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Ernst von Salomon

DIE GEÄCHTETEN

Roman

DIE VERSPRENGTEN

«Blut und Erkenntnis müssen zusammenfallen im Leben. Dann entsteht Geist.»

FRANZ SCHAUWECKER

Wirre

Der Himmel über der Stadt schien mehr gerötet zu sein als sonst. Das Licht der einsamen Laternen prallte gegen den Novembernebel, färbte die feuchte, gesättigte Luft und machte das Gewölke schwer und milchig. Auf den Straßen war kaum ein Mensch zu sehen. Von fernher kam gequält und hallend der langhingezogene Ton einer Trompete. Das Geprassel von Trommeln schlug drohend gegen die Häuser- fronten, verfing sich in dunklen Höfen und machte die verschlossenen Fenster zittern. An der Hauptwache stand gedrängt eine Gruppe von einigen zwanzig Schutzleuten. Sie hatten sehr bleiche, fast schwammige Gesichter, und die Hände in den weißen Handschuhen hingen schwer herunter. An ihren braunen Koppeln hingen klotzig die drei- eckigen Futterale ungefüger Pistolen. Sie standen und warteten. Als meine Schritte über das Pflaster hallten, wandten sie die Köpfe und folgten mir mit den Augen, ohne daß sich sonst eine Miene ihrer Gesichter, ein Glied ihrer Körper regte. Einer von ihnen hatte das Band des Eisernen Kreuzes im Knopfloch des blauen Uniformrockes. Er stand einige Schritte vor dem geballten Haufen der anderen und schien angespannt auf den Trompetenstoß zu lauschen. «Geht's los?» fragte ich ihn und stockte, und meine Stimme klang heiser. Der Schutzmann sah mich mit stumpfen Augen an. Er stand unbeweglich vor mir, wie ein Klotz; ich mußte den Kopf in den Nacken senken, um ihn anzusehen. Er richtete seinen müden Blick auf die blanken Knöpfe meiner Uniform, sah mir dann erstaunt ins Gesicht, hob plötzlich die riesige Hand auf meine Schulter und sagte: «Gehn

Sie man nach Hause und ziehen Sie Ihre Uniform aus.» Und mir, der ich gewohnt war, Befehlen zu gehorchen, schien dies wie ein Befehl: ich riß erschreckt die Hacken zusammen wie vor einem Offizier und sagte «Nein, nein — — — » und nach einer unsagbar verwirrten Weile wieder «nein» und ging dann, lief dann fast blind und stolpernd davon, durch ausgestorbene Straßen mit blicklosen Häusern, über weite Plätze, an deren Seiten nur vereinzelte Schatten huschten, durch die Anlagen, in denen das Laub auf dem Boden raschelte, daß ich vor dem Schritt meiner eigenen Füße zusammenfuhr. Durch verhängte Fenster drangen nur die schmalen Lichtlinien umhüllter Lampen. Die Läden hatten eiserne Rolläden mit kompakten Schlössern vor den weiten Flächen ihrer Schaufenster. Fröstelnd hockte ich schließlich in meiner Stube, indes der Hall der unheimlichen Trompete durch die Straßen gellte. Mich peinigte die Lautlosigkeit meines Zimmers. Ich hatte auf dem Tische die Dinge aufgebaut, die mir den Halt geben sollten. Das Bild meines Vaters, in Uniform, bei Kriegsausbruch aufgenommen, die Bilder von Freunden und Verwandten, die im Kriege gefallen waren, die Feldbinde, den krummen Husarensäbel, die Achselstücke, den französischen Stahlhelm, die durchschossene Brieftasche meines Bruders — das Blut war schon ganz dunkel und fleckig geworden — die Epauletten meines Großvaters mit den schweren, nun schwärzlichen Silbertroddeln, ein Bündel Briefe aus dem Felde auf stockigem Papier — aber ich konnte es nicht mehr sehen, all das. Nein, ich konnte es nicht mehr sehen.

Dies alles war nicht mehr gültig. Dies alles gehörte zum Bestande jener Siege, da aus allen Fenstern die Fahnen hingen. Nun kamen keine Siege mehr, nun hatten die Fahnen ihren leuchtenden Sinn verloren. Nun, in diesem verworrenen Augenblick, da alles in Trümmer ging, war der Weg verschüttet, der mir vorgezeichnet war, stand ich unfaßlich vor dem Neuen, vor dem, was sich herandrängte, ohne Gestalt angenommen zu haben, ohne einen eindeutigen Anruf klingen zu lassen, ohne eine Gewißheit zwingend ins Hirn zu hämmern außer der, daß jene Welt, der ich verhaftet war, zu der ich mich nicht zu bekennen brauchte, da ich ihrer ein Teil, nun endgültig und unwiderruflich in den Staub sank und nie mehr, niemals wieder erstehen würde. Ich beugte mich aus dem Fenster meiner Dach- kammer. Unter mir in der Regenrinne klickerte das Wasser. Ich sah die drohenden schwarzen Schatten der Häuser, die nassen, zerflederten Bäume tief drunten auf dem glitzernden Asphalt. Von der Straße stieg ein fauliger Dunst herauf, kletterte am grauen Stein, strömte in alle Ecken der kleinen Stube. Die Kerze ging aus. Ich warf im Dunkeln die Dinge, die auf dem Tische lagen, polternd in eine Schublade. Ich schlief die ganze Nacht nicht. Ich war der gefährlichen Stille ausgeliefert und wußte nur, daß ich zu bestehen hatte, um jeden Preis zu bestehen, vor was es auch immer sein möge. Denn was sich nun aus der Wirre anbot, konnte nicht anders bezwungen werden als durch die Unbeirrbarkeit einer Haltung, um die ich von nun an zu ringen hatte. Als ich am Morgen in die Küche kam, sah ich, wie

meine Mutter die weißen Achselklappen von meinem Mantel trennte. Ich konnte ihr nicht ins Gesicht sehen, ich trank die dünne braune Brühe und griff nach dem dunklen Brot, ich schnitt hastig zwei feuchte Scheiben und saß kauend und mit gesenkten Augen da. Dann nahm ich den Mantel, stieg in meine Kammer und nähte die Achselklappen wieder an. Ich ging leise, die Füße in den schweren, genagelten halbschäftigen Kadettenstiefeln vorsichtig hebend, die Stiege hinunter zum Vorplatz. Das Koppel schnallte ich über den Mantel, entgegen der Vorschrift, die den Kadetten das Unterschnallen gebot. Das Seiten- gewehr, lang, schmal, in eleganter Lederscheide, war blank und spitz, aber nicht geschliffen. Ich zog es heraus und beschaute es verlegen. Schließlich ging ich auf die Straße. Vor den Läden standen wie immer die Frauen in langen Reihen. Sie sprachen lebhaft miteinander. Die Hände über dem Bauch gefaltet, die Taschen und Körbe am Arm, säen sie mit rotgeränderten Augen aus grauem Gesicht hinter mir her. Viele Geschäftsleute hatten ihre Räume noch nicht geöffnet. Ein kleiner Mann mit vergrämtem Gesicht stand auf hoher Leiter und schraubte sorgfältig sein Hoflieferantenschild ab. In der inneren Stadt hörte ich plötzlich aus einer Hauptstraße, in die ich sofort einzubiegen beschloß, lautes Getöse. Ich fühlte, wie sehr ich bleich wurde, ich biß die Zähne zusammen und sagte mir:

«Haltung!» und zischte mir nochmals zu: «Haltung!» und hörte Fetzen eines schrillen Gesanges, hörte Schreie aus gesammelten Kehlen, ahnte Wirre und Tumult. Eine riesige Fahne wurde einem langen Zuge

vorangetragen, und die Fahne war rot. Naß und trüb hing sie an langer Stange und schwebte wie ein blutiger Fleck über schnell zusammengeströmter Menge. Ich blieb stehen und sah. Der Fahne nach wälzten sich müde Haufen, regellos durcheinanderstapfend. Weiber marschierten an der Spitze. Sie schoben sich mit breiten Röcken voran, die graue Haut der Gesichter hing in Falten über spitzen Knochen. Der Hunger schien sie ausgehöhlt zu haben. Sie sangen aus ihren dunklen, zerfransten Umschlagetüchern heraus mit scheppernden Stimmen ein Lied, dessen Rhythmus nicht zu der zögernden Schwere ihres Ganges paßte. Die Männer, alte und junge, Soldaten und Arbeiter und viele Kleinbürger dazwischen, schritten mit stumpfen, zermürbten Gesichtern, in denen ein Schimmer dumpfer Entschlossenheit stand, und nichts weiter als das, fielen immer wieder in Gleichschritt und bemühten sich dann, wie ertappt, die Füße enger oder weiter zu setzen. Viele trugen ihr Blechkännchen mit sich, und hinter der nassen, vom Regen mit dunklen Flecken getünchten roten Fahne beulten sich Regenschirme über dem Zug. So zogen sie, die Streiter der Revolution. Aus diesem schwärzlichen Gewusel da sollte also die glühende Flamme springen, sollte der Traum von Blut und Barrikaden sich verwirklichen? Unmöglich, vor denen da zu kapitulieren. Hohn über ihren Anspruch, der keinen Stolz kennt, keine Siegessicherheit, keine bändigenden Wellen. Gelächter über ihre Drohung, denn diese da marschierten aus Hunger, aus Müdigkeit, aus Neid, und unter diesen Zeichen hat

noch niemand gesiegt. Trotz über die Gefahr, denn sie trug ein gestaltloses Antlitz, das Gesicht der Masse, die sich breiig heranwälzt, bereit, alles in ihren seimigen Strudel aufzunehmen, was sich nicht widersetzt. Ich aber wollte nicht dem Strudel verfallen. Ich steifte mich und dachte «Kanaille» und «Pack» und «Mob» und «Pöbel» und kniff die Augen zusammen und besah diese dumpfen, ausgemergelten Gestalten; wie Ratten, dachte ich, die den Staub der Gosse auf ihren Rücken gen, sind sie, trippelnd und grau mit kleinen, rotgeränderten Augen. Auf einmal aber waren Matrosen da. Matrosen waren da mit riesigen roten Schärpen; Gewehre hatten sie in den Händen und lachende Gesichter unter den bebänderten Mützen und breite, elegante, flotte Hosen um lässig gesetzte Beine. «Unsere blauen Jungens!» schoß es mir durch den Kopf, und ich dachte, jetzt müsse mir der Ekel in den Hals steigen, aber es war nicht der Ekel, es war Angst. Die hatten die Revolution gemacht, diese jungen Kerls mit den entschlossenen Gesichtern, die rüden Burschen, die da Mädels untergehakt hatten und sangen und lachten und johlten und dahinzogen, breit und selbstbewußt mit nackten Hälsen und flatternden Schlipsen. Ein Auto brauste heran, Matrosen standen auf den Trittbrettern, hockten auf dem Kühler, und das rote Tuch flatterte, bauschte sich wie ein Fanal. Und einige waren dabei, die blickten frech, die schrien heiser, die hatten gedrehte Locken in der Stirn, denen kreischten die Weiber zu. Und die winkten herüber, wohin winkten die, zu mir? Zu mir?

Da kam die Gefahr. Nicht ausweichen, dachte ich, um Gottes willen nicht ausweichen! Ich griff nach dem Seitengewehr und dachte daran, daß es nicht geschliffen war, und ließ die Hand doch am Griff und zog die Schultern zusammen und nahm das Kinn zurück. Vor mir aber ging ein Soldat, ohne Koppel, mit braunen Gamaschen, ein junger Mensch mit Kneifer und Aktentasche, und der hatte die Achselklappen noch dran am langen Mantel. Und auf den gingen sie zu, und einer, ein Artillerist, breit und untersetzt, mit hohen, klobigen Stiefeln und mit der roten Kokarde an der Feldmütze, der schrie: «Da ist ja noch einer!» und hieb dem jungen Soldaten die Faust ins Gesicht und riß ihm links, rechts die Achselklappen runter, daß er taumelte, sich wandte, bleich, sehr bleich, und stammelte: «Aber warum denn, warum denn nur?» Und er zog den Kopf in die Schultern, und der Kneifer splitterte, und das bleiche Gesicht wurde feurigrot. Diese Schweine, dachte ich, diese Bande, ich konnte nichts anderes denken; aber dann stand der Artillerist vor mir und hatte kleine, tückische Augen und schmutziges Kinn und struppige Haare, und er hob die Hände, rote, breite, behaarte Hände. Schnell sah ich mich um. Viele Leute standen plötzlich im Kreis, auch Frauen waren da und einer mit einem runden, steifen Hut, und dieser hob den Regenschirm gegen mich, und ein anderer lachte, viele lachten, aber ich dachte nur an die Achselklappen. Alles hing an den Achselklappen, meine Ehre — wie lächerlich, was lag an den Achselklappen? — alles lag daran, und ich

griff zum Seitengewehr. Da pflanzte sich die Faust mir mitten ins Gesicht. Im Augenblick war alles dumpf, Auge, Nase und Kinn, und warm rann das Blut. Stoß zu, dachte ich, jetzt gibt es nur eins: stoß zu! Ich stieß, aber der Artillerist spie mich an und lachte, und ich hatte den Speichel im Gesicht, und eine Frau schrie: «Du Affe, du Zierbengel, du Hosentrompeter», und ein Stock flog mir ins Genick, und ich fiel. Einer trat mich, viele traten und hieben, ich lag und stieß mit dem Fuß, schlug um mich und wußte, es war umsonst, aber ich war Kadett und die Achselklappen hatten sie nicht. Sie lachten alle und johlten und schlugen, und mir lief das Blut in die Augen, in die Nase, und plötzlich wurde es still. Aus dem Carlton-Hotel kam einer, ich sah ihn aus verquollenen Augen, ein Offizier kam, der war schlank und groß und trug blaue Husarenuniform und hatte die Mütze schief auf und hatte Lackstiefel mit Silberborte, und auf der Attila klebte das E.K. I. und im Gesicht das Monokel. Er klatschte mit der Reit- peitsche gegen die Stiefel und hatte ein schmales, braunes, eckiges Gesicht, kam näher, klatschte mit der Peitsche, hatte undurchdringliche Augen und ging geradeswegs auf den Haufen zu. Die Weiber waren still, der Haufen öffnete sich, der Mann mit dem steifen Hut verschwand, der Artillerist war weg, der Lange, Elegante, Blaue beugte sich, faßte mich am Arm, ich taumelte hoch und stand stramm. «Bitte, stehen Sie bequem», sagte er, er sagte: «Ich bin auch Kadett gewesen, kommen Sie bitte in mein Hotel.» Ich ging mit und wischte mir das Blut aus der

Nase und sagte: «Die Achselklappen haben sie mir nicht abgerissen.»

Hoffnung

Damals, ich war gerade 16 Jahre alt und Obersekundaner der 7. Kompanie der Königlich- Preußischen Hauptkadettenanstalt, damals in den ersten acht Tagen nach Ausbruch der Revolution hatte ich den Plan, das Hauptquartier der Matrosen auszuheben. Etwa achtzig Matrosen hatten in der Stadt die Revolution gemacht, sie bildeten eine Volksmarinedivision und saßen im Polizeipräsidium. Mit einer Handvoll entschlossener Gesellen, so dachte ich mir, mußte es möglich sein, sie auf einen Schlag unschädlich zu machen. Aber es mußte schnell geschehen, denn noch brodelte die Stadt, noch knallten verlorene Schüsse in den Straßen, noch wußte keiner, wie die Dinge sich gestalten würden. Das Gebäude der «Volksstimme», das Polizeipräsidium, die Post und der Bahnhof mußten in unsere Hand gebracht werden, dann waren wir die Machthaber der Stadt, bis die Soldaten der Front zurückkehrten. Mit hundert Bewaffneten war dies wohl zu bewerk- stelligen. Es galt nur, sie zu sammeln. Es waren noch mehr Kadetten in der Stadt, ich suchte sie der Reihe nach auf. Sie hatten alle das sonderbarste Zivil angezogen, sie trugen kurze Hosen aus früherer Knabenzeit oder umgearbeitete feldgraue und dazu die blaue Litewka mit Schiller-

kragen. Sie schienen mit ihrer Uniform alle Sicherheit der Haltung aufgegeben zu haben. Bleiche Mütter fürchteten, ich würde ihre Söhne zu Unbesonnenheiten verleiten, und die Söhne standen verlegen dabei, und einer weinte, und ein anderer sagte, er sei froh, daß die Revolution gekommen sei und daß er nicht mehr ins Korps zurückbrauche, und Ludendorff sei an allem schuld, das habe schon sein Vater gesagt, und im Kasino sei ja doch bloß immer nur von Pferden, Weibern und Saufen gesprochen worden, und ein dritter, der still dabeistand, solange seine Mutter klagte, lief mir auf der Treppe nach, als ich gehen wollte, und flüsterte eilig, wenn ich etwas vorhätte, sollte ich ihn benachrichtigen, aber seine Mutter dürfe nichts davon wissen. Tag für Tag strich ich um das Polizeipräsidium, ja, ich wagte mich hinein, ließ mir den gutmütigen Spott der Matrosen gefallen, die freilich in dem schüch- ternen Kadetten keine Gefahr witterten, trotzdem das Lacklederkoppel immer noch das ungeschliffene Seitengewehr trug. Zwei Kriminalbeamte, die ich kannte und die in ihren Zimmern saßen und ihren Dienst unbehelligt weiter taten, machte ich empört auf die Dreckwirtschaft aufmerksam, die durch die Matro- sen in den Räumen herrschte, und sie hörten mich freundlich an und lächelten, und dann sagte einer, sie täten bloß ihre Pflicht als Kriminalbeamte, und das weitere kümmere sie nicht. Und dann suchte ich den Major Behring auf, einen Freund meines Vaters, rotgesichtig, schnurrbärtig und leider wegen Hexen- schusses nicht felddiensttauglich, und den weihte ich ein in meinen Plan, und er war begeistert, und er

sagte, das würde ihm alle Hoffnung wiedergeben, daß die deutsche Jugend so treu zum alten, herrlichen Kaiserreich stünde und für die alten Ideale eintrete, und er wünsche mir Gottes Segen zu meinem Vorhaben, er selbst habe ja Frau und Kinder und ich verstünde wohl, der verfluchte Hexenschuß, der ihn ja auch leider, leider verhindert habe, seinem Kaiser zu dienen — aber ich mußte weiter und ging und sah unterwegs die Bekanntmachungen des Arbeiter- und Soldaten-rates und stand davor und las und las und verstand kein Wort und wußte nur, daß dies feindlich war und daß dies ja alles gar nicht stimme, und ich nahm freilich von den Zetteln, die ein Mann mit roter Armbinde verteilte und die Beitrittser- klärungen für die Sozialdemokratische Partei waren, ich nahm einen ganzen Pack, aber nur, um sie sorglich, über den Rinnstein gebückt, in einen Kanalisationsschacht zu stecken. Ich irrte durch die Straßen und prüfte und verwarf in Gedanken Hunderte von Leuten, die ich hätte aufsuchen können, und wetzte meinen Zorn an den vorbeipatrouillierenden Matrosen mit ihren roten Armbinden und den roten Papierblumen im Mützenband und kümmerte mich längst nicht mehr um die vielen Blicke der Leute, die meiner Uniform galten und dem Koppel und den Kokarden. Die Stadt war ruhig, nur am Bahnhof kamen noch kurze Demonstrationszüge vorbei; und einmal, da stand an der Spitze des Zuges ein junger Offizier, feldgrau, mit einer riesigen roten Schärpe, und das war der Bahnhofskommandant; er hielt eine Ansprache und erklärte, er bekenne sich voll und ganz zur Sache, zur geheiligten Sache der Revolution. Und

ihn grüßte ich, ja, ihn grüßte ich, ich ging vorbei und grüßte so stramm wie möglich, die Hand flitzte an den Mützenrand, dicht an ihm ging ich vorbei und sah ihn vorschriftsmäßig an, und er sah mich, und mitten im Wort blieb sein Mund stehen, und seine Hand fuhr zu halber Höhe und sank dann wieder zögernd, und er wurde sehr rot im Gesicht. Einen fand ich, der bereit war, mitzumachen. «Wir wollen die rote Schweinebande schon ausräuchern», sagte er, und hatte auch einen Revolver, den er mir zeigte, und vielleicht berührte nur dies mich peinlich bei dieser unerwarteten Bereitschaft und der Art, sie auszudrücken, daß es mein jüngerer Bruder war, Kadett und Obertertianer. Sonst war keiner bereit, nicht der Oberlehrer, der im dritten Stockwerk wohnte, und der bebte vor Wut, wenn er nur das Wort Sozialdemokrat hörte, aber nun murmelte er, die Aufregung dieser Tage habe ihn ganz krank gemacht; nicht der Kunstmaler von nebenan, Inhaber des Kriegsverdienstkreuzes und Vorstandsmitglied des Flottenvereins, der malte an einem Stilleben, Erdbeeren auf einem Kohlblatt, und sagte, er müsse erst seinem Werke leben; nicht der Kassenrendant, Zahlmeister außer Dienst, der ging nach wie vor auf sein Amt und hatte durchaus keine Zeit; nicht der Vater meines lungenkranken Freundes, Textilfa- brikant, der bangte um seinen Betrieb, fürchtete die Wut seiner Arbeiter — und sie hatten alle recht, sie hatten alle jenes verfluchte Recht für sich, die maßvolle, weise Überlegung, mit der sie jeden Ein- wand, jede auflodernde Begeisterung abwürgen können. Und durch die Auflösung der bisherigen

Ordnung, die gleichzeitig geschah mit einer Freigabe der tiefsten und geheimsten Wünsche und Süchte, durch die Lockerung aller Bindungen entfernte sich der eine vom anderen und brauchte es nicht mehr für notwendig zu erachten, den eigentlichen Gehalt seines Wesens ängstlich zu verschleiern. Ja, so standen sie alle plötzlich für sich allein und konnten nur für sich allein gewertet werden, und jede Freundschaft wurde unmöglich. Da ich Menschen nicht sammeln konnte, sammelte ich Waffen, und es war leicht, Waffen zu sammeln. In jedem Hause fast war mindestens ein Gewehr, und meine Bekannten waren froh, daß ich ihnen die gefährlichen Werkzeuge aus der Wohnung schleppte. Nächtlicherweile trug ich Gewehr für Gewehr, eingepackt und verschnürt, durch die Straßen und war unendlich stolz, als sich die Waffen in meiner Dach- kammer stapelten. Wenngleich ich nicht wußte, was ich mit diesem Depot beginnen sollte, so vermittelte mir das Bewußtsein des Besitzes jener Dinge doch das erregende Glücksgefühl der Beherrschung tödli- cher Mittel, und sicherlich war es die Gefahr ihres Besitzes, die mich in ständiger Selbstachtung erhielt und den Augenblicken meiner demütigenden Unt- ätigkeit die Rechtfertigung verlieh. Die Waffenstillstandsbedingungen wurden bekannt. Mitten in einem großen Menschenhaufen stand ich vor dem Gebäude der Zeitung. Da hingen die breiten Bogen mit den knalligen Überschriften, und der Herr vor mir las halblaut und stockend, und andere drängten sich heran, sogar einer mit einer roten Binde am Arm. Erst konnte ich nichts sehen, aber einer

lachte erregt und sagte, das wäre doch alles Unsinn, das könnte doch gar nicht sein, und Wilson werde

aber ein andrer sagte: «Ach

was, Wilson», und da war der erste still. Und einer sagte, das hätten die Franzosen schon bei Ausbruch des Krieges gesagt und gewollt; eine Frau schrie heiser: «Aber da kommen ja die Franzosen bis hierher?» Und dann stand ich vorne und las. Fett und behäbig berichteten die Überschriften, und mein erstes Gefühl war Ärger über die Zeitung, weil diese entsetzlichen, trockenen, lakonischen Bedingungen fast behaglich hergerichtet waren. Dann aber war mir, als ob mir der Hunger, an den ich mich schon gewöhnt glaubte, die Magenwände zusammenriß. Das stieg mir bis zum Halse, füllte mir den Mund mit einer fauligen Leere und ließ mir ein Flimmern in die Augen schießen, so daß ich nicht mehr die Leute, die um mich geballt standen, sehen konnte, daß ich überhaupt nichts mehr sehen konnte außer dem Schwarz der Buchstaben, die da eine Ungeheuerlichkeit nach der anderen mit grauenhaftem Gleichmut in mein Hirn schoben. Zuerst verstand ich nicht. Ich mußte mich zwingen, zu verstehen. Ich glaubte, lachen zu müssen, ich murmelte mit trockener Kehle vor mich hin, und je länger meine Augen über die Zeilen hetzten, desto schwerer stieg mir der Druck in den Hals. Schließlich wußte ich nur eines, daß die Franzosen hierher kom- men würden, daß die Franzosen als Sieger einrücken würden in die Stadt. Ich wandte mich an den Mann neben mir und packte ihn am Arm und sah erst dann, daß er eine rote Binde trug, und sagte trotzdem, und die Stimme war

schon dafür sorgen, daß

brüchig: «Die Franzosen kommen her», und der sah nur hin auf das Zeirungsblatt, und seine Augen hatten einen starren Glanz; und einer sagte: «Die Flotte müssen wir auch ausliefern» — und dann sprachen sie alle durcheinander. Ich rannte aber nach Hause und sah unterwegs, daß sich nichts verändert hatte, während mir doch schien, als müsse die Stadt zu schreien beginnen, als müsse es aus allen Gassen brechen. Aber da standen nur vereinzelt Grüppchen an den Ecken, Straßenredner holten mit mächtiger Geste aus, und ich hörte, wenn Soldaten und Offiziere gleiche Löhnung und gleiches Fresssen bekommen

aber da war doch noch ein alter Herr und

der meinte, heute sollten wir doch nicht nach Schuld und Nichtschtschuld fragen, sondern da müsse das Volk einig sein, denn die Franzosen kämen in die Stadt. Doch man hörte nicht auf ihn, und es war rührend, zu sehen, wie der alte Herr sich an einen nach dem anderen wandte und auf ihn einsprach und wie sich einer nach dem anderen nach kurzen Augenblicken anscheinend gelangweilt abwandte und der alte Herr dann betrübt und kopfschüttelnd weiterging. Einer, aber sagte und sah hinter ihm her: «Man möchte bald sagen, lieber die Franzosen im Land als die Roten», und erschrak dann vor sich selber und ging mit eilig geschwungenem Regenschirm davon. Freilich rasten noch die Autos durch die Stadt, vollbesetzt mit roten Bewaffneten, und ich musterte sie genau und sah kräftige, entschlossene Gestalten, gepackt vom Rausch der schnellen Fahrt, und überlegte mir, ob ihnen auch der Rausch eines tollen Widerstandes gegen den Einmarsch der Franzosen zuzutrauen sei. Und ich las

hätten

die Plakate, die roten Plakate mit den Bekanntmachungen des Arbeiter- und Soldatenrates, und witterte hinter der hallenden Wucht ihres Ausdrucks doch eine gefährliche, bezaubernde Energie, hinter den prahlerischen Ver- kündungen doch einen heißen Willen. Ja, da mir schien, daß die fieberhafte Erwartung, die in den ersten Tagen der Revolution der Stadt das Gepräge gab, immer mehr einer stumpfen Resignation Platz gemacht habe, wünschte ich mir Exzesse herbei und erschrak fast vor der Befriedigung, die ich spürte, als es hieß, die Gefängnisse seien gestürmt und geöffnet worden und man habe einen fetten Gast des Café Astoria, der über einen Demonstrationszug der Kriegsbeschädigten zu lachen sich erdreistete, halb totgeprügelt. Die Bekleidungsdepots wurden geplündert, und die Matrosen waren die Anführer, und viele junge Mädchen der Stadt, die mit den Matrosen befreundet waren, trugen auf einmal notdürftig umgearbeitete feldgraue Mäntel. Aber in den Straßen erschienen nach und nach an Stelle der verwegenen Matrosenstreifen ältere Männer in schwar- zem Rock und mit steifem Klappkragen, denen die rote Binde seltsam genug auf dem Ärmel prangte, erschienen die bleichen Soldaten der Amtsstuben, die statt der Aktentasche das Gewehr trugen, mit der Mündung im Dreck, wie es Sitte geworden war; aber was bei den Matrosen als ein kühnes Zeichen der Aufehnung erschien, war bei diesen nur der Ausdruck der geheimen Angst, nicht als gefährlich betrachtet zu werden. Die Matrosen zogen sich erbittert zurück, sie waren nicht mehr die Helden der Revolution, sie fühlten sich betrogen und strichen mit verbissenen Mienen an den Ordnungssoldaten vorbei, an den Wachleuten, die überall

wichtig herumstanden und den vagierenden Matrosen mit kleinen, kalt glitzernden Augen folgten. In einer der Nächte zwischen jenen verworrenen Tagen träumte ich vom Einmarsch der Franzosen. Ja, ich träumte davon, obgleich ich außer den Kriegs- gefangenen noch keine französischen Soldaten gesehen hatte — und es sei hier gesagt, so, wie ich sie träumte, so sah ich sie später, siebzehn Monate später, als sie wirklich die Stadt besetzten —, und so sah ich sie: Sie waren plötzlich in der Stadt, in der toten, gedämpften Stadt, geschmeidige Gestalten, graublau wie das Dämmerlicht, das zwischen den Häusern hing, stumpfglänzende Helme über hellen Gesichtern, über blonden Gesichtern, und sie gingen schnell, das Gewehr geschultert und am Gewehr die Bajonette, sie gingen mit federnden Knien, die Mäntel öffneten sich vor ihren Knien, und sie stießen in die weiten, leeren Plätze hinein, unbeirrbar, wie am Draht gezogen, und vor ihnen wich der Dunst, der über der Stadt lagerte, und es war, als stöhnte das Pflaster, als triebe jeder Schritt einen spitzen Keil in den gemarterten Boden, und es war, als duckten sich die Bäume und die Häuser vor der jauchzenden Drohung des Sieges, vor dem unbezwinglichen, tödlichen Rausch ihres Marsches; Kolonnen marschierten, endlose, exakte, prachtvolle Kolonnen, mit Geblitze und Gefunkel und mit glänzenden Kupfernaben an den Rädern der Ge- schütze; und wie ein Schrei stiegen die steilen Lichter ihrer grellen Fahnen, wie ein Schrei fuhr über dem Brausen der kurzen, knatternden Schritte plötzlich das Schmettern der Clairons — wo sah ich das, wo hörte ich das, den Marsch des Regimentes Sambre et

Meuse? —, eine wilde, hallende, todesmutige Musik, die ihren gellenden Jubel an den Himmel hetzte, in die Herzen der Gegner jagte, in die Steine preßte — und vor ihr war Flucht, Panik und das namenlose Entsetzen vor dem Unentrinnbaren. Maßlos war der Hohn, marternd der Jubel, unerträglich das Gelächter des Siegers, des Herrschers, über den Hunger, über die Not, über das Gewinsel, über die flatternde, brechende, verzweifelte Gegenwehr. Und dazwischen kamen hurtige Kolonnen, kleine Gestalten, schmal, gelenkig, bräunlich, wie Katzen; Tunesier, mit Pföt- chenschritten und bleckenden Zähnen, sie schlängelten sich, blitzend funkelnde Augen schweiften, Witterung der Wüste, Unruhe unter glühheißer Sonne, über flimmernden, weißen Sand; dazwischen in flattern- den, leuchtenden Mänteln, auf winzigen, zähen Pferden, wendig, geschickt, blutzischend, die Spahis; dazwischen, schwarz wie die Pest, lange Beine, muskulöse, seidige Körper, blanke Gesichter, ge- wölbte, gierige Nüstern, die Neger! Und wir, über- rannt, übertrampelt, gebändigt: das darf bei Gott nicht sein! Unnennbare Wucht: und wir zerschmettert vor ihr, wir in den Staub getreten, jeden Anspruchs bar, Besiegte, Geschändete, Aufgegebene, nie wieder Leuchtende «Nach dieser Revolution wird der Usurpator kommen», las ich in der Zeitung, und seiner Sache gewiß verwies der «Generalanzeiger» auf das Beispiel der Französischen Revolution und Napoleons. Ich hatte noch ein Bild des Korsen im Schrank — seit Kriegsausbruch hing es nicht mehr in meinem Spind. Ich suchte nach dem Bild und erschrak

vor diesem Gesicht. Das war bleich und schwammig, und ich dachte, wenn man mit einer Nadel hinein- stäche, dann platzte die Haut und es müßte weißlich und fett aus der Wunde quellen. Aber die Augen sta- chen dunkel und voll der gefährlichsten Rätsel unter der zerflederten Locke. Ja, Napoleon, der Usurpator, stammte aus der Revolution. Dieser stürmische Blick, hatte der nicht alles zusammenbrechen sehen, hatte der nicht gebändigt, was schaumig auseinander- zufließen drohte, stand nicht unter der unmittelbaren Drohung dieses Blickes Frankreich und die Welt? Wenn das neu war, was damals entstand, dann wurde es neu, weil hinter dieser Stirn die flackernden Wünsche der Menschen nach Gerechtigkeit, nach dem Freisein, nach dem Brot, nach dem Ruhm und nach der Liebe in den Wirbeln eines tollen Hohnes geballt, ge- sammelt, eingekocht und in blitzende Energien verwandelt wurden, weil diese zwingenden Augen in sich sogen, was nach dem Niederbruch an Kraft und Bewegung auf brachen Feldern lag, weil dieser schmale, gebieterische Mund Worte formte, dieses kalte, glühende Herz Pläne gebar, die das brodelnde Paris, das zerfleischte Frankreich zusammenschleu- derte zu einem einzigen, kompakten Kern, der wuchs und wuchs und alle Grenzen sprengte, und alle Grenzen sprengen sollte. Mit welch entflammendem Schauder las ich von jenem gallischen, sengenden, nüchternen Heroismus, der die zerfetzten, hungernden, marodierenden Scharen gegen die eindringenden Armeen trieb, der das Salpeter von den Kellerwänden kratzte, um Pulver zu haben, der Generäle auf die Guillotine schleppte, weil sie, entgegen dem Befehl,

nicht gesiegt. Aus diesen Bereichen wuchs der Korse, das war die Revolution, die den Usurpator gebar. Levée en masse — wer bot uns das Wort? das war es, ja, das war es! Wir mußten alle aufstehen gegen den Feind. Wir mußten der Revolution einen Sinn geben, wir mußten das Land aufkochen lassen, die Fahnen, die gültig waren, und seien es die roten, nach vorn tragen — das mußten wir. Sollten wir nicht die Revolution lieben lernen? Hatte nicht Kerenski weitergekämpft und hatte nicht Lenin der ganzen Welt den Krieg erklärt? Wir würden alle Waffen tragen, und wir würden sie tragen mit der Leidenschaft des Sieges, die uns mehr verhieß, als seren Bestand zu wahren, die uns einer Mission wert sein ließ, die der Verzweiflung ihren fahlen Schimmer nahm und aus Busch und Hecke, aus jedem Fenster, jedem Torweg unsern Haß und unsern Glauben spritzte. Wer sollte widerstehen unserm Aufstand? Der Mann, der uns das Wort bot, stand nicht im Ruche krauser Phantasterei — wir sollten's wagen! Ich wollte die Revolution lieben lernen; vielleicht waren ihre Energien noch nicht geweckt. Vielleicht lauerten die Matrosen auf die Parole, vielleicht standen die Arbeiter, die Soldaten bereits zu heim- lichen Bataillonen geformt, vielleicht war die Sprache der Aufrufe schon gesprüht aus den quirlenden Gluten eines unmeßbaren, ungeheuerlichen, welttrotzenden revolutionären Willens — die aktivsten Elemente der Nation trugen die Waffen schon in den Händen. Und ich lief durch die Stadt, aber die Stadt war ruhig. Und ich drängte mich in die Versammlungen,

aber erhitzte Redner donnerten von Junkern, Pfaffen und Schlotbaronen und vom fluchbeladenen Hohenzollernregime. Und ich las mit Inbrunst die Proklamationen, aber da stand etwas von einem Demobilmachungskommissar und Anordnungen zur Durchführung der Waffenstillstandsbedingungen. Und ich rannte durch die Straßen, aber die Menschen gingen zur Arbeit, sie blieben kaum stehen vor den grellroten Plakaten, sie gingen müde in alten, ab- geschabten Kleidern dem Erwerb nach, unendlich geduldig, verdrossen, und wenn sie etwas sprachen, dann war es wie gemurrt, und die Frauen standen wie immer an den Ecken in langen Reihen und warteten ergeben. Ich schmiß mich an die Wachleute, aber die sahen mich mißtrauisch an und führten Worte im Mund, die ich kannte, zerledert und abgekaut und hundertmal gehört. Und ich sah geballte Massen mit wehenden Fahnen und prangenden Schildern, aber da schrie es über die Plätze: «Nie wieder Krieg!» und «Gebt uns Brot!», und sie standen und sprachen vom Generalstreik und von Betriebsrätewahlen. Und ich wandte mich an meine Bekannten, an Bürger, an Offiziere, an Beamte, aber die sagten, es müsse erst Ordnung werden, und sprachen von der Schweine- wirtschaft, mit der unsere zurückkehrenden Feldgrauen schon aufräumen würden. Aber die Matrosen, die Matrosen hatten die Revolution gemacht, sie waren wie das mahnende Gewissen aus ersten Tagen des Aufbruches, sie strichen kühn durch die Stadt, sie waren Keim und Träger jeder Erregung. Zum zweiten Male ging ich ins Polizeipräsidium, stieg über die schmutzige, aus-

getretene Treppe, ging in ein Zimmer mit rohen Holztischen und Bänken, auf denen Kochgeschirre, Brotbeutel, Bierkannen, Seifenstücke, Kämme, Ta- baksbeutel, Fettgläser, Speckstücke in tollem Wirrwar lagen und dazwischen verstreut Patronen, Karabiner, Seitengewehre, Lederzeug, indes ein Maschinen- gewehr gebuckelt in der Ecke stand neben einer Kiste Handgranaten. Da lagen, hockten, standen die Matrosen, rauchten, spielten, dösten, aßen, sprachen, und über ihnen hing die Luft, schwer und blau, aus Schweiß und Staub und Rauch, der Ruch eines Heerlagers, voll sonderbar beklemmender Würze, gleich als ob alles ahnen ließe, daß hier Sprengstoffe lagerten, die auf den zündenden und befreienden Funken warteten. Und ich erniedrigte mich, ließ mich anfahren oder höhnisch belächeln, stand im Wege, ging nicht, bot schlechten Tabak an, mischte mich heiser in rüde Unterhaltung, belachte die Zoten, erzählte selber eine, biederte mich an, schmiß mich heran, suchte mir einen, zwei, die abseits saßen, holte Zeitungen vor. Und einer, ein Kleiner, Junger, mit kessem Gesicht, der fragte mich aus, den log ich an, beschimpfte den Kaiser, ließ mir erzählen von prahlerischen Heldentaten, wie sie ihre Offiziere verprügelt, wie viele Mädchen sie über die Bank gezogen, bestaunte ihn, bis der geschmeichelt duldete, daß ich über die Wachleute herzog, über die schlappen Hunde, die die Revolution verraten wollten, aus Furcht vor den Bourgeois und aus Furcht vor den Franzosen. Und ob er wüßte, daß die Franzosen herkämen, und was sie dann machen würden, die Franzosen würden doch keine Bewaffneten dulden,

und ob sie kämpfen würden, ob sie kämpfen würden gegen die Franzosen? Da lachte der Kerl und sagte: «Wir nicht, wer noch?» und spie in die Ecke.

Heimkehr

In der Mitte des Dezember rückten die Fronttruppen in die Stadt. Es war nur eine Division; sie kam aus der Gegend von Verdun. Auf den Bürgersteigen drängte sich die Menge. Einzelne Häuser zeigten schüchtern die schwarz-weiß- roten Fahnen. Viele junge Mädchen und Frauen standen da, einzelne von ihnen trugen Blumen in Körben oder kleine Päckchen. Immer mehr Leute kamen hinzu, die Hauptstraßen waren angefüllt mit Massen, die sich nach mancherlei Bewegung geduldig an die Bürgersteige schoben. Wir standen und warte- ten auf die Front. Es war, als ob der finstere Druck, der nun schon seit Wochen über der Stadt lag, einen Teil seines Gewichtes verloren hätte, als ob sich der Starrkrampf gelöst hätte, der bislang die Menschen aus ihrer Gemeinsamkeit gestoßen hatte. Es war fast so wie früher, wenn ein großer Sieg gemeldet wurde. Wir glaubten alle, einander zu erkennen, bereit, unserer Stimmung Ausdruck zu geben, und von vornherein geneigt, zu glauben, was uns erfülle, müsse auch die

anderen bewegen. Die Front kam. Nun würde es sich entscheiden. Denn wir haben alle gelitten, da wir spürten, daß inmitten des Wirbels, daß trotz der Ereignisse, der Wandlungen, der Geschicke das Eigent- liche, das Wahrhafte, das Wirkliche noch ausstand. Die Front würde es bringen. Es war unmöglich, daß nun die Lösung nicht einträfe; wir konnten es kaum ertragen, so zu leben, so herausgerissen, so aufgegeben, so abseits unseres eigenen Glaubens. Wir standen und reckten die Hälse hoch, ob sie noch nicht kommen, und alle Wünsche sammelten sich dem einen Punkt. Nun wurde alles anders. Die Front kam und mußte mit sich tragen den Hauch der Welt, die vier Jahre lang gültig war. Wir standen und warteten auf die Besten der Nation. Ihr Einsatz konnte doch nicht vergeblich gewesen sein. Die Toten des Krieges fielen doch nicht umsonst, das durfte ja nicht sein, das war unmöglich. Ich dachte, da stehen wir nun alle und warten, und jeder formuliert nun seine Wünsche, und sie sind vielgestaltig genug. Aber eindeutig mußte doch sein die Anerkenntnis ihrer Größe, sie lag schon im Verzicht auf eine eigene Entscheidung. Die Front kehrte heim. Um sie wob die Zuversicht einen strahlenden Schein. Auf einmal waren unsere Reden und Meinungen wieder befreit von dem muffigen Dunst der Hinterzimmer, in die sie seit Wochen verbannt. Unsere Feldgrauen kehrten heim, unsere schimmernde Armee, die ihre Pflicht tat bis zum Äußersten, die unsere glänzendsten Siege erfocht, Siege, deren Glanz uns nun fast unerträglich dünkte, nun, da der Krieg verloren war. Das Heer war nicht besiegt. Die Front stand bis zuletzt. Sie kam zurück und sie würde alle Bindungen wieder knüpfen.

Die Vielfalt unsrer Wünsche, die der Masse die eigentümliche Bewegung und Erregtheit verlieh, suchte ihren Ausdruck. Es war Gemurmel in den Reihen, Gruppen formten sich, es standen kleine Häuflein rund geballt um eifrig gestikulierende Gestalten. Man erzählte sich, die Truppen wären von der Front bis hier zu Fuß marschiert. Sie hätten sich geweigert, Soldatenräte einzurichten. Und ihnen auf dem Fuße folgten die Franzosen. Ein Name, eine Zahl, sie standen plötzlich im Kerne unseres Denkens. Fast niemand hatte vorher von dieser Division gehört, von der 213. Infanterie-Division, es war schlicht eine Division mit hoher Nummer, eine von vielen, eine, die die ganzen Jahre an der Westfront kämpfte. Zuletzt bei Verdun. Mehr wußte man nicht von dieser Division, die nun in die Stadt marschieren sollte, die nun mit herrisch stolzem, von allen unbedenklich zuerkanntem Anspruch in die geheimsten Bezirke unserer Erwägung griff. Sie sollte in der Stadt nicht bleiben, am nächsten Tage zog sie weiter. Doch die Stadt, sie spürte ihre freudige Pflicht, den tapferen Kämpfern den festlichen Empfang zu spenden, der ihnen wohl gebührte, den Dank der Heimat ihnen kundzutun, mit offnen Armen sie zu grüßen, dankbar, stolz und warmen Herzens. Das waren unsere Helden, die nun nahten, die Unbesiegten, die ein neidisches Schicksal um den Enderfolg gebracht. Und aller Trauer sehr zum Trotz und ungeachtet, daß die Verhältnisse der Heimat sich gewandelt, es war nicht mehr wie recht, in Einigkeit, fern jedem kleinen Hader, sie willkommen heißend zu empfangen. Es wurde immer wieder hin und her gefragt. Noch hörten wir das Brausen nicht, das ihre Ankunft melden

mußte. Noch klang das Schmettern der Trompeten nicht und nicht der dumpfe Paukenkrach, noch tauchten nicht die Fahnen auf. Naßgrau war der Tag und kalt. Ich stand eingekeilt; der Schweiß, den mir des unbekannten Nachbarn Körperwärme schuf, bezog die Stirn mit ekler Schicht. Das Summen der Erregung prallte an die Häuser, wir warteten und lauschten, schwatzten, zitterten im Frost und in der feuchten Wärme, gefoltert von der Spannung. Plötzlich waren die Soldaten da. Man hörte sie kaum, nur die Massen gerieten in kurze Bewegung. Einzelne Zurufe erklangen, die niemand verstand, die sofort wieder erstarben. Eine Frau begann zu weinen,

ihre Schultern hoben sich zuckend, sie schluchzte still vor sich hin, die Hände ineinander gekrampft. Die Wachleute breiteten die Arme aus und stemmten sich gegen die Menge. Aber sie wurden verschluckt, mit einem Ruck schob sich die Menschenmauer vor. Da kamen sie, ja, da kamen sie. Da waren sie auf einmal, graue Gestalten, eine Reihe von Gewehren über runden, stumpfen Helmen. «Warum ist denn keine Musik?» flüsterte einer, heiser atemlos. «Warum hat denn der Bürgermeister keine Musik?» Unwilliges Gezisch. Und Totenstille.

Dann rief einer «Hurra

wieder war Stille. Ganz schnell gingen die Soldaten, dicht aneinandergedrängt. Wie Schemen tauchten die vordersten vier Mann auf. Sie hatten steinerne, starre Gesichter. Der Leutnant, der neben der ersten Gruppe ging, trug blanke, glitzernde Achselstücke auf

»

Von ganz hinten. Und

einem lehmgrauen, zerschlissenen Rock. Sie kamen heran. Die Augen lagen tief, im Schatten des Helmrands, gebettet in dunkle, graue, scharfkantige Höhlen. Nicht rechts, nicht links blickten die Augen. Immer geradeaus, als seien sie gebannt von einem schreckli- chen Ziel, als spähten sie aus Lehmloch und Graben über zerrissene Erde. Vor ihnen blieb freier Raum. Sie sprachen kein Wort. Kein Mund öffnete sich in den hageren Gesichtern. Nur einmal, als ein Herr vorsprang und, bittend fast, den Soldaten ein Kistchen hinhielt, fuhr Leutnant mit unmutiger Hand beiseite und sagte: «So lassen Sie das doch, hinter uns kommt noch eine ganze Division. » Die Soldaten marschierten. Eine Gruppe, dicht aufgeschlossen die Rotten, die zweite Gruppe, die dritte. Abstand. Weiter Abstand. Das war wohl eine Kompanie? Wie, das war wohl eine ganze Kom- panie? Drei Gruppen? O Gott, wie sahen sie aus, wie sahen diese Männer aus! Was war das, was da heranmarschierte? Diese ausgemergelten, unbewegten Gesichter unter dem Stahlhelm, diese knochigen Glieder, diese zerfetzten, staubigen Uniformen! Schritt um Schritt marschierten sie, und um sie herum war gleichsam unendliche Leere. Ja, es war, als zögen sie einen Bannkreis um sich, einen magischen Zirkel, in dem gefährliche Gewalten, dem Auge der Ausgeschlossenen un- sichtbar, geheimes Wesen trieben. Trugen sie noch, zu einem Knäuel quirlender Visionen geballt, die Wirre tosender Schlachten im Hirn, wie sie den Dreck und den Staub der zerschluchteten Felder noch in den

Uniformen trugen? Dies war kaum zu ertragen. Sie marschierten ja, als seien sie Abgesandte des Todes, des Grauens, der tödlichsten, einsamsten, eisigsten Kälte. Hier war doch die Heimat, hier wartete die Wärme auf sie, das Glück, warum schwiegen sie, warum schrien sie nicht, warum jubelten sie nicht, warum lachten sie nicht? Die nächste Kompanie rückte an. Die Menge, zurückgeprallt vor der wütenden, überraschenden, quälenden Wucht der ersten Gruppen, drängte wieder vor. Aber die Soldaten stießen wie blind in die Straßen hinein, in trappendem Gleichschritt, schnell, geschlossen, unberührt von den tausend Wünschen, Ahnungen, Grüßen, die sich um sie woben. Und die Menge war still. Nur wenige waren mit Blumen geschmückt. Und die Blumensträußchen auf den Gewehrläufen hingen verwelkt. Die jungen Mädchen hatten Blumen in den Händen, aber nun standen sie da, bebend, hilflos, verlegen, es zuckte in ihren Gesichtern, die, bleich den Soldaten zugewandt, angstvolle Augen zeigten. Die Soldaten marschierten. Ein Offizier trug achtlos einen Lorbeerkranz in der Hand, schlenkerte ihn, zog die Schultern hoch. Die Menge raffte sich auf. Einzelne Schreie prasselten, wie aus verrosteten Kehlen. Hier und da wurde mit Taschentüchern gewinkt. Die Menge warb um die Truppen, erschüttert stammelte einer: «Unsere Helden, unsere Helden!» Da marschierten sie, unsere Helden, da strichen sie vorbei, unerschütterlich, die Schultern vorgeschoben, der Stahlhelm fast überragt vom klotzigen Gepäck, schnurgerade ausgerichtet, mit

schleudernden, knackenden Knien, Kompanie auf Kompanie zog vorüber, kleine, geballte Häuflein mit weiten Abständen. Der Schweiß rann den Soldaten aus dem Helm über die dürren, grauen Backen, die Nasen sprangen spitz nach vorn. Keine Fahne. Kein Zeichen des Sieges. Nun kamen schon die Bagagewagen. Das war ein ganzes Regiment. Und wie ich diese tödlich entschlossenen Gesichter sah, diese harten, wie aus Holz zurechtgehackten Gesichter, diese Augen, die fremd an der Menge vorbeisahen, fremd, unverbunden, feindlich — ja, feindlich — da wußte ich, da überfiel es mich, da erstarrte ich — — das war ja alles ganz anders, das war ja alles ganz, ganz anders, das war ja alles gar nicht so, wie wir es dachten, wir alle, die wir hier standen, wie ich es dachte, jetzt und die ganzen Jahre hindurch, das mußte ja alles ganz anders gewesen sein. Was wußten wir denn? Was wußten wir denn von diesen da? Von der Front? Von unseren Soldaten? Nichts, nichts, nichts wußten wir. O Gott, dies war entsetzlich. Das war ja alles gar nicht wahr; was hatte man uns erzählt? Man hatte uns ja belogen, das waren nicht unsere Feldgrauen, unsere Helden, unsere Beschützer der Heimat — das waren Männer, die nicht gehörten zu dem, was sich hier in den Straßen gesammelt hatte, die nicht dazu gehören wollten, die aus anderen Bereichen kamen, die andere Gesetze kannten, andere Freundschaften spürten. Und auf einmal, da dünkte mich alles schal und leer, das, worauf ich gehofft hatte, das, was ich gewünscht hatte, das, wofür ich mich begeistert hatte. Daß diese

da, die Männer, die da marschierten, das Gewehr geschultert und strenge abgeschlossen von allem, was nicht ihresgleichen war, daß diese da nicht zu uns gehören wollten, das war es, das Entscheidende. Sie gehörten nicht zu uns, sie gehörten nicht zu den Roten, vor ihnen glitt unsere ganze, schaumige, verkrampfte, lächerliche Wichtigkeit auseinander wie das Wasser vor dem Bug eines Schiffes. Alles, was wir gedacht hatten, was wir gehofft hatten, was wir ausgesprochen hatten, war ungültig geworden. Welch ein ungeheuerlicher Irrtum war es, der es vermochte, uns vier Jahre lang glauben zu machen, wir gehörten zueinander, welch ein Irrtum, der jetzt zerbrach! Nun kam ein Offizier auf dürrem, kotigem Pferd. Dicht an mir ritt er vorbei, ein Major, und ich riß die Hacken zusammen. Aber er sah mich nicht einmal an. Er wandte den Gaul, daß der vorne etwas stieg, mit der breiten Kruppe, den stakenden Beinen die Menge hinter sich beiseitefegte. Dann stand der Gaul, zu uns in Front, der Major hob die Hand zum Helm und sah der Truppe entgegen. Ein Offizier sprang an seinen Platz und rief ein Kommando. Das riß die Soldaten zusammen, das drehte die Helme mit einem Ruck, die Beine zuckten hoch, wie aus den Gelenken geschnellt, dann knallten die Stiefel aufs Pflaster. Vorbeimarsch. Wie denn, gab es das denn noch? Und ohne Musik? Der Major saß gekrümmt auf dem Gaul. Sein Regiment defilierte vorbei. Die müden, verrosteten Beine hieben den Boden. Die Menge stand rundum und regte sich nicht. Das hatte ja keinen Sinn, das da. Wozu dieser Parademarsch, ohne Musik, ohne

Fahnen, ohne Anlaß, ohne Glanz? Oder hatte das doch einen Sinn? Einen, der tiefer lag, ferner war, als wir ihn verstehen konnten? Das war kein Schauspiel für uns, oder sollte es doch eines sein? Das war, ja, das war eine Herausforderung, das war Hohn, Trotz, Verachtung, das war eine Demonstration der Front, eine verbissene Provokation. Der verlachte Parademarsch, das sinnlose Zusammenreißen und Beineschmeißen! Ja seht, denen ist es nicht sinnlos, die wissen, daß ihr euch nun schämt. Daß ihr nun nicht lachen könnt, ihr Roten nicht und nicht ihr Bürger, die ihr bereit wart, um eurer Ruhe willen, um eurer Sicherheit, eurer Achtbarkeit willen zuzugeben, daß so ein Parademarsch sinnlos sei. Und ihr glaubtet gar, die Front sei mit euch einig, ihr Bürger? Ihr glaubtet gar, die Front sei so liberal wie ihr, so vernünftig, so voll einer nachsichtig begreifenden Bonhomie?! Das Regiment dröhnte vorbei. Nein, der Wachmann wagte nicht, zu lächeln. Der Major setzte den Gaul in einen schwerfälligen, holpernden Trab, ritt nach vorn. Nun kamen wieder Bagagewagen. Unbewegt saßen die Fahrer. Und wenn einer ihnen was hinaufwarf, dann dankten sie nicht, dann grüßten sie nicht, dann stopften sie schnell die Gabe in den Karren und griffen wieder zu den Zügeln. Da waren auch ein paar Fähnchen, billiges Tuch an kleinen Stöcken, sie staken an den Wagen, matt hing das Tuch. Maschinengewehrwagen rollten vorbei, mit großflächigen bunten Klecksereien bemalt. Die Männer marschierten hinter den Gewehren, den Gurt über der Schulter, hinter jedem Wagen acht Mann.

Und dann kamen Geschütze. Die Bedienung aufgesessen. Die Stahlhelme rutschten den Kanonieren bei dem Geholper über das Pflaster schräg ins Gesicht. Mutige Mädchen reichten ihnen Blumen hinauf. Einer sah überhaupt nicht hin, einer nahm ohne Dank und legte den Strauß neben sich, einer schaute überrascht hoch, lächelte nicht, nahm die Blumen und hielt sie verlegen in den Händen. Und während dieser ganzen Zeit schluchzte die Frau. Sie hauchte dumpfe, verlorene Töne durch halbgeöffneten Mund, ganz tief und trocken gurgelte das Weinen aus der Brust. Man hörte jeden Laut, denn die Menge stand stumm und sah. Wieder Infanterie. Nein, sie wollten nichts wissen von uns. Oder stak ihnen noch das Grauen in den Augen, in den Kehlen, waren sie noch nicht Entlassene des Krieges? Diese Bataillone kamen direkt von der Front. Sie kamen aus einer Landschaft, die wir nicht kannten, von der wir nichts wußten, sie kamen aus Bereichen, die glühend waren wie Schmelztiegel, in denen sie umgegossen wurden, ausgebrannt, ausgeschlackt, sie kamen aus einer einmaligen Welt. Was diese Augen gesehen hatten, die da unter dem Helme nach vorn stierten, davon haben wir nichts gewußt, davon haben wir nur vage gehört, nur verzerrte Berichte gelesen, nur schlechte Bilder gesehen. Da marschierten sie, stumm, einsam, und immer noch wie unter der steten Androhung des Todes. Volk, Vaterland, Heimat, Pflicht. Ja, das haben wir gesagt, diese Worte standen im Kurs — und glaubten wir nicht an sie? Wir glaubten an sie?! Aber diese? Die Front, die da vorüberzog?

Kompanie auf Kompanie zog vorüber, erbarmens- würdig kleine Grüppchen, einen gefährlichen Hauch mit sich führend, eine Witterung von Blut, Stahl, Sprengstoff und jähem Zugriff. Ob sie die Revolution haßten? Ob sie gegen die Revolution marschieren werden? Ob sie, Arbeiter, Bauern, Studenten, nun einrücken in unsere Welt, werden wie wir, mit unseren Sorgen, unserem Wollen, unseren Kämpfen, unseren Zielen? Und plötzlich begriff ich: Dies, dies waren ja gar nicht Arbeiter, Bauern, Studenten, nein, dies waren nicht Handwerker, Angestellte, Kaufleute, Beamte, dies waren Soldaten. Nicht Verkleidete, nicht Be- fohlene, nicht Entsandte, dies waren Männer, die dem Anruf gehorchten, dem geheimen Anruf des Blutes, des Geistes, Freiwillige, so oder so, Männer, die eine harte Gemeinsamkeit erfuhren und die Dinge hinter den Dingen — und die im Kriege eine Heimat fanden. Heimat, Vaterland, Volk, Nation! Da die großen Worte — wenn wir sie aussprachen, dann war es nicht echt. Darum, darum wollen sie nicht zu uns gehören. Darum dieser stumme, gewaltige, gespenstische Einmarsch. — Denn die Heimat war bei ihnen. Bei ihnen war die Nation. Das, was wir marktschreierisch in die Welt hinausprahlten, das hatte bei ihnen seinen geheimen Sinn erfahren, dem hatten sie gelebt, das hieß sie das zu tun, was wir wohlgefällig Pflicht nannten. Die Heimat war plötzlich bei ihnen, sie hatte sich verlagert, sie wurde, von ungeheuerlichem Strudel gepackt, hinausgewirbelt, emporgeschleudert, sie kam zur Front. Die Front war deren Heimat, war das Vaterland, die Nation. Und niemals sprachen sie davon. Niemals

glaubten sie an das Wort, sie glaubten an sich. Der Krieg zwang sie, der Krieg beherrschte sie, der Krieg wird sie niemals entlassen, niemals werden sie heimkehren können, niemals werden sie ganz zu uns gehören, sie werden immer die Front im Blute tragen, den nahen Tod, die Bereitschaft, das Grauen, den Rausch, das Eisen. Was nun geschah, dieser Einmarsch, dies Hineinfügen in die friedliche, in die gefügte, in die bürgerliche Welt, das war eine Verpflanzung, eine Verfälschung, das konnte niemals gelingen. Der Krieg ist zu Ende. Die Krieger marschieren immer noch. Und da hier die Masse steht, da hier die Menge steht, hier die in Neuordnung begriffene deutsche Welt, gärend, unbeholfen, aus tausend kleinen Süchten und Strömen, wirkend durch ihr Gewicht, enthaltend alle Elemente, darum werden sie, die Soldaten, marschieren für die Revolution, für eine andere Revolution, ob sie wollen oder nicht, gepeitscht von Gewalten, die wir nicht ahnen können, Unzufriedene, wenn sie auseinandergehen, Sprengstoff, wenn sie beisammenbleiben. Der Krieg hat keine Antwort gegeben, keine Entscheidung fiel durch ihn, die Krieger marschieren immer noch. Da marschiert das letzte Regiment der Division. Ich stehe, bedrängt, gepeinigt, in zitterndem Aufruhr. Die letzten Gruppen schwenken ein. Noch stöhnt der Boden von ihren Schritten, schon löst sich die Menge auf. Ich sehe die Menge nicht, ich höre die nachhallenden Schritte der Soldaten, was kümmert mich nun die Revolution Aufrufe hingen an den Straßenecken. Freiwillige wurden gesucht. Formationen sollten zusammengestellt werden für den Grenzschutz im Osten. Am Tage nach dem Einmarsch der Truppen in die Stadt

ließ ich mich werben. Ich wurde genommen, ich wurde eingekleidet, ich war Soldat.

Berlin

«Halt! Wer weitergeht, wird erschossen!» Aber der geht ja weiter — soll ich schießen? Was für ein Unsinn, das ist doch ein ganz harmloser Mensch. Befehl ist Befehl. I was, das war früher mal, wie der Gefreite Hoffmann immer sagt. Ein widerliches Gefühl: dem kleinen Männchen, das da im schäbigen Rock und ohne Mantel über den Platz geht, so mir nichts, dir nichts in den Rücken schießen zu sollen Da, natürlich, jetzt gehn die andern auch über den Platz. «Halt! Halt! Stehenbleiben, können Sie nicht lesen? Zurück da! Hier darf niemand über den Platz! Warum? Weil gleich geschossen wird!» Und heute ist der vierundzwanzigste Dezember. Und da ist die Schloßbrücke und da ist das Schloß und da ist der Marstall und da hocken die Matrosen drin. Es kracht. Da oben, in die Mauer staubt es, Steinsplitter fliegen. Blitzschnell huscht ein Mann um die Ecke und klebt sich an die Mauer und lacht. Und ich lache auch. Aus dem Hausgang lugen Frauen. Leute kommen ahnungslos vorbei. Ich rufe: «Halt!» Schnell sammelt sich ein Grüppchen. Ein Schuß kommt vom Schloß. «Hier können Sie nicht vorbei», sage ich und stecke das Kinn tief in den Mantel. Die

Handgranate baumelt mir am Koppel. Der Unteroffizier kommt. Wir schnellen beide nach vorn, hinter die Litfaßsäule. Vor dem Schloß stehen viele Menschen. «Der General verhandelt», sagt der Unteroffizier. Da laufen die anderen heran, das Gewehr vorgestreckt. «Wir sollen zur Verstärkung hin.» — «Was ist denn los?» — «Befehl: Es soll keiner mehr durchgelassen werden.» Eine Postenkette spannt sich um den Schloßplatz. — «Was los ist? Die Brüder waren schon eingeschlossen, da wollte der General verhandeln, nun kamen die Matrosen alle heraus und auch andere, nun stehen sie alle mitten unter uns: zurück da!» Wir reihen uns ein. Auf einmal sind wir mitten drin. Auf einmal stehe ich allein; ich sehe knapp noch den Stahlhelm des Unteroffiziers. Vor mir steht eine Frau und lacht. Breit steht sie da und lacht mir mitten ins Gesicht, ganz nah. Dick ist sie, grau ist sie und hat eine graue, grobe Bluse und nur wenige Zähne und eine Warze dicht neben der Nase. Warum lacht sie? Sie lacht mich an, sie schlägt die Arme über den mächtigen Leib und prustet mir ins Gesicht. Verflucht, dies Weib, diese Vettel, ich könnte ihr den Kolben ins Gesicht rennen — aber ich drehe den Kopf weg. Warum seh ich auch so jung aus? Nun fangen die anderen auch noch an. Dicht gedrängt stehen sie um mich rum und plötzlich sind auch Matrosen da, Gewehre umgehängt, rote Binden, sie schauen mich an, und einer sagt:

«Rindviecher, warum kämpft ihr gegen uns? Jagt doch eure Offiziere zum Teufel, lauft doch den Leute- schindern nicht nach!»

Was soll ich tun? Widerlich ist das. Ah, Gott sei Dank, da kommt der Unteroffizier. Er schiebt sich durch, sieht die Matrosen, sagt: «Immer mit die Ruhe, kümmert ihr euch man um euren Dreck.» Bewegung auf dem Platz! «Zurück!» schreit plötzlich der Unteroffizier und reißt das Gewehr hoch. Im Augenblick ist Platz. Vor uns Gebrüll, Weiber kreischen. Ins Tor laufen die Matrosen. Wir rücken langsam an. Am Fenster seh ich einen, einen jungen Kerl, Matrose mit rotem Haar, der beugt sich prüfend vor und mustert uns, dann zieht er ruhig eine Handgranate ab. Geknatter, hinlegen — Teufel, das spritzt ins Pflaster. Ich springe hoch und rase zurück, es knallt und pfeift. Hinterm Pfeiler liegen schon drei Mann. Und auf dem Platze, dort und dort, Häufchen, seltsame graue, dunkle, langgestreckte Flecken — ach so. Der Unteroffizier ist neben mir. «Wo steckt denn das MG? Verflucht nochmal.» Da rattert es schon los, vom anderen Pfeiler. «Hierher!» ruft der Unteroffizier. Nun kommt das zweite MG. Wir rücken enger aneinander. «So, nu geh du mal ran; ja, du! Mal sehn, ob du was kannst. So, halt, noch nicht, jetzt erst daherurn die Knarre, schieß mal erst dem Kerl da auf der Brücke den Schniepel ab. Ja, ja, dem Lehmann seine Steinfigur da, auf der Brücke. So, war ganz gut, nu die Knarre, untere Reihe Fenster, etwas höher halten, gut so, gut.» Der breite Kolben haut mir in die Schulter. Ich seh die Mündung tanzen, springen, sprühen, halte knatternd hin. Die Fensterreihe steigt in mein Visier,

das Fenster, an dem vorhin der junge Matrose stand — da steht er wieder und legt die Knarre an und ballert nach uns hin —, mein Gewehr liegt ruhig; Kimme, Korn, Finger krumm und los. Am Fenster sehe ich nichts mehr. Wir liegen lange. Es knallt um uns, wir knallen wieder. «Sind knarsche Jungs, da drüben!» sagt der Unteroffizier. «Zurück!» schreit einer. «Warum, wieso? Ach so, Geschütze!» Wir kriechen schnell zurück. Und an der Ecke steht auch schon auf schlanken Rädern das Geschütz. Kaum sind wir da, reißt einer an der Schnur, es hallt heraus und heult und birst da drüben, reißt ein Loch in die Fassade, läßt die Steine springen. Und aus dem Fenster schleudert sich mit halbem Leib ein Mann, bleibt in der Wölbung hängen. Und langsam wird es Nacht.

Gegenüber dem Admiralspalast fiel der Unteroffizier Poessel mit Kopfschuß. Es war aber der Unteroffizier Poessel ein Mann, der den Krieg vom ersten Tage der Mobilmachung an mitgemacht hatte, und er war gut durchgekommen, mit einer einzigen, nicht schweren Verwundung, und hatte das E. K. I. Er lag da, an einem braunen Bretterzaun, an dem sein Gehirn hingespritzt klebte, und über ihm hing ein Plakat, ein breites, gelbes Plakat mit der Ankündigung eines Kriegerwitwen- und Bösen-Buben-Balles, und hinter dem Zaun standen die Bretterbuden und Zelte eines Vergnügungsparkes, allabendlich drehten sich dort schmetternd die Karussells, fauchte die Berg- und Talbahn, juchten die Mädels. Dort lag der Unteroffizier Poessel. Wir trugen ihn dann ein Stück

bis zum MG-Wagen, der ihn ins Quartier bringen sollte. Wir trugen ihn durch die engen, von Menschen wimmelnden Straßen, vorbei an Luxus- lokalen, aus deren von Zeit zu Zeit sich öffnenden Türen ein schwüles, rotes Licht auf die Straßen drang, wir hörten im keuchenden Vorbeischreiten Niggermusik aus Bars und Dielen, sahen Schieber und Kokotten, lärmvoll und besoffen, sahen die von uns geschützten Bürger mit ihren Weibern in Logen sitzen, eng umschlungen, vor Tischen mit blitzenden Gläsern und Flaschen, sie steppten auf blanken, spiegelnden Flächen ihre aufpeitschend entnervenden Tänze. Und von fernher knallten noch die verlorenen Schüsse der Kameraden. Wir schossen uns mit den Dachschützen herum. Wir strichen, an die Häuserwände gepreßt, um die Ecken, das Gewehr schußbereit, nach offenen Luken spähend, wir hockten hinter schnell getürmten Barrikaden, wir lagen hinter Litfaßsäulen und Kandelabern, wir schlugen Türen ein und stürmten über dunkle Treppen, wir schossen auf alles, was Waffen trug und nicht zur Truppe gehörte, und manchmal lagen auf den Straßen auch Menschen, die keine Waffen getragen hatten, manchmal lagen auch Frauen da, und manchmal auch Kinder, und über ihre Leiber flitzten die Geschosse, und es konnte vorkommen, daß die Geschosse in die Toten fuhren, dann war es, als ob sie noch einmal aufzuckten, und wir hatten einen fauligen Geschmack im Mund. Aber hinter der Front unserer Kampfgruppen strichen die Huren. Sie wedelten in der Friedrichstraße auf und ab, wenn wir Unter den Linden schössen. Sie

warfen sich an uns heran mit unsagbar fremdem Hauch, wenn wir, noch gepackt von den Gesetzen dieses wirren Kampfes, den Gegner über dem Visier noch im gebannten Blick, zu kurzer Pause hinter den schützenden Häuserfronten verweilten, und nicht das flüsternde Anerbieten erschien uns so unerträglich, sondern die gelassene Selbstverständlichkeit, mit der sie nach unseren Körpern griffen, die eben noch den zuckenden Feuerbändern der Maschinengewehre ausgesetzt. Und wenn wir, mit leerem Blick und durch den Straßentrubel wie belästigt, noch aller Spannung voll uns durch die Menge schoben, vorbei an Reihen von Bettlern, von Kriegsbeschädigten, von Schüttlern, von Blinden, vorbei an den schnell zusammengezimmerten Ständen der Straßenhändler, dann konnte es wohl sein, daß einer an uns herantrat und Kokain anbot und ein anderer einen Brillantring und ein dritter die letzten Kiesewetterverse. Und von den Schaufenstern der kleinen Läden hingen die Postkarten mit Bildern gelöster Mädchen, nichts weniger als verführerisch, doch ebenso nackt wie das Gesicht dieser Straßen der inneren Stadt.

6. Januar 1919. «Abteilung halt!» Wir stehen, ein Unteroffizier, acht Mann, an einer Straßenecke. Noch sind die Straßen wenig belebt. Der Unteroffizier tritt ein paar Schritte vor und lugt die Hauptstraße rauf und runter. Er kommt zurück und zuckt die Achseln: «Noch nischt zu sehen.» Einzelne Leute bleiben stehen; ein alter Herr

geht vorbei, stockt und sagt strahlend zu uns: «Das sind doch wenigstens noch Soldaten!» Er wendet sich an den Unteroffizier: «Na, ihr werdet wohl bald Schluß machen mit dieser Sauregierung?» Der

Unteroffizier sieht den Herrn ruhig an und sagt: «Ich bin Sozialist.» Der Herr zuckt zusammen, wird rot und geht rasch davon. Bewegung unter uns acht Mann. Unteroffizier Kleinschroth ist Sozialist? Dieser ruhige, dunkle, ernsthafte Mensch? Ich sehe ihn scheu von der Seite an. Der Gefreite Hoffmann dreht mir das fröhliche Gesicht zu und lächelt: «Da staunste, was? Ich bin auch Sozialist. Eingeschrieben seit 1913!» Ich schweige betroffen. Hoffmann sagt halblaut und eifrig: «Mensch, wir wollen doch den Staat!» Und dann nach einer Weile: «Ich bin doch Arbeiter gewesen, Eisendreher.» — «Arbeiter gewesen», denke ich, «gewesen, sagt er, warum sagt er gewesen?» Hoffmann sieht angestrengt vor sich hin:

«Wenn wir sozialisieren wollen, dann lassen wir

doch nicht vorher kaputtmachen, was wir

», und ist

wieder still. Auf einmal ist ein Brausen in der Luft. Es kommt von oben herab und füllt den Nebel, der schwer und trächtig herniederhängt. Nein, es kommt nicht von oben, es schiebt sich von links heran, schwillt und schwillt, und verschluckt jedes Geräusch der Straße, bläht sich im Raume und drückt gleichsam alle Regung an die Häuserwände. Der Unteroffizier springt einige Schritte vor und kommt schnell wieder zurück. «Sie kommen!» sagt er und weist uns in einen dunklen Torweg, der, die Straße macht eine

Biegung, schräg zum offenen Platze steht. Dort stehen wir, im Schatten, ungesehen, doch selber alles sehend. «Ruhe im Glied!» Der Unteroffizier sieht vor sich hin, dann wendet er sich um, geht mit drei Schritten auf mich zu, auf mich, den Jüngsten und Kleinsten, der ich am linken Flügel stehe, und sagt beinahe drohend: «Mensch, wenn deine Flinte

losgeht, bevor ich es befehle

Herr Unteroffizier!» Er sieht mich dunkel an, dann geht er vor die Mitte unserer Front. Viele Menschen sind auf einmal in der stillen Straße. Aus den Häusern laufen Frauen herzu, Kinder sammeln sich, Fuhrleute halten ihre Wagen an. Immer mehr Leute kommen, junge Burschen, die meisten in der feldgrauen Joppe, ziehen vorüber. Die Straßenecken sind schon schwarz von Menschen. Das Brausen verdichtet sich. Mit den Fetzen eines Liedes, der Internationale, kommt fauchend und stöhnend ein Lastwagen, auf dem sich eine rote Fahne breit und riesig wölbt. Wir stehen atemlos im Torweg und starren auf den Platz. Nicht einer rührt sich. Das Koppel mit den Handgranaten drückt. Schwer lehnt das Gewehr am Bein. Wir haben Fuß bei Fuß gezogen, der Rücken strafft sich zu einer angespannt geschwungenen Linie, die Augen spähen unterm Helmrand vor. In ganzer Breite ist die Straße schwarz. Die Straße selber schiebt sich vor. Es ist, als wollten die Häuser sich neigen, es rollt das wirre Band bedächtig, riesig, unangreifbar, unaufhaltsam: Massen, Massen, Mas- sen. Knallig prunken die roten Flecken überm Haufen,

» Ich sage: «Nein,

weiße Schilder schweben, eine gelle Stimme schreit:

Es lebe die Revolution! Die Masse brüllt: Hoch! Es orgelt tief aus tausend Brüsten, schmeißt den Dunst beiseite, Fenster klirren. Hoch und Hoch! Der Boden dröhnt, es rollt und wälzt sich weiter. Volk! Es bricht sich Bahn die Ahnung dessen was das heißt: das ist das Volk! Nein, Massen sind es, Tausende, nur Massen — und Mensch an Mensch und Leib an Leib und Kopf an Kopf — die Wucht der Schritte läßt den Rhythmus spüren, und wieder kommen Fahnen, sie holpern mühsam vorwärts und zwischen den Bewaff- neten, den Matrosen, den blinkenden Gewehren schweben die Schilder: «Nieder mit den Arbeiterverrätern, nieder Ebert, Scheidemann», «Hoch Liebknecht», «Hunger», «Friede, Freiheit, Brot!» Der Strom reißt nicht ab. Welch ungeheure Faust erraffte diese Massen und stopfte gnadenlos den Brodel in den engen Schlauch der Straße? Ja, wenn sie wollten! Wer kann sich hier dagegenstemmen? Es lärmt, sie schreien, der Haß spritzt aus den dunklen Mündern. Bewaffnete marschieren, wirr kreuzen sich die Gewehre, Wagen rattern vollgestopft, bedrängt von Männern, es lugen die MGs mit rundem Auge, indes die Reihen schimmernder Patronen zum Schuß bereit aus ihren Bäuchen quellen. Ein junger Mensch, sehr blaß und eifrig, kommt in unseren Torweg Er schwingt erregt die Hände und sprudelt hervor: «Es geht schon los sie haben diese Nacht das ganze Zeitungsviertel besetzt. Liebknecht spricht am Brandenburger Tor. Ihr werdet totgeschlagen! Es ist mit den Berlinern nicht zu

spaßen

Mann, Sie haben hier nichts zu suchen.» Draußen bricht jäh das Gebrülle ab. Einer steht auf einem

Wagen und spricht. Es ist ein kleiner, dunkler, blasser Mensch, mit Kneifer, Spitzbart und Regenschirm Er läßt ganz kurze, klare Sätze hallen. Die Worte kommen schwer zu uns herüber: «Das internationale

Unsere Arbeitsgenossen in der ganzen

Proletariat

»

Der Unteroffizier sagt: «Gehen Sie weg,

Welt

Unsere Brüder in Frankreich, England und

Italien

Deutschland trägt die Schuld

»

Der ganze Platz ist nun gefüllt. Wir sehen eine Wand von Menschenrücken. Männer stehen dazwischen, die haben weiße, zottige Pelze an, das Koppel schnürt, daß sich das starre Fell unförmig bauscht. Die Gewehre hängen umgekehrt. Und von diesen Männern sieht uns einer. Er fährt zurück, er schreit und winkt. Es geht mir spritzig kalt durch alle Adern. Da starren uns, vergiftend, lähmend, tausend Augen an. Sie brüllen auf — nun gilt's — sie drängen an. «Schlagt sie tot, das Mordgesindel —». Es zischt der Haß, wie Wasser zischt auf heißem Herd. Im roten Nebel wirbeln Köpfe, Hände und Körper, sie drängen sich flächig und voller Wucht heran. Da schreit der Unteroffizier — erlösend geht es durch unsere verkrampften Körper —: «Laden und sichern!» Wir reißen die Gewehre hoch, die Mündung spitz der Masse ins Gesicht, wir fahren mit den klammen Händen an das Schloß, Patronen raus, es klirrt mit niederträchtigem Geräusch, es knackt der Hebel, schnappt zurück — für Sekunden ist es still.

