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J. W.

Roterodamus

Lob der Macken


- Fragilitatis Laus -
Desiderius Erasmus

- zum Gedenken -

2
J. W. Roterodamus

Lob der Macke


- Fragilitatis Laus -
Von der Kunst dem Gebrechen
eine positive Seite abzugewinnen

Lulu Verlag

-2009-

3
© 2009 by Joannes Richter
Veröffentlicht bei Lulu
www.lulu.com
Alle Rechte vorbehalten
ISBN: xxx-x-xxxx-xxxx-x

4
Inhalt
1 Von der Fragilitas als Gottesgabe...........................................9
2 Von der Gebrechlichkeit des Körpers..................................13
Der Krieg ist aller Dinge Vater......................................13
Vom dritten Schöpfungsversuch....................................15
Rede der Macke über die Hybris...................................16
Von der Weisheit des Erblindeten..................................18
Die Seligsprechung der Gebrechlichen.........................21
Die Moral hinter dem linken Auge................................22
Von der Verführung.......................................................24
Die Gebrechen der Kinder und Greisen........................27
3 Von der Inkontinenz.............................................................29
Die Inkontinenz als Satori.............................................29
Der Geruch als Himmelsbote........................................30
Geruchsdeutsch als Volkssprache..................................32
Von der Deutung des Schnüffelns.................................33
Menschliches, allzu Menschliches................................34
Die Affekt-Inkontinenz................................................35
Die abschließende Entschlackung.................................36
Die letzte große Tat auf Erden.......................................38
4 Von der Gebrechlichkeit des Wissens .................................39
Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß!...................................39
Die innewohnende Schizofrenie....................................40
Die entfesselte Liebe.....................................................41
Die Geburt als Katastrophe...........................................42
Die Männerfreundschaft als Alternative.......................43
Unter Stress entscheiden wir aus dem Es......................44
Vom Mit-Gefühl und Mit-Leiden..................................46
Von der Liebe zum Tier ................................................47
5 Vom halben Menschen ........................................................51
Von der Ehe...................................................................53
Der Zornesausbruch des Zeus.......................................54

5
Von der Apologie der Macke.........................................55
Von der Hybris der Macht.............................................56
Ein dummer Entwurf (?)...............................................57
Von dem Spiegel im Menschenpaar..............................57
Der Sinn oder Irrsinn des Lebens..................................59
Die Einehe als Macke....................................................60
Von der Mutter- und der Vaterliebe...............................61
Vom Sein zum Haben....................................................62
6 Von der Geburt der Sprache.................................................65
Zeugnis von Zeus..........................................................65
Aus Testa geboren.........................................................67
Von der gebrechlichen Sprache.....................................69
Zum Monotheismus in 7 Stufen....................................70
Zum Alter der Grossen Mutter .....................................72
7 Von der Mythologie.............................................................76
Alfadurs Palast..............................................................76
Das Kraftwerk Windeskalen..........................................78
Vom nuklearen Überdruss.............................................79
Vom Zwerglein Mimir...................................................80
Von den Fotograben.......................................................81
Alfadur Odin..................................................................82
Die Wunderwaffe Gungir..............................................83
Vom 12-nächtigen Midwinterfest..................................84
Vom Lob der Mista und Nista.......................................85
Vom Platzen der Börsenblase... ....................................86
Vom Zaubertrunk Kvasir...............................................87
Nomen sit Kohlem........................................................89

6
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Lob der Gebrechen - Kriegsmaterial...........................14
Abb. 2: Prozession der Monster...............................................23
Abb. 3: Von der Verführung.....................................................24
Abb. 4: Der Tempel des Ichs im Unterbewustsein...................45
Abb. 5: Androgynes Geschöpf (Adam)...................................52
Abb. 6: Alfadurs PALA$T Walhalla........................................77
Abb. 7: Das Kraftwerk Windeskalen.......................................78
Abb. 8: Von der Erpressung der Nukleonen............................79
Abb. 9: Das Zwerglein Mimir in seiner Höhle........................80
Abb. 10: Der Alfadur mit dem Fotograben..............................81
Abb. 11: Alfadur Odin.............................................................82
Abb. 12: Die Wunderwaffe Gungir..........................................83
Abb. 13: Aus dem letztjährigen Midwinterfest........................84
Abb. 14: Vom Lob der Mista und Nista...................................85
Abb. 15: In der Seifenblase der Börse.....................................86
Abb. 16: Vom der über-realen Welt .........................................88

7
8
1 Von der Fragilitas als Gottesgabe

D ie menschliche Gebrechlichkeit (Lat. Fragilitas)


besteht bekanntlich aus den seelischen Meisen und
den körperlichen Macken.

I
sind.
n der nachfolgenden Essaysammlung weisen die Autoren
Meise und Macke nach, dass die Gebrechen keineswegs
als Mängel, sondern eher als Gottesgabe1 zu verstehen

E s gibt eben nur eine akzeptable Sicht auf die


Menschenrasse und zwar die Parodie. Und in diesem
parodistischen Manuskript transformieren sie das
Mosern über Meisen und das Hacken auf Macken in die
ehrliche Furcht vor der Krönung der Schöpfung.

1
Latein: Theodora

9
Erstes Buch
Μῆνιν ἄειδε θεὰ Πηληιάδεω Ἀχιλῆος
οὐλομένην, ἥ μυρί’ Ἀχαιοῖς ἄλγε’ ἔθηκε,
πολλὰς δ’ ἰφθίμους ψυχὰς Ἄιδι προίαψεν
ἡρώων, αὐτοὺς δὲ ἑλώρια τεῦχε κύνεσσιν
οἰωνοῖσί τε πᾶσι, Διὸς δ’ ἐτελείετο βουλή,
ἐξ οὗ δὴ τὰ πρῶτα διαστήτην ἐρίσαντε
Ἂτρείδης τε ἄναξ ἀνδρῶν καὶ δῖος Ἀχιλλεὺς2.

Deutsche Übersetzung von 1793 von Johann Heinrich Voß:

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,


Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus Wille vollendet:
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus.

2
Mit dieser Anrufung einer Göttin beginnt die Ilias, die älteste Dichtung
der abendländischen Literatur. So oder so ähnlich sollte ja auch das erste
Buch unseres wichtigen Werkes wohl beginnen...

10
Vom Gebrechen
des ersten Menschen
Adam

Singe den Zorn, o Göttin,


des ersten Menschen Adam,
Ihn, der verführt seinem Volke
unnennbaren Jammer erregte,

… und so ward auch Gottes Wille vollendet:


Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
der Adam, der Herrscher des Volkes,
und Eva, die edle Mutter und Frau...

11
12
2 Von der Gebrechlichkeit des Körpers

Der Krieg ist aller Dinge Vater

V on der Schöpfung berichten die Götter selbst, dass nur


Einer von Ihnen die Welt und dann den ersten
Menschen Adam erschaffen haben kann, aber auf die
Urheberschaft konnten sie sich lange Zeit nicht einigen.So sind
der großen Religionen drei, bekriegen sich deren Schöpfer
immer noch, und ist es daher kein Wunder dass der Mensch als
der Götter Ebenbild wie eine Kriegergestalt in die Welt
ausgesetzt worden ist...

A ls die Macke geboren wurde sah sie aus wie der erste
Mensch. Splitterfasernackt noch hörte sie das Echo
Seines Auftrags: "Gehet hin und richtet die
Ungläubigen!", da stellte sie schon fest, dass sie, zumal als
Frau, für diese Aufgabe denkbar schlecht gerüstet war.

"Freilich werde ich in dieser Tropenuniform in den


Kampf ziehen, aber lange werde ich das in der
russischen Taiga nicht durchhalten".

S ie sann dann über ihrer gebrechlichen Ausstattung und


wunderte sich warum sie als Soldatin nicht wie die
Schildkröte von Geburt an mit einem Panzer
ausgestattet wurde. Das wäre ihrem Schöpfer doch ein Leichtes
gewesen....

13
D a beklagte sie sich bei ihrer Nichte Ingeborg Meise, die
ihr alsbald sagte:

"Du, ich stricke Dir ein Kettenhemd, dass Dich im


Winter wärmt und im Sommer vor den Mücken- und
Schwertstichen schützen wird".

S o, oder so ähnlich haben die Kriege mit einer Macke


angefangen, welche von der Meisen Menschenhand
ausgebessert werden musste, denn:

Der Krieg ist aller Dinge Vater 3

Abb. 1: Lob der Gebrechen - Kriegsmaterial

3
Heraklit in Fragmente, B 53

14
Vom dritten Schöpfungsversuch

I n seinem Buch Genesis berichtet Jahweh, dass Ihm die


Erschaffung des Menschen nach Seinem Abbild erst in
mehreren Folgen mit Mühe und Not gelungen sei.

V ersuche mit dem Einhauchen Seines Atems in die


getöpferten Tonfigürchen und dem Aufteilen einer
fremdartigen, ersten und androgynen Doppelkreatur
resultierten in ein aufsässiges und widerspenstiges Wesen, das
zu bändigen sich erst gar nicht lohnte. So entschied sich
Jahweh seine Geschöpfe allesamt, bis auf wenigen gelungenen
Exemplare, wie die überflüssigen Kätzlein in einer Sintflut zu
ersaufen.

W ahrlich zur Genüge bestätigt diese Legende wie


gebrechlich der Mensch von seinem Schöpfer nach
Dessen Abbild mangelhaft erschaffen und
ausgestattet wurde. So sagte sich die Macke nach dem dritten
Versuch, als nach dem Ersaufen die Menschheit bereits wieder
ordentlich gediehen war:

"Wie auch immer die Menschen üblicherweise von mir


reden (denn ich weiß sehr wohl wie die Gebrechen von
den Leuten beurteilt werden) so sind wir doch sagen wir
mal wohl die Einzigen, die den Göttern und Menschen
ihre Einsicht verleihen.

15
Am besten kann man das beobachten wenn die Sicht auf
unsere Gebrechen beim Eintritt einer vollen
Versammlung plötzlich auf allen Gesichtern einen
nachdenklichen, einsichtigen Eindruck hervor zaubert,
wo man doch zuvor noch einen so fröhlichen, lächelnden
Schar jugendlicher Anwesenden beobachtet hatte.

Und so erleben wir, dass nur unsere nackten


Erscheinung bereits einen einsichtigen Blick und den
Durchblick des inneren Auge hervorruft, wozu Plato
sonst eine jahrzehntelange Studie der philosophischen
Schriften voraussetzt".

Rede der Macke über die Hybris

„Warum ich als Macke jedoch jetzt das Redepult


trotzdem besteige, werden Sie bald hören, wenn Sie
wenigstens so zuhören, wie sich das gehört:
nicht wie bei den Philosophen oder bei der Predigern
mit einem halben Ohr, sondern mit gespitzten Ohren
wie bei den Marktschreiern.

Denn heute habe ich Lust meine Gebrechen und meine


Gebrechlichkeit mal gebührlich zu feiern und zwar
nicht so sehr als Lehrmeisterin aber als Komödiantin,
denn in turbulenten Zeiten hört man zwar nicht auf die
Vernunft, dafür um so mehr auf den Potzenmacher...

16
Ja wirklich, man sollte sich von den Gesunden keines
Sterbewörtchen anhören, denn sie behaupten doch
allen Ernstes dass ein gesunder Geist nur in einem
gesunden Körper gedeihen könne. Dass diese
Lebensweisheit barer Unsinn ist, zeigt sich bereits beim
Zuhören der blinden Barden, die uns heute besingen,
wie der putzmuntere, ranghöchste Regierender des
Stiefelstaates mit seinen 72 Lebensjahren seiner
blutjungen Freundin zum achtzehnten Geburtstag einen
Diamantring schenkt.

Als Gebrechlicher kann ich ihm dagegen versichern,


dass seine 17-jährige Schönheitskönigin ihm zum 80.
Geburtstag sicherlich nicht zum stündlichen Windel-
Wechsel bereitstünde...

