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Santiago Genovés

Die
Arche
Acali Sechs Frauen
und fünf Männer
vier Monate
auf einem Floß
über den Atlantik -
das größte
Gruppenexperiment
der modernen
Verhaltensforschung
Einzig berechtigte Übertragung
von Ursula von Wiese und Gerhard Vorkamp.
Titel des Originals: „Acali".
Alle Bilder stammen vom Autor.
(Eine umfangreiche Bibliographie
der vom Autor bei seinen Forschungen benutzten Literatur
findet sich in der Originalausgabe).

© 1975 by Santiago Genoves & Librairie Artheme Fayard.


Gesamtdeutsche Rechte beim Scherz Verlag, Bern und München.
Lizenzausgabe mit Genehmigung des Scherz Verlages, Bern,
für Bertelsmann Reinhard Mohn O H G , Gütersloh,
die Europäische Bildungsgemeinschaft Verlags-GmbH, Stuttgart,
und die Buchgemeinschaft Donauland, Kremayr und Scheriau, Wien.
Diese Lizenz gilt auch für die Deutsche Buch-Gemeinschaft
C. A. Koch's Verlag Nachf., Berlin - Darmstadt - Wien.
Druck u. Bindearbeit: Mohndruck Reinhard Mohn O H G , Gütersloh
Printed in Germany • Buch Nr. 02757 3
Für Andrée und für Diego.
Für Aischa, Ana, Antonio, Emiliano,
Esperanza, Ingrid, Komico, Marcos,
Sofia, Teresa, für ihre Eltern und
ihre aufrichtigen Freunde.
Die Acali-Expedition

Besondere Symptome im Besondere Symptome im


physischen Zustand sozialpsychologischen Zustand

Aischa Erbrechen. Seekrankheit. Bewahrt Haltung.


Schmerzhafte und sehr starke
Monatsblutungen.

Santiago Blinddarmreizung. Verletzung Ein Streit. Arbeits-, verantwor-


am Finger. Schnittwunden am tungs- und altersbedingte Mü-
ganzen Körper. digkeit. Schlaflosigkeit.

Sofia Heftige Magenschmerzen. Stich Zwei Weinkrämpfe. Gegen Ende


einer «Portugiesischen Ga- leichte Depression. Eifersucht.
1
leere» . Verletzung an der
Augenbraue.

Emiliano Seekrankheit. Erbrechen. Anfangs leicht depressiv.

Ana Verletzung am Fuß. Fußpilz. Leichte Nervosität. Sexuelle


Halsschmerzen. Zahnprobleme. Frustration.

Antonio Einen Monat lang seekrank. Wird schnell nervös. Zwei nerv-
Ständiges Erbrechen. Geschwür. liche Krisen. Eifersucht. Sexuelle
Stoß in den Magen. Frustration.

Ingrid Schmerzhafte Pickel am Gesäß. Häufige Tränenausbrüche. A n -


fall von Depression.

Komico Durch Taue wundgescheuerte Nervosität. Weint einmal.


Hände. Verletzungen an den Selbstmordversuch? Eifersucht.
Füßen. Seekrankheit. Sexuelle Frustration. Mord-
gedanken.

1
Quallenart.
Besondere Symptome im Besondere Symptome im
physischen Zustand sozialpsychologischen Zustand

Esperanza Verstopfung. Seekrankheit. Gleichgültigkeit. Schlafsucht.


Menstruationsbeschwerden.

Marcos Schneidet sich in den Finger. Sondert sich ab. Versponnen.


Verletzung am Fuß.

Teresa Seekrankheit. Häufiges Erbre- Weint oft. Anfall von Depres-


chen. Schwere Verletzung im sion. Hilft sich mit Singen und
Gesicht und am Hals. Pfeifen. Eifersucht. Sexuelle
Frustration.
Delphine, Familie, Sex, Rasse, Reibungen, Kon-
flikte, Angst, Eifersucht, Liebe, Abenteuer,
Gelehrsamkeit, Wale, Meer, Sterne, Männer,
Stürme, Frauen, Priester, Wissenschaftler,
W i n d , Berater, Haie, Poesie, Religion, Inzest.

Nicht um das eine oder das andere, um alles


zugleich handelt es sich.

Ein Forschungsprojekt.
Ein Friedensprojekt.
Eine Verhaltensstudie.
Ein Studium der Umweltverschmutzung.
Das erste Floß, das Afrika mit Mexiko verbindet.

Zwischen den Forschern, die an Land geblieben sind,


und uns, die wir uns aufs Meer gewagt
haben, entstanden Spannungen. Es gab Neid,
Eifersucht, Angst. A u f dem Floß und fern
dem Floß. Innerhalb der Wissenschaft und außerhalb
der Wissenschaft. Um all das geht es bei dem
Experiment Acali.
Einleitung
A u f einem Floß den Atlantik und die Karibische See zu überqueren, ist nicht
einfach. Das Meer kann furchtbar sein, und ein Floß ist winzig. W i r sind keine
Seeleute. Aber mit den Gefahren der See wollen w i r uns hier nicht aufhalten.
Die Stunden der Angst, der Todesfurcht, der Verzagtheit - bei Tag wie bei
Nacht, vor allem nachts - mag sich ein jeder ausmalen. Uns interessiert das
Floß, sein Innenleben, sein Bild, das die Menschen an Land von ihm haben, mit
einem Wort: das Experiment Acali - nur daß dieses eben im Rahmen eines
einzigartigen Meeresabenteuers abläuft.
Es ist ein Unterschied, ob man als Überlebender eines Flugzeugabsturzes, als
Schiffbrüchiger, als Insasse eines Konzentrationslagers oder eines entführten
Flugzeugs ungewollt in eine extreme Situation gerät oder ob man, um eines
bestimmten experimentellen Zieles willen, freiwillig Gefahren und Entbehrun-
gen auf sich nimmt. Niemand versteht das besser als meine Frau Andrée, nie-
mand hat mir so geholfen wie sie, die selbst an der Überfahrt nicht teilnahm und
doch mit Leib und Seele dabei war.
Ihr, meinem Sohn Diego und allen, die sich freiwillig und mutig entschlossen
haben, die Gefahr mit mir zu teilen, mir zu vertrauen und sich auf etwas ein-
zulassen, von dem sie nur eine ungefähre Vorstellung hatten, widme ich dieses
Buch.
Seit unserer Ankunft in Cozumel (Mexiko) veröffentlichen Zeitungen und
Illustrierte Äußerungen, die unseren Freunden und Bekannten in den Mund
gelegt werden. Von Sexorgien ist die Rede, von Feindschaften innerhalb der
Gruppe, von der zweifelhaften Rolle des Geistlichen; zwei weibliche Expedi-
tionsmitglieder haben angeblich ein belastendes Tagebuch geführt, wissen-
schaftliche Berater dieses und jenes behauptet oder sich vielsagend ausgeschwie-
gen. Aus rein kommerziellen Erwägungen oder um Vorurteile zu bestätigen,
wird eine Flut von Tinte verspritzt.
Ich habe Männer und Frauen verschiedener Rasse und Religion, die ich zu-
fällig traf, überredet, mit mir in die Arena eines römischen Zirkus zu treten.
Doch entgegen den Erwartungen der unwissenden, unverständigen Zuschauer
haben die Löwen uns nicht gefressen; und was noch ungewöhnlicher ist: W i r
haben uns auch gegenseitig nicht gefressen.
In diesem Buch nun wollen w i r versuchen, die Probleme, das Verhalten und

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die Sorgen, mit denen wir die Reise angetreten haben, deutlich und verständlich
zu machen.
Es gibt heutzutage ein Überangebot an wissenschaftlichen Kongressen zur
Frage der «angeborenen Aggressivität», und man streitet sich darüber, ob be-
stimmte Konflikte - Vietnam, Irland, Biafra, Flugzeugentführungen, Kennedy-
Morde, Ku-Klux-Klan, Apartheid - eine biologische Wurzel haben. Konrad Lo-
renz erhält den Nobelpreis. Pierre Karli bestreitet seine These. Lorenz ver-
teidigt sie. Ist der Mensch ein geborener Mörder? Nein! Ja! Nein! Ja!
Ich bin Biologe, ich bin Mensch. Unsere Konflikte entstehen nicht im Bereich
der Biologie, sondern in dem der Kultur, der Gesellschaft. Darum geht das
Acali-Experiment einen anderen Weg. Es beginnt lange vor der Reise und ist
noch nicht zu Ende. Dieses Buch erzählt seine Geschichte. Es ist eine lange Ge-
schichte. Sie wimmelt von Irrtümern. Aber wir verstecken uns nicht, wir stel-
len uns den Problemen.
«Er wollte mit mir schlafen, das ist alles.» (Teresa in Cozumel.)
«Ich durfte nicht durchs Radio sprechen.» (Ingrids Tagebuch.)
«Sie stellen sich in einem erbärmlichen Licht dar, Herr Professor Genoves.»
(Ein Psychiater in Cozumel.)
«Ich kann sie (Ingrid) nicht riechen, sie ist unerträglich.» (Anas Tagebuch.)
«Es kommt noch so weit, daß w i r mit dem Priester schlafen.» (Teresas Tage-
buch.)
«Ich werde ihm (Santiago) nie mehr vertrauen.» (Antonio an Bord und in
Cozumel.)
«Ich gäbe meine rechte Hand, wenn ich ihn auf eine neue Expedition begleiten
dürfte.» (Antonio einen Monat später.)

Ausgedacht habe ich mir das Experiment, und ich habe auch das Floß bauen
lassen, mit dem wir, nur vom Nordäquatorialstrom und den Passatwinden ge-
trieben, in 101 Tagen den Atlantik und die Karibische See überquert haben.
Männer und Frauen auf engstem Raum vereint, eingeschlossen in einem idealen,
weil nicht verlaßbaren Verhaltenslaboratorium, in ständigem Kontakt unter-
einander, Gefahren ausgesetzt, angsterfüllt, manchmal zufrieden. W i r waren
alle Freiwillige.
Acali ist ein wissenschaftliches und zugleich menschliches Experiment. Sein
Ziel: mehr zu erfahren über zwischenmenschliche Beziehungen. W i r wissen
noch so wenig von Sexualität, Rassen, Nationalismus, Promiskuität, Charakter,
Temperament, Kultur, Wissenschaft, Technik; sehen uns immer aufs neue Pro-
blemen der Aggression, der Spannungen und der Gewalt gegenüber, obwohl
gerade das die Themen sind, mit denen Forscher aller Disziplinen sich befassen.
Aufgrund des gesammelten Materials werde ich im Verlauf des Berichts

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Dinge sagen, die einigen Teilnehmern oder wissenschaftlichen Mitarbeitern
sicher nicht behagen.
Acali bedeutet für alle Beteiligten das nicht unerhebliche Risiko einer phy-
siologischen und seelischen Störung, etwa des inneren Gleichgewichts oder gar
der Lebenssituation selbst. Dieses Risiko gehen wir ein, weil wir glauben, daß
das Experiment zu einem besseren Verständnis menschlichen Verhaltens bei-
tragen kann und letztlich wieder dem sogenannten «normalen» Leben zugute
kommt. Denn von einer wissenschaftlichen Erkenntnis dessen, was in dem
Labyrinth menschlicher Beziehungen auf diesem einsamen, «Erde» genannten
Floß normal ist, sind wir weit entfernt.
Ich trete in dem Bericht als einziger unter meinem richtigen Namen auf - die
der anderen wurden geändert - und exponiere mich damit in ähnlicher Weise,
wie ich es auf der Acali in Gefahrenmomenten oder bei schwierigen Seelenlagen
auch tun mußte. Im Grunde eine törichte Maßnahme, denn wer uns nahesteht,
wird uns ohnehin sofort erkennen, und den anderen Lesern dürfte es völlig
gleichgültig sein, ob aus einem Pedro ein Juan geworden ist.
Bei der Schilderung und Auswertung der Acali-Expedition gehen wir, vor
allem zu Beginn, auf die grundlegende Problematik des Projektes ein. Die
101 Tage, die nach Meinung vieler Soziologen zwölf bis fünfzehn «normalen»
Lebensjahren entsprechen, sind eine lange Zeit. Einigen von uns w i l l es nicht
gelingen, nach der Ankunft in Cozumel von den schweren Wochen, die w i r
durchlebt, und dem Bild, das wir uns voneinander gemacht haben, Abstand zu
gewinnen. Trotzdem: Der Erlebniswert und der wissenschaftliche Ertrag unserer
Ozeanüberquerung reichen auch so über den engen Rahmen des Floßes weit
hinaus. Um es noch einmal zu betonen: Acali stellt auch ein menschliches Ex-
periment dar, das haben die Beteiligten, jeder nach seinen Möglichkeiten, sehr
wohl begriffen. Abgesehen von der menschlichen Komponente, haben wir es
oft genug auch mit dem gewaltigen Kosmos Meer zu tun. Winde, Wale, Haie,
Verschmutzung, Delphine, fliegende Fische, Frachter, Sterne, Nächte, Stürme
und Wirbelstürme.
Vor und nach der Reise und in kleinerem Umfang auch unterwegs werden die
Teilnehmer gründlich untersucht. A u f See füllen wir alle in regelmäßigen A b -
ständen Fragebogen aus, zum Teil vorbereitete, zum Teil an Bord entworfene,
mit denen versucht w i r d , die menschlichen Beziehungen zu erfassen. Gefragt
wird etwa nach Familie, Konflikten, Sexualität, Rasse, Gewalt, Intelligenz,
Angst, Affektivität, Religion, Langeweile, Freundschaft, Feindschaft usw.
Jede Woche gibt jeder eine tabellarische Übersicht seiner Beziehung zu den
anderen und am Schluß des Experiments ein Charakterprofil seiner Kameraden.
Jeder beschreibt seine Stimmungen, fällt Urteile, erklärt, welche Bedeutung das
Experiment für ihn hat.

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Unterdessen erforschen an Land Psychologen und Soziologen, was Ver-
wandte, Kollegen und Freunde von dem Experiment halten.
An Land w i r d auch psychologisches, psychiatrisches und graphologisches
Material der Teilnehmer zusammengestellt und unter Berücksichtigung der
Lebensbedingungen an Bord - zum Beispiel des engen Raumes - ausgewertet.
Natur- und Geisteswissenschaftler in Amerika, Frankreich und Mexiko können
so Hypothesen aufstellen, wie die zwischenmenschlichen Beziehungen sich im
Verlauf der Reise entwickeln werden.
Die psychologischen Tests nicht mitgerechnet, wurden auf dem Floß ins-
gesamt 46 Fragebogen ausgefüllt. Davon sind 31 vor der Reise ausgearbeitet,
drei von den Teilnehmern und 12 von mir unterwegs angeregt worden. Die
Gesamtzahl der Antworten beläuft sich auf 8079. Hinzu kommen 2442 per-
sönliche Anmerkungen der Teilnehmer in Form von Tabellen und 65 Text-
seiten sowie 1042 Seiten mit meinen Beobachtungen.
Alle Antworten und Niederschriften lassen sich in folgende Gruppen auf-
teilen:
Zwischenmenschliche Beziehungen 5819
Sexualität 858
Träume 132
Reiseerlebnis 396
Reibereien, Aggression, Gewalt 363
Sprache 33
Führer - Führerschaft 418
Familie 55
Moral und Religion 55

Anhand der Analyse dieses Materials, bereichert um die durchlebte Erfah-


rung, ziehen w i r unsere Schlüsse und stellen unsere Hypothesen auf.
Allen Personen, Instituten und Organisationen in der ganzen Welt, die mit-
gearbeitet und unser Experiment ermöglicht haben, gilt unser Dank.

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Erster Teil
Von Mexiko
nach den
Kanarischen
Inseln
Das Abenteuer
beginnt schon
bei der Vorbereitung
Am Anfang . . .

Seit der ersten Ra-Expedition im Jahre 1969 bin ich mir darüber im klaren, daß
es keine bessere Versuchsanordnung für das Studium menschlichen Verhaltens
gibt, als in einer Nußschale auf dem Meer zu schwimmen. Die Idee, ein Floß
zu entwerfen, das «ausschließlich» dem Zweck dient, Leben zu beherbergen, zu
experimentieren, Nachweise zu führen, hat mich nicht mehr losgelassen.
Acali muß gebaut werden. Aber wie?
A u f einer Sitzung der Mexikanischen Gesellschaft für Numismatik, deren
Mitglied ich bin, lerne ich einen reichen Industriellen kennen. Meine Idee ge-
fällt ihm, er verspricht, mir zu helfen. Das ist im Oktober 1972. Er hält Wort
und denkt über Möglichkeiten der Finanzierung nach. Darüber bin ich beson-
ders deshalb froh, weil mir daran liegt, daß die Initiative von der Dritten Welt,
von Lateinamerika, von Mexiko ausgeht.
«Jetzt oder nie, Professor Genovés! Reden Sie mit dem Präsidenten!»
Im Palais Los Piños findet ein Frühstück für etwa achtzig Gelehrte statt, de-
nen Präsident Echeverría Gelegenheit gibt, über Forschungsprojekte mit ihm zu
sprechen.

Erste Vorbereitungen

W i r haben den 1. Dezember und müssen Mitte Mai in See gehen. Dazu ist nö-
tig, daß wir:
1. ein Floß entwerfen und bauen -
2. die Teilnehmer zusammenstellen -
3. einen qualifizierten Beraterstab für Anthropologie, Soziologie, Psychia-
trie, Medizin, Psychologie, Meeresverschmutzung, Graphologie und Navigation
gewinnen -
4. in Mexiko, wo ich mich selten aufhalten werde, ein zentrales Büro ein-
richten und eine Sekretärin einstellen, die das Geld verwaltet.
Und das Ganze mit all seinen Nebenaspekten soll gleichzeitig und aufeinan-
der abgestimmt anlaufen.

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Der Entwurf des Floßes

Die Transportes Maritimos Mexicanos, Erste Reederei im Lande, vermitteln,


mir den Schiffskonstrukteur José Antonio Mandri, einen ernsten, aber nicht
humorlosen jungen Mann, dem ich in großen Zügen erkläre, wie ich mir das
Floß denke.
«Geht in Ordnung. Die Idee gefällt mir. Übermorgen haben Sie ein Modell.»
Mandri und seine Frau verbringen eine schlaflose Nacht. Einen Tag darauf
zeigen sie mir das Modell.
«Es ist wunderschön, aber unbrauchbar, es ist kein Floß.»
Einem Schiffbauingenieur fällt es schwer, sich von schulmäßigen Vorstellun-
gen freizumachen. Mandri baut prachtvolle Schiffe, die schnell und schnittig die
Meere durchfahren. Aber ein Floß ohne eigenen A n t r i e b . . . Ich lasse nicht
locker.
«Wir wollen ein Floß, Mandri. Eine schwimmende Insel, die nicht untergeht.
Nicht etwas, das fährt, sondern etwas, das einfach dahintreibt.»
Mandri verspricht mir ein neues Modell und zieht betreten ab. Bis zum A b -
flug nach London bleiben uns zwei Tage Zeit.
Ich setze mich mit dem Leiter des Amtes für Umweltschutz in Verbindung,
der größten Wert auf die Beobachtung der Wasserverschmutzung legt und mir
entsprechende Personalvorschläge macht.
«Uns interessiert vor allem die Karibische See, Professor Genovés, wie Sie
wissen, ein ebenso unbekanntes wie gefährliches Meer. Sie haben von den bei-
den Ra-Expeditionen schon recht aufschlußreiche Wasserproben mitgebracht,
die Rückschlüsse auf den Grad der Ölverseuchung im Atlantik erlauben. Aber
unser Gebiet ist der karibische Raum.»
«Ich sagte schon, daß es uns in erster Linie um eine Verhaltensstudie geht
und daß wir zu diesem Zweck auf die Atlantiküberquerung nicht verzichten
können. M i t etwas Glück kommen w i r bis Mexiko, können unser Experiment
zu einem guten Ende führen und Ihnen auch Wasserproben aus der Karibischen
See mitbringen.»
I n der Maschine nach London w i l l Mandri sich mit mir natürlich über Ver-
haltensfragen unterhalten und ich mich mit ihm über das Floß. W i r verstehen
uns gut. Er ist Schiffskonstrukteur, dafür habe ich praktische Erfahrung im
Floßbau und kann ihm viele Anregungen geben, zum Beispiel, wo w i r das
Trinkwasser, das Brennmaterial, die Lebensmittelvorräte unterbringen. Dann
möchte ich eine A r t Oberdeck haben, auf das man sich zurückziehen kann; das
Steuerruder soll so hoch wie möglich sitzen, überhaupt sollen mehrere Ruder da
sein, für den Fall, daß eins bricht - und dergleichen mehr.
Hundertmal habe ich mir alles - oder fast alles - überlegt, und in dem Maße,

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wie ich beginne, mit dem Floß zu leben, merke ich, daß ich immer empfindlicher
auf den täglichen Kleinkram und die Vorschriften reagiere, die unser Leben be-
lasten. Zum Beispiel müssen wir im Flughafenrestaurant von New York fast
eine halbe Stunde warten, bis ein Tisch für zwei Personen frei wird, obwohl
siebzehn Tische - für vier Personen - unbesetzt sind. Mandri und ich schließen
uns zwei Frauen an, die in der gleichen Lage sind, und setzen uns an einen
Vierertisch. Vielleicht w i r d die Bürokratie, dieser Gedanke kommt mir beim
Start der Maschine, uns eines Tages eine echte Demokratie und eine echte So-
zialisierung bescheren, weil arm und reich sich gegen sie verbünden müssen. Der
Besitzer, die Geschäftsführerin und das Personal dieses Selbstbedienungsrestau-
rants gehörten eigentlich auf mein Floß; sie würden verwandelt zurückkehren.
Das Modell, das w i r nach London mitnehmen, kommt meiner Vorstellung
schon näher. Ich habe Mandri so sehr eingebleut, daß ich ein Floß ohne Komfort
brauche, daß das Kajütdach niedrig sein soll und das Floß weder Bug- noch
Hecksteven haben darf, daß er nun ins Gegenteil verfallen ist. Es fehlte nicht
viel, so hätten die Nägel aus den Wänden hervorgeguckt.
Strenggenommen, führen mich drei Gründe nach London: die Meinung von
Fachleuten einzuholen, ob mein Floßkonzept richtig ist; zu sehen, ob ich es in
England bauen lassen kann; und mich über Wirbelstürme zu unterrichten.
«Setzen Sie sich mit dem Konstrukteur Colin Mudie in Verbindung», rät
mir der Direktor einer großen Reederei.
«Colin Mudie ist der richtige Mann für Sie», bestätigen mir drei Kapitäne.
Und der berühmte George Neish, ehemals Konservator am Marinemuseum in
Greenwich, ist derselben Meinung.
Im Dezember 1958 war Colin Mudie mit seiner Frau Rosemarie, mit Arnold
Eiloart und mit seinem Sohn Tim von Teneriffa aus zu einer Ballonfahrt über
den Atlantik gestartet. Die ersten zwölfhundert Seemeilen schaffte der Ballon
Small World nicht ohne Schwierigkeiten, dann fiel er ins Wasser. Mudie hatte
diese Möglichkeit einkalkuliert und die Gondel so konstruiert, daß sie damit in
vierundzwanzig Tagen bis Barbados kamen.
Er braucht mehrere Tage, um die Pläne zu überarbeiten. Unterdessen infor-
miert Mandri sich am Londoner Imperial College of Science and Technology
über W i n d - und Strömungsverhältnisse im Atlantik, über Wirbelstürme und
die Häufigkeit ihres Auftretens in den letzten hundert Jahren. Ich kümmere
mich um eine Werft und strecke erste Fühler nach möglichen europäischen Teil-
nehmern aus. Wo es eben geht, erwähne ich nicht, daß die Besatzung aus Män-
nern und Frauen gemischt sein w i r d , denn dann kommen w i r sofort vom
Thema ab, und ich verliere viel Zeit.
In den fünfziger Jahren studierte ich in Cambridge und lernte dort Profes-
sor Spencer kennen - wohl den gebildetsten Menschen, dem ich je begegnet bin.

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Er hatte die Kultur im Blut, wie Lorca sagen würde. Spencer lebte allein und
war etwas weltfremd und menschenscheu. Zur Pflege seines riesigen Gartens
brachte er sich aus Griechenland einen gewitzten und sympathischen jungen
Mann mit. Antonio ist heute Besitzer eines der besten Restaurants von Cam-
bridge und hat Spencer mit seiner ganzen Sippe beglückt: Schwestern, Brüder,
Vettern, Verwandtschaft jeden Grades, insgesamt an die sechzig Personen, hat
Antonio nach Cambridge geholt.
«Hören Sie, Santiago, Antonio ist verrückt! Er w i l l allein i n einem Segel-
boot um die Welt segeln und bildet sich ein, das bißchen, was er von der See-
fahrt weiß, genügt. Es ist sein sicherer Tod. Was Sie gemacht haben, hatte einen
Sinn. Wenn Sie bei der Ra-Expedition Ihr Leben gelassen hätten, wäre es zu
etwas nütze gewesen. Aber was Antonio vorhat, führt zu nichts. Wenn Sie ihn
sehen, reden Sie ihm den Unsinn aus.»
Was später dazu führte, daß Antonio sich als Funker mit uns einschiffen
wird.
Um die äußerst gefährliche Passage zwischen dem Kap Juby und Fuerteven-
tura zu vermeiden, bin ich entschlossen, nicht von Marokko, sondern von den
Kanarischen Inseln aus zu starten. Außerdem bieten sie den Vorteil der ge-
meinsamen Sprache, wenn ich auch Mexikaner bin und mein Land mit Franco-
Spanien keine diplomatischen Beziehungen unterhält. Des Regimes wegen habe
ich Spanien ja verlassen: Inschallah ...
In der Londoner Botschaft erwartet mich eine kalte Dusche. Ein Wasserfahr-
zeug - und gar ein Floß - bauen und ordnungsgemäß registrieren zu lassen, er-
fordert ein wahres Gebirge von Papier. Ein Floß befördert keine Passagiere und
keine Fracht; ist kein Fischkutter, kein Segelboot, keine Luxusjacht; nirgendwo
läßt es sich einordnen. Und so müssen wir trotz Unterstützung durch die Bot-
schaft stundenlang Formulare ausfüllen, um alle notwendigen Genehmigungen
und Unterlagen zu erhalten.
Ich sehe mir den Film Clockwork Orange an. Bilder von mutwilliger Gewalt
zeigen uns die Welt, in der w i r leben, und leider auch die Welt, die uns erwar-
tet. Obwohl das Thema nicht unmittelbar angesprochen wird, führt der Film
die brutale Verständnislosigkeit vor Augen, die die Generationen trennt. Die
Gegenmaßnahmen gegen die Gewalt, die er vorschlägt, sind freilich völlig ir-
real; natürlich ist es leichter, Probleme aufzuzeigen als Lösungen. Auch Acali
w i r d keine Lösung sein, aber über die einfache Problemstellung trotzdem hin-
ausgehen.

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Auf der Suche nach möglichen Teilnehmern

«Schwedinnen sind freier; so frei, daß sie auch nein sagen können», erklärt mir
der schwedische Botschafter einige Tage darauf in Mexiko. Offenkundig nimmt
er an, ich suchte eine Schwedin nach dem Bild, das w i r uns gemeinhin vom Le-
ben in Schweden und insbesondere von der Freiheit der schwedischen Frauen
machen. Der Botschafter vermittelt mir die Bekanntschaft einer Landsmännin
von ihm, die Navigatorin ist.
«Eine Israeli finden Sie nie. Unmöglich. Juden wollen mit anderen nichts zu
tun haben. Ihr Floß w i r d ohne eine Israeli abfahren.»
«Entschuldigen Sie, Herr Botschafter, ich bin nicht hier, um mit Ihnen über
Israelis zu sprechen. Ich möchte, daß Sie mir helfen, eine Libanesin kennenzu-
lernen, die an dem Unternehmen teilnehmen könnte.»
«Juden sondern sich immer ab. Erst sagen sie zu, und hinterher kommt kei-
ner. Sie verlassen das Schneckenhaus ihrer Gemeinde nicht. Die Geschichte be-
weist es.»
Und so geht die Unterhaltung noch zwei Stunden weiter. Der libanesische
Botschafter ist ein kluger, netter Mann, aber ich erreiche nichts bei ihm, so be-
sessen ist er von der Vorstellung, daß keine Jüdin je den Fuß auf mein Floß
setzen wird. Als ich gehe, sage ich mir, gerade für Leute wie ihn muß Acali
Wirklichkeit werden.
«Eine Araberin, die auf sich hält, w i r d es ablehnen, Sie zu begleiten. Es wäre
entwürdigend für sie, sich an der Seite einer Israeli wiederzufinden. W i r würden
uns sofort von ihr distanzieren», sagt der Chef der Arabischen Liga in Paris.
«Der Herr Sekretär sieht Ihren Besuch als eine große Ehre an und ist der Mei-
nung, daß Ihr Schritt angesichts Ihrer großen Verdienste dazu beitragen w i r d ,
die Beziehungen zwischen unseren Ländern zu vertiefen. Das chinesische Volk
war immer der Freund des mexikanischen Volkes, und Ihr Besuch ist uns eine
große Ehre.»
Man hatte mich 1964 nach China eingeladen. Ich äußere meine Bewunderung
für die Errungenschaften der chinesischen Revolution, kann aber in diesem Fall
nichts Konkretes erreichen, und in der Tat wird mir einige Tage später mitge-
teilt, daß eine chinesische Beteiligung an der Acali-Fahrt nicht möglich sei.
Stundenlang erklärte ich mein Projekt einem hohen Beamten der bundes-
deutschen Botschaft. Man ist interessiert, man verspricht, mir zu helfen, man
tut nichts.
«Ich werde mein möglichstes versuchen, Ihr Plan erscheint mir außergewöhn-
lich, aber wie Sie wissen, unterliegen Ausreisevisa in meinem Land einer beson-
deren Genehmigung. Der Termin ist sehr kurz. Ich tue, was ich kann», so der
russische Botschafter, ein liebenswürdiger, höflicher und äußerst humorvoller

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Mann. Ich glaube auch, daß er alles versucht hat, aber die russische Bürokratie
arbeitet nun mal langsam und schwerfällig.
Obwohl das Acali-Experiment von der mexikanischen Regierung gefördert
wird, ist es weder ein staatliches noch ein nationales Unternehmen. W i r sind le-
diglich übereingekommen, daß Regierungsstellen mir helfen - inoffiziell, wohl-
verstanden -, mit Personen verschiedener Nationalität Fühlung aufzunehmen.
So kommt es also, daß ich laufend Kurzfassungen meines Projekts in verschie-
denen Sprachen vortrage und mich lang und breit mit Persönlichkeiten darüber
unterhalte, die zwar «sehr wichtig» sind, aber in anderen - ihren - Sphären
schweben.
Alle diese Bemühungen sind vergeblich oder doch so gut wie. Schließlich
kommt mir der Gedanke, am besten sei wohl noch, meine ausländischen Freunde
um ihre Mitarbeit zu bitten, insbesondere die Anthropologen in aller Welt, die
ich kenne. Das ist wirklich die einzige Lösung.
«Morgen kannst du an das Geld heran, reg dich nicht auf», erklärt mir der
Fernsehdirektor, der unser Vorhaben tatkräftig unterstützt.
«Reg dich nicht auf, flieg nach London, wir überweisen dir das Geld.»
«Reg dich nicht auf, gib das Floß in Auftrag.»
«Reg dich nicht auf, vereinbar etwas mit deinen wissenschaftlichen Beratern.»
«Reg dich nicht auf, flieg nach Los Angeles, wir schicken dir das nötige Geld.»
«Morgen.»
«Reg dich nicht auf.»
« Reg dich nicht auf.»
«Morgen.»
Und so vergehen zwei Monate . . . Und ich rege mich auf, und ich setze H i m -
mel und Erde in Bewegung, und endlich kommt das Geld, und morgen w i r d
heute.

Das Floß

Die Besprechung zwischen Mudie, dem Werftdirektor von Newcastle und


Mandri dauert einen ganzen Tag. Das Floß wird zwölf Meter lang und sieben
Meter breit; die Kajüte mißt vier mal 3,90 Meter, ist aber nur 1,40 Meter hoch.
In sechs Wochen soll das Floß fertig sein.
W i r nehmen 19 Tonnen Ballastwasser mit, und für den Fall, daß w i r kentern,
werden zwischen den drei Kielen zwei Notausstiege angebracht. In der Kajüte
liegen wir alle unterschiedslos auf dem Boden. M i t Ballast ragt der Rumpf bei
ruhiger See und in Häfen etwa 20 Zentimeter aus dem Wasser.
Ich erkläre Mudie, daß ich einen Taucherkorb aus Leichtmetall mit Netz-

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bespannung haben möchte. Damit können wir uns, geschützt gegen Haie oder
giftige Quallen («Portugiesische Galeeren»), zu einem Bad ins Wasser hinablas-
sen.

Reisen: Berater, Teilnehmer und andere

Während ich in Schweden und England versuche, eine für die Seefahrt ausge-
bildete Frau ausfindig zu machen, erledige ich gleichzeitig den für den Floßbau
und die anschließende Überführung nach Las Palmas nötigen Behördenkram;
erkundige mich nach Preisen für Funkgeräte, Tauwerk, Sextanten, Anker
usw.; strecke meine Fühler in Ländern aus, wo ich geeignete Teilnehmer zu
finden hoffe; besuche Kollegen, die mir wertvolle Anregungen für die an Bord
durchzuführenden Untersuchungen geben; kaufe Bücher und setze mich schließ-
lich noch mit einem namhaften englischen Verleger in Verbindung, der vor
Jahren unter dem Titel Is Peace inevitable? eine Arbeit von mir veröffentlicht
hat. Ich erkläre ihm kurz, worum es sich handelt.
«Und wie werden Sie mit sexuellen Problemen fertig, die nicht ausbleiben
werden, Professor Genovés? Und mit der Aggressivität? Was ist, wenn jemand
sich verliebt? Werden Sie alles veröffentlichen?»
Der Verleger begreift, daß wir etwas erforschen wollen, das aus dem Rahmen
des Üblichen herausfällt; er ist zugleich interessiert und erschrocken.
«In der Naturwissenschaft», erwidere ich ihm, «haben w i r keine Bedenken,
in komplizierten Reaktoren Atome zu spalten und uns bezüglich irgendwelcher
Folgen auf den lieben Gott oder die Politiker zu verlassen. In den Geistes-
wissenschaften hingegen gehen w i r viel zaghafter vor. Immerhin handelt es
sich um unser Leben, aber erforschen können oder wollen wir es nicht. Die
Folge ist, daß w i r hinter der Naturwissenschaft herhinken und daß eines Tages
die Protonen die Welt regieren. Es sei denn, wir wagen es, uns selbst zu er-
forschen, und das geht nicht ohne Risiko.»
Der Verleger gibt mir recht.
«Ich habe es schon in dem bei Ihnen erschienenen Buch gesagt, aber ich
glaube, man kann es nicht oft genug wiederholen: Der Friede besteht nicht
darin, daß wir zur Rechten Gottes sitzen oder Pfeife schmauchend in Pan-
toffeln hinter dem Ofen. Friede, das heißt nicht Regungslosigkeit und Still-
stand, sondern Zielstrebigkeit, Anstrengung, ja Wagemut. W i r müssen über
uns und unsere Beziehung zueinander nachdenken, müssen den Menschen
und dieses praktisch unbekannte Land mit den großen weißen Flecken, genannt
«menschliche Beziehungen», erforschen. Wenn ein Schüler in zwei oder drei Fä-
chern hinter den geforderten Leistungen zurückbleibt, muß er die Klasse wie-

23
derholen. In den Geisteswissenschaften sind wir mehrere Jahre hintereinander
sitzengeblieben, aber das wollen w i r nicht wahrhaben. Das Resultat: Irland,
Attentate, Brutalität, Vietnam usw.
Vor extreme Situationen gestellt, zeigen Menschen sich, wie sie wirklich sind.
W i r wollen eine Gruppe so stark isolieren, daß eine Ausnahmesituation ent-
steht, die nicht Theater, sondern Leben ist.»
«Ihr Buch interessiert mich. Doch bevor Sie es schreiben, müssen Sie erst
einmal das Experiment machen. Hoffentlich sehen w i r uns überhaupt wieder.»
«Das hoffe ich auch.»

London: Zwei Telefongespräche überschneiden sich in der Hotelleitung.


«Entschuldigung, ich glaube, w i r haben dieselbe Leitung erwischt.»
«Leg auf, du Kümmeltürke, oder du kannst was erleben!»
Ich habe aufgelegt - und wieder gesehen, wie notwendig Acali ist.

Fortschritte in Paris. Es besteht Aussicht, daß ein Vietnamese oder eine Vietna-
mesin und eine französische Fotografin sich uns anschließen. Zwei Mitarbeiter
eines sozialpsychologischen Instituts stellen sich als Berater zur Verfügung
und haben schon mit der Arbeit begonnen. Auch Pierre Simon, der gerade eine
Untersuchung über das Sexuelle Verhalten der Franzosen abgeschlossen hat,
w i r d als Berater gewonnen.
Ich hetze weiter nach Los Angeles, um mich auch dort mit verschiedenen Be-
ratern und Assistenten von der Universität zu treffen. Die Maschine nach
Houston ist brechend voll. Eingezwängt zwischen einem zwanzigjährigen jun-
gen Mädchen und einer Dame von vielleicht Vierzig, hole ich meine Unter-
lagen hervor und fange an zu arbeiten.
Das junge Mädchen steigt dann mit mir in die Maschine nach Los Angeles
um. Ohne das Projekt zu erwähnen, versuche ich herauszubekommen, wie eine
junge Amerikanerin darüber denkt. Was würde ihrer Meinung nach passie-
ren, frage ich, wenn erwachsene Personen beiderlei Geschlechts und verschie-
dener Nationalität drei oder vier Monate auf engem Raum zusammenleben
müßten. Als wir uns in Los Angeles verabschieden, bitte ich sie, mir ihre
Prognose zu schreiben. Hier ihr Brief:
«Ich glaube, von Natur aus neigen die Menschen eher dazu, sich zu ver-
tragen, als sich gegenseitig umzubringen. Ich glaube, es gibt nur diese beiden
Möglichkeiten. Was würde sich nun in so einer eingesperrten Gruppe abspie-
len? Verschiedene Entwicklungen sind möglich. Irgendwann könnte der eine
oder andere feindselige Reaktionen zeigen. Vielleicht - wenn die Wahl dem
Zufall überlassen wurde - ist ein seelisch Kranker darunter. Ohne daß sich feste
Paare bilden, kommt es zu sexuellen Beziehungen. Zeitweilig auftretende Pro-

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bleme lassen sich dank großer Verständnisbereitschaft lösen. Die gestörte Per-
son würde von dem engen Beieinander erheblichen Vorteil haben. Rousseaus
<edler Wilder> würde wiederauferstehen und auf der Grundlage des Teilens -
nicht des Konkurrierens - ein schützendes Milieu entstehen. Schade, daß der
Mensch erst in eine extreme Situation geraten muß, um zu verstehen, was ich
meine. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Kalifornien, wo
ich eine wundervolle Zeit verlebe. Ich habe mich in den Schutz eines einsamen
Waldes zurückgezogen, der nur mir (und Gott) gehört, und am erfreulichsten
ist, daß niemand weiß, wo ich bin - es ist ein Ort, den es gar nicht gibt. Ein
gutes neues Jahr für Sie und Ihre Angehörigen.»
Die Besprechung in Los Angeles ist ganz ergiebig. Donald B. Lindsley, ein
Neurophysiologe von Weltruf, berät uns. Aber am Schluß meint ein amerika-
nischer Psychiater:
«Männer werden Sie wohl finden, Genoves, aber an was für Frauen werden
Sie geraten?!»
«Hoffentlich an solche, die mehr taugen als wir Männer.»
In manchen Dingen stoße ich immer wieder auf Verständnislosigkeit. Man
verschanzt sich hinter dem Argument, ein solches Experiment sei an Land leich-
ter durchzuführen, und verkennt dabei völlig, daß w i r das Floß ja gerade ge-
wählt haben, um jede Fluchtmöglichkeit von vornherein auszuschließen. Und
das wäre an Land nicht möglich. Das Floß ist die Voraussetzung für das Expe-
riment. Davon sind Psychiater schwerer zu überzeugen als etwa Chemiker oder
Physiker. Die Psychiatrie geht von seelischer Vielfalt aus, stellt aber harte Le-
bensbedingungen und eine starre Methodologie ihrer eigenen Wissenschaft
nicht zur Diskussion. Je mehr Psychiater ich kennenlerne, desto unangenehmer
fällt mir diese Einstellung auf. Wer hat schuld, die Psychiater oder die Psychia-
trie?
In New York treffe ich mich mit dem farbigen Schriftsteller David Payne, der
mehrere Theaterstücke geschrieben und ziemlich lange in Mexiko gelebt hat.
«David, ich möchte, um die Dinge möglichst schwierig zu machen, Männer
und Frauen verschiedener Rasse und Religion zusammenbringen, beispiels-
weise eine Israeli, eine Araberin, eine Russin, einen Chinesen und zwei Ameri-
kanerinnen - eine weiße und eine schwarze. Du könntest mir helfen.»
«Ich werde tun, was ich kann. Warum nimmst du nicht eine Lesbierin mit?»
«Lesbierinnen bilden keine Kategorie für sich. Wenn du mir eine bringst, die
etwas von Funk, Navigation oder Fotografie versteht, habe ich nichts dagegen.
Sie muß aber verheiratet und Mutter sein.»
«Das dürfte schwer sein, aber ich w i l l es versuchen.»
Auch Norman Baker, unser Navigator bei den Ra-Expeditionen und Spezia-
list für Atlantiküberquerungen per Floß, erklärt sich bereit, uns zu beraten.

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«Der Atlantik, Santiago, ist gar nicht so gefährlich, die Karibische See ist ge-
fährlich, und die kenne ich nicht. Es bleibt zwar nicht mehr viel Zeit, sich mit
dem Problem zu befassen, aber du kannst dich auf mich verlassen.»
Paul Rabbit, Direktor des Zentrums für gewaltlose Konfliktlösung, ist für
die paar Stunden, die ich in New York bin, eigens von Philadelphia herüber-
gekommen. Nicht nur, daß mein Projekt ihn begeistert, er w i l l sich auch aktiv
beteiligen, und w i r vereinbaren, daß er uns auf seinem Fachgebiet, Soziologie
und Gruppendynamik, berät.
Nächster Mitarbeiter ist Salomon Katz, Chef der Abteilung für biologische
Anthropologie der Universität Philadelphia.
Zur Anwerbung von Freiwilligen in den USA bieten sich meine frühere
Schülerin Elena Uribe - heute Professorin an der Columbia University - und
ihr Mann Michael Wood an. Wood ist Schriftsteller und Professor für Anglistik;
er ist weniger von meinem Projekt überzeugt als seine Frau.
Von New York nach den Kanarischen Inseln, wo sich Floß, Mannschaft und
Ausrüstung versammeln sollen. Ich suche einen Liegeplatz aus, ein Hotel, no-
tiere mir Preise usw.
«Du denkst doch nicht im Ernst daran, einen Priester mitzunehmen. Das
wäre ja phantastisch und würde deinem Floß eine politische Note geben», er-
klärt mir ein befreundetes Journalistenpaar, das alles durch die politische Brille
sieht. Ich sehe es anders. Meiner Meinung nach hat ein Priester von gelassener
Gemütsart durchaus seinen Platz auf dem Floß und dürfte in mancher Lage
sehr von Nutzen sein.
Wo immer ich das Thema Priester anschneide, halten die meisten Leute
meine Absicht für töricht.
«Schaden kann es nicht, aber möglicherweise... Die Messe zu lesen, w i r d
ihn in arge Verlegenheit bringen, und außerdem glaube ich nicht, daß es sich
für ein Floß, auf dem Männer und Frauen in Promiskuität leben, sehr eignet.»
Ganz anders Pater Velasco, ein bedeutender spanischer Paläontologe: «Ge-
nial: Wenn ich nicht zu Ausgrabungen nach Peru fliegen und anschließend
Vorträge in Australien halten müßte, käme ich mit.»
In London treffe ich mich mit Antonio und Douglas Bainbridge, einem Stu-
dienfreund aus Cambridge. Alles läuft ganz gut. Obwohl ich eigentlich nicht
die Absicht habe, jemanden an Bord zu nehmen, den ich kenne, lasse ich mich
nun doch durch Antonios warmherzige, aufrichtige A r t verleiten und erwäge
ernstlich, ihn mitzunehmen. Hinzu kommt, da das Floß in England gebaut
wird, daß Antonio in London und Cambridge lebt, von Verproviantierung
etwas versteht, daß er technische Kenntnisse besitzt, Zypriot und Familien-
vater ist und sich nichts sehnlicher wünscht, als die Reise mitzumachen.
Gleichzeitig versuchen verschiedene englische Freunde, zum Teil Kollegen,

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unter ihren Landsleuten einen geeigneten männlichen oder weiblichen Kan-
didaten für mich zu finden.
So erscheint eines Tages eine große, schlanke junge Dame, einundzwanzig
Jahre, von Beruf «Kamerafrau», die gern mitmachen möchte. Ich finde sie zu
jung, bitte sie aber, das Floß in verschiedenen Bauphasen zu fotografieren.
Auch Mudie sieht sich nach einer englischen Teilnehmerin um.
In Paris arbeite ich mit Pierre Simon und L. Mironer einen Teil des For-
schungsprogramms aus.
«Statt des traditionellen Hemdes, das als Fahne oder Seenotzeichen am Mast
eines Floßes flattert, nehmt ihr dann ein Damenhöschen», spottet Mironer, und
Simon stichelt m i t : «Je mehr Schwierigkeiten du hast, desto wohler werden die
Haie sich fühlen.» Er macht mir den Vorschlag, meine Ergebnisse, falls w i r heil
ankommen, 1975 auf dem ersten Weltkongreß der Sexologen vorzutragen.
Vor Doktoranden der Psychologie spreche ich über die Absichten, die sich
mit dem Projekt verbinden, und wie w i r es durchführen wollen. Einige sind
begeistert, andere skeptisch. Klar, daß ein solches Experiment aus dem Rahmen
der normalen sozialpsychologischen Forschungsarbeit fällt. Man fände es rich-
tiger, wenn die Mannschaft nur aus Mexikanern und nur aus Männern oder
Frauen bestände, wenn alle aus dem Gebirge oder dem Flachland stammten
oder lauter Soldaten wären usw.
Als ich auf die Frage nach dem Teilnehmerkreis erkläre, ich würde mir Per-
sonen im mittleren Alter aussuchen, die mehr oder weniger «normal» seien,
und dächte unter anderem an ein Mannequin, das darauf brenne, die Fahrt
mitzumachen, sehe ich plötzlich grinsende Gesichter. «Ein Mannequin!» Als
ob es sich da um einen Grenzfall handelte, als ob Mannequins von vornherein
Psychopathen wären! Daß man eine solche Wahl in einem sozialpsychologi-
schen Institut nicht ohne weiteres versteht, ist üblich und bezeichnend; man
hat etwas gegen direkte Experimente mit Personen, die nicht aus dem Kranken-
haus kommen, die nicht seelisch krank sind. Der methodische Ansatz, Problem-
studien an sozialen Gruppen zu treiben, die Rückschlüsse auf andere soziale
Gruppen zulassen, stößt auf Widerstand, und ebendies spricht in gewissem
Sinne sehr für das Experiment. Ich erkläre den Herren, daß der von ihnen vor-
geschlagene Teilnehmerkreis uninteressant sei, weil die Gesellschaft eine so
künstliche Zusammensetzung nicht kenne, sondern eben ein Mannequin, einen
Anthropologen, einen Postbeamten und einen Malermeister durcheinander-
würfele. Das sei für mich das Interessante.
M i t Professor Raveau stelle ich folgendes Arbeitsprogramm auf:
1. Während unseres Aufenthalts auf See soll ermittelt werden, was Wissen-
schaftler, Künstler, Schriftsteller usw. von dem Unternehmen, genauer gesagt
von dem Geschehen an Bord des Floßes, halten und erwarten. Die Befragungen

27
sollen in Frankreich, USA und Mexiko durchgeführt werden.
2. Soziologen, Anthropologen oder Psychologen im Umkreis der Familien
und Freunde der Mannschaft sollen in den jeweiligen Ländern feststellen, wie
die Teilnahme jedes einzelnen beurteilt wird.
3. Sobald der Kreis der Teilnehmer feststeht, soll in sämtlichen Zeitungen
der Herkunftsländer folgende Anzeige erscheinen: «Leiter einer Atlantik-Ex-
pedition per Floß sucht Freiwillige, Mann oder Frau, für die Dauer von drei
Monaten. Alter 25 bis 40, wenn möglich verheiratet, aber allein teilnehmend.
Ausführlicher Lebenslauf erbeten. Vertraulichkeit w i r d zugesichert.» Dies ge-
schieht nicht, um Teilnehmer noch auszutauschen, sondern um für den Notfall
eine Reserve zu haben, und weil es aufschlußreich ist, zu sehen, was für Leute
sich melden.
4. W i r werden versuchen, in mehreren Ländern alle Nachrichten über das
Unternehmen Acali zu sammeln, und anhand dieses Materials feststellen, ob
in der Berichterstattung nationale Unterschiede bestehen.
5. Den Stand der gegenseitigen Beziehungen an Bord - positiv, neutral, ne-
gativ - werde ich täglich zahlenmäßig bewerten und jeden Teilnehmer bitten,
über sein Freundschaftsverhältnis zu den anderen wöchentlich in chiffrierter
Form Buch zu führen.
6. Aufgrund meiner Erfahrung aus früheren Expeditionen und der Vor-
schläge unserer Berater stelle ich verschiedene Fragebogen betreffend Familie,
Nationalität, Aggression, Sexualität, Religion, Bedeutung des Experiments,
Angst usw. zusammen, die w i r an Bord ausfüllen werden. Unterwegs sollen,
den Umständen entsprechend, neue Fragebogen hinzukommen.
«Haben Sie daran gedacht, einen Tresor mitzunehmen, in dem Sie das an
Bord erarbeitete Material verschließen können? Es wäre schlimm, wenn in
einer kritischen Situation ein oder mehrere Teilnehmer ihre Notizen ins Wasser
würfen», werde ich gefragt.
Ich habe nicht daran gedacht und bin auch der Meinung, daß ein Tresor keine
Lösung wäre. Wenn es mir nicht gelingt, die Leute von der Wichtigkeit dieser
Unterlagen zu überzeugen, werfen sie den Tresor samt Schlüssel über Bord; das
läuft auf dasselbe hinaus. W i r kommen also überein, die Unterlagen wasser-
dicht aufzubewahren und im übrigen auf die Vernunft der Mannschaft zu
hoffen.
Dann treffe ich mich mit dem Leiter des Instituts für Meeresbiologie in
Nizza, Monsieur Aubert, der mir einige Anleitungen zur Untersuchung der
Wasserverschmutzung verspricht; er w i l l uns auch das dazu nötige Material
leihen und erklärt sich bereit, die für die Entnahme der Wasserproben zustän-
digen Teilnehmer einige Tage in seinem Institut einzuweisen.
«Ein graphologisches Gutachten verrät Ihnen natürlich nicht alles über Ihre

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Kandidaten. Wenn Sie mir aber nach und nach Schriftproben von ihnen schik-
ken wollen, kann ich Ihnen immerhin eine Menge über Charakter, Persönlich-
keit, Sensibilität und mögliche Neurosen sagen. Das könnte Ihnen helfen»,
meint die Graphologin Denise de Castilla. «Sehr nützlich wäre auch der Baum-
Test. Lassen Sie von jedem auf drei verschiedene Blätter drei Bäume zeichnen.
Das ist alles. Das bringt uns sehr viel weiter bei der Beurteilung der Teil-
nehmer.»
Inzwischen ist es Anfang Februar, und im Mai müssen w i r in See gehen.
«Und dieser ganze Aufwand für eine Sache, die genauso weltfern ist wie
die Landung auf dem Mond, aber von dem Massaker in Vietnam spricht
keiner», lautet der Kommentar des Taxifahrers, der mich eines Abends ins
Hotel zurückfährt.
Die Gesellschaft w i r d von einer Flut von Nachrichten überschwemmt, die
nur flüchtiges Erstaunen wecken, aber ohne eigentlichen Wert sind. Darum
nehme ich mir fest vor, über Acali nicht so oberflächlich zu berichten, sondern
nur Eindrücke, Gedanken, Tatsachen und durchlebte, authentische Situationen
mitzuteilen; zu schildern, wie Männer und Frauen versuchen, einer durch den
täglichen Nachrichtenkonsum verbrauchten Welt zu entkommen.
«Glauben Sie, es w i r d Ihnen gelingen, normale Leute zu finden? Ehrlich
gesagt, wir zweifeln daran, Professor Genoves», sagen mir einige Leute bei
der UNESCO. Wieder das Thema «Normalität».
«Wissen Sie, man sagt halb im Scherz, halb im Ernst, die Statistik beweise,
daß wir uns, wenn wir die eine Hand ins Feuer halten und die andere einfrieren
lassen, im Schnitt ganz wohl dabei fühlen. Statistische Normalität und mensch-
liche Normalität sind zwei verschiedene Dinge. Heißt es beispielsweise, eine
Stadt habe zehn Prozent Kriminelle oder Belgien dreißig Prozent Radfahrer
und siebzig Prozent Autofahrer, so entsteht der Eindruck, diese Zustände
herrschten ständig. Natürlich ist das falsch. Ein Verbrechen kann einmal be-
gangen, mit dem Fahrrad oder Auto nur minutenlang gefahren werden. Man
könnte den normalen Mann oder die normale Frau als einen Menschen beschrei-
ben, der nicht trinkt, nicht raucht, keinen vorehelichen oder außerehelichen
Geschlechtsverkehr hat, nicht onaniert, nie homosexuelle Beziehungen hat, nicht
spielt, sich nicht scheiden läßt, keine Drogen nimmt usw. Aber Sie erkennen
sofort, daß das eine Definition ist, die nicht stimmt. Greifen Sie irgendeine
soziologische oder sozialpsychologische Studie über irgendeine Gruppe heraus,
und Sie sehen: Die Leute onanieren, lassen sich scheiden, spielen, trinken,
rauchen. Und alles innerhalb der <Normalität>.»
Lachend verabschieden wir uns, überzeugt davon, daß die Arbeit bei der
UNESCO auch nicht gerade sehr normal ist.
Kurz darauf besucht mich ein nigerianischer Priester, den Pater Velasco mir

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schickt. Er hat in Oxford studiert, ist Anthropologe und Mitarbeiter der Zeit-
schrift Afrika; dreißig Jahre alt, kräftig, angezogen wie für eine Nordpolexpe-
dition. Als ich ihm erzähle, worum es sich handelt, w i r d er immer kleiner auf
seinem Stuhl, zumal er einen Pulli nach dem andern auszieht. Anderntags soll
er mich anrufen.
Um sechs Uhr in der Früh klingelt das Telefon, es ist mein afrikanischer
Priester.
«Sind Sie verheiratet? Ist es kalt auf dem Meer? W i r d es sehr gefährlich
sein?»
«Ja, ich bin verheiratet; nein, es ist nicht kalt auf dem Meer; ja, es w i r d ge-
fährlich sein, aber ich liebe das Leben wie jeder andere auch, und ich denke, daß
wir mit heiler Haut hinüberkommen.»
A m Nachmittag will er mir Bescheid geben.
Beim Mittagessen erzähle ich Freunden, daß ich einen Priester mitnehmen
will. «Diesmal kommst du geradewegs i n den Himmel - und i n guter Gesell-
schaft!»
Auch um einen französischen und russischen Teilnehmer bemühen sich
Freunde und Kollegen. I n Rom w i l l Jean Molly, Autorin des Bestsellers
Beautiful people are beautiful, mir helfen. Ihr machen vor allem zwei Punkte
Kummer. Erstens, und diese Sorge teilt sie mit Professor Raveau, möchte Sie
wissen, wie ich im Falle eines Streits an Bord das schriftliche Material zu retten
gedenke; und zweitens findet sie, die Teilnehmerinnen müßten alle sehr weib-
lich sein.
«Da bin ich völlig deiner Meinung, Jean, und die Männer müssen männlich,
wenn auch nicht gerade James Bonds sein. In New York hat mir ein Freund
bereits vorgeschlagen, eine Lesbierin mitzunehmen. Was hieltest du von einem
Homosexuellen?»
«Dein Vorhaben ist schon verrückt genug, komplizier es nicht noch mehr.»
«Ich habe gerade im Iran ein Papyrusfloß besichtigt, das dreimal so groß
ist wie die Ra und seit zwei Monaten im Wasser liegt», verkündet Thor Heyer-
dahl, den ich aus Rom anrufe. Er ist genauso verrannt in seine Pläne wie ich.
Erschöpft lege ich in meinem Hotel in Rom einen Ruhetag ein, den ich dazu
benutze, einen Einführungstext für ein im Juli in Mexiko stattfindendes Sym-
posium über Verhalten und Gewalt zu schreiben. Ausgehend vom heutigen
Stand der Forschung, unterstreiche ich die Notwendigkeit neuer Begriffsfin-
dungen, fordere verstärkte demographische Untersuchungen und ein Auf-
lockern der häufig so sterilen akademischen Rhetorik. An Beispielen weise ich
nach, welch schädlichen Einfluß Theorien wie die von Lorenz oder Morris über
die angeblich «angeborene Aggressivität» des Menschen gehabt haben, und
wende mich gegen jene, die Rassenstudium mit Rassismus verwechseln oder

30
den geschickt Überlebenden für den Stärkeren halten. Zum erstenmal findet
ein solches Kolloquium, bei dem Natur- und Geisteswissenschaftler sich tref-
fen, in Lateinamerika statt. Leider werde ich zu diesem Zeitpunkt gerade auf
dem Meer schwimmen.

Bordärztin Teresa

Vor mir das Mittelmeer. Vom achten Stock meines Hotels vor den Toren Tel
Avivs höre ich die Brandung rauschen.
Wenige Stunden nach meiner Ankunft melden sich zwei Medizinerinnen als
Bewerber, die eine Junggesellin, die andere verheiratet. Die Verheiratete be-
sucht mich mit ihrer kleinen Tochter im Hotel. Sie macht einen soliden Ein-
druck, ist gut gewachsen und strotzt von Gesundheit.
«Wir müssen uns noch einmal wiedersehen, damit ich Sie besser kennen-
lerne», sage ich nach dem ersten Gespräch.
«Und was schlagen Sie vor?» fragt sie kokett.
Da mein Hotel in der Nähe des Strands liegt, schlage ich vor, daß w i r schwim-
men gehen, obwohl das Wasser noch kalt ist, und dann einen kleinen Spazier-
gang machen.
«Wenn Sie mit allen Kandidatinnen baden wollen, werden Sie sich eine Lun-
genentzündung holen.»
Um Mitternacht ein Telegramm von Jaschi: Der nigerianische Priester sagt
zu. Ich antworte ihm am nächsten Tag aus Jerusalem, daß seine Bewerbung im
Prinzip angenommen sei.
Die mexikanische Dichterin und Schriftstellerin Rosario Castellano, außer-
dem Botschafterin meines Landes in Israel, ist mir eine große und ständige
Hilfe. Nie habe ich eine bessere Stenotypistin gehabt. Ich kann ihr Briefe auf
spanisch und englisch diktieren und noch dazu umsonst. Rosario ist wie ich
der Meinung, daß die Familie heute zwar noch immer eine festumrissene, aber
gegenüber früher tiefgreifend veränderte Funktion habe: Mann und Frau
gehen frühmorgens zur Arbeit, kommen spät heim und sehen sich nur wenig.
«Und wie stehst du zu Gewalt und Religion?» fragt sie mich.
«In dem Maße, wie die Religion an Boden verliert und die Naturwissen-
schaften an Boden gewinnen, w i r d uns bewußt, daß das Leben vergänglich und
begrenzt ist, im Gegensatz zur Welt, die fortbesteht. Doch ob w i r es einsehen
oder nicht, w i r verhalten uns, als gäbe es diesen Aspekt der Flüchtigkeit nicht.
M i t schwindender Religion nimmt der Lebenshunger zu. Man muß leben, alles
erleben, intensiv leben, weil es ja anscheinend ein anderes Leben nicht gibt. In
einer solchen Situation kommt es leicht zu Gewalttaten und Unfrieden.»

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«Glaubst du nicht, daß McLuhan recht hat mit seiner Behauptung, die Me-
dien machten die Menschheit zu einer einzigen großen Familie?»
«Nein. Meiner Meinung nach isolieren uns diese Medien oder großen Kom-
munikationsmittel. Sie trennen uns. Wohl empfangen w i r alle dieselben Infor-
mationen, aber jeder unabhängig vom Nachbarn. Es ist eine vertikale Kom-
munikation, die oberflächlich den Eindruck einer horizontalen Kommunikation
erweckt, ihr in Wahrheit aber hinderlich ist. Ganz anders auf dem Floß. Was
dort geschieht, kann von allen beobachtet werden, und alle können einander
beobachten, sind nicht auf verbale Mitteilungen beschränkt. Hier findet Kom-
munikation, nicht Information statt.»
Durch eine in Israel arbeitende mexikanische Orthopädin lerne ich eine zweite
Ärztin, Rachel, kennen. Sie ist klug, hübsch, etwas schmächtig und unverhei-
ratet. Sie hat ihren Militärdienst schon hinter sich und ist im Land geboren.
«Handelt es sich um ein wissenschaftliches Experiment? Glauben Sie, daß
w i r ans Ziel kommen? Um verallgemeinern zu können, gehen Sie von einem
zu stark verkleinerten Modell aus. Psychologisch interessant, j a . . . , aber an-
genommen, ich bin normal, sind es die anderen auch? Im Augenblick zögere
ich noch.»
«Ich bin noch zwei Tage in Israel. Rufen Sie mich morgen an.»
Noch am selben Abend, sehr spät, klingelt das Telefon:
«Ich war dumm. Es reizt mich sehr, und ich wäre gern dabei. Bitte, nehmen
Sie mich mit.»
«Vielen Dank, Rachel. Ich werde es mir überlegen und gebe Ihnen morgen
abend Bescheid. Danke.»
Mittags kommt Teresa. W i r gehen schwimmen. Im Badeanzug erscheint
eine gut proportionierte, reizvolle Frau; sie ist stämmig wie eine Eiche und
mit Ausdauer im Wasser. Hinterher gehen wir in mein Zimmer, um zu du-
schen und uns umzuziehen. Teresa geht als erste ins Bad und schließt hinter
sich ab.
«Ich muß mich wundern, Teresa, daß Sie mir aus einem so nichtigen Anlaß
mißtrauen und gleichzeitig an meinem Projekt teilnehmen wollen.»
«Ich bin es gewohnt, abzuschließen.»
Ich sehe darin eher ein Zeichen mangelnden Vertrauens.
Bei meinen Unterhaltungen mit den Kandidaten gebe ich mir größte Mühe,
klar und deutlich zu sagen, worum es geht, nämlich um ein internationales
Projekt, zwar auf meine Initiative hin entstanden und von mir geleitet, in sei-
nem .Gelingen aber von allen Beteiligten, die ja Freiwillige sind, abhängig.
Ausführlich gehe ich auf die wissenschaftlichen und menschlichen Aspekte die-
ses Experiments ein, das für jeden, der sich selber besser kennenlernen w i l l ,
auch von persönlichem Interesse ist. Aus meinen Erfahrungen mit den Ra-

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Expeditionen zitiere ich Beispiele. Ich verhehle nicht, daß das Unternehmen
scheitern kann, daß man ums Leben kommen oder verstümmelt werden kann.
Dabei beobachte ich aufmerksam die Reaktion meiner Gesprächspartner. Man-
chen, noch unfertigen Kandidaten ist deutlich anzumerken, wie sie schwanken.
Einerseits verlockt es sie, teilzunehmen, um im Falle eines Erfolges berühmt zu
werden, andererseits schreckt die Todesgefahr sie ab. Ich lasse sie von ihrer
Familie, ihrer Arbeit erzählen und fordere ihnen natürlich nie eine sofortige
Entscheidung ab, mache nur von Anfang an klar, daß, wenn sie sich entschlos-
sen haben, letztlich ich entscheide, wer in die engere Wahl kommt und sich den
ärztlichen, psychologischen, psychiatrischen, graphologischen usw. Tests unter-
ziehen muß. Auch andere Faktoren spielen eine Rolle, zum Beispiel Beruf,
Nationalität, Geschlecht, Familienstand oder Qualifikationen, die das Floß
erfordert.
Teresa ist geschieden und hat zwei Kinder. Da Israel ein Land ist, in dem
die Post sich gemeinhin Zeit läßt, sage ich Teresa schon beim Mittagessen, daß
ich mit ihr als Kandidatin einverstanden bin. W i r besprechen, was wir an Me-
dikamenten und ärztlichem Besteck einplanen müssen, und ich bitte sie, ihre
Kenntnisse auf dem Gebiet der Zahnheilkunde, Blinddarmoperationen, Kno-
chenbrüche und Magenleiden aufzufrischen. «Ich werde zwar nicht seekrank,
aber bei den anderen kann dies durchaus der Fall sein.»
«Bestimmt. Selbst den Abgehärtetsten trifft es von Zeit zu Zeit. W i r müssen
uns ausreichend mit entsprechenden Mitteln versehen.»
Emmanuel Marx von der soziologischen und anthropologischen Abteilung
der Universität Tel A v i v , seinerseits mit einer Arbeit über Gewalt beschäftigt,
erbietet sich, die Befragungen der Verwandten, Freunde und Kollegen der
israelischen Teilnehmerin zu koordinieren; Botschafterin Rosario Castellano
wird zu gegebener Zeit unsere kleine Zeitungsannonce aufgeben.

Ingrid, die Nautikerin

«Können Sie heute abend zu mir nach Stockholm kommen?»


Schweigen. Ich frage noch einmal:
«Können Sie heute abend zu mir nach Stockholm kommen?»
Erneutes Schweigen. Dann:
«Ja, das geht. Einen Moment b i t t e . . . ich kann um zwanzig Uhr in Ihrem
Hotel sein.»
«Ich erwarte Sie. Danke schön.»
Es handelt sich um Ingrid, die im Rang eines Zweiten Offiziers der schwe-
dischen Marine Dienst tut. Als Tochter und Enkelin von Kapitänen ist sie die

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einzige Frau ihres Landes, der es mit vieler Mühe und nach unendlichen Schwie-
rigkeiten gelungen ist, Schiffsoffizier zu werden - für Schweden eine ähnliche
Ungeheuerlichkeit wie vor Jahren die Aufstellung eines farbigen Baseballspie-
lers in den Vereinigten Staaten.
Punkt acht erscheint Ingrid, blond, sauber, solide. Ich erkläre ihr, worum
es sich handelt, und stelle ihr einige Fragen. Ingrid denkt viel nach und ant-
wortet nur, wenn sie Lust hat. Schließlich sagt sie mir, daß das Projekt sie
interessiere und ich mit ihr rechnen könne.
Als ich am nächsten Tag dem mexikanischen Botschafter meine Verwun-
derung über diese Langsamkeit ausdrücke, meint er:
«Das ist hier so. Aber wenn man einmal ja gesagt hat, steht man zu seinem
Wort.»
Vor ihrer Rückreise nach Göteborg führe ich noch drei Gespräche mit Ingrid,
in deren Verlauf ich sie über alles unterrichte und ihr den Vorschlag mache, sich
möglichst bald in Newcastle mit mir zu treffen, wo das Floß gebaut wird. I n -
zwischen soll sie schon damit beginnen, das notwendige Navigationsmaterial
zu besorgen, und ihrerseits kritische Anmerkungen zum Floß und Verbesse-
rungsvorschläge zu machen. Sie w i r d der einzige «Seemann» an Bord sein mit
aller sich daraus ergebenden Verantwortung.
Dem Intendanten des schwedischen Fernsehens, der bei den Ra-Expeditio-
nen eine große Rolle spielte, verdanke ich viele wertvolle Tips bezüglich der
Mannschaft, des Materials und der an Bord zu drehenden Filme. Netterweise
verspricht er, sich auch um ein kleines Filmporträt von Ingrid zu kümmern;
durch weitere Vermittlung gewinne ich einen schwedischen Anthropologen
für die Untersuchungen im Umkreis von Ingrids Familie und Freunden.
Nach all diesen Reisen, Besprechungen, Zoll-, Hotel- und Behördenformali-
täten bin ich ziemlich erledigt - aber froh.

Antonio und sein Auftrag

Antonio hat, wenn auch hin und wieder etwas Hals über Kopf, gute Arbeit
geleistet. Er überwacht den Floßbau, sorgt dafür, daß die verschiedenen Bau-
phasen fotografiert und gefilmt werden, belegt einen Schnellkurs für Funk-
amateure, sucht nach den preiswertesten Schlafsäcken, Decken, Kopfkissen. M i t
einem Wort: Er liegt nicht auf der faulen Haut. A u f der Autofahrt nach Cam-
bridge hält er an einer Kurve.
«Als ich vor zwanzig Jahren meinen ersten Wagen fuhr, habe ich einen Z i -
garettenstummel aus dem Fenster geworfen. Spencer ließ mich halten. Ich
durfte nicht zurücksetzen, mußte aussteigen, zu Fuß zurückgehen und die Kippe

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aufheben; es gehöre sich nicht, eine Zigarette auf die Straße zu werfen!»
Antonio hat etwas Rührendes mit seiner Sprunghaftigkeit, er ist überglück-
lich, an dem Experiment teilzunehmen.
«Also, das mit der Unsinkbarkeit macht mir Sorge», erklärt Schiffbauer
Mudie mir.
«Und mir erst!»
Er prüft die Möglichkeit, Ballonhüllen anzubringen, die sich im Falle eines
Kenterns automatisch aufblasen und das Floß wieder in die richtige Lage brin-
gen. Für den Fall einer Havarie sind zwei Schlauchboote vorgesehen, in denen
wir notfalls alle Platz finden.
Es ist Nacht, ich kann nicht schlafen. Ein Satz von Faron geht mir im Kopf
herum: «Lieber in Würde verhungern als in Sklaverei Brot essen.» Selbst der
oberflächlichste Kenner menschlicher Körperfunktionen weiß, daß dies falsch
ist. Hätte Faron gesagt: «Lieber in Würde Brot als in Sklaverei Kuchen essen»,
wäre sein Sinnspruch zutreffend, wenn auch nicht so schlagkräftig. A u f See
müssen wir uns vor jeder Rhetorik hüten, dürfen keine schönen Sätze prägen
über das Meer, die Isolation, die Aggressivität, über Männer und Frauen, über
die Sexualität, die Gruppendynamik und alles andere. W i r müssen beobachten
und schlichte, einfache Feststellungen treffen, ohne mit Blick auf die Öffent-
lichkeit zu übertreiben oder zu dramatisieren.
Viele Leute haben mir gesagt, das Floß sei nicht nur Wahnsinn, sondern
Selbstmord, obwohl ich ihnen erklärte, warum es nicht sinken kann. Ich weiß,
daß es viele versteckte Formen von Selbstmord gibt, zum Beispiel die unbe-
wußte Selbstzerstörung durch Alkohol, Gefahrsucht, psychosomatische Krank-
heiten usw.
M i t Acali gehen w i r den umgekehrten Weg, aber der Fachwelt das verständ-
lich zu machen, w i r d schwer sein. Im Grunde liegt das Problem in der Einfach-
heit des Experiments: Männer und Frauen leben eine Zeitlang isoliert auf
einem Floß, um zu sehen, was passiert. Uns trennen Welten etwa von Cal-
houns Experiment, der eine Gruppe freiwilliger Versuchspersonen dazu an-
gehalten hatte, andere - gleichfalls freiwillige - Versuchspersonen bei fehler-
haften Gedächtnisleistungen mit immer stärkeren Stromstößen zu bestrafen,
was sie - trotz vorgetäuschter Schmerzensschreie der Gefolterten - weisungs-
gemäß taten. So aufschlußreich diese Versuchsanordnung und ihre Ergebnisse
gewesen sein mögen, ich bin überzeugt, daß bei der Acali, sofern wir ans Ziel
gelangen, mehr herauskommt. Möglicherweise w i r d der begrenzte Raum (1,3
Quadratmeter pro Person innerhalb der Kajüte) eine Krise auslösen. Jedenfalls
wird interessant sein, zu beobachten, in welcher Form die Angst sich mani-
festiert und wie sie bewältigt wird.
Noch einen Monat bis zum Ablegen in Las Palmas. Die Dinge entwickeln

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sich gut. Die Vorbereitungen in Mexiko laufen auf vollen Touren, und meine
Sekretärin, Olga Dominguez, entledigt sich ihrer Aufgaben - Übersetzungen,
Rechnungen, Quittungen, Briefe - mit Bravour.

Das Floß ist nicht sicher

Die mexikanische Admiralität stellt uns den Zollpassierschein aus, nicht ohne
pflichtschuldigst darauf hinzuweisen, daß unser Floß in keiner Weise den
Sicherheitsnormen für Wasserfahrzeuge entspricht. Hierzu heißt es wörtlich:
« . . . erachten wir es allerdings für notwendig, darauf hinzuweisen, daß
dieses zu experimentellen Zwecken gebaute Fahrzeug keine der Sicherheits-
bedingungen erfüllt, die sowohl nach den nationalen als auch nach den von
Mexiko anerkannten internationalen Normen erforderlich sind.»
Weiß Gott, w i r fallen aus dem Rahmen! Dabei ist für alles strengste Vor-
sorge getroffen. Wenn wir die Sicherheitsvorschriften nicht beachtet hätten,
könnten w i r das Experiment überhaupt nicht durchführen.
In Mexiko stellen wir den Berater- und Mitarbeiterstab aus Psychologen und
Psychiatern zusammen, der in Madrid die Kandidaten testen soll.
Zu den Papieren, die das Floß bei seiner späteren Ankunft in Mexiko vor-
legen muß, gehören Fahrterlaubnisscheine des Marineministeriums und des
Wirtschaftsministeriums. Letztes verlangt, daß ich mich als Kaufmann bei
einer Handelskammer eintragen lasse und soundsoviel Einkommensteuer
zahle, also vorgebe, etwas zu sein, das ich nicht bin. Gott sei Dank lassen sich
die meisten dieser Schwierigkeiten mit Hilfe des Präsidialamtes ausräumen.
Das Wirtschaftsministerium stellt den Erlaubnisschein aus, schickt ihn ans
Marineministerium, von da geht er ans Seeamt, von da ans Außenministerium
und schließlich an die mexikanische Botschaft in London. Die Welt Kafkas -
wieder einmal!
Unser Rufzeichen ist XE 13 A C A L I . W i r stehen in Verbindung mit den mexi-
kanischen Stationen XE 1 AZ und XE 1 CE.
Um mich selbst, die übrigen Teilnehmer und alle Förderer und Geldgeber
der Expedition gegen Regreßansprüche zu schützen, möchte ich von jedem Be-
satzungsmitglied eine entsprechende Klausel unterschreiben lassen.
«Wenn ich Sie recht verstehe, Professor Genovés, sollen wir einen Schadens-
katalog aufstellen, falls jemand eine Hand, einen Fuß oder den Verstand ver-
liert.»
Ich muß dem Rechtsanwalt klarmachen, daß wir keinen Vertrag brauchen,
sondern eine freundliche und menschliche Übereinkunft aller Betroffenen hin-
sichtlich der Teilnahme und gemeinsamen Verantwortung.

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Und so entsteht ein juristisch abgefaßter Text, der ins Englische übersetzt
und von der gesamten Acali-Besatzung unterschrieben wird. Die Erklärung
enthält unter anderem folgende Vereinbarung:
In voller Kenntnis der Natur des Experiments bittet jeder Teilnehmer von
sich aus darum, an der Überfahrt wie an dem gesamten Experiment teilnehmen
zu dürfen. Jeder weiß, daß es sich um eine Atlantiküberquerung auf einem
Floß handelt, die von Afrika nach Amerika führt und Personen beiderlei Ge-
schlechts und verschiedener Nationalität miteinander vereint. Es besteht ferner
Einverständnis darüber, daß ich angesichts der Risiken und aufgrund meiner
früheren Erfahrungen das Experiment leite, soweit seemännische, menschliche
oder andere Probleme auftauchen. Dies gilt für die Zeit der Vorbereitung, der
Überfahrt und der Tage, die w i r gemeinsam an Land verbringen. Die Teilneh-
mer erklären sich mit allen notwendigen Untersuchungen, Tests, Berichten usw.
einverstanden, und zwar vor wie während der Expedition und der ersten Tage
nach der Ankunft.
Ich bin berechtigt, das erarbeitete Material, auch wo es intimen Charakter
hat, zu verwerten, um die Gültigkeit des Experiments und seinen wissenschaft-
lichen Rang zu gewährleisten. Anders gesagt: Alle Teilnehmer, mich selbst
eingeschlossen, erkennen an, daß es sich um ein Experiment handelt, dessen
Bedeutung in der angemessenen Auswertung ebendieses Materials liegt. Es zu
sammeln, zu ordnen und später zu veröffentlichen ist meine Aufgabe.
Alle Teilnehmer entbinden die Initiatoren und Geldgeber des Experiments
von jeder Verantwortung für ihr Leben, genießen aber automatisch mexikani-
schen Rechtsschutz.

Esperanza und Ana

In den wenigen Stunden, die ich in San Franzisko verbringe, treffe ich mich
mit acht schwarzen und drei weißen Frauen. Aufregend. Es steht außer Frage,
daß das kulturelle und menschliche Niveau in dieser Stadt wie überhaupt an der
amerikanischen Westküste höher ist als überall sonst in den Vereinigten Staa-
ten. Alle begreifen augenblicklich, worum es bei dem Projekt geht, alle wollen
mitmachen.
Ich unterhalte mich mit einer fünfundzwanzigjährigen Schwarzen, die mit
einem weißen Fotografen verheiratet ist; sie ist musikliebend, spielt mehrere
Instrumente und beschäftigt sich mit Elektronik. Ich schlage ihr vor, eine Fun-
kerlizenz zu beantragen.
Ana Weiße, verheiratet, Mutter von drei Kindern, kennt die See, kann aber nicht weg.

37
«Ich habe Eheprobleme, sie klappt nicht besonders, ich bin in keiner guten
körperlichen Verfassung, ich weiß nicht, was die Zukunft bringt, und ich
glaube nicht, daß dies der richtige Augenblick ist, um fortzugehen», sagt sie
mir am Telefon.
A u f die Gefahr hin, meinen Rückflug zu verpassen, treffe ich mich mit ihr
in dem Restaurant, in dem sie arbeitet. Ana ist groß und kräftig, w i r k t gesund
und hat ein angenehmes Äußeres. Je mehr ich von dem Projekt erzähle, desto
strahlender leuchten ihre Augen. Ich glaube, daß sie trotz ihrer vielen Sorgen
mitkommt, und freue mich darüber: außerdem braucht Ingrid jemanden neben
sich, der auch etwas von der See versteht.
Die letzten Monate vor dem Start springe ich von einem Flugzeug ins andere
und hetze um die Welt. Die Einsamkeit des Floßes w i r d mir guttun, aber vor-
läufig komme ich mir noch wie einer jener Robotermenschen vor, die ich so sehr
kritisiere.
Zum Thema Psychologie. W i r leben in einer sich verändernden Welt, und ich
glaube, daß die Geschwindigkeit dieser Veränderung zunächst wichtiger ist als
die Richtung, in die sie zielt. Im allgemeinen blickt die Wissenschaft auf den
Endpunkt eines Weges und berücksichtigt nicht die Schnelligkeit, mit der sie
ihm zustrebt. Betreiben wir Zukunftsforschung, so gilt der «wissenschaftliche»
Aspekt der Untersuchung uns mehr als die Schönheit einer Hypothese oder die
Subtilität ihrer Begründung. Das ist meiner Ansicht nach falsch. Eine Theorie
muß nicht bis ins letzte bewiesen werden, um sich als sinnvoll und nützlich zu
erweisen, vor allem dann nicht, wenn es sich um bisher völlig unbekannte
menschliche Verhaltensweisen handelt. Trifft es zu, daß die Beschleunigung
eine neue soziale Kraft ist, dann bildet die Veränderung dazu das psycholo-
gische Gegengewicht, und wenn w i r nicht begreifen, welche Rolle die Gesell-
schaft beim heutigen Sozialverhalten spielt, wird unsere ganze Psychologie mit
all ihren schönen Theorien über die Persönlichkeit hinter der Entwicklung her-
laufen. Eine Psychologie, die das Gesetz der Veränderung auf sich selbst nicht
anwendet, kann ihrem Wesen nach heutigen Phänomenen nicht gerecht werden.
Ein Aufsatz in der Zeitschrift Scientific American analysiert den eindeuti-
gen Zusammenhang zwischen grundsätzlichen Lebensveränderungen (Verlust
des Gatten, Objektverlust, Umzug in eine andere Wohnung, ein anderes Land)
und den Krankheiten, an denen w i r leiden. Andererseits wissen wir, daß nicht
nur eine schlagartige Veränderung, sondern auch Reizmangel zu Schwächung
und Krankheit führen kann. A u f der Acali nun werden die Umweltreize des
Stadtlebens - der Zwang, die U-Bahn, das Konzert der Warnsignale, das Tele-
fonklingeln, die verstopften Straßen usw. - verschwinden, dafür aber auch
keine grundlegenden Veränderungen eintreten, denn das Meer bleibt immer
gegenwärtig.

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Was wird geschehen? W i r müssen es erleben, um es zu erfahren. Außen-
stehende werfen versteckt oder offen die Frage der sexuellen Problematik auf.
Die wenigsten wissen jedoch, daß Hans Selye, einer der Pioniere der Streß-
forschung, die physische Reaktion auf Alarmsituationen bei Tieren untersucht
und folgendes festgestellt hat: Unter Streß oder bei anhaltend kritischen Z u -
ständen treten sexuelle Unregelmäßigkeiten auf wie etwa Triebverlust bei
Männchen oder Regelstörungen bei Weibchen. Ähnliches hat man auch an
Menschen beobachtet, wenn sie sich in einem Angstzustand befanden. W i r
haben die Absicht, zu Beginn und am Ende des Experiments anhand des Kate-
cholamin-, Corticosteron- und Aldosteronspiegels unsere jeweiligen Angstzu-
stände messen zu lassen. Abgesehen davon, werden wir auf der Acali gewisse
Vorteile haben. Seit Margaret Meads berühmten Studien in Neuguinea hat es
sich immer wieder bestätigt, daß es leichter ist, sich völlig neuen Lebensmustern
anzupassen, als einzelne Kulturelemente zu assimilieren.

Froschfrau Sofia

Dank dem Tip eines befreundeten Zahnarztes und durch Vermittlung der Sekre-
tärin des Tiefseeforschers Cousteau kann meine Frau Andrée sich mit der Sport-
taucherin Sofia Duval, dreiunddreißig Jahre und Mutter von zwei Kindern, in
Verbindung setzen; sie arbeitet teils als rechte Hand eines bekannten französi-
schen Schriftstellers, teils künstlerisch. Sie spielt mehrere primitive Musik-
instrumente und tritt im Restaurant des Eiffelturms in einer Gesangsrolle auf.
Als ich Sofia kennenlerne, bin ich gerade wieder mal total erledigt von der
Hektik der letzten Tage.
«Ich habe gestern mit Ihrer Frau gesprochen.»
Mittelgroß, dunkle Ringe um die Augen, leicht vernachlässigt - hier muß
nachgefaßt werden.
«Sie sind Taucherin und gleichzeitig Schauspielerin?»
«Sagen wir, ich interessiere mich fürs Theater.»
Ich versuche, ihr einige unserer Motive zu erklären. «Auch wir wollen, auf
unsere Weise, das traditionelle Theater überwinden. <Sein oder Nichtsein>,
alles ist drin. Ich hoffe inständig, daß w i r uns für Acali einsetzen, weil wir uns
der ungeheuren Doppelzüngigkeit unserer Welt bewußt sind. W i r wollen mit
beiden Füßen auf der Erde stehen und einander die Hand geben, auch wenn sie
schmutzig ist. Ob sauber oder schmutzig, durch die Hand fließt menschliche
Wärme zum Mitmenschen, und darauf kommt es an.»
Sofia streckt mir die ihre entgegen. «Sie ist schmutzig! Ich mache mit!»
Ich schicke ihre Schriftprobe und die drei gezeichneten Bäume sofort meiner

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Graphologin und bitte Sofia, sich am übernächsten Tag noch einmal mit mir
zu treffen.
Andrée stellt mir einen vietnamesischen Fotografen namens Viet vor, ver-
heiratet mit einer Französin, ein Kind.
«Kann ich mich vom Floß aus mit meiner Frau in Verbindung setzen?»
«Ich hoffe es . . . »
Viet ist ein ruhiger, höflicher, umgänglicher Mann, zweiunddreißig Jahre
alt. Die Sache reizt ihn sehr, er hat sich ausführlich mit Andrée darüber unter-
halten, aber seine Frau hat Angst. Ich schicke auch seine Testunterlagen ein
und verabrede ein neues Treffen mit ihm.
«Mein Vater w i l l es mir nicht erlauben, und wenn Sie in Madrid sind, müs-
sen Sie allen Teilnehmern die Weisheitszähne ziehen lassen», jammert Rachel,
die mich aus Israel anruft.
Für eine dreißigjährige Ärztin finde ich sie sehr nervös, und die Zahnextrak-
tionen erscheinen mir barbarisch.
Andrées nächste Kandidatin: eine achtundzwanzigjährige marokkanische
Psychologin, die mir alle möglichen Fragen stellt. Zwei Stunden bin ich mit ihr
zusammen.
«Ja a l s o . . . teilnehmen kann ich sowieso nicht, weil ich seekrank werde.»
Als sie geht, höre ich, wie sie in der Tür zu Andrée sagt: «Wenn Ihr Mann
nächstes Jahr wieder etwas organisiert, dann sagen Sie mir Bescheid, vielleicht
entschließe ich mich doch.» Recht furchtsam für eine Psychologin.

Aischa wird Wasserproben entnehmen

Sonntag. «Nachher kommt eine junge Algerierin, die sich für dein Projekt
interessiert», kündigt die Frau des Bildhauers Dubon mir an.
Aischa strahlt Lebensfreude aus. Sie ist dreiundzwanzig, unverheiratet und
arbeitet in einem Institut; ein reizvolles, hübsches Mädchen. Ihr Hauptproblem,
Urlaub zu bekommen, wird durch einen Anruf von mir gelöst. Aischa ist bereit,
nach Nizza zu fahren, um sich unter fachlicher Anleitung mit der Technik der
Wasser- und Planktonentnahmen vertraut zu machen. Schriftproben und
Baumtests werden eingeschickt.
Als ich wieder in der Maschine nach Newcastle sitze, habe ich Angst. Ich
fürchte mich davor, das Floß zu sehen, und kann es zugleich doch kaum erwar-
ten; es soll am nächsten Tag vom Stapel laufen. Zwei weitere Probleme ma-
chen mir Sorge: erstens Jaschi, der von Zweifeln geplagt und zu sehr am Geld
interessiert ist; und zweitens der Umstand, daß meine Leute weder mich noch
das Experiment ernst nehmen, sobald ich einen natürlichen, offenen, unbe-

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schwerten Ton anschlage; anders ist es, wenn ich mich gelehrt und akademisch
ausdrücke, mich wie ein «reifer Mann» benehme. Erst dann ist Acali wichtig,
dann bin ich wer.

Freitag, der 13.

Morgen, Freitag, den 13., lassen wir das Floß vom Stapel.
«Wenn wir dreizehn sind, komme ich nicht», verkündet Leutnant zur See
Michael, der uns helfen w i l l und vielleicht, wenn seine Vorgesetzten ihn lassen,
einer der unseren wird.
«Ich auch nicht.» Die schweigsame Ingrid solidarisiert sich mit ihm.
«Und ich bin froh, daß wir mit der Unterstützung von Kanal dreizehn segeln,
daß das Floß an einem Freitag, dem dreizehnten, vom Stapel läuft, daß wir
dreizehn an der Zahl sind und außer einem Priester auch noch Frauen an Bord
haben, denn das halten abergläubische Matrosen für ein besonderes Unglück.»
Naiv wie ich bin, erwarte ich ein allgemeines Gelächter; statt dessen herrscht
tödliches Schweigen. Als hätte ich im Hause eines Gehängten vom Strick ge-
redet.
«Aber das ist doch Aberglaube! Außerdem ist in Spanien und Mexiko
Dienstag, der dreizehnte, ein Unglückstag, nicht Freitag.»
Ich spreche gegen eine Wand.
«In Schweden würde doch niemals ein Schiff an einem Freitag, dem drei-
zehnten, auslaufen», behauptet Michael, aber es klingt wie eine Frage.
«In Schweden wohl», gibt Ingrid ehrlicherweise zu.
Als ich bei Dunkelwerden zum erstenmal das Floß sehe, schlägt mein Herz
vor Freude. Begeistert tanze ich im Beisein Antonios an Bord herum; zum
erstenmal erblicken meine Augen das, wofür ich so schwer gekämpft habe.
Doch die Hochstimmung ist rasch wieder verflogen. Das Floß ist klein, winzig:
sieben mal zwölf Meter für elf oder zwölf Personen, und vier Fünftel des Plat-
zes nehmen Kästen, Steuerruder, Brennstoff, Dingi, Proviant, Mast, Tisch,
Bänke längs der Kajüte, die Kajüte selbst, der Anker usw. ein. In der Kajüte, nur
4 mal 3,90 Meter, müssen die Navigationsausrüstung, das Funkgerät und
die gesamte Mannschaft mit ihren Siebensachen Platz finden.
A m späten Nachmittag dieses 13. April wird das Floß zu Wasser gelassen.
Es schwimmt, das ist die Hauptsache. Aber viele Dinge sind immer noch nicht
erledigt. Bauleitung und -koordinierung lassen zu wünschen übrig. Von den
dreiunddreißig Sonderwünschen sind gerade vier ausgeführt. Bis in zehn
Tagen der Frachter Egulú kommt, der die Acali nach Las Palmas bringt, muß
Tag und Nacht gearbeitet werden.

41
Ingrid muß noch einmal nach Schweden zurück, um sich von ihrer Familie
zu verabschieden und einige Navigationsinstrumente zu besorgen, die uns
immer noch fehlen. Antonio bleibt bis zur Verschiffung des Floßes in New-
castle, und ich fliege nach Madrid, um alles für Las Palmas vorzubereiten.
«Kann ich einen schwedischen Freund auf die Kanarischen Inseln mitbrin-
gen, der uns hilft?»
«Tut mir leid, Ingrid, wir haben schon Michael und einen Ersatzmann, das
würde zu teuer. Außerdem sprächt ihr untereinander schwedisch, und keiner
könnte euch verstehen.»
Ingrid weint das zweitemal.
Vor meinem Abflug meldet sich ein Mann namens Roberts in Newcastle.
Groß, verheiratet, etwa fünfundvierzig Jahre und über hundert Kilo schwer.
Die mexikanische Botschaft hat in der Times nach einem weiteren Teilneh-
mer annonciert, der Englisch spricht und möglichst etwas von Navigation ver-
steht. Hunderte von Briefen sind eingegangen. Zwar weiß ich wenig über
Roberts, aber aus seinen Zeugnissen geht hervor, daß er seemännische Erfah-
rung hat. Er w i r d Antonio helfen, all das an Bord anzubringen, was noch
fehlt, und das Floß bis zum Eintreffen des Frachters seeklar zu machen.

Treffpunkt Madrid

Am Rand von Madrid finden w i r eine ideale, ruhige Unterkunft in einem


katholischen Gästehaus mit riesigem Garten.
Der Anthropologe Marcos Medina, ein früherer Schüler von mir, der die Vor-
bereitungen des Experiments aus nächster Nähe verfolgen und am liebsten mit-
machen möchte, ist aus Uruguay herübergekommen.
Im Instituto Español de Deporte werden unentgeltlich die medizinischen
Untersuchungen durchgeführt.
Ankunft Ingrids und Jaschis. Der Schwedin macht ein Zehennagel zu schaf-
fen. Jaschi, geschniegelt und gebügelt, hat Wohnungsprobleme i n Paris, w i l l
sich ein neues Auto kaufen, braucht eine Brille, kurz, verlangt Geld und immer
wieder Geld. M i r mißfällt eine solche Einstellung, zumal ich von meiner Sekre-
tärin höre, daß er auch ihr deswegen dauernd in den Ohren liegt. Meiner M e i -
nung nach überflüssige Sorgen für einen Priester.
Reichlich nervös scheint mir Roberts zu sein. Ein Freund von mir muß ihn
von seinem Dorf zum Londoner Flughafen fahren, sie verspäten sich, Roberts
verpaßt seine Maschine und hat alle Mühe, teils per Eisenbahn, teils per Flug-
zeug nach Madrid zu kommen.
«Habt ihr das so gedreht, um zu sehen, wie ich mich aus der Affäre ziehe?»

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Ich schwöre ihm, daß es nicht der Fall ist, aber ganz überzeugt ist er wohl
nicht.
Einer nach dem andern treffen sie ein, manche aufgeregt, manche gelassen.
Sofia und Aischa bringen aus Nizza die geliehenen Instrumente des meeres-
biologischen Instituts und ausgezeichnete Tauchgeräte mit. Psychiater und
Psychologen kommen aus Amerika, unsere Graphologin aus Paris, der Fotograf
aus Japan, Teresa und Rachel mit hundertzwanzig Kilo Medikamenten und
Material aus Israel, Ana und Esperanza aus den Staaten. Viet schleppt seine
Fotoapparate und Kameras an. Ingrid bringt ihren eigenen Sextanten mit. Auch
der Soziologe Rabbit, der uns nach Las Palmas begleitet, stellt sich ein, und als
letzter kommt, wie vorgesehen, Antonio, der in Newcastle dabei war, als die
Egulú unser Floß an Bord nahm. Er schäumt über vor Unternehmungsgeist.
Inzwischen herrscht eine erregte und ängstliche Stimmung.
Außer mir müssen sich alle noch den psychologischen Tests unterziehen, die
ich glücklicherweise schon hinter mir habe. Dadurch gewinne ich Zeit, mich mit
den tausenderlei Dingen zu befassen, die sich aus den laufenden Vorbereitungen
ergeben. Ich habe jedem empfohlen, Reportern des eigenen Landes keine Inter-
views zu geben, und bei der Fülle von Untersuchungen und Prüfungen bleibt
dazu Gott sei Dank auch kaum Zeit. Wer geglaubt hat, sich in Madrid noch
ein paar schöne Tage machen zu können, sieht sich getäuscht. Stunde um Stunde,
vormittags wie nachmittags, sitzen die Kandidaten vor ihren Aufgaben, be-
antworten Fragen, werden ärztlich untersucht und unterhalten sich mit Psych-
iatern und Soziologen.

Pater Emiliano meldet sich

Noch am selben Abend wird mir Pater Emiliano vorgestellt, ein Angolaner,
zurückhaltend und einfach, der sofort interessiert ist.
«Wenn ich die Erlaubnis meines Oberen bekomme, fahre ich mit. Ich gebe
Ihnen morgen Bescheid.»
Dann kommt ein schlechter Anruf: «Professor, ich glaube, von der Beteili-
gung des japanischen Fotografen müssen w i r Ihnen abraten. Er hat eine ältere,
vernarbte Lungenläsion. Gefahr besteht nicht unmittelbar für ihn, aber da
praktisch nur noch eine Lunge richtig arbeitet, könnte die feuchte Seeluft oder
eine Erkältung zu Komplikationen führen.»
Bevor ich schlafen gehe, führe ich noch lange Gespräche mit mehreren Bera-
tern, und wir sind uns einig: Aus medizinischen Erwägungen, beziehungsweise
um leicht vorhersehbare Konflikte zu vermeiden, müssen Kamamoto, Roberts
und Jaschi von der Teilnahme ausgeschlossen werden.

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Am nächsten Morgen spreche ich mit jedem einzeln. Sie akzeptierten, daß
keiner die Fahrt mitmachen wird, aber Kamamoto und Roberts sollen uns nach
den Kanarischen Inseln begleiten und uns weiterhin behilflich sein.
Noch am Abend zuvor habe ich einen der beiden japanischen Fotoreporter
benachrichtigen lassen, die wir in Reserve halten.
Kurze Zeit später teilt Emiliano mir mit, daß er die erbetene Erlaubnis be-
kommen habe. Wenn wir also einverstanden sind, ist er dabei.
Auch Pater Velasco und der uruguayische Anthropologe Marcos Medina
äußern den lebhaften Wunsch, an der Expedition teilzunehmen. Da ich sie seit
vielen Jahren kenne und weiß, daß sie kluge, fähige Männer von ausgegliche-
nem Wesen sind, lasse ich sie gleich untersuchen.
Als die Mannschaft, einschließlich der Kandidaten, über die noch nicht ent-
schieden ist, und des Soziologen Rabbit, sich zum erstenmal komplett ver-
sammelt, sage ich, daß von nun an jeder der nationalen oder internationalen
Presse sagen kann, was er w i l l ; ich warne aber alle davor, sich von den Ver-
öffentlichungen beeinflussen zu lassen. Schon schwirren Schlagworte durch die
Luft wie «Sexfloß», «Narrenschiff», «Sexuelles Experiment» usw.
Der Ausschluß der drei Kandidaten findet unterschiedliche Aufnahme, was
ganz normal ist. Rachel verstand sich gut mit Kamamoto, Viet mit Jaschi. H i n -
gegen sind Aischa und Sofia begeistert über die Teilnahme von Marcos und
Pater Velasco, weil sie attraktiver sind und einen zuverlässigeren Eindruck ma-
chen. Von einem der Psychiater weiß ich, daß die weiblichen Mitglieder allge-
mein etwas ängstlich und von den männlichen Teilnehmern enttäuscht sind.
Gewiß, einen Sean Connery oder Marlon Brando haben w i r nicht an Bord.
Der weibliche Teil der Besatzung beurteilt den männlichen da ziemlich nüch-
tern.
M i t Ausnahme von Marcos haben wir alle, Männer wie Frauen, medizinisch
gesprochen, unsere kleinen Fehler, sind aber sonst gesund und in guter Ver-
fassung, das heißt den vor uns liegenden Strapazen aller Voraussicht nach ge-
wachsen. Meine einzige Sorge gilt Rachel, die an einer schweren Gastritis leidet
und nach wie vor blaß und nervös ist. Den 29. A p r i l nützt jeder auf seine
Weise: Die einen gehen einkaufen, die anderen besichtigen den Prado, Rachel
und Viet lassen sich die Zähne nachsehen, Teresa kümmert sich um noch feh-
lende Medikamente. Ich setze mich mit den Fachleuten zusammen, um eine
Persönlichkeitsbilanz jedes Teilnehmers aufzustellen. Nachmittags müssen w i r
uns trennen. Nur der Soziologe Rabbit begleitet uns nach Las Palmas.

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Sehr normal sind wir nicht

Über die von den Psychiatern, Soziologen, Graphologen und Psychologen er-
arbeiteten Persönlichkeitsprofile läßt sich in großen Zügen folgendes sagen:
Alle Teilnehmer haben schwere affektive Probleme. Die Männer, bis auf einen,
haben ihre Affekte verdrängt. Unbewußte Wünsche wirken fort, und die mei-
sten leben in Projektionen. Das Erwachsenenalter hat niemand ganz erreicht
(«unreifes Ich»), ein großer Teil noch nicht einmal das narzistische Stadium,
in dem die egozentrischen Motivationen Vorrang haben, ganz überschritten.
Bei allen sind starke libidinöse Triebregungen zu beobachten, doch auf der
Grundlage neurotischer Spannungen hat sich im allgemeinen ein seelisches
Gleichgewicht herausgebildet, obwohl mindestens zwei Teilnehmer ein Ego
aufweisen, das den pathologischen Zustand streift. Die Frauen sind überwie-
gend sado-masochistisch und zeigen ein «verlassenes Ich». Bei der Mehrzahl
der Teilnehmer hat man ferner den Eindruck, daß sie «dem anderen» noch nicht
begegnet sind. Schlußfolgerung: A u f der Basis gemeinsamer Motivationen sind
sehr tiefe Ich-Spannungen festzustellen, verbunden mit Ablehnung - oder
Flucht aus - der Gesellschaft in ihrer etablierten Form. Etliche schließlich lassen
Selbstmordneigungen erkennen.
Ohne jeden Zweifel, ich muß es noch einmal sagen, werden wir mit den Maß-
stäben einer Normalität analysiert und in gewisser Weise auch beurteilt, die mit
ihrem ganzen Apparat von Tests, Normen, Wertungen und Konzeptionen
einer mehr oder weniger fernen Vergangenheit angehört. Hier waltet ein Kon-
formismus, der festlegt, was ein normaler Mann und eine normale Frau sein
soll.
Nach soziologischen, psychiatrischen, psychologischen und graphologischen
Maßstäben der Normalität müßten w i r eigentlich alle Familienväter oder
-mütter sein, drei Kinder haben - möglichst zwei Jungen, ein Mädchen - und
frei sein von Abenteuerlust, die das von Kino, Fernsehen und Literatur Gebo-
tene übersteigt. In nichts, was unser Leben ausmacht - Liebe, Kunst, Wissen-
schaft, Beruf - dürften w i r frustriert, sondern müßten vollständig zufrieden
sein mit uns selbst und dem Lauf der Welt, einverstanden mit Rassendiskri-
minierung, der Situation der Frau, kolonialistischer Politik, Wirtschaftspolitik,
Religionsersatz, Hunger, Krieg und Gewalt in aller Welt, dem Bildungsnot-
stand, der verkrampften Sexualerziehung und den als Ideologien verkleideten
menschlichen Irrtümern. Weder die armselige Rolle, die w i r selbst spielen, noch
die Enttäuschung über diejenigen, an die wir geglaubt haben, dürften jemals
einen Selbstmordgedanken in uns nähren.
M i t anderen Worten, auf unserem Floß werden wir uns, immer gemessen am
Urteil der Fachwelt, genau in die entgegengesetzte Richtung bewegen wie

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Büromenschen und Eierköpfe, breitschultrige oder rundliche amerikanische
Footballspieler und die Herren «im grauen Anzug».
Welch ein Spaß!
Zugegeben, ich sehe jetzt klarer, daß Ingrid zwar im Grunde anständig ist,
aber von ständigen Selbstzweifeln gequält w i r d und erhebliche Kommunika-
tionsschwierigkeiten hat; daß Ana ernste Privatprobleme mit aufs Floß bringt;
daß Antonio etwas unüberlegt handelt, Teresa möglicherweise am Rande der
Hysterie steht, Marcos nur seine berufliche Karriere im Auge hat, Aischa etwas
«phlegmatisch» ist, Rachel labil, die lebensgierige Sofia keine Todesfurcht
kennt usw. Aber sind wir denn nicht alle so? Wer hat oder hatte denn keine
Kommunikationsschwierigkeiten, Probleme, die er vergessen oder um jeden
Preis hinter sich lassen möchte? Hat nicht jeder mal Lust, das Leben zu leben,
ist nicht jeder mal labil, phlegmatisch, leichtsinnig, versessen darauf, sich voll
zu verwirklichen, sei es für einen kurzen Augenblick, sei es fürs ganze Leben?
Und nun zu mir, der ich die Idee zu diesem Experiment hatte, es organisiert
habe: «Autoritär, intolerant, unreif, infantil». Im Schutz ihrer Schreibtische
sitzen meine Tester mir gegenüber, ahnungslos, was Wellen, Haie, Wirbel-
stürme sind. Sie wissen nichts von Segeln und Proviant, von Wasser, Tauen,
Krankheiten und Ängsten, von anderen Schiffen, die uns rammen können, von
der Gefahr, über Bord zu fallen; nichts von nervösen Krisen und nicht, was es
bedeutet, wenn Männer und Frauen allein auf einem Floß übers Meer treiben.
Auch ich weiß davon nicht viel mehr als sie, und darum machen wir ja dieses
Experiment. Aber eines weiß ich wohl, denn ich habe es zweimal erlebt: M i t
Gottvertrauen allein ist ein solches Unternehmen nicht durchzuführen. A u f
einem Floß, das übers Meer treibt, genügt der gute Wille nicht, so wichtig er
auch sein mag. Mangelnde Voraussicht oder Vergeßlichkeit sind nicht wieder-
gutzumachen. In der Minute, da ein Floß von der Pier ablegt und auf die offene
See hinausschwimmt, wird es zu einer unzugänglichen Insel, und von Stund an
sind all die «verlassenen Ichs» der Psychologen zu nichts mehr nütze. «Autori-
tär, intolerant, unreif, infantil?» Na und? Für uns, für mich, handelt es sich
nicht um irgendeine Arbeit, irgendein Spiel, es handelt sich um die Arbeit, um
das Spiel.

Südwärts gen Las Palmas

Ich schöpfe wieder Atem. Am 29. A p r i l , gegen Abend, soll das Floß in Las
Palmas ankommen. Beladen mit sechsunddreißig Gepäckstücken, die von unse-
ren persönlichen Sachen bis zu den verschiedensten Gerätschaften alles ent-
halten, was w i r benötigen, lassen wir uns abfertigen und steigen in die Ma-

46
schine. In Madrid ist vor Publikum und speziell für alle Teilnehmer mein Film
Pax? vorgeführt worden. Ich hoffe, daß er dazu beigetragen hat, jeden mit dem
Charakter der Expedition vertraut zu machen, und daß jeder durchdrungen ist
von der Idee, die ihr zugrunde liegt.
Zusammen mit den beiden Sekretärinnen bilden Carlos, Vergara und Rabbit
eine ideale Hilfstruppe für mich, die die letzten Vorbereitungen bis zum Start
sicher im Griff hat.
Flughafen von Las Palmas auf Gran Canaria. Hier beginnt für uns das un-
bekannte Abenteuer. Hochstimmung, Furcht, Müdigkeit. W i r warten auf den
Bus, der uns mit unserem Gepäck ins Hotel bringen soll.
«Wo ist Ingrid?»
Ingrid ist verschwunden. Meine Sekretärin sagt mir, sie sei plötzlich in ein
Taxi gesprungen. Ich verstehe es nicht. Jeder von uns ist für die gesamte Mann-
schaft verantwortlich und Ingrid obendrein für die verschiedenen Navigations-
instrumente. Und. sie läßt uns, ohne ein Wort zu sagen, aus einer plötzlichen
Eingebung heraus, einfach allein! Ein solches Verhalten verträgt sich schlecht
mit der berühmten Zuverlässigkeit von Seeleuten.
Anderntags erscheint Ingrid am A r m ihres Verlobten Knut, auch ein Schwede.
Als ich ihre Freude sehe, sage ich nichts.
«Warum nehmen Sie eine Frau in diesem Zustand mit?» fragt ein Journalist
mich. Esperanza trägt nach neuester Mode eine weite Bluse mit nach oben ver-
setzter Taille, und der sexbesessene kanarische Zeitungsmann hat geglaubt, sie
sei schwanger.