Acht Gewehre drohen, Tod im Lauf. Und vor uns weitet sich der Raum. Zwei Linien straffen sich. Unerträglich biegt sich die Spannung, sie reißt und zerrt wie ein dünner, glühender Faden, ein einziger Atem hängt in der Luft, steigt es nicht heiß und stöhnend aus dem Boden auf, so glasig, Gasdunst letzter Augenblicke Da steht der kleine Mann mit Regenschirm, er fuchtelt mit den Händen: «Zurück, nicht schießen!» und stellt sich mitten zwischen beide starre Fronten. «Weitergehen!» brüllt er, und sie gehorchen. Sie lösen sich zögernd, er treibt sie vor sich her, er wendet sich und sagt zu uns: «Und schämen sollt ihr euch!» Wir nehmen still das Gewehr bei Fuß. Mir kommt ein Tröpfchen Schweiß der Stirne in das Auge. Ganz rot sehe ich verwirrte Kreise, ich drehe mich schwach und lehne mich, zwei Schritte weiter vor, an die Mauer, und sehe mühsam hoch. Da hängt ein Plakat, weiß, rot umrandet. Zwei große schwarze Zeilen prallen aus dem Wust der kleinen Schrift: «Und das ist Sozialismus!» schreit es von der Mauer. Und unter diesem Worte haben wir gestanden. Der Platz ist leer. Die Straße leer. Kalt, naß und trüb der Himmel, schwer und grau. Wir treten an. Der Unteroffizier befiehlt Entladen. «Das hat noch gutgegangen», sagt er. Wir marschie- ren ab. Der Gefreite Hoffmann sagt: «Saudumm sind die, die verpassen egal jeden richtigen Moment.»

(Ein Jahr später berichtete die «Rote Fahne» von

diesem Tag: «Was am Montag in Berlin sich zeigte, war vielleicht die größte proletarische Massentat, die die Geschichte je gesehen hat. Wir glauben nicht, daß in Rußland Massendemonstrationen dieses Umfangs stattgefunden haben. Vom Roland bis zur Viktoria standen die Proletarier Kopf an Kopf. Bis weit hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. Sie waren bereit, alles zu tun, alles zu geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200 000 Mann, wie kein Ludendorff sie gesehen. Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von früh um 9 Uhr in Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten. Der Mittag kam, und dazu die Kälte und der Hunger. Und die Führer berieten. Die Massen fieberten vor Erregung:

sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort, das ihre Erregung besänftigte. Doch keiner wußte, welches. Denn die Führer berieten. Der Nebel fiel wieder, und mit ihm die Dämmerung. Traurig gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt und nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten, dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen standen die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand, mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht; Matrosen standen an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten, Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht

und berieten, sie saßen am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder und berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch saßen die Führer und berieten. Sie berieten, berieten, berieten, Nein! Diese Massen waren nicht reif, die Gewalt zu übernehmen, sonst hätten sie aus eigenem Entschluß Männer an ihre Spitze gestellt und die erste revolutionäre Tat wäre gewesen, die Führer im Polizeipräsidium aufhören zu machen, zu beraten.»)

Wir standen einsatzbereit in langer, grauer Kolonne. Ein Auto kam, ein Herr erhob sich aus den Polstern und musterte uns. Der Herr war groß, vierschrötig, mit eckigen, etwas hochgezogenen Schultern und einer ulkigen kleinen Brille unter dem Schlapphut. Unsere Offiziere grüßten mit betonter Nonchalance und wandten sich mit verzogenen Mundwinkeln um. Einer sagte, das sei der neue Oberbefehlshaber Noske. Wir marschierten durch die Vorstädte, und aus ruhigen, in Vornehmheit und Grün gebetteten Häusern fielen Begrüßungsrufe auf uns herab und Blumen. Viele Bürger standen auf den Straßen und winkten und einzelne Häuser waren beflaggt. Was sich hinter jenen gerafften Vorhängen, hinter jenen blanken Scheiben barg, an denen wir grau in grau, erschöpft und entschlossen vorüberzogen, das war, so dachten wir, wohl unseres Einsatzes wert. Denn wenn wir auch spürten, daß hier das Leben sich eine andere Flutung geschaffen hatte, eine andere Ebene, mit bis aufs höchste verfeinerter Intensität, die schlecht zu unseren groben Stiefeln und schmutzigen Händen paßte,

wenn wir auch wußten, daß unsere Begehrlichkeit nicht an diese Räume reichte, die dort, sorgsam eingehegt, alles beherbergten, was die Kultur des eben verflossenen Jahrhunderts bestimmte, die Welt des Bürgers, die Ideen, die das Bürgertum erst schuf, die westliche Bildung, die persönliche Freiheit, den Arbeitsstolz, die seelische Wachheit — dies alles war hilflos ausgesetzt dem Ansturm der begehrlichen Massen, und wenn wir es verteidigten, so verteidigten wir es, weil es unwiederbringlich war. Wir stießen in die Stadt hinein — auf allen Anmarschstraßen zogen die Truppen; der Ring um die Stadt entsandte strahlenförmig die Kolonnen. Und die Stadt dünstete heiß von gefährlicher Lockung, in ihren Straßen wehte ein Hauch bitterer Aufgewühltheit gleich jenem nach dem Erwachen aus einem schrecklichen, an harten Boden nagelnden Traum; die Menschen hasteten in unbeteiligter Wachheit, die stickige, flirrende Luft verhieß Entladungen in Rausch und Tod. Wir nahmen Quartiere in Schulen und Ämtern, wir lagerten in ausgeräumten, gekalkten Stuben, in denen noch der Muff gestapelten Papiers, trockener Berechnungen und subalterner Menschen in allen Ecken stand, auf Bretterdielen, inmitten von Helmen und Tornistern, Gewehren und Koch- geschirren, Zeltbahnen und Munitionskästen, mit diesen Dingen unendlich vertraut. Wir standen Posten. Auf und ab gingen wir, zählten die Granitplatten des Pflasters mit unseren Schritten, wandten den Kopf nach jeder in Dunkel und Nebel schattenhaft verschwindenden Gestalt, horchten auf das Klacken ferner Schüsse. Wenn von

oben herab sich das hellere Grau des Morgens in die Straßenschluchten schob, dann begann der Boden zu beben von dem mühseligen Getrappel unzählig vieler Schritte, von dem Rollen schwerer, hallender Wagen, unheimlich und gleichförmig, und rief uns alle heraus und drängte uns an die Ecken, und wir standen, Gewehr im Arm, im Schatten der Häuser, gleichsam ausgestoßen und doch im Banne der Stadt. Die Passanten aber wurden von uns nach Waffen durchsucht, unsere Hände fuhren an mißmutigen Leibern hinauf und hinunter, und es bedrängte uns die Schamlosigkeit unseres Tuns und mehr noch die Rechtfertigung dieser Schamlosigkeit durch einen bloßen Befehl. Es war aber so, daß die Passanten an der Dorotheenstraße von uns durchsucht wurden und am Zeughaus von den Unabhängigen und am Schloß von der Volksmarinedivision und am Alexanderplatz von der republikanischen Sicherheitswehr. Wir verhafteten einen roten Agitator. Das war ein schmaler, dunkler, älterer Mensch, den holten wir aus seiner Wohnung heraus — und es war eine sehr ärmliche Wohnung, im Hinterhaus, es war eigentlich nicht einmal ein Zimmer, nur ein Verschlag —, und dieser Agitator hatte einen bekannten Namen unter den Revolutionären; nun ging er sehr still zwischen uns, und es war, als lächle er in sich hinein; wir hatten die Gewehre umgehängt und umgaben ihn, befehlsgemäß, sehr dicht von allen Seiten. Die Leute auf den Straßen drehten sich freilich um, doch schien das den Mann viel weniger zu berühren als uns, wir gaben uns einen Schubs Unbekümmertheit und ein Quentchen wichtiger Bedeutung, indes er nichts um sich herum zu beachten

schien. Dabei wußten wir nicht, was er verbrochen hatte; er schien aber um uns zu wissen, denn er sagte nur einmal: «Ja, ja, das ist wohl eure Pflicht!» Und wir schwiegen dazu. Da wir aber durch die Straßen schritten, blieben einzelne Huren stehen und einige gingen ein paar Schritte mit, und mir schien so, als wären sie für ein paar Sekunden nicht geschminkt, aber dann kamen Soldaten, und mit denen gingen sie schließlich davon. Was dem Agitator später geschah, das erfuhren wir nie. Wohl aber erfuhren wir, was mit Karl Liebknecht geschah und mit Rosa Luxemburg. Davon erfuhren wir am 16. Januar. Am 19. Januar wählte das freie und souveräne deutsche Volk.

Das Haus, das wir absuchen sollten, war eine Mietskaserne im Norden der Stadt, mit vier Höfen und Hunderten von Bewohnern, hoch, grau, mit Wänden, von denen der Putz abgefallen war, und mit unzähligen, nicht eben blanken Fensterscheiben. Die Straße war noch in der Dunkelheit von beiden Seiten abgeriegelt worden durch je zwei Gruppen, dann war noch ein Be- reitschaftszug da, von dem wir jeden Augenblick Verstärkung anfordern konnten. Der Unteroffizier sagte im Torweg: «Immer zusammenbleiben, niemals einer allein in einen Raum. Alle Schränke und Betten nachsehen Wände abklopfen. Zwei Mann bleiben immer im Treppenflur. Verschlossene Türen aufbrechen, wenn die Leute nicht freiwillig aufschließen. Die Leute ausfragen, wer im Hause noch im Besitz von Waffen ist. Keine Provokationen! Im Falle der Gefahr: einen Schuß zum

Fenster hinaus.» Wir verteilten uns. Die Gruppe Kleinschroth sollte in den hintersten Hof. Wir stolperten über das buckelige Pflaster und merkten es kaum wenn wir aus dem Torbogen in einen Hof kamen, denn die finsteren steilen Schächte ließen das Licht des Morgenhimmels nicht bis zur Erde gelangen. Das Haus war noch ganz still, und wir verhielten an einer kleinen, schmalen Tür. Kleinschroth klopfte an ein Fenster, das Fenster klirrte, eine Frau schaute heraus und fuhr zurück, als sie unsere Stahlhelme sah. «Aufmachen!» sagte Kleinschroth. Und im selben Augenblick war das Haus lebendig. Es war in den ersten Sekunden lebendig, wie etwa ein Bienenstock, in den eine Hand hineinfuhr. Da war ein bedrohliches Summen, das klein begann, dann plötzlich sich zu schrillem, gefährlichem, bis zur Hysterie gesteigertem Vibrieren schraubte, zu einer bösartigen Bereitschaft in höchstem Diskant. Da trat der Unteroffizier mit dem Stiefel die Tür ein. Das war, als stöhnte das Haus. Fenster klirrten, Türen schlugen hallend zu, auf einmal begann ein Grammophon zu jaulen und hoch oben schrie eine Frau. Sie schrie gellend, daß es in den Höfen hallte, daß es die finstersten Ecken und Winkel wie mit spitzen Nadeln füllte, und die Luft begann zu zittern, diese feuchte, dumpfe Luft voll muffiger, gemischter Gerüche. Das drang uns in die Brustkästen, spritzte unerträgliche Spannung in die Adern, so daß sich das Blut mit kurzen und harten Stößen gegen die Haut drängte. Wir stießen die Helme in die Stirn und rannten in den dunklen Schlund, der sich vor uns geöffnet. «Die Noskes kommen! Die Noskes kommen!» so schrie

nun die Frau und ein Fenster schepperte und ein Geschirr krachte herab, barst und schleuderte dunkle Tropfen und Wellen üblen Gestanks. Wir waren im Hause. Der Treppenflur war so dunkel, daß ich über einen Eimer stolperte. Hoffmann riß eine Tür auf, sprang in das Zimmer, und ich hörte ihn sagen: «Mach keine Dummheiten, Mensch, gib die Knarre her!» Da drinnen saß ein Mann, eben aus dem Bette gefahren, und hatte ein Gewehr in der Hand. Das drehte er einen Augenblick unschlüssig und sah uns an. Er saß auf dem Rande eines wackeligen Bettgestells, das Stroh unter buntge- würfeltem Überzug ragte zerzaust, Strohhalme hingen ihm noch im Haar. Die Stube war klein, ein winziges Fenster mit halbblinden Scheiben ließ kaum einiges Licht herein, ein Herd war noch in der Stube, an dem feuchte Wäsche hing, und in der Ecke stand eine noch junge Frau, in einem langen, zerknitterten, an den Säumen schmutzigen Hemd; sie stand wie gepreßt an der Wand und sagte nichts. Über dem Bett aber hing ein gerahmtes Bild, wie es die Reservisten nach Hause nahmen, in Buntdruck ein Soldat, der Kopf eine aufgeklebte Photographie. Der Mann gab zögernd das Gewehr herüber, dann sprang er plötzlich auf, ergriff das Bild und schmiß es uns vor die Füße, daß der Rahmen sprang und das Glas splitterte. Dann hob er beinahe bedächtig den nackten Fuß, als wolle er noch einmal das Bild mit der Ferse zermalmen, hielt aber inne und sagte nur:

«Nun aber hinaus!» Wir gingen. Nun standen wir wieder im Treppenflur und wußten kaum, wohin wir uns wenden sollten. Das

aufgestörte Haus war uns im tiefsten feindlich; es schien geladen zu sein von Haß, von Armut, von hundert unbekannten, lauernden Gefahren. In diesem Gemäuer klebten die Wohnungen Raum an Raum, wie Waben im Bienenstock. Die Menschen hockten aufeinander, Wand an Wand sonderte sich das Leben. Die Stuben und Verschlage drohten zu zerplatzen von dem Wirbel schrecklicher Dünste, welche die hineingestopften Menschenleiber um sich breiteten. Wir suchten Wohnung für Wohnung ab. Wir drangen in jede Kammer, wir klopften an jeden Verschlag. Da waren dunkle Flure, in denen Eimer standen und zerbrochene Besen, Lampen hingen rußgeschwärzt so niedrig, daß mehr als eine gegen unsere Helme pendelte die Dielen stöhnten bei unseren Tritten und knackten, der Fuß trat zuweilen in Mörtel und Sparren, von den Decken — und wie niedrig waren die Decken — hing nacktes Mauerwerk, bröckelte der Kalk. Tür stand neben Tür. Wenn uns eine geöffnet wurde, dann fuhren auch die anderen auf, und plötzlich stand der Gang dicht voll Men- schen. Männer Frauen und viele Kinder, Kinder in allen Größen, halbnackt die meisten und unsäglich schmutzig und mit Gliedern, so dünn, daß man meinen könnte, sie müßten zerbrechen, packte man sie an, Kinder mit unheimlich großen Köpfen und wirren, stacheligen blonden Haaren, — sie standen an den Schwellen ihrer kargen, düsteren Stuben, und viele Augenpaare starrten uns an. Wenn die anderen hineingingen, dann stand ich allein vor der Tür, stand allein ihnen gegenüber, und der Haß prallte mir

entgegen wie eine Wolke, entgegen prasselte mir das Gezische! höhnischer Rufe, Weiber strichen an mir vorbei und lachten und spuckten dann auf den Boden, und die Männer, mit offenen Hemden, daß man die krausen Haare ihrer Brust sah, riefen einander zu:

«Totschlagen müßte man die Bande!» und «Nehmt dem Affen doch die Knarre ab!» Aber sie taten mir nichts, sie hoben nur die Fäuste und schüttelten sie mir vor den Augen und rühmten sich, mit einem Finger mich wie eine Wanze zu zerquetschen. Bis die anderen wiederkamen und in den nächsten Raum traten. Ich trat mit hinein und sah. Da war ein Raum, nicht größter als vier Meter im Quadrat, und der Raum stand voller Betten. Sieben Menschen schliefen in diesem Raum, Männer, Weiber und Kinder. Und zwei Frauen lagen noch im Bette und jede hatte noch ein Kind bei sich, und als wir hineinkamen, da lachte die eine, schrill, atemlos, und die anderen vor der Tür drängten sich an die Schwelle. Der Unteroffizier kam näher, da hob die Frau blitzschnell die Bettdecke und das Hemd, und es prustete aus den blanken Backen. Wir fuhren zurück, da kreischten die anderen auf, sie lachten schallend und hieben sich auf die Schenkel, sie konnten sich nicht genugtun mit Lachen, und auch die Kinder lachten. «Bluthunde!» schrien sie, «Bluthunde!» Die Kinder schrien es und die Weiber, und plötzlich war der ganze Raum erfüllt mit durch- einanderschreienden Gestalten, so daß wir Schritt für Schritt zurückgingen, bis wir wieder auf dem Gang standen. Immer noch schmetterte das Grammophon. Das

war hinter einer winzigen Tür ganz hinten am Gang. Wir drangen ein, da stand ein Mann und legte gerade eine neue Platte auf, und es quäkte uns entgegen:

«Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen

Gang schrie vor Entzücken, der Unteroffizier sprang zurück und holte einmal tief Luft und brüllte:

«Zurück alles! Alles in seine Zimmer! Wenn der Gang nicht sofort geräumt wird, lasse ich schießen!» Für eine Sekunde war es still. Dann brodelte ein Gemurmel auf und eine Frau begann zu schreien, so daß es in dem Gange, im Treppenhaus von allen Wänden widerhallte, ein langhingezogener Schrei, wie ein Todesschrei, vor dem sich die Kinder plötzlich verkrochen und der mehr als das Gerassel unserer Gewehre bewirkte, daß der Gang sich leerte. Aber in den Räumen kochte es weiter. Wir hörten dumpfe Laute durch die zerbrechlichen Türen quellen, Möbel wurden gerückt, Metall schepperte, und die Frau schrie wie aus zugestopftem Halse. Unten begannen sie die Internationale zu singen. Das griff von Tür Tür, das drang durch alle Wände und teilte sich den Höfen mit. Dazu trampelten sie im Rhythmus mit den Füßen auf den Boden, so das Haus zitterte und wir umbraust im finsteren Gang standen. Und wir suchten weiter. In ein Zimmer kamen wir hinein, da saß ein alter Mann am Tisch und eine alte Frau stand am Fenster. Und der alte Mann erhob sich langsam und trat mit zitternden Knien auf uns zu. Dicht vor uns stand er und hob dann langsam die Hand und röchelte: «Hinaus!» und noch einmal: «Hinaus!» und kroch mit Augen, in denen rote Äderchen schwollen, immer näher und

»Der

hob den Arm mit einer schwärzlichen, zerfurchten Greisenhand und öffnete wie nit letzter Anstrengung den faltigen Mund und keuchte heiser: «Hinaus!» Der Unteroffizier wollte den Mann beruhigen, da taumelte der plötzlich und schwankte und drehte sich und fiel mit dem Oberkörper auf den Tisch. Die Frau aber nahm den Unteroffizier am Arm, wie nan ein unfolgsames Kind am Arme nimmt, und führte ihn schweigend hinaus. Der Unteroffizier war sehr bleich, als er mit uns sich zur nächsten Tür wandte. Wir pochten, und es öffnete niemand. Wir pochten nochmals und pochten stärker, wir klopften mit nervöser, immer mehr gesteigerter Hast, dann sprang Hoff mann vor und trat die Tür ein. In diesem Zimmer war nur eine Frau, ein junges Mädchen, klein und bleich und mit wirrem, schwarzem Haar. Die stand vor uns und wich etwas zurück und stützte sich mit den Händen auf den Tisch, und in das plötzliche Schweigen fragte sie mit einer sehr leisen, aber bis aufs äußerste angespannten Stimme: «Was erdreistet ihr euch? Was wagt ihr? Habt ihr noch nicht genug gemordet?» Ihre Stimme wurde sehr dunkel. Sie sagte: «Ihr dringt hier ein in dieses Haus wie die Henkersknechte. Seid ihr ohne Scham? Woher stammt ihr, daß ihr nicht wißt, daß wir Menschen sind?» Sie sagte: «Hört ihr, was sie singen? Welcher Zeit gehört ihr an? Von wem seid ihr geschickt?» An der Tür standen die Leute wieder, aber nun schwiegen sie und horchten. Und das Mädchen sprach weiter: «Man möchte es euch in eure dumpfen Schädel hämmern. Ihr schützt dieselbe

Klasse von Verruchten, die dieses Elend geschaffen haben! Ihr seid Ausgebeutete, Verachtete wie wir! Und nun kommt ihr euch groß vor mit euren Gewehren, nun kitzelt euch die Macht, die man euch gegeben hat. Legt doch eure Gewehre weg, oder nein, gebt sie diesen da, die sie für ihre gerechte Sache anzuwenden wissen!» Aber nun sagte der Unter.offizier Kleinschroth unter seinem Stahlhelm hervor: «Ach, mein Fräulein, das kennen wir alles, das haben wir schon sehr oft gehört. Eben, um die Waffen handelt es sich. Die suchen wir hier, mehr wollen wir nicht. Sorgen Sie lieber dafür, daß die Leute da keine Dummheiten machen. Und wir gehen nun und suchen weiter.» Da machten wir kehrt und waren wie erleichtert, obgleich es uns schien, als hätte der Unteroffizier noch etwas mehr sagen müssen, aber er blickte nur mit eigentümlich flachen Augen vor sich hin, als wir uns unseren Weg durch die Leute bahnten, und er sprach auch kein Wort mehr, solange wir in diesem Hause waren. Es war aber unmöglich, alles so zu durchsuchen, wie es befohlen war, und wir hatten auch keine Lust dazu. Wenn wir in ein Zimmer traten, dann drückte der trostlose, abgestandene Ruch vieler zusam- mengepferchter Menschen, die nie allein waren, der Brodel stickiger Enge, tödlichsten Selbstverzehrs auf unsere Schultern und zwang uns zu erbitterter Schärfe, an die wir selbst nicht zu glauben vermochten. Wir schienen uns gegen diesen Druck nicht anders wehren zu können, als indem wir bei aller inneren Benommenheit so fest wie möglich auftraten und mit barscher Sicherheit so lässig wie möglich

handelten. Wenn uns aus kreischenden, verzerrten Mündern der Haß entgegenspie, dann fühlten wir für abgründige Sekunden das Nahen einer schrecklichen Entscheidung. Denn wären wir durch keinen Befehl gehetzt, auf scharfkantigen Graten zu balancieren, dann könnten wir dem Hasse unsere eigene Leidenschaft ent- gegensetzen, die würde bitter, da wir dann den Haß uns aus dem Augenblicke saugen müßten. Wir könnten aber auch uns sinken lassen, fallen lassen, flüchten, nicht vor der Gefahr, nur vor der eigenen Wärme. Doch wir, wir klammerten uns an den Befehl, wir schritten mit stumpfen Gesichtern durch die Räume, wir griffen gleichmütig in die Strohsäcke, stocherten unter die Betten, öffneten die Schränke, fuhren mit dem Arm durch die armseligen Kleidungsstücke, und doch war es so, als handelten wir wie die Diebe. Unter der Prüfung stets starrender Augen, die uns im Rücken brannten und das Kreuz steiften, klopften wir an die Wände, pochten an Türen, rissen Bettzeug auseinander und suchten. Und fanden nichts. Fanden nichts im ganzen, vielstöckigen Hause, außer dem einen Gewehr. Draußen aber, in den vielen Zimmern, da sangen sie weiter, und der abgeleierte, immer wiederholte Gesang gab uns fast eine ruhige Frische. Dann sammelten wir uns im Torweg. Durch die Höfe kamen uns die anderen Gruppen entgegen. Als wir abmarschieren wollten, stellte der Feldwebel fest, daß zwei Mann fehlten. Der Bereitschaftszug begann, nach ihnen zu suchen. Wir anderen rückten ab. Die zwei Mann wurden nicht gefunden. Im Quartier

gingen die tollsten Gerüchte um. Der Gefreite Hoffmann sagte: «Junge, Junge, ich kann dir gar nicht sagen, wie dick ich den Kram habe!» Und nach einer Weile: «Ich weiß, wo die beiden sind. Die sind ganz einfach desertiert. »

Weimar

Am 20. Januar 1919, am Tage nach der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung, kamen die Kommandeure der in Berlin stehenden Truppen zum Oberbefehlshaber Noske. Sie erklärten, sie könnten für den Bestand der Truppen keine Garantie übernehmen. Die Agitation der Unabhängigen und Spartakisten unter den Soldaten sei derart intensiv, daß ein längeres Verbleiben der Formationen in der Stadt für den Geist der Truppe gefährlich sei. Es sei zu erwägen, ob die Formationen nicht wieder auf die Übungsplätze, Vororte und Dörfer zurückzunehmen wären. Die Regierung der Volksbeauftragten beschloß, die Nationalversammlung in Weimar tagen zu lassen. Das Freiwillige Landesjägerkorps Maercker galt als die bestdisziplinierte Truppe, und es sollte wohl eine Anerkennung bedeuten, daß General Maercker den Auftrag bekam, die Tagung der Volksvertreter in Weimar zu schützen. Der Arbeiter- und Soldaten-Rat von Thüringen aber war nicht einverstanden mit dieser Anerkennung und sandte ein gekränktes

Telegramm an den Oberbefehlshaber Noske. Die Garnisonen von Thüringen seien allein imstande, die Sicherheit der Volksvertreter zu garantieren, und fremde Truppen seien in Thüringen durchaus unerwünscht. Die Bewegtheit jener Tage aber war bestimmt durch den Kampf der Revolution um ihren Bestand. Die Unabhängigen und Spartakusleute sahen im Zusammentreten der Nationalversammlung eine unmittelbare Bedrohung der revolutionären Er- rungenschaften. Der von ihnen erstrebte und in den Anfängen durchgeführte Räteaufbau des Staates mußte, das wurde scharf anerkannt, dem bürgerlich- demokratischen Prinzip gegenüber, durch welches allein die Nationalversammlung und die in ihr zu schaffende Verfassung ihre Geltung erhalten konnte, mit allen Mitteln behauptet werden, sollte nicht aus der Revolution ein Gebilde erwachsen, das deren Sinn verfälschte. «Alle Macht den Arbeiter- und Soldaten-Räten!» lautete darum die Parole der Revolutionäre, und diese Parole wurde in unzähligen Aufrufen verbreitet und fand in ebenso unzähligen Entschließungen revolutionärer Kongresse und Versammlungen ihren Widerhall. Im Reiche war die Herrschaft der Räte noch fast völlig unangetastet. Nur in Berlin war sie gebrochen. Aber schon marschierten Truppen nach Bremen, schon schufen in Willhelmshaven Offiziere und Soldaten unter dem Korvettenkapitän Ehrhardt eine neue Ordnung, in der die Räte ausgeschaltet waren. Es beruhte jedoch die Macht der Arbeiter- und Soldaten-Räte im Reiche einfach auf der Tatsache,

daß sie ihnen bislang noch niemand streitig gemacht hatte. In den Betrieben waren die Belegschaften zersplittert und die Arbeiter-Räte keineswegs einer unbedingten Gefolgschaft sicher, die bewaffneten Kampfkräfte klein an Zahl und nicht gehärtet. Selbst in Berlin waren es immer nur die Einzelnen, die den letzten Einsatz für die Revolution wagten, Ver- sprengte, Unbestechliche, und freilich konnten sie unter günstigen Umständen die Masse mit sich zwingen. Aber es rief niemand anders sie als die Stimme ihres Blutes, sie fanden sich auf den Barrikaden zusammen, wie sich diese Männer immer zusammenfinden dort, wo Gefahr ist, aber sie waren nicht geeignet als blitzende Werkzeuge einer zu bildenden Macht, sie erkannten keine Führung an, sie gehorchten keinen Räten. Von Bauern-Räten hat man nach den ersten Tagen der Revolte niemals gehört. Am aktivsten erschienen die Soldaten-Räte. Sie führten in ihren Kundgebungen eine bedrohliche Sprache, kontrollierten fast die gesamte Verwaltung und traten mit herrischem Anspruch als die eigent- lichen Machthaber überall auf. Aber sie waren Soldaten-Räte ohne Soldaten. Das heimkehrende Heer löste sich auf. Schon auf dem Marsch zu den Garnisonen verringerten sich die Regimenter, verließen große Teile der Mannschaft, von den Offizieren gewißlich nicht gehindert, die Truppe, drängten nach Haus. In den Garnisonen selbst lagen die ältesten Jahrgänge und die jüngsten — Landsturm, Rekruten und Garnisondiensttaugliche. Sie waren es, welche die Räte im ersten Überschwang der Revolte

gewählt. Von den zurückkehrenden Frontsoldaten erhielt ein jeder Urlaub, soviel er wollte, die anderen nahmen sich den Urlaub selber. In den verödeten Kasernen hausten als Alleinherrscher die Soldaten- Räte, sie saßen fett und behaglich in den weiten Räumen und verfaßten Entschließungen und erhielten Löhnung und Zulagen und Tagegelder und zehrten von den Vorräten und Lagerbeständen. Die Schreiber der Abwicklungsstellen, die arbeitslosen jungen Soldaten, die ihre Löhnung abholten, Deserteure und wenige Berufssoldaten bildeten die Garnisonen. Es waren aber die Garnisonen zu allem entschlossen, außer zu arbeiten und zu kämpfen. Die Unabhängigen hatten Wachregimenter aufgestellt und Sicher- heitswehren, gebildet aus Arbeitern und entlassenen oder entlaufenen Soldaten; die Matrosen lebten, finster und entschlossen, in kargen Grüppchen, Volksmarinedivisionen genannt, in ihren zu waffen- starrenden Festungen umgewandelten Quartieren, wie die Füchse im Bau, stets bereit, zu schießen, aber keinem Befehle gefügig. Dann waren nur noch die hungernden Massen da. Die Freikorps aber, geworben für den Schutz der Grenze im Osten, der Stamm der Frontsoldaten, freiwillige Studenten, Schüler, Kadetten, Offiziere, Arbeiter, Bauern, Handwerker und ewige Soldaten, sie standen im Solde der Regierung, marschierten, wie es Noske befahl.

Als die kleine Gruppe der Quartiermacher des Landesjägerkorps nach Weimar kam, befahl der Weimarer Soldatenrat, sie zu entwaffnen. Aber die

Quartiermacher eilten vor das Hauptquartier des Rates; der Vorsitzende, zwischen zwei Maschinen- gewehren stehend, erklärte, er weiche nur der Gewalt. Da warfen die Landesjäger die Maschinengewehre um und drangen in das Gebäude. Der Vorsitzende des Soldatenrates Weimar aber wich. Dies war die einzige kriegerische Handlung, die in Weimar geschah. Wir erfuhren davon, als wir in die schlafende Stadt einrückten. Am Bahnhof mußten wir die Seiten- gewehre aufpflanzen. Unsere Quartiere lagen in Ehringsdorf, wir zogen fröstelnd und übermüdet von der langen, nächtlichen Fahrt durch die dunklen Straßen. Am Nationaltheater machten wir halt. Wir setzten die Gewehre zusammen und warteten. Neugierig standen die Soldaten um das Denkmal herum. Der Leutnant Kay kletterte auf den Sockel und setzte sich zwischen die Füße der beiden Bronzegestalten. Das Theater stand weiß und geruhig, mit einfachen Linien, wie ein klarer, stiller Tempel in der Nacht, Leutnant Kay sagte: «Der Tag ist wirklich zu absurd. Konfuse, verwirrende Lehren und verwirrter Handel walten über der Welt.» Und klopfte Goethe kameradschaftlich auf den Schenkel. Nach kurzer Weile marschierten wir weiter. Weimar wurde vom Landesjägerkorps zerniert. In der Stadt selbst lagen nur wenige Kompanien, im Schloß, am Theater. Wir exerzierten in Ehringsdorf und in Oberweimar, wir schoben Wache in Umpferstedt und in Süßenborn, wir kampierten in Tiefurt und in Hopfgarten. Wenn der Dienst zu Ende war, hatten wir nicht immer Lust, nach Weimar hineinzugehen; denn die geruhsame Stadt verlor

nichts von ihrer Farblosigkeit durch das schwärzliche Gewimmel der Volksvertreter und deren mannig- faltige Reden —, und uns brannte noch Berlin im Blut. Wir waren zu plötzlich herausgerissen aus dem Strudel der tollen Wochen, die hinter uns lagen. Der Abmarsch aus Berlin, der nie bezwungenen Stadt, erschien uns wie Flucht und Verzicht. Und zwischen Dienst und Wache, zwischen Suff und Schwoof verloren wir uns in übersteigerten Gesprächen. Anfangs besuchten wir die Versammlungen im Städtchen, in denen Abgeordnete aller Parteien sprachen, aber die geistigen Waffen, die dort den Kriegern angepriesen wurden, ließen uns den Wert von Fünfzehner-Langrohrgeschützen in noch schärferem Licht erscheinen. Unser Leben vollzog sich sehr abseits von dem, was die Vertreter des Volkes als Kern und Wesen der Dinge betrachteten; wir standen in jenen Tagen inmitten des Strudels, da, wo es am stillsten ist. Und Leutnant Kay sagte: «Immer hübsch kochen lassen und ab und an ein bißchen umrühren und zuweilen ein kleines Feuerchen drunter!» «Wie meinen Sie das mit dem Feuerchen drunter?» fragte ich den Leutnant, meinen Zugführer, bei dem Glase Wein, zu dem er mich eingeladen hatte. Da drehte sich der Leutnant um, und drei Tische weiter saß ein kleiner, rundlicher Herr im schwarzen Rock, ein Herr mit Hornbrille und Aktentasche. «Das ist Erzberger», flüsterte der Leutnant und sah mich an. «Ein tüchtiger Mann, sagenhaft fleißig!» Und drehte das Glas und beugte sich über den Tisch. «Was meinen Sie, wie würde das

Hühnervolk gackern, wenn der eines Tages mal gehörig verprügelt würde? Machen Sie mit?» Ich sagte: «Jawohl, Herr Leutnant!» Aber Erzberger flüchtete im Hemde zum Fenster hinaus, als wir anrückten, und Noske war sehr böse über uns. Es schien, wir fingen an, ihm Sorge zu machen. Als Oberbefehlshaber zog er immer den Hut, wenn es einem von den Soldaten einfiel, ihn zu grüßen. Seit er Reichswehrminister war — es war da ein Befehl, der lautete, der Reichswehrminister sei vorschriftsmäßig zu grüßen —, seit dieser Zeit also hob er immer nur zwei Finger bis knapp an die breite Krempe seines Hutes. Und wir gaben uns doch solche Mühe! Wenn wir, am Schlagbaum von Umpferstedt, das Auto kommen sahen, dann freuten wir uns schon und hielten den Wagen an und fragten nach dem Paß und baten diensteifrig die Herren, auszusteigen, da der Wagen nach Waffen durchsucht werden müsse. «Ministerauto», wagte der Chauffeur zu sagen. «Das kann jeder sagen», meinten wir knarsch und: «Paß bittä!» Dann aber sahen wir den Paß, und das riß uns plötzlich herum! Da krachte das Gewehr auf die Schulter, daß der Helm rutschte, da holten wir vielleicht mit dem rechten Fuß aus und knallten ihn gegen den linken und sahen den Herrn eisern an. Und der Herr Reichswehrminister hob mißtrauisch zwei Finger, und wir rührten uns nicht eher, als bis aus der Tiefe des Wagens der freundliche Wunsch brummte, es möchte doch endlich der Schlagbaum geöffnet werden. Der Minister aber liebte es, bei Besichtigungen die Front abzugehen und freundliche Fragen an einige

Leute zu stellen. Und ausgerechnet den Gefreiten Hoffmann fragte er: «Was sind Sie von Beruf?» — «Korbflechter, Euer Exzellenz!» kam prompt die Antwort. Und der Hauptmann hatte später Gelegen- heit, kopfschüttelnd zu sagen, nichts wie Unfug hätten wir im Kopfe, und es müßte wohl ein bißchen mehr exerziert werden. Und es wurde mehr exerziert. Es wurde auch mehr gesoffen. Leutnant Kay hatte eine Mischung erfunden, die nannten wir den Geist von Weimar. Nur war diese Mischung sehr fade, und man mußte viel trinken, ehbevor man sich berauschte. Aber viel trinken, das wollten wir, viel tanzen, das wollten wir auch, und vor allen Dingen wollten wir nichts davon hören, was in der Nationalversammlung besprochen und beraten wurde.

Das harmlose Städtchen spreizte sich in dünner Wichtigkeit. Als der Volksbeauftragte Ebert zum Reichspräsidenten gewählt wurde, war es aus- füllendes Stadtgespräch, daß er mit weichem grauem Hut die Ehrenkompanie abschritt, nicht mit Zylinder. Die sechzig Berliner Schutzleute reräsentierten mit Würde Weltstadt. Jede Rede der Frau Zietz fand in den Damenkränzchen aufgeregte Besprechung. Wenn Pfarrer Traub sprach, flaggten einige Häuser schwarz-weiß-rot. Die Läden wurden fast gestürmt, als es hieß, die ersten Waggons italienischer Apfelsinen seien eingetroffen. An Sonntagen spielte die Landesjägerkapelle. Die jungen Mädchen der Stadt ließen sich in öffentlichen Lokalen nur mit Offizieren sehen, allenfalls mit Feldwebeln.

Die Herren Abgeordneten tranken abends ihren Wein im «Elefanten» oder im «Schwan» und betrauerten die Zukunft Deutschlands.

Im März kamen die Nachrichten von dem Aufstand in Berlin. Gleichzeitig begann es in Mitteldeutschland zu brodeln. Eine Abteilung des Landesjägerkorps rückte nach Gotha, andere rüsteten zum Marsch nach Halle. Im mitteldeutschen Industrierevier drohte der Streik. In den Städten zogen hungernde Massen demonstrierend durch die Straßen. In München war am 21. Februar Kurt Eisner erschossen worden. Daraufhin bemühten sich die Abgeordneten im bayrischen Parlament nicht ohne Erfolg, sich gegenseitig auszurotten. Im Ruhrgebiet herrschte Anarchie, aus den Seehäfen liefen die Lebensmittel- transporte nur spärlich ein. Im Osten knallten sich schwache Grenzschutzformationen mit vorrückenden polnischen Banden herum. Und langsam wurden die Friedensbedingungen bekannt. Wir strichen unruhig durch die Straßen. Es war für uns Soldaten kein Zweifel, daß die Weimarer Herren annehmen würden. Wir aber hoben die Nasen witternd in den Wind, gleich als ob wir die Vielfalt röchen, um die uns das Leben noch niemals betrog. Leutnant Kay nahm einzelne von uns beiseite. Er sprach mit der Gruppe Kleinschroth, er suchte sich die Kadetten zusammen, er saß in den Kompanie- quartieren mit den Unteroffizieren, in den Kantinen mit Leuten des anderen Bataillons, in den Weinstuben Weimars mit Offizieren und Fähnrichen

und flüsterte herum. Langsam fanden sich einige zwanzig Mann. Die erkannten sich an einem Blick, an einem Wort, an einem Lächeln, die wußten voneinander, daß sie zusammengehörten. Aber sie waren nicht regierungstreu, sie waren beileibe nicht regierungstreu, nichts weniger als das. Sie konnten keineswegs den Mann und den Befehl achten, dem sie bislang gehorchten, und die Ordnung, die sie schaffen helfen sollten, erschien ihnen ohne Sinn. Sie waren Herde der Unruhe in ihren Kompanien. Der Krieg hatte sie noch nicht entlassen. Der Krieg hatte sie geformt, er ließ ihre geheimsten Süchte wie Funken durch die Kruste schlagen, er hatte ihrem Leben einen Sinn gegeben und ihren Einsatz geheiligt. Ungebärdige, Ungebändigte waren sie, Ausgestoßene aus der Welt der bürgerlichen Normen, Versprengte, die sich in kleinen Gruppen sammelten, ihre Front zu suchen. Da waren viele Fahnen, um die sie sich sammeln konnten — welche flatterte am stolzesten im Wind? Da waren noch viele Burgen zu stürmen, noch viele feindliche Haufen lagerten im Feld. Landsknechte waren sie — wo war das Land, dem sie Knechte waren? Den großen Betrug dieses Friedens hatten sie erkannt, sie wollten nicht teilhaben an ihm. Sie wollten nicht teilhaben an der bekömmlichen Ordnung, die man ihnen schleimig pries. Sie waren unter den Waffen geblieben nach einem unbeirrbaren Instinkt. Sie knallten allerorts herum, weil ihnen das Knallen Spaß machte, sie zogen durch das Land, hierhin und dorthin, weil ihnen die fernen Felder

immer neue, gefährliche Dünste atmeten, weil ihnen überall der Ruch herber Abenteuer winkte. Und dennoch suchte jeder etwas anderes und gab andere Gründe für sein Suchen an, das Wort war ihnen noch nicht geboten. Sie ahnten das Wort, ja, sie sprachen es aus und schämten sich vor dessen verwaschenem Klang und drehten es, prüften es in geheimer Furcht und ließen es aus dem Spiel mannigfaltiger Gespräche, und es stand doch über ihnen. In tiefer Dumpfe eingehüllt stand das Wort, verwittert, lockend, geheimnisreich, magische Kräfte strahlend, gespürt und doch nicht erkannt, geliebt und doch nicht geboten. Das Wort aber hieß Deutschland. Wo war Deutschland? In Weimar, in Berlin? Einmal war es an der Front, aber die Front zerfiel. Dann sollte es in der Heimat sein, aber die Heimat trog. Es tönte in Lied und Rede, aber der Ton war falsch. Man sprach von Vater- und Mutterland, aber das hatte der Neger auch. Wo war Deutschland? War es beim Volk? Aber das schrie nach Brot und wählte seine dicken Bäuche. War es der Staat? Doch der Staat suchte geschwätzig seine Form und fand sie im Verzicht. Deutschland brannte dunkel in verwegenen Hirnen. Deutschland war da, wo um es gerungen wurde, es zeigte sich, wo bewehrte Hände nach seinem Bestände griffen, es strahlte grell, wo die Besessenen seines Geistes um Deutschlands willen den letzten Einsatz wagten. Deutschland war an der Grenze. Die Artikel des Versailler Friedens sagten uns, wo Deutschland war. Wir waren für die Grenze geworben. In Weimar

hielt uns der Befehl. Wir schützten raschelndes Paragraphenwerk, und die Grenze brannte. Wir lagen in madigen Quartieren, aber im Rheinland marschierten französische Kolonnen. Wir schossen uns mit verwegenen Matrosen herum, aber im Osten brandschatzten die Polen. Wir exerzierten und stellten Ehrenkompanien für Regenschirme und weiche Filzhüte, aber im Baltikum traten zum ersten Male wieder deutsche Bataillone zum Vormarsch an. Am 1. April 1919, dem Geburtstage Bismarcks — die Rechtsparteien hielten patriotische Feiern ab —, verließen wir, achtundzwanzig Mann, Leutnant Kay an der Spitze, Weimar und die Truppe, ohne Kündigung und Befehl, und fuhren nach dem Baltikum.

Vormarsch

Im Zielfernrohr stand die Silhouette eines Gehöftes. Ich lag mit meinem Gewehr auf einem buschbewachsenen Hügel, dicht am Bahndamm. Neben mir lag Leutnant Kay, seinen zum Stutzen umgearbeiteten Karabiner vor sich und behängt mit Leuchtpistole, Handgranatensäcken, Munitionsgür- tel, Zeissglas und Kartentasche. Um uns herum, in samtener Dunkelheit, kauerten dichtgedrängt die Hamburger, leichte Maschinengewehre zwischen

sich. Die Minenwerfer in der Senke standen mit drohend aufgerichteten Mäulern da. Vor uns klickerte dunkel die Eckau, einzelne Sterne spiegelten sich zitternd im schwarzen, schmalen, leichtbewegten Wasser. Hinter der Waldecke stand der Panzerzug unter sacht strömendem Dampf. Am Bahndamm mußten die Geschütze stehen, von den Pionieren gedeckt. Alles lag in der vordersten Front. Alle Waffen drohten nach vorn. Menschen und Sprengstoff lauerten in geheimnisreicher, mit wütender Spannung geladener Nacht auf Erlösung. Von der Rigaer Bucht bis Bauske lagen dicht nebeneinander die gekrümmten Körper bereit zum Ansprung. Der Bolschewik ahnte nichts. Hinten, über Tetelminde war der Himmel gefärbt mit gedämpftem Rot. Kein Postenruf erscholl, kein Schuß weckte die Nacht. Ich betastete noch einmal mein Gewehr. Der Gurt war eingeführt, die erste Patrone im Lauf. Steif stand die Knarre auf ihren Insektenbeinen. Die Hebel fest, der Mantel gefüllt. Selbst das eine Ende des Schlauches war sorgfältig vergraben, wie es die Vorschrift befahl. Ich legte den Kopf auf die Arme. Wir warteten. Wir warteten auf das Signal. Und vorne der Bolschewik ahnte nichts. Mit jedem Atemzuge füllte ein sonderbar herber Geruch die Lungen. Fast schmerzhaft würzig drang er durch den ganzen Körper. Dieser Dunst der kurländischen Erde ließ rnich dumpf spüren, was uns dies Land zu bieten hatte. Ich krallte die Finger in die satte Erde, die mich anzusaugen schien. Diesen Boden hatten wir erobert. Nun forderte er von uns; auf einmal war er uns verpflichtendes Symbol.

Sicherlich waren es nicht die Bolschewiken, die uns zwangen, hier zu liegen in lechzender Lauer, in wütender Gier. Da drüben, wo das lastende Dunkel den Feind, gleich uns, an den Boden drückte, da drüben beherrschte die Front ein glühender Zwang, ein wahnwitziger Wille, eine göttliche Besessenheit, ein einziger Glaube, der die durcheinanderfließenden Horden der Soldaten und Bauern mit stählerner Zange zusammenhielt und formte, der den Verlorenen die Mission gab, die Zerlumpten zu Heroen hämmerte, die Aufgegebenen zu Eroberern und ein ganzes Volk an die Grenze hetzte. Wir aber waren Versprengte, kein Volk gab uns den Auftrag, kein Symbol war uns gültig. Wir lagen nun hier in knisternder Finsternis; wir suchten den Eingang zur Welt, und Deutschland lag hinten irgendwo im Nebel, wirrer Bilder voll; wir suchten den Boden, der uns die Kraft geben sollte, und dieser Boden gab sich nicht willig her; wir suchten die neue, die letzte Möglichkeit, für Deutschland und für uns, und drüben im heimlichen Dunkel barg sich jene unbekannte, jene gestaltlose Macht, die, halb verwundert von uns und halb gehaßt, unserem Drängen wehrte. Wir zogen aus, die Grenze zu schützen, aber da war keine Grenze. Nun waren wir die Grenze, wir hielten die Wege offen; wir waren Einsatz im Spiel, da wir die Chance witterten, und dieser Boden war das Feld, auf das wir gesetzt. Die Balten, die drüben hinter jener vorspringenden Waldecke an der Straße massiert lagerten und auf das Signal zum Angriff warteten, fragten nicht nach dem Sinn ihres Einsatzes. Ihnen war der Kampf, zu dem sie sich gesammelt, geweiht, war ihnen das einzige Gebot der Stunde. Sie drängten erbittert, Riga zu nehmen;

denn dies war ihre Stadt, und dort in der Zitadelle waren die baltischen Geiseln, denen ein ähnliches Schicksal drohte wie den Geiseln Mitaus. Leutnant Kay hatte mich mitgenommen zu baltischen Familien, die uns von der Bolschewistenzeit in Mitau berichten konnten. Und da war nicht eine Familie, von der nicht mindestens ein Mitglied verschleppt, gemartert oder hingerichtet wurde, und viele Familien waren mitsamt den Dienstleuten ermordet worden, und von vielen lebten nur manche Frauen noch, und von den Frauen nur die älteren. Es war aber so gewesen, daß es genügte, auf der Straße deutsch zu sprechen, um erschlagen zu werden, und daß das Wort «deutsch» als ungeheuerlichstes Schimpfwort galt und der Deutsche als die verhaßteste Ausgeburt dieser Welt. Die baltischen Mädchen aber, aus ihren Häusern gerissen, galten in ihrer straffen, gepflegten Herbheit als begehrte Beute, und die bolschewistischen Unmenschen hatten ihre Lust, sie zu schänden und ihren edlen Willen in toller Brunst zu brechen, bis sie, von ganzen Horden gefoltert, nackt und zerrissen im Kot der Straßen lagen oder im Hofe des Gefängnisses, indes über ihren Leichen die baltischen Männer zusammengeschossen wurden. Als die baltische Landeswehr, ohne Befehl, gepeitscht vom wahnsinnigen Aufschrei ihres Blutes, den letzten Stoß nach Mitau wagte, von Tückum her im Sturm die Stadt anfiel, da wurden die Geiseln in die Höfe ihrer Kerker getrieben, und in die dichtgedrängte Masse der gepferchten Leiber flogen gebündelte Handgranaten, zuckte aus der Mündung schnell gerichteter Gewehre Schuß auf Schuß, daß

die geballten Körper immer wieder in die Höhe schnellten und schließlich nichts von ihnen übrig- blieb als ein einziger blutiger, formloser Brei. Andere Geiseln aber wurden von roten Reitern an die Gäule gebunden und mit Kantschuhieben aus der Stadt nach Riga geschleift. An der Straße bis zur Eckau konnte die Landeswehr noch viele Leichen ihres Stammes zählen. Das Grab der Herzöge von Kurland war erbrochen, die Mumien, mit deutschen Stahlhelmen auf den Köpfen, standen aufrecht an den Wänden, durchsiebt von sinnlos hingeknallten Schüssen. Es waren lettische rote Regimenter, die so in Mitau Rache an ihren früheren Herren nahmen. Was uns aber aus dem geruhigen Mittelpunkte des kreisenden Deutschlands Weimar nun an die Peripherie geschleudert hatte, in dieses Land, in dem wir nun schon sechs glühende Wochen im Gefechte standen, das dünkte uns nur schwach erklärt durch jene nüchternen Versprechen, die zum Schall der Werbetrommeln uns geboten wurden. Als in den Tagen der Revolte die Front der deutschen achten Armee in den Ostseeländern zusammenkrachte, plündernd, zuchtlos, aufgelöst auf allen Wegen der Heimat zuströmte, drang prahlend und im mächtigen Rausch eines wilden Überlegenheits- glaubens die Rote Armee, in der sich die Elemente eines neuen nationalen und sozialen Stolzes mit asiatischer Willkür seltsam mischten, in das preisgegebene Land. Riga fiel und Mitau, und bis zur Windau strichen die zerlumpten, siegessicheren Partisanengruppen. Da sammelten sich die Balten und boten den ersten Widerstand. Und zu ihnen

stießen schwache deutsche Grenzschutztrupps. Die lettische Regierung Ulmanis, geflohen von Riga nach Libau, aber versprach den deutschen Freiwilligen Land zur Siedlung, achtzig Morgen Land und gewichtige Kredite und erhöhten Sold, wenn sie das Land zurückeroberten. Die deutschen Truppen hatten Auftrag, Ostpreußen und mit dieser Provinz des deutschen Ostens Grenzen zu schützen. Der deutsche Führer, General Graf Rüdiger von der Goltz, glaubte, den Befehl nur durch die Offensive er füllen zu können. Und der Feldzug begann in Schnee und Eis, indes die ersten Frühlingsstürme durch die Wälder heulten, mit wilden und verwegenen Patrouillenritten, mit kurzen, jauch- zenden Stößen, mit Überfall und Gewaltmarsch. Mitau wurde befreit. An der Eckau bildete sich die neue Front. Riga, die baltische Stadt, lag wild ersehnt hinter den dunklen Wäldern. Aus ihr drang wirre Botschaft bis zur deutschen Front, hervor- gekeucht aus den erschöpften Lungen baltischer Flüchtlinge, aufgefangen vom sowjetischen Funks- pruch, gewaltsam erpreßt von gefangenen Rot- gardisten. Aber die deutsche Regierung, fürchtend die Drohung der Entente, verbot den deutschen Truppen, die Stadt zu befreien. Das Wort «Vormarsch» hatte für uns, die wir nach dem Baltikum zogen, einen geheimnisvollen, beglückend gefährlichen Sinn. Im Angriff erhofften wir die letzte, befreiende Steigerung der Kräfte, ersehnten wir, das Bewußtsein zu bestätigen, jedem Schicksal gewachsen zu sein, hofften wir, die wahren Werte der Welt in uns zu erfahren. Wir

marschierten, von anderen Zuversichten genährt, als sie der Heimat gültig sein konnten. Wir glaubten an

die Augenblicke, in denen sich die Vielgestalt eines Lebens ballt, das Glück einer Entscheidung. «Vormarsch»: das hieß für uns nicht ein Marsch auf ein militärisches Ziel, um einen Punkt auf der Landkarte, eine Linie im Gelände zu erobern, das hieß vielmehr den Sinn einer harten Gemeinsamkeit erfahren, das hieß die Zeugung einer neuen Spannung, die den Krieger auf eine höhere Ebene stößt, das hieß die Lösung aller Bindungen an eine versinkende, verrottete Welt, mit der der echte Krieger keine Gemeinsamkeit mehr haben konnte. Der Aufbruch der deutschen Bataillon im Baltikum glich dem Aufbruch eines neuen Völkerstammes. Jede Kompanie führte ihr eigenes Feldzeichen mit sieh und focht ihr eigenes Gefecht. Das Feldzeichen der Kompanie Hamburg war die Flagge der deutschen Hansestadt. Aber über der Flagge wehte noch ein schwarzer Wimpel, und als ich einen der Hamburger fragte, ob dies ein Zeichen der Trauer sei

— und ich war selbst verlegen ob dieser Frage —, da

pfiff der die ersten Takte des Seeräuberliedes. Nein,

keine Trauer also, den schwarzen Wimpel hatte schon Klaus Störtebeker am Maste der «Bunten Kuh» geführt, und er wehte einstens über den Kriegs-

koggen der Vitalienbrüder. So hatte also die Flagge der Hamburger im Baltikum ihren besonderen Sinn, und sie flatterte an jedem Panjewagen der Kompanie und auch an der Feldküche, ja, bei manchen Gefechten

— das war möglich im Baltikum, da war alles möglich

— bei manchen Gefechten wurde sie vorangetragen,

und sie leuchtete blutigrot mit ihren schmalen weißen Türmen und dem düsteren Strich darüber. So konnte es wohl vorkommen — und es war gewiß ein gut Teil Absicht der Hamburger dabei —, daß die Bolschewiken zauderten zu schießen, ungewiß, ob es nicht rote Truppen seien, die da anrückten, und es konnte auch vorkommen, daß die Balten auf die Hamburger schössen — denn die Balten konnten kein Rot sehen, ohne gleich zu schießen —, dann aber brauchten die Hamburger nur «Hummel, Hummel» zu rufen, und das Geballer hörte auf; denn die Hamburger waren bekannt in ganz Kurland und ihr Schlachtruf auch. Sie waren so bekannt, daß die Juden und Krämer ihre Läden bedachtsam schlössen, wenn die Ham- burger zu kurzer Ruhe in Mitau einrückten, ihr traditionelles Lied singend, das Seeräuberlied, oder irgendeine Unflätigkeit. Die Soldaten der anderen Truppenteile traten dann auf die Straße hinaus und sahen sich die Hamburger an, kopfschüttelnd zumeist, denn diese marschierten nicht etwa, wie es sich gehört, beileibe nicht, sie kamen daher, rechts und links der Straße in je einer langen Reihe, und trugen das Gewehr, wie es ihnen bequem war, und schritten, braungebrannt und mit offenen Röcken und Knüppeln in den Händen. Die Haare und die Barte hatten sie sich lang wachsen lassen, und sie grüßten nur Offiziere, die ihnen bekannt und genehm waren. Es war eine große Ehre für einen Offizier, von den Hamburgern gegrüßt zu werden. Denn diese verdrehte Formation stand unter keinem der gültigen militärischen Gesetze, kein Zwang hatte sie gebildet

und keinen Zwang erkannte sie an. Der Wille des Führers allein galt, und dieser wiederum war gewachsen aus jener motorischen Kraft, die alle, die sich um das Feldzeichen scharten, zueinander finden ließ. Es war gefährlich, auch nur einem von ihnen auf die Zehe zu treten: der Unvorsichtige hatte sofort die ganze Rotte auf dem Hals. Die Beute gehörte allen, wie allen das Wagnis gemeinsam war. Und wo sich die Hamburger mit den Bolschewiken trafen —, und sie trafen sich oft genug, denn wo ein Befehl die Fronten in Starre band, da machten die Hamburger für sich alleine Krieg —, hatten sie voreinander den gleichen, tödlich-freundlichen Respekt. Es konnte wohl vorkommen, daß einer aus der Schar gegen die eisernen Gesetze des Clans verstieß, dann trat die Kompanie zu kurzem Feldgericht zusammen, und nachdem der Meuterer begraben war, zogen die Hamburger weiter, das Seeräuberlied singend und in wütender Verachtung jeden Aktenkrams. Die Kompanie Hamburg war früher ein Bataillon gewesen. Aber schon in den ersten Gefechten des verwegenen Vormarsches von der Windau bis Mitau wurde das Bataillon so zusammengeschossen, daß Leutnant Wuth, der Führer, froh sein konnte, einen Bestand zu wahren, der wenigstens noch knapp eine Kompanie darstellte. Der Stamm der Hamburger bestand aus Niedersachsen der früheren Hansa- Infanterie-Regimenter, die Leutnant Wuth schon während des Rückmarsches um sich gesammelt und durch das verwirrte Deutschland an die ost- preußische Grenze und dann nach dem Baltikum

geführt hatte. Leutnant Wuth, ein großer, brauner, eckiger Mann — ein Eberzahn stach ihm aus dem Munde, den er an borstigen Haaren seines Bärtchens zu wetzen pflegte —, vertauschte vor jedem Gefecht seine Feldmütze mit einem Samtbarett, wie es die Urpachanten und die Wandervögel tragen. Denn schon in den gleißenden Vorkriegstagen fand dieser hagere Mann die einzig ihm gemäße Form in den Reihen jener Jugend, die in der lauen Luft erstarrter Forderungen nicht atmen konnte, vom Durchbrach träumte und vom Sturm, der in die dumpfen Räume fahren sollte. Und wenn es nun bei den Hamburgern irgend etwas gab, das Disziplin zu nennen war, dann kam es aus der Witterung für dieses Mannes Wesen und sein Glück. So stellten die Hamburger, zu denen ich mich gesellte, eine besondere Klasse von Kriegern dar inmitten der Heerhaufen des Baltikumkrieges. Da gab es viele Kompanien im Baltikum, geordnete Formationen unter sicheren Führern, geworben und marschierend nach zwingendem Befehl. Da gab es Haufen unruhgepeitschter Abenteurer, die den Krieg suchten und mit ihm die Beute und das Losgelassensein. Da gab es patriotische Korps, die den Niederbruch der Heimat nicht verwinden konnten und die Grenze wahren wollten vor der brandenden roten Flut. Und es gab die Baltische Landeswehr, formiert aus den Herren dieses Landes, die ihre siebenhundertjährige Tradition, die ihre überlegene, kräftige Filigran- kultur, die das östlichste Bollwerk deutschen

Herrentumes um jeden Preis zu retten entschlossen waren, und es gab deutsche Bataillone, gebildet aus bäuerliche Menschen, die siedeln wollten, die nach Land hungerten, die den Boden rochen und nach den Kräften tasteten, die dieser herbe Boden ihnen bot. Truppenteile, die für die Ordnune kämüfen wollten, aab es keine. Und die Vielzahl der Parolen gab ihnen die Sicherheit, ihnen allen war ein Quentlein zugeacht, ein Quentlein Lohn und Hoffnung und ein lockendes Ziel. Aus der Masse aber, welche die zusammen- gekrachte Westfront nach dem Osten schwemmte, sonderten sich die Gleichen ab. Wir fanden uns wie auf ein geheimes Zeichen hin. Wir fanden uns fernab der Welt der bürgerlichen Normen, keines Lohnes, keines Zieles bewußt. Uns war mehr zerbrochen als die Werte, die wir alle in der Hand gehalten. Uns brach die Kruste auch, die uns gefangenhielt. Die Bindung brach, wir waren frei. Und riß uns auch das Blut, aufzischend plötzlich, in Rausch und Abenteuer, trieb uns das Blut in Weite und Gefahr, es trieb auch zueinander, was sich als zutiefst verwandt erkannte. Ein Bund von Kriegern waren wir, durchtränkt mit aller Leidenschaft der Welt, toll im Begehren, jauchzend im Nein und Ja. Was wir wollten, wußten wir nicht, und was wir wußten, wollten wir nicht. Krieg und Abenteuer, Aufruhr und Zerstörung und ein unbekannter, quälender, aus allen Winkeln unserer Herzen peitschender Drang! Aufstoßen ein Tor durch die umklammernde Mauer der Welt, marschieren über glühende Felder, stampfen über Schutt und stiebende

Asche, jagen durch wirren Wald, über wehende Heide, sich hineinfressen, stoßen, siegen nach Osten, in das weiße, heiße, dunkle, kalte Land, das sich zwischen uns und Asien spannte — wollten wir das? Ich weiß nicht, ob wir es wollten, wir taten es. Und die Frage nach dem Warum verblaßte unter den Schatten immerwährender Gefechte. Noch immer gloste der Himmel über Tetelminde. Das Gewirr der Äste zeichnete sich dunkel ab. Ahnte der Bolschewik wirklich nichts? Schon die ganzen letzten Tage war Unruhe an der deutschen Front. Gerade wollten die Formationen auf eigene Faust losbrechen, den Sturm auf Riga wagen, als die deutsche Regierung verschmitzt dem Oberkomman- dierenden auf dessen Drängen hin hatte mitteilen lassen, sie könne es nicht hindern, wenn die Baltische Landeswehr Riga erobere, die deutschen Truppen dürften dann die eigenen Linien sichern. Am Abend, als der Befehl zum Vormarsch verlesen wurde, ging es durch die Mannschaft wie ein Ruck. Und indes die Haufen auseinanderspritzten, um zu packen und zu rüsten, flammten auch schon an allen Enden die verlassenen Häuser hoch. Die Offiziere rannten fluchend hin und her, doch aus immer mehr Dächern prasselten die roten Zungen, beleuchteten den starren Waldrand, färbten den dunklen Himmel weithin mit gespenstischem Schein. Ganz Tetelminde brannte, eine grandiose Fackel, angesteckt vom Urtrieb der Besessenen, in denen plötzlich wieder die erste Lust des Menschen, die Vernichtung, pochte und nach ihren Rechten schrie.

Das Zifferblatt der Armbanduhr leuchtet. Gleich halb zwei. Ich sehe zu Leutnant Wuth hinüber, der unweit hinter einem Baume steht und durch das Glas nach vorne stiert. Nun macht er eine Bewegung. Er bückt sich halb und führt eine Leuchtpatrone in den Lauf der Pistole ein. Er schiebt den Lauf zurecht, es knackt. Drüben im Gehöft kräht ein Hahn. Es ist, als ob die ganze Front den Atem anhält. Ein Rauschen geht durch den Wald. Unzählige linke Beine ziehen sich zum Leib. Im Osten beginnt es zu dämmern. Auf einmal hebt Leutnant Wuth den Arm und jagt das Signal hoch in die Luft. Die Front brüllt auf. Ich reiße mich herum und drücke auf den Hebel. Schon höre ich das Rattern des Gewehrs nicht mehr. Der Panzerzug ist da und greift mit blitzenden Armen nach vorn. Alle Rohre speien, und da liegt Mann an Mann, Geschütz an Geschütz, MG an MG. Alles versinkt in wahnsinnigem Getöse. Der Dampf zieht in dicken Schwaden durch das Gebüsch und bleibt mit flatternden Fetzen an den zerwirrten Ästen hängen. Drüben verschluckt eine Staubwand das Gehöft. Ich halte zitternd den Hebel fest. Der Gurt ist durch. Ich reiße mechanisch den Hebel hoch und schlage die Kurbel vor. Mein Blick tanzt über das Visier nach Ungewissem Ziel. Da stehen starre, schwarze Bäume im Feld und sinken wieder zusammen und stehen an anderer Stelle wieder auf. Ich sehe Hoffmann, er hängt mit halbem Leib über seiner Knarre. Er drückt mit einer Hand den Abzugshebel und brüllt sich seine Lust, weit

vorgebeugt, mit krallen Augen aus dem Herzen. Der ganze Waldrand ist nun eine straffgespartnte Schnur berauschter Leiber. Wir feuern, was nur immer aus den Läufen will. Das Feld vor uns wird glattrasiert, es ist, als zuckte alle Wirre, alle langgehemmte Wut aus den Fingerspitzen und wandelte sich zu Metall und Flamme. Heraus damit, heraus mit Feuer, Eisen, Dampf und Schrei. Es geht erlösend durch den Wald, der Donner unsagbarer Lüste schmeißt das Feld vor uns zu Scherben. Im fahlen Grau des Morgens, unter den ziehenden, milchigen Fahnen des Nebels, tauchen breite braune Erdflecken auf. Dort halte ich die spritzende Mündung hin. Die Pioniere schmeißen Bretter übers Wasser; der Panzerzug rückt keuchend vor. Der Waldrand wird lebendig, aus allen Büschen wimmelt es nach vorn. Unwillig plätschert die Eckau, Ringe werfend, wie die Hamburger ins flache Wasser springen, mit hocherhobenen Gewehren waten, flink den Uferrand erklettern. Kaum sind wir über den schmalen Fluß, zischt uns verdrossen von jenen Erdaufbauten Feuer um die Beine. Wir, in den Ohren das Gedröhn der Feuerwelle, erregt den feuchten Dunst der Pulvergase atmend, stoßen vor. Schwerfällig erst, dann immer schneller, taumeln, springen wir über dampfgefüllte Trichter, stolpern über Ackerfurchen, und die Beschleunigung des Schrittes reißt uns zwingend in das Sprühen, steigert mit dem Lauf die hemmungs- lose Erbitterung, läßt uns den Widerstand als dreisten Hohn erscheinen, den in toller Hatz zu brechen einzig

Ziel des Augenblickes ist. Die Hamburger sind schon heran. Ich sehe, wie am Graben die Bälle der Handgranaten fliegen, wie sich Gestalten von der Erde lösen und nach hinten eilen. Ich reiße den Karabiner herunter und schieße lau- fend einen Rahmen leer. Die zuckenden Bänder des Stacheldrahtes zerren an meinen Beinen. Daß in diesem Augenblick der Schütze drei mit Kopfschuß fällt, das ungefüge Gewehr auf sich stürzen lassend, empfinde ich mit springender Wut als einen mir persönlich angetanen Akt der Rache. «Laß liegen», schreie ich dem Schützen zwei zu, der sofort die Sporen des Schlittens fahren läßt, so daß die Knarre polternd niedersaust. Wir springen in den Graben. Quer liegt auf der Sohle ein unförmiger brauner Körper, ich trete auf eine ausgestreckte Hand, ich breche in eine holzverschalte Höhle, Stöhnen schlägt mir entgegen, erdfahle, dumpfe Gesichter mit wirrem Haar liegen eingebettet in glitschigem Lehm, halbaufgerichtet hockt unter den Toten einer, der mir den blutenden Arm entgegenstreckt. Ich muß weiter; hinter der Brustwehr krachen dumpf die Detona- tionen der Handgranaten. Ich laufe wie im Rausch. Der Graben öffnet sich. Drei, vier Hamburger schlüpfen aus qualmenden Unterständen. Wir klettern über quergestürzte spanische Reiter, tauchen aus den Sappen auf, gelangen in dürftiges Unterholz, das sich zwischen Birken breitet. Ein MG tackt aus nahem Busch. Die Hamburger brechen durch die Zweige. Eine Lichtung tut sich auf, und plötzlich, unwirklich, stehen zehn, zwölf erdbraune, zerlumpte Gestalten vor uns, werfen klirrend die Gewehre weg, stoßen

die Arme hoch und kommen zögernd auf uns zu. Aber die Hamburger, mit vorgestreckten Gewehren, springen an, sie knallen blindlings in die Gruppe, kaum verweilend. Die Gruppe steht, es lösen sich aus ihr ein paar Gestalten, sinken in die Knie, fallen, einer bricht zusammen mit hohem, langgezogenem Schrei. Murawski, Schütze zwei, springt vor, sein Kolben saust in steilem Bogen, da reiße ich den Karabiner hoch und schieße auch. Ich fahre durch die letzten Stehenden der Gruppe, knacke durch das Unterholz, dem Schall des tackenden Maschinengewehrs entgegen. Mitten im Forst, geschmiegt an eine schmale Lichtung, duckt sich ein Gesinde. Von dort her kommt das Feuer. Wir hasten durch den Wald, von keinem anderen Drang erfüllt, als die Gelüste unseres Blutes zu stillen in blitzschnellem Ansprung auf das besetzte Haus. Neben mir keucht Hoffmann mit seinem Gewehr. Das Rad des Minenwerfers knarrt auf einem Waldwege. Murawski läuft zurück, unser Gewehr zu holen. Wir raffen durch den Hummelruf zusammen, was an Hamburgern in der Nähe ist. Am Waldrand werfen wir uns hin. Eine Gruppe setzt von der Flanke aus zum Sturme an. Wütend haut das MG-Feuer vom Gehöft in ihren ersten Sprung. Doch indes sie zum zweiten Sprung rüsten, indes der Gurt durch das Gewehr Hoffmanns rattert, verläßt auch schon die erste Mine grell den kurzen Lauf. Bevor die hochgespritzten Balken und Sparren wieder zur Erde kommen, wachsen drei, vier Tulpen vorm Haus, schwarze Ballen, die den wahnsinnigen Krach durch den hallenden Wald

senden. Da sehe ich schon die dunklen Punkte der Hamburger um das Gesinde wuseln. Wir lassen das Gewehr im Stich und rennen los. Der helle Tag ist da. Schon sind wir an den ersten Zäunen, da kommt einer aus dem Hofe gelaufen. «Wir haben Gefangene!» schreit er, und er schreit: «Dort im Gebüsch soll Kleinschroth liegen!» Kleinschroth war vor zwei Tagen von einer Patrouille nicht zurückgekehrt. Ich renne auf die Sträucher zu, da knackt Hoffmann durch die Büsche, und da liegt Kleinschroth. Ist das Kleinschroth? Dies blutrote Bündel da? Wie, das war ein Mensch? Auf braunem Boden ein Gemisch von Erdbrocken, Blut, Knochen, Därmen, Kleiderfetzen. Der Kopf allein, abgeschnitten, daß der Schlund gen Himmel ragt; ein dünner Faden Blut, aus dem Mund zum Kinn, getrocknet; die Augen offen, so daß nur das Weiße starrt, so liegt der Kopf. Und der Boden rund um den armen Leib zerstampft, zertrampelt, aufgewühlt — und weiß und körnig kleine, fast verwehte Häufchen zwischen Blut und Schleim — was ist das? Salz! «Gefangene, sagst du?» frage ich den Mann, «Gefangene?» Hoffmann ist schon fort. Ich rase auf das Haus zu. Da sind Gefangene, und einer hat eine blaue deutsche Husarenuniform und eine rote Schärpe um den Leib. — «Was, Deutsche?» Hoffmann schnellt auf diesen zu, «was, Deutsche?» röchelt er und springt ihn an und hämmert ihm die Faust ins Antlitz. Der aber fährt zurück, er taumelt, rafft sich hoch. Jetzt schlägt er wieder, denke ich; da ist's, als risse ihn Unnennbares zusammen, die Backen-

muskeln straffen sich und er wird bleich, so bleich, wie ich noch niemals einen Menschen sah. Zwei Leute klammern sich an Hoffmann, der rasend an den Mann zu kommen strebt und sein «Was, Deutsche?» zischt. — «Ja», sagt auf einmal der Gefangene und preßt die Worte durch die Zähne, «ja, ich bin Deutscher», sagt er, und es liegt ein unmeßbarer Haß in diesem seinem Wort, «wir sind sehr viele Deutsche drüben», keucht er, und er brüllt auf einmal los: «Wir werden niemals ruhn, bis dies verfluchte Deutschland ausgerottet ist» Es sind im ganzen acht Gefangene, davon sind drei Letten, zwei Tschechen, einer Pole, einer Wolgarusse, einer Ukrainer und dann der Deutsche. Der Deutsche ist aber Kriegsgefangener gewesen, in Sibirien, hatte sich den roten Truppen eingefügt und gehört nun zum Regiment Liebknecht, das zumeist aus deutschen und österreich-ungarischen Kriegsgefangenen zusammen- gesetzt ist. Er stammt aus der Provinz Sachsen und war früher Monteur. Nein, sagt er im kurzen Verhör, Angehörige habe er keine in Deutschland. Ja, er sei Kommunist. Er hatte den Befehl über die Besatzung des gestürmten Gesindes. Kleinschroth sei angeschos- sen in ihre Hände gefallen und auf seine Anordnung getötet worden. Was nun mit ihm geschehe, sei ihm gleichgültig. Hoffmann schaufelt schon in wütender Hast an Kleinschroths Grab. Die Gefangenen werden an die Mauer der Scheune geführt. Sie treten ruhig vor die Gewehre. Die Letten und die Tschechen gehen fast eilfertig an ihren Platz, sie sehen starr, finster und gequält in die Mündungen. Der Russe und der

Ukrainer, beides Bauern mit völlig zerfetzten Uniformen und verwilderten blonden Bärten, nehmen die Mütze ab, als wollten sie sich bekreuzigen. Sie lassen es aber. Der Pole zittert und fängt leise an zu weinen. Der Deutsche schiebt sich gleichgültig hin. Leutnant Kay, der sich beim Sturm zum Gehöft gefunden hatte, dreht sich plötzlich um und geht davon. Ich sehe zu Hoffmann hin, der an Kleinschroths Grab schaufelt. Ich zaudere, ob ich zu ihm gehen soll. Da kracht die Salve. Dann marschieren wir weiter. Wir kommen, durch den breiten, dichten Waldgürtel stoßend, an die Straße, wo wir uns sammeln. Dort drängen sich schon die Kolonnen. Die breite Straße ist überfüllt mit Truppen und Fahrzeugen, die alle nach vorn streben. Wir gliedern uns ein und marschieren mit. Dicht vor Thorensberg erfahren wir, daß Riga gefallen ist.

