phrater" mit dem englischen
"brother".
Zur Mitte des 19. JH. startete August Schleicher eine
Rekonstruktion der PIE116, die als Ausgangsbasis für alle
indoeuropäischen Sprachen gilt. Der australische Archäologe
Gordon Childe (der in England arbeitete) analysierte die
Regionen der Proto-indoeuropäischen Sprache und schlug als
Ausgangsbasis die Region nördlich des Schwarzen Meeres vor.
Seine Arbeit wurde von Maria Gimbutas, welche die Kurgan-
theory formulierte, fortgeführt.

116
PIE ist die Abkürzung für Proto-Indo-Europäische Sprache

147
Pronomina in der PIE-Sprache
Nachfolgende Tabelle117 enthält in Reihenfolge die
bedeutendsten Wörter der PIE, der Proto-Indoeuropäischen
Sprache, ausgearbeitet von Morris Swadesh (zitiert in einem
Buch von C. Renfrew118 1988). Die Reihenfolge der Prioritäten
beginnt mit den Pronomina:
1. Pronomina (Ich, Du, wir)
2. Indikatoren (dies, jenes, nicht)
3. Standardfragen (wer, was)
4. Mengen (alle, viel, eins, zwei)
5. Umfang (gross, lang, klein)
6. Personen (Frau, Mann, Person)
7. weitere Kategorien (Fisch, Vogel, Hund, Laus, Baum,
Samen, Blatt, Wurzel...)
8. Himmelskörper (Sonne, Mond, Stern)
9. weitere Kategorien (Wasser, Regen, Stein, Sand, Erde,
Wolke, Rauch...)
10.Farben (Rot, Grün, Gelb, Weiß, Schwarz)
11.Qualität (voll, neu, gut, trocken)
12.weitere Kategorien (Name, ....)

Die Personalpronomina belegen in dieser Rangliste eindeutig


den wichtigsten Platz.

117
von Morris Swadesh und C. Renfrew 1988
118
C. Renfrew 1988, "Archeology and Language, The puzzle of Indo-
European Origins, Cambridge University Press, New York, 1988.

148
Index/ Englisch Nieder- Deutsch
Kategorie
Rang (alt) ländisch (alt)
1 I (I) Ik Ich (Ih) Pronomen
2 You (Thou) Jij Du (Thu) Pronomen
3 We Wij Wir Pronomen
4 This Dit Diese Indikator
5 That Dat Jene Indikator
6 Who Wie Wer Frage
7 What Wat Was Frage
8 Not Niet Nicht Indikator
9 All Alles Alles Menge
Much/
10 Veel Viel Menge
Many
11 One Een Ein Menge
12 Two Twee Zwo Menge
13 Big Groot Gross Größe
14 Long Lang Lang Größe
15 Small Klein Klein Größe
16 Woman Vrouw Frau Individu
17 Man Man Mann Individu
18 Person Persoon Person Individu
Tabelle 4: Elementare Wortliste für die PIE

149
Auf den Positionen 1-18 dieser Liste können wir einige Paare
mit Antipoden identifizieren, die auf Dualismus deuten:

• Ich ↔ Du (wobei: Ich & Du= “Wir”)


auf Positionen 1, 2 und 3
• Dieses ↔ Das (auf Positionen 4 & 5)
• Eins ↔ Zwei (auf Positionen 11 & 12)
• Groß ↔ Klein (auf Positionen 14-15)
• Frau ↔ Mann (auf Positionen 16-17)

PIE Pronomina
Die Rekonstruktion der Pronomina im PIE ist schwierig wegen
der großen Schwankung in späterer Zeit. Dieses gilt speziell für
die Demonstrativpronomina.
PIE kannte Personalpronomina der ersten und zweiten Person,
aber nicht für die dritte Person. Die Personalpronomina der
ersten und zweiten Person passen zur androgynen Religion, in
dem nur zwei Antipoden eine religiöse Bedeutung zukommt.
Es gibt keine offensichtlich religiösen Symbole in der
Rangordnung auf Platz 1 bis 100. Es wurden jedoch zwei
Gottheiten in der PIE identifiziert.

Der Himmelsgott als Proto-Gottheit in PIE


Die Ursprünge der Indoeuropäer können bisher nicht
archäologisch zugeordnet werden. Die Zuordnung der
Indoeuropäer wird über vorhandenen Gerätschaften (Wagen,
Rad, usw.) durchgeführt. Das Pferd gehört z.B. nicht zum
ältesten, gemeinsamen PIE-Sprachkern. Zum Grundbestand
gehören jedoch Vater, Mutter, Bruder, Schwester, usw. …

150
Nur zwei Götter gehören zum Grundbestand 119: der Himmels-
Vater (Dyaeus, Zeus, Tyr, Ti-Father, usw.) und eine Göttin der
Morgenröte, Eos oder eigentlich "Haeoos" / Aurora. Aurora
wird abgeleitet aus dem Griechischen: "ausosa" von Eos, vgl.
->> Niederländisch Ooster-, Deutsch: Oster-. Es scheint sich
dabei einfach um die im Osten aufsteigende Sonne zu handeln.
Auch ein allgemeines Wort für Gott ist vorhanden.
Bronze kam erst auf, als die Trennung in Einzellinien bereits
weit fortgeschritten war (2000 vor C.). Wegen der Struktur der
griechischen und hethitischen Sprache muss der Ansatz der ur-
indoeuropäischen Sprache vor dem 3. Jahrtausend v.C. gesucht
werden.
Aus der Sicht der androgynen Religion können wir jedoch
zumindest drei Proto-Pronomina im PIE definieren:
• I für die erste Person Singular (Ich),
• U für die zweite Person Singular (Du) und
• UI für die erste Person Plural (Wir).

Diese Proto-Pronomina sind die Basiselemente für die


religiöse, androgyne Symbolik, in dem zum Beispiel der Name
Tuisco durch Verkettung der Pronomina "Thou"/"Thu" und
"I"/"Ih" entsteht.
Im Gegensatz zu den Standard-Göttern (z.B. Zeus, IU-piter,
IHVH, usw.) kann Tuisco nicht als Himmelsgott eingestuft
werden. In der Germania beschreibt Tacitus Tuisco als eine aus
der Erde geborene Gottheit, und Julius Cäsar vergleicht Tuisco
mit Dis-Pater, dem Vater der Finsternis und Unterwelt120.

119
Quelle:. dtv-Atlas Weltgeschichte , ISBN:978-3-423-08598-3 (Seite 41)
120
De Bello Gallico – Julius Cäsar, Buch VI, 53 b.C.

151
Äquivalente Proto-Gottheiten
Die androgynen Schöpfungslegenden sind sicherlich nicht nur
auf Platos Symposium begrenzt. In der Geheimlehre erinnert
Helena Blavatsky an eine alten, vergleichbare Legende aus
Persien;

Meshia und Meshiane waren gemeinsam eine


individuelle Gottheit in Persien. Die Perser lehrten
auch, dass der Mensch an einem Lebensbaum als
androgynes Paar gewachsen sei, bis sie aufgetrennt
wurden für eine neue, nachfolgende Lebensform.

Und sogar viele Jahren später war die Idee noch nicht verloren
gegangen. Laut Blavatsky haben der Christ Eugibinus und die
Rabbis Samuel, Manasseh ben Israel, und Maimonides gelehrt:

"Adam hatte zwei Gesichter und eine Person und von


Anfang an war er sowohl männlich als weiblich –
männlich auf der einen und weiblich auf der anderen
Seite (analog an Manu's Brahma). Später jedoch
wurden die männliche und weibliche Hälften getrennt."

