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S O N N T A G
[Leseprobe aus meinem unveröffentlichten Roman]
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„Ihr Menschen, ihr wollte glücklich sein?


Es ist ein schwerer Weg, aber ich kann euch helfen.
Denkt nicht groß, denkt klein.
Erfreut euch an der Hoffnung auf ein besseres Leben,
später, wenn ihr euch würdig erwiesen habt.
Darum seht niemals über die Mauer,
kümmert euch nicht um das Morgen.
Was um euch herum geschieht betrifft euch nicht.
Vom Aufblicken und Nachdenken werdet ihr nicht satt. Arbeitet und
betet. Für Veränderungen seid ihr zu schwach.“
So sprechen die Herrschenden.
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J o h a n n a
Sonntag, 5. August 2085
früher Nachmittag

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E
s ist schön, so in der Sonne zu liegen und
ausgerechnet jetzt muss ich kotzen.“
Die heiße Nachmittagssonne umschmeichelte ihr
Gesicht und sie hielt die Augen fest geschlossen. Kein Ton kam aus
ihrem trockenen Mund und das Würgen in ihrem Magen wollte nicht
aufhören. Sie sprach es nicht aus, aber die blutig zerbissenen Lippen
formten den Satz: „Du musst ruhig atmen und beten, dann
überstehst du auch diesen Tag.“
Angestrengt versuchte sie die stickige Großstadtluft
gleichmäßig in ihre Lungen zu ziehen, zwei, drei Sekunden in sich zu
behalten und dann langsam auszuatmen. Sie hatte es oft geübt, aber
mit jedem Atemzug fiel es ihr schwerer. Johanna lag auf dem Rücken
und die Stiche in den Lungenflügeln bereiteten ihr wieder Schmerzen.
Zweifel, Angst und viele Fragen vermischten sich zu wirren
Gedankenfetzen. Alles konzentrierte sich auf die Fragen: „Warum
bleibe ich nicht so liegen und warum schlafe ich nicht einfach ein?
Warum geschieht das alles? Das hat doch keinen Sinn. Man wird mich
entdecken und dann ist es vorbei.“
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Das leichte Zittern, das in kleinen Schüben ihren schmalen

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Körper schüttelte, ließ etwas nach. Die heißen Sonnenstrahlen


durchdrangen das dünne, löchrige Kleid und brannten auf ihrer Haut,
aber in Johanna war eine eisige Kälte. Mit einer schläfrig wirkenden
Bewegung zog sie den dünnen Stoff des fleckigen Kleides etwas
höher. Ihre Gedanken begannen abzuschweifen, zu einem
unbesiegbaren Beschützer, weit weg in den kleinen Wolken am
strahlend blauen Himmel, der ihr fern und ihrem Herzen doch so nah
war. Dann fing sie kaum hörbar an zu beten. „Herr im Universum, der
du alles geschaffen hast. Der du alles siehst und beherrscht. Was ist
das für ein Höllenwurm der in mir nagt?“
Johanna breitete die Arme aus und öffnete etwas die Beine.
Das Leben der geschäftigen City klang beruhigend wie aus weiter
Ferne, und plötzlich schlug ihr Herz ruhiger.
„Du musst dich nicht fürchten.“ War es nur Einbildung,
Fiberwahn, oder hatte er aus dem Licht zu ihr gesprochen? Solange
keine gellenden Töne den eintönigen Brei der Geräusche
überlagerten, gab es keinen Grund, sich zu fürchten. Alles war
scheinbar wie immer, doch in diesem Moment, an diesem Sonntag
im achten Monat des Jahres 2085 sollte alles anders werden.

Langsam und ohne sich aufzurichten, drehte sie sich auf den
Bauch. Für Sekunden blieb Johanna so liegen, und sie vergrub ihr
Gesicht in den unter dem Kopf verschränkten Armen. In ihren
Gedanken war ein verzweifeltes, fast befreiendes Lachen, aber die
Reste der Anspannung ließen sich nicht vertreiben.

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Der durch die Mittagshitze aufgeheizte Beton erzeugte ein


angenehmes Gefühl an ihren Schenkeln, an ihrem Bauch und den
Brüsten. Johanna drückte ihre linke Wange fest auf den warmen
Boden und für einen kurzen Moment verzog sie das Gesicht zu einem
Lächeln. Ein kaum hörbares Flüstern kam aus ihrem ausgetrockneten
Mund: „Warum nur, warum kann es nicht immer so friedlich sein?
Herr, bitte hilf mir. Ich möchte zurück, nach Hause.“
Ihr Verstand sagte ihr, dass das unmöglich war. Alles was sie
erreicht, geschaffen und zerstört hatte, wäre sinnlos gewesen. Sie
öffnete die Augen und hob den Kopf. Dann sah sie kurz in das
gleißende Sonnenlicht. Plötzlich war sie wieder da. Die leise,
eindringliche Stimme, die aus der Glutscheibe heraus zu ihr sprach:
„Fürchte dich nicht, du bist unsterblich. Tu es. Such dir eine aus. Nur
du triffst die Entscheidung. Setz ein leuchtendes Zeichen und nimm
sie.“
Wie schon oft antwortete Johanna der Stimme mit einem
leisen und demütig klingenden „Ja.“

Es lag nicht an dem Tag, der wie jeder andere Tag von einer
hektischen Geschäftigkeit war. Der siebte Tag in der Woche war kein
geschützter Tag der Ruhe und des Abschaltens von den Belastungen
der Arbeit. Tage mit Namen und Bedeutungen waren nur noch
lebensgefährliche Legenden, aus einer Zeit vor vielen Jahrzehnten, als
die Menschen noch Zahlen und Zeichen deuten konnten.
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Johanna versuchte sich zu erinnern. Warum war der siebte


Tag heiliger Tag gewesen? War es ein Tag der Erinnerung an das

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göttliche Werk der Schöpfung, die doch nichts anderes als Lug und
Trug gewesen war? Wer sich noch daran erinnern konnte, schwieg,
und die Geschichten über die längst vergangenen Zeiten gerieten in
Vergessenheit. Aber Johanna konnte lesen und schreiben, und sie
ahnte, dass sich hinter den uralten Legenden noch mehr verbarg.

„Du bist es. Dich will ich. Dich nehm ich.“ Von der ersten
Sekunde war Johanna von dem Anblick fasziniert. Alles andere, die
sich dicht drängenden Maschinen, die wie ein Lindwurm die
Bewegungen des Durcheinanders der sich scheinbar ziellos
bewegenden Leiber steuerten, verschwammen zu einer in- und
übereinander kriechenden, wabernden Masse, aus der sie wie eine
strahlende Göttin heraus ragte. Plötzlich waren die Zweifel
verschwunden. Jetzt gab es nur noch den anmutigen Körper im
weichen Nachmittags-Licht, und Johanna war froh, sie aus sicherer
Entfernung betrachten zu dürfen.

„Herr, bitte verzeih mir. Ich weiß, es ist nicht richtig. Am


siebten Tag sollte ich es nicht tun. Aber es ist dein Wille und ich
werde das tun, was getan werden muss.“

Vielleicht hätte Johanna an anderen Tagen nicht auf sie


geachtet. Es gab zu viele davon und sie waren überall. Doch jetzt
betrachtete sie voller Demut ihren grazilen Gang und die
Bewegungen des schlanken Leibs, der in dem eng geschnittenen Rock
mit der kurzen schmalen Uniformjacke besonders gut zur Geltung

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kam. Wenn man sie nach Menschenjahren bewerten würde, dann


war sie höchstens zwanzig Jahre alt.