Auf der Straße war die Abteilung v. Medem der baltischen Landeswehr, mit dem baltischen Stoßtrupp, Führer Leutnant Baron Hans v. Manteuffel, und der deutschen Sturmbatterie, Führer Leutnant Albert Leo Schlageter, im ersten Anhieb durchgebrochen. In wahnsinnigem Tempo war die Abteilung vormarschiert, kümmerte sich nicht um die wirren, verlorenen Haufen der Bolschewiken rechts und links der Straße, sauste im Karracho vorbei an besetzten und befestigten Stellungen, überrannte die Barrikaden, stürmte schnurgerade auf Riga zu. Hinter der Abteilung schlug das Gefecht wieder zusammen, aber die nachdrängenden deutschen Bataillone

zerschmetterten mit kurzen Stößen das brechende Gefüge der roten Front. Die Balten hetzten indes durch überraschte Massen, unbeirrt, unbezähmbar, polterten durch die ersten Straßen der Rigaer Vorstadt Thorensberg, jagten verbissen, mit röchelnden Lungen und dreck-, schweiß- und blutbekrusteten Ge- sichtern durch die Stadt, stießen zur Brücke vor, brachen den kurzen Widerstand mit schnell gewendeten Geschützen, besetzten den Brückenkopf, hielten wütendem Gegensturm stand, sandten eine Kolonne über die träge Düna nach Riga hinein, hielten die einzige Brücke fest in der Hand. Der Stoßtrupp erstickte aufflackernde Gegenwehr in Riga mit rasendem Ingrimm, knallte sich durch die brodelnde Stadt bis zur Zitadelle und kam fiebernd, heulend, mit letzter, angespannter Kraft eben zurecht, um die schon in die Todeskeller gepferchten Geiseln zu befreien. Am 22. Mai 1919, des Nachmittags um vier Uhr, war Riga in deutscher Hand. Leutnant v. Manteuffel, der baltische Nationalheld, fiel vor der Brücke durch Kopfschuß im Augenblick seines höchsten Triumphes. Dies erfuhren wir auf der Straße. Wir erfuhren dies und noch mehr. Denn während wir über Rigas Fall uns irre Worte der Freude in die Ohren schreien, flattern dumpfe Gerüchte über bitterbösen Kampf im Südosten, bei Bauske. Dort sollte Hauptmann v. Brandis mit seinem Korps den rechten, ungedeckten Flügel der deutschen Front nach vorne tragen. Aber gerade dort hatte der Bolschewik für diesen Tag seine Offensive angesetzt. Bei Bauske wollte die Rote Armee durchstoßen bis zur Bahn Mitau-Schaulen, der

Lebensader der deutschen Front. Dort traten die roten Regimenter an zum Sturm und stießen mitten hinein in den deutschen Aufmarsch. Brandis und seine Leute lagen vor Bauske auf freiem, ungedecktem Feld, und an der dünnen Linie brandeten unaufhörlich die Sturm- wellen der Roten Armee. An den ersten Häusern der Vorstadt Thorensberg erreicht uns der Befehl. Wir werden aus dem Angriff herausgenommen und nach Südosten abgedreht. Unser Bataillon sollte über Bad Baidon, Neuguth vorstoßen bis Friedrichstadt und den Bolschewisten an der Flanke packen, um Brandis Luft zu schaffen.

In aller Frühe weckte mich Leutnant Wuth. Eine Patrouille solle nach Neuguth vorfühlen, eine Gruppe Hamburger und mein Gewehr. Die Kompanie rückte auf Panjewagen, die noch in der Nacht requiriert wurden, sogleich nach. Es war drei Uhr morgens und schon taghell, als wir auf den Hof traten und die drei Panjewagen bestiegen, die dort standen. Die Gruppe der Hamburger fuhr voraus. Ich mußte noch die Munition verpacken und trabte dann hinterher. Am Aussichtsturm von Bad Baidon rief mir einer herunter, Neuguth sei wahrscheinlich schon geräumt. Man könne oben vom Turm aus die Ortschaft mit ihrer zerschossenen Kirche deutlich sehen. Wir hockten ein bißchen stumpfsinnig und nachlässig, ohne Koppel, auf unseren Karren. Der Panjegaul stockerte lustig unter seinem hohen Kumt voran. Die kleinen waldbestandenen Hügel von Bad Baldon lagen frisch und anmutig im erwachenden Tag. Es war doch schön so, in den Morgen hineinzufahren, in diese

wundervolle, friedliche Landschaft. Die Spannung der Vormarschtage hatte sich wohltuend gelöst. Alles war sehr selbstverständlich. Hinter mir, auf der Rückseite des Karrens, unterhielten sich Bestmann und Gohlke, zwei Mann meines Gewehrs, gedämpft und einschläfernd über den Krieg. Beide waren alte Soldaten, hatten den ganzen Krieg über im Westen gestanden. Bekannte Namen flogen wie von weither an mein verschlafenes Ohr. Von Douaumont sprach einer — richtig, Hauptmann v. Brandis, der jetzt dort hinten mit seinem Korps einsam im Gefecht lag und von dem die Sage ging, man sähe ihn nur in zweierlei Zuständen, entweder kämpfend oder besoffen —, der war ja einer der bekannten Stürmer von Douaumont gewesen. Ich schloß die Augen und ließ wohlig die monotonen Reden an mein Ohr plätschern. Alle die Namen, die da fielen wie plumpe Steine in einen trägen See, Flandern und Verdun, Somme und Chemin des Dames, alle diese furchtbaren, blut- und eisenhaltigen Namen, nun gleichmütig ausgesprochen von Männern, die mit ihnen ein Erleben verbanden, von dem ich mir nur eine ferne, matte Vorstellung bilden konnte, alle diese Namen standen nun beinahe losgelöst von jeder Wirklichkeit in dieser sonnenüberströmten, gedämpft flimmernden Landschaft und ließen so das Bild einer tiefen, gesättigten Ruhe desto eindringlicher erscheinen. Bestmann und Gohlke plauderten, wie um sich dunkle Schatten von der Seele zu streichen, wurden aber nach und nach immer einsilbiger, und schließlich sagte Gohlke mit einem kleinen Seufzer abschließend: «Dies hier, das ist ja gar kein Krieg.» Sie schwiegen eine Weile. Eine Lerche stieg aus dem Feld. Über einem sanften Hügelrücken war gerade

noch die Kuppe des Neuguther Kirchturmes zu sehen. «Wenn hier kein Krieg ist, warum seid ihr dann hier?» fragte ich faul über die Schulter weg. «Ach, das verstehst du nich», sagte Bestmann mit der Überlegenheit des alten Soldaten, «das is hier doch man ’n Übergang. Der Krieg is noch lange nich aus. Der Krieg geht nie zu Ende. Wenigstens wir erleben's nich.» — «Da hast du recht», betonte Gohlke, «bloß, was sollen wir in Deutschland? Nee, da passen wir nich mehr hin. Die denken, der Krieg war' aus. Ja, Scheibe, solang wir verloren haben, is der Krieg nich aus.» — «Das walte Gott», sagte Bestmann, «und jetzt wer' ich noch 'n bißchen röcheln», und lehnte seinen Kopf an einen Munitionskasten und schloß die Augen. Der andere schwieg. Träge kreisten die Räder im Sand.

Vor mir zuckelten die beiden anderen Panjewägelchen. Nach einer langen Weile machten die vorne halt. Unteroffizier Ebelt von den Hamburgern kam zu mir heran und meinte, wir müßten jetzt wohl runter von den Wagen und uns ranpirschen an Neuguth. «Ach wo», knurrte ich, «da is doch nischt los. Wir werden's schon merken, wenn wir Dunst kriegen.» Ebelt lachte: «Also fahren wir weiter.» Wir fuhren weiter, ein wenig aufmerksamer als bisher. Nichts rührte sich in Neuguth. Die ersten Häuser tauchten am Wege auf. Wir trabten vergnügt drauflos. Einige Hühner flatterten über den Zaun. «He, Panje», schrie Ebelt und knallte mit der Peitsche. Aus der Tür des ersten Hauses kam ein verstrubbelter Bauer und verschwand sofort wieder, als er uns sah. Ebelt lachte und wir fuhren

weiter. Bald waren wir in der Ortschaft. Kein Mensch war zu sehen. Doch, in einem der Häuser dicht am Markt stand ein Mädchen am Fenster; Ebelt rief sie an, und sie kam auch sogleich heraus. Es war ein sehr hübsches Mädel, städtisch gekleidet, keine lettische Bauerntrampel. Wir rissen alle die Augen auf. Und das Mädel sprach deutsch! Herrgott, hatte sie eine klingende Stimme! Nein, die Bolschewiken seien weg, Gott sei Dank, gestern abend schon. Vielleicht hinten bei den Vorwerken, da könnten noch einige sein. Sie sei Flüchtling. Wohne beim Apotheker. Nein, sie ist Russin, aber der Apotheker sei Balte. Die Roten hätten schlimm gehaust im Ort. «Aber jetzt seid ihr ja da», lachte sie. Ebelt grunzte befriedigt. Wir wollten doch noch durch bis zum Vorwerk, nachsehen. Dann kämen wir zurück. «Bis dahin also —» Sie nickte und winkte uns nach, als wir weitertrabten. Wir sahen nur wenige Leute, Letten. Sie verstanden uns nicht oder wollten uns nicht verstehen. «Bolschewik nix», sagten sie. Wir glaubten ihnen und fuhren zum Vorwerk. Auch da waren keine Bolschewiken. Ebelt wollte nicht auf dem gleichen Wege zurück. Er wollte erst durch die Kastanienallee zur Kirche und da nach Rotgardisten schnüffeln. Es müsse doch von dort noch ein Weg zum Markte führen. Dicht an der Apotheke sei ja eine schmale Straße abgegangen. Er solle nur zur Kirche fahren, sagte ich hastig, ja, da müsse er wohl erst noch hin. Ich würde an der Apotheke auf ihn warten. Ebelt schien zu zaudern. Dann grinste er, nickte und bog ab. Ich wendete den Karren und fuhr zurück.

Herrgott, die Welt ist wirklich schön. Ich saß ganz vorne auf der Leiste des Karrens. Die andern hockten tief drinnen und ließen gemütlich die Beine baumeln. Da war schon die Apotheke in Sicht. Ich knatterte über das dürftige Pflaster auf das Haus zu.

Da schnitt ein Knall alle Fäden durch. Aus unmittelbarer Nähe, dicht am Ohr riß es uns hoch. Der Panjegaul stieg plötzlich, raste dann mit einem Satze los. Ich flog vom Wagen, stolperte, fiel in den Dreck und war umtanzt, umringt von zerlumpten Rotgardisten, die ihre Gewehre schwangen und stehend dem davonhetzenden Wagen Schüsse nachpfefferten. Drei, vier stürzten sich auf mich, prügelten mich hoch und zerrten mich fort. Ich war gefangen. Ich wußte kaum, was geschehen war. Einer hieb mir mit einer Peitsche oder einem Stock quer übers Gesicht und fragte mich was. Ich verstand ihn nicht, ich verstand überhaupt nichts, es sauste mir nur durch das Hirn: «Ich bin gefangen, das ist unmöglich, ich bin gefangen.» Sie brüllten auf mich ein; ich wurde hin- und hergezerrt, und auf einmal stand ich an einer Mauer. Sie war weiß und die Sonne flimmerte auf ihr. «Was soll ich an der Mauer?» dachte ich, ich verstand gar nicht, was ich an der Mauer solle. Ich drehte mich um und sah in die Mündungen der Gewehre. Da wußte ich, was ich an der Mauer sollte. Die Mündungen stehen vor mir, kleine runde, schwarze Löcher. Es gibt nichts auf der Welt als diese Mündungen. Ach, Unsinn. Es gibt nichts auf der Welt außer mir. Die schwarzen Löcher aber werden größer,

immer größer, jetzt fangen sie an zu kreisen, werden runde, schwarze Scheiben. Die Scheiben aber werden rot, nein gelb, und weiß und blau und grün.Sie teilen sich plötzlich und alles fängt an, sich langsam zu drehen. Das hebt sich auf der einen Seite und darunter ist nichts und dann schwenkt die ganze Welt einfach um, mit einer einzigen großen, gütigen Gebärde. Und ich bin entsetzlich einsam. Das ist so kalt um mich. Ich bin wirklich ganz allein. Es ist ja niemals etwas gewesen außer mir, ich müßte es ja doch sehen, wenn irgend etwas außer mir jemals gewesen wäre. Ich will doch die Augen aufmachen, aber da merke ich, daß ich sie gar nicht zugemacht habe. Bloß, mein Bauch ist eine gläserne Kugel. Wenn daran getippt wird, dann ist Weltuntergang. Dann muß der Bauch ja platzen, wie eine Seifenblase. Und das ist unmöglich. Ich verstehe gar nicht, daß ich je gelebt habe. Das war ja alles Unsinn. Sicher habe ich mir das nur eingebildet, daß ich gelebt habe. Leben ist Unsinn. Und Tod gibt es natürlich nicht. Wenn es nur drinnen nicht so brüllend heiß wäre und draußen so kalt. Irgendwo muß an mir Wasser sein. Oder Eis. Ich weiß nicht. Es ist ja auch ganz gleich. Eigentlich ist es ganz schön, zu wissen, daß man ganz allein auf der Welt ist und daß es im Grunde gar keine Welt gibt. Nun weiß ich auch, welche Farbe alles hat. Lila. Einfach Lila. Es ist nur dumm, daß man gar kein Glied bewegen kann. Ich glaube, ach natürlich, ich habe ja auch gar keine Glieder. Das ist jetzt zu Ende. Was ist zu Ende? Was?

Brausen in der

Das?

Schüsse, Schüsse, Schüsse

Luft.

Auf einmal stürzt der Strom in meine Adern, packt mich, rüttelt, öffnet alle Poren. Die Hamburger sind da — da ihre Fahne! Vor mir liegt ein dunkles Häufchen, ein toter Bolschewik. Und Ebelt streicht vorbei und sagt: «Da haste noch mal Schwein gehabt!» Ich lege mich ganz sanft zu Boden. Ein kleiner Käfer, goldbraun, klettert eifrig über ulkige trockene Krümel, verschwindet in einer Ritze der weißen Mauer. Und eine kleine blaue Beere ist da. Blank ist die runde Beere, und ich sehe in ihrem winzigen Scheine die ganze Welt sich malen.

Wende

Vier Wochen lang marschierten wir ziellos hin und her. Wir marschierten in der glühenden Junihitze durch die weiten Wälder, über die würzigen Heiden, auf den dunstigen Sümpfen dieses wunderlichen Landes, badeten in der Aa, in der Eckau, in der Düna, stießen von Friedrichstadt aus bis weit nach Lettgallen hinein und von Bauske aus bis weit nach Litauen. Wir befuhren mit den winzigen, immer trabenden Panjewägelchen das ganze Land, besuchten die dumpfen litauischen Dörfer, die einsamen kurländischen Gesinde, die schlicht sauberen baltischen Herrensitze, fragten und erzählten, suchten und tasteten, aber jene versprengten Rotarmisten von

Neuguth, die mich vor ihren kalten Läufen hatten, waren die letzten Bolschewiken, die wir sahen. Wir erfuhren nicht, was aus der Roten Armee geworden ist, wir erfuhren auch nicht, was indessen in Deutschland vor sich ging, aber von dem, was sich droben in Nordlivland und in Riga ereignete, davon kamen verworrene Gerüchte bis zu uns, und es war schwer genug, diesen Gerüchten zu glauben. Nach Riga aber waren wir nicht gekommen. Als die ersten Gerüchte von der unglücklichen Schlacht bei Wenden zur Truppe kamen, waren die Hamburger fast befriedigt darüber, daß den hochnäsigen Balten eins auf das Dach gegeben wurde, und vernahmen mit dem Stolze, der alten Kriegern so wohl ansteht, von dem Befehl, der das Bataillon gegen Ende des Monats Juni 1919 nach der neugebildeten Front am Jägelsee berief. Folgendes war vorgegangen: Durch den deutschen Vorstoß nach Riga war Moskau gezwungen worden, auch den gegen die weißgardistische Armee Judenitsch am Peipus-See kämpfenden Flügel der Roten Armee zurückzunehmen. Dadurch wurde die estnische Armee, die im Verbände Judenitschs focht, entlastet. Judenitsch und die Esten aber hatten die Unterstützung der Engländer. Die Unterstützung der Engländer hatte auch der frühere, durch einen Putsch des Barons Manteuffel in Libau am 16. April 1919 abgesetzte lettische Ministerpräsident Ulmanis. Die Deutschen und Balten und Pastor Needra, der deutschfreundliche lettische Ministerpräsident, hatten die Freundschaft der Engländer nicht. Nichts weniger als das. Denn England hatte Interessen im Baltikum.

Und wo England Interessen hat, da legt es Wert auf das Gleichgewicht der nicht englischen Kräfte. Durch den deutschen Sieg war dies Gleichgewicht gestört. Und Ulmanis verbündete sich mit den Esten gegen die Regierung Needra, die von den Baltikumtruppen gestützt wurde. Ulmanis fand Hilfe bei dem lettischen Obersten Semitan, der lettische Truppen in Nordlivland kommandierte. Die Esten beschuldigten die lettische Regierung Needra der Grenzverletzung beim Vor- marsch der Balten auf Wenden zu. Und in Wenden wurden kleine baltische Abteilungen von Esten und Semitan-Letten entwaffnet. Die Landeswehr eilte ihren Kameraden zu Hilfe, deutsche Bataillone schlössen sich den Balten an. Ulmanis organisierte eine estnisch-lettische Armee, und diese Armee hatte englische Ausrüstung, hatte englische Waffen, eng- lische Offiziere und englisches Geld. In der Bucht von Riga kreuzten plötzlich englische Kriegsschiffe, und englische Kommissionen saßen in Riga herum. Der «Bürgerkrieg» war da. Die Landeswehr und starke Teile der Eisernen Division, das Badische Sturmbataillon und die Abteilung Michael rückten auf Wenden zu. Sie nahmen Wenden, der Gegner wich aus. Er wich hier aus und dort, er war nirgends zu fassen, niemand wußte, wie stark er war, wo er stand, wer er war. Und auf einmal war Wenden eingezäunt. Auf einmal war Artillerie da, links, rechts, vorn und hinten, auf einmal krachte es zwischen sorglos ziehende deutsche Kolonnen, auf einmal war das Badische Sturm- bataillon umzingelt, überrascht und überfallen von

Truppen, die deutsche Stahlhelme trugen und deutsch sprachen und aus Deutschland stammten und doch keine Deutschen waren und auch keine Letten oder Esten oder Engländer, sondern Soldaten des Oberleutnants Goldfeld, der mit seiner Truppe im Baltikum meuterte und dann zu den Letten übertrat. Auf einmal war die Landeswehr angegriffen, stand in tollem Kreuzfeuer auf offenem Feld, verlor ihre Kolonnen, überstand mühsam eine Panik und mußte zurück. An der Livländischen Aa, an den Seen vor den Toren der Stadt Riga bildete sich die neue deutsche Front, und an dieser Front wurden alle verfügbaren Bataillone eingesetzt. — Leutnant Wuth wetzte seinen Zahn und sagte:

«Herrschaften, mal herhören: Wir sollen jetzt an die Jägelfront. Da ist dicke Luft. Der Este hat angegriffen. Wie er dazu kommt, weiß ich nicht. Wie kommt Spinat aufs Dach? Wahrscheinlich steckt der Engländer dahinter. Jedenfalls, die deutsche Regierung hat verboten — Maulhalten dahinten —, hat verboten, daß deutsche Truppen Riga betreten. Darum sind wir jetzt lettische Staatsbürger. Daher der Name Bürgerkrieg. — Ebelt, quasseln Sie nicht dauernd dazwischen; wenn Sie was zu melden haben, dann melden Sie das in Berlin. — Also, wir sind jetzt laut höherem Befehl lettische Staatsbürger. Fragen wird euch wohl keiner danach. Beim Marsch durch Riga müssen wir einen tadellosen Eindruck schinden. Gerubelt wird nicht. Vielmehr bitte ich mir Disziplin aus. Es werden nur hochanständige Lieder gesungen. Mit Gruppen rechts schwenkt marsch. Ab dafür.» Die Disziplin der Hamburger war untadelig. Sie

war nur von besonderer Art. Denn es geschah nichts weiter, außer, daß sie auf ihrem Marsch durch die spröde Stadt das schöne Lied sangen von dem Seemann, der im Puff erwacht, wobei ich nur die Hoffnung hegte, daß die baltischen Mädchen in hellen Kleidern, die uns am Alexander-Boulevard zuwinkten, den rauhen Text des Liedes nicht verstanden. Am Aa-Übergang zwischen den Seen bezogen wir eine notdürftig vorbereitete Stellung. Zurückflutende Abteilungen riefen uns zu, die Esten drängten mit allen Kräften nach. Wir gruben uns ein, besetzten Wald und Uferrand und befestigten die zerschossene Zuckerfabrik, so gut es in der Dunkelheit ging. Am nächsten Morgen schon, in aller Frühe, waren die Esten da. Ein leichter Regen fusselte. Ich lag in meiner Mulde und hatte die Zeltbahn über mich gedeckt. Bestmann hatte Wache. Wütendes Krachen weckte mich. Ich fuhr hoch und steckte den Kopf über die Deckung. Sofort spritzte MG-Feuer in den Sand. Wir legten uns platt in die Mulde, und Bestmann begann ruhig, sich tiefer einzugraben. Vier bösartig krachende Einschläge dreißig Meter vor uns im feuchten Wiesenhang zur Aa überschütteten uns mit klatschenden Brocken und surrenden Splittern, ohne vorherige Ankündigung durch das Gejaule der Flugbahn. «Was ist denn das?» fragte ich. «Ratscher», sagte Bestmann lakonisch. Ich hob vorsichtig die Augen über die Deckung. Schon schleuderte es mich zurück. Hinter uns barst es viermal. Man hörte Abschuß und Einschlag fast gleichzeitig. «Die nächste Salve sitzt!» sagte Bestmann und schmiegte sich dicht an die Deckung. Das fing ja lieblich an, dachte ich,

und plötzlich hatte ich eine rasende Angst. Die

nächste Salve den Boden. Da

etwas pfiff und flitzte dicht vor meinem Kopf glupschend in den Boden, und es war, als ob eine

gespenstische Riesenhand mir einen Ballen gepreßter Luft ins Kreuz geschmissen hätte. Ich war hier zum ersten Male in Granatfeuer. Also, so war das? Da,

schon wieder

der Waldecke, stehen», sagte Bestmann und lugte behutsam hinüber. «Das is man bloß eine Batterie.» Dies Wort beruhigte mich etwas, aber ich hatte das unklare Empfinden, daß ich jetzt vor den alten Frontsoldaten meines Gewehres irgendwie einen besonderen Mut zeigen müßte. Ich hob also den Kopf und sagte: «Die können ja nischt» — «Kopp weg, Mensch», brüllte Bestmann, «biste denn total verrückt? Meinste, wir wollten allen Dunst abkriegen?» Und dies war sein letztes Wort. Ja, denn plötzlich tat sich die Erde auf, sie riß vor uns auseinander mit einem brutalen Ruck, der mich beiseiteschleuderte, die Stichflamme der Sprengung krachte betäubend hoch, Eisen, Knall und Geheul und Platzen aller Adern, ein Hammerschlag aus zerflatterndem Himmel, stinkender Qualm, Stein, Stahl und Glut. Mein Kopf hieb in den Boden, und alles war schwarz und rot. Jemand rüttelte mich. Doch schienen alle meine Knochen aus den Gelenken gesprungen. Ich hob den dumpfen Kopf aus gepreßter Schulter und betastete mich. Die Erde vor mir war überzogen mit einem son- derbaren, grünlichen Schimmer, das Maschinenge-

dachte ich und preßte mich bebend an «Zu weit», stellte Gohlke fest, aber

Mein Gott! «Die müssen da, hinter

wehr lag umgestürzt und mit Dreck beworfen, der ganze Boden war zerwühlt. Da bewegte sich einer, und einer lag auf dem Rücken. Ich kroch hin. Gohlke fingerte an dem Liegenden herum, halb aufgerichtet. Da lag Bestmann. Aus seiner Brust quoll es rot, er hob schwach die Hand. Das beschmutzte Gesicht war grünlich bleich, und über die blauen, schmalen Lippen drängte sich blasiger, roter Schaum. Die Hand fiel wieder zurück, und ich legte müde den Kopf auf die Erde und schämte mich sogleich, aber Gohlke versuchte schweigend das Gewehr wieder aufzu- richten, und ich mußte ihm dabei wohl helfen. Nun aber kam von hinten eine Kette dumpfer Explosionen. Es fauchte und gurgelte über uns, ließ die Luft wütend erdröhnen und hieb dann vorne an der Waldecke ein. Sechs Tulpen stiegen mit dumpfem Ballern hoch, vermischten ihren Qualm zu einer riesigen dunklen Wolke, die langsam und schwer sich am Boden rollend hinzog. Gohlke schrie nach dem Sanitäter. Rechts und links begannen unsere Maschinengewehre zu rattern, und unsere Artillerie sandte nun Schuß auf Schuß in den gegenüber- liegenden Wald. Also Bestmann war tot? Ich sah scheu zu ihm hin. Der Regen war allmählich bis auf die Haut gedrungen, die Kleider hingen wie nasse Lappen um meinen Körper. Doch auch meine Haut schien mir ekeler- regend faltig und weich, und sicherlich war es nur die Feuchtigkeit, die mir plötzlich die Zähne klappern ließ. Gohlke deckte eine Zeltbahn über den Toten, und ich legte mich hinter das Gewehr. Schnell duckte ich den Kopf, als drüben wieder Abschüsse

erdröhnten, doch der Este tastete nun nach unserer Batterie, und die Geschosse jaulten über uns hinweg. Wir lagen den ganzen Tag so. Ab und zu bekamen wir Artilleriefeuer, und zuweilen spritzte uns eine widerliche MG-Garbe um die Ohren. Von den Esten war kaum etwas zu sehen; nur einmal sah ich durchs Zielfernrohr am jenseitigen Waldrand hinter schmalen Erdstrichen tellerförmige Helme. Gegen Abend wurde auf beiden Seiten das Feuer stärker. Die Zuckerfabrik ging in Flammen auf und erleuchtete das Vorfeld. Wir arbeiteten emsig am Ausbau unserer MG-Nester. Die Essenholer kamen, schlichen von Nest zu Nest und erzählten, die Esten hätten die Rigaer Wasserwerke gestürmt und das Wasser für die Stadt abgesperrt. Es fing wieder an zu regnen. Unteroffizier Schmitz kam zu mir herüber; er war Bergarbeiter aus dem Ruhrgebiet, wir rauchten und unterhielten uns. Nach einer Weile kam auch Leutnant Kay. Er sagte, daß die Kompanie bis jetzt sieben Tote habe. In Riga befürchte man Unruhen. Wir lägen jetzt an der exponiertesten Stelle der Front, zwischen zwei Seen, an der Brücke, die den Esten den direkten Zugang zur Stadt am leichtesten ermögliche. Hinter uns sei nichts an Reserven, nur Artillerie. Wir kauerten dreckbe- spritzt und durchfeuchtet in unserem Loch und stierten nach vorn. Leutnant Kay sagte: «Da liegen wir nun, in einer dünnen Linie, in dieser verfluchten Ecke der Welt zusammengepfercht. Das ist nun das letzte Stückchen der deutschen Front, die einmal so lang war, daß sie ganz Mitteleuropa umzäunte und noch ein bißchen

mehr, die einmal am Kanal in Flandern begann und sich bis zur Schweiz hinzog, und von der Schweiz über die Alpen ging, nach Oberitalien, und von dort über den Karst bis Griechenland und von da zum Schwarzen Meer bis zur Krim, bis zum Kaukasus und quer durch Rußland bis Reval hinauf. Nicht einge- rechnet die versprengten Fronten in allen Erdteilen, und wir hier sind der Rest.» Er schwieg, und wir schwiegen. Leutnant Kay sagte: «Dahinten liegt nun Riga. Eine deutsche Stadt immerhin, von Deutschen gegründet und aufgebaut und bewohnt. Schade, daß Sie nicht das Schwarzhäupterhaus gesehen haben und die Peterskirche. Die Brücke über die Düna heißt Lübeckbrücke und ist gebaut von Pionieren der 8. Armee. Immerhin also eine deutsche Stadt, gehörte aber nie zum Deutschen Reich. Jetzt gehört sie zum Deutschen Reich? Nein, jetzt ist sie die Hauptstadt von Lettland, und wir sind gefälligst lettische Staatsbürger. Das heißt, eigentlich sind wir deutsche Soldaten, Soldaten der Deutschen Republik. Das heißt, eigentlich gibt es das noch gar nicht, Deutsche Republik; die sind ja noch nicht fertig in Weimar, und der Friedensvertrag ist auch noch nicht fertig. Das heißt, eigentlich ist er wohl schon fertig. In den Grundzügen war er wohl schon 1914 fertig. Bloß wir haben nichts zu sagen dabei. Und die Deutsche Republik wird also auch so aussehen, daß jedermann merken wird, wie wenig wir zu sagen hatten dabei. Jedenfalls, wir liegen hier, das letzte Stückchen deutscher Front, das die Welt zu sehen das Vergnügen hätte, wenn sie zu sehen ein Vergnügen wäre. Wir sind deutsche Soldaten, die nominell keine deutschen Soldaten sind, und schützen eine deutsche Stadt, die

nominell keine deutsche Stadt ist. Und drüben sind also Letten und Esten und Engländer und Bolschewiken — nebenbei gesagt, die Bolschewiken sind mir noch die liebsten von der ganzen Bande —, und weiter im Süden, da sind also die Polen und Tschechen, und dann weiter — ach, ihr wißt ja wohl Bescheid. In Weimar beraten sie grade über Zündholzsteuer oder ob sie künftig schwarz-rot-gold flaggen wollen oder die alten ruhmreichen Farben, wie ich mir sagen ließ, genau weiß ich's nicht, ist ja auch herzlich wurscht. Tja, und wir halten also die Stellung. Lange werden wir sie wohl nicht halten können. Haben Sie 'ne Zigarette für mich, Fähnrich? Danke.» Leutnant Kay putzte sein Monokel, das vom dünnen Regen dicht besprüht war. Schmitz rauchte unerschütterlich seine Pfeife und sagte: «Hier kommen sie nicht durch.» Gohlke schoß plötzlich eine Leuchtkugel ab. Wir lugten starr über den Grabenrand. Die Senke lag in magischem, gespenstisch zuckendem Schein, in dem sich jeder Schatten dauernd veränderte. Anscheinend hatte die Batterie hinten die Leuchtkugel als Signal aufgefaßt, denn nach wenigen Sekunden tönten sechs Abschüsse; die Geschosse fauchten über unsere Köpfe und schlugen in prompter Folge drüben im Walde ein. Sofort knatterte MG-Feuer. Gewehr Hoffmann antwortete. Darauf feuerten hinter den Ruinen der Fabrik die Minenwerfer. Das Feuer von drüben wurde lebhafter, wieder schoß unsere Batterie. Aber nun antworteten auch die Ratscher. Der Lärm ihrer Abschüsse kam jedoch von einer anderen Stelle als vorher. Die ganze Front wurde lebhaft. Überall gingen Leuchtkugeln hoch. Plötzlich zerriß ein ohrenbe-

täubender Krach das Gebelfer der kleinen Kaliber, dann stieg es hinter uns orgelnd und heulend in die Luft, wälzte sich mit infernalischem Gekreisch über unsere Köpfe nach vorn, daß wir uns unwillkürlich duckten unter der Wucht einer schrecklichen teuflischen Macht, und dann hieb es drüben ein, daß der Boden rollte und zuckte und wie gepeinigt stöhnte. Beim Esten krachte, splitterte und hallte es; der Wald schien sekundenlang zu wanken und trug den mächtigen Schlag von Baum zu Baum in die Weite. Dann war völlige Stille, als ob unser Einundzwanziger, unwillig über die Störung seiner Nachtruhe, einen dicken, kategorischen Punkt gesetzt hätte hinter diese nächtliche Feuerwerkerei. Schmitz sog an seiner Pfeile und sagte: «Hier kommen sie nicht durch. Und ich will Ihnen mal was sagen, Herr Leutnant, selbst wenn wir hier die Front aufgeben müßten, was ich nicht glaube, oder wenn wir die Stadt verlassen müßten, was ich auch nicht glaube, dann sind wir ja immer noch da. Wir sind immer noch da, Herr Leutnant, und wir werden auch immer da sein. Das ist schließlich ganz piepe, wo wir stehen. Es ist ja auch möglich, daß wir mal aus Kurland rausgehen müssen, ich glaub's nicht, aber möglich ist es, und es ist auch möglich, daß mal die Kompanie Hamburg auseinandergeht. Deswegen sind wir immer noch da. Da können sie in Paris so viel beraten, wie sie wollen, und was sie in Weimar betratschen, das soll uns noch weniger angehn. Jedenfalls, wir sind noch da, wir alle, und solange wir da sind, geben wir auch keine Ruh. Dann wird eben anderswo weitergekämpft. Es sieht nicht so aus, als

ob wir nicht noch gebraucht würden in den nächsten Jahren. Und das sage ich Ihnen, Herr Leutnant, wenn wir hier nischt erreichen, oder wir kommen nach Deutschland und erreichen auch da nischt, und es soll immer so weitergehn und die Herrschaften, die vor dem Krieg dicke Bäuche gehabt haben auf unsere Kosten und im Krieg dicke Bäuche auf Kosten von unserm Blut und nach dem Krieg dicke Bäuche so gut wie vorher — erinnern Sie sich, Herr Leutnant, in Weimar? — wenn also die Burschuasie und die großen Herrn weiter glauben, gute Geschäfte machen zu können mit unserer Haut — und die scheren sich verdammt nich um Deutschland, nee, tun sie nich —, denn weiß ich für mein Teil, was ich tue, und ich glaube, Sie, Herr Leutnant, und der Fähnrich wissen das auch.» — «Schmitz, Sie sind 'n Spartakist», sagte Leutnant Kay. Und Schmitz sagte gleichmütig: «Auch das, wenn's sein muß.» Ich drehte mich ein bißchen erschreckt um, aber die anderen lagen in ihren Löchern und pennten. Nur Gohlke stand Wache, und richtig, er wandte sich um und sagte zu Kay: «Jedenfalls, für Ruhe und Ordnung nich in die Lamäng»; grinste und schaute wieder nach vorn. Kay sagte bedrückt: «Ich kann das ja verstehn. Aber so herum ist uns auch nicht geholfen. Sie sind ja Bergarbeiter, Schmitz, nun, ich war mal Student. Warum bin ich denn hier? Ich könnte ja auch an meine Karriere denken und an mein Weiterkommen und an mein Wohlergehn. Warum zum Teufel sitze ich denn hier? Weil mir das alles wurscht ist, weil es mich geradeheraus ankotzt, weil ich fühle, in drei

Deibels Namen, daß das hier wichtiger ist als Paragraphen rausknobeln und Ehescheidungen einleiten und Leute mahnen, die ihre Zahnarzt- rechnungen nicht blechen können. Weil ich weiß, Himmel, Arsch und Wolkenbruch, daß die eigentliche Entscheidung des Krieges noch nicht gefallen ist, noch nicht gefallen sein kann, und weil ich weiß, daß ich nicht schlechter sein darf als die viertausend Gefallenen meines früheren Regiments, und weil ich weiß — ach, Kinder, gar nischt weiß ich, bloß, daß wir eben mit reingebuttert werden müssen, und daß das unser Schicksal ist, und daß ich bereit bin, es zu erfüllen.» — «Ja, hops gehn wir woll bei der Geschichte», sagte Schmitz, und dann schwiegen wir. — Wir lagen vier Tage in dieser Stellung am Jägelsee. In diesen vier Tagen wurden wir heftig beschossen, von Tag zu Tag mehr. Der Wald vor uns schien bis an den Rand gefüllt mit Truppen; wir stellten nach und nach zwölf Batterien fest, die zu uns herüberfunkten. Wir hatten einen vortrefflichen MG-Stand für uns gebaut, aber oft mußten wir wieder zum Spaten greifen und die Schäden ausbessern, die das Feuer riß. Die Essenholer kamen nur nachts nach vorn, und die Kompanie hatte in diesen vier Tagen zwölf Tote. Der Abhang zum Flüßchen herunter war gespickt mit Trichtern, und morgens blühten da die seltsamen Stauden, die das unablässige Feuer schuf. Doch auch der Wald jenseits der Niederung wurde langsam zerfledert. Manchmal mischten sich in die krachenden Einschläge sonderbar hohle und blaffe Explosionen, dann schrie gewöhnlich einer: «Gas —»; aber es war ganz unnötig, daß so geschrien wurde, denn daß dies Gas sei, sahen wir, und Gasmasken hatten wir nicht; wir tauchten die

Taschentücher in die Wasserkästen und banden sie vor Mund und Nase. Am Abend des vierten Tages wurden wir abgelöst durch eine Kompanie, die aus den Resten der Abteilung Michael zusammengestellt war. Doch kamen wir zur Ruhe in einen Wald, der nur wenige hundert Meter hinter unserer eben verlassenen Stellung lag. Wir hörten, genau so wie ganz vorn, wie sich das Feuer immer mehr steigerte, bis zu einer Wut, wie wir es bislang nicht kannten. So lagen wir die ganze Nacht hindurch einsatzbereit. Leutnant Wuth erzählte uns unterdessen, was sich in Riga ereignet hatte. Zwei Tage vorher hatten sich plötzlich in den lettischen Vorstädten die Letten bewaffnet. Patrouillen der regierungstreuen Ballod- Letten, nach ihrem Führer, Oberst Ballod, genannt, durchzogen eifrig die unruhig gewordene Stadt. Am Nachmittage fiel in der Gertrudenstraße ein Schuß aus der dortigen lettischen Wache und tötete einen deutschen Soldaten der Polizeikompanie. Dieser Schuß war wie ein Signal zum Aufstand. Sofort brodelte in der ganzen, von deutschen Truppen fast entblößten Stadt der Aufstand los. An jeder Straßenecke krachte es; die Ballod-Letten machten mit dem Mob der Vorstädte gemeinsame Sache; Läden wurden geplündert, Balten erschlagen, die deutschen Patrouillen beschossen. Die alten Rufe «Straße frei» und «Fenster zu» machten hier, wie seinerzeit im Deutschland der Revolutionsunruhen, die Sache wichtig, und die schnell zusammengetrom- melten deutschen Trupps säuberten mit einiger Übung die Quartiere der Aufständischen. Als die Panzerautos durch die Straßen rasten und Leuchtkugeln in den lettischen Wachlokalen Feuer

zündeten, erklärten die Ballod-Letten freundlich, das Ganze sei nur ein Mißverständnis. Doch wurde der Aufstand unter der entschlossenen Drohung der deutschen Gewehre erstickt. Zwei Tage später aber hieben schwere Geschosse in die geprüfte Stadt. Die Esten warfen in gleichmäßigen Abständen die Lagen ihrer Fernbatterien nach Riga hinein. Zwar konnten unsere Einundzwanziger die feindlichen Geschütze zeitweilig niederkämpfen, doch wurde die Stadt von Unruhe gepackt, einer Unruhe, die sich zur Panik steigerte, als plötzlich auch die Dünabrücke unter schwerem Feuer lag. Da zeigte es sich, daß das Feuer von See her kam. Es zeigte sich, daß englische Kriegsschiffe Riga beschossen. Hatte die lettische Regierung Needra England den Krieg erklärt? Hatte die deutsche Regierung die Feindseligkeiten wieder aufgenommen? Hatten deutsche oder lettische oder baltische Fischerboote vielleicht versucht, die englische Flotte zu kapern? Nichts von alledem. England hatte nur Interessen und verstand es, sie zu verfechten. An vielen Stellen der offenen Stadt loderten Brände. Die Wasserwerke waren in estnischem Besitz; es konnte nicht gelöscht werden. Die Beschießung der Stadt währte die Nacht hindurch. An der Front ebbte das Feuer nachts ab. Wir konnten deutlich den Donner der Einschläge in Riga hören und sahen den roten Feuerschein. Vor uns lag der Este, in unserem Rücken eine beschossene, aufrührerische Stadt; die Dünabrücke, unsere einzige Rückzugsader, lag unter englischem Beschüß. «Übrigens», sagte Leutnant Wuth, «daß ich's nicht vergesse, die deutsche Regierung hat die Baltikum- truppen aufgefordert, sofort nach Deutschland

zurückzukehren, widrigenfalls — ja, weiß der Teufel, ich glaube Verlust der Staatsangehörigkeit, Sperren der Löhnung und der Grenzen und Gefängnisstrafen glaub' ich, wer für die Baltikumer in Wort oder Schrift wirbt. Hat vielleicht einer Lust, nach Deutschland zurückzugehen?» — «Muß es gleich sein?» fragte eine Stimme aus der Dunkelheit. Im Morgengrauen wurde es an der Front sehr unruhig. Unablässig blubberte es; das Feuer schlug in den Wald, bis zu uns. Wir lagen übernächtig und fröstelnd unter den Bäumen und lauschten nach vorn. Leutnant Wuth setzte sein Barett auf. Das Feuer steigerte sich. Wir preßten uns an den Boden, wenn die Lagen dicht vor uns in die Erde hieben, ganze Bäume splitternd mit sich reißend. Ich lag mit meinem Gewehr am rechten Flügel der Kompanie. Leutnant Kay mit einer Gruppe Hamburger lag neben mir. Nach zweieinhalbstündigem Beschuß war plötzlich Stille. Leutnant Kay sagte laut: «Das sind Anfänger. Von Sperrfeuer, Feuerwalze und ähnlichen Scherzen haben die noch nischt gehört.» Einige lachten. Wir wußten, daß sie jetzt angriffen vorn. Auch unsere Artillerie schwieg. Aber auf einmal peitschten Schüsse durch den Wald. «Liegenbleiben!» schrie Wuth. An der Straße, halblinks vor uns, war wirrer Lärm.

«Sie kommen, sie kommen

liegenbleiben!» Wuth stand plötzlich neben mir. «Fähnrich, sobald wir vorgehen, sausen Sie mit Ihrer Knarre halbrechts, bis zu der Waldnase am Fluß, und richten das Gewehr auf die Brücke ein, verstanden! Über die Brücke müssen die Burschen ja doch

» — «Ruhe,

zurück!» Einzelne Versprengte eilten zurück. «Alles in Bruch, alles in Bruch», schrie einer. Leutnant Wuth hob den Karabiner und stakte mit langen Beinen auf die Straße zu. Die Hamburger erhoben sich bedächtig, murmelten «Hummel, Hummel» und verschwanden in den Büschen. Ich riß die Knarre hoch, und wir stolperten, vier Mann, quer durch den Wald, auf die bezeichnete Stelle zu. Links war tolles Gebrüll und Geknatter aus vielen Gewehren. Wir eilten keuchend vor. Der Wald öffnete sich, da lag die Stellung. Wir tigerten gebückt zur Waldnase, erreichten sie, ohne gesehen zu werden, und vertarnten uns im Gebüsch. Die Brücke lag nun scharf links von uns und konnte in ihrer ganzen Länge bestrichen werden. Ich richtete das Gewehr ein, zog alle Hebel fest, legte die ganze Munition parat, und dann warteten wir. Auf der Brücke und dem Stückchen Straße, das in unserem Schußbereich lag, war nun kein Mensch zu sehen. Wir horchten auf den Gefechtslärm an der Straße, im Wald. Ganz wohl war uns nicht. Wie, wenn es den Hamburgern nicht gelang, die Esten zurück- zudrängen? Gohlke schien dasselbe gedacht zu haben, denn er sagte: «Helm ab zum Gebet.» — «Ist das immer noch kein Krieg?» fragte ich ihn. — «Noch nicht», meinte er, «aber es kann noch einer werden.» — «Danke», sagte ein dritter, «so viel Zunder wie heute haben wir in Rußland auch nur selten gehabt.» Wir hörten «Hummel, Hummel» und «Slah doot.» Gedämpft klang es herüber, vom Walde aufgefangen, und schien voll einer dumpfen und gefährlichen Wut. Kam es nicht näher? Gohlke, kommt es nicht näher?

Verdammt, es kommt näher! Da, da kamen sie! Erst einzelne, dann immer mehr; der Waldrand bewegte sich von den Zurückhastenden, an der Straße kamen sie in dicken Klumpen. Nun ratterten die Maschinengewehre im Walde, an der Straße war Tumult, deutlich sahen wir Durcheinanderwuseln, Sichhinschmeißen, Wiederaufspringen, Zurückrennen. Nun kamen wirre Haufen. Ich hockte mich mit klammen, flatternden Händen an mein Gewehr. In uns raste die Spannung des Jägers; ha, da hatten wir sie endlich vorm Gewehr, und wie hatten wir sie. Ruhe, Ruhe, Warten, das sind noch nicht genug. Immer noch nicht genug. Abwarten, abwarten, jetzt sind sie an der Brücke. Teufel, die ganze Straße wimmelte. Jetzt sind es genug! Ich drückte auf den Hebel. Das Gewehr bebte zwischen meinen Knien wie ein Tier. Auf der Brücke purzelten sie, fielen sie, platschten ins Wasser. Dicke, geballte Haufen spritzten auseinander, fielen zusammen, wurden von hinten gedrängt. Ja, sie mußten durch, sie mußten alle durch; da stand die Garbe mit Hebeln fest, und das Wasser kochte im Lauf. War es nicht, als spürte ich an den zuckenden Metallteilen des Gewehrs, wie das Feuer in warme, lebendige Menschenleiber schlug? Satanische Lust, wie, bin ich nicht eins mit dem Gewehr? Bin ich nicht Maschine — kaltes Metall? Hinein, hinein in die wirren Haufen; hier ist ein Tor errichtet, wer das passiert, dem wurde Gnade. Wann bot sich je einem Gewehre solch ein Ziel? Und dann war der Gurt alle, und ein neuer flog in den Zuführer, doch schoß Gohlke jetzt, und ich lag erschöpft und fröstelnd am Boden und sah nicht

einmal mehr auf. — Später lagen wir in der Stellung. Die Hamburger kamen nicht gleich, sie hatten erst Beute gemacht im Wald. Fünfzehn Gefangene wurden eingebracht; vier davon waren Engländer und drei Letten. Zwei Tote hatten die Hamburger, — wieviel die Esten hatten, machte sich niemand die Mühe zu zählen. Allein an der Brücke lagen so viel, daß man den weißen Staub der Straße kaum sehen konnte. Und von der estnischen Front kam den ganzen Tag nicht ein Schuß. Ja, die ganze Front schien erstarrt, und wir wunderten uns, daß niemand mehr schoß. Wir wunderten uns nicht mehr, als Leutnant Kay kam und sagte, es wäre Waffenstillstand. Die Kompanie war die einzige, die noch vorne lag. Der Waffenstillstand aber lautete so: Die Deutschen mußten zurück bis zur Olaistellung. Die Esten mußten zurück bis zur estnisch-lettischen Grenze. Die Ulmanis-Letten besetzten Riga, die Stadt; Pastor Needra wurde unter die Anklage des Hochverrats gestellt, und England hatte alles erreicht, was es wollte. Und wir marschierten zurück. Wir marschierten durch die Stadt, als letzte deutsche Kompanie, und die Hamburger sangen das Seeräuberlied.

Meuterei

Wahrscheinlich war Olai vor dem Kriege ein Komplex

von nicht allzu weit verstreuten Gesinden gewesen, vielleicht vor mehreren Jahrhunderten eine Grenzstation. Denn der auf der Karte mit «Olai» bezeichnete Punkt liegt an der Misse, einem kleinen, im Sommer ausgetrockneten Flüßchen, das sich zwischen dem Mitauer Kronforst und dem Tirulsumpf dahinschlängelt, und auf der Brücke über der schnurgeraden Straße zwischen Mitau und Riga steht ein plumper Obelisk mit den Wappen der Herzogtümer Kurland und Livland. Aber sicherlich hatte dieser Punkt Olai keine Bedeutung bis zu jenem Tage, da er auf mancher deutschen und russischen Generalstabskarte ein Fähnchen zum Schmuck erhielt. Denn hier schnitt die deutsche Stellung die Straße, genau die Entfernung zwischen den Hauptstädten beider Ostseeprovinzen halbierend, und so war Olai bis zum Jahre 1917, bis der deutsche Vormarsch begann, wieder ein Grenzort geworden, ohne daß freilich von dem Orte selber viel übrigblieb. Und nun, zwei Jahre später, nisteten sich in die verlassene Stellung wieder deutsche Soldaten ein und starrten über das Vorfeld nach Riga hin, nach der Stadt, die 22 Kilometer weit hinter dem ewigen Dunst des Tirulsumpfes lag. Wieder zog sich hier eine Grenze, an der Brücke standen Posten und fragten nach dem Paß jedes Vorüberwandernden, und 6 Kilometer weiter nach Riga zu, dicht vor der Ortschaft Katherinenhof, war die lettische Stellung, und dies war früher, bis zum Jahre 1917, eben die russische Linie gewesen. Dazwischen breitete sich der Sumpf, eine weite, herbe Fläche mit wenigen zerzausten Kusseln und vielen Gräben und Schwärmen

von Moskitos der unangenehmsten Art. Parallel der Straße, sie bei ungünstigen Bodenverhältnissen manchmal schneidend und auf die andere Seite wechselnd, lief der Bahndamm. Die Unterstände waren noch gut erhalten, stabil gebaut, mit gehörigen Stämmen, und großen, nicht einmal niedrigen Räumen. Aber sonderlich bombensicher waren die Unterstände nicht angelegt, auch die Gräben schienen vielmehr mit der Liebe und Bedachtsamkeit gebaut zu sein, mit der gute Bürger unter primitiven Verhältnissen etwa an die Schaffung eines gemütlichen Heimes zu gehen pflegen. Diese Stelle der Front bis zum Jahre 17 kann nicht atemraubend aufregend gewesen sein. Nur spärlich lagen Gräber am Waldrand, hübsch geschmückt mit nun verwittertem Birkenholz. In den Unterständen waren noch zwischen wucherndem Gras die Bettgestelle aus Drahtgeflecht sichtbar und gut zu benutzen. Durch den unheimlich dichten und wirren Wald mit sumpfigem Boden gingen Knüppeldämme; unversehens trat der Fuß auf verrostete Konserven- dosen, auf vergessene Ausrüstungsgegenstände; manchmal aber fanden wir auch noch die Reste von den Leichen der im Mai gefallenen Bolschewiken. Hier hausten die Hamburger drei Monate lang, die Monate Juli, August und September des Jahres 1919. Sie schoben Wache, sie lagen in den stabilen Unterständen, sie jagten Flöhe und zündeten Abend für Abend riesige Holzstöße an, um die Mücken zu verjagen und um am Feuer zu zechen, zu singen und zu spielen. Sie bekamen nur selten Urlaub nach Mitau, weil sie den Urlaub nur selten einreichten. Sie

strichen durch den Wald, besuchten die Nachbar- kompanien und machten ab und an eine streng verbotene Patrouille ins Vorgelände, um die lettischen Posten mit mannigfachen und seltsamen Geräuschen um ihren Schlaf zu bringen. Wenn die lettischen Posten schossen, dann war dies ein schleunigst nach Mitau gemeldeter flagranter Bruch des Waffenstill- standes und konnte natürlich nichts anderes bedeuten als die Vorbereitung auf einen verbrecherischen, heimtückischen und meuchlerischen Überfall. Leutnant Wuth hatte sich in einem winzigen Blockhäuschen einquartiert, in dem früher ein Herr vom Stabe des rheinischen Jägerbataillons gehaust haben mochte. Es mußte dies ein sehr patriotischer Herr gewesen sein. Denn über dem Eingang der Hütte hing ein hölzernes, nun etwas verwittertes Schild mit der eindringlichen Aufforderung: «Zeichnet Kriegs- anleihe!»

Die drängende Gewalt, die uns in dies Land getrieben, in diesen Krieg, in diese fernen Striche, über deren nun erstarrten Schlachtfeldern nur noch verlorene Schüsse hallten, glühte von Anbeginn in uns, da wir noch unter strahlenden Gesetzen standen, da wir noch gebunden waren an die Werte, die uns heilig dünkten, die in gehegter Tradition den Weg bestimmten, da wir noch glaubten und im Bewußtsein dieses Glaubens eines strengen Glückes sicher waren. Wir kannten keine Probleme. Die Welt schien einfach und lag offen vor uns hingebreitet, unsere Väter hatten an ihr gearbeitet und geformt und ihr stolzes Genüge in ihr gefunden. Ein reiches Erbe sollten wir antreten,

hineinwachsen in diese festgefügte Form und weiterführen, was uns zu treuen Händen übergeben war. Wir hatten gelernt, unsere Pflicht zu tun. Wir hatten gelernt, unser Recht zu achten. Wir scheuten keine Probe, und das Geschlecht, das in den rauschenden Tagen des Jahres 1914 in den Krieg zog, glaubte in den kommenden Gewittern die reinigende Kraft herandämmern zu sehen, ein geheiligtes Schicksal aus grauen Wolken, die sorgende Weisheit geschichtlicher Bestimmung, gesandt, uns unseres inneren Wertes, der unwandelbaren Substanz des Deutschen ganz bewußt zu werden. Da war kaum ein Geheimnis in unseren Siegen, da war alles Rausch, Glanz und Heldenmut, und unseren Fahnenwogen folgte in breiten, unbezwinglichen Wellen das ganze Volk.

Und auf einmal war dies alles nicht mehr wahr. Auf einmal pochten dunkle, geheime Geister an die Mauern des glänzenden Reiches, und da klang es an manchen Stellen hohl, und da waren manche Stellen, da fiel die täuschende Tünche ab, und an manchen Stellen brach der mürbe Stein. Die Fronten erstarrten, sie versanken in Dreck, Schlamm und Feuer, ein gespenstischer Finger zog blutige Linien rund um das Reich. Der Krieg, den wir zu führen gedachten, führte uns. Er wuchs vor uns auf, aus den tiefsten Spalten der Erde kommend, wie ein Nebel, wie ein graues Gespenst, und rüttelte an den waffenstarrenden Bastionen, er packte uns plötzlich mit glühender Faust und würfelte die Regimenter zusammen und schmiß sie

wieder auseinander und hetzte sie durch die donnernden Felder. Er kam durch die klirrenden Drähte und nahm über Nacht den Feldherrn die Zügel aus den erschrockenen Händen und wirrte sie durcheinander und zerrte hier und dort, bis die Front brüchig wurde, und zog dann weiter und strich in das Land und riß die Fahnen von den Fenstern und spie dreimal aus. Und der Speichel war Gift, und wo er fiel, da wuchs Hunger und Not und Verzicht. Und der Krieg zog weiter, er war überall, er warf seine Fackel in alle Teile der Welt, er stöberte die geheimsten Wünsche auf und warf ihnen prangende Mäntel um und färbte die Mäntel rot. Er grub das Eisen aus zerschluchteter Erde und schleuderte es in den Raum und ließ es zerspellend zu Boden fallen. Der Krieg kam wie ein Riese über das Land, und da war nichts, was ihm sich verbergen konnte. Er kam wie ein Wolf und hetzte uns mit reißenden Zähnen bis zu den höchsten Hängen und durch die tiefsten Schluchten, er rammte mit einem wahnwitzigen Schlage die Jugend in den Schlamm und schleuderte das Leben in das Feuer und setzte den Stoff gegen den Geist. Da krochen die Kämpfer vor ihm in die dunkle Erde. Er aber zerstampfte die Landschaft mit höhnischem Schrei und schuf eine Brache, schuf eine einmalige Welt mit einmaligen Gesetzen, ein Reich, in dem alle Leidenschaften der Steinzeitmenschen von brüllenden Ängsten bis zu gellenden Triumphen ihren Rang erfuhren, ein Reich, in dem das brausende Hurra zum roten Urschrei wurde, geröchelt aus zerlaugten und besessenen Leibern, ein schreckliches Geheul beseelter Elemente. Und wie der Krieg sich seine Landschaft schuf, so schuf er sich sein Heer. Da warf er

hin, was nicht bestand, er sonderte mit hartem Schlag und zog die Lieblinge sich an die Brust, die Ekstatiker des Krieges, die Einzelnen, die aus den Gräben sprangen und ihr «Ja» jauchzten zur Umkrempelung der Welt. Und er drängte die Pflichtgetreuen zu dichten Haufen, in die er immer wieder zerschmetternd fuhr, und malte ihnen das große Warum an den glutbehauchten Himmel, dörrte ihnen die Adern und brannte ihnen sein Mal in das entsetzte Hirn, wissend, sie werden ihm nie entrinnen. Mit roten Narben schmückte er die mageren Verwegnen seines Reiches, er meißelte die kantigen Gesichter unter düsterem Helm, die scharfen, schmalen Linien um den Mund, um schroffes Kinn und starres, spähend zupackendes Auge. Er schied die Heimat von der Front und die Nation vom Vaterland. Sein heißer Atem aber fuhr in alle Winkel. Da blätterte der angeklatschte Schmuck, es schmolz das unechte Metall, die Kruste wurde mürbe, der Gasdunst der Verwesung strich durch das Reich, und alle stolze Bindung faserte und brach. Er riß die Masken vom Gesicht, und wessen die Lüge war, der stand in Lüge nackt und bloß, und wessen das Suchen war, der tastete in leerem Raum. So wütete der Krieg, und die Stunden klatschten sengend in die Herzen, und die Tage wurden rauchend rot von Blut, die Jahre rannen unerbittlich saugend, letztes Mark aus morschen Knochen ziehend, Opfer heischend völliger Erschöpfung zu. Da schwelte es im Haus, da wurden alle Pfeiler brüchig, es knackte das Gebälk. Die Waffen sprangen aus gekrampften Händen, was noch der Krieg in wachem Bann gehalten, sank, das Reich fiel auseinander. Den Letzten war's, als riefe eine Stimme ihnen zu: «Ihr scheutet keine Probe?

— Hier! — Besteht sie!»

Die Männer, die 1918 aus den Gräben stiegen, ahnten, daß wir den Krieg verlieren mußten, um die Nation zu gewinnen. Sie hatten die große Verwandlung an sich erfahren, sie sahen, daß keinerlei Gestaltung da und jede möglich war. Sie kamen — noch im Banne ihrer Landschaft — und fanden das Reich wie eine offne Wunde vor, an deren Ränder brutale Fäuste drückten, daß Blut und Liter quoll. Sie standen vor dem Trümmerhaufen und horchten mit ungläubigem Staunen den Parolen und Programmen, die ihnen marktschreierisch angeboten wurden als die Werte der Zukunft und als die Weisheit und Wahrheit der Stunde. Und da sie unter der steten Androhung des Todes gelernt hatten, den echten Ton zu unterscheiden vom falschen, so wurde es ihnen leicht, unbestechlich zu sein. Sie machten sich schweigend an das, was zu tun war. Da waren viele unter ihnen, die gingen mit skeptisch verzogenen Mundwinkeln von dannen, an nichts verzweifelnd und doch an nichts auch ihren Glauben setzend als an sich selbst. Sie gingen einen seltsamen Weg, diese Entlassenen der Front, die Heim- kehrer des großen Krieges, sie gingen in Beruf, Amt und Sorge, sehr einsam, außerordentlich ernüchtert, sie kamen zu gegebener Stunde wieder und pochten mit sonderbarem Anspruch an die Tore der bereits vergebenen Welt. Da waren andere, die der Krieg noch nicht aus seinen Fängen ließ. Die sahen überall Verzicht und glaubten, daß sie retten müßten, marschieren müßten in unbedingter Pflichterfüllung, die ihnen ihren Halt

verlieh. Und unter diesen waren wieder welche, die spürten, daß es eine Sendung geben müsse und daß diese Sendung ihnen in die Hand gegeben sei. Wie diese Sendung lautete, das wußte keiner, und alle horchten auf die Forderung des Tages. Der Forderungen aber waren viel. Es begann das Ringen um das Reich. Noch hatte sich das Blut mit der Erkenntnis nicht vermählt. So waren wir bereit, zu handeln auf den Anruf unseres Blutes hin. Und nicht das war wichtig, daß, was wir taten, sich als recht erwies, sondern daß in diesen aufgeschlossenen Tagen überhaupt gehandelt wurde. Denn die Entscheidung über Deutschland war jetzt in jedes einzelnen Hand gelegt, und jeder einzelne war so auf unersetzlich gnadenreiche Augenblicke mit dem deutschen Schicksal in Verhaft gesetzt. Und wir marschierten. Da ging es lustig zu, immer frei weg mit «Fenster zu» und «Straße frei» —. Der aktivste Teil der deutschen Front marschierte, weil er gelernt hatte, zu marschieren, schritt unter Gewehr durch die Städte, mit dumpfem Ingrimm, geladen mit einer springenden, ziellosen Wut, wissend, daß jetzt gekämpft werden mußte, gekämpft um jeden Preis. Der aktivste Teil der Front marschierte, rechts wie links. Wir aber, die wir unter alten Fahnen fochten, wir haben das Vaterland vor dem Chaos gerettet — Gott verzeihe uns, das war unsere Sünde wider den Geist. Wir glaubten den Bürger zu retten, und wir retteten den Bourgeois. Das Chaos ist dem Werdenden günstiger als die Ordnung. Der Verzicht ist jeglicher Bewegung Feind. Da wir das Vaterland vor dem Chaos retteten, machten

wir dem Werdenden die Fenster zu und gaben dem Verzicht die Straße frei.

Wer dies erkannte, suchte einen höheren Sinn des Kampfs. Wo immer nach dem Niederbruch sich Männer fanden, die nicht verzichten wollten, erwachte eine unbestimmte Hoffnung auf den Osten. Die ersten, die das kommende Reich zu denken wagten, ahnten mit lebendigem Instinkt, daß der Ausgang des Krieges jede Bindung nach dem Westen hart zerstören mußte. Sie wieder anzuknüpfen, das hieß Unterwerfung, das hieß Sichfügen in den kalten Rhythmus, der dem Westen seine ungeheuerliche Macht über diesen Erdball gab. Das hieß, den in der Unerbittlichkeit der Trichterfelder jäh erkannten Sinn des deutschen Krieges fälschen. Der Krieg ließ unsre Grenzen nach dem Osten offen. Unter der Masse der Kämpfer des deutschen Nach- krieges war nur ein kleiner Teil, der an die Grenzen ging, und wiederum von diesem Teile zog eine schwache Schar nur in das Baltikum. Was unseren Kampf in Kurland möglich machte, das war die Furcht des Westens vor dem Bolschewismus. Nicht einen Vorstoß machten wir, der nicht genehmigt war vom Gremium jener Männer, das Deutschland als Regierung anerkannte. Nicht einen gültigen Befehl gab die Regierung her, der nicht von alliierten Kabinetten gesehen und gebilligt war. Bis unter unseren harten Stößen das Rote Heer zerplatzte, waren wir Söldner Englands, des Westens Schutzwall gegen den geheimnisvollen Aufbruch eines Volkes, das, wie wir, um seine Freiheit rang. Dies war unsere zweite Sünde

wider den Geist. Wir zogen aus, die Grenze zu schützen, und eroberten eine Provinz. Wir dachten, Deutschland müsse so weit reichen wie seine Kraft. Wir waren entschlossen, die Provinz zu halten, die Verpflichtung, die das Blut unserer Gefallenen mit dunklem Anspruch von uns heischte, zu erfüllen. Das Baltikum war nun, da es gefährlich für die Sieger wurde, eine deutsche Möglichkeit. Wir wollten sie nutzen.

Die Entente befahl die Räumung des Baltikums. Wir hörten davon und wir lachten. Dann befahl die Reichsregierung den Abtransport einiger Truppenteile. Wir hielten das für einen Trick Noskes, der die Alliierten hintergehen wolle, oder der mit einem geschickten Manöver die Forderung der belfernden Unabhängigen in der Nationalversammlung un- schädlich zu machen versuche. Dann erfuhren wir, daß aus der Estenfront Teile der Garde-Reserve-Division und das Freikorps Pfeffer herausgezogen und abtransportiert wurden, auf Befehl der Regierung, angeblich, weil diese Truppen zum Grenzschutz gebraucht wurden und dort nötiger waren als vor Riga. Wir zweifelten nicht, daß diese Maßnahme nur vorläufig sei und die Truppen bald wieder ins Baltikum zurückkehren würden. Dann wurde erzählt, diese Formationen wären gar nicht beim Grenzschutz eingesetzt, die Garde-Reserve-Division zum Beispiel sei kurzerhand aufgelöst worden, denn die Entente verlange die Reduzierung der gesamten deutschen Heeresmacht erst auf 150 000, dann auf 100 000 Mann. Wir waren überzeugt, daß das nicht stimme; denn,

wenn schon aufgelöst werden müsse, dann waren die untauglichen Garnisonen dran. Dann hieß es, die Regierung verlange kategorisch unsere Rückkehr nach Deutschland und drohe mit Entzug des Soldes. Wir dachten, das könne nicht sein, denn die Regierung hatte ja unsere Forderungen an Lettland und auf Siedlung anerkannt und begünstigt. Schließlich verlautete, Deutschland müsse dem Wunsche der Entente um jeden Preis nachgeben. Doch alle Gerüchte, die aus dem Reiche zu uns drangen, bestätigten, daß Deutschland nie und nimmer den Friedensvertrag unterzeichnen werde.

In jenen dumpfen Tagen des Sommers in Olai — Tage, die zwischen zwei Zeiten stehen und zwischen zwei Ordnungen — fühlten wir uns plötzlich nicht mehr am Rande des deutschen Schicksals, waren wir eingewirrt in einen Knäuel unentrinnbarer Fragen. Wir saßen eines Tages, zu Beginn des Waffen- stillstandes, in der Blockhütte des Leutnants Wuth. Schlageter war zu Besuch gekommen, wir besprachen die Möglichkeiten einer Siedlung in diesem Land. Wuth wollte einen Hof kaufen und eine Sägemühle bei Bad Baidon — noch waren die Letten dort. Da kam Leutnant Kay ins Zimmer und sagte hastig in den Tabakrauch hinein: «Deutschland hat den Friedensver-

trag unterzeichnet!» Einen Augenblick war alles still, so still, daß der Raum fast dröhnte, als Schlageter aufstand. Er hielt die Klinke in der Hand und murmelte: «Soso, Deutschland

er hielt inne, blickte starr

geradeaus und sagte dann, und hatte auf einmal ein

hat also unterzeichnet

»,

bösen Ton in der Stimme: «Ich meine, was geht denn das schließlich — uns an?» Und hieb die Tür ins Schloß, daß der ganze Raum bebte, und war draußen. Wir erschraken. Wir hörten dies an und erschraken darüber, wie wenig in der Tat uns dies alles im Grunde berührte. Wir erschraken mit jenem eiskalten, ernüchternden Prickeln im Hirn, das immer ein setzt, wenn der Schreck des Herzens ausbleibt. Klang nicht die Botschaft wie von einem fernen, fremden Land, das da hinten in einem Dunst von Hunger, Lüge und Gewalt dem Unerbittlichen entgegen schmort? Das Land da hinten, grau und müde und verdammt, ewig unter dem naßkalten, trüben Schleier der Novembertage fortzudämmern, ein Land, wie ein leerer Fleck auf der Landkarte, in den die Hand des Topographen zögern mußte Städte einzuzeichnen und Dörfer und Flüsse und Grenzen, ein plumpes, passives Land, ein Land ohne Wirklichkeit — wie? Was haben wir mit diesem Land zu schaffen? Wir sahen uns fröstelnd an. Wir spürten auf einmal die Kälte einer unsagbaren Verlassenheit. Wir hatten geglaubt, daß uns das Land niemals entließ, daß es uns band mit einem unzerstörbaren Strom daß es unsere geheimen Wünsche speiste und unserem Tun die Rechtfertigung gab. Nun war alles zu Ende. Die Unterschrift gab uns frei.

Am Bahnhof in Mitau standen Soldaten des 1. Kurländischen Infanterie-Regiments mürrisch herum. Es war der 24. August 1919. Der erste Transport sollte nach widerwillig aufgenommenem Befehl ins Reich

abgehen. Die Offiziere gingen bleich hin und her und antworteten mit verbissenen Mienen auf die drängenden Fragen der Leute. Langsam füllte sich der Zug. Noch war es Zeit. Alles wartete wie auf ein Wunder auf das erlösende Wort. Plötzlich entstand Bewegung an der Sperre. Ein großer, braungebrannter Offizier trat auf den Bahnsteig. An seinem Halse blinkte der Pour le mérite. Es war der Führer der Eisernen Division, Major Bischoff. Er sah zum Zuge, die Soldaten drängten sich, getrieben von dumpfer Hoffnung, um ihn herum. Offiziere kamen hinzu. Der Major hob die Hand. «Ich verbiete hiermit den Abtransport der Eisernen Division!»

Das war Meuterei. Vielleicht blitzte in diesem Augenblick im Hin dieses Mannes der Name Yorck. Wir brachten ihm am Abend eine Fackelzug. Damals sangen die Soldaten im Baltikum ein Marschlied, dessen erster Vers begann: «Wir sind die letzten Deutschen, die am Feind geblieben.» Nun fühlten wir uns als die letzten Deutschen überhaupt. Fast waren wir der Regierung dankbar, daß sie vom Reich uns ausschloß. Denn war die Bindung offiziell zerrissen, dann konnte unser Tun uns mit des Reiches Sorge nicht belasten. So wie wir handelten, so hätten wir auf jeden Fall gehandelt. Wir konnten uns dem Vaterlande nicht verpflichtet fühlen, weil wir es nicht mehr achten zu können glaubten. Wir konnten das Vaterland nicht achten, weil wir die Nation liebten. Uns hielt nicht mehr ein Befehl zusammen, uns band nicht mehr Sold und Brot und warmer Duft der Heimat. Uns

trieb ein dunkel nur erahnter Zwang, uns peitschte ein Gesetz, von dem wir nur den Schatten sahen. Nun standen wir im tollen Wirbel der Gefahr. Nun hielten wir ein neues Kraftfeld, eine Ebene der Hoffnung, frei vom Ballaste kläglicher Erfordernisse, die ein Volk von hungernden Millionen Tag um Tag und Schritt für Schritt in ausgeklügelt raffinierte Netze schnüren mußten. Die Versprengten, Ausgestoßnen, die heimat- losen Geusen hielten ihre Fackeln hoch. Wir waren wahnsinnig. Und wir wußten, daß wir es waren. Wir wußten, daß wir zusammengehauen wurden von dem vereinten Ingrimm aller Völker, die um unsere verwegene Heerschar brandeten. Doch wenn ein Wahnsinn je Methode hatte, dann war es dieser. Wir, Statthalter dieser Provinz für die noch ungeborene Nation, wir wollten nicht verzichten — zu einer Zeit, da der Verzicht die Forderung des Tages war. Wir sagten «Nein» zum Reiche jener Tage, weil wir ein «Ja» zum kommenden schon auf der Zunge hatten. So war unser Wahnsinn Trotz. Wir wollten dieses Trotzes Konsequenzen tragen. Mehr kann ein Mann nicht tun.

Jedem einzelnen von uns wurde die Frage vorgelegt, ob er bleiben oder dem Befehle der Regierung folgen wolle. Die ersten, die sich von uns sonderten, waren die patriotischen Korps. Für deren altpreußisch gesinnte Offiziere war Meuterei Meuterei. Dann folgten die Marodeure, allerhand zusammengelaufenes, bewaff- netes Gesindel zweifelhafter Herkunft, noch bis zum letzten Augenblick nach Rubeln spähend, doch fürchtend, in den harten Endkampf mitgezerrt zu werden. Es verschwanden die Etappenformationen, die

Polizeikompanien, die Feldgendarmen. Nur wenige Zahlmeister gingen nicht mit der Kasse durch. Dann verabschiedete sich die Baltische Landeswehr von uns. Sie kam unter den Befehl eines englischen Offiziers und wurde an der neugebildeten lettischen Bolschewikenfront eingesetzt Den Balten ging es um das Letzte. Sie hatten nur den einen Willen, ihren Bestand zu wahren, nicht das Schicksal der russischen Emigranten teilen zu müssen. Viele von uns gingen hin, die Balten noch einmal zu begrüßen. Da stand in Reih und Glied, was immer von den Männern dieses deutschen Stammes übriggeblieben war und Waffen tragen konnte. Da standen Knaben, den Lyceumsgürtel noch um die schmalen Hüften und erliegend fast unter der Last des Gepäcks, und neben ihnen standen Greise, Landmarschälle, Edelleute — Kinderaugen unterm deutschen Stahlhelm und zerfurchte, hagere Gesichter. Sie standen schweigend und mit unzerbrochenem Hochmut und retteten durch ihren bitteren Entschluß die karge Aussicht auf ein Leben unter dem Banner ihrer ehemaligen Knechte.