Es gibt eine Vielzahl weiterer Verweisungen auf androgyne


Götter, zum Beispiel im Sanskrit devas, im Latein deus, im
Litauen dievas, im Altirischen dia und der alte nordische Plural
tivar. Diese Titel waren alle Götternamen (Mallory, p. 128). Als
Übersicht aus der Geheimlehre von Blavatzky können wir mit
einigen Zusatzdaten eine Übersicht zusammenstellen:

152
Zugehörige
Sprache Gottheit
Pronomina
Proto-Indo-
dyeus-peter
European
Ägypter Teut
Perser Sire
Magi Orsi
Griechen Zeu-Pater, Theos
Alt-Türkisch Esar
Sanskrit dyaus-pita
Italien / Latein d'Ju-piter D'u und J
Umbrien d'Iuve-patre D'u und J
Illyrien Dei-patyros
Hittitisch DSius
Französisch Dieu Du und Je
Nordisch Ti-var (Tyr-Father) T(u) und I
Keltisch Tuisco Thu und Ih
Arabisch dUI UI
Tabelle 5: Androgyne Götter und ihre Pronomina

Diese Zusammenhänge deuten auf eine Korrelation zwischen


den androgynen Schöpfungslegenden, Zwittergottheiten und
Pronomina. Die Korrelation beschränken sich jedoch nicht auf
die PIE-Sprachen und gelten auch für andere Sprachfamilien.

153
Die androgyne Pronomina U, I und UI

Vermutlich basiert jede Sprache auf einigen Basisworten, die


Grundgedanken dokumentieren. Gemäß linguistischer Theorie
sind die wichtigsten (drei) Wörter der Proto-indoeuropäischen
(PIE-) Sprache (in der durch August Schleicher klassifizierten
Liste) oder wohl auch jeder anderen Sprache (in genau dieser
Reihenfolge): "Ich", "Du" und "Wir".

Ausgehend vom modernen Englisch kann man aus diesen


Wörtern auch drei Proto-Pronomina bilden, und zwar
wiederum in derselben Reihenfolge: "I" , "U" und "UI".
In Anbetracht ihrer Priorität in den linguistischen Studien
dürfen wir zunächst annehmen, dass sich diese persönliche
Pronomina auf bedeutsame religiöse Konzepte beziehen. Das
wichtigste Proto-Pronomen "I" ist die erste Person Singular
(Ich), die das männliche, religiöse Element in der Form des
Lingam symbolisiert. Das zweitwichtigste Proto-Pronomen
"U" ist die zweite Person Singular (Du), die das weibliche,
religiöse Element in der Form der Yoni symbolisiert. Das dritt-
wichtigste Wort in der (PIE-) Sprache ist das Proto-Pronomen
"UI" oder "IU", das wir als Verschmelzung der einzelnen
Proto-Pronomina "U" und "I" betrachten können. Im religiösen
Basiskonzept bildet die Verschmelzung des weiblichen und des
männlichen Elements eine der Gottheit ähnliche Gestalt, die
durch "UI" oder in einer symmetrischen Version durch "IU"
symbolisiert wird.

154
Die steinzeitliche Kontinuitätstheorie PCT

Die PCT121 geht von einem frühestmöglichen Ursprung für die


Europäische Version der PIE-Sprache um etwa dem 10.
Jahrtausend vor Christus aus.
Diese PCT ist eine Theorie, die davon ausgeht, dass der
Ursprung der hypothetischen PIE-Sprache bis in die Steinzeit
zurückreicht, d.h. Zehntausende von Jahren vor den
geschätzten Chalcolithischen oder Neolithischen Angaben in
anderen Szenarien der Proto-indoeuropäischen Geburtsstunden.

Ihr wichtigster Vertreter ist der Linguist Mario Alinei, der sich
zusammen mit dem Prähistoriker Marcel Otte und weiteren
Mitgliedern in der Arbeitsgruppe "PCT Workgroup" organisiert
hat. Die bedeutendste Veröffentlichung der "PCT" ist Alinei's
Werk „Origini delle Lingue d’Europa“, das in zwei Teilen
jeweils 1996 und 2000 veröffentlicht wurde.

Die PCT datiert die Ursprünge der indoeuropäischen Sprache


auf die Ankunft des aus Afrika eingewanderten Homo sapiens
sapiens in Europa und Asien, die in der jüngeren Steinzeit
stattgefunden hat.

Diese PCT passt hervorragend zu den verbundenen Schädeln


wie die archäologischen Überreste aus der Androgynen
Religion.

121
Paleolithic Continuity Theory
Deutsch: steinzeitliche Kontinuitätstheorie
Italiänisch: La teoria della continuità

155
PIE-Pronomina in Afghanistan

Im seinem Buch „Drachenläufer“ (2003) verwendet Khaled


Hosseini eine Vielzahl afghanischer Wörter. In der Regel
betrifft es arabische Wörter. Auf der Suche nach
indoeuropäischen Wörter identifizierte ich Padar (Vater),
Madar (Mutter) und Tu, das mit dem französischen Wort "Du"
übereinstimmt.

Das persönliche Pronomen "tu" (das vertrauliche „Du“) wird


für nahestehende Beziehungen (wie zum Beispiel Ehemann
und Ehefrau) benutzt. Dagegen verwendet man wie in Deutsch
"shoma" (das respektvolle „Sie“) für die ehrenvolle und
distanzierte Beziehungen (sogar zwischen Eltern und Kindern).
Ursprünglich mag das vertrauliche Wort "tu" (Du) exklusiv für
die Gespräche zwischen Ehemann und Ehefrau reserviert
gewesen sein, um das göttliche Eheband zwischen den
Eheleuten zu symbolisieren.

156
15 Farben, Zwirn und Runen

Das Fürstengrab in Hochdorf


Das Kelten-Museum in Hochdorf122 an der Enz birgt noch
mancherlei Überraschung. Das Fürstengrab enthielt bereits bei
der Entdeckung in 1968 eine Sensation: die nicht beraubte
Prunkbestattung eines frühkeltischen Fürsten. Im Rückblick ist
die wahre Sensation jedoch der violettfarbene Mantel, den der
Fürst getragen hat. Denn dieser Mantel symbolisiert die
Religion des keltischen Volkes.
Das Fürstengrab mit seinen einmaligen technischen Funden
sowie deren archäologische und historische Einordnung stehen
im Zentrum des Museums. Die Grabkammer und die Beigaben
wurden mit „alten” Werkzeugen und handwerklichen
Techniken in originalgetreuen Materialien rekonstruiert. Die
Präsentation vermittelt einen authentischen Eindruck der
Bestattung vor 2500 Jahren.

Ein Symposium
Das Fürstengrab, so erklärt unsere Begleiterin im Museum,
symbolisiert ein Symposium, das der König zu Lebzeiten im
Stil eines griechisch-platonischen Gastmahls als Höhepunkt
des gesellschaftlichen Lebens oft genossen hat. Der
Prunkwagen mit Pferdegeschirr, das komplette 9-fache
Speiseservice und die hochwertige Liege des Fürsten sind als
technische Höchstleistung für jedermann klar erkennbar. Ein
überdimensionales Gefäß war für das Symposium mit
Honigwein gefüllt.
122
Hochdorf bei Stuttgart, etwa 500 bC

157
Dieses löwengeschmückte Kupfergerät wurde über uralte
Handelsrouten, über Marseille, Rhone und Schweiz, aus
Griechenland importiert. Das wahre Wunder sind jedoch die
Tücher, die das Grab enthält.

Abb. 34: Keltisches Fürstengrab in Hochdorf

158
Die Farben Rot und Blau
Im Vortrag beschreibt die begeisterte Referentin ausführlich,
dass die Grabbeigaben in Tücher gewickelt aufgefunden
wurden. Diese Tücher sind überwiegend in den königlichen
Farben Rot und Blau gehalten, die für die Kelten besonders
kostspielig gewesen sein müssen. Als Besonderheit erwähnt die
Vortragende, dass der violette Mantel des Fürsten aus sehr fein
rot- und blaukariertem Stoff gewebt wurde. Die
Webtechnologie erreicht eine ungeheure Webdichte von 80
Fäden pro cm!
Die rote, haltbare Farbe wurde durch Trocknen und Auskochen
einer Schildlaus gewonnen123. Dabei handelt es sich um die auf
den Kermeseichen (Quercus coccifera L.) lebenden Kermes-
Schildläuse (Coccus ilicis oder Kermes vermilio Planchon), der
polsnischen Kermeslaus (Porphyrophora polonica L.) oder aus
der armenischen Kermeslaus (Porphyrophora hameli Brandt),
die auf Wurzeln bestimmter Gräser zu finden war.
Das Blau stammt aus einer Pflanze mit dem Namen Waid
(Isatis tinctoria oder „deutscher Indigo“) und stimmt chemisch
mit dem Indigo überein. Im De Bello Gallico erwähnt Julius
Cäsar, dass die britischen Krieger sich vor der Schlacht den
Körper und das Gesicht blau färben mit der Waid-Farbe, um
damit ihren Feinde zu imponieren. Jetzt jedoch werden wir
sehen, wie die blaue Indigo-Farbe vielleicht auch die
männliche Mitgliedergruppe in einer androgynen Religion
symbolisieren kann.