D
hatte:
as ein gesunder Geist im gesunden Körper gedeihe,
widerspricht ohnehin dem ursprünglichen Zitat des
römischen Dichters Juvenal, der doch geschrieben

Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano4

Juvenal hatte also bereits herausgefunden, dass ein gesunder


Geist eher selten in einem gesunden Körper angetroffen wird,
dafür umso mehr ungesunde Geister in ungesunden Körpern
und dass man deshalb dafür beten sollte.

4
Juvenal in seinen Satiren 10, 356 - Die Deutsche Übersetzung lautet:
„Beten sollte man darum, dass in einem gesunden Körper ein gesunder
Geist sei“.

17
V or allem kann aus dem Satz Mens sana in corpore
sano nicht abgeleitet werden, dass ein Sportler
deshalb intelligent und ein grosser Denker auch ein
Sportler sein muss. Mens sana in corpore sano sei also nur im
Zusammenhang mit den Fürbitten und Gebeten zu verstehen,
aber die Hör- und Gehirnschäden sind bereits so weit
verbreitet, dass kaum ein Gesunder den Satiriker versteht:

"Beten sollte der Mensch insbesondere darum, dass


in seinem gesunden Körper ein gesunder Geist sei."

D ie Hybris ist eben die Begleitkrankheit der


Gesundheit, denn nur der Gesunde leistet sich nach
einem törichten Verhalten einen Absturz von einer
Höhe, den ein Behinderter mit seiner Macke niemals bestiegen
würde...".

Von der Weisheit des Erblindeten

D abei haben doch behinderte Götter den Menschen


nach ihrem Abbild gebrechlich erschaffen. Der
höchste germanische Schöpfergott und All-Vater
Wotan, war bekanntlich auf dem linken Auge blind, das er dem
Zwerg Mimir verpfändet hatte um aus dem Weisheitsbrunnen
trinken zu dürfen. Seine Weisheit verdankt Wotan5 somit
seinem Gebrechen. Da aber Wotan immer als alter bärtiger
Greis beschrieben steht, so hat er sicherlich noch mehr
Gebrechen, denn mit dem Alter kommen die Gebrechen.

5
Übersetzung: Wotan = "Wissen“

18
W er jedoch die Menschen nach seinem
gebrechlichen Abbild geschaffen hat, sollte doch
auch etwas damit beabsichtigt haben. Beschreibt
nicht etwa das fehlende Auge den Weg zur Einsicht und zum
Wissen? Dann aber ist der makellose Sehende doch sicherlich
mit dem Makel der Dummheit behaftet.

W otan war auch gewiss nicht der einzige


Gebrechliche unter den Göttern, denn auch der
Schmiedegott Hephaistos war bereits seit seiner
Geburt ein Lahmer, obendrein hässlich und schwach.

S eine Mutter Hera warf ihn deshalb alsbald ins Meer,


wo er von der silberfüßigen Thetis großgezogen
wurde. Neun Jahre lernte der gebrechliche dann in der
Meerestiefe das Schmiedehandwerk um ihr zum Dank für seine
Rettung kostbare Schmuckstücke zu erschaffen... Sich selbst
befreite er von seiner Lähmung durch einen goldenen
Beinersatz. Im Gegensatz zu den anderen Göttern machte der
Krüppel sich gar unsterblich nützlich, indem er zum Wohl der
Menschen den goldenen Sonnenwagen erschuf.

S o kann man wohl sagen, dass von allen Göttern der


nützlichste und klügste der Krüppel Hephaistos neben
dem größten, und weisesten halbblinden Wotan
gewesen seien, aber dass auch beide erst von ihren Gebrechen
mit der Weisheit und Einsicht gesegnet worden sind.

19
B ei Alledem haben wir noch gar nicht erwähnt den
tatendurstigen Tyr, der seine rechte Hand im Maul des
Wölfen Fenris verloren, oder auch nur das
potthässliche Medusengesicht. Ja, Man könnte einen
kompletten Himmel voller gebrechlichen Götter füllen, so dass
nicht einmal Platz für einen makellosen Körper übrig geblieben
wäre.

20
Die Seligsprechung der Gebrechlichen

W ie nun der Mensch mit diesen Gebrechen


erschaffen wurde bleibt vielleicht eines der noch
zu lösenden Rätseln, aber man kann doch klar
nachweisen, dass die hinzu gereichten Gebrechen geblieben
sind, dass sich diese jedoch oft erst im Alter bemerkbar oder in
jüngeren Jahren in einer anderen Form bemerkbar machen.

S o ist es im hohen Alter üblich, dass unser Augenlicht


infolge der Makula-degeneration seine Sehschärfe für
die Kleinbuchstaben verliert. Man kann dann die
feinen Details in der Zahl 2,5 nicht mehr von 25 unterscheiden.
Manch ehemaliger Landwirt, der zum erfolgreichsten
Geldverschieber des Landes aufgestiegen ist, wurde um
neulich von einer akuten Makula-degeneration getroffen und
einer von ihnen las sicherlich versehentlich von seinem
Manuskript die Geldwechselgebühr von 25% statt 2,5%. Dass
er seinen Fehler dabei nicht einmal bemerkte, zeigt wohl
deutlich wie wenig wir uns gelegentlich unserer Gebrechen
bewusst werden.

A ber die Geldverschieber sind nicht die Einzigen,


deren Augen in der Hybris der "Macken-losen"
geblendet wurden. Faktisch werden nur die
Gebrechlichen von ihren Gebrechen vor der Torheit geschützt,
denn im Buche der Weisheit könnte sicherlich geschrieben
stehen:

"Selig sind die Gebrechlichen, denn zuerst


zu ihnen wird die Einsicht gelangen...".

21
Die Moral hinter dem linken Auge...

D er Name Wotan deutet auf die seltsame Kombination


von Wissen und Wüten, denn in wüten und Wüterich
steckt das von Wuotan und seiner Gemahlin (Holda,
Mare) angeführte Heer der Wilden Jagd. Wotans Verlust des
linken Auges symbolisiert deshalb vielleicht auch den neuen
Menschentyp, der wohl in keinem Menschen so klar
demonstriert wird, wie im Fall des Phineas Gage6, dem am 13.
September 1848 auf der Baustelle unglücklicherweise eine
Eisenstange quer durch den Schädel gejagt wurde.

D as Opfer büsst bei dem Arbeitsunfall nur ein wenig


Gehirnmasse und wie Wotan das linke Auge ein,
lebt jedoch noch 13 Jahre weiter und arbeitet an
vielerlei Stellen. Sein Gang war dabei sicher, die Hände
geschickt wie eh und je und er konnte genauso flüssig reden
wie zuvor. Er lebte völlig normal bis auf die Tatsache, dass er
dabei jegliche Achtung vor den Normen und Regeln des
Anstands verloren hatte. Nach dem Unfall log und betrog er
hemmungslos, verhielt sich sich als wotanischer Wüterich und
prügelte sich aus nichtigem Anlass.

O ffensichtlich hatte ihm die Eisenstange das winzige


Moralzentrum hinter dem linken Auge zerstört. Wie
leicht könnte auch in der Evolution die genetische
Mutation auch ohne Eisenstange zustanden gekommen sein?

6
Eine genaue Dokumentation zu diesem Fall wurde von Richard David
Precht in seinem Werk „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“
veröffentlicht.

22
Abb. 2: Prozession der Monster

N och ist es vielleicht nicht soweit und bildet der


verkrüppelte Phineas Gage nur eine Vorwarnung für
die genetische Transformation, die mit dem Öffnen
der Pandora-Büchse entweichen könnte...

T rotzdem spüren Mediziner in den Gehirnschäden


weiter den Ort des Bösen. So zum Beispiel ein
Tübinger Rechtsmediziner, der 1976 den Leichnam
einer Terroristin obduzierte und ihr Hirn für sich behielt. Er
wähnte sich wohl einer Entdeckung auf der Spur. Durch eine
Tumoroperation 1962 sei sie aggressiv geworden - und daher
im Grunde schuldunfähig gewesen7...

7
Information aus dem Zeit-Bericht aus 2002

23
Von der Verführung

E s konnte nicht ausbleiben dass eine gebrechliche Frau


namens Virginia Woolf in ihrem Roman Jakobs
Zimmer auf die hirnrissigen Risiken der makellosen
Schönheit hinweisen musste, die offensichtlich nur der
Verführung zur Fortpflanzung dient.

Abb. 3: Von der Verführung

24
W o doch Plato noch davon schwärmt dass die
Menschheit auf die immer voranschreitende
Schönheit anstrebt, liefert nun Virginia Woolf den
Beweis, dass die Schönheit immer Hand in Hand mit der
Dummheit einhergeht:

"Alle sind sie irgendwann für kurze Zeit schön,


bis die reizvolle Blütenpracht dann vollends verduftet
und die gebrechliche Stupidität8 herausragt".

W ir alle erinnern uns sicherlich die dümmlichen


Blondinen-Witze, die man jedoch in unserer
feministischen Ausgleichsphase gar nicht mehr
denken noch erwähnen darf. Dabei ist aber das andere
Geschlecht keineswegs besser gestellt, denn wir alle verdanken
bekanntermaßen unsere irdischen Existenz einer Sekunden-
langen Hirnaussetzer, das heißt einer sogenannten Meise.

W eder mit seinem Handschuh gelingt es dem


schlauen Loki, noch mit dem Blitz schafft es ein
allmächtiger Zeus den winzigen, menschlichen
Lebensfunken zu entzünden oder mit anderen Zauberkünsten
das Leben zu erschaffen.

S tattdessen muss der Götter-Vater Zeus sich wie die


anderen auch ständig wie ein armseliger und
gebrechlicher Tölpel verkleiden um sich unter den
irdischen Decken seiner Lieblingsbeschäftigung, nämlich das
Kinder-Erzeugen, zu widmen.
8
Genau genommen verwendet Virginia Woolf den Ausdruck „Stupidity“ im
„Beauty goes hand in hand with stupidity“.

25
D abei muss er er wohl unentwegt seiner Partnerin
kindlichen Liebesbezeigungen ins Ohr stammeln
und stöhnen wie ein asthmatisch keuchender
Krüppel, dessen Atem kaum für die ersten Treppenstufen des
Akropolis reichen würde.

U nd welche Frau würde sich diesem Spielchen des


Kinderlesmachens ein zweites Mal hingeben, wenn
sie nicht jedes mal wieder vom Gebrechen der
Vergesslichkeit heimgesucht würde, in dem sie alle
unangenehmen Details ihrer Verführung wieder vergisst. Nein,
und dabei sollten wir auch nochmals berücksichtigen, dass auf
dieser primitiven Weise alle hochgestellten Gestalten zum
Leben erweckt worden sind: die Geldverschieber, Politiker,
Patrizier oder der Papst...

D as wir das leben einer tölpelhaften Stunde mit einem


betörten Kasper zu verdanken haben ist schon
schlimm genug, aber es kommt noch schlimmer.
Denn alles was dem Leben Glanz verleiht verdankt man seinen
Gehirnfehlern. Bereits unser Bruder Desiderius Erasmus hatte
sich schon belustigt an der qualvollen Deutung des großartigen
Dichters Sophokles, der den Gedankenlosen ein Denkmal
gesetzt hat mit den geflügelten Worten:

"Das angenehmste Leben führen die,


die nichts denken.9“

9
Zitat von Sophokles, griechischer Dichter (um 496 v. Chr - um 406 v. Chr)

26
Die Gebrechen der Kinder und Greisen

N un aber wollen wir den Anfang und Ende des Lebens


etwas genauer untersuchen, denn im Alfa und
Omega konzentriert sich die Wahrheit.

H aben Sie schon einmal gesehen wie glücklich unsere


Neugeborenen unter der Verhätschelung der Eltern,
Großeltern und Nachbarn aufwachsen und gedeihen?
Dabei sind die Kinder bereits in jungen Jahren alles andere als
vollkommene Geschöpfe und schon gar kein Abbild der
göttlichen Vollkommenheit. Bereits in der Wiege müssen die
Eltern feststellen, dass die Kinder bereits von Anfang an
serienmäßig mit einem mangelhaften Darmausgangsverschluss
und einer undichten Flüssigkeitshaushalt ausgestattet sind.