Wie das «Sexfloß» entsteht

Journalisten bestürmen uns mit Fragen. Aus aller Welt kommen die Anrufe.
Man w i l l die Startzeit wissen, die A r t des Experiments, Name und Beruf der
Teilnehmer, warum wir nicht Angehörige dieser oder jener Nation mitnehmen
usw., Fragen über Fragen, manchmal intelligente oder witzige, manchmal
ärgerliche. Am nächsten Morgen allgemeines Baden. An einer wenig belebten
Stelle des Kais, neben einem halb ausgebrannten Frachter, suche ich uns einen
Liegeplatz. W i r brauchen Stunden, um den Platz zu säubern, auf dem wir das
Material lagern wollen, bevor wir es an Bord verstauen.
Um ein Uhr fünfzehn nachts läuft die Egulú in den Hafen von La Luz ein.
Langsam bewegt das Schiff sich auf uns zu. Zwischen Brücke und Bug, klein
und schön wie ein Schmetterling, unser Floß. Beängstigend klein.
W i r teilen uns in zwei Gruppen auf. Die eine fährt ins Hotel zurück und legt
sich schlafen, die andere geht an Bord des Frachters, um dem Floßrumpf noch

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einen letzten Schutzanstrich zu verpassen, der am nächsten Tag, wenn die Acali
zu Wasser gelassen wird, trocken sein muß. W i r arbeiten die ganze Nacht hin-
durch.
Nun hat die letzte Phase vor dem Auslaufen begonnen. Theoretisch kenne ich
die Mannschaft schon ziemlich gut, aber praktisch noch nicht. Ich beobachte, wer
freiwillig die unangenehmsten Arbeiten übernimmt, wer am empfindlichsten
reagiert, wer sich mit wem versteht, wer zupacken kann. Die Frauenrechtle-
rinnen werden es sicher gern hören, wenn ich sage, daß sich bis jetzt im allge-
meinen die Frauen als ausdauernder erwiesen haben, obwohl sie hier und da
langsamer sind.
Ein Riesenkran setzt das Floß behutsam aufs Wasser, und ein Schlepper
zieht es an den vorbestimmten Platz. Alles, was man in Newcastle in die Acali
hineingepackt hat, holen wir wieder heraus. Die Rolle des Proviantmeisters
übernehmen fürs erste Sofia und Esperanza. Teresa und Rachel kümmern sich
um die Medikamente; Aischa und Emiliano unter meiner und Teresas Anleitung
um das Abfüllen der Wasservorräte; Ingrid, Ana und Roberts um das Naviga-
tionsmaterial; Antonio und Viet um das Funkgerät. Der Kameramann und
der Fotograf machen Aufnahmen, Marcos und Vergara machen letzte Ein-
käufe und erledigen, da sie Spanisch sprechen, die Formalitäten mit den Behör-
den. Rabbit schließlich faßt mal hier, mal da zu, wo er gerade gebraucht w i r d .

Marcos ersetzt Roberts

Seit er weiß, daß er an Roberts' Stelle tritt, hat Marcos vor Freude einen ganz
anderen Gesichtsausdruck bekommen, und trotz der vielen Arbeit, die wir dem
Uruguayer aufhalsen, acht Pfund zugenommen.
Inzwischen ist auch meine Frau Andrée in Begleitung des Malers Arnaldo
Coen eingetroffen. Coen hilft uns, wo er kann, und unterstützt von Andrée,
bemalt er den lieben langen Tag, ohne den Pinsel auch nur einmal aus der
Hand zu legen, unser Segel.
Ebenso unermüdlich und tüchtig arbeitet Knut. Er hilft Mudie, dem es längst
nicht genügt, sein Werk nur schwimmen zu sehen.
«Statt drei Ruderblättern solltet ihr nur eines nehmen», schlägt Knut vor,
«ein starkes in der Mitte, nach gut schwedischer Art.»
Mudie und ich wechseln einen Blick. Ingrids Verlobter hat sich sozusagen das
Floß zu eigen gemacht, was nicht ganz reibungslos abgeht. Natürlich ist er dar-
an interessiert, daß alles gut funktioniert, aber nicht er hat das Floß gebaut,
sondern Mudie. Knut ist noch nie mit einem solchen Fahrzeug auf See gewesen,
und so eckt er immer wieder an mit seinen Maßnahmen und Vorschlägen.

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Trotzdem ist er uns eine wertvolle Hilfe, denn er ist Seemann und spricht
Spanisch.
«Geschäftsführer schwer verunglückt. Sofort kommen.» Den Tränen nahe,
zeigt Viet mir ein Telegramm von seiner Frau aus Paris.
«Was nun, Viet?»
«Ich muß zurück. Ich komme sofort wieder, aber ich kann die Dinge nicht
einfach laufenlassen. Ohne Geschäftsführer muß ich meinen Laden zumachen.
Es ist wirklich zum Heulen, aber was soll ich machen?»
Ich beruhige ihn und sage ihm, er solle erst mal seine Frau anrufen. Andrée,
die sich bereit erklärt, ihn nach Paris zu begleiten, um ihm zu helfen, setzt sich
ihrerseits mit Paris in Verbindung. Wer ist am Apparat? Der Geschäftsführer,
der von seinem «Unglücksfall» keine Ahnung hat.
Völlig verzweifelt zeigt Viet mir am nächsten Tag ein neues Telegramm:
«Sofort kommen, Lage kritisch.»
Am übernächsten Tag das dritte: «Komm sofort nach Paris.»
Viet läßt sich aus Paris fingierte Telegramme schicken !
«Was ist los mit dir, Viet? Hast du Angst? Willst du nicht mehr mitma-
chen?»
«Nun ja . . . ich möchte mehr Geld, und ich habe Angst.»
Welcher dieser beiden Gründe der ausschlaggebende war, habe ich nie er-
fahren.
So gern ich einen Vietnamesen und Berufsfotografen mitgenommen hätte,
sage ich mir doch: Ein Mann, der so lügt, ist für uns wertlos.
«Warum nimmt Rachel nicht teil? Man sagt, Sie seien dagegen. Haben Sie
etwas gegen Juden ? »
Geduldig erkläre ich dem Journalisten, daß es sich keineswegs um eine A b -
neigung meinerseits handelt, sondern daß Rachel, ohne eigentlich krank zu
sein, sich in keiner guten körperlichen Verfassung befindet; ein Floß sei
schließlich kein Ozeanriese.
Wieder hat also eine Ärztin, diesmal Rachel, entgegen unserer Abmachung
etwas ausgeplaudert. Unaufhörlich werden wir von den Presseleuten fotogra-
fiert und mit Fragen bombardiert. Es steht jedem frei, zu sagen, was er w i l l , und
die Dinge aus seiner Sicht zu beurteilen, aber Rachels Indiskretion w i r d auf
eine völlig überflüssige Weise ausgewalzt.
«Drei neue Entlassungen beim Acali-Projekt seit dem Hinauswurf des Ja-
paners», lautet die Schlagzeile einer kanarischen Tageszeitung. Als Gründe
führt das Blatt Angst, Homosexualität, Nymphomanie, Reibereien, Meinungs-
verschiedenheiten mit dem Expeditionschef usw. an. Nun wissen wir's! Unse-
rem Experiment bläst der W i n d ins Gesicht, noch bevor die erste Brise unser
Segel gebläht hat. Die Welt ist nun einmal so. Künftig werde ich, sollte ich je

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das andere Ufer erreichen, Zeitungsleuten gegenüber sehr viel mißtrauischer
sein, und als Soziologe frage ich mich, wann und wie w i r dieser medienver-
fremdeten Welt entgehen können.
Das Floß jedenfalls ist Realität. Im Rhythmus der Wellen hebt und senkt es
sich. Teresa findet, es sehe aus wie ein schwimmendes Restaurant und Antonio
wie ein Würstchenverkäufer.

Erste und einzige Probefahrt

Ein Schlepper zieht uns zur ersten Probefahrt hinaus auf die See. Zwar ist es so
windstill, daß w i r uns von der Brauchbarkeit unseres Segels noch nicht über-
zeugen können, dafür funktionieren die Ruder zufriedenstellend. A u f Mudies
Rat hin sollen die Ruderblätter noch leicht gekürzt werden. Seit der bösen Er-
fahrung, die ich bei den Ra-Expeditionen machen mußte, werde ich die Angst
nicht los, sie könnten brechen. Hundertfünfzig Meter vor der Mole lasse ich
mich von einer Barkasse abholen, weil ich dringend zu einer Verabredung
muß, und übergebe das Floß Ingrid und Knut.
«Die Acali hat einen Bums abgekriegt, ein Ruder ist beschädigt und die
Toilette», erfahre ich eine Stunde später von Antonio.
«Ein Ruder?»
Ich bin entsetzt, aber ich sage zu Ingrid und Knut kein Wort. Alte Seehasen,
mit denen Andrée sich unterhält, sind der Meinung, es sei reine Unachtsamkeit
gewesen.
M i t rotem Kopf behauptet Knut, der Schaden sei nicht so schlimm und leicht
zu beheben.
Am nächsten Tag stelle ich fest, daß die Toilette ziemlich mitgenommen ist
und das Backbordruder wieder geradegerichtet werden muß. Bei der Gelegenheit
verkürzen w i r dann gleich die Ruderblätter.
Sind w i r Pechvögel? Beim Einfüllen der Wassertanks wäre um ein Haar un-
ser Mast abgeknickt; er stößt gegen eine der Leinen, mit denen neben uns ein
Schiff festgemacht hat. Glücklicherweise kann ich rasch noch hochklettern und
die Leine über den Mast hinwegheben.

Komico kommt

«Bin in Madrid. Komme aus Tokio. Schwierigkeiten bei der Paßkontrolle. Ein-
treffe in vier Stunden. Geht das?»
Am späten Nachmittag, unter seinen Fotoapparaten schier zusammenbre-

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chend, erscheint Komico im Hotel. Er ist in einem Rutsch von Tokio hergekom-
men, w i l l sich aber nicht erst lange ausruhen. Er w i l l das Floß sehen.
«Oh ! Oh ! Oh ! Das ist ja winzig !»
«Ja, aber es schwimmt gut.»
«Ich fahre öfter zum Angeln aufs Meer hinaus.»
Der untersetzte kleine Japaner ist nach Auskunft der Ärzte von Las Palmas
kerngesund. Die psychologischen Tests macht Andrée mit ihm. Still und zu-
meist lächelnd, fügt er sich offenbar ohne Schwierigkeiten in die Gruppe ein.
«So schöne Ferien habe ich noch nie verlebt», erklärt Esperanza mir, wohl
die ausgeglichenste von den Frauen. Tanzen geht sie selten, aber wenn sie
tanzt, erregt sie allgemeine Bewunderung.
A u f einer unserer morgendlichen Sitzungen verkünde ich, daß Viet aus-
geschieden sei, weil er dringend nach Paris zurückmüsse.
«Santiago, kann ich dich unter vier Augen sprechen? Ich w i l l auch nicht
mit. »
«Aber warum denn nicht, Ingrid? Was ist los mit dir?»
Schweigen.
«Ingrid, deine Anwesenheit ist unerläßlich, du bist die einzige Frau mit see-
männischer Erfahrung. Was ist denn geschehen?»
Keine Antwort.
Ich spreche von der Bedeutung des Experiments, seiner Tragweite, den
Mühen und Kosten, die es verursacht. Ingrid schweigt sich aus. Schließlich mache
ich ihr den Vorschlag, mit Knut darüber zu sprechen.
Anderthalb Stunden später: «Ich komme mit, Santiago.»
Dieses H i n und Her stimmt mich nicht froh, aber ich hoffe, wenn sie erst
einmal auf See und in ihrem Element ist, w i r d Ingrid ihr Selbstvertrauen wie-
dergewinnen, ihre Zweifel an mir, der Mannschaft und dem Floß überwinden
und sich wohl fühlen.
Ob Emiliano etwas gegen einen zweiten Priester an Bord hätte?
«Was würdest du sagen, wenn Pater Velasco uns begleitete? Nicht in sei-
ner Eigenschaft als Priester. Wie du weißt, trägt er sich ernstlich mit dem Ge-
danken, sein A m t als Priester aufzugeben.»
«Er ist ein guter Mann, den wir in Spanien sehr achten. Ich würde mich
freuen, wenn er mitkäme, ob nun als Priester oder als Laie.»
«Schön, daß du so denkst, Emiliano.»
«Was dachtest du denn?»
«Du hast recht, ich bin ein Idiot.»
Doch dann ruft Pater Velasco aus Madrid an.
«Ich w i l l auf Wiedersehen sagen, ich fahre doch nicht mit. Den Orden nach so
vielen Jahren aus einer Eingebung des Augenblicks heraus zu verlassen fällt

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mir schwer. Ich glaube zwar, daß ich nützlicher sein kann, wenn ich meinen Weg
außerhalb der Kirche weitergehe, aber ich kann, ich w i l l sie nicht einfach so
aufgeben. Du weißt, wie gern ich dabei wäre . . . ich glaube, es ist ein einmaliges
Experiment, aber ich muß verzichten, Santiago. Du verstehst mich . . . »
Ja, ich verstehe ihn, seinen Worten ist nichts hinzuzufügen, außer daß für
einen Mann wie ihn die Tür bis zur letzten Minute offensteht.
In der Nacht komme ich fast nicht zum Schlafen. Zu viele Dinge, die ich jetzt
erst erledigen kann, und zu viele Sorgen, die mir bis zum nahen Start keinen
Augenblick Ruhe lassen. Ist ein Problem gelöst, ergibt sich ein neues, es
scheint nie ein Ende zu nehmen.
Jaschi, Roberts, Kamamoto, Rachel, Viet und Ingrid . . . ein ganzer Sack voll
Schwierigkeiten. Oder sind es völlig normale Hindernisse? Über die «Anomali-
tät» der möglichen und tatsächlichen Teilnehmer ist ja schon genug geschrieben
worden. Aber ist es im Grunde nicht ganz normal, daß Jaschi, wenn er auch
Priester ist, Geldsorgen hat und ängstlich ist? Daß Roberts, ein Matrose, von
den Auslassungen der Presse über die «sexuelle» Natur der Expedition oder
von den Sticheleien eines Nachbarn beeinflußt wird? Daß Kamamoto ver-
sucht, seine Finanzen aufzubessern? Viet in gleicher Absicht fingierte Tele-
gramme aus Paris bestellt, Ingrid unsicher und Rachel in einem angegriffenen
Zustand ist? Die Psycho-Tests lassen nur einen winzigen Teil dieser Verhal-
tensweisen durchscheinen, und auch in den Psychiatrieberichten findet sich dar-
über wenig. Erst in der Konfrontation mit den wirklichen Gegebenheiten treten
sie voll zutage. Das Experiment als eine erfahrbare Realität hat an dem Tag be-
gonnen, an dem ich es mir ausgedacht habe. Das beweisen mir meine Beziehun-
gen zu jedem einzelnen der Beteiligten, der Mannschaft, den Wissenschaftlern,
Technikern, Politikern, Beamten, Diplomaten, Freunden und unbekannten
Helfern.
Soviel w i r auch theoretisieren oder träumen, vor allem gilt es, die Augen auf-
zumachen.
W i r sind so normal wie alle anderen, nur daß einige unter uns den Erforder-
nissen des Experiments weniger gut, andere besser angepaßt sind. Der Baum
wächst, der Löwe frißt die Gazelle, Politiker streben nach Macht, Arme nach
Reichtum und so gut wie jeder Sterbliche nach Anerkennung und mehr. Hier
werden Situationen beschrieben, die aus einem ungewöhnlichen Experiment
entstanden sind. Es geht darum, zu verstehen, daß alles - außerhalb des streng
pathologischen Bereichs - normal ist, und die Ursache unserer Spannungen aus
Charakter, Nationalität, Sprache, Religion, Erziehung zu erklären.
«Du schläfst noch nicht?»
Es ist fünf Uhr früh. Andrée kommt nach Hause, sie hat die ganze Nacht mit
Arnaldo an dem Segel gemalt.

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«Nein, mir geht zuviel im Kopf herum.»
«Das wird auf See nicht anders sein. Zumindest die ersten Tage wirst du nicht
genügend Schlaf kriegen. Erinnere dich, wie es auf der Ra war, und versuche
jetzt, ein bißchen zu schlafen.»
M i t der Vorstellung, ich sei Jonas im Bauch des Walfischs, schlafe ich ein.

Die letzten Stunden an Land

Sieben Uhr dreißig morgens. Der Koffer mit meinen persönlichen Sachen ist ge-
packt. Ich gehe zum Frühstück hinunter.
«Da ist ein Amerikaner, der Sie sprechen möchte. Er sagt, es sei dringend.»
Herein kommt ein etwa sechzigjähriger Herr, ungefähr so groß wie ich, von
gesundem Aussehen und mit einem fröhlichen Gesicht.
«Ich komme aus den USA, aus Buffalo. Ich möchte die Floßfahrt mitmachen.
Sie können mich im Laderaum verstecken. Und wenn wir auf See sind, sagen
Sie, ich sei ein blinder Passagier. Das ist eine glänzende Reklame. Ich kenne
das M e e r . . . »
«Ja, a b e r . . . »
«Wenn nicht, habe ich eine andere Idee: Sie sagen mir, welchen Kurs Sie
steuern, ich fahre mit einem Boot hinaus, Sie retten mich auf See und nehmen
mich an Bord. Auch damit erregen Sie weltweites Aufsehen, und ich komme zu
meinem Abenteuer.»
Es tut mir leid, daß ich diesen Mann enttäuschen muß, der unzweifelhaft ent-
schlossen ist, unsere Fahrt mitzumachen, und sich Tricks ausgedacht hat, wie er
sein Ziel erreichen kann. Für alle Fälle lasse ich später, kurz bevor w i r ablegen,
von Komico und Marcos alle Ecken an Bord kontrollieren.
Die Londoner Daily Mail hat offenbar geschrieben, wir suchten noch englische
Teilnehmer, denn ich werde mit Anrufen überhäuft; auch vor dem Hotel spre-
chen mich drei Engländer an. Ohne Rachel werden wir elf Personen sein.

Aischa l Navigationstisch

Santiago 2
Ingrid 7
(Unterlagen z. Experiment)

Komico 8
Sofia 3
(Fotomaterial)

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Emiliano 4 Esperanza 9

Ana 5 Marcos 10

Antonio 6 Teresa 11
(Funkgerät) (Medikamente)

Unter Berücksichtigung der Muttersprachen, der persönlichen Aufgabenbereiche


und des unterzubringenden Materials - und erst, nachdem w i r darüber disku-
tiert haben - nehme ich die Platzverteilung in der Kajüte vor: sechs hinten,
fünf vorne. Da die hinteren weniger Platz haben und ich keine Vorrechte ge-
nießen w i l l , lege ich mich nach hinten.
Platz 11: Teresa, über der Luke, durch die man an die Medikamente her-
an kann. Antonio hat Platz 6, weil hier das Funkgerät am sichersten ist. Ko-
mico, der zum Fotografieren beweglich sein muß, liegt am Eingang auf Platz 8,
darunter der größte Teil des Fotomaterials. Ingrid hat Platz 7 neben dem freien
Feld mit dem Navigationstisch, Ana Platz 5 neben Antonio; auf den ersten
Blick scheinen Ana und Antonio sich nicht sehr zu mögen, aber ich möchte in
der Nähe des Funkgerätes jemanden haben, der Englisch und etwas Spanisch
spricht. Der beste Platz ist zweifellos Nummer 1, darum habe ich mich bewußt
auf Platz 2 gelegt, von wo aus man immerhin schnell hinaus kann.
Bis auf Ana, die nicht so gern neben Antonio liegen möchte, sind alle ein-
verstanden. Angeblich wird mir vorgeworfen, ich hätte mich prompt zwischen
«die beiden Hübschesten» gelegt. Das ist Unsinn: Hätte ich mich neben Ingrid
gelegt, hätte es geheißen: «Die Chefs unter sich»; oder zwischen Esperanza und
Ana: «Die Amerikaner sondern sich ab . . . »
Ich habe die Schlafplätze durch Bretter abteilen lassen, nicht um Trennungs-
linien zu ziehen, sondern damit wir bei stürmischer See nicht alle durcheinan-
derpurzeln. Leider sind sie etwas höher ausgefallen, als ich wollte, aber nun ist
es nicht mehr zu ändern. In letzter Minute kaufen wir uns - völlig überflüssig -
noch ein Grenzwellengerät für den Funkverkehr mit anderen Schiffen.
Am Morgen des 12. Mai ist am Floß ein irrsinniger Betrieb. Hunderte von
Neugierigen und eine A r t Musik-Band - weiß der Himmel, wer sie uns ge-
schickt hat - versammeln sich am Kai. Presse, Funk und Fernsehen weichen
nicht von der Stelle und interviewen uns pausenlos. Aus der ganzen Welt sind
Journalisten erschienen - aber kein einziger aus Mexiko, was mich traurig
stimmt. Ich hätte es gern gesehen, daß mein Land gut informiert worden wäre.
Meine Aufgabe an diesem Vormittag: Eier einlegen. Bei der ersten Ra-

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Expedition hatte ich gelernt, daß man in einer Lauge aus acht Teilen Wasser und
einem Teil ungelöschten Kalk Eier vierzig bis fünfzig Tage lang konservieren
kann. W i r nehmen 540 Eier mit. Nachdem die letzten Vorbereitungen abge-
schlossen sind, kehren wir ins Hotel zurück.
«Hört mir bitte einmal gut zu: W i r sind nichts, w i r haben noch nichts ge-
macht. Laßt euch von den Journalisten, Fotografen und Fernsehleuten nicht den
Kopf verdrehen. Überlegt euch gut, was noch zu tun bleibt, denn wenn w i r an
Bord sind, ist es zu spät. W i r laufen in wenigen Minuten aus, an eine Umkehr
ist nicht zu denken. Zuerst ist es an Bord eines Floßes immer schwierig. Also
bewahrt nach Möglichkeit Ruhe, auch wenn w i r jetzt alle auf einer Begeiste-
rungswoge schwimmen.»
Allgemeine Zustimmung.
W i r nehmen vier Tonnen Trinkwasser mit, das sind etwa zwei Liter pro
Person und Tag plus ein Liter pro Person zum Kochen. Bei einer voraussicht-
lichen Dauer der Überfahrt von hundert Tagen hätten zwar 3300 Liter genügt,
aber so haben w i r eine Reserve von 20 Prozent.
Alle Vorräte sind im Bauch des Floßes verstaut. Ich bitte Esperanza und Sofia,
das, was wir für drei Wochen brauchen, heraufzuholen und in der Kajüte zu
lagern. Der Verbrauch wurde vorausberechnet; die Vorräte sind in Wochen-
rationen aufgeteilt - insgesamt für siebzehn Wochen, obwohl ich nur mit zwölf
bis vierzehn Wochen rechne.
Für Taue, Beile, Messer und Feuerlöschgeräte sind überall Haken und Ringe
angebracht. Auch Leuchtraketen und Signallaternen sind vorhanden. Alles
Brennmaterial ist steuerbord in einem Abteil verstaut und festgezurrt.
In der Kajüte befinden sich unter jedem Schlafplatz - getrennt vom Haupt-
laderaum - zwei Separaträume. Jedes Ding hat seinen Platz: Kleidung, Film-
rollen, Fotoapparate, Medikamente, Navigationsinstrumente, Fragebogen,
meine persönlichen Papiere, Wasser und Proviant, Taue, Hämmer, Taschen-
lampenbatterien, Tonbandgeräte, Tonbänder, Nähzeug, Ölzeug usw.
Das Material zur Untersuchung der Wasserverschmutzung ist in zwei großen
Körben beiderseits der kleinen Kommandobrücke untergebracht, die Eier und
ein Teil der Tauchgeräte füllen den Raum unter der Brücke. Vor der Kajüte ist
die Küche, versehen mit Wasser und Lebensmitteln für mehrere Tage: davor in
zwei großen Kästen das Ersatzsegel, der Anker und verschiedenes anderes Ma-
terial.
Die beiden Schlauchboote sind achtern seitlich an die Reling gelascht, und mit
dem Dingi haben w i r steuerbord das Brennmaterial abgedeckt. Für den Fall,
daß eine hohe See die Brücke mit einem Ölfilm überziehen und glitschig ma-
chen sollte, führen wir unter der Achterluke Streusand mit. Dort liegen auch
die Treibanker, Reservelampen und Sofias restliche Tauchgeräte.

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Alles übrige ist im großen Laderaum unter der Kajüte verstaut, der durch
sechs Falltüren unter unseren Schlafplätzen zu erreichen ist. Für den Notfall
liegen Hämmer, Taue, Messer und Leuchtraketen bereit. Gebe der Himmel,
daß wir sie nie benutzen müssen!
Fieberhafte Tätigkeit. Am achternen Mast werden die Flaggen der beteiligten
Nationen gesetzt. Überall herrscht große Aufregung.
Ich übergebe Andrée einen von mir vorbereiteten Kode. Da ich nicht wissen
kann, was an Bord alles passiert, habe ich mir, sei es, um die Experimentalbedin-
gungen zu verbessern, sei es, um mit Navigationsproblemen fertig zu werden
oder eine Krise innerhalb der Mannschaft zu bewältigen, einen einfachen Nach-
richtenschlüssel ausgedacht:
Januar: Einer ist krank, er muß von Bord geholt werden -
Februar: Es läuft schlecht; vielleicht müssen wir aufgeben. Halt dich bereit -
März : Trinkwasser und Lebensmittel knapp -
April: Voraussichtlich kommen wir nicht in Mexiko an, sondern in . . .
Mai: Erbitte dringend ärztlichen Rat -
Juni: Erbitte Verbesserungsvorschläge für folgende Aufgabenbereiche:
1. Seefahrt; 2. Humanes; 3. Floß; 4. Zusammenarbeit; 5. Mexiko; 6. A l l -
gemeines ; 7. Internationales -
Juli: Verworrene Situation an Bord -
August: SOS an Mexiko vor offiziellem Notruf -
September: W i r brauchen moralische Unterstützung von Mexiko, um einen
der Teilnehmer wiederaufzurichten. Hilfe für 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11 -
Oktober: Das Floß ist nicht wasserdicht; Filmrollen und Dokumente müssen
abgeholt werden -
November: W i r brauchen Hilfe, um an den Karibischen Inseln vorbeizukom-
men.

W i r signieren alle das Segel, manche in riesigen Lettern, andere mit winzigen
Schriftzügen; einige unterstreichen ihren Namen - für den Graphologen auf-
schlußreiche Details.
Ich habe Ingrid und Knut gebeten, nicht als erste an Bord zu gehen, und halte
mich selbst auch zurück, denn ich möchte, daß vor allem die anderen, die Nicht-
Fachleute, Initiative entwickeln und sich an den Gedanken gewöhnen, daß das
Floß allen gehört.
Der Schlepper der spanischen Marine kann nicht bis zu uns heranfahren,
weil es an unserem Liegeplatz zu flach für ihn ist; so muß ein kleines Fischer-
boot uns erst fünfzig Meter verholen.
Umgeben von unzähligen Schiffen, die die Luft mit dem fröhlichen, ohren-
betäubenden Lärm ihrer Sirenen erfüllen, nähern wir uns dem Schlepper.

56
«Vorsicht!»
Unter dem Aufprall gibt am Bug die Reling nach, zwei Planken brechen. Ich
werfe noch dem nächstbesten Boot achteraus ein Tauende zu, damit es uns zu-
rückhält, aber das Unglück ist schon geschehen. Freilich, der Schaden ist zu re-
parieren. Eine Stunde später ist alles wieder in Ordnung, und w i r werden see-
wärts geschleppt.

Im Schlepptau

Es wird schon dunkel. M i t einer Geschwindigkeit von 2,6 Knoten werden w i r ge-
schleppt. Ich habe den Kapitän des Schleppers gebeten, langsame Fahrt zu ma-
chen; w i r haben die ganze Nacht Zeit. Außerdem hat Mudie uns geraten, das
Floß nicht durch eine zu schnelle Fahrt zu gefährden.
Ein russisches Schiff, das im Hafen gelegen hat, kreuzt vor der Küste, schickt
uns einen Abschiedsheuler herüber und dreht ab.
Antonio, Aischa, Emiliano, Teresa und Esperanza werden seekrank, Komico
und Marcos halten sich einigermaßen.
Erbrechen innerhalb und außerhalb der Kajüte. Zwischendurch tauschen w i r
kurz unsere Eindrücke aus. Ich ernenne Emiliano zum «Obermundschenk» mit
der Aufgabe, über unseren Wasserverbrauch Buch zu führen, und bitte Aischa,
rings um die Reling zwei bis drei Meter lange Leinen anzubringen; es gibt i m -
mer etwas festzuzurren, und es muß ja nicht erst alles ins Wasser fallen.
M i t meiner und Antonios Hilfe betätigt Esperanza sich auch an Bord als
Proviantmeister.
Den Küchendienst scheinen alle zu scheuen. Schließlich meldet Marcos sich
freiwillig; Teresa und Esperanza helfen ihm.
Ingrid teilt die Wachen ein: Dreierwachen in vierstündigem Wechsel. Zuviel
Leute und zuviel Gewecke meiner Meinung nach, aber ich halte meinen Mund.

57
Zweiter Teil
Von den
Kanarischen
Inseln
nach Mexiko
101 Tage Isolierung
Das Auslaufen - vom Schlepper aus gesehen

von Andrée «Wir flehen, daß im Angesicht des Meeres


eine Verheißung neuer Werke uns werde:
lebhafter Werke und sehr schöner.»
Saint-John Perse

Puerto de Las Palmas - Gran Canaria.


Meer, Mole, buntes Menschengewimmel. Schon zum drittenmal und immer
wieder staunend betrachte ich dieses Schauspiel.
Fotografen, Fernsehen, Abschiedsszenen. Zurückgedrängte Tränen, lächelnde
Gesichter, Wangenküsse, lärmendes Durcheinander. Ingrid und Knut gehen
auf einen letzten Abschiedstrunk mit ihrem neuen mexikanischen Freund in
die Kajüte.
Die Hoffnung ist ein Wagnis, das man eingehen muß. Ich küsse Ingrid:
«Ich vertraue dir meinen Mann an, ich habe nur den einen. Cuidalo bien.»
Beruhigend lächelt sie mir zu, lieb und herzlich wie eine große Schwester. Ganz
klein komme ich mir vor neben dieser handfesten, kernigen Schwedin, Inha-
berin eines nautischen Patents und verantwortlich für zehn Personen, von
denen neun die See fremd ist.
Wie ein treuer Bernhardiner wartet der Schlepper, die Remolcador de
Alta Mar II, außenbords mit den Initialen RA II beschriftet. Alle freuen sich
über diesen Zufall (Ra II hieß das zweite Papyrus-Floß, das den Atlantik
überquerte).
Zu zehn Personen quetschen wir uns in eine Barkasse, die uns zum Schlepper
übersetzt. Galant hilft Knut mir an Bord der «Ra II», trägt meine Jacke . . . Ich
finde seine Zuvorkommenheit normal. Er muß sich von Ingrid, seiner Verlob-
ten, ich mich von Santiago, meinem Mann, trennen. Sitzen w i r da nicht ohne-
hin im selben Boot?
In vierzehntägiger harter Arbeit hat dieser besonnene Schwede - auch er
Schiffsoffizier - im Hafen von Las Palmas geholfen, aus dem unfertigen Floß
ein bewohnbares Fahrzeug zu machen, hat lächelnd die Anweisungen Ingrids
befolgt. Ein vortrefflicher, vorurteilsfreier, liberaler Mann, kurz der Nord-
länder, wie wir Romanen ihn uns vorstellen und wünschen.
Aus der Nähe ist die «RaII» ein Kriegsschiff, sehr eindrucksvoll: Panzer-

61
türme, Radarantenne, Geschütze, Funkstation. An Deck sind Reihen weiß
uniformierter Matrosen angetreten. Alles läuft wie nach der Stoppuhr. A u f das
Heck des Schleppers kommt, von einem kleinen Fischerboot gezogen, die Acali
zugeschaukelt. Ohne eigene Motorkraft, das Segel ist noch nicht gesetzt, treibt
das Floß wie ein steuerloser Korken heran. Das Fischerboot nähert sich der
Ra II so ungeschickt, daß die Acali mit voller Wucht das Heck des Schleppers
zu rammen droht. Ich mache die Augen zu, balle die Fäuste und warte . . .
Dank Santiagos Geistesgegenwart und der Kraft seiner Fußballerbeine w i r d
das Schlimmste gerade noch verhütet. Es hätte dem Unternehmen Acali ein
vorzeitiges Ende bereiten können. Als ich die Augen wieder öffne, hält das
Floß sich in einem achtbaren Abstand von zwanzig Zentimetern hinter dem
Schlepper. Wie ein Affe umklammert Santiago die Reling der Acali und stemmt
sich mit aller Kraft gegen den eisernen Schiffsrumpf des Schleppers. Ich weiß,
er hält durch, aber tut es auch das Schienbein? Und der Schenkelhals? Ohne
etwas tun zu können, erwarte ich ein fürchterliches Krachen.
Endlich kommen Emiliano, der Priester, und Marcos, Santiagos ehemaliger
Schüler, heraus und erfassen die Gefahr. Dieses Bild, Santiago zwischen den
beiden Männern, hat sich mir unauslöschlich eingeprägt. Kein sehr lustiger
Anblick. Die anderen auf dem Floß haben anscheinend nichts gemerkt.
Gestern abend, beim gemeinsamen Abschiedsmahl, ging ein Brief Norman
Bakers herum. Baker war Navigator bei den Atlantiküberquerungen Heyer-
dahls. Er beglückwünschte und ermunterte die Acali-Besatzung und gab ihr
gute Ratschläge, von denen einer rot unterstrichen war: Bei einer Kollision
geht immer das kleinere Schiff unter.
Seitdem sind keine vierundzwanzig Stunden vergangen. Armer Genovés,
auf welches Abenteuer hast du dich da eingelassen! Gibt es überhaupt einen
auf dem Floß, abgesehen von dir, Marcos und Emiliano, dem die Gefährlich-
keit des Experiments klar ist?
W i r stehen auf der Brücke: Arnaldo, Juan José, Knut und ich. Langsam setzt
der Schlepper sich in Bewegung. Ein Offizier gibt Befehle. A u f der Acali hält
eine Gestalt ein Walkie-Talkie verkehrt herum und macht komische Verren-
kungen. Überall Gezappel und Geschrei. Wo steckt der Kapitän des Floßes?
Plötzlich werden gebieterische Sätze, die auf «Ingrid» enden, zum Floß
hinübergebrüllt. («Forstaordü, Ingrid?» - «Hast du mich verstanden, Ingrid?»)
Der Schwede ist aufgewacht.
Das Kriegsschiff zieht das kleine Floß mit anderthalb Knoten aufs offene
Meer hinaus - in eine ziemlich stürmische See.
Der Schlepper rollt heftig. Während mir die Gischt ins Gesicht schlägt, w i r d
Arnaldo auf der anderen Seite hoch über den Wasserspiegel gehoben. Auch
das Floß tanzt ganz hübsch, aber doch viel sanfter. Das H i n - und Hergerenne

62
drüben hat nachgelassen. Feuchte Kühle und die hereinbrechende Dunkelheit
treiben uns in die Kabinen.
Die Sprechverbindung zum Floß ist ausgezeichnet: Einige Mitglieder der
Expedition seien seekrank; wer, verrät Genovés taktvollerweise nicht. Ana,
die für Navigation mit zuständige Amerikanerin, könne sogar bei schlechtem
Wetter kochen. Sie habe ein kalifornisches Abendmenü zubereitet, zu dem auch
in Meerwasser gekochte Salzkartoffeln gehört hätten. Nach dem Essen wollten
sie die Wachen einteilen und sich gleich schlafen legen, denn alle seien sehr
müde. Ende der Durchsage. Für heute ist die Vorstellung beendet. Die Acali
ist noch durch eine Trosse mit uns verbunden und trotzdem schon weit weg.
Küchendienst, Wache, Seekrankheit, ihre kleine Welt, ihr großes Abenteuer:
Das alles nimmt ohne uns seinen Lauf.
Ich möchte einschlafen.
Für die Ra I war ich begeistert gewesen;
um die Ra II hatte ich gebangt;
über die Acali habe ich mich bis jetzt nur amüsiert.
«Haben Sie keine Angst?» haben verschiedene Journalisten mich gefragt.
Angst? Ich muß wohl mein ganzes Angstkapital beim Ablegen des letzten
Papyrusfloßes verschwendet haben - vor zwei Jahren in Safi. War die Acali
nicht unsinkbar?
Nein, ich habe keine Angst. Ich habe für sie gezittert, für Santiago vor allem,
habe den Ärger gefürchtet, den das Unternehmen mit sich bringt.
Vierzehn Tage lang habe ich die Acali-Gruppe beobachtet. «Intelligenzquo-
tient sehr hoch», hatten die Psychologen festgestellt. Nun, der Intelligenz-
quotient vielleicht, aber das Bildungsniveau sicher nicht. M i t wem, außer sei-
nem Schüler Marcos, soll Santiago Gespräche führen? Also würde er sich für
die Vaterrolle entscheiden müssen, eine durchaus undankbare Rolle. Würde sie
nicht eine Meuterei heraufbeschwören? Und würden ihm, falls man ihn über
Bord werfen wollte, ein oder zwei verliebte Frauen zu Hilfe eilen?
Ich kann es nur hoffen. In meinem nächsten Leben werde ich mich hüten zu
heiraten. Für diesmal ist nichts mehr zu machen. Ich drehe mich auf die andere
Seite und schließe die Augen.
Nachdem ich, wie ich mir einbilde, schon eine ganze Weile geschlafen habe,
dringt plötzlich, einer heulenden Sirene gleich, eine laute Stimme in meinen
Schlummer. Ich w i l l nicht aufwachen, aber der rohe Mensch brüllt weiter:
«Acali calling! Acali calling!» höre ich von weither, dann Sätze in einem unver-
ständlichen Kauderwelsch. Warum hat es in den letzten Jahren immer irgend-
wo eine Stimme gegeben, die sich das Recht nimmt, mich zu wecken? Ich w i l l
schlafen. Trotzdem lausche ich. Der brüllenden Stimme antwortet nur Schwei-
gen. Ich lege mich auf den Bauch und schlafe weiter.

63
M i t Stoppelbart und struppigem Haar erscheint am nächsten Morgen wie
der Teufel aus dem Kasten Arnaldo in meiner Kabine.
«Wie hast du geschlafen?»
«Gut.»
«Dein Glück, denn auf dich kommt ein Problem zu.»
«Aha, Knut wird doch eifersüchtig.»
«Genau.»
«Dann hat er heute nacht so geschrien?»
«Ja, er w i l l Ingrid zurückholen.»
«Was w i l l er?!» Ich kann es nicht fassen. Arnaldo macht Witze, ich soll
aufwachen, protestieren, reagieren, was weiß ich.
Von unserem Turm aus sind nur ein paar Matrosen und die Acali zu sehen.
Das Floß, scheinbar menschenleer und immer noch brav in unserem Schlepptau,
tanzt weiter auf den Wellen. W i r gehen zur Funkstation hinüber. Um uns zu
beruhigen, atmen wir tief die Seeluft ein. Es ist voll in der kleinen Funkbude.
Knut-Othello steht da mit umschatteten Augen, in der Hand das Mikrofon, in
das er mit lauter, wütender Stimme spricht, schwedisch. Rabbit, ungekämmt
und mit einem Gesicht wie drei Tage Regenwetter, klärt mich über das Drama
auf.
«Knut konnte heute nacht nicht schlafen und hat versucht, sich durch Leucht-
signale mit Ingrid zu verständigen. Es meldete sich keiner. Irgend jemand auf
der Acali hatte vergessen, seine Wache zu übernehmen. Knut war empört.»
Als typische Landratte stelle ich die Frage: «Ist denn auf einem Floß, das
geschleppt w i r d und sich in bester Obhut befindet, eine Wache nötig?»
Der sonst so zurückhaltende und höfliche Soziologe erwidert etwas barsch:
«Es gibt auf See Gesetze. Eines davon ist, daß Wache gegangen wird. Knut
macht Santiago für diese Schlamperei verantwortlich und behauptet, das Floß
sei zu gefährlich, schlecht gebaut. Die Expedition sei ein Wahnsinn, Selbst-
mord. Er w i l l , daß Ingrid die Acali verläßt.»
Vielleicht hat der junge Mann gar nicht so unrecht, aber warum sagt er es
jetzt erst? Warum dieser plötzliche Sinneswandel, zu einem Zeitpunkt, da
Ingrid bereits seit drei Monaten bis zum Hals i n der Sache drin steckt? W i l l
er sie unsicher machen? Seelisch unter Druck setzen?
«Was schlagen Sie vor, Rabbit?»
«Wir müssen uns mit den Leuten von der Acali zusammensetzen und eine
passende Lösung finden.»
«Aber es gibt nur eine Lösung. Ingrid kann jetzt keinen Rückzieher mehr
machen, ohne das Gesicht zu verlieren. Sie ist nicht irgendeine Teilnehmerin,
sie ist der <Kapitän>. Die anderen reißen sie in Stücke, wenn sie jetzt auf-
gibt.»

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«Um Gruppendynamik zu verstehen, muß man sich zusammensetzen.»
«Ein Querkopf, der Zwietracht sät, wo Frieden herrscht, macht die Gruppe
kaputt.»
Knut benimmt sich unmöglich, und das Verhalten des Soziologen überrascht
mich. Was geht i n Rabbits Kopf vor? Worauf w i l l er hinaus? Und Santiago?
Ich weiß nicht, wie ich ihm diese unnötige Nervenbelastung ersparen kann.
Seit Monaten tut er nichts anderes als Probleme lösen.
Vor allem macht Ingrid mir Sorgen. W i r d sie die Reise nicht mit einer star-
ken Belastung antreten? Sie lebt mit einem Mann zusammen, der ihr Verhalten
billigt, und plötzlich, auf hoher See und in letzter Minute, ändert er seine Mei-
nung! Warum hat er nicht gleich das Ultimatum gestellt: die See oder ich? Ich
frage mich, ob die Floßbesatzung nicht schon über Ingrid hergefallen ist. Ich
höre sie förmlich schimpfen. Antonio: «Du hast nichts als Stroh im Kopf!» -
Sofia: «Du änderst deine Meinung, wie du Hemden wechselst!» - Teresa:
«Ich habe meine Stellung aufgegeben und meine Kinder allein gelassen, ist
dir das klar?» - Aischa: «Männer gibt es wie Sand am Meer und schönere, laß
ihn sausen!» - Marcos: «Das nächstemal fahre ich allein!» - Der Japaner deutet
ein paar Karategriffe an, Esperanza trällert zu ihrer Gitarre: «We want fun,
we want joy.» Und der Priester hält sich am Ende schon für die Letzte Ölung
bereit.
Andererseits empfinde ich für Knut so etwas wie Bewunderung, weil er den
M u t hat, diesen Zirkus aufzuführen, sich als Schiffsoffizier vor Seeleuten so
bloßzustellen. Irgendwo ist irgendwer offensichtlich schlecht programmiert
worden.
Durch einen glücklichen Zufall gehen alle hinaus, und ich habe das Mikrofon
einen Augenblick für mich.
«Santiago, kannst du die Reise nicht ohne Kapitän machen?»
«Unmöglich, ohne Ingrid kann ich es nicht wagen. Ich kann nicht ohne
Kapitän über den Atlantik segeln.»
So einfach ist das; es gibt keine fünfzig Lösungen. Ein weiblicher Kapitän
fällt einem Anthropologen nicht alle Tage in den Schoß. Und die Zeit drängt.
Jeder Tag Verzögerung erhöht das Risiko, in der Karibik in die sommerlichen
Wirbelstürme zu geraten. Alles aufgeben? Welch ungeheure Enttäuschung für
die ganze Acali-Gruppe. Ich mustere Knut, der wieder hereingekommen ist:
ein stattlicher, blonder Mann, noch keine dreißig. Wie weit mag seine psychi-
sche Entwicklung gediehen sein? Im Grund ist er wohl noch sehr jung.
Über Sprechfunk geht die Diskussion zwischen Schlepper und Floß weiter.
Sie erinnert mich an das Palaver primitiver afrikanischer Stämme, nur daß
die Teilnehmer nicht gemütlich unter einem Affenbrotbaum sitzen, sondern
sich um das Mikrofon drängen und erbittert argumentieren.

65
«Wer wäre denn dran gewesen mit der Wache?» fragt Rabbit etwas ru-
higer.
Antwort: Ingrid.
Die Situation w i r d komisch. Die ermüdete Kapitänin hält die Sicherheits-
maßnahmen für ausreichend und legt sich schlafen wie ihre Kameraden. Letz-
ten Endes ist sie ja auch Chefin des Kahns, und es steht Knut nicht zu, ihr Vor-
schriften zu machen. Übrigens hatten Santiago und der Mann am Funkgerät,
die beiden einzigen, die auf dem Floß noch wach waren, Knuts verzweifelt
hinübergeblinkte Lichtsignale sehr wohl bemerkt, aber auf Rückfrage per
Funk die Antwort erhalten, es müsse sich um eine Übung handeln. Niemand
konnte sich vorstellen, daß der Schwede dermaßen durchdrehte.
Ich blicke hinaus und sehe die Sonne aus dem Meer aufsteigen. Oben auf
dem Achterturm bewegen sich der Kommandant und zwei seiner Offiziere
wie in einem Schattenspiel. Ich gehe zu ihnen hinauf. Liebenswürdig erkundigt
der Kommandant sich:
«Hast du gut geschlafen? Möchtest du ein Omelett, ein W u r s t b r o t . . . einen
Apfel?»
«Florencio, ich mache mir wegen Ingrid Sorgen um die anderen.»
«Sei unbesorgt, das kriegen die schon hin», sagt er und wendet sich zum
Niedergang.
«Wie beurteilen Sie den Fall?» frage ich den Zweiten Offizier. -
«Nun ja», meint er blasiert, «daß es mit einer Frau als Kapitän sofort Schwie-
rigkeiten geben würde, war mir klar. Ihr Mann hat Mut, Frauen mitzunehmen.
Ich wäre jede Wette eingegangen, daß der Respekt vor einem weiblichen
Kapitän höchstens bis zu den Kapverdischen Inseln reicht. Ingrids Autorität
hat nur wenige Stunden gedauert. Frauen auf See, das ist verrückt.»
«O ja, Sie haben ja so recht! Frauen taugen zu nichts als zum Kinderkriegen.
Und selbst das würdet ihr Männer besser machen, wenn eure Zeit es euch
erlaubte!»
Soll ich jungen Seeoffizieren empfehlen, Reich, Simon und Zwang zu lesen,
damit sie, wenn sie eines Tages einer Frau begegnen, etwas mit ihr anzufangen
wissen?
Ich steige aufs Deck hinunter und sehe den Kommandanten aus der Funk-
station kommen. Er zieht Knut am Ärmel hinter sich her in Richtung Bug, wo
sich im Augenblick niemand aufhält. Klar, daß Knut einen endgültigen Ent-
schluß fassen muß, aber welchen? Beinahe im gleichen Augenblick ruft Ingrid
auf englisch einen Satz durch, der mich begeistert.
«Ich w i l l auf der Acali bleiben. Ich w i l l nicht mehr mit Knut reden.»
Die Erpressung mit Gefühlen ist abgewehrt, wahrhaftig ein Grund zum
Flaggen. Ingrid wiederholt ihren Entschluß in Anwesenheit des Komman-

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danten, der ihr von Offizier zu Offizier gratuliert und ihr gute Fahrt wünscht.
Ich vollführe einen Freudentanz.
Einer auf der Acali wirft die Trosse ins Wasser. Die Nabelschnur ist durch-
geschnitten und w i r d vom Spill eingeholt. Freiheit! An der Leine hängt ein
Plastikbeutel mit Santiagos Ausweis und einem Autoschlüssel. Der zugehörige
Wagen steht am Flughafen von Madrid und gehört einem der Männer an Bord
der Acali.
Die Acali setzt ihr Segel. Wunderschön leuchten seine Farben im Licht.
«Hat je ein Maler sein Werk in einer solchen Galerie ausgestellt?» fragt
Arnaldo mit der Geste eines Imperators. «Das dürfte garantiert die erste
Vernissage auf hoher See sein.»
Der Schlepper dreht ab und beginnt Kreise um das kleine bunte Floß zu
ziehen. Die See w i r d ruhig und faltenlos wie ein Seidentuch in dem Kreis, wäh-
rend sich außerhalb des Kreises weiterhin die Wogen auftürmen. Merkwür-
diges Phänomen, dieser flache, ruhige Fleck inmitten der aufgewühlten See,
zumindest für uns Landratten. W i r sind Florencio, dem Kommandanten, dank-
bar, daß er uns diese kleine Abschiedsfrist gewährt. A u f der Acali, dem «Haus
auf dem Wasser», kommen die Bewohner nach und nach aus der Kajüte. Ein
paar Grüngesichtige halten sich an Tauen fest und versuchen zu lächeln. Die
anderen, insbesondere die Frauen, springen von einem Fuß auf den anderen,
winken, schwenken Hüte. Die Fernsehkamera läßt keinen Wimpernschlag
aus. An Steuerbord sitzen Ingrid und Santiago artig nebeneinander; sie sehen
aus wie ein altes Rentnerehepaar, das vor der Tür sitzt und sich an den letzten
Strahlen der untergehenden Sonne erwärmt. Man kann ihre Haarfarbe erken-
nen, so nah ist das Floß. Arnaldo und ich schreien ein lautes «Bravo Ingrid!»
hinüber und klatschen in die Hände. Eine Umkreisung, zwei Umkreisungen,
zehn Umkreisungen, dann die letzte. Die Zeit des Abschiednehmens ist vorbei.
Der Kommandant der RA II öffnet den magischen Zirkel. Von W i n d und
Strom erfaßt, treibt die Acali langsam davon.
Ein wundersames Schauspiel. Einzigartig. Meine Augen, ausdauernde Or-
gane, bleiben weit geöffnet, gebannt von dem bunten Segel, das gemächlich
auf den Horizont zugleitet. Schließlich sehe ich auf der blauen Weite des
Meeres nur noch einen orangeroten Fleck - und noch lange einen kleinen weißen
Punkt.
Dann plötzlich nichts mehr.
Rabbit, der Soziologe, kommt zu mir, faßt mich an den Schultern und tanzt
mit mir im Rhythmus der Wellenbewegung halb Tango, halb Cancan. Er sieht
aus wie ein fünfzigjähriger Woody Allen, also eher sympathisch. Ich frage
ihn hinterhältig:
«Warum haben Sie als Soziologe Ihrem Schützling nicht geraten, sich etwas

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normaler zu benehmen? Er ist nicht der einzige, der seinen Schatz auf dem
Floß hat.»
«Für euch Frauen ist es einfach», erklärt er mir. «Ihr seid seit langem auf
Trennungen, Duldungen, Leiden konditioniert. Für Knut war es sehr schwer.»
Das wird meinem Vater gefallen, der seine Töchter und Söhne «unterschieds-
los» erzogen hat. Und mich lehrt es, töricht genug zu sein, an die Unparteilich-
keit von Soziologen zu glauben! Jede Münze hat zwei Seiten, und die Sozio-
logen genießen den Vorteil, sich je nach Situation für Zahl oder Kopf entschei-
den zu können, das heißt in jedem Fall zu gewinnen.
Nach langem Schweigen fragt Arnaldo: «Glaubst du, glaubst du wirklich,
daß sie ankommen?»
«Natürlich. Das Floß ist unsinkbar. Die Gefahr droht weder vom Himmel
noch vom Wasser, höchstens von der Karibik. Die größere Gefahr hängt mit
der Frage zusammen, wie gut oder schlecht ihre Psychen funktionieren.»
Dann füge ich zögernd hinzu: «Und wer klappt deiner Meinung nach als
erster zusammen?»
«Sie klappen alle zusammen, einer nach dem andern, Santiago zuletzt, wenn
er wieder an Land ist. Denn vorher ist er zu beschäftigt, fühlt sich zu sehr
verantwortlich.»
Der sensible Maler sieht Dinge voraus. Ich w i l l nichts mehr wissen von der
Acali, von Psychologie und Verhalten.
«Noch eine letzte Frage», beharrt Arnaldo: «Wen fressen sie zuerst?»
«Bestimmt keinen Mann, die sind zu zäh.»
«Also eine Frau?»
«Sicher. Die Algerierin! Sie ist ein leckerer Bissen.»
«Und Ingrid?»
«Ingrid tut es schon leid, daß sie nicht auf einem Eisberg sitzt und für
Super-Knut Socken strickt.»
«Glaubst du?»
«Ich fürchte, ja.»

Und vom Floß aus gesehen

Ana, Amerikanerin, Weiße, 36 Jahre, verheiratet, drei Kinder; Emiliano, A n -


golaner, 31 Jahre, Junggeselle; Sofia, Französin, 34 Jahre, verheiratet, zwei
Kinder; Marcos, Uruguayer, 32 Jahre, verheiratet, eine Tochter; Esperanza,
Amerikanerin, Schwarze, 24 Jahre, verheiratet, zwei Kinder; Antonio, Grieche,
35 Jahre, verheiratet, zwei Kinder; Ingrid, Schwedin, 30 Jahre, geschieden;
Komico, Japaner, 29 Jahre, Junggeselle; Aischa, Algerierin, 23 Jahre, Jung-

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gesellin; Teresa, Israeli, 33 Jahre, geschieden, zwei Kinder; und ich, verhei-
ratet, ein Kind.
Es ist stockfinster. Elf Unbekannte auf einem Meer, das kaum einer kennt,
und auf einem Floß, von dem w i r nicht wissen, wie es sich halten wird.
Die Acali stampft über eine schwere See. Zusammengekauert in der Kajüte,
müssen einige sich ständig übergeben. M i r tut jeder Muskel weh. Völlig er-
schöpft nach all den Nächten ohne Schlaf, den fünfeinhalb Monaten ohne eine
Minute Ruhe. Aber glücklich. Alles läuft gut. Endlich sind w i r auf See.
Vom Schlepper redet Knut über Sprechfunk ziemlich lange auf Ingrid ein.
Er schreit fast nur; ein gebieterischer, unversöhnlicher, geifernder Ton. Knut ist
außer sich. Die ganze Kajüte erbebt von seinem Zorn. Zwei- oder dreimal gibt
Ingrid einsilbig Antwort. Es ist nicht zum Aushalten.
«Was ist denn los?»
«Knut sagt, er w i l l mich holen, ich soll das Floß verlassen und mit ihm an
Land zurückkehren.»
«Da wird er schwimmen müssen», ist alles, was mir dazu einfällt.
Bei der ersten Ra-Expedition hielten w i r wenige Stunden nach dem Aus-
laufen die beiden Ruder und das Rahsegel in der Hand. Steuerlos, ein Spielball
der Wellen, traten w i r die Fahrt von Küste zu Küste an. W i r wollten beweisen,
daß ein einfaches Papyrusfloß, wenn es sich vom Nordäquatorialstrom und
den Passatwinden treiben läßt, über den Atlantik kommt. Es war ein histo-
risch-ethnologisches Experiment. Die Besatzungsmitglieder, ich eingeschlos-
sen, waren starr vor Schreck über die Havarie, aber Thor Heyerdahl, Planer und
Leiter der Expedition, schrie: «Wonderful! Wonderful!» Das Floß war eine
Nachbildung der vor vier- oder fünftausend Jahren erbauten Originale. Uns
war nichts anderes passiert, als was auch in der Antike hätte passieren kön-
nen: A u f dem Weg entlang der afrikanischen Westküste verloren Seeleute die
Herrschaft über ihr Floß und sahen sich Winden und Strömen preisgegeben.
Entweder zerschellte man an der Küste oder überquerte den Atlantik und
landete irgendwo in Amerika.
Knut fängt wieder an, auf schwedisch zu wettern.
Das Floß, die Nacht, die schwere See und zehn verängstigte Augenpaare.
«Wonderful! Wonderful!»
Angst, Eifersucht, Liebeleien, Sympathien, Antipathien, unterschiedliche
Temperamente . . . Knut-Ingrid . . . Das Experiment hat wirklich begonnen.
W i r werden dieses erste Problem lösen müssen. Und andere werden folgen . . .

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Die ersten Tage: Seekrankheit, Erbrechen und Unordnung

Die zweite Nacht geht ohne schwerwiegende Probleme vorüber. Die Wachen
lösen einander ordnungsgemäß ab. Wer sich schämt, schleicht bei Dunkelheit
auf die Toilette.
Zu den Tatkräftigsten gehört Antonio, obwohl er sich dauernd übergeben
muß. Er liebt es, Ingrid mit «Frau Kapitän» und mich mit «Chef» anzureden.
Zweifellos steht die Vorliebe für Hierarchien im umgekehrten Verhältnis
zur Stärke der Persönlichkeit. Ich wünsche keine feste Rangordnung an Bord,
und beim frugalen Mittagsmahl, das Marcos uns bereitet hat, schlage ich noch-
mals folgende Zuständigkeitsbereiche vor: Ingrid für Navigation, Aischa und
Sofia für Wasserverschmutzung, Antonio für Funkverkehr, Komico und Mar-
cos für Filme und Fotos, Teresa für alle medizinischen Fragen . . .
Wieder eine fast schlaflose Nacht. Am Morgen des 14. zwänge ich mich in
eine Schwimmweste und springe ins Wasser. Alles geht gut. W i r haben zwei
Lotsenfische unterm Floß. Niemand folgt mir ins Wasser.
Die See ist ruhig, ein leichter W i n d treibt uns nordwärts. Ich bitte Ingrid
0
und Ana, die Holzriemen zu nehmen und die Acali wieder auf unseren 240 -
Kurs zu rudern. Ihrer Meinung nach ist das nicht nötig, aber Marcos und
Komico, die unser Gespräch gehört haben, holen sich die Riemen und korri-
gieren den Kurs, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Dank einem Befestigungssystem, das ich bei den Ra-Expeditionen von Nor-
man Baker gelernt habe, funktionieren die Steuerruder gut und lassen sich
leicht bedienen.
W i r sind alle übermüdet. Antonio macht eine solche Sterbensmiene, daß
Teresa ihm, unter allgemeinem Gefrozzel und Anspielungen auf den Letzten
Tango von Paris, ein Zäpfchen gegen die Seekrankheit verabreicht.
«Professor, ich habe verschiedene Verhaltensstudien gemacht. Wann spre-
chen wir darüber?» fragt Marcos mich sehr höflich.
«Gar nicht. Du machst deine Beobachtungen und ich meine, aber ohne dar-
über zu sprechen, damit wir uns nicht gegenseitig beeinflussen.»
«Verstehe.»
«Du könntest dir eine Tabelle anlegen mit Verhaltensnoten von eins bis
sieben. Am Schluß der Fahrt vergleichen w i r dann unsere Ergebnisse. Im
Augenblick kommt es vor allem darauf an, daß w i r uns auf dem Floß ein-
leben. Das Wetter kann unverhofft umschlagen.»
Vierstündige Wachen werden eingeteilt.
«Ruft Ingrid! Das Steuerbordruder ist verrutscht. Das an Backbord gibt
nach. Haben w i r Ersatz?»
Anscheinend haben wir nur noch ein gleichstarkes Ersatzkabel an Bord.

70
Wenn das Backbordkabel bricht, werden wir es durch ein schwächeres ersetzen.
Augenblicke später reißt es. Ich lasse mich sofort durch Emiliano auf der Brücke
am Ruder ablösen.
Ana, Teresa und ich bemühen uns, das Ruderblatt von Deck aus zu halten,
während Marcos, Antonio und Ingrid das gerissene Kabel ersetzen. Man merkt
auf den ersten Blick, daß Marcos Sinn für Mechanik hat.
Bis jetzt ist auf dem Floß durchaus ein «gewisses» Maß an gutem Willen
festzustellen, aber gleichzeitig auch eine «gewisse» Unordnung. Die Küche
ist noch nicht eingerichtet. W i r öffnen Konservendosen, obwohl frisches Ge-
müse vorhanden ist.
Aischa macht auf schön. Sie ist diejenige, die am wenigsten arbeitet und am
meisten zu bemängeln hat. Es wird viel geschlafen. Teresa redet in einem fort,
Ingrid macht den M u n d nicht auf; Komico, von Erbrechen geplagt, verhält
sich auch recht schweigsam. Freilich, die vierstündigen Wachen zu dritt sind
anstrengend, und mit Ausnahme von Ingrid, die sich selbst vom Wachegehen
dispensiert hat, sind w i r alle ziemlich unausgeschlafen.
«Da! Da! Von Südwesten kommt ein Schiff genau auf uns zu!» schreit
Aischa, die das schärfste Auge hat.
Das Schiff hat uns offenkundig nicht ausgemacht. Ich klettere mit einer
Signallaterne den Mast hoch, Ana und Marcos schießen von der Brücke Leucht-
raketen ab. Endlich, das Schiff ist bis auf drei Kilometer heran, werden w i r
bemerkt.
«Hier Acali, hier Acaii, hier Acali!»
Antonio versucht, auf Kurzwelle Funkkontakt zu kriegen, einmal, um das
Gerät auszuprobieren, und auch, um sich unsere genaue Position geben zu las-
sen. Stille.
Dann hört man «tschin, tschun, tschan, tschon», Esperanza, die etwas
Chinesisch kann, nimmt das Mikrofon und erklärt, wer w i r sind. Stille. Keine
Antwort. Nachdem das Schiff uns passiert hat, sehen wir an seinem Heck, daß
es ein Brasilianer ist.
Der Vorfall hat uns zumindest davon überzeugt, daß es notwendig ist,
ständig Wache zu gehen, damit wir nicht von einem großen Dampfer in
Klumpen gefahren werden - für ein Floß, das nicht aus eigener Kraft ma-
növrieren kann, die größte Gefahr.
«Ein Glück, daß gerade das Schiff vorbeikam», meint Teresa. «Während ihr
alle in der Kajüte wart, bin ich rasch auf die Toilette gegangen.»
In diesen ersten Tagen machen wir durchschnittlich 26 Seemeilen am Tag,
beunruhigend wenig, denn bei der Geschwindigkeit erreichen wir, wenn alles
gutgeht, Barbados erst Ende August und wären also August/September mitten
in der Karibik. Das ist Selbstmord. Gerade um diese Zeit gibt es da Wirbel-

71
stürme von so unberechenbarer Gewalt, daß sie ein Schiff von der Größe der
Queen Elizabeth in den Grund bohren können. Im allgemeinen sind die Schiffe
dank ihrer Geschwindigkeit in der Lage, einem Wirbelsturm auszuweichen.
Aber nie wagt ein Segelboot sich im Spätsommer durch die Karibik.
Irgend etwas muß deshalb geschehen. Ich schlage Ingrid vor, die 18 Tonnen
Ballastwasser, die wir in Seitentanks mitführen, auszupumpen. Aus Mudies
Zeichnung geht zwar eindeutig hervor, daß die Sicherheit dadurch um acht
Prozent abnimmt, das heißt, daß die Gefahr des Kenterns durch den Gewichts-
verlust um diesen Prozentsatz zunimmt; hält man aber dagegen das Risiko
einer Fahrt durch die Karibische See im September, dann bleibt uns wohl nichts
anderes übrig, als unser Floß zu leichtern. Ich stelle fest, es wäre richtiger
gewesen, die Tanks so mit Schotten zu versehen, daß sie eine Teilentleerung
ermöglicht hätten.
«Wie denkst du darüber, Ingrid?»
«Ich weiß nicht. Darüber muß ich nachdenken.»
Zwei Tage später:
«Nun?»
«Ich weiß nicht.»
Nach dem Frühstück Versammlung in der Kajüte. Es weht eine ziemlich steife
Brise.
«Voraussetzung für ein Gelingen des Experiments, das eigentlich noch
kaum begonnen hat, ist die Überquerung des Atlantiks und der Karibischen
See. Da die Acali sich jedoch eine Verhaltensstudie zum Ziel gesetzt hat, kön-
nen wir unsere Tage nicht damit zubringen, daß wir die ganze Zeit in der Kajüte
herumhocken», gebe ich zu bedenken.
Ich schlage mehrere Verbesserungen vor: zweistündige Wachen mit Rück-
sicht auf die allgemeine Seekrankheit; auch Ingrid zur Wache einteilen; See-
karten studieren; Küche einrichten und Speisepläne aufstellen; einen Tisch
und Regale bauen; die Küche mit einer Persenning schützen; das Dingi um-
packen.
Außerdem empfehle ich gewisse hygienische Maßnahmen: sich nicht in der
Küchenschüssel zu waschen und sich auch die Zähne nicht darin zu putzen,
denn: Vorsicht vor ansteckenden Hautkrankheiten!
Alle sind einverstanden. Vor persönlicher Kritik habe ich mich wohlweis-
lich noch gehütet - das kommt später. Schon meine indirekten Anspielungen
lösen bei einigen erkennbare Verlegenheit aus.
«Schnell, Santiago, komm schnell!» schreit Esperanza. Sie hat das Steuer-
ruder festgebunden und stürzt in die Kajüte, wo ich gerade schreibe. «Eine
große Welle hat die halbe Küche leergeräumt!»
Diesmal hat die See, unser Freund und Feind, ein gutes Werk getan. Jeder

72
sieht nun ein, daß noch viel zu tun bleibt; alle machen sich an die Arbeit.
Nachts beruhigt sich die See etwas. Ich habe Ruderwache, bin allein und kann
mir leicht ausmalen, wie die vor uns liegenden Tage verlaufen werden. Sexuelle
Wünsche haben sich bis jetzt noch nicht geregt. Die Leute sind müde, haben
sich noch nicht zurechtgefunden. In unserem Verhalten sind Veränderungen
festzustellen. Man hat sich noch nicht aneinander gewöhnt. Bei der Toiletten-
benutzung nimmt die falsche Scham ab, obgleich einige es nach wie vor um-
gehen, sich in Gegenwart anderer auf die Brille zu setzen.
Zwei Tage nach dem Auslaufen aus Las Palmas stellen Aischa und Sofia
Wasserverschmutzungen in Form von Ölagglomeraten fest, teilweise von para-
sitären Tausendfüßlern befallen. Sie nehmen Proben für Mexiko, Frankreich
und Israel.
Alle arbeiten. Sofia und Aischa spülen Geschirr. Sofia sagt nichts, aber Aischa
protestiert und verlangt, daß wir uns abwechseln, damit sie auch mal Zeit für
andere Dinge habe.
Teresa muß sich oft übergeben, macht das aber erstaunlich leicht ab. Sie ist
eine kräftige Frau, die sich rasch erholt und genausoviel arbeitet wie die ande-
ren. Als ich sie wieder einmal steuerbords über die Reling gebeugt finde, sieht
sie mich an: «War nicht mal von einem Sexfloß die Rede? Weißt du, was ich
heute nacht geträumt habe? Ich wäre schwanger und dürfte drei Monate nichts
tun. Ich rief dauernd einen israelischen Arzt an, der noch nach dem dritten
Monat abtreibt, aber ich konnte ihn nie erreichen. Was sagst du zu so einem
Traum?»
«Ich weiß nicht, ich bin nicht Freud, aber schwer zu deuten ist er nicht. Wenn
wir mal Zeit dafür haben. Im Augenblick geht die Arbeit vor.»
Dank der verkürzten Wachen fühlen w i r uns alle viel wohler und munterer.
Nur Antonio w i r d und w i r d seine Übelkeit nicht los, darum übernehmen w i r
seine Wache mit.
Bei Aischa fängt es jetzt an; Emiliano ohne Beschwerden; Esperanza hat seit
elf Tagen nicht gebadet. Auch an die Toilette unter freiem Himmel kann sie
sich nicht gewöhnen. Komico hat nur gelegentlich gegen Übelkeit zu kämpfen.
Antonio bemüht sich, das Funkgerät in Gang zu bringen. W i r selbst werden
nicht verstanden, können aber die anderen hören.
Zum Beispiel:
«Sag mal, wie geht es deiner Schwiegermutter, dem alten Kamel, das dir
dauernd auf die Zehen tritt? Hast du noch dieselbe oder hast du gewechselt?»
«Was reden die da?» fragt Antonio, der kein Spanisch versteht.
Ich übersetze es ihm. Daraufhin stürzt er ans Mikrofon und schreit: «Meiner
Schwiegermutter, dem alten Kamel, geht es gut, und deiner?»
Emiliano, der schon halb eingeschlafen war, Ana, Sofia, Marcos und ich

73
kriegen einen Lachanfall über diesen Ausbruch Antonios, der ohne Antwort
bleibt.
M i t viel Mühe gelingt es dem Griechen, Brot zu backen, oder sagen wir, ein
brotähnliches Gebäck herzustellen, das wir mit Appetit verzehren.
«Ob ich eines Tages mal allein um die Welt segeln werde, weiß der Himmel»,
meint er voller Stolz, «aber so wie die Dinge liegen, könnte ich allemal eine
Bäckerei eröffnen.» Obwohl er sich immer noch hundeelend fühlt, behält er
seinen Humor.
«Professor Guenovas, Professor Guenovas, hier Israel, w i r haben eine wich-
tige Nachricht für Sie.»
«Ich höre Sie, Israel, ich höre Sie.»
Aber offensichtlich hört Israel mich nicht. Neuer Ruf.
W i r versuchen es immer wieder, und schließlich ist die Verbindung da.
«Wir möchten wissen, wie es der israelischen Ärztin geht, die Sie an Bord
haben.»
Teresa erwidert, daß es ihr gutgehe, und verabredet für einen der nächsten
Tage eine Durchsage an ihre Kinder. Die Verbindung ist sehr schlecht, obwohl
wir innerhalb der Reichweiten liegen.
Da das Meer ruhig ist, schlage ich Ana und Komico vor, eine kleine Ver-
suchsfahrt im Dingi zu machen, und zwar vor dem Floß her - ein Rat, den sie
zum Glück befolgen. Ihr Außenbordmotor streikt nämlich, und so können
sie ohne Schwierigkeiten zum Floß zurückkehren.
In der Kajüte elf Schlafsäcke auf elf Luftmatratzen. Bis jetzt haben die
Bretter dazwischen niemanden gestört. Eines Tages beim Essen fragt Sofia,
ob wir sie nicht lieber wegnehmen sollen. Esperanza, Ana und Komico, fast
alle, sind dafür. Ana und Komico sind gute Freunde, wenn nicht sogar mehr
geworden. Sie haben als erste intimere Beziehungen angeknüpft. Nach dem
Essen waschen w i r das Deck, und ich bitte Ingrid, dem Wunsch der Gruppe
zu entsprechen und uns ein paar nautische Grundbegriffe zu erklären. Ganz
ernsthaft geht sie daraufhin zum Mast, umarmt ihn zärtlich und sagt:
«Das ist der M a s t . . . » (Lachen)
M i t dem Netz fangen wir sieben oder acht Lotsenfische, Komico sogar zwei
mit der Angel. Besonders gefräßig zeigen diese Tiere sich in der Nähe der
Toilette. «Statt <Lotsenfische> sollte man sie <Lokusfische> nennen», meint
Marcos.
Gewöhnlich sind w i r in Badehose, beziehungsweise Badeanzug, nur Espe-
ranza nicht. Sie hat vor Monaten ein Baby bekommen und ihre schlanke
Linie nicht wieder erreicht. Durch die Leine gesichert, springe ich mit Ana,
die das Meer kennt und liebt, ins Wasser, Ingrid gleich darauf hinterdrein; zu
dritt schwimmen wir in der Nähe des Floßes.

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Einmal treibt das Floß zu sehr nach Süden ab, und wir müssen mit unseren
begrenzten Mitteln versuchen, den Kurs zu korrigieren. Nach Dakar wollen
w i r auf keinen Fall.

Ende der ersten Woche

Zwischen Ana und Komico und zwischen Sofia und Marcos haben sich freund-
schaftliche Beziehungen entwickelt. Teresa, Sofia und Aischa, die anfangs
ein Auge auf mich geworfen hatten, interessieren sich jetzt mehr für Marcos,
während ich mich meist mit Marcos und Antonio unterhalte; Aischa kommt
gut mit Sofia aus (bedingt durch die gemeinsame Sprache) und Esperanza mit
Ana (ebenfalls sprachbedingt). Soweit ein erster Überblick. Die Persönlich-
keit der einzelnen fängt eben an, sich abzuzeichnen. Jeder bleibt abwehrend,
und fast niemand gibt sich eine Blöße. Die falsche Scham ist aber überwunden,
jedenfalls was die Toilettenbenutzung betrifft.
Hier die ersten Notizen Komicos über seine Mannschaftskameraden: «Ana
ist ziemlich groß ; wenn sie lacht, sieht sie nett aus mit ihrem großen Mund und
dem Kindergesicht. Weniger sympathisch scheint mir die Französin Sofia zu
sein, die einen so frech anguckt; erst dachte ich, sie könnte gar nicht lachen.
Teresa aus Israel ist sehr gut gebaut; aus der Nähe hat man den Eindruck,
jeden Augenblick zwischen ihren Brüsten zu versinken, und man weiß nicht,
wo man hinschauen soll. Sehr ernst w i r k t Santiago; seine Ideen begeistern
mich, er ist klug, ruhig und ordentlich und kann arbeiten wie ein Japaner.
Mein erster Eindruck von Emiliano, dem Angolaner: tüchtig, aber schwerfällig.
Die Araberin Aischa ist jung und hübsch, läßt sich nur schlecht fotografieren,
weil sie dauernd posiert. Prachtvoll der Bart von Marcos, dem Uruguayer,
ohne Bart sähe man ihn kaum, so mager ist er; ihm verdankt er viel von sei-
nem Erfolg. Antonio ist Grieche; wir verständigen uns durch Gesten, manchmal
radebrechen wir auch, aber unsere Zeichensprache ist viel lustiger; einige A n -
zeichen deuten auf Nervosität h i n ; er ist sehr nett. Esperanza kommt aus den
USA; sie hat große Augen, einen nicht minder großen Mund und einen noch
größeren Bauch, dafür aber schöne lange Beine. Erst dachte ich, sie wäre
schwanger; sie ist dick wie eine Biertonne. Als letztes wurde mir unser Ka-
pitän, die Schwedin Ingrid, vorgestellt, die ich auf vierzig geschätzt habe; sie
sagt aber, sie sei erst dreißig oder noch nicht einmal, also so alt wie ich; danach
sieht sie nicht aus. Ihr fällt es, glaube ich, schwer, Freundschaft zu schließen.
Santiagos Frau Andrée hat mir geholfen, die Fragebogen für die psychologi-
schen Tests auszufüllen; wenn ich mal was nicht verstand, hat sie es mir m i -
misch erklärt. Leider macht sie die Fahrt nicht mit.»

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Erste Bilanz

Ingrid hält eigensinnig an ihrer Rolle als Kapitän fest und weigert sich, von
ihrem Podest herabzusteigen, aus Angst, sich etwas zu vergeben. Schade,
sie ist sonst eine vernünftige Frau, aber sie braucht die Rangordnung.
Teresa schwatzt und mischt sich in alles ein, ist aber immer bereit, für
jemand, der müde oder seekrank ist, einzuspringen, obwohl sie selbst unter
Übelkeit zu leiden hat und sich häufig übergeben muß.
Sofia und Aischa haben bisher für eine saubere Küche gesorgt. Jetzt w i r d
es ihnen allmählich über, und wir lösen uns im Küchendienst ab.
Sofia hat Magenschmerzen.
Aischa, die in Abständen seekrank wird, drückt sich vor der Arbeit und po-
siert vor der Kamera. Spitzname: «die Touristin».
Ana, durch Ingrids Haltung aus der Fassung gebracht, hat folgendes Pro-
blem: einerseits Komico, andererseits Santiago. In der Arbeit schafft sie
etwas.
Esperanza schläft viel. Fühlt sich besser, aber noch nicht gut, ohne deswegen
die gute Laune zu verlieren.
Komico ist zuverlässig, nicht mehr und nicht weniger. Versteht sich mit
allen gut, hat aber nur zu Ana engere Beziehungen.
Marcos arbeitet, schreibt, beobachtet, stellt sich zur Verfügung. Seine deut-
liche Freundschaft für Sofia führt vielleicht zu einer von beiden gesuchten
Intimität.
Santiago hat zu allen ein gutes Verhältnis, nur nicht zu Aischa; die Gründe
liegen auf der Hand.
Emiliano geht es immer besser.
Antonio arbeitet weniger, weil ihn fortwährend Übelkeit und Erbrechen
quälen.

Die «Lokusfische»

Das Wetter ist trocken, die See geht hoch. Es riecht nach Sturm. Vollmond,
zwei Uhr nachts: Teresa und ich haben Wache.
«Mit wem verstehst du dich am besten?»
«Mit dir, glaube ich», erwidert Teresa.
Zu Hunderten treiben «Portugiesische Galeeren» am Floß vorbei. Ich fange
welche in einer Schüssel. Sie sind erst vier Zentimeter lang und haben noch
keine Fangfäden, nur einen Saugnapf unter dem kugelförmigen Teil, der noch

76
nicht ganz geöffnet ist. Wie zarte kleine Segel sehen sie aus, mit denen auch
sie sich nach Amerika treiben lassen, aber langsamer als wir.
Am nächsten Morgen gehen w i r auf Fischfang. Unter Seefahrern ist es ver-
pönt, Lotsenfische zu fangen, geschweige denn zu verspeisen. W i r haben beob-
achtet, wie ein Schwärm von zehn bis fünfzehn Lotsenfischen uns ausdauernd
gefolgt ist und wie er sich gierig im Umkreis unseres Aborts auf die Exkre-
mente gestürzt hat. Sie sind dick und vollgefressen, und da w i r seit Las Palmas
keinen Fisch mehr gegessen haben, mache ich ein kleines Experiment: Ich
fange ein paar, Marcos nimmt sie aus und brät sie. Bei Tisch verzichtet jeder
unter einem anderen Vorwand auf den Fischgang, mit Ausnahme von Ana,
Teresa und mir. Dabei schmecken sie köstlich. Hinterher geben w i r zu, daß wir
uns doch etwas überwinden mußten: Der Anblick dieser Fische, die noch wenige
Minuten zuvor gefräßig nach Fäkalien schnappten, ist nicht so schnell zu ver-
gessen und eine jahrelange Erziehung auch nicht.

Passivität der Gruppe

Daß ich die Lotsenfische auf die Speisekarte setzte, geschah in folgender A b -
sicht:
1. Um den Aberglauben zu bekämpfen, Lotsenfische essen bringe Unglück.
2. Um festzustellen, ob sich diejenigen, die sie essen, auch in anderen Situa-
tionen anders verhalten. Später sollte sich zeigen, daß Ana und Teresa in be-
stimmten Lagen tatsächlich die größte Geistesgegenwart bewiesen.
3. In der Frage des «Gruppenverhaltens» beweist der kleine Vorfall einmal
mehr, was geschieht, wenn die Gruppe als Ganzes nicht betroffen ist: Sie rea-
giert nicht. Keiner hat protestiert, daß w i r die Lotsenfische aßen. Schon früher
haben wir festgehalten:
a) Die Kollision mit dem Schlepper w i r d den Teilnehmern zu langsam be-
wußt, obwohl sie einen nicht wiedergutzumachenden Schaden hätte anrichten
und die Gruppe in ihrer Gesamtheit hätte schädigen können.
b) Als Knut in der ersten Nacht Ingrid vor die Wahl stellt: «ich oder das
Floß», reagiert kaum einer auf dieses Ultimatum.
c) Ebensowenig macht irgendeiner Teresa, Ana oder mich darauf aufmerk-
sam, daß w i r vom Genuß der Fische krank werden könnten. Typische Haltung:
«Das geht mich nichts an.»
Ich habe zwar vor versammelter Mannschaft nicht erwähnt, daß es Selbst-
mord wäre, im September die Karibische See zu durchqueren, was sich nicht

77
vermeiden läßt, wenn w i r unsere Geschwindigkeit beibehalten. Trotzdem ist
dies für niemanden ein Geheimnis. Aber keiner sagt etwas.
Nach den Erfahrungen meiner früheren Ozeanüberquerungen, an denen aus-
schließlich Männer beteiligt waren, hätte es da niemals zu so gleichgültigen
Reaktionen kommen können, obwohl es an normalen menschlichen Spannun-
gen nicht fehlte. Aus welch unerfindlichen Gründen in einer heterosexuell zu-
sammengesetzten Mannschaft Hemmungen auftreten, die das individuelle
Überleben des einzelnen wie das kollektive der Gruppe gefährden können,
bleibt mir vorläufig ein Rätsel. Aber w i r haben ja noch Zeit genug, und das Meer
läuft uns nicht davon. Warten w i r ab.
«Du bist dünn, Marcos», sagt Antonio und gibt ihm einen freundschaftlichen
Rippenstoß. «Ich bin auch dünn, aber kräftig. Du frierst ja schon beim kleinsten
Lufthauch.»
Unter allgemeinem Gelächter pflaumt der Grieche den Uruguayer an, und
der w i r d handgreiflich. Sie raufen ein paar Minuten, Marcos bleibt Sieger. Nur
ein Spaß, gewiß, aber wie lange noch? Sofia und Aischa sind in Marcos ver-
knallt, und daß Antonio sich für Aischa zu interessieren beginnt, ist gar keine
Frage.
«Antonio, Marcos, Esperanza, helft mir, wir wollen nachsehen, ob die Hand-
pumpen funktionieren und sich gleichzeitig betätigen lassen.»
Um die beiden Wassertanks zur gleichen Zeit leer zu pumpen, und das müs-
sen wir, damit das Floß nicht Schlagseite bekommt, brauchen wir rund neun
Stunden.
W i n d und Strömung treiben uns stark nach Süden auf Dakar zu. Machen w i r
das Floß leichter, bieten wir dem Strom weniger Angriffsfläche, und ein gerin-
ger Windwechsel genügt, um den Westkurs besser halten zu können.
Als ich abends meine Wache mit Teresa beendet habe und in die Kajüte gehe,
um Esperanza zu holen, die nach mir dran ist, falle ich, noch bevor sie draußen
ist, todmüde auf meine Luftmatratze.
«Das geht nicht, Santiago», ermahnt Ingrid mich zu Recht, «du mußt war-
ten, bis sie draußen ist, und darfst nicht einen allein an Deck lassen.»
Sofia hat ständig Magenschmerzen. Die Konservendiät bekommt ihr nicht:
Für komplizierte Krankheiten hält unsere Schiffsapotheke eine Fülle von Me-
dikamenten bereit, aber an einfachen Mitteln wie doppeltkohlensaurem Natron,
Aspirin oder Magenpillen fehlt es. Schuld daran ist Teresa.
Die ersten Fragebogen werden verteilt, jeder soll sie ausfüllen und aufbe-
wahren. Gefragt w i r d nach dem Bild, das jeder sich von seinen Kameraden
macht. Da w i r diese Befragung wöchentlich wiederholen, können w i r am
Schluß der Reise feststellen, inwieweit die Meinung des einzelnen sich gewan-
delt hat. Der Fragebogen sieht so aus:

78
Fragebogen I
Name Emiliano
Mein Eindruck über Ingrid
1. Ich glaube, sie/er ist:
O introvertiert O extrovertiert O mittel
2. Ich glaube, wir verstehen uns gut:
O ja O nein O mehr oder weniger
3. Ich finde sie/ihn anziehend:
O sehr O ziemlich O gar nicht
4. Ich finde sie/ihn sexuell anziehend:
O sehr O ziemlich O gar nicht
5. Ich glaube, in umweltbedingten kritischen Situationen erweist sie/er sich
als:
O stark O normal O schwach
6. Ich glaube, in menschlich bedingten kritischen Situationen erweist sie/er
sich als:
O stark O normal O schwach
7. Ihr/sein Charakter ist:
O stark O normal O schwach
8. Ich glaube, ihr/sein künftiges Verhalten auf der Acali verdient die Note
(Noten von 1 - 10 einsetzen; 10 ist die höchste Note):
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
9. Sie/er ist:
O ehrlich O normal O unehrlich

Ein zweiter, ebenfalls wöchentlich verteilter Fragebogen soll die Entwicklung


freundschaftlicher Beziehungen der Mannschaftsmitglieder untereinander be-
legen.

Fragebogen II
Ich fühle mich angezogen (je nach Sympathiegrad zehn Namen einsetzen):
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

79
Antonio platzt der Kragen:
«Hör mal, Santiago, wir müssen etwas unternehmen. Schließlich soll dies
doch ein Experiment sein, oder? Wenn wir so weitermachen, landen w i r in
Mexiko, und nichts hat stattgefunden.»
Hinter dem halb scherzhaften Ton verbirgt sich Ungeduld.
«Keine Sorge, es passiert noch genug, es passiert schon jetzt allerhand. Aber
wenn du Action brauchst, können w i r dich ja ins Wasser werfen und sehen, wie
die andern reagieren, wenn ein Hai dich frißt.»
«Wirf jemand anders ins Wasser, ich mag keine Haifische.»
«Es kommt nicht darauf an, daß du sie magst, sondern daß sie dich mögen.»
Ein Uhr mittags, wir essen.
«Angola hat sechs Millionen Einwohner, davon leben etwa fünf hunderttau-
send in der Hauptstadt Luanda. W i r sind fast ein reines Agrarland und produ-
zieren hauptsächlich Mais und Kaffee. Wer hat das gewußt?» fragt Emiliano.
Niemand, ich auch nicht. Wenn jeder erklärt, was sein Land ist, haben wir am
Schluß der Reise wenigstens etwas gelernt.
«Santiago!» schreit Aischa, die aufgeregt aus der Kajüte stürzt. «Komm
schnell, das Gruppenverhalten nimmt Formen an!»
Für Aischa findet Gruppenverhalten eindeutig auf einer ganz bestimmten
Ebene statt. Und in der Tat: Antonio schäkert mit Teresa auf seinem Schlafsack
unterm Funkgerät.
«Wenn du willst, reich' ich sie dir rüber», sagt Antonio unter allgemeinem
Gelächter.
Aber das ist nicht nach Teresas Geschmack. «Da mußt du erst mal mich fra-
gen», erwidert sie, halb im Scherz. «Mich reicht man nicht rüber.»
«Sie sehen, Professor...» Marcos w i l l die Episode kommentieren, aber ich
unterbreche i h n :
«Du weißt doch, w i r wollen unsere Beobachtungen für uns behalten.»
Als mein langjähriger Schüler und altgedienter Anthropologe hat Marcos
Mühe, den «Professor» zu vergessen. Ich rate ihm, sich Notizen über die nicht-
verbale Kommunikation zu machen. Worte sind häufig konformistisch. Es ist
falsch, zu glauben, daß in Gruppen die verbale und die nichtverbale Kommuni-
kation miteinander in Einklang stünden. Oft bilden sich, während w i r nichts-
sagende Worte wechseln, stille und sehr affektive Kontakte. In Worte geklei-
dete Gedanken verlieren ihre Ursprünglichkeit.
Marcos erklärt sich gern dazu bereit. Außerdem bitte ich ihn, bei allen Teil-
nehmern Fettgewebsmessungen durchzuführen. Schon bei der Ra I und Ra II
haben sich aus solchen Untersuchungen aufschlußreiche Vergleiche ergeben.
Die Gruppe ist nie vollzählig in der Kajüte. Ob wir essen oder schlafen, stets
fehlen die beiden Wachen.

80
Eine fast mondlose Nacht. Niemand schläft.
«In der Mitte ist das Floß viel ruhiger», stellt Teresa fest. «Wer gut schlafen
will, muß sich an Emiliano oder an Esperanza halten.»
«Ja, das stimmt. Und dabei sind die Trennwände hinderlich, Sofia hat recht.»
«Du glaubst wohl, wenn wir die Bretter entfernen, findest du dich mit sechs
Frauen wieder?» meint Teresa.
«Irrtum. Du selbst hast gerade erklärt, ihr müßtet euch an Emiliano halten!»
Am andern Morgen präzisiere ich, daß in den Fragebogen anzugeben sei,
wem man sich am stärksten verbunden fühle, nicht, mit wem man am liebsten
schlafen möchte. Esperanza sieht mich aus großen Augen an.
«Dich scheint die zweite Frage mehr zu interessieren, Esperanza?»
«Sei nicht albern, Santiago. Ich fände es märchenhaft, wenn die blöden
Bretter wegkämen.»
«Von einem Märchen, in dem numerierte Schlafplätze vorkommen, ob mit
oder ohne Brett, habe ich noch nie was gehört», meint Teresa trocken.
«Du hast auf alles eine Antwort. Für mich ist diese ganze Fahrt ein Wirklich-
keit gewordenes Märchen.» So leicht läßt Esperanza sich ihren Optimismus
nicht nehmen.

Wir pumpen die Wassertanks leer

«Hier EA4AC, Madrid.»


o
«Hier Acali, hier Acali, hier Acali. Unsere Position ist 24 2 1 ' Nord und
18° 52' West.»
«Wetterlage: mäßiger W i n d aus Ost; ziemlich grobe See; Tiefdruckzone süd-
östlich der Azoren; Hochdruckkeil...»
«Herr Professor Guenovas, Herr Professor Guenovas, w i r haben eine drin-
gende Nachricht für Sie. Hier Israel, w i r empfangen Sie gut.»
«Ja, wir hören Sie, Israel.»
«Wie geht es der israelischen Ärztin an Bord?»
Teresa sagt ein paar Worte. Bei manchen Funkgesprächen gibt es etwas zu
lachen, aber w i r können es uns nicht leisten, auf See mit dem Gerät herumzu-
spielen. W i r müssen unbedingt wissen, wann das Wetter uns erlaubt, den Was-
serbalast aus den Tanks zu pumpen. Vergeblich bemühen w i r uns, den Madrider
Sender wiederzukriegen. Auch Israel und die Kanarischen Inseln bleiben stumm.
Emiliano trällert ein hübsches angolanisches Lied vor sich hin, das mit den
Worten Sambiway, sambiway beginnt.
Esperanza macht daraus Sexy wave, sexy wave. «Findet ihr nicht, daß das
Meer sehr sexy ist?» fragt sie.

81
Ich verteile Fragebogen Nr. I I I . Wöchentlich soll anhand einer weiteren Be-
wertungsskala, die von null bis sieben reicht, der jeweilige Grad der Freund-
schaft angegeben werden, die jeder für jeden empfindet. Dadurch läßt sich im
Ablauf der Wochen das H i n und Her von Sympathien und Antipathien verfol-
gen. Wie ein kleiner Junge, der sich ein neues Spiel ausdenkt, sitzt Antonio
mit Papier und Bleistift da, mustert uns nachdenklich und lacht ab und zu: «Dir
gebe ich eine 6, aber du kriegst nur eine 2!» Er ist jetzt in besserer Verfassung.
Gestern hat er seine erste Wache übernommen, aber ganz seefest ist er immer
noch nicht. Als ich einmal nachts mit ihm am Steuerruder stehe, kommen w i r
an einer Kolonie fluoreszierender Medusen vorbei. Kugeln gleich, die aus ihrem
Innern ein phantastisches Licht ausstrahlen, treiben sie geruhsam über das
Wasser. W i r schöpfen ein paar mit einer Schüssel heraus, aber sie erlöschen so-
fort - nicht anders als wir Wissenschaftler, wenn wir unser gewohntes Milieu
verlassen.
Um elf Uhr morgens eine günstige Wettervorhersage für den nächsten Tag.
W i r werden uns wie vorgesehen in zwei Gruppen teilen und ohne Pause durch-
arbeiten, denn es geht nicht, daß w i r unterbrechen und mehrere Tonnen Was-
ser länger als unbedingt nötig in den Tanks hin und her schwappen. Nachdem
alles soweit vorbereitet ist, rate ich jedem, sich auszuruhen; bei Morgengrauen
wollen wir aufstehen. Pro Tonne Wasserverlust w i r d das Floß um 1,25 Zenti-
meter steigen, also insgesamt um 23 Zentimeter. Komico und Ana fotografieren
und filmen vom Dingi aus den alten Tiefgang. Ich dringe darauf, daß bei den
Filmaufnahmen jeder seine Arbeit fortsetzt und nicht in die Kamera schaut,
aber Aischa kann es nicht lassen. Es ist das drittemal, daß sie das macht, ob-
wohl wir es ihr ausdrücklich sagen. Die Sucht, fotografiert zu werden, ist stär-
ker als ihr Wille, und die Qualität der Aufnahmen leidet darunter.
Ein Freudenschrei Emilianos: «Ein großer Fisch! Ich habe einen Riesenfisch
gesehen!»
Alles guckt. Nichts. Plötzlich taucht in voller Schönheit und nur wenige Me-
ter vom Floß entfernt ein gewaltiger Wal aus dem Wasser auf. Fast eine
Stunde lang spielt er vor unseren Augen, und fasziniert bestaunen wir das un-
gewöhnliche Schauspiel.
Allmählich bilden w i r eine Familie, ohne daß darunter die Familien zu leiden
hätten, die w i r überall in der Welt zurückgelassen haben. Es ist einfach eine
größere Familie, zu der w i r jetzt gehören. Ana ist ein bißchen die Mutter, und
ich bin - erheblich mehr - der Vater. In dem Maße, in dem wir uns an dieses
Leben gewöhnen, verändern sich auch unsere Wertbegriffe. Bestes Beispiel ist
die Toilette. Keiner geniert sich mehr, im Gegenteil, w i r finden, daß sie die hy-
gienischste und natürlichste Lösung ist.
Bei der ersten Inspektion der Acali haben w i r alle verlangt, die Toilette

82
müßte gegen Blicke geschützt werden, so ginge das nicht; einige haben sogar
schlankweg erklärt, andernfalls kämen sie nicht mit. Ich erinnere mich, daß bei
den ersten Mondexpeditionen die Öffentlichkeit sich auch sehr für die hygieni-
schen Lösungen an Bord interessiert hat. W i r messen diesen natürlichen, all-
täglichen und banalen Dingen eine Bedeutung zu, die sie an Bord des Floßes
zum Glück wieder verloren haben.
Um so stärker entwickeln wir, vor allem nachts, ein Gefühl für das Geheim-
nis der menschlichen Beziehungen, für die ganz andere Realität, die wir er-
leben und durchdenken. Trotz der Müdigkeit, der anstrengenden Wachen, ist es
nichts Ungewöhnliches, daß mitten in der Nacht irgendwo einer still für sich
allein sitzt und nachdenkt. Über das, was zu Hause geschehen m a g . . . In sich
gekehrt, ohne den Zwang von Stundenplänen, Terminen, Telefongesprächen.
Es müßte Hunderte von Acalis geben, auf denen Männer und Frauen aus der
ganzen Welt frei denken können, unbelastet von den Zwängen und Beschrän-
kungen, die uns so schaden.
«Alle Mann um sechs Uhr morgens zum Pumpen an Deck!»
W i r arbeiten in Vierergruppen ohne Pause bis halb drei durch. Jeder fünf
Minuten, manchmal zehn; länger halten die Arme die Anstrengung nicht aus.
Es war die richtige Entscheidung, das Floß macht schnellere Fahrt. Ich bin be-
ruhigt.
Ein mühevoller Tag. Teresa schlägt vor, die Frage: «Wem fühle ich mich am
stärksten verbunden?» durch die Frage: «Mit wem möchte ich am liebsten schla-
fen» zu ersetzen. Ich habe es mir gemerkt.
Nachts bekommen w i r stärkeren Seegang. Ich gehe nach dem Abendessen
aufs Kajütdach, schnalle mich an und denke nach.

Erste Betrachtung

Wenn jemand zu einem Psychiater geht und sagt: «Ich hasse meine Mutter,
ich hasse meinen Vater, ich wollte, meine Frau und meine Kinder wären tot,
ich verabscheue alle Menschen», so bekundet er damit nicht Aggressivität,
sondern diagnostiziert einfach seine innere Zerrissenheit und den Bruch mit
der sozialen Norm. Ich glaube, daß das Problem der sogenannten «angebo-
renen» Aggressivität in bezug auf den Menschen ganz falsch verstanden
worden ist. Auch auf der Acali haben w i r Beispiele von Aggressivität. Die
Frühwache weckt uns um sieben mit einer Glocke. Einige stellen sich ans Heck
oder an den Bug und läuten leise von da, einige in die Nähe der Kajüte, einige
unmittelbar am Eingang. Heute nun ist die Ruderwache zum Wecken in die
Kajüte hineingegangen und hat einem der Schlafenden wie ein Verrückter
ins Ohr geläutet.

83
Um bei hoher See, wenn es von Quallen wimmelt, kein unnötiges Risiko
einzugehen, übergießen w i r uns, statt zu baden, am Heck mit ein paar
Eimern Seewasser. Einigen unter uns bereitet es ein ausgesprochenes Ver-
gnügen, andere mit Wasser zu übergießen. A u f dem Festland würde man
sofort von Aggressivität sprechen. Für uns ist es überschäumender Spaß, ein
Freudenfest, nichts weiter. Unter normalen Lebensbedingungen gibt es keine
Aggressivität. Beschränken w i r die pathologischen Erklärungen auf eindeu-
tig pathologische Zustände. Aufgrund der intimen, unausweichlichen Nähe
zueinander und zur Natur bewirkt die Lebensfreude in Verbindung mit
einem klaren Bewußtsein der Gefahr, daß wir die einfachen Dinge des A l l -
tags normal bewältigen. W i r behaupten nicht, daß die Acali eine Universal-
lösung sei, keineswegs. W o h l aber ist sie ein ausgezeichnetes Laboratorium
zur Erforschung menschlichen Verhaltens, weil sich hier gewisse Phänomene
und Haltungen viel reiner, klarer, nackter zeigen als unter scheinbar nor-
maleren Umständen.
In der Nacht nach dem Leerpumpen der Wassertanks haben w i r zum
erstenmal wie die Murmeltiere geschlafen. Als ich am anderen Morgen Ru-
derwache habe, höre ich, daß die gute Stimmung sich in einer Kissenschlacht
Luft gemacht hat. Die Kissen fliegen aber nicht auf die einem unsympathi-
schen Kameraden, sondern gerade auf diejenigen, mit denen man eine engere
oder intimere Beziehung wünscht: nicht verbale Kommunikation unter
«Acaliern».

Teresa müht sich ab, eine der Pumpen wegzuräumen, was sie aber allein nicht
schaffen kann. Aischa steht daneben und rührt keinen Finger.
«Nun hilf ihr doch mal, Aischa.»
Sie denkt nicht daran. Sofia, Marcos und ich kommen Teresa zu Hilfe. Aischa
schaut seelenruhig zu. Ich bitte Marcos, ihr bei Gelegenheit auf schonende
Weise beizubringen, daß an Bord jeder mit zufassen muß. Ich bin es leid, i m -
mer wieder vergeblich zu sagen, daß dieses oder jenes gemacht werden muß.
Aischa ist gesund und kräftig. Vielleicht ist sie etwas verschnupft, weil ich
Komico und Marcos offen geraten haben. Aischa so lange nicht zu filmen, bis sie
sich angewöhnt hat, die Kamera zu vergessen.

Zweite Betrachtung

Heute ist der dreiundzwanzigste Mai. Seit genau einem Monat kennen w i r
uns, und seit zehn Tagen sind w i r auf See, unter uns, ein bißchen wie neu-
geborene Kinder. Die Spielregeln in Paris, New York, Luana, Tokio oder Me-
xiko gelten hier nicht. Auch unsere Herkunft und unsere Traditionen mit

84
ihren Vor- und Nachteilen haben w i r auf der Acali abgelegt. Sosehr Tra-
ditionen ein wesentliches Element dessen bilden, was w i r sind, oft genug
können sie uns auch hemmen und zerstören.
Außer einer reinen Luft, wie es sie weder in New York noch in Mexiko
gibt, atmen w i r auf der Acali Toleranz und Freiheit. Beides ist unerläßlich,
wenn wir einig bleiben wollen. Verbotsschilder gibt es nicht. Trotzdem füh-
ren w i r nach und nach eigene Spielregeln ein.
Ein Freund hat den elf «Affenforschern» der Acali in weiser Voraussicht
eine Unmenge Bananen von den Kanarischen Inseln gestiftet. W i r essen sie
nicht nur als Nachtisch oder zu Reis usw., sondern benutzen sie auch als Ge-
schwindigkeitsmesser, indem w i r eine Schale am Bug ins Wasser werfen und
die Zeit messen, die sie bis zum Heck braucht.
Als unsere Wassertanks noch v o l l waren, brauchte eine Bananenschale
für den zwölf Meter langen Weg vom Bug zum Heck dreißig Sekunden, das
heißt, unsere Geschwindigkeit betrug 1,44 Stundenkilometer, je nach
Strom- und Windverhältnissen etwas variierend. Jetzt braucht die Schale
nur noch siebzehn Sekunden, was einer Geschwindigkeit von 2,6 Stunden-
kilometern entspricht. Rechnet man etwa einen halben Kilometer pro Stunde
Strömungsgeschwindigkeit hinzu, kommt man auf eine Gesamtgeschwin-
digkeit von rund drei Stundenkilometern, genau das, was w i r wollen. Damit
erreichen w i r in zwei Monaten die Karibische See und in etwas mehr als drei
Monaten Mexiko, also bevor noch die verheerenden Wirbelstürme im Sep-
tember einsetzen.

«Ich habe die Nase voll, Herr Professor. Jeder macht i n der Küche rum, aber
der einzige, der wirklich kocht, bin ich. Alles w i r d dreckig, keiner macht sauber.
Nur Emiliano hilft mir, die anderen rühren sich was zusammen und hinterlassen
einen Saustall!»
«Schimpfst du mit mir?» fragt Teresa.
«Nein, mit den Eiern.»
Teresa und Sofia arbeiten tüchtig, nur daß Teresa sich in alles einmischt, alles
wissen, alles machen w i l l , geht einem manchmal auf die Nerven, vor allem
Marcos.
Aischa w i r d nicht mehr fotografiert. Sie scheint verstanden zu haben und
verhält sich schon sehr viel nachgiebiger. Das ist keine Manie von uns, wir w o l -
len nur kein Filmmaterial vergeuden.
Trotz des begrenzten Raumes, der jedem in der Kajüte zusteht, sind A n -
zeichen von Aggressivität und Gereiztheit, wie man sie unter vergleichbaren
Bedingungen an verschiedenen Tierarten beobachten kann, auf der Acali bis
jetzt noch nicht aufgetreten; auch die für das Leben in Millionenstädten wie

85
Hongkong, New York, London oder Tokio typischen Streßphänomene nicht.
Meiner Meinung nach liegt das an dem innigen Kontakt mit unserem wahren
Ich, unserem menschlichen Ich. Hier gibt es keine Tarnung, kein Tabu, keinen
Konformismus, keine Fiktion usw. Die Humanität des Menschen ist indessen
nicht angeboren, sie ist ein Kulturprodukt. Gewisse humane Züge verschwinden
daher, wenn der Mensch auf zu engem Raum lebt, was darauf schließen läßt,
daß Humanität unter normalen Bedingungen auf einen angemessenen Rahmen
angewiesen ist.
In Fragebogen I I I haben einige ihren Mannschaftskameraden eine sieben ge-
geben und damit ein starkes freundschaftliches Gefühl für sie bekundet. Andere
bekamen eine zwei, wurden also eindeutig als unsympathisch eingestuft.
«Santiago, ich w i l l dir offen und ehrlich etwas sagen. A n Land haben w i r
dich für das achte Weltwunder gehalten und dich sehr gemocht, aber jetzt spielst
du dich als Diktator auf, du hast dich völlig verändert. W i r sind dir Wurscht.»
«Diesen Eindruck mache ich vielleicht, Sofia, weil ich auf dem Floß vertrau-
ten Boden unter den Füßen habe, während ihr - das gilt auch für Ingrid - die
Orientierung verloren habt. Am ersten Tag hätten w i r infolge einer Kollision
mit dem Schlepper um ein Haar kein Floß mehr gehabt; dann haben w i r die
Tanks leer pumpen müssen, der Mast hat sich anscheinend geneigt, ein Ruder-
kabel ist gerissen. Diese Probleme gehen uns zwar alle an, aber im Augenblick,
und das ist normal, bin ich der einzige, der sie richtig beurteilen kann. Hinzu
kommt, daß ich an die Fragebogen denken und mir Notizen machen muß. Das
Experiment läuft, ich darf es nicht schleifen lassen. Trage ich nicht die meiste
Verantwortung? Verzeih mir, wenn ich ein bißchen schroff bin. Wie geht es dei-
nem Magen?»
«Nicht besonders, ich habe dauernd Schmerzen.»
«Ja, das sieht man. A u f See w i r k t sich die geringste Unpäßlichkeit viel mehr
auf den seelischen Zustand aus als an Land, weil man ständig aktiv sein muß.
Hat Teresa nicht noch irgendein anderes Medikament?»
«Nein, sie hat alles versucht. Ich glaube, am besten ist, zu warten, daß es vor-
übergeht . . . Entschuldige, im Grunde hast du wohl recht. Du hast viele Pro-
bleme, die w i r nicht haben, und ich fühle mich eben nicht in Form.»
«Mir wäre lieb, ihr machtet euch klar, daß das Floß allen gehört. Es ist un-
ser aller Experiment... Scheiße! Ich glaube, w i r segeln zu weit nach Norden.»
0
Ein Blick auf den Kompaß. Tatsächlich, w i r steuern einen Kurs von 320
0
statt von 250 . Ana und Komico, die am Ruder stehen, sind in ihr Gespräch ver-
tieft und passen nicht auf.
«He, w i r wollen nicht nach Irland!» schreit Ingrid, als sie es bemerkt.
Am Nachmittag setzt Teresa Antonio ein Zäpfchen. Er kann es noch immer
nicht selber.

86
«Also, der einzige, der hier sexuell auf seine Kosten kommt, bist du, Anto-
nio!» stichelt Esperanza.
Wenig später, als er sich besser fühlt, holt Antonio mit ernster Miene eine
riesige Gurke aus der Kajüte.
«Würde euch das als Zäpfchen zusagen? Es gibt mehr her.»
«Das ist kein Zäpfchen, das ist schon eher ein Vibrator!» Gelächter.
Im allgemeinen kommt es zu solchen Witzeleien, wenn Männer unter sich
sind oder für eine gewisse Zeit auf beschränktem Raum leben: in der Kaserne,
im Gefängnis, im Krankenhaus usw. Das bemerkenswerte an Acali ist, daß die
obszönen Anspielungen auch im Beisein von Frauen gemacht werden, und das
schon nach kaum drei Wochen.
Antonio bereitet uns zum Abendessen ein zypriotisches Gericht: Moussakas,
Lammhaschee mit Auberginen, Pilzen, Piment und Tomaten. Erlesen! Nachts
stürmische See. Antonio, Esperanza und Teresa müssen sich übergeben. Aischa
fühlt sich nicht wohl. Ana träumt laut. Im Augenblick ist es unser Magen, der
uns den größten Kummer macht.

Und nicht der kleinste Hai

Ein herrlicher Morgen. Teresa, Sofia, Ana, Marcos und ich schwimmen an Lei-
nen im Meer, ich als einziger mit Taucherbrille, weil ich unter dem Floß nach-
sehen will, ob sich dort kein gefährliches Tier verbirgt. Alles i n Ordnung. Die
anderen tummeln sich noch eine Weile im Wasser, ich klettere wieder an
Bord.
«Ich könnte stundenlang im Wasser bleiben!» ruft Teresa.
Erst jetzt sehe ich, daß sie drei Leinen aneinandergebunden und sich über
zehn Meter weit vom Floß entfernt hat. Geht einer der Knoten auf, haben w i r
nicht die geringste Chance, sie zu retten. Zu schweigen von den Haien!
Abends beim Essen:
«Findest du es nicht gefährlich, so weit vom Floß wegzuschwimmen, Teresa?»
«Ich bin eine sehr gute Schwimmerin. Sollte ein Hai auftauchen, schaffe ich
es leicht bis zum Floß zurück. In Israel bin ich oft kilometerweit geschwom-
men. Vor H a i f i . . . »
«Haie können sehr gefährlich sein», unterbreche ich sie. «Auf eine Entfernung
von zehn Metern entkommst du ihnen nicht mehr.»
«Das stimmt nicht», verkünden Sofia und Aischa wie aus einem Mund. «Als
wir in Nizza waren, haben die Meeresbiologen uns gesagt, daß Haie etwa zehn
Minuten warten, bevor sie angreifen...»
«Und außerdem», behauptet Aischa selbstbewußt, «braucht man einen Hai

87
nur mit einem Stock auf den Kopf zu schlagen, dann schwimmt er weg. Aber
es muß ein Stock sein.»
Marcos lacht schallend. «Habt ihr überhaupt schon mal einen Hai gesehen?»
«Nein», geben sie kleinlaut zu.
«Mag wohl sein, daß er zehn Minuten wartet, bevor er angreift, oder einen
ganzen Tag lauert, ohne sich zu rühren, aber ebensogut kann er sich schnur-
stracks auf die nächstbeste Schwimmerin stürzen. Und wenn ein Hai erst ein-
mal angreift, ist es aus. Und woher willst du so schnell einen Stock nehmen,
Aischa? Du setzt ja nicht mal eine Taucherbrille auf, um zu sehen, was unter
Wasser los ist!»
Ich bin müde, ich finde diese ständigen Ermahnungen kindisch, doch sie müs-
sen wohl sein, wenn man auf einem Floß für zehn Personen verantwortlich ist,
von denen einige keine Ahnung haben, was ein Hai ist.
«Wir sind alle für unser Leben und das der anderen verantwortlich. Ver-
geßt nicht, wenn etwas passiert, ist das Experiment gescheitert. Ob w i r ein
bißchen schwimmen, um uns zu entspannen und unseren Spaß zu haben, oder
ob w i r uns unnötigen Gefahren aussetzen, ist ein Unterschied. Gefährliche
Situationen haben wir zur Genüge gehabt. Also bitte etwas mehr Vorsicht,
Aischa.»