123
Eine artverwandte Conchenilla-Schildlaus wird auch heute noch auf den
Kanaren gezüchtet.

159
Braut- und Geburtskleider
Weiße Brautkleider wurden erst 1840 mit der Hochzeit der
Königin Victoria eingeführt. Zuvor war die übliche Brautfarbe
Rot. In China wird die Braut in einem roten Brautkleid und
einer roten Sänfte zum Ort der Hochzeitsfeier getragen. Dort
schreitet sie auf einem roten Teppich ihrem Bräutigam
entgegen, und dieser begrüßt sie, indem er ihren roten
Seidenschleier hebt.
Analog dazu kleiden wir unsere neugeborenen Töchter in
leichtes Rot und unsere Söhne in leichtes Blau, das heißt in den
androgynen Symbolfarben. In den frühen Kulturen wurde das
dunkle Rot des Blutes noch dem Weiblichen und das Blau dem
Männlichen zugeordnet. Die "Mutter Erde" spendete den
Völkern der Steinzeit den roten Ocker, dem man leben-
erhaltende Kräfte zuschrieb. In Japan wird das Rot noch heute
eher dem Weiblichen zugeordnet. Erst später wurden die
Farbsymbole verfälscht und die rote Farbe in ein männliches
Machtsymbol verwandelt124.

Die Farbe Purpur


Rot und Blau ergeben in einer Mischung Purpur, und diese
Kombination ist bereits im Altertum als Herrscherfarbe
bekannt. Im Mittelmeerbereich waren die Purpur-Kleider
damals nur den Herrschern vorbehalten und für die Untertanen
strengstens verboten. Diese Stoffe wurden jedoch direkt aus
Purpurfarben hergestellt. Die Phöniker haben die Purpurfarbe
in Tyros aus einer Schneckenart gewonnen und dieses
gewinnträchtige Monopol lange Zeit als einen Schatz gehütet.

124
Quelle: Lexikoneintrag: Farbe

160
Es wäre für die keltischen Weber(innen) leicht möglich
gewesen, einen einfarbigen Webfaden in demselben Purpur
herzustellen und damit einen Stoff zu weben. Die Kelten haben
diese Farben jedoch nicht gemischt. Wie in Hochdorf im
Museum klar unter Lupen dargestellt, webten sie die roten und
blauen Fäden zu einem violetten, karierten Tuch.
Diese Technik ist jedoch kein primitiver Ersatz für die extrem
teure Purpurfarbe aus Tyros, sondern ein religiöses Symbol,
das man auch heute noch verstehen kann. Denn das Rot ist das
weibliche und das Blau ist das männliche Symbol, womit wir
auch heute noch die Geburt unserer Kinder feiern.
Die intensive Farbgebung in Rot und Blau symbolisiert
offensichtlich den erwachsenen, ausgereiften Menschen,
während die leichte Farben Hellrot und Hellblau unsere Kinder
repräsentieren. Der Hochdorfer Fürst hat dieses blau-rote Kleid
offensichtlich als religiöses Symbol getragen.

Der Regenbogen
Rot und Blau sind die lang- bzw. kurzwelligen Farben an dem
Rand des sichtbaren Lichtspektrums und bilden gegensätzliche
spektrale Elemente. Die Mischfarbe Purpur ist dagegen die
einzige Farbe, die im Regenbogen fehlt und aus dieser
Eigenschaft den Status eines göttlichen Attributs erhält.
Tatsächlich ist nicht so sehr der Regenbogen, sondern sind
vielmehr die Randfarben Rot und Blau sowie die Mischfarbe
Purpur das Symbol des Verbunds zwischen Gott und seinem
Volk.

161
Rot und Blau sind außerdem elementare Bestandteile in den
Flaggen verschiedener Länder: Großbritannien, die USA,
Frankreich und die Niederlande. Sind diese Farben die alten
Symbole für die männlich-weiblichen Gegenpole?
Im Altertum hat man diese Farben im Regenbogen als göttliche
Symbolik wahrgenommen (Genesis 9:17):
„Steht der Bogen in den Wolken, so werde ich auf ihn sehen
und des ewigen Bundes gedenken zwischen Gott und allen
lebenden Wesen, allen Wesen aus Fleisch auf der Erde.”
Und der Sohar fügt dem hinzu125:
„Wenn aber die Erde diesen Bogen sieht, dann ist dies der
Ursprung aller heiligen Beständigkeit. Und er werde zum
Bundeszeichen zwischen Gott und allen lebenden Wesen.
Dies ist es, was gesagt wird von drei Farben und einer, die
zwischen den anderen gefasst ist – und es ist nur ein
Geheimnis, das in der Wolke zur Erscheinung kommt.”

125
Sohar, I. fol. 71b

162
Die Sephiroth
Sephiroth ist die hebräische Bezeichnung für die zehn
göttlichen Emanationen im kabbalistischen Lebensbaum. Sie
bilden in ihrer Gesamtheit symbolisch den himmlischen
Menschen, den Adam Kadmon. Sephiroth ist der Plural des
hebräischen Wortes Sephira, was Ziffer bedeutet.

Abb. 35: Sephiroth in Farbdarstellung

163
Die Sephiroth126 werden in drei getrennte Säulen oder gimel
kavim ("drei Linien" in Hebräischer Sprache) aufgeteilt:

Die zentrale Säule


Kether bildet den Kopf der zentrale Säule und wird mit dem
hebräischen Buchstaben Aleph, "der Atem" und der Luft
assoziiert. Einige Lehren betrachten die Sephiroth der
Zentralsäule geschlechtlich neutral, gewissermassen als Bilanz
der männlichen und weiblichen Seiten. Andere weisen den
Sephiroth wechselnde sexuellen Attribute zu. Die Zentralsäule
enthält Purpur (Rot & Blau) und andere Mischfarben.

Die rechte Säule


Chokhmah bildet den Kopf der rechten Säule, wird mit dem
hebräischen Buchstaben Shin, mit dem Männlichen und mit
dem Feuer assoziiert. Diese Säule enthält die blaue Farbe und
andere bläuliche Farben.

Die linke Säule


Binah bildet den Kopf der linken Säule, wird mit dem
hebräischen Buchstaben Shin, mit dem Weiblichen und mit
Wasser assoziiert. Diese Säule enthält die rote Farbe und
andere rötliche Farben.

126
Bild aus Wikipedia-Commons

164
Die Purpurfarben im Adoniskult
Byblos an der Küste Syriens war (mit Paphos auf Zypern) eine
Hochburg der Aphroditen- bzw. Astarte-Verehrung. Byblos
rühmte sich als die älteste Stadt Phöniziens und wurde der
Legende nach vom großen Gott "El" gegründet, den Griechen
und Römer mit Chronos, bzw. Saturn identifizierten.
Im Altertum war es ein heiliger Ort an der Mittelmeerküste, in
dem die Riten des Adonis abgehalten wurden. Der Fluss Nahr
Ibrahim, der etwas südlich von Byblos ins Meer mündet, trug
im Altertum den Namen Adonis.