A uch die fehlende Lautstärkeregelung der chronisch


unzuverlässigen Alarmanlage wäre bei einem Kauf
als Produktmangel zu bewerten und berechtige
normalerweise zur Rückgabe, wofür sich Konstrukteure und
Hersteller gleichermassen schämen und sicherlich sofort
entschuldigen sollten.

T rotzdem wurde noch nie ein Fall bekannt, in dem eine


Verbraucherschutzzentrale diese Entwurfsmängel mal
öffentlich angeprangert hat.

27
A uch im Laufe des Lebens tritt dann nur
vorübergehend eine Besserung ein und so ist es nicht
weiter verwunderlich dass die alten Leute bald nach
Abschluss ihres Nachwuchses wieder zu den alten Gebrechen
ihrer Kindheit zurückkehren. Meise meint dazu:

„dass manch einer dazu sogar die restlichen Windel


seiner Kinderstube aufgehoben haben soll, bis er das
Alter der Wiederverwendung erreicht hat...“

D
Sie mal:
en Kindern und Greisen verleihen wir großzügig die
Narrenfreiheit, was wir als Gebrechen genauso gut
Unzurechnungsfähigkeit nennen dürften. Bedenken

„Worin unterscheiden sich die Alten und die Kinder,


einmal abgesehen von der Geburtstagszahl? Dieses
dünne Haar, der zahnlose Mund, der mickrige und
runzlige Leib, das selbstgefällige Murmeln, die
Leichtgläubigkeit, die Vergesslichkeit die
Gedankenlosigkeit, kurzum fast alles haben sie
gemein... Je älter sie werden desto mehr ähneln die
Alten den Neugeborenen, bis sie völlig verkindst
ahnungslos vom Leben in den Tod wechseln...“

N ach dieser bestürzenden Einsichten sollten wir doch


die Problematik der zunächst ungeübten und zum
Schluss unzureichenden Muskulatur genauer
diskutieren, denn an dieser Schwäche kann man die
Gebrechlichkeit des Menschen am Besten erläutern.

28
3 Von der Inkontinenz

Die Inkontinenz als Satori

Der Mensch durchläuft die Evolutionsstufen seines


Werdens individuell auch beim Altern.
Das Leben besteht aus einem Alfa und einem Omega.
Anfang und Ende verlaufen identisch, aber in der
umgekehrten Reihenfolge. Dazwischen befindet sich eine
Phase der Langeweile, die in der geriatrische
Philosophie auch als Ödland bekannt ist.

A ls erstes ist der Neugeborene und als letztes ist der


Sterbende inkontinent. Die Inkontinenz10 bedeutet
das Unvermögen, etwas zurückzuhalten.

E s ist daher ein elementares, menschliches Bedürfnis,


in den westlich-demokratischen Verfassungen sogar
ein Grundrecht, für einigen Zeitgenossen die
Gedanken und sonstigen Ausscheidungen von Anfang zum
Ende einen freien Lauf zu lassen.

D azwischen gibt es eine kurze Zeitspanne, in der wir


uns "erwachsen" und "zivilisiert" nennen, aber die
Zeit ist zu kurz, um sich dieser Phase zu viel Zeit
und Aufmerksamkeit zu widmen.

10
Latein „continentia“, Zurückhaltung

29
D as Wesentliche passiert wie in der Schöpfung
ohnehin am Anfang und am Ende. Das
Zwischenspiel ist wie im Fußball eben nur ein
Intermezzo, das wir als kurzweilige Unterhaltung gerne sehen,
aber keineswegs zur Lebenserhaltung der Spezies Mensch
beiträgt und deshalb getrost weggelassen werden kann.

D ie Natur hat die effizientesten Liebhaber bereits mit


genetischen Mitteln evolutions-technisch aussortiert
und die Durchschnitts-Liebhaber verhalten sich zum
Leidwesen der weiblichen Hälfte unbewusst als spartanisch,
indem sie das Vorspiel einfach weitgehend weglassen, getreu
dem Motto: Ausschweifungen sind überflüssiger Krimskrams.
Man fasse sich kurz, denn nur das Ergebnis zählt. Kurzum:

"Alles, was du den Ausschweifungen hingabst,


wird dir verloren sein." 11

Wenden wir uns deshalb in diesem Kapitel den Extremphasen


Alpha und Omega zu...

Der Geruch als Himmelsbote

D er Geruch der Inkontinenz begleitet die ersten und


letzten Wochen eines Menschenlebens. Deshalb ist
der Geruchssinn bei der Geburt bereits vollständig
ausgereift und kurz vor dem Tod das letzte Sinnesorgan, das
uns Menschen zur Verfügung steht.
11
aus Phaedrus, Fabeln ; Gefunden in der Wikiquote Zitate

30
M it diesem Organ sind wir auf die Welt gekommen
und mit diesem gehen wir zuletzt in den Himmel.
Und falls es überhaupt einen Himmel voller
Engeln und Hallelujas über den Wolken gibt, so kann man
diese nicht hören und sehen, aber bestenfalls riechen.

E ine weitere Eigenschaft des olfaktorischen Systems


beim Menschen ist, dass es im Gegensatz zu den
Gehirn- und Muskelzellen alle 60 Tage durch
Apoptose vollständig erneuert wird. Dabei sterben die
Riechzellen ab und werden durch Basalzellen erneuert. Die
Axone wachsen dabei ortsspezifisch, d.h. die neuen Axone
wachsen an die Stellen, die durch die alten frei werden. Wo uns
unser Gehirn und unsere Muskulatur im Stich lässt, bleiben die
Geruchssynapsen bis zuletzt erhalten. So können wir zwar
vieles Geruchloses entsorgen, aber es bleibt uns ein Rest an
zivilatorischen Zurückhaltung erhalten, solange uns unser
Geruch noch nicht weggestorben ist...

D er Geruch ist unser Himmelsbote. Wo es übel riecht,


könnte der Himmel nah sein. Alte Soldatenhasen
berichten, dass sie am Verwesungsduft den Platz des
vorzeitigen Sterbens gerochen haben. Das Überleben bestehe
auch im Alter darin solche übelriechenden Plätze weitläufig zu
meiden.

D a die Neugeborenen wie die Hunde aber Gerüche


nicht als unangenehm, aber als interessante
Nachrichten wahrnehmen, so wird auch der
Sterbende so versuchen die süßlich duftenden Stelle der
Erleuchtung zu suchen und so sein Ende finden.

31
Geruchsdeutsch als Volkssprache

D ie eigentliche Riechempfindung, die mit Emotionen,


Erinnerungen und hedonischen Urteilen stark
verbunden sein kann, entsteht dann in eher
unspezifischen, evolutions-geschichtlich alten kortikalen
Hirnzentren, wo sich das Geruchsdeutsch, das heißt die
Volkssprache der Riechempfindungen gebildet hat.

D ie meisten riechenden Stoffe

Gerüche das Leben im weitesten Sinne. Das


gemeine Geruchsdeutsch orientiert sich deshalb auch an
sind
Kohlenstoffverbindungen. Insofern markieren die

Begriffen der jugendlichen Fäkalsprache, die sich oft auf den


Ausscheidungen und zugehörigen Organen des menschlichen
Körpers konzentriert.

F rüher galten der Mensch und andere Primaten als


"Mikrosmaten" als Geringriecher, im Gegensatz zu
den "Makrosmaten" wie beispielsweise Hund und
Ratte. Inzwischen weiß man jedoch, dass die Riechleistung der
Primaten für manche Düfte die von Hund und Ratte übertreffen
kann. So sind Hunde zwar ausgesprochen empfindlich für den
Geruch von Fettsäuren („Beuteschweiß“), reagieren aber im
Vergleich zu manchen Primaten unempfindlicher gegenüber
Fruchtdüften.

32
Von der Deutung des Schnüffelns

D ie Inkontinenz beginnt bei Frauen mit der Daten-


Inkontinenz, das heisst mit dem Datenverlust oder
Weitergabe von vertraulichen Daten. Viele Damen
pflegen die Weitergabe von vertraulichen Daten bereits in
jungen Jahren. Es sind diese Lecks, die in vielen maroden und
angeschlagenen Firmen die offizielle Veröffentlichungen
ersetzen und entbehrlich machen. Dieses firma-internes
Nachrichtensystem wird gelegentlich auch als Buschtrommel
oder Schwarzes Brett bezeichnet.

I n der Mitte des Lebens nimmt der Mensch seine Gerüche


ohne größeren Anstrengungen wahr, aber zum Schluss
kurz vor dem Sterben muss er sich dazu anstrengen und
kann man diese Anzeichen auch deutlicher am häufigen
Schnüffeln wahrnehmen. Da normalerweise nur geringe
Mengen Teilluft zur Regio olfactoria gelangen, wird der
Luftstrom bei der sensorischen Analyse mittels Schnüffeln (die
Luft wird in kurzen Stößen durch die Nase gesaugt)
intensiviert. Mit diesem Schnüffeln kann der Mensch
überprüfen, ob seine Bekleidung noch für einen weiteren Tag
tragfähig wäre oder ob sich die Mühe einer letzten Dusche
überhaupt noch lohnt.

Z uguterletzt kann der Blinde und Taube nach Verlust


aller anderen Sinnen auch sein Gegenüber damit noch
identifizieren. Man sollte deshalb, liebe Leser, den
wie ein Hund schnüffelnden Menschen nicht mit Abscheu
sondern mit Respekt begegnen, denn Den Schnüffelnden
werden alsbald die Himmelstore geöffnet.

33
I m Altersheim hat man gelernt die Anregung der
Abgestumpften durch Essensbeigabe bestimmter
Gewürzen wirkungsvoll und preisgünstige zu steuern.
Nur vier Milligramm des in Knoblauch enthaltenen
Methylmercaptans in 108 m³ Luft (das sind 1000 Hallen zu
jeweils 500x10x20 Meter) genügen, um die Empfindung "Es
riecht nach etwas" hervorzurufen. Man muss nur kurz vor dem
Besucherandrang der Angehörigen, der sich ohnehin auf das
Notwendige beschränkt, kräftig durchlüften.

Menschliches, allzu Menschliches

D ie Harninkontinenz (Incontinentia vesicae),


Einnässen (Enuresis) und die Stuhlinkontinenz
(Incontinentia alvi), Einkoten (Enkopresis)
begleiten den aufwachsenden Menschen bereits an den ersten
Tagen nach der Geburt und somit auch am Lebensende.

D iese geruchsintensive Begleiterscheinungen werden


jedoch in der modernen Gesellschaft mit Windeln
bekämpft und ungesehen entsorgt, wobei die
komplette sibirischen Birkenwälder der Windelindustrie
geopfert werden.

D abei tut man weder dem Kinde noch dem Greis


einen Gefallen, denn man nimmt beiden eine höchst
reizvolle und interessante Informationsquelle.

34
E s ist deshalb wissenschaftlich leicht verständlich,
warum im Altersheim so viele Greise - und in vielen
Schulen auch Heranwachsende Kinder - apathisch in
ihren Sesseln abwarten: sie warten bis es mal wieder etwas
Spannendes zu riechen gibt...

Die Affekt-Inkontinenz

E s folgt nach der Daten-Inkontinenz die Affekt-


Inkontinenz, das heisst: die Unfähigkeit, Emotions-
Ausbrüche zu kontrollieren, was den Gesunden bei
kleinen Kindern und folglich auch im Greisenalter freilich
erheblich stören kann.

O bwohl die Affekt-Inkontinenz insbesondere


Männern oft bereits in jungen Jahren trifft - dabei
begleitet von Gehirnminderung durch Alkoholismus
-, nimmt man sie im Alter schon deshalb weniger wahr, weil
uns zuletzt die dazu benötigte Körperkraft fehlt.