Dritte Betrachtung

Inwieweit muß ein Expeditionsleiter auf Klagen, manchmal bittere Klagen,


von sympathischen und sicher wohlmeinenden Leuten Rücksicht nehmen, die
genau wie auf dem Festland nur eine unvollständige oder gar keine Vor-
stellung von der Bedeutung, der Reichweite und den Gefahren des Acali-
Projekts oder irgendeiner andern Situation haben - Klagen, die sich auf Haie,
Informationsmangel, Baden im Meer, Küchendienst, Aufgabenverteilung
usw. beziehen?
I n meinem Tagebuch steht unter der zweiten Woche: «Ich w i l l so wenig
wie möglich die Rolle des Führers spielen. Aber dazu ist nötig, daß jeder die
allgemeine Situation sieht und sich nicht auf den engen Blickwinkel i n d i v i -
dueller Vorstellungen, Motivationen und Absichten beschränkt. Bis jetzt
habe ich mich damit begnügt, <Anregungen> zu geben. Aber wie oft! Und die
Anregungen, mehr noch die Anordnungen, sind eine ständige Quelle von
Reibereien. Wie soll man sie vermeiden, wenn man vor der Notwendigkeit
steht, ein Floß seetüchtig zu halten, das Leben jedes einzelnen zu schützen
und das Experiment zu einem guten Ende zu führen? Ich kenne nicht eine
einzige wissenschaftliche Arbeit, die sich mit diesem für die Kenntnis der
menschlichen Beziehungen so wichtigen und zentralen Thema beschäftigt,

88
während es Untersuchungen über die Biologie der Aggressionen, die Genetik
der Aggressivität, die Physiologie der Aggression, das Vorgesetztenproblem,
die <Führerschaft>, die Gruppendynamik usw. in Hülle und Fülle gibt. Bei der
Acali handelt es sich um einen Extremfall. Doch das gleiche Problem stellt sich
beim Werkmeister, Verwaltungsbeamten, Politiker, Regierungschef und
selbst im Familienkreis. Aus solchen Beziehungen, ob w i r nun von vorge-
gebenen Hierarchien ausgehen oder nicht, entstehen in der Gesellschaft i m -
mer wieder Mißverständnisse, Spannungen, Gewalttaten. Es mag uns nicht
gelingen, auf der Acali diese Fragen zu klären, geschweige denn zu lösen, aber
man kann jetzt schon sagen, daß es wichtig ist, sie zu untersuchen und zu
analysieren.-»

Während ich, an den Mast gelehnt, meine Notizen mache, schwenkt Komico
die Kamera auf mich.
«He, nicht jetzt! Ich bin zu häßlich!»
«Ich glaube nicht, daß sich das noch bessert», meint er gut gelaunt. «Ich habe
zwar ein ausgezeichnetes Objektiv und werde tun, was ich kann, aber einen
anderen Menschen kann ich nicht aus dir machen.»
Die See ist ziemlich bewegt, der Himmel bedeckt. Sollte es Sturm geben? Vor-
sicht ist der bessere Teil der Tapferkeit, sagt Falstaff, und so halten wir Kriegs-
rat. Jeder sagt seine Meinung.
«Bei Sturm müssen wir das Segel einholen», findet Aischa.
«Nein, nein, erst mal müssen w i r zwei Mann ans Ruder stellen», behauptet
Teresa.
Sie fangen eine lange und ermüdende Diskussion an. Keine versteht etwas
vom Segeln, keine hat je zuvor den Fuß auf ein Floß gesetzt, aber Aischa fühlt
sich leicht frustriert, und Teresa kann es nicht lassen, sich in alles einzumischen.
«Ingrid, was ist deine Meinung?»
«Das Segel um die Hälfte reffen und vor dem Winde bleiben.»
Meine Empfehlung: «Wer nichts zu tun hat, geht in die Kajüte. Kein Risiko
eingehen. Wenn etwas über Bord fällt, fallen lassen!»
«Da! Da!» schreit Emiliano. «Ein W a l ! Nein, z w e i . . . ! »
Tatsächlich, zwei prächtige Burschen überholen uns backbord. Großartige,
mächtige Tiere.

Beobachtungen nach dreizehn Tagen

Sofia, Aischa, Teresa, Antonio und Ingrid sind unzufrieden. Im Grunde wohl
deshalb, weil w i r auf Gleichheit nicht vorbereitet sind. Gleich sein heißt unter

89
oder über anderen stehen, ohne daß diese Worte einen negativen Sinn haben.
Sie bezeichnen nebensächliche Positionen, die aber - wie in einem System kom-
munizierender Röhren - für den Niveauausgleich unbedingt erforderlich sind.
Und w i r brauchen auch Kommunikationsstudien, um eine erträgliche Ebene der
Zusammenarbeit zu erreichen, die frei ist von Vorurteilen über Niveauunter-
schiede und sich den Gegebenheiten anpaßt.
Welche Gründe lassen sich bis jetzt für die aufgetretenen leichten Spannun-
gen erkennen?
1. Ingrid ist auf eine Rangordnung angewiesen. Es hat sie viel Arbeit und
Mühe gekostet, Zweiter Offizier in der schwedischen Marine zu werden, nun
braucht sie diese Qualifikation als Stütze. Aber die anderen vertragen ihren
Kommandoton schlecht. Bis jetzt habe ich das Spiel mitgespielt und ihre A u t o r i -
tät unterstützt, weil ich versuchen w i l l , ihr zu helfen, ohne sie zu kränken. Man
w i r d sehen. Die Situation ist unklar.
2. Das Chefproblem. 95 Prozent dessen, was sich auf dem Floß abspielt, ent-
springt meiner Initiative. Eigentlich müßten die «kommunizierenden Röhren»
nach dreizehn Tagen Seefahrt funktionieren; andernfalls w i r d die Rolle des
Führers, der alles sieht und alles erklärt, unerträglich - zumindest in einer
Gruppe, die zwar einerseits demokratische Beteiligung wünscht, andererseits
aber nur theoretische Einsichten in das Wesen der Zusammenarbeit wie des
individuellen Einsatzes hat.
3. Offensichtlich w i l l niemand die als «niedrig» geltenden leichten und ein-
fachen Aufgaben wie Geschirrspülen, Deckscheuern usw. übernehmen.
4. Das gleiche Vorurteil gilt beim Kochen. Bis jetzt hat sich ausschließlich Mar-
cos dieser Aufgabe angenommen; nur Emiliano hilft ihm, dem die Unordnung
der anderen nichts ausmacht, während Marcos sich manchmal darüber ärgert.
5. Aischas Koketterie und ihr Posieren vor der Kamera haben ihr Verhältnis
zu Sofia etwas getrübt.
6. Fast alle ärgern sich über Aischas und Sofias übertriebene Körperpflege
(sie brauchen morgens bis zu einer Stunde, um sich fertigzumachen).
7. Kleine «nationale» Kabbeleien: die beiden französisch sprechenden Mäd-
chen gegen die beiden Amerikanerinnen. Die einen glauben, daß die anderen
nicht genug arbeiten und umgekehrt.
8. Es würde uns sehr helfen, wenn jemand echten Sinn für Humor bewiese,
der so nötig ist, wenn man auf engem Raum zusammenlebt.
Für Zusammenhalt und Kooperation gibt es immerhin schon eine Reihe ein-
facher Beispiele. So setzen und bergen wir das Segel normalerweise gemeinsam,
und Arbeiten wie Geschirrspülen, Verschmutzungsproben sammeln usw. wer-
den von den dafür Beauftragten in der Regel zusammen erledigt, wobei oft so-
gar ein «Gruppenfremder» mit zugreift. Auch andere selbstlose Gesten sind zu

90
beobachten, so wenn jemand einer Wache eine Tasse Karree bringt oder sie
zum Essen ablöst usw.
Zehn Uhr abends. Von der Brücke hört man Esperanzas Stimme:
«He! Meine Zeit ist um! Löst mich keiner ab?»
«Du armes Negermädchen, Wechsel die Farbe, wenn du willst, daß man dich
sieht. Du bist doch nicht etwa in der Gewerkschaft?»
M i t diesen Worten bekundet Antonio, daß es ihm bessergeht. Ein Glück nur,
daß es ihm noch nicht ganz gutgeht!
Antonio und Komico arbeiten oft zusammen. Meistens hat Komico die Ideen,
und Antonio führt sie aus, setzt sich aber dabei mit einem solchen Temperament
in Szene, daß man meinen könnte, die Initiative gehe von ihm aus. Wenn die
beiden zusammen sind, geht es laufend:
«Komico, steck mir mal 'ne Zigarette an . . . Komico, gib mir mal den Schrau-
benschlüssel.» Antonio spielt gern den großen Arbeiter.
Es wird dunkel. Marcos und Sofia singen; ihr Gesang stimmt uns froh. Nacht-
ruhe. Dann Versammlung - eine notwendige, wenn auch nicht immer reizvolle
Einrichtung. Unser Haus w i l l bestellt sein. A u f dem Tagesplan steht zum Bei-
spiel:
1. Die Kompaßbatterien nachsehen.
2. Dafür sorgen, daß der Badekorb keine Quallen durchläßt.
3. Vom Ruder zur Kajüte ein Haltetau anbringen, an dem man sich bei
schwerer See festhalten kann.
4. Die Stabilität des Kompasses sichern, damit der von Ingrid festgesetzte.
Kurs gehalten werden kann.
Wieder einmal gebe ich die «Anregungen». Man könnte meinen, ich wäre der
einzige an Bord, der nach Amerika w i l l . Gestern hat Teresa sich während ihrer
Ruderwache seelenruhig die Fußnägel geschnitten. Das Floß trieb bald in diese,
bald in jene Richtung. Zum drittenmal habe ich ihr erklärt, daß wir bei einem
Zickzackkurs dreißig bis vierzig Prozent unserer Fahrt verlieren.
«Es ist nicht schwierig, die Schüsseln zu scheuern, Esperanza. Man muß sich
nur hinhocken und es machen!» ruft Sofia ärgerlich aus dem kleinen Kajüt-
fenster. Keine Reaktion.
«Ich mache es nachher.»
Ja, der Gemeinschaftssinn . . . Esperanza ist nicht dumm, aber wenn ihr etwas
nicht paßt, findet sie immer einen Dreh, sich davor zu drücken. Am liebsten steht
sie auf der Brücke, da springt sie immer für andere ein, da kann sie Stunden ver-
bringen.
«Ich w i l l eine Hochzeit», flachst Aischa, «eine weiße Hochzeit, mit Komico,
Antonio oder egal wem. Bist du einverstanden, Pfarrer?»
«Ich kann die Trauung an Bord vollziehen», erwidert Emiliano, mit ernster

91
Miene auf das Spiel eingehend. «Wen willst du heiraten? Antonio? Komico?
N i m m doch beide, dann hast du jederzeit die Wahl.»
In diesem Augenblick kommt Komico herein und macht ein erstauntes Ge-
sicht. Er steht ja in sehr enger Beziehung zu Ana.
«Die Ehe w i r d annulliert», beeilt sich Emiliano zu sagen.
Als w i r gestern am Funkgerät herumfummelten, legte Sofia in Gedanken
für einen Augenblick ihr Bein auf Emilianos Bein. Gesagt hat er nichts, aber
keine Phase dieser absichtslosen Zärtlichkeit ist ihm entgangen.
«Sollen w i r nicht die Wachmannschaften neu einteilen, Ana? W i r haben seit
vierzehn Tagen nicht gewechselt. Jetzt müßten mal andere Partner zusammen-
kommen.»
Ana, die nach wie vor für Komico schwärmt, hat sich natürlich ihn ausge-
sucht.
«Seht mal, ein Vogel!»
Ende der zweiten Woche hat der allgemeine körperliche Zustand sich gebes-
sert, und Ingrid scheint zufrieden zu sein. Sie läßt sich sogar dazu hinreißen, ein
kleines romantisches Liedchen zu singen.
Abends nach dem Essen gehe ich aufs Kajütdach, wickle mich in eine Decke
und denke nach.

Vierte Betrachtung

Samstag, den 26. Mai. Leichter W i n d und ruhige See. Manche sagen, wer
Ostern nicht in Sevilla war, hat nicht gelebt. Für andere ist es Las Vegas oder
der Karneval in Rio. Lassen w i r das Experiment, das Studium des mensch-
lichen Verhaltens jetzt einmal beiseite . . . Hier auf dieser Nußschale zu sein,
mitten in der Nacht, umgeben von der Unermeßlichkeit des Ozeans und in
unmittelbarer Berührung mit einer schönen, nackten, befreiten Natur, die
ohne Fesseln ist, ungeheuerlich, allmächtig und phantastisch, das ist etwas
so Schönes, so Menschliches! Es rückt uns wieder zurecht und stellt jeden
Teilnehmer mit einer Genauigkeit an seinen Platz, wie es nur eine Zeit ver-
mag, die über Maßeinheiten erhaben ist. Die wahre Zeit, die Zeit von Jahr-
hunderten, Jahrtausenden. Und im Zentrum ihrer grenzenlosen Weite: wir.
Als wenn die gemessene Zeit der Erde irgend etwas mit meiner Frau, mei-
nem Sohn, dem, was ich denke, was ich lese oder schreibe, mit unserem Le-
ben zu tun hätte! Außerhalb der Zeit, in Verbindung mit einer unendlichen
Natur, umflossen von ihrer Fülle, kann man sich gut vorstellen, daß erst die
Fische, dann die Vögel, dann der Mensch erschaffen wurden - dann die
Acali.

92
«Was machst du denn da unten?» fragt Sofia ziemlich barsch Esperanza, die aus
einer der Kajütluken auftaucht.
«Siehst du doch, ich amüsiere mich», lautet die spöttische Antwort.
Sofia findet, daß Esperanza nicht genug arbeitet, und das stimmt.
«Die Franzosen sind Rassisten», behauptet Marcos in einem Streitgespräch
mit Sofia und mir.
Meiner Meinung nach richtet der französische Rassismus sich nicht gegen
Rassen, sondern gegen Völker mit unterentwickelter Technologie, denn er be-
ruht auf einem Rationalismus, der - quer durch die gesamte Erkenntnistheorie
- nur das gelten läßt, was rational erfaßbar und klassifizierbar ist.
Sofia ärgert sich, und es fehlte nicht viel, dann hätte sie uns beschimpft.

Sexualverhalten nach vierzehn Tagen

Wie weit ist das mit dem Sex auf dem «Sexfloß» ? Nicht sehr weit. Warum nicht?
1. Einige sind noch seekrank und müssen sich übergeben. Nicht sehr ver-
führerisch.
2. Es herrscht eine gewisse Zurückhaltung innerhalb der Mannschaft, obwohl
die falsche Scham (etwa bei der Toilettenbenutzung) verschwunden ist.
3. Unsere Aufmerksamkeit w i r d von anderen Bereichen in Anspruch genom-
men: die See und Verhaltensstudien. Ohne eine auf Erotik und Sexualität ab-
gestellte Umwelt haben wir daher, zumindest in den ersten vierzehn Tagen,
keine starken sexuellen Bedürfnisse gehabt.
4. Die beiden kokettesten Mädchen, Sofia und vor allem Aischa, stoßen bei
der übrigen Besatzung auf eine gewisse Kritik, die als ausgleichender Faktor
wirkt und ihren Sexappeal dämpft.
5. Zweifellos drückt unser Angstgefühl den Grad unseres sexuellen Verlan-
gens auf seine niedrigste Stufe herab, obwohl Witzeleien über dieses Thema
oberflächlich gesteigerte Sexualwünsche anzudeuten scheinen.
6. Ana und Esperanza sind für mein Gefühl am ehesten zu sexuellen Be-
ziehungen bereit.

Zweite Bilanz

Wie ich die Mannschaft sehe: Emiliano: gut, etwas langsam, immer gefällig,
immer verfügbar, aber mit einer gewissen Zurückhaltung, kritisiert nichts
und niemanden.
Aischa: kokett, spielt die schöne Flößerin, arbeitet so wenig wie möglich,
führt aber die Untersuchungen der Wasserverschmutzung gewissenhaft durch

93
und spült, wenn es sein muß, auch Geschirr; außerdem kocht sie und ist je-
derzeit für eine Handreichung zu haben.
Ana: sehr widerstandsfähig, etwas zurückhaltend, übernimmt die Rolle des
weiblichen Seemanns, schweigsam und erfahren, Fatalistin. Kocht, kann mit
dem Sextanten umgehen, versteht etwas von Navigation, hilft Ingrid.
Antonio: Rolle des sympathischen Burschen; hält sich für den Mittelpunkt
der Acali. Flirtet etwas mit Aischa, aber nicht mehr. Trotz schlechter körper-
licher Verfassung gute Arbeit als Funker.
Marcos: ziemlich introvertiert, spricht wenig und nie unüberlegt, flirtet offen
mit Sofia, wenn ich nicht dabei bin. Die beiden mögen sich. Hat Sinn fürs
Praktische und klare Vorstellungen.
Santiago: Vater des Floßes. Verbreitet Charme oder flirtet, wie man w i l l , teils
harmlos, teils nicht. Arbeitet viel, schreibt und übernimmt seine Rolle als
Leiter, achtet darauf, daß alles seine Ordnung hat, kümmert sich um Be-
richte, Beobachtungen auf See, Mahlzeiten usw.
Ingrid: Klammert sich an ihre Kapitänsrolle, kümmert sich um die Naviga-
tion, das Tauwerk, das Segel usw. Ana und Santiago sind es leid, sie ständig
anzutreiben und zu ermuntern.
Teresa: ist ganz das starke Weib, zu jeder Arbeit fähig, auch dazu, sich einen
Mann zu angeln. Gelegentlich hat sie's auf Marcos abgesehen, der sie aber
links liegen läßt.
Komico: ist der nette, sympathische, ja komische Japaner. Kümmert sich aus-
schließlich um seine Kameras und abends um die Positionslampen.
Esperanza: spielt die Rolle des Naturkindes, witzig, originell, auf ihrem Ge-
biet beschlagen, tut aber nur Dinge, die sie unmittelbar angehen. In sexuel-
ler Hinsicht macht sie Marcos unverhüllt Avancen. Marcos schwärmt dis-
kreter für Sofia und Sofia eindeutig für Santiago, genau wie Ana. Antonio
und Komico sind in Aischa verliebt, Aischa ein bißchen in Marcos und ein
bißchen in Santiago, obwohl sie es sich nicht anmerken läßt. Komicos Herz
schlägt für Ana, Aischa und Sofia.

Trotz grober See und ziemlich starkem W i n d habe ich nach dem Abendessen
das Bedürfnis, allein zu sein. Es ist mir schon zur Gewohnheit geworden, aufs
Kajütdach zu steigen und nachzudenken. Meine Gedanken wandern zu Andrée
und Diego. Die anderen singen und diskutieren unten.

Fünfte Betrachtung

Und wenn dieses Experiment sich in der Zeit verlöre? Wenn es ein Traum
wäre, zu dem man nicht mehr zurückkehren kann, so wenig wie in die Kind-

94
heit? Und wenn das Meer kein Ende nähme? Wenn w i r ewig seine Gefan-
genen blieben? Ich wollte, Ingrid wäre etwas weniger schwedisch und
Komico spräche besser Spanisch; Marcos nähme die Anthropologie nicht so
wichtig und ich auch nicht. Sofia sähe ich gern etwas toleranter und Aischa
weniger kokett; sähe gern, daß Emiliano, dessen Einfachheit ich bewundere,
etwas weniger arbeitete und sich dafür etwas brüderlicher gäbe; daß Ana
nicht so schweigsam wäre, Teresa nicht so geschwätzig und Antonio etwas
ernster. Und indem ich mir vorstelle, wie sie jetzt alle da unter mir in unserer
kleinen Kajüte liegen und schlafen, w i r d mir bewußt, daß ich eine neue
Familie habe, die ich liebe und zu kritisieren getraue wie mich selbst.

Jeden Tag hören w i r uns den Wetterbericht im Radio an, und einmal die Woche
mache ich Lagebesprechung. Sofia, Marcos, Komico, Ingrid, Ana und Emi-
liano, also alle, die Spanisch sprechen, nehmen regelmäßig teil; notfalls über-
setze ich es den anderen ins Englische. Nach dem letztenmal kommt Sofia
zu mir.
«Santiago, ich bin ein Idiot. Alles, was ich an dir auszusetzen hatte oder was
man dir vorwerfen könnte, ist nichts im Vergleich zu dem, was wir hier w i r k -
lich machen, zu der Idee, die du gehabt hast.»
Sie ist ehrlich bewegt, und ich glaube, sie hat verstanden, worum es geht.
Teresa sagt mir ungefähr das gleiche. W i n d und Meer treiben uns vorwärts. In
den letzten vierundzwanzig Stunden haben wir fünfzig Seemeilen zurück-
gelegt.
Seit zwei Nächten schlafe ich schlecht.
Ich habe mit Ana Wache. Plötzlich stößt sie einen Schmerzensschrei aus. Ein
fliegender Fisch ist gegen ihren Rücken geprallt. Am nächsten Morgen hebt
Komico ihn auf. «Einen habe ich, jetzt fehlen mir noch zehn, Santiago.» Kurz
darauf: «Noch neun», usw. Am Schluß hat er acht zusammen, und w i r essen
fliegende Fische. Sie haben wenig Fleisch, gehören aber zu den wohlschmek-
kendsten Fischen, die ich kenne.
Um zwei Uhr nachts weckt mich ein Kuß. Es ist Esperanza.
«Danke, so werde ich gern geweckt.»
Hoher Seegang. Böige Winde mit sieben bis acht Meter hohen Wellen. Das
Floß stampft und schlingert mächtig. Manchmal erreichen die Wellen das N i -
veau der Brücke. Man muß sich fest anbinden. Während meiner Wache mit
Ana wären w i r einmal fast weggespült worden. Die ersten Haie sind zu
sehen. Als ich mich um sechs Uhr morgens nach beendeter Wache umziehe,
kriege ich eine kalte Dusche: Ich höre in der Kajüte, daß Marcos sich nicht wohl
fühlt und sehr müde ist. Also ziehe ich mich wieder an und schiebe noch einmal
Wache. Heute bin ich müde!

95
Haie
«Da vorne, da vorne, Professor, sehen Sie doch, ein riesiger Hammerhai!»
Tatsächlich, sechzig, siebzig Meter voraus sehe ich einen dieser Haie mit den
typisch flachen Köpfen, an dessen seitlichen Enden die Augen sitzen. W i r
spießen eine ganze Goldbrasse auf den einzigen kräftigen Angelhaken, den
Antonio wohlweislich besorgt hat, und werfen sie an einer fingerdicken Leine
dem Hai zum Fräße vor. Der schießt darauf zu, und zack! - mit einem einzigen
Schnapp hat er Fisch und Haken abgebissen. Die Leine hat nicht mal gezuckt.
Es ist ein Hai von mindestens hundertfünfzig Kilo.
«Du hattest recht, Santiago. Er hat keine dreißig Sekunden gebraucht, um
die Beute zu verschlingen. Die haben uns was Schönes erzählt in Nizza», sagt
Aischa unter allgemeinem Geflachse.
«Du mit deinem Stock... hast du gesehen, wie fix das ging?!»
Sie hat begriffen, daß mit solchen «Tierchen» auf See nicht zu spaßen ist.
«Haie sind besondere Tiere. Ob sie angreifen, hängt von ihrer Laune oder
ihrem Hunger ab. Wenn sie aber angreifen, ist es aus. Sie sind die Herren der
Meere, ihre Zähne sind scharf wie eine Säge, und sie können so blitzschnell
reagieren, daß dein Schicksal im Nu besiegelt ist. Man ist völlig machtlos
gegen sie. Allein schon die Berührung ihrer rauhen Haut führt zu blutigen
Verletzungen. Natürlich liest man oft übertriebene Berichte, vor allem in bezug
auf die Größe des weißen Hais. Meist ist er nicht größer als sieben oder acht
Meter u n d . . . »
«Hör auf, Santiago!» fleht Antonio. «Ich tauche nicht einen Zeh mehr ins
Wasser!»

Sechste Betrachtung

Aggression und Sexualität einer Gruppe an Bord eines Floßes auf hoher See.
Das Umweltmilieu ist uns in den letzten Tagen nicht günstig gewesen.
Nachts denke ich daran, daß Millionen Erdbewohner unter dem Einfluß
Andreskis, Ardreys, Lorenz' oder Morris' oder unter dem älteren Einfluß
des Marquis de Sade und Freuds fast in allen Handlungen dieses auf Kul-
turlosigkeit versessenen «nackten Affen» Symbole von Territorialverhalten,
Aggressivität, Sadismus und Sexualität sehen.
Territorialverhalten. W i r sind sechs erwachsene Frauen und fünf erwachsene
Männer. Jeder verfügt in der Kajüte über einen festen Platz zum Schlafen
und zum Aufbewahren persönlicher oder für das Floß notwendiger Dinge.
Bis jetzt hat es erst eine Veränderung gegeben: Eine Luftmatratze ist zu-
sammengesackt, und einer hat seinen Platz abgetreten. Also: sein Revier.

96
Aggressivität und Sadismus. Die Morgenwache weckt die Mannschaft mit
einer kleinen Glocke; mehr oder weniger sanft. Zum Duschen spülen w i r
uns gegenseitig mit Eimern voll Wasser ab, die ebenfalls mehr oder weniger
schwungvoll ausgeschüttet werden.
Sexualität. Abends, wenn der kleine Handleuchter ausgemacht wird, fliegen
manchmal zehn bis fünfzehn Minuten lang unter Gelächter und Geschimpfe
die Kopfkissen durch die Kajüte, vergleichbar den Spielereien mit Papier-
schlangen in einer Silvesternacht. Bretter teilen unsere Schlafplätze zu w i n -
zigen Kojen ab, damit die Matratzen nicht verrutschen. Zwei haben sie ent-
fernt, weil sie störten; einer hat sie wieder angebracht. M i t jedem, der auf
der Toilette sitzt, gleich ob Mann oder Frau, kann man sich jetzt unter-
halten, ohne daß der oder die Betreffende sich geniert.
Ziel und Thema unseres Experimentes ist, ich wiederhole es, eine Verhaltens-
studie unter den schwierigen, unausweichlichen Bedingungen einer totalen
Isolation. Erst seit zwei Wochen sind wir Einflüssen entzogen, die ich als
«anomal» zu bezeichnen wage: Alkohol, Leuchtreklamen, Autos, Klingel-
zeichen, Telefon, Lautsprecher, aufpeitschende Musik, Fernsehen usw., Ein-
flüssen mithin, die auf verschiedene Weise unsere Sinne überfallen. Einige
sind nützlich, einige belanglos, viele schädlich. Ohne sie verhalten wir uns
wie neue Menschen, zwar mit all unseren Widersprüchen, aber frei von
schicksalhaftem Territorialgebaren, aggressiven oder sadistischen Regungen
usw. W i r denken mit dem Kopf und sehen nicht alles durch die Brille der
Sexualsymbolik oder gar der nackten Sexualität. Sind wir auch keine Opti-
misten - unser Experiment ist ja erst siebzehn Tage alt -, so sind wir doch
überzeugt von seiner Nützlichkeit. Nicht um diese oder jene Lösung geht
es uns, sondern darum, mehr zu wissen.
Wie in jedem normalen Haushalt hat auch das Leben an Bord seine Höhen
und Tiefen. Eine Neuigkeit in der Familie: Esperanza hat sich endlich einen
Badeanzug angezogen. Sie ist schlanker geworden und w i l l noch zwanzig
Pfund abnehmen. Trotz guten Willens bringt Antonio wegen seiner ewigen
Übelkeit nicht viel zustande. Als Weltumsegier sehe ich ihn nicht. Sein
Hausmacherbrot bleibt übrigens den Essern mit guten Zähnen vorbehalten,
aber auch die schaffen es nicht ganz. Der in letzter Minute gekaufte Grenz-
wellensender funktioniert immer noch nicht, ebensowenig die Kompaß-
beleuchtung. Gott allein weiß, ob sich überhaupt einer darum gekümmert
hat! Ich schlage Esperanza vor, die Bretter zwischen den Luftmatratzen weg-
zunehmen, und das läßt sie sich nicht zweimal sagen.
Aischa bessert sich - langsam. Als sie einmal abends um elf Antonios
Wache übernehmen soll, weckt sie uns alle mit ihrem Getue auf, damit auch
ja keinem verborgen bleibt, daß sie für einen anderen einspringt.

113
Einmal nachts hebt Ingrid im Schlaf den Kopf ein wenig hoch und ruft: «Papa,
Papa...»
Rührend. Auch Ana spricht oft im Traum; Antonio manchmal. Dafür
schnarcht er wie ein Holzfäller, denn er nimmt Schlafmittel. Esperanza und
Aischa haben sich welche von ihm geben lassen. Ich bitte alle darum, nicht
ohne Wissen Teresas Schlaftabletten zu nehmen. Wenn w i r bei Gefahr nachts
plötzlich mal raus müssen, kann die Wirkung von Barbituraten verhängnisvoll
sein. Außerdem schlage ich vor, das Wecken auf sechs Uhr morgens anzu-
setzen. Letzten Endes leben wir hier ja ohne Elektrizität, ohne Kino, ohne Fern-
sehen wie ein primitiver Volksstamm, der mit den Hühnern zu Bett geht und
aufsteht. Dadurch würde sich zugleich die Zahl der Nachtwachen verringern,
und wir könnten den Tag besser ausnutzen. Meine Anregung stößt, wie sich
am nächsten Morgen herausstellen sollte, auf ausgesprochene Feindseligkeit.

Vom Ursprung einiger Reibereien

Sechs Uhr morgens. Marcos, Emiliano, Sofia und ich stehen auf, die anderen
schlafen weiter. Später kommen sie dann einer nach dem andern an, Aischa
und Antonio als letzte: um halb zehn.
«Ich verstehe nicht, warum wir so früh aufstehen sollen», sagt Aischa, un-
terstützt von Antonio und Esperanza.
«Das habe ich euch doch erklärt: Es muß ja nicht unbedingt dabei bleiben,
aber versuchen wir's mal. Ich gestehe, daß ich auch kein Morgenmensch bin.
In Mexiko gehe ich spät ins Bett und stehe spät auf. Nur finde ich, wenn wir
auf der Acali den Rhythmus ändern und das Tageslicht voll ausnutzen, könnte
alles besser laufen.»
«Wir sind hier doch nicht beim Militär» empört Antonio sich. Diesmal
pflichtet außer Aischa und Esperanza auch Ingrid ihm bei.
«Und was ist mit den Wachen?»
Ingrid möchte zu «normalen», das heißt vierstündigen, Wachen zurück-
kehren wie am Anfang. Sie kann es nicht lassen, den Kapitän zu spielen, Be-
fehle zu erteilen wie auf einem Schiff. Kürzlich erst pflanzte sie sich auf unserer
kleinen Kommandobrücke auf und erteilte von oben Anweisungen, wie das
Deck zu scheuern sei.
«Einen Eimer voll hier, einen Eimer voll da! Nein, nicht so, halt ihn besser.
Warte, ich zeige dir, wie man es macht.»
«Das kann man wohl nur in einem mehrmonatigen Scheuerkursus lernen!»
mault Marcos.
Marcos hat mir erzählt, wenn er mit Knut und Ingrid in Las Palmas aus-

114
gegangen sei und sie irgendwelche Leute getroffen hätten, habe Knut sich als
Kapitän und Schiffsbauer, Ingrid als Kapitänin der Acali und ihn schlicht als
Herrn Medina vorgestellt. Dabei hat Marcos länger studiert als Knut und Ingrid
zusammen, ist älter als sie und Inhaber eines akademischen Titels; glücklicher-
weise macht er sich nichts aus Titeln.
Hierzu einige Anmerkungen. Zunächst einmal ist niemand damit einver-
standen, sich nach dem Tageslicht zu richten. Warum nicht? Im wesentlichen
aus Bequemlichkeit, mangelnder Bereitschaft zu Experimenten und mangeln-
dem Verständnis für die Unwägbarkeit auf See. Sodann sind Antonio, Espe-
ranza und Aischa, wenn auch in unterschiedlichen Graden, am stärksten
hierarchieabhängig und zugleich die entschiedensten Hierarchiegegner. Und
schließlich braucht Ingrid offenkundig ihren Kapitänsstatus, um sich sicher
zu fühlen.
Die Männer lassen sich nicht gern von einer Frau «herumkommandieren»,
und die weiblichen Mannschaftsmitglieder wünschen sich Ingrid bewußt oder
unbewußt als autoritäres Element auf dem Floß. Manche erleben es zum
erstenmal, daß eine Frau Befehle erteilt.
Hier handelt es sich meiner Meinung nach um mehr als um das normale
Phänomen der Geschlechtersolidarität. Ohne eine demokratische Einstellung
aller, der Gebildeten wie der weniger Gebildeten, verfallen w i r bekanntlich
leicht in Ungerechtigkeit und Herrschsucht - zwei Hauptspannungsquellen.
Andererseits ignorieren wir gerne die Tatsache, daß an Bord eines Floßes, in
einer Schule, in einem Restaurant usw. Befehlshierarchien entstehen, die sich
auf gewisse technische Qualifikationen (wie im Falle Ingrids), eine gewisse
Bildung (wie im Falle Aischas) oder eine oberflächliche Wirtschaftskenntnis
(wie im Falle Antonios) stützen. Ohne auf Wesen und Bedeutung dieser Hierar-
chie näher einzugehen, kann man sagen, daß eine solche, oft nur mit großer
Anstrengung erworbene Stellung außerhalb des ihr zugehörigen Milieus wert-
los ist. Technisches Können, Ausbildung und finanzielle Unabhängigkeit be-
rechtigen uns nicht, die eigenen Grenzen unseres Wirkungsfeldes zu miß-
achten. Schlechte Erziehung, Selbstsucht, Stolz und Eitelkeit hindern uns,
eine übergeordnete Ebene zu erreichen, sobald unserer Hierarchie das Milieu,
in dem sie funktioniert, fehlt. Resultat: Frustration, Konflikte, Reibungen.
Technische Fertigkeiten, die in einer entsprechenden Umwelt sehr wertvoll
sind, tragen unter anderen Verhältnissen nichts zu unserer Einsicht, unserer
Bescheidenheit, unserer Klugheit bei. Im Gegenteil, aus Hochmut und verletzter
Eitelkeit empören wir uns gegen Verständnislosigkeit und Untüchtigkeit. So
kommt es zu einer gespannten Konfliktsituation, die sich in unseren Plänkeleien
und Reibereien widerspiegelt.

115
Wir sind uns unserer Gefühle nicht sicher

Nach wie vor bin ich Vater, Führer. Meine Beziehungen zu Sofia haben sich
seelisch wie körperlich gefestigt. Mehr als alle anderen hat sie mir Zärtlichkeit
und Verständnis entgegengebracht, gibt sie von sich etwas her, interessiert sie
sich für das Experiment. Schon nach diesen wenigen Wochen, die uns wie zwei
Jahre vorkommen, stehen wir uns nahe. Keine Entschuldigung, keine Recht-
fertigung, keine Erklärung. So ist es, und so ist es gut.
Am nächsten Tag herrscht eine Atmosphäre wie auf einem Betriebsausflug.
Aischa, Sofia und Teresa braten ohne Büstenhalter bäuchlings in der Sonne.
Marcos stellt sich erstmals im Slip unter eine Eimerdusche. Abends nimmt
Aischa Komicos oder Antonios Hand und treibt ihren Spaß mit ihnen, die das
herrlich finden. Sehr geistvoll geht es nach dem Essen freilich nicht zu. Jeder
spricht von sich, wiederholt altbekannte Lieder. Was ist geschehen? Was ge-
schehen mußte. Mädchen sonnen sich, versuchen anzubändeln - ein normales
Verhalten -, jeder in seiner kleinen Welt gefangen. So ist das Leben, man muß
es nehmen, wie es kommt.
Ein Tag der Entspannung... Ich schlage vor, daß w i r uns zusammensetzen
und daß jeder anhand unserer Werteskala angibt, wie er die Beziehungen der
anderen untereinander einschätzt. Zum Beispiel: Jeder beurteilt die Bezie-
hung Ingrid-Marcos. Antonio gibt eine drei, Aischa eine vier, Sofia eine fünf,
ich eine vier, Teresa eine fünf usw. Zum Schluß geben Ingrid und Marcos
selber ihr Urteil ab. Einer zählt bis drei, und dann müssen sie gleichzeitig ihre
Note sagen. Allgemein läßt sich feststellen, daß die Beurteilten sich selbst immer
besser einstufen als der Rest der Gruppe. Natürlich: Jeder w i l l höflich sein.
Manchmal setzt einer aus persönlichen Gründen sein Urteil zu hoch an. So
hat zum Beispiel Sofia sehr viel für Marcos übrig; da aber Teresa gern die
Freundin von Marcos wäre, fällt sie über seine Beziehung zu Sofia ein über-
trieben günstiges Urteil und gibt ihm eine sieben, was völlig falsch ist. Inter-
essant, daß w i r in Situationen, in denen wir uns praktisch ungeschminkt se-
hen, auf solche Fragen doch so konventionell reagieren.

Funkspruch an die Kinder

«Wie wäre es, Santiago, wenn du einen Text aufsetztest, den wir über Funk
an alle Kinder der Welt richten. Wenn die Erwachsenen uns vielleicht nicht
verstehen, die Kinder verstehen uns bestimmt.»
Diesen glänzenden Vorschlag von Ana und Esperanza greife ich auf und
gebe am nächsten Tag folgendes durchs Funkgerät:

116
«Die Mannschaft der Acali, Männer und Frauen wie eure Eltern, ist schon
seit drei Wochen auf See. Seit vierzehn Tagen haben w i r kein einziges Schiff
mehr gesehen. Es gibt nur die Acali, das Meer, den Himmel und uns. Stellt
euch einen großen Kreis vor, den größten, den das Auge erfassen kann. Nichts
als das Blau des Meeres. Und mittendrin, Tag für Tag, das Floß. Etwas an-
deres sieht man nicht. Nur Delphine und Wale tummeln sich in der Nähe,
und manchmal finden w i r morgens fliegende Fische an Deck. Neulich ist
Ingrid einer mitten ins Gesicht geflogen, Ana in den Rücken und mir zwi-
schen die Füße. Auch Quallen und Schildkröten gibt es. Komico, der aus
Japan stammt, hat heute mit der Harpune eine Goldbrasse gefangen. Das ist ein
Fisch von etwa fünfzig Zentimeter Länge, der köstlich schmeckt; zwei weitere
sind uns entwischt.
Das alles ist hundertmal schöner als sämtliche Fernsehsendungen zusammen.
Es ist aufregend. Niemand wird hier umgebracht. Ich w i l l euch sagen, warum
wir diese Fahrt machen: um uns selbst zu studieren und um zu erfahren, wie
Menschen aus verschiedenen Ländern auf einem winzigen Floß miteinander
leben können, ohne sich zu schlagen, ohne aufeinander zu schießen oder sich
Angst zu machen.
Da w i r kein elektrisches Licht haben, stehen w i r um sechs mit der Sonne
auf und gehen um acht mit ihr schlafen. Langweilen tun w i r uns nie. Wenn
keine Haie zu sehen sind, baden w i r im Meer, aber zwei Mann halten ständig
Wache, und im Nu können w i r notfalls wieder an Bord klettern. M i t einer
Taucherbrille können wir sogar unter Wasser sehen. Bücher haben wir nicht,
aber wir schreiben und diskutieren viel. Ab und zu sprechen w i r über Funk
mit Las Palmas, Venezuela, London, Madrid, Hongkong und Mexiko, und wir
haben schon Freunde in der ganzen Welt.
Das Floß hat nur ein Rahsegel, zurücksegeln kann es nicht, und man muß
sehr aufpassen, daß man nicht ins Wasser fällt. Bei Sturm oder schlechtem
Wetter legen w i r Schwimmwesten an. Von Navigation versteht Ingrid am
meisten. Sie ist Schwedin; jeden Tag bestimmt sie die Position mit dem
Sextanten.
Da das Meer ziemlich dreckig ist, beobachten Sofia und Aischa den Grad
der Wasserverschmutzung. Emiliano aus Angola teilt das Trinkwasser ein;
das ist sehr wichtig, denn es hat noch nicht geregnet; später werden wir Regen-
wasser auf dem Dach einfangen. Marcos aus Uruguay ist für das Tauwerk
verantwortlich; Antonio aus Griechenland für das Funkgerät; Esperanza aus
den Vereinigten Staaten ist unser Proviantmeister, sie weiß, wo alles liegt.
Wenn einer krank w i r d oder sich nicht wohl fühlt, versorgt ihn Teresa aus
Israel. Ana, ebenfalls aus Amerika, hilft bei der Navigation und kann bei
Sturm kochen.

117
W i r schlafen gemeinsam in einer winzigen Kajüte, eng zusammengerückt,
denn es ist kaum Platz. Urplötzlich, wie gerade jetzt, kann der W i n d auf-
frischen und sieben bis acht Meter hohe Wellen auftürmen. Dann überprüfen
wir, sicher angeseilt, auf dem ganzen Floß die Takelage und setzen Positions-
lampen. Neben der Gefahr, ins Wasser zu fallen, besteht nämlich auch die
Gefahr, daß ein Schiff uns nicht sieht, weil wir sehr klein sind, und in uns
hineinfährt. Darum müssen wir nachts höllisch aufpassen. W i r halten immer
zu zweit Wache; einer steht am Ruder, der andere hält ständig Ausschau. Das
Steuerruder zu führen ist so schwer, daß zweien von uns schon die Arme
weh tun, aber Teresa hat sie gleich behandelt.
Im Dunkel der Nacht, allein auf dem Meer, lassen w i r unseren Gedanken
freien Lauf, seltsamen, tiefen Gedanken. W i r denken an Fische, an Schiffe, an
Wellen, an uns, an euch; nichts hindert uns, unseren Träumen nachzuhängen.
Es ist ein großartiges Abenteuer, seine Gedanken frei schweifen zu lassen,
ohne Furcht, ohne Zwang.
W i r grüßen euch von der Acali auf hoher See. Eben konnte man ein ge-
waltsames Blasen vernehmen: Das ist ein dicker Wal, der sich einen Spaß
daraus macht, um unser Floß zu kreisen. Sehen kann man ihn nicht, denn es
ist dunkel, aber er macht einen Krach wie fünfzig Stiere. Das ist schon der fünfte
Wal, der uns einen Besuch abstattet.»

Leben an Bord

«Gib mir mal das Tau da, Marcos . . . »


«Hol es dir doch selbst, siehst du nicht, daß ich beschäftigt bin?»
«Alter Muffel», sagt Aischa.
«Ich bin kein Muffel, ich bin ein Hurenkind, und du läßt mich jetzt in Ruhe!»
erwidert Marcos.
«Was habt ihr eigentlich, Ingrid und Aischa? Seit zwei Monaten tue ich alles,
was du willst, Ingrid, aber du machst immer ein unzufriedenes Gesicht. Und
bei dir, Aischa, hat man den Eindruck, du würdest dich am liebsten verbarri-
kadieren», sage ich.
«Ich habe nichts», erwidert Ingrid einsilbig.
«Und ich brauche ein paar Barrieren, sonst wache ich eines Morgens mit
lauter Frustrationen auf», sagt Aischa.
«Irrtum. Du bist frustriert, weil du die Gelegenheit, dich aus dem Konfor-
mismus zu lösen, nicht nutzt.»
Sie denkt nach und meint dann: «Ich werde es versuchen, Santiago, vielleicht
hast du recht.»

118
«Sicher bin ich dessen nicht, sicher erscheint mir gar nichts, aber ich glaube,
wir sind auf einem guten Weg. Kultivier deine Barrieren, deinen sogenannten
<Privatgarten>, aber versperr ihn nicht. Laß ihn und den der anderen ineinan-
der übergehen. A u f See brauchen wir keine Zäune, das Wasser umgibt uns
von allen Seiten.»
Dritte Woche: Ich gehe in die Kajüte und nehme mir Zeit zum Nachdenken:
Konformismus, Barrieren, Privatgärten, Abwehrhaltungen. Angestrengt klam-
mert man sich an Vorbehalte, um sich nicht «hingeben» zu müssen. Die Kon-
ventionen zwingen jedem «sein Eckchen für sich» auf. Schuld daran ist weniger
die Persönlichkeit oder das Temperament der Menschen, sondern ihre Erzie-
hung - eine Erziehung, die sich auf Nationalität, Sprache, Religion, Geschichte
usw. auswirkt.

Dritte Bilanz

Ingrid hat große Kommunikationsschwierigkeiten. Zwar ist sie uneinge-


schränkt nett, verzettelt sich aber in Alltäglichkeiten und ist infolgedessen
mit dem Floß und mir unzufrieden.
Aischa ist die jüngste und nach Meinung aller, besonders der Frauen, die
hübscheste. Obwohl sie nur über eine begrenzte Volksschullehrerbildung
verfügt, ist sie sehr gescheit. Wie Ingrid hat sie kein leichtes Leben gehabt.
Sie möchte sich eine schöne Rolle erobern und glaubt, es gelingt ihr, wenn
sie sich mit allen gut versteht, vergißt jedoch dabei, daß man auf einem
Floß sein muß, «was man ist»; es gibt zu viele Zeugen. Sie möchte gerne
vernünftig und ausgeglichen sein. Aber ihre Sensibilität hindert sie daran.
Daher ihre inneren Konflikte.
Der von seiner Seekrankheit genesene Emiliano beginnt, sich in ein Experi-
ment einzuleben, das wie für einen Priester geschaffen ist.
Marcos hat die Trennwand zwischen seiner und Teresas Luftmatratze wie-
der angebracht; die Nachbarin läßt ihm keine Ruhe.
Gutes Einvernehmen zwischen Komico und Ana. Doch im Gegensatz zu
Sofia und Santiago, die ihr Verhältnis offen zeigen, kommen sie einander
heimlich näher; nachts in der Kajüte. Bei etwas Mondschein kann man näm-
lich, wenn man w i l l , erkennen, ob sich etwas bewegt. Seufzer werden vom
W i n d - und Meeresrauschen - und Antonios Geschnarche - übertönt. A n -
merkung: Nicht aus Schamgefühl werden unauffällige sexuelle Beziehun-
gen vorgezogen, sondern um bei denen, die freiwillig oder unfreiwillig
noch allein sind, keine Eifersucht und keine Enttäuschung zu wecken.
Wunschobjekte für Antonio und Teresa, die noch immer unter Übelkeit
leiden, sind Aischa und Marcos; ihnen gilt all ihr Tun und Trachten.

119
W i r fangen acht Goldbrassen. Antonio erklärt uns, es komme vor allem darauf
an, die Harpune richtig zu befestigen, damit sie sich nicht löse. Und prompt ist
er der erste, der seine verliert.
Das Stimmungsbarometer steht auf Fröhlichkeit. Als erste unter den Frauen
an Bord klettert Sofia den Mast hoch; dann macht Teresa es ihr nach.
Ich trete in einen Haken, den Antonio hat herumliegen lassen. Es geht noch
einmal glimpflich ab. Komico macht immer noch einen müden Eindruck. A n -
scheinend hat er versucht, mit Esperanza etwas anzufangen, aber es hat nicht
geklappt, und nun gehen die beiden sich aus dem Wege. Vorausgegangen war
ein nächtliches Mißverständnis:
«Gefallen dir my lings?» säuselte Komico in seinem fehlerhaften Englisch.
«Ja, nur schade, daß sie nicht größer sind.»
Komico wollte sagen my things (meine Dinger), und Esperanza hatte legs
(Beine) verstanden. Er fühlte sich in seiner Männlichkeit getroffen und hat auf
der ganzen Fahrt so gut wie kein Wort mehr mit ihr geredet.
Sofia und ich verstehen uns in jeder Beziehung. Sie ist eine Freundin, die
mich liebt, mich achtet und das Experiment versteht. Ich liebe und achte sie
auch und kann mich immer auf sie verlassen. W i r verstecken uns nicht. Ich bin
nicht auf dieses Floß gekommen, um Verstecken zu spielen.
Nach einem Monat auf See hat die Angst nachgelassen. Man weiß, daß die
Sexualität durch Angst oder Erschöpfung - etwa nach einem Fußballspiel oder
einer kritischen Situation - scheinbar gesteigert, in Wirklichkeit und unbe-
wußt jedoch gehemmt wird. A u f dem Floß fangen wir an, unsere Hemmungen
einigermaßen abzulegen.
Je humaner menschliche Beziehungen werden und je weiter sie sich von
Tabus und Konformismus entfernen, desto weniger greifen sexuelle Verhält-
nisse in ihr Gefüge ein. Im Gegensatz zu Freud, und in seiner Nachfolge einem
Gutteil der modernen Psychiatrie, bedingen sexuelle Faktoren unser Verhal-
ten «ausschließlich» wegen der unseligen Heuchelei unserer Erziehung und
nicht, weil es in der «menschlichen Natur» liegt. W i r zeigen, welche zwischen-
menschlichen Beziehungen und Handlungen sich auf dem Floß manifestieren.
Da das Wesen der Sexualität noch so wenig erkannt ist (alles, was während
der Vorbereitungen zu diesem Experiment geschrieben, behauptet oder gefragt
wurde, beweist es), werden wir auch diesbezüglich aus der Situation an Bord
ein Fazit ziehen. Ich wiederhole, nicht weil wir der Sexualität eine größere
Bedeutung beimessen, als ihr zukommt, sondern gerade um zu zeigen, wie
gering ihre Bedeutung unter realen Lebensbedingungen ist, wenn äußere M o -
tivation und Konditionierung fehlen.

120
Die Sexualität nach einem Monat auf See

Teresa ist hinter Marcos her, etwas weniger hinter Santiago, und Antonio
macht sie dauernd schöne Augen.
«Ich spiele nur ein bißchen. M i t dir wäre es etwas anderes, Santiago. W i r k -
lich verliebt bin ich in Marcos. Antonio zählt eigentlich nicht. Ich würde mich
nie mit ihm einlassen, und wenn, wäre es bedeutungslos.»
Ana hat weiterhin intime und freundschaftliche Beziehungen mit Komico.
Auch Sofias und Santiagos Liebes- und Freundschaftsbeziehung hält an;
sie machen keinen Hehl daraus. Andererseits besteht eine feste Freundschaft
zwischen Sofia und Marcos, die sich sehr zueinander hingezogen fühlen.
Aischa ist Antonios ganzer Schwarm; er ist regelrecht verliebt in sie.
Natürlich setzt Ingrid, jedenfalls im Augenblick noch, ihren Platz innerhalb
der Rangordnung gegen jede Intimität, die sie - ihrer Meinung nach - vom
Sockel stoßen könnte.
Esperanza und Ana wären einer Beziehung mit Santiago nicht abgeneigt.
Esperanza hat außerdem ein unglückseliges Techtelmechtel mit Komico ge-
habt.
Komico seinerseits mag alle Frauen gern, und das beruht so ziemlich auf
Gegenseitigkeit. Es bleibt aber im allgemeinen beim Flirt. Er ist so ein bißchen
der liebe kleine Junge an Bord.
Emiliano, «organisch gut versorgt», wie Marcos einmal lachend festgestellt
hat, hält sich zurück.
Teresa, Ana und Esperanza nehmen die Pille regelmäßig. Aischa nur manch-
mal; Sofia gar nicht. Sie verläßt sich auf ihre empfängnisfreien Tage, Ingrid
nimmt sie wohl auch nicht.
Zu Beginn der Reise habe ich Teresa gebeten, die Menstruationsdaten und
gegebenenfalls durch Angst und Unsicherheit bedingte Abweichungen zu no-
tieren, auch, wer die Pille nimmt usw., kurz alles, was sich auf die weibliche
Sexualphysiologie bezieht. Diese Aufzeichnungen w i r d sie mir später zur
Verfügung stellen.
Die beobachteten Hemmungen lassen sich im wesentlichen darauf zurück-
führen, daß die meisten von uns verheiratet sind, daß zwei «Respektspersonen»
wie Emiliano und ich an Bord sind, und daß Ingrid auf Rangunterschiede hält.
Ohne diese Faktoren gäbe es meiner Meinung nach mehr sexuelle Beziehungen
und mehr tolerierte Annäherungsversuche.
Zusammenfassend kann man vorläufig sagen, daß die persönlichen Bezie-
hungen sich nicht parallel zu den sexuellen entwickeln. Personen, die einen
höheren Rang einnehmen und ein ausgeprägtes Berufsprofil aufweisen - die-
ser Schluß läßt sich aus den an Bord gemachten Erfahrungen ziehen -, neigen

121
dazu, ihre Stellung zu wahren und versagen sich intime Beziehungen. Wer da-
gegen beruflich nicht so profiliert ist und das bedauert, ist am schnellsten mit
Kritik bei der Hand.
Ich liebe Andrée, ich glaube an sie. Ich weiß, daß die drei Monate Floß -
sofern wir Cozumel erreichen - mehr sein können, als wir überhaupt ahnen,
ungeachtet aller Verleumdungen, die sicher auch künftig auf die Acali, oder
in dem Augenblick laut werden, da w i r die Ergebnisse des Experiments ver-
öffentlichen. Und ich weiß auch, daß ich durchhalten werde.
Emiliano treibt Gymnastik. Im Trainingsanzug sieht er aus wie ein ange-
hender Athlet. Ich schlage ihm einen Trab rings um die Kajüte vor, was nicht
ganz ungefährlich ist. An Steuerbord stolpern wir über Ingrid, die mit einer
Whiskyflasche in der Hand zwischen der trocknenden Wäsche steht. Offen-
sichtlich hat sie Kummer und trinkt ein bißchen. M i r war das völlig entgangen.
Emiliano und ich stellen uns dumm.
Im Laufe des Tages erfahre ich, daß Antonio sich erboten hatte, ein paar
Flaschen Whisky an Bord zu bringen. Manchmal, wenn ich abends oben sitze,
höre ich sie unten singen und reden; dann geht die Whiskyflasche herum. Man
trinkt halt einen Schluck. Ich wundere mich nur, warum Ingrid ihre Flasche
versteckt. Es ist doch ihr gutes Recht zu trinken, soviel sie w i l l .
«In der ganzen Welt sind die öffentlichen Bedürfnisanstalten mit obszönen
Zeichnungen verziert, nur bei uns nicht», stellt Antonio fest und fährt fort:
«Erst an dem Tage, an dem einer dem anderen den Hintern abwischt, erreichen
wir die höchste Kooperationsstufe», womit er nicht unrecht hat.
Heute lassen w i r den lieben Gott einen guten Mann sein. Der Vorschlag
kommt von Ana. An sich ist Dienstag, aber wir sind alle so müde, daß wir den
Tag zum Sonntag erklären. Nur das Nötigste wird gemacht, und alsbald hebt
sich die Laune. Es ist der erste Tag, an dem wir wirklich ausspannen können.
Bisher hatten wir durchweg ziemlich grobe See und ja auch alle Hände voll zu
tun, uns mit dem Floß vertraut zu machen. Der Dienstag, der zum Sonntag
wird, ist mal was anderes. W i r sind sehr zufrieden mit unserem Entschluß.

Einige stehen noch «abseits»

Kurze Besprechung auf dem Kajütdach. Teilnehmerzahl: zehn. Einer steht


am Ruder. Thema: Beurteilung unserer «persönlichen Beziehungen». Tatsäch-
lich beurteilen w i r nicht die Beziehung, wie sie ist, sondern wie wir sie uns
wünschen, und das ist falsch.
«Über Unstimmigkeiten und Häkeleien dürfen wir nicht hinwegsehen. Te-
resa, du hast zum Beispiel deinem Verhältnis zu Sofia die Note sieben gegeben.

122
Keiner von uns wäre je auf den Gedanken gekommen, daß du dich so gut mit
Sofia verstehst, nicht einmal sie selbst.»
Ich nenne noch ein paar Beispiele. Meistens ärgert sich der Angesprochene
etwas, während die anderen zustimmen. Daß man nicht sagt, was man meint,
sondern was man meinen zu sollen glaubt, ist bei Umfragen eine allgemeine
Gefahr. Jeder Psychologe kann es bestätigen. Daher die Wichtigkeit der nicht-
verbalen Kommunikation.
Vom Ruderstand schreit Aischa herüber: «Ich verstehe nichts! Was sagt
ihr?»
Niemand kann bei dem W i n d hören, was in mehr als anderthalb Meter Ent-
fernung gesprochen wird. I n Wirklichkeit will Aischa nur abgelöst werden,
aber das würde an dem Problem auch nichts ändern. So erkläre ich zum x-ten
Mal:
Wir sind nicht hier, um uns Höflichkeiten zu erweisen, sondern um dem
schlechten Verhältnis, das Aischa und ich möglicherweise haben, auf den Grund
zu gehen. Um herauszufinden, ob w i r trinken oder nicht; wer schläft und wer
nicht; in welcher sexuellen oder sonstigen Beziehung w i r zueinander stehen
usw. W i r haben alle eine Erklärung unterschrieben, in der wir zustimmen, daß
diese Aspekte analysiert und später veröffentlicht werden. Rechtfertigen müs-
sen wir uns vor niemandem, und w i r brauchen auch keine «schöne Rolle» zu
spielen. Einfach mitmachen, so gut w i r es vermögen. W i r sind völlig frei. Jeder
kann tun und lassen, was er w i l l , soweit es nicht die Arbeit und die Sicherheit
an Bord beeinträchtigt. Elf Personen haben sich zusammengetan, um ohne
Hemmungen, Vorbehalte, Mißverständnisse, Konventionen so zu sein, wie
sie sind, und zu sehen, was geschieht.
Esperanza: «Und dein Verhältnis zu Marcos?»
«Wir sind zwar beide Anthropologen, tauschen aber keine Informationen
aus. Jeder notiert seine eigenen Beobachtungen. Aus reiner Höflichkeit sprechen
wir fast nur englisch, da w i r d es wohl erlaubt sein, ab und zu in unserer M u t -
tersprache, die übrigens von Emiliano, Sofia, Ana, Ingrid und Komico ver-
standen wird, von früher zu schwärmen.»
«Santiago, heute warst du Klasse, das mag ich», lobt Teresa mich.
«Darauf kommt es nicht an. Sag mir lieber, wenn es mal nicht hinhaut.»
«Keine Sorge, das sage ich dir schon.»
Mein nächtlicher Stundenplan sieht etwa so aus: zehn Uhr abends aus-
ziehen, schlafen. Zwei Uhr nachts anziehen (denn es ist noch kühl), Wache.
Vier Uhr nachts ausziehen, schlafen. Sechs Uhr morgens wieder anziehen, Früh-
stück. Dreiviertel sieben ausziehen, Deckscheuern mit den anderen. Viertel
nach sieben wieder anziehen, weil es kalt ist. Halb acht nackt ausziehen, Bad
im Taucherkorb.

123
Mexiko gibt den Wetterbericht durch und möchte wissen, wie es bei uns
an Bord aussieht. Die Sendergruppe, die uns unterstützt, bringt wöchentlich
eine Fernsehsendung über das Experiment, und wir geben hierzu genaue Schil-
derungen, unter welchen Umweltbedingungen und in welchem menschlichen
Klima die Ozeanüberquerung verläuft. So erfahren sie beispielsweise auch,
daß wir mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 Seemeilen pro Tag
segeln, wahrscheinlich um den 14. Juli die Karibische See und um den 30. A u -
gust Mexiko erreichen. Sofern nichts dazwischenkommt; die See bleibt immer
gefährlich.

Wie Antonio darüber denkt

«Wir sind jetzt drei Wochen auf dem Floß. Man hat mich gebeten, aufzuschrei-
ben, was ich bis jetzt - in guter wie in schlechter Hinsicht - von dem Acali-
Experiment halte. Schon nach kurzer Zeit habe ich entdeckt, daß ich viel tole-
ranter bin, als ich je geglaubt hätte. Soweit ich zurückdenken kann, bin ich
immer aufsässig gewesen, habe getan, was mir gefiel, ohne Geduld zum Z u -
hören, ohne viel auf andere zu geben. Ich habe die Leute immer nach dem
ersten Eindruck beurteilt. Wer mir nicht gefiel, den habe ich fallenlassen oder,
wo ich nur konnte, verletzt. Um so erstaunter bin ich über Acali.
Es begann damit, daß ich mich in Madrid den Untersuchungen und Tests
unterziehen mußte und die übrigen Teilnehmer kennenlernte. Wie ich nun mal
bin, fand ich zwei von ihnen auf Anhieb unerträglich. Es handelte sich um eine
Frau, die ich nicht riechen konnte, und um einen Mann, der mir einfach un-
sympathisch war. Letzterer hat glücklicherweise verzichtet. Meine Hoffnung,
es möchte mit der Dame auch so gehen, erfüllte sich leider nicht. Sie blieb. Ich
habe ihr gesagt, was ich von ihr halte, und mich ihr gegenüber bewußt wider-
lich aufgeführt. Zweimal habe ich sogar daran gedacht, meinerseits zu ver-
zichten. Santiago wußte Bescheid - ein Blinder hätte es merken müssen, aber
er hat es dann so eingerichtet, daß ich in der Kajüte ausgerechnet neben Ana lag.
Ich war wütend, ich habe alle möglichen Ausflüchte gemacht, aber sie haben
nichts genützt. Santiago ist noch dickköpfiger als ich, und ich mußte mich mit
der Platzverteilung abfinden.
In den ersten beiden Wochen habe ich keine Gelegenheit ausgelassen, Ana
zu kritisieren und ihr das Leben sauer zu machen, um so mehr, als ich die
ganze Zeit seekrank war. Unmöglich, wenn ich mir das heute überlege. Am
Ende der dritten Woche beschloß ich, mit dem Ärger Schluß zu machen, und
zum erstenmal in meinem Leben habe ich versucht, jemanden zu tolerieren,
den ich nicht mochte. Zu meiner größten Überraschung stellte sich dann heraus,

124
daß Ana eine der nettesten der Gruppe war. Sich einen Irrtum einzugestehen ist
für einen Griechen schlimmer, als vom Blitz erschlagen zu werden, und so ist
das merkwürdigste an der Sache, daß es mich auch noch gefreut hat! Heute sind
wir die besten Freunde.
Durch diese Episode ist mir der Sinn des Experiments erst wirklich aufge-
gangen. Wenn man nicht bei seinen ersten Eindrücken stehenbleibt, kann man
gut miteinander auskommen.
Am Anfang fand ich es unsinnig, sich soviel Mühe zu machen, soviel Geld
auszugeben und sein Leben aufs Spiel zu setzen, nur um zu beweisen, daß
man miteinander leben kann. Jetzt weiß ich: Es ist ein schönes Projekt! Ich
bin an dieses Floß gebunden, den anderen ausgeliefert und fange an, sie zu
verstehen. Und ich bin überzeugt, daß auch sie mich verstehen. An Land wäre
ich noch am selben Tag abgesprungen, oder etwas später, nach dreiwöchiger
Übelkeit.
Von Santiagos anthropologischen Fähigkeiten habe ich immer viel gehalten.
Jetzt sehe ich ein, warum er sich soviel Mühe gemacht hat, und daß das Expe-
riment nicht umsonst gewesen ist, wenn auch nur zehn Menschen in der Welt
meinem Beispiel folgen und sich geduldig und tolerant zeigen. Alle haben w i r
begriffen, daß es viel vernünftiger ist, geduldig, tolerant und verständnisvoll
zu sein, anstatt über Leute, die kennenzulernen wir uns nicht die Zeit nehmen,
ein vorschnelles Urteil zu fällen.
Wenn die Menschen versuchten, mit ihren Nachbarn so zu leben wie wir
auf der Acali, stände es gewiß besser um die Welt.»

Sie schlafen in den Tag hinein

Am nächsten Morgen explodiere ich. Seit sechs Uhr bin ich auf - allein.
«Vom ersten Tag an bitte ich euch, mir etwas aufzuschreiben, was ihr wollt,
in eurer Muttersprache. Sehr wenige haben es gemacht. Interessiert euch das
Floß nicht mehr? Warum muß ich meine Zeit damit vergeuden, euch anzutrei-
ben?!»
Ich haue mit der Faust auf den Tisch: Es reicht mir.
«Es geht um ein Experiment, um eine Expedition, bei der w i r alle unser Le-
ben einsetzen, und die Zusammenarbeit bleibt hinter allen Erwartungen zu-
rück. Die echte Zusammenarbeit, nicht <Möchtest du eine Tasse Kaffee?> oder
<Halt dich an meiner Hand fest> oder <Schlaf gut>. Da w i r d ein Floß gebaut, ein
Experiment erdacht, monatelang Arbeit, Mühe, Geld darauf verwandt, und das
alles für ein <danke> hier und <bitte> da? W i r machen mit der Acali keine Ver-
gnügungsfahrt, aber das begreift ihr anscheinend nicht! Schön, es gibt Leute,

125
die wollen mehr über das Verhalten wissen, aber das ist auch alles. Drei von
euch liegen mir dauernd in den Ohren, wann sie mit ihren Familien sprechen
können. Ich habe mein Zuhause anderthalb Monate früher verlassen als ihr, ich
habe auch Frau und Kind und nicht ein einziges Mal versucht, mich mit ihnen in
Verbindung zu setzen. Antonio hat Kinder, er kotzt wie ein Reiher, aber w i l l
er eine Extrawurst gebraten haben? Oder Marcos? Einige von euch glauben, sie
wären in Urlaub. Es ist wohl nicht zuviel verlangt, ein bißchen früher aufzu-
stehen. Ich habe mir das Experiment nicht ausgedacht, um mir anhören zu
müssen <der oder die da spült nie Geschirr, schläft dauernd, guckt in die Luft,
statt zu arbeiten> I Wenn ich die Kraft und den Willen aufgebracht habe, das
Ganze auf die Beine zu stellen, dann kann ich auch das Geschirr allein
spülen. Warum diese Schlaffheit an Bord? Verschiedene haben drei Wochen ge-
braucht, um die ersten Fragebogen auszufüllen.»
Weiß Gott, ich bin nicht für mich und die anderen ein solches Risiko einge-
gangen, um mich mit Kindereien aufzuhalten. Ich weiß wohl, daß eben dies ein
Teil des Experiments ist: Ohne Gespür für das Abenteuer kleben die Teilneh-
mer an ihrer kleinlichen Vorstellung von der Acali, anstatt sich klarzumachen,
was das Experiment für jeden einzelnen wie für alle bedeutet.
Ich habe um Kritik gebeten, um einen persönlichen schriftlichen oder münd-
lichen Bericht; jeder sollte sagen, was ihn stört, was er am meisten entbehrt, was
man noch machen könnte. Keine Reaktion.
Esperanza und Antonio geben es zu - das Floß steht kopf: Ich habe gesagt,
was ich sagen mußte. Ich habe rot gesehen und mich unmißverständlich aus-
gedrückt . . .
Die langsame Fahrt, die w i r machen, beunruhigt mich. Ich erwäge sogar die
Möglichkeit, drei Monate auf Barbados festzumachen, um die Wirbelstürme
abzuwarten, und erst dann nach Mexiko weiterzusegeln. Wenn w i r die nöti-
gen Mittel hätten, wäre es interessant, solange da festzusitzen und zu sehen,
was sich anschließend bei der Überquerung der Karibischen See abspielen würde.
Im August müßten wir mit zwanzig-, im September mit hundertprozentiger
Sicherheit damit rechnen, in einen Wirbelsturm zu geraten. Ich schlafe deswe-
gen schon kaum noch.
W i r haben Mitte Juni. Teresa und Esperanza berufen die vierte Hauptver-
sammlung ein. 9 Uhr 10 vormittags: Jeder spricht.

Esperanza: «Wir sollten uns öfter zusammensetzen.»


Antonio: «Ich möchte gern jedem sagen können, was ich w i l l , ohne daß der
Betreffende sich gekränkt fühlt.»
Teresa: «Klappt es denn nicht?»

126
Aischa: «Ich finde, die Zusammenarbeit ist jetzt besser.» (Ich mache den
Mund nicht auf.)
Esperanza: «Bis auf Santiago sind wir also ein apathischer Haufen.»
Teresa: «Was fehlt uns denn?»
Antonio: «Mir nichts. Ich tue ungeniert, was ich will.»
Emiliano: «Anstatt andere hinter ihrem Rücken zu kritisieren, sollten wir
lieber offen sagen, was wir denken.»
Sofia: «Soweit sind wir noch nicht. Warum?»
Aischa: «Weil es Leute gibt, mit denen man praktisch nicht diskutieren kann.
Das findet Antonio auch.»
Sofia: «Ja? (Schweigen) Dieses Experiment wurde doch finanziert, um ge-
rade darüber mehr zu erfahren, nicht wahr Santiago?»
Esperanza: «Schuld daran, daß wir kneifen, ist die allgemeine Gleichgültig-
keit.»
Sofia: «Santiago gibt sich ungeheure Mühe, und wir gehen überhaupt nicht
darauf ein. Gleichgültigkeit ist etwas Negatives, ich finde aber hier nichts ne-
gativ.»
Aischa (zu allen, aber besonders zu Sofia und Emiliano): «Was vermißt ihr
auf dem Floß am meisten?» (Schweigen)
Antonio: «Ich wäre schon froh, wenn ich nicht seekrank wäre.»
(Die Stimmung lockert sich. Marcos sagt, er sei sehr glücklich, er sei zwar
nicht mit allem einverstanden, was hier gesagt werde, aber schließlich sei man
auf See und müsse eine gewisse Disziplin wahren, zu spontaner Zusammen-
arbeit bereit sein. Leben und leben lassen. Die Probleme seien lösbar, und
eine wirkliche Sprachbarriere gebe es nicht. Auch Komico behauptet, er sei zu-
frieden, und alles laufe gut.)
Esperanza: «Doch, ich habe eine Sprachbarriere, aber das ist mein Problem.
Und zu Hause gibt es auch Leute, die mich stören, genau wie bei dir, Antonio,
das ist auch mein Problem.»
Aischa: «Ich würde gern ein bißchen über die Navigation lernen.»
Ana: «Meiner Meinung nach macht Santiago seine Sache glänzend, ich bin
völlig mit ihm einverstanden.»
Marcos: «Santiago spricht Wahrheiten aus, die er durch Tatsachen belegt.
Ihr dagegen sagt ihm vorläufig gar nichts, sondern diskutiert alle hinter sei-
nem Rücken. Habt doch den M u t und sagt ihm, was ihr denkt!»
Antonio: «Genauso ist es.»
Santiago: «Ich denke mehr oder weniger wie Marcos. Ich sage euch die
Dinge, wie ich sie meine, ohne Furcht und ohne euch ärgern zu wollen, ich sage
sie einfach. Und ich glaube, im Rahmen des Möglichen arbeitet ihr auch alle
mit.»

127
Endlich eine lebendige Versammlung, ein Ansatz zur Entmassung. Eine Ver-
sammlung, die von der natürlichen Abneigung gegen den Führer ein bißchen
abgebaut hat. Die Umstände zwingen mich ja leider, dieser Führer zu sein. Alle
glauben, daß es nun besser wird. Hoffentlich.

Siebte Betrachtung

Die menschlichen Beziehungen sind sehr schwierig ! Françoise Giroud schrieb


einmal: «Nichts ist so selten wie eine geglückte menschliche Beziehung.» Na-
türlich nehmen wir aus unterschiedlichen Motivationen an dem Experiment
teil. Einigen geht es um eine Verhaltensstudie, andere haben konkretere,
persönlichere Gründe. Die vor Auswahl der Kandidaten durchgeführten
Tests, ärztlichen Untersuchungen und Befragungen geben über diesen Punkt
nicht hinreichend Auskunft. Ehrlich meinen w i r es alle, nur unsere Beweg-
gründe sind verschieden. Schon im normalen Leben verlangen gewisse Si-
tuationen eine klare Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten; auf dem
Floß ist die Notwendigkeit, sich zu entscheiden, noch ausgeprägter; w i r
stoßen uns gegenseitig vor den Kopf. Das ist gut so. Unmöglich, sich abzu-
sondern, anderswo hinzugehen, um die Batterie aufzuladen wie in der Stadt.
W i r können uns nicht trennen, wir müssen das Problem erkennen, verstehen
und lösen. Wenn jeder so handelt, begreift er allmählich die Motivationen
des anderen. Darauf kommt es an, denn im normalen Leben haben wir dazu
viel zu selten Gelegenheit. W i r denken, urteilen, bewerten usw., ohne zu er-
kennen, was uns dazu veranlaßt. Hier auf dem Floß ist eindeutig klar: Der
Beweggrund, der uns antreibt, bestimmt auch unsere Meinungen und Ur-
teile. In Verhaltens- und Kooperationszusammenhänge einzudringen ist nur
möglich, wenn man vorher die Motivationen ergründet, so schwer diese auch
zu verstehen sind. Und eben dies versuchen wir auf der Acali.

11 Uhr 30 abends. Plötzlich ruft einer in der Kajüte :


«Flying fish!» Es ist Komicos Stimme. Träumt er von Fischen? Nein, er
träumt nicht : durch das offene Fenster ist ein fliegender Fisch hereingesaust und
auf Komico gelandet. Nun hat er eine Schramme auf der Backe.
W i r teilen neue Wachen ein: Marcos mit Sofia, Komico mit Ingrid, Aischa
mit Emiliano, Ana mit Antonio und Teresa mit Santiago. Esperanza bleibt in
Reserve.
«Warum bist du Anthropologe geworden?» fragt Teresa mich.
«Nachdem ich das Medizinstudium aufgegeben hatte, habe ich mich auf die
biologische Anthropologie und die Paläanthropologie gestürzt. Tja, warum
habe ich mich mit Knochen beschäftigt, wo mich doch eigentlich der Mensch und

128
seine Beziehungen zur Gesellschaft interessierten - und noch nicht einmal mit
heutigen Knochen, sondern mit denen der prähistorischen Morphologie? Auf-
grund einer Lehrmeinung, die ich noch heute für völlig falsch halte. Unsere
Professoren erklärten uns, die Sozialanthropologie, beziehungsweise die So-
zialwissenschaften insgesamt, seien in gleicher Weise zu Diagnosen befähigt
wie Physik, Chemie, Technologie, Medizin usw. Wenn zum Beispiel eine Tal-
sperre gebaut werde und man die Talbevölkerung umsiedeln müsse, so könne
man die Lebensgewohnheiten dieser Bevölkerung, ihre ethnologische Ge-
schichte, ihre Motivationen usw. untersuchen und ihr anhand der Ergebnisse
einen Siedlungsraum zuweisen, wo sie in gleicher Weise, wenn nicht glücklicher
leben könne. Genau wie ein Arzt, der einem Patienten Sulfonamide verschreibe
- Penicillin gab es noch nicht - und dadurch heile. Mich erschreckte das Beispiel
mit der Talsperre. Menschen, Menschengruppen manipulieren, ist das Ge-
schäft von Politikern, sagt man. Ich hatte den spanischen Bürgerkrieg erlebt, in
dem dank der Politiker und Militärs zwei Millionen Menschen umkamen! Sie
wußten vielleicht warum, ich nicht.
Ich hatte Angst vor den Gewißheiten meiner Lehrmeister, soweit sie die
diagnostische Präzision der Sozialwissenschaften betrafen. Ich sah die A n -
maßung ihrer angeblichen Menschenkenntnis, Motivationskenntnis, Seelen-
kenntnis.
Ich habe an der Universität Cambridge in Paläanthropologie promoviert.
Zwanzig Jahre sind so vergangen. Heute bin ich wieder bei der Sozialanthropo-
logie gelandet, dem modernen Menschen, uns, mir.
Die Gesellschaftswissenschaften haben große Fortschritte gemacht, trotz-
dem, wenn ich noch einmal von vorne anfangen müßte, hätte ich immer noch
Angst vor der Selbstgerechtigkeit und Anmaßung, die einem Großteil der gei-
steswissenschaftlichen Erkenntnisse, Forschungen und Forscher anhaftet. W i r
sind vor allem Menschen. Das ist der Grund, weshalb ich hier auf See bin. Und
du, Teresa, warum bist du mitgekommen?»
«Ach, ich weiß nicht. Um im Meer zu schwimmen. Weil du mir davon er-
zählt hast . . . »

Sofia hat mir wiederholt gesagt, Emiliano ströme einen fast unerträglichen
Schweißgeruch aus. Ich habe nichts bemerkt, sage aber zu Emiliano, wir Männer
müßten uns öfter waschen, die Frauen hätten sich beschwert. Er begreift und
steht jeden Morgen um sieben auf, um sich von Kopf bis Fuß zu waschen. Ich
folge seinem Beispiel.
Wenn Marcos Wache hat, legt Sofia sich auf seinen Platz, um nicht neben
Emiliano zu liegen. Nicht sehr taktvoll, und das sage ich ihr. Wenn wir auch
frei und offen miteinander sind, gewisse Höflichkeiten wahrt man. Emiliano tut,

129
was er kann, und wäscht sich inzwischen schon dreimal am Tag.
Mehrere Haie streichen um unser Floß herum, aber w i r können nichts ma-
chen, weil w i r keinen Angelhaken mehr haben.

Einen Monat unterwegs

W i r haben 1430 Seemeilen zurückgelegt mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit


von 37,3 Seemeilen pro Tag; bis Barbados sind es noch 1800 Meilen und von da
bis Yukatan 1500. Seit wir die Tanks leergepumpt haben, ist die Durchschnitts-
geschwindigkeit auf 42,5 Meilen pro Tag gestiegen, das heißt, w i r brauchen
noch 43 Tage bis Barbados - wo w i r um den 22. Juli ankommen dürften - und
noch einmal 30 bis Yukatan. Ich gebe einen langen Bericht nach Mexiko durch,
in dem ich das Leben an Bord während dieses ersten Monats schildere. Es ist
mühsam, von einem Floß aus zu senden. Manchmal müssen wir bis zu fünf
Stunden an dem Funkgerät herumhantieren, um nur wenige Sätze durchzuge-
ben, und das nachts, wenn die anderen versuchen, trotz des störenden Genera-
tors so gut es geht zu schlafen. Antonio, der nicht einmal Spanisch kann, v o l l -
bringt wahre Wunder.

Traurig, müde. Brauche Gesellschaft. Meine neue Familie läßt mich manchmal
im Stich; vielleicht verlange ich zuviel; sollte ich sie in Ruhe lassen? Mein altes
Verantwortungsgefühl läßt es nicht zu. Antonio, dem endlich einmal nicht
schlecht ist, meint, ich solle mich nicht so aufregen. Sein Rat tut hin und wieder
gut. Meine Wachen mit Teresa? Sehr einfach: Sie redet, ich höre zu.
«Weißt du, daß ich mich in Las Palmas gut mit Rabbit verstanden habe? Ich
habe mit ihm geschlafen. Hier gefällt Marcos mir am besten, nicht so gut wie
Rabbit, aber immerhin . . . Du gefällst mir auch, aber nicht so wie Marcos. Die
andern, Fehlanzeige.»
Antonio kommt: «Ich habe ein Bordtagebuch angefangen. Gestern abend ist
endlich wieder mal was passiert: eine Kissenschlacht!»
«Wann denkst du dir einen Fragebogen über unsere Beziehungen aus»,
möchte Esperanza wissen.
«Sowie ich eine Minute Zeit habe. Es würde mir helfen, wenn jeder auf-
schriebe, was er denkt: Welche Aufgaben er gern oder ungern übernimmt, was
er gut oder schlecht findet, was wir anders oder zusätzlich machen könnten...
W i r könnten auch eine neue Platzverteilung in der Kajüte ins Auge fassen, so-
fern die Sicherheit nicht beeinträchtigt w i r d : Ingrid muß bei den Navigations-
instrumenten bleiben, Teresa bei den Medikamenten, ich bei meinen Unter-
lagen und in der Nähe des Eingangs und Antonio beim Funkgerät.»

130
Feiertag für Emiliano. In seiner Heimat begeht man das Fest des Heiligen
Geistes, und er gehört dem Orden dieses Namens an.
«Mein ganzes Leben lang habe ich mich bei Weißen wie bei Farbigen immer
an irgend etwas gestoßen. Hier auf dem Floß ist es zum erstenmal nicht der
Fall. Noch nie habe ich mich so wohl gefühlt. Wenn bei uns Feiertag ist, braut
jeder zu Hause eine A r t Bier, und das w i r d dann zum Zeichen der Einigkeit auf
dem Dorf platz gemeinsam getrunken.»
Irgend etwas sollten auch w i r zusammenmixen, und wenn wir Kartoffel-
schalen dazu hernehmen müssen.
«Ich bin noch nicht fertig», fährt Emiliano fort. «Neulich hat Santiago mir
gesagt, daß ich etwas streng rieche. Für mich ist das die wahre Freundschaft.
Santiago, du bist ein Bruder.»
Am späten Nachmittag baden w i r zusammen und reißen Witze über seine
kaffeebraune und meine milchweiße Haut.
Zu Ehren dieses Feiertages spüle ich Geschirr, allein. Die ganze Meute sieht
voller Freude zu, wie der Chef den Abwasch macht.
Später auf dem Kajütdach:
«Ist was nicht in Ordnung, Santiago? Du siehst bedrückt aus.»
«Ich habe Sorgen, Emiliano. W i r sind zu langsam. Und dann bin ich etwas
enttäuscht über die Zusammenarbeit, so ergiebig auch die Verhaltensstudie zu
werden verspricht.»
M i t Hilfe kleiner Holzstückchen, die ich am Bug ins Wasser werfe, berechne
ich unsere Geschwindigkeit.
«Hör mal, Ingrid, an Backbord dauert es fünfzehn Sekunden und an Steuer-
bord achtzehn!»
«Na schön, dann nehmen wir die gute Seite und vergessen die andere.»
Esperanza fängt drei Goldbrassen auf einen Schlag. Stolz zeigt sie sie vor,
ärgert sich aber, weil Komico sie nicht fotografieren w i l l .
«Reg dich nicht auf, Esperanza, jedenfalls hältst du den Frauenweltrekord im
Hochseeangeln von Flößen.»
«Und ich?» fragt Emiliano.
«Den Weltrekord für Priester.»
«Ja, aber er hat vier Stunden gebraucht, ich nur eine halbe», betont Espe-
ranza.

Achte Betrachtung

Im Bereich der menschlichen Kommunikationen und Kontakte wurden die


meisten Entdeckungen fast ausschließlich von Männern gemacht: Kolumbus,
Marco Polo, Lindbergh, Marconi, Edison. Und natürlich wurden sie über-

131
wiegend gemacht, um männliche Bedürfnisse zu befriedigen. Ohne nun gleich
ins Gegenteil zu verfallen - wie es die Frauenbewegung leider tut -, muß
man ohne jeden Zweifel feststellen, daß wir in einer Welt von Männern und
Frauen leben und daß alles, was zu einer klaren und tiefgreifenden Synthese
der Wünsche und Bedürfnisse beider Geschlechter führt, in sozialer Hinsicht
auf lange Zeit zum Scheitern verurteilt ist. Wer soziale Phänomene, vor
allem ihre ständige Veränderung, verstehen w i l l , muß den Prozeß der Be-
schleunigung fast aller menschlichen Aktivitäten beobachten. Eine Psycho-
logie, die dieser Veränderung nicht Rechnung trägt, veraltet rasch. Daher un-
ser Interesse an Persönlichkeitsveränderungen bei Menschen, die einer viel-
leicht als intensive innere Beschleunigung zu bezeichnenden Entwicklung
unterworfen sind, und zwar außerhalb der physischen Beschleunigungen un-
serer modernen Welt. Eine der auffallendsten Beschleunigungen und Verän-
derungen ist die neue Rolle der Frau, die ihr klassisches Tätigkeitsfeld im
Bereich der Familie verläßt und dadurch, ob es einem gefällt oder nicht, einen
raschen Wandel der Familie als Institution und Begriff herbeiführt. Wie
bildet sich eine Familie? Ein Paar lernt sich kennen, es kommt zu einer
freundschaftlichen Beziehung; Heirat; Kinder. Die Familie ist fertig. In
außerschulischer Erziehung bildet sie die Mütter und Väter von morgen her-
an. Oft w i r d die Erziehung sogar den Großeltern überlassen; sie hinkt also
um zwei Generationen hinterher, und das ist noch schlimmer. Soweit w i r
wissen, ist die Fähigkeit zur Erziehung und Ausbildung weder angeboren
noch universell. W i r würden keineswegs jedem erstbesten erlauben, unser
Geld zur Bank zu bringen oder uns den Magen aufzuschneiden. Aber jeder
x-beliebige darf Kinder in die Welt setzen und sie erziehen und ausbilden.
Greifen w i r einen Satz von Toffler auf: Vaterschaft ist die einzige und
hauptsächliche Tätigkeit, die dem Amateur erlaubt bleibt. Und Vaterschaft
ist die Grundlage der Familie. Wohlverstanden, es wäre töricht, gegen die
Familie zu sein. Aber ebenso töricht wäre es, zu glauben, daß die Institution
der Familie ein unveränderbares Phänomen darstelle. Es gibt bereits poli-
tisch-ökonomisch-soziale Einrichtungen, die sie allmählich ersetzen, und die
Ethnologie hat längst nachgewiesen, wie wandelbar - als Begriff wie als Rea-
lität - die Einrichtung «Familie» in Zeit und Raum ist. Die Acali ist kein Ge-
meinwesen. Sie ist das Experiment eines gemeinschaftlichen Lebens auf
kurze Zeit, aber unter Bedingungen, denen nicht ausgewichen werden kann.
So ergeben sich interessante Aspekte, die uns erlauben, die Entwicklung der
Institution Familie besser zu verstehen.

132
Onanierst du im gewöhnlichen Leben? (Fragebogen)

FRAGEBOGEN IV

1. Onanierst du im gewöhnlichen Leben?


x ja O nein

2. Wenn ja, wie oft im Monat? (1-10)


1X

3. Onanierst du auf der Acali?


x ja O nein

4. Wenn ja, wie oft im Monat? (1-10)


1X

5. Hattest du nächtliche Pollutionen auf der Acali?


x ja O nein

6. Wenn ja, wie oft im Monat? (1-10)


1X

7. Denkst du beim Onanieren an jemanden auf der Acali, an deinen Ehe-


partner, an eine befreundete Person oder an eine andere Person?
O jemanden auf der Acali
x Ehepartner, befreundete Person
O andere Person

8. Hast du bei nächtlichen Pollutionen von jemandem auf der Acali, von
deinem Ehepartner, von einer befreundeten Person oder von einer an-
deren Person geträumt?
O von jemandem auf der Acali
O Ehepartner, befreundeter Person
x anderer Person

9. Es wäre für mich


O unmöglich
O sehr schwer
O schwer
x normal
O leicht
die Fahrt ohne zu onanieren und ohne sexuelle Beziehungen zu beenden.

133
10. Es wäre für mich
O unmöglich
O sehr schwer
x schwer
O normal
O leicht
die Fahrt ohne nächtliche Pollutionen zu beenden.

11. Hast du auf der Acali sexuelle Beziehungen gehabt?


x ja O nein

12. Wenn ja, wie oft? (1-10)


3X

13. Mit derselben Person?


x ja O nein

14. Wenn es sich um verschiedene Personen handelt, wieviel waren es? (1-10)
0

Wenn du keine sexuellen Beziehungen auf der Acali hattest, gedenkst du


welche zu haben?
O ja O nein

Nachdem wir genau einen Monat unterwegs und von der Welt abgeschlossen
sind, schreibe ich: «Auf dem Floß herrscht, vor allem abends, eine Stimmung,
die an die freizügige und gesunde, aber platte Kumpanei von Ausflügen erin-
nert. Immer dieselben französischen oder mexikanischen Schlager werden ge-
trällert. Die Natur ringsum schweißt uns zusammen, ohne uns zu durchdringen.
Mein Hauptproblem dürfte die Einsamkeit sein. Ich bin gern auf meinem Dach,
aber ich fühle mich doch sehr allein dort. Niemand hört den W i n d , das Meer.»

Neunte Betrachtung

Was hat man nicht alles über das Meer gesagt! Es sei ungeheuerlich, un-
menschlich, grenzenlos, einsam, grausam . . . Wenn ich nachts allein auf dem
Dach der Acali bin, ist das Meer meine Freundin und der W i n d mein Freund.
A u f unserem schwimmenden Nichts, mit einem kleinen Segel, treiben sie uns

134
ohne weitere Anstrengung, ohne etwas zu verlangen, unermüdlich, nach
Amerika. Manchmal, wie unter Freunden, wie unter uns Acaliern auch,
Widersprüche, Höhen und Tiefen. Das Meer ärgert sich, es weiß alles über
uns, weil es uns trägt und uns seine Streiche spielt. Nur wer uns liebt oder
wen w i r lieben, kann uns verletzen.

Ich verteile den ersten an Bord entworfenen Fragebogen, den ich nach Vor-
schlägen unserer Berater, hauptsächlich der französischen und amerikanischen,
zusammengestellt habe. Hier ein ausgefülltes Exemplar:

FRAGEBOGEN V
Frauen

1. Was stört dich auf der Acali am meisten?


Das Schnarchen nachts

2. Was vermißt du auf der Acali am meisten?


Eine ruhige Ecke zum Schlafen und jemanden zum Schlafen.

3. Was schätzt du auf der Acali am meisten?


Die reine Luft, die Sterne, die menschliche Wärme.

4. Wen hättest du gern mitgenommen (nenn zwei Personen) ?


Meine Tochter und eine enge Freundin.

5. Nenn die beiden besten Beziehungen Mann—Frau:


a) Santiago—Sofia
b) Ingrid—Antonio
die beiden besten Beziehungen Mann—Mann:
a) Emiliano—Komico
b) Marcos—Santiago
die beiden besten Beziehungen Frau—Frau:
a) Ana—Esperanza
b) Ana—Ingrid

6. Möchtest du eine andere Platzverteilung in der Kajüte?


Ja
Wenn ja, neben wem möchtest du liegen? Santiago
Neben wem nicht? Antonio

135
7. Was magst du an dir und deinen Mannschaftskameraden
am liebsten? am wenigsten?
Aischa: Lebensfreude Unterbrechungen; dauern-
des Fragen
Santiago: Sensibilität, Energie, Intelligenz, Dickköpfig-
Herzlichkeit, Humor, Fleiß keit, Rechthaberei
Sofia: Intelligenz, Sinn fürs Herrschsucht
Praktische
Emiliano: Gutwilligkeit, Fröhlichkeit Distanz, Gleichgültigkeit
Ana: Fleiß, Wendigkeit Unordnung, Schüchtern-
heit
Antonio: Schwung Nervosität, Egoismus,
Taktlosigkeit
Ingrid: Sauberkeit, Humor Launenhaftigkeit,
Ungeduld
Komico: Ausgeglichenheit, Humor, Passivität, Gleichgültigkeit
kann hart arbeiten
Esperanza: Entspanntheit, Phantasie schmollt gern, ist ein
verwöhntes Kind
Marcos: Humor, Intelligenz, Selb- manchmal egoistisch,
ständigkeit kühl
Teresa: Physische Kraft, Extraver- redet zuviel
sion, Selbstlosigkeit

8. Mit wem würdest du gern schlafen, wenn es keinerlei Hemmungen gäbe


(nenn zwei Personen)?
a) Santiago
b) Komico

9. Mit wem glaubst du Freundschaft fürs Leben schließen zu können (nenn


zwei Personen)?
a) Esperanza
b) Santiago

10. Welche vier Personen würdest du bei einem ähnlichen Experiment mit-
nehmen, das nicht unbedingt von Santiago geleitet und auf See durch-
geführt werden müßte:
a) Sofia
b) Marcos
c) Komico
d) Santiago

136
Der Fragebogen belebt das Interesse und wirkt, da Bücher und Nachrichten von
draußen fehlen, als geistige Anregung. Wegen des intimen Charakters der Fra-
gen bitte ich darum, die Antworten geheimzuhalten, aber natürlich w i l l jeder
wissen, wie man ihn beurteilt, und keiner gibt Ruhe:
«Los, Santiago, die Resultate!»
«Was denkt ihr über mich?»
Elf Fragebogen auf einem Floß auszuwerten, das geht nur in der Kajüte, wo
man vor W i n d geschützt ist, aber unbequem sitzt und schlecht sieht. Viele A n t -
worten sind auf englisch abgefaßt, obwohl nur bei zwei Teilnehmern Englisch
Muttersprache ist; Marcos, Emiliano und Komico haben auf spanisch geant-
wortet; Aischa und Sofia auf französisch. Komico, Emiliano, Antonio, Sofia
und Ingrid haben die Fragen nicht immer verstanden; Teresa auch nicht. Diese
Antworten werden gestrichen.
Ich betone nochmals, daß ich das Material nur wissenschaftlich oder für die
Situation an Bord auswerte und keinen persönlichen Gebrauch davon machen
werde. «Vergeßt, daß ich eure Antworten lese, und zwar ganz rasch. Ihr müßt
auch künftig offen und ehrlich eure Meinung hinschreiben, als wenn ein U n -
bekannter und Unbeteiligter sie auswerten würde.»
«Gut. Du bist zwar manchmal ziemlich intolerant, aber wir haben Vertrauen
zu dir», erklärt überraschenderweise Aischa.
«Was ich geschrieben habe, kannst du ruhig laut vorlesen», sagt Antonio.
«Und ich bin hier, um zu sagen, was ich denke», bekräftigt Teresa voller Be-
geisterung.
Der Fragebogen hat die Teilnehmer in Bewegung gesetzt, die Zeichen stehen
auf Kooperation. Bis auf Emiliano, der Ruderwache hat, sind w i r alle in der
Kajüte versammelt.
«Schön, fangen w i r an. Am meisten stören an Bord der fehlende Kontakt
untereinander und die Strapazen. Am meisten vermißt man: die Familie, einen
ruhigen Schlafplatz, jemanden zum Schlafen. Am meisten liebt man: die Na-
tur, die freundschaftliche Atmosphäre, das Erlebnis als solches. Einige hätten
gern Ehemann, Ehefrau oder Freunde mitgenommen. Die besten Beziehungen
an Bord:

Mann - Frau Mann - Mann Frau - Frau


Komico - Ana Marcos - Santiago Esperanza - Ana
Santiago - Sofía Antonio - Komico Aischa - Sofía
Komico - Esperanza Komico - Marcos Ana - Ingrid
Marcos - Sofía Emiliano - Santiago
Antonio-Ana

137
Hinsichtlich einer neuen Platzverteilung und der beliebtesten, beziehungs-
weise unbeliebtesten Plätze gehen die Meinungen auseinander. Auch die Cha-
rakterbeurteilungen sind unterschiedlich. Einige Beispiele:

Positiv Negativ
Aischa Sauberkeit die «Helft-mir»-Haltung
Sopa Charakterstärke und Fleiß eine gewisse Intoleranz
Emiliano Ruhe Ruhe
Ana Humor, liebes Wesen Unordnung
Antonio Fröhliches Wesen Mangel an Natürlichkeit
Ingrid Humor Autoritätsbewußtsein und
Kontaktmangel
Komico Hilfsbereitschaft «Machismo»
Esperanza Natürliche Intelligenz Mangel an Energie
Marcos Humor und handwerkliches hält sich für schön
Geschick
Teresa Physische Kraft und Fleiß redet viel und mischt sich
in alles ein
Santiago Charakterstärke und Ausdauer hat fast immer recht.»

«Was da über mich steht, stimmt nicht», sagt Teresa. «Antonio redet viel mehr
als ich.»
«Du sprichst den ganzen Tag nur einmal, und das ist immer!» Gelächter. Im
großen und ganzen finden wir die Angaben zutreffend.

Erste Platzwechsel in der Kajüte

«Was ist nun, wechseln wir?» fragt Ana.


«Wenn wir eine neue Platz Verteilung machen, muß sie widerspruchslos h i n -
genommen werden, sind wir uns da alle einig?»
Einer nach dem andern erklärt sich einverstanden. Leicht ist es nicht, jede
Veränderung kommt einem Umzug gleich. Erstens haben w i r uns an unsere
1,3 Quadratmeter gewöhnt, und zweitens zieht ein erwünschter Platzwechsel
womöglich einen unerwünschten nach sich. Ich habe mich in der Nähe des Ein-
gangs sehr wohl gefühlt, aber ich mache mit.
Am andern Morgen ist die gute Laune vom Abend zuvor verflogen. Ver-
spätetes Aufstehen. Ich weise darauf hin, aber ohne besonderen Nachdruck.
Teresa: «Ist mir doch egal.»
Aischa: «Mir schon lange.»

138
Man denkt noch «mein Floß» und nicht «unser Floß».
Komico hat sich an einem Tau die Hände wundgescheuert und kann kaum
etwas anfassen. Ingrid und ich übernehmen seine Wache, obwohl auch andere,
in erster Linie Sofia und Marcos, sich erboten haben, für ihn einzuspringen.
Nur wenn Not am Mann ist, stehen w i r wirklich füreinander ein. Hat zum
Beispiel Teresa ihre Tage, so ist dies auch mein Problem, da w i r ja zusammen
Wache gehen, und ist Komico verletzt, so betrifft es Ingrid genauso.
Doch zurück zur Kajüte. An der Backbordseite sind immer zwei Luken ge-
öffnet. Sechs Mann schlafen mit dem Kopf zum Heck, fünf mit dem Kopf zum
Bug. Vorn am Eingang, neben Ingrid, ist ein freier Platz für die Navigations-
instrumente und den aufklappbaren Navigationstisch. Schräg gegenüber an
der Steuerbordseite das Funkgerät und ringsherum an den Wänden kleine
Schubfächer und Regale für unsere Siebensachen.
Drei Luftmatratzen sind schon geplatzt, und da w i r sie nicht ausbessern
können, haben wir sie über die in den Boden eingelassenen Kästen mit Not-
proviant gebreitet. Sechs von ihnen bilden zugleich den Einstieg in den unteren
Laderaum für Lebensmittel und Frischwasser. Wenn man an diese Vorräte
heran w i l l , muß man: Luftmatratze, Decken und persönliche Sachen hochneh-
men, den Kasten aufmachen, leer räumen, eine Metalluke öffnen und hinab-
steigen. Dann gibt es noch zwei Notausstiege, durch die w i r im Falle eines
Kenterns zwischen zwei von drei Kielen ins Freie gelangen können.
Jedes Mannschaftsmitglied hat sein Territorium total in Besitz genommen.
Die kleinste Veränderung kommt einem Wohnungswechsel gleich, ist wie der
Aufbruch zu einer mehrmonatigen Reise. Ich schlage folgende neue Platz-
verteilung vor:

Teresa Antonio

Santiago Esperanza

Ana Komico

Emiliano Sofia

Ingrid Marcos

Navigationstisch Aischa

139
Nachdem die geänderte Schlafordnung verkündet ist, macht sich Fröhlichkeit
und freudige Erwartung breit. «Mal sehen, was nun so passiert.» Alle scheinen
halbwegs zufrieden zu sein, und mancher sieht den nächsten Wochen erwar-
tungsfroher entgegen, weil er endlich näher bei (beziehungsweise ferner von)
diesem oder jener liegt. Solche Nachbarschaftsprobleme sind gar nicht so
töricht, wie man meint. Außerhalb der Kajüte kann jeder Zusammensein mit
wem er w i l l , wo er w i l l und solange er Lust hat. Aber draußen ist man auch
ständig jeglichem Wetter ausgesetzt. Der einzige Ort, der einigermaßen Schutz
bietet, ist die Kajüte, und es ist verständlich, daß man sich viel dort aufhält,
liest, diskutiert, schläft oder faulenzt. Daher die Wichtigkeit der Platzvertei-
lung.
Ich mache mir immer noch Sorgen wegen unserer langsamen Fahrt. Über
Funk rät Mandri mir aus Mexiko, die Bugräume zu leichtern, um so den Bug
etwas mehr aus dem Wasser zu heben. Und so machen wir's. 45 Kanister (das
sind eine Tonne Wasser und eine halbe Tonne anderes Material) wandern in
die Achterluke. Eine ganze Hauseinrichtung umzuräumen, kann nicht müh-
seliger sein, weil ja auf der Acali jedes Ding seinen angestammten Platz hat.
Immerhin können wir dadurch vier bis fünf Seemeilen täglich zulegen und
Barbados eine Woche früher erreichen.
Sofia kommt zu mir aufs Dach. Eine mondlose und zum erstenmal von völ-
liger Stille erfüllte Nacht. M i t ihrer Taschenlampe zeichnet Sofia einen kleinen
Lichtkreis auf das Segel. Da knipst unten an Deck noch jemand seine Lampe
an, und plötzlich, einen freundschaftlichen, schönen, sinnlichen Augenblick
lang, ist da etwas Besonderes. Die beiden Lichtflecken verfolgen einander auf
dem Segel, umtanzen sich, treffen sich, weichen sich aus; sie steigen am Mast
hoch, gleiten ihn hinab und vereinigen sich. Der eine ist gleichmäßig hell, der
andere wirft einen hellen Ring um einen dunkleren Kern. Die Geschlechter-
symbolik ist unverkennbar. Sofia und ich wissen nicht, wer unten steht, und
die Frau oder der Mann an Deck weiß nicht, wer wir sind. Geheimnisvoller, an-
onymer Gleichklang.

Vierte Bilanz

Deutlicher als die menschlichen Beziehungen zeichnen sich die sexuellen Be-
ziehungen ab. Sofia fühlt sich zu Santiago hingezogen, der ihre Gefühle
erwidert; sie ist sein Rückhalt. Auch Ana findet Gefallen an Santiago, hat
aber zu ihm nur ein freundschaftliches Verhältnis; liiert ist sie mit Komico.
Aischa ist ein bißchen in den an ihr uninteressierten Marcos verliebt, der
seinerseits eine Schwäche für Sofia hat. Zwischen diesen beiden könnte eine
intime Beziehung entstehen, wenn sich Gelegenheit dazu bietet und der

140
Respekt des ehemaligen Studenten vor seinem Professor dem nicht im Weg
steht. Komico liebt alle Frauen, im Augenblick besonders Ingrid. Geschehen
w i r d sicher nichts, dafür hält die Schwedin zu sehr auf Abstand. Und noch
immer schwärmt Teresa für Marcos, ohne je von ihm ermutigt zu werden.
Auch Santiago gefällt ihr, der zum Scherz darauf eingeht, aber nicht mehr.

Ein Ruder bricht

Die Acali hat drei metallene Ruderblätter, von denen jedes 150 Kilo wiegt.
«Santiago, ein Ruder ist gebrochen!» schreit Antonio am Freitag, den
13. Juni, um 13.45 Uhr. Entsetzt stürze ich aus der Kajüte. Ist das das Ende
unserer Reise? W i r haben zwar ein Reserveruder, aber wie sollen w i r bei dem
starken Seegang ein kaputtes Ruder an Bord hieven und durch ein anderes
ersetzen?
«Wir müßten es von der Pinne abbrechen», schlägt Marcos vor, «und sehen,
ob w i r dann klarkommen.»
Glänzende Idee. Marcos hat meistens gute Einfälle. Doch auf meinen beiden
früheren Expeditionen habe ich mir zur Regel gemacht, nichts wegzuwerfen,
sondern bis zuletzt darum zu kämpfen.
«Ich muß mir das erst mal ansehen.»
«Geht nicht, Professor, hier wimmelt es von Haien!»
Trotz bewegter See und der Haie tauche ich unter das Heck. Eins der Ruder
ist tatsächlich gebrochen. Da die Ruderblätter im unteren Teil ein Loch von
etwa zehn Zentimeter Durchmesser haben, das je nach Wellengang bis zu einem
Meter gehoben wird, können w i r versuchen, ein Tauende durch dieses Loch
zu ziehen und das Ruder so an Bord zu hieven. Das Blatt ist völlig mit Muscheln
überkrustet und schlägt gefährlich gegen den Floßrumpf.
Höchste Zeit also! Ich bin zwar kein Superschwimmer, habe aber Kraft in
den Armen und kann ziemlich lange die Luft anhalten. Die ganze Mannschaft
versammelt sich am Heck. Ana springt mit Tauchermaske zu mir ins Wasser,
um mich notfalls vor Haien zu warnen. Im vierten Anlauf gelingt es mir, die
Leine durchs das Loch zu ziehen. Als ich aus dem Wasser komme, bin ich
übersät mit Kratzern von den Muschelschalen. Es brennt ein bißchen, ist aber
weiter nicht schlimm.
«Wir haben nichts zum Reparieren, Professor.»
«Marcos, an dir ist ein Ingenieur verlorengegangen. Wenn w i r uns anstren-
gen, schaffen wir's.»
«Das beste w i r d sein, morgen in aller Frühe aufzustehen und das Reserve-
ruder zu montieren.»

141
Nervös trifft Ingrid zum Teil überflüssige und widersprüchliche Anordnun-
gen. Das Segel schlägt im W i n d hin und her, die sich selbst überlassene Acali
stampft und rollt wie noch nie.
Ich tue die ganze Nacht kein Auge zu. Komico auch nicht. Gut schläft nie-
mand.
Am nächsten Morgen ist die See nicht eben glatt. Komico und Ana machen
den Außenbordmotor des Dingis klar, falls jemand aus dem Wasser gefischt
werden muß. Alle helfen mit. Müssen erst lebensgefährliche Situationen ent-
stehen, damit eine Mannschaft wirklich zusammenhält? Nun weiß plötzlich
jeder, was er zu tun hat. Aischa macht stillschweigend etwas zu essen; Emi-
liano bringt Wasser und Kaffee; keiner drückt sich; Marcos gibt die Komman-
dos; ich zurre ein Ende fest, Ingrid zieht von der anderen Seite - kurzum, w i r
sind eine verschworene Gemeinschaft. Jeder weiß, wenn es uns nicht gelingt,
das Ruder klarzumachen, müssen w i r um Hilfe bitten und erreichen Barbados
nie.
Nach sechs Stunden ist es geschafft - sechs Stunden gefahrvoller Arbeit bei
schwerer See. Aber bis auf ein paar blaue Flecke ist alles glimpflich abgelaufen.
Die Acali segelt weiter gen Amerika.
Der venezolanische Amateurfunker, der unseren Weg getreulich verfolgt,
meldet, wir seien zu weit südlich. Ich spreche mit Ingrid darüber. Am nächsten
Tag ordnet sie einen viel zu nördlichen Kurs an. Merkwürdig, daß sie sich auf
das Urteil eines Amateurfunkers verläßt.
Zwei Wale schwimmen nah an uns vorbei. Ich liebe diese Tiere, die in der
freien Natur so eindrucksvoll sind - Inbegriff animalischen Lebens.