Der letzte König von Byblos hieß Cinyras und wurde von
Pompeius dem Große enthauptet. In Aphaca, das etwa eine
Tagesreise von Byblos entfernt liegt, befindet sich die Quelle
des Adonis-Flusses. Dort befanden sich ein heiliger Hain und
ein Heiligtum der Astarte, die Konstantin zerstörte. Der Tempel
liegt bei einem Dorf Afka, inmitten von Hainen mit
Walnussbäumen. Der Fluss entspringt in einer hochgelegenen
Höhle und setzt dann seinen Weg über riesigen Wasserfällen
fort. An dieser Stelle soll Adonis zum ersten und letzten Mal
Aphrodite begegnet sein, und hier wurde sein von einem Eber
verstümmelter Körper beerdigt.
Jährlich wurde danach Adonis in den Bergen zu Ostern tödlich
verwundet und färbte sich das Antlitz der Natur mit seinem
heiligen Blut. Während der Blütezeit der roten Anemonen und
roten Rosen strömte das rote Wasser des Adonis-Flusses in das
blaue Mittelmeer und färbte das Meer im Frühling bei
landeinwärts wehendem Wind wie mit einem schlängelnden
Purpurband127 (Seite 477).
127
The Golden Bough (1890-1900-1911/1915) - Von James George Frazer

165
Yin und Yang
Rot und Blau sind elementare Bestandteile in den Flaggen
verschiedener Länder: Großbritannien, die USA, Frankreich
und die Niederlande. Sind diese Farben die alten Symbole für
die androgynen Gegenpole?

Gefärbte Yin/Yang-Symbole werden dargestellt in Rot (Sonne /


Erde / weiblich) beziehungsweise Blau (Mond / Himmel /
männlich). Die Symbole deuten immer auf Antipoden und
bilden die Grundlage des Tao.

Abb. 36: Die Koreanische Flagge

Es gibt einen merkwürdigen Zusammenhang zwischen dem


klassischen Yin/Yang-Symbol und der ältesten Flagge der Welt
(die niederländische Tri-Colore), und zwar benutzen beide die
Symbolfarben Orange und Blau. Die erste niederländische
Flagge benutzte die Farbe Orange anstatt Rot.

166
Abb. 37: Die Prinzen-
Flagge (1572)

Vom Ursprung der US-Flagge


Man weiß eigentlich erstaunlich wenig über die Ursprünge der
US-Flagge, sagt Marc Leepson. Es soll eine Näherin aus
Philadelphia gegeben haben, die ein erstes Exemplar hergestellt
hat. Die meisten Amerikaner sind jedoch der Meinung, dass
ihre Flagge von der britischen Flagge abstammt. Andererseits
waren fast alle Gründerväter Freimaurer und die Sterne wie
auch die Farben gehören zur Freimaurer-Symbolik.

In 1777 legt ein Kongress als Nationalflagge einen Entwurf fest


in Rot, Weiß, Blau mit 13 Streifen und 13 Sternen. Weitere
Sterne sind im Laufe der Zeit mit neuen Staaten
hinzugekommen bis zum heutigen Stand mit 13 Streifen und
50 Sternen.

167
Es gibt durchaus Hinweise zur Annahme, dass die Farben Rot,
Weiß, Blau in den Flaggen einiger Ländern von den
Tempelrittern und Freimaurer abstammen. Zur Zeit der
Festlegung der Nationalfarben vieler Ländern (z.B. Holland,
Frankreich, England, die USA) gehörten eine Mehrheit der
Oberschicht zur den Tempelrittern bzw. Freimaurern. So
gehörten zum Beispiel folgende US-Präsidenten zu den
Freimaurern:

Washington, Monroe, Andrew Jackson, Polk,


Buchanan, Andrew Johnson, Garfield, Theodore
Roosevelt, Taft, Harding, Franklin D. Roosevelt,
Truman and Ford.

Als Freimaurer kannten sie sicherlich die Ursprünge ihrer


Farben-Codierung der Randfarben des Regenbogens - auch
wenn sie dabei keine Ahnung hatten von deren zugrunde
liegender Symbolik.
Traditionell haben die Tempelritter und Freimaurer in ihren
Studien immer die Kernfrage einer heiligen Geometrie zu
Grunde gelegt, die man in der Bibel (im Exodus, in Königen
und in Chroniken), sowie auch in den pythagoräischen,
vitruvischen, hermetischen, neu-platonischen, hebräischen und
islamischen Büchern identifizieren kann. Als Basisquelle
nennen die Freimaurer traditionell Huram, der im zweiten
Buch der Chroniken,3:12 folgendermaßen auftritt:

"So sende ich nun einen weisen Mann, der Verstand


hat, Huram, meinen Meister (der ein Sohn ist eines
Weibes aus den Töchtern Dans, und dessen Vater ein
Tyrer gewesen ist);

168
der weiß zu arbeiten an Gold, Silber, Erz, Eisen,
Steinen, Holz, rotem und blauem Purpur, köstlicher
weißer Leinwand und Scharlach und ein zu gravieren
allerlei und allerlei kunstreich zu machen, was man ihm
aufgibt, mit deinen Weisen und mit den Weisen meines
Herrn, des Königs Davids, deines Vaters".

Rot und Blau im Buch Exodus

Nach Angaben der Bibel hat Hiram Abiff den Gottesbefehl zum
Tempelbau in Rot und Blau durchgeführt. Die Ausführung
Salomos war jedoch nicht die erste Aufgabe, die in Rot und
Blau ausgeführt werden sollte. König Salomo erhielt seine
Anweisung von seinem Vater David, aber die erste Fassung der
göttlichen Anweisung stammt von Moses im Buche Exodus (38
- 23), wo ein anderer Spezialist Oholiab vom Stamme Dan mit
blauem und rotem Purpur arbeitet:

"und mit ihm Oholiab, der Sohn Ahisamachs, vom


Stamme Dan, ein Meister zu schneiden, zu wirken und
zu sticken mit blauem und rotem Purpur, Scharlach und
weißer Leinwand".

Und obwohl die Bibel die Symbolik für die Farben Purpur, Rot
und Blau nicht verrät, werden sie doch traditionell für die
männlichen und weiblichen Farbcodierung der Sephiroth-
Säulen angewandt. Wir können in den Sephiroth-Säulen auch
die beiden eisernen Säulen mit den Namen B=Bohaz (für die
männliche Kraft) und J=Jakin (für die weibliche Beständigkeit)
identifizieren. Diese beiden Säulen gehören zum Inventar des
Freimaurer-Tempels.

169
Androgyne Symbolik in der Runenschrift
Runen sind die ältesten Schriftzeichen der Germanen. Sie
waren vor allem vom 2. bis zum 12. Jahrhundert für geritzte
und gravierte Beschriftungen auf Gegenständen und auf
Steindenkmälern in Gebrauch. Ihre Verbreitung zeigt von
Anfang an einen deutlichen Schwerpunkt in Südskandinavien
einschließlich Jütlands.
Das Vorbild der Runen soll ein Nordetruskisches Alphabet sein
bzw. aus dem Kreis der zahlreichen verschiedenen Alphabete
Norditaliens und des Alpenraums (4. bis 1. Jahrhundert v. Chr.)
genommen sein.
Das stärkste Argument für die Italisch-Etruskische These sind
die Buchstabenformen, der Schreibduktus und das Verfahren
der Worttrennung durch Punkte. In keiner anderen Schrift
finden sich so viele Übereinstimmungen mit einzelnen
Runenzeichen128.
Die Proto-indoeuropäische Sprache enthielt bereits 3000 vor
Christus den Namen des bedeutendsten, androgynen
Himmelsgottes (Dyaeus, Zeus, Tyr und vermutlich auch den
deutschen Schöpfergott Tuisco) und zudem ein Wort für einen
normalen, allgemeinen Gott. Die nordischen Völker haben
diesen Begriffe spezielle Runen Tyr, beziehungsweise Ansuz
gewidmet.

In isländischer Sprache bedeutet Tyr auch jedes große, wildes


Tier (Der Stier), was vielleicht auf den Stierkult deutet, der in
prähistorischer Zeit im indoeuropäischen Raum verbreitet war.

128
Info aus dem Wikipedia-Eintrag: Runen

170
In englischer Sprache ist ein "Steer" dagegen der kastrierte
Ochse, d.h. die gezähmte Form des wilden Tiers. Der Stör ist
ein großer, länglich (wie ein Stab) gestreckter Fisch.

Von den Runen kommen für die religiöse (insbesondere


androgyne) Symbolik namentlich die Tyr-Rune und die drei
Ur-Vokale129 A, U, I in Frage.

↑ ist die Tyr-Rune - das Symbol für teiwaz, tīwaz (der


„Himmelsgott, Tyr“)

│ ist die I-Rune - das männliche Symbol für eisa-,


īsan („Eis“)

∩ ist die U-Rune - das weibliche Symbol für ūruz


(„Ur, Auerochse“)

Die A-Rune ist das Symbol für ansuz („Ase“) (ein


allgemeiner Gott).