Johanna lächelte und flüsterte kaum hörbar: „Komm schon


her. Du bist die Auserwählte. Komm zu mir Süße. Beweg dich etwas
schneller blöde Sau.“
Johanna musste wieder husten und der Geschmack von Blut
war in ihrem Mund. Als sie die Augen wieder öffnete, war die schöne
Frau aus ihrem Blickfeld verschwunden. Angestrengt starrte Johanna
auf das Gewimmel der Leiber, voller Angst sie verloren zu haben. Das
helle Licht der Sonne und das angestrengte Beobachten der sich
scheinbar ziel- und sinnlos bewegenden Körper taten ihr in den
Augen weh. Mit der linken Hand versuchte sie die salzigen Tränen
weg zu wischen, die sich mit dem Schweiß auf ihrem Gesicht
vermischt hatten, und die in den Augen brannten.

Ihr Blick blieb an einem uralten Blechschild hängen. Niemand


hatte sich die Mühe gemacht, das Schild abzunehmen, da kaum noch
jemand die Zeichen deuten konnte. Johanna konnte lesen und die
eigentümlich anmutenden Buchstaben entziffern. Die Straße hieß vor
langer Zeit einmal Leibnizstraße.

„Da bist du ja. Wo hattest du dich denn versteckt?“ Johannas


Herz schlug schneller. Ihre Freude wollte sie laut hinausschreien, aber
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sie bekam nur ein knurrendes Geräusch zustande.


Die junge Frau kam mit schnellen, selbstbewussten Schritten

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aus der schattigen, der mit dichten, hohen Bäumen bewachsenen


Seite der Straße. Als sie ins helle Licht des Nachmittags trat, glänzten
die schulterlangen, blonden Haare wie fließendes Gold. Mit
zielsicheren Schritten ging sie zur Straßenkreuzung.

„Sie ist schön. Sie ist es wirklich.“ Johanna sah, dass ihr die
langen Haare etwas ins Gesicht fielen, und sie konnte den Blick nicht
von ihr abwenden. Mit zärtlicher Aufmerksamkeit betrachtete sie
jedes Detail an dem sich mit einer grazilen Lässigkeit bewegenden
Körper. Johanna wusste, dass es zu riskant gewesen wäre, sich ihr zu
nähern und noch gefährlicher, sie anzusprechen. Johannas Lippen
bewegten sich kaum, als sie die Worte flüsterte: „Komm Honey, zeig
dich ganz, komm zu mir, komm näher. Beweg deinen kleinen
Knackarsch. Ja, so ist es gut. Zeig mir wie du dich bewegen kannst.“
Johanna erschrak und ihr schmaler Körper begann zu zittern.
Sie hörte in ihrem Kopf das laute Rauschen des Blutes und sie spürte,
wie ihr Herz laut und wild zu klopfen begann. Mitten in den
Bewegungen hatte die schöne blonde Frau den Kopf etwas
angehoben, und den Blick in Johannas Richtung gerichtet.
Johanna senkte erschrocken den Kopf und ihr Magen zog sich
zusammen. Es war wieder da, das widerliche Würgen in ihrem Leib.
Instinktiv presste sie sich noch dichter auf den warmen Beton.
„Habe ich zu laut gesprochen, oder bilde ich mir das nur ein.
Können die Biester über eine so große Entfernung meine Gedanken
lesen?“
Sie war abrupt stehen geblieben und Johanna verzog die

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Mundwinkel zu einem verkniffenen Lächeln. Jetzt war es zu spät. Es


gab keinen Ausweg mehr.
Nach einem kurzen Moment des Zögerns sah sich die blonde
Frau nach rechts und nach links um. Sie wollte die breite Straße, die
vor langer Zeit zu Ehren eines längst vergessenen Adligen gebaut
worden war, überqueren, aber der dichte Verkehr mit der endlos
erscheinenden Kolonne graugrüner Truppentransporter hinderte sie
am weitergehen. Sie blieb stehen und Johanna sah die Verärgerung in
ihrem Gesicht.
„Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen. Aber jetzt noch
nicht. Bitte achte nicht auf mich. Such mich nicht. Ich entscheide was,
wann und wie geschehen wird. Beweg dich wieder. Komm beweg
dich für mich.“
Wie eine Bitte um Verzeihung, flüsterte Johanna: „Ich weiß
Herr, ich soll sie lieben, aber ich kann es nicht. Ich will sie nicht
lieben. Ich hasse sie.“
Johanna verabscheute ihre Art, ihr Aussehen und das
Auftreten stellvertretend für die schönen, makellosen Frauen, die
immer mehr wurden und sich wie unkastrierte Karnickel vermehrten.
Johannas Gesicht verzog sich zu einem bitteren Lächeln und sie
ertappte sich bei dem Gedanken: „Verflucht sollst du sein. soweit
hast du mich gebracht, jetzt führe ich schon Selbstgespräche wie eine
von den vielen Schwachsinnigen.“
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Ohne die junge Frau aus den Augen zu lassen, schüttelte sie
etwas den Kopf, um die Stimmen in ihrem Gehirn zu verscheuchen.

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Aber eine leise, heisere Stimme flüsterte in einem schmeichelnden


Tonfall zu ihr: „Jetzt noch nicht. Es ist zu früh. Die ist etwas
Besonderes. Wenn sie sich nicht bewegt, ist es etwas für Anfänger.“
Johanna wusste genau was sie tat und sie hatte sich lange
darauf vorbereitet.
„Profis müssen üben, üben, üben, um noch besser zu werden,
aber ich muss meine Gefühle beherrschen und ruhig bleiben.“
Obwohl sie sich nicht das erste Mal in so einer Situation befand, fiel
es Johanna schwer, ihre Erregung zu unterdrücken.
„Wer einen Baum beschneidet, muss gut überlegen. Mir darf
kein Fehler passieren.“
Johanna spürte den Schweiß unter den Armen und zwischen
den Beinen. Die heiße Augustsonne brannte auf ihrem Rücken, und
sie griff nach dem grauen Wollmantel um ihn über sich zu ziehen.
Johannas Ellbogen schmerzten und sie fühlte den Druck ihres
Körpers.

Als sie die Augen wieder öffnete, war es ihr, als ob sie ein
Zeichen empfangen hätte. Die Sonne war trotz des späten
Nachmittags noch strahlender.
„Herr sind das deine Lichtpfeile die du für mich bestimmt
hast?“ Dann sah sie an der Hauswand einen Schatten, der wie eine
riesige Gestalt schützend seine Arme hob. Die schöne blonde Frau
hob den Kopf und sah mit einem überheblich erscheinenden Blick
wieder in ihre Richtung. Es waren die Zeichen auf die Johanna
gewartet hatte.

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„Sie ist nur ein nutzloses Nichts. Eine Laus und nur ein Körper,
wie unzählige Millionen andere auch. Aber warum ausgerechnet ich?
Warum bin ich dazu ausersehen? Herr im Himmel, hilf mir, dass ich
alles richtig mache.“
Nur noch ein Gedanke blieb in ihrem Kopf: „Beherrsch dich.
Lass dich nicht von deinen Gefühlen leiten. Sei stark. Gefühle sind nur
überflüssige Altlasten. Wirf sie endlich weg.“
Immer und immer wieder hatte Johanna jeden Handgriff
trainiert. Alles war nur noch auf ein Ziel fixiert: „Ich muss meinen
Jagdinstinkt und die Reste meiner sentimentalen Gefühle
beherrschen.“
Johanna konnte jedes Detail an dem Körper erkennen, und sie
sah den teuer aussehenden, exquisiten Schmuck im Sonnenlicht
blitzen. Fast liebevoll tastete sie mit dem Zielfernrohr den Körper ab.
Der zitternde rote Punkt wanderte langsam an den langen Beinen
hoch, über die Taille und blieb kurz an ihrer linken Brust stehen.
Johannas Adrenalinspiegel stieg in neue Höhen. Auch wenn sie es
sich nicht eingestehen wollte, Johanna spürte plötzlich so etwas
Fragiles wie Liebe.
„Sie gefällt mir gut, ein hübsches Ding.“ Leise, wie zur Abwehr
eines Teufels murmelte Johanna ein Gebet: „Geheiligt werde dein
Name ...“ Dann biss sie sich fest auf die Lippen. Johanna musste
husten, und der Geschmack von Blut war wieder in ihrem Mund.
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Vor vielen Jahren, als es noch vereinzelte Bücher gab, hatte