Gedanken, die zu denken geben

Man sollte meinen, daß auf einem so kleinen Floß, auf dem es so ungezwungen
zugeht und auf dem man nahezu alles hört und sieht, die Frage der Platzver-
teilung in der Kajüte - von persönlichen Beziehungen einmal abgesehen - be-
deutungslos ist. Weit gefehlt. Die Wichtigkeit der Platzfrage ergibt sich nicht
aus freundschaftlichen, sexuellen oder arbeitsmäßigen Beziehungen, sondern
vor allem aus dem Bedürfnis nach Nähe zur Informationsquelle und kleinen
Vorteilen. Zwar behaupten wir, wir hätten uns an die Unbequemlichkeiten des
Floßes gewöhnt und uns mit ihnen abgefunden (was im übrigen ganz natürlich
wäre; zahlreiche Untersuchungen, unter anderem in Gefängnissen oder beim
Militär, haben ergeben, daß der Mensch in hohem Grade anpassungsfähig ist,
wenn die Umstände ihn dazu zwingen). Doch genau wie in der Zelle oder im
Schützengraben gibt es auch auf der Acali Plätze, die eine kleine zusätzliche

142
Bequemlichkeit bieten: mehr Luft, mehr Licht, eine Wand im Rücken - w i n -
zige, aber sehr begehrte Vorteile.
«Santiago, für mich ist dies eines der schönsten Erlebnisse», sagt Teresa.
Solche und ähnliche Bemerkungen machen ausnahmslos alle. Jeder erklärt im
Rahmen der experimentellen Befragungen an Bord, die Acali sei das Erlebnis
seines Lebens. Und dennoch: Selbst in einer so begeisternden Ausnahmesitua-
tion sind wir uns minimaler Vergünstigungen bewußt. Wenn wir auch nicht
gerade Todeskandidaten sind, so müssen wir doch mit der Möglichkeit rechnen,
unser Leben zu verlieren. Aber hindert uns das, uns an belanglose Kleinig-
keiten zu klammern? Diese Winzigkeiten geben ebensoviel, wenn nicht mehr,
Anlaß zu Reibereien, wie es Meinungsverschiedenheiten in menschlicher, wis-
senschaftlicher oder praktischer Hinsicht tun, die das Unternehmen als solches
betreffen.
Jeder fährt fort, seine Teilnahme an dem Experiment als eine Funktion seiner
Ausgangsmotivation zu sehen, anstatt zu versuchen, seine ursprünglichen Be-
weggründe der für alle völlig neuen Realität anzupassen; dies geschieht, von
seltenen Ausnahmen abgesehen, nur in außergewöhnlichen Situationen. Sol-
cher Starrsinn, solche mangelnde innere Anpassung an die gegebene Situation
- noch dazu in einer fremden Umwelt und in einem fremden Gefühlsklima -
bilden die Hauptreibungsquelle. Wer hätte gedacht, daß das typische Alltags-
verhalten sich auf dem Floß fortsetzen würde? Vor der harten Realität der Acali,
so glaubten wir, würden die Ausgangsmotivationen hinfällig, sich verlieren.
Falsch. Wenn auch die meisten anderen Schranken gefallen sind, diese nicht.
Und da dies selbst in dieser Situation so ist, kann man daraus mit vollem Recht
schließen, daß sie an Land unüberwindlich sind. Täuschen w i r uns nicht: W i r
geben zwar vor, unsere Privatsorgen abzuschütteln, aber wir tun es nicht. W i r
leben mit ihnen, in ihnen.
Zur Zeit lassen sich hauptsächlich folgende Motivationen feststellen:
1. «Einen guten Eindruck machen» durch ein Verhalten, das nicht unbedingt
zweckdienlich sein muß.
2. «Möglichst viel fotografiert und gefilmt werden», als Beweis, daß man an
der Expedition teilgenommen hat. (Wie beim Touristen: nicht Paris oder
Mexiko zu sehen und zu verstehen ist wichtig, sondern durch Fotos zu be-
weisen, daß man dort gewesen ist.)
3. Wenn schon nicht wirklich, so doch scheinbar «zusammenarbeiten», denn
immerhin handelt es sich um die experimentelle Erforschung gemeinschaft-
lichen Lebens.
Eine gewisse Rolle spielen Sprachen und Nationalitäten. Ana und Espe-
ranza würden sich nur halb so gut verstehen, wenn sie nicht dieselbe Sprache
sprächen, und Sofia und Aischa überhaupt nicht. A u f der Acali sind sie enge

143
Freundinnen. Aus gemeinsamer Arbeit entstehen oberflächliche, selten tiefere
Beziehungen. Beispiel: Ingrid und Ana. Andere, in den Augen der Gruppe
wesentliche Bindungen, wie die zwischen Marcos und Santiago, sind in Wahr-
heit nur Ausdruck gemeinsamer Interessen oder gemeinsamer Bildung. Auch
die Aktiven, die viel reden und schuften, wie Teresa und Antonio, finden
oberflächlich zusammen, während wirklich tiefere Beziehungen, etwa zwischen
Emiliano und Santiago, Aischa und Ana oder Komico und Emiliano unbe-
merkt bleiben.
Es ist Abend. Ich bin mit Ana, Esperanza und Teresa in der Kajüte.
«Wir müßten uns mal irgendwas ausdenken», schlägt Ana vor. «Sollen
wir vier uns einschließen und niemanden hereinlassen?»
«Nein, dann laßt uns lieber ein paar Eimer Wasser nehmen und den anderen
eine Dusche verpassen, wenn sie beim Essen sind», meint Teresa.
Zum Schluß einigen wir uns darauf, die Speisen auf unserem Teller über
Bord zu werfen und zu behaupten, sie schmeckten abscheulich.
W i r setzen uns also an den Tisch, und wie verabredet, werfe ich mit ange-
widerter Miene mein Essen über Bord. Erst ärgern Sofia und Aischa sich, aber
dann merken sie, daß es nur ein Scherz war - der mich übrigens um das beste
Essen an Bord der Acali gebracht haben dürfte. Etwas später entschuldige ich
mich für diesen plumpen Streich, und am nächsten Tag nochmals. Die Geste
ist meinem Ansehen keineswegs abträglich, im Gegenteil, es ist ganz gut, wenn
der Leiter von Zeit zu Zeit zerknirscht um Verzeihung bittet. Ich vermensch-
liche mich; und das war notwendig ...
W i r feiern Emilianos dreißigsten Geburtstag. Teresa steht den halben Tag
in der Küche und backt einen köstlichen Schokoladenkuchen, über den w i r wie
die Wölfe herfallen - ausgelassen auch deshalb, weil w i r an diesem Tage
sämtliche Geschwindigkeitsrekorde gebrochen haben. Die Strömung scheint
stärker zu werden, wir kommen besser mit dem Segel zurecht, das Floß läuft
vor dem W i n d : 58 Seemeilen haben w i r geschafft.

Was ist los auf der Acali?

«Hier Mexiko, hier Mexiko. Hören Sie mich, Acali? Señor Gálvez vom Kanal
dreizehn möchte Ihnen ein paar Fragen stellen», meldet Funkamateur Gon-
zález Najera.
Gálvez hat sich anfangs rückhaltlos für das Projekt begeistert, es dann aber
heftig kritisiert. «Professor, wir wüßten gern, was auf der Acali los ist.»
Ich habe bereits mehrere Statements durchgegeben, sowohl zum Stand der
Überfahrt als auch zu Verhaltensfragen. Hat man sie nicht gehört? Was soll

144
diese Bitte? Meine Hauptsorge sei, heil durch die Karibische See zu kommen,
erkläre ich, weil es da gefährlich werde.
«Mit der Karibik beschäftigen wir uns ein andermal. Heute wollen wir wis-
sen, was auf der Acali los ist.»
Und so steige ich in der Nacht der Sonnenwende auf mein Dach, um einen
neuen Bericht abzufassen . . .
«Teresa, Esperanza . . . Besprechung!»
Alles erscheint. «Könnt ihr auf mich verzichten? Ich bleibe hier und schreibe.
Wenn ihr mich braucht, ruft mich. Hinterher sagt ihr mir, was ihr beschlossen
habt. Einverstanden?»
Teresa und Esperanza sind etwas verwirrt.
Die Besprechung dauert ungefähr anderthalb Stunden. Einige finden sie
uninteressant. Wie gewöhnlich bekomme ich das Tonband, auf dem Ingrid
sich wie folgt vernehmen läßt: «Santiago hat keine Ahnung von Seefahrt. Ich
bin Kapitän, ich verstehe etwas davon.»
Ich habe Ingrid immer ihren Teil Autorität gelassen und ihre unbestreitbaren
seemännischen Kenntnisse vor den anderen stets hervorgehoben. An sich ver-
stehe ich mich gut mir ihr, darum mag ich nicht, daß sie in meiner Abwesenheit
so spricht. Nachmittags während meiner Ruderwache unterhalte ich mich eine
Weile mit Esperanza.
«Wir haben über eure Dreierbeziehung gesprochen. Zwischen Marcos, Sofia
und dir. Einigen paßt das nicht, sie trauen sich nur nicht, etwas zu sagen.»
«Das ist mir egal. Die Beziehungen sind nun mal so, wie sie sich ergeben.
Jeder kann die Freundschaften schließen oder die Liebesverhältnisse eingehen,
die er w i l l . W i r sind ein freies Floß.»
«Gut. Komico ist meistens mit Ana zusammen, doch auch ich bin ihm immer
noch nicht gleichgültig. Im Augenblick allerdings scheint er nur Augen für
Ingrid zu haben. Wie weit sie gegangen sind, weiß ich nicht, irgend etwas ist
zwischen ihnen. Im Gegensatz zu den übrigen. Wenn du nichts unternimmst,
Santiago, spielt sich da, glaube ich, nie etwas ab. Den anderen fehlt der Unter-
nehmungsgeist. Laß dir doch irgend etwas einfallen, nur um zu sehen, was
daraus wird.»
«Das muß sich ergeben, vorläufig habe ich keine Lust dazu. Mein Verhältnis
zu Sofia ist ausgezeichnet.»
«Überlassen wir's der Zeit», lautet Esperanzas weise Schlußfolgerung.
«Ich habe keinerlei sexuelle Bedürfnisse», erklärt Marcos mir zum zweiten-
mal. Ana, Esperanza und Teresa hingegen fangen an herumzuspielen, sich
Rippenstöße zu geben, mit dem sturen Komico zu flirten. Man hat den Ein-
druck, die Männer brauchten sich nur einen kleinen Ruck zu geben, und es
käme sofort zu intimen Beziehungen.

145
Zehnte Betrachtung

Es nützt nichts, mir etwas vorzumachen. Ich komme mir so allein vor wie der
Pilger in der Wüste, und über unsere künftigen Beziehungen läßt sich kaum
etwas voraussagen.
W i r werden drei «alte Mädchen» haben: Ingrid, Esperanza und Ana; Teresa
und Antonio werden versuchen, sich gegenseitig zu helfen; Komico dürfte
sich für alle Frauen interessieren; Aischa und Marcos für niemanden usw.
Wenn ich mich da heraushalten kann, verdanke ich es der mich umgebenden
Natur, dem Meer, dem W i n d und meiner Einsamkeit. M i r bleibt nur mein
Humor. Den darf ich nicht verlieren.
Meinem Ratschlag folgend, hat Antonio sich daran gemacht, das Ruderblatt
zu reparieren. Aber bei allem guten Willen geht ihm anscheinend jede Vor-
stellung von der Gewalt des Meeres ab. Er hat sich ein Stück Relingstange
genommen und glaubt, damit die beiden zerbrochenen Teile verbinden zu
können. Nicht sehr «profihaft», wie wir an Bord zu sagen pflegen. Diese
Klammer hält nicht einer einzigen Welle stand. Jeder ist sich darüber im
klaren, aber da Antonio sich nützlich machen und etwas zu tun haben muß,
lassen wir ihn drei Tage lang bohren, sägen und messen. Das Dumme ist
nur, daß er in seinem Feuereifer sämtliche Bohrer abgebrochen hat. Abends
neue Einteilung der Wachmannschaften: Emiliano mit Esperanza, Sofia mit
Santiago, Komico mit Ana, Marcos mit Teresa, Aischa mit Antonio. Ingrid
bleibt übrig und löst jeden Tag einen anderen ab. M i t viel Humor und Ein-
sicht hat Ana die richtigen Pärchen ausgewählt.

«Sexfloß! Könntest du nicht endlich mal was unternehmen, damit das Volk
aus seiner Keuschheit erwacht?!»
«Ich bin kein Zuhälter, Esperanza, das ist nicht meine Rolle.»
«Du hast dich von Sofia etwas zurückgezogen, stimmt's?»
«Ja, um ihr gutes Verhältnis zu Marcos nicht zu trüben. W i r sind auch wei-
terhin gute Freunde, aber weniger i n t i m als vorher.»
«Wir haben euch die ganze Zeit beobachtet, weil w i r etwas eifersüchtig
waren. Ihr seid auf der Acali die einzigen, die sich so gut verstehen.»
Ich gehe Fragebogen VI auswerten.

Fünfte Bilanz

Für die Mehrzahl der Teilnehmer hat die neue Platzverteilung eine wichtige
Rolle gespielt. Die Männer finden zwar die Frauen nicht sehr verführerisch,
nehmen aber Aischa und Sofia immerhin aus. Einige Frauen finden mich

146
sexy; an nächster Stelle folgen Antonio und Komico. 90 Prozent sind der
Meinung, ich sollte meine Führerrolle beibehalten. Geeignetster Ersatzmann
sei Marcos, dann Ingrid, dann Sofia. Am meisten w i r d Aischa um ihre Po-
sition beneidet. Begehrtester Nebenmann in der Kajüte ist Santiago, ge-
folgt von Teresa, Marcos, Sofia und Esperanza. Jeder möchte gern mit Mar-
cos, Sofia oder Santiago Wache gehen, und alle wissen um engere Beziehun-
gen zwischen mehr als zwei Personen. Am häufigsten w i r d die Gruppe
Marcos-Sofia-Santiago genannt. Etwas weniger ausgeprägt erscheint die
Freundschaft zwischen Komico-Antonio-Marcos und Antonio-Aischa-Ko-
mico.
Zwei Teilnehmer glauben, daß in diesen Dreierbeziehungen eine «Pan-
sexualität» herrsche, alle anderen nehmen einfache heterosexuelle Bezie-
hungen an. Größte Enttäuschung auf der Acali: Einsamkeit, die Leute all-
gemein und die mangelnde Kommunikation. Die größte Freude: etwas ge-
meinsam machen, manchmal allein sein können, das Erlebnis als solches, die
Zusammenarbeit.
Ich stelle eine Liste von achtundvierzig Fotos vom Leben an Bord zusam-
men, die w i r noch machen wollen, und spreche sie mit Komico und Marcos
durch; sie sind einverstanden. Seit drei Tagen geben Komico und Sofia
sich gegenseitig Spanisch- bzw. Japanischunterricht. Eine Französin unter-
richtet einen Japaner auf einem mexikanischen Floß in Spanisch . . .

Die «Portugiesische Galeere»

Ich sitze friedlich an meinen Schreibarbeiten, als ich plötzlich in der Nähe des
Badekorbes Unruhe bemerke.
«Sofia ist von einer <Portugiesischen Galeere> gestochen worden», sagt
Teresa mir, «ich mache einen Ammoniakumschlag.»
Die Ärztin hat rasch und geistesgegenwärtig gehandelt. Sofia, sehr tapfer
und halb ohnmächtig, leidet offenbar sehr. W i r bringen sie in die Kajüte,
Teresa gibt ihr zwei Beruhigungsspritzen. Schon w i r d der Puls ruhiger. Das
Quallengift kann tödlich wirken. Erneut drohen Sofia die Sinne zu schwinden.
Heftige Magenkrämpfe und Schmerzen in der Leistengegend stellen sich ein.
Doch dann erholt sie sich wieder. Von dem Stich bleibt später eine Narbe.
Nachts flüstert sie mir zu: «Unsere Freundschaft kann dich vor Probleme
stellen. Sieh dich vor.»
«Sofia, ich verhalte mich so einfach und natürlich wie möglich und ver-
suche, mich weder vom Leben noch von der Wirklichkeit zu entfernen. Die
Wirklichkeit ist das Floß.»

147
Zum erstenmal erzählt sie mir, daß sie vor ein paar Jahren Europameisterin
im Wasserballett gewesen sei, und zwar in der Einzel- wie in der Gruppen-
wertung. Niemand an Bord weiß das. Welch schöne Bescheidenheit!
«Hier Teneriffa. Acali, bitte kommen.»
«Hier Acali, hier Acali. Ich höre Sie.»
«Wir haben Antonios Bruder Sabbas bei uns.»
Antonio ist zu Tränen gerührt. «Hier Antonio! Sabbas, bitte kommen.
Over.»
«Die Hochzeit hat stattgefunden, Antonio, die Hochzeit hat stattgefunden.
Over.»
«Hier Antonio. Toll! Gefällt Mutter ihre Schwiegertochter?»
«Ja. Sie erwartet ein Baby. Mutter . . . erwartet ein Baby.»
«Wie? Was? Unsere Mutter erwartet ein Baby? Das verstehe ich nicht.»
«Ja, sie erwartet es.»
«Aber wer denn? Mutter? Over.»
«Ja, ja, kommen. Over.»
Dann hört man noch das Wort «verloren».
Antonio springt auf. «Sie hat das Baby verloren? Wessen Baby denn, um
Himmels willen?!»
«Da kann man nichts machen.»
Schließlich klärt sich alles auf. Die von ihrer Schwiegertochter entzückte
Mama erwartet, daß das junge Paar bald ein Baby bekommt. «Verloren» hatte
man uns, die Acali, weil wir aus der Frequenz gerutscht und nicht mehr zu
empfangen waren.
Antonios gedrückte Stimmung bessert sich kaum. Komico und Marcos
haben alles, was er in dreitägiger Arbeit an dem gebrochenen Ruderblatt
herumgebastelt hat, wieder losgemacht und den Schaden «wie echte Profis»,
so sagen sie, behoben. Gutmütig geht Antonio ihnen zur Hand, aber daß er
drei Tage lang umsonst gearbeitet hat, wurmt ihn natürlich.
«Aischa, wenn es dir nichts ausmacht, könntest du dich etwas mit Antonio
unterhalten. Du weißt, daß er dich sehr mag. Setz dich zu ihm, er hat einen
Moralischen.»
«Du denkst auch an alles, Santiago. Das ist deine Stärke und deine Schwä-
che.»
Es w i r d dunkel. Ich bin allein auf dem Dach. Marcos und Sofia kommen.
Eine Zeitlang sagt niemand etwas. Marcos ist ernst, fast traurig.
«Zur selben Zeit fröhlich sein können wir drei anscheinend nicht.»
«Das ist normal.»
Anderthalb Stunden bleiben wir stumm zusammen.
Beim Essen bringt jeder einen Trinkspruch auf die «gebissene» Sofia aus.

148
Allgemein gute Laune. Vielleicht ist dies der schönste Augenblick der ganzen
Expedition, des ganzen Experiments. Schon in den nächsten Tagen werden wir
an die Ankunft auf Barbados denken müssen.
«Ingrid, w i r müssen uns über die günstigste Route unterhalten. Sowie
w i r den karibischen Raum erreichen, ist Vorsicht geboten. Für morgen möchte
ich eine Besprechung auf dem Dach vorschlagen, wenn es recht ist. Diesmal mit
mir.»
«Gute Idee, ich habe dir einiges zu sagen», erwidert Ana prompt.
«Sag es mir gleich, wenn du willst.»
W i r gehen nach oben.
«Santiago, ehrlich, mir behagt das hier nicht mehr. Ich bin müde, ich hab's
satt. M i t Komico ist es aus. Ich würde mich gern enger an dich anschließen,
aber du bist ja mit Sofia zusammen.»
«So ist es, Ana.»
«Soll ich dir mal was sagen? A u f dem Floß sind zu wenig Männer.»
«Machst du Witze?»
«Ich meine es todernst.»
«Eins gebe ich zu: Es fehlt eine männliche Ausgabe von Sofia.»
«Genau. Das trifft den Nagel auf den Kopf.»
«Was hältst du von Ingrid?»
«Völlig blockiert von ihrer Sucht, <Kapitänin> zu sein. Sie hätte bestimmt
ganz gern engeren Kontakt zu irgendeinem von uns, aber ihr Rangfimmel ist
ihr im Wege.»
Seit einigen Tagen bändelt Aischa mit Komico an. Als ich nachts mit Sofia
Wache habe, erscheint - um drei Uhr morgens - die Algerierin.
«Was soll ich machen, Santiago? Komico hat versucht, bei mir zu landen,
auf ziemlich unsanfte Art. Ich w i l l nicht mit ihm schlafen.»
«Du erntest nur, was du gesät hast.»
«Wenn du mit ihm flirtest», sagt Sofia, «brauchst du dich nicht zu wundern,
daß er weitergehen will. Warum übrigens auch nicht? Er ist nicht unsym-
pathisch.»
«Mein Fall ist er nicht. Und dann ist er nicht zärtlich, er gibt mir kleine
Klapse mit der Hand, wie wenn er Briefmarken auf ein Kuvert klebt. Wider-
lich! Ich mag das n i c h t . . . Hört auf zu lachen! Da w i l l man sich nur einen Rat
holen . . . !»
«Aischa, ich kann dir nur empfehlen, dich wieder hinzulegen und dir ein
Schild umzuhängen: <Leitung besetzt>.»
Sie trollt sich. Wenig später werden w i r von Marcos und Teresa abgelöst.
Sechs Wochen sind wir jetzt auf See. Am anderen Morgen ein kleiner Streit
zwischen Esperanza, Ingrid, Ana, Aischa und Antonio.

149
«Santiago, du bist dermaßen in deine Studien und Navigationsprobleme ver-
tieft, daß du schon gar nicht mehr siehst, was um dich herum vorgeht. Ich war
im großen Laderaum und habe festgestellt, daß in sämtlichen Wochenrationen
die Schokolade fehlt. Esperanza, dieses dumme Luder, hat die ganze Schoko-
lade aufgefressen! M i t Ingrids Einverständnis! Die ist genauso w i l d auf Scho-
kolade. Nicht ein Riegel ist mehr da!»
«Na schön, dann ist eben keine mehr da.»
Ich bitte Emiliano, nachzusehen, wieviel Frischwasser w i r noch haben und
Sofia und Esperanza - trotz der geklauten Schokolade - um eine Bestands-
aufnahme unserer Proviantvorräte. Das Ergebnis ist beruhigend: Etwas mehr
als die Hälfte der Lebensmittel und reichlich Wasser. In den Kanistern schwim-
men einige Paraffinstückchen, aber das hat nichts zu sagen.

Sechste Bilanz

Ende der sechsten Woche sind in den menschlichen Beziehungen keine gro-
ßen Veränderungen eingetreten. Neu ist: Komico interessiert sich für Aischa.
Wenn er abblitzt, dürfte er es meiner Meinung nach bei Sofia versuchen.
Ganz eindeutig ist Teresa hinter Marcos her, was den Uruguayer zunehmend
ärgert. Aber wenn er etwas zu nähen hat, gibt er es Teresa, und die macht es
ihm sofort; sie leiht ihm ihr Kopfkissen und liest ihm jeden Wunsch von
den Augen ab. Eine tragikomische Situation. Komisch, weil Marcos sich
vor ihr nicht mehr zu retten weiß, und tragisch, weil Teresa den Tränen
nahe ist. Komico meidet ihre Nähe wie die Pest. Sie habe große Füße und sei
vulgär, behauptet er. Sein Verhältnis zu Esperanza ist seit ihrem Mißver-
ständnis denkbar schlecht. Esperanza hat mir gesagt, Komico leide unter
einem Männlichkeitskomplex.

Jemand weckt mich.


«Ich habe den ganzen Tag geweint. Ich finde es so schade, daß es zwischen
uns nicht mehr so ist wie früher.»
Ich tröste Sofia, und wir nehmen unsere intimen Beziehungen wieder auf.
Marcos und Komico reparieren das Ruder. Von ihrer Großmutter, die wohl
etwas vom Tischlern verstand, hat Esperanza gelernt, mit einem Drillbohrer
umzugehen. Dreimal müssen wir Komico bitten, sie zu filmen, er stellt sich
dumm.
«Santiago, ich habe die Schnauze voll von diesen beiden Hampelmännern.
Immer auf Distanz, damit nur ja keine Frau in ihr Revier eindringt.»
«Ich bitte Sie, meine Herren. Zu einem Sexfloß gehören nun mal Damen!»
Unter Gelächter macht Esperanza sich in aller Ruhe wieder an die Arbeit.

150
Nachts habe ich einen langen Traum: Es ist zwanzig vor vier morgens. Ich
stehe am Ruder. Sofia hat die Deckwache übernommen. Zwei Petroleumlampen
brennen. Der Mond scheint. «Sieh mal, ein Schiff!» ruft Sofia. Schwarz, groß,
riesig, ganz nah. Die Acali ist unwillig, verwundert, und fragt schließlich:
«Wer bist du?» - «Ich? Ein Schiff. Sieht man das nicht? A u f dem Meer gibt es
nur Schiffe.» - «Du irrst, ich bin ein Haus und bin auch auf dem Meer.» -
«Unsinn», sagt das schwarze Schiff mit seiner rauhen, zornigen Stimme, «auf
dem Meer gibt es nur Schiffe und nichts anderes. Du bist ein Schiff, Männer
sind Männer, Frauen Frauen, Pfarrer Pfarrer, und eine Familie ist eine Familie.»
Die Acali protestiert: «Du bist groß, du bist schwarz und weißt anscheinend
eine ganze Menge, aber hier täuschst du dich.» Ein riesiger Hai springt hoch,
das Wasser leuchtet, das schwarze Schiff taucht wieder auf. «Ich werde dir etwas
erzählen, hörst du mir zu?» fragt die Acali. «Erzähl, soviel du willst, ich höre
zu, aber meine Meinung änderst du nicht. A u f dem Meer gibt es nur Schiffe.»
- «Oh, sieh mal, ein weißer Wal!» sagt Sofia. Ich gebe ihr ein Zeichen, sie soll
still sein, ich w i l l zuhören. Die Acali antwortet: «Unsere Familie ist anders.
Der Vater ist Anthropologe, ich bin die Mutter, die anderen sind unsere K i n -
der. Lauter Menschen; kleine Acalis haben wir bis jetzt noch nicht», - die
Stimme wird leise und zart - «wir leben miteinander und w i r lieben uns. Das
ist alles. Obwohl nicht alle dieselbe Sprache sprechen. Der Pfarrer ist nicht wie
andere Pfarrer. Er predigt nicht und nimmt keine Beichte ab. Die sechs Frauen
arbeiten genausoviel wie die Männer. Keiner spricht von Emanzipation, Ehe-
mann oder Friseur.» - Sofia klatscht lautlos in die Hände. Ich recke den Hals, um
besser hören zu können. - «Auch die Männer reden nicht ständig von Politik,
Geld, Weibern oder Fußball. Sie arbeiten, kochen, spülen Geschirr. Hier ist die
Familie keine Familie im üblichen Sinn. Der Pfarrer ist anders als andere Pfar-
rer, die Frauen anders als andere Frauen, und ich bin kein Schiff. Ich bin die
Acali, das Haus auf dem Wasser.» Elf rotgelbe Delphine tummeln sich z w i -
schen Schiff und Floß. Elf. Sofia tritt näher, dann entfernt sie sich stumm, auf
dem Kopf einen Strohhut, wie man sie in Acapulco kaufen kann. Das Schiff
schweigt. Dreht ab und entschwindet. Gemächlich, ein wenig traurig, segelt die
Acali weiter. Sofia und ich hören, wie sie leise sagt: «Ob es mich verstanden
hat? Wenn ich das wüßte...» Dann bemühen w i r uns um eine Funkverbin-
dung. Vergeblich. Die Frequenz ist nicht frei. Tick-tack-tick-tack-tick-tack. In
stetigem Rhythmus neigt die Antenne - zugleich unser Mast - sich zur Seite
und richtet sich wieder auf. Von ganz weit her ist etwas zu vernehmen. W i r
erkennen die rauhe Stimme des Schiffes: «Achtung, Acali, Achtung, Acali,
Achtung, Acali! Ja, ich habe verstanden; ja, ich habe verstanden; ja, ich habe
verstanden. Willst du mich heiraten? Kommen.» Die Acali ärgert sich und
schweigt. Sie hat anscheinend schon eine Familie in Mexiko mit kleinen Acalis.

151
«Jedenfalls ist es schmeichelhaft, von einem so großen und so schwarzen Schiff
einen Heiratsantrag zu bekommen», meint sie treuherzig. Sofia sitzt auf dem
Kajütdach; ihre Arme und Beine nehmen den ganzen Platz ein. Ohne mich
anzusehen, sagt sie: «Unsere Acali ist nicht mit Gold aufzuwiegen.» Emiliano
kommt aus der Kajüte getanzt. Er verneigt sich, richtet sich wieder auf, faltet
die Hände und predigt: «Meine Brüder, wir täuschen uns manchmal in Män-
nern und auch in Frauen, in Frauen, in Frauen natürlich...» - «Natürlich, na-
türlich», singt die Acali mit zarter Stimme leise vor sich hin . . .

Wenn man die Acali so betrachtet, könnte man sie für ein Narrenschiff halten:
Eine Frau sieht in den Spiegel und bestreicht eines ihrer beiden Gesichter mit
einer Paste. Eine andere streichelt unentwegt Taue. Ein Mann steckt mehrmals
ein Stäbchen in Kästen. Zwei Frauen beobachten durch zwei gleiche Instrumente
den Horizont. Ein Mann hält einen Eisengriff fest, mit dem sich im Wasser
etwas bewegen läßt, und schaut in eine Kristallkugel. Eine Frau, auch sie mit
einem Stäbchen in der Hand, malt Zeichen auf weiße Bogen. Vor Blättern, die
schon vollgestrichelt sind, rauft ein Mann sich die Haare, und anstatt einfach
ins Meer zu springen, seilt eine Frau sich an und läßt sich in einer A r t Netz-
tonne ins Wasser. (Aischa cremt sich vor dem Spiegel ein; Esperanza liebt
Taue; Antonio prüft das Wasser in den Batterien; Ana und Ingrid nehmen
eine Ortung mit dem Sextanten vor; Marcos steht am Ruder und hat den
Kompaß im Auge; Sofia schreibt; Emiliano lernt Englisch und Teresa wäscht
sich im Badekorb.) Kein Narrenschiff.

Weihnachten im Juni

Ana und Esperanza beschließen, Weihnachten zu feiern. Mich verkleiden sie


als Frau, Emiliano sogar als schwangere Frau. Girlanden aus Papierschnipseln
schmücken das Floß, jeder Unsinn ist erlaubt; es w i r d getanzt. Woher die
Weihnachtsgeschenke stammen, entzieht sich meiner Kenntnis. Jeder erhält
eines. Es ist ein kindisches, albernes Fest, aber schön. Fotos der verkleideten
Besatzung. Ziemlich primitiv. Antonio fördert ein paar Flaschen Wein zutage,
den wir süßen. Auch ein Rest Whisky ist noch da. Zum Schluß gibt es gar ein
halbes Gläschen Cointreau pro Person. Trotz dieses «Zechgelages» bringen
Antonio und ich über anderthalb Stunden am Funkgerät zu. Besonders wohl
fühle ich mich nicht. Bis auf Antonio und Sofia haben alle etwas getrunken.
Natürlich kommt, was kommen muß: Ana, Esperanza und Teresa stürzen sich
in der Kajüte plötzlich auf Marcos und mich. Jeden Moment, das spüren wir,
kann die Stimmung in sexuelle Spiele umschlagen. Aischa küßt mich, Sofia

152
ärgert sich und küßt Marcos. Neuer Angriff von Esperanza und Ana auf Ko-
mico und mich; wir werden fast umgeworfen. Nur Ingrid hält sich etwas ab-
seits. Teresa läßt nichts unversucht, um Marcos an sich zu ziehen, der ihr eine
Ohrfeige androht, falls sie zu weit gehe. Spät in der Nacht rede ich mit
Teresa und schreibe ihr einen Brief, den ich als Weihnachtsgabe herrichte:
«Es war einmal eine kleine Israeli, die machte mit anderen Jungen und
Mädchen eine Seefahrt und war manchmal etwas traurig, Santiago fragte sich,
warum sie wohl nicht glücklich sei und riet ihr: <Sei was du bist. Der Fehler
liegt ebenso bei dir wie bei den anderen. W i r mögen uns alle gern, aber w i r
sind nun mal im Wesen verschieden. Wenn einer dich weniger liebt, als du
möchtest, dann ist das sein Pech. Du bist hübsch, du bist gutgewachsen, du bist
nett und impulsiv; vielleicht zu impulsiv. Und um das zu verbergen, verbirgst
du dich manchmal ganz. Versuch es gar nicht erst, bleib, wie du bist. Keine un-
sinnigen Anstrengungen. Laß den Dingen ihren Lauf. Das Leben ist schön, du
bist schön. Sei du selbst !>»
«Etwas Schöneres hättest du mir nicht schenken können. Wie machst du es
bloß, immer so lieb und verständnisvoll zu sein?»
«Hör auf zu weinen und versuch zu begreifen, daß, wenn Marcos dich nicht
liebt, du nichts daran ändern kannst.»
«Doch! Er ist der erste Mann, der mich verschmäht.»
«Hoffentlich auch der letzte!»
Beim Wecken sind die meisten leicht verkatert.

Siebte Bilanz

Teresa ist erfolglos hinter Marcos her und interessiert sich für niemand
anderen.
Marcos steht in einer Dreierbeziehung zu Sofia und Santiago. Alle wissen
es. Er hält Abstand und hat sich tief in seine Arbeit vergraben.
Sofias Freundschaft zu, bzw. ihr Verhältnis mit Santiago geht weiter. Ihr
einziges Problem: Einige halten sich ihr gegenüber etwas zurück.
Santiago hat ein gutes Verhältnis zu Ingrid; ist erschöpft.
Ana hatte, auf verschiedenen Ebenen, ein gutes Verhältnis zu Komico. Ver-
steht sich gut mit Ingrid und mag Santiago gern.
Komico hat sein Interesse verlagert. Im Augenblick auf Aischa. Sein V i r i l i -
tätskomplex ist Folge der Erziehung. Versteht sich nicht mit Esperanza und
kann Teresa nicht ausstehen. Das Experiment begreift er aus sprachlichen
Gründen von allen am wenigsten.
Emiliano hat nur seinen Englischunterricht im Kopf. Versteht sich ausge-
zeichnet mit Ana, Komico und Santiago.

153
Ingrid rivalisiert mit Santiago. Sie ist enttäuscht, weil ihre Kapitänsrolle we-
niger wichtig ist als erhofft. Versteht sich gut mit Ana, nicht ganz so gut mit
Aischa.
Aischa läßt das Posieren und Kokettieren jetzt ganz sein. Einsatz mäßig.
Versteht sich aber gut mit allen.
Esperanza ist immer in Bewegung. Schläft viel. Keinem macht das Experiment
soviel Spaß wie ihr. Schlechtes Verhältnis zu Komico, einige Schwierigkeiten
mit Sofia. M i t den anderen versteht sie sich gut.
Antonio war ziemlich krank. Liebt Aischa, die ihm keine Beachtung schenkt.
Nervös.
Die Beziehungen Marcos-Sofia-Santiago, Komico-Aischa-Ana und Mar-
cos-Teresa haben weniger unsere zwischenmenschlichen Beziehungen getrübt
als gewisse Stimmungen und Frustrationen ausgelöst.

Das Wahrheitsspiel

Ich habe jeden gebeten, das Experiment schriftlich, im Umfang von etwa zwei
bis drei Seiten, zu beurteilen, das heißt, seine Mannschaftskameraden und die
Beziehung zu ihnen a) aus experimenteller, b) aus privater Sicht zu beschrei-
ben.
Ana schlägt vor, das Wahrheitsspiel zu spielen. Jeder stellt einer Person sei-
ner Wahl schriftlich vier Fragen, ohne daß die betreffende Person weiß, von
wem die Fragen stammen. Die Fragen werden vorgelesen, und der Gefragte
muß antworten.
Hier einige Beispiele für Fragen an (und Antworten von):
Aischa: Würdest du mit Antonio schlafen, wenn er dich darum bäte? - Ich
glaube nicht.
Ingrid: Woher kommt deine Vorliebe für den Whisky? - Das ist meine A r t ,
das Weite zu suchen.
Santiago: Wenn du auf Reisen bist, hat deine Frau dann auch außereheliche
Beziehungen? - Ich glaube nein, aber ich weiß es nicht.
Sofia und Aischa: Würdest du einen Japaner heiraten? - Nein - Nein.
Santiago: Wolltest du einen Kapitän an Bord haben oder jemand, der uns
sicher über den Atlantik steuert? - Ich wollte eine Navigatorin, egal ob sie
Schiffsjunge oder Admiral war.
Esperanza: Haßt du Antonio? - Nein.
Marcos: Warum gehst du Antonio aus dem Wege? - Das stimmt überhaupt
nicht.
Santiago: Glaubst du, daß Religionsunterschiede ein Hindernis für den

154
Weltfrieden sind? Und wenn ja, warum? - Nein, das glaube ich nicht.
Marcos: Würdest du mit Teresa schlafen, wenn sie es dir anböte? - Nein.
Antonio: Wie kann man nur so falsch sein wie du? - Ich finde nicht, daß ich
falsch bin.
Esperanza: Warum behältst du manchmal für dich, was der Gemeinschaft zu-
kommt? - Die Gemeinschaft scheint manche Dinge nicht zu mögen, die ich mag.
Komico: Glaubst du, daß du ein guter Liebhaber bist? - Ä h . . .ich weiß
nicht.
Ingrid: Verstehst du dich mit allen gut? - Ja, nur mit Santiago nicht.
Ana: Worauf führst du die Tatsache zurück, daß die weibliche Gruppe,
allen voran du selbst, die größten sexuellen Bedürfnisse hat? - Darauf, daß die
Frauen an Bord stärker sind als die Männer. Ich selbst bin regelmäßigen Sex
gewöhnt, und das fehlt mir jetzt.
Emiliano: Würdest du gern mit einer Frau schlafen? - Wenn jemand mich
wirklich lieb hätte, wäre ich nicht abgeneigt.
Sofia: Bist du verliebt und liebst du Santiago? - Ja.

Dieses Fragespiel ist im Grunde wenig dazu angetan, feste freundschaftliche


Bande zu knüpfen; dazu sind die Fragen zu unfair. Aber als Ventil hat es seinen
Zweck erfüllt - die Antworten kamen rasch und freimütig. Geschützt durch die
Anonymität, fragen die Teilnehmer vor allem nach sexuellen Dingen, und man
erkennt, daß die Frauen in der Tat frustriert sind. Das liegt offenbar weniger an
einem physiologischen Bedürfnis als an der Unmöglichkeit, eine echte Intimität
herzustellen.
Alle sind unzufrieden, diskutieren, wehren ab, verbergen ihre Enttäuschun-
gen. Das Wahrheitsspiel verärgert und sät Zwietracht. Trotzdem ist es von
Fall zu Fall nützlich und hat einen gewissen Wert.

Fünfzig Tage auf See

Nützlich ist das Wahrheitsspiel insofern gewesen, als es Material für neue
Fragebogen liefert. So können w i r sehen, wo uns der Schuh drückt und wie
unsere Persönlichkeit sich unter Bedingungen der Isolation, der Leere und der
Ausweglosigkeit weiterentwickelt. Unverkennbar haben einige von uns se-
xuelle Probleme, aber vom Gruppenstandpunkt aus betrachtet, macht das Ex-
periment Fortschritte. Daß wir uns nach fünfzig Tagen auf See überhaupt solche
Fragen stellen können und trotzdem weiter zusammenhalten, ist schon un-
gewöhnlich. Spannungssituationen stören das Experiment nicht, im Gegenteil,

155
sie bereichern es. W i r müssen nur darauf achten, daß die Mannschaft körperlich
und seelisch gesund bleibt. Das Floß ist ein Sprengkörper mit mehreren Lun-
ten, den jeder Teilnehmer nach Belieben hochgehen lassen kann.

Liebeserklärung durchs Radio

Da Aischa nicht an ihm interessiert ist, hat Antonio mehrfach versucht, Ver-
bindung mit England aufzunehmen. Schließlich gelingt es ihm, und er schickt
seiner Frau Francisca über Funk eine glühende Liebeserklärung.
Francisca ihrerseits plaudert im Sender über alles und nichts, das Haus, die
Möbel. «Du ahnst nicht», sagt sie, «wie . . . » - die Verbindung reißt für einen
Moment ab. Antonio erwartet ein Wort der Sehnsucht. « . . . heiß es die letzten
Tage war», vollendet sie ihren Satz. Die ganze Kajüte biegt sich vor Lachen.
Der Grieche hatte seinen Funkspruch in aller Beisein auf englisch abgefaßt.
Nun lacht er als erster, zufrieden mit sich und seiner Tat.
Im Verlauf eines Gesprächs mit Mexiko lasse ich das mit Andrée vereinbarte
Codewort «November» fallen. Es bedeutet: W i r brauchen einen Schlepper, der
uns zwischen den Grenadinen oder zwischen Santa Lucia und San Vicente hin-
durchbugsiert. Die Acali verfügt nur über eine geringe Manövrierfähigkeit, und
der Strom nimmt ständig zu. Da ist die Gefahr zu stranden sehr groß.
Aischa und Sofia beschließen, nur jeden zweiten Tag Verschmutzungsproben
zu nehmen, damit die vorhandenen Flaschen auch für die Karibische See reichen.
Von Marcos kommen erste Meßergebnisse: Die Frauen haben zugenommen,
während sich das Fettgewebe bei den Männern verringert hat.
«Am Ende w i r d er noch behaupten, daran sei unsere Frustration schuld»,
unkt Ana, aber Marcos hat für ihren Humor keinen Sinn.
Wieder einmal stellen wir fest, daß Tabus und Konventionen traditionsbe-
dingt sind. Aischa, nach Meinung aller (außer mir) die Frau mit der besten
Figur an Bord, hat heute nackt gebadet und sich beim Abtrocknen ungeniert
mit Emiliano, dem Priester, und mir unterhalten. Niemand käme auf den Ge-
danken, zu behaupten, Emilianos religiöser Ernst oder sein Keuschheitsgelübde
hätten darunter gelitten. Anders wäre es, wenn Emiliano mit einer der Frauen
an Bord sexuelle Beziehungen unterhielte. Dabei sind in vielen Religionen die
Priester verheiratet.
A u f der Acali gibt es zwei verschiedene Welten: die in der Kajüte und die
außerhalb der Kajüte. Zum Diskutieren, Ausfüllen der Fragebogen oder wenn
wir Tests durchführen, machen w i r es uns drinnen bequem, sitzen mit dem
Rücken an der Wand; jeder sieht jeden, nichts stört uns. So vergleichen und
prüfen wir beispielsweise auch die Ergebnisse der Verhaltensstudien. Es ist gar

156
nicht einfach, in Gegenwart anderer mit sich selbst konfrontiert zu werden, zu
wissen, eine Ausweichmöglichkeit besteht nicht. W i r d die Lage einmal zu ge-
spannt, ruft Esperanza ihr «Oremus» (eine geniale Erfindung) und wenn auch
keiner wirklich betet, verharren wir doch ein paar Minuten ganz still. Meistens
entspannt sich die Atmosphäre dann, und wir arbeiten weiter.
An der Decke ist in Wandnähe ein Haltetau angebracht, das lebenswichtig
ist. Bei starkem Seegang könnten wir uns sonst nicht einmal gebückt bewegen.
Nachts bei der Wachablösung ist es besonders schwierig, niemanden zu wecken;
alle haben ja ihren Schlaf verdient und nötig. Nicht immer gelingt es, und wer
versehentlich getreten wird, macht ein Geschrei, daß die ganze Kajüte davon
wach wird. Manche sind sofort munter, andere träumen, so sagen sie, man habe
sie gestoßen. Man muß sein Zeug zusammensuchen, so gut es geht, im Liegen
und ohne seine Nachbarn zu stören hineinschlüpfen und sich zwischen ihnen
hindurch am Haltetau hinaustasten. Zwischen elf Köpfen und elf Körpern,
zweiundzwanzig Beinen und zweiundzwanzig Armen tappen wir umher. Zu
Anfang habe ich nachts beim spärlichen Schein einer kleinen Lampe geschrie-
ben, aber das mußte ich bald aufgeben, weil die anderen nicht schlafen konnten.
Jetzt schreibe ich da, wo ich niemanden belästige, meistens tagsüber in der Ka-
jüte, aber auch überall sonst. Nur oben auf dem Mast habe ich es noch nicht
versucht.
Das Wetter ist schön, die See - bei leichtem W i n d - ruhig. Ich habe Lust auf
einen «Ausflug».
«Ana, du wirst am besten mit dem Dingi fertig. Wie wäre es, wenn du uns
ein bißchen spazierenführst?»
Jeder klettert in das Dingi, nach und nach kommen alle dran.
«Ich schwöre dir, Santiago, ich habe niemals etwas gesehen, das mir so zu
Herzen gegangen ist», sagt Esperanza hinterher.
Aischa sagt nichts, kommt aber sichtlich bewegt zurück. (Bevor sie ins Boot
stieg, hat sie sich natürlich gekämmt, ihre Sonnenbrille aufgesetzt und ein paar
Armbänder angelegt; jede Fahrt w i r d nämlich vom Floß aus gefilmt!)
«Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin, Professor»,
beteuert Marcos. «Aber vom Wasser aus gesehen, ist das Floß furchtbar klein.»
Emiliano ist so überwältigt, daß er ein nervöses Zucken der Oberlippe nicht
unterdrücken kann und kein Wort herausbringt. Alle sind aufgewühlt. Solange
man an Bord ist, kommt einem das Floß fast groß vor; aber aus der Entfer-
nung wird einem bewußt, wie armselig diese Nußschale ist.
«Los, Ingrid, du bist dran.»
«Kommt nicht in Frage, ich darf das Floß nicht verlassen.»
«Nun sei kein Spielverderber! Steig ein, ich fahre mit.»
«Na gut, aber an der Sicherheitsleine.»

157
Ich rudere dreimal mit ihr um das Floß herum.
Auch Ingrid ist erregt - und freut sich. Aber mit einem anderen hätte sie das
Floß nicht verlassen. Man ist schließlich w e r . . .

Nie gab es eine schönere Zeit

Elfte Betrachtung

W i r haben schon mehr als den halben Atlantik hinter uns gebracht. Die
Fahrt war bisher ein hartes Stück Arbeit. Schwerer noch das Zusammenleben,
das Zusammengedrängtsein in dieser schwimmenden Forschungsanstalt, die
man nicht verlassen kann. Aber gehe ich der Sache auf den Grund, so findet
jeder: «Nie gab es eine schönere Zeit.» Trotz der Angst, der Gefahr, der
Streitereien ist es für alle ausnahmslos ein großes Erlebnis. Warum? Ich kann
es nicht genau sagen. Ich glaube indessen, daß jeder sich der Gültigkeit des
Experiments bewußt ist. Individuell wie als Gruppe suchen w i r eine offenbar
verlorengegangene Harmonie zwischen Menschen und Völkern. Ob w i r sie
finden, weiß ich nicht, aber es lohnt sich weiterzusuchen, hier auf der Acali,
die über ein Meer aus Konflikten und Widersprüchen treibt.

«Meeting! Meeting!» schreit Esperanza.


Es ist an der Zeit, die Karten auf den Tisch zu legen. So wie die Dinge
augenblicklich stehen, können w i r uns nicht in den karibischen Raum wagen.
Barbados ist nicht mehr weit, also Grund genug, verschiedene seetechnische
Probleme in Angriff zu nehmen. Ingrid ist unverändert entschlußlos und
mundfaul. Doch so schwerwiegend ihre persönlichen Probleme auch sein mögen,
die Sicherheit des Floßes geht vor.
«Sei mir nicht böse, Ingrid, was ich dir jetzt sage, sage ich dir in aller
Freundschaft; so wie du deine Meinung äußerst, tun w i r es auch. Erstens: Vor
ein paar Tagen hast du einen Fragebogen auf schwedisch ausgefüllt, eine
Sprache, die hier niemand versteht. Zweitens: W i r sind alle freiwillige Ozean-
überquerer und wollen gemeinsam - jeder in seinem Aufgabenbereich und im
Rahmen seiner Möglichkeiten - ein Experiment durchführen. Dich müssen w i r
täglich fragen, wieviel Seemeilen wir zurückgelegt haben, als ob das ein Be-
rufsgeheimnis wäre. Wie Würmer läßt du dir die Zahlenangaben aus der Nase
ziehen. Und drittens: Es wäre deine Sache gewesen, dich um das Leerpumpen
der Wassertanks zu kümmern, um das Setzen des Reservesegels, das Tauwerk,
das Umstauen der Ladung und die Reparatur des Ruders. Wie verhalten w i r
uns im Falle eines Wirbelsturms? Es ist Aufgabe des Kapitäns, nicht des A n -

158
thropologen, die nötigen Vorkehrungen zu treffen.» (Allgemeines Schweigen.
Ingrid verschanzt sich hinter Schweigen.) «Und ihr anderen: Abends laßt ihr
alles herumliegen, von den Wasserproben auf dem Achterdeck bis zu verschie-
denen Küchengeräten auf dem Vorderdeck. Was wegschwimmt, können w i r
nicht mehr ersetzen. Die Hälfte der Signallaternen brennt nicht, dabei brauch-
ten sie nur aufgeladen zu werden, was Sache des Proviantverwalters wäre. W i r
wissen nicht einmal, ob die Kajüttür und die Kajütluken dicht schließen. Auch
die Sicherheitsleinen hat kein Mensch überprüft. Nicht ein einziges Mal haben
wir die drei Treibanker ausprobiert - und das alles kurz vor der Karibischen
See.»
Es ist, als ob ich gegen eine Wand spreche. Trotzdem mache ich ein paar
Vorschläge.
«Wenn einer ins Wasser fällt, schreit der erste, der es sieht, <Mann über
Bord!> Das Wichtigste ist, sofort Alarm zu schlagen. Der Rudergänger legt
dann die Ruder quer, um die Fahrt möglichst zu verlangsamen und die Per-
son im Wasser nicht aus den Augen zu verlieren. Gleichzeitig muß das Dingi
zu Wasser gelassen werden. Aber daß mir niemand auf den Mast steigt, denn
durch das Bremsmanöver neigt er sich vor, und man würde unweigerlich ab-
stürzen. Wenn irgend möglich, hake ich mich neben der Toilette an eine Leine
und springe ins Wasser. Die Hoffnung des Verunglückten auf Rettung ist aller-
dings sehr gering, damit müssen w i r von vornherein rechnen.
Da es jetzt anfängt, heiß zu werden, sollten w i r zur Belüftung der Kajüte den
Windsack anbringen. Das alles sind Fragen, die das Floß betreffen und mit A n -
thropologie oder dem Experiment als solchem nichts zu tun haben. Ich schlage
vor, Ingrid, daß w i r uns wieder in Gruppen aufteilen und uns von morgen ab
an die Arbeit machen.»
Ende der Besprechung. Schweigen. Ingrid geht hinaus, kommt zurück, legt
sich auf ihre Luftmatratze, schlüpft unter die Decke und weint.

Zwei Monate außerhalb der Welt: Esperanza und die Musik

20.30 Uhr. Esperanza nimmt die Gitarre und schlägt Flamencoakkorde an.
Plötzlich atmen w i r Musik. Sofia döst vor sich hin, Antonio und Aischa flüstern
zusammen, Teresa informiert sich über Wirbelstürme, Marcos ist schweigsam.
M i t einem Schlag sind wir Musik. Es ist ein Gefühl, wie ich es noch nie emp-
funden habe. Esperanza hat uns in Schwingungen versetzt. Horizontlose Musik
unter dem Himmel. Musik, wie ich sie gewiß nie wieder höre. O du glückliches
Unternehmen Acali, das uns von erfülltem Leben erzittern läßt!
Komico hat einen der seltenen Narwale gesehen, auch Einhornwal genannt;

159
bei dem männlichen Tier entwickelt sich der linke Eckzahn zu einem langen,
gerade vorragenden Stoßzahn. Auch weiße Haie sind in der Nähe des Floßes
aufgetaucht. Haie sind übrigens inzwischen unsere täglichen Begleiter. M i t dem
Baden im Meer ist es vorbei. Graue Haie, weiße Haie, blaue Haie, gefleckte Haie,
Hammerhaie und als Zugabe «Portugiesische Galeeren», unsere Hauptfeinde.
Zwei Uhr nachts. Ich habe Wache mit Emiliano. Er bittet mich, ihm etwas
über Darwin zu erzählen.
«Darwin hat uns gezeigt, und darin liegt seine Bedeutung, daß die biologische
Existenz des Menschen nicht ein für allemal gesichert ist. Und keiner nach Dar-
w i n hat seine Theorie durch eine andere ersetzt. Weder Ortegas Aufstand der
Massen noch Camus´ Mensch in der Revolte noch ein Großteil der Gedanken
Marcuses wären möglich gewesen, wenn Darwin uns nicht gezeigt hätte, daß
w i r der Tierwelt verhaftet sind. Während jedoch den Tieren - unseres Wissens
- nicht bewußt ist, daß sie sterben müssen, steht für den Menschen seit Dar-
w i n außer Frage, daß das Leben der gegenwärtige Augenblick ist. Was morgen
sein wird, wissen wir nicht. Doch w i r leben im Widerspruch zu der Erkenntnis
von der Vergänglichkeit unseres Daseins, von unserem Sterbenmüssen einer-
seits und dem Fortbestehen der Welt andererseits. Dies ist eine noch ungenü-
gend erforschte Reibungsquelle. Die Religion, das weißt du besser als jeder an-
dere, ist im Schwinden begriffen. Sie war unser Halt. Bis Darwin. Daß sie uns
in ihrer ursprünglichen Form heute noch viel zu sagen hat, glaube ich nicht.
W i r müssen eine neue Religion erfinden.»
«Oder die alte verbessern», erwidert Emiliano.

«Mann über Bord»

Seit der Besprechung ist Ingrid stumm und tatenlos. Es war falsch von mir,
nicht von Anfang an für eine klare Linie zu sorgen. Gleich als sie auf dem
Flughafen von Las Palmas, ohne ein Wort zu sagen, verschwand, hätte ich am
nächsten Tag deutlich werden müssen.
Aber schließlich reagiert sie doch noch. Am Nachmittag w i r d unter ihrer A n -
leitung eine Rettungsübung durchgeführt: Einer wirft eine Flasche ins Was-
ser und schreit: «Mann über Bord!» Doch statt an Steuerbord lassen sie das
Dingi backbords zu Wasser und verlieren viel Zeit. Niemand findet die Flasche.
Ich bleibe während der Übung in der Kajüte. Jeder gibt dem anderen die Schuld
daran, daß es nicht geklappt hat. Immerhin ist allen zum erstenmal klargewor-
den, daß «Mann über Bord» kein Spiel ist, sondern den Tod bedeutet.
«Hier Barcelona. Hören Sie mich, Acali? Over.»
«Hier Acali. Ich höre Sie leise, aber deutlich. Over.»

160
«Wir haben zwei Nachrichten für Sie, eine gute und eine schlechte. Der Ge-
neralsekretär der Vereinten Nationen beglückwünscht Sie zu Ihrem Experiment
und wünscht Ihnen eine erfolgreiche Fahrt. Andererseits haben verschiedene
Kollegen des Leiters Santiago ein Papier unterzeichnet, mit dem sie sich von dem
Experiment distanzieren.»
Eine mexikanische Zeitung habe mich als unsicheren Kantonisten hingestellt,
und sämtliche Mitglieder der anthropologischen Abteilung, der ich seit über
zwanzig Jahren angehöre und bei der ich zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten
veröffentlicht habe, hätten eine Erklärung unterschrieben, daß die Acali nichts
mit der Universität zu tun habe. Ich setze eine längere Erklärung auf, die später
in mehreren Zeitungen abgedruckt w i r d .

Mexiko ruft uns.


«Wir leiten die notwendigen Schritte ein, um Ihnen einen Schlepper ent-
gegenzuschicken. »
«Wir brauchen aber auch einen guten Wetterdienst. Möglichst zweimal täg-
lich.»
«Benachrichtigen Sie uns, sobald Sie Anzeichen eines Wirbelsturms beobach-
ten. W i r versuchen dann sofort, Ihnen zu helfen.»
«Nein, nein, Einspruch! Mexiko muß vor uns Bescheid wissen und handeln.»
Die Leute an Land haben keine Ahnung, was ein Wirbelsturm ist - bei allem
guten Willen. Mexiko, das in ständiger Verbindung mit der meteorologischen
Station Miami steht, muß uns natürlich im Falle eines Wirbelsturms den Kurs
angeben, den w i r einschlagen sollen, und sofort etwas unternehmen; muß uns
sagen, ob wir uns weiter südlich oder weiter nördlich halten sollen, ob man uns
auffischen oder in auswegloser Lage den Gebeten Emilianos überlassen wird.
Gegen diese Lahmheit anzukämpfen, w i r d für Andrée nicht leicht sein.
Der letzte Fragebogen enthielt fünf Schockfragen, um festzustellen, wie die
Teilnehmer auf einen gezielten Verstoß gegen Konventionen reagieren würden.
Sollen w i r :
a) einen ganzen Tag nackt bleiben? Sechs dafür, fünf dagegen -
b) eine A r t Fest veranstalten, auf dem jeder mit jedem schläft? Vier dafür,
die übrigen dagegen -
c) Pärchenbildung verhindern? Zwei dafür, die übrigen dagegen -
d) durch kleine Spielereien versuchen, unsere Einstellung zum Körper zu
entkrampfen? Drei dafür, die übrigen dagegen -
e) den Status quo beibehalten? Zwei dafür, sechs dagegen, drei Enthaltun-
gen-
Ich verteile den wie gewöhnlich auf englisch abgefaßten siebten Fragebogen.

161
Achte Bilanz

Ein für allemal w i r d angenommen, daß Santiago der intelligenteste Mann


auf dem Floß und Ingrid die Frau mit dem geringsten Sex-Appeal sei. Die
Mehrheit wünscht, daß Santiago auch weiterhin Leiter bleibt; am schlechte-
sten würde Teresa diese Funktion ausüben. In der Kajüte sind Sofia, San-
tiago und Marcos die begehrtesten Nachbarn; zugleich möchte gern jeder mit
ihnen Wache gehen, und auch bei der Frage nach den engsten menschlichen
Beziehungen werden diese drei Namen genannt. Die größte Enttäuschung
im allgemeinen: «die anderen», für eine Person: «das Floß». Die größte
Freude an Bord: «einzelne Teilnehmer». Die meisten würden gern mit San-
tiago, Marcos, Esperanza oder Aischa schlafen. Unser bester Freund, wahr-
scheinlich fürs ganze Leben: Santiago (Mehrheit); als nächste folgen: Sofia,
Esperanza, Antonio und Marcos. Auffallend, daß keineswegs alle sich an
Bord wohlfühlen, daß das Leben auf dem Floß, ungeachtet der geäußerten
Kritik, sich um Santiago dreht und daß dieser nach etwa zweimonatiger See-
reise sich als die ausgeprägteste Persönlichkeit erwiesen hat. Teresa legt eine
Tüchtigkeit an den Tag, die derjenigen aller übrigen Teilnehmer überlegen
ist. Die meisten seemännischen Fachkenntnisse hat Ingrid, obwohl auch
Ana etwas von Navigation versteht. Ausgezeichnet im Basteln und Repa-
rieren das Duo Marcos-Komico, unterstützt von Antonio. Emiliano ver-
hält sich als Priester asexuell. Im übrigen geht aus der Befragung hervor,
daß mehrere Teilnehmer auf dem Floß die stärkste menschliche Beziehung
ihres Lebens gefunden haben. Die Gruppe ist der Meinung, niemand sei
sachverständig genug, um die Führungsverantwortung übernehmen zu
können. Um so bedeutsamer, daß Santiagos Führerschaft zwar nicht als
ideal gilt, ihm aber niemals offen streitig gemacht wurde; keiner hat sich
je als Ersatz angeboten. Aus seiner Führungsrolle entstehen die meisten
Reibungen.

«Was heißt eigentlich petting to climax»? fragt in aller Unschuld Emiliano.


Sofia erklärt es i h m : «Wenn man dich überall streichelt.»
«Ah, verstehe, danke.»
Aus der Befragung geht auch hervor, daß die Beziehungen zwischen Marcos
und Teresa, Komico und Aischa, Antonio und Esperanza noch immer die schlech-
testen an Bord sind; und daß trotz des bitteren Nachgeschmacks, den das erste
Wahrheitsspiel hinterlassen hat, alle bis auf zwei dieses Spiel auf die gleiche
Weise, also durch anonyme schriftliche Fragen, wiederholen möchten.

162
Sexualleben

A u f Vorschlag von Marcos stellen w i r einen Fragebogen zusammen, der aus-


schließlich das Sexualverhalten betrifft.

Fragebogen V I I

1. Wie oft hattest du in den letzten drei Jahren durchschnittlich im Monat


sexuelle Beziehungen?
1 2 3 4 5 6 7 8 9 1 0 1 1 1 2 1 3
14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25

2. Bewerte die Bedeutung


a) natürlicher Faktoren (1-10) 3
b) stimulierender Faktoren (1-10) 9

3. Hast du auf der Acali ein Bedürfnis nach sexuellen Beziehungen?


O nein x ja x a) ein geringes
O b) ein mäßiges
O c) ein starkes

4. Wenn ja,
O a) mehr als sonst
O b) sehr viel mehr als sonst
x c) weniger als sonst
O d) sehr viel weniger als sonst

5. Wenn nein, dann


O a) aus natürlichen Gründen
x b) wegen fehlender Anreize

6. Wenn du auf der Acali nur ein geringes sexuelles Bedürfnis hast, so liegt
das an
x a) mangelndem sexuellen Interesse für die andern
O b) mangelndem sexuellen Interesse der andern
x c) mangelnder Intimität
O d) mangelnden sexuellen Anreizen
O e) Übermüdung
(Beantworte gegebenenfalls zwei Fragen)

163
7. Das Fehlen sexueller Beziehungen bewirkt bei dir:
O a) körperliches Unwohlsein
O b) Kopfschmerzen
x c) nichts

8. Was würden sexuelle Beziehungen auf der Acali deiner Meinung nach
bewirken?
x a) bessere Gruppenbeziehungen
O b) ein besseres Niveau der Zusammenarbeit
x c) ein besseres gegenseitiges Verständnis
O d) Reibungen innerhalb der Gruppe
O e) Reibungen zwischen Personen

9. Welche der folgenden sexuellen Praktiken hast du auf der Acali ausgeübt?
x a) «Petting» durch eine andere Person bis zum Orgasmus
x b) «Petting» an einer anderen Person bis zum Orgasmus

Die weibliche Gruppe hat an Land im allgemeinen doppelt soviel sexuelle Bezie-
hungen wie die männliche. Andererseits mißt sie den zum Sexualakt führenden
Anreizen sehr viel mehr Bedeutung bei. Das ist normal. In unserer Gesell-
schaftsordnung genießt die Frau eine geringere sexuelle Freiheit als der Mann,
daher richten die künstlichen Reizfaktoren sich mehr an i h n ; die Frau muß
sich stets als sexuell verlockend darbieten. Da sie auf dem Floß hingegen völlig
frei über sich verfügen kann, ist es nur natürlich, daß sie nun ihrerseits die
stimulierenden Faktoren, die sexuelle Verlockung, wichtig nimmt und sich
gewissermaßen den männlichen Blickwinkel zu eigen macht.
Die meisten glauben, ihre sexuellen Bedürfnisse hätten sich durch das man-
gelnde Interesse der übrigen Teilnehmer verringert, doch nur bei einer Person
bewirkt das Fehlen intimer Kontakte körperliches Unwohlsein; alle andern
spüren keine Wirkung. Die Hälfte der Acali-Bewohner hat mit positivem Er-
gebnis Zärtlichkeiten empfangen; wiederum die Hälfte hat solche Zärtlich-
keiten erwiesen.
Bemerkenswert: Erstmals bekundet auch Emiliano ein schwaches, aber deut-
liches sexuelles Interesse. Das war unvermeidlich. Für die einen ist die Bezie-
hung Komico-Aischa die schlechteste, für die andern die beste an Bord.

164
Zwölfte Betrachtung

Als ich bei der Vorbereitung dieses Experiments mit wissenschaftlichen Be-
ratern und Freunden Gespräche führte, schälten sich aus den vielfältigen
Diskussionen regelmäßig drei Themenkreise heraus: Die Sexualität, die
Kommunikation, die Familie. Von der Acali-Familie war schon die Rede;
sprechen wir von der Sexualität und der Kommunikation. Eine der reichsten
Quellen menschlicher Kommunikation, vielleicht die Quelle schlechthin,
sind sexuelle Beziehungen, denn zum Sexualakt drängt uns außer Sinnlich-
keit, Fortpflanzungstrieb usw. vor allem das Verlangen nach Vereinigung,
nach Verständigung. Die zweite wichtige Kommunikationsquelle ist das
gesprochene und geschriebene Wort. Während uns aber der Geschlechtsver-
kehr mit der Tierwelt verbindet, trennt uns von ihr und individualisiert uns
das Wort. A u f der Acali lebt und arbeitet eine internationale Familie so
intensiv wie nur wenige Familien an Land. Dieses geballte Zusammen-
leben, die fortlaufenden Befragungen, die Tests, die Arbeit, die Angst, die
Ungewißheit, die Erschöpfung bilden einen außerordentlich wirksamen Ka-
talysator und lösen eine stärkere Kommunikation aus, als bloße Verbalität
oder Sexualität es vermöchten. Auch ohne Worte oder sexuelle Kontakte
gehen wir durch alle Höhen und Tiefen der Kommunikation. Die eigent-
liche Tragödie des Menschen ist die Unvereinbarkeit seines Selbst mit der
Umwelt, obwohl er aus dieser Spannung seine Lebenskraft bezieht. Das
Unternehmen Acali zeigt, wie dicht in der Kommunikation mit anderen
Himmel und Hölle nebeneinander liegen. Und deshalb sind wir hier. Wie
Dante in der Hölle. Um zu sehen und zu lernen. Doch vor allem, um zu
lernen, in dieser von Worten überschwemmten Welt zu bestehen. Worte
und Geschlechtlichkeit sind Kommunikationsquellen par excellence - und
doch so oft Schranken, die wir täglich gegen die wahre Verständigung auf-
richten. Viele von uns sterben, ohne zu wissen, ob sie jemals einen anderen
zutiefst verstanden haben oder je ein anderer sie verstanden hat. (Juan
Ramon Jimenez schrieb einmal: «Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, denn
das Wort, das ich benutzen w i l l , gibt es noch nicht.»)
Müde sind wir, innerlich nackt, äußerlich halbnackt. Die Masken und Schleier
von Verbum und Sexus, hinter denen wir uns im Alltagsleben verstecken,
verschwinden auf der Acali allmählich, und wir sehen uns so, wie wir sind:
Wesen, die nach Zärtlichkeit gieren, Ertrinkende, die nach einer ausgestreck-
ten Hand schreien.

4. Juli: Unabhängigkeitstag Algeriens und der Vereinigten Staaten. W i r feiern


beides. Antonio spielt Reporter und interviewt uns alle, nur Ingrid nicht.

165
Zum Scherz tun alle Frauen so, als seien sie in mich verliebt. Sofia nimmt es
ernst und ärgert sich. In der Tat kommt unter dem Vorwand des Spiels man-
ches ans Licht, darunter auch Eifersüchteleien jeder A r t . Wenige Tage zuvor
hatte Heyerdahl uns aus Barcelona eine glückliche Reise gewünscht und uns
prophezeit, w i r würden «Eifersuchtsprobleme» haben.

Neunte Bilanz

Offensichtlich interessiert sich jeder an Bord für sein persönliches Leben


ebenso stark wie an Land.
Aischa: bewahrt ihre ruhige Haltung.
Sofia: mit Santiago liiert.
Emiliano: empfindet das Experiment als ein Erlebnis; versteht sich mit allen
gut, besonders mit Sofia und Santiago.
Antonio: war krank; etwas eifersüchtig.
Komico: spielt tagsüber den lieben Jungen, ist nachts hinter den Frauen her.
Esperanza: lebt in ihrem Traum; gute Verständigung mit Santiago, Ana
und Emiliano.
Teresa: verfolgt hartnäckig Marcos, sucht aber daneben eine andere Bezie-
hung einzugehen, am liebsten mit Antonio.
Marcos: befreundet mit Sofia und Santiago. Steht sich gut mit Emiliano
und Komico, schlecht mit Teresa.
Santiago: kümmert sich um Floß und Experiment.
Ana: wendet sich von Antonio und Komico ab und Santiago zu.
Ingrid: scheint sich wohler zu fühlen, seit sie weniger Verantwortung trägt.
Gutes Verhältnis zu Aischa.
Am schlechtesten nach wie vor die Beziehung Marcos-Teresa, aber das ist
so offenkundig, daß es niemanden mehr stört, nicht einmal die Betroffenen
selber.

«Hier Mexiko, hier M e x i k o . . . stellen Sie eine Liste zusammen mit den D i n -
gen, die Sie für den letzten Teil der Überfahrt noch brauchen.»
Die Verbindung ist schlecht, es dauert fast die ganze Nacht, bis wir die paar
Sachen durchgegeben haben: Angelhaken, Eisenteile, Bretter, Batterien, Lam-
pen usw.
«Für die Übernahme durch den Schlepper benötigen w i r Ihre ungefähre Po-
sition.»
o o
«Wir sind auf 12 50' Nord, 5 9 o' West, das heißt etwa 35 Seemeilen süd-
östlich vor Barbados.»
«Alles läuft gut», sage ich der Mannschaft. «Man wird uns einen Schlepper

166
entgegenschicken. Hängt den Luftsack etwas mehr in den W i n d , damit die
Lüftung besser wird. W i r sollten vier große Signallaternen bereithalten und
eine weitere an den Topp hängen, um uns bemerkbar zu machen.»
«Ich kümmere mich darum.» (Antonio)
«Ich glaube nicht, daß es nötig ist.» (Ingrid)
«Paß auf, Santiago, du kennst doch die Morsezeichen. Ich habe dir eine
kleine Morselaterne gebastelt, nichts Besonderes, aber sie müßte gehen, ich
habe es ausprobiert.»
Genial hat Antonio ein Signallicht zu einer kleinen Blinklaterne umgebaut,
die perfekt funktioniert. Ich kann zwar Morsezeichen nicht aufnehmen, aber
ganz gut geben. Im Bedarfsfall werde ich mit der Lampe auf den Mast steigen.
Das Topplicht hat Antonio schon gesetzt.
Die Leute in Mexiko sind rührend um uns bemüht, aber sie können sich ein-
fach nicht vorstellen, wie begrenzt die Manövrierfähigkeit eines Floßes ist.
Alles, was sie uns sagen, ist schön und gut, aber so einfach einen ganz genauen
Kurs steuern, ist völlig ausgeschlossen.
«Versuchen Sie, auf den Raum nördlich von Barbados zuzuhalten», emp-
fiehlt Mexiko.
«Falsch. Ich bleibe lieber südlich. Sollten wir nämlich den Schlepper ver-
fehlen, haben wir immer noch die winzige Chance, von der Strömung nach Nor-
den getrieben zu werden und zwischen San Vincente und Santa Lucia hin-
durchzukommen oder, falls w i r Geradeauskurs halten, die Grenadinen zu pas-
sieren. Segeln w i r aber jetzt schon nördlich, werden w i r in den Atlantik abge-
drängt.»
Und werden uns unweigerlich in dem berüchtigten «Bermuda-Dreieck»
wiederfinden, wo alljährlich Schiffe und Flugzeuge verschwinden.
2.30 Uhr nachts. Bis auf Aischa und Ingrid, die Wache gehen, sind w i r alle
in der Kajüte.
«Good God, ayl ayl Good God, help me, help me!»
Alle werden brutal aus dem Schlaf gerissen. «Ana! Ana!» Es ist die Stimme
Esperanzas.
Ein fliegender Fisch hat sich durch eine Luke verirrt und ist mitten auf dem
Kajütboden gelandet. Er zappelt und flattert umher und verbreitet einen
schrecklichen Geruch. Esperanza hat sich zu Tode erschrocken. Schließlich glückt
es Teresa, ihn zu schnappen und aus der Luke zu werfen.
«Warum hast du ihn weggeworfen? W i r hätten ihn essen können.»
«Daran habe ich nicht gedacht, ich habe ihn weggeworfen, weil es Esperanza
vor ihm graute.»
In den folgenden Tagen verschlechtern sich die Beziehungen Sofia-Marcos
und Emiliano-Ana. Warum, weiß ich nicht. Niemand spricht mit mir darüber.

167
W i r sind, bis auf wenige Ausnahmen, zu unserer anfänglichen Schlaf-
ordnung zurückgekehrt. Leider habe ich es dadurch jetzt etwas weiter zum
Funkgerät, das immer wichtiger w i r d und mit dem Antonio und ich beinah
pausenlos beschäftigt sind - zum Leidwesen Emilianos und Anas; sie können
nicht schlafen. W i r beschließen eine neue Wacheinteilung.

Teresa Esperanza
Funkgerät
Marcos Antonio

Ana Sofia

Komico Santiago

Ingrid Aischa

Navigationstisch Emiliano

Zehnte Bilanz

Kurz vor Barbados stellen w i r zur erneuten Bewertung unserer gegenseitigen


Beziehungen eine Skala von o bis 7 auf.
Aischa: versteht sich am besten mit Esperanza und Antonio, am schlech-
testen mit Marcos, hat aber zu niemandem eine wirklich starke Beziehung,
weder im positiven noch im negativen Sinn. Ihre Noten bewegen sich um
4 herum.
Santiago: hat die beste Beziehung zu Sofia, aber zu allen ein gutes Ver-
hältnis. Versteht sich gut mit Antonio, aber der versteht sich nicht so gut mit
ihm. Seine niedrigste Note : 5.
Sofia: versteht sich am besten mit Santiago, aber auch ausgezeichnet mit
Marcos und Komico: Durchschnittsnote: 4,5.
Teresa: versteht sich nur mit Antonio gut; ausnehmend schlecht mit Marcos
und Komico. Durchschnittliche Bewertung: 4,5.
Emiliano: hat ein außergewöhnlich gutes Verhältnis zu Marcos, Esperanza,
Komico und Santiago. Versteht sich mit allen gut. Seine niedrigste Note: 5.
Antonio: ist eng befreundet mit Komico und Aischa, hat aber ein gespanntes
Verhältnis zu Santiago und Sofia, denen er eine 4, seine niedrigste Note,
gibt.

168
Ingrid: hält ihre Beziehung zu Ana für besonders positiv; versteht sich gut
mit Antonio, Komico und Sofia, schlecht mit Marcos. Ihre niedrigste Note:
4, ihre höchste: 6.
Esperanza: versteht sich gut mit Ana, ziemlich gut mit Aischa, Santiago und
Komico, eindeutig schlecht mit Marcos und Sofia. Ihre höchste Note: 6, ihre
niedrigste: 4.
Marcos: versteht sich gut mit Santiago, etwas weniger gut mit Esperanza,
Komico und Sofia, überhaupt nicht mit Teresa.
Komico: versteht sich mit allen gut aber besonders mit Ana und Aischa.
Sehr schlecht mit Esperanza. Seine Durchschnittsbewertung liegt bei etwa 4,5.
Ana: kommt besonders gut mit Santiago, Komico und Esperanza aus und
besonders schlecht mit Antonio und Ingrid.

Seit drei oder vier Tagen hört man gleich nach Sonnenuntergang merkwürdige
Geräusche, ein Plätschern, Zischen, Sausen rings um das Floß, als wenn Wellen
sich an einem Felsen brechen - unheimlich in der mondlosen Dunkelheit! Es
sind Fische, die einander jagen und aus dem Wasser springen. Etliche Haie
dürften darunter sein. Die Geräusche gehen an die Nerven. Ebenso unange-
nehm ist der intensive Gestank nach Fisch. Ein bis anderthalb Stunden dauert
es, dann verziehen sich Geräusche und Geruch allmählich, und gegen neun ist
die Jagd vorbei.

Ein neues Wahrheitsspiel

Fragen an:
Emiliano: Verdanken wir es unserer Tüchtigkeit oder der schützenden Hand
Gottes, wenn w i r heil nach Mexiko kommen? - Eher dem Schutz Gottes.
Santiago: Hast du keine Angst, von einem Hai gefressen zu werden, wenn
du mehrmals hintereinander tauchst, um etwas zu reparieren? - Doch, große
Angst.
Sofia: Liebst du Santiago wirklich, oder ist es nur ein Spiel? Und was pas-
siert in Yukatan? - Ich liebe Santiago, aber ich glaube nicht, daß w i r unsere
Beziehung fortsetzen können.
Ingrid: Interessiert das Experiment dich eigentlich und glaubst du, daß
etwas dabei herauskommt? - Ich hoffe, es geht positiv aus. Ich wüßte gern mehr
über dieses Thema.
Esperanza: M i t wem möchtest du gerne schlafen? - M i t allen; und allen
zusammen.
Komico: Liebst du Sofia? - Ja, ich liebe sie sehr.

169
Teresa: Warum bist du sexuell so aggressiv? - Weil ich Marcos liebe und er
sich nichts daraus macht.

Diesmal läuft das Spiel besser als beim erstenmal, aber w i r werden durch
einen heftigen Regen unterbrochen. Rasch müssen w i r alles abdecken oder in
die Kajüte schaffen. Der W i n d frischt auf, w i r d stürmisch. W i r schuften, bis
wir nicht mehr können und uns nur noch festhalten - jeder, wo er gerade ist.
Erschöpft warten wir das Ende des Sturmes ab. Das Ruder führt Marcos.
Ich rufe ihm zu, vor dem W i n d zu laufen.
Er hört mich nicht, doch instinktiv tut er das Richtige. Zwei, drei Brecher ge-
hen über uns hinweg, doch schon bald beruhigen See und W i n d sich wieder.
Ernstlich passiert ist nichts.
Ich bin allein in der Kajüte; noch zwei Tage bis Barbados.
«Santiago, könntest du nicht um etwas Marihuana bitten?»
Da ich keinen Streit w i l l , gehe ich zum Schein darauf ein: «Ich w i l l es ver-
suchen, aber es dürfte schwer sein.» Unmögliche Vorstellung, über Funk um
Marihuana zu bitten.
Am Nachmittag weint Teresa wieder mal: «Ingrid findet, es sei Wahnsinn,
durch die Karibische See zu segeln, das hat sie Aischa und mir gesagt.»
«Meeting! Der Boß möchte ein meeting!» schreit Antonio.
«Ich höre, Ingrid findet, es sei Wahnsinn, die Karibik zu durchqueren. Nun,
vorläufig sind w i r ja noch nicht einmal auf Barbados. Ein Wahnsinn ist -
wenn schon - das Experiment an sich: auf einem Floß mit Nicht-Seeleuten über
den Atlantik! Das haben wir gewußt. Für den Notfall stehen wir mit mehreren
Funkstellen in Verbindung. Was uns auf dem Floß not tut, ist etwas weniger
Geschwätz und etwas mehr Fleiß. Ich weiß, Ingrid, daß du dich nicht so richtig
wohl fühlst in deiner Haut, aber darauf können w i r keine Rücksicht nehmen,
du trägst die Verantwortung für die Navigation. Von sechsunddreißig wichti-
gen Maßnahmen an Bord, das muß ich dir leider sagen, wurden fünf von Mar-
cos, vier von Antonio und Komico, sechsundzwanzig von mir veranlaßt. Und
nur eine einzige von dir. W i r sind alle bereit, dir zu helfen, aber hör bitte auf,
dich abzusondern und alles hinter meinem Rücken zu bekritteln. Versuche,
dich der Lage anzupassen; sie kann jeden Augenblick schwierig werden. W i r
wollen versuchen, Cozumel zu erreichen, und wir haben genausoviel Angst
vor Wirbelstürmen wie du. W i r müssen auf Gedeih und Verderb zusammen-
halten. Du hast gesagt, deine größte Enttäuschung sei die Acali als solche.
Da kann man nichts machen. M i r tut es leid, uns allen tut es leid, daß dich
das belastet. In deiner Eigenschaft als Navigatorin bitte ich dich jetzt, uns
deine Meinung zu sagen, ob du glaubst, daß es besser sei, zwischen den Gre-
nadinen oder zwischen San Vincente und Santa Lucia hindurchzusteuern.»

170
Auch dieses M a l legt Ingrid sich nach der Besprechung weinend aufs Bett.
«Du warst zu grob zu ihr, warum hast du nicht allein mit ihr gesprochen?»
«Antonio, der Ärger mit Knut oder die Dinge, die an Bord vorgekommen
sind, gehen die ganze Gruppe an. Alles ist ein Problem der Gruppe. Wenn du
das Funkgerät im Stich ließest, weil du dich nicht wohl fühlst, brächtest du das
Experiment zum Scheitern, und uns alle in Lebensgefahr. Natürlich müßte ich
dir dann vor allen sagen, was du zu tun hättest.»
Antonio verübelt mir auch den neuerlichen Platzwechsel in der Kajüte.
«Gerade war ich so weit, daß ich mit Aischa warm wurde, und da klaust du
sie mir!»
«Ich dachte, ihr wäret nur Freunde.»
«Gott, du weißt doch, wie das ist, Aischa und ich, nun j a . . . w i r mögen
uns.»
Marcos hat die beiden Bretter, die ihn gegen Ana und Teresa abgrenzen,
wieder angebracht; bei seinen vorigen Nachbarn hatte er sie entfernt.
«Du siehst, Santiago, nichts als Keuschheit auf deinem Floß», lautet Anas
Kommentar.
Vorsicht vor Eifersucht! Heyerdahls Befürchtungen haben sich bewahrheitet.
«Professor, Sie scheinen sich gar nicht darüber im klaren zu sein, daß Sie
bei der halben Mannschaft Eifersucht auslösen. Erinnern Sie sich, daß Sofia
bei einem Wahrheitsspiel zugegeben hat, von Natur aus eifersüchtig zu sein.
Jetzt ist sie es auf Aischa, weil Aischa Fortschritte gemacht hat und Sie sich oft
mit ihr unterhalten. Auch Antonio verübelt Ihnen das. Ana ist eifersüchtig auf
Sofia und Komico ein wenig auf Sie - ebenfalls Aischas wegen. »
Bei einer kurzen Besprechung gebe ich die neuesten Meldungen aus Mexiko
bekannt. Am Tag zuvor sind Andrée und meine Sekretärin mit einem Fern-
sehteam von Kanal 13 nach Barbados abgereist. W i r können damit rechnen,
daß wir von einem Schlepper übernommen werden, der uns zuerst nach Bar-
bados und dann in die Karibik bringt.
«Was schlägst du vor, Ingrid?»
«Ich kann nicht improvisieren. Eigentlich möchte ich viel lieber nur nähen»,
erwidert sie leise.
Und genauso leise frage ich: «Aber, mein liebes Kind, was tust du dann
hier auf See?»
Endlich hat Ingrid den Mund aufgemacht! Endlich fängt sie an, sie selber zu
sein.
Am nächsten Tag sollte der Acali eine ihrer kritischsten Stunden schlagen.

171
Krach an Bord

Teneriffa gibt uns durch, man habe ein Tonband mit den Stimmen von Teresas
Kindern. W i r beschließen, einen Tag zu warten, und es dann, falls zeitlich
möglich, senden zu lassen.
Inzwischen kommen von Barbados Wetternachrichten und eine herzliche
Grußbotschaft.
Antonio, der nur mit halbem Ohr zugehört hat, was mit Las Palmas verein-
bart wurde, schaltet plötzlich das Funkgerät wieder auf Sendung und ruft:
«Hier Acali, hier Acali, Las Palmas, bitte kommen.»
«Was fällt dir denn ein?»
«Ich w i l l sehen, ob sie uns das Band mit Teresas Kindern nicht abspielen
können.»
«Wir haben vereinbart, damit bis morgen zu warten.»
«Mußt du zwei Frauen hier an Bord zum Wahnsinn treiben?!» brüllt
Antonio mich plötzlich an, außer sich vor Wut. «Siehst du nicht, daß Ingrid
und Teresa fertig sind?! Daß Teresa eine Mutter ist, die sich nach ihren Kindern
sehnt?»
Ich bewahre Ruhe. «Im Augenblick können w i r das Gerät nicht für private
Wünsche blockieren. Las Palmas hat sich abgemeldet, weil Venezuela uns in
einer Viertelstunde den Wetterbericht durchgibt. W i r werden uns jetzt nicht
mit Familienkontakten aufhalten! Ana hat auch Kinder und Esperanza und
Sofia und Marcos und du und i c h . . . »
Antonio unterbricht mich mit einer drohenden Geste: «Ach, Quatsch, das
ist bei Teresa etwas ganz anderes. Du weißt gar nicht, was es heißt, Mutter zu
sein!»
Langsam werde ich gereizt: «Antonio, du schaltest ab. Du weißt nicht, was
du sagst. Komm zu dir. W i r unterhalten uns später darüber.»
«Wenn hier einer Dinge klarstellt, dann bin ich's! So kann es nicht weiter-
gehen!» faucht er mich an und schlägt mit der Faust auf den Boden.
«Antonio, sei vorsichtig. In diesem Ton können w i r nicht miteinander
reden.»
«Was schlägst du also vor?»
«Wir kommen jetzt in eine sehr gefährliche Zone. Entweder brechen w i r das
Experiment ab, oder ich bestehe darauf, daß man dich in Barbados absetzt.»
«Bitte sehr, ich gehe mit Vergnügen, wenn du das willst. Ich ertrage den
Anblick von zwei unglücklichen Frauen nun mal nicht!»
Teresa liegt in einer Ecke der Kajüte - ganz Opferlamm - und stammelt m i t ,
tränenerstickter Stimme: «Laß doch, ist ja nicht schlimm. Ich habe ja gar nicht
gesagt, daß ich das Band jetzt hören w i l l . W i r machen es halt, sobald es geht.»

172
«Teresa ist die einzige wirkliche Mutter hier!» schreit Antonio, der völlig
die Beherrschung verloren hat.
Auch ich begehe den Fehler, laut zu werden.
«Eine Diskussion auf diesem Niveau können w i r uns nicht leisten. Ich wie-
derhole, wenn es nötig ist, werde ich verlangen, dich auf Barbados abzusetzen.»
Einige Minuten lang herrscht lähmende Stille. Dann kommt einer nach dem
andern zu mir.
«Meinst du das ernst, Santiago?»
«Antonio war wütend, aber du auch.»
«Ihr müßt einen Strich unter die Sache ziehen.»
«Entschuldige, Santiago, ich tue, was du für richtig hältst», sagt schließlich
Antonio.
«Das kann ich nicht allein entscheiden und auch nicht allein mit dir disku-
tieren», erwidere ich.
Am nächsten Tag Versammlung. Das Problem ist schwerwiegend.
«Bis jetzt haben w i r die Fragebogen als mehr oder weniger wichtiges Mate-
rial behandelt. Nun stehen w i r zum erstenmal vor einem wirklich lebenswichti-
gen Problem. Ich finde, jeder sollte aufschreiben, wie er über den gestrigen
Krach denkt, das heißt, klar und sachlich seine Meinung äußern. Antonio und
ich auch. Danach entscheiden wir, was geschehen soll.»
Die Mannschaft kommt in etwa zu folgenden Schlüssen:
1. Wenn ich selber dieses Experiment auf die Beine gestellt hätte, würde ich
mich von dem störenden Teil trennen. Natürlich nur, wenn es nicht anders
ginge. M i r persönlich wäre es allerdings lieber, das Experiment mit allen elf
Teilnehmern fortzusetzen.
2. Ich sehe zwei Möglichkeiten: a) w i r wechseln den Funker aus; b) jeder
behält seine bisherige Funktion bei, und das Experiment geht weiter; es darf
nicht auf Barbados abgebrochen werden.
3. Antonio hat kein Augenmaß bewiesen. Aber wirklich ausfallend oder
gefährlich war er nicht. Er muß bleiben. Die Fahrt durch die Karibische See ist
ohnehin gefährlich, da kommt es auf ein Risiko mehr auch nicht an.
4. Das ist eine ernste Warnung. W i r haben keine Garantie, daß es nicht
noch schlimmer kommen kann. Trotzdem bin ich dafür, gemeinsam bis Mexiko
durchzuhalten.
5. Ich schätze Antonio mit seinen Vorzügen und Fehlern, stimme aber San-
tiago zu: Er könnte eine Gefahr bedeuten. Ob er auf Barbados bleibt oder nicht,
muß Santiago entscheiden. Bleibt er, w i r d es für uns alle nicht leicht sein, auch
nicht für Santiago. Abgesehen davon, brauchen w i r in der Karibik einen guten
Funker, mehr noch als im Atlantik. Ich werde mich aber Santiagos Entschei-
dung fügen.

173
6. Antonio hat sich aufgeregt und einen schweren Fehler begangen. W i r k -
lich aggressiv ist er aber nicht. W i r sollten Antonio verzeihen und alles lassen,
wie es ist.
7. Antonio möchte die Reise gern bis zum Ende mitmachen und w i r d daher
tun, was Santiago oder wir von ihm verlangen.
8. Die gleiche Situation kann sich unter Umständen bei schlechtem Wetter
wiederholen und zur Katastrophe führen. Darüber sollte Antonio nachdenken
und sich klarmachen, daß aus seinen Reaktionen und seiner Nervosität ein
Konflikt entstehen kann, nicht allein mit dem Expeditionsleiter, sondern auch
mit irgendeinem anderen Mannschaftsmitglied. W i r müssen aufrichtiger sein
und über unsere persönlichen Probleme miteinander sprechen, um das gute
Verhältnis innerhalb der Gruppe zu wahren.
9. Das Funkgerät ist kein Spielzeug, wir sind darauf angewiesen. Auseinan-
dersetzungen dieser A r t können w i r uns auf dem Floß nicht leisten, sie könnten
uns das Leben kosten.

Ich teile der Mannschaft mit, daß die Meinungen auseinandergehen: Zwar
wünsche man allgemein, daß Antonio an Bord bleibe, doch sähen mehrere die
Gefahr, daß der Vorfall sich wiederhole; die Entscheidung überlasse man mir.
«Wir werden ein, zwei Tage darüber nachdenken. Anders geht es nicht.
Antonio, habe bitte Geduld. Für den Augenblick schlage ich vor, daß Sofia und
Esperanza sich mit dem Funkgerät vertraut machen. Ich bitte euch jedoch, unter-
einander möglichst nicht über die Sache zu sprechen oder zumindest objektiv
zu bleiben. Tratsch hilft uns nicht weiter.»
Die Gemüter auf dem Floß sind erregt. Antonio kommt zu mir ans Ruder.
«Santiago, du hast doch nicht etwa geglaubt, ich würde dich schlagen?»
«Da bin ich nicht so sicher, aber ich hätte mich zu wehren gewußt.»
W i r lachen. Trotzdem mache ich mir Gedanken. Meiner Meinung nach wäre
es eine Katastrophe, Antonio unterwegs abzusetzen; andererseits könnte ein
neuer Streit unser Verhängnis sein. Ich gehe aufs Dach, ich muß ein bißchen
Abstand von dem Floß gewinnen.

Dreizehnte Betrachtung

Lorca hat gesagt: «Alles Geheimnisvolle hat Genie.»


Jede Nacht auf dem Atlantik überfällt uns das Geheimnis der Natur und
mehr noch das Geheimnis des Menschen und seines Schicksals. Geheimnis
und Unwissenheit reichen einander die Hand.
Unwissende sind wir im Herzen der Natur, in einem ihrer unberührtesten
Bereiche; Affen und Forscher, die herauszufinden suchen, welche A r t Affe

174
sie sind. Jeden Tag wissen w i r mehr darüber und jeden Tag etwas weniger.
A u f ein und demselben Floß badet eine Frau nackt und harpunieren drei
Männer einen Hai. Nur ein, zwei Meter trennen sie, doch weder schenkt die
Frau den Männern mit dem Hai Beachtung, noch achten diese auf die Frau.
Vom Ruderstand aus unterhält ein Mann sich mit einer Frau, die auf der
Toilette sitzt. Ein anderer ist mit Schreiben beschäftigt, während abwechselnd
zwei Frauen mit dem Sextanten arbeiten. Jede dieser Tätigkeiten und Hal-
tungen müßte zu «normalen» Zeiten das Interesse der Umwelt erwecken.
Hier nicht. Schon nach sechzig Tagen haben wir uns an ein Verhalten ge-
wöhnt, das in jeder beliebigen Stadt Aufsehen erregen würde. Wenn die
Umstände es erfordern, können w i r uns mit einer Leichtigkeit, die wir nicht
für möglich gehalten hätten, allem oder fast allem anpassen. Warum aber
können wir uns dann nicht auch an Land, in unserem «normalen» Umfeld,
einander anpassen? Ich glaube, dazu fehlt uns die Berührung mit dem Ge-
heimnis der Natur. W i r begreifen uns nicht. W i r verstehen es nicht, eine
Atmosphäre zu schaffen, wie sie der Natur mühelos gelingt. W i r begreifen
den anderen nicht. A u f der Acali gibt es das nicht. Man befürchtet nicht,
sich in etwas einzumischen, das einen nichts angeht.

Am Freitag, dem 13., begegnen wir gegen Abend einem Schiff, das uns gefähr-
lich nahe kommt. Vom Topp blinke ich Morsezeichen: «Acali, Acali, Acali».
Keine Antwort, obwohl man uns gesehen haben muß. Das Schiff nähert sich
uns noch mehr, ehe es stumm abdreht und seiner Wege zieht.
Am nächsten Tag erfahre ich, daß Antonio einen Brief herumgereicht hat, in
dem er allen Teilnehmern seine große Sympathie ausdrückt. M i r hat er ihn
nicht gezeigt.

Wieder Schwierigkeiten mit dem Ruder

Im Verlauf des Vormittags bricht steuerbord das Ruderkabel.


Antonio: «Wir müssen das Ruder an Bord holen und dem Schlepper zum
Reparieren mitgeben.»
«Nein, w i r hieven es ein Stück hoch, bringen ein neues Kabel an und lassen
es wieder runter», meint ein anderer.
«Wozu?» sagt Sofia, «ich ziehe meinen Taucheranzug an und mache das
Kabel wieder fest.»
Komico: «Am besten lassen w i r es auf Barbados im Trockendock repa-
rieren.»
W i r beschließen, mit der Reparatur bis zum nächsten Tag zu warten und sie

175
in der Mittagsstunde auszuführen, wenn nicht so viele Haie da sind. Bis nach-
mittags um vier sind wir guten Mutes, dann sehen w i r einen Riesenhai, aber
wirklich ein Riesenbiest, mehrmals unter dem Floß hin- und herschwimmen.
Marcos und ich liegen die halbe Nacht wach. Als ich mich zur Wache
fertig mache, flüstert er mir zu:
«Professor, ich hab's.»
«Was, Marcos?»
«Wie wir das mit dem Ruder machen. W i r ersetzen das Kabel durch die
Ankerkette. Schwierig wird es nur sein, die Kette unter Wasser anzubringen,
aber Sie schaffen das sicher, sonst vielleicht Sofia.»
Am andern Tag versuche ich es mehrmals; Ana und Antonio halten Aus-
schau nach Haien. Das Meer ist ruhig, aber meine Tauchermaske ist nicht
dicht, der Bart läßt Wasser durch. So muß Sofia ran, auch Marcos ist im Wasser.
Ich drücke Sofia mit den Füßen nach unten, weil sie die Neigung hat, in die
Schwimmlage zu gleiten. Relativ leicht und mit viel Geschick erledigt sie die
Reparatur. Hinterher ist sie selig und mit ihr alle an Bord.
Beim Essen kommen wir zu der Ansicht, daß niemand auf Barbados abge-
setzt werden sollte. Unterstützt von Sofia oder Esperanza, w i r d Antonio weiter
unser Funker sein, und wir alle werden versuchen, uns möglichst gut zu ver-
tragen und einen Strich unter die Streitigkeiten zu ziehen. M i t einem letzten
Rest Cointreau, den Antonio aus dem Laderaum holt, stoßen wir auf ihn an.
Vergeblich warten w i r auf das Flugzeug, das uns ausfindig machen soll.
Am Dienstag, dem 17. Juli, unternimmt die Maschine einen zweiten Versuch.
Abends erfahren wir über Funk, daß sie uns fast fünf Stunden lang gesucht hat.
Alle sind an Deck. W i r ziehen eine Meeresschildkröte an Bord, an deren Bauch
sich ein kleiner Fisch festgesaugt hat. Die Schildkröte werfen wir wieder ins
Wasser, den Fisch heben wir für eine Mahlzeit auf. Während die anderen den
Himmel beobachten, ziehe ich ein Resümee der Beziehungen an Bord.

Elfte Bilanz

Aischa ist immer dieselbe, ruhig und gutgelaunt, aber nicht mehr so kokett.
Santiago bleibt der Führer und hat jetzt anscheinend ein gutes Verhältnis
zu Ingrid. Ebenfalls zu Antonio, trotz des Streits.
Sofia ist mächtig stolz auf ihren Auftritt als Froschfrau. Sie hat sich von
Santiago etwas zurückgezogen und ist jetzt besser in die Gruppe integriert.
Emiliano bleibt sich immer gleich. Jeder mag ihn, er mag jeden.
Ana hat weiterhin ihre Hochs und Tiefs. Sie braucht jemanden. Gutes Ver-
hältnis zu Aischa und Esperanza. Kommt auch gut mit Ingrid aus, aber nicht
mehr.

176
Antonios Stimmungsbarometer ist gesunken. Er möchte sich vor Aischa
hervortun, aber es gelingt ihm nicht.
Ingrid hat ihren Kapitänspanzer abgelegt und fühlt sich sichtlich wohler.
Sie macht sich nützlich an Bord und ist viel hübscher geworden.
Esperanza ist unverändert fröhlich, nimmt alles von der lustigen Seite und
bringt uns durch ihre Originalität zum Lachen. Ausgezeichnete Beziehung
zu Ana.
Marcos schreibt alles auf, weil er fachlich besonders interessiert ist, und
zeigt sich von zwei verschiedenen Seiten: Mich nimmt er ernst, die andern
ironisiert er mit einem leichten Hang zur Herrschsucht.
M i t Teresa w i r d es immer schlimmer. Hier muß etwas geschehen. Aus nich-
tigen Anlässen fällt sie von einem Extrem ins andere.

Am Morgen des 18. allgemeine Aufregung. W i r stellen bunte Decken, Schein-


werfer, Leuchtraketen, Rauchsignale, Spiegel, kurz alles, was leuchtet, qualmt
und blitzt, bereit. Die Zeit verstreicht. Nichts. Nicht die Spur von einem
blauweißen Flugzeug. Nicht das leiseste Summen eines Motors.

Verloren ?

«Wir wollen die Lage nicht dramatisieren, ich möchte nur noch einmal aufzäh-
len, was wir im Fall der Fälle, das heißt, wenn wir auf Grund laufen oder
abtreiben, zu tun haben. Wer nachts ein Licht sieht oder bei Tage eine Küste
ausmacht, gibt sofort Bescheid. Dann befinden wir uns in Alarmzustand und
müssen entsprechend handeln. Emiliano, du verstaust vier oder fünf Wasser-
kanister an Deck. Sofia, du machst Proviant für eine Woche klar. Wenn wir an
einer Küste stranden, dürfte es kaum Ernährungsprobleme geben, im ande-
ren Fall brauchen wir Notrationen; und zwar für jedes Schlauchboot. Marcos,
du läßt von jeder Floßseite zwei dicke Taue herab, an denen die Boote festge-
macht werden können. Und vergeßt die Decken nicht. Es besteht gute Aussicht,
daß die Maschine uns heute findet, aber wir müssen auf alles gefaßt sein.»
«Hier Acali, hier Acali.»
Vom Flughafen Bridgetown antwortet Andrée :
«Wir sind verzweifelt. Unmöglich, euch zu finden. Die Maschine startet um
15.15 Uhr noch einmal. Wenn eure Position stimmt, müßten wir euch gegen
16 Uhr sehen.»
Um 16.15 Uhr steige ich auf den Mast. Da! Ein ganz schwaches Geräusch.
Das Flugzeug! Es hat uns gesehen! Ich weine vor Freude und muß mich fest an
den Topp klammern, um nicht abzustürzen. Die Maschine kommt näher, um-

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kreist uns mehrmals und verschwindet wieder. W i r sind noch nicht verloren!
Allseits überströmende Freude. Nun müssen w i r uns noch auf die Karibische
See vorbereiten.

Auf Barbados - von Andrée

Seit meiner Rückkehr nach Mexiko ruft mich regelmäßig der Amateurfunker
an, der die schwere Aufgabe übernommen hat, mit der Acali in Verbindung
zu bleiben: «Santiago w i l l dich sprechen.»
M i t großer Aufmerksamkeit verfolge ich den zweimal wöchentlich durch-
gegebenen Funkspruch, und eines Tages höre ich deutlich das Wort «Novem-
ber». Das bedeutet nach unserem Privatcode: Ohne Hilfe schaffen wir es nicht,
durch die Kleinen Antillen zu kommen. Die Acali muß geschleppt werden, oder
sie treibt ab.
Zwei Monate haben wir Zeit, um dieses Manöver vorzubereiten. Mandri,
der mexikanische Schiffsbauingenieur, der zusammen mit seinem britischen
Kollegen die Acali entworfen hat, begleitet mich von Ministerien zu Botschaften
und Schiffahrtsgesellschaften. Wer auch nur entfernt etwas mit der Karibik
zu tun hat, w i r d aufgesucht.
Kein Weg, keine Mühe bleibt uns erspart, doch alle Schritte, die w i r unter-
nehmen, beweisen: Helfen kann uns nur eine Anordnung vom Staatspräsi-
denten.
Erst nachdem sie ergangen ist, reisen zwei Leute nach Barbados, zu denen
acht Tage später Diego und ich mit dem Fernsehteam stoßen. Übrigens eine
Odyssee für eine so kurze Entfernung. Flughafen Mexiko. Keine Platzreser-
vierung. Wer bleibt zurück? Endlich Miami. Zehn Minuten später: «Bedaure,
die Maschine ist eben gestartet.» Warteliste. Die nächste geht drei Uhr nachts.
Ausgebucht. Fliegen wir über Caracas. «Wenn ich keinen Schlaf kriege, zittern
mir morgen die Hände», sagt der Kameramann, und sein Teamkollege pflich-
tet ihm bei: «Ich werde keinen klaren Gedanken fassen können.» San Juan!
Warteliste. Kingston in einer Stunde! Kein Anschluß! Barbados direkt: mor-
gen früh bei Tagesanbruch.
Wie ein Smaragd auf blauem Samt liegt funkelnd die Insel Barbados vor
uns. Vergessen der Regen, die stürmischen Winde Mexikos! Freundlich emp-
fängt uns das schöne schwarze Inselvolk. An der Westküste, warm und lieblich
wie ein Südseetraum, beziehen w i r Quartier. Hinter dem wildzerklüfteten
Gestade zieht der Meeresstrom vorüber, mit dem die Acali herantreibt.
Alle berühmten Ozeanfahrer, die keine Seeleute, sondern Wissenschaftler
waren, sind über Barbados gekommen; Alain Bompard mit seiner Hérétique,

178
Thor Heyerdahl mit Ra I und Ra II und Colin Muddie mit der Small World,
um nur einige zu nennen. Die bevorstehende Ankunft der Acali regt daher
niemanden auf, die Behörden empfangen uns mit größter Freundlichkeit.
Es muß geregnet haben, denn die Erde ist an diesem Morgen warm und
feucht. Myriaden schwarzer Vögel hüpfen auf den Rasenflächen umher - die
Spatzen von Barbados.
W i r stapfen einen schattigen Hügel hinauf und stoßen auf ein englisches
Landhäuschen, das hinter einer blühenden Hecke versteckt liegt. Ein Mann
kommt mit ausgestreckten Händen auf uns zu. Es ist Woody, unser Amateur-
funker, der uns seit einer Woche erwartet. Very British. Humorvoll plaudert er
über sein Funkgerät: «Es ist eine A r t Zeitvertreib, sozusagen meine Teestunde.
Jeden zweiten Tag unterhalte ich mich mit Philippe auf Jamaika oder Ludovic
in Florida. Manchmal gibt es auch wichtige Ereignisse, wie die Ankunft der
Ra-Boote oder Ihrer Acali.» Woody hantiert an ein paar Knöpfen herum, klopft
an sein Mikrofon, wirft einen Blick aus dem Fenster, um zu sehen, ob die A n -
tenne in Ordnung ist, und meldet sich: «Hallo, hallo, Papa Coca Cola ruft
Acali.. . ruft Acali... Acali, hören Sie mich? Acali, sind Sie auf Empfang?
Over.»
«Sprechen Sie, Ihr Mann ist dran . . . »

Die Sonne, die Wärme, die Farben, die Heiterkeit und Gemächlichkeit (vierzig
Stundenkilometer Geschwindigkeitsbegrenzung), nichts auf dieser Insel deutet
auf dramatische Ereignisse hin, die sich uns an diesem Sonntag ankündigen.
Aus Sicherheitsgründen w i l l die Acali einen - ausdrücklich als Übung bezeich-
neten - Seenotruf durchgeben, aber die Verbindung ist so schlecht, daß der
Mann in Venezuela nur das Wort SOS und eine Telefonnummer auf Barbados
aufschnappt. Zum Glück ist das die Nummer des beteiligten Fernsehsenders,
dem dieser Hilfeschrei aus heiterem Himmel merkwürdig vorkommt; man
beschließt barmherzigerweise, mich nicht zu verständigen und bemüht sich,
mit Hilfe Woodys und einiger Seefunkstellen, weitere Nachrichten von der
Acali zu bekommen.
Als ich am späten Nachmittag in Woodys Landhaus eintreffe, ist man zu
folgendem Beschluß gekommen: da w i r keine Verbindung kriegen und nicht
wissen, ob und was passiert ist, ist es das beste, das Floß mit einem für Tiefflug
geeigneten kleinen Flugzeug zu suchen.
Vier Uhr früh. Die Nacht ist wolkenlos, aber stockdunkel. W i r sitzen in der
engen Kabine. Ich sehe mir meine Mitflieger an, die ich nicht kenne und in de-
ren Händen, deren Augen mein und das Schicksal der Acali liegt. Fernsehpro-
duzent Nacho, ein schweigsamer Zweimetermann mit breiten Schultern, der
während der dreitägigen Suche nicht ein einzigesmal die Augen zumacht;

179
Kameramann Oscar, dürr wie eine Zaunlatte, mit dicker Intellektuellenbrille
und flinken, geschickten Bewegungen; und schließlich noch Alberto, ein junger
Journalist, der die Idee mit dieser Suchaktion hatte. Aus seinen dunklen Augen
sprüht Intelligenz. Von vorn ähnelt er einem Andalusier, während sein Profil
an alte Mayabilder erinnert. In unser Dösen dringt die Stimme des Piloten:
«Halten Sie jetzt bitte die Augen offen, wir sind über der angegebenen Stelle.»
Er holt eine Karte hervor und zeigt uns einen Punkt. «Genau da befand die
Acali sich gestern abend. Da w i r ihre Reisegeschwindigkeit kennen, müßte sie
jetzt ungefähr hier sein.» M i t Bleistift malt er ein Kreuz auf die Karte und drum
herum einen Kreis: «Das ist das Gebiet, das w i r gerade überfliegen. Ich werde in
jeder Richtung ein Stück darüber hinaus fliegen und dann im Zickzackkurs zu-
rückkkehren. Das Meer w i r d regelrecht abgegrast, sie können uns nicht ent-
gehen.»
Ich höre noch, wie Santiago mich fragt:
«Andrée, wie soll das Floß gestrichen werden?»
«Aber, Santiago, es ist doch dein Floß. Du mußt darauf leben! Such dir eine
Farbe aus, die dir gefällt.»
«Nein, Farben sind deine Sache. Such du sie aus. Mach ein Farbmuster, das
schicken w i r nach England.»
Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, seit wir dieses Gespräch geführt haben ;
dabei sind es doch nur ein paar Wochen. Die Fachleute hatten mir zu Orange ge-
raten, das sei die Farbe, die auf dem Meer am besten zu sehen sei.
«Aber das ist doch gar nicht dein Geschmack», hatte Santiago beim Anblick
der Proben gemeint.
«Nein, aber wenn das Unglück es will, daß ich dich eines Tages auf dem
Wasser suchen muß, dann ist es besser, wir ziehen das Praktische dem Ästhe-
tischen vor. »
Eine Woche später zu dem Entwurf für das Segel: «Es ist wunderschön, A r -
naldo, aber leider geht es nicht. Diese Rosa- und Violettöne verlieren sich im
Meer, das Segel würde so gut wie unsichtbar. Du mußt viel mehr Orange auf
deiner Palette mischen.» Arnaldo hatte von vorne begonnen und ein Meister-
werk der Zweckmäßigkeit geschaffen.
Und so suchen wir alle den orangefarbenen Flecken, der nirgendwo erscheinen
will. Die vermeintlich knallige Farbe glänzt auf dem Meer durch Abwesenheit.
«Die Position, die Ihr Mann angegeben hat, ist falsch», verkündet der Pilot.
«Santiago ist kein Seemann, sondern Anthropologe. Er kann gar keine Posi-
tionsbestimmung machen. Er gibt sie nur weiter.»
«Gut, dann ist eben die Position, die er weitergegeben hat, falsch. Wenn sie
stimmte, hätten wir das Floß längst sehen müssen. Ich habe nur noch Benzin für
den Rückflug, für heute müssen w i r die Suche aufgeben.»