Die graphische Verschmelzung der androgynen Urvokalrunen


U und I bilden zusammen die Tyr-Rune: ↑

Eine ähnliche Verschmelzung mag stattgefunden haben bei der


Zusammensetzung eines um 90 Grad gedrehten Buchstaben
"U" und eines "I" zu einem "D".

129
Das Runen-Wörterbuch: (1844) von Udo Waldemar Dieterich,

171
172
16 Die Namen Deutsch und Dutch
In Licht der androgynen Religion ist auch die Frage für das
deutsche und niederländische Volk und deren Sprachen
Deutsch, bzw. Dutch neu zu beurteilen. Im dtv-Atlas der
Deutschen Sprache wird die Geschichte des Wortes „Deutsch”
ausführlich beschrieben. Erstmalig taucht das Wort in einem
lateinischen Text des Jahres 786 auf. Das Wort „theodiscus”
bezeichnet zunächst die Volkssprache „Germanisch” im
Gegensatz zur Gelehrtensprache Latein. Das althochdeutsche
Wort „diutisk” setzt sich nur sehr langsam durch und wird erst
um 1090 im Annolied auf Sprache, Volk und Land angewendet.
Die Deutschen heißen darin Diutischin Liute.
Man kann sich fragen, wie diese Menschen sich wohl selbst
genannt haben. Nach der offiziellen Lehre haben sie sich
„Leute, die eine Volkssprache sprechen” genannt. Diese
Bezeichnung ist jedoch unwahrscheinlich gegenüber einer
anderen Auslegung, nach der sie sich auf Tuisco beziehen und
sich somit nach ihrer wichtigsten, androgynen Schöpfergottheit
genannt haben.
Genau genommen bedeutet „theodiscus“ buchstäblich: „Leute,
die Theo sagen” oder in einem religiösen Kontext „Leute, die
ihren Gott Theo nennen”. Theo ist jedoch Theos, das
griechische Wort für Gott. Diese androgyne Gottheit ist
verwandt mit Thuis. Das Volk hat sich vielleicht eher „Tuitisc”
genannt, und bezeichnenderweise heißt das deutsche Volk auch
heute noch in der niederländischen Sprache „Duitsch”.

173
Wir werden jedoch in der Analyse der Städtenamen noch viel
mehr Beweise anführen, die sich auf Thuih und Tuisco
beziehen. Aus dem Vergleich dieser Namen kann mit großer
Sicherheit auf die Korrelation zwischen dem Schöpfergott
Thuih und dem Namen Deutsch geschlossen werden. 130

130
Herman L. Hoeh bestätigt diese Idee in seiner Thesis: Compendium Of
World History, Volume 2. Autor: Herman L. Hoeh, 1963-1969.

174
17 Die Psychoanalyse
In seinem vielleicht wichtigsten Buch „Die Kunst des Liebens“
131
aus dem Jahr 1956 diskutiert der Psychoanalytiker Erich
Fromm die Liebe in all ihren Aspekten: Die Mutterliebe, die
Vaterliebe, die Nächstenliebe, Erotik, Eigenliebe und die Liebe
zu Gott. Der Psychoanalytiker beschreibt die gesunde
Mutterliebe als eine bedingungslose Bejahung des Lebens und
der Bedürfnisse des Kindes. Die Mutter vermittelt dem Kind
die Liebe zum Leben. Charakteristisch für die Mutterliebe ist
die Tatsache, dass ein Kind die Mutterliebe nicht erwerben
kann.
Andererseits verkörpert der Vater die Welt des Denkens, die
Welt der von Menschen geschaffenen Gesetzen, Ordnung und
Disziplin. Der Vater soll dem Kind den Weg ins Leben zeigen.
Im Gegensatz zur Mutterliebe muss sich das Kind die
Vaterliebe verdienen, indem es sich zum Gehorsamkeit
bekennt.
Beides, die Liebe zum Leben und eine gewisse Disziplin, sind
die Voraussetzungen für ein gesundes Leben. Schließlich hat
der reife Mensch dann den Punkt erreicht, an dem er seine
eigene Mutter und sein eigener Vater ist. Er besitzt dann
sozusagen ein mütterliches und ein väterliches Gewissen. Der
reife Mensch hat sich von der äußeren Mutter- und Vaterfigur
freigemacht und sie in seinem Inneren aufgebaut. Die
Entwicklung von der Mutter- zur Vaterbindung und ihre
anschließende Synthese bildet die Grundlage für seelisch-
geistige Gesundheit und Reife. Eine Fehlentwicklung in dieser
Synthese bildet ein Grund für Neurosen.
131
Die Kunst des Liebens, ISBN 978-3-548-36784-2, 1956, Erich Fromm
(1900-1980)

175
Fromm beschreibt auch die Analogie der sich
evolutionierenden Religionen zur Entwicklung des reifenden
Menschen. Parallel zur Mutterliebe entwickelt sich zunächst
ein Matriarchat mit einer Muttergöttin. In einer nachfolgenden
Phase folgt eine Entwicklungsstufe parallel zur Vaterliebe und
dem zugehörigen Patriarchat mit einem männlichen Gott.
Zuletzt wird die Reife des Menschen mit der Synthese des
Elternpaares abgeschlossen. Das im Innern eines reifen
Menschen synthetisierte Elternpaar wird in der
Religionsgeschichte im idealen Fall von einer androgynen
Gottheit repräsentiert. Matriarchale und patriarchale Religionen
entsprechen demnach Entwicklungsphasen einer
unausgereiften Gesellschaft, während die androgyne Religion
einer abgeschlossenen menschlichen Reife entspricht. Die
revolutionäre Verdrängung eine existierenden, androgynen
Religion durch einer patriarchalen Religion ist aus dieser Sicht
jedoch unverständlich.

Abb. 38: Androgynes Ehepaar


(Ölgemälde von J. Richter)

176
18 Übersicht der androgynen Symbole
Eine Vielzahl von Symbolen (in den Farben Rot, Blau, Purpur,
Maibäumen, Djed-Säulen, Zwirn-Technologie, etymologischen
Elementen und Traditionen) verraten den Umfang der
ursprünglichen androgynen Religion.

Abb. 39: Maibaum in Baden-Württemberg


(2008)

177
Die Liste umfasst u.a.:

• Ägyptische Könige und Pharaonen trugen Kronen, die


hauptsächlich aus den Farben Rot, Weiß und Blau in
Kombination mit Gold (Gelb) bestanden haben.
• Der Maibaum ist ein altes androgynes Symbol, in dem
die Säule den männlichen Phallus beziehungsweise die
Ringe die weibliche Yoni darstellen. Das deutsche Verb
„maien“ bedeutet „sich lieben“. Die ägyptische Djed-
Säule ist eine antiker Vorläufer des Maibaums132.

Abb. 40: Djed-Säule

132
Geheimlehre by Will-Erich Peuckert, Seite 501, Nikol (1988), ISBN 3-
933203-66-X.

178
• Das Verbunds-Zelt sollte nach Angaben des Herrn in
den Kombinationen Rot, Blau und Purpur aufgebaut
werden, die wohl als intensive Webverschmelzung von
Rot und Blau verstanden werden sollen.
• Salomons Tempel enthielt einen Schleier von Blau,
Purpur, Karmesinrot und feinem Leinen.
• In der hebräischen Sephiroth finden wir als Basisregel:
- eine linke Säule mit den Attributen weiblich, rot
- eine rechte Säule mit den Attributen männlich, blau
- und eine mittlere Säule mit den Attributen androgyn,
purpur.
• Der David-Stern besteht aus zwei ineinander
verschachtelten Dreiecksymbole (ein männliches133 und
ein weibliches134 Element).