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Johanna in einer Beschreibung über Großwildjagden in den Savannen


Afrikas gelesen, dass man mit seiner zu erlegenden Beute mitgehen
und jede Bewegung vorausahnen und so etwas wie eine Einheit
werden muss.
„Ob die Biester ein Herz haben? Sie muss ihn doch sehen.
Warum sieht sie ihn nicht?“
In diesem Moment waren solche Gedanken unwichtig
geworden. Johanna sah, wie sie den Kopf mit den im weichen Licht
des Nachmittags rotblond schimmernden Haaren etwas zurück warf.
„Geh endlich los“, und Johanna spürte die Kraft ihres Willens.
Zielstrebig und mit entschlossenen Schritten ging die schöne junge
Frau los, um die breite Straße zu überqueren.
„Eigentlich ist sie nur Teil einer ekligen Masse. Ein Schädling,
nutzlos und gefährlich.“ Johanna bewegte ihre Schultern in kaum
sichtbaren Bewegungen mit.
„Nur Profis treffen ihr Opfer in der Bewegung.“
Das kaum hörbare Klicken des Abzugs und den Rückschlag an
ihrer rechten Schulter nahm Johanna nicht war. Nur mühsam konnte
sie den Drang aufzustehen und wegzurennen unterdrücken.
Johanna flüsterte: „Wieder eine weniger“, als ihr Opfer wie
von einem Schlag mit der Faust ins Gesicht zurückgerissen wurde. Ein
lautes, fast befreiendes „Wow“ kam in dem Moment aus Johannas
Mund, als sie sah, wie die linke Gesichtshälfte der schönen Frau wie
in Zeitlupe zerplatzte. Langsam sackte der Körper in der Mitte der
Straße, zwischen graugrünen Trucks und der Masse sich bewegender
Leiber zusammen. Jetzt erst, als sie schon am Boden lag, hörte

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Johanna durch das Rauschen des Blutes in ihren Ohren, wie aus
weiter Ferne das Geräusch des Schusses.

Niemand hatte auf das leise „Plopp“ geachtet, oder dass


Mündungsfeuer bemerkt. Aber alles schien für Sekundenbruchteile
still zu stehen, als der leblose Körper in einer grotesken Haltung
mitten auf der Straße lag. Ihr Rock war hoch gerutscht und Johanna
betrachtete durch das Zielfernrohr noch einen Moment die langen,
braungebrannten Beine. Die Fahrzeugkolonne kam zum Stehen und
wild gestikulierende Körper in gefleckten Kampfanzügen sprangen
aus den Fahrzeugen. Johanna kroch langsam auf dem Dach des
Bürohauses zurück, das Gewehr dicht an ihren Körper gepresst. Der
graugefleckte Mantel, den Johanna über sich gezogen hatte, war eine
perfekte Tarnung.
„Das war ja einfacher als ich dachte ...“ und sie spürte ein
prickelndes Gefühl von Macht und Unfehlbarkeit. Laut lachend sagte
sie zu sich selbst: „Du hast noch viel vor. Das war erst der Anfang. Am
siebten Tag ist es getan.“

So wie sie es immer und immer wieder trainiert hatte,


schraubte Johanna das Gewehr auseinander und verstaute es in
ihrem Rucksack. Einen Moment dachte sie daran, dass das Metall
durch die Detektoren, die seit einigen Monaten überall in der Stadt
angebracht waren, erfasst werden könnte.
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Als sie ins weiche Licht der Sonne sah, kamen ihr die kleinen
Zweifel und Ängste wie Blasphemie vor. Sie wagte nicht es laut

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auszusprechen: „Herr, du hast dich wieder einmal geirrt. Am Anfang


steht nicht das Wort, am Anfang und vor jeder Veränderung steht
immer nur die Tat.“
Dann spürte sie ihre Blase und den Drang sich zu erleichtern,
jetzt, hier auf dem Dach des Ministeriums für Frauenintegration.

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Bestreiten, leugnen, empört als Unterstellung zurückweisen?


Es ist unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit Werte
verfallen, wenn der eigene Vorteil im Vordergrund steht.
Menschen, die ihre Fahne wie eine Botschaft hochhalten,
die aufzeigen, wie genau und präzise die Welt zu funktionieren
hat, denen die Schwachen nachlaufen und die bewundert
werden, weil deren Welt nicht so geordnet ist, gleichen
altmodischen Uhrwerken.
Sie funktionieren nur, wenn die Rädchen der Prinzipien gut
geölt ineinander greifen, und wenn ein Antrieb vorhanden ist.
Sie müssen durch die Jagd nach Gewinnen immer wieder
aufgezogen werden, damit sie ihren Antrieb nicht verlieren.
Und führen doch nur ein gleichförmiges Leben, immer auf der
Suche nach Ursache, Nutzen und Wirkung.
Vor solchen Menschen habe ich Angst.
Du willst überleben?
Dann lass dich nicht vom perfekten Funktionieren und von den
Funktionierenden blenden.
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J o h a n n a u n d N o u i
Berlin am heißen Sonntag,
5. August 2085
Später Nachmittag

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J
ohannas Hände zitterten immer noch und sie spürte
ihr pulsierendes Blut im Hals und in den Schläfen.
Nur mühsam gelang es ihr, das nervöse Zucken des
linken Augenlids zu unterdrücken. Es fiel ihr schwer, sich ruhig und
besonnen in der hektisch zusammenlaufenden Menschenmenge zu
bewegen. Langsam zwängte sie sich durch die Menge der gaffenden
Leiber. Für wenige Sekunden sah sie in ein zerfetztes Gesicht, und in
einer großen dunkelroten Blutlache, die sich am Boden ausgebreitet
hatte, mit Blut verklebte, lange blonde Haare.
„Man sieht es dir nicht an. Du gehörst dazu. Bleib ruhig und
bewege dich wie ein Fisch im Wasser …“
Die immer gleichen Sätze in ihrem Kopf zeigten langsam ihre
Wirkung. Die Anspannung fiel von Johanna ab. Wer würde schon auf
die Idee kommen, dass der Jäger unmittelbar nach der Tat sich hier,
dicht bei seiner Beute aufhalten könnte. Innerlich begann sie zu
lachen, aber sie musste sich beherrschen. In lebensgefährlichen
Situationen war es besser, unauffällig zu bleiben und einer Frau stand
es nicht zu, sich ohne Begleitung zwischen Männern aufzuhalten.

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„Die denken alle, dass nur ein Mann so etwas Großartiges tun
kann.“
In ihren Gedanken war kein Mitgefühl und ihr Mund verzog
sich zu einem kaum sichtbaren Lächeln. Aber sie presste die
schmalen Lippen fest zusammen, nur um zu vermeiden, dass in der
Erregung ein unbedachtes Wort daraus schlüpfen könnte. Es wäre zu
gefährlich gewesen, ihren Triumpf auszusprechen: „Es tut mir leid
Süße, aber Krieg ist nun mal eine brutale Angelegenheit. Besser du als
ich.“
Johanna genoss das mächtige Gefühl der Überheblichkeit.
„Es wäre toll, dir jetzt meinen Fuß ins Genick zu stellen und
mich feiern zu lassen.“
Am liebsten hätte sie sich hinunter gebeugt und in die
blutverschmierten, mit für sie unerreichbarem Schmuck behängten
Ohren geflüstert: „Ich weiß, es ist eine schreckliche Sache, dass du
jetzt da liegst und von allen angestarrt wirst. Aber betrachte es mal
von meiner Seite. Es war eine notwendige Amputation. Wenn ein
Glied des Körpers verseucht ist und zu faulen beginnt, muss man
sofort und konsequent handeln und zwar, bevor der ganze Körper
vom Gift befallen ist. Hätte ich zögern sollen? Du hättest es auch
nicht anders gemacht. Jedes Zögern wäre pures Gift gewesen. Und
dein schönes rotes Blut auf der Straße ist eine bleibende Erinnerung
für die Mutlosen.
Schätzchen, du bist eine Heldin, du hast eine gute Tat
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vollbracht. An dich werden sie noch lange denken.“

