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Tanizaki Jun’ichiro

Lob des Schattens


Entwurf einer
japanischen Ästhetik

MANESSE BÜCHEREI
MANESSE BÜCHEREI

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Tanizaki Jun’ichiro
Lob des Schattens
aus dem japanischen
übertr agen von
eduard klopfenstein

M A N E S S E V E R L AG
Z Ü R IC H
Mit * gekennzeichnete Ausdrücke werden in den
Anmerkungen des Übersetzers S. 76 ff. erläutert.
Wenn heutzutage ein Architekturliebhaber für sich
ein Haus in rein japanischem Stil errichten möchte,
so wird er der Installation von Elektrizität, Gas, Was-
ser besondere Aufmerksamkeit schenken und keine
Mühe scheuen, diese Einrichtungen mit den japani-
schen Räumen irgendwie harmonisch zu verbinden;
und selbst jemand, der nie ein eigenes Haus gebaut
hat, wird wohl in der Regel solche Bemühungen
wahrnehmen, sobald er ins Innere eines Versamm-
lungsraums, eines Speiselokals oder einer Herberge
tritt. Von jenen selbstzufriedenen Tee-Menschen ein-
mal abgesehen, die sich über die Segnungen der Zivi-
lisation hinwegsetzen und ihre «Grashütte» lieber in
ländlicher Abgeschiedenheit aufstellen, kommt kei-
ner, der einen Hausstand von einer gewissen Größe
hat und in der Stadt wohnt, um den Einbau der zum
modernen Leben notwendigen Heizung, Beleuch-
tung und sanitären Einrichtung herum, mag er auch
noch so sehr auf japanischen Stil bedacht sein. Wähle-
rische Leute zerbrechen sich dann über die kleinsten
Kleinigkeiten den Kopf, und sei es über das Telephon,
das sie hinter eine Treppe oder in eine Ecke des Korri-
dors plazieren, wo es möglichst wenig ins Auge fällt.
Sie verlegen die elektrische Zuleitung des Vorgartens
in den Boden, verstecken drinnen die Schalter in

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Wandschränken und Regalen, lassen die Kabel im
Schatten von Stellschirmen verschwinden und denken
sich sonst noch allerhand aus, so daß man schließlich in
manchen Fällen von so viel übersensibler Künstlich-
keit eher unangenehm berührt wird. In der Tat haben
sich unsere Augen zum Beispiel an die elektrische
Lampe längst gewöhnt. Anstatt also irgendwelche un-
zulänglichen Maßnahmen zu ergreifen, scheint es mir
natürlicher und schlichter, das Licht mit einem jener
herkömmlichen f lachen Lampenschirme aus milch-
weißem Glas zu versehen und die Glühbirne nackt zu
belassen. Wenn ich abends vom Zugfenster aus eine
ländliche Gegend betrachte und im Schatten der shōji *
in schilfbedeckten Bauernhäusern eine Glühbirne un-
ter jenem jetzt veralteten Lampenschirm brennen
sehe, so finde ich das geradezu von erlesenem Ge-
schmack. Schwieriger ist es dagegen mit Ventilatoren.
Sowohl vom Geräusch her, das sie erzeugen, wie von
der Form lassen sie sich noch immer schwer mit einem
japanischen Raum in Einklang bringen. In einem ge-
wöhnlichen Haushalt kann man, wenn man sie nicht
mag, sehr wohl darauf verzichten. Ein Haus jedoch,
das auf den Empfang von Gästen im Sommer ausge-
richtet ist, darf nicht nur auf die Vorlieben des Haus-
herrn Rücksicht nehmen. Mein Freund, der Besitzer
des Kairaku-en, ist ziemlich engagiert in Fragen des
Bauens. Er konnte Ventilatoren nicht ausstehen und
verzichtete lange darauf, sie in seinen Gästezimmern
aufzustellen. Da sich aber jeden Sommer die Klagen
der Gäste wiederholten, sprang er schließlich über

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seinen eigenen Schatten und ließ ihren Gebrauch zu.
Ich selber habe, als ich letztes Jahr mit einem für meine
Verhältnisse unangemessen hohen Kapital ein Haus
baute, ähnliche Erfahrungen gemacht. Wenn man an-
fängt, sich um die Einrichtung im einzelnen bis hin zu
den kleinsten Gerätschaften zu kümmern, ergeben
sich die verschiedensten Schwierigkeiten. Nehmen
wir nur schon die shōji als Beispiel: Aus Gründen des
Geschmacks möchte man auf Glas verzichten. Wollte
man sie aber konsequent nur mit Papier bespannen, so
ergäben sich Probleme unter anderem mit der Licht-
durchlässigkeit und der Abschließbarkeit des Hauses.
Gezwungenermaßen bespannt man sie also auf der
Innenseite mit Papier und verglast sie nach außen.
Dazu aber braucht es einen doppelten Rahmen, Vor-
der- und Rückseite, was die Kosten erhöht. Hat man
die Sache einmal so weit getrieben, erweist es sich, daß
die shōji von draußen nur wie einfache Glastüren aus-
sehen, während sie von innen wegen des Glases auf
der Außenseite eben doch nicht jene bauschige Weich-
heit wirklicher Papier-shōji besitzen und leicht einen
unangenehmen Eindruck hinterlassen. Da hätte man
ebensogut simple Glastüren einsetzen können, sagt
man sich endlich reuevoll. Nun mag man, wenn es
einen anderen betrifft, darüber lachen; aber selber
bringt man es kaum über sich aufzugeben, bevor man
die Sache nicht bis zu diesem Punkt ausprobiert hat.
In letzter Zeit werden im Handel verschiedene elek-
trische Beleuchtungskörper in Form von Trag- und
Stehlampen, von Papierlaternen, von viereckigen

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Deckenlampen oder von Leuchtern angeboten, die
sich in japanische Interieurs einfügen. Dennoch finde
ich keinen Gefallen daran. So suchte ich bei Antiquitä-
tenhändlern altertümliche Petrollampen, Nachtlater-
nen und Kopfkissenlampen zusammen und stattete sie
mit Glühbirnen aus. Besonderes Kopfzerbrechen aber
bereitete mir das Entwerfen der Heizung. Denn unter
all dem, was die Bezeichnung «Ofen» trägt, gibt es
keine einzige zu japanischen Räumen passende Form.
Der Gasofen erzeugt überdies ein lästig zischendes
Geräusch, und man bekommt bald Kopfweh davon,
wenn er nicht mit einem Abzugsrohr versehen wird.
Der elektrische Ofen gilt zwar in dieser Hinsicht als
ideal, aber seine Form ist ebenso unansehnlich. Ein
Ausweg besteht darin, daß man Heizkörper, wie sie in
der Straßenbahn verwendet werden, unter einem tie-
fen Regal anbringt. Doch es kommt keine winterliche
Stimmung auf, wenn die Röte des Feuers unsichtbar
bleibt, und das ist auch dem Zusammensitzen im trau-
ten Familienkreis abträglich. Nach mancherlei Über-
legungen ließ ich eine große zentrale Herdstelle ein-
bauen, wie man sie in Bauernhäusern findet, und ver-
sah sie mit «elektrischen Kohlen». Diese Einrichtung
eignet sich sowohl zum Wasserkochen wie zum Hei-
zen des Zimmers, und wenn man von den erhöhten
Kosten absieht, darf man sie auch vom Stil her als
einen Erfolg verbuchen. Während ich für die Heizung
also eine passable Lösung fand, brachten mich als
nächstes das Badezimmer und die Toilette in Ver-
legenheit. Der Besitzer des Kairaku-en hat eine Ab-

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neigung dagegen, Badewannen und Waschgelegen-
heiten mit Fliesen auszulegen, und er hält die Bade-
zimmer für die Gäste in reiner Holzausstattung; aber
es braucht nicht gesagt zu werden, daß von der Wirt-
schaftlichkeit und vom praktischen Gebrauch her Flie-
sen unendlich überlegen sind. Braucht man allerdings
für die Decke, die Pfeiler, die Täfelung ein schönes
japanisches Holz und legt man nur einen Teil mit
jenen grellen Fliesen aus, so harmoniert das sehr
schlecht miteinander. Solange der Raum neu ist, mag
es noch angehen. Aber wenn nach Jahren die ge-
schmackvolle Maserung auf Brettern und Pfeilern
hervortritt und nur die Fliesen weiß glitzern und glei-
ßen, so sieht es wirklich aus, als habe man Holz zu
Bambus gefügt (d. h. Unvereinbares miteinander ver-
bunden; Anm. d. Übers.). Beim Bad nimmt man es
vielleicht in Kauf, die praktischen Aspekte in einem
gewissen Grad der Liebhaberei zu opfern; bei der Toi-
lette hingegen ergeben sich Probleme, die nochmals
um einen Grad heikler sind.

Jedesmal, wenn ich in Kyoto oder Nara einen Tempel


besuche und dort zu einem althergebrachten, dämme-
rigen, tadellos sauberen Abort gewiesen werde, kom-
men mir die Vorzüge der japanischen Architektur so
richtig zum Bewußtsein. Ein Teeraum ist gewiß ein
sehr ansprechender Ort, aber noch mehr ist der Abort
japanischen Stils so konzipiert, daß der Geist im wahr-

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sten Sinn Ruhe findet. Solche Örtchen stehen immer
vom Hauptgebäude getrennt im Schatten eines Ge-
büschs, wo einem der Geruch von grünem Laub und
Moos entgegenkommt; sie sind mit dem Haus durch
einen gedeckten Gang verbunden, und wenn man
in ihrem Halbdunkel kauert und, vom matthellen
Widerschein der shōji beschienen, sich seinen Träume-
reien hingibt oder den Garten vor dem Fenster be-
trachtet, so ist das ein ganz unbeschreibliches Gefühl.
Meister Sōseki * soll den allmorgendlichen Toiletten-
besuch zu den Annehmlichkeiten des Lebens gerech-
net haben, indem er bemerkte, es handle sich in erster
Linie um ein physiologisches Wohlgefühl. Es dürfte
kaum einen Ort geben, wo man dieses Wohlgefühl
deutlicher empfindet, als den japanischen Abort, der
von ruhigen Wänden und feiner Holzmaserung um-
geben ist, der den Blick auf die Farben des blauen
Himmels und des grünen Laubwerks freigibt. Und
dazu gehört unabdingbar – ich sage es noch einmal –
ein gewisses Halbdunkel, gründliche Sauberkeit und
eine Stille, die selbst das Summen einer Mücke zum
Ohr dringen läßt. Ich liebe es, auf einem solchen Ört-
chen dem sanften Rieseln des Regens zu lauschen.
Besonders im Kantō-Gebiet haben die Aborte am
Boden ein schmales, langes Fenster zum Auskehren
des Staubs; von da her hört man den leisen Aufprall
der vom Vordach oder den Baumblättern herabfallen-
den Tropfen noch näher, wie sie etwa das Fundament
einer Steinlaterne waschen oder das Moos auf den
Schrittsteinen anfeuchten, bevor die Erde sie aufsaugt.

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In der Tat, es gibt keinen geeigneteren Ort, um das
Zirpen der Insekten, den Gesang der Vögel, eine
Mondnacht, überhaupt die vergängliche Schönheit
der Dinge zu jeder der vier Jahreszeiten auf sich wir-
ken zu lassen, und vermutlich sind die alten Haiku-
Dichter ebenda auf zahllose Motive gestoßen. So
könnte man nicht ohne Grund behaupten, die japani-
sche Architektur habe hier ihren raffiniertesten Aus-
druck gefunden. Unsere Vorfahren, die die Gabe hat-
ten, alles zu poetisieren, machten aus dem an sich
unsaubersten Teil des Hauses einen Ort des guten
Geschmacks, verbanden ihn mit den Schönheiten der
Natur und umgaben ihn mit einer Aura von liebens-
werten Assoziationen. Verglichen mit der Einstellung
der Abendländer, die den Ort von Grund auf als un-
rein behandeln und sich sogar scheuen, in der Öffent-
lichkeit davon zu sprechen, ist die unsere viel weiser
und erreicht ein Höchstes an geschmacklichem Raffi-
nement. Ein Nachteil, falls man unbedingt einen sol-
chen nennen will, ist allenfalls in der Entfernung vom
Hauptgebäude zu sehen, was das Hingehen während
der Nacht erschwert und besonders im Winter Erkäl-
tungsgefahr in sich birgt; aber da nach einem Aus-
spruch von Saitō Ryoku’u * «guter Geschmack eine
kalte Sache» ist, so fühlt man sich wohler, wenn an
einem solchen Ort die gleiche Kälte wie in der Umge-
bung draußen herrscht. Es ist höchst unangenehm,
wenn sich in den westlichen Toiletten der Hotels die
warme Luft der Zentralheizung ausbreitet. Jedem
Liebhaber des architektonischen Teehaus-Stils dürfte


also diese Art des japanischen Aborts als Ideal vor-
schweben, und ohne Zweifel ist sie solchen Gebäuden
angemessen, die wie etwa die Tempel im Verhältnis
zu ihrer Weiträumigkeit wenig Bewohner zählen und
in denen es nie an Händen zum Saubermachen man-
gelt. In gewöhnlichen Häusern dagegen ist es nicht
einfach, ständig solche Sauberkeit zu wahren. Vor
allem wenn der Boden mit Brettern oder tatami *
ausgelegt ist, mag man noch so sehr auf gute Manie-
ren halten und konsequent mit dem Putzlappen wir-
ken: die Flecken sind bald einmal nicht mehr zu über-
sehen. So entschließt man sich eben doch eines Tages
für Reinigungsinstallationen, indem man Fliesen legt
und ein Klosett mit Wasserspülung einrichtet. Das ist
nicht nur hygienischer, sondern erspart einem auch
viel Mühe; aber damit ist es auch aus mit jeglicher
Verbindung zum «geschmacklichen Raffinement»
und zu den «Schönheiten der Natur». Wenn’s dort so
hell glänzt und noch dazu die vier Wände blendend
weiß ausgekleidet sind, so ist einem kaum danach
zumute, das physiologische Wohlgefühl des Meisters
Sōseki nach Herzenslust auszukosten. Gewiß, da von
Ecke zu Ecke alles in reinstem Weiß überblickt wer-
den kann, herrscht ohne Zweifel Sauberkeit; aber die
Frage sei erlaubt: Muß man sich wirklich in diesem
Ausmaß um einen Ort kümmern, der die Aus-
scheidungen unseres Körpers aufnehmen soll? Gleich
wie es sich für eine schöne Frau – und mag sie noch so
wunderbare Haut haben – nicht geziemt, das Hinter-
teil oder die Beine vor aller Welt zu entblößen, so ist

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es auch der Gipfel der Indiskretion, einen solchen Be-
reich so aufdringlich zu erhellen. Viel eher wird man
von der Sauberkeit dessen, was man sieht, zur Gedan-
kenübertragung angeregt auf das, was unsichtbar
bleibt. Es macht sich besser, solche Orte in ein ver-
schwommenes Halblicht zu tauchen und den Grenz-
bereich, von dem an es sauber oder weniger sauber
wird, im Unklaren zu lassen. Aus all diesen Gründen
habe auch ich mich beim Bau zwar für eine Spülein-
richtung entschieden, aber auf das Verlegen von Flie-
sen durchwegs verzichtet. Ich versuchte, mich an den
japanischen Stil zu halten, indem ich den Boden mit
Brettern des Kampferbaums abdecken ließ. Das Klo-
settbecken jedoch bereitete mir Schwierigkeiten. Wie
man weiß, bestehen alle Becken für Wasserspülung
aus schneeweißem Porzellan und sind mit glänzenden
Metallteilen ausstaffiert. Mir hingegen schwebt vor,
daß diese Einrichtung, gleich ob es sich um eine für
Männer oder eine für Frauen handelt, möglichst aus
Holz gefertigt sein sollte. Am besten ist mit Wachs
versiegeltes Holz; aber auch unbehandeltes Holz
nimmt mit der Zeit eine schön dunkle Färbung an,
läßt die Maserung in reizvoller Weise hervortreten
und hat eine seltsam beruhigende Wirkung auf die
Nerven. Ideal wäre ganz besonders jene (für den
männlichen Gebrauch bestimmte) Schüssel in Form
einer Trichterwinde, falls sie aus Holz bestünde und
mit dunkelgrünen Zedernzweigen ausgelegt würde;
denn sie wäre nicht nur dem Auge angenehm, son-
dern würde auch jeglichen Schall verschlucken. Ob-

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wohl ich mir einen solchen Luxus nicht erlauben
konnte, hatte ich doch wenigstens die Absicht, das
Klosettbecken meinen Wünschen entsprechend anzu-
fertigen und es mit Spülung zu versehen. Aber die
Beschaffung eines derart ungewöhnlichen Stücks
hätte mir so viele zusätzliche Umtriebe und Kosten
verursacht, daß ich mich gezwungen sah zu verzich-
ten. Zwar habe ich nichts dagegen, daß man die Er-
rungenschaften der Zivilisation, sei es nun Beleuch-
tung, Heizung oder Klosett, übernimmt; aber wenn
schon, warum kann man dann nicht ein bißchen mehr
auf unsere Bräuche und Lebensart Rücksicht nehmen
und jene Errungenschaften in ihrem Sinne adaptieren
und verbessern? Dies war die eine Frage, die sich mir
damals aufdrängte.