Abb. 41: Androgyner Davidstern

133
Blaues Dreieck, mit der Spitze nach oben gerichtet
134
Rotes Dreieck, mit der Spitze nach unten gerichtet

179
• Nach Angaben des Britischen Museums in London
waren die Friesskulpturen des Parthenon in Athene und
vielen alt-ägyptischen Tempeln ursprünglich in hellen
Farben Rot, Weiß und Blau koloriert.
• In der Etymologie bildet der Dualis ggf. den Rest einer
androgynen Symbolik.
• Die britischen Krieger haben ihre Gesichter vor einem
Kampf mit Indigo-Blau gefärbt135.
• In einem keltischen Fürstengrab Hochdorf bei Stuttgart
wurde der „Fürst“ in einem extrem feinen Zwirn-
Leinen-Mantel bestattet. Der Mantel sieht zwar
purpurfarben aus, wurde jedoch mit einer Dichte von 80
Fäden / cm gewebt mit Fäden der Einzelfarben Rot und
Blau. Diese Farben Rot, Blau und Purpur sind religiöse
Symbole.
• Die Verschleierung scheint die Farbe Rot für die
weibliche Person (die Braut) zu bevorzugen und gehört
vielleicht zur Symbolik der alten Schöpfungslegenden.
• Die Missionarsposition wurde im Altertum als exklusiv
menschliche Option betrachtet und vielleicht deshalb
als Basis für die Schöpfungslegende mit der
„Angesicht-zu-Angesicht“-Haltung betrachtet.
• Das Notfeuer gilt wie der Maibaum als androgynes
Symbol und wurde in den jährlichen Fruchtbarkeitsriten
gefeiert136.

135
Caesar: De Bello Gallico
136
Seiten 502-510 in Deutsche Mythologie unter XX. Notfeuer und auf
Seite 175 im Appendix zur Deutschen Mythologie unter XX. Elements

180
• Die niederländische Flagge erschien 1572 als Prinzen-
Flagge in den Farben Orange-Weiß-Blau
• Yin/Yang-Symbole werden dargestellt in Rot (Sonne /
Erde / weiblich) beziehungsweise Blau (Mond /
Himmel / männlich). Der niederländische Gruß “Dui”
ist wohl ein Rest einer alten androgynen Religion, die
in der Frankenzeit am Unterrhein um den Tuiscoburgen
Duisburg, NL-Doesburg, Deutz und Duisdorf-Bonn
existiert hat.
• Die Hanse verwendete überwiegend Rot, Weiß und
Blau in ihren Emblemen.

Abb. 43: Wappen der Hansa-


Abb. 42: Wappen der
Handelsgesellschaft
Hansa-Stadt Brügge

181
182
19 Moderne androgyne Symbole

Abb. 44: Androgynes Gesicht (Marc


Chagall)

Das Wiener Albertina Museum verfügt über einer


lithographisches Bild137 mit dem Titel David & Bethsabée und
kreiert von Marc Chagall in 1956.

137
Marc Chagall (1887-1985)

183
Marc Chagall (1887-1985) verwendete genau die gleichen
Symbole um die weiblichen bzw. männlichen Komponenten
des Paares anzudeuten. Es bleibt jedoch unklar, ob Rot
weiblich und Blau männlich sein soll.

Nach der gängigen Tradition hat Chagall wohl Rot als


weiblich und Blau als männlich angewandt...

Ja, da muss aber nicht immer gegolten haben. Es gibt genau


genommen zwei Theorien, in dem immer der Mond mit Blau
und die Sonne mit Rot symbolisiert wird.

Sonne (Rot) Mond (Blau)


nördlich der Alpen weiblich männlich
(die Sonne) (der Mond)
südlich der Alpen männlich weiblich
(Le Soleil) (La Lune)
Tabelle 6: Symbole für die Farben Rot und Blau

Ja, das leuchtet ein. Was ist denn jetzt für dich das
Symbol des ersten Menschen?

Schwer zu sagen. Es könnte eine Gestalt sein, der bereits von


Plato im Symposion beschrieben worden ist. Ich habe es jedoch
schon mal gemalt. Mal sehen...

184
Neue androgyne Symbole
Der Author dieses Buches hat 2003 anlässlich einer
Ausstellung zu diesem Thema folgendes Gemälde einer
androgynen Gestalt erstellt:

Abb. 45: Androgynes Gesicht (2003)

185
186
20 Zur Entstehung dieses Buches

Bei der Studie der androgynen Religionen entdeckt man eine


Fülle an weltweit vorhandener Symbolik, die auf die Existenz
androgyner Gottheiten deutet. Androgyne Skulpturen wurden
22.000 Jahre zurückdatiert, und die älteste Inschrift des
Namens JHVH stammt aus dem Jahr 850 vor Christus.
Die androgyne Religion lehrt uns die genaue Interpretation der
Götternamen (IHVH, Deus, Zeus, Dieu, dIU-piter, …) und
zeigt uns die Deutung der religiösen Codierung der Farben
Blau, Rot und Purpur aus den Büchern Exodus und den
Chroniken. Wir verstehen die Symbolik des Zwirns und der
Farbkombination der fürstlichen Bekleidung im Keltengrab zu
Hochdorf.
Die androgyne Religion hat sich weltweit verbreitet, und die
Pronomina „Du“, „Ich“ und „Wir“ bilden religiöse Symbole
und Bestandteile der heiligen Namen, die sich auch jenseits der
indoeuropäischen Grenzen orten lassen. Die androgyne
Religion ist vielleicht sogar eine globale Idee.
Zunächst hatte ich nur den Schöpfergott meiner Vorfahren
suchen wollen, aber gefunden habe ich letztendlich einen
globalen androgynen Himmelsgott.
Ein Großteil der Ergebnisse dieser Studie (z.B. die Farb- und
Zwirncodierung und die Symbolik der Pronomina und
Götternamen) wurden bereits in einer ersten Studie ("Der
Brenner & TUISC Codex") veröffentlicht

187
Ein bedeutender Durchbruch wurde jedoch erreicht durch eine
ausgezeichnete Übersichtsstudie der Multifrons- und
Hermaphroditen-Skulpturen in den Webseiten Paleolithic Art
Magazine und The Museum of Origin of Man von Licia
Filingeri und Pietro Gaietto.

188
21 Zusammenfassung

Es gibt eigentlich keinen Zweifel dass die Farben Rot und Blau
im Mittelalter zur Codierung bestimmter religiösen Symbolik
verwendet worden ist. Die Zahl der Beispielen ist
überwältigend. Unklarheit besteht noch über die genaue
Geschlechterzuordnung der Farben Rot und Blau. Purpur
dagegen wurde seit jeher als göttliche Mischfarbe von Rot und
Blau betrachtet.
Die Kleidercodierung folgt sicherlich die 25 göttlichen
Anweisungen im Buche Exodus für die Kleiderordnung der
Priester und die Gewänder des Offenbarungszeltes.
Einer der berühmtesten Rabbis des Mittelalters, Solomon ben
Isaac (“Rashi”, 1040-1105), hat bereits frühzeitig die
symmetrische, korrekte Darstellung der androgynen
Schöpfungslegende veröffentlicht, in dem zunächst ein
androgyne Menschengestalt erschaffen wurde, der
anschließend in Mann und Frau aufgeteilt wurde...
Es sind diese androgyne Menschengestalt der als Purpur und
Mann und Frau, die als rote beziehungsweise blaue Farben
symbolisiert wurden. Diese Symbole bilden somit die
wichtigsten Farbelemente der mittelalterlichen Prachtbibeln.
Die Androgyne Religion mit dem einheitlichen Himmelsgott
muss als Vorläufer der meisten modernen Religionen betrachtet
werden.
Aus den bisher gefundenen Skulpturen lesen wir ein
beachtliches Alter von mindestens 20.000 Jahre für die ältesten
androgynen Skulpturen ab. Zum Charakter dieser Religion

189
können wir genauere Details aus den geschriebenen
Schöpfungslegenden ableiten: aus der Bibel, aus dem Buch
Sohar und aus Platos Schöpfungslegende im Symposium.
Diese Legenden beziehen sich auf einen allgemeinen
Zwittergott, dessen Name bereits die männlich-weibliche
Gestalt signalisiert. Eine stattliche Zahl dieser androgynen
Namen wird in den indoeuropäischen Sprachen identifiziert, ist
jedoch nicht darauf begrenzt. Die Liste enthält auch den
hebräischen Namen IHVH.
Der Zwittercharakter wird in den Buchstaben U und I codiert,
die jeweils die religiöse weiblichen Komponente (U)
beziehungsweise männliche Komponente (I) markieren. Die
Basiselemente U und I werden immer noch identifiziert in
unseren Proto-Pronomina („Du“, „Ich“ und „Wir“).
Etymologen betrachten diese Pronomina als die wichtigsten
Bestandteile unserer Sprache.
Der Zwittercharakter wird auch in den Basisfarben Rot, Blau
und Purpur festgelegt, die wir in den biblischen Büchern
Exodus und den Chroniken als Gottes Vorschriften für die
Priesterbekleidung und den Tempelbau wiederfinden.