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In der Menge achtete niemand auf Johanna. Alle Augen waren


auf den toten Körper am Boden gerichtet. Aber sie spürte die
Gedanken der Menschen, die niemand mehr wagte, laut
auszusprechen: „Wer konnte so eine großartige Tat vollbringen?“
Schnell ging sie mit gesenktem Kopf weiter, ohne noch einmal
auf den leblosen Frauenkörper zu blicken, der mit eigentümlich
abgewinkelten Beinen auf der Mitte der Straße lag. Johanna wusste,
dass sie in der Menge nur dann relativ sicher war, solange sie durch
ihr Verhalten nicht auffiel. Zu große Anteilnahme und ein offener
Blick wären verdächtig gewesen, obwohl sie einen Moment dachte:
„Der beste, der mir zustehende Platz, ist bei meiner, über meiner
Beute.“
Je weiter sie sich entfernte, umso mehr spürte sie ihren
Triumph.
„Ihr werdet scheitern und untergehen. Ihr werdet es nicht
mehr erleben, wir leben ewig. Nur wir besitzen eine Seele und sind
Geschöpfe Gottes, nicht ihr.“
Dennoch war eine seltsame Leere in ihr. Es war doch nur ein
weiterer, lebloser Körper gewesen. Sie empfand nichts und Mitleid
war etwas, was sie nicht mehr kannte. Aber solche Gedanken waren
nur Spielereien mit den Möglichkeiten einer Macht, die sie nicht
besaß. Johanna wusste genau, dass in diesem Moment alle Straßen
abgesperrt wurden. Zu oft hatte sie gesehen, wie
Widerstandsversuche rücksichtslos gebrochen wurden und die
Anführer in wenigen Minuten gefasst waren. Aber das waren

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dumme, verzweifelte Männer. Johannas Tat war etwas vollkommen


Anderes.
„Die sind schlau, aber so schnell sind die nicht. Die können
noch nicht wissen, dass eine Frau geschossen hat. Die werden zuerst
nach einem Mann suchen um dann die Mittäter aus ihm heraus zu
pressen ...“

Es war überraschend leicht gewesen. Ohne aufzufallen und


angehalten zu werden war es Johanna gelungen, die Waffe in die City
zu schmuggeln. Der Zugang zu dem schwarzen Bürohaus war
ungesichert und das Dach unbewacht. Offensichtlich fühlten sie sich
sehr sicher. Johanna hatte deutliche Spuren hinterlassen, die ihr
zumindest eine kurze Zeit die Möglichkeit zum Agieren gaben. Der
verdreckte und stinkende Männermantel und der große
Männerhandschuh, die sie auf dem Dach zurückgelassen hatte,
würden den Verdacht auf einen männlichen Täter lenken und das
Täterprofil einige Zeit begrenzen. Es war ihre Chance, sich unentdeckt
vom Ort des Triumphes zu entfernen.
„Wer achtet schon auf eine unauffällige und dumme Frau, die
mit gesenktem Blick, wie es sich gehört, durch die Menge geht.
Niemand achtet darauf.“
Johanna sollte recht behalten. Das Feindbild der Eliteeinheit,
die nach wenigen Minuten eintraf, war so klar umrissen, dass sie
einfach übersehen wurde.
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Johanna ging langsam weiter durch die sich dicht drängenden


Körper über die breite Straße, die von den Menschen früher
Kurfürstendamm genannt wurde, in die ruhigere Seitenstraße hinein.
Den gleichen Weg in der langsam schwächer werdenden
Nachmittagssonne zurück, auf dem ihr schönes Opfer ihr entgegen
gekommen war.

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Glaubt an das Unglaubliche, weil es nicht undenkbar ist,


dass das Unfassbare zur Realität werden kann.
Denkt daran, dass es wahrscheinlich ist,
dass auch geschehen kann, was man unglaublich findet.
Misstraut dem Unwahrscheinlichen,
weil Ihr darauf vertrauen könnt,
dass der gesunde Menschenverstand euch leiten wird.
Glaubt mir, es ist kein Wunder,
wenn das Undenkbare tatsächlich geschieht.
Manche Ereignisse werden wahrscheinlich,
wenn Ihr an mich glaubt.
In Gefahr begebt Ihr euch nur,
wenn Euch Zweifel plagen.
Dann seid Ihr auf das Ungewisse nicht vorbereitet.
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5. August 2085
Später Nachmittag

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J
ohanna blieb wie angewurzelt stehen. Mit allem
hatte sie gerechnet, nur nicht mit diesem Anblick, an
diesem Sonntagnachmittag und an diesem Ort. Ihr
erster Gedanke war: „Er sieht gut aus, die graue Uniform steht ihm
gut.“
Dann spürte sie einen brennenden Schmerz in der Brust und
ihre Beine begannen zu zittern. Zuerst wollte sie schnell weitergehen,
der Angst gehorchen und der Erscheinung wie einem Spuk
ausweichen. Dann dachte sie an die heiligen Worte: „Fürchte dich
nicht ...“

Es war purer Zufall, als sie ihn durch die großen Fenster in
dem luxuriösen Bistro erkannte. Noui saß allein an einem kleinen,
runden Metalltisch und sah aus, als ob er rundum zufrieden wäre. Es
war wie ein innerer Zwang, dem sie sich nicht entziehen konnte. Mit
klopfendem Herz griff sie nach dem schweren Haltegriff aus
glitzerndem Metall. Sie zog daran und die Glastür öffnete sich ohne
Widerstand. Sie gehörte nicht an diesen Ort. Alle konnten es ihr
ansehen. Johanna gehörte zur untersten sozialen Kaste, dem Human

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Trash der Slums. Ihr Platz war weit außerhalb der streng
abgeschotteten Zentren der Privilegierten, aber trotz der Gefahren
musste sie ihn einfach ansprechen. Johanna hatte nichts mehr zu
verlieren, und Noui konnte ihr nützlich sein. Ohne sich umzusehen
ging sie direkt auf ihn zu.
„Was machst du denn hier? Dich habe ich ja schon lange nicht
mehr gesehen. Bist du es wirklich?“
Nur mühsam gelang es ihr, ihre Aufregung zu unterdrücken.
Johannas Stimme klang beherrscht und freudig, aber doch nicht so
laut um gefährliche Aufmerksamkeit zu erregen. Johanna spürte die
abschätzenden Blicke und hörte das leise Getuschel der wenigen
Gäste in dem Bistro. Natürlich war er es, und in ihrer unerlaubten
Frage war der eine Antwort provozierende Unterton nicht zu
überhören. Hinter Johannas Begrüßungsfrage versteckte sich auch
eine große Portion Verwunderung. So wie sie ihn in Erinnerung hatte,
war Noui kein Mann der sich gern an öffentlichen Orten aufhielt,
wenn es nicht einen wichtigen Grund gab. Schon als Kind war Noui
ein Einzelgänger gewesen. So etwas wie Freunde, Freizeit oder
Ereignisse, die sich außerhalb seiner kleinen Scheuklappenwelt
abspielten, gab es in seinem Leben noch nie. Es gehörte nicht viel
Phantasie dazu, um zu erraten, dass Noui, wie so viele andere
Privilegierte auch, sich den präzisen Regeln der inneren Bezirke ohne
Widerspruch untergeordnet hatte, denn sonst wäre es
unwahrscheinlich gewesen, ihn hier anzutreffen.
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Johanna hatte Noui, ihre Liebe aus Jugendtagen, schon über