Ein russischer Oberst, der Fürst Awaloff-Bermondt, sammelte um diese Zeit russische Soldaten, meist entlassene Kriegsgefangene, um eine weißgardistische Armee aufzustellen und gegen die Bolschewiken zu führen. Er kam ins Baltikum, nicht sonderlich gern gesehen von den Engländern und eben darum von uns geachtet. Er hatte phantastische Pläne unter seiner tscherkessischen Pelzmütze und war geneigt, bei den Baltikumern Unterstützung zu suchen. Denn England wünschte den unruhigen Mann unter die Aufsicht des

englandergebenen General Judenitsch, und Bermondt, dessen Befehlsgewalt bestreitend, fühlte sich nur sicher unter dem Schutze der Gewehre der Baltikumer. Wir aber waren bereit, uns mit dem Teufel selber zu verbünden, wenn wir die Engländer ärgern und in Kurland bleiben konnten. Verhandlungen gingen hin und her, und schließlich wurde eine westrussische Re- gierung gegründet mit der Basis Kurland und mit einer westrussischen Armee, deren Stamm die Baltikumer bilden sollten. Der deutsche Oberbefehlshaber, der General Graf von der Goltz, folgte dem Ruf der Reichsregierung, nahm aber seinen Abschied und ging als Privatmann wieder zu seiner Truppe. Doch war nun Bermondt nominell der Führer. An Lettland ging die Aufforderung, im Falle eines westrussischen Angriffs gegen den gemeinsamen Feind, den Bolschewismus, zumindest neutral zu bleiben. Bermondt wollte über Dünaburg vorstoßen, nach Rußland hinein, bis Moskau, bitte! Nicht mehr und nicht weniger als das. Aber Lettland forderte den Abmarsch der Deutschen. Und so beschloß Bermondt, seinen Kreuzzug mit der Eroberung Rigas zu beginnen. Und damit waren wir einverstanden. Wir hefteten die russische Kokarde an unsere Mützen, nicht ohne verschmitzt die deutsche darüber anzubringen. Wir nahmen erheitert das Papiergeld, das Bermondt kurzerhand drucken ließ — Deckung: das Heeresmaterial, das wir erbeuten würden —; wir tranken mit Ingrimm den russischen Schnaps und lernten, russisch zu fluchen. Also waren wir, da wir nicht mehr Deutsche sein sollten, Russen geworden. Die Parole «Kampf dem Bolschewismus» nahmen

wir nicht ernst. Wir hatten Gelegenheit genug gehabt, zu erfahren, wem dieser Kampf denn nütze. Den ersten Kampf gewannen wir für England. Im zweiten wollten wir den Briten um den Preis des ersten prellen. Wir disputierten über unsere Möglichkeiten. Wir hockten rund um das Feuer, das die Hamburger am Waldrand lodern ließen, und viele Stimmen schwirrten durcheinander. Und lustiger noch als die Flammen sprühten die tollen Spiele unserer Phantasie, nun, da wir Gefechte witterten. Leutnant Kay hatte schon ein russisches Lied gelernt und sang: «Wohin rollst du, Äpfelchen?» Ja, wohin rollst du, Äpfelchen? «Nach Riga!» schrie ein Hamburger. «Nach Moskau!» grölte Leutnant Wuth und lachte. «Nach Berlin!» versank die gelle Stimme Kays im jauchzenden Gebrüll der Hamburger. «Nach Warschau?» fragte Schlageter, und trotzdem er leise sprach, verstand ihn jeder, und es war plötzlich still. Da warf der Leutnant Wuth eine Münze hoch und rief: «Kopf oder Adler — Mission oder Abenteuer?» — Der Adler fiel nach oben. In den ersten Tagen des Oktober kam die Nachricht, der Lette rüste zu einer Offensive. Das konnte uns nicht überraschen, denn wir rüsteten auch. Um dem Feind zuvorzukommen, wurde der Angriff auf den 8. Oktober festgesetzt.

Sturm

Wieder stieg aus der Erde jener sonderbar herbe Geruch, der mir seit dem Mai, als ich das erstemal

diesen Weg schritt, stets in Erinnerung geblieben war. Freilich mischte sich damals der beizende Qualm brennenden Gebälks in den Dunst, und der widerliche Gestank der in der glühenden Maisonne verwesenden Bolschewistenleichen, die überall herumlagen, nahm dem Duft der aufbrechenden Erde beträchtlich von seiner Frische. Aber diesmal lagerten Nebel über dem taunassen Boden, und die Sonne, die rot und trüb den Waldrand bestrahlte, konnte es nicht sein, die das Feld zum Schwitzen brachte. Ich wußte noch ganz genau, wie mir damals dieser Geruch alles in sich zu vereinigen schien, was mich in Kurland an Hoffnung und Gefahr bewegte. Mich reizte die gefährliche Fremdheit dieses Landes, zu dem ich in einem eigentümlichen Verhältnis stand. Gerade das Gefühl, inmitten dieser lieblichen Landschaft eigentlich immer auf schwankendem Sumpfboden zu stehen, der unablässig seine Blasen warf, hatte doch dem Kriege hier oben den bewegten, ständig wechselnden Charakter gegeben, der vielleicht schon den deutschen Ordensrittern jene schweifende Unruhe vermittelte, die sie stets von neuem aus ihren festen Burgen zu kühnen Fahrten trieb. Ich war um des Krieges willen hergekommen, und dieser Krieg bedeutet mir ein stärkeres Moment der Verwurzelung, als es den Siedlern vielleicht der mühsam zu erwerbende Bauernbesitz sein konnte. Die weite Ebene, in die wir nun, uns vom Waldrande lösend, auf der schmalen, erdigen Straße hineinmarschierten, atmete einen anderen Dunst aus, als wir ihn von den Schlachtfeldern des großen Krieges her kannten. Die Landschaft von sanfter und heimtückischer Lieblichkeit breitete sich

vorsichtig hin und ließ doch ahnen, daß hinter manchem Busch sich lauernd züngelnde Feindseligkeit verbarg. Weit hinten am Horizont aber lag abgrenzend die dunkle Linie der feindlichen Stellung, die es heute zu erobern galt. Und von dort her grollte es in einzelnen dumpfen Absätzen, so daß der Blick unwillkürlich den Himmel abtastete, von woher denn ein Gewitter käme. Leutnant Kay, neben dessen Pferd ich marschierte, suchte mit dem Feldstecher den Horizont ab, dann deutete er auf das grauweiße Band, das sich, aus dem Walde heraustretend, auf die feindliche Stellung hinzog. Dort waren einige dunkle Flecke zu sehen und einzelne, sich schwach bewegende Punkte. Kay meinte, das müsse wohl das erste Bataillon sein, welches auf der Straße angreifen solle. Aber ich sah über dem Haufen eine riesige Fahne, und da ich wußte, daß die Russen, stolz auf ihr zaristisches Feldzeichen und gleich wie, um am knatternden Tuch und an den leuchtenden Farben ihre zwittrige Unsicherheit zu ersticken, stets die Fahne mit sich führten und bei Gelegenheiten wehen ließen, die uns Deutschen schon lange nicht mehr das Gepräge heroischer Besonderheit gaben, schloß ich, der Angriff müßte wohl ins Stocken geraten sein, denn die Russen bildeten die Reserve, und vor ihnen hätten wir am Feinde sein müssen. Der Leutnant sandte mich, da wir der Kompanie ein Stück voraus waren, zurück, ich solle die Leute etwas zur Eile antreiben. Die Pionierkompanie bog soeben in die Straße ein. Voran trug der baumlange Feldwebel an schlanker Stange den dreieckigen Wimpel mit dem Bundschuh, dem Feldzeichen der Kompanie. Hinter ihm schwang ein Pionier die Ziehharmonika, den

preußischen Armeemarsch spielend, wie auf jedem der langen und ermüdenden Märsche, die wir in diesem Lande schon gemacht. Und dann, rechts und links der Straße, in langer Kolonne, einer hinter dem andern, zog die Kompanie dahin, ein jeder sein Gewehr nach Belieben tragend, mit Stöcken in der Hand und kurzen Pfeifen unter der Nase. Und zwischen den Reihen klapperten die Panjewagen, beladen mit Maschinen- gewehren und Munition. Freilich war die Marsch- kolonne kein strahlend militärischer Anblick, zumal die zerlumpten Röcke aller Waffengattungen und die bärtigen Gesichter unter schiefer Mütze deutlich genug zeigten, daß es in diesem Feldzug nicht so sehr auf Mi- litärpersonen als auf Krieger ankam. Auch der Maschinengewehrzug legte wenig Wert auf Äußerlich- keiten, aber die Gewehre waren frisch geölt und lagen sorglich verpackt aut den Panjewagen. Ich ging zu meinem Gewehr und erfuhr dort, daß ich für die Dauer des Gefechts der Pionierkompanie zugeteilt sei. Der Oberleutnant von den Pionieren trat auch schon hinzu, klatschte mit seiner zerflederten Fahrerpeitsche gegen die schlechtgewickelten Gamaschen und meinte, ohne die schwere Pfeife aus den Zähnen zu lassen, heute hätten die MG-Leute mal Gelegenheit, zu zeigen, daß sie mehr könnten, als allein rubeln und räubern. Ich ärgerte mich und schwieg, aber der Unteroffizier Schmitz sagte, neben dem Wagen herschreitend und mit lässigem Gleichmut einen Munitionskasten zurechtrückend, wenn er sich recht erinnere, dann seien es ja wohl die Pioniere gewesen, die damals, bei Baidon, zum Angriff zu spät gekommen seien, weil sie über einen Weinkeller geraten waren. Der Oberleutnant

brummte etwas und ging dann mit verkniffenen Augen hinter den Brillengläsern nach vorn zu seiner Kompanie. Es war allmählich sehr kalt geworden. Wir standen unschlüssig auf der Straße, trampelten uns die Füße warm und horchten unter kargen Worten auf das Dröhnen an der Front. Die Kompanien traten an. Der Lärm fernen Gefechts wurde stärker. Wir marschierten an den Russen vorbei, die in den Straßengräben lagerten und unseren Marsch mit dumpfem und verlegenem Grinsen begleiteten. Wir warfen ihnen die paar Brocken Russisch, die sich der Feldsoldat im Kriege aneignete, gönnerhaft zu, und der obszöne Sinn dieser Worte wurde von den Russen freudig ob der Herablassung aufgenommen. Am Bahnübergang stand ein Panzerauto. Die Stahlwände wiesen mancherlei Einschüsse auf. Die Bemannung arbeitete am Wagen, einige standen verschmiert und mit Blutspritzern auf den Lederjacken um eine auf der Straße ausgebreitete Zeltbahn herum, unter der sich die Formen eines verkrümmten Körpers abzeichneten. Wir marschierten vorbei, ohne eine Frage zu tun. Die beiden Infanteriekompanien bogen nach links auf einem schmalen Sumpfsteige ab. Allmählich wurde die Straße belebter. Auf dem Felde rechts schwoll die gelbe Hülle eines halbaufgeblasenen Fesselballons. Hinter dem Bahnwärterhäuschen feuerte eine schwere Batterie. Mit hellem Klingen zersprang ein einzelnes Infanterie-geschoß an den Eisenbahnschienen. Wir machten halt und luden die Gewehre ab. Da mir der Feind noch fern schien, zerlegte ich mein MG und wuchtete mir den Schlitten auf den Rücken. Die

Polsterung war abgerissen, und die beiden Wasser- kästen, die ich noch vorn an die Sporne hing, drückten mir das scharfkantige Eisen schmerzhaft in die Schulter. Wir schwärmten auf der Straße nach links aus, überkletterten den Graben und betraten den Sumpf. Es war um die Mittagszeit. Wir hatten seit dem Morgenkaffee noch nichts genossen. Der Sumpfboden schwankte bei jedem Schritt. Eine glasige, dünne Eiskruste hatte sich über dem Sumpfe gebildet. Der Fuß trat zersplitternd hinein, das Wasser quoll sofort in die Schuhe und schwemmte blasig über die Ränder der runden Stapfen. Das ganze Sumpfgebiet war übersät mit niederen Gebüschkusseln. Am Himmel jagten grauweiße Wolkenfetzen, der Wind fuhr uns kältend durch die dünnen Kleider. Einen Mantel hatte keiner von uns. Ich keuchte unter meiner Last und warf den Schlitten auf der Schulter von einem Knochen auf den anderen. Als wir etwa 500 Meter weit von der Straße entfernt in den Sumpf eingedrungen waren, bekamen wir das erste Feuer. Der unsichtbare Gegner prasselte uns eine Garbe entgegen, die mit sonderbarem Zwitschern dicht vor uns in den Boden fuhr und wie ein plötzlicher Regenschauer überall kleine Fontänen aufglupschen ließ. Wir warfen uns hin. Ich stolperte und fiel. Die Wasserkästen polterten herunter, der Gewehrschlitten bohrte sich in den Dreck und stieß mir seine Kanten in die Brust. Meine Ellenbogen, meine Knie fuhren tief in den matschigen Boden. Das eiskalte Wasser drang sofort durch die Kleider. Neben mir begannen die Infanteriegruppen zu feuern. Auch das Gewehr Schmitz schoß. Bevor ich beginnen konnte, mein Gewehr

aufzumontieren, kam der Befehl zum Sprung. Die feuchten Kleider sogen sich am Körper fest und bildeten in den Falten ungemütliche Eiskrusten. Die Handgranaten tanzten mir am Koppel und hinderten mich am Lauf. Der Gegner begleitete unseren Sprung mit fahrigem Gefeuer. Es fing an zu regnen. Kalte Schauer peitschten das Gesicht. Über der feindlichen Linie hing schweres, dunkles Gewölk. An drei, vier Stellen ringsum am Horizont brannte es. Noch oft warfen wir uns hin. Überall im Sumpf hockten die lettischen Schützen. Über unsere Köpfe hinweg fauchten und gurgelten die schweren Geschosse von hinten, die mit dumpfem Krachen auf die Stellung hämmerten. Endlich waren wir dichter heran. Zwischen der Stellung und uns war freies Feld, eine sanftgrüne, ebene, leicht auf uns zu geneigte Wiese, die strichweise unter Wasser stand. Es war vier Uhr nachmittags geworden. Wir lagen hinter einer kleinen Bodenwelle, die einigermaßen Schutz versprach. Die Füße steckten tief im Schlamm. Vorne hob sich der graue Streif der Stellung deutlich ab. An einzelnen Punkten waren anscheinend stark ausgebaute Bastionen zu erkennen. Wir freuten uns über jedes Geschoß, das dort hineinpolterte. Der Lette schoß mit allen Kalibern. In die Wiese hieben die Geschosse ein und zauberten seltsame Bäume aus Schlamm und Rasenstücken. Aus dem dumpfen Gedröhne der Schlacht sonderte sich immer wieder grell das reißende Geknatter der Schnellgewehre. Wir hatten rechts keinen Anschluß, erst dicht neben der Straße mußten wieder Truppen liegen. Der Lette hatte uns endlich gesichtet. Er setzte uns eine Lage Ratscher

dicht vor die Nase, die uns mit Schlamm übersprühte. Anscheinend hatte der Lette im Vorfeld noch Nester sitzen, denn Maschinengewehrfeuer fusselte streuend in unsere Linie. Ich hatte meinen Schlitten vor mich hingebaut und versuchte, unter seinem Schutz etwas zu schlafen. Aus der Schützenlinie gellte der Ruf:

«Sanitäter!» — Wir hoben alle die Köpfe. Ein Pionier kroch mühsam nach hinten. Der Sanitäter eilte herzu. Durch die Linie ging das Gerede von einem Beinschuß. Da schrie auch schon der zweite, gerade nachdem wieder eine Lage eingehauen hatte. Wir lagen völlig untätig und warteten. Immer wieder fuhren die Köpfe hoch, die nach der Strohmiete spähten, ob der Oberleutnant nicht endlich den Befehl zum Vorrücken gäbe. Wütendes Gefeuer auf unsere Linie setzte ein. Wir lagen noch gut zweitausend Meter von der feindlichen Stellung entfernt und sahen ohne einen Schuß dem müden Gefecht zu. Dieser ganze Tag diente der quälenden Vorbereitung zu einer Entscheidung, und bis jetzt war noch nichts geschehen, was uns innerlich hätte in Schwung versetzen können. Uns schien, als lägen wir nun schon eine hoffnungslose Ewigkeit in diesem Sumpf und als böte sich niemals eine Aussicht, aus ihm herauszukommen. Das eintönige Gebrodel der Schlacht hatte durchaus nichts Aufregendes, und viel un- angenehmer als der Einschlag der Granaten waren das koddrige Gefühl im Magen und die nassen und wund- reibenden Kleider und Schuhe. Dieser Tag bestand aus lauter Mosaiksteinchen, die, plump zusammengelegt, ein entsetzlich spannungsloses Bild abgaben. Wir waren in Kurland andere Gefechte gewöhnt. Und daß

nach langem Waffenstillstand der Krieg so begann, schien uns ein niederdrückendes Zeichen. Das Fähnchen der Pioniere stand an der Strohmiete aufrecht, und der Wimpel hing an der Stange wie ein nasses Handtuch. Der Wind blies uns schwarze Rußflocken entgegen. Nun stand, soweit der Blick reichte, kein Haus mehr, das nicht brannte. Es wurde langsam dunkler. Strichweise war der Regen mit Hagelschloßen untermischt. Die Stellung verschwamm langsam, zeigte sich nur durch ein ständiges Aufblitzen an. Plötzlich steigerte sich hinten unser Abschußlärm. Ganze Salven fauchten über unsere Köpfe, schlugen drüben ein. Immer toller wurde das Feuer. Der Oberleutnant jagte eine rote Leuchtkugel hoch. Sekunden später hieben vor uns in die Wiese die Einschläge unserer Batterie, warfen den Schlamm in die Höhe und bildeten einen schmalen Streifen Wald, der sich langsam nach vorn wälzte. Von hinten kam eine Schützenlinie heran. Die Männer stapften mit breiten Abständen gebückt einher. Auf den hochgepackten Tornistern lag quer das Gewehr. An den Kokarden erkannten wir Bayern. Es war das Bataillon Berthold. Kaum hatten sie unsere Linie erreicht, als der Oberleutnant mit der Peitsche nach vorn zeigte und aufsprang. Wir rappelten uns mühsam hoch und stakten mit verkrampften, einge- rosteten Gliedern mit den Bayern mit. Mein Gewehrschlitten hieb mir bei jedem Schritt eine Stange ins Kreuz. Ich rief den Schützen zwei heran, der das Gewehr trug, und wollte bei der nächsten Gelegenheit aufmontieren. Aber unentwegt schritt die Linie vorwärts, nicht sonderlich schnell. Unsere Füße

platschten ins Wasser. Der Bayer neben mir sackte zusammen, als habe ihn sein Tornister erdrückt. Der Oberleutnant, der plötzlich vor mir lief, nahm die Peitsche in die rechte Hand. Auf seiner linken bildete sich ein blutiges Rinnsal. Der Marsch wurde schneller. Ein Pionier brach aufjaulend wie ein Hund zusammen. Schmitz rannte mit seinem Gewehr halb rechts voraus, den Wasserkasten schwingend. Ich sah auf den schwanken Erdboden unter mir und sprang keuchend vorwärts, um mit der Linie mitzukommen. Ein Bayer verlor seinen Tornister und lief weiter, ohne sich umzusehen. Ein anderer blieb plötzlich stehen und blickte traurig auf den Boden. Dann sank er sanft in die Knie. Ich hörte nichts mehr von dem Brausen, das um meine Ohren schlug. Der Boden stieg an und wurde fester. Es war dunkel geworden, aber die brennenden Häuser warfen zuckende Lichter. Meine Nebenleute hasteten als schwarze Schatten wirr durcheinander. Da war vor mir ein Drahtverhau. Die Füße rissen wütend am Gewirr, das sich wie ein federnder Schlangenknäuel um die Knöchel wand. Ich schrie auf wie von Ekel vor Gewürm gepackt. Einer sank gegen meine Schulter, daß ich taumelte. Steil stieg eine Böschung an. Die Wasserkästen hatte ich längst verloren. Mit freien Händen, durch den Schlitten widerlich gehemmt, riß ich mich an Grasbüscheln, die aus grellem Sande ragten, hoch. Der Fuß rutschte ab. Einer packte mein Gestell und zog. Ich wälzte mich hinauf, lag keuchend auf der Böschung. Vor mir Gewimmel. Links zog sich dunkel ein Verhau, an dem geballte Haufen ent- langeilten, auf eine Lücke zu, die dicht vor mir sich

auftat. Plötzlich war Schmitz neben mir mit seinem Gewehr. Ich warf meinen Schlitten ab und kroch zu ihm. Er hatte sein Gewehr bereits gerichtet und stampfte mit dem Absatz den Sporn fest. Der Schütze hinterm Abzug griff sich an die Stirn und kollerte dann langsam den Abhang hinunter. Ich warf mich hinter die Knarre und zog die Hebel fest. Ich drückte los — die ganze Dumpfheit dieses Tages wich. Das Gewehr bäumte sich und schnellte wie ein Fisch, ich hielt es fest und zärtlich in der Hand, ich klammerte seine zitternden Flanken zwischen meine Knie und jagte einen Gurt, den zweiten auch, hintereinander durch. Der Dampf stieg zischend aus dem Rohr. Nichts sah ich, doch Schmitz sprang tanzend, schreiend, johlend auf der Böschung, stieß mich beiseite und kletterte an meine Stelle. Ich griff zur Handgranate und lief vor. Wir sprangen in einen Graben. Ich trat auf weiche Leiber, die merkwürdig nachgaben, an dunklen Höhlen, von Stoffetzen verdeckt, vorbei; Gewehre, wirr in Haufen, querten den engen Weg. Geschrei kam uns entgegen, hinter Erdmauern scholl die dumpfe Detonation von Handgranaten. Plötzlich war Schmitz über mir, warf sein Gewehr wie eine Brücke über den Graben und sprang hinüber. Ich wuchtete ihm die Knarre nach und kletterte an der Grabenwand hoch. Da lag die Lücke des Verhaus vor mir. Wir stolperten über Leichen. Einer trat ich auf den Kopf. Hinter dem Verhau lag die zweite Stellung, etwas höher und betoniert. Dunkel und massig standen die Schattenrisse einer Häusergruppe am Wege. Aus ihnen blitzte es auf. Ich warf mich gegen eine Tür, hängte die Handgranate an

die Klinke und zog ab. Der Knall ließ das Gemäuer beben. In die dunkle Öffnung schoß ein Pionier eine Leuchtrakete. Fast im gleichen Augenblick loderte das Haus. Aus dem Gang stürzt schreiend, die blutenden Hände hoch, ein junger Kerl und schlägt lang hin. Die Flamme leckt nach ihm und bläst uns glühheißen Dunst entgegen. Noch einer taumelt aus dem Haus, Qualm und Sprühen mit sich reißend. Da schnellt ein Trupp sich von der Straße los. Wir greifen zu — der eine Lette, hochgerissen, wird gepackt, geschleudert, wirbelt längs zurück, fällt in die Glut, schreit einmal auf, die Flammen schließen sich. Der zweite rutscht auf Knien, doch wie sie nahen, springt er auf, schlägt sich die Arme um den Kopf und wirft sich von selbst in das Feuer. Der Oberleutnant jagt an mir vorbei. Ich sehe noch, wie tausend feine rötliche Spritzer sein Gesicht bekleckert haben. Taghell flackern die Häuser, Ein dumpfer Krach reißt eines auseinander. Aus der Glut kommt wirres Knattern, die Balken fliegen quer über den Weg. Der Oberleutnant kreist die Peitsche über seinem Haupt und schreit nach seiner Kompanie. Ich rase zurück, mir mein MG zu suchen. Aus Unterständen kriechen Kerls, der eine schwingt ein leuchtendes Kochgeschirr. Ich breche in einen Unterstand und stoße einen Pionier beiseite. Ein Haufen wunderbarer englischer Gummizeltbahnen sticht mir in die Augen. Ich nehme eine, breite sie beglückt im kargen Schein des Feuers, sie ist ganz neu, kann auch als Umhang dienen. Der Pionier zieht langsam einer Leiche die Schuhe aus. «Auf der Straße sammeln!» schreit einer, ich laufe weiter. Überall

plündernde Gruppen. Schnapsflaschen stopft sich einer in den Brotbeutel. Ein anderer greift mit allen blutbekrusteten Fingern in einen Topf gelber Marmelade, schleckt sich gierig, das Gesicht bekleckernd, die Pfoten ab. Allmählich kommen wir zur Straße. Auf ihr herrscht wildes Durcheinander. Die Wege sind verstopft von Kolonnen. Feldküchen werden gestürmt. Artillerie fährt langsam vor. Wir drängen uns durch die Haufen. Überall schreien die Kompanieführer ihren Erkennungsruf. Der Oberleutnant steht auf einem noch schwelenden Schutthaufen am Rande der Straße und läßt antreten. Mein Gewehr ist vollständig zur Stelle. Es wird abgezählt. Die Gruppenführer melden. Der Oberleutnant zählt halblaut die Abgänge. Er hat ein Taschentuch um die linke Hand gewunden. Er hat die Pfeife nicht mehr im Munde. Es fehlt ein Viertel seiner Kompanie. Vom Gewehr Schmitz fehlen zwei Mann. Indes hinter unserer Front das Bataillon Berthold in Marschkolonnen in die schwarze Nacht marschiert, nach vorne, sagt der Oberleutnant, die Leistung des MG-Zuges sei hervorragend gewesen, er habe es während seiner ganzen Feldzugszeit nicht erlebt, daß die schweren MG unter so schwierigen Verhältnissen nicht nur nicht zurückblieben, sondern sogar noch vor der Infanterie in die Stellung eingedrungen seien. Schmitz murmelt was von einem Päckchen Tabak, das ihm lieber wäre. Dann schwenkten wir ein und schoben uns langsam an den Kolonnen vorbei, die lodernden Häuser hinter uns lassend. Der Wald nahm uns auf. Dicht an die Straße drängte er sich heran, die ersten Stämme

streckten ihre Wurzeln in den Graben. Und dichtes Gebüsch säumte den Waldrand. Die Nacht war schwarz. Auf der Straße marschierten zwei Kolonnen nebeneinander, in der Mitte bohrten sich Maschinen- gewehrwagen mühsam vorwärts. Der Oberleutnant fluchte sich mit einem Kolonnenführer herum. Ich marschierte neben einem massigen Pferd, das mir seinen Nüsteratem in die Seite blies. Das Gewehr hatte ich auf dem Schlitten, es wurde von der Bedienung getragen. Ich weiß nicht, warum ich beim Abmarsch von der Stellung gerade die SMK-Munition zum Tragen ausgesucht hatte. Auch eine Leuchtpistole hing an meinem Koppel. Die Kästen waren schwer, ich hatte keinen Tragegurt. So legte ich den einen Kasten auf die Deichsel des neben mir stapfenden Pferdes. Fast nickte ich im Gehen ein. Die schmerzenden Füße wollten sich kaum heben. Ich hatte einen eklen Geschmack im Munde, die Kleider klebten am Körper, die Kästen zogen die Arme schwer hernieder. Wir tappten alle wie blind voran. Fast jedes Sprechen war verstummt. Nur die Räder knarrten, und das dumpfe Geräusch vieler Schritte lullte ein. Wir stießen ins absolute Dunkel. Wir stießen direkt auf das schwarze Tor zu, das auf einmal den Rachen öffnet und uns aus spritzenden Rohren Feuer entgegenknallt. Der Gaul neben mir kracht hoch, der Kasten fällt, die Deichsel knirscht und bricht, ich werde beiseite geschleudert, stürze, rolle in den Graben — was ist das, was ist los — Überfall? Die Pferde donnern schnaubend zurück durch brandendes Geschrei. Auf der Straße wälzen sich Leiber, eine glühende, zuckende Schlange züngelt nach vorn — durch die Schwärze zieht sich eine Reihe flimmernder

Gedankenstriche — ah, denke ich, Leuchtmunition, zwei, drei, vier solche Schlangen, hoch oben zwit- schern sie über uns weg, es rattert nervös. «Ich bin verwu-u-undet», lang hingezogen stöhnt es neben mir, ich stoße gegen eine weiche Masse; — da ist mein Gewehr, den Kasten habe ich noch in der Hand. Einer greift zu, wir wuchten das Gewehr hoch, schieben es auf den Grabenrand. Da steht das dunkle Tier, ein schwarzes Ungeheuer, dicht vor uns sprüht es feuerrot und knatternd — wir sind im toten Winkel, blitzschnell freut es sich in mir, wir haben ja SMK-Munition, den Gurt hinein, der Lauf fliegt rum, ich drücke los, es knallt — da ist das Ziel, hinein in die dunkle Masse — schon ist es still, das Vieh; nun sehe ich, daß Schmitz es war, der mir half, er drängt mich weg. Ich verstehe ihn sofort, er wird mich mit dem Gewehr decken. Sofort setzt das Ungetüm wieder feuernd ein. Ich krieche ein Stück rechts, stoße auf einen Kerl, der mir, begreifend, fast zuvorkommt. Schmitz knallt los, wir springen auf, einen, zwei, drei Schritt vor — abziehen, weg damit, abziehen, Nummer zwei, es kollert, rollt, tänzelt, stößt gegen hartes Eisen — ich reiße die Leuchtpistole raus, Rakete aus der Hosentasche, der Lauf schnappt ein, Arm vor, los — es zischt — weg, zurück, ein metallenes Bersten, auf mich purzelt der Kerl, schlägt in den Graben — blendend weiß sprüht es auf. Im Nu öffnet sich ein Vulkan, schneeweiße Qualmballen stößt die Erde aus, eine weißglühende Wand baut sich auf, eine Hitzewelle dörrt uns den Atem, der Panzerwagen brennt. Ein irrsinniger, gurgelnder Schrei, zwei torkelnde Gestalten, brennend, schlagen mit fuchtelnden Armen, purzeln in den

Graben. Es ist taghell. Es ist totenstill. Gespenstisch steht die glühende Wand allein. Am Grabenrand liege ich und bohre den Kopf in den nassen Boden. Fast als hätte man mir alle Sehnen durchschnitten. Am liebsten hätte ich geschlafen. Aber Schmitz steht über mich gebeugt und fragt, ob ich eine Zigarre habe für die beiden Engländer, die sich aus dem brennenden Panzerwagen gerettet haben. Die stehen, zerfetzt und blutig und verbrannt, und sehen mit toten, rotgeränderten Augen still vor sich hin. Die Straße wird lebendig. Wir gehen zurück, die Engländer zwischen uns. Meinen Gummiumhang vermisse ich erst dicht vor der gestürmten Stellung. Und ich wollte um den einzigen materiellen Gewinn dieses Tages nicht betrogen sein. Der Umhang war meine Beute. Am Panzerwagen muß das Ding noch liegen. Die Kompanie soll auf dem Friedhof in Bereitschaft liegenbleiben. Zwischen den Grabkreuzen stelle ich mein Gewehr auf, die Leute hauen sich völlig erschöpft sofort hin, zwischen die zerwühlten Gräber. Ich rüttele den knurrenden Schmitz am Arm und sage ihm Bescheid. Dann stapfe ich auf der dunklen Straße dem glühenden Punkt zu. Der Gummiumhang nahm den ganzen Raum meines Denkens ein. In ihm verdichtete sich ein Traum von Wohlleben und Bequemlichkeit. Seine sammetweiche Innenhaut, die zeitweilig meinen bloßen Nacken streichelte, hatte mich erregt beglückt. Ich dachte mit Freuden daran, daß er schmiegsam war, daß ein Umhüllen mit ihm der Umarmung einer gepflegten Frau gleichen mußte. Das Bewußtsein, daß er aus England stammte, ließ mir gleich die Vision der

pfirsichzarten Haut einer englischen Schauspielerin erstehen, die ich in Deutschland als Kind einmal gesehen hatte. Sicherlich hatte der Umhang einem Offizier gehört. Der Unterstand, in dem er lag, war recht geräumig gewesen. Vielleicht hatten englische Offiziere in ihm gehaust. Die Engländer stellten eine große Anzahl Führer für die Letten. Wie der Tommy aus dem Panzerwagen mich so tot und leer angesehen hatte! Teufel, das muß ein peinliches Gefühl gewesen sein, in den dumpfen Stahlkammern des Panzers, als die Geschichte glühheiß aufbrannte. Da lag das Ungetüm wieder vor mir, seine Wände glühten noch schwach. Welch eine Idee, mutterseelenallein den nächtlichen deutschen Vormarsch aufhalten zu wollen! Ich näherte mich der ungeschlachten, viereckigen Kiste, schon im weiten Umkreis stank es nach verbrannter Farbe und nach verkohltem Fleisch. Ich griff ein Gewehr aus dem Graben, das dort lehnte, und stieß mit dem Lauf sachte gegen die heißdünstende Wand. Ich ging rund um den Wagen, da war auf der anderen Seite die Panzertür offen, hing in verbogenen Scharnieren. Ich sah vorsichtig hinein. Ein Wirrwarr von Gestängen und Eisenteilen. Auf dem Boden eine schwärzliche, verkrustete, verkohlte Masse. Dies war wohl ein Mensch. Ich stieß mit dem Lauf des Gewehrs unsagbar neugierig hinein. Es zischte etwas, die Außenhaut brach, das Gewehr fuhr tief hinein — es war, als bewege sich der Klumpen. Augenblicklich stieg mir der Magen zum Halse. Ich fuhr zurück vor widerlichem Gestank, Pest und Verwesung, taumelnd wandte ich mich ab.

Ich machte mich daran, meinen Umhang zu suchen. Da kommen von hinten Schritte aus dem Dunkel. Eine Gruppe versprengter Bayern macht im schwachen Lichtschein halt. Sie suchen ihr Bataillon. Das liegt als einziges weit vorn. Einer sagt, sie hätten den Bescheid gekriegt, bis zum Bahnwärterhäuschen vorzumar- schieren, dort müßten Teile des Bataillons liegen. Wo denn das sei, in dieser gottverdammten Dunkelheit fände sich kein Mensch zurecht. Ich kannte das Gelände vom Maivormarsch auf Riga her. Ich versuchte zu beschreiben, wo die gesuchte Stelle war. Die Bayern stehen unschlüssig herum. Ob es noch weit sei. Und ob ich nicht mitgehen könnte, um sie zu führen. Ich überlege. Sehr weit ab konnte es nicht sein. Die Bayern verlaufen sich in dieser barbarischen Dunkelheit sicherlich und rennen am Ende den Letten in die Finger. Der Wald zwischen Straße und Eisen- bahndamm ist sehr unübersichtlich. Aber vielleicht genügt es, bis zur Bahn vorzudringen und dann am Geleise entlangzugehen. Bis zur Bahn will ich die Bayern schon bringen. Den Umhang kann ich wohl auf dem Rückweg oder am Morgen in aller Frühe holen. Einer bietet mir Schnaps an. Das brennheiße Zeug gurgelt mir die Kehle herunter. Ich bin im Augenblick wieder frisch. Also, ich gehe mit. Der Wald war voller Geheimnisse. Wir waren entsetzlich einsam, und es kam uns fast wie eine Erlösung vor, als wir plötzlich Schüsse hörten, vorne an der Straße oder am Bahndamm, dort, wo das Bayern- bataillon liegen mußte. Der Lärm dieser Schüsse hatte etwas Aufgeregtes, seltsam Vibrierendes. Wir machten augenblicklich und ohne Kommando allesamt eine

scharfe Linkswendung und rannten, wie magnetisch angezogen, auf den Lärm zu. Zweimal hieb ich mit dem Kopf an Bäume, ich stolperte über Wurzelwerk und Geäst, von den anderen hörte ich ab und zu nur das Geräusch, mit dem sie gleich mir durch das Dickicht knackten. Bald knatterte es ununterbrochen an fünf, sechs verschiedenen Stellen. Einzelne Geschosse pfiffen schon matt vorbei und zerknallten an den Stämmen. Vorn das Bataillon mußte in schwerem Gefecht liegen. Wir konnten deutlich die feindlichen und die deutschen Abschüsse voneinander unter- scheiden. Das Bataillon rang anscheinend gegen eine ungeheure Übermacht. Wir rannten wie gehetzt nach vorn. Dabei mußten wir wohl nach rechts abgekommen sein, denn plötzlich tauchte neben mir die niedere Böschung des Bahndammes auf. Drei, vier Mann und ich kletterten hinauf und jagten dann zwischen den Schienen weiter, indes die anderen an der Böschung entlangliefen. Links vorne steigerte sich der wüste Lärm, einzelne langgezogene Schreie tönten. Schon sah ich das Aufblitzen der Schüsse. Da war ein Weg, der über die Bahn führte, da das Bahnwärterhäuschen. Wir rannten darauf zu. Uns pfiffen die Geschosse um die Ohren. Wir wurden, als wir polternd in den kleinen Hof stürzten, scharf angerufen. Eine kleine Gruppe Bayern lag hier und feuerte hinter einem Stapel Bahnschwellen hervor. Auch ein leichtes MG war da. An der Hausmauer lagen drei Verwundete, der eine rief mich an, erzählte wirr und stockend von Überfall und schweren Verlusten. Einer kam um die Ecke geschossen und schrie keuchend, wir sollten am Bahndamm weiter vorstoßen, dort müßte etwa 300

Meter weiter noch ein Haus sein, das sollten wir besetzen und den Letten in der Flanke packen, damit das Bataillon an der Straße etwas Luft kriege. Ich lief gleich los, meine Bayerngruppe nach rascher Verständigung hinterdrein. Die Bahn machte bald eine sanfte Schwenkung nach links; ich wußte, daß sie etwas weiter vorn, dort, wo sich das nächtliche Gefecht am lautesten gebärdete, die Straße kreuzen würde. Unschlüssig stand ich eine Weile still, indes im Wald hallend die Schüsse krachten. Da sah einer halbrechts vorn ein Licht. Das mußte das Haus sein; wir schlichen darauf zu, über eine Lichtung, durch eine karge Baumreihe, über freies Feld. Ein Kranz aufleuchtender blauer Punkte zeigte, wo etwa der Feind zu suchen war. Der Waldrand war wohl zum Teil von den Unseren besetzt. Wir schlichen auf die dunkle Masse zu, aus der verlassen und verloren ein rötlich erleuchtetes Fensterchen in die Nacht blickte. Am Wegrande flitzten wir auseinander zu kurzer Schützenlinie und rannten dann los, stießen gegen eine Hofmauer, fanden ein Tor; ich donnerte mit den Absätzen gegen das Holz. In sekundenlanger, atemloser Pause hörten wir eilige Schritte sich entfernen, eine schwache Stimme rief. Wir brüllten: «Aufmachen!» aber nichts rührte sich mehr außer der Stimme, die «Hilfe» stöhnte. Da warf sich einer gegen das Tor, einer hieb mit dem Spaten ein ungefüges Schloß herunter, bis das Holz zersplitterte. Mit vorgehaltenen Gewehren drangen wir in den Hof. Auf einem Misthaufen lag, vom schwachen Lichtschein des Fensters getroffen, ein Soldat mit offenem, blutgetränktem Rock. Er brabbelte stöhnend und bewegte schwach die Hand. Das ganze Haus schien

von dumpfen, bebenden Geräuschen erfüllt zu sein. Ich wurde auf einmal todmüde und wußte mit eisiger Klarheit, daß an dieser Stätte Entsetzliches vorgefallen sein mußte. Ganz stark spürte ich den lähmenden und betäubenden Dunst, der mir bei Beginn des Tages als der Atem dieser Landschaft und dieses Krieges erschienen war. Aber jetzt war er mit süßlich-fauligem Blutgeruch untermischt. Ich stützte mich auf mein Gewehr, und es war mir, als könne ich zu keiner Bewegung mehr erwachen. Ich hörte das Aufbrüllen des einen Bayern, der plötzlich mit pfeifender Stimme an mir vorbeilief, auf die Haustür zu. «Schweine», keuchte er, «Schweine, diese Schweine», und warf sich mit Wucht gegen die Tür, die sofort nachgab. Sein Schreien — ein wildes, langgezogenes Gurgeln aus fast gewaltsam zu- geschnürter Kehle — tönte aus dem Haus, Gepolter und Stoßen, als taumele er umher. Und dann noch ein Schrei, der sich aus dumpfer Tiefe zum höchsten Diskant erregend hinaufschraubte und den dunklen Haufen vor der Tür in wirre Bewegung brachte. Mir war, als platze mir eine Ader an der Schläfe, als koche mein Blut plötzlich auf. Wir stürmten in die Tür, ein widerlicher Gasdunst schlug uns entgegen und hüllte die Lunge wie in einen feuchten Lappen. Es war, als risse mir eine in den weitgeöffneten Mund gestoßene Faust den Magen zur Kehle. Im Flur lag eine Leiche, ich stolperte über ein Paar Stiefel und sank mit den Knien auf ihren Leib. Da tastete die vorgeschnellte Hand in ein Geschling feuchter, klebriger, glitschiger Gedärme. Entsetzt fuhr ich zurück. Aber der brandende Ruck des Blutes, das nun meine Hand netzte, schlug

wie eine Welle über mir zusammen und wischte alle Hemmung weg. Ich raste auf plötzlichen Lichtschein zu. Da lagen sie — ja, da sah ich, was ich wußte, da lagen sie, auf stinkendem, blutbespritztem Stroh, mit zerhauenen Schädeln, aus denen glasig verdrehte Augen stierten, mit zerfetzten, schwärzlich-roten Kleidern, mit zerschlitzten Bäuchen, verrenkten, abgedrehten Gliedern, — hier lag allein ein Kopf, aus dessen einziger, scheibenförmiger Wunde schwarzes Rinnsal eine zerschluchtete, schwammige Masse schuf, dort klebte graues, von feinen roten Äderchen durchzogenes Hirn in dicken Platschen an den Wänden. Aus offenem Schlund tropfte das Blut in den Rachen, und das gab einen schnarchenden Ton an die Stille ab, an die tödliche Stille, in der wir erstarrt standen. Wir standen und sahen, schauten mit harten, gebannten Augen auf die Leichen, aus deren jeder eine furchtbare Wunde blühte — dort, aus dem Wust und Schwulst herabgezerrter Kleider und Wäsche, im Zentrum jedes Leibes, zwischen Lende und Schenkel. Dies alles, dies und noch unendlich viel mehr ballte sich in einem einzigen Bild, zwang sich in eine Sekunde, hämmerte sich mit einem Schlage für alle Ewigkeit in mein Hirn. Und nun schrien wir alle los. Ich sah durch rote Schleier, wie der eine einen Schmiedevorschlaghammer packte, der blutbesudelt in der Ecke lag, aufbrüllend auf die Tür stürzte, wir wandten uns hinaus, wir quetschten uns in die Tür, scheuten in den Hof. Draußen knallte in der Nacht noch immer das Gefecht. Wir aber kümmerten uns nicht darum, wir stellten keine Posten aus, wir legten uns nicht in Deckung, wir vergaßen Auftrag und Befehl,

wir rannten durch den Hof und stießen in jeden Winkel hinein, durchrasten jede Kammer des Hauses, fegten durch den Stall und die Scheune, bereit, alles zu morden, was uns lebendig in die Finger fiel, alles kaputtzuschlagen, was sich unseren Blicken bot. Da zerrten sie unter Wagengerümpel einen Kerl hervor, einen alten, langen, wimmernden Panje, und ehe der taumelig auf beiden Füßen stand, schmetterte ihm der Vorschlaghammer auf den Kopf, daß er zusammen- sackte wie ein Tuch. Da fiel die Kuh im Stall nach einem sinnlos hingeknallten Schuß, da traf ein Kolbenschlag den kleinen, struppigen Hund und zermalmte ihn zu blutigem Brei — es klirrten Bilder von den Wänden, ein Spiegel fiel, die Töpfe krachten scheppernd auf den Stein, die Türen der Kommoden barsten, daß Stoff und Plunder quoll. Die Stühle splitterten gleich wie der Tisch. Erst als der Lärm des nächtlichen Gefechtes wieder lauter zwischen das Klirren der Zerstörung tönte, erst als der rote Rausch im Fusselregen auf dem Hof sich dämpfte, besetzten wir die Mauer, fiebernd, heiser, mit schlagenden Pulsen, und jagten sinnlos, nur um unsere wilde Spannung zu lösen, Schuß auf Schuß in die Nacht, dorthin, wo das Geknatter nicht abreißen wollte, wo der Feind liegen mußte. Erst in den Vormittagstunden kam ich mit den Resten des zusammengeschossenen Bataillons Berthold in die Friedhofstellung zurück. Meinen Gummiumhang hatte ich nicht mehr gesucht. Ich legte mich auf ein Grab und schlief, bis mich der Lärm des Gegenangriffs weckte.

Endkampf

Etwa 500 Meter vor dem Friedhof erstreckte sich ein langer, schmaler See parallel der Stellung bis dicht an die Straße, da, wo das ausgebrannte Panzerauto stand. In etwa 3000 Meter Entfernung lagen rechts und links der Straße einige Gehöfte. Dort mußte der Lette stecken. Rechts der Straße bis zum Bahndamm zog sich bis zu den Gehöften ein Waldstreifen hin. Links der Straße war das Gelände mit Gebüsch bedeckt wie ein zerrupfter Teppich. Leutnant Kay bekam den Auftrag, mit einer Gruppe Hamburger und zwei Gewehren die schmale Senke zwischen See und Panzerauto zu besetzen. Wir machten uns auf den Weg. Das dichte Gebüsch war uns beim Tragen der schweren Gewehre sehr hinderlich, und wir kamen nur langsam vorwärts. Darum gedachte ich, entgegen ausdrücklichem Befehl, auf die Straße zu klettern und dort weiterzumarschieren. Ich winkte also der Bedienung und wandte mich nach rechts. Am Chausseegraben drehte ich mich um, bereit, den Trägern des Gewehres zu helfen; da stand der Schütze drei, Gohlke, mit weitgeöffnetem Mund und starrte längs des Grabens nach vorn. Ich riß meinen Kopf herum, und ein Eiskloß rann mir langsam vom Hirn bis zur Sohle; denn 30 Meter vor uns war das Gebüsch lebendig und im Graben rückten in unabsehbarer Reihe die Letten an. Ich schrie auf,

Gohlke schmiß das Gewehr hin, in Gedankenschnelle war der Gurt im Zuführer und ich konnte gerade noch vor der Mündung beiseite springen, da knatterte Gohlke auch schon los. Und vorne warf Kay eine Handgranate, und im Augenblick blitzte es auf beiden Seiten prasselnd auf. Wir waren mitten in den Gegenstoß hineingetapert. Die folgenden Sekunden ließen, trotz unbe- schreiblicher Verwirrung, erkennen, daß die Letten schon über den Punkt, den wir besetzen sollten, hinausgedrungen waren und nun dichtgedrängt im Busch der schmalen Senke liegen mußten. Es peitschte mit einem widerlichen und entnervenden Laut durch die Sträucher, kleine Äste und Blätter flitzten uns um die Ohren, und rechts, links und überall spritzte der Sand. Gohlke jagte einen Gurt um den anderen durch; wir hatten glücklicherweise gehörig Munition mitgenommen. Nun wurde hinten der Hügel auch lebendig. Wir hörten eine Reihe der dunklen Minenabschüsse, und unsere Batterie setzte eine Lage haargenau 30 Meter vor uns hin. Jetzt rasselten auch die Maschinengewehre des Friedhofes, aber sie schossen zu kurz, und wir lagen nun glücklich in zwei Feuern. Ich schrie und winkte wie verrückt nach hinten, doch nun wurde es noch toller. Anscheinend dachte die Besatzung des Friedhofes, der da winke, sei ein Lette; es prasselte um uns herum; durch unser Winken erkannten die Letten die Stelle genau, wo wir lagen, und nun schien die Luft vie zerschnitten zu kleinen Schnipfelchen, die unablässig auf uns herabregneten. Von hinten kam Sperr- und Vernichtungsfeuer aus allen Läufen und Rohren. Wir sahen im Busch die

schweren Ballen der Einschläge dicht aneinander- gereiht. Wir hörten grelles Geschrei sich in das Krachen mischen. Wir spürten, wie vorne flatternde Bewegung entstand. Doch ging der Lette nicht zurück; er drängte vor. Endlich hatten die auf dem Friedhof gesehen, wo wir lagen, und legten das Feuer nach vorn. Ich hatte keine Schußwaffe mitgenommen. Nichts ist zermürbender, als in solcher Lage untätig zu sein. Neben mir lag der Schütze Murawski, aber er schoß nicht, der Bursche; er hatte sein Gewehr neben ich liegen, den Kopf in den Erdboden gepreßt und schoß nicht. Ich knuffte ihn, er sah hoch. «Was schießt du nicht?» schrie ich ihn an. Er schrie bleich zurück — ich hatte Mühe, ihn zu verstehen —: «Ich muß was Schädliches gegessen haben!» und sah mich vorwurfsvoll an. Ich mußte lachen und beruhigte mich im Lachen etwas und forderte sein Gewehr und Patronen. Ich schoß nun, entspannte mich, und als ich nach wenigen Minuten zu Murawski hinsah, war er tot. Allmählich schien das Feuer des Gegners unsicher zu werden. Es war die höchste Zeit, denn unsere Munition ging zu Ende. Kay, der einige Meter voraus dicht am See im Busch lag — ich konnte gerade noch ein Stückchen seines hellen Mantels sehen —, erhob sich plötzlich und prang mit geschwungener Handgranate vor. Ein paar der Hamburger folgten ihm. Ich hörte die Detonationen im schwächer werdenden Feuer der Minenwerfer und Artillerie. Wir ließen das Gewehr im Graben stehen und rannten Leutnant Kay nach. Von hinten kam Verstärkung. Wir jagten Leucht- kugeln hoch, und die Einschläge wanderten vor uns her. Nach wenigen Schritten stießen wir auf die ersten

Toten. Und nach wenigen weiteren Schritten war es schwer, eilig zu gehen, ohne nicht unversehens auf noch warme Leiber zu treten. In dem schmalen Strich vom See zum Panzerauto zählte ich allein über zwanzig tote Letten. Überall stöhnten Verwundete. Am Nordrand der Senke erhielten wir MG-Feuer, und die Gruppe Kay zog sich zurück, der Verstärkung den Nachstoß überlassend. Wir hatten vier Tote. Kays Mantel wies sieben Einschüsse auf. Das Gewehr Schmitz war demoliert, Schmitz selber hatte sich im heißen, hervorsprudelnden Wasser seines eigenen Gewehres die Hand verbrüht. Von den Hamburgern war nur einer völlig unverwundet. Die toten und gefangenen Letten waren sämtlich ganz neu eingekleidet, hatten englische Gewehre und englisches Koppelzeug. Unter den Gefangenen war ein Offizier, ein früherer lettischer Schullehrer. Er war verwundet und hatte einen Nervenschock. Gefragt, wollte er Auskunft geben, aber ein lettischer Soldat mit blutendem Armstumpf schrie ihm drohend etwas zu, und er schwieg vertattert. Der lettische Gegenangriff war restlos zusammen- gebrochen. Wii strichen den ganzen Nachmittag im Vorgelände herum, ohne einer Schuß zu tun. Wir verstanden nicht, warum wir nicht sofort nach Riga hineinstoßen sollten. Doch im Südosten wurde noch heftig gekämpft wir hörten blubberndes Geschützfeuer. Es kam Nachricht vom Norden. Dort waren die Russen an der Küste nach unzähligen Kleingefechten im Dünengewirr bis zur Düna vor- gedrungen. Bei Bolderaa sahen sie die englische Flotte in der Rigaer Bucht mit drohend erhobenen Breitseiten

liegen, und sie sahen, wie vier lettische Dampfer eilig über die Düna hin- und herfuhren, um die geschlagenen lettischen Abteilungen überzusetzen. Die Russen nahmen diese Dampfer sofort unter Feuer. Da sank von den Masten der Schiffe der Union Jack, und die lettische Flagge ging hoch. Dann wurden die Russen durch die Salven der englischen Schiffsgeschütze mit Stahl, Feuer und Sand zugedeckt England schützte seinen treu ergebenen Knecht. In der folgenden Nacht stürmte die Deutsche Legion von Süden hei die Rigasche Vorstadt Thorensberg und sperrte die Brücken. Unser Bataillon sollte über Baldon hinaus den Dünabogen bei Üxküll in ganzer Breite säubern und halten.

Die Below-Höhe ist die letzte, ziemlich unvermittelt ansteigende Kuppe des Baldoner Hügelrückens, genannt nach dem General v. Below, der im Jahre 1917 nicht weit von der Höhe den Dünaübergang zum Angriff auf Riga erzwang. An den Hängen der Höhe liegt eine Reihe von Kriegerfriedhöfen, mitten zwi- schen Tannen und Birken. Die Straße nach Bad Baidon schlängelt sich um die bewaldete Kuppe herum, in einem Hohlweg, der flankiert ist von ziemlich hochgelegenen Gehöften. Diese Gehöfte und die Hänge der Höhe waren von einem lettischen Bataillon besetzt, als die Abteilung von Liebermann, von Baidon herkommend, gegen drei Uhr morgens auf der Straße anmarschierte, um den Dünabogen zu besetzen. Die Nacht war sehr dunkel, aber windstill und voll angenehmer Luft. Es war eine Nacht, die Lust gibt, ein Lied vor sich hinzusummen. Die Hamburger, die an der

Spitze des Zuges marschierten, taten das auch. Sie sangen, aber nicht laut, sondern mit gedämpfter Eindringlichkeit, gleichsam, als wollten sie sich hinwegtäuschen über das Staunen, das den Soldaten oft überfällt an Orten, an denen er sich plötzlich findet, ohne recht zu begreifen, wie er gerade dahin kommt. Als die ersten Gruppen die Brücke über einen dürftigen Bach betraten, machte den Soldaten das hohle, rhythmische Gepolter der Bohlen Spaß, und sie traten im Takte des Liedes vom Kurlandmädchen kräftig auf. Dann marschierten sie geruhig in den Hohlweg hinein. Sie sahen wohl die Schatten von Gebäuden droben auf dem nahen Hang, doch lag das Land in schweigender Behaglichkeit. Ich ging neben Leutnant Wuth, der auf seinem Gaule saß und sich mit mir gedämpft unterhielt. Vor uns knarrte der Wagen des Minenwerferzuges, hinter dem der Unteroffizier Schmitz neben einem durch einen Strick an den Wagen gebundenen Werfer im Gehen schlafend dahinpendelte. Und dann war auf einmal die Hölle los. Das erste, was ich sah, war, daß Leutnant Wuth vom Gaul stürzte und in den Graben fiel. Der Gaul schlug um sich und legte sich dann hin. Ich sprang in den Graben zu Wuth und fragte, ob er verwundet sei. Doch saß er aufrecht an der Böschung und tauschte sorgsam die Feldmütze mit dem Samtbarett, erklärend, er vermute, es würde jetzt wohl ein Gefecht geben. Das zweite, was ich sah, war, daß der Unteroffizier Schmitz das Seitengewehr aus der Scheide riß und mit einem einzigen, gewaltigen Hiebe das Tau zerschnitt, mit dem der Werfer an den Wagen gebunden war. Dann schmiß er eine Minenkiste

vom Wagen, und ich stürzte hinzu und riß sie auf und griff eine Mine, die er entsicherte und sofort in die Luft jagte, irgendwohin. Das dritte, was ich sah, war, daß die Kolonne in vollständiger Panik durcheinanderlief. Leutnant Wuth rannte fluchend und mit der Reitpeitsche um sich hauend die Straße entlang, aber nach vorn und schrie: «Hinlegen! Schießen!» Als die erste Mine krachte, war für einen Augenblick völlige Stille, und ich hatte das Gefühl, als dächte jeder, — was? unser Minenwerfer schießt ja, dann kann es nicht so schlimm sein. Schmitz aber feuerte nun Schuß auf Schuß, und dann setzte das Gewehr Hoffmann ein, und dann lagen die Hamburger im Graben, hinter den Wagen und toten Pferden und schossen, und im Lärm unseres Feuers erstickte die Panik sogleich. Mein Gewehr lag wohlverpackt in einem Wagen, aber ich konnte nur eine Handgranatenkiste greifen, die zuoberst lag, und steckte also mein Koppel dicht voll Handgranaten. Und dann sah ich mich um, wo ich die Dinger wohl verwenden könne. Es blitzte am häufigsten von dem steilen Hang vor den Häusern. Wir lagen eingekeilt zwischen zwei feuernden Halbkreisen, und wir bekamen von allen Seiten Dunst, außer von vorne, also außer von da, wo die Straße weiterging. Ein Zurück war ganz unmöglich, denn die Brücke mußte unter rasendem Beschuß liegen, nach den Schreien zu urteilen, die von dorther kamen. Schmitz streute mit seinem Werfer — mittlerweile waren die beiden anderen Werfer auch schon in Tätigkeit getreten — systematisch die Häuser und die Hänge ab. Ich steckte Unteroffizier Ebelt, der mit einigen Hamburgern hinter einem Wagen kauerte und

schoß, schweigend ein paar Handgranaten zu, und er folgte mir mit seiner Gruppe sofort, als ich die Straße entlang nach vorn rannte. Bald trafen wir Wuth und Kay, die beide an einem LMG der Hamburger herumarbeiteten. Wuth sah erstaunt hoch, als wir an ihm vorbeirannten und riefen: «Wir machen jetzt für uns alleine Krieg!» Ganz langsam wurde es Tag. Wir liefen ein Stück die Straße längs, dann kletterten wir den Steilhang hoch und sahen sofort die Schützenlinie der Letten, an deren linkem Flügel wir standen. Keiner hatte uns vermutet und kommen sehen. Und nun rollten wir mit Handgranaten die Linie auf. Ich konnte nicht viel sehen, ich konnte auch nicht viel hören, ich wußte nur, daß mein Körper sich nach hinten krümmte und wieder vorschnellte und daß dann eine Sprengladung aus meiner Faust flitschte und die Wucht des Wurfes mich ein paar Schritt nach vorne riß, gerade so viel, wie nötig ist, um den nächsten Wurf zu machen. Das ging ganz automatisch, genau nach Vorschrift, das war oft geübt. Ich spürte mit einer seltsamen Verzückung die Spannkraft meines Leibes, und als etwas schmerzhaft gegen mein Schienbein schlug, war doch kein Zweifel in mir, daß ich nicht verletzt oder getötet werden könne. Als eines der Häuser in Flammen aufging und den dämmernden Tag strahlhell erleuchtete, verschwanden die letzten Letten im Gehölz. Kaum waren die ausgeschwärmten Kompanien wieder zurück, als wir erneut heftig beschossen wurden. Das Feuer kam aus einem Waldstück hinter der Höhe.

Ich stand gerade mit Ebelt hinter der Feldküche und zerschnitt die durchschossene und blutende Wickel- gamasche des rechten Beines, um nach der Wunde zu sehen, als dieser zweite Feuerüberfall geschah. Ebelt sagte auf einmal: «Ich hab eine weg!», sah mich fassungslos an, drehte sich um, ließ sein Gewehr fallen, fiel langsam auf die Knie, stützte sich noch einmal mit den Händen und blickte traurig zu Boden. Dann legte er sich hin. Die Hamburger gingen vor, sofort verstummte das Feuer, und im Walde wurden nur drei tote Letten gefunden. Als ich zurückkam, kniete der Bataillonsarzt bei Ebelt und stellte glatten Herzschuß fest. Ich sagte, das sei unmöglich, und erzählte, was ich gesehen hatte. Doch der Doktor zuckte die Achseln und meinte, ich phantasiere, und untersuchte meine Schienbeinwunde. Es war nur ein Handgranatensplitter, wahrscheinlich war ich in meinen eigenen Wurf hineingelaufen. Die Hamburger hatten vier Tote, sie wurden auf den Kriegerfriedhöfen des Jahres 17 beigesetzt. Mit Ebelt begann eine neue Gräberreihe. Noch dreimal mußten wir in den folgenden Wochen eine neue Gräberreihe beginnen lassen.

Wir säuberten den Dünabogen. Wir mußten Gehöft für Gehöft nehmen und das ganze breite Stück Land Busch für Busch absuchen. Und wenn wir bis zum Strome vorgedrungen waren, dann mußten wir wieder zurück und die vor wenigen Tagen gestürmten Gesinde noch einmal stürmen. Denn das Bataillon hatte einen Abschnitt von 12 Kilometern Front zu halten, und die Letten konnten überall durch. Wir lagen in zer-

schossenen Häusern und verfallenen Scheunen, wir gingen Tag für Tag Patrouille, wir schoben Nacht für Nacht Wache. Wir verloren den spärlichen Anschluß nach rechts und links. Wir hatten keine rückwärtigen Verbindungen, wir bekamen weder Proviant noch Sold noch Munition heran, und unsere Meldereiter mußten von starken Patrouillen bis Baidon begleitet werden. Wir wurden in vier Wochen siebzehnmal angegriffen. Wir standen an der Düna und sahen drüben am jenseitigen Ufer den Rauch der Eisenbahnzüge, die unablässig rollten, von Friedrichstadt nach Riga und zurück, vollbesetzt mit Truppen. Wir sahen das feind- liche Hinterland sich füllen mit Truppen, wir sahen die Quartiere der Letten und die Batteriestellungen und konnten sie zählen und wußten, da drüben steckt fünfmal soviel wie bei uns. Wir zogen mit unseren Minenwerfern hin und her und jagten hier ein paar Schuß hinüber und dort ein paar und schickten Leuchtkugeln in Massen in die Luft und knatterten mit den Gewehren und mimten gewaltige Macht. Aber für jeden Schuß von uns schickte der Lette zwanzig, und er schickte auch Patrouillen, die waren gleich kompanie- stark; er setzte sie nachts über, und wir mußten sie morgens wieder zurückwerfen. Wir waren bewaffnet bis an die Zähne und gerüstet bis ans Herz, auf drei Mann kam ein M. G., und auf zwanzig Mann kam ein Minenwerfer. Aber deswegen war das ganze Bataillon doch nur hundertsechzig Mann stark. Und die Köche und die Schreiber und die Fahrer und die Sanitäter und die Herren vom Stabe, sie lagen alle mit in der Front und schoben mit Wache und gingen mit Patrouille. Aber deswegen blieb die

Gefechtsstärke doch nur hundertsechzig Mann. Wir waren behängt mit Karabiner und Pistole und Handgranaten und Leuchtpistole. Aber dafür hatten die wenigsten von uns einen Mantel, und wenn sie einen hatten, dann gehörte er früher einem Letten. Wir gingen den Feind an, wo wir ihn trafen, gleichgültig, wie stark er über die Düna kam. Aber das Stück Land, das wir verteidigten, hatte bald kein Huhn mehr für uns, von anderem Fleisch nicht erst zu reden, und von hinten kam nichts heran. Die ersten Tage des November brachten eine schneidende Kälte mit sich und Schneegestöber. Wir wickelten uns alte Lumpen um die Körper und hüllten die Beine und die Hälse in zerfetzte Schals und be- kamen mehr Läuse, als wir jemals hatten. Wir stapften durch schneeverwehte Mulden und krochen durch weiße, tiefe, stille Wälder. Wir strichen an der Düna entlang und wir versteckten uns in bröckelnde Erdhöhlen. Wir hatten nichts zu kochen; die spärlichen, erfrorenen Kartoffeln waren nur geröstet genießbar. Unsere Verwundeten bekamen den Brand und starben. Wir hatten zwar einen Arzt, doch der lag mit im Gefecht, und wir hatten weder Verbandzeug noch Medikamente. Drüben die hatten alles. Wir lagen des Nachts in Igelstellung um irgendein Gehöft. Jede Kompanie in einer Stellung für sich und die Kompanien je drei Kilometer weit auseinander. Wurde eine Kompanie angegriffen, dann kam die Hälfte der anderen zu Hilfe, aber meist wurden zwei Kompanien angegriffen, oft auch alle drei. Wir hatten keine einzige Nacht Ruhe. Die Pferde magerten ab, denn woher sollten wir Futter nehmen; die

Küchengäule gingen zuerst ein, schwerer belgischer Kaltschlag, dann die Pferde der Bagagewagen. Nur die Panjegäule blieben munter. Die lettischen Bauern hungerten und froren wie wir, doch waren die meisten Gehöfte unbewohnt. Wir hätten jeden wegen Verrates totgeschlagen, der uns aufgefordert hätte, dem Befehl der Reichsregierung gemäß nach Deutschland zu rückzukehren. Gegen die Mitte des November begann die Düna zuzufrieren. Nur kamen die Letten ungehindert über den Strom. Nun hörten wir spärliche, aber böse Nachrichten. Bei Bolderaa setzten die Letten unter dem Schutz der englischen Schiffskanonen über und warfen die Russen zurück. Bei Friedrichstadt wurde die Deutsche Legion angegriffen, hielt sich mühsam in tagelangem Gefecht und wich dann Schritt für Schritt. Von Riga aus mißglückte ein lettischer Überfall auf Thorensberg, ohne daß die folgenden dadurch aufgegeben wurden. Wir hielten den Dünabogen. Wir standen mit klammen Gliedern, indes uns der schneidende Ostwind kältend in die Knochen fuhr. Wir machten nun unsererseits Vorstöße über die Düna, überfielen lettische Feldwachen und stießen bis zur Bahnlinie vor, die wir sprengten. Am nächsten Tage fuhren drüben die Züge wieder. Am nächsten Tage war der Lette bei uns und nahm Rache und deckte die Pionierkompanie mit allen Kalibern zu. Wir schlichen wie geprügelte Hunde, eingemummt, zerfetzt, ausgehungert, verfroren, verlaust von Feldwache zu Feldwache, wir horchten auf das dumpfe Grollen im Norden und Süden, wir sahen des Nachts die Röte über dem Himmel, dort, hinter

jenem Hügelrücken, wir standen am Uferhang und starrten mit brennenden Augen nach Riga, der Stadt.

Es kam der Befehl, wir mußten zurück. Noch am Abend vorher waren die Hamburger umzingelt und angegriffen worden, und der Lette hatte schwere Verluste. Doch am Morgen kam der Befehl und wir marschier ten zur Eckau ab. Was war geschehen? fragten wir. Unsere Offiziere konnten es uns nicht sagen. Die Meldereiter konnten es uns nicht sagen. Die lettischen Gefangenen, die die Hamburger am letzten Abend machten, die sagten es uns. Die Letten waren dicht nördlich und dicht südlich von Thorensberg durchgebrochen und umschlossen die Stadt, in der die schwache Besatzung nach allen Seiten um ihr Leben focht. Die Letten hatten bei Bolderaa die deutsche Linie weit zurückgedrückt und bei Friedrichstadt waren sie weit im Vorrücken. Die Esten hatten den Letten Verstärkungen gesandt. Die Bolschewiken hatten einen kurzen Waffenstillstand zugesichert. Die Litauer hatten der russischen Westregierung, das heißt also uns, den Krieg erklärt und den schwachen Bahnschutz unserer einzigen Rückzugsader unvermutet angegriffen; und bei den Letten und Esten und Litauern rollte Englands Geld.

Da kam Roßbach. An der Weichsel beim Grenzschutz erreichte ihn unser Ruf. Er kündigte der Regierung den Gehorsam und brach mit seinem Freikorps nach dem Baltikum auf. Eine Abteilung Reichswehrjäger stellte sich ihm entgegen, auf Befehl Noskes. Doch die Jäger schlossen sich Roßbach an. Die Roßbacher marschierten durch Ostpreußen, sie kamen

zur Grenze. Sie überrumpelten die Grenzbesatzung und marschierten nach Litauen hinein. Litauische Abteilungen sperrten ihnen den Weg; sie räumten sie in hurtigen Gefechten weg. Sie erreichten die Bahn und setzten sie instand. Sie fuhren bis Mitau und hörten von der Schlappe in Thorensberg. Sie traten vom Zuge aus an und stürmten im Eilmarsch vor. Sie nahmen die zurückflutenden Abteilungen auf und stießen dicht vor der Stadt, nach wahnsinnigem Marsch, auf den Letten. Und sie entwickelten sich aus der Marschkolonne heraus zum Sturm, und zum ersten Male im Baltikum erklangen die Hörner und jubelten das Infanteriesignal zum Avancieren. Roßbach stürmte. Roßbach fuhr in die sieges- trunkenen Letten und raste in die Stadt hinein und warf Feuer in die Häuser und prallte gegen geballte Kolonnen und zersprengte sie und hieb die verzweifelt fechtenden Umzingelten heraus und führte sie zurück. Aber Thorensberg war und blieb verloren. Die deutsche Regierung sandte fürsorglich einen General, der die Baltikumer nunmehr an den mütterlichen Busen der Heimat zurückbringen sollte. Unter seinen Salonwagen flogen Handgranaten. Die Letten folgten uns sofort. Kaum hatten wir einen Wald verlassen, dann bewegten sich schon die schneestäubenden Zweige der Bäume hinter uns, und es knatterte uns um die Beine. Wir hieben nach rechts und nach links, wir verhielten an jeder Ecke, an jedem Waldstück, an jedem Bach. An der Eckau krochen wir in brandgeschwärzte Ruinen und wendeten alle Rohre dem nachdrängenden Letten zu. Und es schneite, schneite, schneite.

Wir machten den letzten Stoß. Ja, wir erhoben uns noch einmal und stürmten in ganzer Breite vor. Noch einmal rissen wir den letzten Mann mit aus der Deckung und stießen in den Wald hinein. Wir rannten über die Schneefelder und brachen in den Wald. Wir knallten in überraschte Haufen und tobten und schossen und schlugen und jagten. Wie trieben die Letten wie Hasen übers Feld und warfen Feuer in jedes Haus und pulverten jede Brücke zu Staub und knickten jede Telegraphenstange. Wir schmissen die Leichen in die Brunnen und warfen Handgranaten hinterdrein. Wir erschlugen, was uns in die Hände fiel, wir verbrannten, was brennbar war. Wir sahen rot, wir hatten nichts mehr von menschlichen Gefühlen im Herzen. Wo wir gehaust hatten, da stöhnte der Boden unter der Vernichtung. Wo wir gestürmt hatten, da lagen, wo früher Häuser waren, Schutt, Asche und glimmende Balken, gleich eitrigen Geschwüren im blanken Feld. Eine riesige Rauchfahne bezeichnete unseren Weg. Wir hatten einen Scheiterhaufen angezündet, da brannte mehr als totes Material, da brannten unsere Hoffnungen, unsere Sehnsüchte, da brannten die bürgerlichen Tafeln, die Gesetze und Werte der zivilisierten Welt, da brannte alles, was wir noch vom Wortschatz und vom Glauben an die Dinge und Ideen der Zeit, die uns entließ, wie verstaubtes Gerümpel mit uns geschleppt. Wir zogen zurück, prahlend, berauscht, mit Beute beladen. Der Lette hatte nirgends standgehalten. Aber am nächsten Morgen war er wieder da. Die Russen im Norden waren weich und gaben nach. Im Süden die Deutsche Legion, die ein riesiges Gebiet zu decken

hatte, ließ Lücken, in die sich der Lette hineintastete. Eine ungeheure Zange bedrohte Mitau. Es kam der Befehl, wir mußten zurück. Die Wagen reichten nicht mehr. Die Pferde starben. Wir hatten die Wahl, unser Gepäck weiter mitzu- schleppen oder die Minenwerfermunition. Wir warfen das gesamte Gepäck auf einen Haufen, Tornister und Schreibstubenkram, Ausrüstungsgegenstände und Beute. Wir steckten den Haufen an, packten die Minen auf die Wagen und fuhren ab.

An der Aa verteilten sich die Reste der Kompanien. Ich bekam eine Feldwache in einem Gehöft an einer Biegung des zugefrorenen Flüßchens. Wir waren zehn Mann, drei Panjewagen, zwei MGs, ein Minenwerfer. Vor uns der Wald, rund um uns freies Feld, nordwestlich lag Mitau wie ein breiter, verschwom- mener, verblaßter Tintenfleck auf weißem Löschpapier. In der Nacht wurde die Feldwache rechts von uns überfallen. Wir funkten dem Angreifer in die Flanke, und er mußte zurück. Am frühen Morgen war der Lette vor uns im Wald. Wir schliefen dichtgedrängt um ein kärgliches Feuerchen, das uns Ruß und Rauch auf die schmutzigen Gesichter legte und die Tränen in die rotgeränderten Augen trieb. Es weckte uns das Geprassel gegen die dünnen Mauern des Hauses. Wir lagen hinter Schneehügeln und feuerten. Wir kauten vereistes Brot und schossen. Wir bekamen Feuer von drei Seiten, von allen Kalibern bis zu den russischen 18-Zentimeter-Brocken. Wir hatten keine Verbindung zu den anderen Feldwachen mehr. Wir sahen, wie in Mitau die Lagen einschlugen, wie ein

leichter Schleier sich über der Stadt bildete, wie sich der Schleier verdichtete zu schwerem Rauch, wie der Rauch einen roten Kern bekam, viele rote Kerne, wie sich die Kerne zusammenschlossen zu einem einzigen roten Meer. Und wir lagen den ganzen Tag und schossen. Der erste, der fiel, war Gohlke. Er lag hinter seinem Gewehr und bekam einen Kopfschuß, der ihm die ganze Hirnschale wegriß. Dann fiel ein Hamburger; ein Ratscher zerschlitzte ihm den Bauch. Als der Abend sank, wurde der dritte, ein Minenwerfer, schwer am Bein verwundet und verblutete unter langanhaltendem Stöhnen, da keiner ihm helfen konnte. Wir hatten längst keine Verbandpäckchen mehr, und jedermann wurde an der Waffe gebraucht. Und Mitau brannte. Und der Lette jagte Schuß auf Schuß zu uns. Aber er jagte keinen Schuß mehr nach Mitau hinein. Da wußten wir, daß Mitau vom Letten genommen war. Wir lagen einsam im Feld und schossen. Es wurde nicht dunkel, denn die Fackel Mitau färbte den nun zerwühlten Schnee mit rosigem Schein. Der Minenwerfer schoß unentwegt. Noch lagerten etwa zwölf Minen im Schutze des Uferhangs der Aa, dort, wo auch die bespannten Wagen standen. Da kam Leutnant Kay angeprescht, hoch zu Roß. Er stürzte in den Hof, indes das Dach des Hauses in Flammen aufging und die Mauer bröckelte. Er schrie uns zu:

«Sofort zurück! Mitau ist von den Letten besetzt! Wir können noch am Bahnhof durchstoßen und die Straße nach Schaulen erreichen. Das Bataillon ist längst

abgerückt!» — der Melder, der uns holen sollte, war nicht angekommen. Wir gingen nicht eher, als bis die letzte Mine abgeschossen war. Wir schleiften den Werfer auf das Eis des Flusses, und indes die Gewehre und die Munitionskästen auf die Wagen flogen, feuerte der Werfer nach allen Richtungen. Ich überzeugte mich, daß nicht ein Knopf liegenblieb. Die Toten luden wir auf einen Wagen. Die Verwundeten, vier an der Zahl, setzten sich dazu. Wir schoben die gleitenden Pferde und rutschenden Karren mühsam über das Eis und hoben sie fast an der jenseitigen Böschung hoch. Wir waren mit Kay noch fünf intakte Kämpfer. Die Geschosse peitschten mit widerlichem Pfeifen das Eis. Als die letzte Mine triumphierend in den Waldrand hieb, steckte ich eine Handgranate in den Lauf und zog ab. Dann rannte ich los. Der Werfer barst mit heulendem Knall. Den Wagen mit den Verwundeten nahmen wir in die Mitte. Vorne und hinten lag schußfertig ein MG auf dem Gestänge. So lösten wir uns vom Feind. Bis kurz vor Mitau verfolgte uns das Zischen der Geschosse. Dann holperten wir schweigend der Stadt zu. Die ersten Häuser waren bald erreicht. Kein Mensch war auf der Straße; wir knatterten gespenstisch über das Pflaster. Der hohle Lärm aus der Innenstadt verfing sich in der schmalen Zeile und prallte an alle Ecken. Plötzlich ruckte der vorderste Wagen los. Aus einer Seitenstraße kamen einzelne Letten, ihre Schatten zuckten im Flackerscheine brennender Häuser. Wir rasten im Karracho an ihnen vorbei. Sie stoben überrascht auseinander und pfefferten uns flirrende

Schüsse nach. Und da lag der Bahnhof, und dort geht es zur Chaussee. Kay auf seinem Gaul hob den Arm, als kommandiere er eine Batterie zum Trab, wir peitschten auf die Pferde und sahen nicht rechts und nicht links. Aber am Bahnhof standen Letten, sie schrien und johlten und waren wahrscheinlich betrunken. Wir rasten vorbei. Kurz bevor wir die Chaussee erreichten, fiel ich vom Wagen. Ich raffte mich mühsam hoch und lief verzweifelt hinter den anderen her. Die Straße war unbesetzt. Das Dunkel verschluckte uns. Ich war wohl der letzte deutsche Soldat, der Mitau verließ.