180
Ziemlich niedergeschlagen kehren wir ins Hotel zurück.
«Wo ist Papa?» fragt Diego mich ängstlich.
«Papa ist irgendwo auf dem Meer, aber wo genau, weiß kein Mensch. Und
was hast du gemacht?»
«Heute morgen war ich tauchen, ich habe viele Muscheln gefunden, daraus
mache ich dir eine Kette. Dann habe ich auf der Terrasse gegessen und hinter-
her Pingpong und Boule gespielt.»
«Mit wem?»
«Ach weißt du, wenn hier die Kellner mit Servieren fertig sind, räumen sie
alles zur Seite und spielen bis zum Abend. Sie haben gesagt, ich könnte ruhig
mitspielen. Es sind meine Freunde.»
Wundervolle Inseln, glückliche Bewohner!
Wieder vor dem Funkgerät: «Papa Coca C o l a . . . sucht Acali, sucht Acali.
Acali, kommen Sie! Geben Sie Ihre Position an.»
W i r empfangen verschiedene Zahlen, die die Sekretärin mit der Karte ver-
gleicht. Sie macht mir ein Zeichen. Da stimmt etwas nicht. Die Angaben er-
geben keinen Sinn.
«Acali, Acali, da muß ein Fehler sein, geben Sie nochmals Position an.»
Rauschen, Knacken, Jaulen. Dann kommt die neue Position. «Okay», sagt
die Sekretärin, «das müßte stimmen.»
«Acali, Acali, vor dem Start morgen früh rufen w i r Sie wieder und lassen
uns Ihre Position geben. Bis morgen um sechs also.»
Und so geschieht es, aber als wir dann am Treffpunkt sind, sehen w i r nur
einen bildschönen Passagierdampfer mit dicken Schornsteinen, aus denen
schwarzer Rauch quillt. Sonst ist alles wie beim erstenmal. Unverrichteter-
dinge kehren wir zurück, fliegen über eine riesige, breite Allee, die der Äquato-
rialstrom durch den Ozean zieht.
«Müßten w i r sie nicht zwangsläufig finden, wenn w i r langsam den Strom
absuchen?» frage ich. Anscheinend nicht! Ich dränge nicht weiter. Zwei Tage
bleiben uns noch zum Suchen. Kein Grund zur Panik - nur zum Verzweifeln.
«Papa Coca C o l a . . . Acali, Acali, geben Sie uns Ihre Position. Sind Sie
sicher, daß Sie sich überhaupt vorwärts bewegen?»
«Ja, absolut. Over.»
«Hat ein Passagierschiff mit zwei Schornsteinen Ihren Kurs gekreuzt?»
«Nein, wir haben keine Menschenseele gesehen. Over.»
«Haben Sie auch kein kleines Flugzeug gesehen oder gehört?»
«Nein. Over.»
«Morgen vor dem Start rufen wir Sie wieder, aber machen Sie inzwischen
bitte eine neue genaue Ortsbestimmung. Over.»
Georges, der junge kanadische Pilot, ist sauer. «Vorgestern haben w i r Meter

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für Meter abgesucht. Gestern, vom errechneten Treffpunkt aus, ein immer grö-
ßeres Gitternetz gezogen. Morgen - was soll ich morgen machen?»
Diesmal starten wir später. Die Sonne steht schon hoch am Himmel. Aller-
dings ist die Strecke, die w i r heute zurücklegen müssen, auch kürzer. Die
Acali dürfte schon nicht mehr weit von Barbados entfernt sein. Wenn wir sie
aus dem Südäquatorialstrom herausfischen wollen, müssen wir sie finden. Also
auf ein Neues !
Während der langen, gemeinsam in der engen Kabine verbrachten Stunden
haben wir uns miteinander angefreundet; wir duzen uns. Wenn der Pilot nach
endlosem Suchen verkündet: «Ich habe kein Benzin mehr, wir müssen zurück»,
bekommt er zu hören :
«Jorgito, du, der beste Pilot der Insel, findest sie nicht? Das ist doch unmög-
lich!»
«Entweder sucht ihr euch ein anderes Flugzeug und einen anderen Piloten,
oder ihr gebt mir eine bessere Position. Heute morgen hat mir der Tower fünf
verschiedene Positionen durchgesagt, die um Meilen voneinander abweichen.
W i r haben sie alle abgeklappert und nichts gefunden. Das ist einfach unmöglich.
Wenn auf Ihrem Floß wenigstens ein vernünftiges Funkgerät wäre!» Da mir
dieses Problem nicht neu ist, sage ich lieber gar nichts.
Vom Flughafen aus sind die schlechten Nachrichten durchgesickert. Englische
Reporter, japanische Fotografen, amerikanische Journalisten umlagern uns.
Stumm bahnen wir uns einen Weg in die Bar.
Der Pilot geht verärgert davon, um mit seinem Chef zu sprechen. Unter-
dessen werden unsere Getränke auf dem Tisch lauwarm. Keiner sagt etwas. Um
uns herum das übliche Getümmel bunt und nachlässig gekleideter Touristen,
die auf ihre Maschinen warten. Ich muß nachdenken, mich konzentrieren. Wie
war das eigentlich mit dem Floß? Ich vergegenwärtige mir noch einmal das Bild,
von der nächtlichen Ankunft im Hafen von Las Palmas bis zu dem Augenblick,
da ich die Acali am Horizont entschwinden sah. Plötzlich springe ich auf. Ich
hab's. Ich glaube, das ist die Lösung. Denn das letzte, was ich damals von der
Acali sah, war trotz der leuchtenden Farben ein weißer Fleck. M i t einem einzi-
gen Zug stürze ich meinen Gin hinunter, renne die Treppe hoch und pralle mit
dem Piloten zusammen, der mir entgegengelaufen kommt.
«Ich suche dich.»
«Ich dich auch.»
«Dein Mann ist am Telefon.»
Ich renne zum Apparat.
«Santiago, wie ist deine Position? Du bist unauffindbar, wo seid ihr? Over.»
«Beruhige dich, Andrée, sucht weiter, ihr müßt uns finden. W i r sind ein gro-
ßer orangefarbener Fleck auf dem Meer. »

182
Orange! Demnach ist anzunehmen, daß weder Floß noch Segel die Farbe
verloren haben. Welch ein Glück!
«Ich gebe dir den Piloten, besprich alles mit ihm. Over.»
Ich gebe Georges den Hörer. Er hört zu, stellt Fragen, gibt Ratschläge:
«Legt alles, was blinkt und blitzt, aufs Kajütdach. Setzt das Segel, schießt
beim leisesten Motorengeräusch, das ihr hört, Leuchtraketen.»
M i t neuer Hoffnung kehren w i r zur Maschine zurück. Ich bitte um einen an-
deren Platz. Meine Mitsucher sind so müde, daß sie mir den Mond gäben, wenn
ich ihn verlangte, nur den Platz an der Seite des Piloten, den geben sie mir nicht,
und das erweist sich als Glücksfall. A u f dem Seitensitz habe ich die bessere
Chance, die Acali zu entdecken. Diesmal drücke ich die Nase nicht gegen die
Fensterscheibe. Entspannt lehne ich mich zurück und beobachte den Horizont.
«Nach was hältst du denn Ausschau?» fragt der Journalist spöttisch.
«Nach einem weißen Punkt.»
«Du meinst o r a n g e . . . »
Nur keine Diskussion, kein Quentchen Energie unnütz verschwenden. I m -
merhin kann ich mich auch irren. Am Horizont öffnen und schließen sich die
weißen Schaumblüten, ein Panorama, das an mexikanische Wiesen in der Re-
genzeit erinnert. Manchmal steigt eine Welle hoch, bricht sich, braucht länger
als andere, ehe sie verschwindet. Dann zähle ich eins, zwei d r e i . . . Wenn ich bis
zehn komme, und sie ist immer noch da, dann ist es keine Welle, dann ist es der
weiße Fleck, den ich vor den Kanarischen Inseln am Horizont habe verschwinden
sehen. Lächelnd denke ich an Arnaldo, der mit solcher Sorgfalt die Farben aus-
gesucht hat. Eine halbe Stunde vergeht.
«Georgito, du hast dich doch nicht verflogen?»
«Natürlich nicht. W i r sind erst in zwanzig Minuten da. Geduld.»
Ich zähle weiter. Da ist eine dicke, eine riesige Welle! Eins, zwei, drei, vier,
fünf... und bei zehn ist sie weg. Unermüdlich fange ich mein Spiel von vorne
an. Dann plötzlich sehe ich sie, ganz weit draußen am Horizont, größer und
weißer als die anderen. Ich zähle bis fünfzehn, sie ist immer noch da. Unver-
ändert. Ein klein wenig höher und ein klein wenig schmäler als die anderen.
Ich schließe die Augen. Tief und langsam atme ich durch. Welch köstliche Emp-
findung!
Sehe ich ihn immer noch, wenn ich die Augen wieder aufmache, dann sind
sie's. Ich tippe dem Piloten auf die Schulter:
«Sieh mal da links hinüber, ganz weit nach links, da hinten am Horizont,
siehst du das kleine weiße Taschentuch?»
Georges zögert, zögert, wie mir scheint, endlos lange, ehe er die Maschine
in eine Linkskurve zieht. Allmählich spielt, wie bei einem Farbfilm im Fixier-
bad, das Weiß in Orange. Leuchtraketen zischen in den Himmel. Sie haben uns

183
gesehen. Das Flugzeug wackelt mit den Flügeln. In unserer Kabine ist alles in
Bewegung. Der Kameramann stößt jeden zur Seite. Ich ziehe mich auf den
Rücksitz zurück und träume. «Und dies ist ein Traum auf See, wie er noch nie
geträumt ward, und das Meer in uns wird ihn träumen», schrieb Saint-John
Perse in den See-Marken.
W i r fliegen zurück. Im Hotel trennen wir uns rasch. Für heute ist die Partie
gewonnen. Nichts wie ins Bett!
Um neun Uhr sind wir beim Hafenkommandanten David. Er ist ein statt-
licher Mann mit einer Hautfarbe wie Milchkaffee, der strahlend lächelt und un-
geheuer liebenswürdig ist. Er zeigt uns zwei Schlepper, zwei winzige, aber hoch-
seetüchtige Schiffe. Ich gehe an Bord des einen, lehne mich an die Reling und
warte auf Georges, unseren Freund aus New York, der noch mit den anderen
diskutiert.
W i r besichtigen den Schlepper. Er hat nur eine einzige Koje, keine Kombüse,
kein Bad. «Könnten Sie mich denn mitnehmen?» frage ich den Kapitän.
«Das kommt auf Sie an. Wie weit Sie die männliche Gesellschaft in Kauf
nehmen. Wo ist für Sie die Grenze?»
Gute Frage. Das habe ich mir noch nie überlegt. W i r unterhalten uns mit
dem Maat. Georges telefoniert unterdessen in alle Himmelsrichtungen und er-
kundigt sich nach den neuesten und besten Funkgeräten, wie und wo man sie
bekommen kann.
Der Hafenkommandant hat folgendes beschlossen: Die Acali w i r d in eine
entlegene kleine Bucht geschleppt, wo sie Reparaturen durchführen, den Pro-
viant ergänzen und über Nacht bleiben kann. Dann w i r d das Floß zwischen
den Inseln Santa Lucia und San Vincente hindurch in die Karibische See ge-
schleppt - und wieder seinem Schicksal überlassen.
Das gesamte Fernsehteam w i l l an Deck des Schleppers übernachten. W i r
stoßen am andern Morgen mit einem kleinen Fischerboot dazu. Die endlich
wiedergefundene Acali wiegt sich an ihrer Schleppleine auf den Wogen. Die
Männer und Frauen auf dem Floß sehen blühend gesund aus, einige haben so-
gar merklich zugenommen. Aus den Freudenschreien, unartikulierten Lauten,
nicht vollendeten Sätzen, die fieberhaft von Bord zu Bord gejubelt werden, höre
ich die altvertraute Frage heraus: «Ja, was hast du denn gemacht? Du bist ja
ganz blaß, ganz mager!» Als ob man in der Regenzeit oder in einem Flugzeug
braun werden könnte! Ich erkenne Antonio, den Funker der Acali. Ich glaube
nicht, daß er für die ungenauen Positionsbestimmungen, die er uns durchgege-
ben hat, verantwortlich ist. Wer ist aber dann verantwortlich? Trotzdem rufe
ich ihm einen Vorwurf zu, worauf er fatalistisch feststellt: «Ich wußte, du wür-
dest meckern.»
Viele Arme strecken sich Diego, unserem Sohn, entgegen, der von Deck zu

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Deck gehoben wird. Nach den Fotos, die er gesehen hat, erkennt er jeden wie-
der und wird von allen gehätschelt. Wenn ich die Mütter mit ihm spielen sehe,
muß ich die Augen abwenden; irgendwo auf der Welt, diesseits und jenseits
des Ozeans, haben sie Kinder im selben Alter. Wie gerne hätte ich statt eines
Sacks voller Briefe einen Sack Kinder mitgebracht.
Bewältigte Dinge erscheinen einem immer leichter, als sie gewesen sind. Fast
könnte man jetzt behaupten: «Im Grunde war der Atlantik gar nicht so
schlimm.» Karibik heißt das riskante Abenteuer, das noch vor uns liegt. Die
Karibische See mit ihren Tücken. Und schon morgen geht es weiter.
Ich will nicht daran denken.
Nachdem der Sturm der Wiedersehensfreude sich gelegt hat, versammelt sich
die Acali-Gruppe auf dem Kajütdach des Floßes. Eine Vogelfamilie auf dem
Baume der Erkenntnis. Ungerührt sehen sie am Strand die Palmen vorüberglei-
ten. Santiago geht für ein paar Stunden an Land. Im Sand liegt kieloben ein
Kahn. W i r setzen uns darauf. Ich sehe das Meer, den Himmel, die Erde und
den bärtigen, struppigen Mann neben mir, der stämmiger und dicker geworden
ist. Fragen werden gestellt, Antworten gegeben. Die Zeit ist knapp. Arbeit.
Psychologen, Soziologen, Tests, Statistiken, Studien, das Funkgerät, die Er-
gebnisse, die Medikamente, die Graphologie... Arbeit. Ich erkläre Santiago
die Insel. Er versteht nicht - macht sich kein Bild. Und ich, verstehe ich die Ver-
antwortung für das Leben dieser Menschen, die Stürme, das unbekannte Meer?
Ich weiß, was sie bedeuten, aber ich weigere mich, Angst zu haben, weiter zu
denken, als bis zu einer bestimmten Grenze, die ich mir gezogen habe. Die
Arbeitsprobleme sind besprochen. Es gibt vorläufig nichts mehr zu sagen. A u f
Wiedersehen, Santiago. W i r wollen so unpersönlich sein wie möglich, w o l -
len an der Oberfläche schwimmen. Wehmütig? Kaum. Dieser Fremdling hat gar
nichts mit mir zu tun. Ich warte auf einen anderen, der später heimkehren wird.
Man muß nur Geduld haben. Wer die Nerven verlieren w i l l , findet immer einen
Vorwand.
A u f der Acali leiden sie weder Hunger noch Durst. Doch was wünschen sie
sich? Vanilleeis, Schokoladeneis, Südfrüchte, grüne Salate, weißes Gemüse,
rotes Fleisch. Die Sekretärin und ich durchstreifen die Märkte. Abends liefern
wir den begeisterten Acaliern volle Körbe ab.
Morgen bei Tagesanbruch läuft die Acali aus.
Ein wildes Klopfen an meiner Tür: «Andrée, Andrée, es ist fünf Uhr. Bist
du wach?»
«Ich bin sofort fertig.»
In der einen Hand Sandalen und Pulli, mit der anderen das Kind hinter mir
her zerrend, jage ich die Treppe hinunter. Georges wartet vor dem offenen
Taxi. Langsam fahren wir durch die Stadt, denn wie spät man auch dran sein,

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wie eilig immer man es haben mag, die Taxis überschreiten nie die vorge-
schriebene Geschwindigkeit.
Ein blau-weißes Motorschiff der Kriegsmarine erwartet uns. Die Besatzung,
sehr elegant, in ihre schmucken Uniformen geschnürt, bemüht sich um uns.
Der Schlepper hat die Maschine angelassen und macht behutsam Fahrt - die
Acali hinter sich. Ein letztes Lächeln, Grüße, Winken. An einer Leine w i r d ein
Beutel eingeholt. Sofia und Aischa schenken uns zum Abschied ein Weißbrot,
das sie im Morgengrauen gebacken haben. Es ist noch warm und duftet nach
Weizen. Danke. A u f Wiedersehen. Macht's gut. Bis bald.

Barbados, vom Floß aus gesehen

Am Morgen des 19. Juli sichten wir den Schlepper in einer Entfernung von etwa
sieben Seemeilen. Über uns kreist wieder ein Flugzeug. Die See hat Schaum-
kronen. Im Dingi setze ich zum Schlepper über und begrüße das mexikanische
Fernsehteam. Die meisten haben grüne Gesichter; nur zwei scheinen nicht see-
krank zu sein.
«Keine Sorge, Professor, für Ihre Fahrt durch die Karibik ist alles Nötige
veranlaßt. Sollten Sie in einen Wirbelsturm geraten, werden Sie sofort danach
geborgen.»
«Entschuldigung, würden Sie das bitte noch einmal wiederholen.»
«Werden Sie sofort danach geborgen.»
Ebensogut könnte man zu einem Typhuskranken sagen: «Regen Sie sich
nicht auf, ich besuche Sie auf dem Friedhof.»
Ausgezeichnetes Verständnis zwischen mir und dem Kapitän des Schlep-
pers. Er erklärt mir, warum die nördliche Passage für uns günstiger ist.
«Am besten, Sie kehren jetzt auf Ihr Floß zurück und kümmern sich um die
Übernahme der Schleppleinen. A u f See ist das gar nicht so einfach.»
Ich erkläre Ingrid, wie es gemacht werden soll: Der Schlepper wird sich vor
unseren Bug setzen, und sobald er nah genug heran ist, müßt ihr rasch das Segel
einholen und die Leinen an Bord nehmen.
«Okay, das klappt schon, sei ganz unbesorgt.»
Ich sitze mit Antonio vor dem Funkgerät, Barbados w i l l mit uns sprechen.
Da kommt Aischa angerannt.
«Die Schleppleinen haben sich in den Ruderblättern verfangen, die können
jeden Augenblick brechen.»
Vom Ruderstand aus sehe ich, wie sich im Wasser die gut und gerne fünf
Zentimeter dicken Trossen um das Backbordruder wickeln. Keine Minute ist
zu verlieren. Ohne mich zu besinnen, hake ich eine Sicherheitsleine ein und

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springe ins Wasser. Schwieriges Unterfangen. W i r treiben mitten in der
Strömung, die hier immer stärker wird. Ich versuche, mich nach unten zu
ziehen, aber das Wasser ist stärker als ich. Meine Sicherheitsleine schlingt sich
um das von den Trossen des Schleppers blockierte Ruder. Ich komme nicht
wieder los, zerre wie wild, versuche, mich abzustemmen, die Luft wird knapp.
Doch je stärker ich alle meine Muskeln anspanne, desto deutlicher spüre ich,
daß die See mich besiegt. Hat mein letztes Stündlein geschlagen? Endlich
kann ich mich befreien, halb bewußtlos klammere ich mich an das Floß. Nur
Sekunden fehlten, und ich wäre, verheddert zwischen Leinen und Ruder, er-
trunken. Niemand hat etwas gemerkt. Ich schöpfe einige Zeit Atem und mache,
unterstützt von Komico, einen neuen, diesmal erfolgreichen Versuch. Komico
ist sehr geschickt im Wasser.
19 Uhr. Am anderen Morgen sollen wir Barbados erreichen und in Brown
Beach ankern, einem ehemaligen Hafen und Piratenschlupfwinkel. Dort wer-
den wir uns, ohne Freunde zu sehen, einen Tag ausruhen. Andrée wird natür-
lich da sein, der ich allerhand mitgeben kann; sie w i r d uns ihrerseits Post
bringen und hoffentlich genaue Informationen über die derzeitigen Bedingun-
gen in der Karibik. Ich rufe meine Leute zu einer Besprechung zusammen.
«Wir sind froh und innerlich bewegt, das wollen w i r uns gar nicht ver-
hehlen, aber achtet bitte darauf, daß wir auch morgen isoliert bleiben. Das
Experiment muß bis Cozumel fortgesetzt werden.»
Ingrids ganze Vorbereitung zur Durchquerung des Karibischen Meers be-
steht darin, daß sie auf der Karte eine gerade Linie gezogen hat, die genau
zwischen Santa Lucia und San Vincente hindurch bis fast nach Serrana und
Serranilla heranführt und von da nach Cozumel.
Der Hafen Bridgetown liegt an der Westküste von Barbados. Drei Stunden
lang umrunden w i r die Insel: Hotels, Palmen, Strände, Berge. Ein Fischerboot
mit Andrée, Diego, meiner Sekretärin Olga und Georges an Bord nähert sich
uns rasch und kommt längsseits. Große Freude, die w i r aber etwas zurück-
halten, um die anderen nicht neidisch zu machen. Ich gehe mit Andrée an
Land.
«Du hast abgenommen, Andrée.»
«Du hast zugenommen, Santiago.»
A u f der Acali klappt das Ankermanöver so schlecht, daß der Kapitän des
Schleppers sich gezwungen sieht, an Bord zu gehen und Anweisungen zu
geben. Ich hatte darum gebeten, schriftliche Unterlagen, Filme, Tonbänder
und Fragebogen in meiner Abwesenheit einzusammeln. Als ich zurückkomme,
ist nichts oder so gut wie nichts gemacht. Ich halte eine kurze Versammlung ab:
«In wenigen Minuten kommen Fotografen und Journalisten. Hoffentlich
geht nun alles gut.»

187
Ingrid steigt aufs Dach und weint wieder mal. Aber als dann ein schwedi-
scher Journalist sie interviewt, ist sie wie ausgewechselt. Das ist normal - und
andererseits schade. Antonio, heiterer und gesprächiger denn je, ist fidel wie
ein Fisch im Wasser. Er hat bereits eine Hose gegen Whisky eingetauscht.
Unsere Bitte um Toilettenpapier w i r d erfüllt: Man überreicht uns großzügig
eine Rolle.
Dann ist es soweit. Der Schlepper zieht uns vorsichtig aus der Bucht, schleppt
uns etliche Seemeilen durch die Meerenge und überläßt uns dann wieder unse-
rem Schicksal. Ana und ich überwachen das Loswerfen der Leinen. W i r setzen
das Segel und nehmen Kurs auf Mexiko.
Samstag, den 21. Juli 1973, am Tage nach unserem Aufenthalt auf Barba-
dos, schreibt Marcos:
«Es ist klar, daß das Gruppenverhalten im allgemeinen wie auch das Ver-
halten jedes einzelnen sich ändert, wenn man nach zweimonatiger Isolierung
auf See plötzlich wieder mit der Zivilisation in Berührung kommt. Trotz der
durchaus normal verlaufenen Atlantiküberquerung hat die Gruppe zeitweilig
eine Lebensform entwickelt, die für die meisten neu war, aber eigentlich jedem
gefiel und ihm das Gefühl von Freiheit gab. Es ist möglich, daß eine solche
Lebensform auf die Dauer viele individuelle Verhaltenszüge endgültig verän-
dern würde. Leider wissen wir alle, daß es sich nur um ein zeitlich begrenztes
Experiment handelt. Bei der Rückkehr in das alltägliche Leben dürften die auf
der Acali praktizierten neuen Lebensweisen zweifellos wieder verschwinden
und in Vergessenheit geraten. Bleiben wird allein die Erinnerung an ein schö-
nes Abenteuer. Jedenfalls werden die meisten Teilnehmer so reagieren, das
hat schon, nach einigen Angebereien zu urteilen, die an Bord unbemerkt blie-
ben, der kurze Aufenthalt in Bridgetown gezeigt. Die Gespräche, hundertmal
lebhafter als sonst, drehten sich nur um Banalitäten, die sich auf die Stadt be-
zogen; mindestens zwei Personen haben ernsthaft erwogen, in ein Nachtlokal
zu gehen. Die Unterbrechung auf Barbados bedeutet für das Experiment einen,
wenn auch angesichts der Kürze des Aufenthalts winzigen Schritt zurück.
Immerhin kann man sich nun eine deutliche Vorstellung davon machen, wie
die Ankunft in Cozumel aussehen wird, gesteigert durch den Erfolg und die
Publicity. Wie dem auch sei, in der Wissenschaft kommt es häufig vor, daß ein
Schritt zurück eine Vorstellung von dem nächsten Schritt nach vorn vermittelt.»

Einigen hat dieser Ruhetag indessen gutgetan, unter anderem auch Ingrid,
die mir folgendes schreibt:
«Es stimmt, ich habe kein Selbstvertrauen, das macht mich traurig, und des-
wegen weine ich. Improvisieren fällt mir nun mal schwer, und für mich ist das
ganze Floß eine einzige Improvisation. Ich wußte es vorher schon, vielleicht

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besser als irgendwer sonst, und habe versucht, es Dir in England und in Las
Palmas zu sagen. Aber nachdem ich nun zehn Wochen lang auf der Acali mit
sehr verschiedenen Menschen zusammengelebt und dann auf Barbados andere
kennengelernt habe, finde ich, daß wir, unsere Gruppe, uns auf eine ganz be-
sondere Weise verstanden haben und daß die Acali unser Zuhause war. Ich
hatte Angst vor der Karibik. Jetzt, da wir hier sind, ist mir wohler. Ich bin
froh, daß Ana mir bei der Navigation hilft, gemeinsam können wir es gut
schaffen. Auch über die Verbesserungen auf dem Floß freue ich mich; daß w i r
versuchen, uns mit dem zu begnügen, was wir haben. Wenn ich was verpatze,
komme ich mir idiotisch vor. Und ich hasse es, Befehle zu geben. Ich w i l l vor
allem in die Gemeinschaft aufgenommen werden und keine Sonderstellung
einnehmen wie zu Anfang.»
Endlich, Ingrid, hast du es gewagt, aus deinem Panzer rauszukommen. Ich
gehe zu ihr und umarme sie herzlich. Sie erwidert diese Geste.
Nachts auf dem Dach schreibe ich :

Nach so vielen ]ahren,


Andrée, welch eine Gemütsbewegung,
Mich so zu sehen, wie ich bin:
Unser vergangenes Leben,
Das einen Augenblick
In deinen Händen liegt.
Ein ganzes, volles und dauerhaftes,
Ein ozeanfestes Leben.
Gehüllt in meine Empfindungen und in meine Arbeit,
Ziehe ich wieder seewärts
Und entferne mich aufs neue.
In meinen Händen, ich weiß es wohl,
Trage ich dein Leben fort.

In der Karibischen See

21. Juli. Die Wirklichkeit hat uns wieder. W i r sind in der Karibik - zu einer
äußerst heiklen Jahreszeit. Ich frage mich, und das verstärkt noch meine grund-
sätzliche Sorge, warum das Flugzeug uns erst nicht finden konnte, obwohl es
doch unsere Koordinaten hatte. Man hat mir gesagt, es sei reiner Zufall ge-
wesen, daß man uns entdeckt habe - weit abseits der Stelle, an der wir zu
sein glaubten.

189
Neues Wahrheitsspiel:
Antonio: Ist dir klar, daß du bei deinem vorgeblichen Interesse für andere nur
von dir selber sprichst? - Antwort: vielleicht.
Emiliano: Glaubst du, daß du jetzt, wo du weißt, daß w i r alle ums Leben kom-
men können, eine besondere Aufgabe hast? - Meine Aufgabe ist nicht, für den
Tod, sondern für das Leben bereit zu sein.
Ingrid: Findest du, daß w i r als Laien jemandem vertrauen können, der so
viele Fehler macht wie du? - Nein, das finde ich nicht.
Antonio: Warum hast du auf Barbados Whisky gekauft und behältst ihn
für dich allein? - Äh . . . ich verwahre ihn, aber nicht für mich allein.
Ana: Bist du von dem Sinn des Experiments jetzt eher überzeugt oder stehst
du ihm weiterhin indifferent gegenüber? - Ich nehme das Experiment ernster
als viele andere und habe volles Vertrauen in Santiago.
Ingrid: Wenn du von dem Experiment nicht viel begreifst und den Aufgaben
eines Kapitäns im Grund nicht gewachsen bist, warum hast du dann überhaupt
teilgenommen? - Weil ich die See liebe.
Antonio: Hältst du Santiago für ein bißchen verrückt? - Manchmal ja.
Komico: Gibt es eine Frau an Bord, in die du nicht verliebt bist oder warst?
- So leicht verliebe ich mich gar nicht.
Santiago: Warum willst du die ganze Verantwortung allein tragen und ver-
suchst nicht, sie zu teilen? - Seit zwei Monaten versuche ich, sie zu teilen, aber
niemand geht darauf ein.
Santiago: Wer von der Floßbesatzung ist deiner Meinung nach am ehrlich-
sten und sagt immer die Wahrheit? - Emiliano, Esperanza und ich.
Sofia: Weiß Andrée von deiner Beziehung zu Santiago? Ist sie einverstan-
den? - Keine Ahnung. Sie ist eine kluge Frau, die ich sehr mag.
Marcos: Meinst du eigentlich, Kooperation beruht auf der Verachtung der
anderen?-Nein.
Antonio: Liebst du Aischa oder Francisca? Oder beide? - Beide.
Teresa: Würdest du gern mit Komico schlafen? - Ich glaube nicht.
Santiago: Bist du nicht der Ansicht, daß du im Verlauf dieses Experiments
manchmal unüberlegt gehandelt hast? - Doch, mehr als einmal.
Santiago: Welchen Grund hättest du der Presse genannt, wenn Antonio auf
Barbados geblieben wäre? - Ich hätte die Wahrheit gesagt: daß er an Bord
einen Wutanfall gekriegt hat und daß so was im Karibischen Meer gefährlich
ist.
Esperanza: Du machst einen normalen Eindruck, und die Männer gefallen
dir. Warum interessierst du dich für keinen? - Nur einer auf dem Floß inter-
essiert mich, und der ist «besetzt».
Ingrid: Weinst du, weil du dich einsam oder unfähig fühlst, oder aus welchem

190
Grund sonst? - Ich weine, weil ich traurig bin.
Marcos: Du machst den Eindruck eines normalen Mannes. Hast du nicht
Lust, mit jemand zu schlafen? - Im Augenblick nicht.
Ingrid: Hast du jetzt mehr Verständnis und mehr Sympathie für das Acali-
Projekt, das Floß und Santiago oder zweifelst du immer noch? - Was die Na-
vigation angeht, habe ich ein besseres Gefühl und im allgemeinen ein gutes.
Ana: Wer gefällt dir wirklich auf dem Floß? - Santiago.
Ingrid: Wenn Santiago es dir überlassen hätte, ob w i r auf Barbados bleiben
oder weitermachen, wie hättest du dich entschieden? - Santiago entscheidet.
Santiago: Das Flugzeug hat uns erst beim vierten Flug gefunden; kann es
uns bei einem Wirbelsturm auch so ergehen, daß man uns nicht findet und
daß w i r alle umkommen? - Ja, das kann sich wiederholen, und zwar noch
schlimmer, weil w i r weiter von der Küste weg sind.

Aus dem Wahrheitsspiel geht hervor, daß alle sich der Gefahr bewußt sind; daß
Ingrid sich wohler fühlt, seit sie ihre Rangansprüche aufgegeben hat; daß meine
Verantwortung größer geworden ist - leider; und daß jeder sich weiterhin mehr
mit seinen persönlichen Beziehungen beschäftigt als mit dem Experiment oder
dem Gruppenleben. Ich verteile Fragebogen V I I I , dem folgendes zu entneh-
men ist: Acht der elf Teilnehmer glauben an unsere glückliche Ankunft in
Mexiko. Nur vier würden das Experiment mit denselben Personen wieder-
holen; ausscheiden sollten dann: in erster Linie Teresa, Ingrid und Antonio,
dann Aischa. Antonio, Teresa, Ingrid und Aischa sind immer noch, wenn auch
in unterschiedlichen Graden, die Hauptreibungsquellen. Neun Teilnehmer sind
der Ansicht, die Bildung von Paaren schließe zwischenmenschliche Beziehun-
gen zu den anderen nicht aus; zwei meinen, dies sei doch der Fall, und zwar die
beiden, die sich vergeblich um einen Partner bemüht haben!

Der Tod zum Greifen nah

W i r sind auf 1 3 ° 40' Nord und 62° 57' West. Gegen fünf Uhr morgens werde
ich geweckt.
«Ein Schiff, ich glaube, es hält genau auf uns zu», ruft Marcos.
«Nein, es w i r d zwar unsern Kurs ziemlich nah kreuzen, aber achteraus.»
W i r lassen das rasch näher kommende Schiff nicht aus den Augen.
«Vielleicht hast du doch recht, Marcos. Machen wir uns lieber auf alles gefaßt.
Sie müßten unser Segel längst gesichtet haben!»
Das Schiff ist höchstens noch fünf, sechs Kilometer entfernt, und seine Masse
wird immer bedrohlicher.

191
«Es ist ein Frachter und kein kleiner. Er dürfte an die fünfundzwanzig -
dreißigtausend Tonnen haben.»
Höchste Zeit. Das gibt's doch nicht, daß die uns nicht sehen! Warum weicht
er nicht aus? W i r mit unserem Floß können ja gar nichts machen.
«Weck die andern, schnell. Sie sollen sofort raus.»
Verschlafen taumeln sie an Deck.
«Rasch, Antonio, schalte die Batterie ein und das Mastlicht. Dann versuch,
eine Funkverbindung herzustellen und laß das Gerät auf Empfang. Ihr andern
macht sämtliche Lichter an, die ihr auftreiben könnt. Sofia, hol die Alarm-
sirene und du, Ana, sämtliche Leuchtraketen, die w i r in Reserve haben.»
«Es sind nur noch zwölf.»
«Egal, beeil dich.»
Der Frachter, keine drei Kilometer mehr entfernt, ist riesenhaft und hält
schnurgerade auf uns zu. Wie gebannt starrt alles auf die immer näher kom-
mende Silhouette des Ungetüms.
«Ana, mach die Leuchtraketen klar.»
«Soll ich eine abschießen?»
«Nein, w i r lassen ihn noch fünfhundert Meter näher ran . . . jetzt!»
Kaum zwei Kilometer liegen noch zwischen uns und dem Frachter. Ana
schießt eine zweite Leuchtrakete ab. Wieso sehen die uns nicht?
«Holt die Schwimmwesten raus. W i r warten noch ein paar Minuten, wenn
er uns dann immer noch nicht gesehen hat, springt ihr alle ins Wasser.»
Ingrid ist weiß wie die Wand. Zweifellos ist ihr die Gefahr am deutlichsten
bewußt, aber sie rührt sich nicht von der Stelle, ist wie gelähmt. Ana schießt
die dritte Rakete.
«In zehn Sekunden springt ihr und schwimmt los. Komico, du läßt das
Dingi zu Wasser. Zum Einsteigen bleibt keine Zeit mehr, aber wir können uns
daran festhalten.»
Noch fünfhundert Meter. Da endlich! Langsam und träge beginnt der Frach-
ter abzudrehen. Keine zwanzig Meter vor unserer Nase rauscht er vorbei. Das
Floß rollt in seiner Bugwelle.
Die Ore Meridian, unter liberianischer Flagge fahrend, fragt an, ob w i r
etwas nötig hätten und zieht dann ungerührt ihres Weges. Ein Wunder, daß
sie uns nicht in Grund gebohrt hat, viel fehlte nicht. Über Miami richte ich
eine offizielle Beschwerde an die Handelsmarine. Die Ore Meridian habe
nicht, wie vorgeschrieben, den Ausguck besetzt und Positionslampen gesetzt;
weder ihr Radar- noch ihr Funkgerät seien in Betrieb gewesen, denn wir hätten
pausenlos versucht, Verbindung zu bekommen.
Am Nachmittag gibt mir jeder eine Darstellung seiner Eindrücke. Alle, ohne
Ausnahme, sprechen von Todesangst.

192
Noch heute, da ich friedlich zu Hause sitze, habe ich manchmal die gewaltige
Ore Meridian vor Augen, wie sie auf uns zukommt, und spüre wieder die
Angst.
Die Aussichten, nach einer Kollision gerettet zu werden, waren so minimal,
daß wir bestimmt alle ertrunken wären.
W i r verbringen den Tag praktisch mit Nichtstun, glücklich, überlebt zu ha-
ben. Keiner hat Lust, sich aufzuregen. Alle schreiben.
Regnerisches Wetter. Mehrmals schwimmen Delphine dicht an uns vorbei,
und allmählich ist eine erhebliche Wasserverschmutzung festzustellen. Keine
Goldbrassen und keine Lotsenfische, ab und zu ein Hai.
Man warnt uns vor einem Unwetter, 200 Meilen östlich von uns, das sich
mit einer Geschwindigkeit von 10 Meilen die Stunde nähere. M i t starken
Regenfällen sei zu rechnen. Ich bitte Ana und Ingrid, eine Liste der bei schwe-
rem Unwetter zu ergreifenden Maßnahmen aufzustellen.
Während w i r die Kanarischen Inseln empfangen, bricht plötzlich die Ver-
bindung ab. Der Generator streikt. Hat der Motor keinen Sprit mehr? Der
Tank ist voll - voll Meerwasser.
Das auf Barbados gekaufte Funksprechgerät taugt nicht viel mehr als das
erste. Zusätzlich zu den von Ana und Ingrid gemachten Vorschlägen empfehle
ich folgende Vorsichtsmaßregeln: 1. das Funkgerät eingeschaltet lassen; 2.
nachts genügend Lichter führen; 3. Leuchtraketen griffbereit in die Kajüte
legen; 4. Treibanker klarmachen; 5. alles, was nicht feucht werden darf, mit
Planen abdecken; 6. alle Küchengeräte festlaschen; 7. an Steuerbord die Luft-
zuführungen zur Kajüte schließen; 8. Sicherheitsleinen überprüfen und nach-
sehen, ob die beiden Haltetaue vom Ruderstand zur Kajüte in Ordnung sind;
9. prüfen, ob sich Kajüteingang und Fenster dicht schließen lassen; 10. der Ru-
dergänger muß mit dem W i n d und nicht nach dem Kompaß steuern; 11. jeder
muß sich mit einer Sicherheitsleine festhaken; 12. alle Signallaternen klar-
machen; 13. Ölzeug bereitlegen; 14. so oft wie möglich eine Ortsbestimmung
machen, alle müssen die jeweils letzte Position kennen; 15. sich die letzte, über
Funk eingegangene Position eines möglicherweise in der Nähe befindlichen
Schiffes merken; 16. wenn sich die Wettervorhersagen weiter verschlechtern,
anfangen, die Wassertanks zu füllen.
Es regnet ununterbrochen.
«Wenn das Funkgerät eingeschaltet bleiben soll, muß die Batterie aufge-
laden werden.»
A u f Barbados hätte Antonio Zeit genug dazu gehabt, aber nein, da mußte er
seine Hose gegen Whisky eintauschen. Nun müssen wir sechsundzwanzig
Stunden den Generator laufen lassen. Das bedeutet einen Tag Krach und rie-
sigen Treibstoffverbrauch.

193
In der Nacht schlägt dauernd das Segel. Komico, Antonio, Marcos und ich
rudern stundenlang, um das Floß wieder auf Kurs zu bringen. Eine Quälerei.
Und dann bricht auch noch das Backbordruder.
Antonio: «Das habe ich euch ja gleich gesagt.»
Marcos: «Schön, wir haben es kommen sehen, nun ist es eben kaputt.»
W i r legen uns hundemüde schlafen. Am anderen Morgen traue ich meinen
Augen nicht: das Ruder ist repariert.
«Das haben Sofia, Antonio, Esperanza und ich gemacht», erklärt Teresa.
«Heute morgen in aller Herrgottsfrühe.»
Ich sehe die vier an: Antonio, der Sofia nicht mag, Sofia, die Esperanza nicht
mag, Esperanza, die Teresa nicht mag. Reparieren einfach das Ruder - ohne daß
die übrige Mannschaft dabei ist, ohne die elementarsten Vorsichtsmaßnahmen.
Fahrlässig wurde Sofias Leben aufs Spiel gesetzt. Ich bin wütend, und das sage
ich ihnen auch.
Neue Wacheinteilung. Die ausgefüllten Fragebogen werden ausgewertet.
Fragebogen IX bezieht sich auf Religion und Moral. Nur ein Teilnehmer beur-
teilt das Experiment in religiöser Hinsicht negativ, die Mehrheit positiv, der
Rest hat keine Meinung. Zur Frage der Moral gibt es eine negative Einschät-
zung, einige positive, in der Mehrzahl gar keine. Alle bis auf einen glauben,
daß unsere intimen Beziehungen unsere Familienbeziehungen zu Hause berei-
chern. Mehr als zwei Drittel der Teilnehmer hatten religiöse Empfindungen,
ausgelöst durch das Erlebnis des Meeres, die Begegnung mit der Natur oder
durch die Erfahrung einer Liebesbeziehung.
Fragebogen X gibt Aufschluß über Reibereien und Konflikte. Etwas mehr
als die Hälfte ist der Meinung, daß man auf der Acali genauso reagiere wie
auf dem Festland. Jeder hat zu ein oder zwei Personen ein schlechtes Verhält-
nis, und fast jeder würde gern zu einem (oder einer) anderen in nähere Bezie-
hung treten. Nach Ansicht der meisten rühren die schlechten Beziehungen da-
her, daß dieser «andere» ihnen keine Aufmerksamkeit schenkt. Ehrlichkeit und
sexuelle Beziehungen seien das, was w i r am dringendsten brauchten. Unsere
Beziehungen stießen sich noch immer an Rangordnungen, Sprachschranken
usw. Der überwiegende Teil möchte gern eine Woche lang tun und lassen kön-
nen, was er w i l l , und findet, daß der Expeditionsleiter sich genauso verhält wie
jeder andere Teilnehmer. Konflikte entständen durchweg aus menschlichen und
nautisch-technischen Gründen und führten wesentlich zu Frustrationen und
Rivalitäten.
Bei den Frauen - mit Ausnahme Sofias - sind es meist Frustrationen sexuel-
ler Natur, die aber als mangelnde Freiheit, Spannungen zwischen sich und dem
Leiter, Probleme unter Mannschaftskameraden usw. mißdeutet werden. Je
niedriger das Bildungsniveau, desto größer die Neigung, sexuelle Frustration

194
durch das Verhalten anderer zu begründen.
«Neulich hatte ich intime Beziehungen mit Antonio», eröffnet Aischa mir,
«also behandle mich nicht immer wie eine Frustrierte.»
«Nichts liegt mir ferner. Du bist wahrscheinlich diejenige, die sich ihre Aus-
geglichenheit am meisten bewahrt hat.»
«Übrigens glaube ich nicht, daß sich das wiederholt. Antonio ist ein bißchen
grob und ungeschickt.»
Man sieht nicht die Hand vor Augen in diesem Sturm, W i n d und Wellen
fegen über das Deck. Zwei Wirbelstürme fegen in einer Nacht über uns hinweg.
Ein Tau schlägt Teresa gegen den Hals. In diesen dramatischen Augenblicken
erweisen Ana, Teresa und Sofia sich als echte Seeleute.
Nachdem der Sturm abgeflaut ist, bleibe ich eine Weile mit Ingrid und Ana
am Bug stehen. Ana erkundigt sich, wie ich mit dem Verlauf des Experiments
zufrieden bin.
«Es macht sich fabelhaft. Zwar bin ich weder über mich noch über die anderen
besonders glücklich, aber das liegt in unserer Unzulänglichkeit und unserer
menschlichen Natur begründet. Überrascht hat mich, daß w i r uns nicht länger
hinter gefühlsbetonten Entschuldigungen oder wirtschaftlichen Problemen,
die uns an Land erwarten, verstecken, hinter unseren Gewohnheiten, unseren
Exhibitionismen...»
A propos Exhibitionismus, Teresa steigt mitten in der Nacht in den Bade-
korb.
«Da kommst du sofort wieder raus, oder ich ziehe dich an den Haaren an
Deck!» schreit Antonio. «Santiago, das kannst du nicht zulassen. Wenn sie
von einer Qualle gestochen oder von einem Hai angegriffen wird, stehen w i r
ohne Ärztin da!»

Vierzehnte Betrachtung

Die Acali ist nicht das erste experimentelle Projekt der Verhaltensforschung;
sie ist auch nicht das erste Floß, das den Ozean überquert. Unter schwieri-
gen Bedingungen überwinden Menschen, allein auf sich gestellt, große Ent-
fernungen zu Lande, zu Wasser, in der Luft oder im Raum. Die einen treibt
Abenteuerlust, die anderen Wissensdurst, manche sind mehr, manche weni-
ger einsam: Amundsen, Lindbergh, Kon-Tiki, Bombard, Ra I und Ra II,
Gagarin, Glenn und viele andere mehr. Teils von einem beachtlichen tech-
nischen und wissenschaftlichen Apparat unterstützt, teils so gut wie unab-
hängig und allein. A u f der Acali wollen wir mit niemandem wetteifern,
einen Rekord streben wir nicht an. Es handelt sich weder darum, nach der
Vergangenheit zu suchen, noch darum, Probleme der Seefahrt oder des

195
Weltraums zu lösen. Nie werden w i r schrecklichere Minuten erleben als
beim Anblick der Ore Meridian; des riesigen Walhais, der gestern mehrmals
unter dem Floß hergeschwommen ist. Über ein entfesseltes Meer segeln
wir dahin; es erinnert mich an eine Stelle bei Octavio Paz:

Der Durst des Meeres ist ein unersättlicher Durst


Man stirbt, und nie hört man auf zu sterben.

Zwar behalten w i r unseren Konformismus, unsere Schranken, unsere Eng-


stirnigkeit. Und doch, wie vieles davon ist nach siebzig Tagen auf See schon
verschwunden.

Das Beste und das Schlimmste

Ich verteile Fragebogen X I . Die erste Frage lautet: «Was liebst, bzw. haßt du
nach zweimonatigem Beisammensein an jedem von uns am meisten?» Hier
das Beispiel einer Antwort:

Ich liebe Ich hasse


Aischa Individualismus Berechnung
Santiago Phantasie Fachsimpelei
Sofía Die scheinbare Intoleranz
Gleichgültigkeit
Emiliano Guten Charakter Übergroße Zurückhaltung
Ana Hochgradige (schöpfe- Mangelndes Selbstvertrauen
rische) Originalität
Antonio Energie Große Klappe
Ingrid Humor Nicht wissen, wohin mit
sich, Unsicherheit
Komico Humor Jähzorn
Esperanza Musikalität Laschheit
Marcos Erfindungsgabe Verachtung
Teresa Der Wunsch, allen Klatschsucht
zu helfen

Das Experiment hat bei allen Teilnehmern gegenseitige Toleranz erzeugt und
ihnen beinahe ausnahmslos geholfen, soziale, religiöse und manchmal auch
sexuelle Schranken zu überwinden. Aber nur zwei wollen sich nach der Ankunft
in Cozumel eine neue Arbeit suchen und ihr Leben ändern.

196
Heute Fragebogen X I I . Die meisten finden, daß:
1. das Unternehmen Acali sowohl aus wissenschaftlichen Gründen als auch
aus menschlichen Erwägungen durchgeführt werden mußte;
2. man den Leiter anfangs nicht richtig verstanden hat;
3. der größte Teil sich aus wirtschaftlichem Interesse und Abenteuerlust frei-
willig gemeldet hat; einige, um andere Menschen kennenzulernen; einer aus
finanziellen Gründen. Alle sind bereit, an einem neuen wissenschaftlichen
Humanexperiment teilzunehmen, das der Friedensforschung dient;
4. es zu Spannungen geführt hätte, wenn Ehegatten oder enge Freunde teil-
genommen hätten.
5. Nach Persönlichkeitsstärke werden die Teilnehmer so eingestuft: Santiago,
Komico, Sofia, Ana, Marcos, Ingrid, Emiliano, Esperanza, Aischa, Antonio,
Teresa.
6. Nach allgemeinem Intelligenzgrad - und ausschließlich auf die Acali be-
zogen - so: Santiago, Komico, Marcos, Ana, Esperanza, Sofia, Aischa und
Emiliano, dann Ingrid, Teresa und Antonio.
7. Hinsichtlich der Reibungsursachen gehen die Meinungen auseinander.
Die Mehrzahl hält Angstzustände und Unterschiede des Temperaments und
der Bildung für den Grund; ferner das Fehlen sexueller Intimität, die Tat-
sache, daß wir untereinander nicht freimütig genug seien (zwei finden dage-
gen, wir seien zu freimütig), und Sprachschranken. Geteilt sind die Ansichten
auch über die Frage, wie Reibereien zu vermeiden wären: Einige meinen, die
Rollen hätten genauer definiert werden müssen, andere, man hätte jedem die
ihm genehme Rolle zuweisen sollen.
8. Die Männer würden gern mit Aischa und Sofia schlafen; die Frauen samt
und sonders mit Santiago; drei Enthaltungen.

Danach gehen w i r zu Fragebogen X I I I über, den Esperanza, Ingrid, Aischa und


Antonio zusammengestellt haben und der noch einmal das Thema Aggressi-
vität und Gewalt aufgreift.
Nachts kommt uns ein Schiff entgegen, mit dem uns erstmals eine Sprech-
funkverbindung gelingt. Es ist ein uruguayischer Tanker, der über unsere Expe-
dition genau im Bild ist und sogar weiß, daß wir einen Landsmann an Bord
haben. Man beglückwünscht uns und fragt, ob w i r etwas brauchen. (Später
erfahren wir, daß die Presse in Uruguay ausführlich über unser Projekt be-
richtet hat.)
«Ja, Sie können uns unsere Position angeben.»
Die Verbindung hat Aischa hergestellt. Antonio und Esperanza schlafen er-
schöpft den Schlaf der Gerechten. Emiliano ist eingemummelt wie eine Mumie;
Ingrid in tiefem Schlummer. So geht das Leben. Antonio hat Himmel und Hölle

197
in Bewegung gesetzt, um das Gerät in Gang zu bringen, Aischa glückt es auf
Anhieb.
Am andern Morgen liest Sofia uns ihre Beschreibung des «Acaliers» vor:
«Der Acalier nennt sich Affenforscher. Er erforscht sich und seine Artgenos-
sen auf verschiedenen Ebenen. Und nach Schokolade forscht er auch, in Form
von Pulver oder Tafeln, denn die ißt er für sein Leben gern. A u f der Suche
nach Nahrung sieht man ihn oft durch eine Luke nach unten steigen. Trotz
beschwerlicher Verdauung und Seekrankheit ist der Acalier ein Allesfresser.
Äußerlich erinnern nur die Arme an einen Affen, weil sie etwas länger sind
als seine Beine; darin unterscheidet er sich von seinesgleichen an Land. Diese
Eigentümlichkeit verdankt er dem Umstand, daß er vier Stunden täglich das
Ruder führen muß. Eine bestimmte Sprache spricht er nicht; er verständigt
sich mit Hilfe eines dem Englischen entnommenen Wortschatzes, den alle be-
herrschen, aber verschieden aussprechen. In seiner Sexualentwicklung wirkt
der Acalier rückständig, starke sexuelle Gelüste scheint er nicht zu haben. Falls
doch, müssen sie in einer noch unbekannten Form auftreten.»

Ana und Esperanza schlagen mir ein Spiel vor: «Santiago, Männlein und
Weiblein finden nicht zueinander. Schuld hat keiner, es ist nun mal so. Aber
man könnte doch etwas nachhelfen und fünf Nächte hintereinander jeweils
eine Frau mit einem Mann für eine Stunde in der Kajüte allein lassen.»
Ana und Esperanza forschen auf ihre Weise - Ana mit ihrer herrlichen Ver-
sponnenheit und einem Schuß Raffinesse; Esperanza p f i f f i g . . .
Komico und Antonio versuchen, einen kleinen Hai zu fangen, der um das
Floß herumstreicht. Schließlich erwische ich ihn und ziehe ihn an Deck; er lebt
noch. Als Teresa Miene macht, sich ihm zu nähern, herrscht Marcos sie an:
«Solange er nicht tot ist, bleibt ein Hai ein Hai! Ein Wunder, daß er nicht
nach deinem Fuß geschnappt hat.»
«Ich weiß schon, was ich tue. Und dann ist es ja auch mein Fuß, oder?»
«Nein. Es ist einer von zweiundzwanzig Füßen auf dem Floß.»
«Genau das ist das Problem, Teresa, das Dauerproblem der Acali.»

Jeder mit jedem

«Meeting! Meeting!» schreit Aischa.


Anas und Esperanzas Vorschlag w i r d sofort abgelehnt, er mißfällt.
«Ich mache euch einen anderen Vorschlag: Fest steht, daß wir alle, ob Mann
oder Frau, das Bedürfnis haben, uns von Zeit zu Zeit abzusondern, mit der
Gewißheit, nicht gestört zu werden. Es gibt auf dem Floß, was man gar nicht

198
glauben möchte, fünf ruhige Plätzchen: am Bug neben der Steuerbordkiste und
neben oder hinter der Backbordkiste, auf der Sitzbank, in der Kajüte und auf
dem Dach. An jedem dieser Plätze sollen in fünf aufeinanderfolgenden Näch-
ten jeweils eine Frau und ein Mann eineinviertel Stunden lang allein blei-
ben. W i r sind fünf Männer und sechs Frauen, daher w i r d immer eine Frau
während dieser Zeit am Ruder stehen. Niemand spricht laut, singt oder macht
Krach. Jedes Paar tut das, was ihm Spaß macht.»
Allgemeine Aufregung: Die Phantasie ist an der Macht.
«Am Abend losen wir aus, wer mit wem zusammen ist, damit am Ende alle
einmal drankommen. Vorher füllen w i r einen Fragebogen aus: <Was wird ge-
schehen?> und <Was soll, nach meinem Wunsch, geschehen?> Die beiden A n t -
worten müssen nicht übereinstimmen. Es gibt drei Auswahlmöglichkeiten:
schweigen, reden, lieben. Am nächsten Tag bringt dann jeder zu Papier, was
wirklich geschehen ist.»
Alles ist erregt und denkt nur noch an Sex-Erlebnisse. Eine erwartungsvolle
Stimmung macht sich breit.
Abends von acht bis halb zehn kleben Antonio und ich am Funkgerät, um
die Wetterberichte abzuhören. Dann w i r d gelost, und fünf Frauen suchen mit
einem männlichen Partner ihr stilles Eckchen auf. Nachdem die Eineinviertel-
stunde verstrichen ist, geht es vorne auf dem Küchendeck recht vulgär zu, Witze
werden gerissen, anzügliche Bemerkungen gemacht. Ich bin etwas deprimiert.
In der Nacht steige ich aufs Kajütdach, allein und todmüde. Noch drei W o -
chen, vielleicht die schwersten, liegen vor uns. M i t dem geistigen Niveau auf
dem Floß geht es bergab.
Haifisch zum Frühstück. Man zögert. Haie sind auch nur Fische, aber auf
der Acali flößen sie Respekt ein, machen uns Angst. Einen Hai verspeisen heißt
so etwas wie eine Persönlichkeit verspeisen, hat unterschwellig etwas von Kan-
nibalismus. Nur drei von uns überwinden sich. Als wir ihm gestern das Herz
herausschnitten und es in einen Wassereimer warfen, hat es noch einen M o -
ment weitergeschlagen. Komico war davon so beeindruckt, daß er sich weigerte,
es zu filmen.

Zwölfte Bilanz

Beinah drei Monate in der Isolation. Aischa hat sich gebessert, ist fleißig und
führt sich nicht mehr als Star auf. Gutes Verhältnis zu Antonio und Komico.
Auch zu mir. Von ihrer Busenfreundin Sofia hat sie sich etwas zurückgezo-
gen und dafür enger an Ana angeschlossen.
Santiago bleibt der je nach den Umständen geliebte oder gehaßte Leiter. Man
hält ihm seine seemännischen Fähigkeiten zugute. Gute Beziehung zu Sofia,

199
wenn auch nicht mehr so eng wie zu Anfang.
Sofia kommt weiterhin mit allen gut aus, besonders gut mit Marcos und
Santiago, mit erstem besser. Ist in ausgezeichneter körperlicher Verfassung.
Emiliano bleibt sich gleich. Gutmütig, tut alles, was man von ihm verlangt.
Versteht sich mit allen gut, besonders mit Santiago und Marcos.
Ana hat ihren eigenen Rhythmus; ihre Hauptbeziehung: Komico - mit ge-
wissen Höhen und Tiefen, weil dieser sich auch für Aischa und seit neuestem
für Sofia interessiert. Die Aussicht, in drei Wochen am Ziel zu sein, macht
sie froh. Feinfühlig, klug, lebhaft, aber etwas durchtrieben.
Auch Antonio fühlt sich wohler. Ist in besserer Stimmung. M i t Aischas
Gleichgültigkeit hat er sich abgefunden. Hält sich mehr an Komico, was
niemand versteht.
Aus Ingrid ist eine sanfte, nicht sehr charakterfeste Frau geworden, die sich
gern beliebt macht; hat viel Humor.
Komico: begabter Bastler wie Marcos. Aber nie schöpferisch. Was er macht,
macht er gut. Ist immer gerade hinter der Frau her, die sich in Reichweite
befindet, nur Esperanza und Teresa scheint er zu hassen.
Esperanza bleibt die Frau mit den originellsten Einfällen, aber auch die
faulste. Bedient mit Antonio das Funkgerät; ihre Lauheit macht mir Sorgen.
Teresa arbeitet tüchtig, schafft dadurch aber trotzdem keine Verständigung
mit den anderen. Jeder mag sie, aber niemand w i l l sich mit ihr unterhalten.

Das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel w i r d allmählich langweilig. Ich verteile


Fragebogen X I V , bei dem es im wesentlichen um folgenden Gesichtspunkt geht:
Was würde geschehen, wenn die Fahrt noch drei Monate dauerte und ich von
Bord verschwände?
«Wenn die Fahrt noch drei Monate dauerte und wir Santiago über Bord
geworfen hätten?» wiederholt Antonio die Frage und macht dabei diesen so
schönen und bezeichnenden Ausrutscher, über den alles lacht.
Für Antonio und Teresa wäre es endlich die wirkliche Freiheit, jeder würde
sich wohl fühlen und Initiative entwickeln. Für Aischa, Marcos, Emiliano,
Esperanza, Sofia und Komico hingegen wäre es eine Katastrophe: binnen kür-
zester Frist würden alle handgreiflich werden; keiner besäße die nötigen Kennt-
nisse oder die Fähigkeit, Entscheidungen zu fällen. Für Ana herrschte dann eine
wahre Demokratie, die zwar Probleme aufwerfen würde, aber lösbare. Ingrid,
wie gewohnt, denkt nichts.
Am 2. August, gegen 4 Uhr nachmittags, werden w i r Zeuge eines seltsamen
Himmelsphänomens. Die Sonnenstrahlen fallen durch eine grau-weiße, v o l l -
kommen runde Wolke von großem Durchmesser, die von einem roten Kreis
eingefaßt ist. Dieses perfekte Rad w i r k t künstlich und erschreckt uns zunächst

200
ein wenig. Keiner von uns hat eine solche Erscheinung je zuvor gesehen. Es
handelt sich um eine durch Wassertröpfchen verursachte Lichtbrechung. Ingrid
hat irgendwo mal eine Beschreibung gelesen. Man bezeichnet diesen Ring als
«Sonnen-Halo».
Aischa und Emiliano führen zum drittenmal mit allen verschiedene Tests
durch, die uns die Psychologen angeraten haben.
Wie allwöchentlich, so auch jetzt ein neuer Wachplan. Und mit Zustimmung
aller eine andere Platzverteilung in der Kajüte.

Aischa Esperanza

Santiago Antonio

Sofia Teresa

Marcos Komico

Ingrid Ana

Navigationstisch Emiliano

Marcos bringt wie üblich seine Seitenbretter wieder an und sondert sich damit
von Ingrid und Sofia ab. Ich finde das nicht gut, sage aber nichts.

Eine Blinddarmentzündung — ein Selbstmordversuch


3. August, nachts. A u f dem Floß lastet eine drückende Atmosphäre.
«Professor, Komico geht es gar nicht gut.»
Nachdem ich ihn vergeblich gerufen habe, finde ich ihn schließlich auf dem
Dach, wo er lang am Boden liegt und ein finsteres Gesicht macht. Ich versuche,
mit ihm zu sprechen, er gibt mir keine Antwort. Dann sagt er:
«Ich w i l l allein sein. Ich brauche nichts, ich w i l l allein sein.»
Da ich mich selber nicht wohl fühle, lasse ich ihn allein. Nach dem Wetter-
bericht «Partnertausch». Plötzlich überfallen mich Magenschmerzen. Um M i t -
ternacht habe ich noch kein Auge zugetan, die Schmerzen strahlen auf den
ganzen Unterleib aus. Die gleichen Schmerzen habe ich vor einem halben Jahr
schon mal in Mexiko gehabt. Ich nehme dasselbe Medikament wie damals und

201
wecke Teresa und Sofia. 37,6 Fieber, Blutdruck normal, Puls anfangs schnell,
dann auf 80 sinkend. Zweimal werde ich beinah ohnmächtig vor Schmerzen.
Der Bauch ist aufgetrieben, und ich bilde mir ein, Blähungen zu haben.
«Teresa, ob es die Nieren sind oder der Darm, w i r sind auf einem Floß, und
Hilfe ist schwer zu bekommen. Versuchen wir es mit Antibiotika.»
«Ich kann dir zwölf Gramm für zwei Tage geben.»
«Nein, fünfzehn.»
Sie macht mir in den linken A r m eine Tropfinfusion.
Nach und nach lokalisiert der Schmerz sich auf der rechten Seite. W i r rufen
Barbados.
«Ein Mannschaftsmitglied hat möglicherweise Blinddarmentzündung. Was
kann man machen, wenn er abgeholt werden muß ?»
«Wir werden die Frage prüfen. W i r rufen in einer halben Stunde zurück.
Over.»
Dann: «Hier Barbados. Die Acali ist nicht mehr in Reichweite der Hub-
schrauber vom Küstenrettungsdienst auf Jamaica und Puerto Rico.»
M i r ist hundeelend. Zwei Schiffe kommen in Sicht, gar nicht weit entfernt.
Marcos hockt sich neben mich.
«Einige meinen, es wäre besser, wenn Sie an Bord eines dieser Schiffe gin-
gen, Professor.»
«Kommt nicht in Frage. Wer weiß, ob sie einen Arzt an Bord haben, und
einen Hafen laufen sie auch nicht gleich an.»
Das Floß ist in Panik. Antonio und Ingrid ergreifen buchstäblich die Flucht
vor mir, während Teresa mich wie ein Kind pflegt, auch Sofia und Aischa sind
rührend zu mir.
«Santiago, Komico war gestern abend drauf und dran, sich das Leben zu
nehmen, aber Antonio hat ihm erklärt, wenn er über Bord spränge, würde er
ihm nachspringen, und hat ihn so davon abhalten können. Komico hat ver-
sprochen, vernünftig zu sein.»
Komico hat Probleme, er findet seine Filme schlecht und kann sich mit den
anderen nicht richtig verständigen, aber sein Hauptkummer ist Aischa, sie ist
der eigentliche Grund für seinen depressiven Zustand.
Die See ist einfach fürchterlich. W i r sind dreißig Meilen zu weit nördlich.
Trotz meines Zustands bitte ich um eine Besprechung.
«Ich weiß nicht, was mir noch bevorsteht. Vielleicht muß ich abgeholt wer-
den. Die schon vorbereiteten Tests und Fragebogen habe ich Marcos übergeben.
Ansonsten weiß jeder, was er zu tun hat. Ich sehe mich außerstande, einen
neuen Leiter zu bestimmen oder auch nur zu sagen, ob ihr einen braucht.»
Über Funk setze ich mich mit meinem Arzt in Mexiko in Verbindung, der
mich schon als Kind behandelt hat.

202
«Du mußt strenge Diät halten, und laß dir eine Neomycin-Spritze geben,
habt ihr das?»
Ich befolge seinen Rat. Zwei Stunden hindurch haben wir dann mit Barbados
Verbindung. Ohne zu sagen, daß es sich um mich handelt, deute ich an, daß
wir an Bord mit einem Blinddarmfall rechnen müssen.
Teresa ist sichtlich aufgeblüht und erfüllt ihre Arztpflichten musterhaft. Sie
ist viel selbstsicherer geworden. Wenn ich könnte, würde ich ihr jede Woche
eine Blinddarmentzündung bieten.
Gestern abend haben wir den wohl stärksten Seegang der ganzen Über-
fahrt gehabt. Es ist interessant festzustellen, daß die durch meinen Zustand aus-
gelösten Ängste und Wünsche ein viel besseres Funktionieren der Gruppe be-
wirken. Ähnlich wie bei den Havarien am Ruder. Alle setzen sich ein und ver-
stehen sich wortlos.
Ich halte mich genau an die Anweisungen meines Arztes. Kurz nach dem
Gespräch mit Mexiko gehe ich, mit dem Tropf am A r m , auf die Toilette.
«Findest du nicht, daß du zu alt bist, um noch an einer Nabelschnur zu hän-
gen?» hänselt Emiliano mich. (Genau ein Jahr darauf mußte Genovés sich einer
Blinddarmoperation unterziehen. Daß es auf der Acali noch einmal gutgegan-
gen ist, grenzt an ein Wunder.)

Die Blinddarmkrise von Land aus gesehen - von Andrée

Dröhnendes Gewitter, der Himmel öffnet sich, es schüttet. Die Regenzeit und
kein Ende! Presse, Fernsehen, alles erinnert stündlich an die sommerlichen W i r -
belstürme. Große Teile Mexikos sind überflutet, ganze Provinzen verwüstet
von dem schlechten Wetter. Über die Halbinsel Yukatan peitscht der Wind. Tag-
täglich fordert die Acali Wettervorhersagen an.
W i r an Land sind nervös, geben uns aber gelassen.
Ist nicht der verrückte Zickzackkurs, den die Acali seit Wochen steuert, Aus-
druck der Angst, die Santiago und Ingrid vor einem unbekannten Meer haben?
Und die anderen? Ich beruhige mich. Es ist nicht der erste Sturm, nicht das erste
schlechte Wetter, dem sie ausgesetzt sind. Sturzseen sind für die Acalier nichts
Neues. Sie wissen, daß ihr «Haus auf dem Wasser» zuverlässig ist, vertrauen
ihm. Was sie nicht kennen, weil sie es nie erlebt haben, weder zu Land noch zu
Wasser, ist die Gewalt eines Hurrikans.
Was machen wir, wenn tropische Tiefdruckzonen sich in Tornados verwan-
deln? Bleibt genug Zeit, die Acali zu warnen, damit sie dem Sturm ausweicht?
W i r wissen ja, daß sie langsam ist. Sind glasfaserverstärkte Kunststoffe nicht
unsinkbar? Ich rede es mir ein. Nur keine Angst aufkommen lassen.

203
Behütet von einem Haus, das ruhig und voller Bücher ist, hänge ich meinen
Gedanken nach. Das Telefon klingelt. Ich mache Licht. Meine Hand zittert, als
ich den Hörer abnehme. Das kann nur eine schlechte Nachricht sein.
«Hier ist Ravey Ramirez XE 3 AF, Amateurfunker aus Merida. Ich habe eben
mit der Acali gesprochen. Sie haben einen Kranken an Bord, und Ihr Mann
möchte sich mit einem Dr. Puche in Verbindung setzen. Würden Sie das bitte
veranlassen? Ich rufe Sie in zwei Stunden wieder an. Jetzt ist es 18.30 Uhr.»
«Wissen Sie Näheres?»
«Nein. Tut mir leid. Ich rufe zurück.»
Dr. Puche ist bedauerlicherweise noch nicht zu Hause. Dr. X ist nicht da. Dr. Y
ist nicht da. Dr. Z ist nicht da. Krank, übers Wochenende nicht zu erreichen.
Zwei Stunden verstreichen, und noch immer habe ich keinen Arzt.
«Santiago, wer ist krank? Woran?»
«Ich selbst, wahrscheinlich Blinddarmentzündung.»
Das ist doch ein Witz! Santiago und Blinddarm, das gibt es nicht! Anderer-
seits: Sich lediglich mit Wirbelstürmen herumschlagen und das Unternehmen
koordinieren, wäre ja auch banal. Richtig Spaß würde es machen, wenn an Bord
eine Epidemie ausbräche. Doch lassen wir das.
Das Rufzeichen der Acali im Hörer, den ich ans Ohr gepreßt halte, holt mich
in die Wirklichkeit zurück. Ich öffne die Augen. Traurige Wirklichkeit. Handeln,
nicht träumen!
«Acali, Acali, ich habe noch keinen Arzt. Könnt ihr mir eine Diagnose ge-
ben? Ich höre. Over.»
Bedächtig schreibe ich alles auf: Temperatur, Blutdruck, Harnfluß usw.
«Wie ist eure Position? Wo ist die nächste Küste? Over.»
Ich schlage den Atlas auf, rufe den Flughafen an, stecke Paß und Geld ein,
packe Wäsche für Santiago ein. Dr. Puche ist in einer Stunde zurück. Ich werde
mich mit Carlos, unserem treuen Amateurfunker, bei ihm treffen. Alles geht
gut.
Unser alter Hausarzt, der uns liebt wie Kinder, stellt Fragen, die Carlos mit
bewundernswerter Genauigkeit durchgibt.
Der Arzt spricht langsam, überlegt. Er kennt Santiago von Geburt an. Seine
Gesundheit liegt ihm ebenso am Herzen wie die Fortsetzung des Experiments.
Frage. Antwort. Frage. Antwort. Frage. Antwort.
Am zweiten Tag erfahren w i r : Das Floß liegt nicht mehr in Reichweite der
Hubschrauber. Der Kranke kann also keinesfalls abgeholt werden. Mechanisch
wische ich mir den Angstschweiß von der Stirn. Von Barbados aus haben wir
drei Tage gebraucht, um das Floß zu finden, und das bei verhältnismäßig kla-
rem Wetter und ruhiger See. Ich vertraue Dr. Puche wie einem Vater. Soll er
entscheiden! Es tut gut, einem anderen die Entscheidung zu überlassen. Carlos,

204
der Arzt und ich studieren die Karte, schätzen ab, wie lange die Acali noch un-
terwegs sein wird, und dann beschließt der Doktor, Santiago an Bord zu lassen.
Drei Tage und drei Nächte bleiben w i r mit dem Floß in Funkverbindung -
alle fünf Stunden.
Teresa richtet sich genau nach den Anweisungen aus Mexiko. Das Fieber
sinkt rasch. Am vierten Tag klingt die Entzündung ab. Erleichtert atmen w i r
auf.
Und wie reagiert man auf dem Floß? Wer atmet dort erleichtert auf? Wer
stöhnt verärgert? Das mögliche Ausscheiden Santiagos hat sicher viele Fragen
aufgeworfen. Hat diese Blinddarmentzündung nicht tiefere, seelische Wurzeln
gehabt? A u f diese Frage wüßte ich gern die Antwort. Ich weiß, wieviel Santiago
daran gelegen war, sein Experiment durchzuführen; das menschliche Laborato-
rium, das er ersonnen hatte, in Betrieb zu nehmen, aber ich weiß auch um seine
Angst vor Wirbelstürmen, die für ihn jetzt Gegenwart sind.

Auf der Straße der Wirbelstürme


W i r sind viel zu weit im Norden und wieder in einer Wirbelsturmzone. Die
Mannschaft liefert mir Fragebogen X I V ab. Hier ein ausgefülltes Beispiel:

Fragebogen XIV

Allgemeines Verhalten

1. Welches war dein schönster Augenblick auf der Acali?


Die Nacht am Ruder.

2. Welches war dein schlimmster Augenblick auf der Acali?


Die Blinddarmentzündung an Bord.

3. Welches war für die Acali der schlimmste Augenblick?


Die Brüllerei von Knut; die Ore Meridian.

4. Welches war für die Acali der schönste Augenblick?


Eine Sturmnacht Ende Juli.

5. Hattest du mehr oder weniger Reibereien erwartet?


x mehr O weniger

205
6. Welche Freunde fürs Leben hast du gewonnen ? Nenn die vier ersten.
1. Santiago 3. Marcos
2. Sofia 4. Ana

7. Nenn fünf Teilnehmer, die du auf eine zweite Fahrt dieser Art mitneh-
men würdest.
1. Santiago 4. Ana
2. Marcos 5. Emiliano
3. Sofia

8. Glaubst du, daß die Fahrt unter dem Aspekt des Verhaltens ein Erfolg
oder ein Mißerfolg war?
x Erfolg O Mißerfolg

9. Glaubst du, daß die Fahrt unter dem Aspekt der Kooperation ein Erfolg
oder ein Mißerfolg war?
O Erfolg O halb und halb x Mißerfolg

10. Hat das Experiment auf dich eine Rückwirkung gehabt, und wenn ja,
welche?
O toleranter x weniger O unverändert
O aggressiver O weniger x unverändert
O bescheidener x weniger O unverändert
O sexuell
O beherrschter O weniger x unverändert

11. Hast du dich auf dem Floß frei gefühlt?


x ja O nein

12. Warum?
Ich habe immer getan, was ich wollte.

Sexualverhalten

Mit wem hattest du sexuellen Kontakt?

14. Mit wem hast du «Petting» praktiziert?

206
15. Mit wem hättest du gern sexuellen Kontakt gehabt?

16. Hast du für jemanden Interesse, Zuneigung oder Liebe empfunden?


x ja O nein O für wen?

17. Zwischen wem gab es deines Wissens sexuelle Beziehungen?


Sofia und Santiago — Komico und Ingrid — Aisdia und Antonio

18. Wer hat deines Wissens «Petting» praktiziert?


Ana und Komico — Sofia und Marcos — Komico und Aisdia
Antonio und Teresa — Marcos und Teresa

19. Wer hat deines Wissens für jemanden Interesse, Zuneigung oder Liebe
empfunden und für wen?
Santiago—Sofia / Sofia—Marcos / Komico—Aischa / Ana—Santiago /
Komico—Sofia / Komico—Ingrid / Aischa—Santiago / Antonio—Aischa /
Teresa—Marcos / Teresa—Santiago / Komico—Ana / Komico—Teresa

Die Überfahrt

20. Möchtest du die Teilnehmer in den nächsten fünf Jahren wiedertreffen


und zwei oder drei Tage mit ihnen zusammen sein?
x ja O nein

21. Welches sind die Gründe für Reibereien mit dem Leiter?
er ist autoritär —
er denkt nur an das Experiment und nicht an die Interessen und Wünsche
der einzelnen —
er ist intolerant —
nicht alle Aspekte des Projekts werden von allen verstanden —
normale Spannungen —

22. Hat Ingrid sich deiner Meinung nach wohler gefühlt, nachdem Santiago
die Führung des Floßes übernommen hatte — mit Ausnahme der Navi-
gation?
x ja O nein
Warum? (ganz kurz)
Sie hat nicht das Zeug zu einem Floß-Kapitän.

207
23. Warum hat Santiago nach zweimonatiger Fahrt deiner Meinung nach so
gehandelt? (ganz kurz)
Ingrid war mit dem Floß nicht vertraut und hat sich wiederholt als un-
fähig erwiesen.

24. Charakterisiere jeden Teilnehmer (geschwätzig, gütig, klug, aggressiv,


überlegt, tüchtig, charakterschwach, sachlich, faul, unordentlich, kokett,
gedankenlos, gleichgültig usw.). Du kannst auch andere Eigenschaften
nennen, aber nicht mehr als drei:
Beispiel: Santiago: faul, idiotisch, egoistisch
1. Aischa: kokett, ausgeglichen, gleichgültig
2. Santiago: sachlich, klug, tüchtig
3. Sofia: charakterstark, eifersüchtig, aktiv
4. Emiliano: langsam, freundlich, hilfsbereit
5. Ana: unordentlich, klug, kritisch
6. Antonio: geschwätzig, halbwegs tüchtig, aggressiv
7. Ingrid: charakterschwach, ungeeignet, phantasielos
8. Komico: zuverlässig, launisch, tüchtig
9. Esperanza: sanftmütig, originell, untüchtig
10. Marcos: aggressiv, eigennützig-tüchtig, klug
11. Teresa: aktiv, unbedacht, geschwätzig

25. Gib in wenigen Worten ein Urteil über das Experiment und die Ergeb-
nisse ab:
Ich glaube, daß das Experiment vom wissenschaftlichen Standpunkt aus
insgesamt ein Erfolg war und in persönlicher wie menschlicher Hinsicht
ein hohes Niveau hat. In bezug auf die allgemeine Zusammenarbeit hin-
gegen sind meine ohnehin nur geringen optimistischen Erwartungen ent-
täuscht worden; sie ist nahezu gleich null. Das von der Mehrzahl der
Teilnehmer bewiesene hohe Maß an Verständnislosigkeit und ihr völliger
Mangel an gutem Willen, die Freundschaftsbeziehungen zu vertiefen —
von den Rivalitäten ganz zu schweigen —, haben auf mich wirklich einen
traurigen Eindruck gemacht.

Am 6. August verlasse ich zum erstenmal die Kajüte, bekomme aber weiter
Antibiotika. Seit drei Tagen haben wir einen Reisegefährten, einen schwarzen
Vogel, den w i r Gaston getauft haben. Er sitzt auf der Positionslaterne am Ka-
jütdach und w i l l uns nicht mehr verlassen. So füttern w i r ihn halt.

208
«Vor zwei Tagen ist er zur Toilette geflogen und hat zweimal auf Aischa was
fallenlassen!»
Aber am merkwürdigsten ist die ungewöhnliche Annäherung zwischen A n -
tonio und Komico. Aischa sieht den Fall so:
«Was kann Antonio schon mit Komico verbinden. Ich glaube nicht an die
Ernsthaftigkeit dieser Beziehung; sie hat etwas Falsches, Gezwungenes. Man
kann unmöglich behaupten, die beiden seien verwandte Seelen wie vielleicht
Ana und Esperanza. Meiner Meinung nach sind sie Genossen im Unglück, Ka-
meraden der Trauer. Sie kompensieren einer im andern die eigene Enttäuschung
und spielen das Spiel von der großen Wahrhaftigkeit: <Unsere Sympathie für-
einander ist so groß, daß wir Freunde und Brüder fürs Leben sind.> Antonio
hat mir gegenüber mal geäußert: <Du wirst mich vielleicht auslachen, aber mir
ist im Verlauf dieser Reise klargeworden, daß Griechen und Japaner etwas Ge-
meinsames haben.> A u f meine Fragen, inwiefern, meinte er, Griechen und Ja-
paner hätten die gleiche Einstellung zu Ehre und Wahrheit. Ich habe ihm nicht
widersprochen, aber innerlich lachen müssen und mich gefragt, worin sich das
in ihrem Falle wohl zeigt. Menschlich stufe ich Komico höher ein als Antonio.
Er ist unbestreitbar klüger und feinfühliger, und ich verstehe gar nicht, warum
er sich von Antonio so beeindrucken läßt. Wahrscheinlich hat er sich ihm ange-
schlossen, weil Antonio ein Mundwerk für zwei hat und Komico das Gefühl
gibt, sich mit jemandem aussprechen zu können, denn der Mangel an verbaler
Kommunikation macht ihm offenbar am schwersten zu schaffen.»
Da noch vor ein, zwei Tagen davon die Rede war, mich abzutransportieren,
verteile ich Fragebogen X V , der sich mit dieser Möglichkeit befaßt. Die Mei-
nungen sind geteilt: die einen sähen das Chaos ausbrechen, die anderen eine
etwas wacklige Demokratie entstehen. Ingrid würde nicht wieder die Kapitäns-
rolle übernehmen, sondern den Abwasch und die Positionsbestimmungen. Die
meisten befürchten neuen Ärger mit Antonio, wenn auch nichts Ernstes. Bis
auf zwei Frauen glauben alle, daß Emiliano auch bei einer dreimonatigen Ver-
längerung der Reise keine sexuellen Beziehungen aufnehmen würde. Bezüglich
sich neu entwickelnder Beziehungen w i r d nichts Besonderes erwartet. Antonio,
Ingrid, Ana und Sofia gelten als diejenigen, die am ehesten die Nerven ver-
lieren könnten. Alle glauben, daß Unordnung und fehlender seemännischer
Sachverstand die beiden Hauptprobleme bilden würden. Schlechteste Bezie-
hungen: Antonio-Marcos, Marcos-Ana, Antonio-Sofia, Antonio-Aischa, Ko-
mico-Teresa. Allgemein wird angenommen, daß sich auch gute Beziehungen
verschlechtern würden.
Gestern abend wurden, während ich schlief, zwei Flaschen Whisky geleert:
für zehn Personen nicht zuviel. Die treibende Kraft waren anscheinend Ana und
Ingrid.

209
Neues Dreieck: Aischa-Komico-Antonio. Wie sieht das aus? Aischa erzählt
mir, Antonio habe ihr zwei Briefe geschrieben: Sie tauge nichts, sie könnten
keine Freunde sein, sie wisse gar nicht, was Liebe sei, sie interessiere ihn nicht
mehr usw. M i t anderen Worten Abschiedsbriefe, die in der Behauptung gipfeln,
er gebe sie aus Freundschaft zu Komico auf, um ihrer beider Kreise nicht zu
stören. Er sei ein Gentleman. Aischa ihrerseits war ihm mit der Feststellung
zuvorgekommen, sie mache sich nichts aus ihm. Daher seine Aggressivität, die
- so sagt sie - bis zu leichten Handgreiflichkeiten gehe. Komico hat Probleme.
Neulich abends hat Aischa ihn weinen sehen - und ein Japaner zeigt doch seine
Tränen nicht vor einer Frau. Sie hat ihm aber in netter Weise erklärt, daß es
nicht schlimm sei, nichts sei menschlicher als weinen. Komico zweifelt an sei-
nen Fähigkeiten als Fotograf, leidet unter sprachlich bedingten Verständigungs-
schwierigkeiten und kann vor allen Dingen nicht verstehen, daß Sofia und ich
ein so intimes Verhältnis haben, wo wir doch beide verheiratet sind. Er ist ein
«sauberer Mensch», was ihn nicht hindert, allen Frauen an Bord nachzustellen,
aber nachts, nie offen. Die Selbstmordgedanken überfielen ihn an dem Tag, an
dem die neue Platzverteilung in der Kajüte ihn von Aischa, seiner derzeitigen
Favoritin, trennte. Heute Aischa, morgen Sofia. So klein das Floß ist, es hat
Raum für alle Spielchen, die man auch an Land kennt.
Gestern abend Ende des Partnerwechsels. Es gab dreihundert Verhaltens-
möglichkeiten. Nur ein Paar hat einmal miteinander geschlafen; die Prognosen
gingen bis zu vierunddreißig Kopulationen. Daraus ist eindeutig zu schließen,
daß die sexuelle Besessenheit «augenscheinlich» zwar verschwunden, auf einer
sehr viel tiefgründigeren Ebene aber durchaus noch vorhanden ist. Im übrigen
beschäftigt man sich außerordentlich stark mit dem, was «die anderen» tun.
Mich bewegt in erster Linie die Frage, wie wir heil durch die Serrana- und
Serranilla-Bänke kommen und wie sich unsere Ankunft in Mexiko gestalten
wird, wo wir zunächst eine Woche lang in völliger Isolierung bleiben. Sicher
wird das einigen sehr schwer fallen.
Um keine Langeweile aufkommen zu lassen, verteile ich Fragebogen X V I ,
bei dem schon behandelte Themen noch einmal angesprochen werden, und
gleich anschließend Fragebogen X V I I , der analog zu vorangegangenen Rück-
blicken, ein Drei-Monats-Fazit zieht, diesmal allerdings über Fragen der Navi-
gation.
Früh am Morgen sollen wir der Trojan begegnen, einem kleinen Fischkutter.
Der Kapitän kennt sich mit allen Untiefen dieses Gebietes aus und w i r d uns
notfalls helfen.

210
Alle sind sich darüber einig, wer wir sind

Regen, allgemeine Müdigkeit, Hitze. Irgend etwas muß geschehen, um die


Atmosphäre zu entspannen. Ich setze mich anderthalb Tage hin und verfasse
folgenden Text:

«Ich werde euch eine wahre Geschichte erzählen, unsere Geschichte.


Es war einmal ein kleiner spanischer Junge. Als in seinem Land der Bürger-
krieg ausbrach, war er eben zwölf. Gegen Ende dieses Krieges wurde der Vater
des kleinen Jungen zum Tode verurteilt. Das Kind kam in die Vereinigten
Staaten, die übrige Familie, Mutter, Bruder und Schwester, floh nach Mexiko.
In Amerika war der Junge immer sehr traurig. Später ging auch er nach Mexiko.
Sein Leben bestand aus lauter Schwierigkeiten: die Familie war in alle Winde
zerstreut, er hatte kein Geld, in Europa war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen,
und seinem Vater drohte in Spanien noch immer die Hinrichtung. Eine Zeitlang
ging er arbeiten, doch als dem Vater endlich die Flucht nach Mexiko gelang,
konnte der Sohn Medizin studieren.
Nach zwei Jahren gab er das Medizinstudium auf und wurde eine A r t bes-
serer Gangster. Doch dann kehrte er an die Universität zurück und wurde A n -
thropologe. Ein Stipendium ermöglichte ihm einen Aufenthalt in England, wo
er sehr intensive Forschungen betrieb. Er heiratete eine hübsche und kluge
Französin, die ursprünglich Zahnärztin war, später Kunstgeschichte studierte,
in Mexiko zur Anthropologie überwechselte und dann Keramikerin wurde. Sie
bekamen einen Sohn. Der kleine Hispanoamerikaner von einst, inzwischen
Professor, spezialisierte sich auf die Erforschung von Aggression, Gewalt, Krie-
gen, Rassen, Sexualität, Angst usw. Er veröffentlichte viele Bücher, wissen-
schaftliche Arbeiten wie auch allgemeinverständliche für das breite Publikum,
erhielt einen internationalen Friedenspreis und nahm an beiden Ra-Expeditio-
nen von Thor Heyerdahl teil. A u f der ersten wäre er fast ertrunken, aber auf
der zweiten kamen er und seine Kameraden dann doch bis Barbados.
Im Anschluß an die Ra-Expeditionen hieß es, diese seien nur möglich gewe-
sen, weil ausschließlich Männer teilgenommen hätten; Frauen seien zu einer
solchen Leistung nicht fähig und eine aus Frauen und Männern gemischte Floß-
besatzung schon gar nicht. Also stellte der Professor sich die Frage, wie es denn
wäre, wenn man ein Floß mit Männern und Frauen bemannte.
Santiago, so heißt unser Mann, war ziemlich leichtsinnig. Zwar war ihm
klar, daß es sehr schwierig werden würde, aber er glaubte fest, wenn es gelinge,
könne man über Familie, Rasse, Kooperation, Verhalten wertvolle Aufschlüsse
gewinnen. Santiago bat seine Freunde, Kollegen und Bekannten, ihm zu helfen,
und machte sich auf die Suche nach Leuten, die ihm sein Floß bauen konnten.

211
Aus allen Teilen der Welt kamen sie herbei. A u f den Kanarischen Inseln traf
man sich, rüstete das Floß mit allem Nötigen aus und ging, von einem Schlep-
per gezogen, in See.
Zu Beginn mußte jeder sich anpassen. Alle wollten vieles machen, und das
gut. Aber nur Ana, Ingrid und Santiago brachten seemännische Kenntnisse
mit. Santiago war erschöpft, er hatte Monate der Vorbereitungsarbeit hinter
sich; Ingrid wurde es allmählich klar, daß sie als Kapitänin eines Floßes nicht
geeignet war; und Ana stand zwischen beiden. Es gab gute und schlechte Tage.
Ein ganz normales Bedürfnis, sich gegen andere Personen aufzulehnen, ent-
stand. Manchmal hatte Santiago schlechte Laune, weil er im Gegensatz zu den
anderen die wirklichen Gefahren sah und sich um alles, die Leute und das Pro-
jekt, an dem eigentlich alle mitwirken sollten, selbst kümmern mußte. Wochen
hindurch findet er kaum Schlaf. Während dieser Zeit kommt bei jedem der
wahre Charakter, die wahre Persönlichkeit zum Vorschein.
<Wer sind wir? Rechtschaffene Leute, die versuchen besser, viel besser aus-
zusehen, als sie sind.>
Also spricht Emiliano :
<Ich bin ein ziemlich selbstsicherer armer Priester. Verständnisvoll oder zu-
mindest darum bemüht. Zuerst habe ich mich einsam und krank gefühlt. Gar
so bescheiden, wie ich wirke, bin ich nicht, denn ich bin stolz auf meine Be-
scheidenheit. Auch so schwach bin ich nicht und nicht so energielos, wie manche
meinen, allerdings w i l l ich niemandem meinen Willen aufzwingen. Ich lerne
viel, hin und wieder leide ich, bin mir jedoch der menschlichen Natur bewußt,
die wechselhaft ist.>
Also spricht Ana:
<Ich bin eine erwachsene, große, lebhafte Frau. Ich weiß, daß ich intelligent
bin. Ich weiß, daß ich Charakter habe - gelegentlich mit einem Anflug von
Verrücktheit. Ich kenne die See. Ich liebe die See. Ich fürchte die See. Wenn wir
in Cozumel einlaufen, werde ich eine glückliche Frau sein, obwohl es Momente
gab, in denen ich ernsthaft gezweifelt, wirklich gelitten habe. Ich mag Santiago.
W i r haben unter anderem den gleichen Humor, die gleiche Phantasie. W i r wer-
den Freunde fürs Leben sein, mehr als Freunde. Im ganzen war es ein phanta-
stisches Erlebnis. >
Also spricht Ingrid:
<Ich bin ein sanftmütiges und introvertiertes Mädchen. Ich mag Intelligenz
und eine gewisse spielerische Eleganz, ich mag alles, was mit leiser, nicht ver-
letzender Ironie gemacht wird. Ich hatte Angst, große Angst, besonders zu A n -
fang, weil ich die See kenne und alle anderen Laien sind. Aber Ana, Santiago,
Marcos, Komico, Aischa und sogar Antonio haben mehr Sachverstand bewie-
sen, als ich für möglich gehalten hätte; sie waren tüchtig. Allmählich fange ich

212
an, das Projekt zu begreifen, mich wohl zu fühlen. Zu Santiagos gesundem
Menschenverstand habe ich volles Vertrauen. Ich bin glücklich. Ich habe viel ab-
genommen und finde mich hübscher und weiblicher. Und das gefällt mir. Vom
seemännischen Standpunkt aus war unsere Reise ein spektakuläres Unterneh-
men. Mein Vater ist stolz auf mich, ich auch.>
<Ich bin Komico. Was habe ich hier eigentlich verloren? Von dem, was auf
englisch gesagt w i r d , verstehe ich ein Zehntel, von dem, was auf spanisch ge-
sagt wird, ein Drittel. Das macht mich langsam wahnsinnig. Ich bin Fotograf,
und womit verbringe ich meine Zeit? M i t dem Ausfüllen von Fragebogen!
Wenn wirklich mal was Interessantes passiert, kann ich es nicht aufnehmen,
weil ich helfen muß. Ana gefällt mir. Sofia auch. Aber nicht so wie Aischa.
Aischa mag ich sehr. Mein Gefühl für Anstand liegt ständig im Kampf mit mei-
nen sexuellen Bedürfnissen, die mich zu intimen Kontakten mit der Frau, die in
der Kajüte neben mir liegt, drängen. Ich habe es satt, nichts zu verstehen, und
bin enttäuscht über meine Arbeit als Fotograf. Die letzten Tage war ich nicht
sehr glücklich. Ob ich zu Santiago wirklich Vertrauen habe, weiß ich nicht. Wie
kann er als verheirateter Mann so i n t i m mit Sofia sein? Ich mag das nicht. A n -
dererseits ist er derjenige, der sich am meisten schindet und bemüht, die Pro-
bleme zu lösen. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wenn sie auf diesem Scheiß-
floß doch bloß japanisch sprächen !>
<Ich bin Esperanza. Mann, ist das ein Erlebnis! Und ich bin dabei! Obwohl
ich mich als ungezwungene Frau gebe, die sagt, was sie denkt, bin ich sehr
diplomatisch. Das dumme ist nur, daß einige es gemerkt haben. Ich mag sie alle.
Ehrlich. Sogar Antonio. Sogar Komico. Es gab eine Zeit, in der ich mich krank
und müde fühlte, weil ich etwas entbehrte, das ich brauche, um in Form zu sein.
Jetzt geht es. Nachts kann ich träumen, und am Tage schreibe ich manchmal.
Die andern halten mich für oberflächlich. Das stimmt nicht. Ich tue nur gern,
was mir gefällt. Wenn ich künftig den Dingen auf den Grund gehe, dann ver-
danke ich das dieser Reise, die mir geholfen hat, meinem Leben eine neue Rich-
tung zu geben. Das habe ich mir gewünscht - und gebraucht !>
<Ich bin Marcos. Ich habe diese Reise mit großen menschlichen Erwartungen
angetreten und bin ziemlich auf die Nase gefallen. Pech. Aber ich habe erstklas-
siges Material gesammelt. Wenn Santiago mir hilft, und das hat er versprochen,
dient mir dieses Material als Sprungbrett für meine Karriere. Bald sehe ich Gaby
wieder. Ich glaube, die Reise hat sich gelohnt, vor allem in technisch-praktischer
Hinsicht. M i t Sofia hätte ich gern intime Beziehungen gehabt, aber im Grunde
ist es nicht so wichtig. Am meisten schätze ich die Freundschaft zu Santiago und
Emiliano. Ich war zu abweisend zu Teresa, zugegeben, und werde versuchen,
das ins reine zu bringen. Objektivität geht mir über alles. Ich kann es kaum er-
warten, meine Eltern wiederzusehen>

213
<Ich heiße Aischa. Ich habe viel gelernt. Und ich bin die einzige Frau an
Bord, die jederzeit sexuelle Beziehungen haben könnte, wenn sie wollte. Darauf
bilde ich mir aber nichts ein. Mich für irgendwelche Dinge einzusetzen liegt
mir nicht, das war wohl mein Grundfehler auf dieser Reise. Ich mag nicht leiden,
und ich habe nicht gelitten. Wen ich auf der Acali liebe? Wirklich liebe?... Mich.
Gegen diese Haltung muß ich ständig ankämpfen. Da ich intelligent bin, sehe
ich ein, daß ich mich mehr gehenlassen müßte, nicht so berechnend sein dürfte.
Aber das hieße leiden. Ana ist sehr sympathisch. Ich mag auch Ingrid; trotz
ihrer kräftigen Erscheinung w i r k t sie nicht unelegant. Es ist gut gelaufen, es
hätte besser laufen können, und trotzdem .. .>
<Ich bin Antonio. Ich rede zuviel. Das habe ich von Anfang an gesagt, und i n -
zwischen hat jeder sich einen Begriff davon machen können. Hoffen wir, daß
das aufhört! Ich liebe Francisca wirklich sehr, aber habe ich das Telegramm ihr
zuliebe geschickt oder aus Ärger über Aischa? Und ist Santiago wirklich so ein
falscher Typ, der es immer so einzurichten versteht, daß er neben den hübsche-
sten Mädchen liegt: der uns dauernd vorschreibt, was w i r tun sollen, und mich
bewußt fertigmacht; der mich glatt auf Barbados hätte sitzenlassen? Oder ist es
nicht vielmehr so,' daß ich mit meinen siebenunddreißig Jahren ein nervöser, tief
frustrierter Mann bin, der sieht, daß Santiago, Marcos oder Komico Kenntnisse
besitzen, die er nicht hat, und darauf beschämt und empört reagiert? Es w i r d
nötig sein, daß ich in aller Ruhe eine Standortbestimmung mache, sonst werde
ich nie glücklich. Zum Teufel mit dem Partnerwechsel! Zum Teufel mit Santiago
und seinem Experiment! Ich liebe Aischa, und damit hat sich's !>
<Ich bin Sofia. Liebt er mich? Ich glaube wohl. Aber weiß man's? Die Fahrt
wäre für mich erfolgreicher verlaufen, wenn ich Abstand gewahrt hätte. Manch-
mal war es die Hölle. Oft sogar. Dennoch war es auch eine schöne Reise. Schöner
als alles, was ich bisher erlebt habe. Aber es bleibt das Gefühl, zu sehr von ihm
abzuhängen und dadurch um einen Teil des Erlebnisses gebracht zu sein.
Obendrein haben die anderen sich von mir zurückgezogen. Und ich mich von
ihnen. Trotzdem: Wenn ich noch einmal von vorne beginnen könnte, würde ich
es genauso machen. So ist das Leben.>
<Ich bin Teresa. Ich liebe ihn! Er kann machen, was er w i l l , ich liebe ihn! Auf
dem Floß habe ich nur ihn gesehen. Warum sind w i r nur so verschieden? Er
hätte mich schlagen können, es hätte mich glücklich gemacht. Neuerdings habe
ich mich besser in der Gewalt, aber manchmal war es teuflisch. Komico ist net-
ter geworden, Santiago auch. Ich fühle mich jetzt hundertmal besser. Die Reise
gefällt mir. Als ich Santiago behandeln mußte, habe ich wieder Selbstvertrauen
gewonnen. Antonio, Komico und Emiliano mag ich gern. Santiago ist eine Sache
für sich. Aber lieben tue ich einzig und allein Marcos !>
Und nun melde ich mich noch einmal, Santiago, der kleine Junge, mit dem die

214
Geschichte begann. Ich glaube, mit der Zeit werden wir alle Abstand gewin-
nen; was auch geschehen mag, wir sind eine Familie fürs Leben. Und die Acali
war die Erfahrung unseres Lebens. Freilich müssen wir erst noch bis Yukatan
kommen. Vergeßt nie, im Grunde kommt es nur darauf an, was einer für den
anderen empfindet, ungeachtet dessen, was mehr oder weniger glücklich und
treffend gedacht, gesagt und geschrieben wurde.»

Sofia und Aischa flicken das Planktonnetz, das uns das Meeresbiologische Insti-
tut von Nizza zur Verfügung gestellt hat; man hätte uns auch ein besseres mit-
geben können. Die Wasserverschmutzung ist hier beträchtlich, mit Agglome-
raten bis zur Fußballgröße.
Antonio geht es nicht gut. Sein Magengeschwür macht ihm zu schaffen. Er
schreibt mir pausenlos Briefe, mal freundschaftliche, mal haßerfüllte. Ich helfe
ihm, klarer zu sehen:
«Einerseits bist du in keiner guten körperlichen Verfassung; andererseits
steckst du in einer Konfliktsituation zwischen Francisca und Aischa. Du weißt
nicht mehr, wo es langgeht, und verlagerst den Konflikt auf andere Ebenen.
Die Folge ist, daß du auch m i t allen anderen Probleme hast. Versuche das
Ganze ein bißchen zu vergessen, denn im Augenblick bist du als Funker für uns
unersetzlich. Hinter uns liegt eine Tiefdruckzone, die Wirbelstürme auslösen
kann, vor uns sind die Serrana- und Serranilla-Bänke.»

Zwischen den Bänken von Serrana und Serranilla

Auf 15° Nord und 79° 33' West nehmen w i r um 19.45 Uhr mit der Trojan
Verbindung auf. Sie hat Schwierigkeiten mit einem Motor. Der Kutter kommt
auf Rufweite heran und bleibt über Nacht neben uns. Am anderen Morgen gehe
ich an Bord. Der Kapitän, ein dicker Mulatte, ist ein typischer Westinder. Die
Besatzung besteht aus vier Leuten.
«Ich kenne dieses Gebiet wie meine Westentasche, Herr Kapitän.»
«Ich bin kein Kapitän, ich bin Anthropologe.»
«Also dann Herr Anthropologe. Hier finde ich mich im Schlaf zurecht.»
«Ich glaube, es ist das beste, wenn w i r möglichst dicht an den Rosalinda-
Bänken vorbeisegeln.»
«Genau das werden wir machen.»
Komico kommt an Bord, um uns zu filmen. Um 11.45 Uhr nimmt Kapitän
Morgan uns ein kleines Stück in Schlepp.
Mexiko ruft uns, um uns zu beruhigen; w i r sollen uns keine Sorgen machen.
M i t anderen Worten, sie selbst sind nervös. Ungewißheit ist für den, der in

215
einer Situation steckt, leichter zu ertragen als für den, der von außen zuschaut.
Ich wünschte, meine teuren Freunde wären mal für eine Woche bei uns an Bord,
mitten in der Karibischen See mit ihren orkanartigen Böen und Regengüssen,
ständig bedroht von Wirbelstürmen, übernächtigt, ohne Kühlschrank bei 34°
im Schatten...
«Wale! Eine ganze Walherde!» schreit Emiliano.
Ich stürze aus der Kajüte, aber die vielen Flecken, die man sieht, sind nur
Tang. Den Algen gehört dieses Meer.
«Meeting! Santiago w i l l eine Versammlung!» ruft Aischa.
Ich benutze die geruhsame Schleppfahrt, um die Leute auf das Kajütdach zu
holen.
«Wie weit seid ihr mit der Bestandsaufnahme?»
«Wir kommen gut voran», sagt Aischa, die dafür verantwortlich ist.
«Vergeßt nicht, eure allgemeinen Eindrücke über die Expedition aufzuschrei-
ben. Und eßt keine Schokolade mehr, falls noch welche vorhanden ist. Acht
Tage vor den Katecholaminanalysen soll keine Schokolade und Vanille mehr
gegessen werden. W i r bleiben noch etwa eine Woche in Cozumel von der
Außenwelt isoliert. Anschließend sind wir für eine Woche nach Mexiko ein-
geladen. Denkt bitte daran: Wenn w i r auch als Privatpersonen auftreten, in den
Augen der Öffentlichkeit repräsentieren wir unsere jeweiligen Länder, und bei
allem, was wir tun, werden Journalisten und alle möglichen Beobachter uns ge-
nau unter die Lupe nehmen.»
W i r machen noch ein paar schöne Fotos vom Sonnenaufgang und nehmen
dann Abschied von der Trojan.

Wasserverschmutzung

Ich gebe folgenden Bericht nach Mexiko durch:


«Als wir gestern von der Trojan geschleppt wurden, haben wir praktisch
keinen Blick aufs Meer geworfen, weil wir diese Atempause dazu benutzt haben,
uns um unsere persönlichen Sachen oder um das Floß zu kümmern. Für die
See war Kapitän Morgan verantwortlich. So konnten wir alle gemeinsam
essen, was sonst nie möglich ist, weil ja immer einer am Ruder steht.
Dreihundert Meilen vor Yukatan ist das Wasser ekelerregend schmutzig und
faulig. Ständig treiben halb verfestigte Ölrückstände an uns vorbei, von Reis-
korngröße bis zu Melonenumfang - Verklumpungen, wie wir sie so dick und
zahlreich im Atlantik nicht angetroffen haben. W i r schwimmen in einer Erdöl-
kloßsuppe. Von Fischefangen ist keine Rede mehr. Der hundert Kilo schwere
Hai vom 16. August war unsere letzte Beute. An seinen Zähnen klebte die

216
Ölpaste. Das Wasser ist entsetzlich verpestet.
Angesichts der bevorstehenden Ankunft empfahl ich meiner Mannschaft,
die in den Laderaum verbannte normale Kleidung hervorzuholen und zu lüften.
Jeder suchte sein aus Platzmangel ohnehin knapp bemessenes Zeug zusammen.
Nach den kühlen Nächten des ersten Monats sind w i r nämlich ohne Hosen,
Pullover, Röcke usw. ausgekommen; unsere Kleidung bestand aus Badezeug
und ab und zu einem Hemd zum Schutz gegen die Sonne. Ausnahmslos alle
haben sich ein wenig wehmütig angesehen und sind fast bedrückt zu ihrer
Alltagsgarderobe zurückgekehrt. A u f der Acali leben wir in einer anderen
Welt.

«Hier Nora, hier Nora aus Medellin, Kolumbien. Gratulation zu Ihrer Reise.
W i r haben Sie unentwegt verfolgt und hoffen, daß Sie Australien bald er-
reichen.»
Einen Moment ist die Kajüte sprachlos, dann brüllendes Gelächter.
«Hier Mexiko, hier Mexiko, Professor Genoves, w i r brauchen Ihre genaue
Ankunftszeit. Ich wiederhole, die genaue Ankunftszeit.»
Ramirez war auf Barbados, er hat uns geholfen, durch die Serrana- und
Serranillabänke zu kommen. Wie kann er eine so unsinnige Forderung stellen?
Es ist sehr heiß. W i r schieben das Dingi zum Bug, füllen es mit Wasser und
versuchen, alle gleichzeitig hineinzuspringen. Komico filmt die fröhliche Bade-
szene. Dann setzen sich alle eine Brille auf die Nase, äffen mich nach und ma-
chen sich über mich lustig. Nachmittags w i r d gesungen und getanzt. Hinterher
übergießen w i r uns mit Eimern voll Wasser. Schließlich Versammlung auf dem
Dach für die letzten Beurteilungsnoten.

Den Tod im Nacken

13. August, vormittags. W i r sind auf 18° 4' Nord und 82° 40' West. Bei der
Fahrt, die w i r augenblicklich machen, schaffen wir es vielleicht, bis zum 20.
Cozumel zu erreichen.
Die CCT Mar Caribe, ein Liberianer, kommt bis auf sechzig Meter heran.
Stumm betrachtet uns die Mannschaft. Nicht mal ein Sirenengruß! Miami und
Washington warnen vor einem tropischen Unwetter bei der Insel Gran Cayman,
das sich schnell in einen Hurrikan verwandeln könnte.
Um 13.10 Uhr halten wir Kriegsrat und beschließen, selbst auf die Gefahr
hin, an Cozumel vorbeizutreiben, uns weiter südlich zu halten. Schon deuten
erste Anzeichen auf Sturm: Regen, W i n d , große Wellen aus allen Richtungen.
Der Himmel bezieht sich. Oft kündigt sich ein Wirbelsturm vorher durch eine

217
gewaltige Flutwelle an. Nach ihr halte ich Ausschau.
Am andern Morgen, gleich nach dem Wecken, schlage ich vor, die Pum-
pen zum Füllen der Wassertanks klarzumachen. Widerwillig gehorcht man.
Alles an Deck w i r d festgezurrt, der Kurs auf 224° festgelegt, Badekorb und
Angelleinen werden eingeholt, alle Lichter gesetzt, Tauwerk und Ruder über-
prüft. Den Steuerbordriemen bringen w i r zum Bug, wo er uns nicht im Wege
ist, und in der Kajüte legen w i r Schwimmwesten bereit. Tabellen, Karten,
Filme und Forschungsunterlagen wandern in einen kleinen Koffer. Mehr kön-
nen w i r nicht tun.
Backbord voraus, ziemlich weit entfernt, kreuzt ein Schiff unseren Kurs. W i r
geben Rauchsignale. Um 17 Uhr sieht es uns und kommt näher. Es ist die
Lord Fontenac, die unter panamaischer Flagge fährt. Da das Funkgerät stumm
bleibt, setze ich mit Ana im Dingi über. Der Kapitän gibt mir die Position.
Sein Funkgerät ist ausgefallen. Von einem Zyklon weiß er nichts. A u f unserem
Weg zurück zum Floß müssen w i r einen Umweg machen: Marcos und Komico
haben einen Hai an der Leine. Washington teilt uns mit, der Tiefdruckkeil habe
Orkanstärke; von einem Wirbelsturm ist aber noch nicht die Rede. Um Mitter-
nacht fällt mitten in einer Durchsage der Generator aus. Er ist erst wenige
Tage zuvor ausgetauscht worden, aber Esperanza und Antonio haben verges-
sen, das Öl zu wechseln. Komico, Antonio, Esperanza und Marcos reparieren
ihn über Nacht. Noch einmal ermahne ich die Crew, alles zum Vollpumpen der
Wassertanks klarzumachen. Da rutscht Teresa ein Pumpenschwengel ins Was-
ser; wir können die Tanks also nicht gleichzeitig füllen. Zu allem Überfluß
sagt sie noch nicht mal was, und als ich es schließlich feststelle, heißt es, er
« sei nicht mehr da ».
In der Nacht herrscht die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm. W i r reffen
das Segel so weit wie möglich. Jetzt haben w i r Gewißheit: ein Wirbelsturm ist
unterwegs. Er heißt «Brenda» und bewegt sich auf die Nordspitze Kubas zu.
Nur seine südlichen Ausläufer werden uns berühren. Antonio und Teresa
fühlen sich elend. Es w i r d Zeit, daß wir ankommen. Der Himmel zieht sich
immer mehr zu, die Regenschauer werden heftiger, die Luft ist drückend. Wie
gebannt starren w i r nach Osten. 95 Seemeilen trennen uns noch von Cozumel.
Gestern ist ein Flugzeug zu einem Erkundungsflug gestartet, ohne uns zu fin-
den. Ein mexikanisches Minenräumboot läuft aus, um uns zu suchen. Ich habe
das Gefühl, daß unsere Lage ziemlich übel ist. Scheitern wir an diesen paar
Meilen? Die See und der Himmel sind schwarz. Im Osten, noch um eine
Schattierung schwärzer, hängt eine geschlossene Wand. Im Schneckentempo
versuchen wir, uns möglichst südlich zu halten. Das Floß stampft und schlin-
gert. Aus welcher Richtung die Wellen kommen, ist nicht auszumachen. «Bren-
das» Schleppe streift uns. Daß w i r 20 oder 25 Seemeilen nach Süden ausge-

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wichen sind, hat uns für den Augenblick gerettet, davon bin ich überzeugt.
Wenn nur die See nicht höher geht! Die Nacht ist pechschwarz. Das Minenräum-
boot wird Mühe haben, uns zu finden. W i r beschließen, drei Leuchtraketen zu
schießen: eine um Mitternacht, eine um ein Uhr und die letzte um zwei Uhr
morgens.