ein Jahrzehnt nicht mehr gesehen. Eines Tages war er wie das Licht
einer erloschenen Kerze aus ihrem Leben verschwunden. Sie trug es
ihm nicht nach. Es war nicht Nouis Schuld. Die Zeiten und die neuen
Glaubensregeln waren daran schuld, und Johanna ahnte, dass auch
Noui zu schwach war um sich gegen die Veränderungen zu wehren,
und zu egoistisch, um sich um andere Menschen zu kümmern. In
diesem Moment spürte sie, dass der Graben zwischen ihren Gefühlen
und Noui lag, unüberbrückbar tief geworden war. Johanna trug nicht
das sichtbare Zeichen des gefahrlosen Umgangs, die Anstecknadel
der ehrenwert Sterilisierten, und vom Stand der geschützten und
geehrten Über-Siebzigjährigen war sie zu weit entfernt. Sie besaß
auch keine der seltenen und begehrten Legitimationen zur Heirat.
Aber der schlimmste Makel, ethisch verwerflich und
gesellschaftspolitisch geächtet war die Existenz von Johannas
Tochter.
Mit der illegalen Geburt ihrer Tochter war Johanna ein
unkalkulierbares Risiko eingegangen. Sie hatte nicht nur gegen die
strengen Bestimmungen der Sozial- und Bevölkerungshygiene,
sondern auch gegen eine ganze Reihe von weltweit geltenden
Gesetzen zur Eindämmung der unkontrollierten Vermehrung und zur
Einhaltung der öffentlichen Moral verstoßen. Dass sie ihre Tochter
beschützt und mit vielen Entbehrungen allein aufgezogen hatte, war
keine Leistung auf die sie stolz sein konnte, sondern eine vorsätzliche
und schwere Straftat.

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Noui wusste von Johannas Tochter nichts, aber es war ihr klar,
dass es für Noui gefährlich werden könnte, sich mit ihr in der
Öffentlichkeit zu zeigen. Auch für Johanna war es gefährlich. Zu
offensichtliche Kontakte mit Männern, auch wenn sie so harmlos wie
Noui waren, konnten sie in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.
Frauen in den Citys, die nicht zu den Privilegierten gehörten, mussten
sich vorsichtig verhalten und ständig mit Kontrollen patrouillierender
Sitten- und Glaubenswächter rechnen. Johanna hatte in ihren
Papieren den für unsterilisierte Frauen obligatorischen HWG
Vermerk, der sie als gebärfähige Frau mit häufig wechselnden
Geschlechtspartnern brandmarkte. Schon ein vager Verdacht, dass
sie auf der Suche nach einem Samenspender sein könnte, reichte aus,
sie zu verhaften, und verdächtige Frauen verschwanden ohne
Begründung zu wochenlangen Verhören mit anschließenden,
dauerhaften Verweisen aus den inneren Bezirken. Solche Verweise
bedeuteten, dass es keinen Zugang zu den notwendigsten Dingen des
täglichen Bedarfs mehr gab.
Überall gab es Denunzianten. Sogar fanatische Frauen waren
Tag und Nacht als Greiferinnen unterwegs, um verdächtiges
Verhalten sofort zu melden. Aber die Gefahr war ihr egal, denn die
dreiste Tat, wenige hundert Meter entfernt, zog alle Aufmerksamkeit
auf sich.
An Nouis gerunzelter Stirn konnte Johanna erkennen, dass er
über die Absonderlichkeit, dass jemand wagte ihn anzusprechen,
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ungehalten war. Er sah Johanna durch seine kleinen Brillengläser an,

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als ob er erst überlegen müsste, wer sie war. Nach einigen Sekunden,
die Johanna endlos vorkamen, antwortete er: „Johanna?“
Seine Stimme klang zögernd und sein fragender Unterton tat
ihr weh. Johanna hatte ihn nie vergessen, aber er tat so, als ob sie
nur noch ein kümmerlicher Rest in einer kleinen Ecke seines
Gedächtnisses sei.
„Ich hätte dich fast nicht erkannt.“
An seinen ausdruckslosen Augen konnte sie nicht erkennen,
ob sein angebliches Nichterkennen der Wahrheit entsprach, oder nur
eine höfliche Floskel war, weil er von Niemandem und vermutlich
ganz besonders nicht von einer jungen Frau aus den Außenbezirken
gestört werden wollte. Außer dass sich Johanna verändert und ihre
feuerroten Haare wie vorgeschrieben millimeterkurz geschnitten
trug, war sie immer noch seine Jugendfreundin, die er schon über
zwanzig Jahre kannte und die mit ihm so ziemlich alles unternommen
hatte, was man in Kinder- und Jugendtagen miteinander tun konnte.

Auf Äußerlichkeiten hatte sie noch nie viel Wert gelegt, aber
jetzt fühlte sich in der Umgebung der eleganten Straße und in dem
chromblitzenden Bistro unwohl. Für einen kurzen Moment schob sie
seine emotionslose Antwort auf ihr Aussehen. Ihr graubraunes
einfaches Kleid sah nicht besonders elegant aus. Es war schäbig und
an mehreren Stellen erkennbar von ungeübter Hand ausgebessert.
Die schweren, löchrigen Arbeitsstiefel, die sie dazu trug, waren mit
einer dicken Staubschicht bedeckt. Johanna besaß schon lange keine
Cashkarte mehr, um sich auf legalem Weg etwas Neues zu kaufen.

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Und sie hatte auch keinen Job der notwendige Voraussetzung für
staatliche Zuwendungen war, weil es schon seit langer Zeit für Frauen
keine Jobs mehr gab. Der schwere Armeerucksack auf ihrem
schmalen Rücken gab ihrer ärmlichen Erscheinung ein gebeugtes
Aussehen.
Sie spürte an Nouis abweisendem Verhalten, dass er lieber
allein sein wollte. Mit einem spöttischen Unterton in der Stimme
sprach sie weiter: „Du hast doch nichts dagegen, wenn ich einen
Moment bei dir bleibe?“
Noui sah sich mit einer flüchtigen Kopfdrehung unauffällig
um. Ohne seine Antwort abzuwarten, setzte Johanna sich neben ihn
und schob mit ihrem Fuß den fleckigen, grauen Rucksack unter den
kleinen Tisch. Niemand achtete auf das metallische Geräusch beim
aufsetzen auf den Steinfußboden.
„Der Feigling traut sich nicht, mir die Wahrheit zu sagen“,
dachte sie amüsiert. Sie sprach ihre Gedanken nicht aus.
„Nein, natürlich nicht.“
Vielleicht wollte er sie nicht verletzen, aber aus dem Klang
seiner Antwort und seinem unruhigen Blick konnte sie wie in einem
offenen Buch lesen.
„Na ja, das klingt nicht besonders ehrlich, aber ich verzeih dir.
Besonders aufmerksam warst du ja noch nie.“
Johannas Antwort sollte fröhlich klingen, aber es klang nicht
überzeugend. Auf der Straße vor dem Bistro fuhren große, schwer
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gepanzerte Mannschaftswagen vorbei und in der Kühle des Bistros


konnte man die kreischenden Rotoren der über den Dächern

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kreisenden Helikopter hören. Das Serviceteam in dem Bistro stand an


den großen Fenstern und die Augen waren neugierig auf die Straße
gerichtet. Johanna wurde nicht beachtet. Sie nahm all ihren Mut
zusammen. Nach mehrmaligem, lautem Rufen kam mit einem
schlurfenden Gang ein älterer, androgyn aussehender Kellner an den
Tisch. Johanna war für ihn nicht existent. Er ignorierte sie und sah
Noui fragend an, so als ob er die Zustimmung des Privilegierten
erwarte. Johanna konnte nur mühsam ihren Zorn verbergen.
Ohne Johanna zu fragen, bestellte Noui mit einer kurzen,
kaum bemerkbaren Handbewegung einen der neuen grellfarbigen
Fresh-Drinks, die seit einigen Monaten überall kostenlos angeboten
wurden. Auf den riesigen Bildschirmen, die überall in der City
aufgestellt waren, und die das Informationsbedürfnis der Menschen
stillen sollten, wurden die Herstellungsmethoden in grellbunten
Bildern dargestellt. Auf bis zum Horizont reichenden Feldern ernteten
fröhliche Menschen bunte Früchte, die angeblich in den Drinks
enthalten sein sollten. Die Stimmen aus den Lautsprechern erklärten
ausführlich die Herstellung und immer wieder wurde herausgestellt,
dass es sich um ein Getränk mit natürlichen Inhaltsstoffen handeln
sollte. Nach den Verlautbarungen des Ministeriums für
Ernährungswissenschaften waren die Drinks eine soziale Leistung zur
Erhaltung der Bevölkerungsgesundheit. Angeblich waren darin
biologisch produzierte, psychoaktivierende Mohnsubstanzen, die
neue Energie für die bevorstehenden, großen Wunder gaben und den
Körper gesund erhalten sollten. Fast alle tranken die angenehm
schmeckende Flüssigkeit. Nicht wegen der zugeschriebenen