Drohung

Dieselbe eigentümlich klare und heitere Leichtigkeit des Empfindens, die dem Kämpfer nach starkem Blutverlust plötzlich das Bewußtsein der Schwäche und die Müde der Glieder durch den hohen Genuß einer gleichsam unpersönlichen Betrachtung der Umwelt aufhebt, ließ auch uns sogleich nach dem Überschreiten der Grenze Deutschland wie durch geschliffenes Glas sehen. Die Fremdheit dieser Erde und dieser Menschen dämpfte sofort die Wirklichkeit unserer Entschlüsse, wie sie gleichermaßen das krause Geäst eben erst erlebter Geschehnisse in einen beschatteten Hintergrund drängte. So stießen wir mit unserem entschiedenen Rachewillen in einen leeren Raum und verloren den heißen Atem unserer blinden Gelüste in

der dünnen und kühlen Luft des Reiches, bevor wir den gesuchten und zu treffenden Gegner überhaupt erst sahen. Wenn immer auf unserem Rückmarsch durch die weiten Schneefelder Litauens in uns Zerlumpten und Verlorenen sich Stolz und Zuversicht erhielt, dann geschah dies durch das Bewußtsein, daß sich in uns, in dieser kleinen und gehärteten Gemeinschaft, das Schicksal des Frontheeres von 1918 wiederholte. Nicht wiederholen aber sollte sich nach unserem Willen das plötzliche Zerflattern der geballten Stoßkraft vor der Vielfalt der verwirrenden Erscheinungen. Wir erwarteten, das Reich in Gärung zu sehen, in Städten die Unruhe zittern zu fühlen, das wachsende Drängen, die Gewißheit einer nahen Verwandlung. Aber das Reich schien ruhig, ein dünnes Häutchen war über die Wunde gewachsen. An den stillen Elbdeichen des Landes Kehdingen, wohin uns der eifrige Befehl der Reichsregierung wies, verrieselte unsere Erwartung wie das Wasser in den trägen Marschgräben. Die Bauern gingen in schweren Stiefeln über das Feld, das Vieh stand breit in den Ställen, wir hockten in den blanken Stuben unserer Quartiere und halfen bei der Arbeit und fügten uns in dieses warme Gleichmaß unerschütterlichen Wirkens. Des Abends stand ich oft auf dem Deich und sah den Strom hinab. Das Mädchen erzählte mir, daß vor dem Kriege die Lichter der Dampfer wie eine schimmernde Kette über dem Wasser geblinkt hätten, aber nun war die weite Fläche leer, der Hafen war tot, der Strom von einer breiten, eintönigen, schimmernden Schwärze. «Sie haben», sagte das Mädchen, «ja alle Schiffe abliefern müssen! Wir standen alle auf dem Deich, als

sie zum letzten Male die Elbe herunterfuhren, und da haben wir erst richtig geglaubt, daß wir den Krieg verloren haben.» Wir sprachen viel auf dem windgepeitschten Deich; er war mir in seiner grandiosen Einsamkeit wie eine Brücke, die in die neue Wirklichkeit führen könnte, wir sprachen von diesem und jenem, doch immer endeten die geflüsterten Heimlichkeiten bei Krieg und Revolution, und schließ- lich schüttelte sie sich und sagte: «Ach du, mich friert, komm, wir müssen heim.» Und ich war ärgerlich, daß ich nun die ganze Zeit mit dem Mädchen von diesen Dingen gesprochen hatte, aber es war diesmal so und fast jedesmal. Denn wir kamen nicht los von dem, was uns gepackt hatte. Wir kamen nicht los davon in den dumpfen Grogkneipen, nicht in den Tanzsälen, die Sonnabend für Sonnabend sich füllten mit Mädchen und Burschen und Soldaten, nicht in den behäbigen Straßen und Lokalen von Stade, nicht in den ruhigen Höfen der Marsch. Etwas trieb uns umher, und es war nicht die Ungewißheit über das, was nun mit uns geschähe, es war auch nicht die Sinnlosigkeit unseres Tuns; was es war, wußten wir nicht. Wir zechten die Nächte hindurch, und wenn wir nicht zechten, dann waren wir in den Kammern der Mädchen, und wenn wir nicht dort waren, dann verspielten wir unser Geld. Wir warteten und wir wußten nicht recht, auf was. Wir behielten unsere Waffen und wußten nicht, wann wir sie noch einmal gebrauchten. Wir lebten ein abseitiges Leben, wir stießen überall auf Mauern, wir gehörten nirgendwo hin, wir waren Fremdlinge im Reich. Wir spürten, daß man von uns Rechtfertigung fordere, aber

da war niemand, der uns da fragte, wo wir Verantwortung trugen, und so verschlossen wir uns und lebten schweigend, mit der ganzen Last des Ungelösten, wissend, daß wir uns als Stein hingegeben hatten an das Schicksal, aber der Stein war verworfen worden. Es ging die Rede, wir sollten bei Unruhen eingesetzt werden. Aber für Ruhe und Ordnung wollten wir nicht mehr kämpfen. Und bei Bromberg, auf der Fahrt von Memel nach Stade, da waren wir aus dem Zuge gesprungen, als wir erfuhren, diese Stadt solle polnisch werden, und hatten Bromberg verteidigen wollen, oder die Grenze, aber wir durften nicht und wir sollten nicht, und wir wußten, man mißtraute uns, und das mit Recht. Eines Tages kam eine Reichswehrkommission, Herren, die erstaunt um sich schauten, als ihnen keine Ehrenbezeugungen erwiesen wurden, und wir lachten, als diese Herren verlangten, Befehl der Regierung, wir sollten alle Warfen abliefern und alle Ausrüstungs- gegenstände und die Wagen und Pferde. Da gingen wir in der Nacht in die Ställe und holten die Gäule — denn das waren unsere Gäule, wir hatten sie allesamt mühsam genug erbeutet, da war kein einziges, das uns die Regierung gab — und die Pferde verschwanden und die Wagen auch und wurden nicht mehr gesehen. Der Spieß zahlte am nächsten Tage jedem Manne einige hundert Mark — von einem Gönner, wie er sagte. Die Waffen aber waren ebenfalls plötzlich verschwunden, nur wußten wir diesmal, wo sie geblieben waren. Und als die Reichswehrkommission kam, konnte sie nichts mitnehmen, außer einem Sack voll Hufnägel.

Als die Hamburger ins Baltikum zogen, waren sie ein Bataillon von sechshundert Mann. Als sie in Kehdingen einmarschierten, war der Bestand der Kompanie ein Leutnant und vierundzwanzig Mann. Von den vierundzwanzig Mann aber waren noch drei, die seinerzeit von Weimar ins Baltikum gingen, Schmitz, Hoffmann und ich. Und Leutnant Kay war noch da; aber eines Tages, im Februar 1920, bat er uns drei nach Stade, und als wir uns dort in einer Weinstube trafen, da sagte er uns, daß er uns nun verlassen müsse. Die Bürger von Stade tranken ihren Dämmerschoppen, und sie sahen des öfteren mißbilligend nach unserem Tisch. Denn wir tranken viel und Leutnant Kay hatte von Natur eine gelle Stimme. «Wir stehen gelehnt am Strome der Zeit», sagte er, «und wir sind die vom Blutrausch erfaßte Militärkamarilla, die da Honig saugt aus dem Mark der Knochen des Volkes und diesen Honig dann dem Volke ums Maul schmiert.» Und löffelte emsig in seinem Grog. «Spätere Geschlechter werden uns fragen, was habt ihr gemacht? Und dann werden wir antworten, wir haben Blut gerührt. Denn die Seele ist der Dampf des Blutes, und das Blut kochte und der Dampf stieg auf, und wir haben gerührt. Dann werden die späteren Geschlechter sagen: das habt ihr gut gemacht, einen rauf. Jene Bürger aber, die dort so fett und behaglich sitzen — Prost! — die werden auch gefragt werden, und sie werden antworten: wir haben das Blut zu einer schönen, bekömmlichen Schwarz- sauersuppe eingedickt, und das hat uns aber mal geschmeckt. Und die späteren Geschlechter werden sagen: Fünf, setzen! Und abermalen, am Tage des Jüngsten Gerichts», und er trank und füllte sich neu und

zerdrückte sorgsam den Zucker im Glase, «da werden wir unsen weitverstreuten Knochen sammeln und vorzeigen zum Appell, und da wird es heißen — rechts ran! Jene verstaubten Aktendeckel aber — Prost, Herr Amtsrichter, auf Ihr Spezielles — werden sich pflichtgetreu verneigen und werden sagen: Verzeihung, Herr, wir können unsere Knochen nicht sammeln, dieweilen wir nie welche hatten. Und es wird heißen:

Nach links, ihr Böcke, da wo ihr hingehört. Und ich sage euch, es wird eine reinliche Scheidung sein.» Und wir tranken und führten weise Gespräche, und die Bürger sahen nun wütend zu uns herüber und waren sehr wohlanständig. Leutnant Kay aber bekam es mit dem heulenden Elend und fragte uns, ob er denn nun wirklich gehen müsse und müsse Rechtsverdreher werden, und ob denn nun wirklich alles aus sei? Ich sagte ihm, es sei nicht aus, und blieb hartnäckig dabei, aber Leutnant Kay wollte es nicht glauben und sagte, es sei alles aus und er ginge jetzt büffeln und Examen machen, und alles sei eine große Scheibe. Und dann zerschmiß er einige Gläser und sagte: Sach- beschädigung, und dann hieb er dem empörten Apotheker unters Kinn und sagte Körperverletzung, und dann ging er gegen den Stadtpolizisten an, den der Wirt gerufen hatte, und sagte: Widerstand gegen die Staatsgewalt. Wir konnten ihn nur mit Mühe zum Zuge bringen, und er beugte sich weit aus dem Fenster und winkte lange noch. Ich habe ihn nie wiedergesehn. Er fiel einen Monat später am Rathaus zu Schöneberg. Seine Leiche wurde nach den Papieren in der Tasche identifiziert; denn sein Kopf war zu Brei getrampelt.

Einige Tage später ging auch Schmitz. Ich begleitete ihn zum Bahnhof, und er sagte mir: «Dir kann ich's ja sagen. Ich gehe ins Ruhrgebiet, zur Roten Armee. Die soll da in Aufstellung begriffen sein.» Und ich nickte, und er sagte: «Wir wollen da ein bißchen Blut rühren», und wir lachten beide in Erinnerung an Kay und dann sagte ich: «Jedenfalls, auf Wiedersehen, und sollte es auf den Barrikaden sein, dann können wir ja jetzt ausmachen, wenn es denn nicht anders sein soll, dann wollen wir uns in Anbetracht alter Freundschaft bloß gegenseitig in die Fresse schlagen.» Aber Schmitz lachte und sagte: «Nee, wennschon, dennschon. Da kommt es nun wirklich drauf an, wer schneller schießt!» So war Schmitz mir über, und ich konnte nur noch bemerken, daß ich es verdammt fix mit dem Schießen hätte. Wir schüttelten uns eifrig die Hände und waren doch ein bißchen verlegen dabei, und dann fuhr er ab. Ich konnte nicht glauben, daß das Leben zwischen Männern und Waffen nun zu Ende sei. Die Hamburger klebten noch fest zusammen. Leutnant. Wuth war oft unterwegs, und anfangs vermuteten wir, er habe ein Mädchen in Hamburg, das er immer besuche; aber eines Tages, zu Beginn des März, da holte er uns zusammen, und wir erfuhren, warum er so oft im Lande umherreise. Und er brachte einen frischen Wind mit sich, reißende Wirbel, die unsere Stirnen streiften und uns hastig atmen ließen. Es war, als ob er einen Spalt öffnete, durch den mit einem Male ein Sonnenstrahl griff und die Stäubchen tanzen ließ. Im Reiche braute sich etwas zusammen. Da war ein Heer, das entlassen werden mußte, den Artikeln des

Friedensvertrages gemäß, da war ein anderes, heimliches Heer, das sich zu bilden begann. Kommissionen waren im Lande, die herum- schnüffelten, von dienernden Herren im Gehrock umgeben. Da war Hunger und Streik und ein Grollen in den Straßen, da fuhren in lackierten Autos Schieber mit dicken Aktentaschen und quellendem Kinn, da suchten Flüchtlinge aus allen geraubten Gebieten kärgliche Unterkunft, und Ausländer kauften ganze Stadtviertel auf. Unter der hauchdünnen Oberfläche, von arbeitsa- men Bürgern jeglichen Formates emsig und ängstlich in mühevoller und geschäftiger Betriebsamkeit gebildet, wirbelte ein Hexentanz von Arbeitslosigkeit und Börsengeschäften, von Hungerkrawallen und Fest- bällen, von Massendemonstrationen und Regie- rungskonferenzen, — und da war nichts, was sich dem Taumel entziehen konnte, und viel, was in ihm unterging. Über dem Lande raschelte Papier. Aufrufe und Ultimaten, Verordnungen und Verbote, Proklamationen und Proteste fielen wie Schneeflocken über das Land, Energien vortäuschend, wo keine Energien mehr waren, Hoffnungen weckend, auf die Verzweiflung folgte. Über die abzuliefernden Kohlenzüge tröstete amerikanischer Speck, über die Brotkarten Aktphotographien. Es redeten viele vom Wiederaufbau, aber das Material war schundig und der Boden schwankte, und es redeten viele vom Zusammenreißen, aber das Gerüst hielt bröckelnd stand. Die Grenzen aber waren flüssig. Heere bildeten die Grenzen, Gewehre und Geschütze, doch wichen sie hier und stießen dort vor, und die Landstriche flimmerten in

Unruhe, gefährliche Gebiete, in denen jeder fallende Stein Katastrophen auslösen konnte, und es kam darauf an, wer den Stein fallen ließ. Noch waren die Grenzen flüssig, doch, wo begonnen wurde, sie sicher zu ziehen, da schrie das Land, und die neuen Linien waren wie Messerschnitte, die ihre blutigen Furchen zogen, und ganze Provinzen fielen, wie Glieder, die ein Betrunkener amputierte. Kleine versprengte Trupps fochten an den Grenzen, standen unter den Rauchfahnen des Kohlenreviers, verloren sich in den Sümpfen und Heiden und Wäldern fast vergessener Ebenen, würgten sich durch das Gewühl vom Aufstand bedrohter Städte, hinter sich ein verzweifeltes, hilfloses Land, das bereit war, sich aufzugeben, vor sich die gierige Übermacht und in sich nur den wahnwitzigen Willen zum Widerstand. Als aber diese Trupps merkten, daß sie kein Hinterland hatten, keinen zentralen Kraftkern, da wandten sie sich gegen Berlin. Es kam die Brigade Ehrhardt aus Oberschlesien, es lauerten die Freikorps Aulock und Schmidt, es kamen die geächteten Baltikumer vom Osten und die Lützow und Pfeffer aus dem Rheinland und dem Ruhrgebiet. Und sie heischten Klarheit von Berlin, — Berlin aber konnte keine Klarheit geben —, und sie standen finster und entschlossen, das Gewehr in der Hand. Die Entente beharrte auf ihrem Schein. Die alliierten Kabinette sandten Ultimaten und drohten mit Einmarsch. Die Reste des deutschen Heeres sollten zerschlagen werden. Und die Reichsregierung gab nach. Niemand kann sagen, ob sie es tat, weil sie, bewußt einer Verantwortung, die freilich zu groß war für sie, keinen anderen Weg sah und sehen konnte als

den des Nachgebens, oder weil ihr der Wind die Witterung einer Gefahr zutrug, die von den gereizten Soldaten ausging, oder weil sie, wenn je entschlossen, dann jedenfalls, die Errungenschaften der von ihr selbst urkundlich nicht gewollten Revolution gegen dunkel gefühlte monarchistische Anwandlungen zu wahren. In der Tat mochte sie hinter dem Anmarsch der drohenden Truppen eine Parteiverschwörung ahnen, ein Komplott der Reaktion, aber dies war es nicht, was die Soldaten marschieren ließ, dies war es so wenig wie überhaupt eine diskutierbare, organisierte politische Meinung und Macht, dies war es nicht, es war im Urgrund einfach die Verzweiflung, und die äußerte sich von jeher nicht artikuliert. Doch die Männer, die da verzweifelten, waren gewohnt, jedwedes gefährliche Ding anzu- springen, im Angriff die beste Verteidigung zu sehen. Und da ihnen die Macht sich weigerte, griffen sie zur Macht.

Wir waren plötzlich durchströmt von einer federnden, fassenden, springenden Kraft. Ganz leicht und heiter und süß in der Verantwortung, so dünkte uns das: Macht! Wir erfuhren an uns einen Grad der Entschlossenheit, der uns die Dinge einfach erscheinen ließ. Wir hatten es nicht gelernt, uns mit Problemen herumzuschlagen. So also dachten wir, daß eben gehandelt werden müsse, denn dann waren wir stärker als die Dinge, und so waren die Dinge stärker als wir. Der Entschluß rang sich durch achttausend Mann, mehr waren es nicht, doch mochten die Achttausend genügen, denn sie waren die einzigen, die bereit waren, einen Entschluß bis zu den letzten Konsequenzen durchzufechten. Es käme nur darauf an, daß er

durchgefochten wurde, dachten wir, und es würde wohl einen bösen Kampf geben. Und weil wir wußten, daß es einen bösen Kampf geben würde, bereiteten wir alles auf den Kampf vor, nicht auf das, was nach ihm kam, auf die Entscheidung, nicht auf das, was diese Entscheidung erst wertvoll und gültig macht. Wir glaubten, daß wir die Macht haben müßten, kein anderer als wir, um Deutschlands willen. Denn wir fühlten uns selber Deutschland. Wir fühlten uns so sehr Deutschland, daß wir, wenn wir Idee sagten, Deutschland meinten, daß wir, wenn wir Kampf sagten, Einsatz, Leben, Opfer, Pflicht, daß wir dann immer Deutschland meinten. Wir glaubten, daß wir ein Anrecht hatten, dies zu tun. Die in Berlin, so dachten wir, hatten ein Anrecht nicht. Denn was die in Berlin taten, so dachten wir, das taten sie nicht unbedingt, es war Deutschland ihnen nicht der zentrale Wert, wie uns, da wir sagten, wir sind Deutschland. Es gab ja wohl eine Verfassung und einen Vertrag mit dem Westen. Eben das hatte die, gegen die wir auszuziehen entschlossen waren, dem zentralen Wert entfernt. Wenn die Deutschland sagten, so dachten wir, dann meinten sie Verfassung, und wenn sie Verfassung sagten, dann meinten sie Friedensvertrag. Das Unbedingte, das war es, was wir in Berlin vermißten, und darum dünkte uns Macht so gnadenvoll und leicht. Hörten sie unser drohendes Gemurr? Hörten sie es über dem Lesen und Schreiben ihrer schalen Programme und Prokla- mationen und Debatten und Noten und Zeitungsartikel? Nein, dachten wir, sie hören es nicht, nun so werden sie es zu spüren bekommen.

Der Hauptmann Berthold, Kommandeur des Bayern- bataillons, Flieger mit 55 abgeschossenen Gegnern und dem Orden Pour le mérite, ein Mann, der seinen zerschossenen Körper nur noch mit Scharnieren und Bandagen zusammenhielt, war der Motor, der uns in diesen Tagen in Bewegung hielt. Er freilich hatte seinen bayrischen Separathaß auf Berlin, doch war er sicherlich von allen Offizieren der Baltikumer in Kehdingen am wenigsten reaktionär. Inzwischen begannen die Kompanien zu zerfasern. Die Städte lockten und die Mädchen in den Städten. Die Hamburger blieben intakt und die Bayern auch, trotz ihrer Beschäftigungslosigkeit. Jedermann aber wußte Bescheid; die Leute hielten ihre Offiziere an und fragten drängend, wann es denn losginge; die Offiziere lauerten den Kurieren auf, die von Berlin nach Stade sausten, und die Kuriere berichteten von blödsinnigen und trockenen Verhandlungen zwischen dem General Lüttwitz und Noske, von Feilschen über Forderungen und Versprechen und von wohlerworbenen Rechten und ähnlichem verstaubtem Schmant, und sie berichteten von dem üblen Gemenge dazwischen- funkender Meinungen, Interessen und Ansprüche. Die Sache sah nicht gut aus, und wir fürchteten, sie werde mit einem Kompromiß enden, — dann aber waren wir bereit, trotzdem zu marschieren, ohne Lüttwitz und Kapp. Und vielleicht sogar — gegen sie. Eben recht kam das scharfe und hochmütige Auflösungsdekret. Nun hatten die Bürger und Bauern keine Verpflichtung, uns weiter in Quartier zu behalten; die Bauern wären wohl bereit gewesen, keinesfalls die Bürger. Wir lassen uns nicht auflösen, sagten wir und

holten die Waffen aus den Verstecken und bestürmten Wuth und Berthold; doch die waren im Augenblick ratlos und warteten fiebernd auf Nachrichten aus Berlin. In den Ortschaften standen die Soldaten in dichten Gruppen herum, bewaffnet und noch unschlüssig. Aber langsam setzten sich ohne Befehl die Trupps in Bewegung, auf Stade zu. Als wir in der kleinen, verdrießlichen Stadt ankamen, am 13. März 1920, des Nachmittags um 2 Uhr, da flatterten Extrablätter, und Plakate wurden an die Wände geklebt. In Berlin war in früher Morgenstunde die 2. Marine- Brigade, Führer Korvettenkapitän Ehrhardt, ein- marschiert und hatte das Regierungsviertel besetzt. Am Brandenburger Tor begegnete den Soldaten der Morgenspaziergänger Ludendorff. Die Reichsregierung und die preußische flüchtete. General Lüttwitz und der Generallandschaftsdirektor Kapp hatten die neue Regierung gebildet und ein Plakat verbreiten lassen mit der Überschrift: «Die Lüge vom monarchistischen Putsch!» Auf einmal war Stade angefüllt mit Truppen. Überall marschierten Abteilungen; hochbepackt zogen einzelne aufgelöste Gruppen durch die Straßen, Autos rasten, Kuriere ritten nach den Ortschaften, an den Straßenecken, vor den angeklatschten Plakaten und vor dem Gebäude der Zeitung sammelten sich dichtgedrängte Haufen Bürger, Soldaten, Arbeiter und Bauern. Hoffmann und ich buchstabierten über die Köpfe mit den Armen erregt fuchtelnder Leute eine der Bekanntmachungen. «Worte», sagte ein Arbeiter, «Worte!» und spuckte höhnisch aus, verdrückte sich

aber, als er uns sah. Hoffmann las und sagte dann und grinste mir von der Seite zu: «Worte!» und ich beteuerte ihm, diesen Worten müßten wir eben einen Sinn geben. Und wir gingen weiter und wunderten uns, woher auf einmal die schwarz-weiß-roten Schleifchen an die Knopflöcher der Bürger kamen und die vielen Eisernen-Kreuz-Bändchen; diese Leute hatten uns doch eben erst die Quartiere gekündigt? Wuth kam angeprescht und sammelte seine Kompanie; Berthold, berichtete er uns hastig, käme andern Tages früh mit seinem Bataillon. Die Hamburger Schupo habe sich neutral erklärt wie die Berliner, — Gehaltsverdoppelung, dann würden sie eben mitmachen —, wie die Reichswehr stünde, wüßte er nicht, doch sei da wohl kein Zweifel, und dann:

«Herrschaften, mal herhören, die Bummelei hört nun aber auf. Offiziere werden von jetzt an gegrüßt, verstanden!» und in der Schule habe er für heute nacht Quartier gemacht. Nach erregter, durchwachter Nacht kam Berthold. Er erklärte, er habe sich der neuen Regierung zur Verfügung gestellt. Die Hamburger ordneten sich unter seinen Befehl. Berthold wollte über Hamburg, Befehle nicht abwartend, direkt nach Berlin. Doch mußte der Rest der Waffen herbeigeschafft werden. Ich bekam den Auftrag, aus sechs demolierten M. G.s, die noch verstreut in den Ortschaften der Marsch lagen, so viel brauchbare zusammenzubauen und zu übernehmen, als ich immer fertigbringen konnte. Gleich ritt ich los. Am frühen Nachmittag kam ich zurück mit vier instandgesetzten Gewehren und dreitausend Schuß

gegürteter Munition. Das Bataillon stand auf dem Markt, zum Abmarsch bereit. Als wir aber zum Bahnhof kamen, da war alles tot und leer. Ein Heizer kam aus einem der Schuppen, sah

uns, grinste, spie seinen Priem auf die Schienen, sagte:

«Generalstreik» und verschwand. Wir besetzten den Bahnhof, Berthold suchte nach Sachverständigen, fand zwei Leute in seinem Bataillon, die früher Eisenbahner waren, und sandte sie zum Lokomotivheizhaus. Die Maschine, die sich fand, mußte erst angeheizt werden, dann begann ein wildes Rangieren mit viel Pfiff und Geschrei und mit viel Gelächter über die Brücke gebeugter streikender Eisenbahner. Berthold ging nervös den Bahnsteig auf und ab. Er trug den blauen Friedensüberrock, hatte den rasselnden Säbel losgehakt und ließ ihn aufreizend schleifen. Wir hatten die Gewehre zusammengesetzt und warteten. Alles in allem waren wir etwa vierhundert Mann. Ich hatte mir einen Stoß Zeitungen besorgt und saß Wuth gegenüber im Wartesaal und las. Wer Kapp war, wußte Wuth nicht, aber da waren noch mehr Namen, Jagow und Wangenheim und Pfarrer Traub. Ein bißchen viel alte Herren und alte Namen, meinte ich zu Wuth. Lüttwitz ist auch alter General. Im Baltikum, sagte ich, war zum Schluß der älteste Bischoff, ein

junger

Major.

Ich

tippe,

sagte

ich

zu

Wuth,

auf

Ehrhardt, auf niemanden sonst. Von Ehrhardt hatte ich bis dahin kaum gehört, doch sollte er junger Kapitän sein. «Wurscht, ob alte Namen dabei», sagte Wuth, «dies ist doch eine Sache der Jugend.» Und dachte nach und

sagte: «Wir müssen die Revolution rückgängig machen.» «Wir müssen die Revolution weiterführen!» sagte ich und sah Wuth an und dachte, wie doch schon fünf Jahre Altersunterschied einen Spalt treiben. Da war der Zug fertig; wir bestiegen ihn polternd, besetzten die Abteiltüren und die Maschine mit MGs und fuhren dann singend in den dämmernden Abend hinein.

Putsch

Niemals werde ich vergessen, wie die Schatten dieses sinkenden Tages unserem Auszuge alle Schroffheit nahmen. Die ganze Süßigkeit der Welt kam aus dem runden und weichen Schimmer des Waldes, brach aus den sich erschließenden Knospen der Birken, die sich zitternd an den Bahndamm schmiegten. Der Boden hielt den Atem an, die dunklen Lieder summten sich in ihn hinein und schwebten lange noch in den Gesträuchen, indes der Zug vorüberstampfte. Und alles in der Welt war Schein, ja, selbst das Dunkel, das sich nun samten senkte, war ein trügerischer Schleier, der uns vom harten Tage schied, der die vielen unter uns zum letzten Male träumen ließ von den Versprechungen des Glücks. Das ließ uns schweigen, legte eine bange Würde über uns, die Ahnung von der zwingenden Gewalt, in deren offne Fänge wir hineinmarschierten.

Der Zug hielt auf offner Strecke. Die schwarzen Wände hochgekanteter Häuser standen rechts und links des Bahndammes in drohender Steilheit. Leutnant Wuth kam hastig am Zuge entlang geschritten und sagte uns, wir könnten nicht weiterfahren, denn am Bahnhof Harburg sei die Strecke gesperrt. Da schrillte auch schon der Befehl: «Alles aussteigen.» Wir sollten nur die Waffen mitnehmen, das Gepäck im Zuge lassen. In Harburg sollte übernachtet werden, für den nächsten Tag in der Frühe war die Weiterfahrt geplant, oder, falls der Zug auch weiterhin nicht über Harburg rollen könnte, der Fußmarsch über die Eibbrücke nach Hamburg. Wir hoben vorsichtig die Gewehre aus den Abteilen, kletterten fluchend und stolpernd über den spitzen Schotter und über tückische Bahnschwellen und kamen an eine Schranke, die eine breite Straße schloß. Hier traten wir an. Die dürftigen Laternen legten einen grünen, fahlen Schein über die dunkle Masse, über der die Gewehre ein wirres Verhau von Schatten bildeten. In den Lichtkegel der Laternen traten plötzlich gespenstisch einige Zivilisten, die erschreckt zusammenfuhren und wie Schemen wieder im Dunkel verschwanden. Die ganze, finstere Häuserfront der Straße zeigte nur ein einziges viereckiges Licht. Es schwebte sehr hoch und ganz unwirklich, beinahe losgelöst von jeglicher Beziehung zur Erde, über unseren Häuptern. Hauptmann Berthold kam säbelklirrend vorbei, ganz allein, und ließ sich von der Finsternis wieder ver- schlucken. Der Marsch begann. Diese Stadt war feindlich. Wir hatten noch die ruhigen Flächen der Marsch im Blick, den breiten

Spiegel des Stromes, die Geruhsamkeit einer bedächtig hingebreiteten Landschaft. Hier stieß sich in engem Räume Ding an Ding, schwarze Steinmassen bauten sich aus dem Pflaster vor uns auf, Straßenschluchten schnitten gefährliche Löcher in die Starre, an jeder Ecke lauerte ein Geheimnis. Wir hatten nicht den Eindruck, an Wohnungen der Lebenden vor- beizumarschieren, wir glaubten Ruinen zu sehen, riesige Schutthaufen mit kahlen, rauchgeschwärzten, blicklosen Mauern, beengende Kälte von sich speiend, getürmte Steine hinter einer splitternden Fassade von Glas, Eisen und Verputz. Aus den Kellern schien es garstig zu riechen, kein Stern drang durch den gespaltenen Himmel dieser Straßen. Wir klirrten durch einen Dunst von Rauch, Nebel und Gefahr, unsere Schatten wuchsen im Bannkreis der spärlichen Lichter zu scheußlichen Dämonen und schrumpften schüchtern wieder zusammen, unsere Schritte polterten hohl, und es war unmöglich, Gleichschritt zu halten. Vorne bei den ersten Gruppen erhob sich ein dünner, heiserer Gesang. Doch gleich verstummte er wieder, denn ein Fenster schepperte auf, und dann hieb ein grelles, tödliches Lachen in unsere Kolonne, ein Lachen, wie ein höhnischer Schrei, wie ein spitzer, vergifteter Pfeil, der durch die gefolterte Luft schwirrte und unsichtbare Blechwände zerspellte. Das war eine Frau, die so lachte, nein, das war die Stadt selbst oder die Dämonin dieser Stadt. Dies Lachen mußte erschlagen werden, es war unerträglich, es fernerhin zu hören. Brüllen mußten wir, singen, daß uns die Hälse schmerzten, und wir sangen, alle durcheinander, und ich hatte die Hand am Koppel, die Faust umschloß eine

Handgranate, und ich ertappte mich bei dem fast unbezähmbaren Wunsche, die Ladung Sprengstoff wild in das offene Fenster zu schleudern. Doch nun sangen sie im Takt, und wir bogen um eine Ecke, in eine Straße, in der Bäume standen, eine breitere Straße, mit Vorgärten und niedrigen Häusern. Hier tauchten Menschen auf aus dem Dunkel. Aus

einer Gastwirtschaft drängten sich Leute ans Staket, ein Gemurmel empfing uns, Fragen schnellten in unsere Reihen. Ich ging neben Hoffmann, und ein Herr trat plötzlich vor uns hin, daß wir fast erschraken, aber der Herr hob die Hände und fragte mit einer Stimme, in der das Alter, der Alkohol und die Freude bebten. «Jungs, holt ihr unsern Kaiser wieder?» — Nun erschrak Hoffmann wirklich und konnte erst antworten, als wir schon zehn Schritte weiter waren. «N-nein, das nicht,

» um. Ich lachte leise, zwischen zerdrückten Flüchen, aber es tat mir beinahe leid, daß wir nicht sagen konnten: ja, wir holen den Kaiser wieder, denn dann hätte unser Tun doch wenigstens einen Sinn gehabt — hatte denn unser Marsch keinen Sinn? Auf welchen Gedanken ertappte ich mich da? Das war diese ver- fluchte Stadt, die dazu verführte, diese vermaledeite, spritzige Dunkelheit, die uns die Sicherheit raubte. Was gestern uns noch klar und zwingend schien, das schwand hier in der satanischen Luft dieser Stadt, in diesem vergiftenden Gemenge aus Furcht und Haß und Schatten nahender Gefahr. Den Kaiser wiederholen? Nein. Hier ging es doch um mehr als um den stillen Mann in Doorn. Ich versuchte mir die Worte des Kapp- Programmes zu verlebendigen. Doch hier, gerade hier

murmelte er und sah sich wie erwachend

das nicht

mußte ich die Spanne klaffen spüren. Begann nicht die Verkündigung mit einer Abwehr? Das zeugte doch wohl nicht von einem Glauben, der seiner Kraft gewiß. Das reichte nicht für diesen Kampf, das verblaßte bei der ersten Probe, und sei sie nur ein hastiges Marschieren in den Rachen einer sprungbereiten Stadt. Das war es nicht, was uns den Weg diktierte, nicht die Worte des Programms. Der Sinn, der Sinn? Im Wagnis lag der Sinn! Der Marsch ins Ungewisse war uns Sinn genug; denn er entsprach den Forderungen unseres Blutes. Wir wissen nicht, doch wie werden anders wir denn jemals wissen? Daß wir nicht wußten, das bewies, es könne unser Tun vielleicht Verbrechen sein, doch niemals Reaktion. Gleich, wie die Würfel fielen, dachte ich, sie sollen fallen, und wir, wir halten prüfend, schüttelnd sie noch in der Hand. Der Gesang war abgebrochen, Geflüster in den Reihen überall. Nicht mich allein traf der Zweifel, packte aus den Sternen fallend das Warum. An einem freien Platze kam das Kommando: Halt! Was suchen denn die bewaffneten Zivilisten da? Mit weißen Armbinden? Bürgerwehr? Und die da mit roten Armbinden? Arbeiterwehr? Wie wichtig die sich tun! Und Berthold verhandelt mit denen? Ach so, wegen des Quartiers! Abmarsch in die Heimfelder Mittelschule! Das ist wohl das große Gebäude da drüben? Kinder, was bin ich müde! Rechts schwenkt marsch. — Wir packen die Gewehre in eine Ecke, stapeln die Munition drumherum; ein Witzbold von den Bayern malt noch hurtig ein paar Karikaturen von Berthold an die Schultafel, dann hauen wir uns auf die harten, schmalen Schulbänke, und ich ärgere mich im

Einschlafen, daß wir gerade ein Klassenzimmer der ABC-Schützen erwischt haben; in den Bänken kann man sich kaum rühren. — Am Morgen stand Hoffmann mit fahlem, unausgeschlafenem Gesicht vor mir und sagte: «Das gefällt mir nicht!» — «Was denn?» — «Komm mal mit», sagte Hoffmann und zerrte mich die Treppe hoch, vorbei an offenen Schulzimmern, in denen sich die erwachenden Soldaten rekelten. An einem Eckfenster der Schule machte er halt. «Da vorne, siehst du, da stehen Maschinengewehre im Hof! Da rechts zwischen den Scheunen schleppen sie jetzt schon seit einer halben Stunde Kästen vorbei, anscheinend Munition; Frauen, Kinder, Männer! Auf den Straßen wimmelt es nur so von bewaffneten Arbeitern. Aber das Schönste ist doch noch dort hinten, auf dem freien Felde, sieh einmal scharf hin, was ist das? Schützengräben, regelrechte Schützengräben! Wir sind, schlicht und einfach gesagt, eingeschlossen.» — «Das ist ja sonderbar! Weiß Berthold? Und Wuth?» — «Wissen beide! Da geht's schon seit einer halben Stunde mit Deputationen und Kommissionen und Verhandlungen! Arbeiterwehr und Bürgerwehr und Reichswehr » —«Was, Reichswehr liegt hier?» — «Ein Pionierbataillon. Die 9. Pioniere liegen hier, das ist es ja eben; die Schweinehunde haben heute früh ihre Offiziere eingesperrt, die Magazine geöffnet und die Waffen an die Arbeiter verteilt!» — Das war ja lieblich. «Mensch, woher weißt du das alles?» — «Ja, ich bin schon den ganzen Morgen auf den Beinen, ich weiß nicht, ich hab so ein mulmiges Gefühl im Balg. Mich trieb es dauernd rum. Die Stadt

ist schwer erregt.» Wir blickten aufmerksam zum Fenster hinaus. Um die dünne Perlenkette der Posten säumte sich ein breiter Strich von Menschen, Unbewaffneten; die Bewaffneten standen dahinter und verdrückten sich in die Straßenecken. «Wir müssen zu Berthold», sagte ich. Auf den Gängen standen überall die Soldaten herum und

starrten erstaunt durch die Fenster. «Ich weiß nicht, was das mit mir ist», murmelte Hoffmann, «ich glaube, das

gibt ein Schlamassel, und ich

—«Was ist dir, Mann, bist du krank? Hier nimm mal 'n Schluck Wasser!» Der Becher an der Kette der Leitung

klirrte, ich drehte den Kran, es gurgelte und sprühte ein bißchen, das Wasser lief nicht. «Das ist ja eine nette Bescherung, holla, die Burschen haben das Wasser abgestellt! Nun aber schnell zu Berthold.» Wir rannten die Treppen hinunter. «Das kommt davon», sagte ich grimmig. «Was denn?» fragte Hoffmann. «Daß Flieger ein Infanteriebataillon im Straßenkampf führen wollen! Zum Deubel, hier sitzen wir ja schön in der Mausefalle, alle hübsch auf einem Fleck. Statt sofort alle öffentlichen Gebäude zu besetzen und sich eine starke, bewegliche Reserve zur

Ich öffnete die Tür und hörte

Hand zu behalten

ich weiß nicht—»

» Berthold zu einigen Abgesandten der Bevölkerung sagen: «Ja, meine Herren, Sie verlangen Abzug; ich habe Ihnen doch schon gesagt, ich habe gar nicht die Absicht, hier in Harburg zu bleiben, wir wollen weiter, heute früh noch. Was sollen wir denn in Deibels Namen in Harburg? Die Fahne? Die Fahne wird eingezogen, sobald wir abmarschieren, nicht eher. Wir marschieren bald ab, die Leute packen schon. Wenn Sie

uns nicht aufgehalten hätten, wären wir vielleicht schon weg. Nun gehen Sie bitte und beruhigen Sie die Bevölkerung, damit kein Malheur passiert. Aber nun gehen Sie doch schon, meine Herren!» «Sachen packen?» fragte ich zu Hoffmann hin. Der zeigte stumm durchs Fenster. Der Platz war schwarz von Menschen. Die Posten standen dicht umdrängt, dort, wo die Hauptstraße auf den Platz mündete, war die Postenlinie schon erheblich eingebeult. «So, mein Lieber», sagte ich, «wir werden jetzt keine Sachen packen, wir werden vielmehr die M. G.s in Stellung bringen, das scheint mir wichtiger.» Hoffmann nickte, und wir machten uns in Hast an die Arbeit. An jeder Front des Hauses montierten wir ein Gewehr, eins kam auf den Dachboden. Unten am Haupteingang hatten die Bayern zwei leichte und ein schweres Gewehr, bauten es aber noch nicht auf, sondern hielten es in einem Klassenzimmer verborgen. Der Haupteingang mit dem großen Treppenhaus ging nicht auf den Platz, sondern auf eine breite Nebenstraße zu. Im ersten Stockwerk standen die Hamburger am Fenster. Ich reichte den Wasserkasten des M. G.s herum, und wir füllten ihn unter schlechten Witzen auf eine sehr natürliche Art. Wir hoben das MG auf die Bänke, so daß wir es jeden Augenblick zum Schuß fertig haben konnten. Unten war die Postenkette noch weiter zurückgegangen. Alle Fenster des Platzes waren nun offen, einzelne Köpfe zeigten sich verstohlen; die Straßen, die auf den Platz mündeten, waren angefüllt mit Menschen, soweit wir sehen konnten. Die Massen quirlten erregt durcheinander, viele Frauen, auch Kinder waren zu sehen. Wir hörten das unablässige

Gemurmel breit und betäubend anschwellen. Es schienen vornehmlich Arbeiter zu sein, die da bewaffnet standen. Hoffmann und ich starrten auf den Platz. «Die sind ja dämlich», sagte ich, «was wollen die eigentlich von uns?» — «Ja», sagte Hoffmann und sah mich bleich an, «ja, die Arbeiter sind dumm. Wir waren auch dumm, als wir für Ruhe und Ordnung kämpften. Jetzt sind die dumm.» Hinter uns stand Wuth. Er hatte sein Barett auf. Also gab es heute noch Dunst. Hoffmann sagte leise und eindringlich: «Jetzt wäre die Stunde für die Arbeiter gekommen! Herr Leutnant, wenn man die Macht erobern will, dann muß man auch wissen, wofür. Wir wissen es nicht, ich glaube nicht, daß Kapp und die Herren in Berlin wissen, wofür. Wenn jetzt die Arbeiter schlau sind, dann gehen sie mit uns, dann schaffen wir denen freien Raum, und die zeigen uns, wofür man heute nur Macht haben kann und darf. Wenn die schlau sind, Herr Leutnant, so schlau, wie wir verwegen, dann hat die Geschichte Sinn!» «Die sind nicht schlau», sagte Wuth. Und ich sagte:

«Vielleicht sind auch zu viel alte Herren bei unserer Aktion!» — Schreie und Pfiffe tönten auf dem Platz. Wir beugten uns aus dem Fenster. Über die schmale Lichtung, die der Postensaum bis jetzt noch wahren konnte, ging Hauptmann Berthold, barhäuptig, sein schwarzer Scheitel blinkte. Er ging auf die Menge zu, ging durch die Postenkette, bahnte sich einen Weg durch die drängenden Haufen und machte erst mitten zwischen den Massen halt. Er hob die Hand. Mit einem Schlage war alles ruhig. Er begann zu sprechen. Wir konnten

hier oben nicht verstehen, was er sagte. Wir sahen die Massen eng zusammenrücken. Hinten stiegen sie auf Treppen und Schwellen. Trupps mit roten Binden boxten sich durch die Massen. Berthold sprach laut und hallend. Man mußte ihn weit hören. Aber, was drängten da hinten die Bewaffneten so? Was, zum Teufel, sollte das bedeuten, daß plötzlich die Gewehre von den Schultern flogen? Die Bayern und die Hamburger nahmen vorsichtig die Knarren hoch. Jetzt kreuzten sich über dem mit wimmelnden Köpfen gefüllten Platz die magischen Linien der Gewehre. Und Berthold sprach und sprach. Eine Welle dumpfen Hasses stieg aus der Masse zu uns herauf, der Haß zweier Rassen, der blinde Ekel voreinander, der schmerzhafte Widerwille vor den Gerüchen der anderen. Wir starrten mit spitzen Augen auf die Masse, nicht auf die bewaffneten Gegner, die doch viel gefährlicher waren. Allmählich legte sich ein dunstiger, gelber Staub über das Meer von Köpfen da drunten. Ich hatte eine sonderbare Art von Mitleid mit Berthold, der dastand inmitten dieser blicklosen Menge und gegen sie anredete. Der Staub stieg und schien die züngelnden Linien der gerichteten, zielsuchenden Gewehre zu weiten, schien an ihnen zu zerren, zu reißen, daß sie sich in unerträglicher Spannung bogen. Und da fiel der Schuß, auf den wir alle gewartet hatten. Ein ganz schwacher Knall, nichts weiter, aber das Geschoß fuhr durch jeden von uns, es platzte eine Handvoll gepreßter Luft gegen die Mauern, es löste den wirbelnden Aufschrei. Alle Gewehre flogen an die Backe, und dann spritzte das Feuer aus jedem Winkel.

Hoffmann rannte aus dem Zimmer zu seinem Gewehr. Ich kippte die Knarre auf das Fensterbrett und schoß. Ich widerstand der wahnwitzigen Versuchung, mitten in die flüchtende, kreischende Menge zu knallen, der betäubende Lärm, das krachende Splittern, das Beben der Mauern krallte mich zu steinerner Ruhe. An der Ecke der Hauptstraße, in die sich die todesängstlichen Massen wälzten, kauerte eine Gruppe Rotbinden mit vorgeschobenem Gewehr, wartend, daß sich die Menge verlaufe. Sie legte ich mit dem ersten Strich meines knatternden Laufes um. Die Männer lagen, präzis getroffen, in einer Reihe vor der Schwelle eines Hauses, aus dessen offenen Fenstern das Feuer uns entgegenpeitschte. Fenster für Fenster streute ich ab, sah die Scheiben splittern, sah die puffenden Wölkchen im Mörtel und Kalk der Wände steigen. Der Platz war in wenigen rasenden Sekunden von Lebenden geleert. Während der neue Gurt aus dem Kasten rollte, beugte ich mich vor, erblickte dunkle, erbarmungs- würdige Häufchen wie hingesät auf dem Platz, Männer, Frauen, Kinder, die knisternde Luft täuschte gequälte Bewegung der hingestreckten Leiber, die Geschosse fuhren durch sie hindurch. Ein wahnsinniger Druck stieg mir aus dem Magen zur Kehle, ich schrie heiser irgendwas, es riß mich auf die Bank, mit halbem Leibe aus dem Fenster ragend suchte ich neues Ziel. Scharf links in einem düsteren Hofe, hinter geschwärzten Mauern, richteten durcheinander hastende Männer ein MG gegen uns. Mein Gewehr flog herum, es hing schief, schwebend aus dem Fenster; ich stemmte das Knie auf das Brett, klemmte mich mit tobenden Nerven in den schwankenden Schlitten und schoß. Da zuckte

das Gewehr, bäumte sich plötzlich auf, daß ich fast aus dem Fenster stürzte, glühheißes Wasser klatschte mir sengend in die Augen, ins Gesicht. Ein zerreißender Schlag schleuderte mich zurück, ich fiel, das Gewehr auf mich zerrend, in den Klassenraum und stürzte zwischen die Bänke. Mein rechter Arm tastete nach einem Halt, griff in Blut und Staub; etwas stöhnte schwer. Da lag der Hamburger, der mir den Gurt gehalten, mit zermantschtem, zerfleischtem Gesicht, rotüberströmt. Das Gewehr hatte fünf Schüsse im Mantel, die tödliche Garbe riß vier Mann vom Leben ins Nichts, und zauberte kreisrunde Löcher in die Kreidekarikaturen Bertholds an der zersplitternden Schultafel. Das ganze Haus zitterte im rasenden Feuer, das gegen die Wände prasselte. Glasscherben flogen mit den Geschossen plärrend in den Raum, knallten splitternd gegen den Boden und ritzten Tote und Lebende. Die Luft explodierte vom harten, knallenden Aufschlag jedes einzelnen der zerspellenden Bleikerne, die Bilder an den Wänden tanzten gespenstisch und polterten zerfetzt zu Boden. In den Wänden barst Stein und Stahl, kleine zackige Klumpen schleudernd, der Kalk rieselte, bestäubte den Raum, überzog Menschen, Leichen und Dinge mit weißlichem Mehl, machte das rinnende Blut zu klebrigem Brei. Holzsplitter flogen zischend, es klaffte die Tür, die Tafel, das Pult, die Wände zernarbten, bröckelten, unzählige kleine körnige Trichter zauberte das Feuer an sie hin. Wir lagen dicht an die Vorderwand gepreßt, unfähig, zu schießen, und ließen den Regen über uns prasseln.

Die Tür sprang auf, Hoffmann trat ein, sank blitzschnell zu Boden und kroch auf allen vieren zu mir hin. Augenblicks donnerte eine Garbe in den Gang, und die Tür sauste, von geheimnisvoller Hand bewegt, bebend hin und her. Hoffmann starrte mich aus bleichem, bestaubtem Gesicht an, wühlte in der Tasche und zerrte einen kleinen Spiegel heraus, den er mir vorhielt. Ich blickte hinein und sah mein Gesicht blutbespritzt. Aus einer winzigen Wunde an der Schläfe quoll es dunkel hervor. Ich wischte mit schmutzigem Taschentuch, das ich bespie, und verschmierte mich ganz. «Gewehr kaputt!» brüllte Hoffmann. Ich deutete fragend auf mein MG, das umgestürzt am Boden lag. Er zeigte nickend mit dem Daumen in die Richtung des Raumes, aus dem er kam. Leutnant Wuth kam gebückt in das Zimmer geflitzt. Sein Barett ließ Samtfetzen flattern. Ein dünnes Rinnsal Blut floß von der Stirn ihm zum Kinn. Sein Blick zerrte uns aus dem Raum. Wir krochen am Boden bis zur Tür und witschten dann einzeln durch in den Gang. Dort konnten wir, geschützt durch die dicken Mauern, aufrecht stehen. «Das hat so keinen Zweck», kreischte Wuth. «In jeden Raum soll nur ein Mann, Schießscharten in die Mauern, beobach- ten, alles andere in die Gänge. Munition sparen!» — Die Gänge lagen voll von Toten und Verwundeten. Wir schleiften auch die Toten unseres Raumes in den Gang. Ein Hamburger hieb mit einer Eisenstange ein Loch in die Mauer. Hoffmann und ich schleppten die Munitionskästen heraus. Dann hetzten wir in Hoffmanns Zimmer, auch dort die Munition zu bergen. Im Treppenhaus hockten die Leute dichtgedrängt. In der Nähe der Türen und Fenster aber war niemand, nur

Leichen lagen dort. Ich suchte jedes meiner Gewehre auf, stolperte über die Toten und schnellte in die Klassenräume. Aber kein Gewehr, nicht ein einziges von uns, war noch intakt. Nur oben das leichte auf dem Dachboden schoß noch unentwegt. Ich trug einige Kästen Munition hinauf. Die Verwundeten riefen stöhnend um Wasser. Der Doktor und die Sanitäter verbanden blutige Glieder, rissen aus den Hemden der Lebenden und Toten Stoffstreifen, denn das Verbandzeug war aufgebraucht. Der Doktor hielt mich an, fragend auf das Blut an meiner Stirn deutend, doch ich winkte ihm ab. Die Schule wurde von allen Seiten beschossen. Die umliegenden Häuser und Höfe und Felder waren dicht besetzt. Unablässig und gleichmäßig prasselte es gegen unsere Mauern. Der Haß der ganzen Stadt sprühte unerbittlich an den isolierten Stein. Aus einem Schulzimmer kam einer der Hamburger und sagte:

«Nun schießen sie MG-Punktfeuer aus noch nicht hundert Meter Entfernung! Jeden Stein schießen sie einzeln heraus!» Der ganze Kasten bröckelte. Wenn unten am Haupteingang einer der Bayern schoß, dann hallte es donnernd im ganzen Hause, als krache eine Mine hoch. Die Bayern lagen schweigend auf den Steinfliesen der Gänge und auf den Treppenabsätzen. Wenn ein Schuß durch eine der Türen fuhr, rückten sie stumpf etwas zusammen. In den Klassenräumen kauerten nur noch die Beobachtungsposten. Hoffmann, Wuth und ich legten uns zwischen die anderen. «Wo ist Berthold?» fragte ich. «Am Haupttor», murmelte Wuth. Ein junger bayrischer Offizier kam langsam über die

hingestreckten Körper geklettert, sah Wuth und sagte mit brüchiger Stimme: «Die Zugwache muß doch hören, was los ist? Es muß doch Nachricht nach Stade gekommen sein? Balla und die anderen Bataillone müssen doch wissen, daß wir im Druck sitzen?» — Wuth schüttelte stumm den Kopf. Der Bayer sagte eintönig: «Die Hamburger Schupo muß doch eingreifen? Ich verstehe gar nicht, man kann uns doch nicht einfach so sitzen lassen?» Wuth stand auf und nahm den Offizier am Arm und führte ihn weg. Einer kam und sagte: «In der Stadt wird geschossen!» Sofort war die Hälfte der Leute auf den Beinen. Die Klassenräume füllten sich wieder, alles lauschte. «Das ist die Zugwache, die anrückt!» — «Nein, das kommt von einer anderen Richtung, das sind Hamburger!» Ich horchte angestrengt, aber ich vernahm keine Abweichung von dem pausenlosen, hämmernden Feuer, das gegen die Schule schlug. Einer behauptete, ein Hurra gehört zu haben. Wuth kam und sagte: «Herrschaften, nur nicht nervös werden. Alles in die Gänge!» Er sah mich an und flüsterte: «Mann, der Zug ist gestürmt, hinten im Felde schwenken sie unsere Flagge.» «Können das nicht die Unseren sein?» «Nein, es sind Zivilisten!» Das Feuer wurde stärker. Es schwoll und prasselte, wie wenn ein Strich Hagel inmitten Platzregens auf Wellblechdächer trommelt. Die Soldaten krochen eng und enger aneinander. Nun aber sonderten sich wie immer in den Augenblicken höchster Spannung die einzelnen. Es hielt uns nicht im dicken Haufen. Wir standen auf und strichen durch die beschossenen

Zimmer, huschten durch die Gänge, kletterten auf den Dachboden, stöberten im Keller, schleppten Munition, immer nur ein paar Mann, von hundert etwa drei bis vier. Ich stolperte mit Hoffmann alle Eingänge ab. Da war eine Tür, die auf den Schulhof führte, und diese Tür lag im toten Winkel. Der Hof war mit einem Bretterzaun umgeben. Konnte man nicht ungesehen bis zu jenen Häusern vordringen? Die Häuser schienen nicht besetzt zu sein. Von dort konnte man vielleicht auf das freie Feld gelangen? Die Schützengräben lagen weiter rechts. Ich winkte Hoffmann, er zeigte nach oben; wir kletterten zum MG ins Dachgeschoß. Ich ging in ein Klassenzimmer und warf mich vor die Schießscharte. Der Bayer wälzte sich stumm zur Seite und legte müde den Kopf auf die Arme. Das Feuer kam von allen Seiten. Der Platz lag völlig tot. Ich konnte nicht einen gegnerischen Schützen entdecken. «Durst», sagte der Bayer. Ich zuckte die Achseln. «Ihr Bayern habt immer Durst.» — «Ach, quassel nicht.» — Ich schlängelte mich wieder hinaus. Hoffmann sagte: «Die Munition wird knapp.» Das Gewehr am Dach hatte noch knapp einen Gurt. Ich stieg die Treppe hinunter. Ein Treppenfenster war noch völlig heil. Es ging auf den Hof zu und war durch den Seitenflügel des Hauses gedeckt. Nur ein ganz schmaler Streifen Feldes war durch dies Fenster einzusehen. Wir traten, Hoffmann und ich, ans Fenster. Unten riefen sie: «Munition!» — «Wir kommen gleich!» schrie ich. Da krachte es ohrenbetäubend und splitterte, zwei Arme griffen in die Luft, das Gewehr polterte die Treppe hinunter. Etwas Schweres schlug mir an die Brust, meine Knie knickten ein, ich fiel — und sah auf

meiner Brust den gurgelnden Kopf, die Wunde, den höllischen Spalt aus Blut, Haar und Hirn — Hoffmann — Hoffmann! —

ja, er war tot. Hoffmann

war tot. Ich legte ihn sanft hin. Dann hockte ich mich auf den Treppenabsatz und sah stumpf in den Abgrund. «Wann kommt die Munition?» hallte es von unten. Wuth strich vorbei wie ein Gespenst, stutzte einen Augenblick, sah und murmelte: «Fähnrich, die Munition.» Jetzt krachte es. Das bayrische LMG am Haupteingang donnerte einige unsagbar hallende Schüsse. Ich torkelte hinunter. «Sie kommen, sie kommen!» — Wuth riß mich zu Boden, an das andere Gewehr. Ich machte es mit flatternden Händen fertig zum Schuß. Die Bayern der anderen Bedienung riefen zu uns herüber, sie kämen aus den Häusern, steckten jetzt im toten Winkel. Wir lagen rechts und links des Haupteingangs, auf dem ersten Treppenabsatz, etwa in Höhe des Oberlichtes der Tür. Von den Häusern konnten wir nur gerade noch das Erdgeschoß sehen, von der breiten Straße nur einen kleinen Ausschnitt. Auf der Treppe vor uns lag ein umgestürztes SMG total zerschossen, daneben lagen zwei Tote, beide mit gräßlichen Kopfschüssen, ähnlich wie Hoffmann — «Ruhe», sagte Wuth, «Ruhe!» — Wir lagen bewegungslos hinterm Gewehr. Das andere Gewehr schoß. Von draußen klackte es nur zaghaft gegen die Treppenstufen. Ich konnte nichts sehen, öde lag der schmale Streif der Straße. Dann war

Hoffmann war tot. Sanitä

alles still. Nur auf dem Platz bruzzelte eintönig das Feuer gegen das Haus. Oben wurde nach Wuth gerufen. Er stand zögernd auf, stieg dann eilig die Treppe hinan. Die Bayern, es waren drei Mann, fragten, ob wir nichts von der Zugwache gehört hätten, oder ob von Stade oder von Hamburg Verstärkung oder Entsatz käme? Ich zuckte die Achseln. Wuth kam und sagte: «Befehl Hauptmann Berthold, es soll nur im äußersten Notfall geschossen werden.» Er hockte sich auf die Treppe und sah starr vor sich hin. Fünf Stunden ging nun schon diese Schießerei. Ich lugte angestrengt durch den schmalen Spalt der Tür. Da wehte doch eben ein Schatten? Nein, drüben, in den Häusern, in den Fenstern regte es sich. Ich fuhr mit der Hand zum Gurt. «Nicht schießen», sagte Wuth. — Ganz deutlich sehe ich einen Mann mit Gewehr am Fenster. Er schaut angestrengt zu uns her. Ich richte mein MG genau auf ihn ein. Nun scheint er mich zu sehen — ja, er hebt das Gewehr, ja, er zielt blitzschnell werfe ich mich zur Seite, da knallt es auch schon, spritzt und flackert und schlägt mir an den Arm. Ich sehe erschrocken, wie der Ärmel sich blutig färbt. «Verwundet?» fragt Wuth und ist im Augenblick neben mir. «Achtung!» brülle ich und reiße ihn mit dem linken Arm weg. — Wir untersuchen die Wunde. Ganz harmlos, das Geschoß fuhr in den steinernen Pfeiler neben mir, splitterte und jagte mir die kleinen Sprengstücke in den rechten Unterarm. Es blutete stark. «Rauf, verbinden!» befahl Wuth. Der Doktor wand hastig einen Streifen Zeugs um den Arm. Er kaute abgerissene Worte durch die Zähne und

sah sehr erschöpft aus. «Berthold will verhandeln, verhandeln, wie soll das weitergehn » Ich ging zum toten Hoffmann. Er lag auf dem Rücken, den Körper friedlich ausgestreckt. Wie, bewegt er sich? Er röchelte doch eben? Hoffmann? Nein, ach nein, das Blut tropfte ihm aus Stirn und Nase in die Kehle und bahnte sich gurgelnd seinen Weg. So schnarchte der Tote noch lange, und jedesmal fuhr ich doch wieder zusammen. Ich konnte nicht so sitzen bleiben, ich mußte weiter; ich streifte scheu an Hoffmanns Hand und ging. Berthold ließ eine Schultafel bemalen: «Waffenruhe! Wir wollen verhandeln!» Die Tafel wurde an Stricke gebunden und dann vorsichtig aus einem Fenster gehängt. Sofort konzentrierte sich das Feuer auf diese Stelle, binnen weniger Augenblicke war die Tafel völlig zerfetzt. — Ich streife nun mit einem jungen großen Bayern durch das Haus. Oben im Dachgeschoß sitzen die zwei Mann des LMG schweigsam und ruhig und lugen auf den Platz. Es sind zwei Bayern. Der eine trägt Tressen, ist wohl Fahnenjunkerunteroffizier. Ich spreche ihn an, er antwortet karg, ja, er ist Student. Ich gehe mit meinem Begleiter wieder hinunter. Wir kommen an einen Gang, in den durch die Türen immer wieder Schüsse knallen. Der Bayer macht sich den blödsinnigen Spaß, aufrecht vorbeizuspringen, und lacht dabei und sieht sich triumphierend nach seinen Kameraden um. Wieder springt er los, schnellt aber, plötzlich eigentümlich gefedert, mitten im Sprung zur Seite und fällt wie ein Klotz, das Gewehr fegt krachend den Gang entlang. Tot.

Da ist der kleine, schmale, bayrische Offizier wieder. «Es muß doch Entsatz kommen?» sagt er und sieht mich beschwörend an. Ich will stumm an ihm vorbei, da schreit es von der Treppe: «Offiziere zu Hauptmann Berthold!» Wuth kommt mir entgegen. Ich gehe mit ihm bis zu dem Raum, wo Berthold die Offiziere versammelt. Es ist ein enges Zimmer, dicht am Haupteingang. Wuth geht mit dem kleinen Bayer hinein, ich sehe im Moment das Häufchen der übriggebliebenen Offiziere dicht um den Hauptmann

stehen. Dann schließt sich die Tür. Aber ich kann nicht hier draußen stehenbleiben, ich darf nicht und ich kann nicht. Ich weiß mit entsetzlicher Bestimmtheit, daß da drinnen um die Übergabe beraten wird. Und ich gebe mir einen Ruck, öffne die Tür und trete ein. «Herr Hauptmann!» sage ich heiser, die Worte würgen sich trocken durch die Kehle, «Herr Hauptmann», dann reiße ich die Knochen zusammen und sage: «Bitte, eintreten zu dürfen.» Die Offiziere fahren herum, Wuth tritt auf mich zu mit rascher Bewegung, ich mache einen Schritt zur Seite und sehe den Hauptmann an. Der sagt, den Kopf halb gewendet und sehr bleich: «Ja, was ist?» Ich sage: «Herr Hauptmann, ich weiß, wie es in Halle war, wir dürfen

die Übergabe nicht

raffe mich zusammen und sage: «Wir können doch noch einen Ausfall machen!» und fahre rasch fort:

«Hinten, die Tür zum Schulhof ist nicht eingesehen, ich habe alles ausgekundschaftet, da ist ein Bretterzaun, niemand sieht uns bis zu einer Häusergruppe an offenem Feld. Die Gräben liegen weit rechts-ab, wir müssen so durchstoßen können ins Freie.» Der

»

— ich beginne zu stammeln,

Hauptmann hebt die Hand: «Wieviel Munition haben wir noch?» Wuth fährt hoch: «Alles in allem noch etwa fünfhundert Schuß.» Der Hauptmann schweigt. Einige Sekunden lang ist alles still, nur das Feuer draußen

plätschert eintönig weiter. Wuth sagt: «Das ist möglich, Herr Hauptmann, nur müßte der Ausfall durch eine Gruppe, die im Gebäude weiterschießt, verschleiert werden.» Schnell sage ich: «Das geht, wir haben noch drei intakte MGs, da bleiben wir einfach und feuern so

— «Und was geschieht mit diesen Leuten

dann?» fragt der Hauptmann und schnellt den Kopf zu mir, wie ein Vogel. «Wir können», ich stottere, «Herr Hauptmann, nur ein paar Mann, wir können vielleicht uns doch noch durchschlagen nachher.» Der Hauptmann sagt ruhig: «Nein. Meine Herren, wenn der Ausfall beschlossen wird, dann werden die Offiziere den Ausfall decken.» Die Offiziere fahren mit der Hand an die Mütze. Ich sage: «Herr Hauptmann, ohne Sie gehen die Leute nicht.» Berthold steht auf und sagt:

«Dann unterbleibt der Ausfall», überlegt zwei tödliche Sekunden und spricht zögernd: «Wer von den Leuten den Ausfall allein wagen will, kann es tun. — Es ist gut, Sie können gehen.» Ich reiße mich hoch und taumele zur Tür und weiß mit nagendem Schmerz, daß dieser Entscheid Bertholds für ihn der einzig mögliche ist. Ich finde mich bei der Leiche Hoffmanns wieder. Es wird rasch dunkel. Wir haben keine Munition, wir haben kein Wasser, wir haben so viel Tote, daß wir die Lebenden zählen. Wir haben auch keine Hoffnung mehr. Hoffmann schnarcht periodisch. Es ist alles zu Ende. Was kümmert es uns, daß draußen das Feuer nachläßt? Wuth

lange

»

kommt und sagt, Berthold sei mit den Belagerern in Verbindung getreten. Was kümmert's mich? Der kleine

bayrische Offizier tritt hinzu, er ist wie eine Klette, er lauscht mit offenem Mund. Ich habe noch wenige Pa- tronen in der Tasche. Drunten am Eingang wird es lebhaft. Es ist schon sehr dunkel im Haus. Auf einmal stehen zwei Arbeitersanitäter vor uns, ältere Leute, fragen ruhig, wo Schwerverwundete seien. Einer mit roter Armbinde kommt hinter ihnen und sagt mit halber Stimme: «Freier Abzug ohne Waffen zugesichert. Bitte legen Sie die Waffen ab.» Er sagt «bitte». Wuth lächelt fatalistisch und schnallt das Koppel vom Mantel und läßt es zu Boden fallen. Der kleine Bayer sagt aufgeregt zu Wuth: «Aber das Koppel ist mein Privateigentum!» — «Schnall's unter, du Rindvieh!» sagt Wuth grob und dreht sich um. Das Schießen hat völlig aufgehört. Wir drängen uns langsam auf den Haupteingang zu. Schon sind einzelne Leute auf dem Platz, schon stehe ich auf der Treppe und blicke über die schwarze, bewegte Masse der Bewaffneten, da knallt es wieder los. Die vorne spritzen erregt zurück, «Verrat» schreien

» Ich

rase sofort hinauf auf das Dach zum letzten MG. Kaum bin ich an der Tür, rattert es auch schon wieder los. Der Kampf beginnt von neuem. Es dauert nicht lang. Wir verknallen die letzten Patronen. Zwei Rotbinden kommen mir auf dem Gang entgegen und sagen: «Es hat doch keinen Zweck, Leute, es hat doch keinen Zweck.» — «Ihr Schweinehunde», sage ich, und fühle, wie ich bleich werde. «So haltet ihr die Abmachung?» Die schweigen.

sie, «Verrat» und «Die Hunde schießen wieder

Schwere Dünste von Blut, Schweiß, Staub und Pulver drücken auf die Lunge. Über die Leiche Hoffmanns steigen mehrere Rotbinden mit vorgehaltenem Gewehr. Ich habe eine irrsinnige Wut. «Die Waffen weg!» rufen sie mir drohend zu. Ich schmeiße das Gewehr beiseite und sage: «Hab sowieso keine Patrone mehr.» Einer sagt, ein ganz junger Kerl:

«Ihr seid die Dummen, ihr seid ja bloß verführt. Aber wenn wir einen von euren Offizieren erwischen!» Eben biegt Wuth um die Ecke. Ich zerre ihn schleunigst zurück. «Achselstücke runter!» zische ich ihm zu. Er sieht mich entsetzt an, ich reiße ihm die Dinger kurzer- hand vom Mantel. «Auf die Offiziere haben die's abgesehn», sage ich; er zuckt die Achseln. Dann nimmt er langsam und mit tödlich trauriger Miene das Gefechtsbarett vom Kopf. Er hat einen einfachen Mantel an. Ich stülpe ihm die blutige Mütze Hoffmanns auf den Kopf. Er fährt zusammen und sagt: «Schnell zu Berthold!» Unten herrscht ein tolles Durcheinander im dunklen Treppenhaus. Rotbinden, Zivilisten, die Unseren und auch einige wenige Reichswehrleute wühlen sich durcheinander. Da steht Berthold. Sein Pour le mérite leuchtet für kurze Augenblicke. Nur wenige Leute trennen uns noch von ihm. In diesem Moment reißt ein Feldwebel der Reichswehrpioniere einen Mantel hoch, schlingt ihn um Berthold und zischt: «Herr Hauptmann, fliehen Sie, Sie sollen erschlagen werden!» Berthold fährt herum, dann ruft er laut: «Nein, ich bleibe bei meinen Leuten!» Da stößt Wuth wie ein Keil durch den Haufen, er schleudert die Leute beiseite, rennt den Hauptmann an,

boxt ihm die Faust ins Kreuz und zischt ingrimmig:

«Los, Berthold, verflucht nochmal, weg!» Der Hauptmann stolpert vor, Wuth jagt hinter ihm drein, treibt ihn mit raschen Stößen, auf einmal sehe ich beide nicht mehr. Ein riesiger Matrose reißt mir den Rock auf und greift in die Brusttasche. «Ist das bei euch so Sitte?» frage ich ihn. Er stößt mich schweigend zurück und drängt sich weiter. Endlich stehe ich an der Tür. Die Straße ist schwarz von Menschen. Eine schmale Gasse öffnet sich, gesäumt von Bewaffneten, für die Gefangenen. Jemand gibt mir einen Stoß, ich taumle vor, sofort erhalte ich einen Schlag auf den Kopf. Ich hebe den Arm, um das Gesicht zu schützen. Die Schläge prasseln auf mich nieder, doch ich spüre kaum etwas, ich sehe nur zu, daß ich weiterkomme. Hinten in der Menge entsteht Tumult, ich bemerke, wie der Haufen sich dorthin drängt, von mir abläßt. Ein großer Bayer ist plötzlich neben mir, er flüstert stockend: «Da erschlagen sie unsere Offiziere!» Immer mehr Gefangene sammeln sich unter dem wüsten Geschrei der Menge. Wir stehen apathisch da, der Kopf ist mir benommen, ich sehe nur ein wirres, unsagbar widerliches Durcheinander von verzerrten Fratzen. Ich kann an nichts denken, ich will an nichts denken. Einige Minuten bin ich völlig betäubt und wünsche mir nur ein Glas Wasser. Da sehe ich Wuth, einige Schritte vor mir. Er steht gleichgültig unter den anderen. Gott sei Dank, denke ich und denke sofort, ach, dann ist Berthold nicht durchgekommen! Aber von Berthold ist nichts zu sehen.

Der Doktor drängt sich, begleitet von dem riesigen Matrosen, zu uns durch, sieht mich, stürzt zitternd auf mich zu: «Wo ist Leutnant Wuth? Wo ist Leutnant Wuth! Ich muß ihm sagen, daß ich jetzt die Verletzten verbinden soll. Wo ist denn Leutnant Wuth?» Der Hamburger neben mir fährt auf: «Halt's Maul, du Idiot! Hier sind keine Offiziere, du Idiot!» Jetzt begreift der Doktor endlich, wird im Gesicht ganz grau, sein

Unterkiefer fällt weit herab. «Jaja, so, jaja, ja natürlich, also, damit Sie Bescheid wissen, ich verbinde jetzt die

» Wir marschieren los. Rechts und links gehen dicht aufgeschlossen die Bewaffneten. Mein verletzter Arm beginnt unerträglich zu schmerzen. Alle Nerven konzentrieren sich auf den einen Punkt. Wir stolpern an dem Zaun entlang, biegen dann rechts in eine stille Straße ab. Die letzten Minuten fahlen Lichts vor dem Einbruch der Nacht tauchen die Häuser in einen verschwimmenden Dunst und lassen unseren Marsch völlig unwirklich erscheinen. «Halt!» schreit eine grelle Stimme. Die vordersten Gruppen stoppen. Es läuft plötzlich wie ein elektrisches Beben durch die Reihen, die Rotbinden wenden jäh uns die entsicherten Gewehre zu. Ich renne erschreckt auf meinen Vordermann auf. Was ist los, da muß Entsetz- liches geschehen sein — «Da liegt euer Hauptmann, seht ihn euch an —» — Was, was schreit er da, der versoffene Hund? — Der Hauptmann? Der Hauptmann? — — «Der Hauptmann!» schreien die Bayern, das geht wie ein Ruck durch die aufgestörte Kolonne; die Bayern brüllen, drängen plötzlich vor.

Verletzten. Ja

Der Matrose zerrt ihn fort.