Gesichtet!

Um eins die erste Leuchtrakete: nichts. Um zwei die zweite: nichts. Um 2.15
Uhr sichtet Komico ganz weit achteraus einen Lichtpunkt. Ja? Nein? Dritte
Leuchtrakete, keine Antwort. Doch wenige Minuten später der Blitz einer
vierten: Sie haben uns gesehen. Wenn «Brenda» nicht noch über uns kommt,
sind wir gerettet.
Um halb fünf ist das Minenräumboot, die ID 2, an unserer Backbordseite.
Über Funk bitte ich, bis Tagesanbruch in unserer Nähe zu bleiben. Sinnlos,
jetzt noch zu schlafen, das Ziel ist zu nah. Friedensprojekt Acali, ein Schlepper
der Kriegsmarine hat dich von den Kanarischen Inseln aus auf den Weg ge-
bracht, ein Minenräumboot der Kriegsmarine nimmt dich in Mexiko in Emp-
fang!
Am Morgen vergleichen wir unsere Positionsberechnungen. Sie differieren
um 20 Meilen. Wer hat einen Fehler gemacht, Ingrid oder die ID 2? W i r wer-
den es nie erfahren. A u f dem Floß geschäftiges Treiben. Teresa ist mit der Be-
standsaufnahme der Medikamente in Verzug. Sie macht zwei Haufen:
«Einige Dinge möchte ich wieder mit nach Israel nehmen.»
Wieder mitnehmen, wieso? Es ist doch alles von Expeditionsgeldern bezahlt!
Ich finde das seltsam, sage aber nichts. A n Land wird noch Zeit genug sein,
darüber zu reden.
Bis auf die Medikamente ist die Inventur vollständig. Jeder hat seine Arbeit
gemacht, Aischa alles aufgeschrieben. Um 14.30 Uhr melde ich dem Kapitän
der ID 2, daß w i r bereit sind zum Abschleppen.
Trotz Antonios und Ingrids Nervosität verläuft das Übernehmen der Trossen
ohne Zwischenfall. Am Abend herrscht eine phantastische Stimmung auf dem
Floß...

Die Ankunft, vom Floß aus gesehen

W i r laufen, von Norden kommend, in den Hafen von Cozumel ein. Andrée
wird mit dem Fernsehteam verspätet von Süden kommen. Am Kai erwartet

219
uns der Gouverneur der Provinz und hinter ihm eine vier- bis fünftausend-
köpfige Menschenmenge. Flugzeuge brausen über uns weg.
Der Gouverneur hält eine kleine Ansprache, auf die ich ebenso kurz ant-
worte. Endlich am Ziel! Ein Teil des Heimat-Teams, unter ihnen Diego, er-
wartet uns an Land. Nachdem w i r festgemacht haben, überlassen w i r das
Floß ihrer Obhut. Jeder nimmt seine persönlichen Sachen und die ihm gehö-
rende Ausrüstung mit, Sextanten, Filme, Fotoapparate, Kameras, Tonbänder
usw., die w i r für die Zeit der Isolation noch brauchen. Ankunft in dem Hotel,
das Andrée, meine Sekretärin und das Heer der Psychologen, Psychiater, So-
ziologen und Ärzte belegt haben. Ein kleines Gästehaus mit Garten ist für
uns reserviert.
Nach ersten Begrüßungen und Umarmungen gehen w i r essen. Andrée und
meine Sekretärin ziehen sich unauffällig zurück. Ein Psychiater erläutert mir
den Arbeitsplan:
«Wir beginnen morgen um neun mit Gruppensitzungen und machen an-
schließend Psychotests. Einzelgespräche mit dem Soziologen, Untersuchungen
durch Psychiater und Ärzte und graphologische Experimente schließen sich an.»
«Gut. W i r sind zwar erschöpft, aber es war ja so vereinbart. Ich habe seit drei
Tagen nicht geschlafen.»
«Man sieht es Ihnen an.»
Jemand ruft: «Das Essen ist fertig!»
Wissenschaftler nehmen mit Mitgliedern der Floßbesatzung an kleinen
Tischen Platz.
«Das ist viel besser so», w i r d mir gesagt.
«Meiner Meinung nach muß vor allem die Objektivität der Aussagen gewahrt
bleiben.»
Ich bestehe deshalb darauf, daß w i r getrennt sitzen: Wissenschaftler für sich,
Mannschaft für sich. Am Tisch der «Acalier» geht es lebhaft zu. Einige wollen
sofort nach dem Essen schlafen, mit den übrigen bleibe ich noch im Speisesaal.
«Santiago, man hat unser Gepäck durchwühlt!»
«Mein Fotoapparat ist weg», heult Aischa.
Komico: «Meine Kameras auch.»
Ana: «Und mein Sextant.»
Marcos: «Meine sämtlichen Notizen sind verschwunden.»
Ich gehe der Sache nach. Es stellt sich heraus, daß die beiden Leiter des Fern-
sehteams, wohl aus Ärger über die verpaßte Ankunft, einen über den Durst
getrunken haben. In der Annahme, w i r wollten Fotoapparate, Tonbänder,
Sextanten usw. «auf die Seite schaffen», haben sie dann unsere Koffer gefilzt
und alles Brauchbare «sichergestellt». Ich hänge die Nacht über am Telefon
und spreche mit Mexiko. Es dämmert schon, als ich endlich mit dem «konfis-

220
zierten» Material ins Hotel zurückkehre. Was für eine unsinnige Nacht! Ich
erkläre den Bestohlenen die Geschichte; sie sind froh, ihre Sachen wiederzu-
haben. Doch einige nehmen es sehr übel auf.
«Wenn dein Land uns so empfängt, fahre ich sofort nach Haus», schimpft
einer.
«Eine Schande ist das! Was bilden die sich ein! Nicht mal der Zoll benimmt
sich so!»
Ich beruhige die Gemüter: Ein Versehen von diesen Fernsehfritzen, Über-
eifer, unangenehm, idiotisch, aber nicht ernstzunehmen.
Der Vorfall hat die Freude gedämpft. W i r sind müde und deprimiert.
Am nächsten Tag treffen zwei Männer vom Fernsehsender ein, die über das
plumpe Vorgehen ihrer Leute nicht entzückt sind, und bringen die Sache in
Ordnung. Bleibt die Tatsache, daß man uns keine Atempause läßt und gleich
mit der Morgensitzung anfängt. Da aber unsere «Abwehrkräfte» auf dem
Nullpunkt angelangt sein dürften, werden es die Gruppendynamiker «leicht»
haben. Die meisten von uns können kaum die Augen offenhalten.
«Entschuldigen Sie, ich habe Ihre Frage nicht verstanden.»
«Ich bin zu müde, um darauf zu antworten», sagt Marcos einmal, «dafür
brauche ich eine halbe Stunde.»
Und Komico: «Ich verstehe nicht, ich verstehe überhaupt nichts.»
Ich bedaure unseren Zustand, aber die Psychiater wollen es ja nicht anders.
Sollen sie ihre «Gruppendynamik» machen, so gut sie es können.
Am Abend lese ich noch einmal die letzten Niederschriften aller Teilnehmer
über das Experiment als solches und die Haltung jedes einzelnen durch. Sie zu
zitieren ist unmöglich, das würde ein Buch für sich allein füllen.
Teresa, Marcos, Esperanza, Komico, Ingrid, Antonio, Ana, Emiliano, Sofia,
Aischa, meine zehn lebhaften, aufbrausenden Versuchskaninchen, werden den
ersten vier Stunden Gruppendynamik unterworfen. Zu der körperlichen Er-
schöpfung von gestern kommt die Müdigkeit von heute.
Die zweite Nacht an Land schlafen wir gemeinsam in einem kleinen Z i m -
mer, etwa von der Größe der Kajüte, auf Matratzen am Boden. Ana und Aischa
sind verschwunden. Ich mache mir Sorgen. Um Mitternacht kommt Aischa.
«Ana sitzt draußen. Sie fühlt sich nicht wohl.»
«Santiago, so kann es nicht weitergehen, oder ich bringe jemanden um»,
sagt Ana und umklammert meine Hand.
«Es ist doch nur eine wissenschaftliche Untersuchung, beruhige dich.»
«Aber sie verzerren alles!»
«Heute haben die Psychiater unvermutete Triebregungen ausgelöst, das ist
ihre Technik. Sie werden schon wissen, was sie tun.»
«Das sagst du so, Santiago, aber ich glaube, du irrst dich.»

221
Und so geht es eine Woche lang w e i t e r . . .
«Ich bin mir vorgekommen wie eine Sklavin. Alle übrigens.»
«Ich habe diesen Hundesohn ertragen, nun kann ich, glaube ich, alles er-
tragen.»
«Wie eine Sklavin bin ich mir nie vorgekommen.»
«Kannst du die Psychiater nicht nach Hause schicken?»
«Ohne echte Liebe kann ich keine intimen Beziehungen eingehen.»
«Und warum wollten Sie mit allen Frauen schlafen?»
«Schließlich bin ich reich. Ich kann mir fünfzehn Santiagos und fünfzehn
Flöße kaufen, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen.»
«Am Anfang gefiel mir Marcos. Hinterher nicht mehr.»
«Warum haben Sie nicht gemeinsam gegen ihn Front gemacht?»
«Ich weiß nicht, ob ich mich oder ihn umgebracht hätte.»
«Einmal bin ich wegen Santiagos Ungerechtigkeit gegenüber Antonio und
mir in die Luft gegangen.»
«Du hast doch deine Zeit mit Schlafen verbracht.»
«Wenn ich Komico nicht daran gehindert hätte, hätte er Santiago erwürgt.»
«Das erinnert mich an Nazi tum und Konzentrationslager: die gleiche Tech-
nik, die gleichen Methoden.»
«Santiago wollte, daß ich mit Emiliano schlief. Er hat mich wiederholt darum
gebeten, um seine sexuelle Frustration in bezug auf mich zu kompensieren.»
«Zuletzt habe ich mit Antonio und auch mit Komico geschlafen.»
«Santiago mag Anthropologe sein, ich bin Ärztin. Ich schwimme sehr gut
und kenne das Meer, aber wir durften ja nichts.»
«Wir sind im Begriff, die Wirklichkeit zu verfälschen. So hat es sich auf
dem Floß nicht abgespielt.»
«Santiago hat Charakter, aber w i r waren frei und haben getan, was w i r
wollten.»
«Dann wollte also Santiago mit dir schlafen.»
«Ja, genau.»
«Herr Professor Genovés, diese Behauptungen lassen Sie in einem sehr
schlechten Licht erscheinen.»
«Santiago war ein wahrer Vater.»
«Komico war hinter allen Frauen her.»
«Santiago wollte mit mir schlafen, aber mit Rücksicht auf Sofia, die ich sehr
schätze, habe ich es ihm abgeschlagen. Ich bin nicht sexuell frustriert.»
«Du wolltest auch mit mir schlafen, aber ich habe dich nicht gelassen.»
«Und in deinem Heimatland verachtest du die Frauen.»
«Sie hat nur gefressen.»
«Der einzige, der sich für das Experiment eingesetzt hat, ist Santiago.»

222
Kurze Traumdeutung. Wer sich noch an etwas aus seinen Träumen erinnert,
erzählt es. Esperanza wartet mit einer langen Vogelgeschichte auf; Emiliano
hat Andrée als Pilotin in einem kleinen Flugzeug gesehen, das sich von Welle
zu Welle schwang; Aischa saß beim Auslaufen aus Las Palmas im Kajüt-
eingang und warf Postkarten aller Länder ins Wasser, usw.
«Die Rolle des Psychoanalytikers besteht darin, zu beobachten, zuzuhören,
zu verstehen, warten und schweigen zu können und im geeigneten Augenblick
die Deutung zu geben.» (Lagache, 1973)
... Im Herzen hatte ich
den Stachel einer Leidenschaft ;
eines Tages reiße ich ihn mir heraus:
Ich fühle mein Herz nicht mehr.
Antonio Machado

Die Ankunft, vom Land aus gesehen — von Andrée

Innerhalb einer Woche hat der Wirbelsturm «Brenda» die Halbinsel Yukatan
verwüstet; weite Gebiete des Landes sind überschwemmt, die Flughäfen tage-
lang gesperrt. A u f der Acali werden die Leute heftig durchgeschüttelt und
haben große Angst. W i r auch.
Nach und nach kommen aus aller Welt die Freunde : aus Madrid, Paris, Lima,
Kalifornien, Porto, dem Amazonasgebiet. In unserem Haus herrschen baby-
lonische Zustände. Keiner kennt den andern, und jeder spricht eine andere
Sprache. Alles geht drunter und drüber. Gestern ist der Schlepper ausgelaufen,
um die Acali sicher ans Ziel zu bringen. Es besteht kein Grund zu der A n -
nahme, daß nicht alles gut enden w i r d .
Drei Wochen hat es gedauert, bis der Mitarbeiterstab zusammengetrommelt
ist. Die Graphologin aus Paris, den Soziologen aus Philadelphia, den Psychiater
aus London. Einer hat sein Flugticket nicht erhalten, ein anderer ein falsches
bekommen. Aber dann finden sich schließlich doch noch alle am Flughafen von
Mexiko ein, die Psychologen mit Koffern voller Testunterlagen, die Physiolo-
gen mit Schachteln voller Reagenzgläser. Santiago w i r d zufrieden sein. Keiner
fehlt beim großen Schlußappell.
Die kleine Maschine hüpft mit uns von Wolke zu Wolke. Die Luft ist noch
gewittrig.
A u f dem Flugplatz von Cozumel erwartet uns das Fernsehteam, das schon
seit einer Woche auf der Insel ist. Sie haben ein sehenswertes Hotel ausge-
sucht, das Manzel-ha, eine halbkugelförmige Konstruktion aus Glas. Hier sol-
len die Acalier und die Wissenschaftler wohnen.

223
Für die übrigen ist ein paar Kilometer weiter ein zweites Hotel reserviert.
Dorthin nehmen Freunde unseren Sohn Diego mit.
«Los, los, Andrée, beeil dich!»
«Schnell, Andrée, der Kutter hat schon den Motor angelassen.»
«Wir erwarten dich an der Pier.»
Wer möchte nicht als erster die Acali begrüßen, wer ihre Ankunft verpassen?
Ich fliege. Die Begegnung auf hoher See will ich mir nicht entgehen lassen.
Ignacio, der Produzent, Alberto, der Journalist, und ich stehen vorn am Bug.
Himmel und Meer sind grau, der Sprühregen macht die Luft drückend.
Hinter uns haben die Fernsehleute ihre Apparate aufgebaut. Überall Kabel,
in jedem Winkel ein Scheinwerfer. Die Matrosen sehen aus wie die letzten
Ganoven, aber sie kennen die Küste.
Alberto ist unruhig :
«Andrée, die See ist leer, einfach leer. Man müßte die Acali doch sehen, wenn
sie da wäre.»
«Alles, was wir tun können, ist, die Augen offenzuhalten.»
Fernsehleute und Besatzung beschließen gemeinsam, an Ort und Stelle zu
bleiben. Da wir uns an einem Punkt der Route befinden, die die Acali zwangs-
läufig nehmen muß, können wir sie nicht verfehlen. Das jedenfalls behaupten
alle an Bord des Kutters, und so scheint dies die vernünftigste Lösung zu sein.
«Könnten sie den Hafen nicht aus einer anderen Richtung erreichen?»
«Ausgeschlossen. »
Tequilaflaschen gehen herum, dazu Salz und Zitronenscheiben. Das Wasser
ist klar. A u f dem Grund sieht man weißen Sand. Dicke Muscheln treiben dahin.
Taucher fangen sich welche, schneiden das Fleisch in Stücke und benutzen es
als Köder. Ein fröhliches Angeln beginnt. Prachtvolle Fische, blau und rosa
glänzend, werden aus dem Wasser gezogen. Ausgelassen vertreiben die Män-
ner sich auf dem Achterdeck die Zeit.
Wo unterdessen die Acali geblieben ist, mag der Himmel wissen. Wäh-
rend wir hier seelenruhig angeln, dürfte sie den Hafen längst auf einem ande-
ren Weg ansteuern. Also Schluß mit dem Fischen! W i r kehren um. Bis zum
Hafen von Cozumel ist es eine gute Stunde.
Ist das nicht Musik? W i r lauschen. Klingen da nicht mariachis? «Seguro son
mariachis!» schreit einer der Matrosen. In der Ferne erblühen plötzlich bunte
Feuerwerksblumen am Himmel. Was hat das zu bedeuten? Entgeistert starren
wir uns an. Der ganze Hafen ist illuminiert, am Kai drängt sich die Menschen-
menge. Und da, hinter dem großen Schlepper die Silhouette der kleinen Acali!
Sie sind schon seit einer Stunde da. Für den Spott brauchen wir nicht zu sorgen.
Das Fernsehteam hat seinen Knüller verpaßt. Und ich? Und Santiago?...
Vorbei.

224
W i r brauchen noch eine halbe Stunde bis zum Hafen. Als wir schließlich an
der Mole festmachen, stehen nur noch ein paar Gaffer und die Journalisten
herum. Die von unzähligen Scheinwerfern angestrahlte Acali sieht aus wie
ein schwimmender Basar, den ein Magier aus Marrakesch herbeigezaubert ha-
ben könnte. Ein Fotoreporter schildert mir Diegos Freude: «Ich habe ein sen-
sationelles Bild von Ihrem Sohn gemacht, wie er seinem Vater ehrfürchtig und
stolz den A r m umschlingt, als der die Ansprache des Gouverneurs erwidert.
Der kleine Mann war richtig ergriffen. Und Sie? Ist es nicht ein großartiger
Erfolg?»
«Ja, phantastisch, aber sagen Sie, wie war denn die Stimmung?»
«Sie waren alle sehr glücklich, aber ganz gelassen. Der Gouverneur hat eine
schöne Rede gehalten und Ihr Mann auch.»
Merkwürdig, diese Menschen. Da segeln sie von Las Palmas über den Atlan-
tik nach Cozumel, bestehen ein außerordentliches, phantastisches Abenteuer
und sind «gelassen». Ich an ihrer Stelle hätte vor Freude getanzt, gesungen,
geschrien. Als die Konquistadoren den Fuß an diese Küsten setzten, pflanzten
sie ihre Fahne in den Sand, zeigten Stolz und Freude, vergewaltigten Frauen
und ließen Köpfe rollen! Hochgemut und selbstbewußt. Freilich, kein Psychiater-
Gremium erwartete sie, um ihr Unbewußtes zu entblättern und ihre hehre Tat
zu zerreden.
«Ich könnte mir vorstellen», meint der Reporter, «daß Ihr Mann nur noch
einen Gedanken hat: nach Hause.»
«Aber wo sind sie jetzt?»
«Sie haben sich im Taxi ins Hotel bringen lassen, um der Presse zu entgehen.
Vermutlich beginnt nun ihre Quarantäne.»
«Eine einwöchige Quarantäne!... Um sich erforschen zu lassen.»
Was kann man in einer Woche anderes tun, als im trüben fischen? Das
frage ich mich. Aber eigentlich habe ich keinen Grund, mir Sorgen zu machen.
Meine Arbeit ist getan.
Alberto hält es nicht mehr aus im Hafen. Er hat die Story seines Lebens ver-
paßt. Und sämtliche ausländischen Kollegen sitzen auf den Logenplätzen!
Blaß vor Wut zerrt er mich in seinen Jeep und jagt in halsbrecherischem Tempo
hundert durch die überfüllten Gassen.
«In der nächsten Kurve falle ich aus dem Wagen.»
Mein zorniger Fahrer hakt mit einer Hand den Sicherheitsgurt ein.
«Ich habe schon die Acali aus den Augen verloren. Santiago würde es mir
nicht verzeihen, wenn ich auch noch seine Frau verliere.»
Bevor ich die gläserne Kugel des Manzel-ha betrete, bleibe ich einen Augen-
blick stehen und schaue von außen hinein. Wie in einem Aquarium sitzen, ste-
hen, diskutieren sie, gehen mit sicherem Schritt umher, offenbar nicht im min-

225
desten «landkrank». Ich zähle, sie sind alle beisammen, gezeichnet von Sturm,
Wasser, W i n d und Sonne. W i r haben keinen verloren.
Die Hauptvorstellung findet in Hof und Garten statt. Soldaten bewachen
die Eingänge und lassen nur Personen hinein, die das Wort Acali richtig betont
aussprechen können, das Sesam-öffne-dich des Abends. Begleitet vom Konzert
zirpender Grillen und quakender Frösche, lungert draußen ein Häuflein Neu-
gieriger in der feuchtschwülen Nacht um das Hotel herum und starrt wie hyp-
notisiert in das «Aquarium». Da niemand mich kennt und ich erst nach den
Fernsehleuten gekommen bin, kann ich mir erlauben, den herumstehenden
Leuten naive Fragen zu stellen. Neues erfahre ich nicht. Es ist die alte Leier, die
ich schon seit einem halben Jahr zu hören kriege :
«Das ist das Sex-Floß !»
«Tolle Puppen! Schnuckelig, die Kleine!»
«Gelangweilt haben die sich bestimmt nicht!»
Ich stoße die Glastür auf und gehe in das Aquarium hinein.
«Andrée ! Wo warst du denn bis jetzt?»
«Auf dem Meer natürlich.»
«Wo auf dem Meer?»
.«Das Meer ist groß, weißt du.»
W i r lachen, ich habe den Mann wiedergefunden, den ich kannte.
Einen nach dem andern küsse ich sie. Einer nach dem andern schließt mich
in seine Arme. Die Hände in meinem Rücken und die Wangen an meiner
Wange sind nicht alle von der gleichen Wärme. Santiago dürfte die Probleme
gehabt haben, die er sich gewünscht hat, zumindest hoffe ich das um seinet-
willen. Aber niemand hat ihn über Bord geworfen, das ist die Hauptsache.
Morgen beginnen sie mit ihrer Gruppendynamik, ihrer «Wahrheitsdynamik»,
bei der jeder Hiebe austeilt und einsteckt und keiner rufen kann: «Ich passe».
Nach jahrhundertealten Traditionen von Erziehung und Lebensart nun also
das «Wahrheitsspiel». Ich sehe mir den Stab der Wissenschaftler an, die sich
eben zu Tisch setzen: Psychologen und Psychiater, «die Gehirnrindenathleten»,
«die Höhlenforscher einer schlaflosen Welt».
Am Morgen herrscht strahlender Sonnenschein. Bis zum nächsten Wirbel-
sturm werden w i r ein paar schöne Tage haben. Was machen sie im Aquarium?
Ob sie schon mit ihrer Nabelschau begonnen haben?
Sergio kommt zu mir an den Strand. Er ist der Mann einer der Expeditions-
teilnehmerinnen. Unterm A r m hat er einen Stoß Zeitungen. Sergio ist erst in
der Nacht angekommen, seine Frau hat er noch gar nicht gesehen. Unter sei-
nen forschenden Blicken überfliege ich die Artikel der internationalen Presse.
Groß aufgemacht: Die große Sex-Party auf der «Acali». Ziemlich komisch,
aber alles in allem nicht aufregend.

226
Da Essenszeit ist, nehme ich Sergio mit ins Hotel.
Die Atmosphäre im Aquarium ist nicht fröhlich. Die Gruppendynamik ist
im Gange, kleine Gruppen haben sich gebildet. «Negative Wellen» schwingen
in der Luft. Das Mißverständnis triumphiert. Man bricht keine Abwehrschran-
ken, öffnet keine Löwenkäfige ungestraft. Santiago macht einen erschöpften
Eindruck. Der fehlende Schlaf und der Ärger nach der Ankunft haben Spuren
hinterlassen.
Nach einem Vormittag voller «Dynamik-Dynamit» sind die Psychiater aus-
gelaugt. Ich fahre mit ihnen an die Felsküste. Die Seelenärzte sind jung und
nett. Ist ihre Jugend nicht ein Nachteil, ihr Wissen nicht zu theoretisch? Viel-
leicht haben sie noch nicht genug gelebt?
«Dein Mann ist mutig», sagen sie. «Wir könnten so etwas nie. Das ist der
Grund, weshalb w i r Psychiater geworden sind.»
Ich bin völlig ihrer Meinung.
Mein streitlustiger alter Freund Constant bringt mich ins Hotel zurück.
Offensichtlich hat er mir etwas zu sagen. Er druckst herum und weiß nicht, wie
er anfangen soll.
«Andrée, auf dem Floß hat sich wahrscheinlich ein Paar gesucht und ge-
funden.»
«Glaubst du?»
«Ja. Ein glückliches und harmonisches Paar.»
«Gut möglich.»
«Hast du noch nichts davon gehört?»
«Nein. Noch nicht.»
Constant schleicht um den heißen Brei herum. Plötzlich habe ich das Gefühl,
die Geschichte, die er mir erzählen w i l l , schon seit den Kanarischen Inseln zu
kennen. Und woher hat er sie? Ich weiß, er meint es gut mit mir. Ich warte . . .
«Sieh mal, in Mexiko mit einer Französin zusammenleben, das hat einen
gewissen folkloristischen Charme», sagt er.
«Und auf See mit einer Französin zusammenleben, das ergibt zumindest...
einen gewissen Sinnzusammenhang.»
Constant sieht mich an.
«Du wußtest es also doch schon?»
«Nein, du bringst mich gerade erst darauf.»
Er lacht:
«Oh, diese Frauen!»
Inzwischen sind die «Acalier» schon drei Tage in ihrer Quarantäne. Drei
Tage lang haben sie sich die Seele zerlegen lassen. Besonders glücklich sehen
sie nicht aus. Wie w i r d diese Gruppendynamik sich entwickeln? In welchem
Zustand werden die Teilnehmer hinterher sein? Ich mache mir Sorgen um sie.

227
Die Stimmung ist ziemlich gedrückt. Dabei sind alle so fröhlich und glück-
lich angekommen. Kaum drei Tage ist es her, und nun - eine traurige, aus-
einandergerissene Gruppe...
An diesem Morgen treffen wir uns alle am Kai, nur Santiago kommt nicht
mit. Er muß vor der Ankunft in Mexico-City noch Berichte schreiben. Er ist
unermüdlich, immer in Bewegung. Woher nimmt er die Energie?
Ich sitze auf der Terrasse einer Hafenkneipe und habe mir einen Kir be-
stellt, eines der exotischen Getränke der Insel, das lustig in der Sonne schillert.
Ich schlage die Lokalzeitung auf. A u f der ersten Seite : ein Interview mit dem
Sohn del comandante Genovés. Auch das noch. Ein großes Bild von Diego
und seinem Kumpel Kiko. Ich hatte gehofft, daß die Journalisten wenigstens
das Kind aus dem Theater heraushalten würden. Nicht ohne einige Beklem-
mung lese ich: «Wenn Sie was über Mama wissen wollen, fragen Sie Santiago.
Wenn Sie was über Papa wissen wollen, fragen Sie Andrée. Sie sind wie eine
Person.»
Ich recke die Arme, strecke die Beine aus, schließe die Augen und atme durch
alle Poren die Morgensonne ein. Nach den Wirbelstürmen ist der Tag strah-
lender denn je.
Zwei mollige Hände legen sich über meine Augen.
Diego ist herangeschlichen. Noch zart, noch klein, küßt er mich auf die
Nasenspitze, dreht sich einmal um sich selbst und trollt sich wieder zu seinem
Vater.

Abschied

Romanze von der Acali nach alter A r t

Acalita, meine Acali, was suchst du denn auf See?


Meinen Weg, meinen Weg,
Und auch den der andern.

Acalita, meine Acali, sing mir jetzt das Lied!


Ich singe mein Lied
Nur dem, der mich begleitet.

Acalita, meine Acali, gewiß kommst du weit her!


Müde komm ich an, mein Bruder,
Müde von der Fahrt zur See,
Untersuche hier an Menschen,
Wie man in Frieden leben kann.

228
Und wie suchst du, Acali,
Sag, wie suchst du ihn, den Frieden?

Ich setze Männer und Frauen


Den Wogen des Meeres aus,
Befreie sie vom stumpfen
Leben in der Stadt.
Furchtlos zu leben lehr ich sie.
Das Meer ist ihre Furcht.

Sie sind, was sie sind,


Ohne Lüge und Verstellung.

Im Hafen laß ich sie zurück,


Vergessen werden sie mich nie,
Denn mit mir lernten sie
Ein Leben in schöner Harmonie,
Den Freund zu lieben,
Den Nächsten zu achten
Und mit dem Leben in Frieden zu leben,
Denn alles ist da.

Acalita, meine Acali, sing mir jetzt dein Lied!


Ich singe mein Lied
Nur dem, der mich begleitet.

Und wo stehe jetzt ich?


Ich habe mein Leben etwas besser im Griff. Hautenges Leben, den Tod vor
Augen.
Andrée und Diego, viele Freunde, zehn neue Freunde. Auch wenn einige
unter ihnen es nicht wahrhaben wollen.
Und so viele Zweifel mehr . . .
Die Grenzen der Wissenschaft, besonders der Wissenschaft vom Menschen,
sind mir stärker bewußt geworden. Um so mehr weiß ich das wenige, das wir
wissen, zu schätzen.
Finde ich, wenn man es recht bedenkt, daß das Leben nichts anderes ist als
eine Handvoll menschlicher Beziehungen.

229
Dritter Teil
Die
Untersuchung
Forschungen,
Ermittlungen,
Ergebnisse
Einführung

«Der Mensch ist dazu geschaffen,


an sich selbst zu zweifeln.»
Chesterton

Um die für unsere Forschung notwendigen Materialien zu erhalten, brauchten


wir die Acali. Bevor wir diese Materialien darstellen, analysieren und integrie-
ren konnten, mußten wir einen wissenschaftlichen Standpunkt beziehen und
sie im Hinblick auf Natur- und Geisteswissenschaft (Psychiatrie, Psychologie,
Soziologie, Anthropologie) betrachten; namentlich aber auch in bezug auf Fa-
milie, Sexualität, Rassen und Rassismus, Aggressivität, Ethologie, die Rollen,
Führerschaft, Religion, Moral usw. Anders gesagt, wir mußten gegenüber der
Problematik der allgemeinen Ordnung einen korrekten Standpunkt beziehen -
ebenso wie gegenüber der besonderen Ordnung, die durch zwischenmenschliche
Beziehungen zu Reibungen und Ausbrüchen führt.
8079 Antworten auf 46 Fragebogen, 2442 Notizen und Registrierungen,
65 von den Teilnehmern redigierte Manuskriptblätter, 1045 Seiten, die nicht
nur meine Beobachtungen auf dem Floß enthalten, sondern auch die Studien
der Psychologen, Psychiater, Graphologen, Soziologen und Mediziner an Land
- ein Sandkorn, das sich im Ozean verlieren würde, wenn w i r es nicht in die
Ordnung des Wissens einfügten.
Es ist wichtig, zwei wesentliche Aspekte zu unterstreichen:
1. Die Darstellung der Beobachtungen im Rahmen des Acali-Unternehmens
hat zwar ihre bestimmte Bedeutung, w i r d aber, was Umfang und Inhalt be-
trifft, weniger wichtig sein als die Lehrsynthese des erörterten Themas.
2. An vielen Beispielen, die wir geben werden, zeigt sich, daß die Besatzung
der Acali, selbst wenn sie sich in kritischer Lage befindet, lügt, verzerrt, oder
sich «versteckt», wenn sie gewisse Fragen beantwortet. Daher, nach Analyse
der Antworten, die widersprüchlichen Ergebnisse der Mitarbeiter dieser Studie.
Diese Widersprüche haben nichts mit dem menschlichen Widerspruch zu tun,
der sich normalerweise entwickelt, auch nicht mit einer subjektiven Deutung
der Tatsachen. Man muß sie nehmen als das, was sie sind, und sie mit gutem
Vorbedacht benutzen. Die Teilnehmer der Expedition können in den meisten

233
Fällen, wenn nicht gar in allen, vermuten, woher diese Divergenzen kom-
men. Und das führt uns geradewegs zu einer der Hauptschlußfolgerungen die-
ser Expedition: Die Analyse der eigentlichen Phänomene menschlicher Ver-
haltensweise entzieht sich außerordentlich häufig der anscheinend exakten
Methodologie und «Meßtechnik», die sich die Geisteswissenschaften gerne von
der Naturwissenschaft ausleihen.

Berufsethik in der wissenschaftlichen Forschung

Mehrere außenstehende Wissenschaftler und technische Berater beim Experi-


ment Acali sind besorgt, diese Berichte könnten gegen die Berufsethik oder
die Schweigepflicht verstoßen, sich auf das zukünftige Leben der Teilnehmer
negativ auswirken und ihre Existenz stören. Das heißt, gewisse Leute meinen,
die Ereignisse auf der Acali sollten in totaler Anonymität bleiben oder wenig-
stens abgeschwächt werden, einerlei, wie wertvoll sie sind. Das sakrosankte
Berufsgeheimnis müsse unter allen Umständen gewahrt werden.
Ich möchte ausdrücklich betonen, daß ich die Schweigepflicht der Mediziner
und Juristen hochachte. Aber ich stelle fest, daß sich die wissenschaftliche For-
schung des zwanzigsten Jahrhunderts auf unserem Gebiet nicht an uralte Re-
geln halten kann, die nie modifiziert worden sind.
Was nun unser Thema anbelangt, so muß nachdrücklich unterstrichen wer-
den, daß w i r Experimentatoren und keine Patienten sind. Wir haben uns frei-
willig zur Verfügung gestellt und waren uns durchaus im klaren darüber, was
die A r t des Programms und die körperlichen Gefahren für unsere Existenz und
unsere Zukunft bedeuten können. W i r gehören also einerseits zu den unbe-
kannten, jedoch deshalb nicht weniger bemerkenswerten Freiwilligen, die sich
den Experimenten zur Erforschung des sexuellen Verhaltens (Masters und
Johnson) unterworfen haben, und andrerseits zu denen, die freiwillig auf den
Mond fliegen und dadurch berühmt werden.
W i r sind uns der moralischen Aspekte bewußt, die normalerweise bei der
Erforschung des menschlichen Verhaltens mitspielen; ebenso anderer, vielleicht
noch wichtigerer Aspekte in der Menschheitsentwicklung, vor denen w i r alle in
naher Zukunft stehen werden: nämlich dann, wenn der Mensch sein Wissen
dazu verwenden w i r d , seine Vermehrung und seine zukünftige Entwicklung
zu steuern.
In der Erklärung über ethische Probleme, die der Verband der amerikanischen
Anthropologen 1973 veröffentlichte, heißt es:
1. Der Anthropologe ist der Öffentlichkeit verantwortlich, das heißt all den-
jenigen, die sich für seine Forschung interessieren.

234
2. Der Anthropologe darf keinerlei geheime Forschung betreiben, deren Er-
gebnisse nicht frei interpretiert und der Öffentlichkeit nicht unterbreitet wer-
den können.
3. Die Informanten haben das Recht, anonym zu bleiben.
Als Mitglieder dieses Verbandes haben wir uns an diese Grundsätze gehal-
ten; ebenso an diejenigen, die schon im M a i 1961 vom Vorstand des Verbandes
angenommen wurden. Ich zitiere: «Letztlich ist die anthropologische Forschung
ein Unternehmen im Dienst der Menschheit; es hängt davon ab, wie sich der
einzelne hinsichtlich seiner ethischen und wissenschaftlichen Verantwortung
entscheidet. Diese Erklärung zu den Grundsätzen beruflicher Verantwortung
soll den Rahmen abstecken, innerhalb dessen Irrtümer möglich sein können;
sie soll sie jedoch keineswegs sanktionieren.»
Schwerwiegende Mißbräuche sind mehr als einmal vorgekommen. Zum Bei-
spiel ließen Forscher, die unter der unterprivilegierten Negerbevölkerung von
Tuskegee (Alabama) Syphilis-Studien betrieben, die Kranken während länge-
rer Zeit ohne ärztliche Betreuung, um langfristige Wirkungen zu erproben. A n -
dererseits haben die Behörden zahlreicher Länder die Forschungsfreiheit unter
irgendeinem Vorwand beschnitten oder Zensur geübt und so die Erzielung
nützlicher, konkreter und genauer Ergebnisse verhindert.
Nach mehr als vierjähriger Datensammlung und -Verarbeitung hat der Ver-
band amerikanischer Psychologen Regeln über die ethischen Grundsätze aufge-
stellt und im Kodex von 1953 festgehalten, die für die Forschung auf dem Ge-
biet der Psychologie gelten. Danach müssen bei Experimenten mit Menschen be-
sondere Regeln beachtet werden, wenn sich der Forscher mit sexuellem Verhal-
ten, Trunksucht, Drogensucht usw. befaßt. Es w i r d also zugegeben, daß bei
Forschungen, die unmittelbar ins private oder gesellschaftliche Leben des Ein-
zelnen eingreifen, oft die Gefahr besteht, daß die Intimsphäre verletzt und
psychische oder physische Krisen hervorgerufen werden, die das Gleichgewicht
oder die Integrität der Versuchspersonen gefährden können.
Diese Regeln lassen sich auf das Experiment Acali schwerlich anwenden, und
daher wurde keinem von uns etwas vorgemacht, da das Experiment selbst es
gar nicht erforderte.
Es ist also zu beachten, daß unsere Forschung nicht den Interessen irgend-
welcher Einzelpersonen, Gruppen, Rassen usw. zuwiderläuft. Sie hat in keinem
Falle das Leben der Beteiligten entgegen ihrem Wunsch geändert. Sie wurde
in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen, Überzeugungen und Wünschen
aller durchgeführt.
Sollten w i r uns getäuscht haben, so ist es guten Glaubens geschehen. Die
Acali ist ein zerbrechliches Floß, die Wahrheit ebenfalls. M i t dieser Zerbrech-
lichkeit haben w i r uns auf die Suche nach einem Teil der Ursachen für unsere

235
beständige Flucht vor uns selbst gemacht; w i r sind von uns selbst ausgegangen,
denn wahrscheinlich sitzt die Wahrheit im wesentlichen dort.

Menschliche Verhaltensweise und Persönlichkeit nach Beobach-


tungen von Marcos Medina, zusammengefaßt von M. V. und E. V.

Von den 46 Fragebögen waren 31 vorbereitet worden, drei wurden an Bord von
den Teilnehmern verfaßt und 12 von mir. Marcos Medina, der Anthropologe,
der sich mit Verhaltensforschung befaßt, hat seine Beobachtungen unabhängig
von mir auf dem Floß angestellt. Wie vereinbart haben wir keine Informationen
ausgetauscht, weder während der Isolation auf dem Meer noch nachher. M i t
seiner Einwilligung haben zwei unserer Mitarbeiterinnen ( M . V. und E. V.)
auf Grund seiner Notizen ihre Eindrücke von jedem der Freiwilligen zusammen-
gefaßt.
Es handelt sich also um seine Meinung, die von Spezialisten umgesetzt wor-
den ist. W i r bringen sie hier, um zu zeigen, mit welcher Offenheit und Authen-
tizität die Forschungen betrieben wurden. Entgegen dem üblichen Verfahren
schreibt jeder, was er denkt, um zum Verständnis der Wirklichkeit zu gelan-
gen, die sich hinter dem Vorhang der «guten Manieren» abspielt.
Dieser Abriß gibt, im Rahmen der psychologischen oder psychiatrischen M o -
delle, eine Vorstellung von jedem Beteiligten. Marcos benutzt nicht die Sprache
des Fachmanns; es geht vielmehr um aufrichtige und menschliche Eindrücke
eines Teilnehmers, die durch die Analyse zweier Außenstehender konkretisiert
werden. Sie sind für das bessere Verständnis des Berichts und der Studie
außerordentlich nützlich, zumal uns Platzmangel hindert, die Eindrücke eines
jeden von jedem wiederzugeben, wie w i r es eigentlich vorgehabt haben. W i r
haben uns für Marcos Notizen entschieden, weil er diesen Problemen besonderes
Interesse entgegenbringt.
Um Mißverständnissen, besonders in bezug auf die Zielsetzung unserer
Forschungen, vorzubeugen, betone ich:
Acali ist ein recht brutales Unternehmen: Freiwillig setzten wir unser Leben
aufs Spiel. W i r versuchen nicht, unsere Aggressivität, unsere Unaufrichtigkeit,
unsere Inkompetenz, unsere Ungeduld und unseren Exhibitionismus zu recht-
fertigen. Wir sind wie die andern, aber w i r sind auf der Acali, ohne Verklei-
dung, ohne Maske. Unter elf aufs Geratewohl ausgewählten Einzelmenschen
dürfte es in der Welt, in der w i r leben, fast zwangsläufig Egozentriker, Eitle,
Verlogene, Narzißtische, Verschlossene, Unfähige, Schwätzer, Schüchterne,
Alkoholiker usw. geben. Das hat seine Ursachen hauptsächlich in der inner-
halb und außerhalb der Familie genossenen Erziehung, in den Verhaltensregeln,

236
die man uns gelehrt hat und die notwendig zu sein scheinen - oder sind um
leben und sich der Gesellschaft anpassen zu können. Wir sind so, und aus die-
sen angelernten Verhaltensformen entstehen alle unsere Reibungen und Kon-
flikte. Wenn wir ganz aufrichtig wären, gäbe es unsere Eitelkeiten, unsere A r m -
seligkeit und die Reibungen nicht. Was Marcos schreibt, ist ebenso wertvoll
wie seine Teilnahme an der Expedition. Wer findet, Marcos gehe zu weit, der
braucht nur die Tageszeitung aufzuschlagen oder die Nachrichten zu hören:
Morde, Terror, Korruption überall. Wissen, Wissenschaft und Experimente
können zumindest helfen, diese Probleme wenigstens teilweise zu lösen.

Aischa

Sie ist die Person, die am leichtesten zu begreifen ist. Oberflächlicher Charakter,
halb gebildet, überzeugt, eine Schönheit zu sein (was nicht stimmt). Möchte
mit allen auskommen. Hat ihre Rolle als Spezialistin für Wasserverschmutzung
aufgebauscht. Antonio und Komico fühlten sich sexuell zu ihr hingezogen, weil
sie selbst sich von ihnen angezogen fühlte und sie ermutigte. Im ganzen: all-
gemeine Frustration, ohne weiteres Ergebnis. Hatte eine gewisse Freund-
schaftsbeziehung zu Sofia. Komplexe, weil sie nicht Französin ist. Zusammen-
stöße mit Santiago wegen mangelnden Gemeinschaftsgeistes; manchmal auch
mit Marcos. M i t der Zeit Wandlung: zeigte mehr Arbeitslust.

Weder introvertiert noch extravertiert.


Weder gefühlsbetont noch kalt.
Durchschnittlich anziehende Persönlichkeit.
Sexuell nicht verführerisch.
Mittelstark bei Krisensituationen von außen.
Mittelstark bei menschlichen Krisen.
Durchschnittliche Charakterstärke.
Durchschnittsverhalten auf der Acali: 4,9 - weder Höhen noch Tiefen.
Ist nicht aufrichtig.

Positive Seiten Negative Seiten


sauber exhibitionistisch
patriotisch ermüdend
hübsch kokett
freundlich unaufrichtig

237
Santiago

Ist bei weitem derjenige, der das Meer und seine Gefahren am besten kennt. Da
er charakterstark ist und es den meisten anderen Teilnehmern an Persönlichkeit
fehlt, hat sich seine Rolle als Leiter immer mehr gefestigt. W i r d fortwährend
von den weniger Selbstsicheren und Schwächeren - Ingrid, Antonio, Teresa,
Aischa - indirekt kritisiert, die andererseits in direkte Abhängigkeit geraten.
Weiß die Verliebtheit zweier Frauen - Ana und Sofia - zu nutzen, geht mit
Sofia ein intimes Verhältnis ein. Eigensinnig, humorvoll, ein tüchtiger Arbeiter,
der, wenn es sein muß, Gefahren auf sich nimmt. Es mangelt ihm an Toleranz
(oft berechtigterweise, manchmal auch grundlos); die positiven Initiativen, die
ergriffen werden mußten, sind zu 90 Prozent ihm zu verdanken. Obwohl
scharfsinnig und vorausschauend, begeht er den Fehler, Ingrids Unfähigkeit
allzu lange zu dulden.

Weder introvertiert noch extravertiert.


Weder gefühlsbetont noch kalt.
Anziehende Persönlichkeit.
Stark bei Krisensituationen von außen.
Stark bei menschlichen Krisen.
Charakterstark.
Durchschnittsverhalten auf der Acali: 9,6.
Aufrichtig.

Positive Seiten Negative Seiten


menschlich ungeduldig
selbstsicher aggressiv
charakterstark autoritär
tüchtig
intelligent
eigensinnig

Sofia

Als charakterstarke Persönlichkeit sucht sie sich auf der Acali zu bestätigen. Hat
echte Wißbegier, aber ihre Bildung ist begrenzt. Tut immer, was zu tun ist, da-
her ihre Zusammenstöße mit der arbeitsscheuen Esperanza. Begreift das Erleb-
nis und idealisiert es infolge ihrer Beziehung zu Santiago. Genießt das Leben
auf dem Floß sehr und fürchtet das Ende der Reise, ohne es zu sagen. Die einzige

238
Person, deren emotionale und sexuelle Bedürfnisse befriedigt werden. Kann
heftig werden, wenn ihr Gerechtigkeitsgefühl verletzt wird.

Neigt zu Introversion und ist emotionsbestimmt.


Zu Beginn und am Ende der Reise bedingt verführerisch;
während der Reise sehr reizvoll.
Stark bei Krisen von außen, obwohl sie anfänglich nur
durchschnittlich belastbar zu sein schien.
Charakterstark während der Reise, am Ende nur durchschnittlich.
Verhalten auf der Acali: 7.
Aufrichtig.

Positive Seiten Negative Seiten


charakterstark aggressiv
sexuell anziehend unsicher
schön pessimistisch
gutmütig

Emiliano

Hat die größte Anpassungsfähigkeit gezeigt. Seine Stellung als Priester ver-
setzt ihn in eine schwierige Lage, da die meisten Teilnehmer nicht religiös sind.
In der zweiten oder dritten Woche hat er sich verschlossen und abgesondert,
dann vollzog sich bei ihm allmählich ein Prozeß der Eingliederung und der
Kommunikationsbereitschaft mit der Gruppe. Auffallende Verbesserung seiner
englischen Sprachkenntnisse. Analytisches Denken, intelligent. Bei ihm findet
sich kein wirklich negatives Verhalten: er ist immer zur Zusammenarbeit be-
reit. Seine Teilnahme hat sich als positiv erwiesen.

Während der ersten Etappen introvertiert und gefühlsbestimmt;


dann aufgeschlossener.
Mittelmäßig anziehende Persönlichkeit.
Durchschnittlich stark bei Krisen von außen. Mitunter stark.
Stark bei menschlichen Krisen.
Durchschnittliche Charakterstärke.
Durchschnittliches Verhalten: 8,6.
Aufrichtig.

239
Positive Seiten Negative Seiten
schlicht langsam
aufrichtig gravitätisches Gehabe
vertrauenswürdig unterwürfig
fleißig
ruhig
ausgeglichen

Ana

Anfangs schweigsam und fleißig; nach und nach hat sie sich den andern auf-
geschlossen, außer Esperanza (ihrer Landsmännin) und Komico (Kajüt-Nach-
bar). Befaßt sich (zusammen mit Ingrid) mit der Navigation. Ihr Hauptpro-
blem ist sexueller Art, da Komico nicht immer bereit ist; deshalb möchte sie mit
allen Männern sexuelle Beziehungen anknüpfen. Körperlich wenig anziehend.
Zweimal verfiel sie einer sehr starken Depression. Hat außerordentlich nega-
tive Kritik geübt und sich dem Leiter widersetzt. Könnte in eine schwere A g -
gressivitätskrise geraten. Sie und Antonio sind das schwierigste Paar an Bord.

Weder introvertiert noch extravertiert.


Nicht gefühlskalt, neigt vielmehr zu Emotionen.
Wenig anziehende Persönlichkeit.
In sexueller Hinsicht nicht verführerisch.
Bei Krisen von außen durchschnittlich stark, Tendenz zur Stärke.
Bei menschlichen Krisen eher schwach.
Durchschnittlich charakter stark.
Verhalten auf der Acali: 6,8 - gegen Ende der Reise besser.
Weder aufrichtig noch falsch. Gegen Ende der Reise verlogen.

Positive Seiten Negative Seiten


Humor unordentlich
gut gelaunt mitunter sehr faul
intelligent neigt zu Widerspruch

Antonio

Macht anfangs wegen seiner Freundlichkeit, seines Arbeitseifers und seiner


Großzügigkeit guten Eindruck. Außerordentlich extravertiert. M i t seinem gro-

240
ßen Repertoire an angelernten Anekdoten ermüdet er die Zuhörer. Typischer
Arrangeur, worauf er stolz ist. Hat von allem eine ungefähre Ahnung, begeht
aber schwere Fehler. Mischt sich in alles ein, was die andern tun, manchmal auf
peinliche Weise. Leidet an starker, sexuell bedingter Neurose und an Komple-
xen. Kann nicht ruhig bleiben. Sucht sich dauernd bemerkbar zu machen. Redet
unablässig wie ein Besessener. Befriedigt seine sexuellen Bedürfnisse auf der
Acali nicht. Nimmt starke Schlaf- und Beruhigungsmittel. Wenig Wißbegier.
Gewalttätig und gefährlich, wenn er sich nicht mehr beherrscht.

Extravertiert und emotionsbetont.


Unbedeutende, keineswegs anziehende Persönlichkeit.
Neigt bei menschlichen Krisen zur Schwäche.
Verhalten auf der Acali: 6,4 - anfangs gut, zum Schluß schlecht.

Positive Seiten Negative Seiten


human Improvisator
gefühlvoll exhibitionistisch
fleißig ermüdend
geschwätzig
charakterschwach
neurotisch

Ingrid

Unsicher und nervös. Sehr schweigsam, fortwährend unter Spannung. Charak-


terschwach. Sondert sich von allen ab. In bezug auf Nautik fehlt es ihr an
Kenntnissen. Sobald sie ihre Inkompetenz einsieht, erschließt sie sich, und ihr
Wesen ändert sich. Schläft und trinkt gern. In sexueller Hinsicht zurückhaltend;
möglicherweise ein Verhältnis mit Komico (aber das bleibt geheim). In der
Folge ruhig, bescheiden, verläßt ihre Reserve. Könnte Kapitän sein, doch nicht
auf einem Floß.

Introvertiert, teils gefühlsbetont, teils kalt.


Normale, wenig anziehende Persönlichkeit.
In sexueller Hinsicht reizlos.
Bei Krisen von außen schwach.
Bei menschlichen Krisen schwach.
Charakterschwach.
Verhalten auf der Acali: 5.
Durchschnittlich aufrichtig.

257
Positive Seiten Negative Seiten
verträglich abhängig von Hierarchien
freundlich leichtsinnig
echt verschlossen
körperlich stark charakterschwach
langweilig
weich
ignorant

Komico

Brauchte am wenigsten Zeit zum Überlegen, bevor er sich zur Teilnahme ent-
schloß, obwohl er keinen der Teilnehmer kannte und keine der an Bord gespro-
chenen Sprachen wirklich beherrschte. Positiv und arbeitsam, guter Charakter,
sanft und ruhig. Hat sich Mühe gegeben, mit den andern in Verbindung zu
kommen. Wurde von der ganzen Gruppe rückhaltlos anerkannt. Praktisch und
technisch begabt. Sexuelle Vorliebe für Aischa und Sofia. Gute Freundschaft mit
Antonio, der ihn mit seinem exotischen Wesen und seiner Überschwenglichkeit
beeindruckt. M i t Ana intime, aber nicht gefühlsbetonte Beziehung. Versucht
dauernd, nachts mit den andern Frauen sexuelle Beziehungen anzuknüpfen.
Kooperativ. Etwas infantil.

Weder introvertiert noch extravertiert.


Weder gefühlsbetont noch kalt.
Durchschnittlich anziehende Persönlichkeit.
Bei Krisen von außen eher stark.
Bei menschlichen Krisen weniger stark.
Durchschnittliche Charakterstärke, sucht sich zu festigen.
Verhalten auf der Acali: 8,6.
Aufrichtig.

Positive Seiten Negative Seiten


praktisch Sprachschwierigkeiten
charakterfest Männlichkeitskomplex
bei näherer Bekanntschaft amüsant wenig Initiative
tüchtig wenig Phantasie
kameradschaftlich

258
Esperanza

Zu Beginn der Reise große Mühe, sich körperlich anzupassen; brauchte Zeit, bis
sie sich an der Arbeit beteiligen konnte. Probleme, weil es ihr an Anreiz fehlt.
Ziemlich lange hat sie die Wirklichkeit «verschlafen». Ohne selbst aktiv zu sein,
arbeitet sie jedoch, wenn es von ihr verlangt wird. Hat keine Erfahrung im
Methodischen, interessiert sich aber dafür und ist kooperativ. Viel Sinn für
Humor. Interesse für alles Neue. Pflegt vor allem den Umgang mit Ana, viel-
leicht weil beide diese A r t Humor haben. Unbefriedigte sexuelle Bedürfnisse
und körperliche Komplexe. Sehr positive Teilnehmerin. Bei Dingen, die mit der
Seefahrt zusammenhängen, ist kein Verlaß auf sie.

Neigt zu Extraversion und Emotionalität.


Eher anziehende Persönlichkeit.
In sexueller Hinsicht nicht verführerisch.
Bei Krisen von außen zuerst stark, dann durchschnittlich.
Verhalten auf der Acali: 6.

Positive Seiten Negative Seiten


Humor braucht viel Schlaf
auf den ersten Blick amüsant körperbetont
begabt sehr faul
intelligent verlogen

Teresa

Körperlich-aggressiv, gewöhnliche Manieren. In gewissen Bereichen am fleißig-


sten: spült, wäscht, stellt sich für die Wache zur Verfügung usw. Große körper-
liche Widerstandsfähigkeit und überschäumende Tatkraft. Als Santiago krank
war, pflegte sie ihn hingebend. Ist die verlogenste Person an Bord, manchmal
unbewußt. Lästig mit ihrem endlosen Geschwätz. Das hinderte sie daran, sich
gut in die Gruppe einzugliedern. Sehr starke sexuelle Fixierung auf Marcos;
das ist ihre schlechteste Beziehung an Bord. Gutwillig, paßt sich jeder Lage
leicht an.

Extravertiert und gefühlsbetont.


Durchschnittlich anziehende Persönlichkeit.
In sexueller Hinsicht reizlos.
Bei Krisen von außen stark.

259
Bei menschlichen Krisen mittelstark.
Verhalten auf der Acali : 6,4.
Nicht sehr aufrichtig, mitunter falsch.

Positive Seiten Negative Seiten


beruflich gut ausgebildet ermüdend
tatkräftig geschwätzig
tüchtig langweilig
arbeitsam unbewußt
allgemein guter Charakter verlogen
nachgiebig

Was man vom Unternehmen ACALI denkt und sagt

Es ist interessant, zu erfahren, wie man über das Unternehmen Acali denkt,
nicht nur im Hinblick auf den eigentlichen Wert des Unternehmens, sondern
weil sich daran auch die Projektionen und Erwartungen der Nichtbeteiligten ab-
lesen lassen.
Ich fuhr nach Abschluß des Unternehmens in die Vereinigten Staaten, nach
Frankreich, Spanien, England und Mexiko; ich sprach mit allen möglichen Leu-
ten, die ich in drei Kategorien einteilte:
1. Gespräche mit ein bis drei Personen, die diesen oder jenen Aspekt mehr
oder weniger offen erörterten.
2. Kommentare aus zweiter Hand.
3. Diskussionen mit größeren Gruppen.
Nebenbei ist festzustellen, daß viele Menschen unsere Reise auf dem Floß
als eine Vergnügungsfahrt betrachteten; daher ihre Kritik, die an die sprich-
wörtlichen sauren Trauben erinnert.

Kinder

Ich habe in diesem Bereich nur die Reaktion meines elfjährigen Sohnes, halte sie
aber für wertvoll. Für Diego war meine monatelange Abwesenheit nicht leicht.
Durch das Unternehmen Ra war sein Vater bei seinen Schulkameraden ein
Held geworden. Doch diesmal waren die Reaktionen anders, denn die Kinder
schnappten alles auf, was ihre Eltern sagten.
«Dein Vater w i r d nicht wiederkommen. Entweder ertrinkt er, oder er bleibt
bei einem der Mädchen.»
«Sag, wann fährst du mit deiner Mutter auf einem Floß?»

26o
«Du wirst ein farbiges Brüderchen bekommen. Dein Vater liebt Negerinnen,
darum hat er eine mitgenommen.»
Man sieht, welchen Einfluß die Gespräche der Eltern auf Kinder haben.
Glücklicherweise ist Diego vernünftig und reagierte entsprechend.

Männer

Zuerst fällt ungewöhnliche «Bewunderung» auf. Nicht für den Mann, der das
Unternehmen geplant und verwirklicht hat, sondern für den Mann, der offen-
kundig seine Hemmungen überwunden und sich mit einem Harem umgeben
hat. So wird man ein «Kerl»!
«Im Grunde verkörperst du den Männlichkeitskult des Lateinamerikaners.
Vor aller Augen unternimmst du eine Seereise mit einem Harem von sechs
Frauen. Ein schönes Beispiel von <Machismo .. .>». Es folgt ein ironisches «Ich
bewundere dich.»
Die Schriftsteller und Künstler beschäftigt überwiegend die Sexualität. Sie
fühlten sich besonders von der Schwedin, der Französin und der Farbigen ange-
zogen.
«Wie es heißt, war die Schwedin phantastisch.»
«Du hast natürlich alle gehabt.»
«Und die Schwarze? Nach den Bildern muß sie Temperament haben. Sie soll
mit einem Weißen verheiratet sein, da wirst du es nicht schwer gehabt haben.»
«Was habt ihr jetzt vor?»
Diese Frage w i r d von einer Reihe von Wissenschaftlern und anderen gestellt,
meist mit lüsternem Unterton.
«Wann soll die nächste Expedition stattfinden?»
Varianten: «Benachrichtige mich. Ich hätte Lust, mitzukommen» und: «Ihr
langweilt euch wenigstens nicht!»
Aber auch solche Äußerungen gab es:
«Du mußtest dich sicher in acht nehmen, besonders vor dem Japaner und dem
Griechen. Diese Typen sind immer bereit, einem ein Messer in den Rücken zu
stoßen. Das sind keine Menschen wie wir.»
Eine Frage, die häufig von Juristen gestellt wurde:
«Die Männer haben sich besser benommen als die Frauen, nicht wahr?»
Eine von Geisteswissenschaftlern oft gehörte Äußerung:
«Im Ernst, merk mich für die nächste Expedition vor. An so etwas würde ich
gern teilnehmen.»
Vertreter des Managements:
«Ich weiß nicht, was du Wichtiges geleistet hast, aber ich bewundere dich.
Man muß M u m m in den Knochen haben, um so etwas zu wagen.»

261
Bemerkungen von Beamten:
«Das wollte ich schon immer machen, seit meiner Kindheit, aber ich werde
wohl sterben, bevor ich es dazu bringe.»
Mediziner, vor allem Gynäkologen, die nicht mehr jung sind und alles über
die Sexualität «wissen»:
«Ich kann es mir vorstellen! Ich war nämlich mal mit einem Freund auf
einem Schiff. W i r waren umgeben von Amerikanerinnen, Französinnen, Schwe-
dinnen, Deutschen. Eine Orgie! Die Frauen sind dann nicht mehr passiv. Aber
das wissen Sie besser als jeder andere, Sie kennen sich ja aus . . . »
Tatsächlich erzählten mir alle von ihren Eroberungen oder von den Dingen,
die sie gehört hatten und die in Ermangelung eines Besseren ihre Phantasie be-
schäftigten.
Eine häufige Frage von Künstlern und Wissenschaftlern mittleren Alters, die
unter Hemmungen leiden:
«Ist es wahr, daß dich deine Frau vor europäischen Journalisten herunter-
gemacht hat? Man sagt, ihr wollt euch scheiden lassen.»
Ansicht von Männern mittleren Alters, deren abgezirkelte Laufbahn allge-
mein erfolgreich war:
«Ich könnte das nicht, ich hätte zu große Angst, mich so zu sehen, wie ich
wirklich bin.»
«Wenn Sie mich gefragt hätten, wäre ich mitgekommen, aber ich hätte eine
richtige Toilette verlangt.» Dieser Einwand wurde schon nach den Expeditionen
Ra I und Ra II vorgebracht, bei denen die Besatzung nur aus Männern bestand.
«Und der Priester? Na? Wie hat er sich benommen? Aufdringlich? Hat er
sonntags die Messe gelesen?» Eine Frage von Leuten, die nicht religiös sind.
Aus politischen Kreisen kam oft folgende Bemerkung:
«Sie sind doch ein ernster Mensch! Lassen Sie derartige Extravaganzen!»
Hier einige Beispiele für die Schlüsse vieler Vertreter der Wissenschaft:
«Meiner Ansicht nach ist die Veröffentlichung der Testergebnisse völlig un-
möglich. Das Berufsgeheimnis hat Gültigkeit, auch wenn sich die Betroffenen
mit der Veröffentlichung einverstanden erklären. Das ist eine unumstößliche
Regel, und ich würde mich an keiner Studie beteiligen, die sich nicht daran hält.»
«Die Befunde, die in medizinischen Zeitschriften veröffentlicht werden,
respektieren immer die Anonymität des Patienten, ohne daß der wissenschaft-
liche Fortschritt darunter zu leiden hätte, und auch das Privatleben des Objekts
bleibt geschützt.»
Als ob wir nicht gewußt hätten, daß unser Privatleben ins Scheinwerferlicht
gezerrt würde - gerade dieser Faktor gibt ja dem Unternehmen unter anderem
den Wert der Authentizität.
«Es scheint mir ein Unding zu sein, im selben Werk einerseits die Beobach-

262
tungen der Teilnehmer und andererseits die Ergebnisse der Fragebogen und der
verschiedenen Tests zu veröffentlichen. Außerdem haben mir einige Teilnehmer
gesagt, Sie hätten mehrmals versucht, ihre Antworten zu beeinflussen.»
Offenbar übersieht man, daß mehrere Teilnehmer nach der Landung Frustra-
tionen, Ängsten, dem Wunsch nach Rechtfertigung usw. ausgesetzt waren. Aber
auch das gehört zum Experiment und ist überdies durchaus menschlich.
«Als ich meine Einwilligung erklärte, glaubte ich, Ihre Rolle wäre auf die des
Beobachters beschränkt, eines möglichst neutralen, ohne daß Sie gleichzeitig
Kapitän, Anthropologe, Liebhaber, Vater, Führer und so weiter sein würden»,
sagte einer der Teilnehmer.
Als ob man eine Expedition leiten und die Meere auf einem Floß überqueren
könnte, indem man beobachtend in einem Stuhl sitzt und Notizen macht !

Ich könnte endlos zitieren, aber diese Beispiele zeigen zur Genüge, wie das
breite Publikum und auch Spezialisten das Experimentieren mit Menschen auf-
fassen. Das heißt, sie betrachten die menschlichen Probleme fast immer nur von
außen.
Es sei daran erinnert, daß das Unternehmen Acali unter dem Patronat der
mexikanischen Regierung lief und daß die höchsten Universitätsbehörden des
Landes wußten, worum es ging. Aber es genügte schon ein xArtikel in einer
großen Tageszeitung, in dem ich als «Aufschneider, Lebemann und Playboy»
bezeichnet wurde, und sämtliche Mitglieder des anthropologischen Instituts der
Universität, der ich angehöre, unterzeichneten eine in mehreren Blättern ver-
öffentlichte Erklärung, in der es u. a. hieß, diese (grundlosen) Aussagen gegen
meine Person seien «interessant und aufschlußreich».

Frauen

Die Frauen, mit denen ich befreundet bin, finden, daß ich falsch gehandelt und
meine Ehe mit Andrée gefährdet habe.
Sogar mehrmals geschiedene Frauen, meist ziemlich intelligent, denken plötz-
lich an ihre Kinder und wünschen ihnen die «glückliche Ehe», die sie selbst nie
erlebt haben und die so selten ist.
«Du fährst auf einem Floß weg, hast mit jeder Welle eine neue Liebschaft,
während w i r h i e r . . . »
«Alles ging gut bis zu dem Augenblick, wo du deine Rolle als Wissenschaft-
ler aufgabst und am <Leben> an Bord teilnahmst.»
Man w i l l nicht einsehen, daß ich das Unternehmen zwar als Wissenschaftler
entwickelt habe, daß ich aber gerade wegen des Experiments und seiner Echt-
heit wie ein Mann - nicht nur der Wissenschaft ! - handeln mußte.

263
Ich bin auf der Acali mit Sofia eine intime Beziehung eingegangen. Die I n t i -
mität entstand aus einer längeren Streßlage, die man an Land nicht versteht.
Nur Andrée begreift sie.

«Wer hat sich am besten verhalten? Natürlich die Frauen, auf die Dauer mußten
sie mehr einstecken», erklären viele Psychologinnen.
«Wie konntest du der Kapitänin ihre Befugnis entziehen?» Eine verständliche
Frage von berufstätigen Frauen, denen dieser Titel imponierte und die ihn sich
niemals hätten streitig machen lassen.
«Sie waren alle in dich verliebt.» Eine weitverbreitete Ansicht bei Schau-
spielerinnen.
«Die Sache mit der Toilette muß für die Frauen besonders peinlich gewesen
sein.» Häufige Feststellung von jungen Mädchen und Frauen, die sich für
«emanzipiert» halten.
«Ich wäre sehr gern mit dir gekommen, aber (errötend) du kennst ja meinen
Mann. Du w e i ß t . . . » (Darauf antworte ich jedesmal, daß ich «nicht weiß».)
Übliche Bemerkung von Akademikerinnen. Man beachte, daß kein Mann je-
mals offen gesagt hat, «ich wäre gern mitgekommen, aber meine Frau . . . »
«Du versagst dir nichts!» Meinung von Frauen der besseren Gesellschaft, die
von Cocktail zu Cocktail gehen und Bridge spielen.
«Gab es lesbische Verhältnisse?» Normale Frage für Frauen mit lesbischer
Neigung.
«Und der Priester?» Ebenso häufig gefragt von jenen, die «zu allem bereit
sind» wie von jenen, die jeden Sonntag zur Messe gehen.

Die Männer interessieren sich hauptsächlich für das Abenteuer, für sexuelle
und Rassenf ragen ; bei den Frauen spielen diese Themen eine geringere Rolle.
Außerdem lassen sich bei den Männern stärkere Frustrationen feststellen; i r -
gendwann einmal werden sie von Abenteuerlust gepackt, sei es beim Militär,
beim Sport oder angesichts einer «Tollheit» wie dem Unternehmen Acali. Aus
Gründen, die im wesentlichen mit der Erziehung zusammenhängen und nichts
mit der biologischen Verschiedenheit zu tun haben, resignieren die Frauen
schneller, so daß sie diese Frustrationen schwächer empfinden. Ebensowenig
findet man bei ihnen jenes Gefühl des Neides und der Bewunderung, das mir
bei den Männern aufgefallen ist. Für sie ist die Acali ein bizarres Tier, ein guter
Gesprächsgegenstand; aber sie sind wegen ihrer Ehemänner gegen alle der-
artigen Unternehmungen.

264
Frauen und Männer in größeren Gruppen

Das Experiment Acali hat mir unzählige Einladungen von allen möglichen Ver-
einen eingetragen.
«Das ist Professor Genoves, du weißt, der das Unternehmen Acali ins Leben
gerufen h a t . . . »
Es herrscht dort stets ein leichter Ton. Unter Gelächter drehen sich Bemer-
kungen, Fragen und Beobachtungen um die Sexualität, die Toilette, den Priester.
Antworten vermeide ich meistens, denn es findet sich immer irgendeiner, der
an meiner Stelle antwortet, und immer in «heiterem» Ton. Aber trotz der
«Scherzhaftigkeit» (eine Folge der Nervosität, weil jeder Bescheid wissen w i l l ,
aber niemand ernsthaft zu fragen wagt) verschanzt man sich hinter einer
Schein-Gelassenheit, um die eigenen Frustrationen oder Wünsche nicht auf-
zudecken. Das ist mir besonders in England aufgefallen.

Einige Schlußfolgerungen und Anmerkungen

Die Forscher der sozialpolitischen Wissenschaften beschäftigen sich mit Viet-


nam, die Anthropologen mit Rassenfragen, die Soziologen mit der Frauen-
bewegung, die Ethologen mit der Aggressivität und der Verhaltensweise der
Tiere. Ihre Arbeiten dienen oft dem besseren Verständnis «aktueller Phäno-
mene», angefangen vom Studium der «geschlechtlichen Verschiedenheit in be-
zug auf das Hüftbein» bis zum «Studium der vorgeschichtlichen Tabakspfeifen
in Südkalifornien» oder heutigen landwirtschaftlichen Problemen am Oberen
Nil.
Aber wenn ein Forscher, statt den überlieferten, allzu ausgetretenen Wegen
zu folgen, sein Leben und seinen Familienfrieden aufs Spiel setzt, um die Ver-
träglichkeit zwischen Weißen und Schwarzen, die Unduldsamkeit gegenüber
«anderen», den «Krieg» zwischen den Geschlechtern etwas näher zu unter-
suchen, heißt es sogleich: «Das ist nicht seriös», «Das hat keinen statistischen
Wert», «Dieses Modell ist nicht beispielhaft.»
Hatte die Reise des Christoph Kolumbus statistischen Wert? Ist Vietnam
kein beispielhaftes Modell? Die Frauenbewegung betrifft nicht nur die Frauen,
die Farbigen sind nicht nur Farbige!
Die Tatsache, daß das Unternehmen Acali insgesamt 827 Menschen verschie-
dener Länder auf die eine oder andere Weise beschäftigt hat, macht es ausrei-
chend repräsentativ. Es ist also unsinnig, einfach darüber zu lachen.
Es ist Tatsache, daß man gerne über das redet, was man erlebt hat oder was
man kennt. Dabei kommt die Neugier auf Neues zu kurz. Nur wenige haben je
eine wirkliche Seereise gemacht - ich spreche nicht von Kreuzfahrten -, aber

265
niemand w i l l etwas vom Meer wissen, abgesehen von der Verseuchung, die
aktuell ist. Man sollte es nicht glauben, aber das Unbekannte - in diesem Fall
das Meer - interessiert die Leute nicht. W i r wollen unser Ich einzig und allein
mit dem füttern, was w i r kennen. Unbekannte Meere werden w i r nicht mehr
entdecken. Aber wenn man nackt im Ozean schwimmt und von seiner unge-
heuren Wirklichkeit überwältigt w i r d , erlebt man ihn wirklich. Das Meer
bleibt den meisten Menschen unbekannt, allen Bemühungen Heyerdahls, Bom-
bards und Cousteaus zum Trotz. Das Leben im Meer ist das einzige, das keine
Grenzen hat; es allein gestattet einem Floß, sich auf einer flüssigen, aber trag-
fähigen Oberfläche von einem Punkt zum andern zu bewegen; es vermittelt
uns Wirklichkeit und Intuition.

Ethologie, ja - aber das ist nicht alles


«Die Analogien mit der Verhaltensweise der Tiere
verhelfen uns nicht dazu, unsere Irrtümer zu
erkennen.»
A. Koestler

Die ethologische Forschung ist leider im Begriff, die Bedeutung zu verlieren, die
sie verdient. Dabei haben die Untersuchungen in den letzten Jahren einwand-
frei ergeben, daß beispielsweise die Affen assoziative Fähigkeiten haben. Das
heißt, der Mensch ist nicht das einzige Lebewesen, das lernen und mehr oder
weniger reflexiv assoziieren kann. Ethologische Experimente vermitteln uns
viele Aufschlüsse über menschliche Probleme.
Die Gans erkennt ihre Artgenossin nicht sofort, wenn sie sie zum erstenmal
sieht; das gilt auch für andere Vögel. Das Erkennen der eigenen A r t hängt, wie
Lorenz bewiesen hat, von der genetischen Information ab, und die Gans «muß
lernen», was ihr Ebenbild ist. Das Erkennen ist ihr nicht a priori genetisch ge-
geben.
Manche Ethologen, darunter Lorenz, gehen beim Studium des Menschen von
ihren Tierversuchen aus und behandeln ihn, als wäre er im wahrnehmbaren
Raum ein Objekt, das man wie ein Auto oder eine Lokomotive manipulieren
kann. Es geht aber nicht mehr an, den zivilisierten Menschen mit Haustieren
zu vergleichen, wie Lorenz es lange getan hat.
Hingegen kann man, wie Leach und Lorenz zu Recht betonen, wertvolle
Vergleiche anstellen zwischen der philogenetischen Entwicklung von Tieren und
der kulturellen Entwicklung des Menschen. Gewißheit erlangt man dadurch
nicht, da sich der Mensch Gebote und Verbote auferlegt, die ihrerseits weiter

266
modifiziert werden, um allen oder bestimmten Gruppen ihre Umgehung zu er-
lauben. Es gibt zum Beispiel das allgemeine Gesetz, das uns verbietet, andere
Menschen zu töten; aber wir sind verpflichtet, diejenigen zu töten, die - aus
wirtschaftlichen, nationalen, politischen oder religiösen Gründen - als unsere
«Feinde» gelten.
Bataille hat die Hypothese aufgestellt, daß das sexuelle Verhalten des Men-
schen, das er Erotik nennt, ganz anders ist als das der Tiere, weil sich die Erotik
immer in sozialem Zusammenhang manifestiert, wo uns Konventionen und
Verbote dazu dienen, eine klare Unterscheidung zwischen Züchtigkeit und
Schamlosigkeit zu treffen; und daß sich diese Regeln mit anderen menschlichen
Besonderheiten vermischen, etwa mit dem Zeitbewußtsein, aus dem sich unser
Wissen um den mehr oder weniger nahen Tod ergibt.
Das rituelle Verhalten der menschlichen Gesellschaft gegenüber den Toten
scheint tiefenpsychologisch mit einem der stärksten und noch ziemlich unbe-
kannten soziologischen Mysterien verbunden zu sein: dem Inzest-Tabu. Den-
noch glauben w i r nicht, daß sich die intelligenten Elefanten, die ihre gestorbenen
Artgenossen manchmal mit Laub bedecken, irgendwie mit einem biologischen
Inzest-Verbot beschäftigen. Hallpike hat gezeigt, wie gefährlich es ist, sich durch
die Ethologie zu Verallgemeinerungen verleiten zu lassen.
Wegen der ungeheuren kulturellen Veränderlichkeit, die aus einer ganzen
Tonleiter von Regeln, Gegenregeln und Ausnahmen hervorgeht, führen die
ethologischen Vergleiche zwischen Tier und Mensch in den meisten Fällen zu
falschen Folgerungen, selbst wenn sie, oberflächlich betrachtet, zuzutreffen
scheinen.
W i r nehmen an, daß die Lebensfreude das bewußte oder unbewußte Verhal-
ten bei Tier und Mensch bestimmt. Doch da sich der Mensch seiner selbst be-
wußt ist, auch seiner Fähigkeit, über sich und sein Geschick nachzudenken und es
zu ändern, errichtet man alle möglichen Schranken, die ihn, im Gegensatz zu
den übrigen Geschöpfen, dazu zwingen, die Lebensfreude zu modifizieren.
Schon 1953 zeigte der holländische Nobelpreisträger Tinbergen, daß die Ur-
sachen der Verhaltensweisen viel komplizierter sind, als man nach den bis-
herigen Verallgemeinerungen geglaubt hatte. Seine Arbeiten wurden damals
wenig beachtet, und die Ergebnisse der letzten zwanzig Jahre lassen kaum neue
Folgerungen zu.
Die Erklärung der Phänomene einer bestimmten Kultur sollte meines Er-
achtens notgedrungen im Innern dieser Kultur gesucht werden. Von außen er-
hält man nur sinnlose Vergleiche. Ein Volk, das keinen Regen kennt, w i r d in
einem Regenschirm einen Sonnenschirm sehen. Daher die mitunter unüber-
windliche Schwierigkeit, durch transkulturelle Vergleiche zu Folgerungen zu
gelangen. Man sieht sofort, welche ungeheure Schwierigkeiten sich auf dem

267
Gebiet der Verhaltensforschung ergeben müssen, wenn man Verbindungen
zwischen verschiedenen Tierarten und dem Menschen herstellt.
Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das seinesgleichen in Massen tötet,
das einzige, das unnötig zerstört. Der Mensch ist auch das einzige Lebewesen,
das sich aus dem ökologischen Raum herausbegibt, den ihm die Natur angewie-
sen hat, und der seine Eigenart von eben der Gesellschaft bestimmt sieht, die er
selbst geschaffen hat und in derer lebt.
A l l dies zeigt die außerordentliche Komplexität der Verhaltensforschung;
und wir wissen längst nicht genug darüber. W i r werden nichts Gültiges errei-
chen, wenn wir, wie es jetzt geschieht, den Zoomorphismus des Menschen oder
den Anthropomorphismus der anderen Arten übertreiben; damit gelangen w i r
nur zu einer scheinbaren Gleichheit, die der Wirklichkeit nicht entspricht und
die keinen Sinn hat.

Schlußfolgerung

In biologischer Hinsicht stellt man bei den Säugetieren deutliche Beziehungen


fest: Blut, Knochenbau, mehr oder minder entwickelte fünf Sinne, Zentralner-
vensystem und peripheres Nervensystem usw. Die Pfoten des einen sind beim
andern Arme, bei den Vögeln und Fledermäusen Flügel. Der Variationen sind
viele, aber der gleiche Faden des Lebens und der morphologischen Konstitution
verbindet alle miteinander. Darwin hat den entscheidenden Anstoß gegeben,
doch Buffon, Belon und andere sind ihm vorausgegangen.
Nach Desmond Morris (Der nackte Affe) könnte man annehmen, wir wüßten
alles über die menschlichen Verhaltensweisen, wenn wir von der Tierbiologie
und ihren Beziehungen zur Menschenbiologie ausgehen. Nach Waltz, Lorenz
und anderen Autoren sieht es so aus, daß der Mensch, auf Grund der Unter-
suchungen an anderen Lebewesen, von Natur aggressiv sei. Was unbedingt
falsch ist. Nach Ardrey, der sich auf seine Untersuchungen an Vögeln und be-
stimmten Säugetieren stützt, zählt die Umwelt. Auch das ist nicht wahr. Nach
Freud ist die Sexualität bestimmend. Nichts trifft weniger zu. Aggressivität,
Umwelteinflüsse, Sexualität und viele andere Aspekte der Verhaltensweise
sind an die Biologie gebunden und manifestieren sich in ständiger, komplexer
Wechselwirkung. W i r alle essen; entzieht man uns die Nahrung, so werden w i r
aufsässig. W i r alle haben ein Geschlechtsleben; wir leben alle in einer bestimm-
ten Umwelt; jeder hat Stuhlgang und muß urinieren. Aber ein ganz anderes
Problem ist es, die Verhaltensweisen aufgrund dieser Realitäten zu verall-
gemeinern. Die Toda in den N i l g i r i bedecken ihre Hütten mit Kuhfladen; w i r
benützen sie als Dung; das Vieh begnügt sich damit, sie zu machen.

268
Der Spatz sagt: «Hier bin ich, ich bin zufrieden, das ist mein Revier.» Nixon
wollte die Tonbänder von Watergate nicht herausgeben, um sich sein Präsiden-
tenrevier zu erhalten. Die Amerikaner gingen nach Vietnam, um es als «ihr»
Revier zu behaupten. In allen drei Fällen hat der Ausdruck «Revier» nichts mit
irgendeiner A r t gemeinsamen Verhaltens zu tun. Und doch sind alle drei Fälle
bedingt durch eine wie immer geartete Verbindung von Umwelt, Aggressivität,
Sexualität.
In der Tierwelt und innerhalb einer A r t ist Kooperation die Regel, nicht
Kampf. Wenn eine Biberkolonie übervölkert ist, ziehen die älteren Tiere
stromaufwärts, die jungen stromabwärts. Wölfe jagen gemeinsam, Löwen
ebenfalls. Man spricht bei Gorillas, Rentieren, Robben, Löwen, Schimpansen
von Führerschaft und zieht Vergleiche mit der menschlichen Verhaltensweise
(was uns wegen der Probleme interessiert, mit denen w i r es auf dem Floß zu
tun bekamen). Aber man kann in bezug auf menschliche Führerschaft beim
jetzigen Stand des Wissens so gut wie nichts aus Tierversuchen ableiten. W i r
machen Experimente mit Ratten und ziehen Parallelen, wobei der einzige Vor-
teil darin liegt, daß Ratten nicht lügen. W i r aber lügen. Beim Studium der
menschlichen Verhaltensweise ist die Lüge ein grundlegendes Phänomen, das es
in der Tierwelt nicht gibt.

Acali: Bequemlichkeit und Information

Jedes Tier sucht sich zum Schlafen einen bequemen Platz, wobei es darum be-
sorgt ist, daß seine Sicherheit auf diesem Platz möglichst nicht gefährdet ist.
M i t anderen Worten, es richtet sich so ein, daß es Informationen über drohende
Gefahren rechtzeitig empfangen kann. Dieses Bedürfnis übersteigt oft den
Nahrungs- und Geschlechtstrieb.
Alle Freiwilligen der Acali sind sich darin einig: Der beste Platz in der
Kajüte war derjenige, den ursprünglich Aischa hatte. Den hätten sich alle gern
angeeignet, wenn sie nicht durch Erziehung, Höflichkeit, praktische oder A r -
beitsgründe davon abgehalten worden wären. Alle wollten sich, besonders in
gefährlichen Augenblicken, in der Nähe der beiden Quellen befinden, die ihnen
das Höchstmaß an Informationen lieferten: beim Funkgerät und beim Leiter.
Was eine mögliche Verwandtschaft zwischen menschlichem und tierischem
Verhalten betrifft, besonders in Konfliktsituationen, so konnten wir bezüglich
zwischenmenschlicher Beziehungen keine Schlüsse ziehen.

269
Psychologische Tests

«Denn jedem, der da hat, wird hinzugegeben werden,


so daß er Überfluß hat; wer aber nicht hat,
dem wird auch noch das genommen werden, was er hat.»
Matthäus, XXV, 29

Die Psychologen hatten beschlossen, daß wir uns vor, während und nach der
Reise einer stattlichen Reihe von Tests zu unterziehen hatten. Es handelte sich
um die folgenden Verfahren: VJais (Intelligenz, Gedächtnis, praktische Bega-
bung, Fähigkeit zu abstrahieren und zu organisieren usw.); Calligor (Reaktion
auf kritische Situationen, Reifegrad, sexuelle Identifizierung usw.); T. A. T.
(Kreativität, Autorität, Assimilation bei Aggressivität und Depression usw.);
Sacks (Zielsetzungen und Bestrebungen, sexueller Bereich, Elternbild usw.);
Bender (Grad der Aggressivität, Augenkoordination und motorische Koordina-
tion usw.); Rorschach (Struktur der Persönlichkeit, Übereinstimmung mit der
Wirklichkeit, geistige Kontrolle über Erregbarkeit, Selbstbeherrschung usw.);
Rosenzweig (äußerliche Aggressivität usw.); Allport (ästhetische, religiöse,
politische, wirtschaftliche Maßstäbe).
Diese Prüfverfahren, denen w i r mehrere Stunden hintereinander unterwor-
fen und deren Ergebnisse analysiert wurden, sollten bestimmen:
1. Charakterisierung der Persönlichkeit vor der Abreise.
2. Entwicklung und Lage nach einmonatiger Isolierung.*
3. Entwicklung und Lage nach zweimonatiger Isolierung.
4. Charakterisierung am Ende des Experiments und Entwicklung im H i n -
blick auf die anfänglichen Schlußfolgerungen.
Hier nun eine kurze Zusammenfassung der Ergebnisse.

CHARAKTERISIERUNG VOR DER ABREISE

Hohe Intelligenz: Santiago, Sofia, Ana, Marcos, Teresa


Überdurchschnittliche Intelligenz: Emiliano, Ingrid
Durchschnittliche Intelligenz: Antonio
Unterdurchschnittliche Intelligenz: Komico
Aggressiv gegen Frauen: Emiliano, Antonio
Aggressiv: Alle außer Teresa
Aggressiv in kritischer Lage: Ana, Antonio, Komico
Exhibitionistisch: Sofia, Marcos

* Unterwegs war die Durchführung der Tests begrenzt, schwierig und öfters man-
gelhaft; ihr Wert ist also auch begrenzt.

270
Kann sexuelle Konflikte heraufbeschwören: Marcos
Beherrschen ihre Impulse nicht: Antonio, Komico, Esperanza
Schlechte Reaktionen auf Krisen: Ingrid
Führernatur: Ingrid
Manipulieren andere: Aischa, Santiago, Antonio, Esperanza
Infantil: Aischa, Santiago, Ingrid, Komico, Marcos
Versucht Angst einzujagen: Marcos
Unreif: Aischa, Santiago, Antonio, Ingrid, Komico
Minderwertigkeitskomplex: Komico
Ängstlich: Ingrid, Esperanza
Heldenhaft: Teresa
Innerlich leer, überschwenglich: Santiago
Egozentrisch: Sofia, Ingrid, Marcos
Selbstmordneigung: Alle außer Teresa
Verloren in einer dunklen Welt: Emiliano, Komico, Marcos
Beweggründe:
Selbstbestätigung: Ana, Antonio
Flucht: Teresa, Sofia
Ehrgeiz: Esperanza
Narzißmus: Santiago, Marcos
Prestige: Sofia, Antonio, Ingrid, Marcos, Aischa, Santiago
Suizid: Aischa, Santiago, Antonio, Ingrid, Esperanza
Kindliche Anschauungen: Santiago

Aus dieser kurzen Zusammenfassung geht nach den Psychologen hervor, daß
alle Teilnehmer in mehreren Punkten übereinstimmen. Alle sind sadomasochi-
stisch; alle leben unter dem Einfluß von Projektionen, alle, außer einem, sind
aggressiv und haben Suizidneigung; die meisten sind infantil, unreif, und es
fehlt ihnen an Realitätssinn; einige manipulieren die andern; mehreren fehlt
die Selbstbeherrschung; mehrere sind egozentrisch und exhibitionistisch; die
meisten suchen Prestige, Selbstbestätigung usw. Diese psychisch eher gestörte
Gruppe hat die Ozeanüberquerung von Las Palmas nach Cozumel auf einem
Floß vorbereitet und in 101 Tagen durchgeführt.

CHARAKTERISIERUNG N A C H DER LANDUNG IN COZUMEL

Verstärkung der Suizidneigung: Aischa, Antonio, Komico, Esperanza


Verringerung des Urteilsvermögens: Aischa
Verringerung des Realitätssinnes: Aischa, Marcos
Verlust des Realitätssinnes: Santiago, Esperanza

271
Tiefe Depression: Aischa, Sofia, Antonio, Ingrid, Esperanza
Verstärkter Infantilismus: Santiago, Ingrid
Erschwerte Beherrschung der Gefühle: Komico, Teresa
Verstärkter Narzißmus: Santiago, Sofia, Marcos
Gesteigerte Aggressivität: Santiago
Verdrängung der Gefahr bis zum Pathologischen: Santiago
Unbeherrschte Affektreaktionen bis zum Pathologischen: Esperanza
Gesteigerter Exhibitionismus: Sofia
Spaltung der Persönlichkeit: Aischa, Sofia, Ingrid, Komico, Esperanza
Sexuelle Übererregbarkeit: Esperanza
Kastrationskomplex: Teresa
Schwierigkeiten, die sexuellen Bedürfnisse zu beherrschen: Marcos
Besondere sexuelle Problematik: Emiliano
Neurotische Angst vor Impotenz: Komico
Ressentiment gegen den Mann und die Autorität: Aischa, Ana, Ingrid, Teresa
Verstärkter Minderwertigkeitskomplex: Komico
Mangelnde Selbstkritik: Marcos

Das Ergebnis der Tests dürfte wohl nur eine subjektive Interpretation der-
jenigen Fachleute sein, die solche Informationstechniken anwenden. Unsere
eigenen Beobachtungen haben zu diametral entgegengesetzten Ergebnissen ge-
führt, und die Wirklichkeit spiegelt sich so gut wie nicht in diesen Tests, die
natürlich kein Universalmittel sein können, mit dem alles zu erfahren und zu
klären wäre.

KOMMENTARE U N D ANALYSEN

Unsere Wirklichkeit ist viel einfacher: W i r lernen uns kennen, wir sprechen
miteinander, der Plan gefällt uns. Alle haben das Gefühl, etwas tun zu können,
das die Mühe lohnt; die Teilnahme an einem ungewöhnlichen Projekt hat
menschliche und wissenschaftliche Bedeutung. Was wäre normaler, als bei
dieser Expedition mitmachen zu wollen? Und ist es nicht auch normal, daß w i r
nach dem anstrengenden Unternehmen in mehr oder weniger überspannter
Verfassung sind, niedergeschlagen, müde und verändert? Interessant ist da-
bei gerade, daß die Veränderungen innerhalb der Gruppe von Psychologen nicht
ausgedeutet wurden. Die Tests wurden vorgenommen, nachdem die Gruppen-
dynamik-Sitzungen bereits angefangen hatten, wodurch alle beeinflußt wur-
den; das ist bedauerlich.
Es stellt sich die Frage: Was waren - in Anbetracht der Persönlichkeit, des

272
Charakters, der Erziehung, der Kenntnisse und der Motivation eines jeden -
die Ursachen der Reibungen, und warum kamen sie zum Ausbruch?
Im wesentlichen aus einem sehr einfachen Grund: Das Anpassungsvermö-
gen funktionierte sehr unterschiedlich. Diejenigen, die sich am schnellsten und
am besten anpaßten, waren gerade die Teilnehmer, die an Land eine «unorgani-
sierte Persönlichkeit» zeigten, «keine Beziehung zur Wirklichkeit» hatten usw.
Sie organisierten sich «im Innern» durch die erlebte Wirklichkeit - und erhiel-
ten von den Psychiatern und Psychologen nach den üblichen Maßstäben die
schlechtesten Noten. W i r wurden auch von jenen Teilnehmern falsch beurteilt,
die aus allgemeinen oder besonderen Gründen - Charakter, Erziehung, Per-
sönlichkeit und Motivation - während der Seereise und vor allem in Cozumel
litten. Diejenigen, die mit dem vordringlichen, bisher unerfüllten Verlangen
nach Selbstverwirklichung auf die Acali kamen, ertrugen es schlecht, daß Er-
fahrung erworben werden muß. Ingrid, Antonio, Teresa und alle andern
schrieben vier Tage vor der Landung, jeder auf seine Weise, daß das Erlebnis in
persönlicher Hinsicht bereichernd, einzigartig, ungewöhnlich und unvergleich-
lich gewesen sei.
Zu Reibungen kam es - in Bereichen wie Führerschaft, Autorität, Sexualität,
Rollenverteilung, Arbeitsteilung, Sprachverschiedenheit usw. - durch den Z u -
sammenstoß zwischen jenen, die keinen Schlüssel zu dem neuen Leben an Bord
fanden, und den andern, die hier einen Sinn suchten, den ihr bisheriges Dasein
nicht gehabt hatte. Vereinfacht gesagt, die stärksten Konformisten, die aus-
geprägten traditionsbewußten Orthodoxen fühlen sich - in den engen Grenzen
der psychologischen Analyse - an Land wie auf der Acali am wenigsten wohl.
Weder Konformismus noch Tradition können dem unterjochenden Rhythmus
einer dauernden Veränderung standhalten.
A u f der Acali kamen Teresa, Antonio und Ingrid - die beiden ersten sehr
extravertiert, die letzte äußerst introvertiert - dem traditionsbewußten Typ
am nächsten. Angesichts durchgreifender Veränderungen, die für unser Unter-
nehmen bezeichnend waren, litten die drei am stärksten unter der allgemeinen
Atmosphäre; sie gerieten an die Grenze der Hysterie und bildeten, offensicht-
lich uneins mit sich selbst, die Hauptquelle der Reibungen.
In Konfliktlagen ist es weniger interessant, die «tiefen» Motivationen, die
Neigung zum Selbstmord, den Sinn für Wirklichkeit usw. zu kennen als den
Grad der Geschmeidigkeit und Anpassungsfähigkeit des einzelnen. Menschen,
die an unverrückbaren Traditionen kleben, stoßen mit denjenigen zusammen,
die das Leben weniger starr betrachten und sich den Umständen anzupassen
vermögen.

273
VERGLEICHSTABELLE
(Aischa ist hier ausgelassen, da sich bei ihrer Beurteilung so gut wie keine
Widersprüche ergaben. Das Ergebnis w i r d nur erwähnt, wenn die Meinungen
stark auseinandergehen.)
Name Beurteilung durch Beurteilung durch die
die «Fachleute» «Freiwilligen»
Santiago Infantil, unreif Übermäßig verantwortungs-
«Leer» bewußt
Verlust des Realitätssinnes Zu eingebildet
Übermäßig realistisch
Sofia Spottet über Autorität Gute Zusammenarbeit
Hohe Intelligenz Normale Intelligenz
Verwirft ihre Weiblichkeit Sehr weiblich
Emiliano Aggressiv Am wenigsten aggressiv
Feindlich gegenüber Frauen Versteht sich mit den
Labiles seelisches Frauen am besten
Gleichgewicht Einer der Stabilsten
Konkrete Intelligenz Abstrakte Intelligenz
Ergebnis Negatives Bild Positives Bild
Ana Niedriges Bildungsniveau Hohes Bildungsniveau
Oberflächlich Ernsthaft
Überheblich Hält nichts von Macht
Ergebnis Schlechtes Bild Positives Bild
Antonio Offen Oberflächlich
Verwegen Im Gegenteil
Ingrid Ziemlich intelligent Durchschnittlich intelligent
Führernatur Unsicher, unfähig
Gedankenschnell Am wenigsten geistes-
gegenwärtig
Neigung zu Selbstzerstörung Im Gegenteil
Nachtragend Nicht nachtragend,
aufrichtig
Ergebnis Positives Bild Fast negatives Bild
Komico Unterdurchschnittliche
Intelligenz Hinlänglich intelligent
Impulsiv Im Gegenteil
Wirre Vorstellung von Im Gegenteil
der Umwelt
Besessen Im Gegenteil

274
Ergebnis Schlechtes Bild Positives Bild
Esperanza Intellektuelle, gute Bildung Beschränkte intellektuelle
Bildung
Sehr konventionell Sehr originell
Beharrlich Weich
Kann durch ihr Macht- Am wenigsten an Macht
bedürfnis Unannehmlich- interessiert
keiten hervorrufen
Ergebnis Negatives Bild Neutrales Bild
Marcos W i l l seine sexuelle Potenz Sexuell zurückhaltender
zeigen als alle andern
W i l l gefürchtet sein Im Gegenteil
Ergebnis Negatives Bild Sehr positives Bild
Teresa Hohe Intelligenz Durchschnittlich intelligent
Organisationstalent Schlechte Organisatorin
Phantasie Wenig Phantasie
Heldenhaft Im Gegenteil
Autoritär Nicht autoritär
Schweigsam Geschwätzigste Person
auf dem Floß
Gute zwischenmenschliche Keine dauerhaften
Beziehungen Freundschaften
Ergebnis Positivstes Bild Negatives Bild

Die Intelligenztests - die häufigsten Prüfungen - haben folgende Resultate


(in der Reihenfolge der Höhe) gebracht:
Einordnung durch die «Freiwilligen» : Santiago, Komico, Ana, Sofia,
Marcos, Ingrid, Emiliano, Esperanza,
Aischa, Antonio, Teresa.
Einordnung durch die «Fachleute» : Teresa, Santiago, Marcos, Ana,
Aischa, Sofia, Esperanza, Ingrid,
Emiliano, Antonio, Komico.
Stärke der Persönlichkeit:
Einordnung durch die «Freiwilligen» : Santiago, Komico, Sofia, Ana,
Marcos, Ingrid, Emiliano, Esperanza,
Aischa, Antonio, Teresa.
Einordnung durch die «Fachleute» : Ingrid, Teresa, Santiago, Antonio,
Sofia, Ana, Emiliano, Marcos,
Esperanza, Komico, Aischa.

275
Die Folgerung ist augenfällig: Man muß die althergebrachten Testverfahren
revidieren, denn es haben sich hier, bei einem lebensechten, langfristigen Ex-
periment mit elf Menschen, in vielen Fällen widersprüchliche Resultate er-
geben.

Psychiatrie und Gruppendynamik

Nach der Landung in Cozumel blieb uns nur kurze Zeit, unsere Angehörigen
und Freunde zu begrüßen und einige Dinge zu regeln. W i r sollten ja ebenso
isoliert bleiben wie bei den Vorbereitungen, während der Reise und auf
Barbados.
Diese Regel wurde zum Teil durchbrochen. Einer der wissenschaftlichen Be-
rater hatte mit einer Teilnehmerin auf den Kanarischen Inseln und in Cozumel
intime Beziehungen. Ein anderer kam in Begleitung einer fremden Person nach
Yukatan. Die Gruppe der Wissenschaftler suchte am Abend unserer Ankunft
mit den Leuten von der Acali Kontakt aufzunehmen, obwohl es zu den Grund-
sätzen der Gruppendynamik gehört, daß sich Psychiater nicht unter die Pa-
tienten mischen.
Von Anfang an setzten die Psychologen und Psychiater den Arbeitsverlauf
fest und führten die Arbeit so durch, wie sie es für richtig hielten. Wahrschein-
lich wäre es besser gewesen, wenn sie sich nach unserer Landung zunächst
Zeit genommen hätten, erst einmal die Fragebögen und die Tests zu lesen,
die wir unterwegs erstellt hatten. Das geschah nicht. Die erste Sitzung lief
ohne Kenntnis der Eintragungen und Berichte über unsere auf See verbrachten
Monate ab.
Fast alle Sitzungen drehten sich um die Rolle des Leiters während der Reise;
es war weder von der Rolle noch von der Persönlichkeit eines anderen Expedi-
tionsteilnehmers die Rede.
Die Sitzungen ließen den gefühlsmäßigen Reaktionen freien Lauf; sie wur-
den weder erklärt noch analysiert. In dieser hektischen Atmosphäre kam es
erstmals zu Gefühlsausbrüchen, zu Nervenkrisen und einer Erkrankung. Man
untersuchte weder die Faktoren noch die Gründe der Reibungen.
Gruppendynamik bedient sich einer Technik, die gut, aber auch verheerend
schlecht angewendet werden kann. Sie gestattete den erschöpften Teilnehmern
nicht, bis zum Ende dieser sehr mühseligen Woche ein klareres Bild voneinander
zu bekommen. Da wir uns aber über die Ursache bestimmter Reibungen klar-
werden mußten, entstand deshalb ein Unbehagen, das es vorher nicht ge-
geben hatte. Die Psychiater konnten sich den Grund dieser plötzlichen Miß-
stimmung nicht erklären.

276
Mehrere unserer Ratgeber in Cozumel und in Mexiko finden, daß es nicht
richtig von mir war, bestimmte Beziehungen einzugehen, insbesondere ein
Verhältnis mit Sofia.
«Ich dachte, Sie hätten einzig und allein als Beobachter teilgenommen...»
Wer das Floß gesehen hat - und alle Ratgeber sahen es in Las Palmas oder
in Cozumel -, der müßte von der Unmöglichkeit, nur als Beobachter dabeizu-
sein, überzeugt sein. Ein derartiges Verhalten hätte das Experiment verfälscht.
Das Leben an Bord erlaubt keinem, nur als Zuschauer aufzutreten; ich war
völlig in das Leben «eingesogen». Übrigens wäre ich, wenn ich mich mit dem
Beobachten begnügt hätte, in mindestens zwei Tagen über Bord geworfen
worden.
Kurz gesagt: Die gruppendynamischen Sitzungen in Cozumel konnten die
in sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen. W i r erkannten unseren Irrtum,
und er mag einmal mehr gezeigt haben, wie menschlich und häufig das Irren
auf wissenschaftlichem Gebiet ist.

FOLGERUNG

Nach Beendigung des Experiments weisen viele Spezialisten darauf hin, daß
die mühseligen Sitzungen in Cozumel - trotz allen Anstrengungen mancher
Teilnehmer - sinnlos waren. Die kurzen Berichte, die daraus entstanden, zei-
gen, daß es unmöglich ist, nach längerer Streß-Situation auf Grund schneller
und belasteter Sitzungen zu einer Diagnose zu kommen. Man kann in so kur-
zer Zeit keine sicheren Ergebnisse erzielen.
Es zeigt sich, daß jahrelang erlebte Erfahrungen kaum in einigen Stunden
von außen zu analysieren und zu synthetisieren sind. Hoffentlich werden die
Psychiater ihren Rapport im Lichte dieser Erkenntnis revidieren und das Wis-
sen um die tiefliegenden Ursachen von Aggression, Aggressivität und Gewalt-
tätigkeit auf diese Weise vermehren helfen.

Aggression und Gewalttätigkeit


«Wir beneiden andere nicht unbedingt um
das, was wir haben möchten, sondern viel
eher um das, was wir sein möchten.»
R. Mazur

Nach Lorenz bestimmen vier Haupttriebe die Verhaltensweise aller Geschöpfe:


Hunger, Angst, Geschlechtstrieb und Aggression.

277
W i r sind keineswegs dieser Meinung. Diese Ausdrücke haben in unserem
Fall nicht denselben Sinn. Wenn man von «Trieben» spricht wie im Altertum
von den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer, dann kommt man kaum
vorwärts und lernt nichts über die Wirklichkeit, die uns ja gerade interessiert.
Wäre es denn nicht ebenso gerechtfertigt, von Glück, Freude, Überleben und
Zusammenarbeit zu sprechen? Wenn w i r uns schon auf Lorenz beziehen, dann
geschieht es gerade deshalb, weil seine anregenden, grundlegenden und faszi-
nierenden Tierforschungen und ihre Ergebnisse zu Unrecht auf den Menschen
angewendet worden sind. Zahlreiche Wissenschaftler, darunter auch ich, stim-
men mit seinen Beobachtungen über Aggression und Aggressivität, Triebe usw,
nicht überein. Viele haben den Beweis erbracht, daß es beim Menschen keine
«angeborene Aggressivität» gibt. Dennoch spricht man weiter davon; man
verwechselt den dauernden Fortschritt des Menschen, der sich und seine Um-
welt kennenlernen w i l l , mit einer fortgesetzten Aggressivität, die noch nie-
mand beweisen konnte.
Die Erforschung der Aggressivität des Menschen als eines biologischen We-
sens hat nur begrenzten Wert, weil w i r von der genauen Natur der Relation -
angenommen, es gibt sie - zwischen Aggressivität und Krieg oder anderen
Formen der Feindschaft und der negativen Einstellung im menschlichen Bereich
überhaupt nichts wissen. Außerdem sind Begriffe wie Aggressivität und Nega-
tivität schwer definierbar; es ist so gut wie unmöglich, dabei von der Moral
abzusehen. Man muß also anders vorgehen und bei der Erklärung der Verhal-
tensweise des Menschen seine Bedeutung in einer Kulturwelt der Symbole in
Rechnung stellen. Dabei verlieren w i r jedoch wieder die Gegebenheiten und
Lehren der biologischen Welt aus dem Auge. Wie soll man die Vorurteile, die
Antipathien, die Geringschätzung zwischen dem einen und dem anderen Volk
biologisch erklären? Wie andrerseits sicher sein, daß diese ausschließlich
menschliche, kulturelle und geistige Einstellung nicht ebensosehr den Frieden
stören kann wie die Instinkte, die w i r möglicherweise aus unserer tierischen
Vergangenheit geerbt haben? Es gibt viele genaue soziale Faktoren, die uns
in Konfliktlagen geführt haben und immer noch führen, zu denen viele bio-
logische Irrtümer oder falsche Interpretationen kommen, mit denen w i r unsere
Konflikte und Gewalttätigkeiten biologisch erklärt haben.
Man kann drei spezifisch menschliche Faktoren unterscheiden, die die Erfor-
schung der Gewalttätigkeit und der Aggression beeinflussen: die Bevölkerungs-
zunahme und die Probleme in den großen Agglomerationen; die gegenwär-
tige Explosion des Unwissens, die bewirkt, daß w i r im Vergleich zu den immer
mehr anwachsenden verfügbaren Kenntnissen mit jedem Tag weniger wissen
(daher die Irritation und Verwirrung); die unfruchtbare wissenschaftliche Aus-
einandersetzung, die die Forscher - zum Teil wegen dieser Explosion des Un-

278
wissens - lähmt. Wenn wir diesen Phänomenen die verwirrenden Mißverständ-
nisse zwischen Rasse und Rassismus, Männlichkeit und Männlichkeitskult,
Familie und Individualität, Sexualität und Hypersexualität sowie die Idealisie-
rung der Ehe, der Sexualität, des Nationalismus, der Religion, der Individualität
hinzufügen, dann stoßen w i r endlich auf die wahren Ursachen der Gewalt-
tätigkeit. W i r dürfen die Verantwortung für Aggressionszustände nicht auf
chromosomale Anomalien schieben oder gar, wie allgemein üblich, auf eine
unglückselige Naturgeschichte, deren ohnmächtige Erben w i r gezwungener-
maßen sind.