Schon jetzt kommen elektrische Leuchtkörper in


Form von Papierlaternen allmählich in Mode, weil
uns die zeitweilig vergessene Weichheit und Wärme
des Materials «Papier» erneut aufgegangen ist und wir
eingesehen haben, daß es besser als Glas zu unseren
japanischen Häusern paßt. Dagegen findet man bei
den Klosettbecken und den Öfen immer noch keine
Formen im Handel, die wirklich harmonieren. Was
die Heizung angeht, so halte ich meine Idee, eine
Herdstelle mit «elektrischen Kohlen» auszustatten, für
die beste. Aber kein Mensch käme darauf, auch nur
eine so einfache Einrichtung auszugestalten (es gibt
zwar schwächliche elektrische Kohlenbecken, aber sie

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unterscheiden sich kaum von gewöhnlichen Kohlen-
becken, insofern sie nicht zum Heizen geeignet sind);
in den Geschäften werden nur jene unförmigen Öfen
westlichen Stils angeboten.
Freilich, es ist ein Luxus, sich über den guten Ge-
schmack in solchen Details des täglichen Lebens lange
den Kopf zu zerbrechen, und manche Leute werden
wohl sagen, Hauptsache sei, wenn etwas zum Schutz
vor Kälte, Hitze oder Hunger beitrage; da sei es nicht
am Platz, nach der Form zu fragen. Zugegeben, man
mag sich in seinen Ansprüchen noch so sehr ein-
schränken, «ein Tag, an dem der Schnee fällt, ist ein
kalter Tag», und wenn man an einem solchen Tag ein
praktisches Gerät in Reichweite hat, so ist man natür-
lich rasch geneigt, sich dieser Wohltat zu bedienen,
ohne lange die etwa vorhandene oder fehlende Ele-
ganz zu erörtern. Das sehe ich gewiß ein – und den-
noch beschäftigt mich immer wieder der Gedanke,
inwiefern sich wohl unsere Gesellschaft von ihrem
heutigen Zustand unterscheiden würde, wenn der
Osten eine vom Westen völlig getrennte, eigenstän-
dige wissenschaftlich-technische Zivilisation hervor-
gebracht hätte. Angenommen, wir hätten zum Bei-
spiel unsere eigene Physik und Chemie gehabt, hätte
dann nicht auch die darauf basierende Technik und
Industrie von selbst eine andersartige Entwicklung
durchgemacht, und wären dabei nicht allerhand
Dinge produziert worden wie Apparate für den täg-
lichen Gebrauch, Medikamente oder kunstgewerb-
liche Arbeiten, die besser mit unserem Volkscharakter

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übereinstimmten? Wer weiß, vielleicht hätte man
sogar die Prinzipien der Physik und der Chemie selbst
aus einem anderen Blickwinkel als demjenigen der
Abendländer betrachtet, und Phänomene wie die
Lichtstrahlung, die Elektrizität, die Atome hätten sich
in bezug auf Wesen und Eigenschaften in anderer
Gestalt präsentiert als derjenigen, die man uns heute
beibringt. Mir fehlen allerdings theoretische Kennt-
nisse, und so lasse ich hier nur einfach meiner Phanta-
sie die Zügel schießen; doch wenn nur schon die Er-
findungen auf praktischer Ebene eine originale Rich-
tung verfolgt hätten, so kann man sich leicht aus-
malen, daß sie dann einen breiten Einfluß auf die
Art, wie wir wohnen, uns kleiden und ernähren, im
weiteren auch auf die Formen unserer Politik, Reli-
gion, Kunst und Industrie hätten ausüben müssen und
daß der Osten als Osten wohl eine ihm eigene Welt
geschaffen hätte. Um ein naheliegendes Beispiel zu
nehmen: Ich habe früher einmal in der Zeitschrift
«Bungei shunjū» einen Vergleich zwischen dem Füll-
federhalter und dem Pinsel gezogen. Wenn zufällig ein
Japaner oder Chinese aus früherer Zeit sich den Füll-
federhalter ausgedacht hätte, dann hätte er vermutlich
die Spitze nicht mit einer Metallfeder, sondern mit
Pinselhaaren versehen. Für die Tinte hätte er nicht
jenes Blau, sondern eine der Reibtusche nahekom-
mende Farbe gewählt, und er hätte die Tinte aus dem
Halter in die Pinselhaare aussickern lassen. In diesem
Falle hätte sich auch das westliche Papier nicht geeig-
net; am stärksten wäre wohl die Nachfrage nach einer

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in großen Mengen herstellbaren, aber dem Japanpa-
pier ähnlichen Papierqualität, nach einer Art verbes-
sertem hanshi *, gewesen. Wenn Papier, Tusche und
Pinsel eine derartige Entwicklung genommen hätten,
dann wären wohl Feder und Tinte nie so populär wie
heute geworden, die Befürworter der römischen
Schrift * hätten wohl nie solches Gehör gefunden, und
die allgemeine Vorliebe für die chinesischen Ideo-
gramme und die japanischen Silbenschriftzeichen
hätte sich unvermindert erhalten. Und nicht nur das,
auch unser Denken und unsere Literatur hätten wohl
nicht in diesem Ausmaß dem Westen nachgeeifert,
wären vielleicht in neue, selbständigere Sphären vor-
gestoßen. Diese Überlegung zeigt, wie selbst ein un-
scheinbares Schreibgerät große, sich ins Unendliche
fortsetzende Auswirkungen haben kann.

Ich weiß sehr wohl, daß diese Gedanken nichts weiter


sind als Phantasien eines Schriftstellers und daß wir an
dem Punkt, an dem wir heute nun einmal stehen,
nicht mehr zurückkehren und neu anfangen können.
Was ich da gesagt habe, ist deshalb nur ein Greifen
nach dem Unmöglichen, es läuft auf eine Nörgelei
hinaus; aber sei’s drum, man wird ja wohl darüber
nachdenken dürfen, was für Nachteile wir im Ver-
gleich zu den Abendländern in Kauf nehmen müssen.
Mit einem Wort: Der Westen hat auf einem gradlini-
gen Weg seinen heutigen Stand erreicht; wir unserer-

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seits stießen auf eine überlegene Zivilisation, waren
gezwungen, sie zu übernehmen, und mußten dafür
einen andern Kurs einschlagen als denjenigen, den wir
seit ein paar tausend Jahren verfolgt hatten, was ver-
schiedene Mängel und Inkonvenienzen zur Folge
hatte. Ich gebe zu: Hätte man uns einfach uns selbst
überlassen, so wären wir vielleicht in materieller Hin-
sicht weder vor fünfhundert Jahren noch heute viel
weiter gekommen; und tatsächlich ist ja in China oder
Indien auf dem Land draußen auch heute noch das
Leben kaum anders als zu Zeiten des Buddha und des
Konfuzius. Aber zumindest hätten wir eine unserem
Wesen entsprechende Richtung einhalten können.
Und schließlich, nach einem zwar langsamen, aber
stetigen Fortschreiten wäre vielleicht doch auch für
uns einmal der Tag gekommen, da wir zivilisatorische
Errungenschaften vorzuweisen gehabt hätten, die un-
seren heutigen Straßenbahnen, Flugzeugen oder Ra-
dioapparaten entsprächen – Errungenschaften, die
nicht von anderen entlehnt wären, sondern wirklich
mit unseren Bedürfnissen übereinstimmten. Greifen
wir als weiteres Beispiel den Film heraus, dann unter-
scheidet sich der amerikanische vom französischen
oder deutschen in bezug auf Schattierung und Farb-
tönung. Von der Art der Spielweise und der Verfil-
mung eines Stoffes ganz abgesehen, manifestiert sich
schon auf der Ebene der Aufnahmetechnik irgendwie
der unterschiedliche Volkscharakter. Wenn das schon
beim Gebrauch derselben Apparate und Chemikalien,
desselben Filmmaterials der Fall ist, wie sehr müßte

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dann erst recht eine von uns selbständig entwickelte
Photographie auf unsere Haut, unser ganzes Ausse-
hen, unsere klimatischen und topographischen Ver-
hältnisse zugeschnitten sein. Das gleiche gilt auch für
das Grammophon und das Radio; wenn sie von uns
erfunden worden wären, so wäre wohl etwas zu-
stande gekommen, das die Eigenarten unserer Stimm-
gebung und Musik besser zum Leben erweckt. Un-
sere Musik ist ihrem Wesen nach zurückhaltend und
von Stimmungen geprägt; deshalb geht der größte
Teil ihres Reizes verloren, wenn sie auf Platten auf-
genommen oder durch Lautsprecher verstärkt wird.
Auch bei unseren Erzähl- und Redekünsten ist unsere
Stimme weniger laut, wir brauchen weniger Worte,
und wichtiger als alles andere ist das richtige Pausie-
ren; bei der mechanischen Reproduktion aber wird
dieses Pausieren vollständig zunichte. Und so verzer-
ren wir gar unsere Künste selbst, um ja der Maschine
entgegenzukommen. Ursprünglich haben die Abend-
länder diese Apparate aus ihrer Mitte heraus entwik-
kelt und daher selbstverständlich nach den Bedürfnis-
sen ihrer Künste gestaltet. In diesem Sinne müssen wir
die verschiedensten Nachteile in Kauf nehmen.

Das Papier ist, so heißt es, eine Erfindung der Chi-


nesen. Wenn wir westliches Papier vor uns haben,
empfinden wir nichts, außer daß es sich um einen
einfachen Gebrauchsgegenstand handelt. Wenn wir

9
jedoch die Musterung von China- oder Japan-Papier
betrachten, so spüren wir darin eine Art Wärme, die
unser Herz beruhigt. Auch wenn alle Sorten weiß
sind, so ist doch die Weiße des westlichen Papiers
verschieden von der Weiße des dicken japanischen
hōsho-Papiers * oder des weißen China-Papiers. Die
Oberfläche des westlichen Papiers scheint die Licht-
strahlen gleichsam zurückzuwerfen, während das
hōsho- und das China-Papier wie eine Fläche weichen,
frisch gefallenen Schnees die Lichtstrahlen satt in sich
aufsaugt. Berührt man es, so ist es geschmeidig und
erzeugt beim Falten und Zusammenlegen kein Ge-
räusch. Es fühlt sich sanft und feucht an, als ob man ein
Laubblatt anfaßte. Im allgemeinen werden wir von
innerer Unruhe erfaßt, wenn wir hell glänzende
Dinge sehen. Im Westen verwenden die Leute unter
anderem für das Besteck Silber und Stahl und Nickel
und polieren es, damit es möglichst glitzert, aber wir
haben eine Abneigung gegen solche funkelnden Ge-
genstände. Zwar braucht man auch bei uns gelegentlich
Wasserkessel, Sake-Schalen und -Flaschen aus Sil-
ber, doch nie werden sie so poliert. Im Gegenteil, man
freut sich, wenn der Oberflächenglanz verschwindet
und sie mit dem Alter schwarz anlaufen. Fast in jedem
Haus kommt es vor, daß eine unverständige Dienst-
magd ein Silbergefäß mit wertvoller Patina blank-
scheuert und deswegen vom Hausherrn gescholten
wird. Neuerdings ist in der chinesischen Küche Zinn-
geschirr weit verbreitet. Vermutlich lieben es die Chi-
nesen, weil es ebenfalls Patina ansetzt. Solange es näm-

20
lich neu ist, sieht es ähnlich wie Aluminium aus und ist
nicht gerade ansprechend; erst wenn es älter wird und
eine geschmackvolle Qualität annimmt, können die
Chinesen sich damit anfreunden. Und auch die darauf
eingravierten Gedichtzeilen und anderen Aufschriften
passen erst dann wirklich dazu, wenn die Oberfläche
schwärzlich angelaufen ist. Das heißt, in den Händen
der Chinesen wird das seichte, glänzende Leichtmetall
Zinn zu etwas Dichtem, Schwerem, das abgründig
wirkt wie rötliche Keramik. Die Chinesen lieben auch
die Jade, und ich frage mich, ob wohl außer uns Ost-
asiaten noch jemand etwas Reizvolles an diesen selt-
sam trüben Steinklumpen sehen kann, die in ihrem
tiefsten Innern ein träges, stumpfes Licht umschließen,
als wäre da die alte Luft von Jahrhunderten zu einer
Masse geronnen. Auch wir selber sind uns nicht recht
im klaren darüber, was uns eigentlich zu solchen Stei-
nen hinzieht, die weder die Farben des Rubins oder
Smaragds noch das Funkeln des Diamanten an sich
haben. Aber beim Betrachten der wolkigen Oberflä-
che erscheint einem dieser Stein als etwas typisch Chi-
nesisches, so als ob sich in dieser kompakten Trübnis
gleichsam der Bodensatz der in ferne Vergangenheit
zurückreichenden chinesischen Zivilisationen abgela-
gert hätte, und man wundert sich jedenfalls nicht, daß
die Chinesen an einer solchen Farbqualität und Sub-
stanz Geschmack finden. Oder nehmen wir den Kri-
stall: Seit einiger Zeit wird viel davon aus Chile im-
portiert; vergleicht man ihn mit dem japanischen,
dann ist er allzu schön und durchsichtig. Der seit alters

2
bekannte Kristall aus der Provinz Kōshū ist hingegen
bei aller Durchsichtigkeit von leichten Wolken durch-
zogen und macht einen schwereren Eindruck. Und
dann gibt es sogenannte «Graskristalle», in deren Inne-
rem undurchsichtige Partikel eingeschlossen sind und
die uns noch mehr als die anderen Freude machen.
Selbst das Glas – gibt es nicht das von den Chinesen
produzierte kenryū-Glas, welches eher nach Jade oder
Achat aussieht als nach Glas? Die Kunst der Glasher-
stellung ist zwar schon früh auch im Osten bekannt
geworden, aber hat sich, anders als im Westen, nicht
entfaltet. Dafür wurde die Keramik weiterentwickelt,
was ohne Zweifel mit unserem Volkscharakter in Zu-
sammenhang stehen muß. Man kann nicht sagen, daß
wir ganz allgemein glänzende Dinge ablehnen; doch
einem seichten, hellen Glanz ziehen wir ein vertieftes,
umwölktes Schimmern vor. Sei es ein natürlicher
Stein oder ein künstlich geschaffenes Gerät, es geht
uns um einen von Trübungen gedämpften Glanz, der
unfehlbar mit der Vorstellung einer Alterspatina zu-
sammenhängt. Man hört den Ausdruck «Alterspatina»
oder dergleichen oft, doch um die Wahrheit zu sagen,
handelt es sich um den Glanz, der auf den Schweiß
und Schmutz der Hände zurückzuführen ist. In China
gibt es das Wort «Handglanz», in Japan das Wort
«nare» (Abgegriffensein; Anm. d. Übers.); beide mei-
nen den Glanz, der entsteht, wenn eine Stelle von
Menschenhänden während langer Zeit angefaßt,
glattgescheuert wird und die Ausdünstungen allmäh-
lich ins Material eindringen. Es handelt sich also,

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anders gesagt, zweifelsohne um den Schweiß und
Schmutz der Hände. So betrachtet, darf man dem
Ausspruch «Guter Geschmack ist eine kalte Sache»
auch noch beifügen «und eine unsaubere dazu». Jeden-
falls läßt sich nicht leugnen, daß in dem, was wir als
«Raffinement» schätzen, ein Element von Unreinlich-
keit und mangelnder Hygiene steckt. Während die
Abendländer den Schmutz radikal aufzudecken und
zu entfernen trachten, konservieren ihn die Ostasiaten
sorgfältig und ästhetisieren ihn, so wie er ist – könnte
man, wenn man wollte, beschönigend sagen; aber wie
auch immer, es ist unser Schicksal, daß wir nun einmal
Dinge mit Spuren von Menschenhänden, Lampen-
ruß, Wind und Regen lieben oder auch daran erin-
nernde Farbtönungen und Lichtwirkungen. Und
wenn wir in solchen Gebäuden, mitten unter solchen
Gerätschaften wohnen, dann besänftigt sich unser
Herz und beruhigen sich unsere Nerven in seltsamer
Weise. Darum denke ich immer bei mir, wie es wäre,
wenn man in den Krankenhäusern, die für Japaner
bestimmt sind, nicht derart glänzende oder schnee-
weiße Wände, Operationskleider und medizinische
Apparate häufen würde, sondern all das in einem
etwas dunkleren, weicheren Ton hielte. Falls die
Wände mit Sand oder etwas Ähnlichem abgedeckt
wären und die Patienten auf tatami in japanischen
Räumen behandelt würden, müßte sich sicher auch
ihr Erregungszustand legen. Der Grund, warum wir
den Zahnarzt nicht mögen, liegt zum einen sicher bei
den Kratz- und Bohrgeräuschen, zum andern aber

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gibt es da allzu viele glitzernde Gegenstände aus Glas
und Metall, die uns einschüchtern. Damals, als ich an
ausgeprägter Nervenschwäche litt, sträubten sich mir
die Haare, wenn ich nur schon von einem Zahnarzt
hörte, der eben aus Amerika zurückgekehrt und auf
seine modernste Einrichtung stolz war. Einen altmo-
dischen Zahnarzt, der in einem traditionellen japani-
schen Haus eines kleinen Landstädtchens seine Praxis
eingerichtet hatte, suchte ich dagegen gerne auf.
Damit will ich freilich nicht sagen, vom Alter ge-
zeichnete medizinische Apparate seien etwas Erstre-
benswertes. Aber wenn die moderne Medizin in
Japan herangereift wäre, so hätte man die Einrichtun-
gen und Apparaturen zur Behandlung der Kranken
doch wohl irgendwie in einer Weise entworfen, daß
sie mit japanischen Räumen harmonieren. Auch dies
ist ein Beispiel dafür, wie uns aus der Übernahme von
Dingen Nachteile erwachsen.