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Heilwirkung, sondern weil das Getränk nach wenigen Schlucken die


Sinne benebelte und die Wahrnehmung in ein weiches und sinnliches
Licht tauchte. Außerdem verschwand für viele Stunden jedes
Hungergefühl.
Es war gefährlich, darüber zu sprechen, denn es widersprach
den Gesetzen, und die Gesetze waren unantastbar für alle Ewigkeit
gültig, aber Johanna kannte auch die kursierenden Gerüchte. Zwar
wusste es niemand genau, aber nach dem was geflüstert wurde,
sollten die in den Getränken enthaltenen Substanzen das
Erinnerungsvermögen irreparabel betäuben. Dennoch schien sich nur
eine kleine Minderheit daran zu stören. Die Mehrzahl der Menschen
wollte von den Gefahren nichts wissen. Auch in den äußeren Bezirken
wurden die Getränke kostenlos ausgeschenkt. Aber anders als in den
inneren Bezirken, wirkten die Getränke stärker, und vor den
öffentlichen Trinkstellen in den Slums gab es Tag und Nacht lange
Schlangen von Wartenden, die ihre kostenlosen Rationen abholen
wollten.
Johanna wollte so etwas nicht. Ihr Gehirn hatte immer
funktioniert und manchmal sogar zu gut. Sie war auch nicht, wie viele
andere, von dem bunten Gesöff abhängig. Auch wenn es in solchen
Zeiten oft sehr schwer war. Sie war schon immer darauf bedacht, sich
so gut es ging gesund zu ernähren. Aber Johanna war auch klug
genug, sich den Umständen anzupassen, wenn es notwendig war. Sie
dachte, dass es vielleicht gut zu ihr und ihrer Anwesenheit an einem
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Ort passen könnte, der nicht zu ihr passte und an dem sie nur
geduldet war.

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Als sich der Kellner mit allen Anzeichen des Missfallens, nicht
ohne sich noch einmal umzudrehen und sie von oben bis unten mit
einem verächtlichen Blick zu mustern, abgewandt hatte, flüsterte sie
mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme zu Noui: „Ich werde
mich nie daran gewöhnen, dass wir nur noch eine Last sind.“
Noui antwortete nicht und Johanna schwieg. Sie sah ihn direkt
an, aber er wich ihrem Blick aus. An seinen Fingerbewegungen
konnte sie erkennen, dass er nervös war. Es dauerte einige Minuten,
bis das Getränk mit einer herablassenden Bewegung vor Johanna
abgestellt wurde. Die Ignoranz, mit der man ihr begegnete, verletzte
sie sehr, aber sie konnte sich beherrschen. Sie durfte nicht auffallen.
Bis jetzt hatte ihr nur die Fähigkeit, sich an die Umgebung anzupassen
und ihr Überlebenswille geholfen, nicht zu resignieren. Sie wusste,
dass es vor langer Zeit eine andere, eine bessere Welt gegeben hat.
Für ihr Ziel lohnte es sich, zu kämpfen, zu täuschen, zu töten und sich
zu erniedrigen, auch wenn die Regierung mit ihrem übermächtig
erscheinenden und alle Lebensbereiche beeinflussenden
Werbeapparat behauptete, jetzt wäre für die Menschheit die beste
aller Zeiten.

Als sie den ersten Schluck aus dem fast dreißig Zentimeter
hohen Glas trank, spürte sie zuerst ein Brennen in ihrem Hals und
dann die Wirkung der eiskalten Flüssigkeit. Kaum merkbar kroch ein
kribbelndes Gefühl der Leichtigkeit durch die Glieder in ihr Gehirn.
Ihre Erregung legte sich und ihr Puls ging langsamer. Johanna fühlte

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sich plötzlich sicher und geborgen und ihre Augenlieder wurden


plötzlich schwer.
„Wie geht es dir denn? Wie ist es dir die letzten Jahre
ergangen?“ Johanna spürte, wie sich ihre Lippen zu einem Lächeln
verzogen, obwohl ihr nicht danach war. Nouis Frage klang wie aus
weiter Ferne und passte nicht zu ihm und seinem Status. Fragen war
schon seit Jahrzehnten, seit man sie als Ursache für alle Konflikte
identifiziert hatte, für die Privilegierten tabu. War es nur der Beginn
einer harmlosen Konversation oder interessierte es ihn wirklich, was
in den letzten Jahren geschehen war? Zögernd und etwas stotternd,
als ob sie unschlüssig wäre es auszusprechen, antwortete Johanna:
„Ich hab eine dreizehnjährige Tochter.“
Es war gefährlich so etwas auszusprechen. Sie wusste nicht,
ob Noui es verstehen würde. Man konnte selbst den besten
Freunden nicht mehr trauen. Überall gab es Regierungsagenten und
Spitzel, die für kleine Vorteile die besten Freunde und sogar die
eigenen Kinder an die Behörden verrieten. Aber in Nouis Gesicht
konnte sie keine Regung erkennen.
Nouis Antwort klang nicht ängstlich, aber sie nahm an, einen
überraschten Unterton heraus zu hören: „Es ist schön, dass Du die
Genehmigung für eine Tochter bekommen hast.“
Johanna hatte gelernt, zu überleben und wichtigste Regel war,
die Dinge so zu sagen, dass sie neutral und unwissend klangen. Jedes
unbedachte Wort, ein falscher Satz konnte eine Katastrophe
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auslösen, aber in dem Moment war ihr alles egal.

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„Es soll mal Zeiten gegeben haben, da musste man keinen


Antrag stellen und nicht auf eine Genehmigung hoffen. Ich habe eine
Tochter, weil es der Wille des Herrn war und weil ich Sex mit einem
mutigen Mann hatte.“
In Johannas trotziger Antwort klang Hohn und deutliche
Verachtung für die beschütze Welt der Privilegierten mit. Sie wollte
Nouis Gefühle verletzen.
„Er muss es doch spüren. Warum merkt er nichts?“ Sie musste
sich zusammenreißen, um ihm nicht ihre Gedanken zu erzählen. Trotz
der vielen Männer vor ihm konnte nur Noui der Vater ihrer Tochter
sein.
„Es gibt keinen Gott.“ Nouis Antwort klang scharf und
überheblich.
„Jeder einigermaßen vernünftige Mensch weiß, dass Götter
nur Erfindungen sind um dummen Menschen ihr Schicksal zu
erleichtern und den Schwachen eine schwere Last aufzuerlegen. Dass
du eine Tochter hast, war bestimmt nicht der Wille deines dubiosen
Herrn im Wolkenhimmel. Es war eine biologisch erklärbare Wirkung
die auf eine Ursache zurückzuführen ist und vermutlich eine
verbotene Handlung.“
Aus Nouis Antwort war der belehrende Unterton und der
Spott nicht zu überhören. Johanna sah auf ihr Getränk und ging auf
sein brüskes Verhalten nicht ein. Sie wollte Noui nicht die Wahrheit
sagen und wechselte mit einem gekünstelten Lächeln abrupt das
Gesprächsthema.