ACALI

Die Angaben über Reibungen, Aggression und Gewalttätigkeit sind 363 A n t -


worten auf diesbezügliche Fragen, Notizen der Teilnehmer und meinen eige-
nen Beobachtungen zu entnehmen.
Die Antworten in den Fragebögen und die Notizen sind oft «erlogen», zu-
mal in bezug auf Reibungen und Sexualität. Die sexuelle Frustration schiebt
man sich nicht selbst zu, sondern «dem mangelnden Interesse der andern»,
Reibungen «dem Charakter der andern».
Nach Santiago ist Marcos von der Erfahrung am meisten betroffen. Er ver-
gnügt sich wie alle, singt, bringt alle mit seinen Spaßen zum Lachen; aber er
mag kein Geschwätz und arbeitet statt dessen. Sofia gefiel ihm, doch da ihm
die intime Beziehung verwehrt war, interessierte er sich auch für keine der an-
deren Frauen. Seine schlechteste Mann-zu-Mann-Beziehung: Antonio. Marcos
äußert nie etwas, das er nicht reiflich überlegt hat; Antonio redet drauflos und
denkt oft erst nachher. Im allgemeinen hat Marcos recht (Reparatur des Ru-
ders, Benutzung der Harpune usw.). Marcos erwies sich als der Stärkere, und
mehrere Frauen und Antonio finden Marcos «gewalttätig» und «aggressiv».
Komico hat durch seine Erziehung offenbar einen Männlichkeitskomplex.
Nach einem unglücklichen Verhältnis mit Esperanza weigert er sich, sie zu
fotografieren, worauf Esperanza gereizt widerspricht; Komico findet sie «ag-
gressiv» - und umgekehrt.
Komico hat eine Vorliebe für Ana und Aischa. Aus triftigen Gründen h i n -
dert ihn Santiago mehrmals, sie zu filmen. Komico findet ihn intolerant und
«aggressiv».
Aus dem Kapitel über die zwischenmenschlichen Beziehungen geht hervor,
daß sich die Teilnehmer deutlich in zwei Gruppen gliedern: in tüchtige und
positiv eingestellte und in weniger tüchtige und negativ eingestellte Personen.
Im allgemeinen ergeben sich die wirklichen Reibungen nicht innerhalb der-

279
selben Gruppe, sondern zwischen einzelnen, die der einen oder anderen ange-
hören. Aus allen möglichen Gründen - Persönlichkeit, Kompetenz, Eifersucht,
Verliebtheit, Frustration usw. - w i r d in mehr als einem Fragebogen nicht die
Wahrheit gesagt, und die «Aggressivität», die dem Nächsten zugeschoben
wird, ist nichts anderes als Ausdruck eigener Intoleranz, Inkompetenz, Ego-
zentrik usw.
Über die Nervenkrisen schreiben die Analytiker: «Von der Gruppe auf der
Acali zeigten nur drei Personen niemals eine Neigung zu einer Nervenkrise:
Aischa, Santiago und Emiliano.»
Aischa war selbstsicher, überzeugt von ihrer Einmaligkeit und Schönheit.
Santiago konnte es sich in seiner Eigenschaft als Leiter «nicht erlauben»,-Ner-
vosität zu zeigen, und verhielt sich während der Reise möglichst verantwor-
tungsbewußt. Emiliano bewies bei jeder Probe Ruhe und Stoizismus. Als
Priester mußte er ein Beispiel geben (vielleicht aus «Konformismus»).
Die beiden Personen, die wirklich eine Nervenkrise durchmachten, waren
Antonio und Komico. Bei Antonio beruhte sie auf seinem schwankenden, über-
schwenglichen und übersteigerten Wesen. Er verhielt sich immer fügsam und
hütete sich, bei den andern Spott oder Aggression auszulösen. Komico litt
während der ganzen Reise unter mangelnder Verständigung; überdies konnte
er seine sexuellen Bedürfnisse nicht vollauf befriedigen. Man bedenke auch
seine Abneigung gegen die Tests und andere Arbeiten, die sich während des
Experiments unablässig ergaben.
Was die übrigen Teilnehmer betrifft, so gerieten Ana und Ingrid in die Nähe
einer Nervenkrise. Ana bekam es an Bord zweimal mit der Angst zu tun,
Ingrid mehrmals; Ana benahm sich in Cozumel besonders schlecht.
Dieses Verhalten, das sich angesichts der seefahrerischen und vor allem der
menschlichen Schwierigkeiten ergab und tatsächlich zu Reibungen führte, wurde
von den Psychologen und Psychiatern aufgedeckt. Das ist eines der seltenen
Beispiele, wo die Meinungen der Teilnehmer, die das Experiment von innen
erlebten, mit der Diagnose der Fachleute übereinstimmten, die es von außen
sahen.
Niemand konnte hingegen voraussehen, daß gerade Teresa - ihrer Körper-
kraft und ihren beruflichen Kenntnissen zum Trotz - nach dreiwöchiger Iso-
lierung an den Rand einer nervösen Depression geraten würde.
Es ist bekannt, daß diejenigen Menschen, die die besten Nerven haben, bei
längerem Streß am ehesten zu einer Krise neigen und durch ihre Verkrampft-
heit eine Reibungssituation hervorrufen. Das Unternehmen Acali hat es be-
stätigt.

280
BESORGNISSE U N D REIBUNGEN

Nach den ersten zwei Tagen auf See glaubten Emiliano, Ingrid und Komico,
das Floß werde niemals nach Yukatan gelangen; Santiago ließ die Frage offen;
die übrigen waren zuversichtlich.
Tatsächlich glaubte die Mehrheit an den Erfolg, außer Ingrid und Santiago
(Ingrid, weil sie ihre eigenen Fähigkeiten als Kapitän bezweifelte, und San-
tiago, weil er kein Vertrauen zu Ingrid und zur Gruppenverantwortlichkeit
hatte, folgerten die Analytiker).
Vor der Abfahrt wollten vier Frauen - Ana, Ingrid, Esperanza, Teresa -
und zwei Männer - Emiliano und Antonio - eine Lebensversicherung abschlie-
ßen. Diese vier Frauen sowie Komico schätzten die seefahrerischen Probleme
hoch ein, die übrigen eher die menschlichen.
Komico forderte als einziger, die Reise auf Barbados zu beenden. Er be-
fürchtete allen Ernstes, daß sein Leben in der Karibik in Gefahr sein werde.
Santiago dagegen war sich als einziger der Todesgefahr bewußt, die der W i r -
belsturm Brenda bedeutete.
Drei der vier Frauen, die an Bord die größten menschlichen Schwierigkeiten
gehabt haben, versichern indessen, daß sich die größten Schwierigkeiten aus
der Navigation ergeben hätten.
Offensichtlich sahen mehr als die Hälfte dem Unternehmen mit Zurückhal-
tung und/oder einem gewissen Bangen entgegen. Deshalb die Lebensversiche-
rung. Zu den sechs gehören diejenigen, die sich auf dem Floß am schlechtesten
benahmen und die Reibungen auslösten.
Ana und Santiago respektierten und fürchteten das Meer, aber die Gefahr
lähmte sie nicht - im Gegensatz zu Antonio, Ingrid, Komico und Teresa (wahr-
scheinlich aus Temperamentsgründen). Außerdem ist festzustellen, daß die
unruhigsten Teilnehmer die stärksten Spannungen hervorriefen.
All dies bestätigt, daß Unsicherheit - innere oder äußere - neben anderen
Faktoren Reibungen entstehen läßt.
Zwei Personen erklären (am 7. Juli und am 17. August), auf dem Floß nicht
glücklich zu sein: Antonio und Ingrid.
Alle außer einem sind der Ansicht, daß diese lange Zeit der Isolierung, der
Unbequemlichkeit, der Furcht usw. zu neurotischem Verhalten geführt hat. In
Wirklichkeit waren aber alle - außer Ingrid - auf dem Floß glücklich oder
sogar glücklicher als im Alltagsleben an Land.
Die Teilnehmer messen der Sprache als Ursache von Reibungen eine Bedeu-
tung zu, die sie meines Erachtens nicht hat.
Erstens spielte die Verständigung ohne Worte eine ursprüngliche Rolle, und
zweitens scheint «Sprache» als Sündenbock oder für Ausreden und Verheim-

281
lichungen zu dienen. Abgesehen vom Fall Komico-Esperanza, können die Rei-
bungen nicht der Sprache zugeschrieben werden.

KONFLIKTSITUATIONEN

Personen Sprache
Aischa-Marcos Französisch, Englisch
Sofia-Antonio Englisch
Ingrid-Santiago Englisch, Französisch
Antonio-Santiago Englisch
Marcos-Teresa Englisch
Teresa-Santiago Englisch
Komico-Santiago Spanisch
Esperanza-Sofia Englisch
Ingrid-Marcos Englisch, Französisch

Der Leiter war der einzige, der alle drei Umgangssprachen beherrschte. Emi-
liano, der nächst Komico am wenigsten Englisch und Französisch konnte, ver-
ursachte keine einzige Reibung.
Die Analytiker folgerten: «Es ist klar, daß der Faktor <Charakter> in erster
Linie als bestimmender Faktor für Uneinigkeit und Reibung zu gelten hat.
Erst danach stellen wir die <mangelnde linguistische Verständigung> fest, zu-
sammen mit Überanstrengung wie auch mit der Geschlechter-Mischung. Die
Faktoren <Natur>, <Veränderung> und <die Tatsache, daß manche verheiratet
sind>, kann man nicht oder nur kaum zählen.»
Unsere eigenen Beobachtungen zeigen, daß weder die Sprache noch die Tat-
sache, daß es sich um Männer und um Frauen handelte, unbedingt zu Reibungs-
situationen führte.
W i r untersuchten ferner, wie sich jeder der Acali-Familie in dem Platz ein-
fügte, den er darin einnahm. A u f der Acali waren die, die sich der an Bord
gebildeten Familie am wenigsten einfügten, auch diejenigen, die am meisten
im Konflikt mit sich selbst lagen und die häufigsten Reibungen verursachten.
W i r sind überzeugt, daß der festkonstituierten Familie trotz eventueller Span-
nungen und gerade angesichts von Reibungssituationen positiver Wert zu-
kommt.
Nach den Daten und nach früheren Beobachtungen (Ra I und Ra II) ergeben
sich folgende Schlüsse:
Es wurde keine Konfliktlage infolge von Generationsunterschieden beob-
achtet.

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Gründliches Kennenlernen der andern führt zu unbedeutenderen Konflikt-
situationen als gewachsene Stammesbande, die für dauerhaft gehalten werden
und es auch sein können.
Nervenkrisen kommen am häufigsten vor :
a) bei Menschen, die in bezug auf schematisierte als «normal» geltende Be-
ziehungen sehr streng erzogen worden sind;
b) bei Menschen, die normalerweise das größte Vertrauen zu sich selbst
haben.
Viele zwischenmenschliche Konfliktsituationen können der Tatsache zuge-
schrieben werden, daß Menschen, deren Persönlichkeit noch nicht gefestigt ist,
weiter die Rolle «spielen» wollen, die sie vor dem neuen Erlebnis gespielt ha-
ben.
Im gesamten Bericht sind sehr viele Konflikte zu finden, die auf Neid,
Freundschaft, Frustrationen, Sexualität, Widerspruchsgeist, Feindschaft usw.
beruhen; aber keine einzige, die von irgendeinem vermutlich angeborenen Erbe
herrühren könnte, denn immer ließ sich die Ursache des Konflikts aufspüren.

Kommunen, Klöster und ACALI

A u f der Acali wurde die menschliche Verhaltensweise in einem gefährlichen,


zeitlich begrenzten Zusammenhang untersucht. Alle Teilnehmer hatten schon
«gelebt», sowohl privat als auch beruflich. W i r waren nicht mehr ganz jung -
im Gegensatz zu den meisten Mitgliedern der heutigen Kommunen -, wir hat-
ten nicht die Absicht, den Rest unseres Daseins auf der Acali zu verbringen -
wie es der Fall ist, wenn man ins Kloster geht -, und die Gruppe setzte sich aus
Männern und Frauen zusammen.
Acali unterscheidet sich stark von Kommunen und Klöstern. Dennoch hatten
alle Teilnehmer den Wunsch, das Dasein in einer Kommune zu erleben. Sie
wollten - über Konventionen hinaus - offen menschliche, körperliche, geistige
Beziehungen innerhalb einer Gruppe eingehen.
Wie in den üblichen Kommunen mußten die Teilnehmer zwei Gesetze beach-
ten:
1. Jeder geht seine sexuellen Probleme nach Belieben an und löst sie, wie es
ihm gefällt. Niemand darf gegen die Liebesvorstellungen der andern voreinge-
nommen sein, indem er sie als «anomal» oder neurotisch bezeichnet.
2. Die Vorstellung von sexuellem Eigentum ist aufzugeben, was nicht heißt,
daß eine gewisse Ausschließlichkeit verworfen wird. M i t andern Worten, man
kann eine Dauerbindung eingehen oder nicht. Wenn sich Paare bilden, muß man
sich hüten, dazwischenzufunken.

283
Diese zwei Gesetze oder Vorschläge, wenn man so w i l l , wurden auf der
Acali geachtet. Dadurch ergaben sich zwischen Marcos, Sofia und mir auf der
einen oder anderen Seite einige affektive Schwankungen, in noch stärkerem
Maße bei Antonio und Komico gegenüber Aischa.
Esperanza und Ana hätten eine gewisse Auflockerung gewünscht, die mehr
Freiheit gelassen hätte. Als Gipfel der Ironie zitierte eine amerikanische Zeitung
nach dem Experiment Ana falsch: «Wenn ich nicht an Orgien teilgenommen
hätte, wäre ich ins Wasser geworfen worden.»
Das vollkommene Paar ist ewiger Traum. W i r versuchten also auf der Acali,
zu einem dynamischen Gleichgewicht zu kommen, indem wir uns über Tabus
hinwegsetzten, auch über das geheiligtste, nämlich das sexuelle Tabu - und
zwar ohne Schlüpfrigkeiten oder Orgien. W i r trachteten auch, uns von den
Rollen zu lösen, die verlangen, daß der Mann bei sexuellen Beziehungen die
Initiative ergreift und die Frau überlieferungsgemäß eine abwartende, passive
Haltung einnimmt.
Wie geht es in den Klöstern zu? Da es sich um jeweils ausschließlich männ- 4

liehe oder weibliche Gemeinschaften handelt, gibt es keine Erfahrungen. In


Cuernavaca jedoch, der Hauptstadt des mexikanischen Staates Morelos, verlas-
sen vierzig von sechzig Novizen und Brüdern, die sich wirklich bewußt sind, was
weltliches Leben bedeutet, vor der Priesterweihe oder dem Gelübde das Kloster
wieder.
Seit 1964 w i r d ein beständiges Absinken der Zahl der Eheschließungen regi-
striert, obwohl die Zahl der heiratsfähigen Frauen um 22 Prozent und die der
Männer um 15 Prozent zugenommen hat. Offenbar ist diese Entwicklung auf
die besseren Möglichkeiten außerehelicher Beziehungen zurückzuführen, fer-
ner auf die Kollektiv-Erfahrungen in den Kommunen.
A u f der Acali gab es weder Ehen noch traditionelles Familienleben, ebenso-
wenig das Kommunen-Schema. Daraus ist zu schließen, daß weder die «klas-
sische» Familie noch die Kommunen heute als befriedigende Institutionen be-
trachtet werden können.

ENTSCHEIDUNGEN

In der Kommune werden die Entscheidungen von der Gruppe getroffen. A u d i


auf der Acali war es so, allerdings mit gewissen Vorbehalten, da außer mir
keiner der Teilnehmer über Erfahrungen mit einem Floß verfügte. Die Entschei-
dungen wurden gemeinsam getroffen, mußten aber von mir gebilligt werden,
da die geringste Fahrlässigkeit unmittelbare Gefahr heraufbeschwören konnte.
Wie der Obere im Kloster war ich der Älteste; man erkannte mir auch die wei-
testen Kenntnisse zu. Obwohl alle Probleme besprochen wurden, kam die I n i -

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tiative zu 90 Prozent von mir, und ich lieferte die notwendigen Begründungen.
Wie in Kommunen blieben die weniger wichtigen Entscheidungen und Initia-
tiven den zuständigen Verantwortlichen überlassen; anders wäre es gar nicht
gegangen. Meine Beweggründe, Interessen und Besorgnisse erforderten andere
Maßstäbe als die meisten praktischen Probleme der übrigen Teilnehmer; gar
nicht zu reden von der Frage, wie die Disziplin aufrechtzuerhalten ist, ohne die
weder Kloster noch Kommune oder ein Experiment wie das Unternehmen Acali
bestehen kann.
Wie in Kommunen herrschte auf der Acali völlige Meinungsfreiheit. W i r
haben aber gesehen, daß alles nicht immer so einfach, glatt und idyllisch ver-
lief. W i r waren weder eine Gemeinschaft junger Menschen auf festem Boden
noch Mönche, sondern erwachsene Männer und Frauen, die auf einem Floß
trieben, jeder mit beträchtlichem seelischen Druck belastet und in dem Wunsch,
sich zu verwirklichen, aber auch persönlichen Erfolg zu suchen. Daher der Wert
des Experiments.
Von Anfang an wechselten wir uns bei der Routinearbeit ab; aus Gründen
der Kompetenz und Sicherheit erhielt aber jeder bestimmte Aufgaben zugewie-
sen, die seinen besonderen Fähigkeiten an Land oder an Bord entsprachen. Das
hatte eine natürliche Disziplin zur Folge.
Diejenigen, die im Unternehmen Acali persönliche Befriedigung oder ihre
eigene Rechtfertigung suchten, waren nicht glücklich. Die anderen - also die
meisten - waren es so sehr, daß sie das Erlebnis gern wiederholen würden.
Alles in allem war Acali keine eigentliche Familie, keine Kommune, kein
Kloster, sondern eine Gruppe, deren Mitglieder durch die Isolierung, das er-
strebte Ziel und die Arbeit zusammengeschweißt waren.
Sofia und Santiago wagten ihre intime Beziehung offen fortzusetzen. Ko-
mico, Ana und Teresa suchten in der Nacht, was sie bei Tageslicht zu suchen sich
nicht trauten. Esperanza schlief mit Antonio, ohne irgendwem etwas davon zu
sagen. Sie alle waren trotz der Abgeschiedenheit auf der Acali den in der Familie
und in den Klöstern herrschenden Tabus unterworfen.
Ana und Esperanza hätten sich gern sexuell mehr ausgelebt - sie versuchten
es sogar -, aber sie verschanzten sich dabei hinter Anonymität oder hinter der
Gruppe.
Es ist nicht leicht, sich von so tief eingewurzelten Institutionen wie der Fa-
milie zu lösen. Das Gemeinschaftsleben auf der Acali zeigt, wie stark die Er-
ziehung und die Fesseln unserer Gesellschaft die Beziehungen und das Ge-
schlechtsleben beeinflussen.

285
RELIGION U N D INNERES ERLEBEN

Tod und Religion sind in Freuds Denkwelt die zentralen Themen. Es waren
keine Freudianer, die auf der Acali fuhren; dafür befand sich ein «Religions-
fachmann» unter ihnen, der Priester Emiliano, der den Takt hatte, niemals
«direkte» Diskussionen über dieses Thema herauszufordern. Hingegen kam es
immer wieder dazu, daß zwei intim verbundene Personen die Rede auf mehr
oder weniger religiöse Fragen brachten, vor allem in gefährlichen Augenblicken.
Aber die religiösen Gespräche hatten nicht die Bedeutung, die ihnen oft zuge-
messen wird.
Aus den Fragebögen ist zu ersehen, daß die andern vollständig ausgeschlos-
sen waren, wenn bestimmte Teilnehmer ihre Gedanken über dieses Thema aus-
tauschten. Laut Analyse leiden die erstgenannten weniger unter Frustrationen,
Ängsten und Reizbarkeit. Dagegen leiden die Menschen, von denen sich sagen
läßt, daß sie ein wenig ausgeprägtes Innenleben haben, unter Konfliktsituatio-
nen. Das ist eine wichtige Feststellung, die nichts mit dem Geschlecht des ein-
zelnen, seinem kulturellen Niveau, seinen Motivationen oder seinen sinnlichen
Bedürfnissen zu tun hat.
Mehrmals beklagte sich Teresa, weil sie nicht an den Gesprächen teilnehmen
konnte, die sie «die einzig interessanten auf dem Floß» nannte, da sie haupt-
sächlich zwischen Marcos, Emiliano und Santiago stattfänden. Das ist wahr.
Teresa hatte sich als praktisch, aber oberflächlich erwiesen. Manchmal, allzu
selten, wurden sie, Ana, Sofia und Aischa einbezogen. W i r spielten, ließen un-
serer Phantasie freien Lauf, erfanden, versuchten uns über die Wirklichkeit zu
erheben. Teresa wollte, daß man ihr das Unerklärliche erklärte. Sie nahm uns
den Schwung; es machte sie unzufrieden, daß sie in unser Spiel nicht «einzu-
dringen» vermochte; auch w i r wurden verstimmt, weil sie diesen Elan k r i t i -
sierte, der auf dem Floß ebenso notwendig war wie die Passatwinde. Dadurch
ergaben sich Reibereien.
Die Menschen, die sich den Bedingungen der Isolierung und dem Streß am
besten anpassen, sind also diejenigen, die sich über die Wirklichkeit erheben
können. Wenn es anderen nicht möglich ist, auf diese Weise auszuweichen, ent-
stehen Konflikte und Reibungen.

Die Familie und die Familie ACALI

Acali war eine kinderlose Familie. Aber hoffentlich haben alle Teilnehmer ein-
gesehen, daß die Unwissenheit unserer Väter von Verboten und falschen Vor-
stellungen herrührt. Acali befreite uns und ließ uns die Familienbande nicht als

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unzerreißbare Fesseln der Erziehung, der Grundsätze und der Pflichten betrach-
ten, sondern einzig und allein als Gefühlsbindung auf Grund von Verstehen
und Zärtlichkeit. Die heutige übertriebene Verherrlichung der Familie gehört
zu den Hauptursachen der Frustrationen, Konflikte und Gewalttaten.
Es wäre töricht, der Familie gegenüber eine starre Haltung einzunehmen. In
historischer, soziologischer und physiologischer Hinsicht hat die Familie als I n -
stitution eine wichtige Funktion gehabt. W i r werden sehr langsam erwachsen,
w i r brauchen lange Zeit Schutz. Die intensive Beschäftigung mit «anomalen»
Kindern und Erwachsenen zeigt, wie stark normale geistige Entwicklung und
Integration ins Dasein der Erwachsenen von geistiger Gesundheit und Stabili-
tät abhängig sind. Sie basieren von der ersten Stunde an auf einem günstigen
Familienklima, das frei ist von Vorurteilen und Hemmungen, von Ängsten und
Frustrationen; das keinen starren Prinzipien unterworfen und harmonisch ist.
In manchen nichtkapitalistischen Ländern versucht man seit einigen Jahren,
die Funktion der Familie zu ändern. In den kapitalistischen Ländern, namentlich
in den Vereinigten Staaten und in England, wird das Kind oder der Halbwüch-
sige durch die Schule immer mehr von der Familie getrennt. Dieses System ist
nicht neu; das gab es bereits bei den Azteken vor Columbus und in Sparta vor
den Römern, um nur diese Beispiele zu erwähnen. Manche Leute haben be-
hauptet, es sei gegen die Familie gerichtet. Das stimmt nicht, ebensowenig wie
Acali gegen irgend etwas gerichtet war, auch nicht gegen die Familie.
Die Futurologie zum Beispiel befaßt sich unter anderm mit den möglichen
Veränderungen der Familienstruktur, der Pädagogik, der demokratischen I n -
stitutionen usw. Die Familie war einer der Hauptpfeiler - wenn nicht gar der
wichtigste - der gesellschaftlichen Entwicklung. Während aber die Gesellschaft
und ihre einzelnen Elemente mit Riesenschritten fortschreiten, folgt die Fami-
lie ihrem überkommenen Schema, denselben Bildern von Autorität, aufge-
zwungenen Gefühlen und gegenseitiger Abhängigkeit. W i r stimmen keines-
wegs mit allem überein, was über das «Ende» der Familie geschrieben wird, als
ob sie schon gestorben wäre. Trotzdem zeigt sie Verfallserscheinungen, die
alarmierend sind.
Die Familie gilt als soziale Gruppe, in der es keine Gewalttätigkeit geben
darf. Die Autoren S. K. Steinmetz und M. A. Straus weisen nach, daß die Ge-
walttätigkeit innerhalb der Familie ein weltweites Problem ist. Die Familie sei
weit davon entfernt, jener Hafen des Friedens zu sein, der die liebevollen Wech-
selbeziehungen und guten Gefühle zwischen Eltern und Kindern schützt.
Nach diesen Autoren ist es schwer, in der amerikanischen Gesellschaft eine
Gruppe oder eine Institution zu finden, in der es mehr Gewalttätigkeit gibt als
innerhalb der Familie; womit sie nicht sagen wollen, daß es immer zu Mord
oder Totschlag kommt.

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V. Bronfenbrenner zeigt, weshalb die veränderte Vorstellung von der Fami-
lieninstitution - das heißt der heutige Zweifel an ihren Grundlagen - eine
Hauptursache der Unruhen in den Vereinigten Staaten bildet.
In den Vereinigten Staaten sind 84 bis 97 Prozent der Eltern irgendwann
einmal gewalttätig geworden, um ihre Kinder zu bestrafen. Die Hälfte der K i n -
der wird auch dann noch gezüchtigt, wenn sie in die letzte Schulklasse gehen.
In dem Buch von Steinmetz und Straus steht der lapidare Satz: «Von allen
menschlichen Berufen ist die Vaterschaft der einzige, der auch noch dem erst-
besten Amateur zugänglich ist.» Die Vaterschaft aber ist die Grundlage der Fa-
milie.
Man schätzt, daß heute ungefähr zwei Millionen Menschen in verschiedener-
lei Kommunen leben. Manche funktionieren besser als andere, und im allge-
meinen halten sie selten länger als einige Monate, manchmal jedoch einige
Jahre.
Das Unternehmen Acali war kein Kommune-Experiment, sondern eine Stu-
die menschlicher Verhaltensweise. Sieben von den elf Teilnehmern hatten K i n -
der, das heißt, sie hatten eine Familie. Aber der Familienstatus hatte mit Acali
nichts zu tun. Die «wahre» Familie hingegen in hohem Maße. Die Familie, die
ein Halseisen scheinbar gültiger Regeln ist, entfernt sich immer mehr von der
Wirklichkeit.

DIE «FAMILIE ACALI»

55 Fragen betrafen die Familie direkt; dazu kamen die Beobachtungen und die
Notizen eines jeden.
Neun Teilnehmer sind der Ansicht, daß sich eine Familie sui generis gebildet
hat. «Aischa ist das schwächliche hübsche Mädchen» der Gruppe, das mit allen
gutstehen möchte, um ihrerseits aus der Freundlichkeit und dem Schutz der an-
dern Nutzen zu ziehen. Ingrid: «Aischa forderte immer Hilfe, nicht materiell
und direkt, sondern väterliche oder mütterliche Hilfe.» Sie ist das verwöhnte
Lieblingskind aller, außer Santiago, mit dem sie oft zusammenstößt. Antonio
und Komico - vor allem der erste - sind die Liebhaber, die zu brüderlichen
Freunden werden, wenn sie abgewiesen worden sind; sie sind jedoch stets be-
reit, wieder Liebhaber zu werden. Gegen Ende der Reise erkennt der «Vater»
Santiago, daß seine «Tochter» Aischa gar nicht so «schlecht», und die «Tochter»,
daß der «Vater» nicht so «autoritär» ist; beide entwickeln eine amourös-
inzestuöse Vater-Tochter-Beziehung, die fast alle andern Familienmitglieder
zu Scherzen herausfordert, besonders Antonio, Komico und Sofia. In Cozumel
schreiben die Fachleute: «Wegen seiner Führerrolle und seines Alters ist San-
tiago der Vater der Familie Acali.» Sofia: «Wir sind dazu gelangt, Geschwister

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zu sein. W i r haben dieselben Eltern, w i r sind <Acalier>, sind im selben Milieu
aufgewachsen, haben dieselbe Erziehung genossen, jeder nach seiner Veranla-
gung. ..» Weil Emiliano Priester ist, erweist er sich als ernster und gütiger
Bruder, nie aggressiv, sondern geduldig, immer für die andern da; sogar Espe-
ranza schreibt: «Er würde einen guten Bruder abgeben.»
Betrachten w i r Ana. Ingrid: «Sie ist die <Mami>.» Das ist auf ihre Arbeitslust
wie auch auf ihre ganze Einstellung zurückzuführen. (Sie schreibt selbst: «Die
<Acali> ist mein Heim geworden.») Ana ist eigentlich die Mutter, obwohl sie
weder im Herzen des Vaters noch bei ihren intimen Freunden den ersten Platz
einnimmt.
Antonio war der Bruder Leichtfuß, aber im Grunde gut und hilfsbereit; er
ging allen auf die Nerven, wurde aber von jedem geschätzt.
Ingrid entwickelte wegen ihres verschlossenen Wesens und ihrer Unsicher-
heit keine tiefere Beziehung; jedenfalls erwähnt sie keine. Sie ist in dieser Fa-
milie wie die Witwe eines Bruders des Vaters oder der Mutter, mit der einige
Frauen - Ana, Aischa - kollegial oder freundschaftlich sympathisieren. Zwei
Männer haben vielleicht ein Verhältnis mit ihr: Komico aus rein sexuellen
Gründen, Antonio aus Aufsässigkeit gegen den «Vater». Nach dem Tod ihres
«Mannes» wäre Ingrid diejenige gewesen, der man die Führung des Hauses
übertragen hätte. Aber sie kommt aus einem anderen Land mit anderen Nor-
men, und sie verfügt nicht über die notwendigen Kenntnisse, die das gute
Funktionieren eines «Hauses auf dem Wasser» gewährleisten würden.
Komico ist das Baby der Frauen, die alle außer Esperanza in verschiedenem
Grad die mütterliche Rolle übernehmen. Er selbst schreibt: «Wir sind eine
große Familie, die sich aus sechs Frauen und fünf Männern unterschiedlicher
Wesensart zusammensetzt.»
Esperanza, an sich originell, betrachtet sich als die Schwester aller und
möchte von allen so gesehen werden.
Marcos - ein aggressiver und kühler Einzelgänger, aber tüchtig und fleißig,
manchmal warmherzig und freundschaftlich - rangiert hinter dem «Vater»;
er hätte im Notfall Santiagos Führerrolle übernommen.
Über Teresa schreibt Ana: «Sie ist mütterlich, und das ist für uns ein Vor-
teil.» Ihre Mütterlichkeit ist weniger die einer Mutter als einer liebevollen
Tante. Immer bereit, etwas für die andern zu tun, vom Kochen bis zu den
schwersten Arbeiten; gefällig, doch gleichzeitig dummes Zeug schwätzend. Die
andern profitieren von ihr, ertragen ihr unaufhörliches Gerede aber nur schwer;
sie ist keinem eine wahre Freundin, keinem eine wirkliche Geliebte. Ihre Lie-
beswünsche sind beharrlich auf Marcos gerichtet, den großen «Bruder», das
schwächere Abbild des weniger zugänglichen «Vaters».
Sofia hingegen geht auf den «Vater» zu und w i r d seine Geliebte, ohne die

289
«Mutter» zu sein. Sie ist fleißig und tüchtig und hält mit dem ältesten «Bruder»
eine freundschaftliche Beziehung aufrecht, die er erwidert. Diese beiden Be-
ziehungen erregen Feindseligkeit bei mehreren Teilnehmern, so daß sie sich
Frechheiten herausnehmen, die sie dem «Vater» gegenüber sonst nicht wagen
würden.
W i r entstehen, leben und wachsen im Schoß einer Familie. Eine Frauen- und
Männergruppe wie die unsrige neigt sehr bald dazu, die Schemata und die
bindenden Regeln des «Familiären» zu übernehmen.
Bis auf drei waren die Teilnehmer verheiratet gewesen oder waren es noch.
Alle meinten, es sei besser, wenn alle verheiratet wären. Bezeichnend ist je-
doch, daß viele meinen, die Teilnahme des Lebensgefährten hätte eine Fülle von
Konflikten heraufbeschworen. (Die Beteiligten an Land denken ebenso.)
Die Beziehung zwischen Vater und Mutter, Ehemann und Frau, Liebhaber
und Geliebter muß auf tiefer Zuneigung, Kenntnis des andern und gegenseiti-
ger Achtung beruhen. Man lebt mit einem Menschen zusammen, den man nicht
fürchtet und dem gegenüber man sich so zeigen kann, wie man ist. Aber Acali
hat bewiesen, daß es nicht so sein muß. Sonst hätte man «den andern» ja mit-
nehmen können. Alle fanden, daß sie auf dem Floß «nackt» waren, noch mehr
als in der Familie, und deshalb wollten sie den Mann (Frau) oder Geliebten (Ge-
liebte), der (die) sie im wahren Licht sehen würde, nicht dabei haben. Gerade die
weniger Glücklichen, die weniger «Integrierten» befürchteten, daß sonst Pro-
bleme entstehen würden.
Die Familie muß sich entwickeln, damit echte intime Beziehungen entstehen.
Man muß erkennen, daß sie oft nur eine soziale oder materielle Funktion aus-
übt, die sich nicht unbedingt in tiefen Gefühlen kundtut.
Beim Spiel der weder komplizierten noch endgültigen Beziehungen auf der
Acali ist zu sehen, daß zwischen den einzelnen viel mehr Hochachtung besteht
als im Schoß «normaler» Beziehungen. Achtung vor dem Wandel, der Ent-
wicklung, der Wirklichkeit. Die Dinge werden morgen nicht notwendigerweise
so sein wie heute. Man ist nicht aus Bestimmung und für immer Vater oder
Sohn. Ohne die Reibungen, Eifersüchteleien und Antipathien verbergen zu
wollen, muß gesagt werden, daß auf der Acali keiner jemals einen andern ge-
schlagen oder geohrfeigt hat. Ein Jahr nach Beginn des Experiments hat keine
der «äußeren» Familien unter den intensiven Beziehungen zu leiden gehabt,
die sich in der «Familie Acali» ergeben haben. Acali ist kein «Ausweichzelt»,
sondern das große Haus, in dem man genügend Luft zum Atmen hat, damit die
wahre Menschenfamilie bestehen kann.

290
Zwischenmenschliche Beziehungen

Hier sind die Daten und Interpretationen der zwischenmenschlichen Beziehun-


gen. Sie ergeben sich aus 5533 Notizen und 14 Fragebögen (wöchentlich einer)
mit insgesamt 15 090 Antworten. Die Bilanz der Persönlichkeit eines jeden be-
ruht auf der schriftlichen Beurteilung durch die andern sowie auf allen Angaben,
die sich während der Fahrt, vor allem in den letzten Tagen angesammelt haben.

Aischa

Schön, kokett, selbstsicher, seelisch im Gleichgewicht. Spielt gern mit schein-


barer Hilflosigkeit. Kann Freundschaft pflegen, tut es aber vor allem, weil sie
mit aller Welt gut stehen möchte. Konformistisch und egoistisch. A u f eine ähn-
liche Expedition würden nur zwei sie wieder mitnehmen. Fünf sehen in ihr eine
treue Freundin. Nur wenige wollten mit ihr auf Wache sein. Mittelmäßige B i -
lanz.

Santiago

Als Führer beweist er Charakterstärke. Sehr intelligent, selbstsicher, fleißig,


tüchtig, unter gewissen Umständen menschlich. Zu Freundschaft und echten
intimen Beziehungen fähig. Hatte die besten Kontakte sowohl zwischen Mann
und Mann als auch zwischen Mann und Frau. Alle außer einem würden ihn
wieder mitnehmen. Alle außer einem sehen in ihm einen treuen Freund. Alle
wollten mit ihm auf Wache sein. Positive Bilanz.

Sofia

Intelligent, charakterstark, fleißig und tüchtig. Eifersucht macht sie wenig um-
gänglich; aggressiv, intolerant und ungeduldig. Hatte die beste Beziehung
zwischen Mann und Frau. Nur die Hälfte würde sie auf einer zweiten Reise
mitnehmen, da man sie für «schuldig» hält, eine Untergruppe geschaffen zu
haben. Vier werden ihre treuen Freunde bleiben. Einige wollten mit ihr auf
Wache sein. Ziemlich positive Bilanz.

Emiliano

Die Gruppe konnte mit ihm keine Beziehungen aufnehmen, weder engere noch
unpersönliche. Intelligent, zurückhaltend, freundschaftlich, gerecht. Hochach-

291
tung seitens der andern; paßt sich den Umständen an. Seelisch im Gleich-
gewicht, kann aber keine tiefen Beziehungen entwickeln, weil ihm Begeisterung
fehlt, weil er mit Gefühlen geizt und schüchtern ist. Niemand möchte mit ihm
allein sein. Nur zwei würden ihn wieder mitnehmen. Niemand wollte mit ihm
auf Wache sein. Mittelmäßig positive Bilanz.

Ana

W i r d im allgemeinen als freundschaftlich, fleißig und schrecklich unordentlich


beurteilt. Sinn für Humor, aber introvertiert. Die beste Beziehung zwischen
Frau und Frau. Die Hälfte würde sie wieder mitnehmen. Vier wollen treue
Freunde von ihr bleiben. Viele wollten mit ihr auf Wache sein. Positive Bilanz.

Antonio

Wenig intelligent, jedoch gutartig, freundschaftlich; arbeitet gern. Neigt auf


Grund seines Charakters zu nervösen und emotionalen Krisen. Die schlechteste
Beziehung zwischen Mann und Mann. Eine einzige Person würde ihn auf
einer zweiten Reise mitnehmen. Drei werden ihm die Freundschaft bewahren.
Nur selten wollte man mit ihm auf Wache sein. Unterdurchschnittliche Bilanz.

Ingrid

Ihre schlimmsten Fehler: Inkompetenz und mangelnde Selbstsicherheit. Wegen


ihres kühlen, introvertierten, einzelgängerischen und verschlossenen Wesens
entwickelt sie keine feste Beziehung. Neigt aus Charakterschwäche zu Nerven-
krisen. Die schlechteste Beziehung zwischen Mann und Frau. Nur eine Person
würde sie wieder mitnehmen. Niemand betrachtet sie als treue Freundin. Nie-
mand wollte mit ihr auf Wache sein. Unterdurchschnittliche Bilanz.

Komico

Positiv beurteilte Seiten: technischer Verstand, manuelle Geschicklichkeit, me-


thodischer Arbeiter. Seine Kompetenz und sein Realismus, sein extravertiertes
Wesen (trotz sprachlicher Schwierigkeiten) bewirkten, daß er von der ganzen
Gruppe rückhaltlos angenommen wurde. A l l seinen Bemühungen zum Trotz,
konnte er kein intimes Verhältnis herstellen. Andererseits führt sein emotio-
nales und etwas infantiles Wesen zu Nervenkrisen. Alle außer zwei Personen
würden ihn wieder mitnehmen. Drei werden ihm treue Freunde bleiben. Nie-
mand wollte mit ihm auf Wache sein. Positive Bilanz.

292
Esperanza

Sehr viel Sinn für Humor, originell, freundschaftlich. Zu phantastisch, vermei-


det es, sich zu engagieren, und flüchtet in Träumerei. Mittelmäßiger Charak-
ter. Extravertiert und emotional. Ihre schlimmsten Fehler: Faulheit und Indo-
lenz. Hatte die beste Beziehung zwischen Frau und Frau mit Ana, da beide aus-
geprägten Humor haben. Die schlechteste Beziehung mit Komico. Drei würden
sie wieder mitnehmen. Zwei werden ihr treue Freunde bleiben. Niemand wollte
mit ihr auf Wache sein. Mittelmäßige Bilanz.

Marcos

Intelligent und einfallsreich, guter Arbeiter. Deshalb und wegen seines Ver-
antwortungsgefühls wird er für den Notfall als Leiter betrachtet. Was den W i l -
len zur Zusammenarbeit bei den andern betrifft, ist er sehr pessimistisch. Intro-
vertiert, hochmütig und sehr kühl. W i r d als der aggressivste Teilnehmer ange-
sehen. Aber seine Charakterstärke, seine Aufrichtigkeit und .sein Sinn für
Humor werden mit Freundschaft belohnt. Schlechtere Beziehung zwischen Mann
und Frau als zwischen Mann und Mann. Fünf würden ihn bei einer zweiten
Expedition wieder mitnehmen. Vier werden ihm treue Freunde bleiben. M i t ihm
wollte man oft auf Wache sein. Positive Bilanz.

Teresa

Gütig, fleißig und sehr hilfsbereit. Extravertiert und emotionsbetont. Ihre Ge-
schwätzigkeit und ihre Lügereien rühren sicher von ihrer beschränkten Intelli-
genz her. Dadurch entfremdet sie sich allen. Schlechteste Beziehung zwischen
Mann und Frau. Drei würden sie wieder mitnehmen. Zwei werden ihre Freunde
bleiben. Ab und zu wurde verlangt, mit ihr auf Wache zu sein. Mittelmäßig
positive Bilanz.

Aus alldem ergibt sich, daß Unterschiede ausschließlich von den individuel-
len Charakteren abzuleiten sind. Zwei Gruppen entstehen aus dem Bild, das
die Einzelnen von sich selbst entwerfen:
Positiv: Marcos, Sofia, Komico, Ana, Santiago.
Mittelmäßig: Teresa, Antonio, Esperanza, Aischa, Ingrid, Emiliano.
Das unterstreicht, was sich bereits aus dem Bericht ergeben hat: Im all-
gemeinen entstehen die guten Beziehungen zwischen Vertretern derselben
Gruppe, die schlechten zwischen Vertretern verschiedener Gruppen.
Der Grad gegenseitiger Freundschaft dient dazu, die Zuneigung und Ach-

293
tung derjenigen einzuschätzen, die w i r selbst mögen und achten. A u f Frage-
bogen trug jeder ein, welche Personen, nach Grad der Vorliebe aufgezählt,
seine besten Freunde auf der Acali waren. Die Analyse erbrachte die fol-
genden Ergebnisse:

Wechselseitige
Freundschaft während
Grad* der 14 Wochen
Aischa 0,071 ein Fall
Santiago 0,857 zwölf Fälle
Sofia 0,643 neun Fälle
Emiliano 0,286 vier Fälle
Ana 0,071 ein Fall
Antonio 0,429 sechs Fälle
Ingrid 0,071 ein Fall
Komico 0,357 fünf Fälle
Esperanza 0,142 zwei Fälle
Marcos 0,500 sieben Fälle
Teresa 0,000 keinmal

Wieder gehören diejenigen - außer Antonio in der einen und Ana in einer an-
dern Gruppe -, die den höchsten Grad erreicht haben, ein und derselben Gruppe
an, hingegen diejenigen mit geringem Grad der anderen.
Nach all diesen Ergebnissen und Beobachtungen lassen sich folgende Schlüsse
ziehen, die größtenteils mit den - nicht ausgewerteten - Beobachtungen auf
der Ra I und der Ra II übereinstimmen:
1. Die Arbeitsverteilung ist ein besseres Kommunikationsmittel als die
Sprache.
2. Das kulturelle Niveau ist bei zwischenmenschlichen Beziehungen ein wich-
tigerer Faktor als die gleiche Sprache, die Nationalität, politische Anschauung,
Religion usw.
3. Der Grad des religiösen Gefühls ist bei zwischenmenschlichen Beziehun-
gen weder eine Hilfe noch ein Hindernis.
4. Sexuelle Beziehungen tragen weder zur Verstärkung noch zur Verminde-
rung der übrigen zwischenmenschlichen Beziehungen bei.
5. Die Anpassung an eine neue und schwierige Lage geht bei denjenigen Men-
schen tiefer, die in Kindheit oder Jugend gesundheitliche Probleme gehabt ha-
ben.

* 1 Grad bedeutet totale Wechselseitigkeit

294
6. Wieder an Land, verschlechtern sich die zwischenmenschlichen Beziehun-
gen vorübergehend bei denjenigen, die in kritischen Dauersituationen begrenzte
positive Initiative bewiesen haben, und bei denjenigen, die in kritischen Augen-
blicken gesteigerte und allgemeine Initiative bewiesen haben.

Macht und Konflikte: Der Führer*

«Über die Mächtigen aber wird ein stark


Gericht gehalten werden.»
Das Buch der Weisheit, V I , 9

Das Unternehmen erforderte unbedingte Zusammenarbeit aller. Da sich die


zwischenmenschlichen Beziehungen unter Bedingungen absoluter Gleichheit
entwickelten, mußten die Freiwilligen eine klare Vorstellung von dem haben,
was «gleiche» Teilnahme bedeutete. Allerdings ist darunter nicht die Gleichheit
aller zu verstehen, sondern die Tatsache, daß alle die gleichen Möglichkeiten
zur Arbeit, der Erkenntnisse und der Kompetenz hatten. Das ist nicht paradox:
Wahre Gleichheit beruht ja auf anerkannter Ungleichheit, die niemanden be-
leidigt, sondern sich zum Segen aller auswirkt: in Funktion mit der Persönlich-
keit, den Kenntnissen, der körperlichen Widerstandskraft, der Geschicklichkeit
usw. eines jeden. Das wurde außerhalb des Floßes selten verstanden, selbst auf
dem Floß nicht von jedem. Wäre man sich darin allgemein einig gewesen, so
hätte es das Floß gar nicht zu geben brauchen.
Der Führer muß sich dessen bewußt sein; er hat die Möglichkeiten des einen
und anderen abzuwägen und zum Wohle aller die letzte Entscheidung zu tref-
fen, was unter kritischen Umständen zu tun ist. Wenn der Leiter - wie in mei-
nem Fall - sein A m t mit einem Höchstmaß an Zurückhaltung ausüben w i l l ,
ohne aber dadurch das Gelingen des Experiments zu gefährden, dann kommt
es aufgrund falscher Vorstellungen von Gleichheit leicht zu Mißverständnissen.
Grundsätzlich werden vom Führer mehr Kenntnisse gefordert als von den
anderen Mitgliedern einer Gruppe. Im allgemeinen sind Führer gebildeter als
die übrigen, haben mehr Voraussicht und Verantwortungsgefühl und beteili-
gen sich an sozialer und volkswirtschaftlicher Arbeit. Nach verschiedenen theo-
retischen Studien sind wir zu dem Schluß gelangt, daß sich der Führer vor allem
Veränderungen anpassen können muß, sowohl was den einzelnen als auch die
Masse betrifft.

* Die Angaben sind 418 Antworten auf die Frage Führer/Führerschaft, den N o -
tizen aller Beteiligten und den 660 Notizen von Santiago Genoves entnommen
und von M. V. und E. V. zusammengefaßt worden.

295
Die Autoren Krech und Crutchfield vertreten die Ansicht, daß die Gruppe dem
Führer drei Funktionen zuerkennt: Enthebung von individueller Verantwor-
tung, Vaterbild, Sündenbock. Nichts könnte die Stellung, die der Leiter auf der
Acali eingenommen hat, besser beschreiben.
Die Gruppendynamik zeigte deutlich das Phänomen der Übertragung. In
meiner Verkörperung als Vater hatte ich positive Seiten: Ich ließ zu, daß man Er-
fahrungen machte, und gab Möglichkeiten, Erfolg zu haben und sich selbst zu
verwirklichen. Aber ich hatte auch alle Fehler eines Vaters: Ich war die Ur-
sache aller Übel; doch das sagte man mir selten ins Gesicht. In Cozumel wurde
diese negative Seite erforscht. Zu den Frustrationen und Enttäuschungen, die
Acali gebracht hatte, kam das Gewicht all jener negativen Reaktionen, die jeder
mit sich herumtrug, und alle wurden mir aufgebürdet. Beispiel einer totalen
Übertragung:
Die meisten Frauen betrachteten und liebten mich als einen «Vater», einen
«älteren Bruder», einen «Geliebten mit elterlicher Gewalt». Ich war nur der
Geliebte einer einzigen. Die andern grollten mir deswegen. In Cozumel fragte
man dann: Was ist dieser Vater, der nicht mein Vater ist? Ein Aufschneider.
Und schon war ich der Sündenbock.
Zwei Männer scheiterten an den Frauen, die sie begehrten. Beide hatten kei-
nen wirklichen Erfolg. Ich war der Leiter, der im Rundfunk auftrat, der die mei-
sten Sprachen beherrschte, der älteste, der erfahrenste, der Mann, der mit allen
Frauen sexuelle Beziehungen hätte haben können. Deswegen grollten mir die
beiden Männer.
In Cozumel gab es positive und negative Übertragung in Fülle. Aber nach-
dem alle Teilnehmer «dekompensiert» worden waren, ließ man sie nicht wis-
sen, worum es sich dabei handelte, so daß eine peinliche Zweideutigkeit ent-
stand, die jedem und dem Erlebnis abträglich war. In dieser extremen Lage
büßten die Psychiater ihre Unparteilichkeit ein und folgten der von einem
Teil der Gruppe vorgeschlagenen Richtung.
In den ersten Tagen auf See fanden drei Teilnehmer, der Führerposten könnte
abwechselnd übernommen werden. Zum Schluß waren sich alle einig: M i t
Ausnahme besonderer Aufgaben sollte nur derjenige die Leitung innehaben,
der über die notwendigen Kenntnisse und Erfahrungen verfügt; abwechselnde
Führung ist unmöglich.
Die Analytiker: «Entweder war der Führer so stark, daß er keinen Zweifel
daran aufkommen ließ, wem dieses A m t zustand; oder es war die bequemste
Einstellung (<Ich überlasse die Verantwortung einem andern und befasse mich
nur mit dem Aufwaschen!>). Die Antworten auf eine andere Frage bestätigen
dies: Glauben Sie, daß unter anderm die Tatsache, daß es jeden reizen würde,
Anführer zu sein, und daß er den Posten doch lieber einem andern überläßt,

296
Reibereien hervorruft? Alle Teilnehmer bejahten.» Es muß betont werden, daß
diese Frage erst am Schluß gestellt wurde.
Nach eigenem Bekenntnis war Ana am wenigsten mit dem Leiter einver-
standen. Die Analytiker: «Vom ersten Fragebogen (12. Juni) an vermerkt Ana,
daß der Führer die Hauptursache ihrer Mißgestimmtheit ist; ihre stärkste Fru-
stration rühre von der mangelnden Kommunikation mit ihm her; die Streitig-
keiten an Bord entstünden durch seine übertriebene Autorität, dazu wäre es
nicht gekommen, wenn man sich abgewechselt hätte; das fehlende Vertrauen
zum Führer bilde ein großes Problem, und sie selbst könne sich unter dem Ge-
wicht des Führers nicht frei fühlen.» Ana spielt fortwährend auf die Stellung
des Führers an. Andererseits vermerkt sie, daß es eine ihrer schönsten Stunden
an Bord war, als es zwischen ihr und Santiago Kommunikation und Verständnis
gab. Was ist aus dieser widersprüchlichen Beziehung abzuleiten? Vielleicht das
Vorhandensein von Eifersucht und Liebe. Es sei hinzugefügt, daß Sofia (die mit
Santiago ein Verhältnis hatte) sagt, sie habe mit Ana die schlechteste Beziehung
gehabt und immer gewünscht, sie zu verbessern; sie sei aber durch die Hem-
mungen der andern und durch die Sprachschwierigkeiten gehindert worden.
Auch Marcos stellt fest, daß Ana und Sofia die schlechteste Beziehung hatten.
Antonio sagt aus, seine schlechteste Beziehung sei die zu dem Führer gewesen,
dessen übertriebene Autorität die Reibungen hervorgerufen hätte. Indessen er-
lebte er die schlimmste Stunde an Bord während Santiagos Erkrankung. A b -
hängigkeit? Teresa drückt eine ähnliche Meinung aus. Kann man daraus die
gleichen Schlüsse ziehen?
Ana möchte mit Santiago zusammen sein. Sie schafft es nicht. Sie kritisiert
ihn als Führer. Ana verkörpert die Unordnung, Santiago die Ordnung. Kritik.
Dazu kommt eine amouröse Neigung ihrerseits, die nicht erwidert wird. In der
«Stunde der Wahrheit» zeigen Ana und Antonio am meisten Charakter-
schwäche und ängstigen sich mehr als die andern, dem Leiter könnte etwas
zustoßen infolge ihrer Abhängigkeit, wie die Analytiker betonen.
Bei mehreren Studien stellt sich für die Analytiker heraus: «Santiago ist
am wenigsten konformistisch, mit einem Durchschnitt von 0,89. Uns erscheint
es logisch, daß er sich das Experiment ausdachte, vorbereitete und leitete, außer-
dem die Teilnehmer auswählte und die meisten Fragebögen zusammenstellte.
Er hatte ja auch am meisten Erfahrung und ergab sich weniger leicht in die
Ereignisse. Ferner hat sich herausgestellt, daß die Nichtkonformisten, die sich
am wenigsten anpassen können, den Führer am meisten kritisieren.
In einer so totalen Isolierung wie auf der Acali sehen alle dasselbe, aber
jeder mit seinen eigenen Augen; belastet mit allem, was sich vor Beginn der
Expedition angesammelt hat. Die schlechte Methodik bei den Sitzungen in Co-
zumel erweckt den Eindruck, daß alle Aussagen nur von den Geschehnissen

297
auf der Acali herrühren. In Wirklichkeit aber handelt es sich um den Reflex
eines jeden im Spiegel des Erlebnisses. Die Arbeit verlief begrenzt, nie führte
sie in die Tiefe.
Zweifellos ist der Führer vom Erlebnis am stärksten betroffen. Der Grad
des Abstands vom Führer entspricht größtenteils dem Grad des Abstands vom
Verständnis für das Erlebnis. Alle Teilnehmer wußten vor Beginn des Unter-
nehmens, daß sie zu etwas Ungewöhnlichem beitragen würden. Wenn sie sich
wegen ihrer früheren Motivationen nicht völlig eingliedern konnten, dann
versuchten sie, dem Projekt die Schuld zuzuschieben, indem sie es auf den
Führer projizierten - auf den Sündenbock «Führer».
Außer technischen Fähigkeiten, Alter, Kenntnissen und Erfahrung machten
noch andere, schwer definierbare Eigenschaften die Führernatur aus, womit nicht
Körperstärke, Aufrichtigkeit oder Gerissenheit gemeint sind, sondern Beurtei-
lung der Umstände, Bildung und genetische Faktoren, die noch nicht bekannt
sind. Ebensowenig kennt man den Ursprung oppositioneller Reaktionen oder
der Unterwürfigkeit gegenüber dem Führer.
Psychologie, Psychiatrie, Soziologie und Anthropologie können in zahlrei-
chen Fällen - jede Disziplin auf ihre Weise - konkrete Antworten und positive
Ergebnisse liefern. In anderen Fällen müssen w i r uns an biologische und
philosophische Elemente halten, die zu den Reaktionen des Menschen im
Widerspruch stehen; was uns zu der Erkenntnis führt, daß die partielle Ana-
lyse wenig taugt und daß wir noch nicht zum ultrawissenschaftlichen Stadium
der Synthese vorgedrungen sind. W i r wissen noch nicht genug, das ist der
springende Punkt.

DER FÜHRER UND DIE ROLLEN

Die «Rollen» bilden in der Soziologie die Schlüsselpunkte der Gruppendyna-


mik. Der soziologische Berater des Unternehmens Acali schrieb: «Die wider-
streitenden Rollen, die der Führer übernommen hatte, ließen ihn den übrigen
Teilnehmern widersprüchliche Aufträge erteilen.»
Das Prinzip von den Rollen gilt für eine «versachlichte» Gesellschaft; in
ihr handelt es sich für den Chauffeur, Polizisten oder Leiter um eine «Sache». In
der wirklichen Familie, bei wirklichen menschlichen Beziehungen, ob wider-
streitend oder nicht, verhält es sich nicht so. Wenn diese Beziehungen an der
Oberfläche klar sind, fallen Rollen und Hierarchie weg. Der Führer bedient das
Tauwerk und klettert auf den Mast wie jeder Freiwillige - und zwar freiwillig.
Seine Funktionen als Leiter werden dadurch nicht vermindert. Weil man Führer
ist, spielt man nicht die «Rolle» des Führers; man ist Vater, spielt nicht die
«Rolle» des Vaters; man ist Liebender, spielt nicht die «Rolle» des Liebenden.

298
A u f einem Floß gibt es nicht die Rollenwahl, die im normalen Alltag an
Land gang und gäbe ist. Der schwerwiegende Irrtum der Soziologie und der
Psychiatrie besteht ja gerade darin, von den vorausgesetzten starren Rollen
Wahrheiten abzuleiten. Der Psychoanalytiker spielt die Rolle des Psychoana-
lytikers, und er darf sie während der ganzen Dauer der Analyse nicht ablegen.
In Cozumel begriff man nicht, welchen Wert es hatte, daß es in der «Fa-
milie Acali» keine Rollen gab, daß bei wahren menschlichen Kontakten der
Ehemann gleichzeitig Sohn, Liebender, Vater, Bruder, Mutter sein kann und
oft ist. Andernfalls ist er kein wahrer Ehemann. Darum sind echte Familien
so selten, denn viele Männer und Frauen begnügen sich damit, die Rolle von
Liebenden zu spielen.

Die mißverstandenen Rollen

Die Wissenschaftler in Cozumel hielten eigensinnig an den verschiedenen Rol-


len fest, namentlich an der des Führers, und brachten die Hypothese vor, daß
sich die Verwirrung der Rollen an Bord der Acali in Konfliktzustände umge-
setzt hätte.
Rollen sind nützliche Abstraktionen, bei denen w i r Zuflucht suchen, um
durch Aufteilung zum Begreifen zu kommen. Diese Typologie ist jedoch in der
allgemeinen Anthropologie seit mehreren Jahren außer Gebrauch. Die sozio-
logische Methodologie der Rollen läßt sich auf eine so engumschriebene Lage
wie bei der Acali überhaupt nicht anwenden.
In den Augen der wissenschaftlichen Ratgeber, die alles von außen sahen,
bildeten die Rollen die Hauptursache der Konflikte auf dem Floß. Aber nicht für
die Beteiligten. Kein einziges Mal w i r d dieses Thema in unseren Notizen,
Fragebögen, persönlichen Briefen, Publikationen und Interviews erwähnt.

GRUPPEN UND ZUSAMMENHALT

Die im Unterbewußtsein stark verwurzelten hierarchischen Begriffe und die


Aktivitäten des Menschen bewirken bei jeder Menschengruppe, die sich in
einem bestimmten Bereich einer bestimmten Aufgabe widmet, einen ausge-
sprochenen Zusammenhalt. Aber immer wieder werden Zusammenhalt und
Zusammenarbeit verwechselt. A u f der Acali bemühten w i r uns um den Zusam-
menhalt «lediglich», um die gefährlichen Hindernisse zu überwinden und am
Leben zu bleiben.
Vier wesentliche Faktoren bestimmten die Arbeit auf dem Floß :
1. A u f der Acali konnte sich der einzelne nicht von der Gruppe lösen.

299
2. Man war sich eines persönlichen Erfolges bewußt, wenn man eine Schwie-
rigkeit bewältigte.
3. Es gab keine hierarchische Ordnung.
4. Die Gruppe setzte sich aus Männern und Frauen zusammen.
Begriffe wie «Rollen», «Führerschaft», «Hierarchie», «Zusammenhalt» usw.,
die sich in anderen Gruppen auswirken, lassen sich auf eine ausgesprochen
reale Situation, der man nicht entrinnen kann, nicht anwenden.

ACALI

Den folgenden Erklärungen liegen 396 Antworten auf das Thema «Reise-
Erlebnis» und 418 auf die Frage «Führerschaft», sowie individuelle Notizen
sämtlicher Teilnehmer, zugrunde. Hier die Synthese der Fachleute:
«Aischa übertrieb ihre Rolle als Spezialistin für Umweltverseuchung>. Sie
spielte das leichtverwundbare, exhibitionistische, amüsante junge Mädchen.
Verlangte immerzu Hilfe und Schutz.»
«Santiago hat offensichtlich die Rolle des Führers übernommen, der die Ge-
schicke lenkt und die Verantwortung für die Gruppe trägt.»
«Sofia war die <Froschfrau>. Es befriedigte sie, mit dem Führer ein Paar zu
bilden; aber sie hatte Angst, diesen Platz zu verlieren. Ihr Leben an Land be-
friedigte sie nicht.»
«Emiliano, der Fischer, spielte die Rolle des Mystikers. Gütig und rücksichts-
voll, hat er nie einen Menschen angegriffen noch anderen seine Gedanken auf-
gedrängt. Er war das stoische Element der Gruppe, das allen zusagte.»
«Ana, die Navigatorin, trug Verantwortung und spielte eine Zeitlang die
Rolle der <rechten Hand> der Kapitänin, bis zu dem Tage, an dem sie deren
Inkompetenz erkannte. Nahm auch für manche die Rolle der <Mami> an.»
«Antonio wollte ein ganzes Orchester sein. Kam an Bord in der Rolle eines
erfolgreichen Hoteliers und des «Tiefseetauchers», aber... Acali warf sein Ich
zu Boden. Er zweifelte an sich und nahm dem Führer gegenüber eine unterwür-
fige Haltung ein, während er mit den andern hart umging.»
«Ingrid trat die Reise als Kapitänin an, aber wegen ihrer technischen und
psychischen Mängel hielt sie diese Rolle nicht lange durch. Wagte nie Befehle
zu erteilen, nahm sie lieber entgegen und ließ sich gern der Verantwortung
entheben.»
«Komico übernahm die Rolle des Technikers und des Ängstlichen; trotz
seiner Muskelkraft ein zaghafter Mensch.»
«Esperanza mußte sich mit dem Funkgerät befassen, was sie brav tat. Aus-
weichend, verträumt; ging keine sexuelle Beziehung ein; verbrachte ihre Zeit
damit, zu singen, und bemühte sich, sich und die andern zu amüsieren.»

300
«Marcos übernahm die Rolle der rechten Hand des Führers, weil er sich ihm
durch Freundschaft, berufliche Neigung und gleiche Auffassung von dem Ex-
periment verbunden fühlte und an der Arbeit im allgemeinen Freude hatte.»
«Teresa, die Medizinerin an Bord, spielte die Rolle des dienstbaren Geistes.
Trotz ihrer medizinischen Funktionen beklagte sie sich immer, keine besondere
Verantwortung zu haben.»
In gutem Glauben fügen die Analytiker hinzu:
«Allem Anschein nach wurden die Rollen auf dem Floß~nicht gewählt, son-
dern auferlegt. Von wem? Warum? Kein Unternehmen w i r d gutgehen, wenn
die einzelnen, die es betreiben, nicht im Rahmen ihrer Möglichkeiten und I n -
teressen zusammenarbeiten können. Noch weniger, wenn es sich wie bei Acali
um eine gemeinsame Lebenserfahrung und um internationale Zusammenarbeit
handelt.»
Wieder prägen die Spezialisten jedem von uns das Klischee vom Rollen-
spielen auf.
Wie schon bei Ra I und Ra II zu beobachten war, ist die Neigung oder das
Bedürfnis eines jeden, an Bord dieselbe Rolle wie zuvor an Land zu «spielen»,
die Ursache der beständigen Reibereien. Angesichts der brutalen Wirklichkeit
des Meeres jedoch irritiert alle die Falschheit der Rollen. Alle tragen zur Bil-
dung der Familie bei, indem sie die Masken oder Rollen abzutragen helfen.
Trotzdem entsteht dadurch nicht - wie manchmal bei den Familien - der Z u -
sammenhalt der Gruppe; anscheinend, weil eine feste Hierarchie oder eine m i -
litärische Führung fehlt. Vielleicht werden wir eines Tages zu einer hochent-
wickelten Erziehung gelangen, von der w i r heute noch weit entfernt sind.
Bei den Aktivitäten von Menschen kommt es immer wieder zu Situationen,
in denen man das, was wirklich gelebt wird, für eine Rolle hält, und umge-
kehrt. Hier ist die wahre Ursache der Reibungen zu finden, die zunächst erkannt
und dann erforscht werden muß.

Sexualität auf der ACALI und außerhalb des Floßes

In vielen Ländern wurde die Acali als «Sex-Floß» bezeichnet. Das bestätigt,
was wir schon vorher wußten: Die Sexualität ist auf der ganzen Welt und in
allen sozialen Bereichen derart verfälscht oder gar pervertiert worden, daß man
die Tatsache, daß w i r als gemischte Gruppe auf einem Floß in See gingen, sofort
als Vorwand für sexuelle Orgien mißdeutete. Es haben keine Orgien stattge-
funden - und das Publikum findet das schade. Der größte Teil der Fragen, die

301
vor und nach dem Unternehmen gestellt worden sind, handelt von diesem
Thema. Um zu einer praktischen Synthese zu gelangen, ist also eine Einfüh-
rung in die sexuelle Verhaltensweise notwendig.
Nach Josue de Castro (Geopolitik des Hungers) wächst der sexuelle Appetit
mit dem Hunger. Daß Hunger und A r m u t - namentlich in Südamerika und
in Asien - stark mit der beträchtlichen Bevölkerungszunahme verbunden sind,
bedeutet aber nicht unbedingt, daß zwischen diesen beiden Phänomenen eine
direkte Verbindung besteht. Dem ausgehungerten Armen, der ebensoviel oder
weniger sexuellen Appetit hat wie der Reiche, bieten sich für die Freizeitbe-
schäftigung keine Vergnügungen und Zerstreuungen an. Er macht also K i n -
der. Hinzu kommt, daß die Geburtenkontrolle weitaus intensiver von den M i t -
tel- und Oberschichten praktiziert wird.
Obwohl über dieses Thema schon viel geschrieben worden ist, gibt es bis-
lang keine Studie, die einen Zusammenhang zwischen Geschlechtstrieb und
Gewalttätigkeit einleuchtend dargestellt hätte. Es gibt zwar Kulturformen,
wo diese beiden Aspekte eng verknüpft sind, aber es finden sich genügend Z i -
vilisationen, wo es nicht der Fall ist; es bleiben also Zweifel an einem angeb-
lichen biologischen Zusammenhang. Eher ist denkbar, daß die sozial insti-
tutionalisierten Schemata vom Antagonismus zwischen Mann und Frau Teil
eines ebenso realen wie theoretischen Ganzen bilden, wodurch sich die Asso-
ziation Geschlechtstrieb-Gewalttätigkeit - vom Biologischen abgesehen - er-
klären ließe.
Was geschah auf der Acali, wo der begrenzte Raum, die Angst und das Ge-
meinschaftsleben ganz entschieden Reibungszustände hervorriefen?
In seinem Buch über die Funktion des Orgasmus gibt Wilhelm Reich bei
Durchschnittspaaren als normale jährliche Zahl 133 bis 175 Orgasmen an. Im
Vergleich zu Kinsey und zu den Angaben über das sexuelle Leben der Acali-
Teilnehmer vor der Abreise liegt diese Zahl etwas zu hoch.
Die Frauen geben eine doppelt so hohe Zahl an wie die Männer. Bei diesem
begrenzten Modell mögen allerlei Faktoren mitspielen: Temperament, Cha-
rakter, Nationalität, Religion usw. Mehrere Sexologen, die ich konsultiert habe,
sind der Ansicht, daß die Geschlechtermischung auf der Acali zahlreiche sexuelle
Beziehungen zur Folge haben müßte. Andere glaubten an das Gegenteil.

WAS WEISS M A N V O N DER SEXUALITÄT

Seit Kinsey haben w i r eine ungefähre Vorstellung von normaler Sexualität


und ihren Grenzen, von der Häufigkeit der vorehelichen und außerehelichen
Verhältnisse, von der Homosexualität usw. Trotz einer Flut neuer Publika-

302
tionen, die übrigens zum Teil stark vereinfachen, stehen w i r im Grund noch
dort, wo uns Kinsey gelassen hat. Kein Forscher hat berücksichtigt, daß man
es mit dem Zentralthema der Fortpflanzung des Menschen zu tun hat, das heißt
mit dem Warum der sexuellen Verhaltensweise und Betätigung. Die einzige
Ausnahme waren Masters und Johnson mit ihrem 1966 erschienenen ersten
Werk.
Was brachten sie Neues? Aus medizinischer, physiologischer, biochemischer
Sicht analysierten sie - auch in bezug auf die Verhaltensweise - den Ge-
schlechtsakt im Augenblick des Geschehens und zeigten unter anderem, daß
die Lösung der sexuellen Probleme des einzelnen über das Studium der beiden
Teilnehmer, das heißt des Paares, hinausgeht. Indem sie das Paar behandel-
ten, nicht den Mann und die Frau, wie es die früheren Autoren getan haben, öff-
neten Masters und Johnson eine wertvolle, neue wissenschaftliche Perspektive,
wo vorher Mysterien, Legenden, Verzeichnungen oder falsche Analysen vor-
geherrscht hatten.

TRANSZENDENZ DER SEXUELLEN INTIMITÄT

Die sexuelle Problematik und die Verwirrung bei diesem Thema rührt im
wesentlichen davon her, daß w i r von einem Extrem ins andere fallen. Der
«Puritaner» schläft nur mit «seiner» Frau (in der Stellung des Missionars) -
ein Verhältnis wäre unanständig - und sieht sie niemals nackt; aber er verkehrt
im Bordell, besonders wenn er sich im Ausland befindet, und masturbiert fröh-
lich je nach dem Grad seiner Phantasie. Andere tun nach außen so «als ob»
und führen in Wirklichkeit ein verkümmertes Sexualleben.
Wie sind solche Extreme auszugleichen? Noch immer kann man feststellen,
daß es bei jung und alt oft an den grundlegenden biologischen und anatomi-
schen Kenntnissen fehlt. Offensichtlich gilt es, in erster Linie die sexuelle Ver-
haltensweise zu ergründen. Sexuelle Erziehungsprogramme müssen geschaf-
fen werden. Die Lektüre des Kinsey-Reports und anderer Aufklärungsbücher
macht das seelische Erlebnis und die psychische Transzendenz des Geschlechts-
aktes nicht begreifbar. Die seelische Problematik der menschlichen Beziehung
bleibt uns durch bloß sexuelle Kontakte ebenso fern wie das religiöse Erlebnis
durch das Anhören einer Radio-Predigt oder das Empfinden für die Tragik des
Lebens durch den Besuch eines Hollywoodfilms.
Nur eine bessere Erziehung auf allen Gebieten w i r d uns ermöglichen, beim
Geschlechtsakt das Physiologische vom Einzigartig-Transzendenten zu unter-
scheiden, das Phänomen der Kommunikation und der menschlichen Verhal-
tensweisen zu sehen und das Element der Existenz zu erkennen.

303
M A N MUSS MEHR DARÜBER WISSEN

Zu einem guten Teil leben wir vom Projizieren. Diejenigen, die mehr über Acali
erfahren wollten, wollten in Wirklichkeit wissen, wie es ihnen wohl ergangen
wäre, wenn sie an dem Unternehmen teilgenommen hätten. Man weiß so
wenig über das sexuelle Verhalten, daß die Acali für viele ein Weg zu sein
schien, mehr zu erfahren, nachdem einige Journalisten sie als Sex-Floß be-
zeichnet hatten.
Jeder macht persönliche, konkrete Erfahrungen mit der Sexualität; aber
nur wenige Menschen sprechen darüber, außer in Form von Anekdoten oder
Witzen. Trotz der geringen persönlichen Erfahrungen bilden sich alle ein, tiefe
und umfassende Kenntnisse vom sexuellen Verhalten zu haben. Die Aufklä-
rung der Kinder bleibt immer noch mehr oder weniger dem Zufall überlassen.
Eine eigentlich sexuelle Erziehung fehlt.
Der Wunsch, mehr darüber zu wissen, ist dem Menschen fast zur zweiten
Natur geworden. Aber die Konventionen verbieten es. Infolgedessen werden
wir aufsässig. Wer hat noch nie davon geträumt, an einer Sexparty teilzuneh-
men? Würde man allein oder in Begleitung hingehen? Der protestantische
Pfarrer und Sexologe R. Mazur schätzt, daß 99 Prozent der Verheirateten -
Männer wie Frauen - irgendwann einmal das Verlangen oder den geheimen
Wunsch nach einem außerehelichen Erlebnis verspürt haben.
Vom sexuellen Gesichtspunkt aus stellt Acali die Projektion der Gedanken .
dar, die viele Menschen gern konkretisieren würden, sozusagen aus Neugier,
da sie es müde sind, dieselben Rituale mit derselben Person zu wiederholen;
denn es ist normal, daß sich in einem bestimmten Alter der mehr oder weniger
bewußte Wunsch einstellt, die Hemmungen zu überwinden und aus den Nor-
men auszubrechen, ohne daß diese Idee automatisch in einer Orgie ausarten
muß. Deshalb unterstellt man, Acali sei eine solche Gelegenheit, und man
möchte wissen, wie man sich in dieser Lage verhalten würde.
Nach langen Untersuchungen ist A. H. Hirsch zu der Überzeugung gelangt,
daß wir heute vor einem neuen Zeitalter stehen, in dem die moralischen Wert-
maßstäbe sich ändern werden. Ein wesentlicher Faktor der neuen Glücksquellen
beruhe auf der sexuellen Intimität in und außerhalb der Ehe.
Die Entwicklung ist tatsächlich nicht zu übersehen. Die Begriffe «außer-
ehelich», «Ehebrecherin», «Untreue», «Ausschweifung» haben nicht mehr die
gleiche Bedeutung wie zur Zeit unserer Geburt. Was uns vor allem interessiert,
das ist ihre Beziehung zu den Phänomenen der Konflikte und Reibungen in
einer Gesellschaft, in der Gewalttätigkeit immer mehr zunimmt und sich die
traditionelle Sexualität offensichtlich verändert.

304
DIE SEXUALITÄT AUF DER ACALI

Die Untersuchung des sexuellen Verhaltens auf der Acali wurde anhand von
858 Antworten auf schriftliche Fragen betrieben. Dazu kamen meine Beob-
achtungen und persönlichen Notizen.
Dabei ist anzumerken: 1. Fast alle bewahrten bei der Beantwortung der per-
sönlichen Fragen eine gewisse Zurückhaltung. 2. Fast alle waren bereit, die
volle Wahrheit zu sagen, wenn es sich um die Person handelte, die Gegenstand
des sexuellen Interesses wurde.

MASTURBATION

Nach den Angaben ergeben sich folgende Vergleiche:

Im Alltags- Auf der Acali


leben
monatlich 12. Juni 7. Juli 17. August
Aischa 1 1 - 2
Sofia 1 1 2 2
Ana 2 3 - 1
Komico 2

Im allgemeinen setzen die Personen, die im Alltagsleben onanieren, die Ma-


sturbation mit gleicher Häufigkeit auf der Acali fort. Ein Drittel denkt dabei an
eine bestimmte Person auf dem Floß; zwei Drittel denken dabei an den Mann
(die Frau) oder an den Geliebten (die Geliebte).

SPONTANER ORGASMUS

Nur Santiago sagt aus, daß es bei ihm im Alltagsleben zu spontanem Orgas-
mus kommt.
12. Juni 7. Juli 17. August
Aischa 1 1 -
Santiago 1 -
Sofia 1 3 3
Emiliano - - 2
Ana - 1 2
Esperanza - - 1
Marcos 1 2 3

305
Von den drei Männern (darunter ein Priester) und den drei Frauen hat ein
Drittel von einer Person auf dem Floß geträumt. Zwei Drittel haben von einer
Person außerhalb der Acali geträumt; in der Hälfte der Fälle ist es eine unbe-
kannte Person. (Antonio gibt «täglichen spontanen Orgasmus» an. Das scheint
eher einem Männlichkeitskomplex zu entspringen und nicht der Wirklichkeit.)
Außer Santiago hat keiner der Teilnehmer je zuvor längere Zeit isoliert ge-
lebt. Das erklärt, wieso mehrere anfangs glaubten, es werde «leicht» sein, das
Experiment ohne Masturbation, spontanen Orgasmus und sexuellen Kontakt
durchzustehen. Nach der Hälfte der Reise finden vier, es werde «schwer»
sein, und zwei halten es für «sehr schwer». Die übrigen finden es «leicht» oder
«normal». Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung hat sich herausgestellt,
daß es im allgemeinen für die Frauen schwerer war als für die Männer.

SEXUELLE BEZIEHUNGEN

Durchschnittlich haben die Frauen an Land siebzehnmal im Monat Geschlechts-


verkehr, die vier Männer ohne den Priester zwölfmal.
Nach einem Monat haben zwei Paare sexuelle Beziehungen aufgenommen:
Sofia-Santiago, Komico-Ana; Aischa, Antonio, Teresa denken daran, es wäh-
rend der Überfahrt zu tun, Ingrid und Esperanza dagegen nicht.
Nach zwei Monaten hat Antonio mit Aischa Kontakt; Komico und Ana
sind auseinandergegangen; Sofia und Santiago setzen ihre Beziehung fort.
Nach drei Monaten hat sich die Beziehung zwischen Ana und Komico er-
neuert; Aischa ist mit Antonio wieder ein Verhältnis eingegangen; Antonio
und Komico haben mit Teresa eine intime Beziehung gehabt.
In der Diskussion meinen drei Teilnehmer zudem, im Lauf des dritten M o -
nats habe sich eine Beziehung zwischen Komico und Ingrid entwickelt. Ana
hat ihr Verhältnis mit Komico nie schriftlich zugegeben. Teresa erklärt in
Cozumel, sowohl mit Antonio als auch mit Komico ein Verhältnis gehabt zu
haben.
Die angeführten Gründe, warum vier Teilnehmer keine sexuelle Beziehung
eingegangen sind:

Emiliano - moralische Bedenken


Esperanza - kein sonderliches Bedürfnis, gehemmt
durch die Anwesenheit der anderen
Marcos - ebenso
Ingrid - moralische Bedenken

306
Zu beachten ist: Aischa, die keine sexuelle Beziehung gesucht hat, aber begehrt
w i r d (von Antonio und Komico), schreibt, es sei bei ihr kein Bedürfnis gewe-
sen. Teresa versteckt ihre vergeblichen Versuche hinter moralischen Bedenken.
Ana und Esperanza, die gern Gruppensex eingeführt hätten, schreiben, sie
hätten keine sexuellen Beziehungen gehabt, Ana «wegen der Anwesenheit der
andern und aus moralischen Gründen», Esperanza «wegen mangelnden Be-
dürfnisses». Daß sich Antonio durch die Gegenwart der andern gehemmt
fühlte, trifft zu. Komico schreibt, er habe «aus moralischen Gründen» keine
sexuellen Beziehungen gehabt. Wie bereits erwähnt wurde, sind mehrere A n t -
worten unaufrichtig.
Nach den Beobachtungen auf dem Floß läßt sich das Feld mit folgenden Er-
gebnissen erweitern:

Beziehungen, die eingegangen worden wären, wenn der Partner bereit


gewesen wäre

Aischa mit Marcos, Santiago


Santiago -
Sofia mit Marcos
Emiliano -
Ana mit Santiago, Marcos
Antonio -
Ingrid -
Komico mit allen Frauen
Esperanza mit Komico, Santiago, Marcos
Marcos mit Sofia
Teresa mit Marcos, Santiago

PETTING BIS ZUR K L I M A X

In drei Fällen gab es Petting bis zur Befriedigung des einen oder anderen:
Aischa, Antonio, Ana. Es wurde nicht angegeben, um welche Partner es sich
dabei handelte.

KOMMENTAR

Aus dem Vorangegangenen läßt sich folgendes ableiten:


1. Alle Teilnehmer hatten auf der Acali weniger häufig Geschlechtsverkehr
als im Alltagsleben.

307
2. M i t Ausnahme von Komico waren die unbefriedigten sexuellen Wünsche
bei den Männern weniger stark als bei den Frauen.
3. Trotz völliger Freiheit gab es keinen Gruppensex.
4. Es gab keine sexuell und gefühlsmäßig starke Paarbildung.
5. Bei den Antworten auf Fragen, die das sexuelle Verhalten betreffen, w i r d
mehr gelogen als sonst.
6. Trotz des fast ständigen körperlichen Kontakts kam es nur selten zu
sexuellen Zärtlichkeiten.

MANGELNDE SEXUELLE BEDÜRFNISSE

Während der Überfahrt wurde die Frage gestellt, worauf es zurückzuführen


sei, daß das sexuelle Bedürfnis an Bord schwach war:

Aischa kein sexuelles Interesse an den anderen


Santiago -
Sofia kein sexuelles Interesse an den anderen
und mangelnde Vertraulichkeit
Emiliano -
Ana -
Antonio kein sexuelles Interesse an den anderen
und umgekehrt
Ingrid ebenso
Komico kein sexuelles Interesse an den anderen
Esperanza kein sexuelles Interesse an den anderen
und umgekehrt; fehlende sexuelle Reize
Marcos kein sexuelles Interesse an den anderen
Teresa kein sexuelles Interesse an den anderen
und umgekehrt

Anscheinend haben Ana und Santiago als einzige wirkliches sexuelles Inter-
esse gehabt; allerdings ist weder Komicos noch Teresas Antworten zu trauen.
Wie gesagt, Komico gefielen alle Frauen, und Teresa wäre zuerst für Marcos
und dann für Santiago zu haben gewesen.
Im allgemeinen hätten viele mitgemacht, wenn der andere die Initiative er-
griffen hätte. Esperanza betont jedoch einen wichtigen Punkt: den fehlenden
sexuellen Reiz. Wenn die Atmosphäre für erotische Stimulation ungünstig ist,
sinkt die Neigung für sexuelle Beziehungen, mögen die äußeren Umstände -
Gelegenheit, Halbnacktheit, nächtliches Beisammensein - auch noch so günstig

308
sein. Nur Ana und Antonio litten unter diesem Zustand; bei ihnen erzeugte
verminderte Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs körperliche Beschwerden.
Während der ersten Woche an Land wünschten sich die Frauen im Durch-
schnitt 9,8 sexuelle Kontakte, die Männer begnügten sich - den Priester ausge-
nommen - mit 4,5. Die Frauen dachten dabei an ihre gewohnten Partner, außer
Esperanza, die mehr Abwechslung vorgezogen hätte. Gerade die Teilnehmerin-
nen, die nach ihrer Erklärung die geringsten sexuellen Bedürfnisse gehabt hat-
ten (Teresa und Esperanza), hatten nach der Landung die stärksten sexuellen
Wünsche.

EXPERIMENT «HINTER VERSCHLOSSENEN TÜREN»

Hier handelt es sich um die sechstägige «Abwechslung» (Siehe Seite 182) in der
Karibik. Der einzige neue Faktor im Vergleich zum gewöhnlichen Leben auf
dem Floß bestand in der Frage, ob man sich durch das Erscheinen eines Dritten
hätte stören lassen. Vier Möglichkeiten boten sich jedem Paar: schweigen,
sprechen, lieben oder alle drei kombinieren.
W i r mußten dazu einen Fragebogen ausfüllen:
1. Was sich unseres Erachtens bei jedem mit jedem ereignet hätte.
2. Was w i r selbst gern erlebt hätten.
3. Was sich bei den anderen Paaren ereignet hätte.
Beim ersten Punkt w i r d die Möglichkeit einer sexuellen Betätigung nur ein-
mal erwähnt. Vier schätzen, daß es ihrerseits zu Zärtlichkeiten ohne Ge-
schlechtsakt gekommen wäre.
Beim zweiten Punkt drücken sieben Personen den Wunsch nach sexuellem
Kontakt aus; dreimal ist es ein und dieselbe, nämlich Komico.
Von den 240 Möglichkeiten des dritten Punkts sehen 37 Antworten sexuelle
Betätigung «bei den andern Paaren» voraus. Nur eine Ausnahme ist darunter:
Teresa-Antonio.
Nach der Beklemmung und Empfindlichkeit in der ersten Sitzung wurde das
Experiment gelöster fortgesetzt, und am Schluß begriffen w i r alle, daß es uns
erlaubt hatte, uns nach bisher achtzigtägiger gemeinsamer Isolierung besser
kennenzulernen. Mehrere schlugen vor, es zu wiederholen. Drei wichtige
Punkte sind zu unterstreichen:
1. Sexuelle Erregung und Sensibilisierung vor dem Experiment.
2. Ungeheure Unterschiede zwischen dem, was man sich vorstellt, und dem,
was in Wirklichkeit geschieht.
3. Nützlichkeit (nicht sexuelle) einer solchen Situation für besseres gegensei-
tiges Kennenlernen.

309
4. Unterschied zwischen Wirklichkeit und Wünschen bei den Prognosen.
Daraus kann man schließen, daß die Hemmungen «wegen der Anwesenheit
der andern», auf die sich einige berufen haben, um ihre verminderte sexuelle
Betätigung zu erklären, in Wirklichkeit nicht zutreffen und daß man «den
andern» ein sexuelles Interesse zumißt, das gar nicht da ist.
Ähnliche Faktoren, wie jene, die Außenstehende veranlaßten, in der Acali
ein «Sex-Floß» zu sehen, spielten auch an Bord eine Rolle. Man kann während
einer begrenzten Isolierung die kümmerliche sexuelle Erziehung nicht einfach
abschütteln.

WAHRHEITSSPIEL UND SEXUALITÄT

In den drei Sitzungen des Wahrheitsspiels wurden 132 Fragen gestellt, von
denen sich 67 Prozent um das Thema Sexualität drehten. («Würdest du mit X
schlafen, wenn du darum gebeten würdest?» - «Glaubst du, daß Z ein guter
Liebhaber ist?» - «Bist du für oder gegen eine allgemeine Sexualität an Bord?»)
Die Fragen wurden jedem schriftlich vorgelegt, die Antworten blieben aber
anonym. Nur so ließ sich die sexuelle Verhaltensweise der anderen mehr oder
weniger zutreffend ergründen.

MENSTRUATION

Diese Untersuchung besorgte Marcos Medina an Hand von Angaben, die Te-
resa lieferte.
Die Frauen der Besatzung - außer Ingrid und Esperanza - stellten eine auf-
fallende Verkürzung ihres Zyklus fest, Aischa und Sofia zudem eine längere
Dauer der Menstruation. Ungefähr zwei Tage vor dem Auftreten der Regel
litten alle unter den üblichen Beschwerden: Aischa, Sofia und Ingrid unter
Spannung, Ana unter Depression und Müdigkeit, Esperanza unter Schwäche
und Schlafsucht. Die Blutung verlief normal. Während der Menstruation hatte
Ingrid gar keine Beschwerden; die andern beklagten sich über geringfügige
Beschwerden, wie Schwäche, Müdigkeit, Unterleibsschmerzen, Kopfweh und
nervöse Spannung, die Aischa, Sofia, Ana und Esperanza im Gegensatz zu
Teresa früher nicht gekannt hatten.
Bei Aischa, Esperanza und Teresa wurden die Beschwerden vor und wäh-
rend der Menstruation durch die Seekrankheit zu Anfang der Reise verstärkt.
Zur Empfängnisverhütung benutzten Aischa, Esperanza und Teresa die Pille,
Ana ein Diaphragma; Sofia und Ingrid schützten sich überhaupt nicht. M i t Aus-

310
nahme einer der beiden letzten verwendeten sonst an Land alle regelmäßig Ver-
hütungsmittel.
Bei vielen Frauen schwankt die Menstruation, wenn sie auf Reisen gehen.
Es ist möglich, daß die Verkürzung des Zyklus bei vier Teilnehmerinnen vom
Reisefieber und der Aufregung herrührte, vielleicht auch von den medizinischen
und psychiatrischen Untersuchungen in Madrid und Las Palmas.
Aufregung oder Spannung kann als befriedigende Erklärung dienen, aber
sogar in diesem Fall sind Ausnahmen festzustellen. Die Teilnehmerin, die sich
der Reise und den Umständen seelisch am schlechtesten anpaßte und am ängst-
lichsten, gespanntesten und am wenigsten selbstsicher war, nämlich Ingrid,
hatte die regelmäßigste Periode.

SCHLUSSFOLGERUNG

Im «normalen» Leben an Land steht jeder körperbetonten Einstellung so etwas


wie spießige Schamhaftigkeit entgegen, die ihrerseits wieder antisexuelle Ver-
haltensweisen auslöst. So w i r d durch Erziehung jene freie Sexualität unter-
drückt, die laut Konvention unerträglich ist.
Doch als sie sich - unabhängig von der Tatsache, daß es sie in Ausnahmen
schon zu allen Zeiten gegeben hat - in der heutigen Gesellschaft zeigte, geschah
das nicht auf Grund gelockerter Normen, sondern gerade als Reaktion gegen
die geltenden Regeln. Sie wurde so etwas wie ein neues Ritual, ebenso künst-
lich wie das scheinbar verdrängte.
Zu den Fragen, die in bezug auf Körperlichkeit und Scham das meiste Inter-
esse erregten, gehörten Hygiene und das Verrichten der Notdurft. Die Toilette
auf der Acali war im Freien. Das Bad war kaum «privater», in der Kajüte gab
es ja keine hohen Trennwände. Alles spielte sich vor aller Augen ab.
In diesen Fragen zeigen sich die Hemmungen, die w i r alle haben; doch es ist
viel leichter, eine peinliche Lage zu bewältigen, wenn eine Gruppe davon betrof-
fen ist. Zuerst benutzten die Teilnehmer die Toilette fast ausschließlich nachts,
aber nach zwei Wochen fanden wir nichts weiter dabei, diese Scham abzulegen.
Ebenso schnell gewöhnte man sich an die vollständige Nacktheit beim Baden;
allerdings kam es nie zu Nudismus, ganz einfach weil es zu gefährlich war,
unbekleidet auf dem Floß zu arbeiten.
Oft enthält der Bruch mit diesen Konventionen ein Element des Exhibitionis-
mus. Aischa, Sofia und Teresa, die sich ihrer körperlichen Schönheit bewußt
waren, hatten die wenigsten Hemmungen, sich nackt zu zeigen. Hingegen wur-
den die Hemmungen bei Esperanza, Ingrid und Ana durch ihre Figurprobleme
mehr oder minder verstärkt.

311
Von den Männern überwanden Emiliano und Santiago die Hemmungen als
erste. Emiliano wollte wohl zeigen, daß er seine priesterlichen Funktionen auf
diese Weise nicht anders als in der Soutane ausüben könnte. Santiago paßte
sich aufgrund seiner Erfahrungen den Bedingungen an Bord sofort an. Antonio
überwand sich nur zaghaft zur Nacktheit. Komico und Marcos, beide gutge-
wachsen, waren am prüdesten - Komico wegen seiner strengen japanischen Er-
ziehung, Marcos wegen seiner Introvertiertheit.
Wie gesagt, hätte man annehmen können, daß der Wegfall der Konventio-
nen und Hemmungen die sexuellen Reize verstärken würde. Das Gegenteil
war der Fall. Meines Erachtens war gerade der Mangel an künstlichen Reizen
der bestimmende Faktor. Wenn sie fehlen, läßt der Geschlechtstrieb nach. Zu
Unrecht w i r d angenommen, daß die sogenannten «primitiven» Gesellschaften
mit stark entwickelter Sexualität diese Reize nicht kennen. Auch dort gibt es
sie, jedoch in anderer Form. Nehmen w i r zum Beispiel die wilden Stämme: Der
Mann ist viel koketter; der Krieger bemalt sich und schmückt sich mit Federn,
um vor dem andern Geschlecht seine Kraft und Männlichkeit zu demonstrieren.
Im allgemeinen zeigten sich die Frauen eher zum Geschlechtsverkehr aufge-
legt als die Männer, und zwar aus verschiedenen Gründen. Die Männer waren
den Spannungen durch die äußeren Geschehnisse stärker ausgesetzt, und es
wurden an sie größere körperliche Ansprüche gestellt. Vielleicht ist aber der
Geschlechtstrieb bei Frauen überhaupt stärker als bei Männern. Da sie tradi-
tionell ausgeprägteren Hemmungsritualen unterworfen sind, zeigt sich bei
ihnen in gelockerter Freiheit eine vorübergehend gesteigerte Sexualität.
A u f den ersten Blick scheinen die auf der Acali gesammelten Daten und A n -
gaben auf eine versteckte sexuelle Problematik zu deuten, die alle oder fast alle
unsere Gedanken und Betätigungen auf natürliche Weise bestimmt, sobald man
sich nicht mehr scheut, sie zum Ausdruck zu bringen. Siehe Freud und Reich.
Doch der erste Blick kann trügen. Das Modell Acali ist dafür ein gutes Bei-
spiel. Welches Erlebnis hatten w i r denn alle gemeinsam? Welchen Gegenstand
glaubten w i r alle zu kennen? Von dem wir ausnahmslos alle in unserer Kind-
heit und Jugend nicht sprechen durften? Über den wir niemals mit einem Men-
schen persönliche Erfahrungen ausgetauscht hatten? Das sexuelle Verhalten.
Offensichtlich wollten w i r darüber sprechen und zeigen, was w i r wußten.
Aber ebenso offensichtlich ist, daß unsere Natur keinen Geschlechtsverkehr von
uns verlangt, w i r scheinen ihn nötig zu haben, weil w i r uns dafür interessieren.
Es gibt keinen angeborenen Geschlechtstrieb, der die anscheinende Notwen-
digkeit, sexuelle Beziehungen zu haben und darüber zu sprechen, hinreichend
erklärt. Statt dessen gibt es wegen unserer kümmerlichen sexuellen Erziehung
und der auferlegten Tabus eine Notwendigkeit, mehr über das sexuelle Ver-
halten zu erfahren.

312
Nach und nach bildete sich auf der Acali eine Familie - von den Teilnehmern,
die sich immer an die biologischen Kriterien hielten, nur undeutlich wahrge-
nommen. Es ergaben sich an Bord familiäre Beziehungen der Abhängigkeit,
der Freundschaft, der sexuellen Intimität und der Ablehnung. Es war eine freie
Familie, die das Tabu des Inzests nicht kannte. Abgesehen davon, daß von
Inzest auf der Acali gar keine Rede sein könnte, kann man auch so die Schluß-
folgerung ziehen, daß der Inzest eher ein kultureller als ein biologischer Be-
griff ist. W i r würden mit unserer Schwester schlafen; wenn wir danach Selbst-
mord verüben, sind die Tabus daran schuld, die mit der biologischen Wirklich-
keit nichts zu tun haben.

Überlegenheit und Unterlegenheit:


Männer, Frauen und Rassen

Ist der Mann der Frau überlegen, oder ist er nur anders? Ist die Frau dem
Mann unterlegen, oder ist sie nur anders? Das ist die ewige Frage, die in lan-
gen Diskussionen, in Karikaturen, Witzen und Romanen behandelt w i r d , nicht
zuletzt in Abhandlungen von Geistes- und Naturwissenschaftlern. Das gleiche
gilt für Rasse und Rassismus.
Simone de Beauvoir, Ashley Montagu, Margaret Mead, fast alle Anthropo-
logen und Soziologen, auch die wenigen Frauen, die innerhalb und außerhalb
der Frauenbefreiungsbewegung ernsthaft gearbeitet haben, befassen sich mit
den verschiedenen Aspekten dieser Themen auf Grund kultureller oder biologi-
scher Gegebenheiten. Das heißt mit der Fähigkeit der Männer und Frauen,
geistige, praktische und sportliche Leistungen zu vollbringen, mit der verschie-
denartigen Erziehung, mit den biologischen (geschlechtlichen, physiologischen,
muskulären, hormonalen usw.) Unterschieden. Die Ergebnisse sind klar.
Es gibt - das läßt sich nicht leugnen - Rassenunterschiede. Niemand würde
einen Eskimo mit einem Schwarzen verwechseln, niemand einen Mann mit
einer Frau (trotz Unisex-Mode). Aber deshalb zu sagen, manche Rassen seien
anderen überlegen, ist grotesk.
Die früheren Klassifikationen der Rassen lassen sich heute nicht mehr recht-
fertigen. Es ist erwiesen, daß die genetische Verschiedenheit der Rassen derjeni-
gen entspricht, die einzelne Menschen voneinander unterscheidet, wo der Ras-
senfaktor keine Rolle spielt.
Schwarze, Weiße, Gelbe sind nicht in besonderen Sportarten «die Besten».
Juden sind nicht die «besten» Händler - es genügt, in dieser Hinsicht daran zu
erinnern, daß Juden und Araber derselben semitischen Teilgruppe angehören.
Weder Frauen noch Männer sind durchwegs dümmer oder intelligenter.

313
Es geht darum, zu bestimmen, ob sich Weiße, Schwarze oder Gelbe heute
zum Beispiel für die Ausübung einer bestimmten Sportart oder für eine be-
stimmte geistige Tätigkeit usw. besser eignen. Man muß feststellen, ob die Er-
gebnisse der Untersuchung von unterschiedlichen Erziehungsmethoden oder
sozialen Unterschieden abhängen oder nicht; ob die Frauen besonders begabt
sind, minutiöse Aufgaben zu erfüllen, intensiven Anstrengungen weniger ge-
wachsen sind, aber ein größeres Durchhaltevermögen haben; ob sich ihre I n -
telligenz auf bestimmten geistigen Gebieten besser entwickelt, oder ob der
Unterschied auf eine andere Erziehung von frühester Kindheit an zurückzu-
führen ist.
Forschungen haben gezeigt, welche Rolle der hormonale Unterschied bei
der Aggressivität des Mannes spielt, nicht im Sinne einer angeborenen Aggres-
sivität, sondern im Sinne einer größeren Potentialität, aufgrund derer sich auch
außergewöhnliche oder schöpferische Tätigkeiten entfalten. Nach S. Gold-
bergs Meinung ist es biologisch normal und natürlich, daß die Männer die
Machtstellungen einnehmen. Wenn w i r auch nicht wissen können, sagt er, ob
es eine rassische Überlegenheit oder Unterlegenheit gibt, da die besonderen
Faktoren von Gruppe zu Gruppe variieren, stellt das Phänomen der biologi-
schen Überlegenheit, daß heißt die «Dominanz» des Mannes, doch ein unab-
änderliches universelles Merkmal dar.
So bedeutungsvoll die biologische Differenzierung auch scheinen mag, sie ist
nur eine unter vielen anderen. Die biologischen und rassischen Unterschiede
sind evolutionären und kulturellen Wandlungen unterworfen. Wenn es ums
Eierlegen geht, ist das Huhn «überlegen» ; andererseits kann der Fisch unter
Wasser schwimmen. Was die Rassen anbelangt, so erinnern w i r uns doch, was
Aristoteles erst vor zweitausend Jahren über die Menschen geschrieben hat, die
heute die Welt beherrschen: «Die nordischen Völker sind Barbaren und dazu
geschaffen, Sklaven zu sein. »

ACALI

Heute müssen männliche und rassische Überlegenheit oder Unterlegenheit klar


bewiesen werden. «Sie sind Anthropologe, das ist also Ihre Sache», sagte man
mir.
Ich ließ zwar Anthropologie und Wissenschaft zunächst außer acht, aber ich
versuchte unablässig zu ergründen, welche Schlüsse so oder so gezogen werden
könnten. Da w i r in einer Männerwelt leben, begann ich damit, wichtige Auf-
gaben Frauen zuzuteilen : Navigatorin, Schiffsärztin, Taucherin, Umweltschutz.
Die Aufgaben der männlichen Besatzungsmitglieder: Leitung, filmen, funken,

314
Fotografie. Eine Frau befaßte sich mit dem Proviant, ein Mann mit dem Wasser-
vorrat. Beim Kochen und Wachen wurde abgewechselt. Wenn ich ein Risiko
auf mich nahm, dann in meiner Eigenschaft als Leiter, nicht als Mann. Wenn
ich Vorschläge für die Navigation machte, so geschah es aufgrund meiner Erfah-
rung mit Flößen. Nicht weil ich ein Mann bin, sondern weil ich mich in der
Materie auskannte, plante ich die Reise.
Keine der vielen Reibereien hatte ihre Ursache in rassischer «Überlegen-
heit oder Unterlegenheit» - was immer das sein mag -, sondern in der Ver-
schiedenheit der Charaktere, der Erziehung, der Kenntnisse und der Motiva-
tionen. Das soll nicht heißen, daß es zwischen Komico und Esperanza beispiels-
weise keine Schwierigkeiten gab. Komico kam aus einem Land, wo die Frau
aus traditionellen Konventionen noch heute als untergeordnet betrachtet wird.
Esperanza ist Amerikanerin und Farbige. Komico ist organisiert, starrköpfig,
berechnend; Esperanza unordentlich, phantasievoll, weich, originell. Aber sie
verstand vom Schreinern mehr als jeder andere und half namentlich bei der
Reparatur des Steuers. Komico ärgerte sich und lehnte es ab, sie zu fotogra-
fieren. Hätte es sich um eine der anderen Frauen gehandelt, gar um Aischa, so
hätte er sich anders benommen. Aber das alles war weder eine Frage der Rasse
noch des Geschlechts, es lag nur am anerzogenen Männlichkeitskult.
Antonio behandelte Esperanza ziemlich grob und sagte, zwar zum Spaß:
«Wasch dir das Gesicht ab», aber sie machte sich nichts daraus, denn sie wußte,
daß sich darin seine Unwissenheit äußerte, wie man einer ungleich schlagferti-
geren Frau entgegentritt. Erziehung und mangelnde Bildung, Temperament
und Charakter, alles, was man w i l l , doch auch hier wieder kein Rassenunter-
schied, keine Über- oder Unterlegenheit des einen oder anderen Geschlechts.
Teresa stieß mehrmals mit Komico, Ana, Marcos und mir zusammen. Sie
hat eine ziemlich unglückliche Kindheit gehabt; sie revanchierte sich auf ihre
Weise. Nichts hatte dabei mit Rasse zu tun, nichts mit der Tatsache, daß sie
eine Frau ist.
Zur allgemeinen Überraschung sagte Esperanza in Cozumel: «Ich bin mir
auf dem Floß wie eine Sklavin vorgekommen.» Damit drückte sie ihre Einstel-
lung zur Welt «vor» Acali aus, eine Welt, die sie «nach» Acali wiedererstehen
lassen mußte. An Bord geschah nichts aus Diskriminierung, und kein Kon-
flikt wurde durch Rassismus ausgelöst.
Ingrid hatte Verständigungsschwierigkeiten. Aber sie rührten nicht von der
«sprichwörtlichen Introvertiertheit der Schweden» her, sondern von ihrem per-
sönlichen Charakter und den Problemen mit einem Wasserfahrzeug, von dem
sie nichts verstand. «Wir haben wie Neger geschuftet», schrieb sie auf schwe-
disch. Eine Redensart, weiter nichts.
An Bord der Acali und besonders in Cozumel konnte man eine allgemeine

315
Solidarität der Frauen mit Ingrid beobachten. Das ist norrnal. Nach jahrhun-
dertelanger Unterdrückung in einer Männerwelt sahen sie in Acali die Mög-
lichkeit, zu beweisen, daß es keine männliche Überlegenheit gibt, daß nicht
nur Männer - Seeleute - imstande sind, den Atlantischen Ozean und die Kari-
bische See auf einem gebrechlichen Floß zu überqueren. Aus den bereits darge-
legten Gründen mußte ein Mann Ingrid dann ersetzen und ihre Verantwortung
übernehmen. Da sich Ingrid als menschlich und anständig erwiesen hat, der
Ersatzmann aber eine starke, allzu selbstsichere Persönlichkeit hervorkehrte,
ist es nur natürlich, daß die Frauen zugunsten der Abgesetzten reagierten. Auch
dabei handelte es sich jedoch nicht um geschlechtlich bedingte Überlegenheit
oder Unterlegenheit.
In einer Gruppe, in der die konventionellen Modelle der männlichen Do-
minanz und der weiblichen Unterlegenheit nicht gelten, und wo es keine so-
zialen Gründe für Diskriminierung gibt, entstehen Konflikte und Feindschaft
weder durch die Unterschiede des Geschlechts noch der Hautfarbe, und von
Über- oder Unterlegenheit ist nichts zu merken.
Die Vorurteile bezüglich der Geschlechter und Rassen sind immer noch so
tief verwurzelt, daß eine gültige Beobachtung, die unter schwierigen Umstän-
den und in harter Wirklichkeit vorgenommen wurde, keineswegs ein unzu-
längliches Zeugnis ist, sondern einen Beweis darstellt, wenn auch nicht von
repräsentativem Rang.

Körperliche Veranlagung und physischer Zustand

Physiologische und morphologische Untersuchungen haben ergeben, daß dem


Verhältnis zwischen Muskelgewebe und Fettquantität große Bedeutung zu-
kommt. Mehr als andere meßbare Merkmale bestimmt es die körperliche Lei-
stungsfähigkeit. Es ist klar, daß Schwerarbeiter weniger leicht Fett ansetzen als
Menschen mit sitzender Lebensweise.
Es ist auch erwiesen, daß zwischen dem Fettansatz und dem Grad der kör-
perlichen Betätigung, unabhängig vom Gewicht, ein dynamischer Zusammen-
hang besteht.
Da wir an Bord der Acali ein anstrengendes Leben führten und genügend
Nahrungsmittel und Flüssigkeiten zu uns nahmen, ohne dabei zu übertreiben,
mag es interessant und nützlich sein, den Fettabbau bei den verschiedenen Teil-
nehmern zu betrachten.
Die Messungen wurden zu Beginn, nach einem Monat und am Ende der
Reise vorgenommen, und zwar am Triceps, unter den Schulterblättern und an
den Oberschenkeln. Die Fettquantität der Teilnehmer vor der Abfahrt ist mit

316
dem Wert o angegeben, der schätzungsweise das Normalgewicht bedeutet. Die
Messungen der Fettschichten erbrachten die folgenden Ergebnisse:

Vor der Abfahrt Nach einem Monat Bei der Landung


Aischa o
Santiago
+ - (weniger als o)
o - (unverändert)
Sofía o
-
Emiliano o
+ - (weniger als o)

Ana
+ + (unverändert)
o
Antonio o
+ + (unverändert)
- (starke A b n a h m e )
Ingrid o
-
Komico o
+ - (weniger als o)
- (starke A b n a h m e )
Esperanza o
- - (mehr als o)
Marcos o
+
Teresa
+ + (ein w e n i g )
o
+ - (mehr als o)

Bei sechs Frauen und zwei Männern ist nach einem Monat eine Erhöhung des
Wertes, bei drei Männern eine Verminderung festzustellen. Am Ende der Reise
hat sich die Erhöhung bei einem Mann fortgesetzt. Der Fettverlust, den drei
Männer bei der ersten Prüfung gezeigt haben, ist weitergegangen. Bei drei
Frauen ist der Wert niedriger als vor der Abreise, bei einem Mann höher.
Komico und Santiago magerten infolge der Arbeit ab; denn Komico war
wegen seiner Körperkraft bei vielen Arbeiten unersetzlich, und Santiago be-
teiligte sich an allen Arbeiten. Antonio nahm zuerst .infolge der Seekrankheit
ab, später wegen seines Nervenzustands. Alle Frauen nahmen anfangs zu.
Gegen Ende der Reise hielten alle Diät, um abzunehmen, Teresa, besonders
Ingrid, die in Cozumel von ihrem Verlobten, und Esperanza, die von ihrem
Mann erwartet wurde.
Esperanza, Emiliano und Aischa, die an den Oberschenkeln Fett angesetzt
hatten, waren diejenigen, die wegen Seekrankheit oder aus charakterlichen
Gründen am wenigsten arbeiteten.

Medizinische Untersuchungen

Vor der Abreise wurden alle eventuellen Teilnehmer einer gründlichen medi-
zinischen Untersuchung unterzogen. Aufgrund der Befunde mußten mehrere
Kandidaten ausscheiden.
Nach der Landung wurden vor allem die Katecholamine im U r i n untersucht;
denn man weiß, daß sich ihr Ausstoß, der durch nervliche Impulse gesteuert

317
wird, in Streß-Situationen erhöht. A u f diese Weise lassen sich Erregungszu-
stände messen. In Cozumel hielten sich die Ergebnisse in den Grenzen des Nor-
malen. Sie zeigten, daß der Grad der Erregung - den sehr schwierigen Bedin-
gungen der Reise zum Trotz - keinen ausschließlich bestimmenden Faktor für
das Verhalten der Teilnehmer bildete.

Verseuchung des Meeres

Die Langsamkeit, mit der ein Floß auf dem Wasser dahintreibt, erlaubt es,
Dinge zu sehen, die man von einem Schiff aus nicht erkennen kann. Man ist
ja fast im Wasser.
W i r waren keine Spezialisten für Umweltverschmutzung. Was mich betrifft,
so war mir nur klar, daß wir an Land in vielen Gegenden verseuchte Luft ein-
atmen und daß viele Strände wahre Bakterienkulturen sind.
Mich interessierte die Verseuchung des Meeres, weil es kaum ein konkreteres
und augenfälligeres Beispiel für die Folgen des menschlichen Verhaltens gibt:
Man wirft allen möglichen Müll in Unmengen ins Meer.
Vor der Abreise hielten sich Sofia und Aischa eine Zeitlang in Nizza auf, wo
sie lernten, wie man dem Meer die notwendigen Proben entnimmt.
Ich habe Sofias und Aischas Notizen zusammengefaßt:
«Jeden Tag nehmen wir verschiedene Messungen vor: Wassertemperatur,
Trübung, Planktongehalt. Um uns mit dem Material vertraut zu machen, wur-
den wir auf dem Segelschiff Saint Maurice IV, dem Boot des Instituts für Un-
terwasserforschung in Nizza, aufs Meer hinausgefahren. W i r sahen Dokumen-
tarfilme, die uns eine Vorstellung von gemeingefährlichen Praktiken der Öltan-
ker gaben. In den verschiedenen Laboratorien sahen w i r erstaunliche Aufnah-
men von Zooplankton (Schwebefauna) und Phytoplankton (Schwebeflora).
W i r waren als <Ozeanographen> blutige Anfänger, aber vom ersten Tag auf
der Acali an gingen wir mit großem Ernst an unsere Aufgabe. Die Plastikkanne
gehörte zu den wichtigsten Instrumenten: Damit wurde das Wasser geschöpft,
das nicht mit Metall in Berührung kommen durfte. Die Temperatur des Was-
sers wurde sofort gemessen, bevor es sich erwärmte, und um sicherzugehen,
daß wir uns nicht irrten, maßen wir sie ein paarmal. In der Karibischen See
erreichte sie 28° C und am letzten Tag der Reise 29° C.
Mittels eines Plastiktrichters füllten wir sorgfältig ein Fläschchen, das für die
Analyse der Nitrate und Phosphate diente, ein anderes für die der Metalle.
Das Fläschchen, das zur Bestimmung des Salzgehalts diente, mußte gestrichen
voll sein, damit das Wasservolumen gleichblieb. Das vierte Fläschchen, das
einen Tropfen Formol enthielt, war für das Plankton bestimmt, das w i r mit

318
einer feingedrehten Nylonleine einsammelten, deren Schlinge von einem Bü-
gel offengehalten w i r d und die in einem zylindrischen Plastikbehälter endet,
aus dem das Wasser durch zwei Öffnungen abtropfen kann. Nach etwa zwan-
zig Minuten hatten sie die tägliche Planktonmenge beisammen.
Die Klarheit des Meerwassers berechnet man mit einer beschwerten weißen
Scheibe, der sogenannten Secchi-Scheibe, die an einem leichten Tau mit Meter-
Markierungen ins Wasser geworfen wird. W i r d die Scheibe unsichtbar, kann
man zur Tiefenbestimmung die Meterzahl am Tau ablesen. Ferner maßen w i r
die Strahlenbrechung des Wassers mittels eines Refraktometers.
Fast während der ganzen Überfahrt entdeckten wir Teer- und Ölagglomera-
tionen, deren Größe von einem Reiskorn bis zu einer Haselnuß reichte. In der
Karibik sahen wir eines Morgens auf der Route der Öltanker von Maracaibo
mehrere Stunden lang ungeheure Teeragglomerate; manche wogen über drei
Kilo, andere waren voll von einer gelben Fischart, die sonst nur im Sargasso-
meer vorkommt.
Die Zähne der Haie, die wir fingen, waren schwarz vom Öl. Alles, was in
diesem Gebiet schwamm oder trieb, war teerverseucht.»