In Kyoto gibt es ein berühmtes Restaurant namens


Waranji-ya. In diesem Haus wurden bis vor kurzem
die Gastabteile nicht mit elektrischen Lampen, son-
dern mit altertümlichen Kerzenleuchtern erhellt, was
als besondere Attraktion galt. Doch als ich diesen
Frühling nach längerem Unterbruch wieder einmal
hinging, waren plötzlich stehlampenförmige elektri-
sche Lichter an ihre Stelle getreten. Als ich fragte, seit
wann das so sei, hieß es, man habe sie im letzten Jahr

24
ersetzt; man sei dazu gezwungen gewesen, weil viele
Gäste sich beklagt hätten, es sei allzu dunkel bei Ker-
zenlicht. Denjenigen aber, denen es in der alten Weise
besser gefallen habe, bringe man gerne Kerzenleuch-
ter. Ich ließ also die Lampen mit Kerzenleuchtern
vertauschen, denn ich war gerade auch wegen dieses
Vergnügens hergekommen. Und bei der Gelegenheit
spürte ich, wie die Schönheit der japanischen Lackar-
beiten erst dann wirklich zur Geltung kommt, wenn
man sie in solch unbestimmtes Dämmerlicht stellt.
Die Séparées im Waranji-ya sind bescheidene, etwa
viereinhalb Matten große Teeräume, die Pfeiler der
Wandnischen und die Decken glänzen schwärzlich,
und deshalb erwecken sie schon bei elektrischer Steh-
lampenbeleuchtung einen dunklen Eindruck. Aber als
die noch weit dunkleren Kerzenleuchter gebracht
wurden und ich im Widerschein ihrer schwankenden
Flammen das Eßtischchen und die Suppenschale an-
schaute, entdeckte ich, daß der abgründig und dicht
wie ein stehendes Gewässer schimmernde Glanz dieser
Lackgegenstände einen ganz andersartigen Reiz als
bisher gewonnen hatte. Ich weiß jetzt, es war kein
Zufall, daß unsere Vorfahren den Lack als Anstrich
erfunden und eine Vorliebe für die Farbwerte und
Ausstrahlung der damit behandelten Geräte gezeigt
haben. Mein Freund Sabarwal hat mir berichtet, in
Indien meide man auch heute noch Keramik als Eß-
geschirr, größtenteils brauche man dafür Lackwaren.
Wir im Gegenteil verwenden, sieht man von der Tee-
zeremonie oder anderen zeremoniellen Gelegenheiten

25
ab, fast nur Keramik, außer für die Eßtischchen und
die Suppenschalen, ja, es ist so weit gekommen, daß
man Lackwaren geradezu als bäurisch und ge-
schmacklos ansieht. Liegt ein Grund dafür nicht etwa
in der «Helligkeit», die uns die neuen Beleuchtungs-
einrichtungen beschert haben? Es ist in der Tat be-
rechtigt, «Dunkelheit» zu den notwendigen Bedin-
gungen zu rechnen, wenn die Schönheit einer Lack-
arbeit beurteilt werden soll. Heute stellt man zwar
auch so etwas wie «weißen Lack» her, doch die Ober-
fläche der seit alters gebräuchlichen Lacke ist schwarz,
braun oder rot; es sind Farben, in denen sich «Dunkel-
heit» in mehreren Schichten abgelagert hat und die,
so darf man annehmen, notwendigerweise aus dem
Dunkel ihrer Umgebung heraus entstanden sind. Mit
luxuriösen Lackmalereien versehene, hellglänzende,
wachsüberzogene Toilettenkästen, Schreibpulte, Re-
gale mögen zwar tatsächlich grell, ruhelos, ja sogar
vulgär wirken; aber man tauche einmal den Raum in
ihrer Umgebung in pechschwarze Dunkelheit und
lasse dann anstelle des Sonnenlichts oder des elektri-
schen Lichts das Licht einer einzigen Altarlampe oder
Kerze aufscheinen – so werden diese grellen Gegen-
stände alsbald eine Qualität von Tiefe, Schlichtheit
und Würde annehmen. Ohne Zweifel hatten die
Kunsthandwerker früherer Zeiten, wenn sie Geräte
lackierten und mit Malereien versahen, solche dunk-
len Räume im Sinn und wollten eine Wirkung im
Rahmen solch spärlicher Beleuchtung erzielen; und
auch wenn sie reichlich Goldfarbe verwendeten, so

26
bedachten sie sehr wohl, in welchem Grad das Gold
im Dämmerlicht hervortreten und den Lampenschein
reflektieren würde. Das heißt, eine Lackmalerei in
Gold soll nicht an einem hellen Ort mit einem Blick
als Gesamtheit überschaut werden, sondern sie ist so
beschaffen, daß man an einem dunklen Ort von Zeit
zu Zeit den einen und dann wieder den andern Teil
tiefgründig auf leuchten sieht. Gerade die Tatsache,
daß die prunkvoll-üppigen Muster größtenteils im
Dunkel verborgen bleiben, erzeugt eine unaussprech-
liche Resonanz. Jener hervorstechende Glanz der ge-
samten Oberfläche seinerseits widerspiegelt, wenn ins
Dunkel gerückt, das Schwanken der Flamme, zeigt
an, daß auch durch ein ruhiges Zimmer gelegentlich
ein Luftzug streicht, und zieht den Menschen unwill-
kürlich ins Sinnieren hinein. Stünden in dem düstern
Raum keine Lackgeräte, wieviel an Reiz verlöre dann
die Traumwelt jenes durch Kerzen oder Altarlämp-
chen erzeugten Ungewissen Lichtscheins und wieviel
verlöre der vom Flackern einer Flamme bestimmte
Pulsschlag der Nacht! Wirklich, als ob zahlreiche
Rinnsale über die tatami flössen und sich zu einem
stehenden Gewässer sammelten, so nimmt der Lack
hier und dort einen Lichtstrahl auf, leitet ihn dünn,
diffus und flackernd weiter und webt ein Muster in
die Nacht selber hinein, ähnlich dem einer Lackmale-
rei. Zwar eignet sich Keramik nicht schlecht für Eß-
geschirr, doch fehlt ihr im Unterschied zu den Lacken
die Schattierung und Tiefe. Nimmt man Keramikwa-
ren in die Hand, so wirken sie schwer und kalt; weil

27
sie die Wärme schnell weiterleiten, sind sie für warme
Speisen nicht zweckmäßig, und überdies klirren sie
unangenehm. Lack waren dagegen liegen leicht in der
Hand, sind weich und erzeugen kaum einen hörbaren
Ton. Wenn ich eine Suppenschale in der Hand halte,
dann liebe ich über alles ihre lebendige Wärme und
die Schwere ihres Inhalts, die auf der Handfläche la-
stet. Es ist ein Gefühl, als ob man den geschmeidigen
Körper eines eben geborenen Säuglings trüge. Mit
guten Gründen wird also auch heute noch eine Lack-
schale für die klare Suppe verwendet; niemals könnte
Keramik denselben Dienst leisten. Vor allem zeigt sich
bei einer Keramikschale der Körper und die Färbung
der darin enthaltenen Flüssigkeit durch und durch,
sobald man den Deckel hebt. Unvergleichlich ist da-
gegen bei der Lackschale die kurze Zeitspanne vom
Abnehmen des Deckels bis zum Ansetzen der Schale
an den Mund, wenn am dunklen, tief hinabführenden
Schalengrund die kaum von der Lackfarbe zu unter-
scheidende, lautlos dahindämmernde Flüssigkeit sich
dem Auge darbietet. Man kann nicht erkennen, was
das Dunkel der Schale in sich birgt, aber man fühlt auf
der Hand das sanfte Schwanken der Brühe, man be-
merkt, wie sich am Rand ein feiner Dunst niederge-
schlagen hat und von daher der Dampf aufsteigt,
man ahnt aus dem Geruch dieses Dampfes andeutungs-
weise den Geschmack, noch bevor man die Schale an
die Lippen setzt. Was für ein Unterschied des Empfin-
dens in diesem Augenblick, wenn man an die west-
liche Manier denkt, Suppen in seichten, weißlichen

28
Tellern aufzutragen! Man geht kaum zu weit mit der
Behauptung, es sei darin eine Art von Mystik, ein
Anstrich von Zen enthalten.

Wenn ich die Suppenschale vor mir habe, wenn ich


die Schale singen höre mit jenem ganz leisen, wie von
einem fernen Insekt herstammenden Ton, der gleich-
sam ins innerste Ohr einsickert, wenn ich meine Sinne
auf den Vorgeschmack der Speise richte, die ich gleich
kosten werde, dann fühle ich mich immer in einen
Zustand der Selbstvergessenheit hineingezogen. In
einer ähnlichen Gemütslage befinden sich vermutlich
die Teeliebhaber, die das Geräusch des ziehenden
Wassers in Gedanken mit dem Wind in den Kiefern
von Onoe * verbinden und dabei in Verzückung gera-
ten. Es heißt oft, die japanische Küche sei nicht zum
Essen da, sondern zum Anschauen, aber in unserem
Fall möchte ich sagen, noch mehr als zum Anschauen
sei sie zum Meditieren da. Das ist die Wirkung einer
wortlosen Musik, die aus dem Zusammenspiel des im
Dunkel flackernden Kerzenlichts mit der Lackschale
aufklingt. Vor einiger Zeit hat Meister Sōseki in sei-
nem Werk «Kusamakura» * die Farbe der süßen Boh-
nenpaste (yōkan) * gepriesen; und in der Tat, hat jene
Farbe nicht auch etwas Meditatives an sich? Die wie
Jade halbdurchsichtige, umwölkte Oberfläche saugt
das Licht tief in sich hinein und umschließt eine
traumhafte, matte Helligkeit. Ein solches Gefühl, eine

29
solche Tiefe und Komplexität der Färbung wird man
bei westlichen Süßigkeiten nie zu Gesicht bekommen.
Wie seicht und simpel wirken im Vergleich dazu Crè-
mes irgendwelcher Art! Einen noch stärkeren Anreiz
zur Meditation bietet die Färbung der Bohnenpaste
allerdings, wenn man sie in eine Lackschale gibt und
wenn ihr Oberf lächenglanz im kaum durchschau-
baren Dunkel der Schale versinkt. Schiebt man nun
eines dieser kalten, glatten Stücke in den Mund, so hat
man das Gefühl, die im Zimmer herrschende Dunkel-
heit sei gewissermaßen zu einem süßen Klumpen ge-
ronnen, der nun auf der Zungenspitze zergeht; und
selbst eine yōkan-Sorte, die in Wahrheit nicht beson-
ders fein ist, gewinnt dadurch eine ungewöhnliche
Tiefe des Geschmacks. Wahrscheinlich dürfte in allen
Ländern die Färbung der Speisen so gehalten sein, daß
sie mit der Farbe des Eßgeschirrs und auch der Zimmer-
wände harmoniert; gewiß ist jedenfalls, daß der
Appetit um die Hälfte abnimmt, wenn man japani-
sche Speisen an einem hellen Ort aus weißlichem Ge-
schirr ißt. Als Beispiel sei jene rötliche miso-Suppe *
erwähnt, die wir jeden Morgen zubereiten: Wenn
man über ihre Farbe nachdenkt, leuchtet es ein, daß sie
ihren Ursprung in den halbdunklen Häusern früherer
Zeiten haben muß. Einst folgte ich der Einladung zu
einer Teezeremonie, bei der miso-Suppe aufgetragen
wurde. Als ich die durch eine dicke, rötliche Erdfarbe
gekennzeichnete Brühe, welche ich bis dahin immer
gedankenlos zu mir genommen hatte, betrachtete,
wie sie unter ungewissem Kerzenschimmer in einer

30
schwarzen Lackschale dahindämmerte, wurde mir be-
wußt, welche Tiefe und welcher Wohlgeschmack tat-
sächlich in dieser Farbe beschlossen ist. Oder nehmen
wir als weiteres Beispiel die Sojasauce, besonders jenes
schwere Konzentrat namens tamari, das man in der
Gegend von Kyoto-Osaka für rohen Fisch und einge-
legtes oder gekochtes Gemüse verwendet: Wie reich
an Schatten ist doch diese dickf lüssig glänzende
Tunke, wie sehr steht sie mit der Dunkelheit im Ein-
klang. Aber auch weiße miso-Suppe, tōfu *, kamaboko *,
geriebene Yamswurzel, weißf leischiger Fisch, alle
diese Dinge, die weiß aussehen, kommen farblich
nicht zur Geltung, wenn ihre Umgebung erhellt
wird. Und dann vor allem der Reis: Gibt man ihn
in einen glänzenden, schwarzlackierten Reisbehälter
und stellt man ihn an einem dunklen Ort auf, dann ist
er nicht nur schön zum Anschauen, sondern regt auch
den Appetit an. Wer jenen frischgekochten, reinwei-
ßen Reis sieht, wie er unter dem rasch gehobenen
Deckel hervor warmen Dampf aufsteigen läßt, wie er
in dem schwarzen Gefäß aufgehäuft daliegt und wie
jedes einzelne Korn gleich einer Perle glänzt, der wird,
sofern er ein Japaner ist, so recht das Ehrfurchtgebie-
tende des Reises spüren. Beim Nachdenken über all
diese Dinge kommt man zur Einsicht, daß unsere
Küche gewöhnlich den Schatten zum Grundton
macht und mit der Dunkelheit in unauflöslicher Ver-
bindung steht.

3
Ich bin zwar ein vollständiger Laie in bezug auf
Architektur, aber es heißt, die Schönheit der west-
lichen Kathedralen gotischen Stils bestehe darin, daß
ihre Dächer steil in die Höhe laufen und ihre Spitzen
bis in den Himmel hinein streben. Im Gegensatz dazu
stülpt sich bei den Tempelhallen unseres Landes ein
riesiges Ziegeldach über das ganze Gebäude, und die
Struktur ist in dem breiten, tiefen Schatten zu-
sammengefaßt, den das Vordach wirft. Nicht nur bei
den Tempeln, sondern auch bei den Palästen und
Bürgerhäusern ist das, was von außen her am meisten
in die Augen fällt, das große, manchmal ziegelge-
deckte, manchmal schilfgedeckte Dach und die unter
dem Vordach sich ausbreitende kompakte Dunkel-
heit. Gelegentlich herrscht selbst am hellichten Tag
von der Dachtraufe an eine höhlenähnliche Düsternis,
und der Eingang, die Türen, die Wände, die Pfeiler
sind kaum zu erkennen. Dies trifft gleicherweise für
die mächtigen Bauten etwa des Chion-in * oder des
Honganji-Tempels * wie auch für weit abgelegene
Bauernhäuser auf dem Lande zu. Vergleicht man bei
alten Gebäuden die Dachpartie mit dem Teil von der
Dachtraufe abwärts, so erscheint wenigstens dem blo-
ßen Auge das Dach meist viel schwerer, höher, groß-
flächiger. Wenn wir also einen Wohnsitz errichten,
breiten wir vor allen Dingen den Schild eines Daches
aus, beschatten damit ein abgemessenes Areal auf dem
Erdboden und konstruieren das Haus in diesen
dämmrigen Schattenbezirk hinein. Natürlich sind
auch die Gebäude im Westen nicht ohne Dächer,

32
aber ihr Hauptzweck liegt weniger im Abschirmen
der Sonnenstrahlung als im Schutz vor Regen und
Nässe, und schon die äußeren Unirisse machen deut-
lich, daß sie darauf angelegt sind, ein Minimum an
Schatten zu werfen und den Innenraum soviel wie
irgend möglich dem Licht auszusetzen. Wenn das
japanische Dach ein Schirm ist, so ist das westliche
Dach nur ein Hut – ein Hut überdies, dessen Krempe
wie bei einer Sportmütze auf einen kleinen Rest
reduziert ist und bei dem die direkte Sonnenstrahlung
bis ganz nahe unter den Rand hinauf vordringt. Ver-
mutlich hängt die Länge des japanischen Vordachs mit
den klimatischen und topographischen Verhältnissen,
mit den Baumaterialien und mit verschiedenen ande-
ren Bedingungen zusammen. Zum Beispiel hatte
man keine Ziegel, kein Glas und keinen Zement
zur Vertilgung, und deshalb sah man sich wohl ge-
zwungen, die Vordächer tief herabzuziehen, um die
seitlichen Windstöße und Regenschauer abzuhalten.
Man machte also aus der Not eine Tugend, denn ohne
Zweifel wären auch für die Japaner helle Räume be-
quemer gewesen als dunkle. Das, was man als schön
bezeichnet, entsteht in der Regel aus der Praxis des
täglichen Lebens heraus. So entdeckten unsere Vor-
fahren, die wohl oder übel in dunklen Räumen woh-
nen mußten, irgendwann die dem Schatten innewoh-
nende Schönheit, und sie verstanden es schließlich
sogar, den Schatten einem ästhetischen Zweck dienst-
bar zu machen. Tatsächlich gründet die Schönheit
eines japanischen Raumes rein in der Abstufung

33
der Schatten. Sonst ist überhaupt nichts vorhanden.
Abendländer wundern sich, wenn sie japanische
Räume anschauen, über ihre Einfachheit und haben
den Eindruck, es gebe da nur graue Wände ohne die
geringste Ausschmückung. Das ist von ihrem Stand-
punkt her gesehen durchaus plausibel; aber es zeigt,
daß sie das Rätsel des Schattens nicht begriffen haben.
Wir hingegen bringen auf der Außenseite der Zim-
mer, in die die Sonnenstrahlen ohnehin schon mit
Mühe eindringen, zusätzlich noch Schutzdächer oder
Veranden an, um das Licht noch mehr fernzuhalten
und um zu bewirken, daß sich nur der diffuse Wider-
schein vom Garten her durch die shōji hindurch ins
Innere stehlen kann. So besteht das ästhetische Ele-
ment unserer Räume in nichts anderem als eben in
dieser mittelbaren, abgestumpften Lichtwirkung.
Und damit dieses kraftlose, kümmerliche, unbe-
stimmte Licht sich stillvertraulich über die Zimmer-
wände legt, versehen wir diese Wände absichtlich mit
einem Sandbelag in zurückhaltenden, dezenten Far-
ben. Orte wie Speicher, Küchen, Korridore werden in
einem glanzvollen Farbton gehalten; doch die Wände
der Wohnräume sind fast durchwegs Sandwände und
werden höchst selten zum Glänzen gebracht. Denn
wenn man ihnen Glanz verleiht, löst sich die weiche,
zarte Stimmung des spärlichen Lichtscheins in nichts
auf. Wir erfreuen uns an jener zarten Helligkeit, die
entsteht, wenn ein bereits diffuses Außenlicht allent-
halben die dämmerfarbigen Wandflächen überzieht
und nur mit Mühe einen Rest von Leben bewahrt.