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„Was machst du denn so, lebst du immer noch für deine


Analysen, die kein normaler Mensch jemals beachtet?“ war ihre
scherzhafte Frage, vielleicht in der Hoffnung, Noui zum Widerspruch
zu provozieren.
„Seit wann kennst du dich damit aus?“ kam seine überraschte
und fast ironisch klingende Gegenfrage.
Johanna konnte nicht erkennen, ob die Frage sie als
Unwissende und Inkompetente zum Schweigen bringen sollte oder
nur rhetorisch gemeint war.
„Ich kenn mich damit nicht aus. Du weißt doch, dass mich
eher das reale Leben interessiert. Aber sag mal, was macht denn bei
dir die Liebe, machst du es dir immer noch selber, oder sind eure
Triebstrukturprogramme endlich aus der Erprobungsphase? Ihr
Privilegierten müsst doch auf Sex verzichten?“
Einen Moment dachte Johanna, dass sie mit ihrer vorlauten
Schnauze vielleicht etwas zu weit gegangen wäre. Aber sie wusste,
dass sie mit Noui so direkt sprechen konnte. Er sah sie mit einem
mitleidigen Lächeln an.
„Da wird so viel geredet. Auch wir haben Sex. Anderen Sex als
ihr draußen. Aber wenn Du es genau wissen willst, ich kann nicht
klagen, der Liebe geht es gut.“
„Ja, das denk ich mir. Lebst du immer noch allein?“
Johanna wollte noch „oder hast du jetzt eine Plastikpuppe der
du es besorgst“ hinzufügen, als sie an seinen Augen und seinen
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Mundwinkeln eine Veränderung sah. Er wollte ihr etwas sagen.

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Etwas, das ihm auf der Zunge lag und das er nur mühsam
zurückhalten konnte. Aber Noui schwieg.
„Du lebst nicht mehr allein. Du bist mit einer Frau zusammen.
Ich sehe es dir an. Ich glaub es ja nicht.“
Johanna spielte die Überraschte, aber in Wirklichkeit war es
ein stechender Schmerz, der sich in ihrem Herzen ausbreitete. Sie
konnte es nicht fassen. Er hatte noch nichts gesagt, aber Noui, der
Unsichere, der sie vor vielen Jahren als Pubertierender so ungeschickt
geküsst hatte, dass sie sich vor Lachen fast nass gemacht hätte. Dem
pedantischen und ungeschickten Noui war es gelungen seinen
virtuellen Illusionen zu entsagen und eine der seltenen lebenden
Frauen zu finden.
Noui antwortete verständnislos, so als ob er ihre überraschte
Frage nicht verstanden hätte.
„Es ist doch nicht ungewöhnlich. Ja, ich habe eine Frau
gefunden.“
In seiner Antwort schwang Stolz über sein Glück mit.
„Ihr dürft mit Frauen zusammen sein. Das ist ja etwas ganz
Neues. Ich hab immer gedacht ihr Privis lebt in Askese um die Welt
vor der Überbevölkerung zu retten. Wie in einem streng bewachten
Paradies inmitten der schlechten Welt. Wer ist sie denn? Erzähl doch
mehr und lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen.“
„Du kennst sie nicht. Du kannst sie nicht kennen. Außerdem
darfst du nicht alles glauben, was man dir über uns erzählt. Das sind
alles nur üble Verleumdungen. Wir sind ganz normale Menschen.“

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Viel Erfolg bei Frauen hatte sie Noui noch nie zugetraut, aber
Johanna war neugierig und sie nahm an, dass es vielleicht eine der
wenigen, privilegierten Frauen sei.
„Wir sind jetzt schon drei Jahre zusammen. Ich liebe sie, und
sie liebt mich“, sagte Noui voller Besitzerstolz.
„Das glaubst du doch selber nicht. Du machst mir doch etwas
vor?“ war Johannas zweifelnde Antwort.
„Erzähl doch mehr, wie sieht sie denn aus?“
„Willst du ein Bild von ihr sehen?“
Seine Frage kam auffallend schnell. Aber eigentlich war es
keine Frage, denn er drängte ihr das Bild mit einem Griff in seine
Jackentasche förmlich auf. Johanna war gespannt, wen er gefunden
oder besser, welche aufopferungsvolle Frau es geschafft hatte, trotz
aller Unannehmlichkeiten in seine enge Welt einzudringen. Mit
einem amüsierten Lächeln sah sie ihm zu, wie er umständlich in der
linken Innentasche seiner Uniformjacke nach etwas suchte.

Mit allem hatte sie gerechnet, aber als er ein abgegriffenes,


schwarzes Notizbuch herauszog, war sie doch sehr überrascht. Noui,
der Elektronikfreak, für den die Welt nur aus komplexen, virtuellen
Vernetzungen bestand, besaß noch ein altertümliches und eigentlich
schon seit Jahren verbotenes Notizbuch. Als er das Notizbuch, ohne
sich umzusehen und sich zu vergewissern, dass er nicht beobachtet
wurde, aufschlug und darin blätterte, sah sie für einen Moment, dass
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die ehemals weißen und jetzt abgegriffenen Seiten, dicht mit


winzigen, seltsam gleichförmig anmutenden Zeichen beschrieben

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waren. Entweder waren es mathematische Formeln oder


Abkürzungen. Genau erkennen konnte sie es nicht, aber sie sah
sofort - er schrieb mit der Hand und die Zeichen waren eindeutig.
Noui besaß ein seltenes Instrument, einen Schreibstift, der mit Tinte
gefüllt werden musste, den es gar nicht mehr geben sollte. Und er
war so unvorsichtig, es ihr zu zeigen. Nach kurzem Blättern fand Noui
zwischen den Seiten eine kleine hauchdünne, fast schwarze Folie und
legte sie auf den Tisch. Vorsichtig faltete er sie auseinander. Mit
seinen Fingerspitzen schob er sie ihr zu. Johanna wusste für einige
Sekunden nicht, was sie sagen sollte. Sie nahm einen tiefen Schluck
aus ihrem Glas und ihr ratloser Gesichtsausdruck sprach Bände, als
sie auf das sich blaugrüngelb verfärbende Rechteck sah.
„Das ist deine neue Liebe? Wie hast du denn das geschafft?“
brach es mit einem Lachen aus Johanna heraus.
„Warte ab, es dauert ein paar Sekunden bis das Licht wirkt.“
Es war eines der neuen plastischen Bilder, die bei Licht eine
realistisch anmutende, dreidimensionale Illusion vermittelten und
sogar Töne von sich geben konnten. Plötzlich war auf dem Rechteck
das Bild einer schönen, schwarzhaarigen Frau zu sehen, die mit einer
weichen, melodiösen Stimme, offensichtlich etwas Sehnsüchtiges
flüsterte.
So eine Frau hatte sie nicht erwartet. Es kam ihr wie ein
unwirklicher Scherz vor, der sich nach einigen Erklärungen von selbst
auflösen würde.
„Das ist Alea und wir sind zusammen. Sie lebt bei mir, und sie
wird immer bei mir bleiben.“