Durch die Messungen des Salzgehalts und der Temperatur war es möglich, die
relative Verbreitung der Zooplankton-Kolonien zu ermitteln, die von großem
ozeanographischem Interesse ist; ebenso den Metallgehalt - Kupfer, Eisen,
Mangan und Kobalt -, der unerläßlich ist und beim Metabolismus der mei-
sten Phy toplankton-Arten eine wichtige Rolle spielt.
A u f die Ergebnisse dieser Studien soll hier nicht weiter eingegangen werden;
die Analyse und die detaillierten Ergebnisse wurden in dem Werk veröffent-
licht, das die Universität Mexiko herausgegeben hat. Es sei nur betont, daß
wir die Überfahrt dazu benutzten, systematische Untersuchungen vorzuneh-
men, die zu einer besseren Kenntnis des Meeres im allgemeinen und der
Meeresverseuchung im besonderen beitragen können.
Alle auf der Acali waren tief berührt von den geschwärzten Fischen, von den
Haien mit ölverkrusteten Zähnen, von den Teeragglomeraten rings um das
Floß. Dabei befanden wir uns nicht etwa auf einem der sattsam bekannten ver-
seuchten Flüsse und Seen wie etwa Rhein, Hudson, Themse, Eriesee, sondern
mitten im Atlantischen Ozean und in der Karibischen See.
Man diskutiert leidenschaftlich über die Vergrößerung der Hoheitsgewässer
und befaßt sich mit diesem neuen Zankapfel, von dem jeder das beste Stück
haben will, ohne zu beachten, daß der Apfel bereits angefault ist.

319
Träume in der Nacht und Träumereien am Tage

Diese Studie hat E. V. auf Grund von 132 Antworten sämtlicher Teilnehmer
erstellt.
A u f der Acali dachte man wenig an die Gefahr, ins Wasser fallen zu kön-
nen oder von einem Haifisch gefressen zu werden. Die meisten Teilnehmer
sagen aus, daß ihnen dieser Gedanke am Tage nie gekommen sei. Aischa und
Esperanza sind die einzigen Ausnahmen. Santiago hegte derartige Befürch-
tungen, beruhigte sich jedoch mit der Zeit. Ana und Marcos hingegen, die sich
zu Beginn der Reise über die Möglichkeit, im Magen eines Hais zu enden, lustig
gemacht hatten, fürchteten sie dann.
Vergleicht man diese Aussagen mit den nächtlichen Träumen derselben Per-
sonen, so sieht man, daß außer Antonio keiner, der im Traum ins Wasser ge-
fallen war, auch vom Angriff eines Haifischs träumte.
Daraus wäre zu schließen, daß zehn Teilnehmer nicht von der Angst be-
sessen waren, ins Wasser zu fallen; sonst hätte das Geschehnis im Traum
schlimme Folgen gehabt.
Tagsüber kreisten die Gedanken und Träumereien der Teilnehmer um die
Familie, Freunde, Pläne, um den Erfolg am Ende der Reise, das heißt um Dinge,
die auf dem Floß fehlten. Die nächtlichen Träume erstanden aus dem Wunsch,
dem Floß zu entrinnen, das Land und die Familie wiederzufinden. Santiago gab
sich als einziger keinen Tagträumereien hin.

Räumliche Weite

Man ist erst verhältnismäßig spät darangegangen, sich mit der Wirkung des
Raumes zu beschäftigen. J. W. Black hat zum Beispiel 1950 festgestellt, daß die
Schnelligkeit des Lesens ebenso von der Größe des Raumes, in dem sich der
Leser befindet, abhängt wie von der Reflektionszeit: Bei langsamem Reflek-
tieren liest man in einem großen Zimmer schneller als in einem kleinen.
Es ist bekannt, daß sich Tiere derselben Familie in einem engen Raum un-
ruhig zeigen, aber das Unbehagen nicht aneinander auslassen. Kommen nun
Tiere einer anderen Familie hinzu, so entsteht Aufruhr, die Tiere bekämpfen
einander und töten sich oft gegenseitig. Die räumliche Beschränkung löst also
ein bestimmtes Verhalten aus, das sich, ob sexuell bedingt oder nicht, in Aggres-
sivität zeigt; zumindest führt sie zu Konflikten. Manche Arten brauchen inner-
halb einer Gruppe für jeden einzelnen einen gewissen Spielraum, der allerdings
unter normalen Umständen variiert. D. Morris (1952) hat festgestellt, daß bei
einer Gruppe von Fischen, die auf einem engen Raum zusammengedrängt le-

320
ben müssen, Konflikte, Frustrationen und Homosexualität entstehen. J. B. Cal-
houn beobachtete das veränderte Verhalten von Mäusen, deren Lebensraum er
beschränkt hatte. Aus seinen Experimenten geht unter anderem hervor, daß die
Aggressionen im Verhältnis zur verminderten Fluchtmöglichkeit zunahmen.
Weiter: 97 Prozent der Weibchen gaben die Ruhe am Rande der Kolonie, die
sich um das Männchen gebildet hatte, auf, um sich - unter Lebensgefahr - ins
Innere der Kolonie zu begeben, wo ein allgemeines Chaos herrschte. Der Mensch
hat die Städte erfunden, in denen w i r uns zusammenballen; sowohl die Men-
schen als auch die Mäuse haben offenbar das Bedürfnis, sich in gefährliche A g i -
tation zu stürzen. Auch wir werden vom Gewimmel in Miami, Saint-Tropez
oder Torremolinos angezogen wie eine Wespe vom Honigtopf.
Alle Ergebnisse von Experimenten bestätigen, daß zwischen Raum und Rei-
bungsgrad ein direkter Zusammenhang besteht. Das beweist auch der Index
der Kriminalität. C. Russell geht sogar so weit, alle menschlichen Konflikte der
Überbevölkerung oder der dauernden Einengung zuzuschreiben. Klar ist je-
denfalls, daß der Lebensraum an der Entwicklung eines aggressiven Verhaltens
ebenso m i t w i r k t wie die Erlebnisse und die sozialen Verhältnisse in der Kind-
heit. Demnach läßt sich denken, daß die Gewalttätigkeit ein kultureller Faktor
ist und daß w i r Abhilfe schaffen könnten. Doch das dürfte Theorie bleiben.

ACALI

Man kann sich einem engen Raum natürlich leichter anpassen, wenn man weiß,
daß die Möglichkeit besteht, ihm zu entfliehen. So klein das Floß und der Le-
bensraum auch waren, w i r atmeten, lebten und träumten immerhin im un-
ermeßlichen Raum des Meeres und des Firmaments. Diese Berührung mit der
Natur bewirkte einen Abstand von den Krisen, die ein längerer Aufenthalt in
beklemmender Enge bei Mensch und Tier so steigern kann, daß sie oft zu Mord
und Totschlag führen.
In der Kabine maß der Platz des einzelnen 1,30 Quadratmeter. Das ganze
Floß mitsamt Kajüte maß 12 mal 7 Meter. Hier die Größenverhältnisse des ge-
samten Floßes:
Größenverhältnisse Total
in Meter in Quadratmeter
Kajüte 4,00X3,90 = 15,60
Kajütdach 2,00X2,25 = 4,50
Fläche am Bug 5,00X2,25 = 11,25
Backbordfläche 4,00X0,80 = 3,20
Heckfläche 1,50X3,00 4,50
39,05

321
Schlaflosigkeit oder gestörter Schlaf machte sich bei Santiago wegen der Ver-
antwortung, bei Antonio wegen seiner Nervosität bemerkbar. Ingrid und Te-
resa erfreuten sich trotz ihrer fortwährenden Anpassungsschwierigkeiten eines
gesunden Schlafes. Ein Zusammenhang zwischen Platzmangel und Schlaflosig-
keit ließ sich überhaupt nicht feststellen.
Da die Bevölkerung der Acali eine «Familie» (eine stabilisierte Menschen-
gruppe) bildete, konnten sich die einzelnen an die Isolierung und die räum-
liche Enge besser gewöhnen. Es gab auf dem Floß weder einen «Privatraum»
noch ein «persönliches Revier». Jeder hatte seinen Schlafplatz, der allerdings
zeitweise wechselte. Nie kam es auf der Acali zu einem Konflikt, der auf den
Raum oder das «Revier» an sich zurückzuführen gewesen wäre. Alle Konflikte
dieser A r t rührten von individuellen Eigenschaften her, die die Intimsphäre
(bezüglich Geruchsinn usw.) berühren. Begriffe wie Privatsphäre, persönlicher
Besitz, eigener Raum und Revieranspruch spielten im Mikrokosmos Acali beim
Entstehen von Antipathien und Unverträglichkeiten nie eine Rolle.
Drei grundlegende Faktoren sollen nach Ansicht vieler Autoren die z w i -
schenmenschlichen Beziehungen in begrenztem Raum beeinflussen: Anschluß-
bedürfnis, Herrschsucht, Realisationsbedürfnis. Wieder ist festzustellen, daß sie
auf der Acali nicht die wesentliche Rolle spielten wie bei den vielen Experimen-
ten, die man mit ausschließlich aus Männern bestehenden Gruppen unter ver-
schiedenen Umständen vorgenommen hat. Ingrid, Ana und Antonio - die laut
den Tests an Land am weitesten von der «Normalität» entfernt waren - hatten
sowohl auf dem Floß als auch an Land das stärkste Bedürfnis, zu herrschen und
sich zu verwirklichen. Der enge Raum verstärkte diese Veranlagung nicht.
Unsere Beobachtungen bestätigen, daß Mangel an Platz und persönlicher I n -
timität, anstatt Konfliktreaktionen hervorzurufen, in Wechselwirkung mit an-
deren Aspekten der Isolierung, etwa den fehlenden Reizen von außen, tritt.
Die «offene» Toilette, das äußerste Zeichen fehlender Intimität, bildete ein
Element des Zusammenhaltens.
Wegen des Platzmangels spielten sich fast alle sexuellen Beziehungen in der
Kabine ab; in den meisten Fällen kehrte die Frau dem Mann den Rücken zu,
aus Gründen der Unauffälligkeit und um die andern nicht im Schlaf zu stören.
Die Reaktionen auf Platzmangel hängen also in erster Linie von intimen
Faktoren ab. Je stärker die Motivationen (Teilnehmer einer politischen Ver-
sammlung, Soldaten im Schützengraben) und je stärker etwas Gemeinsames die
Versammelten verbindet, um so weniger wird der engbegrenzte Raum zu einem
Konfliktstoff. Die Ursachen von Reibungen müssen also eher in der Situation
als in dem Raum, wo sie zutage treten, gesucht werden. Bei den 363 Antworten
auf die Fragen nach Aggression, Reibungen und Gewalttätigkeit auf der Acali
nannte kein einziger Teilnehmer die räumliche Enge als Ursache.

322
Unser Experiment wurde unter anderem gerade deshalb durchgeführt, weil
es uns Gelegenheit gab, die konfliktbetonten Reaktionen bei Männern und
Frauen zu ergründen, die in einem begrenzten Raum vereint sind. Die Bildung
der unhierarchischen Familie Acali, zu der noch die Berührung mit der Natur
kam, zeigt, daß sich frühere Beobachtungen unmöglich auf unseren Fall anwen-
den lassen.

Wortlose Verständigung
Wortlose Kommunikation wird zu Hilfe genommen, wenn einzelne Menschen
oder Gruppen verschiedene Sprachen sprechen. Aber auch sonst verzichtet man
öfters aufs Reden. Ein Blick, eine Kopfbewegung oder eine Geste mit den Hän-
den sagt manchmal mehr als Worte, und sogar Widerspruch läßt sich stumm
ausdrücken.
Nach all meinen Expeditionen wurde ich immer wieder gefragt, was für Ge-
spräche an Bord der Flöße geführt worden seien. Gespräche im üblichen Sinne
gab es nicht. Man erlebt viel, man denkt viel nach, man spricht wenig. Da das
Alltagsleben an Land wenig Dramatisches oder Neues bringt, sind wir geradezu
versessen auf die Dramatisierung der Nachrichten aus aller Welt, die w i r durch
Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen empfangen. Dabei sind wir uns bewußt,
daß wir nicht «dabei» sind; die Ereignisse finden ja anderswo statt.
Auf der Acali wollten wir die wortlose Verständigung in Krisenzeiten näher
untersuchen. Die Bildungsniveaus der einzelnen ergaben keine besonderen
Schwierigkeiten; wir konnten alle lesen und schreiben; w i r hatten alle eine
allgemeine Vorstellung von der Menschheitsgeschichte; w i r entstammten alle
einem mehr oder weniger entwickelten Land. Man könnte also meinen, daß
die wortlose Verständigung oder andere Signale für alle ungefähr den gleichen
Sinn haben mußten und daß es möglich sein würde, einige Varianten festzustel-
len, die vom nationalen Typ, von der Persönlichkeit, vom Charakter oder vom
Geschlecht abhingen. W i r hatten zum Beispiel die mehr oder minder gleiche
Ansicht über den Wert des Signals «Bekleidung». Man benutzt sie offensichtlich
um des Anstands willen, aber oft unterstreicht sie gerade das, was verborgen
werden soll, nämlich die Männlichkeit oder die Weiblichkeit.
Ohne uns mit der Ergründung oder Messung der wortlosen Verständigung
zu beschäftigen, sei einfach gesagt, daß jedes Verhalten eine Information lie-
fert. Betrachten w i r nur verschiedene Aspekte der Wechselwirkung zwischen
Menschen, die sich der Zeichensprache bedienen, und beginnen wir mit einigen
Beispielen für «sprechende» Verhaltensweise.
Antonios und Teresas unablässige Extravaganzen sind Ausdruck ihrer fort-
währenden Unsicherheit und bedeuten: «Ich bin da, ich bin da!» Anas wieder-

323
holte Umarmungen verraten ihr Bedürfnis nach Wärme und gegenseitiger
Intimität. Aischa und Sofia, die am kokettesten und schönsten sind, sagen wort-
los: «Wir möchten gern.» Ingrid hält sich von allen fern, was bedeutet: «Ich bin
der Kapitän, das ist mein Titel»; das braucht sie zur Stärkung ihrer Selbst-
sicherheit. Emiliano, der Priester, ist nach mir der erste, der sich nackt vor dem
andern Geschlecht zeigt; er sagt damit: «Ich bin Priester, ich bin auf einem
Floß, ich habe keine Angst.» Marcos entfernt nie die Bretter, die ihn in der
Kabine von den andern trennen: «Ich wünsche mit keinem Intimitäten.» Ingrid
besteigt ein einziges Mal das Beiboot, und zwar mit mir zusammen; und das
heißt: «Wir halten gleichen Schritt.» Nur mit mir kann sie das tun, ohne sich
in ihren eigenen Augen herabzusetzen. Ich betone mein Alter und meine
Kenntnisse, wie um zu sagen: «Ich bin der Älteste, ich weiß viel, ich habe am
meisten Sorgen, ich ermüde rascher.» Indem ich mich aufs Kabinendach zu-
rückziehe, mache ich verständlich: «Laßt mich nachdenken.» Antonio überwin-
det seine Schüchternheit - die er unter einem Wortschwall versteckt -, indem
er Aischa und Emiliano mit Wasser begießt. Esperanza hebt den Kopf und
reckt sich i n aller Schönheit, wenn sie vertuschen w i l l , daß sie nicht weiß, was
sie über Funk sagen soll.
Man sollte meinen, daß der mündlichen Verständigung eine Schranke ge-
setzt worden wäre, weil wir aus verschiedenen Ländern kamen und nicht die-
selbe Sprache redeten. Natürlich war das in gewisser Weise hinderlich, aber
dank der vielen Möglichkeiten wortloser Verständigung wurde die Kommu-
nikation dadurch nicht unterbunden. Die meisten von uns konnten sich zudem
mindestens in zwei Sprachen ausdrücken. Die Zusammenarbeit war befriedi-
gend, so daß es keine ernste Schwierigkeit gab.
Hingegen ist es nicht einfach, die Aspekte der Verständigung auf der Acali
von der Mentalität und dem psychologischen Profil der einzelnen Teilnehmer
zu trennen. Dabei kann man leicht zu falschen Schlüssen gelangen.
Die wortlose Verständigung beruhte auf der Tatsache, daß es von Anfang
an nie an Verständnis für die Beziehungen untereinander und für die Wand-
lungen und Entwicklungen fehlte. W i r begriffen auch sehr schnell, was für A r -
beiten und in welcher Reihenfolge sie ausgeführt werden mußten. Sowohl
diese Beziehungen als auch diese Arbeit bedurften keiner Worte.
M. Argyle hat die beste Klassifikation der hauptsächlichen stummen Ver-
ständigungsmittel vorgenommen:
1. Körperliche Berührung
2. Nähe
3. Orientierung
4. Äußere Erscheinung
5. Haltung

324
6. Kopfbewegungen
7. Gesichtsausdruck
8. Gebärdenspiel
9. Blicke
10. Artikulation und Modulation

1. KÖRPERLICHE BERÜHRUNG

In bezug auf die Bedeutung körperlicher Berührungen gibt es große Unter-


schiede in den einzelnen Kulturen: sehr selten sind sie in Großbritannien,
Schweden und Japan; sehr häufig bei den Afrikanern, Arabern und lateinischen
Völkern. Ferner - was noch wichtiger ist - häufiger bei der Mittelschicht der
Gesellschaft als bei der Oberschicht. Diese Eigenschaften bleiben sogar in Aus-
nahmesituationen bestehen.
Innerhalb der Familie, wo körperliche Berührung am häufigsten ist, gibt es
insofern Unterschiede, als sie den sexuellen Bereich betreffen.
Auf der Acali bildeten wir, wie gesagt, eine Familie, in der ich «Bruder-Vater-
Mann» war. Nur mit Ingrid hatte ich nie eine körperliche Berührung, die von
gegenseitiger Freundschaft gesprochen hätte (sie war ja die «Tante», die
außerdem den hierarchischen Abstand wahrte), ebensowenig mit Komico, der
als Japaner manche Geste als beleidigend empfunden hätte.
Marcos, Antonio und Emiliano nannte ich öfters hijo (Sohn). Marcos zum
Beispiel war mein Schüler gewesen, und unsere Beziehung hatte sich von jeher
auf Achtung und gegenseitige Zuneigung gegründet.
Die Psychiater in Cozumel sahen in der Anrede «Sohn» für einen Menschen,
der es altersmäßig hätte sein können, den Wunsch, eine Beziehung der Über-
legenheit zu schaffen, obwohl es nur ein Kosename war. In der Tat bewies Mar-
cos in schwierigen Augenblicken das größte Interesse am Projekt und an der
Rettung der andern, und ich suchte bei ihm Rat und Hilfe.
Bei den andern Teilnehmern waren nicht viele körperliche Kontakte zu be-
obachten, am ehesten noch zwischen Sofia und Aischa, die einander mochten
und durch die Arbeit verbunden waren; weniger bei Ana, der ältesten von den
Frauen; mehr bei Antonio, dem geselligsten und extravertiertesten, sehr wenige
beim ausgesprochen introvertierten Marcos. Komico ist das Kind, mit dem die
meisten Frauen körperlichen Kontakt haben, entstanden aus einer Mischung
von Vertraulichkeit mit einem jüngeren Bruder und dem latenten Vergnügen
am anderen Geschlecht. Ausgeprägtere körperliche Berührung war auch bei den
gleichsprachigen Frauen zu bemerken: bei den beiden Amerikanerinnen, bei
der Französin und der Algerierin. Teresa zeigte ihr Verlangen nach intimerer

325
Berührung mit Marcos. Marcos und Sofia verrieten gegenseitige sexuelle A n -
ziehung, weshalb für Marcos eine Berührung mit Teresa nicht in Frage kam.
Als sich im Verlauf der Reise eine intime Beziehung zwischen Santiago und
Sofia ergab, hatte sie weniger körperliche Berührungen mit Marcos.

2. NÄHE

Persönlichkeit und Situation bewirken bei schlechtangepaßten Menschen, daß


sie Abstand wahren. Das war der Fall bei Ingrid, die ihren Kapitänsrang um je-
den Preis aufrechterhalten wollte. Die A r t , wie sich das Zusammensein der ein-
zelnen während der Überfahrt wandelte, zeigte deutlich, ob sich eine Beziehung
anspann, fortsetzte oder ihr Ende fand. Teresa suchte immer Marcos' Nähe;
Santiago Sofias Nähe und umgekehrt; Komico abwechselnd die aller Frauen
außer Esperanzas, auch zu Marcos und Emiliano gesellte er sich; Antonio zog
es zu Aischa, Ana zu Santiago, Emiliano zu keinem im besonderen, Esperanza
zu Ana usw. Im allgemeinen verriet die Nähe zu Beginn eher körperliche A n -
ziehung als Suche nach Freundschaft.
Dieses Verhalten rief eines der ernstesten Probleme auf dem Floß hervor,
denn nach einem Platzwechsel in der Kajüte sahen sich Komico und Antonio
von Aischa getrennt. Geringere Probleme entstanden durch Sofias Eifersucht, als
Santiago neben Aischa lag. Bei Teresa war der Wunsch zu beobachten, sich Sofia
zu nähern und dadurch Marcos, ihrem eigentlichen Ziel, denn sie sah, daß
zwischen den beiden gutes Einvernehmen bestand. Ebenso wollten Emiliano
und Esperanza Zusammensein: die beiden Personen, die für die anderen Teil-
nehmer die geringste sexuelle Anziehung hatten.

3. ORIENTIERUNG

Wegen der besonderen Verhältnisse auf dem Floß (schräge Wände und niedri-
ges Dach, Kisten und Kästen an Deck usw.) hing die Orientierung der einzel-
nen beim Austausch von Informationen - von Person zu Person oder vom ein-
zelnen zur Gruppe - oft von den Möglichkeiten und der Begrenztheit des Rau-
mes ab. Nur außerhalb der Kajüte konnten wir rings um ein Viereck sitzen.
W i r benutzten lediglich den linken Gang, da der rechte immerzu von Wellen
überspült wurde. Um Auge in Auge mit einem anderen Menschen zu sprechen,
der sich auf dem linken Gang befand, hätte man sich ins Wasser setzen müssen.
Dadurch erübrigt es sich, von Orientierung auf dem Floß zu reden; sie wurde
ja vom Floß selbst, vom Meer und vom Wind bestimmt.

326
4. ERSCHEINUNG

Nach Argyle hängt die äußere Erscheinung in erster Linie von der A r t ab, wie
man sich kleidet, sich frisiert und sich im allgemeinen präsentiert, erst dann
von bestimmten genetischen Aspekten: vom körperlichen Aussehen und phy-
sischen Zustand im gegebenen Augenblick. Die äußere Erscheinung vermittelt
uns eine Vorstellung vom sozialen und wirtschaftlichen Status, vom hierarchi-
schen Platz usw. Sie liefert auch eine wortlose Information über den Geistes-
zustand, die Persönlichkeit, die sich jedoch auf einen bestimmten kulturellen
und sozialen Kontext beschränkt.
Obwohl wir nach den ersten Tagen nur noch Badezeug, Hemd oder Pullover
trugen, sind die Beobachtungen in bezug auf die Erscheinung interessant. Die
beiden verführerischsten Frauen - Aischa und Sofia - legten am meisten Wert
auf ihr Aussehen. Aischas übertriebene Koketterie zu Beginn der Reise rief bei
allen und besonders bei mir Animosität hervor. Sie bildete einen Gegensatz zu
Anas Saloppheit. Alle Frauen - die Männer nicht ganz so offensichtlich - klei-
deten sich bei der Abreise von Las Palmas, für den Aufenthalt in Barbados und
für die Ankunft in Cozumel am sorgfältigsten. Die einzige Ausnahme war A n -
tonio, der sich aber über diese Eitelkeit lustig machte. Die Palme gebührte
Aischa wegen ihrer Koketterie - und Ingrid infolge ihrer hierarchischen Denk-
weise.
Teresa, die sich ihrer körperlichen Reize durchaus bewußt war und in dieser
Beziehung keine Minderwertigkeitsgefühle hatte, pflegte ihr Äußeres weniger
als Aischa und Sofia. Wenn sie unter Depressionen l i t t , ließ sie sich vollständig
gehen. Antonio ebenfalls. Ingrid blieb sich vom Anfang bis zum Ende der
Überfahrt gleich, zuerst aus hierarchischen Gründen, zum Schluß, weil sie in
Cozumel von ihrem Verlobten erwartet wurde. Nachdem Teresa ihre Nieder-
geschlagenheit vor der Ankunft in Mexiko überwunden hatte, ging sie so weit,
ihre Beine vor aller Augen zu enthaaren, womit sie die letzte Arbeitssitzung
störte.
Marcos, der schönste Mann an Bord, beschäftigte sich abends mit sich selbst
und bildete mit Komico die Gruppe, die am meisten Scham zeigte. Antonio war
von Anfang an in schlechter körperlicher Verfassung, was sich auf sein Aus-
sehen auswirkte. Ich mußte ihn auffordern, sich zu rasieren; von allein tat er es
nie. Ana trug lange Zeit denselben Badeanzug, der am Hinterteil Löcher hatte;
ab und zu besserte sie ihn mehr schlecht als recht aus. Ihren zweiten hob sie für
die Ankunft in Cozumel auf. Ana ließ uns auf jede nur mögliche Weise wissen,
daß ihr ihre äußere Erscheinung vollständig gleichgültig war; das hatte seine
Ursache in ihren Liebesproblemen - vor der Abreise hatte sie sich von ihrem
Mann getrennt - und auch im Geldmangel.

327
Das Floß war hie eine Nudistenkolonie. Ich badete als erster nackt, um zu
zeigen, daß es ging. Aischa und Sofia taten es mir bald nach. Emiliano unter-
hielt sich ohne falsche Scham oder Exhibitionismus im Adamskostüm mit je-
dem. Das taten Marcos und Komico nie. Antonio begnügte sich damit, sich vor
Aischa mit Wasser zu begießen.
Ingrid, Ana und Esperanza verbargen ihre Nacktheit am meisten, Esperanza
badete nur abends und immer allein. Sofia und Santiago begossen sich beim
Baden gegenseitig mit Wasser.
Alle diese Elemente, die äußere Erscheinung, Nacktheit usw. betreffen, ver-
rieten vielleicht am meisten von unserer Persönlichkeit und von der A r t , wie
wir das Experiment auffaßten.

5. HALTUNG

Beim Militär, in der Kirche, beim Sport, auf einem Katheder usw. nehmen w i r
eine sozusagen ritualisierte Haltung an. W i r strecken die Hand aus, um
Freundschaft auszudrücken, wir ballen sie bei Feindschaftsgefühlen, und w i r
zeigen Überlegenheit, indem wir den Kopf hoch tragen. Interessant ist, daß
wir auf der Acali im Angstzustand unsere Gesichtszüge unter Umständen be-
herrschen konnten, nicht aber unsere Positur.
Eigentlich war Acali ein Experiment der menschlichen Verhaltensweise im
Zustand beständiger Gefahr. Die wortlose Verständigung durch die Haltung
spielte in den vielen kritischen Stunden eine ebenso große Rolle wie in den
«normalen». Aber eine derartige Verständigung kann in gewissen Fällen aus
sich heraus Krisen und Reibereien hervorrufen.
Aischa nahm fast immer eine «Pose» ein, wenn sie fotografiert oder gefilmt
wurde, was der Arbeit an Bord und der Spontaneität beim Filmen schadete.
Ihre einstudierten Posen lösten zwischen ihr und mir Konflikte aus, weil viele
Meter Film vergeudet wurden und diejenigen, die zum Filmen in das Dingi
stiegen, sich unnötig gefährdeten.
In den 51 offiziellen Sitzungen (meistens in der Kajüte) begann ich ge-
wöhnlich mit der Erläuterung des Themas, das behandelt werden sollte. Gegen
Ende der Überfahrt mußte ich Komico und Antonio mehrmals ermahnen, etwas
aufmerksamer zu sein; denn sie rekelten sich auf der Matratze, womit sie stumm
ausdrückten, daß meine Ausführungen sie nichts angingen.
Wenn Komico vom Beiboot aus filmte, ärgerte er sich über die Anweisungen,
die ich ihm gab. Er legte dann demonstrativ die Kamera hin und nahm eine
Haltung ein, die trotz seiner japanischen Zurückhaltung Gereiztheit zeigte.
Als wir uns der Cunard Adventurer näherten, äußerte die ganze Acali-

328
Mannschaft mit ihren Gesten Begeisterung, während die Passagiere des Damp-
fers uns fast teilnahmslos fotografierten und gleichgültige Passivität bewahr-
ten.
Der empfindliche, impulsive und nervöse Antonio nahm mir gegenüber
mehrmals eine unverhohlen drohende Haltung an, was mich zwang, entspre-
chend zu reagieren. Antonio fühlte sich zur Verteidigung verpflichtet, als Teresa
die Haltung der wehrlosen Frau annahm, nachdem ich sie gebeten hatte, das
Funkgerät nicht zu persönlichen Gesprächen mit Israel zu benutzen.
Öfters versuchte Ingrid ihre Unsicherheit zu kaschieren, indem sie breitbeinig
und in der Haltung des «Kommandanten» am Ruder stand, was spöttische Be-
merkungen auslöste.
Wenn ich in der Kajüte vor meinen Papieren hockte, zeigte ich eine professo-
rale Pose, die den andern signalisierte, daß ich der Experte bei dem Experiment
war.

6. KOPFBEWEGUNGEN

Kopfbewegungen eines Zuhörers, die Zustimmung, Zweifel, Ablehnung oder


Tadel ausdrücken, dienen der positiven oder negativen Verstärkung einer Be-
ziehung sowohl beim Zwiegespräch als auch in einer größeren Versammlung.
Meine besten Beziehungen ergaben sich, was stumme Übereinstimmung der
Meinungen betrifft, mit Sofia, Marcos und Emiliano.

7. GESICHTSAUSDRUCK

Der Mensch ist mehr oder weniger imstande, seinen Gesichtsausdruck zu be-
herrschen. Da wir in einer Welt starker Konventionen leben, bemühen wir
uns, unsere intimeren Gefühle zu verbergen, sei es aus Gründen der «guten
Erziehung», sei es aus persönlichen Gründen - wenn Liebe im Spiel ist, wenn
man mit einem Vorgesetzten nicht gut steht usw. In bezug auf Acali ist zu sa-
gen, daß der Gesichtsausdruck fast immer den Kopfbewegungen entsprach.

8. GEBÄRDENSPIEL

Marcos, ein vortrefflicher Gebärdenspieler, benutzte oft Arme und Hände, um


sich aus seiner Introversion zu lösen. Auch Ingrid tat es, um aus ihrer viel kom-
plizierteren Zurückgezogenheit herauszutreten und weil sie es schwer hatte, sich

329
zu verständigen. Beide hatten damit Erfolg und erregten die Aufmerksamkeit
aller. Ich selber gestikulierte bei meinen Erklärungen wie jeder Romane, des-
gleichen Antonio, Teresa (besonders stark), Sofia, Marcos und Aischa.
W i r spielten gelegentlich ein Wahrheitsspiel, bei dem man sich in eine an-
dere Person versetzte. Zum Beispiel wurde Marcos, der Teresa darstellen sollte,
eine wichtige Frage gestellt. Er gab die Antwort, die Teresa seines Erachtens ge-
geben hätte. So ging es reihum. In allen Fällen sagten uns Haltung, Mienenspiel
und vor allem die Gebärden mehr als die Worte. Aischas kokette Bewegungen,
meine professorale Eindringlichkeit, Ingrids langweilige Ehrbarkeit oder A n -
tonios mangelnde Selbstsicherheit kamen zum Ausdruck und waren der Wahr-
heit näher als alle verbalen Äußerungen. W i r mußten fast immer darüber la-
chen, obwohl diese Nachahmungen das Bild, das sich der Nachgeahmte selbst
von sich machte, oft einer unangenehmen, unverblümten, ja überspitzten K r i -
tik unterzog.

9. BLICKE

Manche Fachleute - Exline und Winters zum Beispiel - behaupten, man schaue
vor allem diejenigen Personen intensiv an, die man liebt. Ich habe auf der Acali
ganz andere Beobachtungen gemacht.
Es besteht ein ungeheurer Unterschied zwischen vorgeblicher Liebe, Liebe aus
konventionellen Gründen und wirklicher Anziehung, wie das Verhalten auf
der Acali jeweils gezeigt hat.
Am meisten sahen Ingrid, Teresa, Aischa, Antonio, Ana, Esperanza und Ko-
mico - in dieser Reihenfolge - auf mich, und nicht Sofia, Marcos und Emiliano,
obwohl sie es waren, die mich besonders mochten.
Ingrid und ich fühlten uns für die glückliche Landung der Acali verantwort-
lich. W i r unterstützten uns gegenseitig und hatten einander gern, wenn Ingrid
später auch das Gegenteil sagte. Ingrids verständnisvolle und freundschaftliche
Blicke in Anbetracht meiner Bemühungen lassen sich mit Sofias Blicken, die
Ausdruck von Verliebtheit waren, nicht vergleichen. Blicke, die auf sexueller
Anziehung, Antipathie usw. beruhen, brauchen hier nicht berücksichtigt zu
werden; sie sind so durchschaubar, daß sie für unsere Untersuchung keine Be-
deutung haben.

10. A R T I K U L A T I O N UND M O D U L A T I O N

Artikulation, Modulation, Intensität oder Stärke der Stimme spielten in zahl-


reichen kritischen Lagen eine besondere Rolle. Gerade in solchen Augenblicken,

330
in denen für Beobachtungen kaum Zeit blieb, waren alle unsere Sinne auf das
zu lösende Problem gerichtet, das unser Leben oft noch mitten in der Nacht in
Gefahr brachte. Es war mir deswegen nicht möglich, Beobachtungen anzustel-
len, da ich mich nicht ablenken lassen durfte.

11. VERSCHIEDENES

Manche Beispiele wortloser Verständigung lassen sich nicht so ohne weiteres


in Argyles Kategorien einordnen.
In den ersten Tagen vergnügten sich Ana und Esperanza in der Kajüte da-
mit, die Beine in die Luft zu strecken. «Was w i r d der Priester denken, wenn er
das sieht?» sagte ich spaßeshalber. Wortlos begann auch Emiliano, mit den Bei-
nen zu strampeln. Damit drückte er aus, daß er nicht auf dem Floß war, um
seine Rolle als Priester zu spielen.
Anfangs genügte die verbale Verständigung nicht, um sich mitzuteilen, was
jeder von der Reise erwartete. Deshalb brachen sich unartikulierbare Gefühle
eine Bahn, indem man abends, oder wenn «der große Bruder» nicht zugegen
war, unter Gelächter Kissenschlachten veranstaltete, die das Verlangen nach
wortloser Verständigung verrieten.
Teresa und Ingrid weinten oft, Komico einmal; damit suchte ihr seelischer
Zustand ein Ventil.
Zu erwähnen wären auch noch die «sprechenden» Lichterspiele auf dem Se-
gel und auch die Reaktion der verschiedenen Besatzungsmitglieder auf meine
Erkrankung.
Teresas stumme Unterwürfigkeit Marcos gegenüber, die ihr Verlangen nach
einer intimeren Beziehung verriet, gehörte zu den treffendsten wortlosen Ver-
ständigungsarten.

12. LACHEN U N D AUSBRÜCHE V O N GELÄCHTER

Mehrere Autoren betonen, zum Auslösen eines Gelächters sei es notwendig,


daß die Ursache der Komik inmitten irgendeines sozialen Systems wahrgenom-
men werde; im allgemeinen lache man nicht, wenn man allein ist. Andererseits
könne eine plötzliche Entspannung lautes Gelächter hervorrufen.
Antonio, der nicht gut allein sein kann, lachte häufiger über irgend etwas,
weil er, obwohl sonst ziemlich mutig, das Meer fürchtete und den anderen ge-
genüber zeigen wollte, daß er es nicht ernst nahm.
J. A. Ambrose sieht in lautem Gelächter eine Mischung aus Lachen und

331
Weinen. N . G. B. Jones, der sich mit der wortlosen Verständigung zwischen Kin-
dern befaßt hat, fragt sich, ob man es nicht überhaupt als eine A r t Weinen
oder Geschrei sehen müsse. Ingrid, die auf dem Floß am häufigsten weinte und
nur selten schrie, lachte dann in Cozumel erstmals aus vollem Halse. Das war
ihre A r t , die seelischen Spannungen, unter denen sie während der Reise gelitten
hatte, zu kompensieren.
A. R. Radcliffe-Brown hat festgestellt, daß Spaße und Scherze in vielen Ge-
sellschaften dazu dienen, Reibungen zu unterdrücken, die aus den Beziehungen
zwischen einzelnen entstehen können. Ohne Radcliffe-Brown gelesen zu haben,
wußte Antonio dies nur allzu gut und wandte das Mittel zum Segen aller an,
wenn es manche auch mitunter ermüdete.

13. FOLGERUNG

Die Arbeitseinteilung auf der Acali erwies sich teilweise als ein besseres Ver-
ständigungsmittel als beispielsweise das gesprochene Wort auf den Ra-Expedi-
tionen, wo alle Teilnehmer Männer waren. Bei der wortlosen Verständigung
zwischen Männern und Frauen sind die Muster, die die Beziehungen und die
Ausdrucksformen beherrschen; trotz der entstehenden sexuellen Konnexe un-
gefähr gleich. Das demonstriert unmittelbar die Realität und die vielfältige
Nützlichkeit der wortlosen Verständigung.
Die meisten Reibereien wurden nicht durch Worte ausgelöst, und sie fanden
meist auch eine wortlose Lösung.
In einer Welt mit stark entwickelter Wortkommunikation - persönliche Ge-
spräche, Fernsehen, gedrucktes Wort (indirekt) usw. - vergißt man leicht die
Bedeutung, die wortlose Information und Kommunikation beim Entstehen und
bei der Bekämpfung von Gewalttätigkeiten haben. Es ist notwendig, mehr
darüber in Erfahrung zu bringen, indem wir uns dieser Einflüsse bewußt wer-
den.
Das Wort, das wir so oft zu Hilfe nehmen, um die Wahrheit zu verschleiern
oder zu verdrehen, entspringt hier Komplexen, Unzulänglichkeiten und Frustra-
tionen, die ihre Ursache eher in der falschen Erziehung als im persönlichen Cha-
rakter und Temperament haben. Das zeigte sich deutlich bei den Sitzungen der
Gruppendynamik in Cozumel.
Die wortlosen Zeugnisse von Zusammenarbeit, Einverständnis, desinteres-
sierter Teilnahme, Zärtlichkeit, die auf der hunderteintägigen Überfahrt offen,
aufrichtig und spontan zutage traten, beweisen den Wert der «Zeichensprache»
in den zwischenmenschlichen Beziehungen. A u f der Acali redeten Teresa und
Antonio aus verschiedenen Gründen am meisten - und verbargen so viel von
ihrer Persönlichkeit hinter einer extravertierten Gesprächigkeit.

332
Untersuchung in den Vereinigten Staaten, in Frankreich
und Mexiko
Von Mai bis August 1973 - das heißt, während wir uns auf See befanden -
wurde an Land intensive Meinungsforschung über die Bedeutung unseres Ex-
periments betrieben. Die Befragten sollten unter anderem angeben, was sich
ihrer Ansicht nach unterwegs ereignen würde; sie bestanden teils aus Wissen-
schaftlern, die mit dem experimentellen Verfahren vertraut waren, teils aus
anderen Spezialisten, Schriftstellern und Künstlern usw. Im ganzen antworteten
128 Personen in den Vereinigten Staaten, Frankreich und Mexiko. Jeder von
ihnen erhielt eine kurze psychologische und psychiatrische Beschreibung der
Teilnehmer mit Angabe des Alters, des Berufs usw. Sie wurden zudem über das
Floß selbst, über unsere Lebensbedingungen, über die Gefahren der Reise, über
unsere Ernährung usw. informiert.

Folgende Fragen sollten beantwortet werden:

1. Welches Interesse und welche Bedeutung hat das Unternehmen Acali


für Sie?

2. Inwiefern sind Sie an dem Unternehmen Acali wissenschaftlich interes-


siert?

3. Welchen Teilnehmer - Mann oder Frau - finden Sie am sympathisch-


sten?
Nr

4. Wie wird er sich Ihres Erachtens unterwegs verhalten?


a) . . . in bezug auf die anderen Teilnehmer
b) . . . in bezug auf die Tagesarbeit
c) . . . unter schwierigen Umständen

5. Welcher Teilnehmer - Mann oder Frau - ist Ihnen am wenigsten sym-


pathisch:
Nr

6. Wie wird er sich Ihres Erachtens unterwegs verhalten?


a) . . . in bezug auf die anderen Teilnehmer
b) . . . in bezug auf schwierige Aufgaben
c) . . . unter schwierigen Umständen

333
7. a) Wer wird sich Ihrer Meinung nach bei der Erledigung der prak-
tischen Arbeiten an Bord des Floßes als der Tüchtigste erweisen?
1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11
b) Wer als der Untüchtigste?
1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11

8. a) Wer wird auf die Entwicklung der zwischenmenschlichen Beziehun-


gen den besten Einfluß ausüben?
1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11
b) Wer den schlechtesten?
1 - 2 - 3 - 4 - 5 - 6 - 7 - 8 - 9 - 10 - 11

9. Glauben Sie, daß es bei den Beziehungen zwischen den Teilnehmern


oder einigen von ihnen zu ernsten Schwierigkeiten kommen wird?
O bestimmt
O wahrscheinlich
O wahrscheinlich nicht
O bestimmt nicht

10. Wenn es zu ernsten Schwierigkeiten zwischen den Teilnehmern kommt,


dann vor allem
O zwischen Männern
O zwischen Frauen
O zwischen Männern und Frauen

11. Weshalb und unter welchen Umständen werden ernste zwischenmensch-


liche Schwierigkeiten auftauchen?

12. Welche von den hier aufgeführten Faktoren werden die guten Beziehun-
gen zwischen den Teilnehmern begünstigen (oder Konflikte verhüten)?
O Verschiedenheit des Geschlechts
O Gleichgeschlechtlichkeit
O unterschiedliches soziales Milieu
O gleiches soziales Milieu
O verschiedene Sprachen
O gleiche Sprache
O Altersunterschied
O Gleichaltrigkeit
O unterschiedliches Bildungsniveau
O gleiches Bildungsniveau

334
13. Welche Phase w i r d bei dreimonatiger Dauer der Überfahrt in bezug auf
die zwischenmenschlichen Beziehungen für die Gruppe am schwierig-
sten sein?
O die ersten Tage
O die ersten zwei Wochen
O der erste Monat
O der zweite Monat
O der dritte Monat
O die letzten zwei Wochen
O die letzten Tage
O die 4 oder 5 Tage der Isolierung nach der Landung

14. M i t welchem der anderen Teilnehmer w i r d sich der einzelne


a) am besten verstehen ?
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11
b) am schlechtesten?
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11

15. Glauben Sie, daß der eine oder andere Teilnehmer unterwegs ein Ver-
hältnis haben wird?
O bestimmt
O wahrscheinlich
O wahrscheinlich nicht
O bestimmt nicht

16. Wenn sexuelle Beziehungen angeknüpft werden, dann Ihrer Meinung


nach
O von allen Teilnehmern
O von der Mehrheit
O von einer Minderheit

17. a) Welche Teilnehmer werden Ihrer Ansicht nach wahrscheinlich die


meisten sexuellen Beziehungen anknüpfen?
1 2 3 4 5 6 7 8 9 1 0 11
b) Welche wahrscheinlich die wenigsten?
1 2 3 4 5 6 7 8 9 1 0 11

18. Glauben Sie, daß es unterwegs zu ernsten technischen Problemen kom-


men wird?
O bestimmt
O wahrscheinlich

335
O wahrscheinlich nicht
O bestimmt nicht

19. Welche technischen Probleme könnten auftauchen?

20. Was halten Sie vom Floß?

21. Die schwierigsten Probleme, die unterwegs entstehen werden, beruhen


auf:
O individuellen Eigenschaften
(Schwäche einzelner Teilnehmer)
O zwischenmenschlichen Beziehungen
O technischen Problemen

22. Welche Hypothesen stellen Sie in bezug auf die einschneidendsten Er-
eignisse im persönlichen Leben der Teilnehmer auf?

23. Um dem Experiment zum Erfolg zu verhelfen, w i r d Santiago Genovés


O durchweg die führende Rolle spielen?
O jedem die Freiheit lassen, nach Belieben zu handeln?
O sich je nach den Umständen nachgiebiger oder anders verhalten?

24. Finden Sie manche Aspekte des Unternehmens Acali interessanter als
andere?
O ja (bitte angeben)
O nein
a) Welche Aspekte interessieren Sie am meisten?
b) Was würden Sie gern vom Verlauf des Unternehmens und von den
dabei gemachten Beobachtungen erfahren?

25. Zu welchen anderen Fragen würden Sie auf diesem Fragebogen gern
Stellung nehmen?

26. Würden Sie gern an einer solchen Expedition teilnehmen?


O ja (in welchem Alter?)
O nein

27. Wie würden Sie sich verhalten, wenn sich Ihr(e) Lebensgefährte (in)
oder Ihr Sohn (Tochter) als freiwilliger Teilnehmer zu einem solchen
Unternehmen meldete?

336
a) Lebensgefährte(in)
O versuchen, es ihm (ihr) auszureden
O die Entscheidung nach seinem (ihrem) Wunsch treffen
O nicht einmischen
b) Sohn (Tochter)
O versuchen, es ihm (ihr) auszureden
O die Entscheidung nach seinem (ihrem) Wunsch treffen
O nicht einmischen

28. Haben Sie schon eine Seereise gemacht?


O ja (genaue Angaben)
O nein

29. Haben Sie schon erlebt, wie sich eine Gruppe verhält, die eine Zeitlang
isoliert ist und/oder vor ernsten Gefahren steht? Unter welchen U m -
ständen?

30. Haben Sie außer den beiliegenden Angaben etwas über das Unterneh-
men Acali gelesen oder gehört?
O ja
O nein
a) Was haben Sie erfahren?
b) Wodurch?
O Zeitung
O Zeitschrift
O Radio
O Fernsehen
O Kino
O Kommentare

31. Wann haben Sie diesen Fragebogen ausgefüllt?

Persönliche Angaben des Befragten

Nachname:

Vorname:

Geschlecht: männlich weiblich

Beruf und Spezialgebiet:

Alter:

337
Darf Ihr Name als Teilnehmer an dieser Umfrage genannt werden, wenn
die Ergebnisse veröffentlicht werden?
O ja
O nein

Selbstverständlich sind die Ergebnisse dieser Umfrage keineswegs endgültig,


und man kann sie auch nicht allzu wörtlich nehmen. Dennoch liefern sie wich-
tige Aufschlüsse.
Von den 128 Befragten waren 50 Franzosen, 33 Amerikaner und 45 Mexi-
kaner; 96 waren Männer und nur 32 Frauen. Die Zahl der wissenschaftlichen
Spezialisten überwog die der Schriftsteller und Künstler.
86 von den 128 wußten von Acali nur das, was ihre Unterlagen enthielten;
in den Vereinigten Staaten hatten nur 13 von den 33 Amerikanern durch
Presse, Radio oder Fernsehen von dem Unternehmen gehört; der Prozentsatz in
Frankreich und Mexiko war viel höher.
Im allgemeinen hätten die Befragten gern mehr von dem Floß, den Teilneh-
mern, der A r t ihrer Auswahl usw. gewußt. Man hatte jedoch angenommen,
daß ein allzu dickes Dossier sie von der Beantwortung der Fragen abschrecken
würde; schon so umfaßte das Material 35 Seiten, und von den 850 Personen,
denen es zugestellt wurde, erklärten sich nur 128 bereit, an der Umfrage teilzu-
nehmen.
Von diesen 128 interessierten sich 93 wirklich für das Experiment, 35 mehr
oder weniger, 26 mißbilligten es unterschiedlich stark. 111 Befragte waren ver-
heiratet oder geschieden. Nur 48 hätten versucht, ihrem Lebensgefährten die
Teilnahme an dem Unternehmen auszureden.
49 glaubten mehr oder weniger vergleichbar gefährliche Situationen (Krieg,
Unfälle) erlebt zu haben, einige waren ihrer Meinung nach unter mehr oder
weniger ähnlichen Bedingungen von der Umwelt abgeschnitten gewesen. Be-
trachtet man die Beschreibungen dieser Situationen und Umstände jedoch
genauer, so stellt man fest, daß sie von unseren Erlebnissen auf der Acali ziem-
lich weit entfernt sind.
Nach dem Bild, das die Befragten sich von den Teilnehmern, von ihrer A r t ,
die andern zu sehen, ihre Arbeit zu bewältigen und sich in schwierigen Situa-
tionen zu verhalten, auf Grund beigefügter psychiatrisch-psychologischer Ur-
teile machten, ergab sich diese Reihenfolge: am positivsten Teresa, Santiago
(obwohl er in Mexiko stark kritisiert worden war) und Ingrid; am indifferen-
testen Aischa, Ana, Komico; am negativsten Emiliano, Antonio, Marcos und
Esperanza.
Zwei Charakterisierungen treten besonders hervor: die der guten und hei-
teren Frau-Mutter Teresa - und die des Chefs Santiago.

338
Die sympathischsten Personen: Teresa mit 53 Nennungen bei den Frauen,
Santiago mit 15 Nennungen bei den Männern. Im ganzen erwecken die Frauen
mehr Sympathie als die Männer. Das dürfte daran liegen, daß sich Frauen
weitaus seltener an gefährlichen Experimenten beteiligen. 88 positive Antwor-
ten betreffen die Teilnehmerinnen, nur 26 die Teilnehmer.
Ein unsympathisches Bild geben Emiliano, Antonio und Esperanza.
Heldenhaft: Teresa - Organisationstalent: Santiago, Sofia, Teresa - stets
hilfsbereit: Teresa - kann in schwieriger Lage die Selbstbeherrschung verlie-
ren: Emiliano - können für die andern eine Gefahr bedeuten: Antonio und
Esperanza - nur mit sich selbst beschäftigt: Marcos - verwegen: Antonio, vor
allem Santiago.
In bezug auf die Tüchtigkeit wird betont, daß die Frauen bei den praktischen
Aufgaben den ersten Rang einnehmen, vor allem nach den Schätzungen der
Franzosen und der Naturwissenschaftler. Die Mexikaner - und die Geistes-
wissenschaftler - geben den Männern den Vorzug. Am tüchtigsten: Sofia,
Santiago, Antonio, Ingrid. Weniger tüchtig: Esperanza, Aischa, Emiliano, Ko-
mico, Marcos. Für die Künstler sind Antonio und Teresa am tüchtigsten. Nach
Meinung der Mexikaner - und der Frauen - gebührt unter den Männern A n -
tonio die Palme.
Bester Einfluß auf zwischenmenschliche Beziehungen: Teresa, Santiago,
Sofia. Schlechtester Einfluß: Esperanza, Ana, Ingrid (mit großem Abstand zu
den übrigen).
Nach Ansicht der Befragten werden sich die besten Beziehungen zwischen
Personen verschiedenen Geschlechts ergeben, die ungünstigsten zwischen Gleich-
geschlechtlichen, sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen. Aischa w i r d
die besten Beziehungen zu den Männern und die schlechtesten zu den Frauen
entwickeln; Teresa gilt ganz allgemein als am wenigsten konfliktgefährdet.
Von den Männern w i r d Santiago die besten Beziehungen zu den Frauen
haben, nach ihm Antonio und Marcos. Santiago dürfte auch die meisten Kon-
flikte mit den Frauen erleben. Emiliano und Komico werden gute Beziehungen
zu den Frauen haben, Esperanza im allgemeinen die schlechtesten, besonders
zu den Frauen.
Die folgende Tabelle stellt die Synthese der Vermutungen dar.

SCHLECHTESTE
BESTE BEZIEHUNGEN ZU: BEZIEHUNGEN ZU:
Aischa Santiago-Teresa-Antonio Esperanza
Sofia Santiago-Teresa. Ingrid
Ana Teresa-Santiago Ingrid-Esperanza
Ingrid Teresa-Santiago-Komico Aischa-Esperanza

339
Esperanza Santiago-Teresa-Emiliano Ingrid-Aischa-Ana
Santiago Teresa-Sofia-Aischa Esperanza-Ingrid
Emiliano Santiago-Teresa Esperanza
Antonio Aischa-Teresa Esperanza
Komico Santiago-Teresa-Sofia-Aischa Esperanza
Marcos Aischa-Teresa Santiago-Ingrid
Teresa Santiago-Aischa-Sofia Esperanza

(Die Namen in Kursivschrift sind mehr als dreißigmal aufgeführt worden.)

Von den 128 Befragten schätzen 97, daß es bei den zwischenmenschlichen Be-
ziehungen zu ernsten Konflikten kommen w i r d ; die übrigen sind nicht sicher.
83 nehmen an, daß die entstehenden Probleme auf zwischenmenschlichen Be-
ziehungen beruhen werden; 39 schieben sie individuellen Eigenschaften zu,
24 irgendwelchen technischen Problemen. Die Hälfte - ohne Mexikaner und
Künstler - vermutet, daß die Frauen die ernstesten Schwierigkeiten verursachen
werden.

Hauptursachen der Konflikte werden sein:


1. Sexuelle und gefühlsmäßige Rivalität und die Frustrationen, die sich da-
durch ergeben.
2. Autorität, Heldentum.
3. Tägliche Arbeit.
4. Promiskuität.
5. Untergruppen.
6. Langeweile, Überdruß.
7. Gefahren.

Die Franzosen legen das Gewicht auf die Promiskuität, sie und die Mexikaner
betrachten die sexuelle Rivalität und die emotionalen Probleme als Haupt-
ursache der Konflikte. Nach Ansicht der Amerikaner hingegen rufen A u t o r i -
tät, die Rollen, die gespielt werden müssen, und der sogenannte Status Kon-
flikte hervor. Diese Meinung vertreten auch die Natur- und Geisteswissen-
schaftler.

Wesentliche Faktoren, die sich günstig auswirken dürften:


1. Geschlechtsunterschied.
2. Gleiches Bildungsniveau.
3. Gleiches soziales Milieu.
4. Altersunterschied.

340
Wesentliche Faktoren bei der Entstehung von Konflikten:
1. Gleichgeschlechtlichkeit.
2. Verschiedenes Bildungsniveau.
3. Verschiedene Sprache.
4. Verschiedenes soziales Milieu.

Was die Möglichkeiten sexueller Intimität anbelangt, so ist die Hälfte der
Befragten der Ansicht, daß es zu sexuellen Beziehungen zwischen den Teilneh-
mern kommen w i r d ; die andere Hälfte hält es nur für wahrscheinlich. Die
Geisteswissenschaftler glauben eher, daß die Mehrzahl der Teilnehmer ein Ver-
hältnis eingehen w i r d ; die Naturwissenschaftler glauben das nur bei einer
Minderheit. Sofia, Aischa, Antonio, Teresa, Marcos und Santiago werden als
«Hauptverdächtige» genannt, Emiliano und Ingrid nahezu ausgeschlossen.
In bezug auf den Erfolg des Unternehmens halten es die meisten für richtig,
daß Santiago eine starke Haltung einnimmt, die je nach Umständen modifiziert
werden kann.
Die Naturwissenschaftler und die Frauen halten das Floß für unzulänglich
ausgestattet - es entbehre des Komforts -; nach Ansicht der Geisteswissen-
schaftler genügt es für den Zweck. Die Meinungen gehen auch zwischen denen
auseinander, die finden, das Projekt sei vom seefahrerischen Standpunkt aus
sicher, und denen, die es für außerordentlich gefährlich halten.
Die meisten Befragten vermuten, daß w i r in ernste technische Schwierigkei-
ten geraten werden: Stürme, Erkrankungen, Havarie, Proviantverlust oder
Lebensmittelmangel, Navigationsprobleme, Gefahr, abgetrieben zu werden.
Doch der größte Teil hält die menschlichen Probleme für schwerwiegender. Le-
bensgefahr durch Schiffbruch w i r d nur von 6 Befragten genannt; Möglichkeit
eines Zusammenstoßes von 3 Personen. 64 Befragte - genau die Hälfte - wür-
den gern an einem ähnlichen Experiment teilnehmen.
Im allgemeinen ist mehr Verständnis und Interesse für die menschliche Seite
des Unternehmens festzustellen als für seine methodologische und wissen-
schaftliche Bedeutung.
Auffallend ist das geringe Interesse für die sexuelle Verhaltensweise.- Nur
10 Personen interessieren sich dafür, darunter 7 Franzosen.
Die meisten Männer denken, daß die Konflikte hauptsächlich bei den Frauen
entstehen werden; nach Meinung der Frauen indessen werden sie sich zwischen
Männern und Frauen ergeben. Diese Antworten beruhen zweifellos auf per-
sönlichen Erfahrungen, aber auch bis zu einem gewissen Grade auf Projizierung.
Die durchschnittliche Einschätzung des Projekts schwankt zwischen unein-
geschränktem Beifall und leichter Mißbilligung, je nachdem, ob Acali für eine
Kreuzfahrt gehalten w i r d oder ob man annimmt, daß es uns wegen maritimer

341
oder menschlicher Probleme nie gelingen werde, den Atlantischen Ozean und
die Karibik zu überqueren.

KOMMENTAR UND FOLGERUNG

Dieser Teil der Untersuchung ist ein gutes Beispiel für eine saubere und auf-
schlußreiche Recherche. A u f Grund einiger Angaben können wir eine Hypo-
these erarbeiten, die man dann der Wirklichkeit des Experiments gegenüber-
stellt.
Den Geisteswissenschaften bietet sich selten Gelegenheit zu experimentieren
und eine so klare Antwort zu erhalten wie im Fall Acali. Dieses Experiment
sollte einfach als Beweis dafür dienen, daß es bei den sogenannten Geisteswis-
senschaften großenteils an voraussehbarer Wirklichkeit fehlt. Dadurch ist ihre
Nutzanwendung beschränkt.

Synthese über Einstellung und Meinung der Eltern, Freunde


und Mitarbeiter aller Teilnehmer

von A. Burg und H. Borbolla

Diese Synthese, die während unserer Fahrt an Land erarbeitet wurde, ist von
besonderem Interesse.
Als erstes fallen zwei geradezu klassische Einstellungen auf:

1. Die Aufforderung, sich an der Umfrage zu beteiligen, wurde von man-


chen Eltern und Freunden strikt abgelehnt. Das kann man auf drei Arten
interpretieren:
a) Das interessiert mich nicht.
b) Es interessiert mich zwar, aber ich w i l l mich nicht dazu äußern.
c) Ich bin gekränkt, weil der Teilnehmer nicht oder kaum mit mir dar-
über gesprochen hat, obwohl w i r einander nahestehen.
2. Eine gewisse Eitelkeit bewirkt, daß man sich einem Interviewer gern zur
Verfügung stellt. Auch hier sind drei Kategorien zu unterscheiden:
a) Menschen, die sich damit begnügen, zu antworten.
b) Menschen, die darüber hinausgehen und eine Meinung über das Ex-
periment und die Teilnehmer äußern.
c) Menschen, die den Anlaß benutzen, um auf dem Umweg über das
Experiment und die Teilnehmer von sich selbst zu reden.

342
Fast alle Teilnehmer werden als emotional unstabile Menschen dargestellt, die
sich von Ruhmsucht leiten lassen. Die Interviewten sind natürlich selbst nicht
ruhmsüchtig, weisen Emotionen nicht zurück, suchen keine Abenteuer und sind
selber durchaus stabil. Derartig vollkommene Wesen gibt es nicht, und die
logische Folgerung dürfte sein, daß mehrere ihrer Antworten einfach nicht
stimmen.
Das heißt aufgrund der Konventionen, nach denen alles normal ist, was einen
selbst betrifft: Das eigene Gemütsleben ist stabil, ernst, unerschütterlich; es
braucht nicht mittels eines Floßes ergründet zu werden. Man liebt den Teilneh-
mer, aber man versteht seinen Beweggrund nicht, warum er etwas so «Unnor-
males» tut.
Es ist hochinteressant und aufschlußreich, daß sich die Eltern der Teilneh-
mer einstimmig nur wegen der physischen Risiken Sorgen machen. Dabei
müßten sie doch vor allem die angebliche «seelische Labilität» fürchten. A n d -
rerseits zeigt diese Einstellung, wie wenig das Experiment an sich verstanden
wird. Für die Eltern und Freunde handelt es sich um ein Abenteuer ohne wis-
senschaftlichen Ernst, das einen gewissen Ruhm und vielleicht finanzielle Vor-
teile einbringen kann. Vielleicht geht dabei ein A r m oder ein Bein verloren. Sie
haben keine Ahnung von dem tief menschlichen Wesen des Experiments. In
der totalen Isolierung und daß daraus unterwegs unvorhergesehene Probleme
entstehen könnten, darin sah keiner der Interviewten eine Schwierigkeit.
Wieder einmal ist auch hier der unselige Einfluß der Massenmedien festzu-
stellen. Sogar die nächsten Angehörigen, die doch wissen mußten, worum es in
Wirklichkeit ging, ließen sich von den abgedroschenen Parolen anstecken, daß
die Problematik mit der kommerziellen Rentabilität der «Sensation» zusam-
menhinge.
Die alles durchdringende falsche oder verdrehte Information paarte sich aller-
dings auch mit der zunächst vorhandenen Unwissenheit der Teilnehmer selbst,
so daß ihre Erklärungen den Freunden und Eltern gegenüber Mißverständnisse
produzierten.
Genau da sitzt das Problem: das Kind (oder Freund) und das Fremde, der eine
inmitten des Experiments, der andere außerhalb, der Taube und der Hörende.
Es fehlt eine Zwischenzone. Diese Zone der Identifizierung gibt es beim Fuß-
ballspiel zwischen Spieler und Zuschauer, auf der Bühne zwischen Darsteller
und Zuschauer. Es fehlt die Humanisierung und Erweiterung dieser Kommuni-
kationszone, die Identifizierung und Verständnis erlaubt. Wie weit sind w i r
davon entfernt, so verständnisvoll zu sein, wie wir glauben!

343
Frühhistorische transatlantische Verbindungen

Es ist so gut wie erwiesen, daß die Wiege des Menschen nicht in Amerika ge-
standen hat. Er hat diesen Erdteil erst als homo sapiens über die Beringstraße
erreicht, und zwar vor ungefähr 35 000 Jahren.
Über seine weitere kulturelle Entwicklung streiten sich die Gelehrten. Die
einen behaupten, außer einigen möglichen Vorstößen der Wikinger - die nichts
zu den amerikanischen Zivilisationen beigetragen haben - sei Amerika bis zur
Ankunft von Christoph Columbus im Jahr 1492 isoliert geblieben. Die andern
nehmen an, es hätten zwischen den großen Zivilisationen des Mittelmeerraums
(Phönizier, Ägypter, Mesopotamier) und Amerika Verbindungen bestanden.
Über die frühhistorischen Verbindungen mit Amerika sind viele Bücher ge-
schrieben und viele Symposien abgehalten worden, ohne daß man eine gültige
Lösung gefunden hätte.
Die beiden Ra-Expeditionen (1969 und 1970) sollten beweisen, daß es
möglich gewesen sein kann, auf primitiven Flößen transatlantische Verbin-
dungen herzustellen.
Acali verfolgte nicht unbedingt ethnologisch-historische Zwecke. Sie war
ja auch ein modernes Floß ohne spitzen Bug. Weil das Projekt an sich es erfor-
derte, ließen w i r uns bei der Landung in Barbados, bei der Durchfahrt zwischen
den Serrana- und Serranilla-Bänken und bei der Landung in Cozumel helfen.
Es wäre sinnlos gewesen, unser Leben aufs Spiel zu setzen, um noch einmal zu
beweisen, daß man den Atlantischen Ozean und die Karibische See schon in
grauer Vorzeit hätte überqueren können. Ohne dieser ethnologisch-histo-
rischen Frage im Rahmen unserer Studie Bedeutung zuzumessen, scheint das
Acali-Experiment aber doch einen neuen Beitrag zum Beweis einer möglichen
frühhistorischen transatlantischen Überquerung geleistet zu haben.

344
Vierter Teil
Schluß-
folgerungen
Noch einige Kommentare

Vielleicht ist die größte Erfindung des Menschen der Bogen - und daß er es ge-
wagt hat, mit ihm auf ein Ziel zu schießen.
Thor Heyerdahl wagte sich 1969 an die Überquerung des Atlantischen
Ozeans. Ich begleitete i h n ; wir wußten alle, daß es uns dabei an den Kragen
gehen konnte. Als das Floß dem Untergang nahe war, schwor ich mir, mich
nie mehr auf so etwas einzulassen, wenn ich mit dem Leben davonkäme.
Es war ein falscher Schwur: Auch auf der Ra II fuhr ich mit. Es wurde ein
Erfolg; ich schrieb ein anthropologisches Buch darüber. Ich studierte auf dieser
Fahrt nur gewisse Aspekte der Verhaltensweise. Bei Acali ist es anders. Acali
wurde ja zu dem Zweck ins Leben gerufen, um die Themen, die uns interessier-
ten, zu beobachten und zu erforschen und möglichst eine Synthese zu erar-
beiten über Konflikte, Reibungen, Gewalttätigkeiten, die sich aus menschlichen
Beziehungen ergeben. Daß unsere Ankunft in Cozumel erneut mit der Frage
einer vorkolumbianischen Ozeanüberquerung in Zusammenhang gebracht
wurde, interessierte mich persönlich nicht.
Nach zweimonatigem Leben an Bord der Acali stellte ich die Frage: «Was
wäre geschehen, wenn Santiago einige Tage nach der Abfahrt ins Wasser gefal-
len oder sonstwie umgekommen wäre?» Als wir darüber diskutierten, sagte A n -
tonio: «Ich glaube, wenn wir Santiago ins Wasser geworfen hätten . . . » lautes
Gelächter über diese Freudsche Fehlleistung. Ich kenne Antonio schon seit Jah-
ren, wir schätzen uns gegenseitig, aber an Land, unter normalen Umständen
hegt man ganz andere Gefühle als auf dem Wasser, wo einem Übermüdung,
Angst und Schlaflosigkeit zusetzen.
Dieses Beispiel zeigt, was wir mit dem Unternehmen Acali bezweckten. Men-
schen, Beziehungen, die Meinungen, die sie voneinander haben, sollten prak-
tisch erforscht werden, was auch passieren mochte.
Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften scheinen sich leider auf
zwei verschiedenen Planeten zu entwickeln. Damit gehen w i r geradewegs auf
ein Chaos zu: Der Mensch ist nichts ohne seine Kultur und ohne die Technik,
die ihm erlauben sollte, die Kultur gefahrlos zu vervollkommnen und zu erwei-
tern. Viele Intellektuelle, die sich den Geisteswissenschaften widmen, sind ge-
gen technischen Fortschritt - mitunter berechtigt -, und diejenigen, die sich mit
der Technologie befassen, sehen in den Geisteswissenschaftlern bizarre Wesen,

347
die in naher Zukunft verschwinden sollten, weil sie sich nur mit unnützen
Dingen beschäftigen.
Viele Geisteswissenschaftler glauben, naturwissenschaftliche Forscher könn-
ten nur auf dem Gebiet der Technologie nützlich sein. Das führt dazu, daß wir
die Medizin lediglich im Zusammenhang mit Krankheiten sehen, die Chemie
mit ihrer industriellen Auswertung; die Genetik geht uns bloß etwas an, wenn
das eigene Kind an einer angeborenen Mißbildung l e i d e t . . .
Im allgemeinen sind viele Geisteswissenschaftler der Ansicht, daß die Ver-
tiefung in einen abstrakten Gedankengang fast ausschließlich ihre Domäne
sei. Wer sich für Amine, Protonen, Salze und Reaktoren interessiert, «denkt
nicht».
Die Fehler, die uns unsere Subjektivität machen läßt, lassen sich durch lebens-
nahe Erkenntnisse hundertfach ausgleichen. Beide Bereiche müssen erlebt wer-
den, damit man imstande ist, sie zu verstehen und so eine Synthese zu erar-
beiten. Man muß mit den andern leben, nicht nur mit dem, was sie realisieren
werden und was uns nützlich sein kann.
W i r sind in der Karibischen See, und wir werden bald in Yukatan landen,
vorausgesetzt, Brenda läßt uns am Leben. Antonio ist nervös und übel dran;
dennoch überwindet er energisch seine Angst, indem er redet und arbeitet. Te-
resa, einem Nervenzusammenbruch nahe, singt vor sich hin oder weint und
übergibt sich, während sie arbeitet. Emiliano hat beschlossen, aus sich heraus-
zugehen und sich anzupassen - mit Erfolg. Ebenso Aischa. Komico leidet an
mangelnder Verständigung und unter starker Frustration: Er ist der Stärkste
und der Verliebteste, und keine Frau nimmt seinen Zustand ernst. Für Sofia
ist das Experiment bereichernd gewesen, allerdings hat ihr unsere ausschließ-
liche Freundschaft Probleme mit den andern eingetragen. Esperanza genießt
das Leben an Bord und erwartet den Erfolg. Ingrid schwankt nervös zwischen
der Frustration und ihrer Ungeduld, das gelungene Ende des Experiments zu
erleben; sie trinkt gern ein wenig (jedoch nie im Übermaß), um ihre Kümmer-
nisse zu erleichtern, und sie denkt an Knut. Marcos hat mehr erwartet, jedoch
viele Notizen gemacht. Ana kämpft gegen ihre Freundschaft für mich und ge-
gen das unüberwindliche Bedürfnis, von einem Menschen fest bei der Hand
genommen zu werden. Ich selbst bin zufrieden, und ich wünschte, die Reise
dauerte noch drei Monate. W i r waren inzwischen klüger geworden und könn-
ten ernsten Schwierigkeiten trotzen.
W i r waren zwar erschöpft, aber gestärkt durch die Vorfreude auf eine gute
Landung. Dennoch zeigten sich einige traurig und beunruhigt. Die einen waren
furchtsam, vorübergehend enttäuscht oder aufgeregt, die andern glücklich.
Acali w i r d allen, die das Experiment erlebt haben, teuer bleiben. W i r sind
überzeugt, daß wir etwas zur Kenntnis der menschlichen Beziehungen beigetra-

348
gen haben. In der englischen Zeitschrift Science Journal, die 1970 einen Bericht
über das Symposium Die Wissenschaft für die Menschheit brachte, stand über
die Arbeitsgruppe «Gefahren und Verheißungen der Wissenschaft»: «Wenn
die Wissenschaftler versuchten, ihr Tun zu rechtfertigen, gingen sie unglaub-
lich ungeschickt vor. Sie haspelten dann nur eine Litanei von konfusen Kon-
zepten und Fachausdrücken ab, wie man sie noch nie aus dem Munde von Ge-
lehrten gehört hatte. Die Wissenschaft muß ihre Perspektiven neu ausrichten.
Sie darf sich nicht mit herkömmlichen und hochtrabenden Vorträgen begnügen,
die bestenfalls nichts mit dem anvisierten Problem zu tun haben und schlimm-
stenfalls nichts anderes als irrational, trügerisch und lügenhaft sind.» An die-
sem Symposium hatten mehrere Nobelpreisträger teilgenommen.
Jährlich werden schätzungsweise eine M i l l i o n fachwissenschaftliche Artikel
geschrieben und in etwa 85 000 Fachzeitschriften veröffentlicht. Angenommen,
jeweils zwei Prozent davon betreffen dieses oder jenes Gebiet, so müßten die
betreffenden Fachleute jährlich 20000 Arbeiten zur Kenntnis nehmen, also
täglich, auch sonn- und feiertags, 60 Artikel lesen. Die Produktion wächst mit
jedem Jahr. Es ist nicht anzunehmen, daß die geistige Kapazität des Menschen
im gleichen Verhältnis zunehmen w i r d . Befleißigen wir uns also einer größeren
Ökonomie und Bescheidenheit, sonst gehen wir wohl oder übel dem entgegen,
was man als «Unwissenheitsexplosion» bezeichnen könnte.
Die wissenschaftliche Forschung muß heute einen Sinn für die Bedürfnisse
der Gesellschaft entwickeln, und die Technologie sollte so ausgerichtet wer-
den, daß die technischen Ergebnisse Bestandteil des wissenschaftlichen Denkens
werden.
Eine Konzentrierung der Naturwissenschaften würde den Geisteswissen-
schaften zugute kommen. An zahlreichen Universitäten wimmelt es von Na-
turwissenschaftlern, deren jeder auf seinem kleinen Gebiet einen kleinen Bei-
trag leistet, ohne die Wirklichkeit zu übersehen. Die Wissenschaft nährt sich
vom Leben des Wissenschaftlers, nicht nur von mehr oder weniger abstrakter
Experimentation. Das ließ Einstein über die Relativitätstheorie sagen, er sei
nicht auf dem Wege der Logik zur Entdeckung ihrer Gesetze gekommen, son-
dern «nur auf dem Weg der Intuition». Um zur Fülle des Lebens, zur Fülle des
Wissens zu gelangen - wohlgemerkt, ich stelle kein Wertsystem auf -, muß
man sich den gegebenen Umständen, auch den heterogensten, eingliedern; sie
stimmen mit dem Gesamtplan und dem Stand der Forschungen, denen wir uns
widmen, überein.
Wie aber biologische und anthropologische Aspekte der Phänomene und
Situationen, die zu Gewalttätigkeit, Aggression und Krieg führen, erforschen,
ohne an einem lebendigen und echten Experiment über die menschliche Ver-
haltensweise - wie es Acali war - teilzunehmen? Ebensowenig können biologi-

349
sehe Forschungen von einem hohen Gipfel der Anden aus betrieben werden.
Dennoch arbeitet die Wissenschaft aus Nachlässigkeit, Opportunismus, Träg-
heit, mangelnder Vorstellungskraft oder fehlender Gelegenheit oft so.
Für den Wissenschaftler, der ein so reales Experiment wie Acali macht, er-
gibt sich als erstes ein interessantes Phänomen: Er setzt sich der Kritik vieler
Kollegen aus. Ihnen haben die jahrelang betretenen und ausgetretenen Wege
etablierter Forschung einen Stempel aufgedrückt, der das Verständnis für eine
neue Methodologie oder andere Vorstellungen blockiert.
Ein hervorragender Gelehrter sagte mir einmal: «Bücherwürmer sind nur
damit beschäftigt, in unseren Arbeiten den einzigen Rechtschreibfehler zu
entdecken, und bestimmt spüren sie ein vergessenes Komma oder einen Druck-
fehler auf. Sie glauben an nichts. Sie machen sich weder das Wertvolle noch das
Originelle klar. Minderwertige Bürokraten, die das Wort Wissenschaft immer
nur für das gelten lassen, was in ihren Augen wissenschaftlich ist; dazu hat sie
ihre Ohnmacht angesichts der wahren Forschung gebracht. Sterile Lebensart.
Sie erfinden trockene Einwände gegen reale und lebendige Forschung und w i r -
beln nur Staub auf. Polemiker, die sich in haarspalterischen Diskussionen erge-
hen und unablässig offene Türen einrennen. Sie züchten ebenso frustrierte
Schulmeister.»
Während der monatelangen Vorbereitungen war zu beobachten, daß Wis-
senschaftler und Forscher, besonders die Geisteswissenschaftler, an konformi-
stischen Begriffen festhielten, die sich mit wissenschaftlicher Forschung kaum
vereinbaren lassen. «Männer und Frauen?» - «Ein Floß?» - «Atlantischer
Ozean und Karibische See?» - «Nein, das ist nicht möglich.» Und so weiter. Als
ob wir eine hermaphroditische Spezies wären, nicht Männer und Frauen, als
ob das Problem der Menschen - trotz allem, was darüber geschrieben und ge-
sagt worden ist - nicht zuallererst das der Verständigung auf dem Floß Erde
wäre.
Ebenso auffallend war es, wie viele Wissenschaftler sich ein Monopol des
Wissens anmaßten. Als ob es kein außerwissenschaftliches Wissen gäbe. Wie
viele Ethiker immer noch an dem Wunsch festhalten, «exakte» Wissenschaftler
zu sein, und möglichst die Naturwissenschaftler nachahmen, um ihre Ergebnisse
und ihre Objektivität zu rechtfertigen. Sie vergessen, daß Objektivität letzten
Endes eine Erfindung des Menschen ist und daß wir, um das menschliche Ver-
halten zu verstehen, weder die Forschung noch die Analyse entmenschlichen
dürfen.
W i r konnten die zwischenmenschlichen Beziehungen, die die Probleme der
Reibung und der Gewalttätigkeit betreffen, im Hinblick auf Rasse, Familie,
Kommune, Sexualität, Religion, Autorität, Rollenspiel, wortlose Verständi-
gung, Gruppenbildung von innen heraus erforschen. Das war möglich dank der

350
Zusammenarbeit aller Beteiligten und dank der Hilfe zahlreicher Berater und
Organisationen.
In diesem Programm brachten nur die gruppendynamischen Sitzungen in
Cozumel nicht die erwarteten Ergebnisse.
In bezug auf die Humanbiologie haben w i r keine eindeutigen biologischen
Ursachen für die Reibereien und Konflikte auf dem Floß entdecken können. Es
gab auch keine Anhaltspunkte, die beweisen, daß biologische Fehlsteuerungen
bei den Beteiligten Aggressivität bewirkt hätte. Die Gründe sozialer und
kultureller Natur.
W i r bemühten uns bei allem und jedem um Synthese und Systematik. Es darf
dabei nicht vergessen werden, daß Acali ein neuartiges Experiment darstellt,
dessen Wert vielleicht darin besteht, daß es die notwendigen Richtpunkte für
neue Forschungen über die menschliche Verhaltensweise abgesteckt hat.
Tierversuche haben bewiesen, daß die Umgruppierung einer Zahl von Ein-
zelwesen in einen beschränkten Raum Veränderungen der endokrinen Funktio-
nen und des Verhaltens bewirkt. Bei derartigen Versuchen - meistens mit Rat-
ten - ist es fast peinlich anzusehen, daß sich die Tiere dann genauso verhalten
wie wir in einer ähnlichen Lage: Sie werden ebenso aggressiv und gewalttätig.
Wie der Biologe Dubos sagt, scheint das Leben, das w i r in einer hochtechnisier-
ten Umwelt führen, zu beweisen, daß der Mensch sich allem anpassen kann,
einem Himmel ohne Sterne, Straßen ohne Bäume, Gebäuden mit trostlos lang-
weiligen Formen, freudlosen Festen, reizlosen Vergnügungen, Freunden, die
keine sind, kurz, einem lieblosen Leben. Wenn es wahr ist, daß der Mensch in
einer ganz und gar künstlichen Umwelt leben und sich fortpflanzen kann, ist
es auch durchaus möglich, daß die Loslösung von der Natur ihn seiner wichtig-
sten biologischen Eigentümlichkeiten beraubt, ebenso seiner ethischen und
ästhetischen Bestrebungen. Man muß sich fragen, ob der Mensch sich seine
körperliche und geistige Gesundheit bewahren kann, wenn er den Kontakt
mit den Naturgewalten verliert, die seine biologische und seelische Natur ge-
formt haben. Noch gehört der Mensch der Erde, und wie der Riese Antäos der
griechischen Sage w i r d er seine Kraft verlieren, wenn die Füße nicht mehr
Mutter Erde berühren.
Ich glaube, was uns auf der Acali rettete, das war diese direkte und fortwäh-
rende Berührung mit einer Naturgewalt, dem Meer, dem sich W i n d , Wellen
und Fische hinzugesellten. In jedem anderen engen Raum hätten wir uns viel-
leicht wie die Versuchsratten verhalten.

351
Konkrete Ergebnisse

Das Material, das w i r im Verlaufe des Unternehmens zusammengetragen ha-


ben, wurde bereits aufgezählt. Es sei hier nochmals an die zahlenmäßige Ver-
teilung der Antworten auf den Fragebögen erinnert, aus denen sich die folgen-
den konkreten Beobachtungen ergeben:

Zwischenmenschliche Beziehungen 5819


Sexualität 858
Träume 132
Reiseerfahrung 396
Reibungen, Aggression und Gewalttätigkeit 363
Sprachen 33
Führer/Führerschaft 418
Familie 55
Moral und Religion 55

A u f Grund der Analyse dieser Daten ergeben sich die folgenden Hypothesen
und Folgerungen:
1. Die kümmerliche sexuelle Erziehung, die das Los der letzten Generationen
war, hat selbst in wissenschaftlichen Kreisen bewirkt, daß das Projekt nur un-
ter dem sexuellen Aspekt betrachtet wurde.
2. 80 Prozent der Fragen, die mir nach meiner Rückkehr von «ernsten» Leu-
ten gestellt wurden, betrafen die Sexualität.
Von außen, das heißt nicht im Streßzustand, stellt man sich die Problematik
des Unternehmens Acali im Zusammenhang mit der Sexualität vor. Es handelt
sich dabei nicht um «unsere Natur» oder um irgendeine Erklärung des Freud-
schen Begriffs «angeboren», sondern um die allgemeine schlechte sexuelle Er-
ziehung und den Einfluß der vielen Tabus, an die wir uns auf der Acali nicht zu
halten gedachten.
Allein das Studium dieses Aspekts ist ein wichtiger Beitrag zur Erforschung
des sexuellen Verhaltens, der Familienplanung, der demographischen Politik
usw.
3. Während der Vorbereitungen und am Ende der Überfahrt konnte ich mich
überzeugen, daß ein guter Teil der wissenschaftlichen Forschungen heute zu den
kommerzialisiertesten Betätigungen gehört. Unter dem Deckmantel von «Prin-
zipien», «Ethik», «Altruismus» usw. sucht der Gelehrte - von hochstehenden
Ausnahmen abgesehen - den Gewinn wie der erstbeste Kaufmann. Aber wäh-
rend der Kaufmann zugibt, daß er um des Geldes willen herstellt und verkauft,
verschanzt sich der Mann der «Wissenschaft» hinter seinem weißen Kittel.

352
Das zeigt sich besonders bei den Geisteswissenschaften (Soziologie, Psycho-
logie, Sozialanthropologie, Psychiatrie).
4. Der aktuelle diagnostische Wert dieser Geisteswissenschaften ist äußerst
gering. Ihre Kriterien der Normalität beruhen auf Prämissen oder auf überhol-
ten Gegebenheiten, deren Anwendung auf den Mann und die Frau von heute
in Frage gestellt werden kann.
5. Die Reibungen, die sich auf der Acali ergaben, waren immer menschlichen
Ursprungs und leiteten sich von drei grundlegenden Ursachen her:
a) Konflikte mit sich selbst;
b) Zwischenmenschliche Konflikte;
c) Konflikte mit dem Führer (Machtstreben).
6. Manche Soziologen haben zwar mehrere Konflikte den verschiedenen Rol-
len zugeschoben, die jeder an Bord, vor allem der Führer, spielen müsse; aber
es hat sich herausgestellt, daß dies für Streßsituationen nicht zutrifft. Jeder
ist dann er selbst. Man nimmt nicht mehr die Rolle des Vaters, Sohnes, Gelieb-
ten, Bruders, Führers, Seefahrers usw. an. Man ist Vater, Sohn, Geliebter usw.
Im Leben im allgemeinen und in der Politik im besonderen, wo sich die
Kriecherei dem Machthaber gegenüber ausdrückt, kommt es zu Reibungen, weil
man zu Recht oder Unrecht glaubt, eine den Umständen gemäße Rolle spielen
zu müssen. Hingegen ist es in problematischen Situationen, manchmal sogar
auch in der Politik, nicht möglich, nur eine Rolle zu spielen: Man muß sie leben.
Die Verwirrung zwischen diesen beiden Zuständen, ob sie nun zum Aus-
druck kamen oder nicht, bildete ein sehr wichtiges Element bei der Entstehung
von Reibungen und Konflikten. An Land zeigt sich dieser Dualismus meistens
nicht offen.
7. Die sexuelle Intimität beeinflußte die anderen zwischenmenschlichen Be-
ziehungen nicht merkbar. An Land dürfte es sich ebenso verhalten, nur ver-
steckt. A u f der Acali war es unmöglich, irgend etwas zu verstecken: Man sah
alles.
8. Aus Kontakten, Reibungen, Freundschaften und Intimitäten entstand
eine Familie, die bisher bei keinem von uns die vorherigen familiären Beziehun-
gen verändert hat.
9. In Anbetracht der Tatsache, daß es mehreren Teilnehmern an entsprechen-
der Initiative oder an eigentlichem Interesse für das Experiment fehlte, hätte
sich eine richtige Demokratie auf dem Floß verheerend ausgewirkt. Ungefähr
die Hälfte «erlebte» das Floß; die anderen handelten trotz dauerndem Streß,
Gefahr usw. aus persönlichen Beweggründen und Erwartungen, die sie sich
von dem Unternehmen erhofften. Diese Haltung kam bei Reibungen ans Tages-
licht.
10. Die Schwierigkeiten, Differenzen und Fähigkeiten gleich welchen Grades

353
hatten nichts mit dem rassischen Ursprung der Teilnehmer - ob Weißer, Far-
biger, Araber oder Jude - zu tun.
11. Angesichts der Größe und Einsamkeit des Meeres neigten die einzelnen
zu philosophischen, poetischen und religiösen Betrachtungen, entfalteten stär-
kere Anpassungsfähigkeit und zeigten ein besseres Verhalten.
12. Jeder gewöhnte sich sehr schnell daran, seine Notdurft vor aller Augen
zu verrichten; das bildete ein Element echten Zusammenhaltens.
13. Die Meeresverschmutzung in Form verschieden großer Ölagglomerate ist
erschreckend, besonders in der Karibischen See.
14. Drei Tage vor der Landung waren sich alle Teilnehmer darin einig, daß
sie auf der Acali die wichtigsten Stunden ihres Lebens verbracht hatten. Dies
trotz eines Selbstmordversuchs, mörderischer Gedanken, häufigen Weinkrämp-
fen und zahlreichen Nervenkrisen.
15. Die wichtigen und spektakulären früheren Studien über die Verhaltens-
weise der Tiere (Lorenz, von Frisch, Tinbergen usw.) können auf die zwischen-
menschlichen Beziehungen nicht angewendet werden: W i r sind andere Ge-
schöpfe.
16. Die wichtigen Studien über die Massenmedien (Skinner) können im H i n -
blick auf ein besseres Verständnis der zwischenmenschlichen Beziehungen und
Motivationen nicht mehr angewendet werden.
17. Wortlose Verständigung spielt eine sehr große Rolle: Das Wort täuscht,
Handlungsweise oder Haltung viel weniger. Dieses Ergebnis scheint mir für
praktische Studien an Land von höchster Bedeutung zu sein.
18. Obwohl man auf dem Floß dauernd unter Streß und Spannung stand,
wurde beim Ausfüllen der Fragebögen gelogen, wenn es sich um ganz persön-
liche Fragen handelte. Wenn das auf der Acali so war, wie muß es da erst an
Land sein!
19. Ungeschminkt zeigte sich die Persönlichkeit eines jeden vor aller Augen,
und man konnte die grundlegende Widersprüchlichkeit bemerken, die jedem
Menschen innewohnt. Sie ist wohl durch die Gewißheit motiviert, daß man un-
weigerlich dem Tode zugeht. M i t dem Vorhandensein dieser Widersprüchlich-
keit sollte man immer rechnen.
20. Die Reibungen an Bord ließen sich nie mit einem Aggressionstrieb, mit
der Rassenzugehörigkeit oder der biologischen Veranlagung in Verbindung
bringen; sie hingen vom Charakter, von der Erziehung und von nationalen
Traditionen ab.
21. Es besteht eine gewisse Parallele zwischen der «Familie Acali», Klöstern,
Kommunen und der richtigen Familie, allerdings mit vielfachen Abwandlungen.
Zweifellos ist keine Institution, die Familie eingeschlossen, unveränderlich. In
dieser Hinsicht lieferte Acali genaue Indikationen.

354
22. Im Gegensatz zu den Hypothesen einiger Forscher führt Zusammenbal-
lung nicht unbedingt zu Konfliktlagen, wenn man mit der Natur verbunden ist.
Das ist ein wichtiger Punkt im Hinblick auf die Probleme der Urbanisation.
23. In kritischer Lage entwickeln sich die persönlichen Beziehungen nicht
parallel zu den sexuellen Beziehungen.
24. Scheinbar geringfügige Dinge - Schlafplatz in der Kabine, relativer Kom-
fort usw. - hatten je nach dem menschlichen, wissenschaftlichen, seefahreri-
schen Wert, den der einzelne der Expedition beimaß, erhebliche Bedeutung.
25. Die Tatsache, daß wir an dem Bild festhalten wollten, das wir uns von un-
serer Tätigkeit an Land und von uns selbst machten, führte zu Reibungen, so-
gar in gefährlichen Situationen.
26. Da die üblichen Wertmaßstäbe für Kenntnisse, gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Status auf dem Floß nicht galten, kam es zu Frustrationen, die
in Konflikten mit andern zutage traten.
27. Auch die ziemlich irrige Vorstellung von echter Demokratie rief Reibun-
gen und Konflikte hervor. Die Meinung, die man sich von einem andern bildet,
sollte sich auf dessen Fähigkeiten und seine Arbeit stützen, nicht auf das, was
man von ihm denkt, und das, was er «wert» ist.
28. Die nützliche und gültige Methode der Naturwissenschaften, alles zu
quantifizieren, sollte beim Studium der grundlegend qualitativen Phänomene
der zwischenmenschlichen Beziehungen nicht angewendet werden, da sie sich
im allgemeinen nicht messen lassen. Das zeigt sich klar, wenn man sich im
Innern des Phänomens befindet und das Experiment selbst erlebt. Was dabei
an Objektivität - die ohnehin fraglich ist - verlorengeht, das gewinnt man an
authentischer Kenntnis, mag sie auch nicht sofort in den Rahmen der wissen-
schaftlichen Methode passen.
Anders gesagt: So objektiv wir auch zu sein versuchen, Wissenschaft ist not-
gedrungen nur die Ausdeutung, die der Mensch verschiedenerlei Beobachtungen
gibt. Bei gleichen Gegebenheiten kommen wir oft zu diametral entgegengesetz-
ten Ausdeutungen. Bei der Erforschung der menschlichen Verhaltensweise, der
Entstehung von Reibungen, Konflikten und Gewalttätigkeiten ist es unerläß-
lich, die Aspekte und Phänomene der Angst, des Altruismus, der Unfähigkeit,
der Duplizität, des Heldentums, der Verlogenheit, der Labilität, der Freund-
schaft, Feindschaft usw., die das Verhalten bestimmen, in ihrem ganzen Gewicht
zu fühlen.
29. In Anbetracht der eingeengten Raumverhältnisse, der Tatsache, daß es
keine Fluchtmöglichkeit gab, und eines gewissen Spannungs- und Angstzustan-
des kann man die 101 Tage der Isolierung bei jedem Teilnehmer in mancher
Hinsicht mit 12 bis 15 «normalen» Lebensjahren vergleichen.
30. Zu einem guten Teil dieser Schlußfolgerungen ist man schon auf Grund

355
indirekter Experimente mehr oder weniger hypothetisch gelangt. Acali liefert
sie als Ausgangspunkt für praktisches und klareres Experimentieren.

Schlußwort

«Wann findet die nächste Expedition statt?»


Diese immer wieder gestellte Frage enthüllt das Bedürfnis, durch andere zu
leben, ohne selbst etwas zu wagen. Sie enthält auch, wovon jeder in seiner Ju-
gend geträumt hat und was er nun zu seinem Leidwesen versäumt zu haben
glaubt: das Abenteuer. Gemeint ist das große Abenteuer im Gegensatz zu den
weniger bedeutungsvollen Abenteuern, die uns alle irgendwann einmal reizen.
Häufig wurde ich gefragt, ob der hauptsächliche Beweggrund für die Teil-
nahme an dem Unternehmen nicht dem Wunsch entsprungen sei, der üblichen
Umgebung zu entfliehen: einem Land, dem Alltagsleben, der Familie, sich
selbst. Hier muß ein wesentlicher Punkt klargestellt werden. W i r verbringen
unser ganzes Leben, ob unbewußt oder nicht, auf der Flucht. Glücklicherweise.
In der Umgangssprache hat «Flucht» oder «fliehen» negative oder geringschät-
zige Bedeutung. Aber schon vor Jahren hat mich der Dichter Emilio Prados ge-
lehrt, daß die Flucht in Wirklichkeit die Lebensweise des Menschen ist. Selbst
wenn wir aus Konvention das Gegenteil annehmen, wissen w i r doch in der Tiefe
des Ichs, daß w i r der Natur und unserer Umwelt unmöglich die nackte Brust
bieten können. Das wäre reine Dummheit: Die Stürme, die uns schütteln, sind
noch hundertmal stärker als die mächtigsten Wellen, die ich auf meinen drei
transatlantischen Überfahrten erlebt habe.
Diese Flucht vor dem Zusammenstoß mit der Welt, in der w i r leben, und un-
serem sozialen Milieu bildet die Wahrheit, den zentralen Punkt eines jeden
Menschen.
Es ist so leicht, wenn alle die Faust schütteln oder die Hand zum faschisti-
schen, marxistischen oder militärischen Gruß erheben, ebenfalls den A r m zu
strecken oder einen Schritt vorwärts zu machen, wohlgeschützt hinter der Ano-
nymität, in der Masse. Was jedoch schwer ist, was uns das individuelle Gesicht
in der Masse verleiht, das ist das Maß des eigenen Ichs, die individuelle Form
der Flucht.
Fliehen darf nicht mit sich verstecken verwechselt werden. Wer sich versteckt,
der lehnt in den meisten Fällen die Aktivität ab. Der Fliehende dagegen kann
außerordentliche Aktivität entfalten, eine ureigene, echte Aktivität. Ein Einzel-
mensch unternahm es, seiner Umwelt die Stirn zu bieten. Er verwandelte das
Antlitz der Erde, aber er starb am Kreuz.
Dank der Wissenschaft und der industriellen Umwälzung sind wir an dem

356
Punkt angelangt, wo wir jetzt stehen. Dieser Aufschwung führt uns leider zu
weltweiten Konflikten, die die Auslöschung unseres Planeten bedeuten können.
Nur die Mythen, die Kunst, die Poesie, der Traum oder die großen Tollheiten
werden uns vor dem wissenschaftlichen Determinismus retten, vor allem vor
der sinnlosen Umwälzung durch die Maschinen, die uns all ihren Erfolgen zum
Trotz mit jedem Tage mehr vom wirklich Menschlichen, vom wahren Wesen
des Menschen entfernt.
Aber neben Naturwissenschaft und Anthropologie gibt es das Leben eines
jeden. Ein Experiment wie das Unternehmen Acali erlaubt es, die Probleme der
individuellen Identität und der Freiheit zu überdenken. Trotz der großen Risi-
ken ist ein solches Experiment vielleicht weniger gefährlich, als der Gefangene
von äußeren Umständen zu sein - und wäre es auch nur vier Monate lang -,
die uns weder leben noch sterben lassen, uns automatisieren und immer mehr
entmenschlichen.
Allgemeine Beurteilung der Teilnehmer

Psychologen Psychiater Graphologen Gesamtbild Marcos Genoves Alle


Aischa normale Intelligenz hinlänglich intelligent intelligent trübes Bild durchschnittliche durchschnittliche intelligent
infantil oberflächlich unreif wenig tüchtig Intelligenz Intelligenz ausgeglichen
aggressiv positiv in Streßsituation seelisches Trauma aus narzißtisch sensibel schwach
schwach der Kindheit wenig arbeitsam schwach konventionell
Suizidneigung konventionell und aus- egoistisch
geglichen
Santiago hohe Intelligenz hohe Intelligenz gutes intellektuelles gute zwischenmensch- Führernatur sehr intelligent
infantil empfindlich Niveau liche Beziehungen ängstlich begabt und tüchtig
aggressiv ängstlich rasches und originelles positives Bild fleißig starke Persönlichkeit
Denken markante und sympa-
leer falsche Höflichkeit selbstsicher geduldige und humane
Gerechtigkeitsgefühl thische Persönlichkeit
narzißtisch Paranoiker Autorität
tolerant guter Organisator
Suizidneigung narzißtisch verwegen
idealistisch tüchtig
mutig
Sofia hohe Intelligenz intelligent positive Intelligenz positives Bild unreif hinlänglich intelligent intelligent
spottet über Autorität keine sexuellen verdrängt ihre Weib- gute Organisatorin depressiv tüchtig begabt und tüchtig
aggressiv Schwierigkeiten lichkeit tüchtig fleißig starker Charakter starker Charakter
exhibitionistisch rezeptiv-passiv seelisches Gleichgewicht gute zwischenmensch- arbeitsam ungeduldig
egozentrisch phantasievoll im Grunde masochi- liche Beziehungen ungeduldig aggressiv
stisch
Suizidneigung aktiv intolerant
opportunistisch
Emiliano durchschnittliche idealistischer Moralist praktische Intelligenz negatives Bild verschwiegen durchschnittliche intelligent
Intelligenz heldenhaft unreif bei Streß keine Selbst- ängstlich Intelligenz aufrichtig
aggressiv keine sexuelle Bezie- aufrichtig beherrschung fleißig vertrauenswürdig vertrauenswürdig
frauenfeindlich hung passive Sexualität wenig tüchtig aufrichtig schüchtern
verdrängte Sexualität Verführungsdrang anpassungsfähig anpassungsfähig
seelisch labil charakterschwach
narzißtisch
Ana hohe Intelligenz durchschnittliche gutes geistiges Niveau trübes Bild schweigsam sehr intelligent hinlänglich intelligent
intellektueller Ehrgeiz Intelligenz Gefühlsprobleme schlechte unsicher unordentlich fleißig
nachtragend und niedriges soziales und infantiles «Ich» zwischenmenschliche depressiv starker und wider- tüchtig
unsicher kulturelles Niveau Beziehungen sprüchlicher Charakter
latent gewalttätig fleißig verschlossen
aggressiv, kann heftig verschlossen introvertiert und sanft
Suizidneigung unordentlich
werden oberflächlich kann ausnützen, aber
neurotische Ängste introvertiert
Suizidneigung Suizidneigung beherrscht sich
Machtstreben

Antonio unterdurchschnittliche erweckt positive niedriges kulturelles negatives Bild seelisch labil wenig intelligent wenig intelligent
Intelligenz Gefühle Niveau gefährlich für die egozentrisch großzügig schwatzhaft
Manipulator aggressiv Bedürfnis, zu gefallen andern unsicher, nicht angepaßt Manipulator fleißig
aggressiv lenksam narzißtisch vermessen fleißig Schwätzer Manipulator
kann gewalttätig Suizidneigung depressiv tüchtig sehr fleißig Neigung zu nervösen
werden unreif Suizidneigung unordentlich Krisen
Suizidneigung offen, liebenswürdig unsicher freundschaftlich
neigt zu Hysterie

Ingrid durchschnittliche Intel- hinlänglich intelligent durchschnittliche Intel- positives Bild unsicher durchschnittliche nicht sehr intelligent
ligenz ängstlich ligenz schlechte egozentrisch Intelligenz verschlossen
egozentrisch reif geistesgegenwärtig, zwischenmenschliche nicht anpassungsfähig nicht mitteilsam ehrlich
infantil eher männlich als Beziehungen unsicher
besessen charakterschwach
sehr aggressiv weiblich denkend gutwillig
kann schwer Entschei- unsicher und untüchtig
selten mitteilsam
Suizidneigung dungen treffen will, aber kann nicht Neigung zu nervösen
Bedürfnis, zu komman-
Führernatur dieren Krisen
Neigung zu Selbst-
zerstörung
schwer anpassungsfähig

Komico unterdurchschnittliche besessen konkreter praktischer trübes Bild opportunistisch durchschnittliche hinlänglich intelligent
Intelligenz psychisch normal Sinn wenig tüchtig infantil Intelligenz begabt und tüchtig
kann aggressiv sein selbstbewußt ängstlich tüchtig und begabt starker, aber infantiler
im Grunde ängstlich aggressiv unsicher Charakter
unreif
fleißig infantil neigt zu Nervenkrisen
impulsiv
sucht vergeblich sucht vergeblich
verkrampft
Intimität Intimität
kalt
wirre Weltanschauung
Suizidneigung

Esperanza normale Intelligenz wenig intelligent betont intellektuelle negatives Bild kontaktfreudig durchschnittliche hinlänglich intelligent
geistreich sehr konventionell Bildung gefährlich für andere neigt zu hysterischer Intelligenz weich
nutzt andere aus fügsam beharrlich schlechte Verlogenheit originell begabt
passiv zudringlich zwischenmenschliche wenig arbeitsam weich ausweichend
ängstlich
kann durch ihr Macht- Beziehungen freundschaftlich
ehrgeizig Suizidneigung freundschaftlich
bedürfnis Unannehm- Rassenkomplex
frustriert lichkeiten schaffen
Suizidneigung

Marcos hohe Intelligenz intelligent gutes geistiges Niveau negatives Bild hinlänglich intelligent sehr intelligent
aggressiv zurückhaltend tüchtig, hartnäckig egozentrisch tüchtig aggressiv
narzißtisch verschwiegen äußerst beherrscht wenig tüchtig hochmütig starker Charakter
egozentrisch schwach verantwortungsbewußt introvertiert tüchtig
will seine sexuelle kennt seine Grenzen sensibel hochmütig
Männlichkeit beweisen Suiziddrang introvertiert
einschüchternd
Suizidneigung

Teresa überragende Intelli- Anpassungsfähigkeit gutes intellektuelles positives Bild verlogen nicht sehr intelligent nicht sehr intelligent
genz unreif Niveau heroisch opportunistisch schwatzhaft schwatzhaft
sensibel unterwürfig Vorstellungskraft gute Organisatorin fleißig sehr fleißig sehr fleißig
beherrscht praktisch aktiv gute zwischenmensch- fröhlich gut und hilfsbereit
ohne sexuelle Probleme verschwiegen hilfsbereit liche Beziehungen hilfsbereit extrovertiert
heroisch mit Spuren befehlsgewohnt bemerkenswerte
Neigung zur Falschheit verfälscht die Wahrheit
von Masochismus Angst Persönlichkeit
gefallsüchtig sympathisch
risikofreudig
Inhalt

Einleitung 11

Erster Teil Von Mexiko nach den Kanarischen Inseln


Das Abenteuer beginnt schon bei der Vorbereitung

Am Anfang . . . 17
Erste Vorbereitungen 17
Der Entwurf des Floßes 18
Auf der Suche nach möglichen Teilnehmern 21
Das Floß 22
Reisen: Berater, Teilnehmer und andere 23
Bordärztin Teresa 31
Ingrid, die Nautikerin 33
Antonio und sein Auftrag 34
Das Floß ist nicht sicher 36
Esperanza und Ana 37
Froschfrau Sofia 39
Aischa wird Wasserproben entnehmen 40
Freitag, der 13. 41
Treffpunkt Madrid 42
Pater Emiliano meldet sich 43
Sehr normal sind wir nicht 45
Südwärts gen Las Palmas 46
Wie das «Sexfloß» entsteht 47
Marcos ersetzt Roberts 48
Erste und einzige Probefahrt 50
Komico kommt 50
Die letzten Stunden an Land 53
Im Schlepptau 57

Zweiter Teil Von den Kanarischen Inseln nach Mexiko


101 Tag Isolierung

Das Auslaufen - vom Schlepper aus gesehen 61


Und vom Floß aus gesehen 68
Die erstenTage: Seekrankheit, Erbrechen und Unordnung 70
Ende der ersten Woche 75
Die «Lokusfische» 76
Passivität der Gruppe 77
Wir pumpen die Wassertanks leer 81
Und nicht der kleinste Hai 87
Beobachtungen nach dreizehn Tagen 89
Sexualverhalten nach vierzehn Tagen 93
Haie 96
Vom Ursprung einiger Reibereien 114
Wir sind uns unserer Gefühle nicht sicher 116
Funkspruch an die Kinder 116
Leben an Bord 118
Die Sexualität nach einem Monat auf See 121
Einige stehen noch «abseits» 122
Wie Antonio darüber denkt 124
Sie schlafen in den Tag hinein 125
Einen Monat unterwegs 130
Erste Platzwechsel in der Kajüte 138
Ein Ruder bricht 141
Gedanken, die zu denken geben 142
Was ist los auf der Acali? 144
Die «Portugiesische Galeere» 147
Weihnachten im Juni 152
Das Wahrheitsspiel 154
Fünfzig Tage auf See 155
Liebeserklärung durchs Radio 156
Nie gab es eine schönere Zeit 158
Zwei Monate außerhalb der Welt: Esperanza und die Musik 159
«Mann über Bord» 160
Sexualleben 163
Ein neues Wahrheitsspiel 169
Krach an Bord 172
Wieder Schwierigkeiten mit dem Ruder 175
Verloren? 177
Auf Barbados — von Andrée 178
Barbados, vom Floß aus gesehen 186
In der Karibischen See 189
Der Tod zum Greifen nah 191
Jeder mit jedem 198
Eine Blinddarmentzündung — ein Selbstmordversuch 201
Die Blinddarmkrise vom Land aus gesehen — von Andrée 203
Auf der Straße der Wirbelstürme 205
Alle sind sich darüber einig, wer wir sind 211
Zwischen den Bänken von Serrana und Serranilla 215
Wasserverschmutzung 216
Den Tod im Nacken 217
Gesichtet! 219
Die Ankunft, vom Floß aus gesehen 219
Die Ankunft, vom Land aus gesehen - von Andrée 223
Abschied 228

Dritter Teil Die Untersuchung


Forschungen, Ermittlungen, Ergebnisse

Einführung 233
Berufsethik in der wissenschaftlichen Forschung 234
Menschliche Verhaltensweise und Persönlichkeit 236
Was man vom Unternehmen Acali denkt und sagt 260
Ethologie, ja — aber das ist nicht alles 266
Schlußfolgerung 268
Psychologische Tests 270
Psychiatrie und Gruppendynamik 276
Aggression und Gewalttätigkeit 277
Kommunen, Klöster und Acali 283
Die Familie und die Familie Acali 286
Zwischenmenschliche Beziehungen 291
Macht und Konflikte: Der Führer 295
Die mißverstandenen Rollen 299
Sexualität auf der Acali und außerhalb des Floßes 301
Überlegenheit und Unterlegenheit: Männer, Frauen und Rassen 313
Körperliche Veranlagung und physischer Zustand 316
Medizinische Untersuchungen 317
Verseuchung des Meeres 318
Träume in der Nacht und Träumereien am Tage 320
Räumliche Weite 320
Wortlose Verständigung 323
Untersuchung in den Vereinigten Staaten, Frankreich und
Mexiko 333
Synthese über Einstellung und Meinung der Eltern, Freunde
und Mitarbeiter aller Teilnehmer 342
Frühhistorische transatlantische Verbindungen 344

Vierter Teil Schlußfolgerungen

Noch einige Kommentare 347


Konkrete Ergebnisse 352
Schlußwort 356