34
Für uns übertrifft diese Helle oder dieses Dämmerlicht
auf den Wänden jegliche Art von Dekor, und wir
werden seines Anblicks nie überdrüssig. Darum sind
richtigerweise die Sandwände immer in einer einheit-
lichen Farbe angestrichen, damit die Lichtwirkung
nicht beeinträchtigt wird. Nur von Raum zu Raum
gibt es je leicht veränderte Farbtönungen – und was
für delikate Unterschiede sind das doch! Fast eher
als um Farbunterschiede handelt es sich um ganz ge-
ringe Hell-Dunkel-Nuancen, die etwa leichten Stim-
mungsschwankungen des Betrachters entsprechen.
Überdies erhält jeder Raum aufgrund der unmerk-
lichen Farbunterschiede eine ihm eigene, leicht anders
getönte Schattenwirkung. Es gibt allerdings in unse-
ren Wohnräumen auch die sogenannten Wandnischen
(tokonoma), in die man Bildrollen hängt und Blumen
stellt; aber selbst diese Bildrollen und Blumen sollen
nicht so sehr die Wirkung einer Dekoration ausüben
als vielmehr dem Schatten Tiefe verleihen. Wenn wir
eine Bildrolle aufhängen, dann achten wir vor allen
Dingen auf den Einklang der Rolle mit der Wand
der tokonoma, also auf das, was man tokoutsuri (etwa:
Stimmigkeit in bezug auf die Wandnische; Anm.
d. Übers.) nennt. Eben darum legen wir auch auf die
Art, wie eine Rolle aufgezogen ist, gleich viel Ge-
wicht wie auf die Kalligraphie oder das Bild selbst, das
den Inhalt der Rolle ausmacht. Wenn die Stimmig-
keit schlecht ist, so verliert jedes noch so berühmte
kalligraphische oder malerische Werk seinen Wert als
Hängebild. Umgekehrt gibt es Fälle, da eine für

35
sich genommen keineswegs zu den Meisterwerken
zählende Kalligraphie oder Malerei, sobald man sie in
die Nische eines Teeraums hängt, damit außerge-
wöhnlich gut harmoniert, so daß Bildrolle wie Raum
plötzlich gesteigert hervortreten. Und wenn man
nachprüft, was denn bei dieser an sich nicht gerade
hervorragenden Rolle eine so harmonische Wirkung
hervorbringt, dann liegt es gewöhnlich an der antiken
Qualität des Papiers, der Tuschfarbe oder der Lein-
wand, auf die das Bild montiert ist. Diese antike Qua-
lität steht im genau entsprechenden Verhältnis zur
Dunkelheit der Wandnische oder des ganzen Raums.
Wir besuchen häufig die berühmten Tempel in Kyoto
oder Nara, und man zeigt uns dabei manche als Tem-
pelschätze geltenden Bildrollen, die in den Wand-
nischen von weiten, tief hineinführenden Hallen
hängen. Solche Nischen sind meist auch tagsüber
kaum erhellt, man kann die Bildelemente nicht aus-
einanderhalten, und während man zu den Erklärun-
gen des Führers den halbverblaßten Tuschespuren
folgt, bildet man sich nur ein, man habe ein prachtvol-
les Bild vor sich. Doch ergibt sich zwischen solchen
alten Bildern und düsteren Wandnischen ein so ge-
naues Zusammenspiel, daß man die Undeutlichkeit
der Zeichnung nicht nur problemlos akzeptiert,
sondern auch noch das Gefühl hat, ein solches Maß an
Undeutlichkeit sei genau das Richtige. Das heißt, in
diesem Fall ist das Bild nichts weiter als eine vor-
nehme «Fläche», die zur Aufnahme des unbestimm-
ten, schwachen Lichtscheins dient, hat also gänzlich

36
dieselbe Funktion wie eine Sandwand. Aus diesem
Grund legen wir bei der Wahl von Bildrollen auf das
Alter und die Patina so viel Wert. Ein neues Bild, sei
es nun in Tusche oder koloriert, zerstört nämlich die
Schattenwirkung der Wandnische, wenn man nicht
außerordentlich achtgibt.

Wollte man den japanischen Wohnraum mit einem


Tuschebild vergleichen, dann entsprächen die shōji
den Stellen, wo die Tusche sehr verdünnt aufgetragen
ist, und die Wandnische den Stellen, wo die Tusche
am kräftigsten ist. Jedenfalls, wenn ich die Wandni-
sche eines geschmackvoll durchgestalteten japanischen
Raumes sehe, bewundere ich, in welchem Ausmaß
die Japaner das Geheimnis des Schattens verstanden
haben und wie raffiniert sie mit Licht und Schatten
umzugehen wissen; und zwar ohne allzu spezielle
Vorkehrungen. Kurz gesagt haben sie mit Hilfe von
bloßem Holz und nackter Wandf läche einen nach
hinten eingelassenen Raum ausgespart, in dessen Ver-
tiefungen das einfallende Licht hier und dort dämm-
rige Winkel erzeugt. Bei allem Wissen, daß es sich nur
um simple Schatten handelt, drängt sich uns dennoch
im Anschauen der dunklen Stellen hinter dem oberen
Querbalken, im Umkreis der Blumenvase oder unter
den Wandregalen der Eindruck auf, die Luft sei dort
lautlos in sich versunken und das Dunkel von einer
ewig unveränderlichen Stille beherrscht. Vermutlich

37
ist mit dem «Mysterium des Ostens», von dem die
Abendländer reden, die unheimliche Stille gemeint,
die solches Dunkel in sich birgt. Auch uns selbst über-
kam in der Jugendzeit jeweils eine unaussprechliche
Furcht, ein Frösteln, wenn wir in die Wandnische
eines Teeraums oder Studierzimmers hineinstarrten,
wo kein Sonnenstrahl hingelangte. Wo liegt also der
Schlüssel zu dem Mysterium? Ich will das Geheimnis
lüften: Es läßt sich letzten Endes auf die Magie des
Schattens zurückfuhren. Falls man die in allen Win-
keln kauernden Schatten fortscheuchte, wäre die
Wandnische augenblicklich nichts weiter als ein leerer
Raum. Das Genie unserer Vorfahren hat also der
Schattenwelt, die durch bewußtes Abschirmen eines
leeren Raums von selber entsteht, einen geheimnis-
vollen ästhetischen Ausdruck verliehen, gegen wel-
chen keine Wandbemalung oder Dekoration auch nur
annähernd aufkommt. Das sieht nach einem simplen
Kunstgriff aus; aber in Wirklichkeit liegen die Dinge
nicht so einfach. Man kann unschwer abschätzen, wie-
viel den Blicken verborgene Mühe für jedes Detail,
zum Beispiel für den Fensterausschnitt zur Seite der
Wandnische, für die Tiefe des oberen Querbalkens,
für die Höhe der Nischenschwelle, aufgewendet wor-
den ist. Ich jedenfalls bleibe im weißlich-matten
Lichtschimmer, den die shōji des Studierzimmers her-
einlassen, oft unversehens davor stehen und vergesse,
wie die Zeit verstreicht. Ursprünglich diente das Stu-
dierzimmer, wie der Name sagt, zum Bücherlesen,
und das besagte Fenster wurde zu diesem Zweck an-

38
gebracht. Im Verlauf der Zeit reduzierte es sich dann
wohl zum reinen Lichteinlaß für die Wandnische. In
vielen Fällen kann man es aber nicht einmal mehr als
Lichteinlaß bezeichnen, sondern es hat eher die Funk-
tion, das von der Seite her einfallende Außenlicht
durch das shōji-Papier einmal zu filtrieren und in an-
gemessener Weise zu dämpfen. Was für einen einsa-
men, frostigen Ton hat doch das indirekte Gegenlicht,
das da hinter jenen shōji aufscheint! Das Sonnenlicht
des Gartens, welches sich zuerst unter das Vordach
eingeschlichen hat und dem Korridor entlang endlich
bis hierhin vorgedrungen ist, hat keine Kraft mehr,
die Dinge wirklich zu beleuchten. Als ob ihm alle
Lebenskraft abhanden gekommen wäre, vermag es
nur noch gerade das Weiß des shōji-Papiers hervorzu-
heben. Ich bleibe öfters vor diesen shōji stehen und
betrachte die Papierfläche, die zwar hell ist, aber nicht
im geringsten blendet. In den Räumen von mächti-
gen Tempelbauten wird das Licht wegen des großen
Abstands zum Garten noch weiter verdünnt, und –
sei es Frühling, Sommer, Herbst oder Winter, sei es
ein heiterer oder ein bewölkter Tag, sei es Morgen,
Mittag oder Abend – das matte Weiß zeigt kaum eine
Veränderung. In jedem Rechteck der mit dichtste-
henden, senkrechten Leisten versehenen shōji bilden
sich Schattenwinkel, gerade als ob sich Staub abgela-
gert hätte; man fragt sich verwundert, ob sie denn
ewig unbewegt auf dem Papier haften bleiben. In
solchen Augenblicken zweifle ich an der Wirklich-
keit dieser traumhaften Helle und zwinkere mit den

39
Augen. Das Gefühl drängt sich auf, vor den Augen sei
ein nebelhaftes Flimmern, das die Sehkraft abstumpft.
Es liegt daran, daß der Widerschein des mattweißen
Papiers die dichte Dunkelheit der Wandnische nicht
zu verscheuchen vermag, sondern im Gegenteil, vom
Dunkel zurückgeworfen, eine sinnverwirrende At-
mosphäre erzeugt, in der sich Helle und Dunkelheit
nicht auseinanderhalten lassen. Haben Sie, meine
Leser, beim Betreten eines solchen Raumes nicht auch
schon das Gefühl gehabt, das darin schwebende Licht
sei kein gewöhnliches Licht, sondern habe etwas be-
sonders Ehrfurchtgebietendes, Gewichtiges an sich?
Oder hat Sie nie eine Art Schauder vor dem «Ewigen»
erfaßt im Gedanken, daß Sie während des Aufenthalts
in diesem Raum das Zeitgefühl verlieren könnten,
daß unbemerkt Jahre verstreichen und Sie als weiß-
haariger Greis daraus hervortreten könnten?

Und weiter, wenn Sie bis tief hinein in den innersten


Raum eines solchen mächtigen Gebäudes vordringen,
haben Sie dann noch nie gesehen, wie dort im Dun-
kel, von keinem direkten Außenlicht mehr erreicht,
Goldschiebetüren oder Goldwandschirme den letzten
Ausläufer der vom weit entfernten Garten durch viele
Zimmer herdringenden Helligkeit aufnimmt und wie
im Traum verhalten reflektiert? Dieser Widerschein
wirft, einem Horizont bei Abenddämmerung ver-
gleichbar, einen unendlich zarten goldenen Schimmer

40
in das umgebende Dunkel; ich glaube nicht, daß Gold
sonst je eine so ergreifende Schönheit ausstrahlt. Es
kommt vor, daß ich mich im Vorübergehen wieder-
holt umdrehe und hinschaue. Die Oberf läche des
Goldpapiers nimmt dann, während man aus der
Frontalstellung zur Seite hin schreitet, langsam einen
machtvoll tiefen Glanz an. Es handelt sich keinesfalls
um ein rasches, unruhiges Glitzern, sondern um ein
Aufleuchten in langen Abständen, als ob ein Riese
seinen Gesichtsausdruck veränderte. Hie und da
macht man die Entdeckung, daß der Goldstaub, der
eben noch einen gleichsam schlummernden, ge-
dämpften Widerschein hervorgebracht hat, beim
Zurseitetreten wie Feuer aufflammt; und man fragt
sich verwundert, wie nur an einem so dunklen Ort
sich eine derart intensive Lichtstrahlung konzentrieren
konnte. Hier erst wird mir ganz deutlich, warum die
Alten ihre Buddhastatuen oder die Wände in den
Wohnräumen der Vornehmen vergoldet haben. Die
Menschen von heute leben in hellen Häusern und
kennen darum diese Art Schönheit des Goldes nicht.
Die Bewohner der dunklen Häuser in früheren Zeiten
dagegen ließen sich wohl nicht nur von der wunder-
vollen Farbe des Goldes bezaubern, sondern kannten
gleichzeitig auch seinen praktischen Nutzen. Denn in
den lichtarmen Innenräumen hatte es ohne Zweifel
auch die Aufgabe eines Reflektors. Das heißt, man
verwendete Blattgold und Goldstaub nicht einfach
nur aus Prunksucht, sondern benutzte ihre Ref le-
xionskraft, um die Helligkeit zu erhöhen. Wenn dies

4
zutrifft, liegt der Grund für die ungemeine Wertschät-
zung des Goldes auf der Hand: Während nämlich der
Glanz von Silber und anderen Metallen bald verblaßt,
bewahrt das Gold sehr lange seine Leuchtkraft und
mildert so die Düsternis eines Innenraums. Ich habe
weiter oben gesagt, Lackmalereien seien im Hinblick
darauf gefertigt, daß sie an einem dunklen Ort be-
trachtet werden. Das gilt aber nicht nur für Lackmale-
reien. Unsere Überlegungen bringen uns dazu, zum
Beispiel auch den reichlichen Gebrauch von Gold-
und Silberfäden in alten Geweben auf dieselbe Ur-
sache zurückzuführen. Ist nicht die Brokatschärpe des
buddhistischen Priesters das beste Beispiel dafür?
Heutzutage haben in den Städten viele Tempel ihre
Hallen erhellt, um breiteren Volksschichten entgegen-
zukommen; an solchen Orten wirkt die Schärpe un-
nötig pompös und erweckt kaum je Ehrfurchtsge-
fühle, wie würdevoll und hochgestellt der Priester,
der sie trägt, auch sein mag. Wohnt man dagegen
einer nach alten Regeln abgehaltenen Zeremonie in
einem traditionsreichen Tempel bei, entdeckt man,
wie sehr die runzlige Haut des betagten Priesters, das
unstete Flackern der Altarlampen und die Textur
jenes Brokats miteinander harmonieren, wie sehr sie
die Feierlichkeit erhöhen – eine Folge davon, daß das
Dunkel wie bei den Lackmalereien den größten Teil
des prunkvollen Gewebemusters verbirgt und nur die
Gold- und Silberfäden dann und wann partiell auf-
scheinen. Im weiteren denke ich – doch stehe ich
vielleicht mit dieser Ansicht alleine da –, daß nichts so

42
harmonisch zur Hautfarbe der Japaner paßt wie die
Kostüme des Nō-Theaters *. Bekanntlich gibt es unter
diesen Kostümen zahlreiche prachtvolle Stücke, an
die reichlich Gold und Silber verwendet worden ist;
andrerseits legen die darin auftretenden Nō-Spieler
im Unterschied zu den Kabuki-Schauspielern keine
weiße Schminke auf. So entfaltet die für Japaner cha-
rakteristische rötlich-braune Haut oder das ins Gelb-
liche hinüberspielende elfenbeinerne Gesicht einen
sonst nie erreichten Reiz, und ich bin immer voll
Bewunderung, sooft ich das Nō besuche. Besonders
passend sind Untergewänder mit eingewobenen
Gold- und Silbermustern oder Stickereien, nicht wen-
iger aber auch reichverzierte dunkelgrüne und khaki-
farbene Überwürfe und Bekleidungen von der Art
des suō, suikan und kariginu oder die in Weiß gehalte-
nen kurzärmligen Kimonos und weiten Beinkleider.
Wenn der Spieler zufällig ein schöner Jüngling ist, so
wird der Teint seiner zarten Haut, seiner jugendlich
glänzenden Wangen dadurch noch um einen Grad
erhöht; man meint da einen Zauber zu erkennen, der
sich von weiblicher Haut naturgemäß abhebt, und es
leuchtet ein, daß dies der Ort war, wo sich die Fürsten
vergangener Tage in die Schönheit ihrer Lieblinge
vergafften. Das Kabuki *, besonders das der histori-
schen Spiele und Tanzstücke, steht zwar in der Pracht
seiner Kostüme dem Nō nicht nach und übertrifft es
nach allgemeiner Meinung in der erotischen Ausstrah-
lung bei weitem. Doch wer durch regelmäßigen Be-
such mit beiden vertraut ist, wird gerade das Gegen-

43
teil für richtig halten. Gewiß, auf den ersten Blick
wirkt das Kabuki erotischer, prachtvoller; aber wenn
wir von den früheren Verhältnissen einmal absehen,
so gerät jene pompöse Farbigkeit auf der heutigen,
nach westlicher Art beleuchteten Bühne recht bald
ins Vulgäre, und man bekommt genug davon. Wenn
das für die Kostüme gilt, so gilt es ebenso für die
Schminkmaske: Man mag ein solches Gesicht für
schön halten, aber es bleibt doch bis zuletzt etwas
Zurechtgemachtes, und die Empfindung echter, na-
türlicher Schönheit fehlt. Der Nō-Spieler hingegen
tritt mit bloßem Gesicht, Nacken und Händen in Er-
scheinung; der Reiz der Gesichtszüge ist dem Betref-
fenden eigen und täuscht unsere Augen nicht im ge-
ringsten. So befällt uns beim Nō-Spieler nie jene Art
von Ernüchterung wie etwa dann, wenn wir mit dem
ungeschminkten Gesicht eines Frauendarstellers oder
jungen Liebhabers im Kabuki konfrontiert werden.
Wir bemerken einzig und allein, in welchem Ausmaß
ein Spieler, der ja dieselbe Haut hat wie wir, durch das
Tragen von scheinbar unpassenden Prunkgewändern
der Feudalzeit in seinem Aussehen herausgehoben er-
scheint. Früher einmal habe ich Kongō Iwao * in der
Rolle der Yang Kuei-fei * aus dem Nō-Stück «Der
Kaiser» gesehen und vergesse auch heute nicht, wie
anziehend seine aus den Ärmelöffnungen hervorste-
henden Hände waren. Meine Blicke schweiften beim
Betrachten öfters zu meinen eigenen, auf den Knien
liegenden Hände hinab. Wenn seine Hände so wun-
derbar aussahen, so lag das wohl an der delikaten