I n den Gängen des Altersheim nimmt man die Schreie der


Affekt-Inkontinenz deshalb auch seltener wahr. Meistens
verbleiben dem Greis dann doch zu wenig Kraft um
seinen Wutausbruch die gewünschte Wucht zu verleihen und er
stammelt dann nach einem unzureichenden Abendessen oft nur
noch:
„ond mei Gsäß isch au nimme dees".

35
D abei entfällt dem Alternden dann noch ein müdes
Lächeln, wonach er -nicht selten für immer- sanft
lächelnd eindöst, denn die Lachmuskulatur wurde
im Leben meistens ohnehin zu wenig ausgenutzt und bleibt bis
zum Sterben vollständig erhalten.

Die abschließende Entschlackung

I m Datenverlust an sich befreit sich der alternde Körper


gewissermassen vom Datenmüll seines Lebens. Genau
genommen bildet die Datenfilterung, wobei wir das
Wesentliche weiterreichen und das Wertlose zurücklassen,
die Lebensleistung schlechthin. Somit kann man als Trost für
die Altersphase sagen, dass die eigentliche Lebensaufgabe sich
erst im Alter bildet, indem wir das Unbedeutende rechtzeitig
der Reihe nach wegwerfen und den zuletzt übrig gebliebenen
Rest auf dem Sterbebett weitergeben.

W eil es sich dabei um ein elementares menschliches


Bedürfnis und letztendlich auch um unser
Lebensziel geht, möchte ich dieses Thema mit
einem Beispiel am Film „Citizen Kane" verdeutlichen. „Citizen
Kane" gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten Werken in
der Filmgeschichte. Was macht aber gerade diesen Film so
bedeutsam?

O rson Welles hat dem Thema „Lebensziel“ in seinem


Citizen Kane ein wuchtiges Denkmal gesetzt und der
fleißige Kinogänger kann sich noch gut erinnern,
wie das ganze Leben des Citizen Kane mit dem Rosebud
anfängt und endet.

36
C itizen Kane dokumentiert stellvertretend den
Aufgang und Niedergang eines
abendländischen Lebenslaufes, der an der
Mutterbrust beginnt und dort auch wieder endet.
typisch

A m Anfang des Films fährt der kleine, arme, aber


noch immer glückliche Kane mit seinem Schlittchen
einen Berghang herunter. Der Schlitten trägt den
Namen Rosebud, das heisst Rosenknospe, aber im tieferen
psychologischen Sinne ist die Rosenknospe natürlich die rechte
Brustwarze seiner milch- und lebenspendenden Mutter.

D er Film endet mit der berühmten Szene, in dem der


Charles Foster Kane12 anhand der zuletzt
betrachteten Schneeglaskugel sein letztes Wort:
"Rosebud" aushaucht, womit er sich zuletzt der Muttermilch
und der rechten Brustwarze seiner Mutter zuwendet. Die Szene
verknüpft deshalb die erste mit der letzten Lebenserfahrung. Im
Film kennt keiner die Bedeutung des Wortes, und auch dem
Zuschauer bleibt das Geheimnis verborgen, denn die
unbewussten Lebensphasen des Babies Kane werden im Film
ausgeblendet. Das Meisterwerk wird eben dadurch
gekennzeichnet, dass der Film das Geheimnis verwahrt und
nicht preisgibt.

Z um Schluss verbrennt im Kaminfeuer zwischen den


angesammelten, unsäglich wertvollen Kunst-
gegenständen nebst einigem unbrauchbaren
Gerümpel auch ein Kinderschlitten, aber die Frage nach der
Bedeutung der Aufschrift "Rosebud" bleibt offen.
12
Orson Welles, der den berühmten Zeitungsverleger Hearst darstellt

37
N ur die Kinogänger, die auch die biographische
Lebensgeschichte des Orson Welles studieren,
wissen, dass "Rosebud" nicht an einen US-
amerikanischen Indianerstamm erinnert, aber die mütterlichen
und bedeutsamen Brustwarze der Mutter symbolisiert.

Die letzte große Tat auf Erden

B ei Männern beginnt das Ende in der Regel mit der


Flatulenz (Incontinentia flati), die Unfähigkeit das
befreiende Entweichen von Darmgasen zu
verhindern. Diese Schwäche ist nicht nur die Folge einer
Schwächung der Muskulatur am After, aber markiert auch die
Entdeckung der spirituellen Nachwelt, in der der gestandene
Mann naturgemäß bereits großzügig, wie ein besitzergreifender
Kater, seinen geistigen Revier mit kräftigen Duftspuren
markiert.

E s ist sozusagen die letzte große Tat auf Erden, bei


dem wir noch den Mann als vollwertigen Menschen
wahrnehmen können. Mit den gasformigen
Produkten haben wir auch schon den spirituellen Wertebereich
erreicht, den wir zum Wissen mit allerhand Tatsachen aufgefüllt
haben...

38
4 Von der Gebrechlichkeit des Wissens

Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß!

N ach Aussage des grossen Platos sei der weiseste


aller Philosophen sein Lehrmeister Sokrates
gewesen. Dieser aber, obschon er die Schwächen
und Gebrechen der Menschen am besten gekannt haben soll,
hat nicht einmal die Nutzlosigkeit seiner elenden Fragerei und
das irritierte Unverständnis seiner Mitbürger geahnt, sondern
auch die Gerichtsurteilslage seiner Anklage vollkommen fehl
gedeutet. In einer Hinsicht habe Sokrates jedoch Geschichte
geschrieben und zwar mit der Aussage - als Einziger in 2500
Jahre - dass er eines sicher wüsste:

"Ich weiß, dass ich nichts weiß!"

Das jedoch ist ein sofort erkennbarer Paradox, denn wer nichts
weiß, kann auch dieses nicht wissen. Tatsächlich ist „Ich weiß,
dass ich nichts weiß!“ nur ein geflügeltes Wort, das als
verfälschende Verkürzung und gebrechliche Verstümmlung
eines Zitats aus Platos Apologie dem griechischen Philosophen
Sokrates zugeschrieben wird.

D ie geläufige Übersetzung von οἶδα οὐκ εἰδώς 13 trifft


nicht den Sinn der Aussage. Wörtlich übersetzt heißt
der Spruch „Ich weiß als Nicht-Wissender“ bzw.
„Ich weiß, dass ich nicht weiß“.

13
oîda ouk eidōs

39
D as ergänzende „-s“ an „nicht“ ist ein primitiver
Übersetzungsfehler, der eigentlich sofort wegen der
Bedeutungslosigkeit des Satzes auffallen soll.

M it seiner Aussage behauptet Sokrates also nicht,


dass er nichts wisse. Vielmehr hinterfragt er das,
was man zu wissen meint. Und dabei entpuppt
sich das vermeintliche Wissen als unhaltbares Scheinwissen.

E in sicheres Wissen findet man bei den Menschen


nicht, deshalb kann man von seinen Ansichten nur
vorläufig überzeugt sein. Sicher wissen kann man nur,
dass jeder Mensch (und somit der edle Sokrates) aus diesem
Grund mit zumindest einem Gebrechen ausgestattet ist.

Die innewohnende Schizofrenie

E s ist der große Verdienst des Philosophen Michel de


Montaigne, dass er uns auf die in jedem Menschen
innewohnende Schizofrenie hingewiesen hat. So gibt
es im menschlichen Körper zwei bedeutende Organe, und zwar
der Verdauungstrakt und die Fortpflanzungsorgane, die sich
weitgehend dem Kommando des Bewusstseins entziehen und
sich eine eigene Kontrolle leisten. Somit verhalten sich die
wesentlichen Funktionen der Ernährung und Fortpflanzung wie
der Freistaat Bayern und platzieren sich außerhalb der
allgemeinen Gesetzgebung.

40
E s kommt jedoch noch schlimmer! Auch in unserem
Hirn herrscht laut Friedrich Nietzsche, der später an
den Folgen einer geistigen Umnachtung stirbt, ein
gebrechliches Triumvirat. Inmitten des Trios "Über-Ich", "Ich"
und "Es", das sich nun wenigstens in einer Trinitätsgestalt
seinem Schöpfer ähnelt, wird unser schwaches „Ich“ zerrieben
zwischen den Mühlensteinen der autoritären Gewalt.

Die entfesselte Liebe

J eder zweite Gymnasiast erinnert sich im Nachhinein


gern die abenteuerliche Schöpfungslegende14 von Plato,
in dem Zeus zunächst eine abartige Krüppelgestalt nach
dem anderen anfertigte und zuletzt ein verwegenes
Kugelgeschöpf mit vier Armen und vier Beinen geschaffen
hatte.

F rech wie ein Rotzlümmel wollte das Mannweib den


Himmel stürmen, sodass der Allmächtige in seiner
Angst zum Messer greifen musste und das Monster
entzweite in den erste Mann und seine Frau.

D ie Zerstörung der Zweigestalt hat sie zu


gebrechlichen Halbmenschen verkrüppelt und so
suchen sie immer noch verzweifelt ihren Partner.
Alsdann endlich gefunden umklammerten sie sich gegenseitig
in einer stöhnenden und atemberaubenden Umarmung und
stammeln derweil kindisches Zeug.

14
Die Rede des Aristophanes im Dialog „Symposium“ von Plato

41
D as zu beobachten gehört gewiss zum krankhaften
Voyeurismus und wurde lange Zeit zu den Sünden
gerechnet. Mittlerweile aber wird es abendlich dem
seelisch abgestumpften Publikum auf den Weltbühnen gezeigt.

U nd wenn nun in dieser Lage der verkrüppelte


Schmied Hephaistos an das Liebespaar heranhinkt
und sie sich entschuldigend fragt ob er sie denn in
dieser sehnsüchtig herbeigeführten Umklammerung für immer
fesseln sollte, so erhält er unweigerlich die Antwort das sei ihr
größtes Verlangen.

B esucht man dann aber das bald wieder entfesselten


Ehepaar nach wenigen Jahren, dann zeigt sich die
Liebe oft abgekühlt, ja in vielen Fällen sogar
auseinander gelebt. In allen Lebenslagen - so beschreibt es
Plato - sowohl in der Originalform als androgynes Geschöpf
als auch in der Form eines Liebes- oder Ehepaar sei die
gebrechliche Menschenrasse wohl ein Fehlentwurf.

Die Geburt als Katastrophe

I n vielen Ländern versetzt die Geburt einer Tochter das


Ehepaar, ja die gesamte Familie in große Bestürzung.
So ist es wohl üblich die Hälfte der Neugeborenen
ungesehen lebenslänglich als gebrechlich einzustufen.

42
D iese absonderliche Einstellung entbehrt natürlich
jede wissenschaftliche Begründung und basiert
ausschließlich auf die althergebrachte Tradition.
Trotzdem soll es in Italien zweiundsiebzig-jährige Staatslenker
geben, die blutjungen 18-Jährigen zu Füßen liegen und mit
Geschenken überhäufen.

A ber in der Summe sei doch aus den Beispielen klar


einsichtig, dass entweder die männliche oder die
weibliche Hälfte von einem krankhaften Makel-
Syndrom befallen ist - oder gar beiden?

Die Männerfreundschaft als Alternative

M öglicherweise schlagen Sie jetzt vor die


Fortpflanzungsliebe als untaugliches Konzept zu
den Akten zu schieben (und genau das wollte ich
gerade auch tun), da fiel mir auch schon auf einmal die
Männerfreundschaft ein, die bereits im Altertum als erhabene,
hochgeistige und segensreiche Allianz gepriesen wurde.

B etrachtet man nun diese Freundschaft etwas genauer


so stellt sich heraus, dass die Freunde eher
zielgerichtet alle Fehler ihrer Mitgesellen
hervorzuheben und aber die eigenen dabei verdecken suchen.

43
E ine solche Art der Freundschaft - die traditionell mit
der Begrüßungsformel "Hey, du alter Sack!"
einhergeht - kann kaum von dauerhafter Natur sein
und ist nur erträglich, wenn man sich ohne Freundschaft so
einsam fühlt.