Die Codierung mit den fundamentalen Farben Purpur, Rot und


Blau ist ebenfalls erkennbar in den Grabfunden im Keltengrab
bei Hochdorf. An dieser Stelle wurde für die Bekleidung eine
Hochtechnologie für die Herstellung der Tücher gewählt, bei
dem durch ein extrem dichtes Webverfahren ein rot-blauer
Zwirn mit einer Webdichte von 80 Fäden pro cm erreicht
wurde.

190
Die Codierung mit den Basisfarben Purpur, Rot und Blau wird
immer noch angewandt für die Herrscherfarben,
beziehungsweise für die Weiblichkeit (Rosa-Rot) und für die
Männlichkeit (Blau).
Obwohl die androgyne Religion offensichtlich Tausende von
Jahren ein weltweites Phänomen gewesen ist, scheint sie vor
etwa 30 Jahrhunderten mit der Einführung der Schreibkunst
ausgestorben zu sein.
Die Entfernung der weiblichen Komponente aus der
androgynen Religion zerstörte das elementare Gleichgewicht
zwischen Mann und Frau und verursachte einen massiven
Identitätsverlust der weiblichen Bevölkerungshälfte. Nur durch
Verständnis der geschichtlichen Entwicklung, Akzeptanz und
Wiederherstellung der androgynen Wurzeln der Religion kann
man diese Störung beseitigen.
Die Studie über die Ursprünge der Religion haben meinen
Blick auf die Religion geändert. Ich war beeindruckt von dem
gigantischen Einfluss einer 25.000 Jahre währenden
Stabilisierung der Menschheit. Die Einsicht transformierte
meine Idee eines väterlichen Gottes in die Gestalt eines
Elternpaares als göttliches Bild, das einen androgynen
Menschen als sein Abbild gestaltete.
Die Einsicht änderte auch mein Verständnis für die Ehe als
göttliches Symbol. Nun wurde mir klar, warum man im
Altertum die Scheidung als eine Zerstörung eines Gottesbildes
abgelehnt hat. Die alten Völker betrachteten jeden
individuellen Menschen als einen „halben“ Menschen, der sich
erst mit einem Ehepartner zu einem Gottesabbild komplettieren
konnte.

191
Die alten Kulturen codierten diese Ideen in die Personal-
Pronomina und in das Farben- und Zwirn-System, das wir in
den Büchern Exodus und Chroniken finden können. Die hier
verankerte Philosophie garantiert eine außergewöhnlich schöne
Harmonie zwischen den männlichen und weiblichen Hälften
der Menschheit, und das Gleichgewicht ist vollkommen...

Als Wissenschaftler habe ich mich zu keiner Zeit vom Glauben


führen lassen müssen. Für die Argumentationskette wurden
nur wissenschaftlich prüfbare Quellen herangezogen, und ein
Glaube ist für die Beweisführung auch nicht erforderlich. Der
Ursprung der Religionen im indoeuropäischen Himmelsgott
Dyaeus ist m.E. wissenschaftlich nachprüfbar.

192
22 Anhang

Appendix I – Zeittafel

20.000 v.C.: Skulptur aus Gagarino, Ukraine


Doppelgesichtige Zwitter-Skulptur aus Mammut-Elfenbein,
(Gravettian, etwa 21,800 Jahre alt) aus Gagarino, Ukraine

4000 v.C.: Spiegeling der Körperlage


Sowohl die Kurgan Periode (Viertes Jahrtausend v.C.) als auch
die Schnurkeramische Kultur (2880 v.C.-2000 v.C.) bestatteten
ihre Frauen auf der linken Körperseite und ihre Männer auf der
rechten Körperseite, als ob die Körperlage gespiegelt werden
sollte.

3000 v.C.: Himmelsgott in der PIE-Sprache


Zum PIE-Grundbestand gehört der Himmelsvater (Dyaeus,
Zeus, Tyr, Ti-Vater, usw.)

2000 v.C.: Das Buch Exodus


Die Zwitter-Symbol-Farben Purpur, Rot und Blau und die
Zwirntechnologie werden in Exodus dokumentiert.

900 v.C.: Ba' al of Tyrus


Ahab, der König von Israel führt die vierköpfige Tyrische
Götterskulptur Ba' al ein.

193
850 v.C.: IHVH
Die Buchstaben I und V im Namen IHVH bzw. YHVH
symbolisieren die männlichen, bzw. weiblichen Antipoden in
der 34-zeiligen Mesha-Stele.

530 v.C.: Das keltische Fürstengrab in Hochdorf


Die androgyne Symbolfarben Purpur, Rot und Blau und die
Zwirntechnologie werden in der Grabkammer des Fürstengrabs
dokumentiert.

500 v.C.: Die Farben des Parthenons


Das Parthenon auf dem Athener Akropolis soll nach Analyse
der Archäologen ursprünglich rot, weiß und blau gewesen sein.

400 v.C.: Das zweite Buch der Chronik


Die androgyne Symbolfarben Purpur, Rot und Blau und die
Zwirntechnologie werden in Chroniken dokumentiert.

385 v.C.: Symposium


Plato liefert eine genaue Dokumentation der androgynen
Religion in Symposium.

300 v.C.: Keltische Kunst


Das weibliche Yin und männliche Yang werden bereits in der
keltischen Kunst dokumentiert.

194
124 v.C.: Hermes von Roquepertuse
Der römische Consul Gaius Sextius Calvinus zerstört 124 v.C.
die Tempelanlage für die Skulptur von Roquepertuse. Ein
Größenunterschied von 7-10% deutet auf androgyne Symbolik.

30 AD: Pharisäer betrachten Adam als androgyn


Bei der Studie der Genesis gehen die Pharisäer 138 von einer
mannweiblichen, d..h androgynen Adamgestalt aus, indem sie
das Bibelzitat Gen. i. 27 als „männlich und weiblich“ anstelle
„Mann und Frau“ lesen und dass die Geschlechter erst später
durch operativer Auftrennung der Adamgestalt gebildet
wurden.

98: Tuisco
Tacitus beschreibt Tuisco in Germania139. Tuiscos Name weist
androgyne Symbolik auf140. Als Zentren für die Verehrung
kommen als Tuiscoburgen Doesburg (NL), Duisburg, Deutz,
Duisdorf-Bonn und ggf. auch Zürich (Schweiz) in Frage.

150: Androgyner Adam


Jeremiah ben Eleazar141, ein Gelehrter aus dem 2en Jahrhundert,
dokumentiert, dass Adam zweigesichtig, und zwar mit einem
männlichen und mit einem weiblichen Gesicht erschaffen und
erst später von Gott aufgetrennt wurde.

138
Aus der Jüdischen Enzyklopädie: Adam Kadmon ( Er. 18a, Gen. R. viii.)
139
De origine et situ Germanorum liber
140
Die deutsche Mythologie – von Jacob Grimm (1888)
141
Info from the website: Jewish Encyclopedia

195
350: Talmud
In dem Talmud wird die Skulptur von Manasse als
viergesichtig dokumentiert.

900: Die Zbruch-Skulptur


Die Zbruch-Skulptur im National-Museum in Kraków, Polen
weist androgyne Merkmale auf.

ca. 1100: Rashi's Genesis (1040-1105)


“ … Gott erschuf den Menschen, der sowohl männlich als
weiblich war, der dann danach in zwei Personen aufgeteilt
wurde“ (Kapitel 27).

ca. 1150: Rashbam's Genesis (1085-1174)


“ … Gott die Menschheit; Gott fügte die Frau in den Menschen
ein und trennte sie später auf“. (Kapitel 27).

1168: Svantevit
Die Tempelanlage des vierköpfigen Svantevit wird 1168
zerstört.