44
Bewegungsart der Handflächen vom Handgelenk bis
zu den Fingerspitzen, es lag an der meisterhaft einstu-
dierten Fingertechnik. Und dennoch konnte ich mich
des Staunens nicht erwehren: Woher eigentlich kam
der Glanz, der wie ein Lichtstrahl aus dem Innern
hervorbrach? Das waren doch völlig normale Japa-
nerhände, die sich in nichts von meinen auf den Knien
liegenden Händen und deren Hautfarbe unterschie-
den! Ich ließ den Blick zwei-, dreimal zwischen mei-
nen und denen von Herrn Kongō auf der Bühne hin-
und herwandern, aber soviel ich auch verglich, es
waren dieselben! Doch merkwürdig, diese gleichen
Hände, die auf der Bühne geradezu befremdend
schön wirkten, machten auf meinen Knien nur einen
ganz gewöhnlichen Eindruck. Im übrigen bleibt diese
Feststellung nicht etwa nur auf Herrn Kongō be-
schränkt. Im Nō treten nur ganz wenige Körperteile
unbedeckt nach außen in Erscheinung, nämlich das
Gesicht, der Hals und der Nacken sowie die Hände
vom Handgelenk bis zu den Fingerspitzen. Wenn wie
bei Yang Kuei-fei eine Maske getragen wird, bleibt
auch das Gesicht verborgen; und trotzdem wirkt der
Teint dieser wenigen Partien seltsam eindrücklich. Bei
Herrn Kongō war der Effekt besonders auffallend,
doch haben auch die Hände von irgendwelchen an-
dern Nō-Spielern, also ganz gewöhnliche japanische
Hände, eine Ausstrahlungskraft, die uns große Augen
machen läßt und die wir ihnen nicht zuschreiben wür-
den, solange sie in moderner Kleidung stecken. Ich
wiederhole: Dies beschränkt sich keineswegs auf

45
Darsteller vorn Typ des anmutigen Knaben oder des
schönen jungen Mannes! Im Alltag ist es zum Beispiel
kaum vorstellbar, daß die Lippen eines gewöhnlichen
Mannes anziehend wirken; auf der Nō-Bühne aber
erhält jene bräunliche Röte und jene von Feuchtigkeit
schimmernde Haut, mehr als die rot bemalten Lippen
einer Frau, eine f leischlich-sinnliche Qualität. Der
Grund ist wohl der, daß die Spieler beim Nō-Gesang
fortlaufend die Lippen mit Speichel benetzen – und
doch mag ich nicht recht glauben, es liege nur daran.
Auch weisen die Wangen der Kinderdarsteller eine
besondere Röte auf, weil diese Farbe höchst wir-
kungsvoll hervorgehoben erscheint. Nach meiner Er-
fahrung entsteht dieser Eindruck am häufigsten dann,
wenn Kostüme in grünen Farbtönen getragen wer-
den. Bei Kindern mit weißem Teint ist die Wirkung
natürlich gegeben, aber bei Kindern mit dunklem
Teint fällt in Wahrheit die charakteristische Röte noch
mehr in die Augen. Und zwar aus dem folgenden
Grund: Bei hellhäutigen Kindern ist der Kontrast
zwischen Weiß und Rot überdeutlich und deshalb zu
stark in Verbindung mit dem dunkel gebrochenen
Ton des Nō-Gewands. Auf den bräunlichen Wangen
eines dunkelhäutigen Knaben jedoch sticht das Rot
nicht so stark hervor; Kostüm und Gesicht steigern
sich gegenseitig. Dezentes Grün und herbes Braunrot,
diese beiden farblichen Zwischenstufen spiegeln sich
ineinander, die Haut der gelben Rasse findet ihren
adäquaten Ausdruck und zieht jetzt erst die Augen auf
sich. Ich weiß nicht, ob es sonst noch eine vergleich-

46
bare Schönheit aufgrund von Farbenharmonie gibt.
Jedenfalls müßte, wenn im Nō gleich wie im Ka-
buki moderne Beleuchtung eingeführt würde, dieses
Schönheitsgefühl unter den brutalen Lichtstrahlen zu-
nichte werden. Wenn also die Nō-Bühne im traditio-
nellen Dämmerzustand belassen wird, so entspricht
dies einer notwendigen Übereinkunft, und je älter der
ganze Theaterbau ist, desto besser! Eine Bühne, deren
Bretter natürlichen Glanz ausstrahlen, wo die Pfeiler
und die hintere Wand schwärzlich schimmern, wo
Dunkelheit von oben unter dem First bis zum Vor-
dach herab wie eine mächtige Glocke über den Köp-
fen der Spieler hängt – eine solche Bühne eignet sich
am besten; und wenn in letzter Zeit das Nō auch in
neue Säle wie das Asahi kaikan oder das Kōkaidō
vorgedrungen ist, so mag das zwar erfreulich sein,
doch von unserem Gesichtspunkt aus verliert es dabei
über die Hälfte seines wirklichen Zaubers.

Die Dunkelheit, die das Nō umgibt, und die daraus


entstehende Schönheit bilden also eine eigentümliche
Welt des Schattens, die wir heute nur noch auf der
Bühne zu Gesicht bekommen, die aber früher wohl
nicht so weit vom wirklichen Leben entfernt war.
Denn die Dunkelheit der Nō-Bühne war auch die
Dunkelheit der damaligen Wohnhäuser, und die Nō-
Kostüme entsprachen in der Musterung und Färbung,
auch wenn sie um eine Spur prunkvoller waren, doch

47
wohl im großen und ganzen dem, was die Adligen
und Feudalherren jener Zeit trugen. Sooft ich mir das
vergegenwärtige, stelle ich mir vor – und gerate in
Entzücken darüber –, wie stattlich doch die alten
Japaner, im besonderen die Samurai zur Zeit der
Kriegswirren und der Momoyama-Periode, mit ihren
Prunkgewändern im Vergleich zu uns ausgesehen
haben müssen. Das Nō zeigt wahrhaftig die männ-
liche Schönheit unserer Landsleute in ihrer höchsten
Ausprägung, und so waren sicher auch die erprobten
Kriegergestalten auf den Schlachtfeldern jener Zeit
höchst imposante und würdevolle Erscheinungen,
wenn ihre vom Wind und Regen gezeichneten, kno-
chigen, schwarz-rötlichen Gesichter mit den Farben
und dem Glanz ihrer zeremoniellen, wappengezierten
Trachten kontrastierten. Allen, die sich am Besuch des
Nō erfreuen, bereitet es Vergnügen, mehr oder min-
der in solchen Vorstellungen zu schwelgen; und mit
dem Gedanken, daß die Farbenwelt auf der Bühne
einst gerade so Wirklichkeit gewesen sei, ist ein vom
Spiel selber unabhängiges nostalgisches Gefühl ver-
bunden. Das Kabuki dagegen erzeugt eine in jeder
Hinsicht fiktive Welt, die mit den Reizen unserer
ungeschminkten Hautfarbe in keinem Zusammen-
hang steht. Dies gilt gleicherweise für die männliche
wie auch für die weibliche Schönheit: Es ist undenk-
bar, daß Frauen in früheren Jahrhunderten dem ent-
sprochen haben, was wir heute auf dieser Bühne zu
sehen bekommen. Zwar sind auch im Nō die Frauen-
darsteller, da sie Masken tragen, weit von der Wirk-

48
lichkeit entfernt, aber noch weniger Echtheitsgefühl
kommt bei den onnagata * (Frauendarstellern; Anm.
d. Übers.) des Kabuki-Theaters auf. Das ist in erster
Linie eine Auswirkung des viel zu hellen Lichts auf
der Kabuki-Bühne. Damals, als es noch keine moder-
nen Beleuchtungsinstallationen gab, als man mit Ker-
zen und Laternen den Theaterraum nur notdürftig
auszuleuchten vermochte, standen vermutlich auch
die onnagata der Wirklichkeit um einiges näher. Es ist
also keineswegs der Begabung oder dem Aussehen
der Schauspieler zuzuschreiben, wenn geklagt wird,
im heutigen Kabuki gebe es keine ausgeprägt femini-
nen onnagata mehr wie in früheren Zeiten. Würde
man die ehemaligen onnagata auf die gegenwärtige
lichtüberflutete Bühne stellen, so fielen ohne Zweifel
auch bei ihnen die harten männlichen Umrisse in die
Augen. Es war also nur das frühere Dämmerlicht, das
diese Umrisse in angemessener Weise überdeckte. Mit
aller Deutlichkeit wurde ich mir dessen bewußt, als
ich den alternden Baikō * in der Rolle der Okaru * sah.
Ich dachte: Es ist die unnötig übertriebene Beleuch-
tung, die die Schönheit des Kabuki-Theaters zuschan-
den macht! Im Bunraku-Puppentheater * seien, wie
mir ein Kenner aus Osaka versicherte, auch nach An-
bruch der Meiji-Epoche noch lange Zeit Lampen ver-
wendet worden, und damals habe eine weit nuancen-
reichere Atmosphäre geherrscht als heute. Mir kom-
men auch jetzt noch jene Puppen viel realer vor als die
onnagata des Kabuki; und erst recht wenn ich mir
vorstelle, wie in dem dämmrigen Lampenschein ihre

49
eigentümlich harten Linien verschwanden, wie der
Glanz ihrer weißen Bemalung abgestuft erschien,
wie sehr sie von Weichheit umgeben waren – dann
durchfährt mich beim Gedanken an die unerhörte
Schönheit der damaligen Szenerie unwillkürlich ein
Schauer.

Wie man weiß, bestehen die weiblichen Puppen im


Bunraku-Theater nur aus Kopf und Händen. Der
Rumpf und die Fußspitzen sind hinter dem lang
herabfallenden Gewand verhüllt; deshalb genügt es,
wenn die Puppenspieler ihre Hände einführen und die
Bewegungen nur andeuten. Mir scheint, das komme
der Wirklichkeit am allernächsten, denn die Frauen
früherer Zeiten waren Wesen, die nur vom Kragen an
aufwärts und von der Ärmelöffnung an existierten;
alles andere blieb im Dunkeln verborgen. Damals
gingen Frauen der höheren Stände höchst selten aus,
und wenn sie es taten, dann versteckten sie sich im
Innern ihrer Wagen oder Sänften, damit ja niemand
von der Straße her sie zu Gesicht bekam. Meist aber
weilten sie in einem Zimmer ihrer düsteren Residen-
zen hinter Vorhängen und vergruben ihren Körper
Tag und Nacht in der Dunkelheit, so daß man durch-
aus sagen kann, nur ihr Gesicht habe ihre Existenz
angezeigt. Übrigens, während die Männerkleidung
verglichen mit heute ziemlich prunkvoll wirkte, gilt
dies nicht im gleichen Ausmaß für die Frauenkleider.
Die Bürgermädchen und -frauen der Edo-Zeit trugen

50
erstaunlich schlichte Sachen; denn die Kleidung war,
in einem Wort gesagt, nichts weiter als ein Teil des
Dunkels oder auch ein Verbindungsstück zwischen
Gesicht und Dunkelheit. Auch wenn man die
Schminksitte des Zähneschwärzens überdenkt, mag
man sich fragen, ob wohl das Bestreben, jede leere
Stelle, abgesehen vom Gesicht, mit Dunkelheit zu
stopfen, dazu geführt habe, sogar die Mundhöhle
schwarz auszufärben. Heutzutage kann man weib-
liche Schönheit dieser Art nicht mehr betrachten, es
sei denn, man begebe sich an einen so speziellen Ort
wie das Haus Sumiya in Shimabara *. Wenn ich aller-
dings an die Gestalt meiner Mutter zurückdenke, wie
sie damals, als ich ein kleines Kind war, drinnen in
unserem Haus in Nihonbashi * bei spärlich herein-
dringendem Gartenlicht ihre Nadelarbeit verrichtete,
dann kann ich mir einigermaßen vorstellen, von wel-
cher Art die Frauen früher gewesen sind. Bis zu jener
Zeit, das heißt bis in die zwanziger Jahre der Meiji-
Ära (um 890; Anm. d. Übers.) zeigten die Bürger-
häuser von Tokio alle eine solche düstere Bauweise,
und meine Mutter, meine Tanten und weitere Ver-
wandte wie überhaupt die Frauen jener Generation
hatten noch im großen und ganzen die Zähne ge-
schwärzt. An ihre Alltagstracht erinnere ich mich
nicht mehr; aber wenn sie ausgingen, trugen sie öfters
mausgraue, kleingemusterte Kimonos. Die Mutter
war von sehr kleinem Wuchs, kaum fünf Fuß hoch,
was jedoch für die Frauen jener Zeit das Übliche ge-
wesen sein dürfte. Ja, etwas stark ausgedrückt kann

5
man sagen: Diese Frauen besaßen kaum einen Körper.
Ich erinnere mich außer an das Gesicht und die Hände
meiner Mutter nur noch undeutlich an ihre Füße,
jedoch nicht an ihren Leib. Dabei kommt mir der
Körper jener Kannon-Statue im Chūgūji * in den
Sinn. Wirkt sie als nackte Figur nicht geradezu wie ein
Modell für die japanische Frau vergangener Zeiten?
Die einem Brett vergleichbare, platte, mit einer pa-
pierdünnen Büste markierte Brustpartie, der noch
stärker eingezogene Bauch, die schnurgerade, durch
keine Unebenheit beeinträchtigte Linie von Rück-
grat, Hüfte und Hinterteil, dieser Rumpf in seiner
Gesamtheit ist verglichen mit dem Gesicht und den
Gliedern unverhältnismäßig abgemagert, ohne Fülle,
und macht weniger den Eindruck eines Körpers als
den eines Stocks ohne Taille. Waren nicht die Frauen-
körper vergangener Zeiten weitgehend von dieser
Art? Auch heute noch trifft man gelegentlich etwa auf
ältere Damen in traditionalistischen Familien oder auf
Geishas, die eine solche Figur haben. Bei ihrem An-
blick kommt mir unweigerlich der Stock im Innern
der Puppe in den Sinn. In der Tat ist der Körper
solcher Frauen ein Stock, um daran die Kleider zu
befestigen, nichts weiter! Das, was die Körperfülle
ausmacht, besteht aus so und so vielen Lagen von
Kimonos und baumwollenen Untergewändern, und
wenn man sie aus ihren Kleidern wickelte, bliebe wie
bei der Puppe nur ein unförmiger Stock übrig. Früher
mochte das genügen; für die im Dunkeln wohnenden
Frauen war es wichtig, ein weißliches Gesicht zu

52
haben, ein Körper war nicht nötig. Für diejenigen
allerdings, die die strahlenden körperlichen Reize der
modernen Frau preisen, dürfte es schwierig sein, die
geisterhafte Schönheit solcher Frauen nachzuvollzieh-
en. Andere werden vielleicht sagen, eine durch
Dämmerlicht vorgetäuschte Schönheit sei keine
wahre Schönheit. Aber wie schon oben gesagt, wir
Orientalen haben nun einmal die Tendenz, in an sich
unbedeutenden Orten Schattenwirkungen entstehen
zu lassen und dadurch Schönheit hervorzubringen.
Astwerk,
zusammengetragen und verbunden:
eine Reisighütte.
Aufgelöst: wie zuvor
wieder die Wildnis.
So geht ein altes Kurzgedicht, und unsere Denkweise
ist nun einmal von dieser Art. Wir sind der Meinung,
Schönheit sei nicht in den Objekten selber zu suchen,
sondern im Helldunkel, im Schattenspiel, das sich
zwischen Objekten entfaltet. Gerade wie ein phos-
phoreszierender Stein, der im Dunkel glänzt, aber
bei Tageshelle jeglichen Reiz als Juwel verliert, so
gibt es, glaube ich, ohne Schattenwirkung keine
Schönheit. Das heißt, unsere Vorfahren haben die
Frauen gleich wie die mit Lackmalereien oder Perl-
muttereinlagen versehenen Geräte als etwas betrach-
tet, das nicht vom Dunkel zu trennen ist. Sie haben
versucht, sie möglichst vollständig in eine Schatten-
welt zutauchen, haben ihre Hände und Füße durch
lange Ärmel und Kleidersäume mit Dunkelheit um-

53
hüllt und trachteten danach, nur eine einzige Partie,
nämlich den Kopf, hervorzuheben. Zugegeben, ein
solcher platter Rumpf ohne Ebenmaß muß vergli-
chen mit der Figur westlicher Frauen wohl als un-
ansehnlich bezeichnet werden. Doch was wir nicht
sehen, darüber machen wir uns keine Gedanken. Was
unsichtbar bleibt, erachten wir als nicht vorhanden.
Und wer unbedingt diese Unansehnlichkeit betrach-
ten will, der wird zugleich jegliche vorhandene
Schönheit zunichte machen, gerade wie wenn er ein
Licht von hundert Kerzenstärken auf die Wandnische
eines Teeraums richtete.