Unter Stress entscheiden wir aus dem Es

W as dem Menschen deshalb letztendlich bleibt ist


das Gebrechen der Einsamkeit, denn jeder Mensch
ist grundsätzlich mit mindestens einer Macke
ausgestattet, aber die meisten sogar noch mit mehreren
derselben. In Ruhe entscheiden wir aus dem Über-Ich.

D as bedachtsame Überlegen vor der Entscheidung


wurde in aller Ruhe vom Immanuel Kant analysiert
und in Jahrzehnte langer Arbeit dokumentiert.
Alsdann erfand er die Bestätigung des bereits biblischen
Imperativ des λογος ιησυς :

Und so wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun,


tut auch ihr ihnen gleichermassen 15.

L eider, leider jedoch gibt es neben der Überlegung


auch noch die Bauchentscheidung, die uns als
Überrest aus der Steinzeit helfen soll bei der
Überwindung von akut drohender Lebensgefahr. Wie wir
sehen, werden windige Mitmenschen den Trick jedoch zur
schamlosen Bereicherung zu nutzen wissen...

15
Lukas Evangelium 6,31

44
S elbstverständlich war es der quirlige 30-jährige Arthur
Schopenhauer, der uns in 1823 nachweisen sollte, dass
wir ganz und gar unvernünftig aus den Tiefen des
unterbewussten Eisbergs unseres Es entscheiden.

I m Grunde genommen wird diese philosophische


Aussage natürlich von jedem bestätigt, der sich einmal
widerwillig eine unnütze Rheumadecke auf einer
Kaffeefahrt hat anschwatzen lassen, aber nun soll
Schopenhauer auch die Ehre für diese Entdeckung gebühren.

Abb. 4: Der Tempel des Ichs im Unterbewustsein

45
D ann ist es aber auch unerheblich, dass der Mensch
im Libet-Experiment zuerst handelt und dann eine
halbe Sekunde später sich zum Handeln entscheidet.

U nter Druck gesetzt (und davon machen die windigen


Teppichhändler und Schrottimmobilienhändler
Gebrauch) ist unser Gehirn mit seinen
Bauchentscheidungen aus dem unterbewussten Es eine
lebensgefährlich instabile Maschine, die man durchaus mit dem
explosiven Tschernobyl-Reaktor gleichsetzen darf.

Vom Mit-Gefühl und Mit-Leiden

U nser Gehirn ist jedoch noch viel komplizierter als


wir uns mit dem Triumvirat vorstellen können. Nach
den Wissenschaftlichen Untersuchungen (u.a. von
Giacomo Rizzolatti) verfügen Tiere und gesunde Menschen
über sogenannte Spiegelneurone in dem sie Handlungen und
Ereignisse als eigene Erlebnisse "spiegeln", das heisst wie in
einem Traum nachempfinden können.

S piegelneurone16 sind Nervenzellen, die im Gehirn


während der Betrachtung eines Vorgangs die gleichen
Potenziale auslösen, wie sie entstünden, wenn dieser
Vorgang nicht bloß (passiv) betrachtet, sondern (aktiv) gestaltet
würde. Sie wurden vom Italiener Giacomo Rizzolatti und
seinen Mitarbeitern bei Affen 1995 im Tierversuch entdeckt.

16
Oder auch: Spiegelneuronen

46
T atsächlich deuten jedoch bereits die weitaus älteren
Präfixe "Mit" in den Wörtern "Mitfühlen" und
"Mitleid" auf den Mechanismus der Spiegelneuronen.
Mit dem Mitleid und Mitfühlen prüft der Mensch wohl auch
sein ethisches Handeln.

Z u den Gebrechen gehört jedoch, dass man zu viel


oder zu wenig Mitleid empfindet. Autismus-
Symptome werden zum Beispiel mit einem
unzureichenden Funktionieren der Spiegelneuronen in
Verbindung gebracht, aber auch Überempfindlichkeit kann den
Menschen aus der Bahn werfen und Depressionen verursachen,
weil er zu viel Mitgefühl von seinen Mitmenschen erwartet
oder zu viele Empfindungen von seinen Partnern befürchtet.

Von der Liebe zum Tier

Z u den Überreaktionen des Mitgefühls können auch


die Tierliebe gehören, denn das Verhältnis zu den
Tieren ist bei den meisten Menschen erheblich
gestört, seit wir die Tiere zum Essen nicht mehr selbst
schlachten müssen. Genau genommen muss die überhebliche
Position des Menschen in seiner Umwelt als ein Hybris-
Syndrom (bzw. als ein Entwurfsfehler des Schöpfers)
betrachtet werden.

I n der Abgeschiedenheit der Labors leiden die Tiere als


Testmaterial im Dienst der Forschung, wobei oftmals
eher der Profit als der medizinische Bedarf zur
Entscheidung herangezogen wird.

47
D as Schlachten von Tieren fällt einem unerfahrenen
Schlächter je nach ihrer Rangordnung im Bezug
zum Menschen mehr oder weniger schwer.
Das Abtöten von Hühnereiern und das Töten von Fischen ist
leichter als das Schlachten von Hühnern, Kaninchen oder gar
Pferden.

O ffensichtlich ist aber auch der Hunger ein


entscheidendes Kriterium, welcher Tierart man zur
Ernährung schlimmstenfalls noch schlachten will.

D ass der Mensch überhaupt solange überleben


konnte, verdankt er zweifellos seiner der
Aufspaltung seines Hirns, denn der Originalentwurf
hätte wohl höchstens zwei Generationen Bestand gehabt. Nun
jedoch wollen wir sehen und verstehen, wie es dem Menschen
in seinem weiteren Leben ergangen ist...

48
Zweites Buch
Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ
πλάγχθη, ἐπεὶ Τροίης ἱερὸν πτολίεθρον ἔπερσεν·
πολλῶν δ’ ἀνθρώπων ἴδεν ἄστεα καὶ νόον ἔγνω,
πολλὰ δ’ ὅ γ’ ἐν πόντῳ πάθεν ἄλγεα ὃν κάτα θυμόν,
ἀρνύμενος ἥν τε ψυχὴν καὶ νόστον ἑταίρων.
Ἀλλ’ οὔδ΄ ὣς ἑτάρους ἐρρύσατο, ἱέμενός περ·
αὐτῶν γὰρ σφετέρῃσιν ἀτασθαλίῃσιν ὄλοντο,
νήπιοι, οἳ κατὰ βοῦς Ὑπερίονος Ἠελίοιο
ἤσθιον· αὐτὰρ ὃ τοῖσιν ἀφείλετο νόστιμον ἦμαρ.
Τῶν ἁμόθεν γε θεά, θύγατερ Διός, εἶπε καὶ ἡμῖν. 17·

Deutsche Übersetzung von 1793 von Johann Heinrich Voß:

Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes,


Welcher so weit geirrt, nach der heiligen Troja Zerstörung,
Vieler Menschen Städte gesehn und Sitte gelernt hat,
Und auf dem Meere so viel unnennbare Leiden erduldet,
Seine Seele zu retten und seiner Freunde Zurückkunft.
Aber die Freunde rettet’ er nicht, wie eifrig er strebte;
Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr Verderben:
Toren! welche die Rinder des hohen Sonnenbeherrschers
Schlachteten; siehe, der Gott nahm ihnen den Tag der
Zurückkunft.
Sage hievon auch uns ein weniges, Tochter Kronions.

17
Mit der Anrufung der Muse beginnt die Odyssee, die zweitälteste
Dichtung der abendländischen Literatur. So oder so ähnlich sollten wir auch
das zweite Buch unseres wichtigen Werkes wohl beginnen...

49
Von der Aufspaltung
des Hirns

Sage mir, Muse, den Zorn des All-Vaters Zeus,


Welcher so vieles versucht, nach den ersten
Geschöpfen...
Denn sie bereiteten selbst durch Missetat ihr
Verderben:
Toren!

50
5 Vom halben Menschen

W ie im Talmud berichtet wird, schuf Gott an Adams


Seite zunächst aus demselben Lehm eine Frau
namens Lilith. Gott holte Lilith vor der ersten
Nacht noch zu sich und sagte ihr, sie solle Adam unter-tan sein.

E s wird weiterhin erzählt, dass Lilith beim Sex stets


oben liegen wollte. Adam aber wollte sich die
dominante Position nicht nehmen lassen, und
schließlich kam es zum Eklat zwischen den beiden. Lilith
sprach den geheimen Namen des Herren "Schem
Hammeforasch18", eine Zauberformel, aus und verschwand
dann aus dem Paradies in die Wüste. Dort verkehrte sie jeden
Tag mit tausend Mischwesen und brachte tausend Kinder pro
Tag auf die Welt. Adam beklagte sich bei Gott über seine
Einsamkeit, welcher ihm dann Eva aus seiner Rippe erschuf.
Lilith aber blieb unsterblich, da sie nie die verbotene Frucht
vom Baum der Erkenntnis aß.

A uf Adams Flehen hin sandte Gott drei Engel (Sanvi,


Sansanvi und Semangelaf) aus, um sie
zurückzuholen. Lilith brach in schallendes Gelächter
aus ob deren Versuche und Adams Wehklagen. Sie hatte sich an
der Küste des Roten Meeres niedergelassen und war
mittlerweile eine Verbindung mit dem Dämon Djinns
eingegangen, mit dem sie viele Kinder gezeugt hatte. Als Strafe
für ihren "Ungehorsam" ließ Gott jeden Tag 100 ihrer Kinder
töten. Vor Trauer wahnsinnig, begann sie nun selbst als
kindermordende Dämonin Schrecken und Angst zu verbreiten.

18
http://de.wikipedia.org/wiki/Zauberspruch

51
E s wurde langsam Zeit für einen neuen Versuch und so
bildete Jahweh eine mannweibliche Gestalt nach
seinem Abbild. Es war aber nicht gut, dass dieser
Mensch Adam alleine sei. Er war aber bereits allein als sie
gerade männlich und weiblich erschaffen zu ihrem Schöpfer
hoch blickten. Vielmehr bemühte Adam sich wie heute nicht
um seinen weiblichen Teil und hatte keine Stütze an seiner
Hälfte, da dieser nur eine Seite bildete und sie rückwärts wie
eines waren - So war denn doch der Mensch allein...

I ch will ihm einen Gehilfen erschaffen ihm gegenüber19.


Und er nahm die Frau von seiner Seite, rüstete sie wie
eine Braut und liess sie vor seinen leuchtenden Antlitz
kommen: Angesicht zu Angesicht.

Abb. 5: Androgynes Geschöpf (Adam)

So sagte die Macke vom halben Menschen:


"Eines der bedeutsamsten psychischen Mutationen der
Menschheitsgeschichte war die Abschaffung der
19
1. Moses 2,16

52
ursprünglichen, androgynen Gottesgestalt Dyaeus, die
den ersten Menschen Adam nach ihrem Abbild
geschaffen und zur Wiedervereinigung genötigt.
Denn zur Urzeit war jeder einzelne Mann und Frau ein
wahrhaft unvollständiges Geschöpf und wurde deshalb
auch ein halber Mensch genannt. Es ist dieses Bild der
Halbheit, das den Einzelnen wohl zur Demut erziehen
sollte.
Nachdem ihn - das heisst die männliche Hälfte - aber
die Priester zum Abbild des Gottes erhoben, so
schwand auch die Demut und es wuchs dann die Hybris
heran. Deshalb sollten wir uns nicht wundern, dass wir
zwar die Freiheit gewonnen, aber die göttlichen Gestalt
verloren..."

Von der Ehe20


Der erste Mensch Adam wurde mannweiblich erzeugt
und erst später erst schöpferisch aufgeteilt in den
beiden Hälften. Nicht zuletzt deshalb galt uns die Ehe
als Wiedervereinigung zur ursprünglich androgynen
Gottheit unzertrennlich, das heisst geheiligt.
Was darum nicht Männlich und Weiblich enthält, wird
ein halber Körper genannt. Uns es kann kein Segen
walten an einem makeligen, gebrechlichen Dinge,
sondern nur an einem vollkommenen Orte und nich an
einem "halben", denn halbe Dinge können in Ewigkeit
nicht bestehen und in Ewigkeit keinen Segen
aufnehmen.