1240: Die Farbcodierung der Bibeln


Die Mehrheit der mittelalterlichen Bibeln verwenden
Farbcodierungen, die überwiegend aus Rot, Blau und Purpur
gestaltet werden, und zwar insbesondere für die Initialen,
Kopfzeilen und Hintergrundverzierungen.

196
1294: Die Farbe „Paars“
Erster Vermerk der Farbe Paars in einem niederländischen
Dokument: perse 'Purpur (Laken)' [1294; VMNW], perse saye
'Purpur wollene Stoffe' [1296; VMNW],

1300: Der Sohar


Moses de Leon dokumentiert (inkorrekt) im kabbalistischen
Buch Sohar die androgyne Symbolik des heiligen Namens
IHVH.

1572: Die Prinzenflagge


Die niederländische Trikolore Orange-Weiß-Blau wird 1572
erstmalig dokumentiert. Die französische Trikolore verwendet
Symbolfarben von Paris (eine alte Kelten-Siedlung).

1814: 15-Sternenflagge (USA)


Es gibt durchaus Hinweise zur Annahme, dass die Farben Rot,
Weiß, Blau in den Flaggen einiger Ländern von den
Tempelrittern und Freimaurer abstammen. Zur Zeit der
Festlegung der Nationalfarben vieler Ländern (z.B. Holland,
Frankreich, England, die USA) gehörten eine Mehrheit der
Oberschicht zur den Tempelrittern bzw. Freimaurern.

1898: Flagge der Philippinen


Die Flagge der Philippinen wurde erstmalig am 12. Juni 1898
gehisst. Die Elemente basieren hauptsächlich auf die
Freimaurer-Symbolik.

197
Appendix II – Links zu Google-Bücher
Für Details siehe auch: Google Gruppe und Meine Bibliothek

Zohar , Bereshith to Lekh Lekha (1300) veröffentlich bei


Forgotten Books, ISBN 1605067466, 9781605067469
Online Dokument – ungenaue Dokumentation der androgynen
Kabbala, indem die weibliche Hauptsymbolik irrtümlicher-
weise im Buchstaben „He“ des Tetragrammatons definiert
wird142. Dabei wird der Buchstabe V im heiligen Namen IHVH
als Sohn oder Kind der Eltern I und H (Vater und Mutter)
interpretiert.

Der Sohar : Das heilige Buch der Kabbala (1300)


ausgewählt und übersetzt von Ernst Müller, 319 Seiten.
Verlag: Diederichs, 1998, ISBN 3424014575, 9783424014570,
Diese deutsche Version ist genauer, aber unvollständig.

Phallic Worship (1870) von Hodder M. Westropp (1870)


(online) veröffentlich bei Forgotten Books,
ISBN 1606200437, 9781606200438, Umfang: 14 Seiten
Sehr kurzes Manuskript (14 Seiten) mit einer Übersicht der
Phallus und Yoni-Verehrung.

Patterns in Comparative Religion (1958)


by Mircea Eliade, Rosemary Sheed, John C. Holt
Reprint: Universität von Nebraska Press, 1996,
ISBN 0803267339, 9780803267336, 484 pages
Übersicht der bi-sexuellen / androgynen Gottheiten

142
Sohar - Chapter 7 (in englischer Sprache)

198
Die Geheimlehre / The Secret Doctrine , Vol. 1 und Vol. 2 .
von Helena Petrovna Blavatsky
u.a. veröffentlicht bei Forgotten Books, ISBN 1605065455,
9781605065458 and 160620131X, 9781606201312
Übersicht der alten Kabbala (einschließlich Phallus-Kulte und
androgyne Religionen)

Phallicism: Celestial and Terrestrial ; (1884)


Subtitle: Heathen and Christian and Its Connection with the
Rosicrucians and the Gnostics and Its Foundation in Buddhism
by Hargrave Jennings, Kessinger Publishing, 1884 & 1996,
ISBN 1564596486, 9781564596482, 324 Seiten.
Exakte und korrekte Dokumentation der Buchstaben im
Tetragrammaton J-E-V-E bzw. JHVH: es bleiben nur die
Buchstaben I und V (oder U)

Die Kunst des Liebens (1967)


von Erich Fromm. Verlag: Ullstein, 1967
Psycho-analytische Rollenbeschreibung für die Vater- und die
Mutterrolle.

Deutsche Mythologie (1854) von Jacob Grimm (1854)


Edition: 3, veröffentlicht bei Dieterichsche Buchhandlung,

Archaeology and Language , Subtitle: The Puzzle of Indo-


European Origins by Colin Renfrew
Edition: reprint, illustriert von CUP Archive, 1990,
ISBN 0521386756, 9780521386753, 368 Seiten.
Dokumentiert die Prioritäten für die persönliche Pronomina
(Ich, Du, Wir) in einem PIE-Basisvokabular auf Seite 114 in
der Web-Version dieses Manuskripts.

199
Der Brenner& TUISC Codex (2006)
Untertitel: über die Bernsteinrouten und die teutsche Religion
von Joannes Richter, veröffentlicht bei R.G.Fischer, 2006,
ISBN 3830109652, 9783830109655, 128 Seiten
Dokumentation der androgynen Religion in einer Synthese der
steinzeitlichen Skulpturen, Legenden, Religion und
Etymologie.

Drachenläufer von Khaled Hosseini (2008)


übersetzt von Angelika Naujokat, Michael Windgassen.
Verlag: Berlin Verlag, ISBN 3827008042, 9783827008046
… mit der Dokumentation eines afghanischen Ehezeremoniells
einschließlich Verschleierungstradition.

In Search of the Indo-Europeans :


Language, Archaeology and Myth (1973) by J. P. Mallory
illustrierter Reprint: Thames und Hudson, 1991,
ISBN 0500276161, 9780500276167, 288 Seiten

Das Runen-Wörterbuch: (1844) von Udo Waldemar Dieterich,


Abstammung und Begriffsbildung der ältesten Sprachdenk-
mäler Skandinaviens- 387 Seiten, Veröffentlicht von Marix,
2004, ISBN 3937715134, 9783937715131

200
143
Appendix III - Androgyne Götter
Androgyne
Sprache Proto-Pronomina
Proto-Gottheit
Skandinavisch Tivar (Ti-Father)
Tui (aus
Britisch Deutschland U (you) and I
übernommen)
Tui (Vater des
Alt-deutsch Thu und Ih
Tuisco / Tuisto)
Tui (Vater des
Niederländisch U und Ic
Tuisco / Tuisto)
Französisch Dieu Du und Je
Italiänisch Dios Tu und io
Spanisch Dios Tu und yo
Griechisch Zeus (Dyaeus)
Hittitisch Sius (Sius-summa)
Tinia (also: Tin,
Etruskisch
Tins or Tina)
Römisch IU-piter
YHVH (von:
Hebräisch
IhUh -> IU)
Arabisch dUI UI ("I")
Iranisch Zurvan
Tabelle 7: Übersicht der androgynen Göttern

143
(im Gegensatz zu Blavatzky) basierend auf Tuisco

201
Appendix IV – Links zu Web-Seiten

Google Gruppen und Blogs


• Androgynous Creation and Androgynous Religion

Steinzeit und Archeologie


• Paleolithic Art Magazine
• The Museum of Origin of Man
• The Burial Tomb at Hochdorf
• Thesis: Female Figurines of the Upper Paleolithic
von Karen Diane Jennett (Mai 2008)

Geschichte, Religion, Etymologie, Linguistics


• Religion: Proto-Indo-European (PIE) Religion und
Mythologie
• Online translation of Herodot's Histories (in deutscher
Sprache)

Verschleierung
• Wikipedia: Veil
• Wedding facts

202
Literatur zu androgynen Gottheiten
• Zusammenfassung (Englisch) in Ignis-e-coelo
von Rens van der Sluijs, Januar 2001
• Das Symposium von Plato
• Zweiundzwanzig Bücher zur Theokratie,
von St. Augustinus

Farbsymbolik
• Lexikon: Farben (in Deutscher Sprache)

Wikipedia
• Folgende deutsche Seiten der dokumentieren einige
gute Details zum Thema androgyne Religion:
http://de.wikipedia.org/wiki/Dualseele

203