Da liegt der Hauptmann. Da liegt Berthold. Im Rinnstein, in der Gosse. Was haben sie mit dem Hauptmann gemacht — er ist ja nackt, wo ist denn sein Kopf? — Ein blutiger, zertretener, nackter Leib, die Kehle durchgeschnitten, der Arm vom Rumpf gerissen, der Körper voller roter Striemen, und Narbe an Narbe an diesem Körper. Ist das wirklich Berthold? Da liegt sein Kopf! Der Hauptmann! Wir nehmen ihn mit! Wir nehmen den Hauptmann mit. Die Bayern stöhnen auf. Wir nehmen ihn mit! Und stoßen vor. Kolben fahren dazwischen. Doch schon sind die ersten Gruppen heran; einzelne Schüsse krachen los. Wir nehmen ihn mit! Die Rotbinden jagen vor. Die Bayern hinten drängen ruckartig nach. Die ersten Gruppen werden von den folgenden Kameraden fortgerissen, die Masse der Gefangenen wälzt sich weiter, um den Hauptmann zu sehen, doch in diesen flirrenden Sekunden der Verwirrung sind die Rotbinden schon verstärkt und schieben sich dazwischen; Kolbenhiebe prasseln. Wir sind vorbei. — Ein tobender Troß von Menschen begleitet uns. Weiber kreischen fäusteschüttelnd auf uns ein. Steine fliegen, Töpfe, Stöcke. Die Wachleute werden getroffen und rufen nun wütend zu den Weibern hin. In eine Wirtschaft werden wir schnell hineingetrieben, die Menge drängt nach, wird von den Bewaffneten zurückgehalten. Wir kommen in einen mit Gasflammen erleuchteten Tanzsaal. Verstaubter, billiger Vorstadt- flitter baumelt an den Wänden, und unter der Decke ziehen sich Papiergirlanden, an denen bunte Lampions hängen. Wir müssen antreten. Die Wachleute komman-

dieren wild herum. Draußen grölt die Menge und poltert gegen die Tür. Jetzt ist mir schon alles gleich. Der Arm schmerzt rasend, ich drehe mich halb um. Wir sind höchstens noch hundert Mann — von vierhundert — und Wuth ist nicht dabei. Einer von den Rotbinden spricht. Ich koche vor dumpfer Wut. Was hat der Kerl für eine große Schnauze! Das ist ein ziemlich junger Kerl noch, schwarzes, langes, buschiges Haar, Hornbrille, sehr rote Lippen, eine dunkle Russenbluse. Aha, den Typ kennen wir. Er scheint der Anführer. Er geht unsere Reihe entlang und fragt schallend: «Wo ist der Mann mit der hellen Mütze, der gleich zu Anfang das Maschinen-gewehr im ersten Stock bediente?» Er bleibt vor mir stehen, stutzt, sieht wohl den besseren Schnitt meines Rockes, meine Reithosen, sagt herablassend: «Was ist denn das für einer. Bist du Gemeiner?» Ich sehe rot. Ich sage: «Nicht so gemein wie du!» und hebe versteckt das Bein, um es ihm sofort in den Bauch zu treten, wenn er sich auch nur muckst. Doch er geht schnell weiter. Meine helle Mütze, ach, die liegt zerfetzt neben Hoffmann da droben in der Schule. Wir legen uns ermüdet auf den Boden. Vor der Tür tobt die Menge. Von Zeit zu Zeit brüllt es los und donnert an das Tor. Dann eilen die Wachleute wichtig dahin. Endlich kommt die große Schnauze zu uns und muß natürlich wieder eine Rede halten. Er fordert uns auf, freiwillig eine Sammlung zu veranstalten für die unglücklichen Hinterbliebenen unserer Opfer. Einige wenige der Gefangenen greifen müde in die Tasche. Aber jetzt gehe ich hoch. «Nicht einen Pfennig!»

knirsche ich den Gefangenen zu. «So wollen wir das Dreckleben nun doch nicht erkaufen!» und fahre auf die große Schnauze zu. «Aber, wenn Sie nichts stiften, dann wird die Menge hier eindringen, Sie müssen die erregten Massen besänftigen!» sagt der Kerl fassungslos. Ich schnappe mir einen Stuhl und setze ihm Wort für Wort dicht vor das zurückfahrende Gesicht: «Wenn die Menge hier reinkommt, dann wehren wir uns mit Stuhlbeinen, Fäusten und Zähnen, und dann könnt ihr zählen, wer von euch noch übrigbleibt.» Die Großschnauze weicht zurück. Ich teile Posten von uns ein, die einige Stunden wachen müssen, damit wir nicht von der vielleicht eindringenden Menge überrascht werden. Dann hauen wir uns auf die Dielen. Ich kann lange nicht einschlafen, der verletzte Arm ist dick geschwollen, das Blut hat den Verband durch-tränkt und schwärzlich verkrustet. Endlich falle ich in eine Art wacher Betäubung. — Am frühen Morgen wurde plötzlich die Türe aufgerissen, das Gejohle der schon wieder oder immer noch vor dem Hause versammelten Menge dröhnte aufreizend zu uns herein, und dann kam eilig eine Gruppe Gefangener von draußen, unter den ersten auch Wuth. Viele bluteten am Kopf, fast alle hatten Striemen im Gesicht und zerfetzte Uniformen. Die Tür wurde eilends geschlossen, wir mußten antreten. Ich schob mich an Wuth heran und stellte mich neben ihn. Er war sehr bleich, sein Gesicht schien erschreckend abgemagert zu sein, sein Eberzahn stach weiß und blank in das zerzauste Bärtchen. Die Soldaten, vornehmlich die Hamburger, standen dichtgedrängt um

ihn herum. Sie kannten ihn alle, — als er in den Saal trat, ging es wie ein Hauch der Erleichterung durch die Gefangenen. Fast alle blickten ihn jetzt verstohlen an. Die verdammte Großschnauze in der Russenbluse sprach mit einem riesenhaften, bewaffneten, mit einer dicken roten Armbinde gezierten Arbeiter. Dessen Rock stand offen, die nackte braune Brust war mit blauen und roten Tätowierungen bedeckt. Er hatte ei- nen für seinen Körper kleinen, Vierkanten Kopf, aus dem über einer starken und kühnen Nase die Augen merkwürdig rötlich und fast ohne Wimpern die Gefangenen musterten. Draußen schwoll das Toben der Masse. Wir hörten die schrillen Schreie der Weiber, Steine polterten gegen die Tür. Der Kerl in der Russenbluse wandte sich nun zu uns und sagte: «Wir wissen, daß noch Offiziere unter euch sind. Ihr habt euch verführen lassen durch diese Schweine. Es soll euch nichts geschehen, wenn ihr uns jetzt sagt, wer von den Offizieren noch unter euch ist. Wer die Offiziere nennt, dem passiert nichts; er wird sofort unter sicherem Schutz nach Hamburg gebracht und freigelassen. Wenn ihr die Offiziere nicht angebt, na, dann werdet ihr ja sehen, was geschieht. Na, wird's bald?» Ich packte mit der linken Hand sofort Wuths Arm und drückte ihn fest zusammen. Ich spürte, wie seine Muskeln sich strafften, wie seine Knochen ein Beben durchlief. Ich preßte eisern sein Handgelenk und zerrte mit ganzer Kraft nach unten. Der ganze, starke, zähe Mann strebte nach vorn. Wollte er sich durch das erste Glied drängen, sich melden, um unsertwillen? Niemals? Niemals darf das geschehen. Unsere beiden

Fäuste rangen miteinander. Ich sah ihm wütend ins Ge- sicht; das war unheimlich gespannt, die Haut straffte sich über die mageren Backenmuskeln, doch hatte er die Zähne fest zusammengebissen. «Schnauze halten, Wuth!» flüsterte ich. Die anderen Gefangenen standen unbeweglich und stumm. Am rechten Flügel entstand Unruhe. Ich sah erregt hin. Aber Tietje von den Hamburgern hatte nur spielerisch und anscheinend völlig unbeteiligt nach einer Stuhllehne gegriffen. «Na, denn nicht», sagte die Russenbluse. Der Riesenhafte drehte sich kurz um, hieb mit dem Kolben rasselnd auf den Boden und stampfte hinaus. Die Russenbluse sagte: «Ihr werdet jetzt abtransportiert. Aber wir wollen noch eine Weile warten, es sind noch nicht genug Leute draußen, die auf euch lauern.» Er grinste und verkrümelte sich zum Eingang. Sofort war um Wuth ein dicker Klumpen Ge- fangener. Tietje sagte: «Für was halten uns die Brüder eigentlich?» und schwenkte seinen Stuhl. Wuth zischte durch die Zähne: «Herrschaften, wenn die draußen prügeln, dann wiederprügeln. Keinen Hieb gefallen lassen. Immer hinter oder neben dem Wachmann gehen, damit der auch sein Teil abkriegt von seinen eignen Leuten! Immer dicht zusammenbleiben. Einer dem anderen beistehen. Die größten in die erste und in die letzte Gruppe, die Verwundeten in die Mitte. Seht zu, daß ihr die Stöcke ergattert, aber nicht aus der Reihe springen. Auf mich achten, ich gehe in der ersten Gruppe.» Nach einer kurzen Pause fragte er: «Wieviel Hamburger sind eigentlich noch da?» Einer sagte:

«Zwölf.» Wir schwiegen.

Der Tätowierte kam herein, brüllte: «Antreten!» und riß dann die Tür auf. Einige Sekunden lang hörte man nur das Trappen unserer eiligen Schritte. Wuth ging als erster ins Freie. Ich folgte dicht hinter ihm. Wir rannten mit vorgeneigtem Kopf, die Arme abwehrbereit erhoben, wie weggeschleudert in den dumpfen Haufen. Sofort spaltete sich die Menge; es war, wie wenn ein Keil in sie hineingetrieben wäre; eine schmale Gasse riß sich in den Kern der Menge, wir stießen in sie hinein. Wir wußten nicht, wohin sich unser Weg ziehen sollte; wir wußten nicht, ob wir ausgeliefert waren an die Masse, ob eine sichre Zu- flucht winkte irgendwo; wir wußten nur, daß wir jetzt uns zu wehren hatten; wir wußten, daß wir jetzt nur durch unerbittlichen, keuchenden, letzten Ansprang alles setzen mußten an das bißchen Lebensmut, das uns die Welt erträglich machte. Ein Geflirre von stolpernden Füßen war vor meinen Augen, und die linke Faust stieß in ein Gesicht und fühlte, wie etwas Knorpeliges brach. Ein schwerer Schlag sauste auf meinen Kopf, vom Arm halb aufgefangen. Ein manchestersamt-bespannter Bauch sprang ins Blickfeld und beulte sich nach zielgenauem Stoß. Es fiel ein steifer, schwarzer Hut; mein Fuß zerstampfte ihn, war- um gab mir das solche wilde Freude? Was dröhnt mir auf den Kopf? Was hämmert mir die Schulter wund? Da ist ein Schienbein, hin den Nagelschuh! Ein Hieb zuckt schmerzend auf den rechten Arm. Ein ungleich Spiel, von denen kriegt nur jeder einen Schlag — doch wieviel Schläge treffen uns? Der Kerl, der Tätowierte, trabt jetzt neben mir. Er hat die Knarre halb erhoben, doch sieht er unempfindlich

gradeaus und läßt die Schläge auf uns prasseln. Ich sehe, wie ein Kuli einen langen Schlauch weit ausholend niedersausen läßt, sofort spring ich zurück, der Schlauch klatscht nieder, schlängelt pfeifend um den tätowierten Wachmann. Der brüllt auf und fährt herum und haut dem Kuli in die Fresse. Nun kommt er doch in Fahrt, der Wachmann! Wuth boxt gekrümmt, drei Schritte vor mir. Weiber dringen auf ihn ein. Die Weiber, breit, in blauem Zeuge, mit nassen Schürzen und zerschlampten Röcken, fauchrot die faltigen Gesichter unter wirrzerzaustem Haar, mit Stöcken, Steinen, Schläuchen und Geschirren, sie hämmern auf uns los. Sie spucken, keifen, kreischen, — wir sind heran, nun durch. Es röchelt neben mir im schnellen Lauf ein kleiner Bayer, älter schon, und wie wir an den Weibern sind, da hör ich eine kreischen: «Was schlagt ihr denn die jungen, die alten Böcke müßt ihr prügeln!» Der arme kleine Bayer kriegt sein Teil. Da ist einer an der engen Gasse, ein junger, starker Kerl, der ist mit großem Ernste bei der Arbeit. Er sucht sich seine Leute aus, blickt prüfend und bedächtig erst die Reihe längs, bevor er schlägt. Dann aber haut er voller Wucht dem Auserwählten von unten rauf mit ganzer Faust vom Kinn her an die Nase, daß die rote Brühe spritzt. Er kommt an Wuth; das war verkehrt, denn Wuth duckt blitzschnell sich, der Bursche taumelt, und Wuth rennt ihm das Knie, die Wucht des ganzen Körpers hintersetzend, in den unbewehrten Unterleib. Der knickt zusammen, fällt, doch Wuth fällt mit ihm, beide rollen. Ich bin heran und schnappe Wuth am Kragen und zerr ihn hoch, wir rasen weiter. Jetzt spüre ich den Schmerz des Armes nicht, jetzt schlag ich auch,

wo niemand mich bedroht. Die Bewaffneten laufen neben uns. Es krachen Schüsse hinten, Schreie dröhnen, es kommt Bewegung in die Massen. Doch aus einer Seitenstraße bricht ein neuer Trupp, vornehmlich Weiber. Die Weiber sind die schlimmsten. Männer prügeln, Weiber spucken auch und keifen, und man kann so ohne weiteres nicht die Faust in ihre Fratzen pflanzen. Da steht, Idylle im Gewirr, ein altes Weib und stützt sich auf den Schirm. Die guten alten Augen, ach, unter jettbesticktem Häubchen! Kaum stehen kann sie, ernsthaft blickt sie uns entgegen und hebt — und hebt mit zitterigem Arm den alten Schirm, und schlägt mich, schlägt mich! Heiland! Schon wieder Schüsse. Wir laufen jetzt gehetzt, gepeitscht von Schrei und Schlag. Die Massen rennen hinter uns. Es baut sich eine hohe, rote Mauer vor. Ein Tor fliegt auf. Wir flitzen durch. Wir sind jetzt in der Pionierkaserne. Die Rotbinden sammeln sich am Tor und wehren den Nachdrängenden den Eingang. Wir stehen keuchend, blutend und zerschlagen auf dem Hof. Die Reichswehrleute weisen uns zurecht und drängen uns in das Quartier. Die Reithalle, der ganze Boden dicht bedeckt mit grauem Erbsstroh, nimmt uns auf. Es wurden sieben Mann von uns bei diesem Sturmlauf von der Masse erschossen und erschlagen. Wuth knirschte, auf den Boden der Halle hingeworfen:

«Das nächste Mal, bei Gott, da kommen wir mit Fünfzehner-Langrohr über diese Stadt.» Doch Tietje, unverbesserlich, behauptet: «Prügeln ist immer fein, auch wenn man selber Hiebe kriegt.» — Drei Tage lagen wir in der Reithalle. Wir lagen im knisternden, staubigen Stroh, gereizt, müde, verbraucht,

voll einer dumpfen, fressenden Wut. Einer der Bayern erzählte Tag für Tag eintönig, wie Berthold starb. Der Mann war bis zuletzt bei dem Hauptmann gewesen. Berthold war im Schutze des Mantels bis zu jener Seitenstraße gelangt. Da kamen ihm Matrosen und Arbeiter entgegen. Einer von denen erkannte ihn am Pour le mérite. Sie fielen über ihn her, er wehrte sich, er schlug um sich, ein Kolbenhieb auf seinen bloßen Kopf ließ ihn umsinken. Er zog mühsam den Säbel, den er noch umgeschnallt trug, doch wurde der ihm entrissen. Er, halben Leibes an einen Laternenpfahl gelehnt, kämpfte um den Orden. Man riß ihn herunter, sie trampelten ihm auf die Beine, sie zerrten ihm den Rock ab, sie brachen ihm den mehrfach zerschossenen Arm. Berthold entriß einem Matrosen die Pistole, schoß ihn nieder, sie stürzten sich auf ihn, ein Messer gleißte, zerschnitt ihm die Kehle. Langsam verröchelte er, einsam, kämpfend, in den Kot getrampelt. Seine Mörder teilten sein Geld. Der Bayer lag in einem Hausflur, verwundet, bewacht. Einer von der Zugwache erzählte, wie sie angegriffen und aufgerieben wurden, nur ganz wenige lebten noch. Das Gepäck wurde geraubt. Von den Reichswehrpionieren erzählte einer von den gewaltigen Verlusten, die wir den Harburgern zugefügt. Wir sagten diesem Soldaten, was wir von seiner trefflichen Formation dächten, und er zog sich gekränkt zurück. Aber der Feldwebel, der unsere Bewachung leitete, berichtete schadenfroh, daß der Berliner Putsch zusammengebrochen sei. Wir hörten ihm erstaunt zu. Dann sagte Tietje: «Ja, richtig, wir wollten ja eigentlich

einen Putsch machen. Na, Putsch ist futsch und Kapp ist hin.» Und wir ließen diesen Heldenjüngling stehen und hauten uns ins Stroh. Was mit uns geschehen sollte, wußte niemand. Wir saßen da und warteten und hatten viel Zeit zum Nachdenken. Die Schwester des Hauptmanns kam und brachte uns Zigaretten. Die Bayern standen stumm und mit zuckenden Gesichtern um sie herum. Sie war still und tapfer. An dem Abend dieses Besuches sprach in der Reithalle keiner ein Wort. Am dritten Abend sagte ich zu Wuth: «Je mehr ich es mir überlege, desto sicherer weiß ich, daß unser Kampf nicht zu Ende ist. Aber ich weiß auch, daß wir

bislang notwendig scheitern mußten. Wir werden niemals wieder als Truppe eingesetzt werden. Jetzt muß jeder einzelne seinen eigenen Kampf angehn. Was wirst du tun, Wuth?»

Er

lag

und

blickte,

die

Arme

hinterm

Kopf

verschränkt, an die Decke der Halle und sagte:

«Siedeln! Ja, siedeln. Wir werden, meine letzten zehn Mann und ich, die letzten Hamburger, wir werden uns zusammentun und siedeln. Bauer werden. Irgendwo, verdammt, im Lokstedter Lager oder in der Lüneburger Heide oder im Bremer Königsmoor, da werden wir siedeln, Häuser baun, Bauern und Soldaten, das ist eine gesunde Mischung.» Ich sagte: «Ja, das ist ein Stück Arbeit. Aber keine Arbeit für mich. Denn, siehst du, das ist wie eine Krankheit. Ich glaube, ich werde niemals zur Ruhe kommen. Was wir bis jetzt taten, das war bei Gott nicht umsonst. Blut fließt nie umsonst, es meldet immer

seine Ansprüche an, die doch einmal erfüllt werden. Aber für diesmal und jetzt, da scheint mir die Spanne zwischen Aufwand und Erfolg zu groß. Das kommt, glaube ich, daher, weil wir Abseitige waren im Grunde — versteh mich recht, trotzdem wir immer im Brennpunkte standen, wir kämpften doch auf einer ganz anderen Ebene, als sie sich für das Reich gültig erwies. Ich meine, was sich da nun formte, was nun sogar vor unserem Putsch zusammenhielt, das entstand anders, als wir dachten.» Wuth setzte sich aufrecht hin und sah mich an. Ich fuhr eifrig fort: «Ich meine, das entstand im Grunde nicht durch Bewegung, sondern durch Gewicht. Das, was am passivsten war, das hat sich durchgesetzt, einfach, weil die aktiven Teile sich gegenseitig auffraßen. Es ist ja doch nichts Neues entstanden durch die Novemberrevolte. Wir haben keine Umschichtung erlebt, geschweige denn eine Revolution. Alle die alten Werte sind wieder da, sie sind nie verschwunden, aber jetzt zeigen sie sich ohne die glänzende Bemalung, die ihnen vor dem Kriege die Gültigkeit verlieh. Kirche, Schule, Markt, Gesellschaft, es ist noch alles da, genau so, wie es früher war. Nur das Heer ist futsch, und das war noch das Beste an der ganzen Vorkriegsepoche. Und die Fürsten — na ja. Sieh dir mal die Namen und die Gesichter der Parlamentarier und Minister an. Wir haben den Krieg verloren unter der alten Schicht. Da die neue die gleiche ist wie die alte, von dem gleichen Wortschatz lebt, — sie haben nur ein bißchen «Verwechselt das Bäumchen» gespielt — den gleichen Bedingungen und Verpflichtungen unterliegt, so kann diese Schicht auch nicht den Verlust des Krieges

wettmachen, scheint mir. Ich hab Gründe zur Annahme, daß sie das nicht einmal will. Es ist schon richtig, was die Kommunisten sagen, nämlich, daß dieselbe Bourgeoisie heute öffentlich herrscht, die bis zum November 18 unter der Oberfläche herrschte. Also haben wir keine Revolution gehabt. Also können wir gegen die Revolution nicht angehn. Und sind wir zufrieden mit dem, was heute ist? Gibt es auch nur einen Ton, einen einzigen armseligen Ton dieses Konzertes aus Verordnungen und Reden und Programmen und Akten- und Zeitungspapier, der in uns anklingt? Gibt es nur einen Namen, zu dem wir Vertrauen haben? Gibt es nur ein Wort, dem wir glauben können? Ist uns nicht alles in Bruch gegangen durch den Krieg erst? Schön, es war nicht schade drum, scheint mir, um das, was da in Bruch gegangen ist; aber nachher, bot sich auch nur ein einziges Ziel in dem Gemenge von angeblichen Erfordernissen und Aufgaben? Ist nicht alles, was wir wollten, verhöhnt und belächelt worden? Also, wenn dies so war, wenn dies so ist, und wir erahnen, daß noch etwas auf uns wartet, daß wir zu anderem berufen sind, als diesen Dreh mitzumachen, was dann? Wenn die Revolution nicht stattgefunden hat, was dann? Dann müssen wir eben die Revolution machen.» Jetzt lächelte Wuth. Ich schlug die Augen nieder und sah angestrengt auf die Fußspitzen. Ich sagte: «Ich habe die Auffassung, daß die Revolution nachgeholt werden muß. Die parlamentarische Demokratie — na, schön. Das war mal 1848 modern. Da hatte es vielleicht seinen großen Sinn. Obgleich wir im Kadettenhaus dies Jahr im Geschichtsunterricht nur spärlich durchzupauken

brauchten — denn was braucht ein königlich preußischer Kadett vom Jahre 1848 viel zu wissen? —, bin ich doch in einer Atmosphäre aufgewachsen, die noch von diesem Jahre gesättigt war. Die Paulskirche in Frankfurt — also da gibt's nichts. Das waren sehr ehrliche Leute. Damals hatte das wohl viel Sinn. Und der Marxismus? Da ist ein festes und solides Programm, an das man wohl glauben mag, das man wohl zur Bibel der Revolution machen kann. Aber die Revolution ist doch nun mal nicht gekommen! Das Ergebnis von 1918, das ist ein Gemix von 48, von Wilhelminismus und Marx. Und so sieht es auch aus. Alle Restbestände des Lagers sind mit hinein- genommen in die neue Firma. Und wir stehen davor. Und haben für Ruhe und Ordnung gekämpft. Ja.» «Nun bin ich doch verdammt neugierig, worauf dieser Jüngling eigentlich hinauswill!» sagte Wuth. Jetzt hörten alle Hamburger zu. Ich sagte: «Vielleicht kann ich mich nicht so ausquetschen, wie ich möchte. Ich bin kein Volksredner. Ach nein. Aber ich meine, wir müssen Revolution machen. Sozusagen 'ne nationale Revolution. Na ja. Und ich meine, wir haben schon angefangen damit. Denn: wehren wir uns nicht alle, wenn gesagt wird, unser Putsch sei reaktionär? Ich meine, alles, was wir bis jetzt taten, war schon ein Stück Revolution. Im Ansatz. Nicht im Wollen vielleicht, aber darauf kommt's ja nicht an. In der Wirkung, nicht im Bewußtsein. Ich meine so: alle Revolutionen der Weltgeschichte begannen mit dem Aufstand des Geistes und endeten mit dem Barrikadensturm. Wir haben es genau umgekehrt gemacht. Wir fingen mit dem Barrikadensturm an. Und

sind gescheitert. Der Aufstand des Geistes, den meine ich, wenn ich sage, wir müssen die Revolution nachholen. Damit müssen wir jetzt beginnen.» «Ach, mein Guter», sagte Wuth, «den Geist möchtest du jetzt suchen? Mögest du ihn finden. Und möge es ein guter sein.» Ich sagte: «Du mußt schon ent- schuldigen, wenn ich mich unklar ausdrücke. Aber weißt du, wie die russische Revolution sich vollzog? Ich meine von ihren ersten Anfängen an? Weißt du, wieviel «Bolschewiken» es bis zum Jahre 1917 gab? Ich meine echte Bolschewiken, die diese und keine andere Revolution wollten? Nicht ganz dreitausend, im ganzen Riesenreich nicht ganz dreitausend, habe ich mir sagen lassen, und ein guter Teil von denen hockte noch im Ausland, in der Schweiz und weiß der Kuckuck wo noch. Aber das waren Leute, die unermüdlich an der Arbeit waren. Theoretiker der Revolution zuerst und dann Praktiker. Da stand' Zug um Zug fest, Wort um Wort, Idee um Idee. Und die Leute beherrschten die revolutionäre Taktik wie die revolutionäre Strategie. Zugegeben, sie hatten einen Anhalt an der Marxschen Theorie. Aber das war schließlich nur die Theorie, um die die Revolution ge- macht werden sollte, nicht die Theorie der Revolution selbst. Wir müssen die Revolution um der Nation willen, um die Nation machen. Und da müssen wir erst mal wissen, was Nation eigentlich ist. Wissen meine ich, nicht ahnen. Wir ahnen alle schon. Aber wissen. Und dann müssen wir wissen, wie wir die Nation, die wir heute nicht haben, auch hinstellen. Und das zu lernen, das scheint mir die Aufgabe.»

Ich schwieg, erschüttert über den Fluß meiner eigenen Rede. Die Hamburger schwiegen auch. Ich stand auf. Wuth fragte: «Was machst du jetzt?» Ich sagte: «Ich gehe.» — «Wohin?» — Ich sagte: «Raus!» Und ging auf die Posten an der Tür der Reithalle zu. Die Hamburger sahen hinter mir her. Bei den Reichswehrpionieren war ein Unteroffizier, der war scharf auf meine Reithosen. Schon zweimal hatte er mich gefragt, ob ich sie ihm nicht verkaufen wolle. Jetzt nahm ich ihn beiseite und sagte: «Kannst die Hosen haben.» Er fragte sofort: «Was soll ich dafür ausgeben?» Ich sagte: «Paß mal auf: Ein Paar alte Buchsen von euch, ein Koppel mit Säbeltroddel, ein Paar Achselklappen von euch und eine Reichs- wehrmütze mit dem schönen Eichenkranz, den ihr tragen dürft, weil ihr so tapfer gesiegt habt.» — «Das geht nicht», sagte der Pionier. «Du kannst mich mal», sagte ich und drehte mich um. «Halt, renn doch nicht gleich weg!» Er stand und schaute unschlüssig. Dann fragte er: «Ist das gutes Leder?» Ich sagte: «Eins A- Leder, viel zu schön für dich, du machst es ja bloß voll, du Hampelmann.» Er schaute und sann und sagte: «In 'ner halben Stunde bring ich das Gelump. Ich hab' dann die Wache am Kasernentor. Hier kannste aber nicht durch, hier stehn auch Arbeiter Posten.» — «Schön, du Heldenjüngling, du hast ja kapiert. Also in 'ner halben Stunde.» Dann ging ich zu den Hamburgern und zog meine Reithose aus. Wuth verstand sofort. Ich nahm Abschied von den Hamburgern. Ich drückte jedem einzeln die Hand und viel Worte wurden nicht gemacht. «Mach's gut» und «Hals- und Beinbruch» und dann ging ich ins Stroh dicht an der Tür. Der Pionier kam

und steckte mir vorsichtig die Sachen zu. Ich gab ihm die Reithose. Dann ging ich an das dunkle, hintere Ende der Reithalle. Dort lag das Stroh hochgetürmt bis zu einem Fenster, das klein und vergessen in der Mauer stak. Keiner achtete auf mich, außer den Hamburgern. Ich setzte die Reichswehrmütze auf und schnallte das Koppel um und befestigte die Achselklappen an meinem Rock. Dann griff ich nach dem Fensterbrett. Ich drehte mich noch einmal um nach den Hamburgern und winkte. Die Hamburger fingen auf einmal an, leise zu singen. Die Bayern horchten erstaunt auf, die Wache am Tor drehte sich ihnen zu. Die Hamburger — die letzten zehn Mann der Kompanie, die einmal ein Bataillon war — die Hamburger sangen das Seeräuberlied. Ich zog mich hoch und schwang mich durch das Fenster. Draußen klammerte ich mich an den starken Ast einer großen Kastanie, ließ die Beine baumeln und hangelte mich zu Boden. Dann ging ich über den dunklen Hof zum Tor. Der Unteroffizier stand dort, trat zwei Schritt zurück und ließ mich schweigend vorbei. Durch die leeren, nächtlichen, hallenden Straßen ging ich unendlich einsam, auf Hamburg zu.

DIE VERSCHWÖRER

Auftakt

Es bedurfte nur des Loslösens von der kriegerischen Gemeinschaft, um mir sofort ins Bewußtsein treten zu lassen, wie sehr siebzehnjährig ich war. Vollzog sich auch die Trennung mit einem schneidenden Schmerz, so hatte sie doch jene selbe Leichtigkeit des plötzlichen hellsichtigen Aufgebenkönnens bisher gültiger Vor- stellungen und Maxime für mich im Gefolge, die mich in der Novembernacht des Jahres 1918 zugleich erschreckte und beglückte. Mich beunruhigte der durch unvermutete Scham nicht ganz zu Ende verfolgte Gedanke, daß ich eine besondere Federung des Herzens haben müsse, eine Art innerer Auffangkonstruktion, die mir jeden waghalsigen Sprung, jeden abenteuerlichen Vorstoß erlaubte, ohne mich fürchten zu lassen, daß ich nach unvermeidlichem Rückstoß in das Bodenlose fiele, in den offenen Rachen des scheußlichen Untiers, das in der Brust jedes Menschen wohnend geglaubt wird.

So konnte es wohl kommen, daß ich, nun ausgeliefert der in ihrer realen Nüchternheit platten Welt, völlig allein gegenüber dem unbekannten, saugenden Rhythmus eines durch anscheinend sinnlose und doch unerbittlich harte Mechanik geregelten Lebens, fast symbolisch zuerst zu dem griff, was mir einen vagen Begriff vom Leben auch zuerst vermittelte, zum Buche. Bevor ich auszog wie der reine Tor der Sage, hatte ich durch Bücher mir einen Damm gebaut gegen die täglichen Kümmernisse meiner etwas

schwierigen Aufzucht. Nun aber, in diesem Augenblicke, da mir, was auch immer ich sah und spürte, so voll fahler Schatten und farblos schien, konnte mir das Schaufenster einer Buchhandlung wie auf einen geheimen Anruf hin die wütende Sehnsucht nach jener leuchtenden Unmittelbarkeit erwecken, die mir die Bücher gaben, ehe ich versuchte, meinem Bruder Simplicius Simplicissimus nicht nur in der Phantasie zu folgen. Im Schaufenster aber lag, etwas in die Ecke gerückt und ein wenig angestaubt, ein Buch mit dem Titel «Von kommenden Dingen». Und durch diesen Titel eigen-tümlich angezogen und berührt, ging ich in den Laden und erstand mir das Buch. Ich stieg zu meiner Mansardenstube hinauf, zündete mir die letzte große Kerze an, setzte mich in den alten Plüschsessel, von dem schon ein Bein verheizt war, nicht ohne das ächzende Möbel durch eine Handgranatenkiste gestützt zu haben, und begann frierend zu lesen. Ich las die ganze Nacht hindurch. Das Buch war von Walther Rathenau, dessen Name mir dunkel als der eines Großindustriellen und Wirtschaftsführers im großen Kriege in der Erinnerung war. Gleich die ersten Sätze des Buches, die betonten, es handele von materiellen Dingen, jedoch um des Geistes willen, verliehen mir eine eigentümliche Befriedigung: gerade das schien mir zu lesen jetzt gut und notwendig zu sein. Es war dies Buch mit einer flüsternden Ein- dringlichkeit geschrieben, seltsam unplastisch und ganz ohne Pathos, und selbst die wenigen Sätze, in denen das warme Licht eines verklärten Optimismus leuchtete,

waren beschattet von einer Wehmut, die mich sofort ergriff. Von kommenden Dingen war ich begierig von dieser fernen, leidenschaftlichen, getragenen Stimme zu hören, und ich las, das Ziel sei die menschliche Freiheit. Da blätterte ich ernüchtert vor und zurück und sah das Erscheinungsjahr 1917, und war wieder gefangen von der Botschaft der Verklärung des Göttlichen aus menschlichem Geiste, und es erging mir so, daß ich gebannt die Zeilen verfolgte, und es erging mir so, daß ich minutenlang aufwärts sah und zweifelnd erwog, ob ich hier beteiligt sei. Denn dies Buch war fremd und nah, es war gütig und kalt, es war tief und schwerelos, es zeigte die schmalen Beziehungen zu den Hintergründen, aber es zeigte die Hintergründe nicht. Da war so vieles, was ich nicht verstand, da war so vieles, was ich selbst gedacht, da sprach mich hemmungslos Jugend an, und da dozierte mahnend ein überlegener Greis. Jedwedes Ding war rundherum beleuchtet und schimmerte, von spielerischer Hand emporgehalten, gleich einem geschliffenen Kristall, und ein Kristall, so dachte ich, kann freilich kein drängendes Leben zeigen. Etwas fehlte hier, und etwas war dort zu viel. Etwas strich sanft über die Wirre und sänftigte sie, und etwas klang feindlich dazwischen. Ich konnte lesen und Ja sagen, einmal Ja, zweimal Ja und dreimal Ja und immer wieder fiebernd Ja und konnte das Land schon ahnen, zu dem der Weg mich führte, konnte die Landschaft schon liegen sehen, bestrahlt, hingebreitet, nur wenig des Gestrüpps trennte noch — und dann war eine Grenze da, dann wurde auf einmal der Schritt müde, dann flatterte nur eine vage Handbewegung über die kommenden Dinge, und voll

einer erbarmungswerten Resignation verlor der Klang der eifervollen Stimme sich in dem Chor der Geister, die sie selbst beschwor. Dinge, die mir wie Kiesel waren, die der Fuß achtlos beiseite schiebt, erschienen hier wie starre, die Ebene beherrschende Felsen, Dinge, die mir verwickelt schienen wie Schlangenknäuel, lösten hier sich einfach und klar und waren geordnet mit sachter Hand, Dinge, die mich plastisch dünkten und schlicht in den Linien und ohne Geheimnis, hier zitterten sie plötzlich in magischem Schein. Dies war ein außerordentliches Buch, und außerordentlich war die Landschaft, die es zeigte, das mechanistische Reich der Welt und die seelische Kraft des Geistes, die dieses Reich zu kommenden Dingen forme. Aber eben dies, die schmale Hoffnung auf eine Beseelung der Mechanik durch den Geist, schien mir eine nur magere Antwort auf das drängende Suchen, das sich in diesem Buche wie in den Herzen der Jugend auf einmal anmeldete; und da ich die Antwort nicht fand, nicht das Eigentliche, nach dessen Enthüllung ich lechzte, so mußte es mich bitterer noch schmerzen, zu finden, daß auch keine Frage schärfer gestellt, keine Verantwortung klarer umrissen sich zeigte, als es die Verkündigung von der neuen Gerechtigkeit, von den Gütern der Seele, heischen müßte. So war dies Buch eine Bestätigung; denn da es den Stoff zu veredeln suchte, erkannte es seine Herrschaft an. Dies war, nun glaubte ich es zu erkennen, ein im Geistigen reaktionäres Buch. Ein Verspäteter sprach hier, nicht ein zu früh Geborener. Es blieb seine Prophetie Kritik, und die Kritik am Seienden geschah somit auch um des Seienden willen. Die Forderungen,

die erwuchsen, sie konnte man auf allen Gassen hören, Volksstaat, Demokratie — es wälzten sich die Worte lüstern lange schon in den Mäulern der Pausbäckigen, dieselben Worte, deren edle Energien ein im tiefsten Einsamer zu spät für die da draußen nun erkannte. Ich glaubte die wehen Züge des Blinden zu sehen, der in der Wüste sprach und horchte, da die Menschen schwiegen, ob nicht die Steine sprächen. Aber die Steine schwiegen auch. Was sollten die Werte, da die Worte genügten? Ich las und las und näherte mich dem Ende. Es erschien mir alles wie ein Traumgebilde, wie durch Glas gesehen, wie durch ein mattes, behauchtes Glas, durch das die Welt fahl und bläulich schimmerte, ja, wie eben die Landschaft, die ich nun durch das Fenster sah — denn die Nacht neigte sich ihrem Ende, und die Kerze verglomm, und die klotzigen Umrisse bis unter das Dach mit Menschen vollbepackter Mietskasernen, das Gewirr der Schlote und Kamine, die brüchigen Linien der Dächer lösten sich gespenstisch vom samtenen Hintergrund. Da stand ich auf und lehnte mich hinaus und schaute in die Schluchten der Hinterhöfe, in denen der Lärm des nahenden Tages schon hallte, und fühlte mich siebzehnjährig genug, um zu wissen, daß dies hier gebändigt werden müsse und nicht beseelt, und ich klappte das Buch zu und dachte, der leichte Schauer, der mir vom Nacken rieselte, rühre wohl von der Morgenkühle her, die nun durch das Fenster prallte. In diesem Augenblicke rückten die Franzosen in die Stadt. Ich hörte das Schmettern ihrer Clairons und stürzte auf die Straße und sah. Die Wucht der

marschierenden Kolonnen klemmte mich fast an die Mauern. In mir faserten noch die Gedanken des Buches, das ich in der Nacht gelesen hatte. Hier zerklirrte ein gläserner Traum unter dem gellenden Siegesjubel, der über die Gewehre und Helme fuhr. Ich tastete mir nach dem Gesicht, als wolle ich Spinnweben von der Stirne wischen, und lauschte auf den höhnischen Triumph, der durch die Straßen knallte, und sah die Siegessicherheit, die Eleganz, die lächelnde Verachtung, die von der Bestrafung reden durfte und von Vergeltung. Die Stadt war ausgeliefert einem fremden Willen, die Würde angetastet, und daß wir es dulden mußten, das war unerträglich. Wie am Draht gezogen schoben sich die glänzenden Glieder heran, gleich riesigen Kellerasseln wälzten sich Tanks, eine unerbittliche Masse gepanzerter Leiber, und ich stand geduldet und waffenlos. In mir stieg die dumpfe Proletarierwut. Ich sah, daß diese kleinen, schwarzen Offiziere Lackstiefel trugen, schlanke Taillen hatten, ich sah die gutgepflegten Pferde, die lässig stolzen Blicke, Ordensbänder, ich sah, daß jener Capitaine mit seinem Reitstock lachend zu dem Mädchen grüßte, das nun vom Fenster erschreckt verschwand. Ja, daß sie lachen durften, während wir verbrannten, daß sie marschieren durften, mit ihrem Kriegerstolze prunken, und wir in Demut standen, das jagte mir den roten Haß ins Herz. Ich lief den ganzen Vormittag durch die Stadt und heulte fast vor Wut. Die Menschen, die mir begegneten, gingen bleich und hastig, selbst den Lärm der Straße schien ein leichtes Zittern zu durchwehn. Überall gingen die Patrouillen der Franzosen zu drei und vier

Mann, und diese schritten schnell, knapp, mit verschlossenen Gesichtern, gleichsam eine unsichtbare Wand um sich tragend, indes stärkere Kolonnen sich trippelnd durch die Straßen schoben und die Soldaten fröhlich neugierig die eroberte Stadt zu mustern und bekömmlich zu finden schienen. An einzelnen Plätzen, am Hauptbahnhof, an der Oper, an der Hauptwache, hatten sich Truppenlager gebildet, Maschinengewehre standen schußbereit an den Ecken, die Gewehre waren zusammengesetzt und zu kurzen Pyramidenreihen aufgebaut. Offiziere schlenderten, nie allein, immer zu zweien oder dreien, mit wippenden Reitstöckchen, auf den Bürgersteigen, und die Mienen der Passanten wur- den starr und ausdruckslos, wenn sie ihnen begegneten. An einem Hotel wurde von geschäftigen Poilus die Trikolore hochgezogen, indes die Offiziere aus- und eineilten. Ich versuchte meine Gedanken zu kontrollieren. Irgend etwas anzuerkennen, etwa das starre und exakte Funktionieren der militärischen Maschinerie, das gute soldatische Aussehen der Truppen, die sauberen, blonden und heiteren Gesichter der Leute, das erschien mir wie Verrat. Ich wollte nichts anerkennen, ich wollte, der Haß der Menge sollte eine granitene Mauer um diese Sieger bauen, sie sollten sich in tödlicher Isolierung finden, stets auf der Wippe zwischen Furcht und Schrecken. Da kam eine Gruppe Neger, geführt von einem weißen Korporal. Die Neger hatten dünne, wadenlose Beine, an denen die Wickelgamaschen rutschten, und gingen mit einwärts gestellten Füßen. Sie grinsten unter den flachen Helmen mit großen, leuchtenden Zähnen, drehten sich unbekümmert um

und kosteten sichtlich das Gefühl einer unvermuteten Überlegenheit. Hier also marschierten die Vertreter der Humanität und Demokratie, in ihrem Namen aus allen Winkeln der Welt geholt, uns Barbaren zu züchtigen. Vorzüglich, und nur keine falsche Scham! Wie, sind wir nicht Barbaren? Nun, wir wollen Barbaren sein. Und der letzte Rest des bebenden Traumes dieser Nacht zersplitterte; denn hier zu widerstehen, reichten die Güter der Seele nicht, die sich aus dem Geiste der Gerechtigkeit speisen. Die ganze Stadt war aufgestört. Nur zweimal hatte ich bis dahin die Stadt unter solchem flirrenden Dunst liegen sehen, in den Augusttagen des Jahres 1914 und am Tage der Revolte. Es war, als habe sich die Unruhe aller Herzen zum Nebel verdichtet und sei vibrierend aufgestiegen, nun alles mit zitternder Spannung erfüllend. An den Straßenecken bildeten sich kurze Gruppen, die sofort vor den heranklirrenden Schritten der Patrouillen wichen, aber hinter ihnen wieder zu- sammenflössen. Um einen entwaffneten Sicherheits- polizisten herum schob sich eine Menge, schweigend und nervös. Alle fühlten, wie die Zeit brannte, alle warteten auf etwas, das sich unerbittlich näher schob, doch wußte niemand, wie die plötzliche Entladung erfolgen werde. Im Hofe der Hauptpost trat eine Kompanie an. Vor den Toren der Einfahrt sammelte sich eine Menge, mit der ich sofort Kontakt spürte. Überall schien durch die Kruste des Alltags Elementares durchzubrechen. Die Menschenmauer verdickte sich und ließ die Wellen eines finsteren, kaum gebändigten Hasses in immer kürzeren Räumen gegen die Truppe branden. Der

kommandierende Offizier klirrte unruhig hin und her, die Soldaten schoben sich eng aneinander. Der Offizier befahl etwas, die Soldaten rissen eilfertig die Bajonette aus den Scheiden und pflanzten sie auf die Gewehre. Ich begann zu johlen, laut «Oh!» zu rufen, sofort wogte das Geschrei weiter. Der Offizier drehte sich zu uns um, er war sehr bleich und hatte ein kleines schwarzes Bärtchen und dunkle Augen und versuchte mit ihnen zu funkeln. Das Gejohle schwoll. Nun trat er zurück, wandte sich zu seiner Truppe und kommandierte. Die Kompanie nahm Gewehr über. Aber es klappte nicht; die Soldaten, unruhig geworden, klirrten mit den Läufen gegeneinander, einem rutschte der Helm. Wir schrien und lachten, der Hohn zwang sich durch den Haß, eine gelle Strimme rief, sich überschlagend: «Das Gewehr — über! Schlapp, noch mal!» Aus allen Kehlen hallte Gelächter. Die Torbogen warfen das Echo in die Winkel des Hofes. Der Offizier, völlig irregemacht, ließ wahrhaftig noch einmal Gewehr bei Fuß nehmen, um den Griff zu wiederholen. Nun kannte das Gejohle kein Ende mehr. Da drehte sich der Himmelblaue um, und plötzlich rückten die Soldaten an, eine geschlossene, entschiedene Masse. Wir sahen die weißen, gespannten Gesichter; da waren sie auch schon heran. Die fürchterliche Drohung, die in diesen Mienen lag, ließ die Menge zurückweichen; gleich- zeitig trabte eine starke Patrouille Marokkaner durch die Zeil, drängte sich mit vorgeschobenen Läufen an den Bürgersteig, die Menge platzte. An den Ecken der Nebenstraßen sammelten sich wieder kleine Haufen, begleiteten den marschierenden Trupp mit höhnischen Rufen, wichen hier vor den Patrouillen und klebten dort

wieder zusammen. Ein größerer Strom zog sich zur Hauptwache. Ich folgte ihm. Massen umsäumten den Platz. Vorm Schillerdenkmal stand eine Gruppe Offiziere; die Soldaten lagen auf dem Boden, erhoben sich aber bald und formierten sich zu ungeordneten Gruppen in der Nähe ihrer Gewehrpyramiden. Marokkaner, Neger und Weiße ballten sich um die aufgestellten Maschinengewehre. Schiller sah unbewegt und mit kühner Nase über den Platz.

Vor der Hauptwache, direkt am Eingang für «Frauen», stand ein sehr junger französischer Offizier, der sich das Vergnügen machte, die Passanten, die zur Straßenbahnhaltestelle wollten, mit einem Fuchteln seines Reitstöckchens vom Steige zu weisen. Frauen und Mädchen gegenüber aber war er von aufdringlicher Galanterie. Die Bürger, die sich an der anderen Seite der Hauptwache sammelten, standen murmelnd und finster da und sahen zu dem Schlankgeschnürten hin. Von der Schillerstraße kam im Strom der anderen Passanten ein junger Mensch in blauem Anzug, mittelgroß, stämmig und mit auffallend großen und dunklen Augen. Der bog nicht mit den anderen vor der Insel aus, die sich um den Offizier gebildet hatte, sondern ging unbekümmert weiter, mit einer etwas breiten Eleganz und großer Sicherheit. Er wollte an dem Offizier vorbei, der rief ihm etwas zu; der junge Mann kümmerte sich nicht darum; der Offizier wurde puterrot und rannte ihm nach, und als der sich nicht einmal wandte, berührte er ihn mit der geschlenkerten Reitpeitsche.

In diesem Augenblick schrie die Menge auf. Denn der junge Mensch drehte sich blitzschnell um, stieß mit dem Arm von unten hoch, entriß dem Offizier die Peitsche, fitzte sie ihm einmal über das Gesicht und knackte sie dann zu drei Teilen, die er dem Franzosen vor die Füße warf. Der Franzose taumelte zurück, dann schnellte er zusammen, pumpte sich voll Luft und stürzte sich, indes sich der schmale Strich auf seiner Wange weiß im blutrot gewordenen Gesicht abzeichnete, mit einem dumpfen Knurren auf den jungen Mann. Der stand breitbeinig, unbeweglich, mit gefährlichem Blick, bis der Franzose auf einen halben Schritt heran war, dann federte er kurz in den Knien, griff zu, schnappte den Offizier an Brust und Hüfte und hob ihn mit Grandezza hoch. In der Luft legte er den Strampelnden quer, trug ihn drei Schritte weiter und warf ihn dann fast nachlässig die Treppe zu «Frauen» hinunter. Dann drehte er sich um, bog mit einer schlanken Wendung um das niedrige Gebäude und verschwand mitten unter der Gruppe der französischen Offiziere, die überrascht auseinandertraten. Ein Marokkaner half dem gezüchtigten Offizier hoch, der erregt zu seinen Kameraden stürzte; gleich danach entstand heftige Bewegung, und wenige Sekunden später knallten Schüsse vom Roßmarkt her. Aber nun drängten plötzlich die Massen an. Ein wütendes Aufbrüllen scholl über den Platz. Die Franzosen rannten durcheinander, die Posten ballerten los. Ich lief quer über den Platz auf die Katherinen- pforte zu. Die Schüsse peitschten das Pflaster, witschten mir um die Beine, knallten in die Mauern.

Die Menge spritzte auseinander, um aus einer anderen Ecke wieder vorzubrechen. Ich bog in eine Neben- straße, auch hier pfiffen die Geschosse. Da sprang ich in einen Hausgang. Gleich darauf wehte etwas durch das Tor hinter mir herein. Ich sah hoch und erkannte den jungen Menschen, der nun, mit verschränkten Armen und sehr gelassen, sich an das Treppengeländer lehnte. Draußen war Geschrei und Knallen. Ich ging auf den jungen Menschen zu und sagte begeistert: «Das war zackig!» «Ach, reden Sie nicht», sagte der, «helfen Sie mir lieber. Wir müssen diese Stadt aufputschen!» «Natürlich helfe ich!» schrie ich und stellte mich, meinen Namen nennend, vor. Der junge Mensch gab mir die Hand, verbeugte sich und sagte: «Kern».

Sammlung

Die Stadt ließ sich nicht aufputschen. Nach der ersten Probe ihres barbarischen Mutes versicherten die Bürger der urbanen Handelsmetropole, die Franzosen seien auch Menschen, wogegen sich füglich nichts ein- wenden ließ. Doch schienen die Franzosen immerhin Menschen zu sein, mit denen man nicht verkehren konnte. Denn niemals gelang es ihnen, Eintritt zu erhalten in die bürgerlichen Kreise, in die Gesellschaft nicht, auch nicht in die Familien, bei denen sie

einquartiert waren. Niemals sah man ein Mädchen mit einem Franzosen gehen. Die Franzosen waren völlig isoliert, in einen eisigkühlen Bannkreis gestoßen. Vielleicht beruhte diese Verhärtung der Gefühle nicht auf Haß, sondern auf Enttäuschung, auf jener Enttäuschung etwa, die ein Kaufmann empfindet, wenn ein geschätzter und langjähriger Geschäftsfreund sich plötzlich zum gefährlichen Konkurrenten wandelt und dabei durch Anwendung unsauberer Mittel triumphiert. Denn diese Stadt war immer stolz gewesen auf ihr Weltbürgertum, auf ihre weite und großzügige Libertät, es war eine Stadt, die dem Gedanken des Fortschritts der Menschheit immer gehuldigt, und da waren früher doch so viele innige Beziehungen gewesen zwischen Frankreich und der Stadt, zwischen der Stadt und Paris, dem glänzenden, ein wenig bewunderten und auch ein wenig nachgeahmten Vorbild der Lebensart. Und nun dies, nun diese Methoden: Besetzung durch die Horden der französischen Soldateska, Siegerübermut und verblendetes Rachegeschrei und Gewalt! Nun dies dem Geiste der wahren Demokratie so abgewandte Pochen auf die kriegerische Vertretung, dies Überreichen von brutalen Forderungen auf den Spitzen der Bajonette! Die Stadt verharrte in schweigender Verachtung. Und nach einigen Monaten, nachdem die Reichswehr, die den Aufstand der Roten Armee um Wesel nieder- geworfen hatte, die neutrale Zone im Ruhrgebiet räumte, verschwanden die Franzosen, ohne zum Abschied noch einmal die Clairons gellen zu lassen, nichts hinterlassend als einige Plakate mit der Versicherung, daß Frankreich alle Verträge und Versprechungen heilighalte.

Krieg und Revolte hatten der Stadt viel von ihrer Eleganz, wenig von ihrer Behäbigkeit und nichts von ihrer Liberalität geraubt. Aber die Luft der Stadt war bitter, wie des ganzen Reiches Luft in diesem und in den folgenden Jahren. Das ganze geruhige Leben der Stadt war durchzittert von einer dicht bis an den höchsten Grad gesteigerten inneren Nervosität. Die kommenden Konflikte warfen ihre Schatten voraus, die sich mit den unausgetragenen alten Konflikten mengten, und schufen eine Atmosphäre, in der das Bestreben, nach dem Gebote altväterischer Tugenden die Herrschaft der Gemütlichkeit zu wahren, völlig sinnlos erscheinen mußte. Daß trotz der scheinbaren Ruhe etwas nicht stimmen konnte, wußte jedermann. Jedermann spürte den Betrug, und jedermann scheute sich, ihn aufzudecken. Denn sobald die Decke gelüftet war und die Ordnung erschüttert, mußte ja das andere hervorbrechen, das Unbekannte, das Gefährdende, das, von dessen eruptiver Gewalt nur schaudernde Ahnung in den Gemütern der Menschen lebte. Und doch war da etwas, das entschiedener leben wollte. Unter der Oberfläche kräuselte sich der Rand einer Bruchstelle, es stieg der Spiegel eines neuen Inhalts in die alte Form. Viele waren heimatlos, und viele fühlten sich ohne Maßstäbe noch, und viele waren bereit, zu erkennen, daß neue Tugenden auf neuen Ebenen wachsen müssen und daß die tiefsten Wünsche nicht mehr im bloßen Fortschritt reifen konnten. Nachdem ich einige Wochen lang in einer Gummi- fabrik Konservengläserringe im Akkord gestanzt hatte, erfuhr der Betriebsrat, daß ich im Baltikum gewesen

war. Ich hatte das beinahe schon vergessen; das Baltikum lag hinter mir wie ein wüster, verworrener Traum. Doch der Betriebsrat drohte mit einem Streik der Belegschaft, wenn ich weiter beschäftigt würde, und ich wurde entlassen. Darauf versuchte ich es als Lehrling in einem Filmkonzern, doch hatte ich bald Differenzen mit dem Chef, die mit einer gedrohten und einer gehauenen Ohrfeige endeten. Gedroht hatte der Chef. Endlich schrieb ich acht Stunden täglich in einem Versicherungsbüro Prämienquittungen aus. Der Abteilungsvorsteher lobte meinen Fleiß und tadelte meine Handschrift. Von vier Uhr nachmittags an war ich frei. Auf den Betriebsversammlungen erörterten die Kollegen mehrfach, ob es nicht angebracht wäre, dem Direktor mit seinen 60000 Mark Jahreseinkommen eine Schreibmaschine ins Kreuz zu schmeißen, um ihn zu belehren, daß die untere Angestelltenschaft am Verhungern sei. Ich ermahnte die Kollegen ernstlich, nur mit geistigen Waffen zu kämpfen. Zwar hatte ich immer Hunger, doch schien mir dessen Stillung eine Frage untergeordneten Ranges. Einen Mantel hatte ich nicht. Einen Hut hatte ich nicht. Wenn ich ein frisches Hemd anziehen wollte, dann mußte ich es abends waschen und über Nacht trocknen lassen. Die Schuhe hielten, es waren erbeutete englische aus dem Baltikum. Was nicht hielt, das war die Hose. Sie zu flicken bedeutete mir tägliche Erniedrigung. Auch der Rock löste sich langsam aber beharrlich auf. Doch in der Krawatte trug ich eine auf- fallend große, altertümliche Nadel, das letzte Stück der Familienkleinode.

Meine Mansarde war vollgestopft mit den Waffen, die ich in den Tagen der Revolte gesammelt. Unter dem schmalen Eisenbett lagen drei Handgranatenkisten und zehn Kästen Gewehrmunition. Die Gewehre, ein- gefettet und verschnürt, nahmen gebündelt fast ein Drittel des ganzen Raumes ein. Kern, der noch aktiver Seeoffizier bei der Reichsmarine war, kam alle Monate einmal auf der Durchreise nach München, wo er geheimnisvolle Konferenzen pflog, zu mir auf die Dachkammer gestiegen. Er blieb dann meist ein oder zwei Tage und schlief in einer Hängematte. Einmal wühlte er in meinen Büchern. Ich hatte mir aus Kistenbrettern ein Regal zusammengenagelt, auf dem Rathenau und Nietzsche, Stendhal und Dostojewskij, Langbehn und Marx wirr durcheinanderstanden. «Dies kann ich mir einmal mitnehmen?» fragte Kern und hatte «Von kommenden Dingen» in der zögernden Hand. «Gern», sagte ich, und war begierig, sein Urteil zu hören, und war froh, daß er meine allerdings auffallende Neigung zu Büchern nicht in den Bereich persönlicher Schrullen verwies.

Ein großer vaterländischer Verband, aus einer Zeitfreiwilligenformation hervorgegangen, wollte in der Stadt eine Ortsgruppe gründen. Ich ging mit Kern zur Gründungsversammlung. Die Herren trugen alle weiße Stehkragen. Sie redeten sich untereinander mit Bruder an. Wir stellten uns vor, und es berührte mich angenehm, daß ich trotz meines etwas derangierten Aufzuges von den Herren Brüdern durchaus als ihresgleichen angesehen wurde. Doch

hatte dies seinen Grund; denn gleich die ersten Worte des Versammlungsleiters wiesen eindringlich darauf hin, daß der Orden es sich zur heiligen Pflicht und Aufgabe gemacht habe, besonders die Überbrückung der Klassen- und Standesgegensätze zu pflegen. Ich lauschte aufmerksam und fürchtete nur den Kellner, der mir immer ein Glas Bier hinstellen wollte. Es waren etwa vierzig Herren im Lokal, meist jüngere und alle aus den sogenannten besseren Ständen. Bei Zitierung des Frontgeistes wurde die Stimmung wärmer. Dann war vom achteckigen Kreuz der Wiedergeburt die Rede, und mich interessierte das, weil ich, nach dem, was ich von den Symbolen und Gebräuchen dieses Bundes gehört hatte, hoffte, hier den Schimmer einer neuen Romantik, den ersten Glanz eines mystischen Lebensbewußtseins zu spüren. Ich beugte mich zu meinem Nachbarn und fragte ihn flüsternd, was es mit diesem Wiedergeburtskreuze auf sich habe. Er antwortete: «Wees nich, is ja ooch wurscht!» Ich fuhr einigermaßen erschrocken zurück und muß sagen, daß ich etwas ernüchtert war. Der Bruder Gefolgschafts- meister, so wurde der Vortragende genannt, war, wie ich bei der Vorstellung erfuhr, Privatsekretär einer Großbank. Nun sprach er von der Realpolitik und forderte demgemäß ein einiges Großdeutschland und die Ablehnung des durchaus undeutschen Sozialismus. Die älteren Herren Brüder nickten eifrig, die jüngeren hörten interessiert, aber schweigend zu. Der Parteigeist, so sagte der Bruder Redner, habe das deutsche Vaterland an den Abgrund des Verderbens geführt, und nur eine sittliche, kulturelle, religiöse und politische Erneuerung im Geiste der Brüderlichkeit des Ordens

könne es aus den Schmachbestimmungen des Schanddiktates befreien. Der Beifall war groß und der Kellner wollte mir wieder ein Glas Bier hinstellen. Ein Herr dankte dem Redner für seine lichtvollen sowie warmherzigen Ausführungen und eröffnete die Aussprache. Sofort sprang ein ziemlich dunkellockiger Herr, der die ganze Zeit schon sichtlich nervös in meiner Nähe gesessen hatte, in die Höhe und fragte mit einiger Erregung, wie es der Orden mit der Judenfrage halte. Es folgte ein betretenes Schweigen, endlich räusperte sich der Bruder Gefolgschaftsmeister und bemerkte, daß der Orden in religiösen Dingen absolute Neutralität bewahre. Der taktlose Frager, der so die Sympathien für seine Rasse, wie mir schien, nicht zu erhöhen vermochte, setzte sich stracks, und zwar neben mich. Dann teilte er mir mit, daß er Vorstandsmitglied des Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutz-Bundes sei, drückte mir begeistert einen Pack Schriften in die Hand und sprudelte mir sämtliche Geheimnisse der Weisen von Zion ins Ohr. Schon lag die Mitgliedskarte unter seinem Federhalter, aber als ich ihm meinen Namen nannte, wurde er merklich kühler und setzte sich bald wieder an einen anderen Platz, mit seinem Nachbarn eifrig tuschelnd. Inzwischen wurden noch verschiedene Fragen gestellt, Hausbesitzer und Gewerbetreibende, Vegetarier und pensionierte Majore heischten ein Eintreten des Ordens für ihre wahren Ideale. Aber der Orden war zu absoluter Neutralität jedesmal ent- schlossen. Ich blickte zu Kern, der die ganze Zeit schweigend dagesessen hatte, dann erhob ich mich schüchtern und erlaubte mir die Frage, welche konkreten Aufgaben sich der Bund denn gestellt habe.

Ich vermute, er solle zuerst einmal eine Art Sammelbecken oder eine Fortsetzung der Zeitfrei-

willigenformationen darstellen, um so den drückenden

Fesseln des

älterer Herr Bruder, Universitätsprofessor, wie ich erfuhr, und erklärte eindringlich, nur auf legalem Wege könne und wolle der Orden seine Bestrebungen verwirklichen! Ich fragte, aber was, aber was denn nun um Gottes willen die Bestrebungen des Ordens seien? Und ich spürte, daß ich mich unbeliebt zu machen auf dem besten Wege war. Doch schüttelte mir mein Nachbar plötzlich die Hand und stellte sich vor. Er hieß Heinz und sagte, er wolle gern mein Bier bezahlen. Ich war ihm herzlich dankbar dafür. Die Aussprache war beendet, und nun konnte, wie der Bruder Gefolgschaftsmeister launig bemerkte, die Fidelitas beginnen. Allmählich stieg der Bierkonsum. Und wenn beim ersten Glase von der Überbrückung der Klassen- und Standesgegensätze die Rede war, so wurde beim zehnten Glase «Heil dir im Siegerkranz» gesungen. Dies ärgerte mich nicht. Vielmehr ärgerte mich, daß vor diesem Gesang sorgfältig die Fenster geschlossen wurden. Kern erhob sich. Heinz und ich folgten ihm. Ziemlich betroffen machten wir uns auf den Heimweg.

?

Da unterbrach mich auch schon ein

Die patriotischen Verbände wuchsen wie Pilze aus der Erde. In ihnen sammelten sich die Gläubigen der aufgestörten Schichten. Es war dasselbe Gemisch der Meinungen und der Menschen überall. Was immer an Fetzen und Bruchstücken vergangener Werte und Ideologien, Bekenntnisse und Gefühle aus dem

Schiffbruch gerettet wurde, mengte sich mit den zugkräftigen Parolen und Halbwahrheiten des Tages, mit verquollenen Einsichten und echter Witterung zu einem stetig kreisenden Knäuel, aus dem der Faden sich spann, von tausend geschäftigen Händen gezogen und gewoben zu einem Teppich von verwirrender Bunte. Aus dem grauen Grundton der Theorien wuchsen die Blümelein redseliger Rauschebärte, spritzten die Farbschreie betrogener und lichtdürstender Jugend, zog sich deutscher Frauentugend zierliches Ge- ranke. Die Welt der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer steuerte ihr Scherflein sozialer Problematik bei; es pflanzte seine Lichter der Wüstenruf glatzköpfiger Parteivorstände nach der jungen Generation; es schoben sich verschmitzt die Interessen mannigfaltigster Gewerbe in den Raum. Bismarck, umrahmt von dekorierten Generälen, drohte und begeisterte in Gips aus Lorbeerbäumen; Windjacken und Entbehrung, Fanfaren, Fahnen und Paraden und die Qual nach echtem Ausdruck echter Kraft bestimmten das Gepränge und Gepräge; ein wunderlich Gemisch aus Bierdunst, Sonnenmythos, Militärmusik erschlug die blasse Lebensangst. Der Grundakkord sehr lauten Mannestumes ward in Weihe übertönt von Schillerzitaten und Deutschlandlied; dazwischen grollte Runengeraune und Rassegerassel. Rund um das gesprenkelte Gemälde wand sich der Narrensaum mit seinen Fransen von Sekten und Gemeinden, Propheten und Aposteln. Die krauseste Romantik schloß Verträge mit der nackten Zivilisation. Und Träume flirrten überall, sie wirbelten durch alle Hirne, alle Herzen; die Not, der Glaube und die brache Kraft erzeugten Pläne,

die den Rhein mit U-Booten bevölkerten, die englische Flotte mit Todeswellen vernichten ließen und den Polnischen Korridor mit sensenbewaffneten Bauern- haufen aufrollten. Diese Bünde waren ein Symptom. Hier sammelten sich die Menschen, die sich von der Zeit verraten und betrogen fühlten. Nichts war mehr wirklich, alle Pfeiler schwankten. Da drängten sich die Hoffenden und die Verzweifelnden, die Herzen waren alle offen, die Hände klammerten sich dem Gewohnten an. Ihre Sammlung förderte jenen geheimnisvollen Strudel, aus dem in Spiel und Widerspiel, in Glaube und Widerglaube das aufsteigen konnte, das wir das Neue nannten. Wenn irgendwo, dann blüht das Neue aus dem Chaos, dort, wo die Not das Leben tiefer macht, wo in erhöhter Temperatur verbrennt, was nicht bestehen kann, geläutert wird, was siegen soll. In diesen gärenden, brodelnden Brei konnten wir unsere Wünsche werfen, aus ihm konnten wir unsere Hoffnungen dampfen sehen. Kern hatte Heinz und mich aufgefordert, aus all den vaterländischen Bünden die besten und aktivsten Burschen herauszulesen, in jedem Verein eine Zelle zu unterhalten und somit eine kleine, aber gehärtete Schar zu sammeln, mit der man nicht nur Deutsche Abende und fröhliche Kommerse, sondern auch gewisse Dinge unternehmen könne, die allerdings mit der best- gemeinten patriotischen Begeisterung allein nicht geschafft werden konnten. Die Stadt, so rechnete Kern, konnte unter Umständen das Zentrum einer großangelegten Widerstandsverschwörung gegen die interalliierte Besatzung im Rheinland werden. Das

Reich, so schien es, stand dicht vor dem völligen Zerbröckeln. Es galt für den Augenblick des Zerfalls gerüstet zu sein. Jede Stadt, jedes Dorf, so meinte Kern, müßte dann gehalten werden. Verbindungen, so sagte er, nach Ungarn, nach der Türkei, nach den übrigen unterdrückten Völkern seien schon geschaffen. Und in der Tat: da kamen geheimnisvolle Unbekannte genug, von Kern gesandt, die kurze Nachricht brachten und dann weiterreisten, die von Stadt zu Stadt, von Bund zu Bund, von Land zu Land mannigfache Botschaft trugen und so an einem lebendigen Netze arbeiteten. Überall warteten kleine, zum Letzten bereite Trupps der Jugend, die Patrouilleure der Erhebung — sie galt es für uns auch hier zu sammeln. Wir sammelten. Heinz hatte den Kopf voller Ideen. Er war blutjunger Offizier gewesen, viermal verwundet, in Freikorpskämpfen erprobt, nun heimlicher Dichter und mit Betonung Ästhet. Er liebte es, erbitterter Hasser jeglicher Sentimentalität, melancholische Gefühlsschwummrigkeiten mit einem einzigen Wort voll grausamster Ironie zu töten. Tausend duftige Wässerlein standen auf seinem Nachttisch — doch erfand er eine neue Art, aus Dreck Sprengstoff herzustellen. Er machte vorzügliche Sonette und schoß Herz As aus 50 Meter Entfernung. Wir beide traten achtzehn Vereinen bei. Wo ein junger Kerl war, der sich empörte gegen die langsame Verkrustung mit patriotischen Sentiments, gegen die unablässig plätschernden Reden geehrter Greise und betagter Koryphäen, da traten wir an ihn heran und lockten ihn. Wir griffen uns Arbeiter und Studenten, Schüler und junge Kaufleute, Nichtstuer und

Alleskönner, glühende Idealisten und höhnende Fanatiker. Wie wir in den Bünden die Fronde organisierten ohne Organisation, so bildeten wir eine Saalschutztruppe ohne Verpflichtung. Wir sicherten die Versammlungen der nationalen Parteien und schlugen uns mit den eindringenden Kommunisten herum. Wir drangen in die Versammlungen der Demokraten und Mehrheitssozialisten mit den Kommunisten gleichzeitig ein und sprengten sie mit ihnen vereint. Wir versuchten, Kommunistenversammlungen zu stören, und das bekam uns schlecht. Aber bald wuchs die Schar und spielte sich aufeinander ein. Der Anführer des kommunistischen Stoßtrupps wurde Otto gerufen und hatte die Rußbomben erfunden, raffinierte Mischungen aus Gips, Ruß und Wasser, die, in dem beworfenen Antlitz platzend, aus einem klargesichtigen Bäcker einen blinden Schornsteinfeger machten. Otto war bei jeder Keilerei zu sehen. Wir kannten uns und grüßten uns, wenn wir uns auf der Straße oder vor dem Gefecht begegneten. Bald waren wir Freunde. Jörg war Schupomann. Einmal räumte er ganz allein eine Gastwirtschaft voller tobender polnischer Wanderarbeiter, indem er eine Handgranate abzog und sie still vor sich hinhaltend gegen die dichten Haufen anrannte. Erst im allerletzten Augenblick warf er sie durchs Fenster. Er schloß sich uns an, nachdem er Mahrenholz, den Studenten, der in einer Arbeiter- versammlung erklärte, er wisse wohl, daß er hier Perlen vor die Säue werfe, und daraufhin halb totgeschlagen wurde, mit uns herausgehauen hatte.

Wir stöberten in den entferntesten Bereichen. Wo einer war, der bei irgendeiner noch so törichten Gelegenheit Mut bewies, da machten wir uns an ihn heran, und immer war er unser. Wir erkannten uns meist schon beim ersten Blick. Unter hundert waren immer drei, vier Mann, die fast von selber zu uns kamen. Jörg schleppte Kameraden und Otto Genossen herbei, knarsche Jungs; wir beschnüffelten uns ein weniges und stellten fest, daß unsere diesbezüglichen Weltanschauungen an den entscheidenden Punkten beglückend übereinstimmten. Den Vogel schoß Heinz ab. Er brachte uns einen überzeugt gewesenen Pazifisten von der kriegerischsten Sorte. Als wir fünfzig Mann stark waren, kam Kern angebraust und stoppte die Werbung. Fünfzig Mann waren vorläufig reichlich genug.

Eine Zeitlang reizte mich die Nationalökonomie. «Wir haben», erklärte ich Heinz, «ja keinen blassen Dunst von den wirtschaftlichen Bedingnissen und Zwangsläufigkeiten!» «Wir reden», sagte ich, «völlig blind daher!» — «Wir müssen», sagte ich, «noch gewaltig lernen!» Und ich berannte die Vorlesungen im Volksbildungsheim und in der Universität; ich kaufte mir Bücher mit Statistiken und Anmerkungen und Quellenangaben; meine Taschen steckten voller Broschüren und Tabellen. Nichts verstand ich. Nichts begriff ich. Das kommunistische Manifest kannte ich auswendig und schlug so mit ihm in der Debatte glatt den Otto. Dann hatte ich's mit der Religion. «Die Erneuerung», sagte ich zu Heinz, «muß mit religiöser Inbrunst

verbunden sein.» — «Sind wir», fragte ich ihn, «etwa religiös? Keine Ahnung davon!» — «Und doch», sagte ich ihm ernst, «was uns treibt, ist religiösen Ursprungs. Suchende sind wir, noch nicht Gläubige.» — «Wir müssen», beteuerte ich, «Gläubige werden!» Und ich besuchte die Kirchen, evangelische und katholische — aus der Synagoge wurde ich ausgewiesen. Ich ließ mich gefangennehmen von der volltönigen Begeisterung des Predigers der Paulskirche, spürte die Schauer des göttlichen Geheimnisses im Hochamt des Domes, rief mit blonden Jungen im Taunus die Sonne an, debattierte mit Jugendbewegten aller Bekenntnisse, landete bei Nietzsche, verzweifelte und berauschte mich und erklärte, wir müßten über Nietzsche hinaus. «Die Literatur!» sagte ich zu Heinz. «Wir wissen ja gar nicht, aus welchen geistigen Quellen sich unser Handeln speist! Wenn wir die Deutschheit erkennen wollen», beschwor ich ihn, «müssen wir die Werke erobern, in denen sie sich spiegelt!» Und ich las. Ich las mit wütender Inbrunst, Nächte hindurch, war der Schrecken bücherbesitzender Freunde, Stammgast der Stadtbibliothek, las wild durcheinander, von der Edda bis Spengler, gleich, wie es kam, war Kunde der kommunistischen «Bücherkiste» in der Passage und des Borromäusvereins. Heinz bewarf mich mit dröhnenden Gesängen der Göttlichen Komödie, ich schmiß ihm peitschende Monologe Shakespeares entgegen; schließ- lich einigten wir uns auf Hölderlin. All die Monate hindurch schrieb ich täglich acht Stunden lang Prämienquittungen. Die Kollegen wußten immer, wenn in der Stadt eine politische Versammlung gewesen war. An der Anzahl der Beulen an meinem

Kopfe glaubten sie die politische Richtung des jewei- ligen Redners erkennen zu können. Sie belächelten mich ob meines Unverstandes, mich in Dinge zu mischen, die mich nun einmal partout nichts angingen. Aber dafür nahmen sie es mir auch nicht weiter übel, daß ich mich an ihren stundenlangen Debatten über Gehaltserhöhungen und Manteltarife und Verbands- wahlen durchaus nicht beteiligte. Ich lebte das Leben dieser Stadt. Ich stellte mich vier Stunden an der Theaterkasse an, um noch eine Karte für die Galerie zu erlangen, und schloß dabei Freundschaft mit den einzigen Sachverständigen unter den Zuschauern. Ich bettelte um Freikarten für die Montagskonzerte des Philharmonischen Orchesters, ich schmuggelte mich ohne Eintrittskarte durch die Eingangspforte des Palmengartens, tuend, als sei ich langjähriger Abonnent. Ich promenierte vor dem Konzertpavillon mit den anderen in der Lästerallee, schmiß sieghafte Blicke zu den Mädchen und führte philosophische Gespräche. Anfangs genierte ich mich ein wenig über den Zustand meiner Garderobe, dann machte ich eine Tugend aus der Not und benahm mich erst recht wie ein Rüpel. Ich nahm Tanzstunde. Sie kostete mich nichts, denn Madame Grunert, in Verzweiflung, daß so wenig Herren und so viele Damen ihr Institut beehrten, drückte wohlwollend und mit äußerstem Takt beide Augen zu. Es gab keine Kerb auf den Bauerndörfern der Umgegend, auf der ich nicht zu finden war. Ich fiel in Liebe. Ich fiel in die tiefste Schlucht wilder Todessehnsucht und wurde im gleichen Augenblick an die glühende Sonne der äußersten Lebensbejahung

geschleudert. Auf einen Wink von ihr war ich bereit, mich, das Haus, die Stadt, die Welt in die Luft zu sprengen. Dann kaufte ich das Büchlein in Streichholzschachtelformat «Mozart auf der Reise nach Prag» und wickelte es in zwölf Folioseiten eng- geschriebenen Gedichts von mir an sie. Ich erwog, daß ich bald eine zahlreiche Familie zu ernähren haben werde, und beschloß, Überstunden im Prämien- quittungenschreiben zu machen — und Gott allein weiß, wie schwer mir das fiel. Die Kollegen auf dem Büro wunderten sich, daß ich nun jeden Tag rasiert war. Ihr schenkte ich vom ersten Überstundengeld ein goldenes Kettchen; dann ließ ich mir ein Wunderwerk von Anzug bauen. Übrigens wurde sie zehn Jahre später meine Frau.