20
Idra suta - Sohar III. fol. 296a

53
Denn nur wenn sich Mann und Weib vereinigen und sie
eine Seele und ein Leib werden, wird der Mensch eins
genannt. Und unverheiratet galt ein jeder Einzelner als
gebrechlich, als ein halber mensch, der sich immer
noch auf der Suche nach der andren, besseren Hälfte
befand...Und merke, wer sich mit dem Weib eines
andern verbindet, begeht Lüge an dem Allheiligen und
an der Gemeinschaft Israels.“

Der Zornesausbruch des Zeus

N ach der Macke Rede schwieg der Allvater Zeus über


lange Zeit. Denn er spürte die Schwellung seines
Zornesaders wie ein zweites Glied und jähzornig
stiess er hervor:
„Gebrechen hatte ich ihnen geschenkt um ihnen den
Demut zu lehren, aber verschmäht liegen die Wohltaten
verstreut. Stattdessen wuchs ihre Hybris heran und nun
pfuschen sie gar an ihren Genen herum.
Entzweit habe ich sie zur Belehrung, aber nichts kann
sie aufhalten. Nun werde ich sie in Vieren teilen, so
dass sie nur noch auf einem Bein herum hüpfen können.
Das wird ihnen wieder in den Demut zurückversetzen.
Oder besser noch, weil sie ohnehin bereits mit Krücken
gehen können: Lassen wir ihnen das Hirn in zwei
Hälften aufteilen, und zwar eine Hälfte, die logisch
denken und eine andere Hälfte, die nur fühlen kann.
Das wir ihnen zeigen, wie sie zur Demut zurückfinden
sollen...“

54
Von der Apologie der Macke

D ie Macke überlegt und räusperte sich zur Rede die


Stimme, während sie ihren Schmollmund errötete
und die Haarpracht über die Mandelaugen lockerte...

„Allerliebster Allvater Zeus. Gewiss wissen wir alle um


Deinen Zorn, den Du zurecht über uns senkst.
Wir sehen und fürchten die blitzende Schwellung des
donnernden Zornes und zu Deiner Besänftigung haben
wir nur den Liebreiz der Unwissenheit und unsere
Jugend.
Nach Deinem Abbild hast Du die Menschen mit
Macken und Meisen beschenkt. Darüber haben wir uns
gefreut und Dich zunächst auch mit Opfern überhäuft.
Das schönste Geschenk sollte Dir aber sein, dass wir
Dir die Schöpfung verbessern, denn die Mängel stören
doch sehr.
Freilich haben wir wohl auch vergessen, dass Du uns
belehren wolltest, aber es heisst ja auch,
Du hättest die Menschen nach Deinem Abbild, das
heisst als Schöpfer gestaltet. So erschaffen wir nun
Kälber und Ziegen, alsbald aber auch Organe, Kinder
und andere Gestalten, denn es ist nichts so gut als dass
es sich nicht verbessern lasse..“

55
Von der Hybris der Macht

Z um Nachweis der menschlichen Hybris reicht ein


Blick in die Tageszeitung, die berichtet von einem
US-Präsidenten21, der sich anmasst das Gute vom
Schlechten zu unterscheiden und daraus den Auftrag zur
Eliminierung ableitet.

D ie Hybris gipfelt dann in die Überheblichkeit der


Bankiers, die sich erdreisten neue Produkte als
sichere Kapitalanlagen zu verkaufen, die jedoch nur
heisse, dafür aber unsaubere Luft enthalten.

M an könnte meinen, dass dies Einzelfällen seien,


aber in jüngster Zeit empfindet sich sogar ein
einfacher Autobauer gelegentlich als einen
Napoleon, der von den behandelnden Ärzten genau genommen
zu anderen Zeiten für seinen Größenwahnsinn in eine
psychiatrischen Einrichtung verwiesen worden wäre: zum
eigenen Schutz und zum Schutz der Seinen.

W as soll man dann gar denken, sagen und schreiben


von den Politikern, die ein solches überhebliches
System als eine fortschrittliche und leistungsfähige
Wirtschaft fordern und fördern?

T atsächlich schadet die Hybris jedoch nur, wo sie mit


Macht verknüpft wird, denn die Natur hatte es so
eingerichtet, dass ein dreister Ohnmächtiger sich im
Handumdrehen selbst zu Grunde richten würde. Nun aber wird
der Unfähige vom Staat sogar am Leben gehalten.

21
Das Manuskript wurde allerdings bereits in der Busch-Era entworfen...

56
Ein dummer Entwurf (?)

D as Fragezeichen dieser Überschrift ist nach Ansicht


der Meise und Macke natürlich ein Scherz, denn das
Übermass an Gebrechen widerspricht jegliche
Intelligenz im Schöpfungsentwurf.

A ls indirekter Gottesbeweis gilt der letzten Bastion der


Gottesanbeter die Annahme, dass die physikalischen
Konstanten so wunderbar aufeinander abgestimmt
seien. Schon die allerkleinste Abweichung würde alles Leben
auf Erde, einschließlich das der Menschen, unmöglich machen.

D iese Beobachtung mag richtig sein, kann aber als


Beweis dennoch nicht akzeptiert werden. Auch die
unwahrscheinlichste Kombination kann wohl als
Folge einfachster Mechanismen entstanden sein, analog zur
Massenverteilung der uns umringenden Planeten, die sich im
Laufe der Zeit bei Überschreiten einer gestimmten Obergrenze
entweder aus dem Sonnensystem katapultieren oder mit einem
anderen Planeten kollidieren.

Von dem Spiegel im Menschenpaar

I n seinem Buch Liebe als Passion: Zur Codierung von


Intimität beschreibt Niklas Luhmann die Geschichte der
Liebes-Codes, die zum Beispiel die Beziehung zwischen
einem Liebespaar stabilisieren.

D
wolle.
abei hatte schon Plato gestaunt, dass ein Mann genau
genommen theoretisch doch alle schönen Frauen
lieben sollte, und nicht nur die eine auswählen

57
I n den Augen der alten Philosophen war diese
Zweierbeziehung auch nur verständlich in der Annahme
der androgynen Schöpfung, die eine Zweigestalt als das
göttliche Abbild zu Grunde liegt.

N achdem jedoch die Legende erfolgreich ausgemerzt


wurde, bleibt den Menschen nur noch der Leitfaden,
sich nur der schönsten aller verfügbaren Weibchen
zu widmen und dazu
verlassen...
notfalls die Zweit-schönste zu

D ie Liebe ist nach Luhmann die unglaubliche Option,


im Glück eines Partners sein eigenes Glück zu
finden. Das Bild, das man sich von seinem Partner
macht, wird dabei durch die Liebe so verschleiert, dass die
geliebte, „bessere“ Hälfte einer normalen Betrachtungsweise
entrückt.

D er Liebende sieht nur das Lächeln, nicht aber die


Falten. Allerdings ist die Beziehung ein Seiltanz,
der nur mit dem Gleichgewicht einer Belastung
bewältigt werden kann.

S o stellt sich die Frage ob Paulus wohl den Spiegel der


Liebenden als den Namen der androgynen Gottheit
andeutet, wenn er sagt22:
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Wort;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen,
gleichwie ich erkannt bin.

22
im Ersten Brief an die Korinther, 13. Kapitel, Vers 12

58
Richard David Precht formuliert es so:

„Ist die Liebe die Selbstdarstellung im Blick des


anderen, so spiegelt sie uns auch bei aller
Selbstlosigkeit doch noch das aufregende Bild wider,
das wir kennen – uns selbst.“23

Der Sinn oder Irrsinn des Lebens

F ür die Natur ist der Sinn des Lebens die Weitergabe


des Lebens. Nicht zuletzt deshalb lenkt jegliche
weitere Beschäftigung mit diesem Thema den
Menschen von der eigentliche Aufgabe ab.

D ie Evolution hat dafür vorgesorgt indem es unsere


Wille weitgehend im Unterbewusstsein verlagert
hat, denn dort kann die Kommandozentrale ohne
Rücksicht auf dem gesunden Verstand ungestört walten und
schalten.

V om freien Willen ist dabei nur in sofern die Rede,


dass der unbegründete, impulsive Funken aus dem
Unterbewusstsein nachträglich als wohl überlegte
Entscheidung in Erinnerung bleibt.

I n diese Hinsicht unterscheiden wir Menschen nicht von


den übrigen Tieren. Wer jetzt glaubt dass es für den
Menschen als Spezialfall noch eine andere, höhere
Zielvorgabe geben soll, wurde vom Unterbewusstsein bereits
erfolgreich in die Irre gelenkt.

23
Wer bin ich und wenn ja, wie viele? – von Richard David Precht

59
Die Einehe als Macke

A ls Zeus die Gehirne aufspaltete spezialisierten sich


die Frauen und die Männer auf die ihnen
zugewiesenen Aufgaben, wobei die Frauen sich auf
die schnellere, impulsive Reaktionen und die Männer sich auf
die langsameren, besonnenen Anteilen konzentrierten.
Vorteilhaft ist eine solche Spezialisierung in einer intakten und
vertrauensvollen Ehe, in dem beide Partner sich theoretisch
ergänzen.

M it dem Rückgang der Zweierbeziehungen und die


Individualisierung der Gesellschaft muss nun jede
Einzelperson das Optimum zwischen seiner
Gefühlswelt und seiner Logik selbst gestalten. Dieser Spagat
gelingt nicht immer und endet regelmäßig in Neurosen, die
vom Psychoanalytiker Erich Fromm dokumentiert worden
sind.

G enerell bevorzugt der Psychoanalytiker das Leben in


einer Zweierbeziehung gegenüber
Junggesellenleben. Insbesondere warnt Fromm
jedoch für die Folgen einer einseitigen Erziehung des
ein

Nachwuchses außerhalb einer intakten Ehe.

D as alte Modell der androgynen Ehe als religiöses


Symbol repräsentiert offensichtlich immer noch das
ideale Leitbild für eine stabilste Lebenshaltung und
für die optimale Kindererziehung. Die Einehe bleibt die zweite
Wahl als ein Kompromiss für den Notfall.

60
Von der Mutter- und der Vaterliebe

I n "Die Kunst des Liebens24" beschreibt der


Psychoanalytiker Erich Fromm die gesunde Mutterliebe
als eine bedingungslose Bejahung des Lebens und der
Bedürfnisse des Kindes. Die Mutter vermittelt dem Kind die
Liebe zum Leben. Charakteristisch für die Mutterliebe ist die
Tatsache, dass ein Kind die Mutterliebe nicht erwerben kann.

A ndererseits verkörpert der Vater die Welt des


Denkens, die Welt der von Menschen geschaffenen
Gesetzen, Ordnung und Disziplin. Der Vater soll
dem Kind den Weg ins Leben zeigen. Im Gegensatz zur
Mutterliebe muss sich das Kind die Vaterliebe verdienen,
indem es sie zum Gehorsamkeit bekennt. Beides, die Liebe
zum Leben und eine gewisse Disziplin, sind die
Voraussetzungen für ein gesundes Leben.

S chließlich hat der reife Mensch dann den Punkt


erreicht, an dem er seine eigene Mutter und seinen
eigenen Vater ist. Er besitzt dann sozusagen ein
mütterliches und ein väterliches Gewissen. Der reife Mensch
hat sich von der äußeren Mutter- und Vaterfigur freigemacht
und sie in seinem Inneren aufgebaut. Die Entwicklung von der
Mutter- zur Vaterbindung und ihre Synthese bildet die
Grundlage für seelisch-geistige Gesundheit und Reife. Eine
Fehlentwicklung in dieser Synthese bildet ein Grund für
Neurosen.