Doch warum eigentlich tritt diese Neigung, das


Schöne in der Dunkelheit zu suchen, nur bei den
Orientalen mit solcher Stärke hervor? Auch im We-
sten hat es ja wohl eine Zeit ohne Elektrizität, Gas und
Erdöl gegeben, aber soweit mir bekannt ist, hat man
dort nie den Hang gehabt, sich am Schatten zu ergöt-
zen. Seit jeher haben die japanischen Gespenster keine
Beine, während sie im Westen, so heißt es, mit Beinen
versehen sind, dafür aber einen gänzlich durchsich-
tigen Körper besitzen. Selbst einem solchen gering-
fügigen Detail kann man entnehmen, daß in unse-
ren Phantasien gewöhnlich lackschwarze Dunkelheit
herrscht, während man im Westen sogar die Gespen-
ster mit einer gläsernen Helligkeit ausstattet. Wir lie-
ben auch bei allerhand kunstgewerblichen Gegenstän-

54
den des täglichen Gebrauchs Farben, die man als An-
häufung von Schatten bezeichnen kann; die Leute im
Westen dagegen lieben Farben, in denen sich das Son-
nenlicht konzentriert. Auch bei Silber- oder Kupfer-
geschirr haben wir gern, wenn sich eine Patina dar-
überlegt; sie aber betrachten dies als unsauber, un-
hygienisch und polieren das Metall auf Hochglanz.
In ihren Zimmern streichen sie Decken und Wände
weißlich an, um möglichst alle Schattenwinkel auszu-
merzen. Und bei der Anlage von Gärten breiten sie
ebene Rasenflächen aus, wo wir schattige Bäume und
tiefes Buschwerk pflanzen. Aus was für Gründen kam
es wohl zu derartigen Geschmacksunterschieden?
Meiner Meinung nach ist es die Art von uns Ostasia-
ten, die Umstände, in die wir einbezogen sind, zu
akzeptieren und uns mit den jeweiligen Verhältnis-
sen zufriedenzugeben. Deshalb stört uns das Dunkel
nicht, wir nehmen es als etwas Unabänderliches hin;
wenn es an Licht fehlt, sei’s drum – dann vertiefen
wir uns eben in die Dunkelheit und entdecken darin
eine ihr eigene Schönheit. Demgegenüber sind die
aktiven Menschen des Westens ständig auf der Suche
nach besseren Verhältnissen. Von der Kerze zur
Lampe, von der Lampe zum Gaslicht, vom Gaslicht
zum elektrischen Licht fortschreitend, streben sie un-
ablässig nach Helligkeit und mühen sich ab, selbst den
geringfügigsten Schatten zu verscheuchen. Es dürfte
also teils an solchen Unterschieden der Wesensart lie-
gen; jedoch möchte ich hier auch noch die Unter-
schiede der Hautfarbe zur Sprache bringen. Seit alters

55
hat man bei uns eine weiße Haut für vornehmer und
schöner gehalten als eine dunkle; doch irgendwie
unterscheidet sich unser Weiß von der Hautfarbe der
weißen Rasse. Wenn man einzelne Personen aus der
Nähe betrachtet, scheint es Japaner zu geben, die wei-
ßer sind als Leute aus dem Westen, und umgekehrt
westliche Menschen, die dunkler sind als Japaner;
doch die Qualität dieser Weiße und dieses Dunkels
ist verschieden. Ich spreche hier aus eigener Erfah-
rung: Früher, als ich in Yokohama auf der Bergseite
wohnte, nahm ich sowohl tagsüber wie abends an
Landpartien der ansässigen Ausländer teil oder ver-
gnügte mich in Festhallen und Ballsälen, wo sie ein-
und ausgingen. Wenn ich mich direkt neben ihnen
befand, kam mir ihre Weiße nicht so übermäßig weiß
vor, aber von ferne betrachtet war der Unterschied
zwischen ihnen und den Japanern wirklich augenfäl-
lig. Es gab da japanische Ladies, die in ihren Abend-
kleidern den Ausländern nicht nachstanden und auch
weißere Haut hatten als sie; aber wenn sich auch nur
eine von diesen Damen unter die Ausländer mischte,
war sie aus der Entfernung sogleich zu erkennen. Und
zwar darum, weil sich bei Japanern, mögen sie noch
so hellhäutig sein, im Weiß eine leise Schattierung
bemerkbar macht. Solche Frauen hatten zu allem
Überfluß auch noch sämtliche unbedeckten Körper-
teile vom Rücken über die Oberarme bis zu den Ach-
selhöhlen dick mit weißer Schminke belegt, um ja
nicht hinter den Fremden zurückzustehen. Trotzdem
gelang es ihnen eben doch nicht, die am Grunde ihrer

56
Haut stagnierende dunkle Färbung zu übertünchen.
Sie blieb erkennbar, gerade so wie eine Verschmut-
zung am Grunde eines klaren Gewässers von einem
erhöhten Ort herab deutlich erkennbar ist. Besonders
in den Fingergabelungen, um die Nasenf lügel, im
Genick und dem Rückgrat entlang ergibt sich eine
schwärzliche Tönung wie von einer Staubschicht. Die
Haut von westlichen Menschen ist hingegen am
Grunde immer hell und durchsichtig, selbst wenn ihr
Teint oberflächlich getrübt sein sollte, und keine ein-
zige Stelle ihres ganzen Körpers zeigt einen solchen
leicht schmuddligen Schatten. Vom Scheitel bis zu
den Fingerspitzen sind sie von einem klaren, unver-
mischten Weiß. Wenn sich daher einer von uns in ihre
Gesellschaft begibt, so ist es, als ob sich auf einem
weißen Papier ein Fleck aus dünner Tusche gebildet
hätte. Dieser eine sticht auch uns selber in die Augen
und hinterläßt kein besonders gutes Gefühl. Von hier
aus kann man sich in die Psychologie der früheren
Diskriminierung der farbigen Rassen durch die Wei-
ßen einigermaßen einfühlen: Für sensible Leute unter
den Weißen mußte wohl der Fleck, der sich da auf
dem Hintergrund einer geselligen Zusammenkunft
abzeichnete, mußte die Anwesenheit auch nur von
einem oder zwei Farbigen zum Ärgernis werden. Ich
weiß nicht, wie die Dinge heute stehen, aber es heißt,
früher, zur Zeit des Sezessionskrieges (in den USA), als
die Unterdrückung der Neger am heftigsten war,
habe sich ihr Haß und ihre Verachtung nicht einfach
nur auf die Schwarzen, sondern auch auf Mischlinge

57
zwischen Weißen und Schwarzen, auf die Kinder von
zwei Mischlingen, auf die Kinder zwischen Weißen
und Mischlingen und so weiter ausgedehnt. Sie unter-
schieden zwischen solchen, die zur Hälfte, zu einem
Viertel, zu einem Achtel, zu einem Sechzehntel, ja
zu einem Zweiunddreißigstel gemischt waren, und
konnten sich nicht enthalten, selbst die geringsten An-
zeichen schwarzen Blutes aufzuspüren und zu verfol-
gen. Ihre zudringlichen Augen übersahen auch bei
Mischlingen, die sich auf den ersten Blick nicht von
den Weißen unterschieden und die höchstens vor
zwei, drei Generationen einmal einen Schwarzen
unter den Vorfahren gehabt hatten, nicht eine noch so
feine Pigmentierung am Grunde der reinweißen
Haut. Wenn man sich solche Dinge vergegenwärtigt,
erkennt man, welche tiefe Beziehung wir Angehöri-
gen der gelben Rasse zum Schatten haben. Niemand
setzt sich gerne Verhältnissen aus, die ihn häßlich ma-
chen; und so ist es natürlich, daß wir für Gebrauchsge-
genstände im Zusammenhang mit Nahrung, Klei-
dung und Wohnung umwölkte Farben verwenden
und uns mit einer dunklen Atmosphäre zu umgeben
trachten. Das heißt nun nicht, daß unsere Vorfahren
sich der Schattierung ihrer Haut bewußt gewesen
wären oder daß sie von der Existenz einer weißeren
Rasse als ihrer eigenen Kenntnis gehabt hätten. Aber
ihre Sensibilität gegenüber den Farben muß wohl
spontan eine derartige Geschmacksrichtung hervor-
gebracht haben.

58
Unsere Vorfahren schnitten zunächst aus der Hellig-
keit der Erdoberfläche einen nach allen Seiten abge-
grenzten Raum heraus, schufen darin ein Reich des
Schattens, setzten die Frau in die innerste Dunkelheit
hinein und bildeten sich ein, es müsse sich um das
weißeste menschliche Wesen auf dieser Welt handeln.
Wenn man eine weiße Haut als unabdingbares Ele-
ment idealer weiblicher Schönheit betrachtet, dann
blieb uns wohl nichts anderes übrig, als so vorzuge-
hen, und es gibt nichts dagegen einzuwenden. Die
Haare der Weißen sind hellfarben, die unseren sind
schwarz; das heißt, die Natur selbst lehrt uns das Ge-
setz der Dunkelheit, und die Alten folgten unbewußt
diesem Gesetz, um ein gelbes Gesicht weiß aufschei-
nen zu lassen. Über das Schwärzen der Zähne habe ich
schon weiter vorne geschrieben, und auch wenn die
Frauen früher ihre Augenbrauen abrasierten, war das
wohl ein Mittel, das Gesicht hervorzuheben. Am
meisten aber bewundere ich jenes wie ein Prachtkä-
fer schillernde, blau-grüne Lippen-«Rot». Allerdings
legen es selbst die Geishas von Gion * heute kaum
mehr auf. Man muß sich auf jeden Fall dieses «Rot» im
Flackerschein des dämmrigen Kerzenlichts vorstellen,
sonst versteht man seinen Reiz nicht. Die Alten ver-
deckten die roten Frauenlippen absichtlich mit grün-
schwärzlicher Farbe und überzogen sie mit Perlmut-
terglanz. Aus den reizvoll-üppigen Gesichtszügen
tilgten sie jede lebendige Röte. Wenn eine junge
Frau im schwankenden Laternenschatten von Zeit zu
Zeit lächelt und zwischen irrlichternden, bläulichen

59
Lippen lackschwarze Zähne auf blitzen läßt, dann
kann ich mir kein weißeres Gesicht als dieses vorstel-
len. Das Weiß der weißen Rasse ist ein durchsichtiges,
selbstverständliches, alltägliches Weiß; hier aber haben
wir es mit einer Art übermenschlichem Weiß zu tun.
Mag sein, daß ein solches Weiß in Wirklichkeit gar
nicht existiert. Mag sein, daß es nur ein augenblick-
liches, aus Licht und Dunkel zusammengebrautes
Blendwerk ist. Aber uns genügt es; wir können gar
nicht auf mehr hoffen. Hier nun möchte ich auch über
das, was zu einem solchen weißen Gesicht dazugehört,
nämlich über die Färbung der Dunkelheit, von der es
umgeben ist, etwas sagen. Ich erinnere mich, vor Jah-
ren, als ich mich mit einem Gast aus Tokio im Haus
Sumiya in Shimabara vergnügte, ein gewisses unver-
geßliches Dunkel gesehen zu haben. Ich glaube, es war
in einem weiträumigen Zimmer namens «Kiefern-
halle», das später einem Brand zum Opfer fiel: Die
Düsternis dieses von einem schwachen Leuchter er-
hellten weiten Raumes hatte eine ganz andere Quali-
tät an Dichte und Dunkelheit als in kleinen Zimmern.
Gerade als ich den Raum betrat, hatte eine Dienerin
im reiferen Alter, mit abrasierten Brauen und ge-
schwärzten Zähnen, einen Leuchter vor einen mächti-
gen Wandschirm hingestellt und setzte sich würdevoll
zurecht. Hinter diesem Wandschirm aber, der einen
hellen Ausschnitt von nur etwa zwei tatami * ab-
grenzte, hing eine hohe, dichte, monochrome Dun-
kelheit, gleichsam als wäre sie im Begriff, von der
Decke herabzufallen. Das unstete Kerzenlicht ver-

60
mochte diese Dichte nicht zu durchdringen, sondern
wurde zurückgeworfen, als wäre es gegen eine
schwarze Wand geprallt. Haben Sie, meine Leser, je
die Farbe einer solchen «lichtbestrahlten Dunkelheit»
gesehen? Sie war irgendwie aus anderer Substanz als
etwa das Dunkel auf einem Nachtweg; der Eindruck
drängte sich auf, es wimmle von winzigen, aschenar-
tigen Körperchen, und jedes einzelne Teilchen glänze
in allen Regenbogenfarben. Aus Furcht, sie könnten
mir in die Augen dringen, zwinkerte ich unwillkür-
lich mit den Lidern. Heute herrscht allgemein die
Tendenz vor, die Raumgröße zu beschränken und
Zimmer von zehn, acht oder sechs tatami abzuteilen.
Selbst wenn man immer noch Kerzen anzünden
würde, wäre darin eine so beschaffene Dunkelheit
nicht zu sehen. Früher aber, als es in Residenzen,
in Häusern der Vergnügungsviertel und ähnlichen
Orten noch üblich war, hohe Decken, weite Korri-
dore und riesige Zimmer von Dutzenden von tatami-
Einheiten einzubauen, waren wohl die Innenräume
ständig von einem solchen nebelartigen Dunkel er-
füllt, und die edlen Damen saßen dann, eingetaucht in
diese Lauge von Düsternis. Ich habe mich schon ein-
mal in meinen «Aufzeichnungen aus der Hütte unter
der Kiefer» (Kishōan zuihitsu, 932; Anm. d. Übers.)
darüber geäußert: Die Menschen von heute sind
längst an die Helligkeit des elektrischen Lichts ge-
wöhnt und haben vergessen, daß es je eine solche
Dunkelheit gegeben hat. Insbesondere jene «sichtbare
Dunkelheit» der Innenräume hatte, so scheint mir,

6
etwas Glitzerndes, Flimmerndes an sich, erzeugte
leicht Halluzinationen und wirkte in gewissen Fällen
unheimlicher als das Dunkel im Freien. Kobolde und
Geistererscheinungen traten wohl vorzugsweise aus
dieser Art Dunkelheit hervor; und die Frauen, die
darin wohnten, hinter tiefen Vorhängen versteckt und
von mehrfachen Stellschirmen und Schiebetüren um-
geben, gehörten sie letzten Endes nicht auch zur Sippe
der Phantome? Dunkelheit umhüllte diese Frauen si-
cherlich zehnfach, zwanzigfach und füllte sämtliche
Spalten und Öffnungen an ihren Kleidern, am Kra-
gen, an den Ärmeln, am Kleidersaum und wo auch
immer. Je nachdem mochte es sich sogar umgekehrt
verhalten: Aus ihrem Körper, aus ihrem Mund mit
den geschwärzten Zähnen, aus den Spitzen ihrer
schwarzen Haare ließen sie Dunkelheit ausströmen, so
wie die Erdspinne ihre Fäden ausspeit.

Nach den Aussagen von Takebayashi Musōan *, der


vor ein paar Jahren vorübergehend aus Paris zurück-
kehrte, seien Tokio und Osaka im Vergleich zu den
europäischen Städten nachts viel heller beleuchtet.
Selbst mitten auf den Champs-Elysées in Paris gebe es
Häuser, wo man Petroleumlampen benütze, während
man in Japan schon in sehr abgelegene Berggegenden
gehen muß, um noch ein solches Haus zu finden.
Vermutlich seien Amerika und Japan die beiden Län-
der auf der Welt, die am verschwenderischsten mit

62
dem elektrischen Licht umgehen. Musōan stellte fest,
Japan versuche eben in jeder Beziehung, Amerika
nachzuahmen. Seine Aussagen liegen nun schon vier,
fünf Jahre zurück, als das Neonlicht noch nicht in
Mode gekommen war. Wenn er also das nächste Mal
zurückkehrt, wird seine Verwunderung über die er-
neut angewachsene Lichtflut noch größer sein. Das
Folgende ist eine Anekdote, die mir Herr Yamamoto,
der Verleger der Zeitschrift «Kaizō», mitgeteilt hat:
Als er einst den Professor Einstein in die Gegend von
Kyoto-Osaka begleitete und der Zug gerade Ishi-
yama * passierte, rief der Professor, der durch das Fen-
ster die Landschaft anschaute, plötzlich aus: «Ah, das
ist ja im höchsten Grad unwirtschaftlich!» Auf die
Frage warum, zeigte Einstein auf die Lichter, die dort
herum am hellichten Tag an den Masten brannten.
Herr Yamamoto gab dazu den Kommentar: «Einstein
ist Jude und darum wohl so kleinlich in solchen Din-
gen.» Aber es scheint eine Tatsache zu sein, daß man –
Amerika einmal ausgeklammert – in Japan viel ver-
schwenderischer mit dem elektrischen Licht umgeht
als in Europa. Da gerade von Ishiyama die Rede ist,
sei noch eine weitere komische Begebenheit angefügt.
Dieses Jahr hatte ich mir lange den Kopf zerbrochen,
wo ich im Herbst den Vollmond betrachten wolle,
und mich schließlich für den Ishiyama-Tempel ent-
schieden. Doch am Vortag des Fünfzehnten * stand
in der Zeitung, man habe beim Ishiyama-Tempel
Lautsprecher zwischen den Bäumen installiert und
werde eine Aufnahme der Mondschein-Sonate ab-