In jenen Tagen führte die Reichsregierung die große Entwaffnungsaktion durch. Jedermann, der ein Gewehr ablieferte, sollte hundert Mark erhalten. Kaum erfuhren wir dies, so rannten wir los. Wir suchten jeden vermögenden Mann auf, den auch nur von ferne ein patriotisches Rüchlein umwitterte, wir klapperten die Güter der Umgegend ab, wir rannten den Damen der Gesellschaft die Häuser ein. Und bettelten. Wir bettelten um Bargeld, schwindelten, wo uns der Mann nicht sicher schien, brausten begeistert mit der Wahrheit heraus, wo er gewaltig auf Regierung und Franzosen schimpfte. Heinz bekam von einem Ritter- gutsbesitzer statt Geldes eine Wurst geschenkt. Mir reichte eine mildtätige Dame einen Teller Suppe ins Treppenhaus. Auf deutschen Abenden beschworen wir die Bürger, uns die Gewehre abzuliefern. Otto suchte

seine Genossen auf, doch wußten diese selber, wozu Gewehre nützlich sind, und behielten sie. Wir stellten uns in der Nähe der Polizeiwachen auf und blinzelten den würdigen Herren zu, die, auf der Schulter das Gewehr, für hundert Mark ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllen wollten, und zerrten günstig gesinnt Scheinende in eine dunkle Ecke und boten hundertfünf. So entrissen wir zahlreiche Waffen dem Moloch der Vernichtung und schleppten sie nach Hause. Das fiel nicht auf, denn auf allen Straßen schritten ernst die Bürger mit den verpackten Flinten. Nur den Otto hielt ein Kriminalbeamter an; denn Otto war zu wohl- bekannt. Doch sah der Otto treu dem Kripo in das Auge und erklärte: «Grade wollte ich's abliefern!» Der Kripo aber ließ es sich nicht nehmen, den Otto bis zur Wache zu begleiten, und so bekam der Otto seine hundert Mark und verlor auf diese Weise fünf. Jörg und seine Schupos aber schleppten die Gewehre handkarrenweise weg. Allmählich hatte jeder von uns ein Waffenlager so groß wie das meine. Aus der zahmen bürgerlichen Mitte schwammen die Waffen so zu den Aktivisten nach rechts und links. Es war dies der Erfolg nicht ganz, den von dieser Aktion die Reichsregierung erhoffte.

Es lag begründeter Anlaß vor, zu zweifeln, ob die Reichsregierung überhaupt in der Lage war, irgend etwas zu wünschen, außer der Möglichkeit ihrer Existenz. Kompromißprodukt aller Gegensätze, die das Reich spalteten, vermochte sie nicht, etwas Entschei- dendes zu wagen; denn jedes Entscheidende ist ein Wagnis, und da sich alle widereinander drängenden

Kräfte die Waage hielten, mußte ein einziger Schritt ins Ungewisse den Balken mächtig, unberechenbar tief nach unten schlagen lassen. Der Westen drohte unerbittlich mit den Keulen- schlägen der Milliardenforderungen. Ein Nein ihm gegenüber hieß, die Schleusen öffnen jener Flut, die schon die Dämme Polens überschwemmte, das Ja der Unterwerfung hieß Erstickungstod. Die Reichsregie- rung konnte nichts, als ihre Not ermattet in papierne Formeln kleiden, Noten senden, Ultimaten wehren, bitten, protestieren, appellieren und verzichten. Und wie das Reich zermürbt, zerrieben stand zwischen den Gewalten Ost und West, die um Herrschaft und um Leben rangen, so stand des Reiches Regierung zwischen allen Lagern, in denen in der feurigen Erregung der Gefahr die Scharen sprungbereit des Gegners Blößen witterten. Nie werden wir vergessen, wie uns das Schicksal fallen ließ, weil wir uns nicht zu ihm bekennen konnten. Nie werden wir vergessen, wie das Leben selbst sich seinen Ausweg suchte, wie die drängenden Gewalten langsam und taumelnd zwischen allen Gegensätzen sich ineinanderschroben und verbissen, wie aus Druck und Gegendruck die tote Formel wuchs. Nie werden wir vergessen, wie so des Reiches Formung wurde, die Formung, die nimmermehr Gestaltung war, wie über der Bewegung, wie über allem fieberhaften Suchen, Wollen, Glühen langsam sich die Kruste deckte. «Stickluft, Stickluft!» sagte Kern. «Man muß Löcher in die Kruste schlagen, damit ein frischer Wind in unsre dumpfen deutschen Räume fährt!»

Er kam in meine Kammer und berichtete, er habe seinen Abschied von der Reichsmarine genommen. Nun gelte es, in hundert kleinen Einzelunternehmen den Boden für die entscheidende Aktion zu schaffen. Er saß gespannt, geduckt auf den Patronenkästen und schilderte, wie überall im Reich im Meer der Müden, Hungernden, Verbrauchten die Einzelnen sich rüsteten, gleich uns. Noch, meinte er, sei nicht der Weg und nicht das letzte Ziel bekannt. Doch bürge schon der Schrei, der nach dem starken Manne in allen Gassen sich erhebe, daß, da das Wort noch nicht geboten worden sei, die Tat fürs Wort die Ohren öffnen müsse. Er glaube, sagte er, an die innere Zwangsläufigkeit des Geschehens. Der erste Vorstoß müsse uns in einen Wirbelwind verketteter Gefahren schleudern, die leicht und spielend uns begrüßten, um dann an unserm Tun zu wachsen, um dann gewaltig, unentrinnbar uns in ihren Bann zu ziehen. Nach langer Unterhandlung stand er auf. Er holte, sich besinnend, das Buch, das ich ihm lieh, aus seiner Mappe und stellte es aufs Brett. Ich sah ihn forschend an. Kern sagte nur: «So viel Funken und so wenig Dynamit!»

Vorstoß

Zu uns kam zu Beginn des Jahres 1921 ein junger Mensch namens Gabriel. Wir saßen, Kern, Heinz, ich, in Heinzens Zimmer. Gabriel sagte:

«Man hat mir berichtet, daß hier Männer wären, die mir helfen. Ich stamme aus der Pfalz. Ich war Offizier in einem bayerischen Regiment. Ich hatte eine Schwester. Vor vier Monaten ging ich mit ihr außerhalb des Gutsbezirks. Wir waren bei einer befreundeten Familie; es war schon spät abends, als wir uns auf den Heimweg machten. An einer Feldscheune, etwas abseits des Weges, kamen uns Franzosen entgegen. Eine Patrouille, bestehend aus einem betrunkenen Offizier und vier Mann. Sie hielten uns an. Der Offizier verlangte einen Paß. Ich sagte ihm, es sei ein Paß nicht nötig, wir brauchten niemals einen Paß, außer, wenn wir zur Stadt führen. Ich versuchte vergebens, den Offizier zu bereden. Er schrie mich an. Auch ich wurde laut und fragte, ob das die vielgerühmte Disziplin der französischen Armee sei. Der Mensch, der Kerl schlug mich ins Gesicht. Ich hielt an mich. Meine Schwester war bei mir. Meine Schwester schrie auf. Der Franzose packte sie am Arm. Ich sagte ihm, er solle meine Schwester freilassen. Er sagte, wir müßten zur Wache, und schob seinen Arm unter den meiner Schwester. Meine Schwester versuchte, sich loszumachen. Da wollte der Kerl sie küssen. Ich riß seine Hand von ihr. Da griff die Wache mich. Sie schlugen mich, sie zerrten meine Schwester fort. Ich sah, wie sie versuchte zu

entfliehen. Sie schleppten sie, am Boden halb, zur Feldscheune. Mich hielten sie fest. Mich prügelten sie. Ich schrie, ich fluchte, ich drohte. Sie banden mich. Sie rissen mich auf die Knie, sie fesselten mich an einen Baum. Sie stopften mir einen Fetzen Zeugs in den Mund. Meine Herren, ich habe mich gewehrt bis zuletzt. Glauben Sie mir das, bitte, glauben Sie mir das! Die Kerle rannten ihrem Offizier nach in die Scheune. Dann hörte ich meine Schwester schreien. Ich hörte » «Genug!» schrie Kern, Er sagte aus trockener Kehle:

«Ich habe auch Schwestern.» Gabriel fuhr leise fort:

«Sie ertränkte sich einige Tage später. Ich war beim Ortskommandanten, ich schilderte den Vorfall; aber er höhnte, drohte, sagte etwas von deutschen Huren. Seit vier Monaten suche ich den Kerl, der meine Schwester auf dem Gewissen hat. Nun habe ich ihn gefunden. Er ist jetzt in Mainz. Wollen Sie mir helfen?» — Wir halfen ihm. Mit der Empfehlung eines unserer Freunde in Kassel kam ein geheimnisvoller Herr zu uns, ein stattlicher, geradegereckter Herr mit sehr hohem, weißem, steifem Kragen und gebräuntem Gesicht, das nur auf der Stirn über einem glatten Strich noch gebleicht war. Der Herr, vornehm und zurückhaltend, ließ vorsichtig durchblicken, daß er über unsere Tätigkeit informiert sei und sie, bis auf einige kleine Vorfälle vielleicht, billige. Der Herr erinnerte Kern und Heinz, daß sie ja Offiziere gewesen seien, und sprach einige gesetzte Worte über die Not unseres Vaterlandes, über die unermüdliche Arbeit, mit der ernste Männer und glühende Patrioten selbst unter den veränderten Verhältnissen an den Wiederaufbau gegangen seien

und gehen müßten, über das Opfer, welches das Vaterland von jedem von uns verlange, ein Opfer, das sogar so weit gehe, eine Mitarbeit unter scheinbarem Aufgeben der selbstverständlich nach wie vor unantastbaren Gesinnung anzunehmen. «Kurz», sagte Kern, «Sie wünschen etwas Bestimmtes von uns, Herr Hauptmann?» Der Herr wehrte entsetzt: «Bitte, Pardon, nicht Hauptmann, nicht mehr Hauptmann, meine

Herren!» Und erklärte dann, es habe sich herausgestellt, daß die französische Nachrichtenabteilung mit einem Heer von deutschen Spitzeln arbeite. Die Tätigkeit dieser Spitzel gelte es zu unterbinden. Ob nicht die Möglichkeit bestünde, daß von uns aus eine Gegenorganisation, eine Art Spitzelabwehr, gegründet werde, natürlich ganz privat, denn der Friedensvertrag verbiete ja leider, leider den deutschen Behörden diese Art Tätigkeit — doch könne er — hier sah sich der Herr vorsichtig um und flüsterte vorgebeugt, könne er wohl zu verstehen geben, daß Schwierigkeiten irgendwelcher Art von seiner Behörde jedenfalls kaum zu er warten seien. Der Herr dämpfte seine Stimme noch etwas mehr und hielt einen längeren Vortrag. Zum Schluß sagte der Herr: «Natürlich meine Herren, muß Ihre Tätigkeit unter allen Umständen geheim bleiben. Absolut geheim und unter allen Umständen. Selbst

— «Ich verstehe», sagte Kern

verächtlich. Heinz fragte sinnend: «Wenn ich Sie recht

geht also unsere Aufgabe dahin,

meine Behörde darf

»

begriffen habe, Herr

, Namen und Persönlichkeiten der in französischem Sold stehenden deutschen und französischen Spitzel

- «Und die weitere Tätigkeit dieser

Leute», sagte der Herr voll Würde, «zu unterbinden!»

festzustellen

?

«Das heißt also», sagte ich und war bemüht meiner Stimme die angemessene militärische Schärfe zu geben, «das heißt also, sie zu erledigen?» Der Herr war

peinlich berührt. «Das heißt: mit den Mitteln, die Ihnen zur Verfügung stehen, an ihrem verderblichen Hand- werk zu hindern!» sagte er. Heinz stützte das Kinn auf die Hand und sagte: «Gesetzt, einer von uns käme im Verfolg sei ner Aufgabe durch einen unglücklichen

Zufall in einen Konflikt mit den Gesetzen, die

Der Herr erhob sich zu seiner ganzen, achtung- gebietenden Größe: «Meine Herren! Sie sind deutsche Männer! Wir alle müssen Opfer bringen. Wir alle

müssen unsere kleinen persönlichen Sorgen zurücktre- ten lassen vor den großen und erhabenen Forderungen

unseres geliebten Vaterlandes! Wir alle

gut», sagte Kern, stand auf und hielt die rechte Hand

beharrlich hinter seinem Rücken. Der Herr ging. Ein glühender Patriot, unantastbar, pflichtbewußt.

»

»

— «Es ist

Schon war das Netz gespannt. In der Pfalz wirkte Gabriel. Er stand auf gefährlichem Posten; denn der Kommandant seines Heimatortes kam von einem Jagdgang nicht zurück, und Gabriel war in Verdacht. In Mainz, in Köln, in Koblenz, überall bildeten sich die kleinen, elastischen Gruppen; in Worms, in Trier, in Aachen nisteten sie, immer gefährdet, versteckt, unermüdlich. Im Gewirr der Städte, an den Wein- hängen der Mosel und der Saar, in den weiten Ebenen des Niederrheins, in den Dörfern der Pfalz strichen die Jungen, im Schatten des Verrats, knüpften die Verbindungen, lauerten, forschten, berichteten. Sie

bohrten sich in das Gefüge, das, vom Deuxieme Bureau routiniert aufgebaut und durch den unablässig rollenden Franc mit einer Armee von Spitzeln deutscher Staats- angehörigkeit aufgefüllt, alle Gebiete des deutschen öffentlichen und nicht öffentlichen Lebens beherrschte. Sie spürten den geheimen Wegen nach, die der Franc nahm. Sie schlichen um geschlossene Häuser, hinter deren verhängten Fenstern die Schatten huschten, sie lungerten in den Kneipen, in denen sich verdächtige Gestalten trafen und von dunkelblickenden Herren mit schwarzem Mantel und Melone Anweisungen entge- gennahmen. Sie traten plötzlich, jung, kühn, ohne jeglichen Respekt, vor gewichtige Körperschaften, warnten, drohten, rieten. Sie führten das große Wort in den Versammlungen erregter Arbeiter, auf den Fabrikhöfen, an den Förderschächten, in rauchigen Sälen. Sie standen plötzlich auf den Trittbrettern der Autos eiliger Separatistenführer, den gezückten Photographenapparat in der Hand, sie fetzten die Plakate der Separatisten von den Wänden, tauchten mit Gebrüll in deren Versammlungen auf, Anführer von in- ventarzertrümmernden Haufen. Sie waren wie das wache Gewissen der Provinz. Die Mädchen, die mit den Franzosen gingen, fürchteten für ihre Zöpfe. Die Bürger, die mit den Offizieren der Besatzung verkehrten, sorgten, daß dies heimlich geschehe. Die französische Gendarmerie, die Kriminal- polizei — und nicht nur die französische! — hetzte hinter ihnen her. Die deutschen Verwaltungs-behörden mieden sie wie die Pest. Sie, ohne Hoffnung, ohne Mittel, ohne Dank, standen in allen Lagern, sprachen in allen Idiomen, waren für die Franzosen die einzige

nahe Gefahr. Sie waren in keiner Stadt mehr als zwanzig Mann. Uns gingen die Berichte zu von Rheinhessen und dem Saargebiet. In Elberfeld war die Zentrale für die Rheinprovinz, in Mannheim für die Pfalz.

Einen von den Mainzern nahmen französische Kriminalbeamte fest. Auf der Wache wurde er verprügelt. Zwei Zähne wurden ihm ausgeschlagen. Er sollte sagen, wo die Waffen lagerten. Er sollte sagen, wer Heinz, wer Kern wäre. Er schwieg. Sie rissen ihm die Kleider vom Oberkörper, sie schlugen ihn mit Fahrerpeitschen. Er biß die Zähne aufeinander, blutend, wankend, schwieg. Ein Franzose zündete sich eine Zigarette an, trat dicht vor ihn und näherte das glühende Pünktchen seiner Haut. Er schrie vor Schmerz, der Franzose betupfte ihn mit der Glut, fragte mit höhnischer Höflichkeit. Doch er schwieg. Nach drei Wochen mußten ihn die Franzosen entlassen, die deutschen Behörden wurden unbequem. Wir wurden also bespitzelt. Kern war bleich vor Zorn. Selbst in so kleinen Gemeinschaften also mußten Verräter stecken! Es galt, um jeden Preis, zu erfahren, wer im Solde der Franzosen stand. Heinz fragte, ob unter den Männern der Gruppe einer sei, der zu zoten pflege. Wer zotet, übt Verrat.

Kern und Heinz waren, wie so oft, in geheimer Mission verreist. Müllnitz, Sohn eines Generals, Student und Fähnrich, kam zu mir und brachte eine ältere Dame mit. Die Dame erzählte, sie betreibe ein kleines Handelsgeschäft in Spitzen und Bijouterien. Ihr Handel führe sie auch des öfteren in das besetzte Gebiet, nach

Wiesbaden und nach Mainz. Im Kurpark zu Wiesbaden, wo sie mit einer Geschäftsfreundin einen gelegentlichen Kauf abschloß, stellte diese ihr einen französischen Offizier vor. Der war, wie es sich herausstellte, Elsässer, hieß früher Schröder und leitete nun die französische Nachrichtenstelle in Mainz. Dieser Herr wußte im Laufe des liebenswürdigen Gesprächs ihr nahezubringen, daß mit ihrem Handel doch nur wenig Geld zu verdienen sei im Vergleich zu einer Tätigkeit, mit der sie ihm persönlich noch obendrein einen Gefallen erweisen würde. Die Dame, verwirrt, unbekannt mit den Gebräuchen der niederen Politik, verharrte als erfahrene Geschäftsfrau abwartend, doch nicht unfreundlich. Der Offizier, Capitaine im Range, redete auf sie ein, spitze, widerhakige Andeutungen fallen lassend, harmlos mit den Augen zwinkernd, um den Kern der Sache schleichend, geduldig, zäh und seiner Sache gewiß. Nur nötig sei, ihm gute Bekannte der Dame zuzuführen, vielleicht Herren, die einmal in der Reichswehr waren oder noch dort Dienst taten, oder vielleicht in der Schutzpolizei? Herren, die gerne in diesen schlechten Zeiten sich einen kleinen Nebenverdienst erwerben möchten, nicht wahr, oder, wer weiß, vielleicht sogar einen großen? Die Dame blieb still. Sie ließ die Sache offen. Der Capitaine, durchaus nicht böse, gab ihr seine Adresse, entfernte

sich nach verbindlichem Abschied. Die Geschäfts- freundin aber drängte, sie solle doch nicht töricht sein, es wäre doch nichts dabei, der Herr Capitaine sei so nett und sehr, sehr freigebig; sie selbst habe doch

natürlich nur Kleinigkeiten, hier und dort eine

kleine Gefälligkeit, ganz ohne Gefahr, Tausende täten

schon

es. Die Dame, die im Müllnitzschen Hause verkehrte, teilte dort den Inhalt dieses Gesprächs zitternd mit. Wir berieten. Dann entschloß ich mich, die Spinne in ihrem Schlupfwinkel aufzusuchen. — Monsieur le Capitaine ließ bitten. Wir traten ein. Das Zimmer war geräumig, in der Mitte stand ein riesiger Schreibtisch. Der Capitaine, ein noch junger, dunkler Herr, glattrasiert, gepflegt, gewandt, begrüßte die Dame mit Herzlichkeit. «Ich habe Ihnen», sagte sie, «hier zwei junge Freunde mitgebracht, die unter Umständen geneigt wären, Ihnen nützlich zu sein. Der eine der Herren», sagte sie und wies auf Müllnitz, «ist Angehöriger der Reichswehr, der andere ist bei der Schutzpolizei.»

Der Herr Capitaine war erfreut. Zwar gab er nur der Dame die Hand, doch bat er zuvorkommend, Platz zu nehmen. Ich setzte mich auf einen Stuhl, der dicht hinter dem Schreibtisch stand, die Dame saß auf der anderen Seite, dem Capitaine halb im Rücken, Müllnitz ihm direkt gegenüber. Müllnitz sagte stockend, er habe gehört, der Herr Capitaine sei dankbar für Informationen. Der Capitaine holte eine blaue Mappe hervor, hob sacht die Hand und bat um unsere Namen. Auf der blauen Mappe, ich entzifferte mühsam die Buchstaben, da ich sie verkehrt lesen mußte, stand mit Rotstift geschrieben: «Journeaux des canailles». Der Capitaine wandte sich zu mir. «Ich heiße Schröder!» sagte ich. Der Capitaine zuckte etwas zurück, sah mich brennend an. Ich blickte ihm steinern ins Gesicht und reichte ihm einen Paß. Der Paß lautete auf Unterwachtmeister Schröder von der Schutzpolizei.

Mein Bild klebte gestempelt auf dem Deckblatt. Der Capitaine schlug die Mappe auf und trug den Namen in eine lange Liste ein. Müllnitz nannte seinen Namen. Er war ungeheuer bleich, und ich sah, wie seine weißen Finger am Stuhlrand zitterten. Der Capitaine schlug die

Mappe wieder zu und schob sie an den Rand des Schreibtisches, dicht vor mich hin. Ich warf blitzschnell einen Blick zu Müllnitz; er verstand. «Ich bin Schleswi- ger», sagte ich zu dem Capitaine, «ich stamme aus Hadersleben.» Der Capitaine sagte sofort: «Ah, ich habe die Ehre, in Ihnen den Angehörigen eines Volkes zu begrüßen, das, von preußischer Willkür bedrückt, die Wiedervereinigung mit seinem Vaterlande erstrebt?» Ich, unfähig ein Wort weiter zu sagen, verneigte mich. Der Capitaine sprach deutsch ohne jeden Akzent. «Und Sie, Herr Müllnitz?» Müllnitz würgte heraus, und seine Backenmuskeln bebten:

«Mein Vater ist General, und

er das, zuckte es mir durch den Kopf, doch der Capitaine, gewandt, unterbrach ihn schon: «Ich begreife, meine Herren, Sie sind Ihres Standes entsetzt, verarmt, dienen ohne Überzeugung. Die Bolschewisten sind eine Gefahr. Nicht nur für Sie. Die größte Gefahr steht noch bevor: Preußische Bolschewisten. Sie sind, Herr Müllnitz, wie ich ersehe, Bayer?» Müllnitz bejaht. Der Capitaine beginnt, plaudernd, flüssig, elegant, zu fragen. Er wendet sich fast immer an Müllnitz. Aus der blauen Mappe vor mir blinkt ein Zipfel weißen Papiers. Langsam hebt sich meine Hand, hegt auf dem Tisch, rückt unmerklich zur blauen Mappe vor. Müllnitz stammelt, plappert, erzählt Persönliches, will begreif- lich machen, warum er Verbindung mit dem Herrn

O Gott, weshalb sagt

»

Capitaine suche. Der trommelt mit den Fingern auf der Stuhllehne. Ich werfe einen beschwörenden Blick auf die Dame, die schweigend dasitzt. Sie beugt sich auf einmal vor, Müllnitz wendet sich: «Nicht wahr, gnädige Frau?» zu ihr; sie sagt etwas, der Capitaine dreht sich sogleich höflich zu ihr; meine Hand beginnt rasend zu zittern, zieht, zupft, der Bogen segelt plötzlich zu Boden, mir zu Füßen. Ich höre, wie der Capitaine scherzt, der Franc stünde besser als die Mark. Ich bücke mich, tue, als bringe ich den Schuhsenkel in Ordnung, rolle den Bogen und schiebe ihn mit flatternden Händen in den Strumpf. Müllnitz stiert mich an, ich nicke ihm unmerklich zu, muß auf die Zähne beißen, muß die Füße aneinanderpressen, um den Aufruhr meines Blutes zu ersticken. Müllnitz, kurz entschlossen, erhebt sich, verspricht, mit Material wiederzukommen. Wir murmeln Abschiedsworte, der Capitaine reicht Madame die Hand, verbeugt sich knapp; wir gehen. Der Bogen, den ich stahl, enthielt eine lange Liste, die Namen der Canailles. Der Herr in Kassel konnte zufrieden sein.

Wir saßen bis spät in die Nacht und warteten auf Jörg, der uns Bericht geben sollte über den Verlauf einer Waffenschiebung in einen Taunusort. Kern war beunruhigt, Jörg hätte schon am Nachmittag da sein sollen. Gegen Mitternacht stürmte er die Treppe hoch

und taumelte ins Zimmer, bleich, verstört, verschwitzt.

keuchte er, «beide

«Otto und Mahrenholz geschnappt. In Mainz.» —

»,

Die Waffen waren glücklich durch die Demarkations- linie gebracht. Am verabredeten Ort warteten die Empfänger, Bauernburschen der Gruppe des Taunus- gebietes. Die Waffen wurden gleich verteilt und versteckt. Dann gingen die Kameraden in ein Gasthaus, um auszuruhn. Jemand mußte den Franzosen Nachricht gegeben haben. Auf dem Heimweg, am Ausgang des Ortes, kamen Marokkaner, geführt von französischen Gendarmen. Sie traten plötzlich aus einem Hofe, mit angelegten Gewehren. Die Gruppe spritzte sofort auseinander; die Franzosen schossen, vier Mann wurden umzingelt und gefangen, darunter Otto und Mahrenholz. Jörg konnte sich durchschlagen. Er hetzte übers Feld in ein benachbartes Dorf, holte sich dort ein Fahrrad bei einem befreundeten Bauern, fuhr, überall am Wege verstohlen fragend, nach Mainz. Die vier waren noch nicht ins Gefängnis gebracht worden, son- dern saßen in der Marokkanerkaserne, sollten wahrscheinlich noch eingehender verhört werden. Noch in der Nacht trieben wir Müllnitz aus dem Bett, der seinen Onkel wiederum bedrängte. Dieser Onkel hatte einen alten, aber schnellen Adlerwagen. Ich schrieb einen Zettel für meine Firma, der, wie so oft schon, vermeldete, ich sei krank und müßte leider das Bett hüten. Am Morgen fuhren wir los, Kern und ich im Wagen, den Müllnitz lenkte, Heinz, Jörg, zwei Schupos in Zivil und ein junger Kommunist, Freund Ottos, mit der Bahn. Jeder von uns hatte in beiden Hosentaschen je eine Pistole, in beiden Rocktaschen je eine Eier- handgranate. Kern hatte noch zwei Stielhandgranaten im Mantel.

Die Mainzer, schon am vergangenen Tag durch Jörg ins Bild gesetzt, hatten erfahren, daß die Gefangenen innerhalb der Marokkanerkaserne, einer früheren Schule, in der Turnhalle eingesperrt seien. Kern ließ sich die Lage der Halle aufzeichnen und berichtete seinen Plan. Dann machten wir uns auf den Weg. Das Auto wartete in der Nähe der Kaserne, gedeckt von Jörg und Heinz. Die Mainzer und die anderen drei verteilten sich auf die umliegenden Straßen. Kern und ich gingen, ohne daß das Tempo unserer Schritte mit dem unseres Herzschlages übereinstimmte, auf das Tor der Kaserne zu. Ein Marokkaner stand Posten. Er ging mit kurzen, trippelnden Schritten auf und ab. Unzählige französische Soldaten und Offiziere gingen vorbei, schlenderten durch das Tor. Die Turnhalle stand frei im Hof. Ich blieb in der Nähe des Postens stehen, beide Hände in den Hosentaschen, die Griffe der Pistolen umklammert, die Pistolen entsichert. Kern bog elegant um die Ecke, strich mit höflichem Hutschwenken an dem Posten vorbei. Der ließ ihn ohne weiteres durch. Es ist unbegreiflich, wie viel ich in den wenigen folgenden Sekunden sah. Die Sonne bestrahlte prall den Hof, blinkte in vielen Kieseln wider, ließ Fenster- scheiben blitzen und die Glasscherben auf den Mauern. Eine Schar Sperlinge schilpte auf einem Fleck, im Schatten einer großen Kastanie, die im ersten Schmuck des Vorfrühlings braunglänzende Knospen mit zartgrünen Spitzen stolz in die Höhe reckte. Wie anmutig schief saßen die Käppis der vorbeiflanierenden Franzosen.

Der Posten hatte ein gelbes, fahles Gesicht und tiefliegende Augen mit bläulichen Schatten. Seine Uniform schlenkerte um den schmalen Körper; er war behängt mit grobgewebtem, festem Koppelzeug, der flache Helm saß ihm im Nacken. Und Kern, Kern ging mit selbstverständlicher Leichtigkeit, sein Lodenmantel bauschte sich durch seinen schnellen Schritt, einzelne Kiesel flogen und spritzten unter seinem Fuß. Nun stand er am Tor der Halle. Nun griff er in die Manteltaschen Ich krächzte heiser, machte ein, zwei Schritte auf den Posten zu, der sich zu mir wandte. Und Kern holte eine Handgranate vor, hängte sie an die Klinke der Tür und zog ab. Und trat mit kurzer Wendung an die Seite, schmiegte sich an die Mauer, in einen Winkel hinein. Der Posten musterte mich befremdet. Ich sah ihm starr ins Gesicht und zählte in Gedanken mit. Fünf Sekunden, fünf Sekunden, dann Ein dumpfer Krach. Der Posten schrak zusammen, fuhr herum. Mit zwei Schritten war ich an ihm. Ich sah jetzt nichts, ich sah den Posten nur, der starrte aus geweiteten, geschwärzten Höhlen, ließ den Unterkiefer fallen, zerrte am Gewehr. Da schnellten meine Hände aus den Taschen, die Pistolen zuckten hoch, ich schrie:

«A bas les armes!» Der Posten taumelte zurück, weit offen, unbegreifend Aug' und Mund, und starrte in die Mündungen. Da, Schritte, Schatten, Lärm. Kern war da, die andern auch, Franzosen wimmelten herbei; ich sprang zurück, ich sah, wie Otto einem herangeeilten Poilu die Faust unter das Kinn setzte, daß der seinem Kameraden in die Arme taumelte. Und Kern, beide

Arme hoch, feuerte die Schüsse in die Luft; ich wandte mich und stolperte und raste los. Dies verfluchte Pflaster dieser Stadt! Wieviele Menschen waren auf den Straßen! Das waren Menschen doch, oder Schatten? Bleiche Scheiben, statt Gesichter, schmale Striche, statt Gestalten; weiter, weiter. Da ist Jörg, da das Auto. Die Schläge fliegen auf, wir werfen uns hinein; der Wagen stöhnt und ruckt und fährt. «Schnell zur Brücke», ruft Kern, «so schnell wie möglich über die Brücke!» Laut hupend braust der Wagen, Müllnitz hockt am Steuer wie aus Stein. Wir liegen aufeinandergewürfelt. Otto, Mahrenholz, die beiden Bauernburschen. Kern neben Müllnitz. Ich teile Pistolen aus. «Geladen und gesichert», sage ich. Jeder hält jetzt eine Waffe schußbereit in der Faust. Wir rasen über die Brücke. Wie behäbig breitet sich der Strom. «Der Rhein, der Rhein», sage ich, murmle immer wieder: «Der Rhein.» Bis wir drüben sind. Der Wagen schlingt das grauweiße Band der Chaussee. «Obacht geben an der Demarkationslinie», wendet sich Kern, den Hut haltend. «Sicher haben sie allen Posten telephoniert!» Wir nicken und schweigen. Der Wald streicht vorbei. Mahrenholz sieht mich lachend an, nickt, breitet die Arme. Ich verstehe; er will sagen:

schön ist die Welt. Eine Gruppe Häuser. Soldaten auf dem Weg. Schon sind wir heran. Die Soldaten schwenken die Gewehre, immer neue eilen aus dem Gehöft. «Durch!» schreit Kern. Müllnitz gibt noch einmal Gas. Der Wagen macht einen Sprung, quietscht, heult, rast. Es knallt, sie schießen

Und wir sind durch, wir sind durch! Mahrenholz bückt sich vornüber. Was hat er? Blut auf seiner Backe? Mahrenholz ist tot. Viele noch werden ihm folgen. O.S.

Im Jahre 1917 wurde von deutschen Politikern, Generälen und Staatsmännern das Königreich Polen neugegründet. Im Jahre 1918 verwandelte die dankbare und befreite Bevölkerung des Königreiches dies Reich in eine Republik, und in den deutschen Provinzen Posen und Westpreußen die proletarische Revolte in eine polnische. Im Jahre 1919 vollzog sich in erbittertem Kampfe mit den schwachen deutschen Grenzschutzkräften, jedoch nicht ohne das Wohlwollen deutscher Behörden, die polnische Besetzung der beiden Provinzen und wurde durch den Friedensvertrag von Versailles sanktioniert. Gleichzeitig schuf der Friedensvertrag den Freistaat Danzig, den Polnischen Korridor und das Abstimmungsgebiet Oberschlesien. Die deutsche Nationalversammlung und Regierung erhob gegen den Vertrag Protest und unterschrieb ihn. Das Reichtaler Ländchen, dicht nordöstlich von Namslau, der Geburtsort des ehemals deutschen Reichtstagsabgeordneten Korfanty, wurde von den Polen im Eifer der Besetzung gleich mit in die Grenzen des neuen polnischen Staates einbezogen; obwohl der Friedensvertrag diesbezüglich anders lautete, fiel dies nicht weiter auf. In Oberschlesien erfolgte der erste polnische Insurgentenaufstand und wurde von deutschen Freikorps und Grenzschutztruppen nieder- geschlagen.

Im Jahre 1920, am 11. Februar, übernahm unter Führung des französischen Generals Le Rond die Interalliierte Abstimmungs-Kommission, genannt IAK., die Regierungsgewalt in Oberschlesien. Im Som- mer dieses Jahres brach der russisch-polnische Krieg aus. Die Reiterarmee des sowjetischen Generals Budjonni schlug die Polen und drang bis weit in den Polnischen Korridor in ehemals deutsches Gebiet hin- ein. Polen schien verloren. Deutsche Phantasten, die als Nationalbolschewiken dem Fluch der öffentlichen Lächerlichkeit verfielen, hofften, daß dieser einmalige, nie wiederkehrende Augenblick, der allen deutschen Möglichkeiten die Tore öffnete, von Deutschland ausgenutzt, eine deutsch-russische Waffenbrüderschaft herbeigeführt und Polen und damit der stärkste östliche Pfeiler des Westens vernichtet werde. Doch wurde in Ostpreußen und in der Grenzmark die Schutzpolizei verstärkt, ein Internierungslager für übertretende Bolschewiken eingerichtet und strengste Neutralität gewahrt. Im August 1920 brach in Oberschlesien der zweite polnische Aufstand los, nachdem es einer von französischen Offizieren organisierten, ausgerüsteten und geführten polnischen Armee gelungen war, die in der Luft hängenden sowjetischen Truppen abzuriegeln oder zurückzuwerfen. Der zweite polnische Aufstand in Oberschlesien, durchgeführt von den Sokoln, wurde von deutscher Schutzpolizei unterdrückt. Nachdem dies geschehen war, verfügte die IAK. — im Oktober — die Entfernung der Schutzpolizei und richtete eine zur Hälfte aus Polen und zur Hälfte aus Deutschen bestehende Abstimmungspolizei, die Apo, ein. Der 20.

März 1921 wurde von der IAK. für die Abstimmung festgesetzt. Inzwischen waren drei Konferenzen, Spa, Brüssel und London, in denen über die Reparationsfrage verhandelt wurde, in für Deutschland ungünstigem Sinne verlaufen. Die Entente hatte die Ruhrhäfen Duisburg, Ruhrort und Düsseldorf besetzt und drohte mit weiteren Sanktionen. In diesem Zeichen fand die Abstimmung in Oberschlesien statt. 70 Prozent der abgegebenen Stimmen wurden für Deutschland gezählt. Die deutsche Öffentlichkeit feierte erfreut diesen Sieg. Korfanty verlangte auf Grund des Abstimmungs- ergebnisses die Oder als Grenze Polens. Er organisierte unter den Augen der IAK die polnischen Sokoln, er stellte eine Armee von Insurgenten auf, er sammelte reguläre und irreguläre Truppen an den Grenzen, bewaffnete sie und bereitete so den Aufstand vor. Die deutsche Regierung führte etwa gleichzeitig die große Entwaffnungsaktion durch und löste die Orgesch und die ihr verwandten Organisationen auf. Am 3. Mai 1921 begann der dritte polnische Aufstand in Oberschlesien. Insurgenten, Sokoln und Hallertruppen drangen westlich bis zur Oder, nördlich bis über Kreuzburg hinaus vor, besetzten das Land, von den Franzosen offen, von den Italienern heimlich, von den Engländern durch Abwarten unterstützt. Einzig in den Städten des Industriereviers versahen Apo und alliierte Truppen noch Dienst.

Auf der Protestversammlung gegen die Vergewaltigung Oberschlesiens sprach am 22. Mai 1921, sieben Tage vor der Übernahme des Wiederaufbauministeriums im

neugebildeten Kabinett Wirth, Dr. Walther Rathenau. Er sagte:

«Als am 4. August 1914 ein deutscher Staatsmann das unglücklichste politische Wort sprach, das je in unserem Lande vernommen wurde, als er von einem Fetzen Papier sprach und einen Vertrag meinte, da ging ein Sturm durch das britische Weltreich, und dieser Sturm führte zum Kriege. Wir sagten damals: es ist Notwehr. Aber das britische Imperium sagte: Verträge müssen gehalten werden. Darin liegt Wahrheit. Denn gegenüber der rücksichtslosen Gewalt, in die Völker verfallen, wenn sie ungebändigt ihre Interessen verfolgen, gibt es nur ein einziges völkerrechtliches Mittel, das Mittel des Vertrages, das Mittel des geheiligten Vertrages zwischen Völkern. Ein solcher Vertrag ist abgeschlossen worden zwischen allen zivilisierten Nationen der Erde. Nicht ein Vertrag der Gerechtigkeit, aber ein Vertrag, der unterschrieben wurde von 28 Völkern, versehen mit allen Zeichen der Heiligkeit, die internationalen Verträgen zugebilligt wird. Zwei Jahre besteht dieser Vertrag. Was ist aus ihm geworden? Wo ist die Heiligkeit dieses Vertrages von Versailles geblieben? Angenagt im Westen und gebrochen im Osten. Wer hat diesen Vertrag im Osten gebrochen? Das Volk der Polen. 120 Jahre lang haben die Polen in der Welt sich beklagt über geschehenes Unrecht, über Vergewaltigung. Ihre Männer sind als Sendboten durch die Länder der Erde gezogen und haben aufgerufen für das Recht und gegen die Gewalt. Und jedesmal, wenn dieser Aufruf durch Europa ging, hat er Widerhall gefunden. Selbst in Deutschland. Denn nie hat sich das

deutsche Gewissen dem verschlossen, der Recht suchte und der an Gerechtigkeit appellierte. Dieses Polen ist wiederum erwacht zur selbständigen und souveränen Nation. Seine erste Handlung ist die des Bruches desjenigen Vertrages, dem es seine Souveränität und Nationalität verdankt. Lloyd George hatte die Polen gefragt: Worauf stützt ihr euch denn, habt ihr diesen Vertrag von Versailles verfochten, mit wessen Blut ist dieser Krieg und Sieg erkämpft worden, etwa mit dem Blute der Polen? Diese Frage hat man in Warschau beantwortet mit einer Flut von Insulten. Eine Antwort der Vernunft konnte nicht gegeben werden. Die Vergewaltigten aber sind wir. Wir haben den Vertrag unterschrieben. Wir haben das Ultimatum unterschrieben. Und da wir eine Nation der Billigkeit sind, so werden wir das halten, wozu wir uns verpflichtet haben. Wir rufen unser Volk nicht auf zum Haß und nicht zur Revanche. Aber dafür verlangen wir die Gerechtigkeit vor der Welt, und diese Gerechtigkeit kann uns nicht verweigert werden. Die Gerechtigkeit hat sich noch immer auf Erden wiederhergestellt nach langer oder nach kurzer Zeit. Wir haben in Deutschland Unsägliches dulden müssen. Unser Land ist zerfleischt, unsere Mittel sind erschöpft. Wir sehen einer trüben Zukunft entgegen. Was uns aber aufrecht erhält, das ist der Glaube an unsere unverbrüchliche Gemeinschaft. Der Aufruf zur Einigkeit, den Sie gehört haben, ist der Aufruf zur Stunde. Wir sind und bleiben ein Volk von 60 Millionen, und die Welt soll wissen, daß dieses Volk sich seiner Kraft bewußt ist. Nicht zum Kriege,

aber zur Arbeit. Und nicht nur zur Arbeit, sondern auch zur Vertretung seines Rechts. Mit friedlichen Mitteln werden wir dieses Recht vertreten. Aber es wird uns nicht genommen werden können. Und wenn der unglückselige Fall eintreten sollte, wenn unverantwortliche Menschen es wagen sollten, dieses Land vorübergehend von Deutschland zu trennen, dann wird ein Fall in der Welt entstehen, der weit schwerer auf dem Frieden und auf dem Gewissen der Nationen lasten wird als Elsaß-Lothringen. Dann wird eine Wunde in der Mitte von Europa entstehen, die sich niemals schließt und die nur geheilt werden kann durch Gerechtigkeit. Diese Versammlung ist ein Aufschrei unseres Gewissens, und dieser Aufschrei richtet sich an alle Mächte der Sitte, der Vernunft und des Gewissens in der Welt. Diese Mächte sind nicht erstorben. Es ist von einem der Herren Redner ein Wort unseres großen Freiheitsdichters erwähnt worden. Deswegen mag die Versammlung ausklingen in einem anderen Wort desselben großen Dichters, den wir in dieser schweren Zeit doppelt als den unseren fühlen. Er legt es einem Volk in den Mund, das ebenso wie wir Unrecht leidet, und er sagt:

«Wenn der Gedrückte nirgends Recht kann finden, Wenn unerträglich wird die Last — greift er Hinauf getrosten Mutes in den Himmel Und holt herunter seine ew'gen Rechte, Die droben hangen unveräußerlich Und unzerbrechlich wie die Sterne selbst.»

Am gleichen Tage, zu derselben Stunde, da der künftige Minister in Berlin diese Rede hielt, wurde Müllnitz, auf entferntem Posten Wache stehend, von Polen überfallen, erschlagen und schändlich zugerichtet. Am gleichen Tage fiel Paul Töllner, Marburger Teutone, mit einem Herzschuß beim Vorgehen auf die besetzte Mühle von Leschna. Am gleichen Tage scholl der Lärm nächtlichen Gefechts von Zembowitz herüber, dröhnte das Rollen der polnischen Munitionskolonnen auf der Straße Guttentag—Rosenberg dicht vor uns, schlichen die Patrouillen der Hallerarmee durch den Eichenforst, der Leschna, das von uns besetzte Walddorf in Oberschlesien, südöstlich Kreuzburg-Sausenberg, von allen Seiten dunkel rauschend umgab. Am gleichen Tage war die Lage der Insurgentenarmee verzweifelt, denn der Sturm des Korps Oberland auf den Annaberg hatte dem polnischen Sieg ins Herz getroffen. Am gleichen Tage warteten die versprengten, fechtenden, siegenden, vorstoßenden Trupps der deutschen Jugend, die Befreier Oberschlesiens, die Erstreiter der Nation, auf den Befehl — was sag ich — auf die stille Duldung der Reichsregierung, die den vor der Abstimmungszone harrenden Selbstschutzformationen den Weg zu ihren kämpfenden Kameraden freigab; denn es stand der deutsche Sieg auf Nadelspitze. Am gleichen Tag kam die scharfe Note Briands über die Auflösung der deutschen Selbstschutzformationen. Am nächsten Tage erließ die Reichsregierung auf Grund des Artikels 48 der Reichsverfassung zur Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung folgende Verordnung:

§ 1: Wer es unternimmt, ohne Genehmigung der zuständigen Stellen Personen zu Verbänden militärischer Art zusammenzuschließen, oder wer sonst an solchen Verbänden teilnimmt, wird mit Geldstrafe bis zu 100 000 Mark oder mit Gefängnis bestraft. § 2: Diese Verordnung tritt sofort in Kraft.

Unter denen, die todesbereit und kampfbegierig nach Oberschlesien gezogen, war nicht einer, der es um der Heiligkeit der Verträge willen tat. Nicht einer marschierte in den Reihen, um an die Mächte der Sitte, der Vernunft und des Gewissens zu appellieren. Und wenn unter ihnen einer je am Himmel droben ein ewiges Recht unveräußerlich hangen sah, dann war es das Recht der Jugend, in der Rache die Gerechtigkeit zu suchen. Denn zum ersten Male im deutschen Nachkrieg war hier ein Kampf von aller Problematik frei. Es traf der Ruf uns in das Herz, er tötete im Augenblicke alle zweifelnde Erwägung. Dies Land war deutsch, es war bedroht, und wir marschierten, es aufs neue zu erstreiten. Nichts schmälerte die Wucht der Forderung, die uns auf einmal zwingend überfiel, nichts konnte sie verstärken. Was sollte uns der Angstruf der Regierung, der sich nicht an uns, nicht an die wache Kraft der Jugend wandte, sondern an das Weltgewissen? Was mochten uns die Argumente kümmern, tausendfältig von der Presse, von den Ämtern, aus lauem Munde ausgespien? Nicht ging uns an, was mit Zahlen und Statistiken, mit Noten, Ultimaten, mit Erbanspruch und Wahlergebnis zu begründen war. Doch daß die Polen

nun im Lande standen und uns Hohn zu bieten wagten, das ging uns an. Die Provinz, fern, kaum bekannt, ein Keil, der eingeschoben zwischen Polen und Tschechei angreiferisch — und drum von uns geliebt — in seiner Spitze alle Energien barg, stand, weil gefährdet, nun im Brennpunkt der Nation. Das war erkannt von allen, die das metaphysische Gesetz beherrschte, durch welches die Nation allein erfaßbar wird. Dies Gesetz verlangt den Einsatz. So wurde Oberschlesien uns zum Prüfstein, uns, dem Lande und dem Volke. Es handelte im letzten sich nicht um Industrie und Kohlen- produktion, um Volkswirtschaft und Kartoffelbau, nicht um die Erhaltung der deutschen Kultur und nicht um das Wohlergehen der Bewohner der Provinz. Es handelte sich darum, das Gesetz der Nation zu erfüllen. Für die, die darum wußten, gab es kein Warum. Ich stand als Posten an den Unterstand gelehnt. Rund um das Gehöft zogen sich die dunklen Linien des Grabens. Die anderen Postenstände lagen, verschluckt von der Dunkelheit, an der Dorfstraße und an den Feld- und Waldwegen. Ganz schwach klang Gewehrfeuer von Zembowitz her und von Rosenberg. Rund um die schmale Lichtung, in der das Dorf Leschna gebettet lag, wölbte sich voll brütender Geheimnisse der Eichenforst. Mich überfiel das Staunen über die unbekannte Macht, die mich an diesen Ort geschleudert. Und doch war das, was mich umgab, trotz der blauen, magischen Schleier der leise heranglimmenden Dämmerung, voll zwingender Wirklichkeit. Ganz unwirklich aber schien mir die laute Bewegung der vergangenen Tage, schien

mir der Nachhall jener Welt, die mich doch eben noch im Bann gehalten. Ich dachte an die Stunde, da die Zeitungen die ersten Nachrichten vom polnischen Aufstand brachten, am 4. Mai des Nachmittags um 6 Uhr. Ich las, auf der Straße stehend, und sagte mir, es sei Zeit. Ich ging nach Hause, packte den Rucksack und beeilte mich, zum Neunuhrzuge zurechtzukommen. Auf dem Wege zum Bahnhof traf ich einen älteren Kollegen meiner Firma; ihm sagte ich, er möge bitte der Direktion mitteilen, daß ich nicht mehr ins Büro kommen könne, ich führe nach Oberschlesien. Der Kollege murmelte erstaunt und wohlwollend, ja, ja, die jungen Leute hätten's gut, wer sich doch auch noch verändern und verbessern könnte, und viel Glück wünsche er mir und hoffentlich bekäme ich in meiner neuen Stellung mehr Gehalt. Sichtlich glaubte der wackere Kollege, ich ginge nach Oberschlesien, um dort Prämienquittungen aus- zuschreiben. Ich klärte ihn nicht auf, ich wandte mich eilends grüßend ab, doch schon kam mir Major Behring entgegen, Vorstand vieler Vereine; ihm sagte ich, was ich vorhatte, und er schüttelte mir mit markigem Männerdruck beide Hände und sagte, solange Deutschland über solche jungen Helden verfüge wie mich, könne es nicht untergehen. Und ich solle doch ja nicht verabsäumen, ihm eine der oberschlesischen Abstimmungsbriefmarken für seine Sammlung mitzubringen, natürlich mit dem Poststempel des Abstimmungstages. Der Zug brauste in die Nacht. Ich stand auf dem Gang und schmeckte mit dem Kohlenrauch, der durch alle Ritzen drang, die Ahnung kommender Ereignisse.

In Bebra stieg einer in Windjacke in den überfüllten D- Zug-Gang und trat mir auf den Fuß. Da ich wiedertrat, ergab sich ein Gespräch, dessen Wirkung bald durch blitzhaftes Erkennen stark gewandelt wurde. Das war einer von der Elberfelder Gruppe, mir dem Namen nach bekannt. Versöhnt strich ich mit ihm durch die Gänge. Überall, in allen Abteilen, saßen oder standen junge Leute. Sie hockten neben schnarchenden Handlungs- reisenden und stullenverzehrenden Geschäftsleuten; sie wurden mißtrauisch beobachtet von den Bahnbeamten, sie trugen verschossenes Feldgrau und geflickte Breeches gleich mir, sie sahen mit ihren blonden Schöpfen und hochmütigen Gesichtern einer dem andern außerordentlich ähnlich, ohne daß der Grund dieser Ähnlichkeit für den, der nicht um die Gleichartigkeit ihres Schicksals wußte, erkennbar war. Wir erkannten uns sofort, wir begrüßten uns, wir kamen aus allen Teilen des Reiches, Kämpfe witternd und Gefahr, ohne voneinander zu wissen, ohne Marsch- befehl und ohne ein bestimmteres Reiseziel, als einfach dies: Oberschlesien! Noch im Zuge, bildeten wir schon den Stamm einer Kompanie, ein Führer war nach wenigen Minuten des Gesprächs bald erkannt, sofort und selbstverständlich in seiner Autorität geachtet; einer machte, zukünftiger Kompaniefeldwebel, schon eine Liste fertig. In Leipzig stiegen junge Leute ein, die an ihren Mützen eine Feder trugen, bayrisch sprachen und seltsames Gepäck mit sich führten: Wagenräder und in Leinwand verschnürte schwere Walzen und sonderbare, in Kartons verpackte Eisenteile. Ich strich an ihnen vorbei, klopfte an eine solche Walze und flüsterte:

«Geschütze?» Und der zunächst stand, grinste:

«Oberland!» In Dresden kam ein Trupp Forstschüler, grüne Uniform, Hirschfänger, aufgeschlagener Jägerhut, Studenten einer Forstakademie. Die ganze Akademie, die Lehrer als Offiziere, war aufgebrochen nach Oberschlesien. Sie verstauten sorglich schwere Waschkörbe in die Gepäcknetze und versicherten dem Schaffner, dies seien Vermessungsinstrumente für die oberschlesischen Wälder. In Breslau erklärte der Bahnhofsvorsteher, die Demarkationslinie sei gesperrt, und Selbstschutzforma- tionen seien illegal und würden nicht weiterbefördert. Unbehaglich und scheu wichen die Reisenden, als wir einen Zug beschlagnahmten und bestiegen und erklärten, wir würden den Bahnhof zusammenhauen, wenn der Zug nicht sofort weiterführe. Der Zug fuhr weiter. In Namslau stiegen wir aus, und hier formierte sich aus den mit jedem Zuge eintreffenden Freiwilligen das Selbstschutzbataillon. Aus allen Landschaften und allen Bünden hatten sich die Kämpfer, die Suchenden ausgesondert, vielerlei Dialekte waren zu hören und viele Abzeichen zu sehen. Jungdeutsche waren da, Stahlhelmer, Roßbacher, Baltikumer, Landesjäger, Kapp-Putschisten, Leute von Rhein und Ruhr, aus Bayern welche und welche aus Dithmarschen. Ganze Studentenverbindungen waren geschlossen erschienen, Arbeitskommandos, Siedler und Soldaten traten an. Arbeiter und junge Kaufleute. Balten und Schweden und Finnen, Siebenbürger und Tiroler, Ostpreußen und Saarländer kamen, alle jung, alle bereit. Und jedem

dritten Manne war ich irgendwo und irgendwann schon einmal begegnet in einem der Gefechte des deutschen Nachkrieges. Und wem ich nicht schon begegnet war, der hatte einen Freund, der mich kannte, den ich kannte, oder der hatte einmal auf demselben Felde gefochten wie ich; nach dreiminütigem Gespräch wußten wir voneinander Bescheid. In wenigen Tagen stand eine Kompanie abmarsch- bereit. Auf dem Bahnhof Namslau rollten versiegelte Waggons auf ein Nebengleis. Im Morgengrauen traten wir an und luden aus. Auf dem Frachtschein stand:

Maschinenteile. Nun hatte jeder ein Gewehr, doch blieb die Munition immer knapp. Ich traf Schlageter. Er, aus den Städten im Süden kommend, Waffen zu schmuggeln und Behörden zu bearbeiten, erbarmte sich unserer ihm von mir geschilderten Not. Nachts brachen wir in das Waffenmagazin der verärgerten Reichswehr ein und stahlen ein L. M. G. und viele Kästen Patronen. Schlageter berichtete mir, er habe Heinz gesehen, der schon unten im Städtedreieck des Indusrriereviers in Fühlung mit der Spezialpolizei Hauensteins an der Arbeit sei. Dann erfuhr ich, daß Müllnitz bei der Nachbarformation stecke und Otto bei Oberland im Süden. Jörg traf ich wenige Tage später; er hatte den Auftrag erhalten, ein Geschütz von Waldeck-Pyrmont nach Oberschlesien zu schaffen. Da zog er mit seinen drei Schupos ohne Urlaub los, requirierte aus einer schlechtbewachten Brauerei einen Lastkraftwagen, belud ihn mit Munition, band die Kanone mit starken Stricken hinten an und fuhr, quer durch Sachsen und Schlesien, als Schupo von niemandem angehalten, in sanfter Forsche nach Oberschlesien. Ich aber

befürchtete ein Versagen meines sonst so wachen Instinktes, der mich doch stets an die Stätten der Entscheidung geführt hatte und diesmal mich im Norden der Provinz landen ließ, indes im Süden der Kampf entbrannte. Wir hörten mancherlei Gerüchte von Oppeln her, von Schloß Löwen, wo General Höfer saß, der Führer der Selbstschutztruppen, von Cosel und Ratibor und Beuthen. Wir wußten, daß Verhandlungen im Gange waren, Verhandlungen! Und wir wußten, daß bei diesen Verhandlungen nichts anderes würde verhandelt werden als wir und das Land, und wir wußten, daß es auf jede Stunde ankam, in der gefochten wurde. Einförmig bogen sich die Halme. Ein Teil der Böschung bröckelte und klatschte dumpf und zerstiebend auf die Grabensohle. Ich horchte an- gestrengt und bohrte meine Augen in die Dämmerung. Nichts war zu hören im Wald, nur von Rosenberg her tönte der verlorene Schall des Gewehrfeuers heftiger. Dort lagen die Roßbacher vor der Stadt. Sie hatten hier im Norden den ersten Stoß geführt. Sie hatten Kreuzburg befreit und Sausenberg gestürmt und das Schloß Wendrin. Nun lagen sie vor der Stadt und konnten nicht weiter. Und wir lagen hier versprengt im weiten Forst und konnten auch nicht weiter. Warum, warum konnten wir nicht weiter? Niemand gab uns die Antwort, uns band ein Befehl. Ein Befehl, nichts sonst; denn die Polen widerstanden uns kaum, sie wichen vor uns überall; aber wir lagen nun hier und ließen ihnen Zeit, sich erneut zu sammeln. Als wir bei Konstadt über die Abstimmungsgrenze rückten, verschwand die italienische Wache auf einen Schlag, wie nach Befehl,

in ihre Häuser. Die Engländer, die mit ihren schnellen Autos die Straßen bevölkerten, grüßten unsere Kolonnen. Kurz bevor Schlageter uns wieder verließ, um in die Städte sich durchzuschlagen, sprach er mit einigen englischen Offizieren, die von ihren Ver- bündeten, den Franzosen und Italienern, und von den Polen zusammenfassend nur als von den weißen Niggern redeten. Die Engländer dünkte ihre eigene Rolle in diesem oberschlesischen Spiel nicht sauber. Sie murmelten uns durch die Zähne zu, wir sollten, damned, doch die white niggers zum Teufel jagen. In Sausenberg begannen wir mit diesem Geschäft. Wir sollten sogleich eingesetzt werden. Leschna nehmen, Verbindung sichern von Rosenberg nach Zembowitz und die Straße Rosenberg — Guttentag beobachten. Und nun lagen wir hier, weit vorgeschoben, inmitten des Waldes, nun lagen wir hier, vier Tage schon, und kamen nicht weiter. Ich hörte das Klirren eines Gewehrverschlusses. War das vorn? Der Tag war da. Der Postenstand am Gasthaus war zu sehen. Ich winkte hinüber, der Posten fummelte an seinem Karabinerschloß, in das wohl Sand geraten sein mochte. Als wir vor vier Tagen, kurz vorm Sinken der nächtlichen Schatten, vorsichtig aus dem Schutz des Waldes traten, tönte uns aus dem Gasthaus Musik und Kreischen entgegen. Wir schlichen mit vorgehaltenen Gewehren durch die menschenleere Dorf straße. Denn in Leschna sollten die Polen liegen, und außerdem hatte das ganze Dorf, mit Ausnahme einer einzigen Stimme, polnisch gewählt, und die Leschnaer hatten bei Ausbruch des Aufstandes, wie uns berichtet wurde, die deutschen Sausenberger überfallen und viele

erschlagen und mißhandelt. Denn so war der Aufstand hier im Norden geschehen; die örtlichen Sokoln rissen die Macht an sich, und die deutschen Dörfer wurden von den polnischen angegriffen, und lange konnten sich die Heimattreuen nicht wehren, denn hinter den Insurgenten rückten reguläre polnische Truppen nach, kongreßpolnische von jenseits der Grenze und Hallerlegionäre. Die Polen leugneten das, und wir waren begierig, es ihnen zu beweisen. Als wir die Musik hörten, hielten wir es für eine Falle; auch krachten bald einige Schüsse. Schnell stürmten wir vor und sahen, wie eine Menge Burschen bewaffnet aus der Tür des Gasthauses stürzten und dem nahen Walde schreiend zuliefen. Wir knallten hinter ihnen her, aber als wir zum Gasthause gelangten, erkannten wir, daß gerade Hochzeit gefeiert wurde; das ganze Dorf war versammelt; nun blieben nur die heulenden Weiber zurück. Uns entgegen trat bleich die Braut, die hohe, stolze, grüne Brautkrone noch auf dem Haupt, ein Prunkgebäude aus Tannen- und Eichenzweigen, mit roten und weißen Bändern geschmückt. Die Tische waren besetzt, und Schnapsflaschen standen herum; wir dachten an Seydlitz bei Roßbach und setzten uns schleunigst an die Tische zum Hochzeitsmahle, und einige polnische Mädchen waren gar nicht so feindlich, wie wir dachten; die Braut freilich zürnte uns weinend. Am nächsten Morgen in der Frühe griffen die Polen an. Sie schossen plötzlich und überraschend aus dem Gebüsch, aber eine starke Patrouille von uns brach auf und stieß ihnen in die Flanke, und unser M. G., auf das Dach eines Hauses montiert, setzte ihnen derb zu. Sie mußten zurück, aber im Gebüsch ließen sie

Verwundete liegen, und einer der Verwundeten war der Bräutigam. Er hatte einen bösen Lendenschuß, und wir trugen ihn zögernd in das Haus, in dem seine Braut noch im Brautstaat hinterm Ofen saß, und dann sandten wir den Sanitäter hinein und standen draußen in Gruppen herum. Aber wir hörten die Braut nicht aufkreischen, wie wir es gefürchtet, und etwas später, als der Kompanieführer zum Verhör schritt, saß das Mädchen, oder die junge Frau, zwar bleich und mit geröteten Augen, aber still am Bett. Der Verwundete war ein großer, schlanker Bursche, mit frischem, offenem, intelligentem Gesicht, der Sohn eines der reichsten Bauern im Ort. Gefragt, sagte er, und es klang ein merkwürdiger Stolz aus seinem Wort, er sei Soldat gewesen und im Feld und habe bei den Elisabethern gedient. Und als wir ihn überrascht fragten, wie er zu den Insurgenten käme, sagte er, er sei Pole, aber er sprach deutsch besser als kongreßpolnisch, war nie in Polen drüben gewesen, er war gern Soldat, und sein Bruder war heimattreu, er aber sei Pole. Der Sanitäter, stud. med. im achten Semester, erbat sich Ruhe für den Verletzten, und wir zogen kopfschüttelnd und debattierend ab. Und dann kam der zweite Angriff. Wir wurden an jedem Tag zweimal angegriffen. Wir zogen Gräben um das Gehöft am Südrande des Dorfes und stellten Wachen aus und sandten Patrouillen weit herum. Am zweiten Tage fiel Toellner beim Gegenstoß auf die Mühle von Leschna, die in einem Waldgrunde lag, dicht an der Straße, und wir mußten für kurze Zeit zurück, und als wir wieder vorstießen, fanden wir den Leichnam entkleidet und verstümmelt. Und da beschlossen wir, daß der verwundete Bräutigam der

einzige Gefangene sein müsse, den wir am Leben ließen. Noch am Nachmittage fuhren wir einer polnischen Angriffskolonne überraschend in den Aufmarsch, zerschlugen sie und machten zwei Ge- fangene, Soldaten des regulären polnischen Infanterie- Regiments 27, in polnischer Ausrüstung und mit französischen Gewehren. Hier hatten wir den Beweis, daß reguläre polnische Regimenter gegen uns fochten, und ich widersetzte mich heftig, daß diese lebenden Beweisstücke durch Erschießen ihres Wertes beraubt würden; doch wurde ich noch zwei Tage lang bezichtigt, humanitären Einflüssen nicht unzugänglich zu sein. Die Gefangenen wurden nach Sausenberg gesandt. Eine Lerche stieg vorn aus dem Kornfeld hoch. Dort mußten noch viele polnische Leichen liegen; am Tage, wenn die glühende Sonne dieses heißen Maimonats auf das Feld brannte, kamen schwere Dünste herüber. Niemand von uns hatte sich die Mühe gemacht, nachzusuchen; wir lagen tagsüber völlig entkleidet im glühheißen Sand und ließen uns von der Sonne braten, und als wir am Nachmittage angegriffen wurden, war nicht Zeit gewesen zum Ankleiden, und seltsam genug mochte der Anblick der nackten Männer gewesen sein, die in den Gräben standen und schössen, die dann zum Gegenstoße vorgingen, blanken Leibes, nur das Gewehr in der Hand, weiße, glänzende Jugend, nackt und wehrhaft in der gleißenden Sonne. Noch im Walde schimmerten die schlanken Körper durch die Stämme, und dieser unser Angriff war der tollste und beschwingteste, den ich je erlebt. —

Es war völlig Tag geworden. Der Tau glitzerte an den Halmen, und der weiße Sand war feucht. Aber nichts rührte sich in den Gräben. Da lag nun die Kompanie. Welcher Wind hatte uns zusammengeweht? Da lagen die Männer in den Erdlöchern, eng aneinandergepreßt. Da lag Lindig, der Schmiedegesell, und Busch, Oberleutnant zur See a. D. Sie bliesen sich ihren Atem gegenseitig ins Gesicht, und ihr Atem mischte sich; da lag Nawroth, oberschlesischer Berg- arbeiter, und v. Unruh, Sohn eines willhelminischen Staatsministers; da lag Kenstier, siebenbürgischer Bauernsohn, und Bergson, baltischer Student. Aus allen Bereichen kamen wir und waren uns doch nicht fremd. Wir waren uns nah, wir waren immer uns nah gewesen. Und keine Dämme konnten bestehen; denn wir dienten alle demselben Gesetz, einem einzigen Gesetz. Und darum waren wir wahrhaft frei. Darum konnte uns nicht gelten, was bürgerlicher Wertung unterlag, darum gab es für uns keine Fragestellung der Vergangenheit und der Gegenwart, die unlösbar wäre. Und keinem von uns fiel es auch ein, den Lösungen nachzugrübeln. Einmalig war unser Geschick, und darum voll der höchsten Potenz. Glücklich waren wir, die im Reiche kaum einer verstand, glücklich waren wir in der Wirre, denn wir fühlten uns eins mit der Zeit. Glücklich waren wir unter der Last und glücklich im Schmerz; denn wir wußten, daß wir wert befunden wurden, so alle Elemente des Lebens in unseren Herzen zu erfahren. Wir wußten, daß es uns vergönnt war, entschiedener zu leben, und so zeigten sich uns auch die Verwandlungen des Lebens entschiedener an. Wir hatten teil an den tiefsten

Energien, die nun zum Durchbruch drängten, und fühlten uns durchbraust von ihren Wirbeln, und wurden so zum Tode mehr noch als zum Leben reif. Es knackte im Unterholz. Die Halme rauschten, verworren mischte sich Lärm in das Schwirren der Blätter. Ich hastete durch den Graben und keuchte in jedes Erdloch, und das alte Zauberwort der Front: «Sie kommen!» stieß die Schlafenden hoch, zerriß die Schleier der Träume, spannte die Nerven, füllte die Gräben. Wir hörten sie schreien. «Na pravo» — «Na lewo» — die Polen entwickelten im Walde die Linie zum Angriff. Sie schnatterten sich zu, sie mußten sich mit mutigen Worten das Zittern aus den Gliedern treiben. Dies Schnattern vor dem Angriff ist das Kennzeichen der Soldaten kleiner Völker. Die Esten, die Letten, die Litauer schnatterten so, diese Völker standen zu lange unter dem Druck, als daß sie schweigende Ent- schlossenheit kennen konnten. Der Kompanieführer eilte durch den Graben:

«Keinen Schuß, bevor ich's befehle!» Das M. G. richtete ich auf die Senke ein, die den Weg im Walde aufnahm. Da brach es durch das Gebüsch am Waldrand. — Wir schossen.

Warum ging es nicht weiter, warum mußten wir zurück, wer gab den verräterischen Befehl? Die Polen liefen doch, wo wir kamen? Wo wir marschierten, jubelten uns die Deutschen zu! Und nun zurück, zurück in die alten Quartiere um Konstadt, nun wieder warten und zweifeln und verdammt sein zu lähmender Unrast, und dies im rauschhaften Augenblicke des Siegs?

Heinz kam, wund, fiebernd, mit zerschossenem Arm, und erzählte uns. Von Neustadt aus hatte Korps Oberland, insgesamt eintausend Mann, in den ersten Stunden des 21. Mai 1921 den Angriff gegen den Annaberg vorgetragen, gegen die Schlüsselstellung der Insurgentenfront. Die Oberländer stürmten durch die Wälder, über die Senken, über die Hänge, in drei Gruppen, trafen überraschend den Polen, der den Angriff vom Süden erwartete, erstiegen im Feuer, das aus allen Büschen, aus allen Luken der Häuser zischte, die Höhen. Um 12 Uhr mittags war der Annaberg in deutscher Hand und über ein Viertel der Oberländer lebte nicht mehr. Und dann stießen die Bayern, die Tiroler, die Schlesier, die versprengten Kämpfer aller deutschen Stämme, in das Land hinein, hinein in die un- übersichtlichen, verschwimmenden Wälder, hinein in fliehende, hastende, aufgelöste Kolonnen der Polen — und sie rissen den Sieg mit sich und verbreiterten den Keil, und in Hunderten von befreiten Orten läuteten die Glocken, wehten die deutschen Fahnen, und sie schnellten voran und das Land verschluckte sie. Denn hinter ihnen kam nichts. Als sie zur Besinnung kamen, waren sie allein. Allein und verloren standen sie im Land, kleine, verwegene Haufen, versteckt in Gehölzen, rastend in verlassenen Gehöften, schnaufend in Schlucht und Tal. Und vor ihnen bildete sich erneut die Insurgentenfront. Die deutsche Regierung aber sperrte die Grenze West von Oberschlesien. Die deutsche Regierung sandte im Augenblick des Sieges ihre Sipohundert- schaften und drohte mit Gefängnis und hielt die an der

Oder, an der Linie lagernden Selbstschutzbataillone an. Und vorne wurde jeder Mann gebraucht. Vorne ging es um das Letzte, ging es darum, daß frische Kräfte die vorgeschnellten Trupps von Annaberg mit neuer Wucht erfüllten, um in einem Zuge durch die verwirrten, aufgestörten Insurgentenhaufen das Land zu fegen, die Städte zu befreien. Ein letzter Stoß, ein Stoß mit nicht nur ausgepumpten Gruppen, und das Land war frei. Und an der Grenze West harrten die Bataillone, tobten, grollten — sie durften nicht, sie konnten nicht. So, wie auf Befehl der Reichsregierung die Sipo Grenzwacht hielt, so hatten die Italiener nicht und nicht die Franzosen Grenzwacht gehalten. Die vom Annaberg aber wußten, daß sie verraten waren.

Als Rosenberg sturmreif war, kam eine Abteilung Franzosen, marschierte an uns und den Roßbachern vorbei und besetzte die Stadt. Der Bürgermeister und die Ehrenjungfrauen empfingen festlich und mit hohen Worten preisend die «Befreier» — die Polen flüchteten ungehindert. Die Franzosen zogen eine neue Linie, schufen eine neutrale Zone, vier Kilometer breit, und in dieser Zone durften die Polen schweifen, und wir konnten erst dazwischenknallen, wenn wir uns durch die Postenketten der Poilus hindurchgeschlängelt hatten. Die Korfanty-Linie war durch unsere Aktion zerfetzt. Der ganze Norden der Provinz konnte von den Polen nicht gehalten werden. Bis zu den Kreisen Pleß und Rybnik im Süden war unsere Linie nicht vorgedrungen.

Dort war die polnische Herrschaft sanktioniert. In den Städten aber tobte der Kampf weiter. Durch die Städte, über denen der Kohlendunst hing und der Hunger und die Verzweiflung, strichen, abgerissen, gehetzt, verleugnet, die Gruppen. Kleine Trupps, die nicht der Zufall, die der Anruf der Nation zusammenwürfelte, die jungen Burschen, die der Teufel nicht vergaß und nicht der Tod, die Ekstatiker ihrer kargen, rußgeschwärzten Heimat kämpften hier, funkten durch das Dunkel von Schüssen zerrissener Nächte, immer bereit, immer auf dem Sprung, das Letzte zu wagen, krochen, vom Verrat umwittert, durch die engen Gänge der Gassen, schlichen zwischen Halden und Kühltürmen, verloren sich in den Schächten, kletterten über die Dächer, hockten an den Eingängen der Landstraßen und sicherten, von niemandem gekannt und von allen mißtraut, die Städte, verteidigten sie gegen die Insurgentenhaufen, die vor den Toren gierig lungerten, verteidigten sie gegen die IAK und französische Wachabteilungen, gegen pol- nische Apo und gegen die feigen Gelüste ruhesüchtiger Bürger, verräterischer Beamter, geschäftewitternder Bourgeoisie. Aber einer nach dem anderen von ihnen verschwand. Die Leute Hauensteins, die das heimliche Netz organisierten, bei den hohen Behörden als die Männer der Spezialpolizei bekannt, verzweifelten fast, wenn täglich die Nachrichten einliefen, wenn die kargen Berichte kamen, wenn sie erfuhren, erlebten, wie die Gruppen zusammenschmolzen, wie hier einer erschossen aufgefunden wurde, wie dort einer verröchelte unter den Kolbenhieben. Eine Armee von

Spitzeln umsurrte die Einsamen, die Gefängnisse verschluckten sie, an den Mauern spritzte ihr Blut — Bergerhoff sank und Krenek, den Nauenstein holten sie in letzter Sekunde aus dem Gefängnis, Schlageter hieb sich dreimal durch, Jörg schoß den Otto aus einem tobenden Insurgentenhaufen heraus, doch starb Otto am nächsten Tage, seine Gedärme waren zerfetzt. Die anderen aber, Eichler und Becker und Fahlbusch und Klapproth und wie sie alle hießen, die Letzten, die Versprengten, sie hielten stand. Die Städte, in denen die Gruppen zerrieben waren, in denen kein Mann mehr focht, wurden von den Franzosen den Polen überlassen. Die Städte, in denen hohläugig, fanatisch die Reste der Gruppen noch die verrieselnden Energien bannten, blieben von der IAK weiter besetzt, blieben von Insurgenten befreit. Und so zog sich die neue Linie, Sforza-Linie genannt, weil ausgetüftelt von dem italienischen Kommissar Sforza, quer durch das Kohlenrevier, quer durch die Provinz, festgelegt vom geheiligten Völ- kerbund, anerkannt von der Reichsregierung, knurrend ertragen von Korfanty und den Polen. Und es erwies sich, daß die Linie fast genau verlief wie jene, die die Front des deutschen Selbstschutzes nach dem Annabergsturm und nach der Roßbachaktion gebildet. Und es erwies sich, daß Beuthen, daß Gleiwitz, daß Hindenburg deutsch blieben, obgleich selbst Sforza die Städte für Polen in seine Linie einbezog, deutsch blieben, weil dort noch die bröckelnden Reste der deutschen Aktionsgruppen die Städte gehalten, gehalten trotz des Verrats, trotz der nagenden, vergeblichen Hoffnung auf deutschen Entsatz. Der

Selbstschutz hat zwei Drittel der Provinz für Deutschland gerettet, und das letzte Drittel konnte er nicht retten, denn eine deutsche Verordnung brach ihm das Kreuz. Denen, die Polen mit dem Weltgewissen drohten und uns mit Gefängnisstrafen, hatten wir einen Sieg wie eine kostbare Schale auf unseren opferbereiten Händen angetragen. Und sie ließen den Sieg fallen, und er zerschellte zu ihren Füßen. Indes in den Kneipen, in den Biersälen überall in Deutschland ungezählte Protestversammlungen Oberschlesiens Schicksal betrauerten, bargen wir, um zu retten, was noch zu retten war, wenigstens die Waffen, die wir geführt. Wir schmuggelten sie auf verschlungenen Wegen durch die Grenze West — denn die preußische Polizei belauerte unser Tun mit scheeleren Augen als die IAK. Wir vergruben sie in den Wäldern, gaben sie in die Hände der Heimattreuen, verfrachteten sie unter harmloser Deklarierung ins Reich, ins Ruhrgebiet, in die Provinzen, von denen wir schnüffelnd witterten, dort wurden sie gebraucht. Zwei Monate lang blieben wir noch in Ober- schlesien. Freiwillige Landarbeiter, hieß es, seien wir, und tagsüber banden wir Garben, stakten sie auf schwankende Wagen, droschen und mähten. Des Nachts schmuggelten wir Waffen, sicherten die polnische Grenze. In der brütenden Hitze dieses dürren Sommers 1921 aber wuchs aus Blut, Wirre und Gefahr ein Gespenst. Von ihm erzählten sich tuschelnd die Menschen, die Ungläubigen lernten zu schweigen, die Verantwor- tlichen traten vorsichtig zurück. Aus wütendem Brodel

stieg es auf, gesättigt von der wüsten Ernte unserer Erfahrungen, und seine Parole tropfte wie glühendes Blei in die Herzen: Verräter verfallen der Feme!

O.C.