24
Die Kunst des Liebens von Erich Fromm, Ullstein-Verlag, 1956

61
D as ideale Gottesbild war ursprünglich die Erd-
Mutter. Später wurde dieses Elternpaar durch einen
patriarchalen, himmlischen Gott ersetzt.
Laut Psychoanalyse entspricht das Idealbild eines Elterngottes
jedoch nicht dem einzelnen Pol Vater oder Mutter, sondern dem
(androgynen) Elternpaar.

Vom Sein zum Haben

N ach Ansicht der Psychoanalytikers Fromm wird in


den Wohlstandsregionen der arbeitende Mensch mit
einer überhöhten Entlohnung zur Hergabe seiner
Lebensenergie verführt. Er kompensiert dazu die Frustration
einer sinnlosen Tätigkeit mit dem Lauf der
Luxusgegenständen, die er anschließend nach einer
Speicherfrist gedankenlos entsorgt.

D ie dazu benötigte Massenproduktion und zugehörige


Entsorgungsindustrie lässt sich nur mit Hilfe einer
ausgefeilten Werbeindustrie als gewinnbringende
Geldanlage zur Finanzierung der benötigten Arbeitsplätze
gestalten. Die krankhafte Auswüchse dieser Gesellschaftsform
verschlingen Unsummen an Investitionen zur Beseitigung der
daraus entstandenen psychischen und körperlichen Gebrechen.

62
Z ur Umgestaltung dieser frustrierenden Mechanismen
und Heilung der Bevölkerung schlägt Erich Fromm
einen Wechsel vom Haben zum Sein vor, das zwar
ein Bestseller25 wird, aber keine Konzepte zur
gesellschaftlichen Umgestaltung beisteuert. Genau genommen
bildet die Gesellschaft der Wohlstandsregionen einen Komplex
an Gebrechen, der die ohnehin vorhandenen menschlichen
Schöpfungsmängel nochmals aufs Vielfache potenziert. Da das
Wachstum jedoch scheinbar grenzenlos weiter wächst, kann die
Weltbevölkerung nur atemlos zusehen, wie die Blase sich zum
platzenden Entleeren hoch schaukelt...

25
Leben zwischen Haben und Sein - Von Erich Fromm, Rainer Funk,
Veröffentlicht von Herder, 1993, ISBN 9783451042089, 156 Seiten

63
64
6 Von der Geburt der Sprache

Zeugnis von Zeus


Zur Mittagszeit sagte die Meise zur Macke:

"Zur Urzeit war den Menschen nicht einmal die


gebrechliche Fortpflanzung und mangelhafte
Ernährung sicher genug und so verwendeten die Indo-
Europäer für alle bedeutsame Dinge des Lebens den
gleichen Wortstamm "ZEU" oder auch "DEU", damit
der Schöpfergott Zeus bzw. Deus ihnen die Erzeugung
des Nachwuchses und der Ernährung ermöglichte.
Auch zur Absicherung der Gerichtsbarkeit war es
notwendig den Allmächtigen zu bemühen".

D em Zeus wurden die Erzeugungsorgane gewidmet,


damit die Zeugungsfähigkeit gesichert war. Der
Hoden (lat. testis = Augenzeuge, der Zeugende)
wurde bemüht um sowohl Zeugnis abzulegen als auch um den
Nachwuchs hervor zu bringen. Bis ins 17. Jahrhundert wurden
die Eierstöcke "testes muliebres" genannt. Das Wort "Testis"
ist selbstverständlich auch die Basis für das "Testament", das
"Testat" und "testieren". Die Verantwortung für die Justiz
bezog sich auf den Schöpfergott Ju-piter, wobei man auf seine
Zeugungorgane Zeugnis ablegte. Bei einem Zeugnis legte der
Mann seine Hand auf die damals noch heiligen
Zeugungsorgane und man schwor bei seiner
Zeugungsfähigkeit.

65
M it dem Zeug (Geschirr, z.B. Pferdegeschirr)
bändigte der Mensch die ersten Arbeitstiere,
sowie analog dazu die Justiz den Menschen an
die Kandare nahm.

I n der Deutschen Sprache haben Lautverschiebungen die


Herkunft des Wortstammes "ZEU" und "DEU"
verschleiert, aber in der niederländischen Sprache ist die
Herkunft "TUI" noch genau ablesbar. Der Zeuge ist "Getuige",
das Zeug ist "Tuig" und der Schöpfergott Zeus bezieht sich auf
den ältesten deutschen Schöpfergott "Tuisco". Der deutlich
sichtbare, androgyne Wortkern "ui" stimmt überein mit dem
"iu" in Jupiter und Justiz und bezieht sich auf die männliche
bzw. weibliche Zeugungssymbole I und U.

D as Wort "deuten" bezieht sich deutlich auf die


Deuterin, welche die göttliche Fügung aus den
Götterzeichen ablesen konnte. Ungenaue
Aussprachen wurden dabei aber als „deuteln“ bezeichnet.

I n Abständen von 25 Jahren, d.h. zum Jubeljahr wurde


Jupiters Erfolg wohl mit einem ein Jubelgesang
gefeiert, aber auch jährlich gab es natürlich das Julfest
(Weihnachten). Der androgynen Schöpfergottheit Ju-piter
wurden auch die Monate Juli und Juno gewidmet.

D
gewidmet.
abei wurden die Städte Duisburg (Tuiscoburg),
Deutz und Duisdorf, sowie das gesamte Land
Duitsland (Deutschland) dem Schöpfergott Tuisco

66
G enau genommen konnte die Macke jetzt den
androgynen Schöpfungsgöttern folgenden kleinen
Wortschatz zuweisen, den der Mensch aus seinen
frühesten Gebrechen mit göttlicher Hilfe zur Stütze gestaltet
hatte:
• Zeus: Zeugung, Zeuge, Zeugnis, Zeug
• Deus: deutlich, deuten, deutsch, Kölln-Deutz
• Jupiter: Justiz, Jubeln, Julfest (Weihnachten), Juli,
Juno,
• Tuisco: Getuige (NL: Zeuge), tuig (NL: Zeug), Duits
(NL.: deutsch), duiden (NL.: deuten), Duitsland (NL:
Deutschland), Duisburg, Duisdorf.

Aus Testa geboren...


Die Meise sagte daraufhin:

"Ja, das leuchtet ein. Bei alledem spielt es wohl auch


keine Rolle mehr, ob die Benennung Deutsch direkt von
Tuisco stammt oder über Umwegen aus Diot
(althochdeutsch: Volk) abgeleitet wird, denn diot
bezieht sich ebenfalls auf den indo-europäischen
Schöpfergott Dyaeus-Jupiter".

67
G ewiss, aber zum Gegenbeweis müssen wir aber noch
überprüfen, was nun nicht aus dem Zeugungsorgan
"Testes" abgeleitet wurde, denn eine Vielzahl an
Wörtern stammt von Testa, das heisst von gebrannter Erde
(Terra) 26. Keine dieser abgeleiteten Wörtern hat eine religiöse
Bedeutung, die sich auf die Zeugungsorgane (Testes) bezieht.

I m klassischen Latein bezeichnet das Wort Testa den


gebrannten Ton in jeder Form: Tongefässe und -geschirre,
Amphoren, Öllampen und Salbfläschchen, Aschenurnen
und Kastagnetten, ja sogar die Urinfässer am Strassenrand,
denen Vespasian seine anrüchige „Urinsteuer“, vectigal urinae,
verdankte. Der Monte Testaccio in Rom, am Tiberhafen, ist
sozusagen ein antiker Scherbenhaufen.

V on einer Deckelterrine war das Wort bereits früh auf die


Schalen der Krustentiere, der Austern und der
Purpurschnecken übergesprungen. Analog dazu wurde
der Schutzdeckel der römischen Armee nach der Schildkröte
(testudo) benannt.

I m Mittelalter ist die Übertragung noch einen Schritt


weitergegangen: zunächst auf die bauchige Hirnschale und
schliesslich auf den ganzen Hartschädel (italienisch testa,
französisch tête) der Homo sapiens.

26
Klaus Bartels hat den Zusammenhang dokumentiert in einem Bericht zur
Ableitung des Wortes "Test"

68
I n der mittelalterlichen Alchemistenküche diente eine
spezielle testa, ein Schmelztiegel, dazu, das glänzende
Metallgebräu auf seinen Gold- oder Silbergehalt zu prüfen,
es darin buchstäblich zu „testen“. Ein mittelhochdeutsches
Lexikon vermerkt unter test nach „Topf, Tiegel, Kopf“ noch
„Schlacke, verworrenes, verflochtenes Zeug“. Das war dann
ein unzweideutig negatives Testergebnis; aber wenn schon
nicht pures Gold, so ist bei dieser Goldmacherei doch unser
„Test“ herausgesprungen.

Von der gebrechlichen Sprache

Heute morgen - beim Frühstück - meinte die Meise:


„Wahrlich ist die Sprache ein Gebrechen, aber die
Krönung gebührt wohl der deutschen... Waren doch die
Geschlechter ursprünglich ein wesentlicher Bestandteil
der Sprache, so scheinen Männliches und Weibliches
heute nur noch nebensächlich, nachdem sie ihre
religiöse Bedeutung verloren haben...“

I m Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache


Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod 27- findet man
genügend skurille Beispiele von der Qual der Wortwahl,
die oft genug den empfindlichsten unter uns zum stottern
bringt.

27
Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod: Ein Wegweiser durch den Irrgarten
der deutschen Sprache. Die Zwiebelfisch-Kolumnen Folge 1-3 in einem
Band, Von Bastian Sick.

69
S o sollte man beim Geschlecht einer Markenname
schon genau überlegen, wie man denn das dahinter-
liegende Objekt gemeinhin nennen würde. So ist
Hanuta zum Beispiel eine (weibliche) Schokoriegel, so dass es
"die" Hanuta heisst.

W er jedoch schreibt mir vor, dass ich zur


Klassifizierung für die Ford-Siesta den
"männlichen" Wagen anstatt eines sachlichen
"Fahrzeugs" oder einer weiblichen "Limousine" zu wählen
habe?

U nd wer schreibt mir vor, dass ich für die "Kamel"-


Zigarette die weibliche "Zigarette" heranziehen soll?
Warum darf ich als Rauchabstinenzler das Produkt
nicht als den männlichen "Qualmstengel" einstufen?

M it dem Geschlecht zensiert die deutsche Sprache


gewissermassen die Wortwahl und was nicht
genehm, dass sollte nicht gesprochen und noch
weniger gedacht...

Zum Monotheismus in 7 Stufen


Laut Meise benötigen die Indo-Europäische Religionen zur
Evolution vom matriarchalen Monotheismus zum
patriarchalen Monotheismus sage und schreibe sieben Stufen.
Die mit den religiösen Streitigkeiten einhergehenden Kämpfen
auf Leben und Tod begleiten die Religionen auf dem Weg zur
Wahrheit.

70
1. Die erste Phase ist das einfache Matriarchat, das sich in
den zahlreichen, gefundenen Venusskupturen
wiederspiegelt.
2. Nach Angaben von Gerald Massey28 wechselt diese
einfache Version alsbald in ein bipolares Matriarchat, in
dem sich die Mutter in weibliche Zwillinge aufspaltet.
3. In einer dritten Phase gestalten sich die Zwillinge
jedoch als männliche Brüder.
4. Die vierte Stufe ist die uns bereits bekannte androgyne
Phase, in dem Bruder und Schwester ein Paar (z.b. Isis
und Osiris) bilden.
5. Gerald Massey identifiziert daraufhin eine fünfte Phase,
in dem eine Triade (mit dem Namen Triune) mit einer
Mutter, einem Kind und einem zeugungsfähigen Mann
abgebildet wird.
6. Zur Rückkehr in den Monotheismus entfernt man in der
sechste Stufe die Mutter und das Kind, so dass nur der
Vater im einsamen Patriarchat übrig bleibt.
7. Die siebte Phase gipfelt letztendlich in den
unpersönlichen Monotheismus, in dem Gott jeglichen
menschlichen Gestalt verliert.