63
spielen, um zur Unterhaltung des Mondschau-Publi-
kums beizutragen. Als ich das las, verzichtete ich auf
der Stelle auf meinen Ishiyama-Ausflug. Und zwar
nicht nur, weil ich mich an den Lautsprechern stieß,
sondern auch, weil ich fast sicher war, daß man unter
diesen Umständen den gesamten Tempelbezirk mit
Lichtern und Illuminationen ausstaffieren und einen
lebhaften Festbetrieb in Gang setzen würde. Man
hatte mir schon einmal auf diese Art die Mondschau
verdorben. In einem früheren Jahr gedachte ich näm-
lich, die fünfzehnte Nacht mit einem Boot auf dem
Teich des Suma-Tempels * zu verbringen; als wir
dann, ich und einige Freunde, mit Eßkästchen aus-
gerüstet von Land stießen, leuchteten rings um den
Teich prunkvolle Lichtgirlanden in allen Farben, und
obwohl der Mond am Himmel stand, war es, als gäbe
es ihn gar nicht. Wir scheinen, wenn man dies alles
bedenkt, in letzter Zeit wie betäubt vom elektrischen
Licht und haben offenbar in erstaunlichem Ausmaß
unsere Sensibilität verloren gegenüber den Nach-
teilen, die eine übertriebene Beleuchtung mit sich
bringt. Nun ja, in einem Fall wie der Mondschau mag
man das auf die leichte Schulter nehmen; aber in Ver-
sammlungsräumen, Restaurants, Hotels und Herber-
gen japanischen Stils geht die Lichtverschwendung im
allgemeinen über jegliches Maß hinaus. Ein gewisser
Aufwand mag ja notwendig sein, um die Gäste anzu-
ziehen; aber wozu ist es zum Beispiel im Sommer gut,
schon bei Taghelle die Lichter anzuzünden? Was nicht
nur eine Vergeudung ist, sondern zusätzlich noch ein

64
Ansteigen der Hitze zur Folge hat. Wohin ich auch
im Sommer gehe, bringt mich diese Unsitte aus der
Fassung. Wenn es draußen zwar kühl, drinnen aber
scheußlich heiß ist, so hängt das fast ausnahmslos mit
der übermäßigen Leuchtstärke oder mit der zu großen
Zahl der Birnen zusammen. Löscht man versuchs-
weise einen Teil, so wird es sogleich frischer, und man
kann nicht genug darüber staunen, warum weder die
Gäste noch die Besitzer auf den Gedanken kommen.
Eigentlich sollte im Hausinnern das Licht während des
Winters etwas heller und während des Sommers
etwas weniger hell eingestellt werden. Das ruft den
Eindruck der Kühle hervor, und vor allem zieht es die
Mücken nicht an. Das schlimmste ist dagegen, un-
nötig viele Lichter anzuzünden und dann unter dem
Vorwand, es sei heiß, den Ventilator einzuschalten;
nur schon der Gedanke daran widert mich an. In
Räumen japanischen Stils kann man es allenfalls noch
aushalten, weil dort die Hitze seitlich wegströmt, aber
in den Zimmern westlicher Hotels, wo die Luft
schlecht zirkuliert und obendrein die Hitze vom
Boden, von den Wänden, von der Decke aufgesaugt
und von allen Seiten zurückgestrahlt wird, ist es wirk-
lich unerträglich. Ich führe, nicht ohne ein gewisses
Bedauern, ein Beispiel an. Sollten diejenigen, die sich
einmal an einem Sommerabend in der Empfangshalle
des Miyako-Hotels in Kyoto aufgehalten haben, mei-
ner Auffassung nicht beipflichten? Die Sache ist um so
ärgerlicher, als das Hotel auf einer nordwärts gerichte-
ten Terrasse liegt, von wo sich die Berge Hiei und

65
Nyoi, die Pagode und der Hain von Kurodani mit
sämtlichen grünen Höhen der Ostberge * in einem
einzigen Blick erfassen lassen und eine Szenerie bieten,
die schon beim bloßen Anschauen das Herz erfrischt.
Man begibt sich also eines Abends im Sommer dort-
hin, um in die erquickende Stimmung dieser land-
schaftlichen Schönheiten einzutauchen und um den
kühlen Luftzug zu genießen, der wohl das Gebäude
durchziehen muß. Doch weit gefehlt: An der weißen
Decke sind überall große Milchglasscheiben eingelas-
sen, hinter denen sengende Lichter brennen. Da in
letzter Zeit die Decken in westlichen Gebäuden nied-
rig gehalten sind, ist es, als drehe sich direkt über dem
Kopf wie wild ein Feuerball; es herrscht unvergleich-
liche Hitze, desto stärker, je näher ein Körperteil der
Decke kommt; man hat das Gefühl, vom Kopf über
den Nacken bis zur Rückenlinie herab geröstet zu
werden. Und obwohl einer von diesen Feuerbällen
vollauf genügen würde, um die gegebene Fläche zu
beleuchten, strahlen drei oder vier davon von der
Decke herab. Außerdem sind auch noch den Wänden
und Pfeilern entlang soundso viele kleine Leuchtkör-
per angebracht, die offenbar zu nichts anderem nütze
sind als dazu, aus sämtlichen Winkeln jegliche Licht-
abstufung zu verscheuchen. In dem Raum gibt es also
keinen einzigen Schatten, und wenn man sich um-
blickt, dringen die weißen Wände, die dicken roten
Pfeiler, der mosaikförmig in Prunkfarben ausgelegte
Boden wie bei einer frisch abgezogenen Lithographie
in die Augen ein, was wiederum den Eindruck sticki-

66
ger Hitze steigert. Der Temperaturunterschied ist of-
fensichtlich, wenn man den Raum vom Eingangskor-
ridor her betritt. Auf diese Weise mag noch soviel
kühle Nachtluft hereinströmen, sie verwandelt sich
sofort in einen heißen Wind und bleibt wirkungslos.
Früher bin ich öfters in diesem Hotel abgestiegen, und
nur aus Wohlwollen, weil ich mich gerne daran erin-
nere, bringe ich diese Kritik hier an; denn es ist wirk-
lich sündhaft, einen solchen malerischen Ausblick,
einen solchen für die Erfrischung im Sommer wie
geschaffenen Ort mit elektrischer Beleuchtung zu
verschandeln. Ohne Zweifel verschlägt es den Japa-
nern bei dieser Hitze den Atem, aber gewiß nicht
minder auch den Ausländern, mögen sie noch so sehr
die Helligkeit lieben. Man mache doch einfach einmal
den Versuch und reduziere das Licht – man wird mir
unverzüglich beistimmen! Freilich, das ist nur ein ein-
zelnes Beispiel für eine Sache, die keineswegs auf das
besagte Hotel beschränkt ist. Einzig das Imperial-
Hotel mit seiner indirekten Beleuchtung entgeht dem
Vorwurf; aber selbst hier finde ich, man könnte das
Haus im Sommer ruhig noch etwas dunkler halten.
Wie auch immer, es geht bei der heutigen Innenbe-
leuchtung nicht mehr darum, das Lesen, das Schrei-
ben oder das Nähen zu ermöglichen, sondern sie wird
dazu vergeudet, die Schatten aus sämtlichen Ecken zu
vertreiben – was von einer Geisteshaltung zeugt, die
sich jedenfalls nicht mit den Schönheitsvorstellungen
der japanischen Architektur verträgt. In den privaten
Haushalten wirkt sich das glücklicherweise kaum aus,

67
weil man hier aus wirtschaftlichen Gründen sparsam
umgeht mit der Elektrizität. Aber sobald man es mit
Gästehäusern aller Art zu tun hat, ist offenbar ein
überrissener Aufwand an Lichtern in den Korridoren, bei
den Treppen, im Hauseingang, im Garten, beim
äußeren Tor und anderswo unvermeidlich, und als
Folge davon verlieren die Innenräume sowie die Tei-
che und die Steinformationen des Gartens ihre Tiefe.
Im Winter wird man diese Zugabe an Wärme viel-
leicht sogar begrüßen. An Sommerabenden aber mag
man in noch so abgelegenen Kurorten Zuflucht su-
chen, man wird, sofern man in einem Gasthaus ab-
steigt, fast immer auf dasselbe Malaise stoßen wie im
Miyako-Hotel. Nach meiner Überzeugung gibt es
deshalb kein besseres Mittel, die Kühle einzulassen, als
im eigenen Haus die Läden auf allen Seiten weit zu
öffnen und sich mitten in der Dunkelheit unter das
aufgespannte Moskitonetz zu legen.

Letzthin las ich irgendwo in einer Zeitschrift oder


Zeitung einen Artikel über ältere Frauen in England,
die sich beschwerten, sie selber hätten in ihrer Jugend
die Alten mit Respekt behandelt und für sie gesorgt,
während heute die Mädchen sich überhaupt nicht um
sie kümmerten, ja ihnen aus dem Weg gingen, als
wären alte Menschen etwas Unsauberes; die Einstel-
lung der jungen Leute habe sich im Vergleich zu frü-
her sehr stark verändert. Mit Betroffenheit stellte ich

68
fest, daß sich die Alten, wie es scheint, überall auf der
Welt in ähnlicher Weise äußern; je älter der Mensch
wird, desto mehr kommt er auch ohne besonderen
Anlaß zur Überzeugung, früher sei alles besser gewe-
sen als in der Gegenwart. Das heißt, die Alten vor
hundert Jahren sehnten sich nach der Zeit vor zwei-
hundert Jahren, die Alten vor zweihundert Jahren
trauerten der Zeit vor dreihundert Jahren nach, und
zu keiner Zeit waren sie je mit der eigenen Gegenwart
zufrieden. Dies gilt gerade auch für die jüngste Zeit:
Nicht nur schreitet die Kultur sehr rasch voran; unser
Land befindet sich überdies in einer ganz speziellen
Situation, und deshalb entsprechen die Veränderun-
gen, die seit der Meiji-Restauration im Vergleich zu
vorher eingetreten sind, einer Entwicklung von viel-
leicht dreihundert oder gar fünfhundert Jahren. Wie
ich das so hinschreibe, komme ich mir selber ko-
misch vor; ich bin also auch in die Jahre gelangt, wo
man derartige Altersweisheiten nachzubeten beginnt.
Und doch ist sicher, daß die gegenwärtigen zivili-
satorischen Einrichtungen ausschließlich der Jugend
schmeicheln und sich ein Zeitalter anbahnt, das den
alten Menschen nicht freundlich gesinnt ist. Um ein
Beispiel zu nennen: Seit es üblich geworden ist, an
Kreuzungen die Straße auf Befehl zu überqueren,
können alte Leute nicht mehr ruhig in die Stadt
gehen. Wer es sich leisten kann, sich mit dem Wagen
herumchauffieren zu lassen, hat diese Sorge zwar
nicht. Aber selbst für einen wie mich, der nur gele-
gentlich nach Osaka hineinfährt, ist das Überschreiten

69
der Straße eine Nervenbelastung, die ihn ganz in An-
spruch nimmt. Wenn es sich um Lichtsignale handelt,
so sieht man diejenigen zwar gut, die mitten über der
Straße angebracht sind; diejenigen hingegen, die ir-
gendwo seitlich in der Luft oben rot und grün auf-
blinken, sind nicht nur schlecht auszumachen, sondern
bei breiten Straßen verwechselt man auch leicht die
zur Seite gerichteten mit den frontalen Ampeln. Frü-
her einmal hatte ich mir vorgestellt, sobald man in
Kyoto Verkehrspolizisten einsetzen werde, sei alles
aus! Heute sind wir soweit, daß man Städtchen wie
Nishinomiya, Sakai, Wakayama, Fukuyama aufsu-
chen muß, wenn man noch eine rein japanische städti-
sche Atmosphäre erleben möchte. Selbst in bezug auf
Lebensmittel bereitet es Mühe, in den Großstädten
etwas für alte Leute Bekömmliches aufzutreiben. Un-
längst besuchte mich ein Journalist und bat mich, über
irgendeine ungewöhnliche leckere Speise zu berich-
ten. Da beschrieb ich ihm die Zubereitung von «sushi
mit Kakiblättern», den die Bewohner der abgelegenen
Bergtäler von Yoshino essen. Ich kann bei dieser Gele-
genheit das Rezept gleich auch hier bekanntgeben.
Man kocht Reis, indem man auf  Shō Reis (,8 l)
 Gō Sake (,8 dl; Umrechnungen d. Übers.) beifügt.
Erst wenn der Reis im Kessel zu sieden anfängt, gießt
man den Sake (Reiswein) dazu. Nach dem Kochen
bleibt der Reis stehen, bis er vollständig ausgekühlt
ist; erst dann bestreut man die Hände mit Salz und
formt festgepreßte Reisklöße. Dabei muß jegliche
Feuchtigkeit an den Händen vermieden werden. Das

70
Geheimnis liegt darin, die Klöße rein mit Salz zu
pressen. Danach schneide man dünne Scheiben von
Salzlachs, lege sie auf die Reisklöße und wickle sie in
Kakiblätter ein, deren Vorderseite nach innen schaut.
Auch von den Kakiblättern und vom Lachs wischt
man zuvor mit einem trockenen Tuch gründlich jeg-
liche Feuchtigkeit ab. Wenn es soweit ist, nimmt man
einen inwendig ganz ausgetrockneten sushi-Kübel
oder Reisbehälter, füllt die sushi-Klöße in kleinen
Mengen ein, so daß keine Zwischenräume übrigblei-
ben, legt den Preßdeckel obenauf und beschwert ihn
mit dem Gewicht eines Pökelsteins. Der am Abend
eingemachte sushi kann etwa vom nächsten Morgen
an gegessen werden; er schmeckt während des ersten
Tages am besten, bleibt aber auch am zweiten und
dritten Tag noch genießbar. Beim Essen taucht man
ein Blatt des bitteren Knöterichs in Essig und be-
sprengt den sushi damit. Ein Freund, der sich vergnü-
gungshalber in Yoshino aufhielt, fand diese Speise so
überaus wohlschmeckend, daß er die Zubereitung
lernte und sie mir weitergab. Es genügt, Kakiblätter
und Salzlachs zur Verfügung zu haben, dann kann
man diesen sushi überall herstellen. Man versuche es
nur einmal bei sich zu Hause und vergesse dabei nur
nicht, jede Feuchtigkeit unbedingt zu vermeiden und
den Reis vollständig auskühlen zu lassen – dann ist
dieser sushi in der Tat köstlich! Der Saft und der Salz-
geschmack des Lachses dringen im richtigen Maß in
den Reis ein, der Lachs wird zart, als wäre er roh und
frisch, und nimmt eine Konsistenz an, die einfach

7
unaussprechlich ist. Dieser sushi hat einen ganz ande-
ren Gout, als man von demjenigen in Tokio gewohnt
ist, und da er eher meinem Geschmack entspricht,
habe ich diesen Sommer über fast nur davon gelebt.
«Man kann den Salzlachs also auch noch auf diese Art
essen!» sagte ich mir dabei ständig und bewunderte die
Erfindungsgabe der an Gütern nicht gesegneten Berg-
bewohner. Wenn man sich einmal nach solchen ver-
schiedenartigen Lokalgerichten umsieht, kommt man
zum Schluß, daß der Geschmackssinn der Landleute
heutzutage viel sicherer ist als derjenige der Städter; in
einem gewissen Sinn treiben sie einen Luxus, der über
unsere Vorstellungen hinausgeht. So lassen denn nach
und nach manche alten Leute die Stadt hinter sich und
führen ein zurückgezogenes Leben auf dem Lande,
wobei man sich aber auch da nicht mehr so unbehel-
ligt fühlen kann; denn auch Landstädtchen installieren
Straßenlampen und andere Dinge und gleichen von
Jahr zu Jahr mehr der Stadt Kyoto. Nach einer Theo-
rie werden, wenn die Zivilisation noch einen Schritt
weiter vorangekommen ist, die Verkehrsträger in die
Luft oder unter den Boden verlegt, und die Stra-
ßen der Städte kehren dann zu ihrer früheren Stille
zurück. Aber wie auch immer, zu dieser Zeit wer-
den mit hundertprozentiger Sicherheit wieder andere
neue Einrichtungen die Alten tyrannisieren. Schließ-
lich wird es heißen, sie sollten sich schön gefälligst
zurückziehen; und dann wird ihnen kein anderer Ort
mehr verbleiben, als im eigenen Haus sich zu ducken
und bei Hausmannskost und einem abendlichen Sake-

72
Becher Radio zu hören. Ewige Nörgelei, wie sie nur
von alten Leuten kommen kann! wird man vielleicht
denken. Aber das scheint nicht ganz zuzutreffen.
Kürzlich hat der Kolumnist der Osaka-Asahi-Zei-
tung, der mit dem Pseudonym Tenseijingoshi (Stim-
me des Himmels – Menschenworte; Anm. d. Übers.)
zeichnet, die Präfekturbeamten verhöhnt, wie sie
rücksichtslos den Wald roden und die bewaldeten
Hügel auslichten, um eine Fahrstraße in den Park von
Mino’o anzulegen. Als ich das las, fühlte ich mich in
meiner Auffassung um einiges bestärkt. Wirklich,
sogar den Bergwald seiner tiefen Baumschatten zu
berauben, ist ein ruchloses Vorgehen. Wenn das so
weitergeht, werden wohl sämtliche berühmten Orte
in der Umgegend von Nara, Kyoto und Osaka zwar
der breiten Masse zugänglich gemacht, dafür aber
auch allmählich in der gleichen Weise kahlgeschlagen.
Doch genug, auch das ist wieder so eine Litanei! Ich
selbst bin der letzte, der sich der vielfältigen Segnun-
gen unserer Zeit nicht bewußt wäre. Und überdies,
wozu noch viele Worte machen? Japan hat längst
einen Kurs entlang den Leitlinien der westlichen Kul-
tur eingeschlagen, so daß gar nichts anderes übrig-
bleibt, als die alten Leute und solche, die nicht mehr
mitkommen, zurückzulassen und unentwegt weiter-
zuschreiten. Allein, da unsere Hautfarbe sich jedenfalls
nicht verändert, müssen wir uns damit abfinden, die
daraus erwachsenden, uns allein betreffenden spezifi-
schen Nachteile auf unabsehbare Zeit auf uns zu neh-
men. Aber natürlich habe ich dies alles mit dem Hin-

73
tergedanken niedergeschrieben, ob denn nicht etwa
ein Weg offen bliebe, solche Nachteile auf irgend-
einem Gebiet, zum Beispiel der Literatur oder Kunst,
zu kompensieren. Ich jedenfalls möchte versuchen,
unsere schon halbverlorene Welt der Schatten wenig-
stens im Bereich des literarischen Werks wieder auf-
leben zu lassen. Ich möchte am Gebäude, das sich
Literatur nennt, das Vordach tief herabziehen, die
Wände beschatten, was zu deutlich sichtbar wird, ins
Dunkel zurückstoßen und überflüssige Innenverzie-
rungen wegreißen. Ich sage nicht, daß ich mir das für
alle Häuser wünsche; aber wenigstens eines von dieser
Art darf doch wohl bestehen bleiben. Und um zu
sehen, was dabei herauskommt, lösche ich probeweise
einmal das elektrische Licht.