Es begann in München. Dort wurde der Abgeordnete der Unabhängigen-Sozialdemokratischen Partei, Gareis, in der Nähe seiner Wohnung auf der Straße erschossen aufgefunden, nachdem er am Abend vorher Enthüllungen über das geheime Fortbestehen der Einwohnerwehren angekündigt hatte. Sein Tod erregte großes Aufsehen, doch gelang es nicht, den oder die Mörder dingfest zu machen. Wenige Wochen später ging der Abgeordnete Matthias Erzberger, Reichsminister a. D., mit seinem Fraktionskollegen Diehl am Fuße des Kniebis im badischen Schwarzwald, Nähe Griesbach, spazieren. Ihn überholten zwei junge Leute, die sich plötzlich wandten und den Abgeordneten fragten, ob er Erzberger sei. Auf die erstaunt bejahende Antwort zogen die jungen Leute Pistolen und schossen Erzberger nieder, indes der sofort und eilends flüchtende Abgeordnete Diehl einen Armschuß erhielt. Als Täter wurden ermittelt zwei ehemalige See- offiziere, frühere Angehörige der Brigade Ehrhardt.

Die Polizei, bemüht, mit einem bis dahin noch nicht gekannten Aufwand an kriminaltechnischen Mitteln, den geheimnisvollen Mord aufzuklären, fand Spuren, die nach München, nach Oberschlesien, nach Sachsen, nach Ungarn, nach dem Rheinland, nach Berlin, nach Frankfurt am Main führten. Es gelang ihrem unermüdlichen Eifer, zahllose Verhaftungen vor- zunehmen, die sämtlich wieder rückgängig gemacht werden mußten. Es gelang ihrem Eifer ferner, die beiden Täter nicht zu verhaften. In einer Fülle von sachdienenden Zuschriften und Beobachtungen jeder Art offenbarte sich die Entrüstung weiter Volkskreise über die schändliche Tat. Die Polizei entdeckte ein Dokument, welches das Bestehen einer Geheimorganisation mit Namen O. C. zu beweisen schien. Eine der Statuten dieses Bundes lautete: Verräter verfallen der Feme. Nach Bekanntgabe dieses außerordentlichen Fundes wurde die Fülle der Zuschriften mager. Die Leute, die sich gewundert hatten, wie es möglich war, daß binnen weniger Tage in Oberschlesien plötzlich eine deutsche Armee stand, bewaffnet und kampfbereit, ohne daß die deutsche Öffentlichkeit auch nur den Schimmer einer Mobilmachung erblickte, wunderten sich nicht mehr, als sie von dem Bestehen einer Geheimorganisation erfuhren. Sie wunderten sich auch nicht, als langsam dunkle Kunde von Oberschle- sien her ins Land drang, getuschelte Berichte kamen, seltsam im Zwielicht bleibende Andeutungen. Ihr Staunen wich vielmehr einem zum Schweigen verpflichtenden Schrecken. Denn das Walten der O. C. wurde bald fürchterlich offenbar.

Durch die Gassen schlich der Mord. Gift, Dolch, Pistole und Bombe schienen die Werkzeuge einer aus dem Dunkel der deutschen Wirrnis emportauchenden Schar kaltherziger Verbrecher. In den Städten krachten Detonationen. Männer, die weithin sichtbar standen, als Führer von den Massen geduldet und in der Tat ihrer wert, fielen im Feuer. Das Volk, ausgehungert, störrisch, verbittert, streikend, geriet in dumpfe Bewegung. In wütende Demonstrationen mitgerissen, protestierte das Volk gegen eine unfaßbare, deutliche Schatten vorauswerfende Gefahr. Jede einzelne Tat schlug ihre Kreise. Die Kreise aber schnitten sich, wuchsen ineinander. Bald konnte kein Zweifel mehr bestehen, daß hier nach einem einheitlichen, düsteren Plan gehandelt wurde. Die O. C. begann anscheinend in voller Öffentlichkeit ihr verwerfliches Handwerk zu treiben. Die Erregung wuchs, mit ihr der Abscheu. Aber es wuchs auch zugleich eine unbegreifliche magnetische Kraft, die immer größere Teile des Volkes in den verbrecherischen Strudel sog, der sich unterhalb der Oberfläche gebildet hatte. Die allgemeingültige Vorstellung von der O. C. ließ überall ihren Einfluß wittern. Jedwedes Tun erzeugte die flirrende Luft, in der die Spiele der Phantasie Gestalt annahmen. Es war wie eine Pest, welche die friedlichen Bürger heimsuchte. Die Luft war geschwängert mit den Stickgerüchen der Katakomben. Es drang aus den Türritzen verschwiegener Hinterzimmer mit dem säuerlichen Hauch der Verschwörung. Der scharfe Wind messerkalter Zynismen fuhr selbst aus den Bezirken als legal und idealistisch bekannter Vereine. Bald fühlten sich ungezählte Liedertafeln als Organe

der geheimnisvollen Macht und spürten sich berufen und gebenedeit, Retter des Vaterlandes zu sein. Das ging mit husch und husch und pst und pst durch alle Kneipen, Keller, Kammern. Mehr noch, das Lied der Brigade Ehrhardt, die Melodie eines alten englischen Operettenschlagers, mit den abgehackten Sätzen des Soldatentextes, erscholl auf allen Gassen. Die Kinder sangen das Lied, vaterländische Verbände pflegten es auf ihren deutschen Abenden, in den Lokalen spielten es auf vielfachen Wunsch die Kapellen. Durch die Schauer des Geheimnisses, die den Bund und sein Tun umwitterten, wuchs um das Lied der kecke Trotz der Auflehnung. Der Männer waren Legion, die sich hohen Ruhmes befleißigten und dies zu beweisen suchten. Sie flüsterten das Zauberwort, «Befehl vom Chef», und niemand wagte, nachzuforschen, und die Gefolgschaft war gesichert. Wenn irgendwo im Volke die Geschichte einer Waffenschiebung, eines Bombenattentates, eines Mordanschlages ruchbar wurde, dann wußte man: O. C. Und es war seltsam und bedenklich zugleich, daß die brausende Entrüstung nur allzuoft und allzubald gemengt war mit einem heimlichen Vergnügen, die bange Furcht mit einem süßen Kitzel. Es gab Augenblicke, hervorgerufen durch gespenstische Kunde von der O. C., wo selbst dem genügsamsten und staatstreuesten Subalternbeamten die Begeisterung emporstieg wie der Schaum in dem vor ihm stehenden Bierglase. Wie eine gasgefüllte Wolke dehnte sich der ruchlose Geist des Geheimbundes aus. Bald schien es gar eine Ehre, ihm anzugehören. Viele brüsteten sich im

vertrauten Kreise, Mitglieder des Bundes zu sein, manche brüsteten sich sogar öffentlich. Es gab Männer, von denen die ganze Stadt wußte, daß sie führende Persönlichkeiten der O. C. waren, und die Verwun- derung wechselte mit der Entrüstung, daß sie nicht schon längst ergriffen und ins Zuchthaus gesteckt waren. Die Angelegenheit wurde zu einem öffentlichen Skandal. Die schärfsten Verfügungen und Dekrete der Behörden, die strengsten Verfolgungen führten zu keinem Ergebnis. Alle staatserhaltenden Begriffe von Ehre, Moral, Sitte und Pflicht mußten bald ins Wanken geraten. Aber selbst bis in die höchsten Kreise drang das Gift. Diesem Treiben mußte ein Ende gemacht werden. Alle verantwortungsvollen Elemente begrüßten es mit Genugtuung, als die Polizei endlich in manchen offenkundigen Fällen zu Verhaftungen schritt. Aber hier zeigte sich erst die ganze Gefährlichkeit der O. C. Denn in keinem Falle gelang es, die Delinquenten zu einem Geständnis zu bringen, die Hintergründe der Verschwörung zu beleuchten. Sekundaner, die im Kreise ihrer Klassenkameraden den Ruf genossen, O. C.-Leute zu sein, ehrwürdige Majore und achtbare patriotische Vereinsvorstände, um die es gefährlich munkelte, beteuerten lebhaft, nichts mit der O. C. zu tun zu haben. Männer, die der Brigade Ehrhardt angehört hatten, mit ihren Kameraden in München und im Reiche noch mancherlei Verbindung pflogen, die offen von ihrem «Chef» sprachen, sagten vor der Polizei mit kalter Stirn aus, daß sie nicht einmal wüßten, was das sei: O.C. In den Polizeipräsidien, auf den Redaktionsschreibtischen sammelte sich das Material zu Bergen, immer wieder wurde die

Öffentlichkeit beunruhigt durch neue, aufregende Nachrichten, Tatbestände, Spuren, Verdächtigungen. In den Zeitungen las man, daß bald hier, bald dort unter geheimnisvollen Umständen eine Leiche aufgefunden sei, ein Mord geschah; und da nähere Anhaltspunkte über die Person des Mörders fehlten, mußte das Verbrechen mit der O. C. in Zusammenhang gebracht werden. Man las, daß in verschiedenen Orten des Reiches es gelungen sei, verdächtige Mitglieder verdächtiger Organisationen zu verhaften und die Organisationen aufzulösen; wahrscheinlich handele es sich hier um die O. C. Aber man gelangte zu keinem positiven Resultat. Was war das für eine gefährliche Macht, die, bei allem Lärm um sie, so sich in Schweigen zu hüllen verstand? Was war das für eine Macht, die in einzelnen, ganz wenigen und un- ergiebigen Fällen, in denen der eine oder der andere der Sistierten in der Bedrängnis zugegeben hatte, Mitglied der O. C. zu sein, so wirkte, daß der Betreffende nicht imstande war, anzugeben, wer seine Mitverschwörer seien, wer der Vorgesetzte, was die Ziele der Orga- nisation? Das Gespenst der O. C. rasselte vernehmlich mit seinen unsichtbaren Knochen. Die Pest griff um sich. Die Republik stand unmittelbar in Gefahr. Überall tauchten Pläne auf, die Umsturz und Bürgerkrieg bezweckten, überall wurde geheimnisvoll gerüstet. Das Land geriet in Gärung; es gerieten die Vereine und Verbände in Fieber, die Behörden in Bestürzung. Von London, von Paris kam erst vertraulich, dann mit verhaltener Drohung die Frage, was ist es mit dieser O.C.? Die Beschwörungen in der Presse, die Anfragen

in den Parlamenten häuften sich. Aber die unterirdische Macht der O. C. wuchs und wuchs. Die schärfste Waffe in der Hand der O. C. aber und die ungeheuerlichste Gefahr, die aus ihr erwuchs, war die Tatsache, daß sie niemals bestand. «Primitive Naturen», sagte Kern, der es manchmal liebte, mit erhobenem Zeigefinger zu dozieren, «haben das Bedürfnis, den unbekannten Mächten, denen sie sich unterworfen fühlen, einen Teil ihres Schreckens zu nehmen, indem sie ihnen einen Namen geben. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Verwandlung der Religiosität in Religion auf dieses menschliche Bedürfnis zurückzuführen ist. Das Wort bannt. Der Gott, den ich mit Namen anrufe, dem ich Altäre baue, dessen Bild ich mir schnitzen kann, um es anzubeten, verliert den besten Teil seiner Dämonie, wird aus einem Gott der Rache ein Gott des Gesetzes. Der Teufel, in sein Reich, die Hölle, verwiesen, ausgestattet mit Pferdefuß, Schwefelgestank und Großmutter, wird ein Dämon zum Hausgebrauch. Der Blitz ist lange nicht mehr so entsetzlich, seitdem man weiß, er ist nichts weiter als ein elektrischer Funke, den in verkleinertem Maßstabe jedermann erzeugen kann. Seitdem man schlicht und tapfer sagen kann: Wilhelm von Hohenzollern, statt Seine Majestät, hat der Kaiser den erhebenden Nimbus des Gottesgnadentumes, das zu begreifen freilich nicht jedermanns Sache war und das darum bis zuletzt seine gewaltige Kraft erhielt, gar sichtbarlich verloren. Das Unbegreifliche, das jetzt und heute geschieht, wird bekömmlich und wohlanständig, wenn man es nur richtig einzuordnen weiß. Da sind die Weisen von Zion zum Beispiel, die Weltverschwörung

des Judentumes, der Freimaurerei, der Jesuiten, kurz, die überstaatlichen Mächte — wie einfach ist die Welt, die man begreift! Und so scheint mir auch, wenn der Begriff der O. C. nicht schon da wäre, müßte er erfunden werden. Man bedenke: Ein Geheimbund von Männern, die bereit sind, mit allen Mitteln um die Macht zu kämpfen, unverbrüchlich untereinander und nach oben verbunden durch Schweigepflicht und unbedingten Gehorsam, mit Todesandrohung für die Verräter, ein Bund mit solch rätselhaften Statuten, eine Verschwörung mit Ortsgruppen, Vorsitzendem und Kassenwart — und immerzu geheim: vorzüglich! Ist nicht die Gefahr, da man sie kennt, schon halb gewendet?» Kern sagte: «Es ist wohl so, daß das Leben selbst sich zum Durchbruch anschickt, eindringt in den legitimen Raum. Die braven Leute, die das Walten urgezeugter Energien spüren, glauben ihnen zu dienen, wenn sie diese zu materialisieren gedenken. Sie stehen im Banne neuer Bilder, die sie erschreckt als ewig erkennen müssen. Das Anonyme spüren sie und wollen es berechnen, wollen drum herum. Aber man muß eben hindurch. Im Grunde verteidigen die braven Leute nur die Ordnung, keine sittlichen Prinzipien. Wie denn auch, wo sind die absoluten Werte, die verteidigt werden müßten? Das schlechte Gewissen sucht die Kraft zu bannen, die es bedroht. Es schafft sich einen Popanz, den es anstinken kann, und glaubt, so sei die Sicherheit gewahrt. Und die auf der andern Seite, die für die O. C. optieren, was tun sie anders, als eine Rückversicherung suchen? Wenn ich einem begegne, der sagt, er sei O. C, dann weiß ich, er ist entweder

Nair oder Hochstapler oder Kriminalbeamter. Es ist nützlich, dies zu wissen. Es ist nützlich, wenn der Gegner dem Schein der Dinge verfällt und so deren Wesen verkennt. Es ist nützlich, durch kühle Skepsis zu verhüten, daß man selber das Leben mit einer seiner Formen verwechselt. Die Suggestion ist groß. Sie schafft den Schleier, hinter dem gut arbeiten ist für unsereins. Wir müssen jenes Dokument begrüßen, jenes barbarische Dokument, das nun durch die gütige Mitwirkung unserer tüchtigen, aber in bezug auf ihre intellektuellen Fähigkeiten leider etwas ver- nachlässigten Polizei der Anlaß wurde, die Verschwörungspsychose ins Un-gemessene zu steigern. Der Mann übrigens, der dies interessante Schriftstück entwarf und der Polizei in die Hände spielte, ist sehr nah verwandt und verschwägert mit mir. Böse Zungen behaupten, er habe eine Schwäche für praktische Philosophie.» Dies sagte Kern behaglich, auf einem kleinen Geldschrank in meiner Wechselstube sitzend, mehr zu Heinz, der an die niedere Tür gelehnt stand, als zu mir, der ich am Schalter einen Pack schmutziger Geld- scheine zählte. Denn seit ich aus Oberschlesien zurückgekehrt war, saß ich in einem kleinen hölzernen Kiosk mitten in der Bahnhofshalle und schlug für eine Berliner Bankfirma Vorteil aus der beginnenden In- flation. Außer einem schmalen Tisch, einem Stuhl, dem Telephon, der Devisenmappe und dem Geldschrank war nichts in dem Räume, und es hätte auch nichts mehr in ihn hineingepaßt. Als Kern seine dunkle Rede beendet hatte, bat ich ihn, er möchte doch, wenn ich wegen eines Kunden telephonieren müßte, unauffällig

mit einem Finger die Taste des Apparates nieder- drücken. Und schon kam ein Kunde und wollte Dollars gewechselt haben. Eilfertig versprach ich ihm, den neuesten Kurs einzuholen, und hob den Hörer ab. In den tauben Apparat hinein verlangte ich die Devisenab- teilung und bat um den letzten Kurs. Geld oder Brief? fragte ich, zwoundachtzig, danke, sagte ich, hängte ein und zahlte dem Beglückten weit unter Kurs. «Aber das ist ja Betrug!» staunte Kern fassungslos und Heinz grinste. In der Tat, das sei Betrug, versicherte ich ihm, alles, was ich in diesem famosen Kiosk triebe, sei Betrug, ein Betrug nach Anweisung, ein right honourable Betrug, ein Betrug, der die Seele dieses Geschäftes ist. Und ich erzählte ihm von den erbaulichen kleinen Kniffen, von dem System kleiner Schweinereien, als da sind, größere Geschäfte in die Bücher als eine Anzahl kleinere einzutragen, weil ein Umsatz über dreitausend Mark versteuert werden muß, nichtsdestotrotz aber den Kunden die Steuer zahlen zu lassen und sie dann für die Firma einzusäckeln; ein Ring der Wechselstuben zur offiziellen Niederhaltung der Kurse bei Käufen und zu intensivem Hoch- schrauben bei Verkäufen; und was dergleichen Dinge mehr sind. «Man muß», sagte ich zu Kern, «auch das können. Wir haben noch viel zu lernen, bevor wir reif sind, den Kampf mit den verheerenden Gewalten der Zivilisation aufzunehmen. Du hast», sagte ich unvermittelt, «mir vorhin erzählt, die Mainzer klagten, sie seien in ihrer Aktionsfreiheit behindert durch den Mangel an Geld», und schob ihm ein Bündel Scheine zu. Er fuhr zurück

und sagte scharf: «Wenn andere Leute Lumpen sind, dünkt mich, sollte dies für dich keine Veranlassung sein, auch einer zu werden.» «Es steht zu vermuten», sagte ich und zahlte einem Polen mit schwarzen Fingernägeln die Summe aus, «daß du von bürgerlichen Sentiments noch immer angekränkelt bist. Es steht zu vermuten», und kassierte von einem vornehm schweigenden Engländer die weiße, wie Puderpapier anzufühlende 10 Pfundnote, «daß selbst, wenn hier alles sauber wäre, die Tatsache der Aktionsunfähigkeit der Mainzer wegen Geld- mangels Veranlassung genug für mich ist» — und prallte etwas zurück vor der Parfümwolke einer nicht mehr jungen Französin, die gierig die Scheine zählte, «sowohl auf den Profit meiner hochangesehenen Bankfirma», und beschummelte einen mißtrauischen Dänen doch um mindestens 10 Prozent, «als auch auf die Reinheit der sittlichen Prinzipien meiner un- behüteten neunzehn Jahre keine Rücksicht zu nehmen», und zahlte einer kleinen Dame von der nächtlichen Kaiserstraße für ihren holländischen Gulden den einzigen anständigen Kurs des Tages aus. «Es steht zu vermuten», sagte Heinz, «daß man bestimmte Dinge nur in geschraubtem Deutsch sagen kann.» «Ich kann das Geld nicht nehmen», blieb Kern störrisch. «Wenn ich dies Geld nicht durch Spekulation, sondern durch Betrug gewonnen hätte», sagte ich beleidigt, «dann sei versichert, hätte ich keinerlei Andeutungen gemacht, die dich zu beängstigenden Schlüssen zu veranlassen geeignet wären.»

«Die Verwirrung der Gefühle», sagte Heinz, «scheint mir das erfolgreichste Kampfmittel der O. C. zu sein.»

Mein Kiosk wurde bald das Finanzierungsinstitut für die Rheinlandaktionen. Selbst Heinz mußte sich entschließen, zu arbeiten, um sein Teil für die Sicherstellung der für unsere Tätigkeit im besetzten Ge- biet unabänderlich notwendigen Summen beizutragen. Es gelang uns, in gewagten Spekulationen einen zwar nicht unerschöpflichen, doch für unseren bescheidenen Bedarf ersprießlichen Fonds zu schaffen. Denn seit Oberschlesien gab es viel zu tun.

In Oberschlesien, dem Orte der Generalversammlung der Aktivisten Deutschlands, ergab es sich von selbst, daß die Männer, die in allen Landesteilen wie Sprengpulver wirkten, nunmehr voneinander erfuhren und so in der Lage waren, den einzelnen Aktionen durch Zusammenspielen stärkere Wucht und größere Bedeutung zu verleihen. In den folgenden Monaten entstand ein zähes, unsichtbares, federndes Netz, dessen einzelne Maschen sofort reagierten, wenn an irgendeiner Stelle das Signal gegeben wurde. Das geschah ohne jede nur denkbare Bindung durch eine Organisation, ohne Plan und Auftrag, einzig durch das Wirken einer spontanen und selbstverständlichen Solidarität. In allen Bünden hockten die Männer, in allen Lagern, allen Berufen. Sie warfen sich die Bälle zu, informierten sich, warnten einander, gaben brauchbare Tips und handelten in der rauschhaften Erfahrung, daß bald an hundert verschiedenen Orten gleichzeitig und unabhängig voneinander dieselben

Gedanken und Ideen aufsprangen, dieselben Berufungen, dieselben Zielsetzungen, daß dieselbe Situation überall gegeben war und dieselben Handlungen zeugte. So erwuchs für sie eine große und einheitliche Willensrichtung. Um sie schlang sich ein Band, das fester war, als es Treueschwüre und Organisationsstatuten sein könnten, sie fesselte der gleiche Rhythmus, der in ihren Adern schlug. Es erwies sich, daß eine Reihe von neuen Geboten, von ihnen allen mit der gleichen elementaren Sicherheit anerkannt, sie in die gleiche Linie zwang. Sie hielten sich wie Menschen von einer Rasse, sie spürten die gleichen Wehen in sich und die gleichen Ströme. In ihnen sprangen die gleichen Zweifel auf. Sie waren Apodiktiker des Zweifels, bereit, jeden Ballast auf ihren suchenden Wegen von sich zu werfen, beglückt, da sie erkannten, daß der gleiche Drang in allen ihrer Art sie in die gleichen Konflikte warf und ihre gleiche Lösung finden ließ. Die Männer, immer noch in ihren Bereichen Ver- einzelte, tauchten unter in die Masse der Namenlosen und stießen wieder empor, getrieben von unfaßbaren Kräften, sie zogen einen bebenden Kreis der Unruhe um sich herum, immer bereit, zögernde Gewalten durch tollen Ansprang zum Ausbruch zu treiben, immer tätig, aufsteigende Forderungen zu überhitzen und zu durchglühen, immer gewillt, bis zur letzten Schärfe der Fragestellung vorzudringen. Es gab kein Feld, das sie nicht zu durchschreiten wagten, kein Bündnis, dem sie auswichen. Es erstarkte in ihnen die Gewißheit, daß die Gesetze eines Staates anerkennen den Staat selber anerkennen hieß. Es blitzte ihnen die Erkenntnis auf,

daß ein neues Wollen neue Gesetze verlangte, Gesetze, die sich in den rastlos arbeitenden Hirnen der einsamen Kämpfer formulierten und ihnen eine ungeheuerliche Verantwortung aufbürdeten, die nur der zu tragen vermochte, der gerüstet war, sich ohne Vorbehalt hinzugeben. Sie zwangen sich zu der unerbittlichen Folgerung, daß es nicht genügen konnte, wenn schon von Opfern die Rede sein sollte, das Leben zu opfern, sondern das, was ihnen höher stand als das Leben: Ehre und Gewissen. So entfremdeten sie sich der Welt, die sie als verrottet, als breiig verschwommen, als unsagbar unwahrscheinlich empfanden, trotzdem diese Welt ihnen täglich von der zerrenden Gewalt ihres Daseins Beweis erbrachte. So handelten sie, dynamische Men- schen in dynamischer Zeit, die nur mit dynamischen Maßen gemessen werden konnten, auf einer Ebene, die der Umwelt gespenstisch und bedrohlich erscheinen mußte. So wurden sie aus Fremden Geächtete, aus Begehrten Gemiedene, aus Handelnden Verbrecher. Und sie wußten das, und sie waren nicht geneigt, es zu betrauern. Eine Aktion zog die andere nach sich. Mit unheimlicher Folgerichtigkeit sprudelte der Strom den Fällen zu, uns mit sich reißend. Wir lebten doppelt. Was wir tagsüber in gehaßter Fron an materiellen Er- gebnissen erlangten, ermöglichte uns die Tätigkeit der Nächte und der freien Stunden. Wir schnellten im hitzigen Atem der Tat von einer Spannung zur anderen. Voneinander erfuhren wir in hastigen Begegnungen, die alle einem ständig wechselnden Zwecke dienten. Gabriel erstickte mit den geduckten Gruppen seiner

Gesammelten mühsam die ersten Zuckungen der Separatistenbewegung in der Pfalz durch nackten, blutigen Terror, ohne freilich den von Paris wohlgespeisten Apparat zerstören zu können. Die Elberfelder, bespitzelt von den mißtrauischen Kommu- nisten, von Separatisten und Franzosen gleichermaßen wie von den deutschen Behörden, wachsam unter der steten, unmittelbaren, seit Jahren wie eine Wolke hängenden Drohung einer französischen Besetzung des Ruhrgebietes, arbeiteten an den Fundamenten eines unerbittlichen Widerstandes, unterstützt von Schlageter und seinen Aktivisten, die ihre Basis von Oberschlesien nach den verrußten Städten des Industriebezirkes an der Ruhr verlegt hatten. In der Grenzmark, in den östlichen Provinzen, in Brandenburg baute Schulz die getarnte Landesverteidigung, die schwarze Reichswehr auf. In München die Männer, in zermürbendem Kampf mit den Unzulänglichkeiten sentimentsberauschter Patrioten, fühlten mit spitzen Fingern vor in die Bezirke der niederen, der hohen, der ganz hohen Politik, ohne einen anderen Eindruck zu gewinnen als den des unaussprechlichsten Ekels, fanden noch Zeit, den französisch inspirierten Machenschaften der bayrischen Separatisten ein zielgenaues Ende zu bereiten, tasteten nach Österreich hinüber, bohrten in Ungarn und der Türkei, speisten die Quellen des südtirolischen Widerstandes. Von Kern erfuhren wir, war er, wie so oft, im Reiche unterwegs, die Etappen seiner Straße durch die Berichte, die uns von allen Seiten zugingen, Berichte über eine Waffenschiebung in Ostpreußen, über eine Irreführung der Polizei, die nach den Erzberger-Mördern fahndete, über die Indienstnahme

von sechstausend Dithmarscher Bauern, über den wilden Fang eines Separatistenführers in der Nähe von Köln, über die Organisierung sudetendeutscher Aktivisten, über etwas gewaltsame Gespräche mit Reichswehrgruppenkommandeuren, über Gefangenen- befreiungen im besetzten Gebiet. Kern wurde so in kurzer Zeit einer der führenden Aktivisten. Sollte in Danzig eine Waffenschiebung steigen oder in Hamburg ein Sprengstoff-Attentat, dann rief man ihn als Leiter. Bald wob sich um ihn ein Legendenkranz. Er, immer mindestens drei neue Pläne im Kopf und einen zur Ausführung fertig in der Tasche, beständig unterwegs, überall frischen Wind mit sich reißend, glühte von einem inneren Brand, dessen Flammen in seiner Nähe keine Lauheit duldeten. Rücksichtslos in seinen Forderungen gegen andere, weil ebenso rücksichtslos gegen sich selbst, übte dieser mittelgroße, breite Mann mit den offenen Zügen und dunklen Augen, dem man Willens- und Körperkraft sofort ansah, einen zwingenden, suggestiven Einfluß aus, den er nur in solchen Fällen mißbrauchte, in denen der Preis des Einsatzes höher stand als dessen Wert oder in denen die Akteure sich als minderrangig er- wiesen. Die Unbedingtheit seines Wesens zwang sein Denken zu überraschenden Resultaten. So war er, begabt mit einem ausgesprochenen Sinn für Rang und Wesen, immer bereit, jeden Gefühlswert leiden.schaftlich zu verteidigen, so lange, bis er dessen innere Unwahrhaftigkeit erkannte, um ihn dann kurzentschlossen über Bord zu werfen. Nichts gab ihm mehr Elan als die Ahnung seines frühen Todes.

In der Stadt aber erhielt unterdes die Gruppe Glanz und Ansehen. Jedes Wochenende sah uns in Mainz oder im Taunusgebiet oder in den Brückenköpfen. Die Zahl der in den Listen der Besatzungsarmee im Rheinland als Deserteure Gemeldeten wuchs in einem Maß, welches die Nachrichtenstelle in Mainz veranlaßte, noch mehr als bisher ihr Augenmerk auf uns zu richten. Bald tauchten die Spitzel selbst in un- seren geheimsten Schlupfwinkeln auf und gaben sich als treudeutsche Männer, was sie von vornherein verdächtig machte. Bald wandte sich an uns, wer immer eine Blutrache zu erfüllen hatte drüben, wer Hilfe brauchte zu geheimem Tun, wer Dinge wußte, die von den deutschen Behörden achselzuckend nicht verfolgt werden konnten. Bald wandten sich an uns Behörden selbst. Wir trieben manchen vorbedachten Keil zwischen Dienststelle und Dienststelle, zwischen Ressort und Ressort, zwischen Amt und Amt. Bald waren wir Fangball und bald dirigierten wir selber das Spiel. In München aber saß zu dieser Zeit ein stattlicher Herr mittleren Alters als Prokurist einer optischen Firma und bastelte an der Erfindung eines Kinder- spielzeuges. Polizeilich gemeldet war der Herr als Konsul Eichwald. Die O. schien ihren C. zu haben. Und sie war genau so echt wie dieser Name und dieser Titel.

Längst schon kümmerte uns nicht, was offiziell geschah, gingen uns nichts die Sorgen der Gewählten und der Wähler an. Die Beratungen der Parlamente, die Verordnungen der Minister, die Konferenzen der Mächte konnten trotz des lautesten Geplätschers ihre

Kreise nicht bis zu uns gelangen lassen. Denn wir standen unter der Oberfläche, und nichts vermochte, was von oben kam, die Gewässer bis zum Grunde aufzuwühlen. Was wir als Politik erkannten, das war schick- salsmäßig bedingt. Jenseits unserer Welt aber war Politik interessenmäßig bedingt. Und wenn wir auch kühn in jene geheimnisvollen Bereiche griffen, in denen das Leben seinen Durchbruch am schärfsten akzentuiert, weil wir entschlossen waren, keiner Belastung auszuweichen, uns um keine Notwendigkeit herumzudrücken, weil wir die Erscheinungen angingen, wie sie sich uns boten auf dem Wege zu uns selbst, so erkannten wir doch, daß keinerlei Verständigung möglich war auf irgendeinem Gebiete zwischen jener Welt und unserer. Und wir suchten darum eine Verständigung nicht. So konnten wir auch nicht antworten auf die Frage, die so oft vom jenseitigen Rande der Schlucht zu uns herüberschallte, auf die Frage: Was wollt ihr eigentlich? Wir konnten nicht antworten, denn wir verstanden die Frage nicht, und jene hätten die Antwort nicht verstanden. Die Kontrahenten rangen nicht um denselben Preis. Denn drüben ging es um Besitz und Bestand, uns aber ging es um Läuterung. Uns ging es ja nicht um System und Ordnungen, um Parolen und Programme. Wir wirkten ja nicht nach Plan und festumrissenem Ziel. Wir wirkten nicht, es wirkte in uns. Und so schien uns die Frage dumm und platt. Die Frage schien uns nicht tiefer ritzend als gerade die Oberfläche unseres Seins. Unsere Verheißung sprach

stumm zu uns. Und iast fürchteten wir, sie könne zu tönen beginnen, bevor unsere Sendung erfüllet war. Denn das Reich lag offen wie ein umgebrochener Acker; jedweden Samen aufzunehmen war es bereit. Der Samen aber, der allein aufgehen durfte, dies war unser fester Wille, durfte einzig die Frucht unserer Träume sein. Noch war keinerlei Gestaltung da und jede möglich. Wie eine stagnierende, überkältete Flüssigkeit war das Reich, in die nur ein einziges Tröpfchen zu fallen braucht, damit sie gefriert mit einem knisternden Schlage. Dies Tröpfchen mußte unsere Essenz enthalten, oder unser Schicksal war ohne Sinn. Und wir blickten uns um, wer der Mann sein könnte, der vor uns das Wort zu sprechen imstande war. Längst wußten wir, daß Männer entscheiden, nicht Maß- nahmen. Aber wo wir uns auch unter den Männern der neuen deutschen Oberschicht umschauten nach dem einen Mann, konnten wir nur spöttisch mustern und weiterblicken. Wo war da ein Mann von geschichtlicher Substanz, einer, der mehr war als eine Tagesgröße, außer dem einen schweigenden Seeckt? Der besonnene Ebert etwa, oder der pausbäckige Scheidemann? Der bescheidene Hermann Müller, der ehrwürdige Fehrenbach, der kreuzbrave Wirth? Oder Rathenau — Rathenau?

Rathenau sprach im Volksbildungsheim. Es gelang Kern und mir nicht, im überfüllten Saale einen anderen Platz zu erhalten als einen Stehplatz an einer Säule, drei Meter vom Rednerpult entfernt. Aus der Menge der schwarzberockten Herren, die den Vorstandstisch

umlagerten, sonderte sich der Minister durch die Noblesse seiner Erscheinung sofort heraus. Als er ans Pult trat, als über dem blanken Holz der schmale, edle Schädel mit der zwingend aufgebauten Stirn erschien, erstarb das geschäftige Gemurmel der Versammlung,

und er stand sekundenlang im Schweigen, unendlich gepflegt, mit dunklen, klugen Augen und einer leichten Lässigkeit der Haltung. Dann begann er zu sprechen. Was mich überraschte, war nicht der Ton der Stimme, er war ebenso, wie ich ihn mir beim Lesen der Schriften Rathenaus vorgestellt, kühl und warm zugleich. Was mich überraschte, war das Pathos, mit dem die ersten Sätze der Rede erfüllt waren, und war die Unmöglichkeit, zu zweifeln, daß dies Pathos echt war. «Schmerzgebannt», sagte der Minister, «stehen wir vor der Entwirrung des oberschlesischen

Dramas

sehr eindringlich, und ließ die tiefe Trauer spüren, die

ihn bannte. Das Objekt dieser Trauer aber war die Verletzung des Prinzipes der Gerechtigkeit. Der erste volle Akkord beherrschte das ganze Thema der Rede. Und dies Thema war die Rechtfertigung der Erfüllungspolitik. Der Minister machte es sich nicht leicht, er sprach wie einer, der aus dem Verantwortungsgefühl seines Dienstwillens heraus um Bewußtheit rang und nun die Ergebnisse der gewissen- haften Untersuchung, die unter dem Leitstern eines als absolut erkannten Ideales stand, zögernd fast vor die profanen Augen breitete. Und doch mußte ihm die Schlüssigkeit seiner Beweisführung Sicherheit verleihn. Eine Sicherheit, die ihn nicht scheuen ließ, zur Stützung seiner These jene historische Proklamation als

»

Und er sprach diese ersten Worte leise aus,

Vergleich heranzuziehen, die im Jahre 1871 vor der französischen Nationalversammlung in Bordeaux

gesprochen wurde, mit der sich die elsaß-lothringischen Abgeordneten von Frankreich verabschiedeten und die mit den gegen das siegreiche Deutschland gerichteten

Worten begann: «Aller Gerechtigkeit zum Hohn

Unter diesem Aspekt aber, nämlich der Voraus- setzung, daß es eine Gerechtigkeit gäbe, daß dieser Begriff keine Fiktion wäre, oder als Forderung nicht unsittlich, unter diesem Aspekt freilich war alles, was der Minister sagte, folgerichtig und geschlossen. Dieser Mann schien erfüllt von einem Ethos, das nicht neu war, neu nur als beherrschendes Motiv im Herzen eines Staatsmannes, und es gab sicherlich, auf die deutsche Politik angewandt, dieser auf einmal, was sie so lange entbehrte: Fülle und Richtung und Sinn. Denn die Gerechtigkeit, als absoluter Wert betrachtet, verlangt die absolute Gleichheit aller Ordnungen. Damit wir, besiegt, beschuldigt und verdächtigt, zu dieser Gleich- heit zugelassen werden, bedürfen wir des Vertrauens. Dies Vertrauen zu erlangen, müssen wir erfüllen. Durch die Erfüllung offenbart sich unser guter Wille und das Maß seiner Kraft. Nach dem Maße dieser Kraft gewährt uns dann Gerechtigkeit die Freiheit. Hier fehlt kein Strich. Hier ragt der Zipfel einer deutschen Sendung wieder über die Erde. Hier knüpft sich die zerrissene Bindung wieder, fügt sich die Deutschheit in das System der geheiligten Grundsätze der zivilisierten Welt, in die Demokratie, ihr durch Opfer, Sühne und Glauben erneut die Würde gebend. Der Minister trug seine Rede wie eine Botschaft zu den Bürgern, die aufmerksam und angenehm gefesselt

»

lauschten. Er war hingegeben seinen eigenen Worten, er sprach geschliffen, mit einer kleinen Freude an den eigenen Gedanken. Er redete, sich seines Wertes wohl bewußt und angeregt von der Welle warmen Ver- ständnisses, die ihm aus dem Saale entgegenschlug. Nirgends freilich konnte auch der Zauber dieses Mannes so wirken wie in dieser Stadt. Denn die Bürger dieser Stadt waren stolz auf den Geist, der in ihren Mauern waltete, der verkörpert war in den beiden großen Namen, die ewig mit dem Namen der Stadt verbunden sind. Rathenau aber trug um sich einen Hauch von dem, was diese beiden Namen großgemacht. Er selber hatte einmal angedeutet, was in ihm Wirklichkeit zu werden schien, als er sagte, zum Staatsmanne gehöre die Mischung zweier Polaritäten:

er muß wie Napoleon und Bismarck halb Römer, halb Levantiner, halb Baidur, halb Loki sein. Die Mischung zweier Polaritäten war auch das Geheimnis seines Wesens; in ihm verschmolz, was den Bürgern dieser Stadt — manchmal zweifelnd, wem der Vorrang denn gebühre — als charakteristisch schien an den beiden Großen ihrer Heimat: Goethe und Rothschild. Und indes ich so, zwar streng der Rede lauschend, den Arabesken meiner Gedanken folgte, die sich um den Mann dort oben auf dem Rednerpult verschlungen zogen, ward mir plötzlich klar, nach welcher Seite seine Objektivität sich rang, und auch, von welcher Seite sie ihren Ausgang nahm. Daß unser Denken polar sei, hatte dieser Mann gesagt, und hatte Mut und Furcht als die gegensätzlichen Urelemente aufzuzeigen sich bemüht. Aber was er in seiner Verkündung scheu zu verschleiern suchte, das trat ans Licht im Tone seiner

Stimme, in der Gebärde seiner Hand, im Suchen seiner Augen; das nämlich, wem seine Liebe gehörte. Sie gehörte dem Furchtmenschen. Und dies begreifend, zog ich unwillkürlich den Blick von diesem Manne und wandte mich zu Kern. Der stand, die Arme vor der Brust verschlungen, fast unbeweglich, an der Säule neben mir. Und da geschah das Unbegreifliche. Es geschah, während der Minister sprach von Führertum und Vertrauen, während seine Stimme sich bohrte in den totenstillen Raum, in den Dunst welterfahrener Behäbigkeit, der über der Versammlung lag. Sicherlich, es kann nicht anders sein, schlug jene eine tödliche Sekunde in jedes Herz. Es muß wie ein Pochen gewesen sein, zwei Pulsschläge lang, ein Pochen in jeder Brust, beklemmend, jäh, aufreißend ein Tor zum Tode, von einem Blitzschlag erhellt, und schon vorbei. Vorbei, wie weggewischt, unwirklich nun und doch geschehen. Ich sah, wie Kern, halb vorgebeugt, nicht ganz drei Schritt von Rathenau entfernt, ihn in den Bannkreis seiner Augen zwang. Ich sah in seinen dunklen Augen metallisch grünen Schein, ich sah die Bleiche seiner Stirn, die Starre seiner Kraft, ich sah den Raum sich schnell verflüchtigen, daß nichts mehr blieb von ihm als dieser eine arme Kreis und in dem Kreis zwei Menschen nur. Der Minister aber wandte sich zögernd, sah flüchtig erst, verwirrt sodann nach jener Säule, stockte, suchte mühsam, fand sich dann und wischte fahrig mit der Hand sich von der Stirn, was ihm angeflogen war. Doch sprach er nun fortan zu Kern allein. Beschwörend fast, so richtete er seine Worte zu dem Mann an jener Säule und wurde langsam müde, als der die Haltung

nicht veränderte. Das Ende seiner Rede hörte ich nur unverstehend. Als wir uns durch den Ausgang drängten, gelangte Kern bis dicht vor den Minister. Rathenau, von geschwätzigen Herren umringt, sah ihn fragend an. Doch Kern schob sich zögernd an ihm vorbei, und sein Gesicht schien augenlos.

Aktion

Im Oktober des Jahres 1917 sichtete U 27, Kommandant Kapitänleutnant Patzig, im Ärmelkanal den englischen Dampfer «Landowry Castle». Das Schiff war als Lazarettschiff kenntlich gemacht. Doch Kapitänleutnant Patzig glaubte Geschützaufbauten zu erkennen und, denkend an den Fall Baralong, befahl er, den Dampfer zu versenken. Dies geschah. Von einer späteren Ausfahrt kehrte Kapitänleutnant Patzig nicht zurück. Gegen keine ihm in den Waffenstillstands- und Friedensverträgen aufgebürdeten Bedingungen hatte das deutsche Volk so eindringlich protestiert wie gegen die Auslieferung der sogenannten Kriegsverbrecher. Jedermann wird sich noch entsinnen jenes Sturmes der Entrüstung, des einzigen der vielen Stürme, der keinen inferioren Charakter trug, welcher damals Deutschland sozusagen durchbrauste. Es schien der Entente

gefährlich, den Bogen zu überspannen, und, da der Bogen ja in der Tat schon genügend straff gespannt war, und die Gefahr, einen Präzedenzfall zu liefern, bei der bekannten deutschen Mentalität nicht gefürchtet zu werden brauchte, so war sie geneigt, in diesem Punkte nachzugeben. Niemand hatte allerdings erwartet, daß das deutsche Volk einmütig und entschlossen aufstand gerade gegen diese Bestimmung des Vertrages, den die Deutschen einen Schandvertrag nannten, nicht bedenkend, daß den die Schande trifft, der sie durch Unterschrift und Siegel anerkennt. Doch, nichtswürdig, glaubten in Deutschland die Leute damals, sei die Nation, die nicht ihr Alles freudig setze an ihre Ehre. Die deutsche Regierung aber, erwägend, daß man Ehre nicht essen kann, ließ sich zu Verhandlungen herbei und feierte es als einen Erfolg, als die Alliierten sich dazu herbeiließen, die Bestrafung der deutschen Kriegsverbrecher dem deutschen Reichsgericht zu überlassen. Auf der englischen Liste der Kriegsverbrecher aber stand auch der Name des Kapitänleutnants Patzig. Da Patzig gefallen war, glaubte die deutsche Reichsregierung ein übriges tun zu müssen und forderte die beiden Wachoffiziere des U-Bootes vor Gericht, die Oberleutnants z. S. Boldt und Dittmar, deren Namen nicht auf der Liste standen. Der Oberreichsanwalt Ebermayer glaubte es der Würde des Reichsgerichts, des höchsten deutschen Gerichts, über den ganzen Erdball hin bekannt als die unerschütterliche Wahrerin der heiligsten Rechtsgüter, schuldig zu sein, durch eine besondere Demonstration auch nach außen hin zu zeigen, als was er die beiden Offiziere im Auftrage der

Entente und der Reichsregierung anzusehen geneigt war, und ordnete ihre Fesselung an. Die englischen Offiziere, die zur Beobachtung des Verfahrens nach Leipzig gesandt wurden, quittierten diese welt- männische Courtoisie mit unbewegten Mienen. Das Reichsgericht aber verurteilte die beiden Seeoffiziere, die vor dem Feinde dem Befehl ihres Vorgesetzten bedingungslos gehorcht hatten, wegen dieser verdammenswürdigen Handlung zu vier Jahren Gefängnis. Denn das Reichsgericht ist ein objektives Gericht. Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann.

Dem älteren Herrn, der auf einem vaterländischen Abend flammend ein Gedicht vortrug, welches sich mit diesem Urteil befaßte und in dem viel von einem Schmutzflecken auf dem blanken deutschen Ehren- schild die Rede war, hörten auch Kern, Heinz und ich zu. In die sekundenlange Pause zwischen dem Ende der Deklamation und dem Einsetzen des brausenden Beifallssturmes konnte sich Heinz nicht enthalten hin- einzurufen: «Ober, ein Bier!» Da somit die Festlichkeit einigermaßen gestört war, verfügten wir uns in die Bahnhofshalle zu meinem Kiosk und berieten, wie Boldt und Dittmar aus dem Gefängnis herauszuholen wären. Da anzunehmen war, daß in diesem Augenblick im ganzen Reiche die Putschisten aller Städte über den gleichen Plänen brüteten, schien Eile geboten. Ich verfocht mit Eifer den Standpunkt, daß sofort gehandelt werden müsse, da noch die beiden im Reichsgerichts- gefängnis saßen, noch nicht in verschiedene Straf- gefängnisse abtransportiert und somit noch beisammen

und mit einem einzigen Schlage herauszuholen wären. Meinem Vorschlage folgte ein vieldeutiges Schweigen. Erstaunt vernahm ich dann, daß einige Seeoffiziere, darunter auch Kern und Fischer aus Freiberg in Sachsen, in Schupouniformen gehüllt, unlängst in einem Auto zu abendlicher Stunde vor das Reichs- gerichtsgefängnis in der Beethovenstraße in Leipzig vorgefahren waren, ein gut gefälschtes Papier als Transportanweisung vorgezeigt und gefordert hatten, die beiden Gefangenen eiligst ihnen auszuliefern, da sie noch zum Nachtzuge zurechtkommen müßten und die Überführung der Gefangenen tunlichst in aller Heimlichkeit zu geschehen habe, weil leider zu befürchten stand, daß die beiden Seeoffiziere von der O. C. befreit würden. Die sächsischen Gefängnis- beamten aber krochen ihnen nicht auf diesen Leim, rasselten vielmehr vernehmlich mit den Schlüsseln, täuschten dienstbereite Eilfertigkeit vor und alarmierten heimlich die Schupowache. Diese, pflichtbewußt und nicht geneigt, dunklen Gewalten anders als offen zu begegnen, drehten erst einmal sämtliche Lichtschalter an, so daß der ganze Platz taghell erleuchtet war. So ro- chen Kern und Fischer Lunte, stiegen schleunigst in ihr Vehikel und brausten davon. Später erfuhren sie, daß der Plan verraten war, und Kern verkündete nachdenklich die Prophezeiung, daß nach der Welle des Antisemitismus, die unser geliebtes Vaterland bis zum Grunde aufwühlte, mit Sicherheit eine andere Welle folgen werde, die des Antisachsismus. Da auf diese betrübliche Weise die erste Aktion gescheitert war, mußte in der Tat das Unternehmen geteilt werden. Es galt abzuwarten, in welche

Gefängnisse Boldt und Dittmar abtransportiert wurden. Doch konnte immerhin der Plan der Aktion schon in großen Zügen besprochen werden. Kern aber war der Ansicht, daß die Befreiung der «Kriegsverbrecher» eine Ehrensache der Marine sei, und forderte von Heinz und mir den Verzicht auf die direkte Teilnahme an der geplanten Aktion. Nachdem wir zuerst die Absicht hatten, ihn für dies Ansinnen auf Pistolen zu fordern, gaben wir nach unter der Bedingung, daß wiederum eine andere Aktion unserer beider Geschicklichkeit völlig allein überlassen werde, und wurden daraufhin als Kompromißlernaturen wüst beschimpft.

Die Affäre Boldt funktionierte glatt. Hilfsbeamte des Hamburger Gefängnisses waren Angehörige der Marine und später der Brigade Ehrhardt gewesen. Dittmar war ins Gefängnis nach Naumburg an der Saale gekommen. Nach langwierigen Vorbereitungen gelang es, ihm einen Schweißapparat in die Zelle zu schmuggeln. Einige Seeoffiziere forderten, daß die Befreiung zum Geburtstage des Obersten Kriegsherren der Kaiserlichen Marine erfolgen müsse, am 27. Januar 1922. Doch im letzten Augenblick fiel der Seeoffizier, der das Fluchtauto zu lenken übernommen hatte, aus, und Kern, in Verlegenheit, so schnell Ersatz zu schaffen, wählte als Chauffeur einen gewissen Weigelt, der bei der Orgesch in Thüringen angestellt gewesen war und angab, Fliegeroffizier zu sein. Das Unternehmen geschah einen Tag später als vorgesehen, am 28. Januar 1922. Nach den Berichten aber hatte sich die Befreiung des Oberleutnants Dittmar so zugetragen:

An die Gefängnismauer in Naumburg grenzt eine Gärtnerei. Das Zellenfenster Dittmars war von der Gärtnerei aus einzusehen. Des Abends drangen die Befreier in den Garten ein und erstiegen die Mauer; sie ließen eine Strickleiter in den Gefängnishof hinab und hielten die Pistolen schußbereit. Rund um das Gefängnis stellten sie Posten aus; das Auto hielt in einer Nebenstraße. Schon zu dieser Zeit war der Chauffeur Weigelt betrunken. Dittmar schweißte die Gitterstäbe durch und befestigte an die Stümpfe das lange Seil, welches er sich mühsam aus seinem blaukarierten und in lange Streifen gerissenen Bettuch gedreht hatte. Der Gang der Ronde war genau ausgekundschaftet. Als die Wache im Gebäude verschwunden war, schob sich Dittmar, atemlos beobachtet von seinen Kameraden und von seiner jungen Frau, durch das Fenster und ließ sich vom dritten Stockwerk herab. Doch unter seinen Bewegungen begann das Seil zu pendeln. Mehrfach schlug Dittmar mit dem Körper gegen das Mauerwerk. Er versuchte, sich mit den Beinen vom Gemäuer abzustemmen — und trat klirrend in das Glas des unter ihm liegenden Zellenfensters. Das ganze Gefängnis geriet in Aufruhr. Dittmar, eilig weiterrutschend, trat noch einmal in Glas. Die Gefangenen, voller Neid, daß einer der Ihren die Freiheit suchen konnte, schrien, der Kriegsverbrecher rückt aus. Das Glas schepperte, die Gefangenen tobten, im Bau knallten Türen, die Lichter flammten auf. Da begann Dieter, Kapitänleutnant a. D., an einer entfernten Ecke der Mauer fürchterlich zu randalieren.

Die Wache, aus dem Gebäude stürzend, horchte unschlüssig auf den Lärm und rannte schließlich an die Stelle, an der Dieter Skandal machte. Dittmar war bis zur Höhe des ersten Stockwerkes heruntergerutscht, als das Seil riß. Er stürzte und schlug dumpf unten auf. Im gleichen Augenblick war Kern von der Mauer herunter, im Hof. Fischer und die tapfere junge Frau hockten auf der Mauer, die Pistole entsichert. Die Gefängniswachtmeister forschten zu ihrem eigenen Glück immer noch erregt nach der Ursache des Dieterschen Lärms. Kern und ein Kamerad aber hoben Dittmar, der am Rückgrat schwer verletzt war, auf und schleppten ihn zur Strickleiter, ihn dann mühsam emporwuchtend. In derselben Sekunde, da die Beamten das Seil an Dittmars Zelle erblickten und, die Karabiner schwingend, herbeieilten, verschwand der Spuk über die Mauer. Als die Befreier und der Befreite keuchend die Straße erreichten, war das ganze Stadtviertel alarmiert. Aber sofort kamen die Posten, die Schmiere gestanden hatten, und sicherten die Straße. Das Auto wurde in tollem Lauf erreicht, als die Verfolger schon aus einer Seitenstraße brachen. Dittmar war schon verfrachtet und Kern zu ihm in den Wagen gestiegen, als der Chauffeur Weigelt, nervös und bleich, erklärte, er könne nicht fahren, der Motor sei eingefroren. Da sprang Fischer an den Führersitz, hielt Weigelt die Pistole an die Schläfe und kommandierte: «Eins — zwei —.» Bei «drei» fuhr der Wagen an. Die Verfolger knallten wütend hinterher. Bei keiner Nation der Welt ist das Pflichtgefühl so ausgeprägt wie bei der deutschen. Die Polizei war

ungemein tätig. Sofort wurden sämtliche Landstraßen, Bahnhöfe und Grenzen gesperrt. Der Telegraph spielte, wie in solchen Fällen üblich, alle Landjägerposten, Polizeiwachen und Schupostreifen fieberten, den Verbrecher Dittmar einzufangen und der Gerechtigkeit wieder zu überliefern. Ein Steckbrief wurde erlassen, der bald an vielen Mauern klebte. Während aber die Grenzen des Reiches bewacht wurden, saß Dittmar keine zwei Kilometer vom Gefängnis entfernt im Turme der Burg Saaleck, gegenüber der Rudelsburg, und wartete seine Genesung und das Ende des Eisenbahnerstreiks ab.

Nichtsahnend saß ich in meinem Kiosk und wechselte Geld. Die Reisenden strömten durch die Bahnhofshalle, Gepäckträger eilten vorbei, es war ein Kommen und Gehen. Nur die beiden Herren, die am Haupteingang zu den Bahnsteigen standen, kamen zwar, aber sie gingen nicht. Der eine trug einen steifen, schwarzen Hut und der andere eine legere Reisemütze. Beide waren in subalterne Mäntel gehüllt und hatten völlig ausdruckslose Gesichter. Diese beiden Herren, sagte ich mir, kennst du. Eilig malte ich ein Schild:

«Geschlossen aus familiären Rücksichten» und hing es vor den Schalter; dann riegelte ich den Kiosk zu und rief Heinz an. «Jawohl», sagte ich, «Kripo. Und zwar Popo! Die Herren sind nicht geneigt, bei ihrem kärglichen Gehalt etwas umsonst zu tun. Dicke Luft, wie man zu sagen pflegt. Ich erwarte alles, was Beine hat, to do his duty. Schluß.» Zehn Minuten später trafen die ersten ein. Heinz sagte sofort, daß Kern unterwegs sei. Wahrscheinlich

käme er heute an, und wahrscheinlich sei Dittmar bei ihm. Wir stellten fest, daß sämtliche Ausgänge von der Kriminalpolizei besetzt waren. Und zwar standen an den Toren zu den Bahnsteigen je zwei, an den Toren zum Bahnhofsplatz aber nur je einer von den Beamten. Heinz sah nach, welche Züge aus Thüringen kamen. In wenigen Minuten wurde der D-Zug erwartet. Bald waren etwa zwanzig Mann von uns im Bahnhof, die sich unauffällig postierten. Ich nahm eine Bahnsteigkarte und ging durch die Sperre. Der Zug lief ein.

Als ich Kern sah, schoß ich auf ihn zu. Mit drei Worten war er informiert. Dicht hinter ihm ging Dittmar. Wir drängten uns durch die Sperre. Hier stand sonderbarerweise kein Kripo. Dicht neben dem Haupteingang hing die Tafel mit den amtlichen Verlautbarungen. Ein roter Zettel prangte dort, der Steckbrief Dittmars. Vor ihm staute sich ein Grüppchen Neugieriger. Kern steuerte sofort auf den Steckbrief los. «Unerhörte Schweinerei!» schrie er. «Dieser Mann», brüllte er, «wird wie ein Verbrecher verfolgt und hat nichts getan als seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Runter mit dem Fetzen!» Und riß den Steckbrief ab. Im Augenblick sammelte sich das reisende Publikum. Die beiden Kripos schnellten erst mit den Augen, dann mit den Köpfen, dann mit den Schultern, dann mit den Beinen auf Kern los. Der eine blieb je- doch sogleich wieder stehen, sah aber angestrengt seinem Kollegen zu, der sich durch die Menge drängte. Kern fluchte fürchterlich. Der Kripo wand sich immer

näher an ihn heran. Da schoß eine grüne Uniform wie ein Keil durch den Haufen, blanke Knöpfe glitzerten, und ein Schupo legte die schwere Hand auf Kerns Schulter. «Folgen Sie mir auf die Wache", sagte der Schupo ernst. Und der Schupo war Jörg. Der Kripo drehte sich beruhigt um. Und Kern, mit schnellem Blick erfassend, daß gerade Dittmar flüchtig vorbeiwitschte, mitten durch die beiden pflicht- schwitzenden Beamten, wurde plötzlich friedlich und ging mit Armesündermiene neben dem gewichtigen Jörg einher. Als Dittmar aus dem Bahnhof trat, löste sich langsam der Ring, der sich unvermittelt um den Kripo am Haupttor gebildet hatte. Jörg sagte bekümmert zu Kern: «Hoffentlich forschen die Kripos nicht nach meiner Meldung.» Doch die Kripos forschten, und Jörg flog aus der Schupo.

Daß die Mengen Stoffes, die Heinz in jener Februarnacht des Jahres 1922 bereitgestellt hatte, ausreichen würden, erschien uns zweifelhaft. Dem Dämon, den wir zu Gast geladen hatten, mußten wir gewaltig opfern, sonst fuhr er uns mit Zangenfingern an das Herz und preßte es zum Spaße ein wenig zusammen. Denn Dittmar und Kern und die junge Frau saßen im D-Zug nach Basel. Sie wollten uns sogleich Nachricht geben, sobald die Grenze überschritten war. Auf den einzelnen Stationen aber standen beim Einlaufen des Zuges die ortsansässigen Putschisten und überwachten den reibungslosen Ablauf der Reise, bereit, sofort einzuspringen, sollte die tüchtige deutsche Kriminal- polizei Gelegenheit gehabt haben, das zu tun, was sie

mit knödeligem Tone als ihre Pflicht zu bezeichnen oft und gern Veranlassung nahm. In unserer Kumpanei befand sich ein Schweinehund. Wir hatten das aus mancherlei Anzeichen entnehmen können. So hatte Jörg auf dem Polizeipräsidium erfahren, daß der Aufenthalt Ditrmars in der Stadt bekannt war. Dittmars Abreise mußte beschleunigt werden. Einer erzählte, daß Weigelt, als er sich Kern gegenüber bereit erklärte, an der Befreiung teil- zunehmen, als besonderes Zeugnis seiner Vertrauens- würdigkeit zu verstehen gab, er habe von der mißglückten Aktion in Leipzig genaue Kunde. Eine Waffenschiebung von Sachsen nach der Tschecho- slowakei für die Sudetendeutschen mußte im letzten Augenblick abgestoppt werden, da verschiedentlich würdige Herren mit niedrigen Gummikragen und abgeschabten dunklen Mänteln, die vorgaben, vom Wohnungsamt zu kommen, sich nach der Tätigkeit und dem ständig wechselnden Aufenthaltsort Fischers, des Leiters der sächsischen Aktionen, erkundigt hatten. Zweimal schon war Heinz in kurzer Untersuchungshaft gewesen. Verschiedene Aktenbände, die auf den Polizeiämtern vieler Städte des Reiches lagerten, trugen Namen auf dem Deckel, die zwar alle nicht Kern lauteten, aber doch mit dem Buchstaben K begannen. Wenn es schon schwer war, in einer Halbmillionen- stadt fünfzig zuverlässige Männer zusammenzusuchen, war es schwerer noch, unter diesen fünf zu finden, die nicht schwatzten. Noch hatte unsere Gemeinschaft keine saubere Begrenzung erfahren, keinen Kodex, der uns in jedem Punkte gültiger war als die nützliche Moral der Welt. Doch wuchs uns bald die strikte

Isolierung zu als ein Gebot des Kampfes, der ein Kampf war um uns selbst. Je aufgelockerter die Bindung wurde, die uns einstmals in Stand und Tradition und Form erhielt, desto fester fügte sich die neue Oberschicht. Bei jedem Schritt verstrickten wir uns in Konflikte, und was bei uns Impuls war und Trotz und starke Regung, das war bei jenen, die sich nun fundierten, kalte Sicherheit und Rechnung. Die Menschen des Nutzens hatten uns umzingelt. Das Spiel wurde ungleich, wenn es nicht gelang, durch straffe Zucht der Inbrunst ihre Härte zu verleihen. Verräter konnten nicht geduldet werden. Von Heidelberg kam der erste telephonische Anruf in Stichworten, daß der Zug mit Dittmar sicher passiert sei. Gabriel erzählte von den Kampfmethoden der Faschisten, die in Italien gerade gewaltig von sich hören machten, Verräter wurden bei den Faschisten bestraft, indem man sie auf einem öffentlichen Platz der Ortschaft, in welcher die Verräter beheimatet waren, an einen Pfahl fesselte, ihnen die Hosenbeine zuband und dann ein angemessenes Quantum Rizinus einfiltrierte. Wir fanden diese Methode zwar ansprechend, weil sie auch den leisesten Hauch eines heroischen Märtyrertumes bei den Betroffenen völlig zu beseitigen durchaus geeignet war, doch schien sie uns zu human und in ihrer weiteren praktischen Folge für deutsche Verhältnisse insofern nicht zweckentsprechend, als bei der bekannten deutschen Nationaleigenrümlichkeit zu erwarten war, daß dem Delinquenten das embryonal entwickelte persönliche Schamgefühl nicht gebieten würde, über den Grund des Verfahrens zu schweigen

und daß somit weiterer Verrat nicht ausgeschlossen sein konnte. Als der telephonische Anruf aus Karlsruhe einlief, mußte der Vorrat an scharfen Flüssigkeiten ergänzt werden, und das Gespräch wandte sich mit beispielloser Roheit den verschiedenen Todesarten zu, die den einzelnen Abarten des Verrates zu folgen hatten. Heinz belegte seine blutdürstigen Äußerungen mit dies-bezüglichen Stellen aus den Werken einer ganzen Reihe von modernen deutschen Dichtern, ein Verfahren, welches wir jedoch ablehnten, da die angeführten Herren sich der Protektion höchster Kreise und Behörden erfreuten und sohin mit Bestimmtheit weder ihre sachverständige Kenntnis aus dem Leben gezogen, noch sie anders als zu Nutz und Frommen menschlicher Gesittung angewandt haben konnten. Immerhin erfuhren wir aus Heinzens Zitaten doch einige Anregung und hatten bald nur noch nötig, den ver-schiedenen Methoden die entsprechenden Namen zu geben, was mit «Killen», «Knacken» und «Prosten» endlich getan war. Freiburg meldete sich. Der Zug mußte sich nun der Grenze nähern. In die summende Unterhaltung der Zechenden fiel erneut der Name Weigelt. Plötzlich war alles still. Einer hatte einen Brief Fischers bei sich, den er nun verlas. Danach hatte die Ablieferung des Fluchtautos nicht geklappt. Das Auto gehörte einem vermögenden und merkwürdigerweise trotzdem brauchbaren und uneigennützigen Hallenser Fa- brikanten. Fischer kam zu Weigelt, der ihm gegenüber vorgab, er müsse flüchten. Denn in den kleinen Städten Thüringens begann ein Gemunkel, die Dittmarbef

reiung betreffend, das bald zu Nachforschungen der Polizei führte. Weigelt gab Fischer zu, daß er, Stammgast kleinstädtischer Vergnügungsetablisse- ments, den Bardamen gegenüber kein Hehl aus seiner Heldenhaftigkeit gemacht habe. Fischer zwang Weigelt, das Auto zurückzugeben, gab ihm jedoch eine größere Summe, damit er auf der Flucht nicht mittellos sei. Doch das Geld steckten sich die Mädchen in den Strumpf, und Weigelt verschwand zwar, aber mehrere Gutsbesitzer Thüringens erzählten wenige Tage später, ein junger Herr, gewesener Fliegeroberleutnant, habe bei ihnen vorgesprodien, sich als den Befreier Dittmars ausgegeben und um Geld und Unterstützung gebeten. Auch ein Brief Dieters wurde verlesen. Dieter habe sich für Weigelts Vergangenheit interessiert und nachgeforscht. Weigelt sei zwar kein Flieger gewesen, dafür aber beim Train. Die Reichswehr fahnde nach ihm, denn ein ihm anvertrauter Wagenpark sei verschoben worden. Die nun aufgelöste Orgesch habe ihn wegen Unregel- mäßigkeiten entlassen müssen. Wahrscheinlich habe sich Weigelt nach dem Rheinland gewandt. Hier griff Gabriel ein. Weigelt sei bei Kern und ihm erschienen, geschmückt mit Pelzmantel und Monokel, und habe ihnen seine ernstliche Befürchtung ent- wickelt, er könne, falls er nicht dauernd reichlich mit Geldmitteln versehen, doch leicht in die Hände der Polizei fallen und dann natürlich nicht garantieren, daß nicht die Dirtmarsache und noch weitere interessante Dinge aufgedeckt und verschiedene Namen in die zu erwartende Untersuchung einbezogen würden. Kern habe ihm mehrfach kleinere Beträge ausgehändigt,

dann auf sein stetes Drängen hin auch größere, Weigelt habe aber angekündigt, er würde in Bälde mehr benötigen. Wir waren auf einmal sehr nüchtern und schwiegen. Fahrplanmäßig mußte der Zug nun in Basel

eingetroffen sein. Die Kannen leerten sich. Wir spülten unablässig die schwärzesten Gedanken in den Abgrund und schielten scheu nach dem Telephon. Die Uhr tickte quälend. Mitten in die nervenzermahlende Stille rasselte schrill das Läutewerk. Heinz sprang über zwei Sessel zum Apparat und hob den Hörer. «Ferngespräch aus

—» Wir stiegen auf die Tische und schmissen

die Gläser an die Wand.

Basel

Einige Tage später kam Gabriel, düster wie immer, mager und fanatisch, in meine Wohnung, in der Kern und ich saßen. Er legte schweigend eine Liste der Spitzelabwehr, die in Kassel ergänzt und an die Gruppen verteilt worden war, auf den Tisch und deutete mit gleichgültiger Miene auf einen Namen. Kern las, fuhr hoch und ging dann lange stumm und mit verkniffenem Gesicht im Zimmer hin und her. Ich sah in die Liste ein und sagte: «Es gibt da natürlich verschiedene Möglichkeiten. Man könnte Weigelt auf Pistolen fordern. Doch ist anzunehmen, daß er kneift. Man könnte ihn auch wegen Erpressung und Landesverrat anzeigen. Aber man soll die bürgerlichen Gerichte nicht beschäftigen, wenn man sie bekämpft. Man könnte ihn auch durch die Spitzelabwehr auf geschickte Weise den Franzosen, bei denen er in Dienst zu stehen scheint, verdächtig

machen, und sie würden die Angelegenheit von sich aus regeln. Doch ist das für unsereins wohl kaum

diskutabel. Dann gibt es natürlich noch eine vierte

Möglichkeit

»

Feme

Es war nicht schwer, den Weigelt zu einem Ausflug ins Gebirge zu bereden. Schwerer war es schon, ihn aus den Nachtlokalen des Weltbades herauszulocken, zu denen er zielsicher strebte, sobald sie in Sicht waren. Spät abends machten wir uns auf den Heimweg. Wir gingen durch den Kurpark. Es widerstrebte mir, irgendeine Art von düsterer Vorbereitung zu treffen; denn ich konnte mich zu diesem Mann nicht anders einstellen wie etwa zu einer Wanze, die im geeigneten Augenblick zertreten werden mußte. Darum schritten wir auch, Kern und ich, ohne Plan und Ziel den Weg, der sich gerade bot, Weigelt in die Mitte nehmend und auf die entscheidende Sekunde wartend, ohne sie vorher bestimmt zu haben. Der Nebel stand milchig in der Nacht. Einzelne Laternen spendeten mit grünlichem Lichthof ihren matten Schein. Von den Bäumen tropfte es kühl. Weigelt schob fröstelnd seinen Arm unter den meinen und strebte ununterbrochen schwatzend vorwärts.

Der dunkle Weg im Park schien ins Nichts zu führen. Die zerfledderten Äste des Gebüsches stachen ruppig um die drohenden Schatten dicker Bäume. Weigelt preßte seinen Arm an meine Hüfte und bemerkte, der sei es unheimlich. Mir stieg plötzlich eine geheime Angst wie ein Pfropfen in die Kehle. Der Gedanke sprang mich an, daß nach den Satzungen der Menschen verwerflich war, was schon im Schatten dieser Stunde unabwendbar uns entgegenwuchs. Abwehrend formulierte ich mir, daß wir Richter seien; doch spürte ich sogleich die Schwäche dieses Argumentes. Denn wir, bewußt verhaftet nur der engsten Gemeinschaft, durften nicht Entschuldigung suchen für unser Tun der Gesamtheit gegenüber, wenn wir den Willen der Gesamtheit nicht anerkennen wollten. Der Teufel hole das Grübeln. Was ging die anderen an, was hier geschehen sollte? Wir schritten hier entgegen dem Schlußakt einer Auseinandersetzung, die für uns allein gültig sich vollzog. Dei Verräter verfiel der Feme. Was hieß ihn auch im Würfelspiel verlieren? Was hieß ihn, sich in unseren verpflichtenden Bereich zu drängen? Da schritt er schnatternd neben mir, unwürdig, seicht, wie Ungeziefer lästig. Er stolperte und hing schwer in meinem Arm. Ich riß mich rüde los. Schluß mit der Komödie! Was galt sein Leben uns, da er es selber nur, pendelnd zwischen Rausch und Schwäche, zu verludern wußte? An einer Stelle, da der Weg durch Busch und Park sich dicht an einen See heranschob, blieb Weigelt stehn und horchte auf das Klickern, mit dem das Wasser an das Ufer schlug. Er brachte plötzlich seine Augen nah an Kerns Gesicht und fragte zögernd, kläglich fast, ob wir ihn

wohl in diesen See zu werfen Absicht hätten? Dann fing er an zu lachen. Kern fuhr zurück, dann murrte er, dies sei in der Tat ein Gedanke, der Erwägung wert. Weigelt aber schritt eilig weiter, mich am Arme zerrend. Bald sang und johlte er wieder, freute sich am Schall, den das Gebüsch zurückwarf, hüpfte munter, nach Schnaps und Mädchen gierend. Er schien von der Warnung selber fasziniert. Wissend um die Gefahr, betrog er sich um ihre Nähe. Ich verspürte einen Augenblick Mitleid mit ihm. Es wollten sich geheime Fragen an mich herandrängen. Aber ich sagte mir, daß, nachdem der Entschluß, diesen Menschen auszulöschen, gefaßt war, jede moralische Problematik absurd sei. Ein scharfer Wind zerfetzte rund um uns den Nebel, trieb ihn in faserigen Schleiern über den See, ließ Wolken an der schmalen Sichel des Mondes dieser Märznacht wie an Schnüren gezogen vorüberstreichen. Die Schatten der Bäume streckten sich und verblichen wieder. In der Ferne schimmerten Lichter über den See. Schwer krachte ein Ast in der Nähe und ließ Weigelt zusammenfahren. Er sang laut, mit krächzender Stimme, indes wir ihn unerbittlich flankierten. Wir schritten immer schneller aus, wir wußten nicht, wohin der Weg führte. Endlich liefen wir fast. Ein Auto stieß uns den grellen Arm des Scheinwerfers ins Gesicht, raste dann knatternd hinter einem Streifen von Bäumen vorbei. Dort mußte also eine Straße sein. Fensterscheiben blinkten im magnesiumbleichen Licht, dunkle kompakte Massen ließen Häuser vermuten. Weigelt sang sich die kalte Angst vom Leibe.

Der See streckte eine Zunge bis an den schlüpfrigen Weg. Die Bäume traten zurück, das Gebüsch schmiegte

sich tiefer an das Ufer heran. Am Wasser zeichnete sich das verschlungene Gebälk eines Geländers ab. Fern blinkte ein einsames Licht. Weigelt begann laut zu deklamieren. Er blieb plötzlich stehen und sprach mit erhobenem Finger akzentuiert: «Ach, wenn das

» widerlichen Schüttelreim nicht zu Ende führen. Denn Kern schnellte die Faust an den Himmel und ließ sie mit der Wucht eines Hammers auf Weigelts Schädel niedersausen. Weigelt knickte zusammen und schlug blitzschnell, mit dröhnendem Hall, langhin zu Boden und rührte sich nicht. Der Hut rollte den Abhang hinunter, und die Brille klirrte zersplitternd gegen einen Stein. Kern sah mich mit wilden Augen an. Sein Mantel stand im Winde gebläht. Scharf war die Silhouette seiner Gestalt gegen das sacht bewegte Wasser abgezeichnet. Ich beugte mich über Weigelt. Der hob den Kopf, gurgelte dumpf, versuchte, sich aufzurichten. Ich kniete bei ihm nieder. In seinen weitaufgerissenen Augen stand das Unbegreifen. Er erkannte mich, bäumte sich plötzlich hoch und stand taumelnd, ehe Kern sich wenden konnte. Weigelt riß den Arm hoch, drohend hing seine Faust über Kerns Kopf. Und in der Faust stak der Totschläger. Ich schrie auf, sprang Weigelt an und packte das Handgelenk. Kern fuhr herum. Doch die Lederschlaufe hielt das Instrument an der Faust. Weigelt befreite sich mit einem Ruck von meinem klammernden Griff, sein Arm, wegschnellend, pfiff hoch; dann traf mit voller Wucht der federnde

Mädchen mit dem roten Hute

Aber er konnte den

Knüppel mein Gesicht. Ich fühlte, wie der Nasen- knorpel knirschend brach. Heiß und rot strömte der Saft in Augen und Mund. Blind tastete ich vor, griff einen Körper, verbiß mich in harte Knochen, durch den dicken Stoff des Mantels den Ellenbogen spürend. Den zappelnden Arm klemmte ich, instinktiv mich wendend, unter die Achsel, faßte die kalte Hand, spürte die Waffe und brach fast bedächtig einen krallenden Finger los. Der Finger knickte nach hinten, die Hand

wurde locker. «Du Aas», keuchte ich, «du Aas Weigelt schrie gellend um Hilfe. Nun schoß mir das Blut in breitem Strome aus der Nase. Ich ließ Weigelt los und rieb mir das fühllose Gesicht. Neben mir dröhnte der Kampf. Alles vergebens, dachte ich, er wehrt sich, der Schweinehund; Gott sei Dank, dachte ich, er wehrt sich; nun drauf. Ich raffte mich mühsam, sah hoch, sah Kern stolpern und Weigelt über ihm. Nun trat ich ihm den Stiefel in den Bauch. Er brüllte: «Hilfe, Mörder!» Er stieß schrill das i-i-i-i in die Nacht, daß es sich reißend seine Bahn durch die Bäume suchte, über den See hinfuhr wie ein Pfeil. Dann war ich an ihm, schlug ihm die Finger um den Hals, griff ihm in die Augen, krachte die Faust ihm in die Zähne, erstickte den Schrei. Die Zähne wollte ich ihm in den Rachen schlagen; er spie mir röchelnd eine breite Suppe Blutes ins Gesicht. Das fuhr mir in den offnen Mund; ich quetschte die Zunge an den Gaumen und schmeckte, indes der Ekel mich jach überfiel, den rinnenden Schleim, dick, süßlich, unerträglich warm. Dann sackte