S elbstverständlich haben diese Stufen die Völker zu


unterschiedlicher Zeit erreicht, wobei es allerdings
auch vielerlei Übergangsphasen und Rückschritte
gegeben haben mag.

28
The natural Genesis by Gerald Massey (1828 - 1907)

71
Zum Alter der Grossen Mutter

I n ihrem Buch "Eine Geschichte von Gott29" dokumentiert


Karen Armstrong einige Namen der Grossen Mutter:
Inanna (in Sumeria), Ishtar (in Babylon), Anat (in
Kanaan), Isis (in Ägypten), Aphrodite (Zypern und
Griechenland). In späterer Zeit weisen jedoch einige dieser
Gottheiten entweder einen männlichen Partner (Osiris zu Isis)
oder androgyne Merkmale (ein Bartwuchs bei der Aphrodite)
auf. Das Alter der religiösen Phasen lässt sich wohl aus den
Skulpturfunden ablesen.

I n September 2008 findet man in einer Höhle bei


Schelklingen auf der Schwäbischen Alp eine etwa
35.000-40.000 Jahre alte Venusskulptur30. Eine
androgyne Skulptur aus Gagarino mit einer zugehörigen
androgynen Grabfund von Sungir werden einem Alter von
21.800 Jahren zugeordnet.

D ie religiöse Entwicklungsgeschichte ist somit bereits


Jahrtausende alt, wird geprägt von Irrwegen und
Fehldeutungen, die in langwierigen und blutigen
Religionskämpfen verteidigt, aufgegeben und korrigiert
worden sind. Nach Meinung der Meise gehören die religiöse
Entwurfsfehler zu den schlimmsten Macken der Menschheit,
die man auch heute noch anstandslos als gottgegeben begrüsst.

29
"A history of God", Karen Armstrong (1993)
30
Quelle: Venusskulptur .

72
73
Drittes Buch
von der Geburt der
Mythologie

74
Das Märchen vom
Alfadur Odin
nach den Gemälden
der menschlichen Macke

75
7 Von der Mythologie

I n Anbetracht der Schadhaftigkeit der Schöpfung taten


sich die Meise und die Macke zusammen und
entschieden sich zur Neubeschriftung
Schöpfungslegende, wobei die Macke malte und die Meise
schrieb.
der

D enn vieles wurde gemalt und geschrieben, aber


letztendlich bleibt uns nur die Wahrheit oder der
Wahnsinn, die ja am Anfang mit den gleichen
Lauten beginnen, aber im Ergebnis nur einen Sinn machen...

Alfadurs Palast

Z ur damaligen Zeit weilt auf einer westlichen Insel der


edelste und mächtigste Gott aller Menschen, der
deshalb auch der Alfadur gennant wurde. Er wurde zur
Luft, zur See und zu Land zum Licht und zur Leuchtkraft des
Menschheit, und somit auch als der oberste Hüter des Krieges
und Anführer der Wissenschaft betrachtet.

A ls Erfinder der nuklearen Zauberkunst, der


elektromagnetischen Fernsicht und der Runenrechner
konnte er die Zukunft lesen. So wurde sein Thron
Hlidskialf auf einer Höhe platziert, damit er die gesamte Welt
überschauen konnte. Man betrachtete den Alfadur auch als den
obersten Richter, der die Seelen der Sauberen im Gimle
belohnte und die Bösen zum Tode ins Helheim und von dort ins
Niflheim verwies.

76
J eden Morgen nach dem Erwachen, einem Toilettengang
und einem ausgiebigen, Met-geschwängerten Frühstück
nahm Alfadur in seinem Palast als oberster Rechthaber
inmitten seiner zwölf Asen Platz auf seinem Hlidskialf, von wo
er seine reichhaltigen Weisheit über das Volk verbreitete.

Abb. 6: Alfadurs PALA$T Walhalla

A lfadurs Palast auf dem Walhalla wurde zur Schärfung


der Sinnen von brennenden Cigaretten getragen,
denn es wurde als erwiesen betrachtet, dass der
Verstand sich vom Nikotin ernährt und beflügelt. So befand
sich sein Arbeitszimmer im hinteren Teil des Walhalla, wo der
Qualm am berauschendsten und intensivsten auf seinen
Verstand einsprach.

77
$ ein symbol war das durchgestrichene €$, denn €$ stand
in einem Fibel geschrieben, dass man sich sein €$ nicht
vermurksen oder durch Reichtum verschandeln solle...

Das Kraftwerk Windeskalen

D as Walhalla lag am Fuße des Kraftwerks


Windeskalen, wo vermummte Zwerge die
Zauberkraft aus den Erdkerne erpressten und im
Windschatten für den weltweiten Export auch in nuklear-
dichten Eichenfässern verfrachteten.

Abb. 7: Das Kraftwerk Windeskalen

78
E s war ihnen so warm, dass man das Nordmeer damit
auf 24 Grad beheizen und somit mid-winterlich darin
baden konnte...

Vom nuklearen Überdruss

Abb. 8: Von der Erpressung der Nukleonen

W as in die Fässer nicht passte, wurde von den


jungen Mädchen der Jungschar mit der Laute
gefügig gemacht, die ansonsten aber nur Strand-
volleyball gespielt haben wollen.

D a es nun von den erpressten Erdkernen derart


reichlich floss, blieb so vieles als Überdruss übrig,
das man es gar in das weite Meer heraus rinnen
lassen konnte, wo es als leuchtendes Beispiel für die rührigen
Industrie auf dem Strand zurückblieb.

79
Vom Zwerglein Mimir

A lfadur war ein gebrechlicher Einauge, nachdem er


das andere dem seelenrühigen Zwerglein Mimir in
Tausch für einen Trunk aus der Quelle der Weisheit
verpfändet...

D as Auge war aber scharf wie sein Gericht und dazu


verfügte er auch über zwei Geheimdienste, die sich
als Raben Hugin und Munin getarnt.

Abb. 9: Das Zwerglein Mimir in seiner Höhle

80
Von den Fotograben

D ie rabenschwarzen Fotograben flogen zu allen Teilen


der Welt, speicherten die Bilder in ihrem
fotografischen Gedächtnis und setzten sich auf
Alfadurs Schultern, um ihm die Neuigkeiten ins Ohr zu
flüstern. Deshalb nannte man ihn manchmal auch einen
Rabengott.

Abb. 10: Der Alfadur mit dem


Fotograben

S peisen benötigte der Alfadur kaum und so warf er was


man ihm vorsetzte den Wölfen Geri und Freki, die er
mit eigener Hand anfütterte und die ihn als ihren
Totengott verehrten. Nur das Getränk, das ihm die lieblichen
Mista und Nista reichten, genoss er aus einem goldenen
Becher.

81
Alfadur Odin

F
verbarg.
ür gewöhnlich bildete man Alfadur als einen Greis mit
einem langen Bart in einem dunklen Mantel, dessen
Gesicht sich normalerweise unter dem Schlapphut

Abb. 11: Alfadur Odin

82
Die Wunderwaffe Gungir

Abb. 12: Die Wunderwaffe Gungir

A ls Kriegsgott trug er aber einen goldenen Helm,


einen leuchtenden Rüstung und die Wunderwaffe
Gungir, die aus einem Zweig der heiligen Weltesche
Yggdrasil stamme.

D
werden.
a Gungir aber selbst über keinen Magen verfügte
musste sie aber allmorgendlich mit der vor-
verdauten Speisen seiner Mannschaft aufgeladen

83
Vom 12-nächtigen Midwinterfest

A ls wichtigstes Fest zum Kriegsgott feierte man das


Midwinterfest als Urlaubsfest mit zwölf Nächten, in
dem man dem Alfadur allerlei Tiere und Kuchen
opferte, auf dass er mit seinem Gefolge die wilde Jagd ausreite
und im Hellejagd als Windgott die Äcker und die Actien
befruchtete.

A m Strand jedoch herrschte ein lustiges Treiben, in


dem die Händler mit der Laute um der Leuten Liebe
buhlten, während sich die Wölfe Geri und Freki
nach dem exzessiven Male manchmal ausgiebig mit der
Jungschar vermählten.

Abb. 13: Aus dem letztjährigen Midwinterfest

84
Vom Lob der Mista und Nista...

V on den Mädchen Mista und Nista aber wird


anschließend der Alfadur gelobt, den an Nichts fehlt es
den Feiernden bis zum Ende der zwölften Nacht...

Abb. 14: Vom Lob der Mista und Nista

85
Vom Platzen der Börsenblase...

D as Nordlicht ist eines der bezaubernden


Gottesgeschenken und wer €$ sich leisten kann
nimmt Platz in die Seifenblase der Malströms um
sich diesen Sonnenstrahlen auszusetzen, denn nichts ist so
schön wie der Orgasmus der Gier beim Platzen der Blase...

Abb. 15: In der Seifenblase der Börse

I n diesem Nordlicht reiten die Walküren auf ihren silbrig-


weißen Rössern aus zum Schlachten, wobei sich Alfadur
gerne als tierisches Monstrum verkleidet.

86
Vom Zaubertrunk Kvasir

U nd wie einst der Alfadur naschen dann auch immer


die Krieger vor den Schlachten von dem
Zaubertrunk Kvasir aus dem Kessel Odrerir, denn
die Kwasten der Zwergen macht den Menschen Mut, sodass
der Schmerz verschwindet und die Weisheit kommt.

D amit man nicht zuviel nimmt wird der Trunk vom


Riesen Suttung im Felsen seiner Tochter Gunlöd
aufbewahrt und wurde ein scharfes Gesetz von 0,8
Promille31 im Grundbuch vereinbart...

N ach der Einnahme des Kvasirs flackert das Nordlicht


ganz plötzlich, wonach es für gewöhnlich langsam
verblasst und alsbald endgültig schwindet. Auch
zeigt es sich manchmal in hellroten Flammen und taucht dann
die Landschaft in surrealistischen Farben, denn über der realen
Welt ruht die über-reale,
– deren Gewässer purpurrot und deren Böden blau
danieder liegen,
– deren Reiter ohne Rüstung schmerzfrei kämpfen und
anschliessend ins Gimle wandern, das bei den
Schwaben auch das „Himmle“ heisst.
– und deren Säulen amtlich TÜV-geprüft und wie von
Hansgrohe säuberlich gefiltert dastehen.

31
Im Ostreich aber nur außerhalb des östlichen Ortskernbereichs.

87
Abb. 16: Vom der über-realen Welt

A ls der Alfadur Odin den Kvasir mal nahm, blieb ihm


nichts anderes übrig als sich in eine Schlange zu
verwandeln und so drang er in die Grotte Gunlöds
ein, ertrank den Kessel Odrerir über allen Massen und flog
dann geölt und gesalbt als ein Adler zurück zu seinen Asen, von
wo er auch heute noch seinen Untertanen im berauschten
Zustand aus den Fernen des Walhallas überblickt.

88
Nomen sit Kohlem

S o sagte der Eine dann doch zur andren Götterhälfte:


„Wahrlich, in deinem Bilde hast Du dir einen neuen
Menschen erschaffen!

W
nennen?“
ie dem Golem müssen wir ihm nur noch ein neues
Leben anhauchen, damit er von diesem Gemälde
herunter steige... Sag mal, wie wollen wir ihn

So sagte der Eine dann zum Schluss:

W ahrlich, nur die Andren können auf solch weisen


Worten weisen. Da er am meisten Aufwand auf die
Beschaffung seiner Kohle zu verwenden scheint,
wollen wir ihn Kohlem nennen, denn schon immer galt das
Sprichwort:

Nomen est Omen,


Nomen sit Kohlem.

S o endete das Präludium dieses Intermezzos der


Menschheitsgeschichte. Da es sich um den 42en
Anlauf des fünften Versuchs handelt, lohnt sich kaum
eine umfassende Dokumentation, außer den 61 Miniaturen, die
der Eine oder die Andre ohnehin zusammen gekritzelt hatten.
Und dem ist nun nichts sinnvolles mehr hinzu zu fügen...

89