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Johannas Gesichtsausdruck schwankte zwischen Unglauben


und Fassungslosigkeit. Irgendetwas stimmte an der Geschichte nicht.
Der unscheinbare, schmächtige und blasse Noui und so eine Frau.
Noui, für den Frauen geschlechtslose Wesen waren, dem sie vor
vielen Jahren die Hand führen musste und der keine Regung gezeigt
hatte, als sie seine Hand auf ihre Brüste und zwischen ihre Beine
dirigierte, behauptete, dass er mit dieser schönen Frau auf dem Bild
zusammen wäre? Einer Frau, der die Lust ins Gesicht geschrieben
stand?
Johanna musste laut lachen und Noui spürte den Spott. Er
wurde unsicher und versuchte, sich zu rechtfertigen.
„Es ist eine von den neuen Frauen. Es ist eine von den
Züchtungen, die man jetzt auch für Privathaushalte bekommen
kann.“
Im gleichen Moment wusste Johanna, was er getan hatte, und
wie er zu dieser schönen Frau gekommen war. In ihr brannte
lodernder Hass und sie hätte ihm den Hals umdrehen können. Ihr
Freund Noui mit seinen hohen ethischen und moralischen
Vorstellungen hatte sich eine Frau gekauft. Es war noch schlimmer.
Das Bild war die sichtbare Projektion seiner versteckten Wünsche. Er
war nicht anders als all die anderen. Noui war genau so, wie sie sind
und immer sein werden. Jetzt verstand Johanna, warum er sie früher
so abweisend behandelt hatte, sodass sie annehmen musste, dass er
schwul sei oder sich freiwillig einer der vielen
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Triebneutralisierungsinitiativen angeschlossen hätte, nur um die


dicke Prämie und einen sicheren Job zu kassieren. Warum er sie nicht

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als Frau, sondern als geschlechtsloses, lästiges Wesen gesehen hatte,


war für sie jetzt klar. Johanna spielte in Nouis Phantasien keine Rolle.
Sie war zu weit entfernt von seinen versteckten Wünschen und
seinem Ideal. In seinem uralten genetischen Beuteschema war ein
Traumgebilde, ein anbetungswürdiges Produkt, aber keine
menschliche Frau mit Schwächen und Mängeln vorgesehen.
„Du bist ein Schwein, du hast dich also auch daran beteiligt.
Von dir hätte ich das am wenigsten erwartet.“
Ihre Stimme war schrill und sie spürte eine nur noch schwer
beherrschbare Wut in sich aufsteigen. Johanna war wütend auf Noui,
stellvertretend für alle Männer die gegen die göttlichen Gesetze der
Natur und damit gegen ihren Glauben verstießen. Seit den großen
Glaubenskriegen gab es nicht mehr sehr viele Menschen im
ehemaligen Europa, vielleicht sogar auf der ganzen Welt, die nicht an
Propheten und Kriege im Namen eines dubiosen Heilsversprechens,
sondern an den reinen und einzigen Gott glaubten. Johanna gehörte
noch dazu und ihren Glauben an die göttliche Schöpfung ließ sie sich
nicht nehmen. Ihre Stimme wurde hektisch und immer lauter.
„Ich lasse es nicht zu, dass Menschen versuchen, Gott zu
spielen und Gebilde nach ihren Vorstellungen schaffen, nur zum
Vergnügen und um egoistische Vorteile zu erlangen.“
Noui rückte mit seinem Stuhl etwas zurück. Situationen, die
außer Kontrolle gerieten kannte er nicht. Johannas Gefühlsausbruch
war ihm sichtlich unangenehm. Mühsam beherrscht versuchte er
seine Motive und seinen Besitz zu verteidigen.

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„Ja, ich habe es getan. Aber ich finde es nicht schlimm. Alea ist
auch ein Geschöpf der Natur. Gut, ich gebe es ja zu, der menschliche
Geist hat etwas nachgeholfen und vielleicht kommt sie nicht von der
Erde, sondern von irgendwo her, von dem wir nicht wissen, wo der
Ort ist. Vielleicht ist sie mit ihren Schwestern aus dem Paradies
ausgebrochen. Man weiß es nicht, aber es ist nichts Verbotenes. Und
ich sehe es auch nicht als Verbrechen an, dass ich für sie bezahlt
habe. Andere tun es auch.“
Johanna dachte einen Moment: „Er verhält sich wie ein Kind,
dem man sein Lieblingsspielzeug wegnehmen will.“
Natürlich wusste er, dass es falsch war, dafür war er zu
intelligent.
„Du bist doch nicht dumm! Du hast eine Frau gekauft, die
nach deinen Wünschen zusammengebaut worden ist. Du hast dir ein
Ebenbild geschaffen, und das lässt Gott nicht zu.“
Johanna lachte laut auf: „Das Bild ist die offensichtliche
Manifestation deiner Phantasien – in deinem Kopf entstanden und
nach deinen Wünschen am Fließband gebaut. Noch deutlicher kannst
du es mir nicht zeigen. Deine Alea ist doch nichts anderes als ein
dubioses Heilsversprechen von dem du keine Ahnung hast wie es
enden wird.“
Ihre Stimme klang erregt. Die wenigen Anwesenden in dem
kleinen Bistro konnten jedes Wort mithören, als sie wütend ausrief:
„Auch wenn es nur ein Wesen ist, das aussieht wie eine Frau. Es ist
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ein Monstrum und kein entlaufenes, paradiesisches Wesen, sondern


ein Produkt der Hölle und du weißt es.“

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Noui wollte protestieren und gab ihr mit einer Handbewegung


zu verstehen, dass es besser wäre, die Stimme zu senken, aber
Johanna war so erregt, dass sie einfach laut weiterredete.
„Ich verstehe dich nicht. Warum bist du nicht in irgendein
Fun-Center gegangen. Da gibt es noch echte, lebende Frauen. Die
kannst du dir für alles ausleihen, was du willst. Die haben Hunger und
du tust noch ein gutes Werk. Die werden gut dafür bezahlt, dass die
es dir besorgen und ihren Arsch hinhalten. Aber dass du dich so weit
herab lässt und einen Frauenersatz für dich und deine kleinen
Bedürfnisse züchten lässt, das finde ich, geht doch zu weit.“
Sie war kurz davor, Noui das noch halbvolle Glas mit der
klebrigen Flüssigkeit ins Gesicht zu schütten. Johanna sah die
Verärgerung in seinen Augen. So kannte sie ihn nicht, denn starke
Gefühlsregungen gehörten nicht zu seiner Wesensart. Die Situation
war kurz davor zu eskalieren.
Überraschend beherrscht und mit leiser und fast feindselig
klingender Stimme sagte er: „Das ist mein Leben. Es geht dich nichts
an. Misch dich bitte nicht weiter ein.“
Dann stand er auf, nahm sein Bild und ließ Johanna allein. Sie
hatte das Gefühl, als ob ihr ein Fremder mit seiner Faust in den
Magen geschlagen hätte.
„Vielleicht ist er einfach zu dumm, um zu verstehen, dass ich
ihn liebe und immer lieben werde, ganz gleich, was auch passiert.“
Jetzt war alles egal. Sie konnte sich nicht mehr beherrschen.
Tränen rannen über ihr Gesicht und ein Schluchzen schüttelte ihren
schmächtigen Körper.

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2085
S O N N T A G
[Leseprobe aus meinem unveröffentlichten Roman]
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Raoul Yannik

Geboren im Oktober 1950 in der damals beschaulichen,


schwäbischen Kleinstadt Sindelfingen. Nach Abitur und Ausbildung
schloss sich ein längeres, aus heutiger Sicht ziemlich nutzloses
Studium in Berlin an. Heute, nach einer kurzen Ehe und anderen
Missgeschicken lebe ich aus Lebens- und Liebesgründen in Essen. Ich
schreibe Essays, Kurzgeschichten und Romane über die Abgründe der
Seele, über die Irrwege der Liebe, über das was sein könnte und was
ist.

Meine Schreib-Werkstatt: www.raoulyannik.de


Mein Web-Tagebuch: http://raoulyannik.blogspot.com/
Nachricht an mich: kontakt@raoulyannik.de
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Meine Bücher und Veröffentlichungen

HEXENMACHT
Roman 560 Seiten Schweitzerhaus Verlag
ISBN-10: 3939475211 ISBN-13: 978-3939475217
Im Buchhandel und bei Amazon erhältlich

Kurzgeschichten
Schweitzerhaus Verlag ISBN 978-3-939475-06-4

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