74
anmerkungen

Bei den Namen wurde durchwegs die japanische Reihen-


folge Familienname – persönlicher Name beibehalten.

Seite
6/7 shōji: Schiebefenster oder -türe, bestehend aus einem
Holzgitter mit darübergeklebtem weißen, lichtdurch-
lässigen Papier. Nach außen wird das Papier heute
meist durch Milchglasscheiben ersetzt.
0 und 29 Natsume Sōseki (867–96): führender Autor zu
Beginn des 20. Jahrhunderts, mit großem Einfluß auf
spätere Generationen. Moderner Klassiker. Der weiter
unten genannte Roman «Kusamakura» (‹Graskopfkis-
sen›, d. h. Übernachten auf der Reise) entstand 906.
Vgl. auch seinen Roman ‹Kokoro›, übers. v. Oscar
Benl, Manesse Verlag, Zürich 976.
 Saitō Ryoku’u (867–904): Schriftsteller und Kritiker.
2 tatami: siehe zu S. 60.
7 hanshi: Japanpapier für die Pinselschrift. Format:
Breite 24–26 cm, Höhe 33–35 cm.
Römische Schrift: Von der Jahrhundertwende bis zum
2. Weltkrieg gab es verschiedene Bewegungen, die an-
stelle der japanischen Schrift die Lateinschrift einfuhren
wollten, jedoch ohne Erfolg. Die Lateinumschrift (rō-
maji) wird zwar zum Zweck der Transkription in den
Schulen gelehrt, aber der Ersatz der japanischen Schrift
steht schon längst nicht mehr zur Diskussion. Die japa-
nische Schrift, eine Mischung aus chinesischen Ideo-
grammen und in Japan entwickelten Silbenzeichen, ist
Teil der kulturellen Identität der Japaner.

76
20 hōsho: dickes, weißes Japanpapier von hoher Qualität,
ursprünglich für Regierungserlasse (hōsho) verwendet.
29 Kiefern von Onoe: geschützte Kiefern beim Onoe-
Schrein in Kakogawa, Hyōgo-Präfektur (westlich von
Kōbe). Altes poetisches Motiv.
yōkan: eine traditionelle japanische Süßigkeit, Paste aus
gekochten, gezuckerten roten Bohnen von dunkelrot-
brauner Farbe. Sie wird in festen, länglichen Blöcken
mit glänzender Oberfläche verkauft, die zum Essen in
Scheiben geschnitten werden. Beliebte Beigabe zum
grünen Tee.
30 miso: Paste aus fermentierten Sojabohnen. Erfüllt vor
allem als Suppenbasis eine wichtige Funktion in der
japanischen Küche.
3 tōfu: wird aus Sojabohnen gewonnen durch Kochen,
Passieren und Gerinnenlassen. Im Unterschied zu den
seit einigen Jahren in Europa gehandelten Sorten ver-
wenden die Japaner hauptsächlich eine zarte, schnee-
weiße, puddingartige Sorte.
kamaboko: kompakte, meist auf Holzbrettchen halb-
zylindrisch geformte Masse aus gedämpftem Fisch.
«Fischpastete». Wird in Scheiben geschnitten.
32 Chion-in: am Ostrand von Kyoto gelegener Tempel
der Sekte vom ‹Reinen Land›, gegründet durch den
Mönch Hōnen (33–22). Das monumentale Ein-
gangstor ist mit seinen 25 m das höchste in Japan.
Honganji: Es gibt den östlichen und den westlichen
Honganji, zwei mächtige Tempelkomplexe im süd-
lichen Teil von Kyoto. Sie sind die Zentren der zwei
rivalisierenden Linien der ‹Neuen Sekte vom Reinen
Land›.

77
43 Nō: älteste Form des traditionellen japanischen Thea-
ters. Im 4. und 5. Jahrhundert durch Kan’ami
(333–384) und seinen Sohn Seami (364–444) aus-
gestaltet und bis heute durch fünf Familien oder
Schulen (z. B. Kongō, Kanze) in ununterbrochener
Linie überliefert. Eine Bühnenkunst von hoher Ab-
straktion und aristokratischem Zuschnitt, in deren
Zentrum der Tanz steht. Auffallend sind u. a. die wert-
vollen Prunkkostüme, die als Familienschätze weiter-
gegeben werden. Es gibt eine große Zahl von Typen,
Macharten und Musterungen mit einer komplizierten
Terminologie. Suō, suikan und kariginu sind solche
Typen, deren Unterschiede sich nur mit Hilfe von
Abbildungen aufzeigen ließen.
Kabuki: das sehr abwechslungsreiche, farbige, vitale
Theater des städtischen Bürgertums, das im 7. / 8.
Jahrhundert entstanden ist und noch heute große
Popularität besitzt.
44 Kongō Iwao (887–95): einer der führenden Nō-
Spieler in der . Hälfte des 20. Jahrhunderts, Ober-
haupt der Kongō-Schule in Kyoto.
Yang Kuei-fei: klassische Schönheit, die Helena der chi-
nesischen Tradition. Sie war die Favoritin eines Kaisers
und wurde im Jahr 756 durch Soldaten ermordet. Ihr
Name taucht häufig in klassischen chinesischen und
japanischen Schriften auf.
49 onnagata: Frauendarsteller. Im Kabuki-Theater werden
alle Frauenrollen von Männern gespielt. Diese im
7. Jahrhundert durch Regierungserlaß erzwungene
Maßnahme hat sich zu einem besonders wichtigen
Merkmal der spezifischen Stilisierungskunst des Ka-
buki entwickelt.

78
Onoe Baikō (870–934): berühmter onnagata (Frauen-
darsteller).
Okaru: Frauenfigur aus dem berühmten historischen
Schauspiel «Chūshingura» (‹Schatzkästlein der Lehens-
treue›) aus dem Jahr 748.
Bunraku: seit ca. 800 der gebräuchliche Name für das
im 7. Jahrhundert parallel zum Kabuki entstandene
klassische Puppentheater. Merkmale: Stockpuppen.
Jede Puppe wird von je drei Mann geführt, die dem
Zuschauer sichtbar sind. Alles Gesprochene wird vom
Rezitator vorgetragen, der mit seinem Begleiter, dem
Shamisen-Spieler, auf einem Podest rechts vor der
Bühne sitzt. Im Unterschied zum Westen nimmt das
Puppentheater eine ganz zentrale Stellung in der japa-
nischen Theatertradition ein.
5 Shimabara: Bezirk im südwestlichen Teil der Stadt
Kyoto, wo sich seit dem 7. Jahrhundert bis gegen
Ende des 9. Jahrhunderts das Freudenviertel befand.
Das Haus Sumiya besteht noch heute und ist als Kultur-
denkmal geschützt.
Nihonbashi: ‹Japan-Brücke›, Quartier im Zentrum von
Tokio.
52 Chūgūji: ehemaliges Frauenkloster, neben dem ältesten
japanischen Tempelkomplex, dem Horyūji, in der Nähe
von Nara gelegen. Es ist vor allem wegen seiner
Buddhastatue, eines Meisterwerks und Nationalschatzes
aus dem 7. Jahrhundert, berühmt. Nach herkömmlicher
Auffassung, der auch Tanizaki hier folgt, handelt
es sich um eine Figur des Bodhisattva Kannon (skr.
Avalokiteśvara), dem eine populäre Tradition weibliche
Züge zuschreibt. Dies ist aber nach neueren Forschun-
gen in doppelter Hinsicht unzutreffend. Erstens ist Kan-
non nicht weiblich. Und zweitens stellt die Statue im

79
Chūgūji nicht Kannon, sondern höchstwahrscheinlich
den Bodhisattva Miroku (skr. Maitreya) dar. Vgl. zu
diesen beiden Bodhisattvas: Seckel, Dietrich, ‹Kunst
des Buddhismus›, (Reihe: Kunst der Welt), Baden-Baden
962, S. 28–228.
59 Gion: Quartier in Kyoto, östlich des Flusses Kamo-
gawa. Ein traditioneller Vergnügungsbezirk, der für
seine Geishas berühmt ist.
60 tatami: Matten aus Stroh und Binsen, mit denen in
Japan die Böden der Wohnräume ausgelegt werden.
Es gibt vor allem zwei Normen: das alte Kyoto-Maß
95 × 90 cm und das heute allgemein verbreitete Stan-
dardmaß 78 × 76 cm. Das Grundmaß der tatami be-
stimmt die Proportionen und die Dimensionierung
der Räume und des ganzen Gebäudes. Die Zimmer-
größe wird nach der Anzahl Matten bemessen, 3, 4½,
6, 8, 0, 2 Matten usw.
62 Takebayashi Musōan (880–962): Schriftsteller und
Übersetzer, lebte zwischen 920 und 934 hauptsäch-
lich in Frankreich.
63 Ishiyama: Tempel östlich von Kyoto am Ausfluß des
Biwa-Sees. Einer legendenhaften Überlieferung zu-
folge hat Murasaki Shikibu, die Verfasserin der ‹Ge-
schichte vom Prinzen Genji›, hier zwei Kapitel ihres
Werks niedergeschrieben, indem sie den Mondschein
betrachtete. Der Tempel gilt deshalb als für die Mond-
schau geeigneter Ort.
63 Der Fünfzehnte: Zu den vielen festlichen Anlässen des
japanischen Jahreslaufs gehört die Mondschau. Und
zwar gilt nach der Überlieferung der 5. Tag des
8. Monats nach altem Kalender (entspricht etwa Mitte
September nach unserer Zeitrechnung) als besonders
geeignet. Der ‹Fünfzehnte Abend› (jūgoya) ist daher in

80
der Dichtung ein Jahreszeitenwort für den Herbst und
kann mit ‹Vollmond› gleichgesetzt werden.
64 Suma: Die Küste von Suma, im westlichen Teil der
heutigen Stadt Kōbe gelegen, ist ein in der klassischen
Literatur vielzitierter Ort. Die Sitte, sich zur Mond-
schau dorthin zu begeben, geht zurück auf das 2. Ka-
pitel (Suma) des «Genji monogatari». Siehe: ‹Genji
monogatari – Die Geschichte vom Prinzen Genji›,
2 Bde. Manesse Verlag, Zürich 966.
66 Hiei, Nyoi, Kurodani, Ostberge: Die Stadt Kyoto liegt
in einem weiten Talkessel, der im Westen, Norden und
Osten von Hügelzügen oder ‹Bergen› umgeben ist.
Die Ostberge (Higashiyama) sind insofern am wich-
tigsten, als die Stadt sich früh bis an ihren Fuß ausbrei-
tete und viele Tempel an ihren Abhängen zu finden
sind. Höchster Punkt im NO ist der Berg Hiei
(848 m), auf dem seit dem 9. Jahrhundert die weitläu-
fige Klosteranlage des Enryakuji, des Zentrums der
Tendai-Sekte, steht. Südlicher liegt der Berg Nyoi,
bekannter unter dem Namen Daimonji-yama, an des-
sen Westflanke alljährlich beim Bon-Fest Feuer ent-
facht werden. Kurodani ist ein kleiner Tempelbezirk
am Ostrand der Stadt.

E. K.

8
tanizaki jun’ichiro (886–965) wurde in Tokio
geboren. Beide Eltern stammten aus alten Kauf-
mannsfamilien. Der Vater war unter anderem Reis-
händler. Jun’ichiro, ein hochbegabter junger Mann,
erregte schon in der Schule durch stilistische Glanz-
leistungen Aufsehen und studierte an der kaiserlichen
Universität von Tokio englische und japanische Lite-
ratur. Ohne einen Abschluß zu machen, entschied er
sich für die Schriftstellerlaufbahn und hatte mit seinen
ersten Erzählungen, besonders mit «Shisei» (‹Tätowie-
rung›, 90), sogleich großen Erfolg. Von da an pro-
duzierte er in unermüdlicher Schaffenskraft ein Werk
nach dem anderen und gilt unangefochten als einer
der führenden Autoren des 20. Jahrhunderts.
Unter dem Einf luß von Leuten wie Oscar Wilde,
Edgar Allan Poe, Charles Baudelaire sowie seines
Lehrers Nagai Kafū nahm er von Anfang an einen
antinaturalistischen Standpunkt ein und wurde zum
Bannerträger des Ästhetizismus. Sein Hauptthema ist
die Suche nach Schönheit und nach einer oft überstei-
gerten, sich am Rande des Abartigen bewegenden
Sinnlichkeit und Erotik.
923 siedelte er in das Gebiet von Kyoto-Osaka um
und wandte sich vermehrt der traditionellen Kultur
zu. Als Hauptwerk darf wohl der umfangreiche Fa-
milien- und Gesellschaftsroman «Sasame yuki» (‹Fei-
ner Schnee›, 943–48) bezeichnet werden, ein impo-
nierendes Sittengemälde aus dem Kaufmannsmilieu
von Osaka. Tanizaki schreibt eine breit angelegte,
kraftvolle, präzise Prosa. Sein souveräner Stil und sein

82
Sinn für literarische Strukturen zeigen einen gebore-
nen Epiker.
Der lange Essay «In’ei raisan» (‹Lob des Schattens›)
entstand 933 und wurde erstmals in der Zeitschrift
«Keizai ōrai» veröffentlicht. Er ist ein Schlüsselwerk
für Tanizakis Ästhetik, zeugt sowohl für seinen ausge-
prägten Sensualismus wie für seine Hinwendung zur
Tradition und reflektiert in einzigartiger Weise die
Situation des Umbruchs, die Spannung zwischen Alt
und Neu, zwischen Ost und West, in der sich Japan in
den dreißiger Jahren befand und noch heute befindet.

E. K.

83
bibliographie

der Werke Tanizakis, die in deutscher Übersetzung vor-


liegen:

«Irezumi» (90)
‹Tätowierung›, übersetzt von Heinz Brasch. Zuletzt in:
Japan erzählt. Frankfurt / M. 969.
‹Das Opfer›, nach der amerikanischen Übersetzung ins
Deutsche übertragen von Monique Humbert. In: Nippon –
Moderne Erzählungen aus Japan. Zürich 965.

«Chiisa na ōkoku» (98)


‹Ein kleines Königreich›, übersetzt von Jürgen Berndt und
Eiko Satō-Berndt. In: Träume aus zehn Nächten. Moderne
japanische Erzählungen. Berlin 975.

«Watashi» (92)
‹Ich›, übersetzt von Ingrid Schuster und Reiko Sato. In:
Japanische Kriminalgeschichten. Stuttgart 985.

«Chijin no ai» (924–25)


‹Naomi oder eine unersättliche Liebe›, übersetzt von Oscar
Benl. Reinbek bei Hamburg 970.

«Tade kuu mushi» (928)


‹Insel der Puppen›, aus dem Amerikanischen übersetzt von
C. Meyer-Clason. Esslingen 957.

84
«Shunkin shō» (933)
‹Shunkinshō – Biographie der Frühlingsharfe›, übersetzt
von Walter Donat. In: Die fünfstöckige Pagode. Japanische
Erzähler des 20. Jahrhunderts. Düsseldorf-Köln 960.

«Sasame yuki» (943–48)


‹Die Schwestern Makioka›, übersetzt von Sachiko Yatsu-
shiro. Reinbek bei Hamburg 964.

«Kagi» (956)
‹Der Schlüssel›, übersetzt von Sachiko Yatsushiro und Ger-
hard Knauss. Reinbek bei Hamburg 96.

«Fūten rōjin nikki» (962)


‹Tagebuch eines alten Narren›, übersetzt von Oscar Benl.
Reinbek bei Hamburg 966.

85
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek

Tanizaki, Jun’ichirō:
Lob des Schattens / Tanizaki Jun’ichiro.
Aus d. Japan. übertr. von Eduard Klopfenstein. –
5. Aufl. – Zürich: Manesse Verlag, 990
(Manesse Bücherei; Bd. 4)
‹ ›
Einheitssacht.: In’ei-raisan dt .
isbn 3-775-809-0
NE: GT

Buchgestaltung
Brigitte und Hans Peter Willberg, Eppstein

Titel der japanischen Originalausgabe:


«In’ei raisan»
Copyright © 933 by Chuokoransha Tokyo.
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 987 für die deutsche Ausgabe
by Manesse Verlag Zürich
Tatsächlich gründet die Schönheit eines japani-
schen Raumes rein in der Abstufung des Schat-
tens. Sonst ist überhaupt nichts vorhanden.
Abendländer wundern sich, wenn sie japanische
Räume anschauen, über ihre Einfachheit und
haben den Eindruck, es gäbe da nur graue Wände
ohne die geringste Ausschmückung. Das ist von
ihrem Standpunkt her gesehen durchaus plausi-
bel, aber es zeigt, daß sie das Rätsel des Schattens
nicht begriffen haben.

isbn 3-775-809-0